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Zusammenfassung und Diskussion der qualitativen und quantitativen Studien in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 193 - 221

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-193

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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193 6 Zusammenfassung und Diskussion der qualitativen und quantitativen Studien Ausgangspunkt der vorliegenden Dissertation war die kontrovers geführte und defizitorientierte Integrationsdebatte zu türkischen Migranten in Deutschland: sie seien integrationsunwillig, gar integrationsunfähig. Traditionelle Familienstrukturen und ein dominierender autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden im Vergleich zu westlich-christlichen Erziehungsstilen als dysfunktional für kindliche Entwicklung bewertet. Öffentliche und politische Diskussionen lassen vielfach kulturelle Distanzen als Integrationshemmnisse erscheinen. Verallgemeinernd und reduktionistisch wird die Annahme konstatiert, die familiäre Erziehung erschwere die Integration der nachwachsenden Generation in die deutsche Mehrheitsgesellschaft, da sie im Gegensatz zu den präferierten Werten der deutschen Gesellschaft stehe. Von einer durch stereotype Annahmen geprägten Forschungslandschaft ausgehend, welche vermehrt veraltete und überkommene Daten zur Erziehung türkischer Migranteneltern beinhaltet und somit nicht zeitgemäß ist, wurde in der vorliegenden Dissertation intendiert, eine deskriptive Zielgruppenanalyse türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen durchzuführen. Damit sollte ein relevanter Beitrag zur bestehenden Migrations- und Integrationsforschung geleistet und die konstatierte Forschungslücke zu türkischen Migrantenfamilien geschlossen werden. Vor allem konnte eine Forschungslücke zu elterlichen Erziehungspraktiken gegenüber Vorschulkindern festgestellt werden. Der „fachliche Diskurs (hat) Familien mit Migrationshintergrund bisher eher am Rande behandelt (…)“ (Fischer/Springer 2011:9), doch werden zugewanderte Familien „weiterhin ignoriert, wird auch das Potenzial ignoriert, das in Familien steckt, und damit ein wichtiger Hebel zur Förderung und Integration der Kinder und ihrer Familien“ (Leyendecker 2008:93). Die vorliegende Dissertation widmete sich ganz der Zielgruppe 194 türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen mit mindestens einem Kind im Vorschulalter. Ziel der Arbeit war es, aktuelle empirische Daten zum elterlichen Erziehungsverhalten sowie zum subjektiven Integrationserleben türkischer Eltern zu liefern. Im Zentrum des Forschungsinteresses stand die Fragestellung nach einer elterlichen Erziehung zur Integration. Hierfür wurde ein multimethodisches Forschungsdesign gewählt, welches eine Kombination qualitativer und quantitativer Erhebungs- und Auswertungsmethoden implizierte. Ein multimethodisches Vorgehen wurde gewählt, um möglichst viele Aspekte der untersuchten Merkmale erfassen und einen ganzheitlichen Einblick in die Lebenswelt der untersuchten Zielgruppe gewinnen zu können. Ein Vorteil der Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden ist, dass „solche Forschung an Offenheit für den Gegenstand und damit auch an Alltagsnähe (gewinnt)“ (Mayring 2001:10). Das methodische Vorgehen zielt auf eine Erfassung aktueller und alltagsnaher Daten zum Erziehungsverhalten sowie Integrationserleben türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen. Das qualitative Vorgehen ermöglicht eine Exploration des Untersuchungsfeldes. „Durch Hinzuziehen quantitativer Analyseschritte (gewinnt qualitative Forschung) in aller Regel an Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse“ (ebd.:11). Die Kombination qualitativer und quantitativer Erhebungs- und Auswertungsmethoden folgte dem Forschungsdesign eines Verallgemeinerungsmodells (vgl. ebd.:7). Das Verallgemeinerungsmodell impliziert ein methodisches Vorgehen, in der zunächst die qualitative Studie vollständig durchgeführt und ausgewertet wird. Die Ergebnisse werden in einem zweiten Schritt mittels quantitativer Erhebungs- und Auswertungsmethoden an einer größeren Stichprobe überprüft, verallgemeinert und abgesichert. Die qualitative Studie diente einer ersten explorativen Erkundung des Forschungsfeldes. Mittels teilnehmenden Beobachtungen sollten elterliche Erziehungspraktiken, Eltern-Kind-Interaktionen sowie das familiäre wie subjektive Integrationserleben unvoreingenommen und frei von hypothetischen Annahmen in der familiären Lebenswelt der rekrutierten Familien erfasst werden. Dieser Forschungszugang ermöglichte eine alltags- und realitätsnahe Erfassung der familiären Interaktionen sowie einen intensiven Austausch über die wahrgenommenen Erziehungspraktiken und Integrationserleben. Der Zugang zu den Familien war durch eine persönliche Rekrutierung, eigenen ethnischen Hintergrund sowie teilweise gemeinsamen Bekanntenkreis relativ unkompliziert. Die familiären Interaktionen, die elterlichen Erziehungspraktiken und subjektiven Integrationserleben wurden während und nach den Beobachtungen in Feldnotizen protokolliert und anschließend gemäß der Grounded Theory ausgewertet. 195 Die beobachteten Daten wurden kodiert, nach Kategorien systematisch zusammengefasst und inhaltlich konkretisiert. Die Kategorien wurden sowohl zur Konzipierung des Messinstrumentes als auch zur Überprüfung anhand einer größeren Stichprobe genutzt. Da für die vorliegende Fragestellung kein adäquates Messinstrument vorlag, wurde ein eigener Fragebogen konzipiert. Dieser wurde ins Türkische übersetzt und lag den befragten Eltern zweisprachig vor. Mit dem neu konstruierten Messinstrument lag erstmalig ein Fragebogen vor, mit dem sowohl das Erziehungsverhalten als auch das subjektive Integrationserleben erfasst werden konnte. Der Fragebogen basiert einerseits auf den Beobachtungen, ist somit alltagsnah und direkt aus den Interaktionen in den Familien entstanden. Es wurden beispielsweise direkte Aussagen der Eltern als Items formuliert. Andererseits verbindet es Items aus der bereits mehrfach eingesetzten und validierten deutschen Version des Alabama Parenting Questionnaire für Grundschulkinder (DEAPQ-EL-GS) mit Items aus der repräsentativen Bevölkerungsumfrage zur Messung des Integrationsklimas in Deutschland (Integrationsbarometer) und verknüpft diese mit eigenen qualitativ erfassten Items. Die Items des DEAPQ wurden an die eigene Zielgruppe angepasst und teilweise revidiert, da sich die eigene Zielgruppe auf Eltern mit Vorschulkindern bezog und nicht auf Grundschulkinder. Das Messinstrument erwies sich als valide und reliabel. Die internen Konsistenzen für die Skalen zur Erfassung des Erziehungsverhaltens sind mit Homogenitätskoeffizienten zwischen ,57 und ,79 zufriedenstellend bis gut. Die Skalen zur Erfassung des Integrationserlebens sind mit Homogenitätskoeffizienten zwischen ,58 und ,84 zufriedenstellend bis sehr gut. Einige Items zeigten sich als weniger reliabel und hatten geringe Trennschärfen. Sie wurden in weiteren Analysen nicht weiter berücksichtigt. Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse zur Stichprobe, zum Erziehungsverhalten, zum Integrationserleben sowie zum Zusammenhang zwischen diesen beiden Untersuchungsvariablen zusammenfassend dargestellt und diskutiert werden. 6.1 Stichprobe Für die teilnehmenden Beobachtungen wurden die Familien kriteriengesteuert und persönlich rekrutiert. Als Kriterien wurden die Anzahl, Geschlecht und das Alter der Kinder, die eigene Einwanderungserfahrung, Geschlecht des Ehepartners mit Einwanderungserfahrung und der Bildungshintergrund ope- 196 rationalisiert. Es sollten möglichst vielfältige Familienkonstellationen erreicht werden. Die Familien wurden in ihrem familiären Wohnumfeld innerhalb ihrer familiären Interaktionen im Beisein aller Familienmitglieder beobachtet. Dadurch konnten auch die Lebenswelt und der alltägliche Lebensraum der Familien wahrgenommen werden. Die Stichprobe für die zweite Studie wurde mittels persönlicher Ansprachen sowie zweisprachiger Handzettel und Emails an Kindertageseinrichtungen, Elternvereinen, Eltern-Kind-Kursen, sozialen Netzwerken, Migrantenvereinen und diversen Einrichtungen für Eltern und Kinder rekrutiert. Es erfolgte keine regionale Einschränkung. Es wurden bundesweite Einrichtungen und Personen nach dem Zufallsprinzip angeschrieben. Jeder, der sich als beschriebene Zielgruppe türkischer Migranteneltern mit mindestens einem Kind im Vorschulalter angesprochen fühlte, konnte an der Befragung teilnehmen. Dadurch sollte auch einer Fremdverortung als türkische Migrantenfamilie entgegengewirkt werden, denn die Stichprobe musste sich selbst in der Selbstverortung50 als türkisch wahrnehmen. Es wurde keine repräsentative Studie angestrebt. Für eine kritische Einschätzung der eigenen Stichprobe werden im Folgenden die Stichprobendaten mit den Mikrozensusdaten 2015 verglichen. Dadurch soll eine adäquate Einordnung der erhobenen Daten ermöglicht werden. Laut Mikrozensus 2015 sind von den 2,9 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund bereits 1,5 Millionen in Deutschland geboren, haben also keine eigene Einwanderungserfahrung (vgl. Statistisches Bundesamt 2015:118). Ziel der vorliegenden Arbeit war es daher, auch Eltern ohne eigene Einwanderungserfahrung zu erreichen. Nicht nur selbst eingewanderte also eine eigene Einwanderungserfahrung habende Eltern, sondern auch solche, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und somit keine eigene Einwanderungserfahrung haben, sollten in die Untersuchung einbezogen werden. Wichtig erschien in diesem Zusammenhang, die Erziehungspraktiken von türkischen Migranteneltern mit unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen zu erfassen. Also Familien zu erreichen, wo ein Elternteil über keine eigene Einwanderungserfahrung verfügte und mit einem sog. Heiratsmigranten verheiratet war. 38% der befragten Eltern hatten einen Partner aus der Türkei geheiratet und ließen diese zum Zwecke der Familienzusammenführung nach Deutsch- 50 Uslucan konstatiert, dass sich die Fremdzuschreibung und die Selbstzuschreibung für Türken nicht immer decken, wenn Personen beispielsweise als Türken wahrgenommen werden, sich selber aber als Kurden verstehen (vgl. Uslucan 2010b:229). 197 land einreisen. Im Durchschnitt lebten die Heiratsmigranten 18,5 Jahre (SD = 11,85) in Deutschland, wobei der längste Aufenthalt 52 Jahre und der kürzeste Aufenthalt 1 Jahr betrug. In der vorliegenden Stichprobe wurde eine deutliche Mehrheit der befragten Eltern (70%) in Deutschland geboren und verfügte über keine eigene Einwanderungserfahrung. Interessant erscheint die Zusammensetzung der Stichprobe dahingehend, da zwar eine deutliche Mehrheit in Deutschland geboren wurde, aber 39% der befragten Eltern von einer Lebenszeit in der Türkei berichteten. 8% hiervon waren sog. Kofferkinder. In der vorliegenden Dissertation sollten türkische Migranteneltern der Folgegenerationen untersucht werden. Mit 87% gehörte die Stichprobe den Folgegenerationen an. Somit konnte mit der Stichprobe die intendierte Zielgruppe erreicht werden. Das durchschnittliche Alter der Stichprobe entspricht dem bundesdeutschen Durchschnitt türkischer Menschen. Laut Mikrozensus 2015 sind Personen mit türkischem Migrationshintergrund im Durchschnitt 32,4 Jahre (vgl. ebd.:120) alt. In der vorliegenden Stichprobe beträgt das Durchschnittsalter 35 (SD = 5,5). In Bezug auf die Verteilung der Geschlechter ist eine stärkere Teilnahme der Mütter mit 82% gegenüber den Vätern mit 18% festzustellen. Väter sahen sich offenbar weniger von der Fragestellung zur Erziehung ihrer Kinder betroffen als Mütter. Diese Beobachtung lässt die weitergehende Fragestellung implizieren, ob elterliche Erziehung, gemäß einem traditionellen Rollenverständnis, als eine Frauensache betrachtet wird. Die Auswertung der Ergebnisse zur innerfamilialen Aufgabenteilung in der vorliegenden Untersuchung zeigen indes, dass 80% der befragten Eltern in der eigenen Stichprobe Erziehung als gemeinsame Aufgabe betrachten (vgl. Kapitel 5). Eine weitere Überlegung ist, dass es evtl. an der zeitlichen Einschränkung der Väter liegen könnte. Während 80% der Väter in Vollzeit beschäftigt waren, waren es nur 16% der Mütter. Die meisten Mütter (36%) befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung in Elternzeit, was vermuten lässt, dass Väter weniger zeitliche Ressourcen zur Teilnahme hatten. 88% der Eltern verfügten über gute bis sehr gute Deutschsprachkenntnisse und 85% über gute bis sehr gute Türkischsprachkenntnisse. Da beide Sprachkenntnisse ähnlich hohe Verteilungen zeigen, lassen die Daten die Annahme einer bilingualen Sprachkompetenz zu. Unterstützt wird diese Erkenntnis durch die bilinguale Sprachverwendung im familiären Rahmen. 48% der Eltern unterhalten sich mit ihren Partnern (M = 2,32; SD = ,75) und 47% mit dem Kind (M = 2,26; SD = ,83) sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch. Innerhalb der Stichprobe konnten Eltern von mindestens 413 Kindern erreicht 198 werden. Fast die Hälfte der Teilnehmer (45%) hatten zwei Kinder, 34% ein Kind, 15% hatten drei Kinder und 7% der Eltern hatten vier oder mehr Kinder. Diese Angaben decken sich mit den Angaben im Mikrozensus 2015. Von insgesamt einer Million Türken in Lebensformen leben 59% in Familien, davon 34% mit einem Kind, 40% mit zwei Kindern sowie 26% mit drei und mehr Kindern (ebd.:381). Im Schnitt haben türkische Eltern somit zwei Kinder. Die Eltern der Stichprobe hatten ebenfalls im Durchschnitt zwei Kinder. Die Verteilungen der Kinder auf die einzelnen Betreuungs- und Schulformen zeigt für Vorschulkinder in der Stichprobe eine proportional stärkere institutionelle Betreuung und für Schulkinder einen überproportional stärkeren Gymnasialbesuch. 34% der Kinder besuchten eine Kita, 12% eine Krabbelgruppe, 1% wurde von einer Tagesmutter und 20% wurden zu Hause betreut. Nur ein Kind besucht die Hauptschule, 3% eine Gesamtschule, 4% eine Realschule, 1% die Universität und 7% das Gymnasium. Auch in der Stichprobe der Eltern ist der Anteil an Eltern mit Abitur bzw. (Fach-)Hochschulbildung proportional höher als der Durchschnitt des Mikrozensus 2015. 29% der Männer und 24% der Frauen haben laut Mikrozensus 2015 einen Hauptschulabschluss, 13% der Männer und 13% der Frauen einen Realschulabschluss, 8% der Männer sowie 7% der Frauen haben ein Abitur und 4% der Männer bzw. 3% der Frauen haben eine Fachhochschulreife. Ohne Schulabschluss sind 17% der Männer und 23% der türkischen Frauen (ebd.: 233ff.). In der Stichprobe der Befragung haben die meisten Väter einen Universitätsabschluss (36%) oder ein Abitur (33%). Die meisten Mütter (35%) haben einen Realschulabschluss bzw. eine Fachhochschulreife, 24% einen Universitätsabschluss und weitere 20% ein Abitur. Einen Hauptschulabschluss haben 13% der Mütter und 5% der Väter. Einen Grundschulabschluss haben 6% der Mütter, keinen Schulabschluss haben 1% der Mütter und 3% der Väter. Daher kann für die Stichprobe zusammenfassend gesagt werden, dass in Bezug auf die familiären sowie soziodemographischen Angaben die Stichprobe repräsentativ erscheint. Allerdings wird die Repräsentativität hinsichtlich der verstärkten Erreichbarkeit vor allem der bildungsnahen Familien verzerrt. Dagegen ist anzumerken, dass sich die Mikrozensusdaten nicht nur auf die Folgegenerationen beziehen, sondern auch Daten zur ersten Generation liefern. Da aber Konsens darüber besteht, dass die Folgegenerationen insgesamt höhere Bildungsabschlüsse absolvieren als die erste Generation, ist insofern ein expliziter Vergleich der Stichprobendaten nur eingeschränkt möglich. Bildung wurde ferner für das elterliche Erziehungsverhalten als wichtiger Prädiktor identifiziert, und in diversen Studien wurde gezeigt, dass die erfassten Gruppenunterschiede im Erziehungsverhalten zwischen deutschen und türkischen Eltern verschwinden, wenn der Bildungshintergrund herangezogen 199 wird (vgl. Uslucan 2009; Jäkel/ Leyendecker 2009). Bildung wurde ebenfalls für gelingende Integration als maßgebend betrachtet. Es wird davon ausgegangen, dass eine Mehrfachintegration beispielsweise eher eine realistische Option für Akademiker und ihre Kinder ist. Da in der vorliegenden Stichprobe eine höhere Bildung als im Durchschnitt der türkischen Bevölkerung in Deutschland beobachtet wurde, ist eine eingeschränkte Generalisierung der Befunde festzustellen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die intendierte Zielgruppe türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen erreicht werden konnte und sich die folgenden Ergebnisse bezüglich der untersuchten Zielgruppe verallgemeinern lassen können. Im Folgenden werden die Ergebnisse zum Erziehungsverhalten zusammenfassend dargestellt und diskutiert. 6.2 Das Erziehungsverhalten türkischer Migranteneltern In der vorliegenden Dissertation wurde das elterliche Erziehungsverhalten untersucht, da Darling und Steinberg in ihrem systemisch-kontextualistischen Modell der elterlichen Erziehung zeigen konnten, dass das elterliche Erziehungsverhalten einen direkten Effekt auf die kindliche Entwicklung hat (vgl. Darling/Steinberg 1973; Fuhrer 2005:236). Nauck und Özel konnten in der Studie zu Erziehungsvorstellungen und Sozialisationspraktiken in türkischen Migrantenfamilien zeigen, dass sich durch den Eingliederungsprozess und die daraus resultierenden Handlungsalternativen die Erziehungspraktiken ändern, hingegen Erziehungsziele und -einstellungen relativ konstant bleiben (vgl. Nauck/Özel 1986). Der bisherige Forschungsstand liefert kaum Ergebnisse zum elterlichen Erziehungsverhalten türkischer Migranteneltern von Vorschulkindern. Um die konstatierte Forschungslücke zu schließen, wurde mit der vorliegenden Untersuchung intendiert, empirische Daten zum Erziehungsverhalten von türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen zu liefern. Mithilfe einer explorativen Faktorenanalyse konnten aus den erfassten 57 Items zum Erziehungsverhalten auf neun Faktoren geschlossen werden. Nach Bestimmung der internen Konsistenzen nach Cronbachs Alpha wurden das autoritäre, entwicklungsfördernde, involvierte, geduldige, behütende, machtvoll durchsetzende, partnerschaftliche, kindzentrierte sowie positive Elternverhalten als reliabel beobachtet. Nach ihren jeweiligen Häufigkeitsverteilungen der Zustimmungen (1= trifft völlig zu, 5= trifft gar nicht zu) gelistet, er- 200 scheinen türkische Migrantenfamilien der Folgegenerationen vor allem positives, involviertes und behütendes Erziehungsverhalten zu praktizieren. Laut Angaben der Befragten praktizieren sie eher weniger autoritäres Erziehungsverhalten (M = 3,551; SD = ,65). Das klischeehafte Bild von „der“ türkischen Familie, deren Kernmerkmale prämoderne, feste hierarchische Strukturen und eher traditionell-kollektivistische Erziehungseinstellungen zu sein scheinen (vgl. Herwartz-Emden/Westphal 2003:100), in der ein autoritärer Erziehungsstil dominierend sei, konnte demnach in der vorliegenden Dissertation nicht beobachtet werden. Dieser Befund deckt sich mit den Studienergebnissen von Otyakmaz (2014) und den zusammenfassenden Darstellungen des sechsten Familienberichtes der Bundesregierung (2000). Sie stellten fest, dass es nicht Autoritarismus und Rigidität ist, was den türkischen elterlichen Erziehungsstil charakterisiert. Die Befunde seiner interkulturell vergleichenden Studie zum Einfluss elterlicher Gewalterfahrungen und elterlicher Erziehungsstile auf Gewaltbelastungen und auf das Wohlbefinden von Jugendlichen resultierend, konstatierte auch Uslucan, dass zwar türkische Jugendliche strenger erzogen werden als ihre deutschen Altersgenossen, dass aber diese Unterschiede bei Kontrolle der elterlichen Bildungshintergründe verschwinden (vgl. Uslucan 2009). Nach den Studienergebnissen von Jäkel und Leyendecker (2009) lässt sich autoritäre Erziehung ebenfalls mit dem elterlichen Bildungshintergrund in Verbindung setzen. Die Autorinnen zeigten, dass eine höhere Zahl an Bildungsjahren in Deutschland „zu geringerer Rigidität und niedrigerer Bereitschaft, Erziehungsverantwortung an den Kindergarten zu delegieren (führte)“ (Jäkel/Leyendecker 2009:2). Da Konsens darüber besteht, dass der elterliche Bildungshintergrund ein relevanter Prädiktor für elterliches Erziehungsverhalten ist und autoritäre Erziehung mit zunehmender Bildung der Eltern abnimmt (vgl. ebd.), kann vermutet werden, dass der Bildungsaspekt in der vorliegenden Stichprobe eine beeinflussende Variable ist. Eine weitere zu berücksichtigende Variable bei der Analyse der vorliegenden Daten ist die relativ hohe Zufriedenheit der befragten Eltern mit ihrer Ehe. 86% der Befragten sind zufrieden mit ihrer Ehre, 10% sind indifferent und nur 3% der Stichprobe gaben an, unzufrieden mit ihrer Ehe zu sein. In Belskys Modell (1984) zum Erziehungsverhalten wurde die Paarbeziehung als eine relevante Determinante von dysfunktionaler bzw. gelungener Elternschaft identifiziert. Belsky konstatiert, dass eine positive Partnerschaft, die gegenseitigen Unterstützungen der Eltern sowie die väterliche Beteiligung an familiären Interaktionen zunächst allgemein das psychische Wohlbefinden 51 Da sich die Auswertung des Antwortverhalten auf eine fünfstufige Skala bezog, in der 1= stimme völlig zu und 5= stimme gar nicht zu betrug, gilt, dass je höher der Mittelwert ist, desto stärker ist die Ablehnung. 201 der Eltern beeinflussen können. Das Wohlbefinden der Eltern determiniert wiederum das elterliche Erziehungsverhalten und somit die kindliche Entwicklung (vgl. Asisi 2015:27). In der vorliegenden explorativ-deskriptiven Studie konnte ein autoritativer Erziehungsstil festgestellt werden. In der Studie 1 konnte als Hauptkategorie ein autoritativer Erziehungsstil beobachtet werden. Die Interkorrelationen der erfassten Erziehungspraktiken in der Studie 2 bestätigten diese Beobachtung. Das machtvoll durchsetzende Erziehungsverhalten korreliert signifikant positiv mit entwicklungsfördernden (r = .21, p ≤ .01) und involvierten Erziehungsverhalten (r = .28, p ≤ .01). Der autoritative Erziehungsstil kennzeichnet sich durch das gleichzeitige Vorhandensein klarer und strikter Regelvorgaben bei großer emotionaler Wärme aus. Autoritative Eltern sind zwar fordernd, doch sie zeigen auch großes Interesse am Kind und an seiner Entwicklung. Die Eltern der vorliegenden Stichprobe sind größtenteils machtvoll durchsetzend, sie setzen ihren Kindern Grenzen und sind lenkend bei gleichzeitigen entwicklungsfördernden und involvierten Erziehungsverhalten. In der Erziehungsstilforschung gilt die autoritative Erziehung als anzustreben, „da er stärker mit einem positiven Selbstwertgefühl und sozialer Kompetenz des Kindes korreliere“ (Asendorpf/Banse 2000:81) und mit besseren Schulleistungen, weniger Verhaltensproblemen und einem positiveren Selbstkonzept in Verbindung stehe (vgl. Uhanyan 2012:85). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie lassen den Schluss zu, dass die beobachtete autoritative Erziehung einen positiven Langzeiteffekt auf die Integration der türkischen Kinder in die Mehrheitsgesellschaft bewirkt. Laut Esser (2001) benötigt eine Mehrfachintegration mehr soziale Kompetenzen und Ressourcen und laut Erkenntnissen der Erziehungsstilforschung fördert die autoritative Erziehung genau diese Eigenschaften. Aus diesen Ergebnissen lässt sich demnach eine Vermutung für die vorliegende Fragestellung „Gibt es eine Erziehung zur Integration“ ableiten. Sie stellt die gegenstandsbegründete Hypothese der explorativ-deskriptiven Studie dar. Demnach kann vermutet werden, dass ein autoritativer elterlicher Erziehungsstil eine Mehrfachintegration der Kinder fördern kann. Die gemäß der Grounded Theory generierte Hypothese der vorliegenden Studie lautet: Ein autoritativer elterlicher Erziehungsstil kann eine Mehrfachintegration der Kinder fördern. Die ersten Komponenten der generierten Theorie werden offensichtlich. In Kapitel 6.4 wird es konkretisiert und modellhaft veranschaulicht. 202 In einer anknüpfenden Studie könnten die Kausalitäten der identifizierten Variablen analysiert werden, um dadurch die Richtung des Zusammenhangs bestimmen zu können. Im Kapitel 6.4 wird die generierte Hypothese zur Beantwortung der Forschungsfrage modellhaft erläutert. Vorher wird eine ausführliche Deskription des erfassten Erziehungsverhaltens vorgenommen, um dadurch das erfasste Erziehungsverhalten in seiner Ausführlichkeit veranschaulichen zu können. Im Folgenden sollen die erfassten Eigenschaften des elterlichen Erziehungsverhaltens konkretisiert werden. Es werden die Ergebnisse der Studie 1 und Studie 2 sowohl auf Konstrukt- als auch auf Itemebene zusammenfassend dargestellt. Um einen möglichen Informationsverlust zu minimieren sowie die beobachteten Erkenntnisse der Studie 1 explizit zu überprüfen, und die Eigenschaften des Erziehungsverhaltens zu konkretisieren, folgte einer Analyse auf Konstruktebene eine Analyse auf Itembasis. Sowohl die Ergebnisse auf Itembasis wie die der explorativen Faktorenanalyse konnten die Erkenntnisse der Studie 1 weitgehend bestätigen. In den Beobachtungen fiel primär eine ausgeprägte Kommunikationsstruktur auf. Die Eltern unterhielten sich viel mit ihren Kindern, sie erklärten ihnen nahezu jede Handlung, die sie ausführten und begleiteten ihre Kinder kommunikativ durch den Alltag. Die beobachteten Eltern kommentierten auch die Handlungen ihrer Kinder und nutzen dabei keine spezielle „Kindersprache“, sondern unterhielten sich mit ihren Kindern wie mit Erwachsenen. Diese ausgeprägte Kommunikationsstruktur in den Familien wurde mit den quantitativen Daten bestätigt. 96% der befragten Eltern stimmten der Aussage zu, dass sie sich viel mit ihren Kindern unterhalten (M = 1,5352, SD = ,61), 85% der Eltern führten ein freundliches Gespräch mit ihren Kindern (M = 1,71, SD = ,73) und 99% sagen ihren Kindern, dass es etwas gut gemacht hat. Die Kommunikation erstreckt sich somit weit über alltägliche Konversationen hinaus, sie soll auch leitend und begleitend sein. Die Eltern übernehmen Verantwortung für das Handeln ihrer Kinder. Fast die Hälfte der Eltern wiederholen ihre Aussagen mehrmals und erinnern an auszuführende Handlungen (M = 1,93, SD = ,82) und ebenfalls fast die Hälfte der Eltern erklärten ihren Kindern ihre eigene Handlung und jede Situation, in der sie sich befinden (M = 2,45, SD = ,57). Entgegen den Erkenntnissen des Forschungsstandes konnte in den teilnehmenden Beobachtungen keine allgemeine Verunsicherung in der Erziehung 52 Die Mittelwerte beziehen sich auf die Auswertung einer fünfstufigen Skala (1= stimme völlig zu und 5= stimme gar nicht zu). 203 wahrgenommen werden. Die beobachteten Eltern hatten konkrete Erziehungsziele und gestalteten demgemäß ihre Erziehungspraktiken. Sie begründeten ihre Handlungen und betonten vermehrt, die Selbstständigkeit ihrer Kinder fördern zu wollen. Verunsicherungen aufgrund einer widersprüchlichen Vereinbarkeit der beiden kulturellen Bezüge innerhalb der Erziehung konnte ebenfalls nicht beobachtet werden. Für die Folgegenerationen, die sog. postmigrantischen Eltern schien die Einbettung in deutsch-türkische Alltagspraxen eine Lebensrealität darzustellen, mit der sie bereits einen sicheren Umgang hatten. Nur ein Vater, der von eigenen Integrationsschwierigkeiten und einem unsicheren Berufsstatus berichtete, wurde als unsicher in der Erziehung beobachtet. Da er sich weder der türkischen Community in Deutschland, noch der deutschen Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlte, kann eine Marginalisierung vermutet werden. Einerseits fürchte er für sein Kind einen schlechten Umgang in Deutschland, doch andererseits wisse er, dass er ihm die in Deutschland erreichbaren Möglichkeiten nicht in der Türkei bieten könne. Der beobachtete Vater, der im Erwachsenenalter zum Zwecke der Familienzusammenführung nach Deutschland migrierte, schien insgesamt verunsichert in seinem Handeln. Seine unsichere Arbeitsstelle leistete offenbar den größten Beitrag dazu, da er in den Gesprächen vermehrt seine Trauer und Wut über seine unsichere, befristete Stelle artikulierte. Belsky (1984) identifizierte in seinem Modell der Determinanten des elterlichen Verhaltens die berufsbezogenen Erfahrungen und die Erwerbstätigkeit als einen der drei Hauptfaktoren für dysfunktionale bzw. gelungene Elternschaft. In seinem Modell geht er davon aus, dass die Erwerbstätigkeit Auswirkungen auf das psychosoziale Befinden der Eltern sowie auf das elterliche Erziehungsverhalten hat, welches wiederum die Kindesentwicklung beeinflusst (vgl. Asisi 2015:25). Eine hohe Zufriedenheit mit der Erwerbstätigkeit sowie dem Einkommen korreliere positiv mit einem entwicklungsfördernden Erziehungsverhalten (vgl. ebd.:28). Der beobachtete Vater litt erkennbar stark unter seinem unsicheren Berufsstatus, daher lässt sich sein unsicheres Erziehungsverhalten, in Anlehnung an Belskys Modell, nachvollziehen. Von weitergehendem Interesse ist daher die Fragestellung, wie sich Berufsstatus und Erziehungsverhalten bei türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen kausal verhalten. Eine Generalisierbarkeit der vorliegenden Ergebnisse zu dieser Fragestellung ist aufgrund der Einschränkung auf die Beobachtung eines Vaters nicht möglich. Bei allen anderen beobachteten Familien standen vor allem Ruhe und Geduld in den alltäglichen Interaktionen im Vordergrund. Diese Beobachtung konnte mit der zweiten Studie für die Hälfte der Eltern bestätigt werden. 51% der befragten Eltern bleiben ruhig und geduldig, obwohl der Alltag sehr anstrengend sein kann. 45% der Eltern versuchen in einem sanften Ton zu sprechen, auch wenn sie dem Kind etwas mehrmals erklären müssen. Weniger 204 geduldig sind die Eltern, wenn sie wütend oder sauer werden. Nur ein Drittel der Eltern (31%) kann die Tonlage regulieren, wenn sie wütend sind. 45% der Eltern werden lauter, wenn sie wütend sind. Einschränkend ist zu konstatieren, dass diese beobachtete Kategorie aufgrund sozialer Erwünschtheit verzerrt sein kann. Die soziale Erwünschtheit ist eine Form der Selbstdarstellung, in der die Befragten, hier die beobachteten Eltern, sich so darstellen, wie sie glauben, dass der Forscher sie sehen möchte. Es werden vermehrt gesellschaftlich opportune Verhaltensweisen gezeigt (vgl. Raithel 2008:81). Das geduldige und ruhige Verhalten der Eltern in den Beobachtungen kann durch den einmaligen Feldzugang und durch die Forschungssituation verstärkt beeinflusst sein. Feste Rituale und Regeln gehörten zum Erziehungsalltag genauso dazu wie ein intensiv involviertes Erziehungsverhalten. Ein involviertes Erziehungsverhalten wird von fast allen befragten Eltern praktiziert. Sowohl in den Beobachtungen als auch in den Daten der Befragung konnten die Eltern größtenteils als sehr involviert wahrgenommen werden. Am häufigsten stimmen die Eltern den Aussagen zu, dass sie viel zusammen spielen oder etwas mit dem Kind unternehmen sowie das Kind fragen, wie sein Tag war. 85% der Eltern begleiten ihre Kinder zu einer Freizeitbeschäftigung. Um eine Involviertheit in den Kindergarten- bzw. Schulalltag der Kinder zu erfassen, wurden zwei Items hierzu konstruiert. Obwohl die Verteilungen für eine Teilnahme an verpflichtenden und freiwilligen Treffen in den Kindergarten bzw. in die Schule der Kinder relativ ähnlich sind, werden verpflichtende Treffen öfter wahrgenommen. 81% der Eltern gehen zu freiwilligen und 88% zu verpflichtenden Treffen in den Kindergarten bzw. in die Schule ihrer Kinder. 24% der Eltern gaben an, eine Funktion in der Kita oder Schule des Kindes zu haben, wobei 18% keine Angabe machen konnten, da das Kind zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht in der Kita oder in der Schule war. Insgesamt sind die beobachteten und befragten Eltern sehr aktive Eltern, die ihre Kinder zu freiwilligen wie verpflichten Treffen begleiten und sie durch diverse Freizeitaktivitäten fördern. Sehr zentral in den Beobachtungen war, dass die Eltern ihren Alltag kindzentriert gestalten, das Kind in den Mittelpunkt des Alltages stellen und sich nach ihnen richten. Bestätigt wurde diese Beobachtung in der zweiten Studie, denn nahezu alle Eltern (95%) stimmten der Aussage zu, dass das Kind das Wichtigste im Leben sei. 67% der Eltern verbringen die meiste Zeit ihres Alltags mit dem Kind, für 65% dreht sich alles im Alltag um das Kind und für 75% der befragten Eltern sind die kindlichen Bedürfnisse wichtiger als die eigenen. In den Beobachtungen äußerte sich diese Haltung beispielsweise da- 205 ran, eigene Bedürfnisse erst dann zu befriedigen, wenn das Kind beschäftigt war oder schlief. Diese Ergebnisse stimmen mit den Ergebnissen der pairfam Längsschnittstudien überein. In ihren Veröffentlichungen konstatieren sie, dass sich durch grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen auch in der Erziehung und in den Eltern-Kind-Interaktionen erhebliche Veränderungen ergeben haben und eine vermehrt kindzentrierte Orientierung in der Erziehung festzustellen sei (vgl. pairfam o.J.). Die Ergebnisse der eigenen Studie lassen daher den Schluss zu, dass auch die untersuchte Zielgruppe der türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen sich gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Auch für sie konnte eine kindzentrierte Erziehung identifiziert werden. In den geschlechtsspezifischen Analysen zeigte sich, dass Mütter signifikant kindzentrierter (t(211) = -3,04, p = .003) erziehen. Die Ergebnisse zur stärkeren mütterlichen Kindzentriertheit decken sich mit den Ergebnissen von Huber (2008). In seiner Untersuchung zur Bedeutung des Vaters im familiären Erziehungsgeschehen fand er heraus, dass Mütter von ihren Kindern als kindzentrierter erlebt werden als Väter. Die Mütter erlebten sich selbst auch als kindzentrierter (vgl. Huber 2008:162). Auf Konstruktebene erhielt das behütende und kontrollierende Erziehungsverhalten eine sehr hohe Zustimmung. Die Items hierzu wurden aus den Beobachtungen konstruiert und erhielten auch in den deskriptiven Analysen eine nahezu 100prozentige Zustimmung. Für alle befragten Eltern ist die Sicherheit der Kinder sehr wichtig. 84% der Eltern behalten das Kind im Blickfeld, um mögliche Gefahren zu vermeiden und 71% kontrollieren neue Räume und Örtlichkeiten hinsichtlich deren Sicherheit. Ein behütendes Erziehungsverhalten wurde für türkische Migranteneltern bereits in einigen Studien festgestellt. Nauck (1990) und Uslucan (2005a) zeigten in ihren Untersuchungen zum migrationsbedingten familialen Wandel, dass türkische Familien in der Migration einen stärker behütenden und kontrollierenden Erziehungsstil als Familien in der Türkei entwickeln. Diese Erkenntnisse konnten auch für die vorliegende Stichprobe türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen für das elterliche Erziehungsverhalten gegenüber Vorschulkindern bestätigt werden. In den Beobachtungen konnte eine klare Aufgabenteilung in den Familien wahrgenommen werden. Zwar sorgten sich vermehrt Mütter um die alltäglichen Haushaltsaufgaben und die Erziehung des Kindes, doch es schien vermehrt bewusst und klar aufgeteilt zu sein. Jede Familie hatte eine Balance in der Aufteilung gefunden, in der jeder Elternteil seinen Aufgabenbereich hatte und auch gegenseitige Unterstützungen leistete. Die Erziehung des Kindes wird von 80% der Eltern als gemeinsame Aufgabe betrachtet und von den Ehepartnern geteilt. In den Beobachtungen konnte eine klare Aufgabenteilung 206 unter den Partnern festgestellt werden, was sich bei jeweils 46% der befragten Eltern für die Bereiche Erziehung und Haushalt bestätigen ließ. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die für die zweite Generation konstatierte Gefahr härterer und disziplinierender Erziehungspraktiken (vgl. Uslucan 2005a:32) nicht nachweisen ließ. Ebenfalls konnte nicht beobachtet werden, dass sich die Herausforderung der Integration in die Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitigem Erhalt kultureller Wurzel „sich insbesondere im erzieherischen Kontext als spannungsgeladen“ (Uslucan 2010b:200f.) erweist. Entgegen der Annahme von Gün (2011), dass eine Vereinbarung der unterschiedlichen Lebensweisen „nie gelingen und zu pathologischen Formen führen kann“ (Gün 2011:9), konnte in der vorliegenden Stichprobe ein entwicklungsförderndes, positives Erziehungsverhalten und ein autoritativer Erziehungsstil der Eltern erfasst werden, die mit einem positiven Integrationserleben und einem souveränen Umgang mit der bikulturellen Situation in Zusammenhang standen. In der Analyse von Gruppenunterschieden zwischen Eltern, die in der Türkei geboren wurden und denen, die in Deutschland geboren sind, zeigten sich systematische Unterschiede im entwicklungsfördernden Erziehungsverhalten zwischen den Eltern, welche in Deutschland und in der Türkei geboren sind. Eltern, die in der Türkei geboren sind, erziehen eher entwicklungsfördernd als Eltern, die in Deutschland geboren wurden (t(209) = 2,51, p = 0,13). Die Differenz von ,15 ist signifikant. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die elterliche Migrationserfahrung nicht per se als Determinante eines dysfunktionalen Erziehungsverhaltens identifiziert werden kann. An dieser Stelle empfiehlt sich eine weitere Analyse beeinflussender Prädiktorvariablen. Mittels Regressionsanalysen könnten beispielsweise die Beziehung zwischen elterlicher Migrationserfahrung und elterlichen Erziehungspraktiken analysiert und erklärt werden. Im Rahmen der vorliegenden Dissertation musste diese Fragestellung aufgrund des intendierten Erkenntnisinteresses vernachlässigt werden. Die Ergebnisse könnten als Ausgangspunkt für eine weitere Studie dienen. Im nachfolgenden soll eine zusammenfassende Darstellung zum Integrationserleben erfolgen. 6.3 Das subjektive und familiäre Integrationserleben Das subjektive wie familiäre Integrationserleben konnte mittels der Methode der teilnehmenden Beobachtungen nur eingeschränkt beobachtet werden, da sich „Integration“ nicht explizit beobachten lässt. Daher wurden im Vorfeld 207 einige Integrationsindikatoren gemäß den vier theoretischen Integrationsdimensionen operationalisiert (vgl. Kapitel 4.5.4.3). Im Fokus der empirischen Erhebung und Auswertung stand das elterliche Integrationserleben. In den teilnehmenden Beobachtungen konnte das Integrationserleben vor allem mittels ero-epischer Gespräche erfasst werden. Alle Beobachtungen und Gespräche wurden protokolliert, Themen und Kategorien wurden gebildet und anschließend als Items in das Messinstrument involviert und mittels der zweiten Studie überprüft. Zusätzlich wurden Items aus dem Integrationsbarometer übernommen, um eine ganzheitliche Messung zu erreichen. Mittels explorativer Faktorenanalyse konnten für das subjektive Integrationserleben fünf Faktoren berechnet werden. Diese sind Exklusionsmechanismen, türkische Identität, Wohlfühlen in Deutschland, interethnische Freundschaften sowie Fremdverantwortung. Nach ihren Häufigkeitsverteilungen der Zustimmungen (1= trifft völlig zu, 5= trifft gar nicht zu) gestaffelt, erhält die Dimension „Wohlfühlen in Deutschland“ die höchsten Werte (M = 2,07; SD = .79), gefolgt von den Dimensionen „türkische Identität“ (M = 2,49; SD = .75) und „interethnischen Freundschaften“ (M = 2,50; SD = .71). Die Zuschreibung der Verantwortlichkeit für gelingende Integration an den Staat und an die deutsche Gesellschaft (Dimension der Fremdverantwortung) hat mit M = 2,85 (SD = .78) eine indifferente Bewertung. Exklusionsmechanismen, verstanden als Benachteiligungserfahrungen sowie wahrgenommener einseitiger Fremdzuschreibungen als Ausländer, erhalten die geringsten Kennwerte (M = 3,06; SD = .76). Die Untersuchungsergebnisse auf Konstruktebene zeigen höhere Mittelwerte für die Dimensionen „Wohlfühlen in Deutschland“, „türkische Identität“ sowie „interethnische Freundschaften“. Die Interkorrelationen der Skalen zeigen eine signifikant negative Korrelation zwischen einer „türkischen Identität“ und dem „Wohlfühlen in Deutschland“ (r = -,47; p ≤ .01). Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass je mehr sich eine Person türkisch fühlt, desto unwohler fühlt er sich in Deutschland. Da die Korrelation zwischen den Dimensionen „Wohlfühlen in Deutschland“ und „türkische Identität“ nichts darüber aussagt, ob es sich um einen kausalen Zusammenhang handelt, kann die Art des Zusammenhangs nicht konkretisiert werden (vgl. Raithel 2008:157). Interessant erscheint dieses Ergebnis im Hinblick auf die hohen Zustimmungswerte für die Aussagen „Obwohl ich mich in Deutschland wohlfühle, sehe ich mich selbst als eine Türkin/einen Türken“ (70%) sowie „Mein Kind/meine Kinder sollen sich zwar in Deutschland wohlfühlen, aber überwiegend nach türkischen kulturellen Verhaltensmustern leben“ (51%). Von weitergehendem Interesse ist daher die Frage nach der Art des Zusammenhangs dieser Variablen. Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse 208 kann nur vorsichtig vermutet werden, dass sich die befragten Eltern größtenteils zwar wünschten, sich in Deutschland wohl zu fühlen und dabei ihre türkische Identifizierung beizubehalten, dass aber zwischen diesen beiden Variablen ein negativer Zusammenhang besteht und somit dieser elterlicher Wunsch fraglich erscheint. Die Dimension „interethnische Freundschaften“ (r = .38; p ≤ .01) und die Dimension Fremdverantwortung (r = .20; p ≤ .01) korrelieren signifikant positiv mit der Dimension „Wohlfühlen in Deutschland“. Exklusionsmechanismen (r = -.21; p ≤ .01) korrelieren signifikant negativ mit Wohlfühlen in Deutschland. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass interethnische Freundschaften und die Zuweisung der Verantwortung für eine gelingende Integration an die deutsche Gesellschaft und den deutschen Staat ein Wohlfühlen in Deutschland bewirken, während Exklusionsmechanismen sowie eine türkische Identität dieses hindern können. Die Dimension „türkische Identität“ korreliert signifikant negativ mit interethnischen Freundschaften (r = -.44; p ≤ .01) und schwach signifikant negativ mit der Fremdverantwortung (r = -.15; p ≤ .05). Offenbar fühlen sich Personen, die eher eine türkische Identität haben, weniger wohl in Deutschland, gehen seltener interethnische Freundschaften ein und erstaunlicherweise sehen sie den deutschen Staat und die deutsche Gesellschaft weniger in der Verantwortung für die Integration in die Mehrheitsgesellschaft als sich selbst. Eine schwach signifikant positive Korrelation der interethnischen Freundschaften mit der Fremdverantwortung lässt vermuten (r = .14; p ≤ .05), dass ein gemischter Freundeskreis zu einer Verantwortungsabgabe führen kann. Ein Nachteil der Produkt-Moment-Korrelationsrechnungen nach Pearson ist, dass der Korrelationskoeffizient zwar die Stärke des statistischen Zusammenhangs zeigt, jedoch nicht die Art des Zusammenhangs bestimmen lässt. Um diese Ergebnisse adäquat interpretieren zu können, bedarf es daher weiterer Analysen. Die Ergebnisse zu den Interkorrelationen der erfassten Skalen zum Integrationserleben werfen weitere Fragen auf, insbesondere solche, die die kausalen Beziehungen der Dimensionen betreffen. Aufgrund forschungsmethodischer Beschränkungen wurden diese weitergehenden Fragestellungen in der vorliegenden Dissertation nicht weiter berücksichtigt. Ergänzend zur Analyse auf Konstruktebene erfolgte eine deskriptive Analyse einzelner Items zum Integrationserleben. Diese Analysen werden im Folgenden analog zu den vier Integrationsdimensionen dargestellt, da Integration in der vorliegenden Dissertation über vier theoretische Dimensionen erfasst wurde. Die kognitive Integration in die Mehrheitsgesellschaft wurde anhand der deutschen Sprachkenntnisse der zugewanderten Personen operationalisiert. 209 Sprachlich waren die Folgegenerationen der vorliegenden Stichprobe gut integriert. Fast alle beobachteten Eltern beherrschten die deutsche Sprache sehr gut, nur ein Vater bemängelte seine Sprachkenntnisse. 88% der befragten Eltern in der Studie 2 verfügen über gute bis sehr gute Deutschsprachkenntnisse. 75% der Eltern haben den deutschen Fragebogen präferiert, was als ein Hinweis für gute Deutschsprachkenntnisse gewertet werden kann. Im familiären Rahmen wurden tendenziell vermehrt beide Sprachen gesprochen. Fast die Hälfte der Stichprobe unterhält sich sowohl mit dem Ehepartner (48%) als auch mit dem Kind (47%) in Deutsch und in Türkisch. Während sich 23% der Eltern mit dem Kind und 16% mit dem Partner nur auf Deutsch unterhalten, bevorzugen es 35% mit dem Partner und 29% mit dem Kind nur Türkisch zu sprechen. Einige beobachtete Mütter begründeten ihr familiäres Sprachverhalten mit der Intention, das Kind solle zuerst die Muttersprache erlernen und darauf aufbauend die deutsche Sprache. In einer beobachteten Familie teilten sich die Eltern die Spracherziehung auf: die Mutter unterhielt sich nur auf Türkisch mit dem Kind und der Vater nur auf Deutsch, sodass das Kind von Anfang an beide Sprachen lernen konnte. Sprachlich sind die befragten Eltern also eher bilingual kompetent und somit sprachlich mehrfachintegriert. Die strukturelle Integration wird über eine Einbindung in den Bildungs- bzw. Arbeitsmarkt gemessen. Eine strukturelle Integration in den Arbeitsmarkt war für 62% der befragten Eltern erfolgt. Sie gingen einer Erwerbstätigkeit nach. Weitere 30% befanden sich in Elternzeit. 6% der Stichprobe war zum Zeitpunkt der Befragung arbeitssuchend und somit nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Insgesamt kann von einer gelungenen, strukturellen Integration für die vorliegende Stichprobe ausgegangen werden. Das Freundschaftsverhalten wird in der Integrationsforschung als Indikator für eine soziale Integration operationalisiert. Für diese Integrationsdimension konnten weder assimilative noch segregierte Tendenzen festgestellt werden. In der vorliegenden Stichprobe erhielt der interethnische Freundeskreis eine hohe Zustimmung. 66% der Eltern sowie 58% der Kinder haben hauptsächlich einen gemischten Freundeskreis. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass die befragten Eltern sozial mehrfachintegriert waren. Die Aktivität in Vereinen gehört zur Operationalisierung der sozialen Integration. Obwohl eine Mehrzahl der befragten Eltern in keinem Verein aktiv war, zeigten die prozentualen Verteilungen, dass eine Aktivität eher in deutschen Vereinen bevorzugt wird. 35% der Eltern waren in einem deutschen und 25% der Eltern in einem türkischen Verein aktiv. Im Bereich der identifikativen Integration ergaben sich interessante Ergebnisse: 65% der befragten Eltern haben zwar die deutsche Staatsangehörigkeit, 210 aber nur 13% der Eltern fühlen sich als Deutscher und 32% tun dies teilweise (M = 3,6953, SD = 1,02). 65% der Eltern fühlen sich in Deutschland zu Hause und 24% stimmen mittelmäßig zu (M = 2,19, SD = 1,10). Die Einbürgerung wird in der Integrationsforschung als ein Indikator der identifikativen Integration in die Mehrheitsgesellschaft betrachtet, aber offenbar hat sie, wenn überhaupt, nur schwache Auswirkungen auf die identifikative Verortung als Deutscher. Der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit löst nicht zwangsläufig eine deutsche Identifizierung aus. Diese Befunde decken sich mit den Ergebnissen einer Bremer Studie von Sackmann und Schultz (2001). Die Autoren fanden in ihrer qualitativen Studie mit 112 türkischen Interviewpartnern der ersten und zweiten Generation heraus, dass 45% der Befragten sich trotz deutscher Staatsangehörigkeit als Türken bezeichneten (vgl. Sackmann/Schultz 2001:42). Aus dieser Selbstverortung als „Türke“ konnten die Autoren jedoch nicht auf „den Grad an Integration und persönlicher Aufgeschlossenheit gegenüber der deutschen Gesellschaft schließen“ (ebd.). Sackmann und Schultz begründen ihre Beobachtungen damit, dass der Bezug auf eine türkische Identität von Migranten als eine Selbstverständlichkeit betrachtet werde, die sich aus Abstammung und kultureller Prägung ergebe. Die Befragten thematisierten auch, dass „sie einer Zuschreibung als Türken von Seiten der deutschen Gesellschaft sowieso nicht entgehen könnten“ (ebd.). In der vorliegenden Studie 1 äußerte sich ein Vater ohne eigene Migrationserfahrung ähnlich. Die Beibehaltung türkischer Identifizierung begründete er mit der Aussage, dass er und seine Tochter sowieso gesellschaftlich als „ausländisch“ bzw. „türkisch“ wahrgenommen werden. Egal wie sehr sie sich selbst deutsch fühlen oder wahrnehmen würden, in der Gesellschaft würden sie immer als Fremde gelten. Diese Aussage wurde mittels der Studie 2 quantitativ überprüft. Die Analyse der Daten für die Selbst- und Fremdwahrnehmung der emotionalen Identität zeigte ein differentes Bild. 70% der befragten Eltern verorten sich in der Selbstwahrnehmung als Türken und in der Fremdwahrnehmung sehen sich 40% als Fremde wahrgenommen. Die Verteilungen für die Fremdwahrnehmung der Kinder sind ähnlich. 39% der Eltern denken, dass ihr Kind immer als ein ausländisches Kind wahrgenommen wird. Die subjektive Einschätzung der eigenen Integration sowie die Verantwortungszuschreibung zeigten eine klare Haltung. 85% der Eltern sind nach eigener Einschätzung gut integriert und 58% schreiben die Verantwortlichkeit für eine gelingende Integration in die Mehrheitsgesellschaft sich selbst zu. 53 Die fünf-stufige Likert-Skala ist 1= stimmt völlig zu bis 5= stimmt gar nicht zu. Je höher der Mittelwert, desto höher die Ablehnung. 211 Für 25% der Befragten trägt der Staat und für 32% die deutsche Gesellschaft die Verantwortung für eine gelingende Integration. In Politik und Medien wird die Verantwortung für das Gelingen der Integration in Integrationsdebatten ebenfalls stärker den zugewanderten Personen zugeschrieben. Offenbar teilt die Hälfte der befragten türkischen Migranteneltern diese Meinung. Eine andere Hälfte sieht den Staat und etwas stärker die deutsche Gesellschaft in der Verantwortung. Die stereotype Annahme, türkische Migranten seien integrationsunwillig kann mit diesen Ergebnissen nicht bestätigt werden. Diese Ergebnisse decken sich mit den Ergebnissen des SVR Integrationsbarometers 2010. In ihrer Messung des Integrationsklimas in Deutschland stellen sie für „unter dem Generalverdacht der ‚Integrationsverweigerung‘ oder gar der ‚Integrationsunfähigkeit‘ stehenden Befragten türkischer Herkunft“ (Sachverständigenrat 2010:42) fest, dass sie sich die Verantwortlichkeit für gelingende Integration mehr zuschreiben als der Mehrheitsbevölkerung. Eine Mehrfachintegration ist nach Esser (2001) ein eher seltener Ausgang der Integration. Sie erfordere mehr Ressourcen und sei allenfalls für Akademiker und ihre Kinder möglich. In der vorliegenden Stichprobe konnten Indikatoren einer Mehrfachintegration festgestellt werden. Sowohl in den Beobachtungen als auch in den Daten der Befragung zeigte sich, dass die Eltern eher bilingual sind sowie bilingual erziehen und, dass sie einen interethnischen Freundeskreis pflegen. Mit dem Fragebogen wurde eine bikulturelle Zugehörigkeit durch die Verbundenheit mit Deutschland bzw. Türkei erfasst. Fast die Hälfte (47%) der befragten Eltern fühlte sich mit beiden Ländern in gleicher Weise emotional verbunden und weitere 27% stimmten dieser Aussage teilweise zu (M = 2,71; SD = 1,2). Eine bikulturelle Identität erhielt ebenfalls eine mittlere Zustimmung (M = 2,57; SD = 1,3). 56% der Eltern fühlten sich deutsch-türkisch und weitere 18% waren indifferent. Sich als Deutscher mit einem anderen kulturellen Hintergrund fühlten sich 33% der Befragten (M = 3,26; SD = 1,28). Für die Dimension der identifikativen Integration zeigte sich ein weiteres interessantes Ergebnis. Eine deutliche Mehrheit der befragten Eltern fühlte sich zwar eher türkisch (61%; M = 2,15; SD = 1) als deutsch (13%; M = 3,69; SD = 1), doch eine große Mehrheit fühlte sich eher in Deutschland (65%; M = 2,19; SD = 1,1) zu Hause als in der Türkei (31%; M = 2,92; SD = 1,05). Es wird deutlich, dass die identifikative Integrationsdimension differenzierter betrachtet werden muss. In Integrationsdiskursen und in der öffentlichen Wahrnehmung gilt die „Beibehaltung der Herkunftsidentität oder die Entwicklung einer Mischidentität (…) als gescheiterte Integration“ (Sauer et. al. 2009:59). 212 Stattdessen konnte belegt werden, dass eine erfolgreiche Integration „nicht zwangsläufig in der Abwendung vom Herkunftsland und einer klar deutschen Identität (münden)“ (Sauer et. al. 2009:121). Daher wird auch in der vorliegenden Dissertation festgestellt, dass Integrationsmodelle, die auf einen Nationalstaat fokussiert sind und von homogenen Gesellschaften ausgehen, die Lebensrealitäten von türkischen Folgegenerationen nicht erfassen können (vgl. ebd.). Obwohl sich 61% der befragten Eltern eher türkisch als deutsch fühlten, ist eine Rückkehrabsicht für die meisten befragten Eltern der Folgegenerationen keine Option. Während 24% der Eltern lieber in der Türkei leben möchten, lehnten 45% der Eltern diesen Wunsch ab und 32% gaben eine mittlere Zustimmung (M = 3,26; SD = 1,2). Deutschland wird als Heimat erlebt und stellt den Lebensmittelpunkt dar. Auch für ihre Kinder wünschte sich die Hälfte der Eltern, dass sie im Bewusstsein ihrer türkischen Identität sozialisiert werden und nach türkischen kulturellen Verhaltensmustern leben, doch sich in Deutschland wohlfühlen sollen. Obwohl 30% der Befragten Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt (M = 3,31; SD = 1,3), 27% bei der Wohnungssuche (M = 3,38; SD = 1,35), 20% bei der Religionsausübung (M = 3,63; SD = 1,2) und 20% in Bildungsstätten (M = 3,61; SD = 1,2) erlebt hatten, hatte eine deutliche Mehrheit noch keine Benachteiligungen in den befragten Bereichen erlebt. Die stärksten Benachteiligungen wurden demnach auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche erlebt. In der ersten Studie äußerten einige Eltern sehr stark den Wunsch, dass es ihre Kinder leichter in der Gesellschaft haben sollen als sie selbst. Dieser Aussage stimmten 79% der befragten Eltern der zweiten Studie zu (M = 1,88; SD = 1,08). 16% (M = 3,64; SD = 1,09) der Eltern erlebten, dass sie sich sehr bemühen, aber wenig Anerkennung von ihren Mitmenschen erhalten. Für ihre Kinder waren 60% (M = 2,39; SD = 1,19) der befragten Eltern davon überzeugt, dass die Kinder sich mehr bemühen müssten, um erfolgreich sein zu können. Diese Aussage wurde ebenfalls in den Beobachtungen von den Eltern selbst geäußert und als Item in die Befragung aufgenommen. Diese elterlichen Befürchtungen und Herausforderungen sind offenbar dennoch kein Hindernis für ein Wohlfühlen in Deutschland. Insgesamt fühlten sich nämlich 81% (M = 1,85; SD = ,80) der befragten Eltern wohl in Deutschland und weitere 81% (M = 1,83; SD = ,78) waren zufrieden mit ihrer aktuellen Lebenssituation. Die elterliche Sicht zur politischen Integrationsdebatte bestand aus einer Kritik an einer einseitig polarisierenden Diskussion zum Thema. Fast die Hälfte der Befragten (48%) war davon überzeugt, dass das Thema Integration von der Politik nur einseitig diskutiert und thematisiert wird. 213 Interessant sind die Ergebnisse zur wahrgenommenen kulturellen Differenz54 zwischen Türken und Deutschen. 74% (M = 1,97; SD = ,84) der Eltern sahen viele kulturelle Unterschiede zwischen Türken und Deutschen. Ausgangspunkt dieses Items war die Aussage eines Elternteils in der Studie 1. Er skizzierte sehr anschaulich, wie er Differenzen zwischen Deutschen und Türken wahrnahm und erlebte. Die Überprüfung dieser Aussage in der Studie 2 zeigte erstaunlich hohe Werte für die befragten Eltern. Obwohl theoretisch konstatiert wird, dass Kulturzuschreibungen essentialistisch sind und Kulturalismus betreiben, erscheint es interessant, dass eine große Mehrheit der befragten Eltern selbst Differenzen zwischen Deutschen und Türken wahrnehmen. Zusammenfassend lassen sich folgende Ergebnisse herausstellen: Die befragten Eltern wurden als strukturell, kognitiv, sozial und identifikativ gut integriert wahrgenommen. Sie schätzten ihre eigene Integration hoch ein, ein Großteil fühlte sich gut integriert. Die Verantwortlichkeit für gelingende Integration sahen sie bei sich, dennoch kritisierten sie einen einseitigen politischen Integrationsdiskurs. Sie fühlten sich eher türkisch als deutsch, aber ihren Lebensmittelpunkt hatten sie in Deutschland und eine Rückkehr in die Türkei war keine Option. Sie hatten keine eindeutige eindimensionale Identitätsverortung, sondern waren eher bikulturelle Mehrfachzugehörigkeiten. Sie pflegten eher interethnische Freundschaften, waren bilingual und hatten einen individuellen Weg der Vereinbarung beider kultureller Verortungen gefunden. Sie setzten sich in ihrem Alltag und im familiären Rahmen mit der herkunftsfamilialen Migrationsgeschichte auseinander, waren zum größtenteils selbst bikulturell sozialisiert und entwickelten individuelle Zwischenräume, „in denen sich neue Zugehörigkeiten und Lebensentwürfe aus diversen Bedeutungskontexten hervorbringen“ (Yildiz 2013:139). Daraus ergibt sich für die befragten türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen die Annahme, dass sie „flexible Lebensentwurfsverortungen auf individueller und kollektiver Ebene“ (ebd.:139) entwickelten. Sie könnten somit als „Postmigranten“ aufgefasst und bezeichnet werden. Insgesamt konnte in der vorliegenden Studie nicht festgestellt werden, dass türkische Migranteneltern der Folgegenerationen „die Sorgenkinder der Integration“ (Lauer/Siems/Ehrentraut 2010) sind. 54 Die Bezeichnung „kulturelle Differenz“ ist in der Migrationsforschung vielfach kritisiert worden, da es ein monolithisches und homogen verstandenes Kulturkonzept impliziere. Dementgegen werden in neuen Ansätzen dynamische Kulturkonzepte vertreten. An dieser Stelle wurde dennoch die Bezeichnung „kulturelle Differenz“ übernommen, da es aus einer elterlichen Aussage aus der Studie 1, also aus beobachteten Daten, entstanden ist und somit die subjektive elterliche Wahrnehmung von Differenzen darstellen soll. 214 Im nachfolgenden Kapitel soll der Versuch einer Analyse der zentralen Forschungsfrage, ob es eine Erziehung zur Integration gibt, erfolgen. 6.4 Gibt es eine Erziehung zur Integration? Im Fokus der vorliegenden Dissertation stand die leitende Forschungsfrage „Gibt es eine Erziehung zur Integration“. Für eine Analyse dieser zentralen Forschungsfrage wurden drei weitere Fragestellungen als relevant erachtet: 1. Wie erziehen türkische Migranteneltern der Folgegenerationen ihre Kinder? Welche Erziehungspraktiken sind empirisch zu ermitteln? 2. Welches subjektive wie familiäre Integrationserleben lässt sich empirisch erfassen? 3. Stehen die ermittelten elterlichen Erziehungspraktiken in einem Zusammenhang mit dem erfassten Integrationserleben? Im Rahmen des explorativ-deskriptiven Zugangs sollten elterliches Erziehungsverhalten und Integrationserleben aus der Perspektive der befragten Eltern exploriert und deskriptiv analysiert werden. Zur Lösung der zentralen Forschungsfrage wurden zwei Analyseschritte angewandt. Zum einen wurden mittels Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson die Zusammenhänge zwischen den erfassten Erziehungspraktiken und Integrationserleben berechnet. Zum anderen wurden die Eltern nach ihrer subjektiven Einschätzung zur Forschungsfrage befragt. Hierfür wurden sie explizit gefragt, ob sie denken, über die familiäre Erziehung die Integration Ihres Kindes fördern zu können. Bei Bejahung dieser Frage konnten die Eltern sieben vorgegebene55 Antwortmöglichkeiten mit „ja“, „nein“, „weiß nicht“ bewerten. Mehrfachantworten waren bei dieser Aussage möglich. Darüber hinaus wurde eine zusätzliche offene Antwortmöglichkeit angeboten, um den Befragten die Möglichkeit zu bieten, weitere Dimensionen und Informationen einzubringen. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Analysen, zunächst auf Itembasis und anschließend auf Konstruktebene, dargestellt. In diesem Kapitel wird die generierte Hypothese der vorliegenden Arbeit modellhaft veranschaulicht. 55 Die sieben Antwortmöglichkeiten waren: „Mit meinem Kind Deutsch zu sprechen“, „Deutsche (Bilder-)Bücher vorzulesen“, „Deutsche Märchenkassetten zu hören“, „Erlaubnis zum Gottesdienst in die Kirche mit der Schule/Kita zu erlauben“, „Feiertage feiern (Weihnachten, Ostern), „Regelmäßigen Kontakt zu deutschen Freunden zu erlauben“ sowie „Ein gutes Vorbild zu sein“. 215 In den Darstellungen werden erst die einzelnen Ergebnisse und anschließend die generierte Hypothese dargestellt. Die zentrale Forschungsfrage wurde von 82% der türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen bejaht. Eine deutliche Mehrheit war davon überzeugt, die Integration ihrer Kinder über ihre elterliche Erziehung fördern zu können. Selbst Vorbild zu sein (89%), deutsche Freundschaften zu erlauben (82%), deutsche (Bilder-)Bücher vorzulesen (81%) und sprachliche Förderung zu gewähren (71%) wurden als sog. familiäre Integrationsmerkmale bewertet. Relativ gespalten waren die Meinungen der Eltern zu christlichen Feiertagen: 40% sahen einen wichtigen Beitrag an der familiären Feier christlicher Feiertage wie Weihnachten und Ostern für die Integration ihrer Kinder. Etwas höher waren die Werte für eine Ablehnung: 43% der Eltern lehnten diese Aussage ab. 9% der Eltern waren indifferent bei der Einschätzung, Feiertage zu feiern und 8% haben gar nicht geantwortet. 50% der befragten Eltern stimmten einer Erlaubnis zum Gottesdienst mit der Schule oder Kita der Kinder zu und 31% der Eltern lehnten ab. Bei diesem Item zeigten sich 11% der Eltern unsicher und 9% antworten gar nicht. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass offenbar religiöse Praktiken weniger relevant für eine Integration in die Gesellschaft erachtet werden als beispielsweise sprachliche Förderung. Darüber hinaus wurden in der offenen Frage weitere Kriterien für eine elterliche Förderung der kindlichen Integration über Erziehung genannt. Neben sprachlicher Förderung („Beide Sprachen perfekt zu beherrschen“, „Selbst deutsch zu sprechen und dadurch offener der Gesellschaft über sein“ etc.) wurden die Anbindung an soziale und kulturelle Freizeitaktivitäten genannt („Vereine besuchen“, „An deutschen Kursen und Aktivitäten beteiligen“, „Teilnahme an deutschen kulturellen Veranstaltungen“ etc.). Während einige Eltern sich selbst eher eine passive Rolle zuteilten und die Integrationskraft deutscher Bildungsinstitutionen hervorhoben („In der Schule wird es sowieso mit den Freunden integriert“, „Der Kita-Besuch ab dem ersten Lebensjahr ist für die Integration eines Kindes in die deutsche Gesellschaft mehr als ausreichend!“), sahen sich andere Eltern in einer aktiven Rolle („Selber aktiv sein“, „Vor allem zu bewirken, dass es seinen Lebensort liebt“). Interessant erschienen die Antworten, die eine elterliche Werteerziehung für die Integration der Kinder als erforderlich bewerteten („Zu Toleranz erziehen“, „Offenheit“, „Menschen zu schätzen und akzeptieren, egal aus welcher Herkunft“, „Andere Menschen zu respektieren“, „Das Gefühl vermitteln, das mein Kind selbstverständlich ein Teil dieser Gesellschaft ist“, „Sich gleich wert fühlen“, „Verständnis auf beiden Seiten“, „Liebe und Respekt beibringen. Alle Menschen aus humanitären Gründen zu lieben“). 216 Diese elterlichen Aussagen lassen vermuten, dass die befragten Eltern ihren Kindern eine Orientierung bieten möchten, das Zusammenleben mit anderen Menschen unterschiedlicher Herkunft „offen“, „tolerant“, „liebevoll“, „respektvoll“, „verständnisvoll“, „wertschätzend und akzeptierend“ gestalten zu können. Zu einer Erziehung zur Integration gehörten für die befragten Eltern offenbar eine wertschätzende, tolerante und offene Grundhaltung dazu. In einem zweiten Analyseschritt wurden die Zusammenhänge zwischen den erfassten elterlichen Erziehungspraktiken und den erfassten Integrationserleben mittels Pearson Produkt-Moment-Korrelationen berechnet. Dabei zeigten sich folgende Ergebnisse: Die Skala türkische Identität korrelierte signifikant positiv mit entwicklungsfördernden Erziehungsverhalten (r = .21, p ≤ .01) sowie behütendem Erziehungsverhalten (r = .22, p ≤ .01) und schwach signifikant mit machtvoll durchsetzendem Erziehungsverhalten (r = .16, p ≤ .05). Daraus ergibt sich die Annahme, dass eine türkische Identität mit entwicklungsförderndem, behütendem und machtvoll durchsetzendem Erziehungsverhalten positiv einhergeht. Die Ergebnisse lassen somit den Schluss zu, dass Eltern mit einer türkischen Identifizierung eher einen autoritativen Erziehungsstil haben, dessen Kernmerkmale ein entwicklungsförderndes und Grenzen setzendes Erziehungsverhalten sind. Der autoritative Erziehungsstil gilt in der Erziehungsstilforschung als anzustreben, da er soziale Kompetenzen und positives Selbstwertgefühl der Kinder stärke und bessere Schulleistungen bewirken könne. Diese Kompetenzen werden ebenfalls für eine erfolgreiche Integration, insbesondere für eine Mehrfachintegration, als relevant erachtet (vgl. Esser 1999, 2001). Daraus ergibt sich für die vorliegende Forschungsfrage die Annahme, dass eine türkische Identität der Eltern die Integration der Kinder fördern kann. Das in dieser explorativ-deskriptiven Studie generierte theoretische Zusammenhangsmodell zur elterlichen Erziehung und Integration soll in nachfolgender Abbildung veranschaulicht werden (Abb. 41). 217 Abb. 41: Zusammenhangsmodell zur generierten Hypothese Das Zusammenhangsmodell in Abbildung 41 zeigt die generierte Hypothese der vorliegenden Arbeit: Es zeigt die linearen Zusammenhänge zwischen den beiden erfassten Untersuchungsvariablen (gerade Pfeile) und die hypothetischen Annahmen über mögliche Zusammenhänge (gestrichelte Pfeile). Demnach besteht ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen der erfassten Integrationsdimension „Türkische Identität“ und einem autoritativen Erziehungsstil. In der Erziehungsstilforschung wurde vielfach festgestellt, dass der autoritative Erziehungsstil positive Entwicklungseffekte bei Kindern und Jugendlichen fördert (vgl. Fuhrer 2005:232) und insbesondere „mit einem positiven Selbstwertgefühl und sozialer Kompetenz des Kindes korreliere“ (Asendorpf/Banse 2000:81) und mit besseren Schulleistungen, weniger Verhaltensproblemen und einem positiveren Selbstkonzept in Verbindung stehe (vgl. Uhanyan 2012:85). Da beispielsweise Esser für gelingende Mehrfachintegration ebenfalls soziale Ressourcen voraussetzt, welche gemäß der Erziehungsstilforschung mittels autoritativer Erziehung gefördert werden könnten, wird darauf bezugnehmend davon ausgegangen, dass ein autoritativer Erziehungsstil eine Mehrfachintegration der Kinder fördern könnte. Die Annahme eines möglichen Zusammenhangs zwischen autoritativer Erziehung und Integration ist hypothetisch und stellt die generierte Hypothese der vorliegenden Studie dar. Dabei ist die Hypothese als „eine empirisch begründete Formulierung einer Version der [untersuchten] Welt“ (Flick 2005:73) zu verstehen. Sie stellt eine Perspektive dar, die vorliegende Forschungsfrage zu beantworten. Sie hat keinen Anspruch auf universelle Gültigkeit, sondern ist eine gegenstandbegründete Hypothese, die aus den vorliegenden Daten generiert wurde. Das Zusammenhangsmodell kann eine Grundlage für weitergehende Forschungsfragen sein. Des Weiteren kann das Modell mittels einer anknüpfenden Studie bezüglich der Kausalitäten überprüft werden. Türkische Identität der Eltern Autoritativer Erziehungsstil kindliche Kompetenzen (Mehrfach-) Integration 218 Durch die Auswertung weiterer Korrelationsberechnungen kann die These erhärtet werden, dass eine subjektiv als gut erlebte Integration mit positiven Erziehungspraktiken zusammenhängen. Die subjektive Einschätzung der Aussage „Ich bin gut in die deutsche Gesellschaft integriert“ hatte einen signifikant positiven Zusammenhang mit positivem (r = .28, p ≤ .01), kindzentrierten (r = .20, p ≤ .01), involviertem (r = .24, p ≤ .01) und partnerschaftlichem Erziehungsverhalten (r = .24, p ≤ .01) sowie eine signifikant negative Korrelation mit autoritärem Erziehungsverhalten (r = -.24, p ≤ .01). Eine schwach signifikante Korrelation bestand zwischen dem Item der positiven Integrationseinschätzung und geduldigen (r = .16, p ≤ .05) sowie behütendem (r = .14, p ≤ .05) Erziehungsverhalten. Zu dem machtvoll durchsetzenden Erziehungsverhalten bestand kein Zusammenhang. Demnach scheinen Eltern, die sich selbst als integriert wahrnehmen und zufrieden mit ihren Integrationsleistungen sind, eher positive, involvierte, kindzentrierte, geduldige, behütende und partnerschaftliche Erziehungspraktiken zu praktizieren. Die Ergebnisse lassen ebenfalls vermuten, dass die Erziehung autoritärer ist, desto weniger integriert sie sich fühlen. Daraus ergibt sich, dass eine positiv erlebte elterliche Integration mit entwicklungsförderndem elterlichem Erziehungsverhalten positiv zusammenhängt. Die nachfolgende Abbildung 42 versucht dieses Ergebnis zu veranschaulichen. Abb. 42 Zusammenhang zwischen positiv erlebter Integration und Erziehungsverhalten Allerdings ist erneut einschränkend zu konstatieren, dass der Korrelationskoeffizient nach Pearson keine eindeutigen Kausalitäten angibt und somit zwar ein statistisch signifikanter Zusammenhang nachgewiesen wurde, die Kausalitäten aber nicht konkretisiert wurden. Eine weitere Einschränkung liegt an der Generalisierbarkeit dieser Ergebnisse, da lediglich das subjektive Integrationserleben der Eltern untersucht wurde. Es wurde der Zusammenhang zwischen subjektiv positiv erlebter Integration der Eltern und ihrer elterlichen Erziehungspraktiken analysiert. Des Weiteren wurden die Zusammenhänge zwischen der Skala „Wohlfühlen in Deutschland“ und den erfassten Erziehungspraktiken berechnet. Eine schwach signifikante negative Korrelation lässt vermuten, dass je unwohler sich ein Elternteil in Deutschland fühlt, desto autoritärer ist das Erziehungs- Positiv erlebte Integration entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten 219 verhalten (r = -.14, p ≤ .05). Diese Ergebnisse decken sich mit den Ergebnissen aus den oben skizzierten Korrelationsberechnungen zwischen subjektiv positiv erlebter Integration und autoritärem Erziehungsverhalten. Daraus ergibt sich eine Erhärtung der Annahme, dass je weniger positiv eine Person ihre eigene Integration erlebt und je unwohler sie sich in Deutschland fühlt, desto autoritärer ist das elterliche Erziehungsverhalten. Einen signifikant positiven Zusammenhang hatte das „Wohlfühlen in Deutschland“ mit partnerschaftlichem Erziehungsverhalten (r = .18, p ≤ .01) und eine schwach signifikante Korrelationen mit positivem Erziehungsverhalten (r = .17, p ≤ .05). In den Pearson Produkt-Moment-Korrelationen zeigte sich, dass Exklusionsmechanismen einen signifikant positiven Zusammenhang mit autoritärerem Erziehungsverhalten haben (r = .14, p ≤ .05). Benachteiligungen und Exklusionsmechanismen fördern offenbar autoritäre Erziehungspraktiken. So lässt sich vermuten, dass das elterliche Gefühl, gesellschaftlich benachteiligt und ausgeschlossen zu sein mit autoritären Erziehungspraktiken in einem positiven Zusammenhang steht. Belsky (1984) identifizierte in seinem Modell der Determinanten des elterlichen Verhaltens die individuell-psychologischen Ressourcen der Eltern (Wohlbefinden, psychische Gesundheit etc.) als eine wesentliche Determinante für dysfunktionales bzw. entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten. Übertragen auf die eigenen Ergebnisse, kann vermutet werden, dass eine positiv erlebte subjektive Integration und damit einhergehend ein Wohlbefinden in Deutschland, eine wesentliche Determinante für positives und entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten sein kann. Daraus ergibt sich folgende Abbildung, die die berechneten Korrelationen veranschaulichen soll. Abb. 43 Zusammenhang zwischen Exklusionsmechanismen und autoritärer Erziehung Im Anschluss an diese einzelnen Darstellungen sollen abschließend die Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammenfassend resümiert werden. Dadurch sollen die Ergebnisse der Studie hervorgehoben werden. Exklusionsmechanismen, Unwohlfühlen in Deutschland Autoritäre Erziehung 220 Zusammenfassend lassen sich folgende Erkenntnisse der vorliegenden Untersuchung festhalten: 1. Ein Messinstrument wurde konstruiert, das sich als valide und reliabel erwies und sowohl das Erziehungsverhalten als auch das Integrationserleben türkischer Migranteneltern der Folgegenerationen erfassen konnte. Dieser liegt zweisprachig vor und kann aufgrund seiner Objektivität für weiterführende Fragestellungen eingesetzt werden. 2. Es konnte ein autoritativer Erziehungsstil für die untersuchte Stichprobe identifiziert werden. 3. Es konnte ein positives Integrationserleben beobachtet werden, in der sich die Stichprobe als mehrfachintegriert verstand. Die Mehrheit der Befragten möchte eine türkische Identifizierung beibehalten, bei gleichzeitiger Integration in die Mehrheitsgesellschaft. 4. Und schließlich konnte mittels Zusammenhangsanalysen ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen türkischer Identität und autoritativer Erziehung festgestellt werden. Zusätzlich konnte ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen positiv erlebter elterlicher Integration und entwicklungsfördernden elterlichen Erziehungspraktiken erfasst werden. Aus diesen Ergebnissen ließ sich folgende gegenstandsbegründete Hypothese generieren: Eine türkische Identität der Eltern kann einen autoritativen elterlichen Erziehungsstil begünstigen. Dieser Erziehungsstil wiederum kann eine (Mehrfach-)Integration der Kinder fördern. Zur Begründung wurde dargelegt, dass, den Erkenntnissen der Erziehungsstilforschung nach, dieser Erziehungsstil mehr Verantwortungsbewusstsein, Selbstsicherheit und soziale Kompetenzen bei Kindern fördere. Da in einigen Integrationskonzepten genau diese Ressourcen für eine (Mehrfach- )integration vorausgesetzt werden (vgl. Esser 1990, 2001, 2008), wird in der vorliegenden Dissertation vermutet, dass der erfasste autoritative Erziehungsstil der Eltern eine (Mehrfach-)Integration der Kinder fördern bzw. erleichtern kann. Die Ergebnisse der vorliegenden Dissertation leisten einen relevanten Beitrag, die konstatierte Forschungslücke zum elterlichen Erziehungsverhalten von türkischen Migrantenfamilien in Deutschland zu schließen. Die explorativ-deskriptive Studie liefert aktuelle, alltagsnahe und detaillierte Daten. Insbesondere wurde erstmalig der Zusammenhang zwischen elterlichem Erziehungsverhalten und subjektivem Integrationserleben erfasst und analysiert. Die Ergebnisse wurden als gegenstandbegründete Hypothese veranschaulicht und bieten eine Grundlage für weitergehende Fragestellungen sowie neue 221 Ansatzpunkte für die Untersuchung türkischer Migranteneltern. Eine Stärke der vorliegenden Studie war sein multimethodisches Forschungsdesign, in der qualitative und quantitative Methoden kombiniert wurden. Es ermöglichte die Erfassung der subjektiven Lebenswelten, konnte teilweise der Komplexität von Lebenslagen gerecht werden und zugleich evidente Handlungsmuster herausarbeiten. Dabei ermöglichte der Forschungszugang die Analyse von Lebenslagen, „ohne sie vereinheitlichend unter eine spezifische Sichtweise zu subsumieren“ (Hamburger/Badawia/ Hummrich 2003:10). Die eingesetzten statistischen Verfahren, insbesondere die Pearson Produkt-Moment-Korrelationen zeigten ihre Grenzen bei der Interpretation der Zusammenhänge, da sie nur Aussagen über Signifikanz und Art der Zusammenhänge machen konnten. Es waren keine Aussagen über Kausalitäten möglich. Für das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Dissertation genügten die eingesetzten statistischen Verfahren. Allerdings lässt sich ein weiterer Bedarf an Forschung hinsichtlich der Überprüfung der hier aufgestellten Zusammenhangsmodells erkennen. Das zweisprachige Messinstrument sowie die bereits erhobenen empirischen Daten (N = 213) könnten bei weitergehende Fragestellungen Anwendung finden. Insgesamt sind die erfassten Ergebnisse auch hinsichtlich ihrer Zielgruppenspezifik relevant, da sie auf mehrere Bereiche des Integrationsprozesses übertragbar sind und bei der Implementierung pädagogischer, bildungspolitischer sowie integrationsfördernder Maßnahmen eingesetzt werden können. Da „zur Gestaltung einer pädagogischer Praxis (…) vor allem eine klare Vorstellung (...) von der Zielgruppe (…) (gehört)“ (Badawia 2003:133), kann von einer hohen Relevanz des Forschungsthemas ausgegangen werden, sowohl erziehungswissenschaftlich in Bezug auf bestehende und innovative Präventions- und Interventionsmaßnahmen, als auch gesamtgesellschaftlich bezüglich bildungspolitischer und integrationsrelevanter Prozesse. Daher sollen im nachfolgenden Kapitel die Erkenntnisse einer Zielgruppenanalyse dargestellt werden. Es stellt einen Versuch dar, die vorliegende Stichprobe auf Basis der erhobenen empirischen Daten als exemplarische Zielgruppe zu analysieren.

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Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.