Content

Erziehungsverhalten und Integrationsprozesse in:

Nalan Gürbüz-Bicakci

Gibt es eine Erziehung zur Integration?, page 18 - 37

Eine multimethodische Studie zu türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3980-9, ISBN online: 978-3-8288-6709-3, https://doi.org/10.5771/9783828867093-18

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
18 1 Erziehungsverhalten und Integrationsprozesse Zwei zentrale Begriffe der vorliegenden Dissertation sind Erziehung und Integration. Ihre Definitionen sind nicht per se klar und eindeutig, daher sollen im Folgenden die begrifflichen Grundlagen der vorliegenden Forschungsfrage erläutert werden. Zunächst wird eine theoretische Grundlage zum Erziehungs- und Integrationsbegriff allgemein gegeben. Im darauffolgenden Kapitel 2 wird der Forschungsstand zum Erziehungsverhalten und zur Integration türkischer Migranteneltern dargestellt. 1.1 Erziehungsverhalten Die frühe Eltern-Kind-Beziehung trägt eine entscheidende Rolle für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Die Familie7 stellt einen wichtigen Entwicklungskontext für die kindliche Entwicklung dar. Es wird angenommen, dass in der Familie die Basispersönlichkeit des Kindes ausgebildet wird (vgl. Neumann 1981:10). Im Laufe der Kindheit und Jugend erhalten auch andere Sozialisationsinstanzen8 eine maßgebliche Rolle, doch die Familie bleibt als primäre Sozialisationsinstanz über Jahre hinweg nachweisbar prägend. „Familie (stellt) die maßgeblichen Weichen für die spätere soziale Platzierung eines Individuums, da die in Familienbeziehungen verinnerlichten Normen, Werte und Verhaltensweisen wenn auch nicht als unveränderlich, so 7 Aufgrund der Pluralisierung von Lebens- und Familienformen (Beck 1986) ist es nicht mehr möglich, von der Familie zu sprechen (vgl. Filsinger 2011:49). Trotz einer Vielfalt an Familienformen und -konzepten wird in der vorliegenden Studie Familie als Kernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, Kind bzw. Kindern, aufgefasst. 8 Zu den Sozialisationsinstanzen gehören neben der Familie auch die Bildungseinrichtungen sowie sozialen Kontakte (Freundeskreis, Partnerschaft etc.). 19 doch als besonders stabil gelten“ (Ecarius 2011:9). Zur Betrachtung der primären Sozialisationsinstanz Familie gehören aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive die Sozialisation und Erziehung. Während Sozialisation „als lebenslanger individueller Lernprozess (verstanden wird), in dem sich das Individuum zur selbstständig lebens- und arbeitsfähigen Persönlichkeit entwickelt“ (ebd.), ist Erziehung eine „geplante, zielgerichtete und absichtsvolle Sozialisation, also jener Teil der Sozialisationsprozesse, welche darauf abzielt, Veränderungen von Kindern und Jugendlichen zu bewirken“ (ebd.). Ecarius unterscheidet für die Pädagogik einen normativen und deskriptiven Erziehungsbegriff. Aus einer normativen Perspektive ist Erziehung „als Ermöglichungsbedingung für die Entfaltung von Subjektivität und Entwicklung von Mündigkeit und Selbstständigkeit“ (ebd.) definiert. Die deskriptive Pädagogik definiert „Erziehung als die jeweilige gesellschaftliche Reaktion auf die Erkenntnis, dass Menschen heranwachsen und sich entwickeln“ (ebd.:10). Nach Klaus Hurrelmann (1994) ist Erziehung „die soziale Interaktion zwischen Menschen, bei der ein Erwachsener planvoll und zielgerichtet versucht, bei einem Kind unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und der persönlichen Eigenart des Kindes erwünschtes Verhalten zu entfalten oder zu stärken. Erziehung ist ein Bestandteil des umfassenden Sozialisationsprozesses; der Bestandteil nämlich, bei dem von Erwachsenen versucht wird, bewußt (sic!) in den Prozeß (sic!) der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern einzugreifen mit dem Ziel, sie zu selbstständigen, leistungsfähigen und verantwortungsvollen Menschen zu bilden“ (Hurrelmann 1994:13). Erziehung ist also ein bewusstes meist elterliches Verhalten mit der zielgerichteten Intention, ein erwünschtes kindliches Verhalten zu fördern. Schneewind fasst den Begriff des elterlichen Erziehungsverhaltens als „alle kindbezogenen Erlebnis- und Handlungsweisen, die Eltern mit oder ohne Beeinflussungsabsicht äußern“ (Schneewind 1980:21) auf. An dieser Definition wird deutlich, dass auch elterliche Handlungen ohne zielgerichtete Absichten gegenüber dem Kind als Erziehungsverhalten aufgefasst werden. „Elterliches Erziehungsverhalten unterliegt vielfältigen Einflüssen“ (Reichle/Franiek 2007:4). Belsky (1984) konzipierte ein allgemeines theoretisches Modell der Determinanten des elterlichen Verhaltens, in dem drei Hauptfaktoren für dysfunktionale bzw. gelungene Elternschaft identifiziert werden: „die individuellen psychologischen Ressourcen der Eltern (Elternpersönlichkeit), die Eigenschaften des Kindes und den sozialen Kontext, in den die Eltern-Kind-Beziehung eingebettet ist (Paarbeziehung, soziale Netzwerke sowie die berufsbezogenen Erfahrungen der Eltern)“ (ebd.). In dem Modell (Abb.1) wird davon ausgegangen, dass die elterliche Entwicklungsgeschichte, die eheliche Paarbeziehung, die sozialen Netzwerke sowie die Erwerbstätigkeit 20 Auswirkungen auf das psychosoziale Befinden der Eltern sowie auf das elterliche Erziehungsverhalten haben, welches wiederum die Kindesentwicklung beeinflusst (vgl. Asisi 2015:25). Belsky schlussfolgert, dass das elterliche Erziehungsverhalten multideterminiert ist, dass elterliche und kindliche Eigenschaften sowie der soziale Kontext die Elternschaft beeinflussen und dass die elterliche Entwicklungsgeschichte und Persönlichkeit jedes Elternteiles indirekt auf elterliches Erziehungsverhalten wirken (vgl. ebd.:25f.). Abb. 1: Prozessmodell der Determinanten des elterlichen Erziehungsverhaltens nach Belsky (1984), Eigene Abbildung nach Asisi 2015:26. Nach Belsky werden „kognitive und motivationale Kompetenz sowie gesunde sozioemotionale Entwicklung des Kindes durch sensitive, aufmerksame, warme, stimulierende und nicht einschränkende Elternpflege (gefördert)“ (ebd.:26). Eltern können demnach durch ein entwicklungsförderndes, sensitives Verhalten eine positive Entwicklung ihrer Kinder bewirken. Zu entwicklungsfördernden Eigenschaften der Eltern zählen nach Belsky vor allem die Persönlichkeitsmerkmale der Eltern. Dazu gehören eine emphatische und adaptionsfähige Fähigkeit, das Alter, hohes Selbstwertgefühl, psychische Gesundheit und Wohlbefinden sowie positive Erfahrungen in der eigenen Kindheit (vgl. ebd.:27). Die Merkmale des Kindes, dazu gehört insbesondere sein Temperament, haben ebenfalls einen Einfluss auf das elterliche Erziehungsverhalten. Es wird zwischen schwierigem und unkompliziertem Temperament unterschieden (vgl. ebd.). Ist die Anpassungsfähigkeit des Kindes eingeschränkt, zeigt es impulsives und reaktives Verhalten, so hat es ein schwieriges Temperament und kann die Elternschaft erschweren. Positive Stimmung, 21 geringere Reaktivität sowie hohe Anpassungsfähigkeit gehören zu den unkomplizierten Temperamenteigenschaften eines Kindes (vgl. ebd.). Zu den Einflüssen auf das elterliche Erziehungsverhalten des sozialen Kontextes zählen die eheliche Beziehung, die unterstützenden sozialen Netzwerke sowie die arbeitsbezogenen Erfahrungen der Eltern (vgl. ebd.:27f.). Eine positive Partnerschaft, die gegenseitigen Unterstützungen der Eltern sowie die väterliche Beteiligung an familiären Interaktionen beeinflussen zunächst allgemein das psychische Wohlbefinden der Eltern, welches das elterliche Erziehungsverhalten und somit die kindliche Entwicklung tangieren (vgl. ebd.). Für den Bereich der sozialen Netzwerke konstatiert Belsky, dass „ein dichteres soziales Netz (…) mit höherem Selbstvertrauen der Mutter sowie mit einer besseren Anpassung an kindliche Bedürfnisse und dessen Fähigkeiten zusammen(hängt)“ (ebd.). Durch die Erfahrung sozialer Unterstützung eines dichten sozialen Netzwerkes kann sich demnach das psychische Wohlbefinden sowie der Selbstwert der Eltern erhöhen und konsequenterweise die Eltern-Kind- Beziehung verbessern (vgl. ebd.:28). Die Zufriedenheit mit dem Berufsstatus zeigt in dem Modell von Belsky einen ähnlichen Effekt. Eine hohe Zufriedenheit mit der Erwerbstätigkeit sowie dem Einkommen korreliert positiv mit einem entwicklungsfördernden Erziehungsverhalten, denn „die Zufriedenheit mit dem eigenen Berufsstatus zeigt sich in mehr positiver Emotionalität und einem geringeren Einfordern von Disziplin den Kindern gegenüber“ (ebd.). Die Determinanten elterlichen Verhaltens hängen als „gepuffertes System“ zusammen und bedingen sich gegenseitig, so dass „wenn einige der Determinanten gefährdet sind, „puffern“ die anderen die Einflüsse auf das elterliche Erziehungsverhalten“ (ebd.). Eine entwicklungsfördernde Erziehung gelingt demnach am ehesten, wenn das persönliche „Ressourcen-Subsystem der Eltern funktioniert und eine einfühlsame und verantwortliche Betreuung unterstützt“ (ebd.:28f.). Entscheidend sind dem Modell zufolge vor allem die Persönlichkeitsdeterminanten beider Eltern, da sie die „negativen Einflüsse der kindlichen Eigenschaften und des sozialen Kontextes mildern (können)“ (ebd.:29). Kinder sind in dem „Erziehungsgeschehen nicht als Objekte anzusehen. Denn Kinder sind von Geburt an ihrerseits handelnde Subjekte, die sich schon frühzeitig gleichermaßen als Akteure erleben“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005:9) und dem Modell von Belsky folgend auch mit ihrem Temperament und ihren Eigenschaften Einfluss ausüben können. Zum elterlichen Erziehungsverhalten gehören deskriptive Aspekte wie Erziehungseinstellungen, -praktiken, -ziele sowie -stile (vgl. Schneewind 1980: 24f.). Darling und Steinberg (1993) haben ein systemisch-kontextualistisches Modell des elterlichen Erziehungsverhaltens (Abb. 2) entwickelt, um das Zusammenwirken von Erziehungszielen, -praktiken und -stilen zu erklären (vgl. 22 Fuhrer 2005:235). Die nachfolgende Abbildung 2 veranschaulicht dieses Modell. Abb. 2: Systemisch-kontextualistisches Modell des elterlichen Erziehungsverhaltens nach Darling & Steinberg 1993:493. (Quelle: Fuhrer 2005:236). In dem Modell wird ersichtlich, dass die Erziehungsstile und das Erziehungsverhalten durch Erziehungsziele und –werte beeinflusst werden. Der elterliche Erziehungsstil hat eine indirekte Wirkung auf die kindliche Entwicklung aber eine direkte Wirkung auf die kindliche Bereitschaft, sich erziehen zu lassen. Diese kindlichen Persönlichkeitsmerkmale „moderieren (wiederum) den Zusammenhang zwischen Erziehungsverhalten und kindlicher Entwicklung“ (ebd.:236). Die Erziehungspraktiken haben einen direkten Effekt auf die Entwicklung des Kindes. Auch in diesem Modell wird deutlich, dass Kinder nicht passive Opfer der Erziehung sind, sondern ihre Bereitschaft, sich erziehen zu lassen, also ihr Temperament und ihre Persönlichkeitseigenschaften eine Moderatorfunktion haben. Erziehungsziele und -einstellungen werden durch Sozialisationserfahrungen der Eltern geprägt (vgl. Uhanyan 2012:76) und erweisen sich als relativ stabil (vgl. Nauck/Özel 1986:307). Sie stellen kindbezogene Meinungen der Eltern und ihre erwünschten, zukünftigen Rollen für ihre Kinder dar. Die Auffassung, dass Erziehung ein zielgerichtetes elterliches Handeln ist, manifestiert sich vor allem in den Erziehungszielen. Diese werden als kulturell vermittelt und zeitgemäßen Entwicklungen anpassend betrachtet. Die Erziehungspraktiken sind „konkrete Verhaltensweisen der Eltern, mit denen diese auf die Reaktionen oder Verhaltensmuster ihrer Kinder in Form von positiven oder negativen Sanktionen reagieren“ (Ecarius 2007:143) und dienen der Erreichung von Erziehungszielen. Diese Praktiken werden durch die Erziehungsstile moderiert, welche als situationsübergreifendes, emotionales Familienklima verstanden werden. Der Erziehungsstil ist der Kontext, in dem die Erziehung stattfindet. 23 Die Erziehungsstilforschung untersucht „typologische Konzepte elterlichen Erziehungsverhaltens sowie deren Effekte auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“ (Fuhrer 2005:232). Es wird davon ausgegangen, die kindliche Persönlichkeit sowie seine soziale, kognitive und emotionale Entwicklung durch den Erziehungsstil der Eltern erklären zu können (vgl. Asendorpf/Banse 2000:81). Dabei stammt die bekannteste Typologie der Erziehungsstile von Diana Baumrind (1971), die zwischen einem permissiven, autoritativen und autoritären Erziehungsstil unterscheidet. Diese werden von Maccoby und Martin (1983) um einen vernachlässigenden Erziehungsstil ergänzt. Die Typologie ergibt sich aus der Verknüpfung zweier Erziehungsdimensionen, welche als grundlegend für die kindliche Entwicklung herausgestellt wurden: Kontrolle und emotionale Unterstützung. Der autoritäre Erziehungsstil ist gekennzeichnet durch starke Kontrolle und emotionale Kälte. Autoritäre Eltern fordern Gehorsam und sind anweisend. Für die Einhaltung der Regeln werden auch körperliche Strafen, Verbote und psychische Bedrohungen eingesetzt. Der permissive Erziehungsstil beschreibt eine elterliche emotionale Nähe zum Kind ohne Regelvorgaben. Permissive Eltern sind liebevoll, kindzentriert und sensibel, doch haben keine Verhaltenserwartungen an das Kind. Der vernachlässigende Stil zeigt sich durch das Fehlen beider Dimensionen. Der autoritative Erziehungsstil kennzeichnet sich durch das gleichzeitige Vorhandensein beider Dimensionen, also klarer und strikter Regelvorgaben bei großer emotionaler Wärme. Autoritative Eltern sind zwar fordernd, doch sie zeigen auch großes Interesse am Kind und an seiner Entwicklung. Ihre Forderungen sind altersgemäß, orientieren sich am Entwicklungsstand ihrer Kinder und werden ihnen altersgemäß erklärt und begründet. Sie sind bemüht mit ihrem disziplinierenden Verhalten Unterstützung zu leisten und berücksichtigen auch kindliche Bedürfnisse und Interessen. „Eltern (befriedigen) unter Berücksichtigung der Individualität und des Entwicklungsstandes ihrer Kinder deren Bedürfnisse nach einem liebevollen, akzeptierenden und unterstützenden Verhalten (…) und (respektieren und wertschätzen) sie in ihrer individuellen Besonderheit (…)“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005:12). Zur autoritativen Erziehung gehört eine offene, innerfamiliale Kommunikationsstruktur, in der Eltern viel mit ihren Kindern sprechen, sie nach ihrer Meinung fragen und sie in die familialen Entscheidungen einbeziehen. Der autoritative Erziehungsstil sei nach Erkenntnissen der Erziehungsstilforschung anzustreben, „da er stärker mit einem positiven Selbstwertgefühl und sozialer Kompetenz des Kindes korreliere“ (Asendorpf/Banse 2000:81) und mit besseren Schulleistungen, weniger Verhaltensproblemen und einem positiveren Selbstkonzept in Verbindung stehe (vgl. Uhanyan 2012:85). Der 24 autoritäre Erziehungsstil bewirke hingegen eher negative Folgen für die kindliche Entwicklung und fördere die jugendliche Gewaltdelinquenz. Für alle vier Erziehungsstile konnten in diversen Studien9 empirisch gesicherte Daten und Zusammenhänge mit Entwicklungseffekten bei Kindern und Jugendlichen nachgewiesen werden (vgl. Fuhrer 2005:232). Für die positiven Effekte der autoritativen Erziehung konnte jedoch keine kulturübergreifende und alle Kinder einbeziehende Gültigkeit konstatiert werden (vgl. ebd.:237). In kulturvergleichenden Untersuchungen zu den Erziehungsstilen konnte gezeigt werden, dass unter bestimmten Bedingungen die einzelnen Erziehungsstile unterschiedliche Auswirkungen haben. Wenn die Kinder in entwicklungsgefährdenden bzw. delinquenzförderlichen Umwelten aufwachsen, was für einige türkische Kinder und Jugendliche vermutet wird (vgl. Uslucan 2010c:220), so habe die autoritäre Erziehung durchaus eine sinnvolle Funktion, weil diese Kinder und Jugendlichen eine stärkere Kontrolle und Lenkung bedürften. Otyakmaz konstatiert, dass dieser Erziehungsstil-Typologie „ein westlich-christliches Weltverständnis zugrunde liegt und daher durch diese Erziehungsstilkonzeption das Verhalten von nicht-westlichen Eltern nicht adäquat erfasst wird“ (Otyakmaz 2008:3). Für eine entwicklungsförderliche Umsetzung elterlichen Erziehungsverhaltens werden insgesamt äußerliche Bedingungen, unter denen Familien ihr Leben gestalten, als relevant erachtet (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005:15). Dazu zählen insbesondere ökonomische und zeitliche Ressourcen und damit Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe, die Erwerbsbeteiligung der Eltern und die berufsbezogenen Erfahrungen sowie die Betreuungsarrangements für die Kinder (vgl. ebd.). Vorliegende Erkenntnisse zum elterlichen Erziehungsverhalten und zu Eltern- Kind-Beziehungen sind zudem durch regelmäßige Forschung zu „Fragen des Wandels von Erziehung sowie hieraus resultierende Risiken und Chancen für die Entwicklung von Kindern, die Bedeutung relevanter Merkmale von Erziehung für die Kompetenz- und Sozialentwicklung von Kindern und die Effekte kontextueller, familiärer und personaler Einflussfaktoren auf elterliches Erziehungsverhalten und die Gestaltung von Eltern-Kind-Beziehungen“ (pairfam o.J.) zu aktualisieren. Das Beziehungs- und Familienpanel pairfam erforscht mittels multidisziplinärer repräsentativer Längsschnittstudien die partnerschaftlichen und familialen Lebensformen in Deutschland. Durch die jährlich erhobenen Befragungsdaten kann die Entwicklung von Partnerschafts- und Generationenbeziehungen in unterschiedlichen Lebensphasen dokumentiert werden. In ihren 9 Für die vorliegenden Ergebnisse zu den Wirkungen der Erziehungsstile gilt eine Einschränkung auf den westlich-christlichen Kulturkreis (vgl. Fuhrer 2005:232). 25 Veröffentlichungen stellen die Autoren fest, dass sich durch grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen auch in der Erziehung und in den Eltern- Kind-Interaktionen erhebliche Veränderungen ergeben haben. Grundlegend wird eine vermehrt kindzentrierte Orientierung in der Erziehung und eine „verstärkt auf die Selbstverwirklichung des Kindes“ (pairfam o.J.) wertlegende Erziehungshaltung festgestellt. Ausgehend von den oben skizzierten theoretischen Grundlagen zur Erziehung wird in der vorliegenden Dissertation das elterliche Erziehungsverhalten untersucht, da es nach dem integrativen Modell von Steinberg und Darling einen direkten Einfluss auf kindliche Entwicklung annehmen lässt. Da auch Nauck und Özel (1986) in ihren Untersuchungen zum migrationsbedingten familialen Wandel zeigen konnten, dass sich durch den Eingliederungsprozess und die daraus resultierenden Handlungsalternativen die Erziehungspraktiken ändern (vgl. Nauck/Özel 1986:307), stehen diese im Vordergrund der eigenen Studie. In Anlehnung an Schneewind wird in diesem Dissertationsprojekt elterliches Erziehungsverhalten als „alle kindbezogenen Erlebnis- und Handlungsweisen, die Eltern mit oder ohne Beeinflussungsabsicht äußern“ (Schneewind 1980:21) definiert. Bevor der Forschungsstand zur Zielgruppe dargestellt wird, folgen zunächst im nächsten Kapitel die begrifflichen Grundlagen zum Integrationsbegriff. 1.2 Integration Obwohl Integration ein interdisziplinär erforschtes Thema ist und viele theoretische Konzepte vorliegen, zeigen aktuelle Debatten, dass „die Konzepte sehr undeutlich und uneinheitlich definiert sind, die Theorien äußerst vielfältig und divergent sind und die Forschungsergebnisse so unüberschaubar sind, dass kaum vergleichbare und wissenschaftlich verallgemeinerbare Antworten (…) gegeben werden können“ (Zick 2010:25). Der Integrationsbegriff sowie seine politischen wie wissenschaftlichen Konzepte sind kontrovers geführte und debattierte Themen. Die Debatte erstreckt sich von einem eher positiv besetzten, liberal gedachten Multikulturalismus bis zu einem negativ besetzten, einseitigen Assimilationsdruck an die Mehrheitsgesellschaft (vgl. Pries 2015:10). Zudem basiert der Integrationsdiskurs vornehmlich „auf Negativnarrativen über die ‚verweigerte‘, ‚misslungene‘, die ‚verpasste‘ oder gar die ‚unmögliche‘ Integration“ (Mecheril 2014:108). 26 Die konzeptuelle Vielfalt der Integrations- und Migrationsforschung10 führt zur Verwendung ambivalenter Begrifflichkeiten, dessen Inhalte nur teilweise definiert sind und damit zu missverständlichen Erwartungen. Weder in der Politik noch in der Wissenschaft oder in den gesellschaftlichen, medialen Debatten sind die Inhalte der oftmals parallel genutzten Termini bekannt. Integration, Assimilation, Eingliederung, Partizipation, Teilhabe, Akkulturation und Inklusion sind dabei nur einige dieser synonym verwendeten Begrifflichkeiten. Diese Unklarheiten und Verwirrungen werden als ein Resultat der Politik verstanden, denn jahrzehntelang bediente sich die Bundesrepublik ihrer „Lebenslüge“ (Bade 1994b:40), sie sei kein Einwanderungsland und brauche daher keine Einwanderungspolitik. Diese politische Selbstbeschreibung als Nicht-Einwanderungsland verursachte „nicht intendierte Folgen auf verschiedenen Ebenen“ (Bade/Oltmer 2004a:463), die es nun in der Gegenwart mit einer sehr kostenintensiven nachholenden11 Integrationspolitik zu beseitigen bzw. zu korrigieren gilt. Erst mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts (2000) und mit dem Zuwanderungsgesetz (2005) versteht sich die Bundesrepublik offiziell als ein Einwanderungsland und Integration als eine fachübergreifende Querschnittsaufgabe. Bundeskanzlerin Angela Merkel bildete 2006 den Integrationsgipfel und erklärte Integration zur Chefsache. Die Relevanz eines nachholenden Integrationsbedarfes wird durch diese „Symbolpolitik“ (Bade 2007:53) öffentlich postuliert, ohne eine begriffliche oder politische Einigung über die Inhalte zu verankern. Integration, zunächst allgemein verstanden als die Eingliederung der zugewanderten Menschen in die Mehrheitsgesellschaft, wird als Assimilation aufgefasst und gedeutet. Klaus Bade, der den Begriff der nachholenden Integrationspolitik verankerte, stellte fest, dass „bei der Rede von der allgemeinhin 'gescheiterten Integration‘ (…) oft irrtümlich kategoriale Messlatten für Assimilationsprozesse angelegt (werden)“ (ebd.:21). Assimilation sei ein „eigendynamischer Prozess“ (ebd.), der einer Integration folgen könne, „aber nicht muss, und der vor allem nicht eingefordert oder gar amtlich verordnet werden kann“ (ebd.). Assimilation ist ein „einseitiger, nur in eine Richtung laufender Prozess (…), in welchem die Einwanderer und ihre Nachkommen ihre Kultur aufgeben und die des Einwanderungslandes vollständig übernehmen“ (Heckmann 2015:75, Hervorheb. in Original). Integration wird im Gegensatz dazu als ein Prozess der „Mitgliedschaftswerdung in der neuen Gesellschaft“ (ebd.:21) aufgefasst. 10 Für eine zusammenfassende Darstellung der Migrations- und Integrationsforschung vgl. Treibel (2003), Siminovskaia (2008), Steinbach (2004), Griese (2013), Mecheril/Reuter (2015). 11 Für eine ausführliche Darstellung der „Folgekosten der defensiven Selbstbeschreibung“ vgl. Bade/Oltmer (2004a: 463ff.). 27 Für eine Konkretisierung des Integrationsbegriffes wird in Anlehnung an David Lockwood (1971) zwischen System- und Sozialintegration differenziert (vgl. Esser 2001; Heckmann 2015). Unter Integration wird zunächst allgemein der „Zusammenhalt von Teilen in einem ‚systemischen‘ Ganzen“ (Esser 2001:1) verstanden, wobei die einzelnen Teile ein nicht wegzudenkender, ein „integraler“ Bestandteil des Ganzen sein müssen. „Durch diesen Zusammenhalt der Teile grenzt sich das System dann auch von einer bestimmten ‚Umgebung‘ ab und wird von dieser Umgebung als ‚System‘ identifizierbar“ (ebd.). Die Systemintegration bezieht sich auf die „Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit“ (ebd.:3) und ergibt sich „unabhängig von den speziellen Motiven und Beziehungen der individuellen Akteure“ (ebd.). Die Sozialintegration bezieht sich hingegen auf die „Integration der Akteure bzw. der von ihnen gebildeten Gruppen „in“ das System hinein“ (ebd.) und hat folglich mit den individuellen Motiven, Absichten und den Beziehungen der Akteure zu tun (vgl. ebd.:4). Nach Heckmann bedeutet „Sozialintegration (…), dass gesellschaftliche Mitgliedschaft erworben wird“ (Heckmann 2015:70) und „Systemintegration bezieht sich auf die Art der Beziehungen zwischen den Akteuren und Teilsystemen in sozialen Systemen“ (ebd.). In der Migrations- und Integrationsforschung wird Integration als die Sozialintegration der individuellen Migranten in die Mehrheitsgesellschaft verstanden. Es wird davon ausgegangen, dass Sozialintegration über mindestens vier Dimensionen erfolgen kann: Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation (vgl. Esser 2001:8). Die Sozialintegration über die Kulturation ist ein Prozess des Erwerbs des jeweiligen Wissens, bestimmter Kompetenzen und kultureller Standards, welche „notwendig (sind) für die Fähigkeit, erfolgreich in der Gesellschaft handeln zu können“ (Heckmann 2015:71). Die Kulturation ist eine Form des Lernens und von Gelegenheitsstrukturen abhängig, die dieses Lernen ermöglichen, unterstützen und/oder nicht unterbinden. Die Platzierung ist nach Esser die wichtigste Form des Einbezugs in die Gesellschaft (vgl. Esser 2001:9) und beinhaltet die Besetzung von gesellschaftlichen Positionen etwa im Bildungssystem, in der Wirtschaft, der Politik, Kultur oder im sozialen Sicherungssystem (vgl. Heckmann 2015:71). Durch die Platzierung werden die Individuen in ein bereits bestehendes soziales System integriert. Zur Sozialintegration durch die Platzierung gehören unter anderem die Verleihung bestimmter Rechte wie etwa das Wahlrecht, die Übernahme beruflicher und anderer Positionen und die sozialen Gelegenheiten zur Aufnahme und zum Erhalt sozialer Beziehungen zu den anderen Mitgliedern des Systems (vgl. Esser 2001:9). Hierbei spielt die Kulturation eine wichtige Rolle, denn einerseits erwerben die Individuen durch die Platzierung gewisse Kompetenzen, die für diesen Bereich spezifisch sind, aber anderer- 28 seits entscheiden die subjektiven Kompetenzen und die Kulturation darüber, welche Positionen eingenommen werden können. Die Kulturation wird daher als eine Voraussetzung für die Platzierung betrachtet (vgl. ebd.:10). Nach Esser ist die Platzierung der Individuen „der Schlüssel für jede nachhaltige Sozialintegration“ (ebd.:10). Die Sozialintegration über Interaktionen erfolgt über eine Eingliederung in die alltäglichen, nicht-formellen Bereiche der Gesellschaft (vgl. ebd.:11). Sie ist eine Form des sozialen Handelns, „die durch wechselseitige Orientierungen der Akteure und die Bildung von Beziehungen und Netzwerken gekennzeichnet ist“ (Heckmann 2015:71) und somit über soziale Beziehungen und Kontakte zu erreichen. Für diese Beziehungen werden Gelegenheitsstrukturen als notwendig erachtet. So müssen beispielsweise räumliche Voraussetzungen gegeben sein, um sich begegnen zu können, und gewisse kulturelle Fertigkeiten, wie die gemeinsame Sprache, geteilt werden, um eine Kommunikation führen und Freundschaften eingehen zu können (vgl. Esser 2001:11). Kulturation und Platzierung werden zwar nach Esser als Voraussetzung für Interaktionen erfasst, doch eine gegenseitige sich verstärkende Beziehung postuliert. Interaktionen können Kulturation und Platzierung bewirken. Die Sprachkenntnisse können sich beispielsweise durch die Aufnahme interethnischer Beziehungen verbessern (vgl. ebd.). Die Identifikation ist jene besondere Einstellung einer Person, „in der er sich und das soziale Gebilde als eine Einheit sieht und mit ihm ‚identisch‘ wird“ (ebd.:12). Eine emotionale Verbundenheit mit dem System und die Entwicklung eines Wir- Gefühls stehen im Vordergrund dieser Dimension. Das Individuum sieht sich selbst als einen Teil der Gesellschaft und stimmt der gesellschaftlichen Ordnung und seinen Werten zum größtenteils zu (vgl. ebd.). Die Bedingung für eine Identifikation ist nach Esser „eine zufriedenstellende Platzierung (…) und die Einbettung in Interaktionen und soziale Beziehungen im betreffenden sozialen System, die ihrerseits an eine entsprechende Kulturation gebunden sind“ (ebd.:14, Hervorheb. im Original). Identifikationen mit dem Aufnahmeland werden eher von den Folgegenerationen erwartet und gefordert (vgl. Sauer et.al. 2009:58). Nach Esser stehen die vier Dimensionen der Sozialintegration in einer kausalen Beziehung zueinander und bedingen sich gegenseitig. Demnach erfolgt eine Identifikation mit der Gesellschaft „als Resultat anderer Integrationsprozesse und darum auch zeitversetzt“ (Heckmann 2015:73) und nur dann, wenn die „Zugehörigkeit dazu auch als ertragreich erlebt wird“ (Esser 2001:17). Dieses Gefühl wird erst durch eine positive Einbettung in soziale Netzwerke erreicht, wenn also Interaktionen vorhanden sind. Dazu kann es aber nur kommen, wenn bestimmte kulturelle Kompetenzen (Kulturation), wie die Sprache, beherrscht werden. Diese Vorgänge setzen wiederum eine Platzierung auf zentralen Positionen der Gesellschaft, wie Arbeitsmarkt und Bildungssystem, voraus. Die Platzierung ist „wiederum (…) gebunden an die 29 Fähigkeit, in den Institutionen der neuen Gesellschaft kommunizieren und partizipieren zu können, was den Erwerb kultureller Kompetenzen der Aufnahmegesellschaft voraussetzt“ (Heckmann 2015:73). Die Eingliederung der Migranten erfolgt nach Esser über die beschriebenen vier Dimensionen der Sozialintegration. Die Integrationsforschung ging lange Zeit davon aus, dass Integration, wenn auch über Generationen hinweg, unweigerlich eintreffen werde12. Empirische Studien sowie soziodemographische Daten konnten diese Annahmen nicht belegen. Für die Folgegenerationen konstituieren beispielsweise Uslucan und Brinkmann, dass „vor allem die dritte Generation (…) am stärksten Schwierigkeiten und Integrationsprobleme zeigt“ (Uslucan/Brinkmann 2013:13) und dass eine Integration meist erst ab der vierten Generation signifikante Erfolge aufweisen könnte (vgl. ebd.). Dies sei aber einerseits abhängig von „soziodemographische(n) Faktoren und Einstellungen der Zuwanderergeneration (sowie deren Nachkommen)“ und andererseits von „Integrationsmaßnahmen der Aufnahmegesellschaft - und nicht zuletzt (von den) Einstellungen des Einzelnen gegenüber den MigrantInnen“ (ebd.). Wie Berry (1997) in seinem Vier-Felder-Schema zur Begründung von Akkulturationsstrategien sowie Esser mit seinem Assimilationsmodell (1980, 2001) konstatierten, stehen den zugewanderten Personen vier mögliche Ausgänge des Eingliederungsprozesses zu: Assimilation, Marginalität, ethnische Segmentationen und Mehrfachintegration13 (vgl. Esser 2001:20). Diese resultieren aus der Annahme, dass den Migranten drei mögliche Bezugsumgebungen zustehen. Die zugewanderte Bevölkerung habe die Möglichkeit, sich in die Aufnahmegesellschaft, in die Herkunftsgesellschaft oder die ethnische Gemeinde im Aufnahmeland zu integrieren (Tab. 1). 12 Für einen Überblick über die Integrationsforschung vgl. u.a. Treibel (2003), Han (2006), Steinbach (2004). 13 Ausgehend von zwei Dimensionen (Beibehaltung kultureller Identität und Teilhabe an anderen kulturellen Gruppen bzw. an Gesamtgesellschaft) unterscheidet Berry in seinem Vier-Felder-Schema zwischen Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung (vgl. Pries 2015:26). Der Integrationsbegriff von Berry stellt die Mehrfachintegration im Modell von Esser dar. 30 Tab. 1: Typen der Sozialintegration von Migranten Sozialintegration in Aufnahmegesellschaft ja nein ja Sozialintegration in Herkunftsgesellschaft/ ethnische Gemeinde nein Mehrfachintegration Segmentation Assimilation Marginalität Quelle: Esser 2001:19. Ist ein Migrant nur in die Herkunftsgesellschaft bzw. eigene ethnische Gemeinde im Aufnahmeland integriert, so liegt eine ethnische Segmentation vor. Begünstigt werden Segmentationen durch das Vorhandensein dauerhaft etablierter gesellschaftlicher Institutionen im Aufnahmeland. Zwar hat die ethnische Segmentation auch eine sozialintegrative Funktion, indem sie nämlich als Auffangstation vor allem für die erste Generation bzw. für Neu- Zugewanderte dient und einige Belastungen aus der Migrationssituation puffert (vgl. Esser 2001:20), dennoch ist sie nach Esser keine Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft. Die lange Zeit gültige Vorstellung, dass die ethnische Gemeinde im Aufnahmegebiet (nur) ein notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg in die Aufnahmegesellschaft ist (vgl. Luft 2007:254), hat sich indessen widerlegt. Empirische Untersuchungen (vgl. Esser/Friedrichs 1990) haben gezeigt, dass ethnische Segmentationen auch für die Folgegenerationen eine „dauerhafte Alternative der Lebensgestaltung“ (Esser 2001:20) bilden können. Dies trifft vor allem dann zu, wenn die ethnische Gemeinde sich eigenständig institutionalisiert und vervollständigt hat. Marginalität ist der Zustand eines Migranten, wenn dieser in keine der Bezugsumgebungen integriert ist, also wenn weder im Aufnahmeland noch im ethnischen Herkunftskontext bzw. Herkunftsland eine Integration stattfindet. Wenn zu „hohe Zugangsbarrieren zu Bildung, Arbeit oder sozialer Partizipation bestehen und keine Anreize oder Möglichkeiten gegeben sind, die Herkunftskultur aufrechtzuerhalten“ (Sauer et.al. 2009:19), wird eine Marginalisierung wahrscheinlicher. Esser definiert den marginalisierten Migranten als „heimatlosen Fremden“ (Esser 2001:20). Assimilation bezeichnet die Integration in die Aufnahmegesellschaft bei „Aufgabe der Bindungen im ethnischen Kontext“ (Pries 2015:12). Assimilier- 31 te Migranten sind demnach nur in die Aufnahmegesellschaft integriert, bei „gleichzeitigen Ausschluss aus der ethnischen Gruppe“ (Esser 2009:362). Eine Mehrfachintegration, auch multiple Inklusion oder Handlungsintegration14 genannt, bezeichnet die gleichzeitige Integration sowohl in die Aufnahme- als auch in die Herkunftsgesellschaft. Die gleichzeitige Beherrschung beider Sprachen, Ausübung diverser kultureller Fertigkeiten, soziale Beziehungen zu beiden Gruppen, Einbettung in interethnische Netzwerke sowie die Identifikation bzw. emotionale Verbundenheit mit beiden Gesellschaften sind Merkmale einer mehrfach integrierten Person (vgl. Esser 2001:20; Esser 2009:362). Nach Esser ist die Mehrfachintegration zwar oft erwünscht, aber theoretisch unrealistisch und empirisch eine Seltenheit (vgl. Esser 2001:20), denn es erfordere mehr Ressourcen und sei allenfalls für Akademiker bzw. ihre Kinder möglich. In seiner empirischen Untersuchung der Effekte der Mehrfachintegration mit den Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) konstatiert Esser (2009), dass „die multiple Inklusion in keiner der Dimensionen Auswirkungen auf die Sozial-Integration in das Aufnahmeland hat: Es gibt durchgängig entweder keinerlei Beziehungen oder an manchen Stellen sogar negative“ (Esser 2009:374, Hervorheb. in Original). Im Gegensatz dazu hat Berry in seinen empirischen Befunden die Mehrfachintegration als eine realistischere Strategie für Einwanderungsgesellschaften eingestuft (vgl. Pries 2015:27). In seinem Integrationskonzept „steht nicht die Frage nach einem ‚Entweder-oder‘ (Teil der Herkunftsgesellschaft oder Teil der Ankunftsgesellschaft) im Vordergrund, sondern die Frage nach dem ‚Sowohl-als-auch‘ der Teilnahme und Teilhabe an unterschiedlichen sozio-kulturellen Gruppen“ (Pries 2015:25, Hervorheb. in Original). Pries sieht die Zurückhaltung gegenüber dem Konzept der Mehrfachintegration aus einem reduzierten Integrationsverständnis resultierend, welches recht gut in dem „Stufenmodell der monistischen Assimilation“ (ebd.:12) deutlich werde. Sauer et. al. (2009) stellen fest, dass „mit Mehrfachintegration verbundene Phänomene (…) weniger als Chancen denn als Anlass für Loyalitätskonflikte und Hemmnisse für das konfliktfreie Zusammenleben und die Stabilität von Gesellschaft gedeutet (werden)“ (Sauer et.al. 2009:20). Die Integration der Migranten in die Aufnahmegesellschaft gilt im Allgemeinen dann als gelungen, wenn zwischen Zugewanderten und Einheimischen eine Angleichung in gewissen Verteilungen zwischen den jeweiligen Gruppen besteht. Integration liegt also dann vor, wenn Einheimische wie Zuge- 14 In der Integrationsforschung werden diese unterschiedlichen Termini „Mehrfachintegration, Handlungsintegration, multiple Integration“ synonym verwendet (vgl. Esser 2001, Nauck 1998). In Berrys Vier-Felder-Schema bezeichnet Integration das, was andere Autoren mit Mehrfachintegration meinen (vgl. Berry 1997). 32 wanderte an den ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen (vgl. Filsinger 2011:53) gleichermaßen partizipieren und zwischen ihnen keine systematischen Unterschiede in den Verteilungen existieren. Hartmut Esser (1980) sieht eine solche Angleichung in den Verteilungen nur über eine Assimilation erreichbar. Der Begriff der Assimilation bedeute für ihn nicht die Homogenisierung der Gesellschaft oder die einseitige Anpassung der Migranten an die deutsche Mehrheitsgesellschaft, sondern lediglich „den Zustand der Ähnlichkeit einer Person relativ zu den üblichen Differenzierungskategorien“ (Esser 1980:22) und damit den Zustand der „Angleichung in gewissen Verteilungen der verschiedenen Gruppen“ (Esser 2001:21). Esser versteht die Eingliederung der Migranten aus einer handlungstheoretischen Perspektive als einen Prozess, an dem sowohl die Migranten als auch die Aufnahmegesellschaft gleichermaßen beteiligt sind. Aus dieser Perspektive erfolgt eine Eingliederung bei entsprechender Bereitschaft der Migranten zur Aufnahme assimilativer15 Handlungen, wenn die Aufnahmegesellschaft eine Eingliederung sozial und räumlich ermöglicht und keine unüberwindbaren Barrieren, Widerstände und/ oder nicht-assimilative Handlungsalternativen im Aufnahmesystem vorliegen. Beide Seiten müssen also mitwirken und die Verantwortung für das Gelingen der Integration gemeinsam tragen. Dabei setzt die Aufnahmegesellschaft den Rahmen, bestimmt den Spielraum der Handlungsmöglichkeiten und hat ein ungleich größeres Potenzial, die Beziehung zu definieren (vgl. Steinbach 2004:75). Die zugewanderte Bevölkerung muss „ein bei weitem höheres Maß an Anpassung“ (Bade 1994b:99) leisten. Integration ist also kein einseitiger Anpassungsprozess, sondern „produktive Realitätsverarbeitung“ (Westphal 2006:60). Es gestaltet sich in Interaktion zu verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten und ist einerseits abhängig „von den individuellen Voraussetzungen und Ressourcen wie Bildungshintergrund, Sprachkompetenz und Einreisealter“ und andererseits abhängig von der „Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft bzw. ihrer Mitglieder, Teilhabechancen (wie z. B. im Bildungssystem, auf dem Arbeitsund Wohnungsmarkt) zu gewährleisten und Kontakte sowie Partizipation (im öffentlichen und kulturellen Leben) überhaupt zuzulassen bzw. zu fördern“ (ebd.). Die Bundesregierung versteht unter Integration ebenfalls einen beidseitigen Prozess, an dem sowohl die Aufnahmegesellschaft als „Rahmensetzer“ als auch die zugewanderten Menschen als Akteure beteiligt sind. Erfolg- 15 Da Esser in seinem Integrationskonzept von Assimilation und assimilativen Handlungen spricht und Assimilation als alternativlos betrachtet, wurde sein Konzept mehrfach kritisiert. Seine postulierten Integrationsdimensionen sowie das Kausalmodell der Sozialintegration werden aber vielfach in anderen sozialwissenschaftlichen und integrationspolitischen Konzepten herangezogen. 33 reiche Integration ist für die Bundesregierung „Identifikation, Teilhabe und Verantwortung“ (Bundeskanzleramt 2006:3), wofür Anstrengungen „seitens des Staates, der bürgerschaftlichen Gesellschaft und der Migrantinnen und Migranten selbst notwendig“ (ebd.) sind. Von den Migranten wird „Eigeninitiative, Fleiß und Eigenverantwortung“ (ebd.) und von der Aufnahmegesellschaft Toleranz, Akzeptanz und die Bereitschaft, zugewanderte Menschen „ehrlich willkommen zu heißen“ (ebd.) verlangt. Es entsteht der Eindruck, dass eine Erhöhung der Handlungsmöglichkeiten und der individuellen Ressourcen der Migranten auch eine Erhöhung des Integrationserfolges bedeuten muss. Da jedoch die Handlungsopportunitäten zu einem wesentlich Teil auch von dem Spielraum der Aufnahmegesellschaften abhängt, wird eine alleinige Erhöhung der Handlungsmöglichkeiten der Migranten selbst keine wesentliche Funktion für den Eingliederungsprozess innehaben. Auch Heckmann (2015) konstatiert, dass Integration ein wechselseitiger, aber nicht gleichgewichtiger Prozess ist, „in dem die Zuwanderer sich stärker ändern als die Einheimischen, die als Etablierte die Ressourcen der Gesellschaft kontrollieren“ (Heckmann 2015:80). Obwohl theoretischer Konsens darüber besteht, dass die aufnehmende Gesellschaft eine ungleich große Macht besitzt, den Eingliederungsprozess zu steuern und Handlungsmöglichkeiten der zugewanderten Bevölkerung von den Rahmenbedingungen der Aufnahmegesellschaft abhängen, wird der Diskurs vermehrt von einem unilateralen Integrationsverständnis dominiert. Der Diskurs thematisiert weniger die gesellschaftlichen Barrieren und Schlie- ßungsprozesse. Vielmehr wird „fehlende Integration zu einem persönlichen und/oder kulturellen Problem der Migranten umdefiniert, statt strukturelle Barrieren zu berücksichtigen“ (Foroutan 2015:3). Das etablierte Stufen- bzw. Prozessmodell der Integrationsforschung versteht Integration als einen „unilinear gerichtete[n] Prozess; (…) (als) eine ‚Bringschuld‘ der Migranten selbst, sie haben sich an die vorherrschenden Normen der Ankunftsgesellschaft anzupassen“ (Pries 2015:14). Die vorliegenden Konzepte und Modelle16 zur Integration erklären die Eingliederung von Zugewanderten in eine homogen aufgefasste Gesellschaft mit seinen etablierten Strukturen und Werten, in die integriert werden muss, an die sich die zugewanderten Personen schrittweise anpassen müssen, was nur dann gelingen kann, wenn die Zugewanderten ihre eigenkulturellen Werte ablegen. Thränhardt weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass „obwohl der Pluralismus zu den Grundlagen des bundesdeutschen Selbstverständnisses gehört und mit der Realität einer ausdifferenzierten Gesellschaft korrespondiert, (…) sich in Bezug auf die Migranten die Idee 16 So wie das oben dargestellte Kausalmodell von Esser (1989,2001). 34 einer homogenen Gesellschaft, an die sich die Migranten anzupassen hätten (verfestigte)“ (Thränhardt 2010:21). Naika Foroutan kritisiert17 an dem etablierten Integrationsbegriff, dass „damit verbundene Begriffe wie Integrationsverweigerung, Integrationsfortschritte oder Integrationswille (…) vor allem an die Vorstellung gekoppelt (sind), es gäbe eine etablierte Kerngesellschaft oder Aufnahmegesellschaft, die Menschen mit Migrationsbiographie einseitig motiviert, sich in sie zu integrieren“ (Foroutan 2015:3). Nach Mecheril, „bestätigt ‚Integration‘ (…) die Zuschreibung von Fremdheit, da die Vokabel nahezu ausschließlich benutzt wird, um über sogenannte Menschen mit Migrationshintergrund (MmM) zu sprechen“ (Mecheril 2014:108f.). Deutlich wird das auch an der etablierten Integrationsdebatte, welche „primär unter nationalstaatlichen Vorzeichen geführt“ (Sauer et.al. 2009:19) wird. Ausgehend von der empirischen Realität18, dass „das Deutsche selbstverständlich als heterogen und plural wahrgenommen wird“ (Foroutan 2015:3) sowie das Fehlen einer Bezeichnung, „welche die nationale und kulturelle Mehrfachzugehörigkeit und -identifikation von Individuen wertneutral beschreibt“ (Foroutan 2010:10), konstatiert Foroutan einen Bedarf an einer „narrativen Neudeutung“ (Foroutan 2015:3). „Das Einwanderungsland Deutschland befindet sich in einem Prozess, in welchem Zugehörigkeiten, nationale (kollektive) Identitäten, Partizipation und Chancengerechtigkeit postmigrantisch, also nachdem die Migration erfolgt und nun von Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit als unumgänglich anerkannt worden ist, nachverhandelt und neu justiert werden“ (ebd.:2). Dabei steht „das Präfix ‚post’ (…) nicht für das Ende der Migration, sondern beschreibt gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die in der Phase nach der Migration erfolgen“ (ebd.). Einwanderungsgesellschaften, aufgefasst als postmigrantische Gesellschaften, sind Aushandlungsgesellschaften, in denen sich alle Seiten diesem Aushandlungsprozess öffnen und ihre nationalen, ethnischen, kulturellen und religiösen Positionen, Zugänge und Ressourcen neu aushandeln (vgl. ebd.:3). Gerade hinsichtlich der Folgegenerationen wird dieser neue Blickwinkel als erforderlich betrachtet. Eine große Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund ist bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen und verfügt über keine eigene Einwanderungserfahrung, obgleich sie sich in ihrem „Alltag und in ihren Lebensentwürfen aber damit auseinandersetzen“ (Yildiz 2013:139). Um genau diese Lebensrealitäten begrifflich widerzuspiegeln, wurde für die zweite und dritte Generation der Termi- 17 Für eine Darstellung einer kritischen Migrationsforschung vgl. Mecheril et.al. (2013). 18 Es liegen diverse qualitative Studienergebnisse vor, die eine hybride Identität insbesondere für die Folgegenerationen verifizieren (vgl. Badawia 2002, Gültekin 2003). 35 nus „Postmigranten“ eingeführt. Der Leitgedanke dieser Idee ist, dass der mit einer mobilen Vielfalt, bewegten Mehrfachzugehörigkeiten und unendlichen Widersprüchen konfrontierte Alltag neue Möglichkeiten für flexible Lebensentwurfsverortungen auf individueller und kollektiver Ebene eröffnet (vgl. ebd.). Das postmigrantische sei jene Bewegung der Folgegenerationen, die eben diese Verortungen präsentiert. In der Auseinandersetzung mit der familialen Migrationsgeschichte werden Zwischenräume entwickelt, in denen sich neue Zugehörigkeiten und Lebensentwürfe aus diversen Bedeutungskontexten hervorbringen (vgl. ebd.). In dem Prozess der Hybridität entsteht in der Vermischung diverser kultureller Elemente ein neuer „dritter Raum“ (ebd.:143), welcher sich nicht auf zwei Ursprungselemente zurückführen lässt, sondern eine neue Kombination darstellt. In einer globalisierten Welt, in der Migrationsbewegungen in transkulturellen Räumen stattfinden, Zugehörigkeiten und Biographien beweglich sind, wo Menschen unterschiedliche Rollen innehaben und auch in unterschiedlichen Welten zur gleichen Zeit leben können und sich individuell positionieren, wo natio-ethno-kulturelle Differenzierungen den Nährboden einbü- ßen, wird der Bedarf einer neuen Perspektive im Umgang mit Migration und Diversität festgestellt (vgl. ebd.). Gerade die Folgegenerationen, die keine eigene Einwanderungserfahrung haben, „setzen sich sowohl mit der Migrationsgeschichte ihrer Eltern als auch mit der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, auseinander und entwickeln daraus hybride Welten“ (ebd.:144). Diese „über ethnische und nationale Grenzen hinausgehende kosmopolitische Alltagspraxis, die gleichermaßen von Lokalität und Globalität geprägt ist“ (ebd.) kann, einigen Wissenschaftlern nach, mit dem Terminus postmigrantisch dargestellt werden (Yildiz 2013; Foroutan 2010, 2015). Beim Begriff des postmigrantischen „geht es um kulturelle Überschneidungen, Grenz- und Zwischenräume, um Kreuzungen und simultane Zugehörigkeiten“ (Yildiz 2013:144). Die kulturelle Herkunft und die familiale Migrationsgeschichte werden von den Folgegenerationen nicht passiv erlebt, sondern aktiv und kreativ in eine „hybride Lebenskonstruktion“ (ebd.:145) integriert. Nach Yildiz können Selbstethnisierungen der Folgegenerationen als postmigrantische Verortungsstrategien verstanden werden. Selbstethnisierungen seien eine Reaktion auf wahrgenommene gesellschaftliche und strukturelle Machtverhältnisse (vgl. ebd.:148). Yildiz kommt in seiner Interviewstudie mit postmigrantischen Jugendlichen zu dem Schluss, dass deren Alltagswirklichkeit aus einer ständigen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen und der Forderung nach Anerkennung für ihre Lebenskonstruktionen besteht (vgl. ebd.:150). Die Mobilität zwischen globaler Neuorientierung und diskriminierenden Lebensbe- 36 dingen vor Ort lasse die Jugendlichen hybride und kreative Lebensentwürfe entwickeln. In den Zwischenräumen werden unterschiedliche Strategien entwickelt, welche „als Syntheseleistungen und kreative Akte zu betrachten (sind), in denen unterschiedliche und zum Teil weltweit gespannte kulturelle Elemente und Verbindungen als Ressource genutzt und je nach Kontext zu hybriden Lebenskonstruktionen zusammengefügt werden“ (ebd.). In anderen qualitativen Studien mit Migrantenjugendlichen konnten die Entwicklung einer Doppelperspektivität (vgl. Gültekin 2003) bzw. eines „dritten Stuhls“ (vgl. Badawia 2002) im Sinne eines Arrangements beider kultureller Wertsysteme empirisch erfasst werden. Nach den Ergebnissen von Yildiz lässt sich festhalten, dass die Konzepte Integration und Assimilation verhindern, „dass solche Entwicklungen, neue Geschichten, subversive Praktiken und biographische Ressourcen überhaupt erkannt und verstanden werden“ (Yildiz 2013:151), da sie nichts über die realen Lebenskonstruktionen und Verortungsprozesse der Folgegenerationen aussagen. Das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (2016) stellt in seiner Kurzfassung zu „Migration und Familie“ ebenfalls fest, dass die Begriffe Assimilation und Integration einheitlich verwendet werden und setzt denen den Begriff der Teilhabe entgegen (vgl. Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend 2016:5). Der Teilhabebegriff „(verweist) eher als der Begriff der Integration (…) auf den Aspekt der aktiven Mitwirkung. Und in gewissem Widerspruch zum Assimilationsbegriff betont er die Idee der Freiheit gegenüber der Idee der Anpassung“ (ebd.). Bezugnehmend auf das von Amartya Sen (1999) entwickelte Teilhabekonzept, versteht das Bundesministerium Teilhabe als Verwirklichungschance, in der „sich die Gesellschaftsmitglieder selbst als fähig und frei sehen, dasjenige Leben zu führen, das ihren eigenen Maßstäben und Zielvorstellungen nach als gelungen erscheint“ (ebd.). Hierfür sei „eine uneingeschränkte Partizipation am gesellschaftlichen Leben in all seinen Facetten“ (ebd.) erforderlich. Teilhabe beeinflusst die gesamte Gesellschaft und betrifft sie im Ganzen. Das Bundesministerium betrachtet die Familie als wichtige Schnittstelle, die „einerseits für die Vermittlung der Teilhabe an der Herkunftskultur und andererseits für den Zugang zur und ggf. die Veränderung der Kultur des Aufnahmelandes“ (ebd.) sorgen könne. Der Paradigmenwechsel der Integrationsforschung, Integration als ganzheitliches Konzept aufzufassen, scheint von der Integrationspolitik, zumindest in der politischen Rhetorik, angenommen zu werden. Die klassischen Konzepte und Modelle der Integration haben ihre Gültigkeiten eingebüßt, die Begrifflichkeiten Integration und Assimilation stehen stark im Diskurs einer neuen narrativen Neudeutung. 37 Einige Wissenschaftler19 zweifeln ganz an der Brauchbarkeit des Integrationsbegriffes und plädieren für seine Abschaffung, da „jede Art des Nachdenkens über Integration immer der Versuch (wäre), ein Dominanzverhältnis zu zementieren oder zu schaffen zwischen denjenigen, die integriert werden sollen und dem unterstellten Gesellschaftsganzen, in das integriert werden soll“ (Pries 2015:10) Obwohl das Prozessmodell der Integration vielfach wissenschaftlich kritisiert wurde und durch diverse Konzepte und Termini revidiert wird (vgl. Pries 2015:16), besteht weitgehend wissenschaftlicher Konsens über die Existenz der vier Dimensionen der Sozialintegration (vgl. Sauer et.al. 2009:21). Sie werden zur Operationalisierung und zur Messung der Integration eingesetzt. Integration kann sich auf eine strukturelle, kulturelle, soziale und identifikative20 Dimension beziehen. Auch im politischen Rahmen wurden entlang der Integrationsdimensionen der Nationale Integrationsplan21 und folglich kommunale Integrationskonzepte22 initiiert. Die Integrationsdimensionen sind interdisziplinär etabliert und werden in der vorliegenden Dissertation zur Operationalisierung herangezogen. Sowohl in der qualitativen als auch in der quantitativen Studie sollen die Integrationsdimensionen eine Erfassung des subjektiven wie familiären Integrationserlebens ermöglichen23. Mit dem dargestellten Überblick zum vorliegenden Forschungsstand wurde deutlich, dass Integration ein „vielschichtiges und komplexes Geschehen (ist), das sich auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen abspielt“ (Heckmann 2015:71). Daher kann es nach Heckmann auch nicht mit einer Theorie der Integration erklärt werden (vgl. ebd.). In der vorliegenden Dissertation wird bezugnehmend auf Klaus Bade Integration allgemein als „chancengleiche Partizipation an den zentralen Bereichen der Gesellschaft“ (Bade 2007:75) verstanden. 19 Mit dem Aufruf „Demokratie statt Integration“ der Initiative des Netzwerks Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung plädierten 3805 Unterzeichner, den als überflüssig eingestuften Integrationsbegriff abzuschaffen, da er eine „Feindin der Demokratie“ sei (Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung 2010) 20 Die Indikatoren für Integration werden entlang dieser vier Dimensionen im Kapitel 2.2. zum Forschungsstand zur Integration türkischer Migranten erläutert. 21 Der Nationale Integrationsplan hat zu vielfältigen Projekten, Initiativen und Diskussionen auf allen Ebenen des staatlichen und bürgerschaftlichen Lebens geführt (vgl. Die Bundesregierung 2008:7). 22 In der eigenen Diplomarbeit „Konzepte der Integration“ wurden das Assimilationsmodell von Esser (1980), der Nationale Integrationsplan der Bundesregierung (2007) sowie das Integrationskonzept der Stadt Bielefeld (2010) vergleichend analysiert. Es stellte sich heraus, dass zwar teilweise unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet werden, dass aber die Eingliederung ähnlich verstanden und operationalisiert wird. 23 Mehr zur Itemsammlung in Kapitel 4.5.2.3.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Integrationsdebatte über türkische Migranten in Deutschland wird weiterhin kontrovers, emotional und defizitorientiert geführt. Insgesamt seien Migrantenfamilien integrationsunwillig, integrationsunfähig und lebten in abgeschotteten Parallelgesellschaften. Patriarchalische, traditionelle Familienstrukturen und ein autoritärer Erziehungsstil türkischer Eltern werden als die großen Integrationshindernisse angezeigt; die Existenz kultureller und sozialer Distanzen mache eine Angleichung unmöglich. Die Debatte suggeriert eine einseitige Verantwortlichkeit, es sei vor allem eine Frage der individuellen Entscheidung bzw. der subjektiven Voraussetzungen der Zugewanderten, ob diese sich integrieren wollen bzw. können.

Nalan Gürbüz-Bicakci untersucht das elterliche Erziehungsverhalten und das subjektive Integrationserleben von 213 türkischen Migranteneltern der Folgegenerationen mit Kindern im Vorschulalter, um die zentrale Fragestellung nach dem Beitrag einer elterlichen Erziehung zur Integration zu analysieren. Mit aktuellen empirischen Daten und interessanten Ergebnissen leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Integrations- und Sozialisationsforschung und -debatte in Deutschland.