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B) Begriffsdefinitionen in:

Kai Lemler

Sicherheitskonzepte in asymmetrischen Konflikten, page 42 - 99

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3902-1, ISBN online: 978-3-8288-6708-6, https://doi.org/10.5771/9783828867086-42

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 70

Tectum, Baden-Baden
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42 B) Begriffsdefinitionen „…und erst wenn man sich über den Namen und Begriffe verständigt hat, darf man hoffen, in Betrachtung der Dinge mit Klarheit und Leichtigkeit vorzuschreiten, darf man gewiß sein, sich mit dem Leser immer auf demselben Standpunkt zu befinden.“76 (Carl von Clausewitz) 1. Zum Begriff der Kriegführung „Der Krieg einer Gemeinheit – ganzer Völker – und namentlich gebildeter Völker, geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motto hervorgerufen. Er ist also ein politischer Akt.“77 (Carl von Clausewitz) Da unterstellt wird, dass es sich bei den in der Arbeit betrachteten Phänomenen um gewaltsame militärische Auseinandersetzungen handelt, bedarf es einer genauen begrifflichen Klarheit, nicht zuletzt, um die dagegen aufzubietenden Sicherheitskonzepte gezielt einsetzen zu können. Aus diesem Grund wird zunächst eine Betrachtung des Begriffs der Kriegführung vorgenommen. Voigt sieht im Krieg ein Phänomen, „das mit der Menschheit unauflösbar verbunden ist.“78 Seit jeher79 kämpften Menschen um Nahrungsmittel, Frauen, Werkzeuge, Lebensraum usw.80 Auseinandersetzungen die als Krieg oder kriegsähnlich bezeichnet werden können, hat es daher vermutlich bereits seit prähistorischer Zeit gegeben. Müller ging davon aus, dass es schon zwischen Jägern und Sammlern sowie 76 Clausewitz, Carl von: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk. Ungekürzter Text, Berlin 1998, S. 99. 77 Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, Erftstadt 2006, S. 20. 78 Vgl. Voigt, Rüdiger: Krieg ohne Raum – Asymmetrische Konflikte in einer entgrenzten Welt, Stuttgart 2008, S. 279. 79 1960 errechnete ein norwegischer Statistiker, dass in den letzten 5.560 Jahren weltweit 14.531 Kriege geführt wurden und demnach von den 185 seither lebenden Generationen lediglich zehn eine durchgehende Friedensperiode genießen durften. (vgl. Etschmann, Wolfgang: Guerillakriege. Ursachen – Verläufe – Folgen, Wien 2003, S. 15.) 80 Vgl. Stahel, Albert A.: Klassiker der Strategie – eine Bewertung, 4. Auflage, Zürich 2004, S. 1. 43 den ersten Ackerbauern und Hirten zu gewaltsamen Konflikten gekommen ist.81 Aus diesem Grund nahm Ronneberger an, dass schon bei den prähistorischen Jägergesellschaften taktisches Denken erforderlich war.82 Ausgedehnte Kampagnen setzten jedoch militärische Strukturen und einen gewissen Grad an Organisation sowie logistischer Infrastruktur voraus, wie sie erst durch die urbane Lebensweise hervorgebracht wurde.83 Laut von Salisch seien menschliche Gemeinschaften dazu wohl seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. in der Lage gewesen.84 In der griechischen Antike erfuhr der Krieg schließlich eine Genese zu systematischer Planung und Ausführung.85 Gerade die griechische Polis-Gesellschaft entwickelte eine ausgeprägte militärische Kultur, in der Frieden die Ausnahme und Krieg die Regel war.86 Zu allen Zeiten handelte es sich dabei um die extremste Form der Auseinandersetzung menschlicher Gemeinschaften zum Zwecke der Interessendurchsetzung. Van Creveld sah in ihm „nichts als ein[en] organisierte[n] Kampf, der für politische Ziele geführt wird.“87 Nach Clausewitz handelt es sich beim Krieg um einen „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“88 Für ihn war der Krieg „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“89 Folglich nicht nur „ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument [und] eine Fortsetzung des politischen Verkehrs“90 Dies implizierte einen Vorrang der Politik vor dem Militärischen.91 Schließlich sei „die politische Absicht (…) der Zweck, der Krieg [aber] das Mittel“, welches niemals 81 Vgl. Müller, Rolf-Dieter: Militärgeschichte, Köln et al. 2009, S. 49. 82 Vgl. Ronneberger, Joachim Klaus: Der Partisan im terroristischen Zeitalter – Vom gehegten Krieg. Carl Schmitt und Paul Virilio im Vergleich, in: Herfried Münkler (Hrsg.): Der Partisan – Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 81-95, hier S. 88. 83 Vgl. Burckhardt, Leonhard: Militärgeschichte der Antike, München 2008, S. 9 und vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 49f. 84 Vgl. Salisch, Markus von: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, in: Buciak (Hrsg.): Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, S. 52-68, hier, S. 53. 85 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 3 86 Vgl. Burckhardt: Militärgeschichte der Antike, S. 7f. 87 Vgl. Van Creveld: Gesichter des Krieges, S. 274. 88 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 9. 89 Ebd., S. 21. 90 Ebd., S. 21. 91 Vgl. Schramm, Wilhelm von: Clausewitz – General und Philosoph, Esslingen am Neckar 1982, S. 10. 44 ohne Zweck gedacht werden könne.92 Dass der Krieg ein hochpolitischer Vorgang ist, erkannte auch Mao Tse-tung, der in ihm „die höchste Form des Kampfes zwischen den Nationen, Staaten, Klassen oder politischen Gruppen“93 sah, die darin ihre Kräfte miteinander maßen.94 Aufgrund historischer Prägungen ist gerade in der bundesdeutschen Öffentlichkeit der Begriff des Krieges mit Vorstellungen assoziiert, die vor allem den Weltkriegserfahrungen des 20. Jahrhunderts geschuldet sind.95 Dieses Denken, welches den Einsatz von Millionenheeren, Panzerarmeen und Luftflotten mit entsprechend hohen Verlusten impliziert, wird jedoch den Konflikten der Gegenwart nicht mehr gerecht, deren Opfer und Zerstörungen in keinem Verhältnis zu denen des Zweiten Weltkriegs stehen. Dennoch ist die Welt nicht friedlicher geworden. So wurden zwischen 1945 bis 2006 mehr als 170 Kriege geführt, in denen über 35 Mio. Menschen ihr Leben ließen.96 Selbst nach Ende des Kalten Krieges wurden weltweit gleichzeitig 52 Kriege ausgetragen97 – die zahlreichen bewaffneten Konflikte nicht eingerechnet.98 92 Clausewitz: Vom Kriege, S. 53. 93 Mao Tse-tung: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), in: Ders.: Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 35-102, hier S. 45. 94 Vgl. Mao Tse-tung: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), in: Ders.: Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 133-204, hier S. 175. 95 Schon Sebastian Haffner unterstellte, dass die klassischen, dem Denken von Clausewitz entsprechenden Kriege die einzigen seien, welche der Westen wirklich verstünde. (vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 166.) Zur negativen Konnotation des Kriegsbegriffes in der Öffentlichkeit vgl. auch Kümmel: Chamäleon Krieg: Diversifizierung und ihre Folgen für die Streitkräfte, S. 29. 96 Vgl. Schildberger, Barbara: Kindersoldaten – Opfer der asymmetrischen Kriegführung, in: Thomas Pankratz/Josef Schröfl und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden 2006, S. 95-109, hier S. 95. 97 Auch wenn die Zahl in der Folge scheinbar zurückging, weist von Salisch darauf hin, dass die meisten Konflikte unterhalb der Schwelle des von der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg (AKUF) definierten Krieges ausgetragen und somit gar nicht erfasst würden. Zu den 1996 von ihr gezählten Kriegen – deren Zahl noch dem Durchschnitt der 1960er Jahre entsprach – kamen somit noch weitere 21 bewaffnete Konflikte. Das Jahr 1999 wies 34 Kriege und 14 bewaffnete Konflikte auf. Zumeist handelt es sich dabei um Autonomie- und Sezessionskriege sowie deren Varianten, die vor allem in Entwicklungsländern der Dritten Welt ausgetragen wurden. Für 2014 zählt die AKUF 31 Krie- 45 Das Erscheinungsbild der bewaffneten Konflikte ist äußerst vielfältig und entspricht nicht mehr dem klassischen Kriegsbegriff europäischer Prägung, wie er bis zum Zweiten Weltkrieg und vielfach noch bis zum Ende des Ost-West-Konflikts vorherrschte. Diesem zufolge war Krieg „ein Rechtszustand zwischen den Staaten, der klar vom Frieden getrennt war, als Mittel der staatlichen Interessenverfolgung diente und in weiterer Folge weltweit von etwa gleichartig ausgerüsteten Armeen ausgetragen wurde.“99 Im Gegensatz dazu sind nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft für Konfliktursachenforschung bewaffnete Konflikte vor allem durch die Beteiligung mindestens einer Partei gekennzeichnet, die nicht den Organisationsgrad bewaffneter Streitkräfte aufweist.100 Dies können neben Guerillas beispielsweise Milizen, Terroristen oder Warlords und neuerdings sogar Piraten sein. Sie sind Protagonisten eines Phänomens, welches Herfried Münkler als „neue Kriege“101 beschrieb. Für die westlichen Staaten hat diese Entwicklung – beispielsweise in Form des internationalen Terrorismus oder auch der Piraterie – bis heute zur Konsequenz, dass die Grenzen zwischen äußerer und innerer Sicherheit inzwischen weit weniger klar zu definieren sind, als dies ehedem der Fall war. Es bedarf daher für die vorliegende Untersuchung nicht nur einer begrifflichen Klarstellung, sondern es ist auch auf die Aufweichung und Ausweitung des Kriegsbegriffs einzugehen, um den Krieg in einer globalisierten und von asymmetrischen Konflikten heimgesuchten Welt greifbar zu machen und vor dem Hintergrund zunehmend verschwimmender Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit zu einer fortschrittlichen Kriegsdefinition zu kommen, welcher die Realität des 21. Jahrhunderts zu erfassen vermag. Schließlich bedarf es eines differenzierten Kriegsge und bewaffnete Konflikte. (vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 61f und vgl. N. N.: „2014: Größere Veränderungen im Kriegsgeschehen bei gleichbleibender Zahl kriegerischen Konflikte“, Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg, http://www.wiso.unihamburg.de/fileadmin/sowi/akuf/Text_2010/AKUF-Pressemitteilung- 2014.pdf, zuletzt geprüft: 29.10.2015.) 98 Vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 61f. 99 Schröfl, Josef: Asymmetrie und Ökonomie, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden, 2006, S. 69-94, hier S. 71. 100 Vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 54. 101 Münkler: Die neuen Kriege, S. 13-18. 46 begriffs, um beispielsweise Staatenkriege, Bürgerkriege, ethnische, religiöse oder soziale gewaltsam ausgetragene Konflikte einordnen zu können. Um den unterschiedlichen Erscheinungsformen gerecht zu werden, unterschied Samuel Huntington den totalen Krieg als einen Kampf zwischen Staaten, die unter Einsatz aller verfügbaren Mittel auf gegenseitige Vernichtung der Organisation des andern ausgerichtet sind, den großen Krieg als einen zwischen Staaten ausgetragenen Konflikt, bei dem nicht alle verfügbaren Mittel eingesetzt werden und zumindest eine Seite auf die Vernichtung der Organisation des anderen aus ist und den begrenzten Krieg, bei welchem ein innerhalb eines limitierten geographischen Raums definiertes Ziel verfolgt wird. Daneben kennt er den Revolutionskrieg als einen Kampf zwischen einer Regierung und einer oppositionellen Gruppe um die Macht. Huntington räumt ein, dass die Grenzen dieser idealtypischen Formen in der Realität jedoch verschwimmen können.102 Antoine-Henri Jomini nannte zudem beispielsweise Angriffskriege, politisch-defensive, aber militärischoffensive Kriege, Gelegenheitskriege, Interventionskriege, Einbruchskriege aus Eroberungssucht oder sonstigen Gründen, Nationalkriege, Bürgerkriege und Religionskriege sowie „doppelte Kriege“ bzw. Zweifrontenkriege, um zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen zu differenzieren.103 Carl Schmitt ergänzt dies noch um den Kolonialkrieg.104 Nicht alle kriegerischen Auseinandersetzungen werden dabei mit gleicher Intensität geführt. Während sich sowohl Szenarien schwelender Feindschaft mit sporadischen, mehr oder minder heftigen Gewaltausbrüchen finden, werden andere Konflikte unter Einsatz sämtlicher zur Verfügung stehender Mittel auf hohem gewaltsamen Niveau ausgetragen. Gerade für die Beschäftigung mit asymmetrischen Bedrohungen ist eine wirksame Unterscheidung zur Differenzierung zwischen Kriegführung niederer, mittlerer und hoher Intensität unerlässlich. 102 Vgl. Huntington, Samuel P.: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel, Köln 1963, S. 17-27, hier S. 17f. 103 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 25-41. 104 Vgl. Schmitt, Carl: Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen, 5. Auflage, Berlin 2002, S. 17. 47 1.1. Differenzierung des Kriegsbegriffs nach Intensität Es existieren heute verschiedene Formen des Krieges nebeneinander, bei denen die Übergänge oftmals fließend sind105 und es zudem zu plötzlichen Wechseln in der Intensität der Auseinandersetzung kommen kann.106 Konflikte mit hoher Intensität (high-intensity conflicts) entsprechen am ehesten den in der bundesdeutschen Öffentlichkeit weit verbreiteten Vorstellungen von Krieg. Derartige Konflikte zeichnen sich „durch den Einsatz aller Elemente des bewaffneten Kampfes gegen einen gleichermaßen zum Kampf entschlossenen, militärisch organisierten Gegner“107 aus. Hierbei handelt es sich um einen weitgehend symmetrischen Konflikt und den klassischen Fall des Krieges zwischen zwei Staaten oder Fraktionen, der bei einem ähnlichen ökonomischen Potential auf einem in qualitativer und quantitativer Hinsicht annähernd gleichen Niveau ausgetragen wird. Konflikte mittlerer Intensität (mid-intensity conflicts) erreichen nicht das Gewaltpotential von Konflikten hoher Intensität, sondern sind vielmehr durch „die von vornherein bestehende Bereitschaft der [Landstreitkräfte], militärische Gewalt gegen einen Gegner anzuwenden, der mit begrenzten militärischen Mitteln wirkt“108 gekennzeichnet. Da die Ziele der involvierten Staaten limitiert sind, ist auch der Einsatz der von ihnen eingesetzten Mittel gegen einen Gegner, der oftmals nur bis zu einem gewissen Grad militärische Strukturen ausgebildet hat, lediglich eingeschränkt.109 Gewaltsame militärische Auseinandersetzungen auf der untersten Stufe werden als Konflikte niedriger Intensität110 bzw. low-intensity conflicts (LIC)111 oder low-intensity warfare bezeichnet. Der Begriff 105 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 43. 106 Vgl. Taktiklehrer im Reservistenverband (Hrsg.): Powerpoint-Dokumentation: Grundlagen der Taktik, S. 16. 107 Vgl. ebd., S. 15. 108 Taktiklehrer im Reservistenverband (Hrsg.): Powerpoint-Dokumentation: Grundlagen der Taktik, S. 15. 109 „Low-Intensity Conflict”, in: http://www.globalsecurity.org/intell/library/policy/army/fm/fm34- 52/chapter9.htm, zuletzt geprüft: 07.10.2012. 110 Vgl. Thamm, Berndt Georg: Terrorismus – Ein Handbuch für Täter und Opfer, Hilden/Rhld. 2002, S. 44f. 111 Vgl. Münkler, Herfried: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz: Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, Baden-Baden 2004, S. 85-94, hier S. 92. 48 LIC kam erstmals in den 1980er Jahren auf112 und bezeichnete zunächst jenes Phänomen, welches heute als „asymmetrische Kriege“ bezeichnet wird.113 Voigt nennt sie schwelende Kriege auf niedrigem Niveau.114 In der Regel werden sie nicht zwischen staatlichen Akteuren ausgetragen, wohl aber können Staaten hierin verwickelt werden. Weitere Akteure sind in der Regel Guerillas, Terroristen, Warlords, Milizen, Stammeskrieger, Söldner, Paramilitärs oder auch kriminelle Banden.115 Laut Salisch laufen LIC „im Gegensatz zum ‚klassischen Krieg‘ in einem räumlich, zeitlich und rechtlich entgrenzten Rahmen“116 ab, so dass „viele der zum Teil jahrhundertealten Erkenntnisse aus den ‚großen‘ Kriegen nicht mehr anwendbar sind.“117 Derartige Konflikte finden häufig auf lokaler Ebene statt, können jedoch auch regionale oder gar globale Auswirkungen haben.118 Annähernd zwei Drittel aller militärischen Konflikte nach 1945 waren niedriger Intensität.119 Im „Unterschied zu konventionellen Kriegen oder auch Bürgerkriegen“ werden laut Waldmann diese Kriege „gewissermaßen auf niedriger Flamme geführt (…): ohne größere Truppenverbände, ohne konventionelles Kriegsgerät, das heißt ohne Flugzeuge und Panzer, und vor allem mit begrenztem Schaden, das heißt wenig Tote und Verwundete sowie geringe Sachschäden auf beiden Seiten.“120 Sie kennen keine großen und verlustreichen Schlachten, sondern bestehen vielmehr aus kleineren Scharmützeln. Die Gewaltanwendung ist zwar weniger intensiv, wird jedoch omnipräsent.121 Gerade der Umstand, dass größere Gefechte meist vermieden werden, trägt zu einer langen Dauer des Konflikts bei.122 In Konflikten niederer Intensität werden häufig völkerrechtliche 112 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 45f und vgl. Daase, Christopher: Kleine Kriege – Große Wirkung. Wie unkonventionelle Kriegführung die internationale Politik verändert, (Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Bd. 2), Baden-Baden 2002, S. 136f. 113 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 92. 114 Voigt: Krieg ohne Raum, S. 145. 115 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 49. 116 Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 66. 117 Ebd., S. 66. 118 Vgl. Freudenberg, Dirk: Theorie des Irregulären: Partisanen, Guerillas und Terroristen im modernen Kleinkrieg, Wiesbaden 2008, S. 156. 119 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 49. 120 Waldmann, Peter: Terrorismus – Provokation der Macht, 2. Auflage, Hamburg 2005, S. 16. 121 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 92. 122 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 25f. 49 Konventionen gebrochen und die Trennung zwischen Kombattanten123 und Nicht-Kombattanten findet kaum Beachtung.124 Häufig spielen in diesen Konflikten auch Elemente des organisierten Verbrechens hinein, die entstandene politische Vakuen ausnutzen oder indem beispielsweise Drogenhandel oder Schmuggel der Finanzierung substaatlicher Konfliktparteien dienen. Hierdurch und durch den Umstand, dass sich die Konfliktparteien nicht selten aus dem Lande heraus auf Kosten der lokalen Bevölkerung versorgen, entstehen eigene Kriegsökonomien, welche das Land auf lange Sicht auszehren.125 1.2. Die Ebene der Strategie Viele namhafte Militärwissenschaftler und Theoretiker haben sich bereits eingehend mit dem Strategiebegriff auseinandergesetzt. Bei Jomini ist die Strategie „die Kunst, Massen auf dem Kriegsschauplatze zu leiten“126 bzw. „die Kunst (…), den Krieg auf der Karte zu machen“ und „den gesamten Kriegsschauplatz zu umfassen“.127 Sie „führt die Armeen auf die entscheidenden Punkte der Operationszone, bereitet den Ausfall der Schlacht vor und beeinflußt bei ihrem Beginn ihre 123 Bei einem Kombattanten handelt es sich um eine „Person, die im Fall eines bewaffneten Konflikts zur unmittelbaren Teilnahme an Kriegshandlungen im Rahmen des Völkerrechts berechtigt ist. Wer sich an Kriegshandlungen unmittelbar beteiligt, ohne Kombattant zu sein, verstößt gegen das Humanitäre Völkerrecht und kann bestraft werden.“ (Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 80.) Kombattanten dürfen in militärischen Konflikten getötet werden, während Zivilpersonen besonderen Schutz genießen. (vgl. Eiselt, Andreas Björn: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, Baden Baden 2011, S. 5.) Demnach sind lediglich Kombattanten nach dem HVR dazu befugt, im Krieg Gewalt anzuwenden und den Gegner zu schädigen. Hierzu zählen entweder reguläre Streitkräfte, in reguläre Streitkräfte integrierte Milizen sowie Freiwilligenverbände und schließlich eigenständige Freiwilligen-Einheiten, welche sich an die Regeln des HVR halten. (vgl. dazu: „Zusatzprotokoll vom 8. Juni 1977 zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte (Protokoll I)“, Artikel 43-48.) 124 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 50. 125 Vgl. zur Ökonomie in den neuen Kriegen Münkler: Die neuen Kriege, S. 131- 142. 126 Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 22. 127 Ebd., S. 74. 50 Entscheidung“.128 Für Carl von Clausewitz war sie „die Lehre vom Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges.“129 Beim Zweck des Krieges handele es sich „in letzter Instanz [um] die Gegenstände, welche unmittelbar zum Frieden führen sollen“,130 welcher dem Gegner die Erfüllung des eigenen Willens aufzwingen soll.131 Für Thomas Edward Lawrence war die Strategie eine „Gesamtbetrachtung, die jeden Teil in seiner Beziehung zum Ganzen sah“132. Der ältere Helmuth von Moltke betrachtete sie als „ein System der Aushülfen [sic!].“ Sie sei „mehr als Wissenschaft, ist die Übertragung des Wissens auf das praktische Leben, die Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den stets sich ändernden Verhältnissen, ist die Kunst des Handelns unter dem Druck der schwierigen Bedingungen.“133 Liddel Hart sah in ihr ebenfalls eine „Kunst“, deren Aufgabe es ist, „die militärischen Mittel so zu verteilen und einzusetzen, daß die Ziele der Politik erreicht werden.“134 Über lediglich „die Bewegung von Verbänden“ hinaus befasse sie „sich auch mit der Wirkung.“135 Den politischen Aspekt besonders hervorhebend, war für ihn die „Höhere Strategie“ auch „Kriegspolitik“.136 Daher ist ihm zufolge Höhere Strategie „Politik in der Ausführung“, denn es sei ihre Aufgabe, „alle Kraftquellen einer Nation oder einer Allianz zu leiten und zu koordinieren, um das von der Politik gesteckte Kriegsziel zu erreichen.“137 So stellt auch Hammes fest, dass es Aufgabe der Strategie sei, Ziele vorzugeben und die entsprechenden Ressourcen bereitzustellen, um diese zu erreichen.138 Dem Primat der Politik untergeordnet, legt laut der deutschen Heeresdienstverordnung (HDV) 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften –, die „militärstrategische Ebene […] den anzustrebenden militärischen Endzustand (military end state) sowie die militärstrategischen Zielsetzungen zum Erreichen der politischen Zielsetzungen fest. Sie schlägt 128 Ebd., S. 197. 129 Clausewitz: Vom Kriege, S. 56. 130 Ebd., S. 70. 131 Vgl. ebd., S. 9. 132 Lawrence, Thomas E.: Die sieben Säulen der Weisheit, München 1936, S. 213. 133 Zitiert nach: Papke, Gerhard: Helmuth von Moltke, in: Werner Hahlweg (Hrsg.): Klassiker der Kriegskunst, Darmstadt 1960, S. 304-318, hier S. 318. 134 Liddel Hart: Strategie, S. 396. 135 Ebd., S. 396. 136 Vgl. ebd., S. 432. 137 Ebd., S. 396. 138 Vgl. Hammes, Thomas X.: The Sling and the Stone – On War in the 21st Century, Minneapolis 2006, S. 215. 51 der politischen Führung auf der Grundlage der vorgegebenen Rahmenbedingungen militärische Handlungsoptionen vor und setzt diese nach Entscheidung in militärstrategische Weisungen um.“139 Daher verbindet Strategie nach Lennart Souchon „Konzeptionen, Vorgehensweisen und praktische Maßnahmen der Politik.“140 Sie sei demnach „ebenso Teil der Politik“ und werde von dieser „in ihren Lagefaktoren, in ihrem Stellenwert und in ihren Funktionen bestimmt.“141 Unter „ständiger Orientierung an den nationalen Interessen, vorhandenen Rahmenbedingungen“142 soll nach Souchon die Strategie die Ziele der Sicherheitspolitik verfolgen.143 Strategisches Handeln wurde von Raschke/Tils „als zeitlich, sachlich und sozial übergreifend ausgerichtetes und an strategischen Kalkulationen orientiertes Handeln definiert.“144 Für die vorliegende Arbeit ist ein Strategieverständnis verbindlich, welches das strategische Zentrum als oberste mit der Aufgabe der Strategiebildung betrauten Entscheidungsebene mit einbezieht und nicht erst beim strategischen Apparat als der ausführenden Ebene einsetzt.145 Strategie formuliert demnach die Ziele und gibt nicht nur auf eine bestimmte Wirkung bedachte richtungsweisende Leitlinien vor, die angeben, wie diese umzusetzen sei, sondern stellt zudem die entsprechenden Mittel dazu bereit. Der Strategiebegriff ist essenziell für die Erarbeitung von Konzepten, da diese ein langfristiges Denken und Handeln erfordern, welches nur durch strategische Planung zu erreichen ist. Ausgedehnte militärische Operationen sind ohne Strategie undenkbar. Je umfangreicher in der Vergangenheit militärische Kampagnen waren, desto größer war die der Strategie beigemessene Rolle. Überall dort, wo sich komplexere menschlichere Gemeinwesen entwickelten und die Notwendigkeit entstand, sich gegenüber Konkurrenten durchzusetzen, entwickelte sich ein strategisches Denken, wie bei- 139 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 80. 140 Souchon, Lennart: Sicherheitspolitik und Strategie am Beginn einer neuen Ära, in: Schössler, Dietmar (Hrsg.): Die Entwicklung des Strategie- und Operationsbegriffs seit Clausewitz. Militärisch-wissenschaftliches Colloquium der Clausewitz-Gesellschaft e. V. am 6. und 7. April 1995 in Dresden, München 1997, S. 126-140, hier S. 138. 141 Ebd., S. 138. 142 Ebd., S. 138f. 143 Vgl. ebd., S. 139. 144 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 138. 145 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 143 und S. 339. 52 spielsweise die antiken Schriften Sun Tzus, den Henry Kissinger zu den „größten strategischen Denkern der Welt“146 zählte, zeigen. Gleiches gilt für das Aufkommen der Polis in der griechischen Antike, welches durch die Entwicklung politischen Handelns auch die Notwendigkeit strategischen Denkens mit sich gebracht hatte, um politische Interessen und Ziele durchsetzen zu können. Langfristiges strategisches Vorgehen erwies sich dem rein taktischen, auf die nächsten Notwendigkeiten gerichteten Handeln als überlegen und wurde den wachsenden Bedürfnissen entsprechend weiterentwickelt.147 Dies galt nicht nur für die Innenpolitik, sondern auch für die Außenpolitik, welche sich in letzter Konsequenz immer auch militärischer Mittel zur Interessendurchsetzung bediente. 1.3. Die Ebene der Taktik In Abgrenzung zum längerfristigen strategischen Handeln ist taktisches Handeln nach Raschke/Tils „situationsbezogenes Handeln, das auf den Erfolg im Augenblick begrenzt bleibt.“148 Die Handlungen auf der taktischen Ebene mittels der vorhandenen Kräfte dienen dem Erreichen der militärischen Zielsetzungen.149 Nach Liddel Hart ist die „Taktik die Anwendung der Strategie auf niedrigerer Ebene“150. Und weiter: „Wenn der Einsatz des militärischen Instruments zu unmittelbaren Gefechten führt, nennt man die Vorbereitungen und die Führung solcher direkter Aktionen Taktik.“151 Strategie und Taktik bedingen einander und gehen ineinander über.152 Daher war auch für T. E. Lawrence die Taktik ein „Mittel zu einem strategischen Ziel“.153 War die Summe der Gefechte auf strategischer Ebene nach Clausewitz entscheidend für den Ausgang des Krieges, stellte für ihn das einzelne Gefecht selbst die taktische Ebene dar. Entsprechend ist ihm zufolge 146 Kissinger, Henry: China – Zwischen Tradition und Herausforderung, München 2011, S. 39. 147 Vgl. Ronneberger: Der Partisan im terroristischen Zeitalter, S. 88. 148 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 138. 149 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 81. 150 Liddel Hart: Strategie, S. 396. 151 Ebd., S. 396. 152 Vgl. ebd., S. 396. 153 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 213. 53 „die Taktik die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“.154 Jomini unterschied eine höhere oder große Taktik, welche der Planung und Vorbereitung der Schlachten diente,155 noch einmal von der eigentlichen Taktik, deren Aufgabe es war, die Schlachten zu gewinnen.156 Bei der Taktik handele es sich demnach um die „Manöver einer Armee auf dem Schlachtfelde oder die verschiedenen Formen, um die Truppen zum Angriff zu führen“157 sowie die „Kunst, auf dem Gelände zu kämpfen, wo der Zusammenstoß stattfinden soll, daselbst seine Kräfte nach den Oertlichkeiten aufzustellen, um sie auf verschiedenen Punkten des Schlachtfeldes in Thätigkeit zu setzen“.158 Dies steht im Einklang mit Hammes, der mit der Taktik die Techniken zur Führung der einzelnen Gefechte gleichsetzt.159 Die Bundeswehr versteht Taktik als „die Lehre von der Führung der Truppen beim Zusammenwirken nach dem Prinzip Operation verbundener Kräfte sowie die Anwendung dieser Lehre.“160 Der taktischen Führung kommt als „Ebene der militärischen Führung“ die Aufgabe zu, „die Vorgaben, Weisungen und Befehle der operativen Führung in Operationspläne und Operationsbefehle“ umzusetzen.161 154 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 56. 155 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 74 und S. 197. 156 Vgl. ebd., S. 197. 157 Ebd., S. 73. 158 Ebd., S. 74. 159 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 215. 160 Heeresamt (Hrsg.): Unterrichtsmappe zum Ausbildungsgebiet „Führung im Einsatz – TAKTIK“, Köln Oktober 2008, 3. Änderung 2011, Teil A 1, S. 1. Siehe auch: Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 142. 161 Heeresamt (Hrsg.): Unterrichtsmappe zum Ausbildungsgebiet „Führung im Einsatz – TAKTIK“, S. 1. 54 1.4. Die operative Ebene Zwischen der strategischen und der taktischen Ebene kennt die militärische Führung von Streitkräften ferner die operative Ebene.162 Geprägt wurde dieser Begriff erstmals durch Helmuth von Moltke dem Älteren in seinem Werk „Über Strategie“ (1871). Zwar fand er auch schon zuvor bereits Anwendung – z. B. bei Clausewitz –, doch war es Moltke, der die Begriffe Strategie – Operationen – Taktik erstmals miteinander in Verbindung setzte und definierte.163 Aufgrund der Schaffung von Massenheeren im Zuge der konsequenten Durchsetzung der allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen gro- ßen räumlichen Ausdehnung der Truppenführung erschien es ihm erforderlich, eine zusätzliche Entscheidungs- und Führungsebene zwischen Strategie und Taktik einzuführen.164 Der operativen Ebene kommt dabei die Aufgabe zu, die Feldzüge mit einer Abfolge von Schlachten zu leiten, um die strategischen Ziele zu erreichen.165 Während die strategische Führung den politischen Vorgaben unterliegt,166 handelt es sich bei der Operationsebene nach Schössler um einen „eigenständige[n] Bereich des Strategen“, in den sich die Politik nicht einmische.167 Angelehnt an die strategischen Vorgaben168 sind militärische Operationen „zeitlich und räumlich zusammenhängen[de]“ militärische Handlungen, die „auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sind.“ Sie „werden in allen Einsätzen und auf allen Führungsebenen geführt“ und „können gleichzeitig Elemente des direkten und indirekten Vor- 162 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 80 und vgl. auch Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 64. 163 Vgl. Foerster, Roland: Das operative Denken des deutschen Generalstabs 1870-1945, in: Dietmar Schössler (Hrsg.): Die Entwicklung des Strategie- und Operationsbegriffs seit Clausewitz. Militärisch-wissenschaftliches Colloquium der Clausewitz-Gesellschaft e. V. am 6. und 7. April 1995 in Dresden, München 1997, S. 36-64, hier. S. 40. 164 Vgl. ebd., S. 41. 165 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 215. 166 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 138. 167 Vgl. Schössler, Dietmar: Der Strategiebegriff bei Clausewitz, in: Ders. (Hrsg.): Die Entwicklung des Strategie- und Operationsbegriffs seit Clausewitz. Militärisch-wissenschaftliches Colloquium der Clausewitz-Gesellschaft e. V. am 6. und 7. April 1995 in Dresden, München 1997, S. 19-35, hier. S. 32 168 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 138. 55 gehens enthalten.“169 Auf operativer Ebene werden die Kampfhandlungen nach den Grundsätzen der Operation verbundener Kräfte durchgeführt,170 worunter das zeitliche und räumliche Zusammenwirken der verschiedenen Waffengattungen und Teilstreitkräfte unter einheitlicher Führung verstanden wird.171 Laut der Heeresdienstverordnung 100/100 „Truppenführung von Landstreitkräften“ der Deutschen Bundeswehr setzt die operative Ebene „die politischen Absichten und militärstrategischen Vorgaben in streitkräftegemeinsame Weisungen an die taktische Ebene um“.172 Der operativen Führung kommt dabei eine integrative Funktion zu, indem sie die Fähigkeiten der ihr unterstellten militärischen und nichtmilitärischen Kräfte in einem Verbund koordiniert und im Operationsgebiet leitet, um somit die Voraussetzungen für den Erfolg der taktischen Führung beim Einsatz der Kräfte zu schaffen.173 169 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 Führungsbegriffe, Bonn Oktober 2008, S. 116. 170 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 77. 171 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 Führungsbegriffe, Bonn Oktober 2008, S. 59. 172 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 80. 173 Vgl. ebd., S. 80. 56 2. Der Begriff der asymmetrischen Kriegführung „Der Kampf um Leben und Freiheit jedes ursprünglich schwächeren Wesens gegen das Stärkere weckt in jedem eine solche Fülle von bisher schlummernden Kräften, daß sie um so sicherer zur siegreichen Abwehr des erlittenen Angriffes oder Druckes führt, je unmittelbarer sie von der innigsten Lebenskraft des Angegriffenen durchdrungen, je tiefer diese durch die erlittene Unbill ergriffen worden ist.“174 (Franz von Erlach) Um das Phänomen der seit Beginn der 1990er Jahre rasant zunehmenden – vor allem innerstaatlichen – gewaltsamen Auseinandersetzungen begrifflich zu erfassen, fand sich bald die Formel des asymmetrischen Krieges.175 Bis zur Gegenwart scheint Asymmetrie „im sicherheitspolitischen und strategischen Diskurs [der] bestimmend[e] Faktor“176 zu sein. Obwohl es keine verbindliche Definition für diesen Begriff gibt,177 wurde er, nachdem er durch den Politikwissenschaftler Andrew Mack178 bereits Mitte der 1970er Jahre in den sicherheitspolitischen 174 Erlach, Franz von: Die Freiheitskriege kleiner Völker gegen große Heere, Bern 1867, S. 1. 175 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 7-12 und vgl. auch Schmidl, Erwin A.: „Asymmetrische Kriege“ – alter Wein in neuen Schläuchen?, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz: Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, Baden-Baden 2004, S. 121-131, hier S. 121. Zum „Asymmetrie-Diskurs“ siehe auch Wassermann: Asymmetrische Kriege, S. 7-34. 176 Pankratz, Thomas/Schröfl, Josef und Micewski, Edwin R.: Vom Begriff der „Asymmetrischen Kriegführung“ zu einem erweiterten Verständnis von Asymmetrie, in: Dies. (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden 2006, S. 7-9, hier S. 7. 177 Vgl. Schröfl, Josef/Pankratz, Thomas: Zusammenfassung und Ausblick, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden, 2006, S. 191-194, hier S. 191. Zum „Asymmetrie- Diskurs“ siehe Wassermann: Asymmetrische Kriege, S. 7-34. 178 Vgl. Mack, Andrew: „Why Big Nations lose Small Wars: The Politics of Asymmetric Conflitct”, in: World Politics, 27 Jg., Heft 2, S. 175-200 (vgl. Wassermann: Asymmetrische Kriege, S. 36.) Auch unter: http://web.stanford.edu/class/polisci211z/2.2/Mack%20WP%201975%20A symm%20Conf.pdf, zuletzt geprüft: 13.12.2015. 57 Diskurs eingeführt wurde,179 vor allem seit der Jahrtausendwende vielfach in wissenschaftlichen Publikationen, aber auch in den Medien aufgegriffen. Asymmetrische Kriegführung dient dabei als Bezeichnung für jene Konfliktformen, in denen keine Balance zwischen den Kriegsanstrengungen und der Konfiguration der Streitkräfte beider Seiten besteht. Stupka nennt u. a. den Kleinkrieg, den Partisanenkrieg und die Auseinandersetzung mit Terroristen als Beispiele hierfür.180 Bauer verwendet die Begriffe asymmetrische Kriegführung und unkonventionelle Kriegführung daher synonym.181 Die europäische Geschichte hatte eine Einhegung des Krieges und die Herausbildung eines klassischen Kriegsrechts182 mit sich gebracht.183 Die Grenzen zwischen Krieg und Frieden waren durch Kriegserklärung und Friedensschluss eindeutig erkennbar und Kombattanten wurden von Nichtkombattanten streng unterschieden.184 Nachdem durch eine immer komplexere Kriegstechnik wie beispielsweise die Artillerie die Kosten derart stark angestiegen waren, dass sich diese nur noch Staaten leisten konnten, hatten sich im Zuge des aufkommenden Absolutismus im 16. und 17. Jahrhundert stehende Heere – häufig aus ange- 179 Vgl. Wassermann: Asymmetrische Kriege, S. 10. 180 Vgl. Stupka, Andreas: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz: Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, Baden-Baden 2004, S. 41-56, hier S. 41. 181 Vgl. Bauer, Thomas: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, in: Sebastian Buciak (Hrsg.): Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 101-112, hier S. 102. 182 Aus der Hegung des Krieges gingen laut Sebastian Haffner fünf Grundsätze hervor, die Kriegslehre und Kriegsrecht im Westen lange prägten: 1. Eine auf Gehorsam und Zwang basierende Disziplin der Armeen, da Überzeugung und Idealismus in europäischen Obrigkeitsstaaten nicht zur Motivierung der Soldaten ausreichten, 2. eine Unterscheidung nach Kombattanten und Nichtkombattanten zur Begrenzung des Krieges auf das Militär, was nach dessen Beendigung einen leichteten Übergang zum Frieden ermöglichte, 3. der Grundsatz, den Krieg nach Möglichkeit in Feindesland zu tragen, da Kämpfe im eigenen Land den Preis eines Krieges erheblich erhöhen, 4. eine zeitliche Begrenzung des Krieges, da Krieg eine Ausnahme darstellte, dessen Kosten den zu erwartenden Gewinn nicht übersteigen sollten und damit einhergend schließlich 5. eine schnelle Entscheidung, um nicht alle Eskalationsstufen zu durchlaufen. (vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 166.) 183 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 16. 184 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 16 und vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 57. 58 worbenen Söldnern185 – und ein staatliches Gewaltmonopol immer mehr durchgesetzt.186 Die Kabinettskriege der Fürsten des 17. und 18. Jahrhunderts wurden immer mehr von professionellen Kriegsspezialisten geführt.187 Krieg wurde gar zur Wissenschaft.188 Im 19. Jahrhundert wurden die Söldnerheere durch Wehrpflichtarmeen ersetzt, was die Aufstellung und Unterhaltung von größeren Streitkräften erlaubte.189 In der Zeit vom 17. bis zum 20. Jahrhundert waren daher alleine die souveränen Staaten Träger des Krieges, welcher durch stehende Heere ausgefochten wurde.190 In derartigen klassischen Auseinandersetzungen standen sich in quantitativer, qualitativer und technischer Hinsicht gleichwertige Gegner gegenüber.191 Seinem Wesen nach drängte der klassische symmetrische Krieg zu einer Entscheidungsschlacht, mit der sich binnen Kurzem letztlich der politische Zweck durchsetzen ließ.192 Hierzu bedurfte es einer „Konzentration der Kräfte in Raum und Zeit“193. Für Münkler war daher die Symmetrie über Jahrhunderte das zentrale Merkmal der klassischen Kriegführung in Europa.194 Ne- 185 Vgl. Vagts, Alfred: Vom Feudalkrieger zur Massenarmee, in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 126-254, hier S. 175 und S. 179, vgl. Keegan, John: Die Kultur des Krieges, Berlin 1995, S. 37 und vgl. Kaldor, Mary: Neue und alte Kriege, Frankfurt/Main 2000, S. 27. 186 Vgl. Rink, Martin: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen – Die Konzeption des kleinen Krieges in Preußen 1740-1813, Frankfurt/Main 1999, S. 29, S. 37 und S. 44f, vgl. Vagts: Vom Feudalkrieger zur Massenarmee, S. 133f , vgl. Keegan: Die Kultur des Krieges, S. 37 und vgl. Kaldor: Neue und alte Kriege, S. 28 und S. 33. 187 Münkler, Herfried: Der Wandel des Krieges – Von der Symmetrie zur Asymmetrie, 2. Auflage, Weilerswist 2006, S. 28 und vgl. Externbring, Sven: Die Grenzen des ‚Kabinettskrieges‘: Der Siebenjährige Krieg 1756-1763, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 350-358, hier S. 350. 188 Vgl. Rothfels, Hans: Clausewitz, in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 261-290, hier S. 267. 189 Vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 150. 190 Vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 55f. 191 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/100 – Truppenführung von Landstreitkräften, Teil B, Bonn November 2007, S. 95. 192 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 46. 193 Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 55. 194 Vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 60 und vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 122. 59 ben der Gleichartigkeit der militärischen Strategie und der politischen Rationalität fußte die Symmetrie auch auf völkerrechtlicher Legitimität.195 Die gegenseitige Anerkennung der Kriegsgegner diente auch dazu, schwächere Staaten daran zu hindern, auf asymmetrische Formen der Kriegführung zurückzugreifen, da andernfalls der Verlust von Akzeptanz und Anerkennung drohte.196 Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch ist es zu einer Auflösung des klassischen Kriegsbegriffs – u. a. durch die weitgehende Aufhebung der Trennung von Kombattanten und Nichtkombattanten – gekommen. Doch erst die anschließende Ost-West-Konfrontation wurde zu einer tatsächlichen Zäsur; da zwischenstaatliche Kriege nunmehr das Risiko gegenseitiger atomarer Vernichtung bargen, wurden diese nach 1945 zur Ausnahme.197 In der Folge war aufgrund des technischen Fortschritts einerseits und der veränderten Kampfzonen sowie der Mobilisierung neuer Ressourcen andererseits eine zunehmende Tendenz hin zu asymmetrischen Konstellationen zu erkennen,198 in denen vorrangig irreguläre Akteure wie u. a. Freischärler, Partisanen, Milizen, Guerillas, Terroristen und Paramilitärs auftraten.199 Schmitt stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der Unterschied zwischen regulärem und irregulärem Kampf abhängig sei von den modernen Organisationsformen des Krieges. Je präziser die Regulierung des Krieges, desto eindeutiger der Gegensatz zwischen regulär und irregulär.200 Entsprechend bezeichnet auch die HDV 100/900 irreguläre Kräfte als „Personen, die nicht Kombattanten bzw. Nichtkombattanten sind und feindselige Handlungen gegen die eigenen Streitkräfte richten.“201 Da irreguläre Kampfführung zu einer „Vermischung von Krieg und Frieden“202 tendiert, fehlt ihnen auch ein innerer Mechanismus zu ihrer 195 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 120f. 196 Vgl. ebd., S. 121. 197 Vgl. Buciak, Sebastian: Ghosts of War – Geister des Krieges, in: Ders. (Hrsg.): Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 11-40, hier S. 19 und vgl. dazu auch: Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 167. 198 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 262f und vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 90. 199 Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 61 und vgl. Buciak: Ghosts of War, S. 30. 200 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 11. 201 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 74. 202 Schröfl: Asymmetrie und Ökonomie, S. 77. 60 Beendigung.203 Erschwerend kommt hinzu, dass gerade in langwierigen Bürgerkriegen oftmals Kriegsökonomien mit lokalen Kriegsherren als Profiteuren entstehen, denen eine Fortsetzung des Krieges lukrativer als ein Friedensschluss erscheint.204 Die Aufhebung der Grenzen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten hat oftmals auch Verstöße gegen ursprünglich zur Einhegung des Krieges gesetzte Normen wie beispielsweise das Humanitäre Völkerrecht (HVR)205 zur Folge.206 Asymmetrische Kriege sind daher durch ein besonderes Maß an Grausamkeit gekennzeichnet.207 Sie gleichen Wassermann zufolge „einem Dschungel“, während der gehegte Krieg der Frühen Neuzeit noch ein wohlgeordneter „Barockgarten“ gewesen sei.208 Die geschilderten Erscheinungen sind indes nicht neu.209 Laut Bauer sowie Stahel und Geller sind sie in der Geschichte der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen menschlichen Gruppen eher die Regel denn die Ausnahme.210 Letzteres ist nach Voigt stattdessen der klassische Staatenkrieg.211 Lediglich die europäische Neuzeit hat Münkler zufolge eine weitgehende Symmetrie militärischer Auseinandersetzung hervorgebracht,212 weshalb er die klassischen symmetrischen Kriege daher als gegenwärtig zu Ende gehenden „europäischen 203 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 93. 204 Vgl. Schröfl: Asymmetrie und Ökonomie, S. 78 und S. 81 und vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 171. 205 Die Aufgabe des Humanitären Völkerrechts besteht in der Aufstellung von Regeln für bewaffnete Konflikte, um diese soweit möglich einzuhegen und vor allem den Schutz von Zivilisten, Kriegsgefangenen und Kulturgütern zu gewährleisten. (Vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 6f.) 206 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 46. 207 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 87. 208 Vgl. Wassermann: Asymmetrische Kriege, S. 8. 209 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 41. 210 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 102 und vgl. Stahel, Albert A./Geller, Armando: Asymmetrischer Krieg: Theorie – Fallbeispiele – Simulation, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz: Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der Internationalen Politik?, Baden- Baden 2004, S. 95-116, hier S. 95. 211 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 280. 212 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 89 und vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 9f und S. 24. 61 ‚Sonderweg‘“ bezeichnete.213 Nach Buciak komme eine vollkommene Ausgewogenheit in Bewaffnung, Truppenzahl, technischem Stand, strategischer und taktischer Ausgangslage praktisch nie vor,214 weshalb er die Unterscheidung in symmetrische und asymmetrische Konflikte ablehnt und kriegerische Auseinandersetzungen daher in reguläre und irreguläre einteilt.215 Ebenso bestritt Schmidl die Existenz symmetrischer Konflikte, da ihm zufolge das jedem Kriege immanente Streben nach Überlegenheit grundsätzlich Asymmetrie erzeuge.216 Münkler weist jedoch darauf hin, dass nicht die quantitative Gleichheit, sondern die qualitative Gleichartigkeit der Streitkräfte das entscheidende Kriterium symmetrischer Kriege sei.217 Laut Münkler bestehen verschiedene Abstufungen bzw. Grade an Asymmetrie und Symmetrie. So werden sich in symmetrischen Konflikten immer auch asymmetrische Momente und umgekehrt finden.218 Ferner unterscheidet Münkler den Begriff der Asymmetrie in eine solche auf technologischer Überlegenheit beruhende der Stärke und eine der Schwäche.219 Am Beispiel der USA weist er auf eine gezielte Asymmetrisierung durch militärorganisatorische und waffentechnische Überlegenheit hin. Dabei gehe es nicht darum, Unterlegenheit auszugleichen, sondern darum, eigene Verluste zu minimieren.220 Konfliktparteien und Gruppen, die hingegen technologisch und qualitativ nicht mithalten können, greifen als Reaktion verstärkt auf irreguläre Strategien wie die der Guerilla oder des Terrorismus zurück,221 um die eigenen Schwächen auszugleichen.222 Die Antwort der unterlegenen Seite führe laut Münkler indes durch die Anwendung von irregulären Mitteln, die von der Guerillataktik bis zum Terrorismus reichten, zu einer weiteren 213 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 91. 214 Buciak: Ghosts of War – Geister des Krieges, S. 12. 215 Vgl. ebd., S. 27. 216 Vgl. Schmidl: „Asymmetrische Kriege“ – alter Wein in neuen Schläuchen?, S. 121. 217 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 85 und vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 62 und S. 209. 218 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 89. 219 Vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 65. 220 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 86f und vgl. dazu auch Stahel/Geller: Asymmetrischer Krieg: Theorie – Fallbeispiele – Simulation, S. 96. 221 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 262f. 222 Vgl. Stahel/Geller: Asymmetrischer Krieg: Theorie – Fallbeispiele – Simulation, S. 96. 62 Asymmetrisierung.223 Da durch Aufrüstung eine Resymmetrisierung mit einem weit überlegenen Gegner nicht erreicht werden kann, wird versucht, dies durch indirekte und unkonventionelle Methoden zu kompensieren.224 Sie werden für einen strategischen Akteur zu einem Mittel, um sein Land möglichst teuer zu verkaufen und um eine Entscheidungsschlacht und damit den raschen Sieg der Gegenseite zu verhindern.225 Dies stellt ebenfalls eine Option dar, wenn die eigenen regulären Truppen geschlagen wurden, der Kampf aber dennoch fortgesetzt werden soll.226 Buciak hat den Versuch unternommen, mittels einer Einteilung die unterschiedlichen Dimensionen irregulärer Kriegführung zu erfassen. Neben einer quantitativen Divergenz zwischen den Konfliktparteien auf strategischer Ebene kennt er eine solche auch in qualitativer Hinsicht, nämlich aufgrund der ungleichen Ausrüstung und Bewaffnung. Den Umstand, dass reguläre, auf einen ebenbürtigen Gegner ausgerichtete Kräfte im Kampf gegen Aufständische zwar strategisch überlegen, auf taktischer Ebene jedoch für gewöhnlich unterlegen sind, bezeichnet er als strategisch-taktische Divergenz. Ferner nennt er eine Rechtsdivergenz, da reguläre Kräfte, insbesondere aus demokratischen Rechtsstaaten, normengebunden und regelgeleitet sind, während irreguläre Kräfte sich über diese Normen häufig hinwegsetzen. Schließlich besteht eine ökonomische Divergenz darin, dass reguläre Kräfte auf staatliche Ressourcen zurückgreifen können, während irreguläre meist über keinen Zugang zum offenen internationalen Wirtschaftskreislauf verfügen und ihre Ressourcen nur verdeckt beziehen können.227 Die Entwicklung hin zu asymmetrischen und irregulären Konflikten ging damit einher, dass sich in ihnen zunehmend staatliche Akteure solchen nichtstaatlichen Charakters gegenübersahen.228 Statt einer Konzentration von Kräften in Raum und Zeit wie in klassischen Kriegen kam es zu einer Dislozierung. Begriffe wie Front, Hinterland, 223 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 93. 224 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 105, vgl. Schmidl: „Asymmetrische Kriege“ – alter Wein in neuen Schläuchen?, S. 121, vgl. Schröfl: Asymmetrie und Ökonomie, S. 70 und vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 49 und S. 55. 225 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 49. 226 Vgl. Buciak: Ghosts of War, S. 29. 227 Vgl. ebd., S. 36. 228 Vgl. Schröfl: Asymmetrie und Ökonomie, S. 81. 63 Heimat lösten sich in einem solchen Konflikt auf.229 Aufgrund einer Strategie der Entschleunigung der unterlegenen Seite, der eine schnelle Entscheidung zu seinen Ungunsten vermeiden wollte, waren sie von längerer Dauer als klassische Kriege und wurden dadurch vor allem für staatliche Akteure zu einer großen Belastung.230 Je länger die Dauer derartiger Kriege, desto größer wurde laut Münkler die Wahrscheinlichkeit, dass die unterlegene Seite schließlich den Erfolg für sich verbuchte.231 Wurden zwischen 1800 und 1945 vier von fünf Kriegen von der starken Seite gewonnen, wandelte sich dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; nunmehr obsiegte die schwache Seite in 45 Prozent der Fälle.232 Besonders Demokratien sehen sich bei langandauernden Kriegen mit besonderen Problemen konfrontiert, da die öffentliche Zustimmung zu einer Intervention233, insbesondere wenn sie von Erfolglosigkeit und hohen personellen sowie materiellen Kosten begleitet werden, mit der Zeit abnimmt.234 Münkler spricht in diesem Zusammenhang von „postheroischen Gesellschaften“235. Daher haben sich Insurgenten insbesondere während der Dekolonialisierungsphase Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgreich darum bemüht, die Kosten für 229 Vgl. Bauer, Thomas: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 104. 230 Vgl. Salisch: Krieg – sein altes und neues Erscheinungsbild, S. 63f, vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 104, vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 44 und S. 46. 231 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 188. 232 Vgl. Schubert, Samuel R.: The Asymmetriy of Political Violence: Terror and the Terrorist, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden, 2006, S. 117-172, hier S. 118. 233 Fischer zufolge sei unter dem klassischen politikwissenschaftlichen Interventionsbegriff die „‚Einmischung in die inneren Angelegenheiten‘ eines anderen Staates“ zu verstehen. (vgl. Fischer, Martina: Konfliktregelung und Friedenssicherung III. Humanitäre Intervention und Prävention, in: Bernhard Rinke/Wichard Woyke (Hrsg.): Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert – Eine Einführung, Opladen 2004, S. 173-200, hier S. 174.) 234 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 56, vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 189, vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 93 und vgl. Schmidl: „Asymmetrische Kriege“ – alter Wein in neuen Schläuchen?, S. 127. 235 Vgl. Münkler, Herfried: Kriegssplitter – Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin 2015, S. 169-187, vgl. Ders.: Die neuen Kriege, S. 230f und vgl. Ders.: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 140. 64 die Interventions- und Ordnungsmacht in die Höhe zu treiben.236 Laut Münkler hat Raymond Aron beobachtet, dass Aufständische einen Krieg politisch gewinnen würden, wenn sie ihn nicht militärisch verlören. Eine Ordnungsmacht muss hingegen einen entscheidenden Sieg erringen, wenn sie ihn nicht politisch verlieren will. Die physische Vernichtung des Gegners ist für irreguläre Kräfte daher in der Regel weniger bedeutsam als dessen Demoralisierung.237 Für Hammes ist gerade das Zielen auf den politischen Willen und die Kampfbereitschaft des Gegners das besondere Charakteristikum dieser Form der Kriegführung.238 Eiselt stellt richtigerweise fest, dass eine fächerübergreifende begriffliche Verwirrung hinsichtlich der verschiedenen Akteure in asymmetrischen Konflikten besteht, welche sowohl Rechts-, Geschichts- als auch Politikwissenschaft betrifft. Nicht zuletzt hätten hierzu auch die Medien durch Vereinfachung und willkürliche Verwendung der Begriffe Guerillas, Terroristen, Aufständische, Partisanen, Stadtguerillas etc. beigetragen, was dazu geführt habe, dass man diese in der breiten Öffentlichkeit häufig für Synonyme halte.239 Um für diese Arbeit, trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten, eine ansatzweise begriffliche Klarheit herzustellen, werden in der Folge verschiedene Begriffe erläutert, welche im Zusammenhang mit asymmetrischer Kriegführung unweigerlich auftreten und untrennbar mit dieser verbunden sind. Da der sogenannte „Kleine Krieg“ Kampfweisen hervorgebracht hat, die asymmetrische Auseinandersetzungen bis in die Gegenwart prägen, wird zunächst dieser Begriff näher in Augenschein genommen. 236 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 255. 237 Vgl. ebd., S. 188. 238 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 31. 239 Vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 9-11. 65 2.1. Der Kleinkrieg Durch das während der Frühen Neuzeit etablierte staatliche Gewaltmonopol und die zentralisierte Administration wurde es den absolutistischen Herrschern möglich, kostenintensive stehende Heere auszurüsten, deren Hauptbestandteile schwere Infanterie, Kavallerie und Artillerie waren.240 Bestimmt wurde die Kampfweise primär durch Vorrücken in starrer Linie und Salvenschießen.241 Die Truppenverbände waren sehr schwerfällig und aufgrund ihrer Abhängigkeit von großen Versorgungsdepots wenig beweglich. Feldzüge bestanden daher, wenn die Entscheidung nicht durch eine zentrale Schlacht herbeigeführt wurde, 242 häufig aus Belagerungen und Manövern, die darauf abzielten, Nachschublinien des Gegners zu unterbrechen.243 Aus der mangelnden Flexibilität dieser Truppen ergaben sich jedoch taktische Lücken, welche man mit der Konzeption des sogenannten „Kleinen Krieges“, dessen besondere Merkmale im Überraschungsmoment und einer hohen Beweglichkeit lagen, zu füllen gedachte.244 Eine frühe Abhandlung über den Kleinkrieg wurde von Antoine de Ville im Jahre 1674 verfasst.245 Dieser und andere Autoren des Kleinen Krieges, die vor allem während des 18. Jahrhunderts die Taktik des „petite guerre“ weiterentwickelten,246 waren jedoch eher bestrebt, eine praktische Handlungsanleitung statt einer Theorie zu erarbeiten.247 Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein zeugt die Literatur von einer regen Diskussion um eine Konzeption des Kleinen Krieges.248 Georg Wilhelm von Valentini schrieb im Jahre 1802: „Unter dem sogenannten kleinen Kriege verstehen wir alle diejenigen Funktionen im Kriege, welche die Operationen einer Armee oder eines Corps bloß begünstigen, ohne an und für sich eine unmittelbare Beziehung auf Eroberung oder Behaup- 240 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 96f. 241 Vgl. Vagts: Vom Feudalkrieger zur Massenarmee, S. 210. 242 Vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 53. 243 Vgl. Rothfels: Clausewitz, S. 266. 244 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 87 und vgl. Valentini, Georg Wilhelm von: Abhandlung über den kleinen Krieg und über den Gebrauch der leichten Truppen mit Rücksicht auf den französischen Krieg – von einem preußischen Offizier, 2. Ausgabe, Berlin 1802, S. 2. 245 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 25f. 246 Vgl. ebd., S. 21 und S. 31. 247 Vgl. ebd., S. 28. 248 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 81 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 25-31. 66 tung des Landes zu haben, die Sicherung und selbst das Verbergen der Hauptmacht, sowohl in Stellung als in Bewegung und diejenigen Gefechte also, die bloß darauf abzwecken, dem Feinde Abbruch zu thun.“249 Sein Einsatz fördere die Bemühungen der Hauptstreitkräfte, da ein „glücklich geführter kleiner Krieg die Kräfte des Feindes schwächt, und ihn der Mittel beraubt, gegen uns im Felde auszudauern.“250 Auch Carl von Clausewitz nahm sich dieses Themas an. Ihm zufolge waren „alle kriegerischen Handlungen, die mit kleinen Truppenabtheilungen [sic!] geschehen, (…) Gegenstände des kleinen Krieges.“251 Hierbei kamen vorrangig leichte Truppen zum Einsatz, die – anders als beispielsweise die konventionelle Linieninfanterie – durch leichtes Gepäck und Ausrüstung hochmobil sowie logistisch unabhängig waren.252 Sie kämpften in aufgelockerter Weise,253 wurden bevorzugt in unübersichtlichem Gelände eingesetzt254 und zeichneten sich durch eine ausgesprochen selbstständige Handlungsweise aus,255 die von einer geschickten „Verbindung von Kühnheit und Vorsicht“256 geprägt war. Vor allem Jäger257 und Husaren258 kamen daher als Träger 249 Valentini: Abhandlung über den kleinen Krieg und über den Gebrauch der leichten Truppen mit Rücksicht auf den französischen Krieg, S. 1. 250 Ebd., S. 1. 251 Clausewitz, Carl von: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg gehalten auf der Kriegs-Schule 1810 und 1811, in: Werner Hahlweg (Hrsg.): Carl von Clausewitz. Schriften, Aufsätze, Briefe, Bd. 1, Göttingen 1966, S. 226-599, S. 233. 252 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 79 und vgl. Valentini: Abhandlung über den kleinen Krieg und über den Gebrauch der leichten Truppen mit Rücksicht auf den französischen Krieg, S. 2. 253 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 183 und vgl. Valentini: Abhandlung über den kleinen Krieg und über den Gebrauch der leichten Truppen mit Rücksicht auf den französischen Krieg, S. 2. 254 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 185. 255 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 145. 256 Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 239. 257 Jäger sind in der Gegenwart eine infanteristische Truppengattung, die sich vor allem für den Kampf in stark bedecktem und durchschnittenem Gelände eignet. Historisch gesehen handelte es sich um leichte Infanterie, die in aufgelockerter Kampfweise zur Führung des Kleinkrieges befähigt war. Statt in den strengen Formationen der herkömmlichen Linieninfanterie, welche aus diesen geschlossene Geschosssalven abfeuerte, kämpften Jäger in zerstreuter Ordnung und nutzten ihre Büchsen mit gezogenem Lauf zum gezielten Schuss. (vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 144 und vgl. 245-247 und vgl. Der Reibert – Handbuch des deutschen Soldaten, Berlin, Bonn und Hamburg, ohne Jahresangabe, S. 45. 67 des Kleinen Krieges infrage.259 Sie standen an der Spitze einer vorrückende Truppe, wo sie Sicherungs- und Aufklärungsaufgaben übernahmen sowie den Kampf um eigene und feindliche Vorposten – den „guerre des postes“260 – führten.261 Daneben störten sie die Bewegungen feindlicher Truppen und deren Versorgungslinien. Durch Zerstörungen und Plünderungen sollten die wirtschaftlichen Grundlagen des Gegners geschädigt werden.262 Für darüber hinausgehende Defensivaufgaben waren kleinere, leichte Truppenteile aufgrund ihrer Schwäche nur bedingt geeignet. Durch ihre hohe Beweglichkeit waren sie jedoch zur Verzögerung des feindlichen Vormarschs einsetzbar.263 Gleiches galt auch bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes.264 Im 18. Jahrhundert erreichte die Konzeption des Kleinkrieges laut Hahlweg eine „fast abschließende Perfektionierung“.265 Dennoch blieb er jedoch immer – bei aller Konvergenz266 und auch wenn die Grenzen laut Clausewitz fließend verliefen267 – nur „eine begleitende Taktik“ des großen Krieges.268 Die Bundeswehr kennt heute für diese Gefechtsart regulärer Truppen den Begriff des „Jagdkampfes“, bei dem es sich um ein „besonderes Einsatzverfahren für infanteristische Kräfte in 258 Das berittene Äquivalent zu den Jägern waren die Husaren. Diese leichte Kavallerie besaß eine hohe Geschwindigkeit, war flexibel einsetzbar und kämpfte sowohl auf- wie abgesessen. (vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 144f.) 259 Vgl. Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 237f. 260 Vgl. Esdaille, Charles J.: Fighting Napoleon – Guerillas, Bandits and Adventurers in Spain 1808-1814, New Haven & London 2004, S. 193. 261 Vgl. Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 299 und S. 373f. 262 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 45. 263 Vgl. Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 235 und S. 240. 264 Vgl. ebd., S. 429 und S. 431. 265 Vgl. Hahlweg, Werner: Kleiner Krieg in Geschichte und Gegenwart, in: Ders. (Hrsg.): Lehrmeister des Kleinen Krieges – Von Clausewitz bis Mao Tse-tung und Che Guevara, Darmstadt 1968, S. 9-44, hier S. 10. 266 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 146. 267 Vgl. Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 233. 268 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 185, vgl. Heuser: Rebellen – Partisanen – Guerilleros, S. 52. vgl. Hahlweg, Werner: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute. Acht Beiträge zu einem Phänomen, Bonn 1976, S. 13-29, hier S. 21 und vgl. Clausewitz: Meine Vorlesungen über den Kleiner [sic!] Krieg, S. 237. 68 allen Gefechtsarten und bei der Erfüllung bestimmter allgemeiner Aufgaben im Einsatz mit dem Zweck, Feind aufzuklären, abzunutzen, zu stören, zu täuschen und/oder zu binden“269 handelt und das gekennzeichnet [ist,] „durch Wechsel von Verbergen und überraschendem Zuschlagen in Form von Handstreichen oder aus dem Hinterhalt. Er wird von Jagdkommandos geführt, welche weitgehend selbstständig in einem zugewiesenen Raum operieren, um dort Feindkräfte zu schwächen, zu stören, zu täuschen und zu binden.“270 2.2. Die Guerilla „In modern warfare, the enemy is far more difficult to identify. No physical frontier separates the two camps. The line of demarcation between friend and foe passes through the very heart of the nation, through the same village, and sometimes divides the same family.“271 (Roger Trinquier) Bei aller etymologischen Verwandtschaft ist der Begriff des Kleinen Krieges von dem der Guerilla272 zu trennen. Trotz Ähnlichkeiten auf taktischer Ebene liegt der Unterschied vor allem darin, dass der Guerillakrieg als Kampfform auch eigenständig bestehen kann. Obwohl auch Guerillas oft in enger Verbindung mit regulären Truppen stehen und diese sich wechselseitig unterstützen,273 muss der Guerillakampf nicht zwingend Bestandteil des Großen Krieges sein und insbesondere nicht zwingend von regulären Truppen geführt werden. In der Regel ist es 269 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 74f. 270 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 214/100 – Die Jägergruppe, Bonn September 2002, S. 119. 271 Trinquier, Roger: Modern Warfare – A French View of Counterinsurgency, Westport, CT, 2006, S. 23. 272 Seinen Ursprung hat der Begriff des Guerillakrieges im spanischen Wort „guerra“ (Krieg) und bedeutet im wörtlichen Sinne „kleiner Krieg“. (vgl. Allemann, Fritz René: Macht und Ohnmacht der Guerilla, München 1974, S. 15 und vgl. Pesch, Ulrike: Aspekte des Internationalen Terrorismus als transnationales Problem – Dargestellt am Beispiel der terroristischen Geiselnahmen von 1968 bis 1977, Bonn 1977, S. 38.) 273 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 17 und vgl. Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 21. 69 sogar ein bewaffneter „Teil der Bevölkerung“274 der den Guerillakrieg führt. Die Trennung zwischen Militärischem und Zivilem, zwischen Front, Etappe und Hinterland wird dadurch aufgehoben und der Weg zum Volkskrieg geebnet.275 Nachdem dieses Phänomen im Spanischen Unabhängigkeitskrieg aufgekommen war,276 wurde der Begriff der Guerilla zur Kennzeichnung aller Arten irregulärer Kriegführung herangezogen.277 Das Wesen der Guerillakriegführung ist laut Ney jedoch „so alt wie der Krieg selbst.“278 Bereits in der Antike habe es im Laufe militärischer Kampagnen Widerstand kleiner Banden gegen große Heere gegeben.279 Dabei habe laut Huntington stets die „strategisch schwächere Seite zu von ihr selbst gewählten Zeiten, an von ihr selbst bestimmten Orten und in von ihr selbst gewählten Formen taktisch offensiv“280 gehandelt, um nach Wördemann einen stärkeren Feind „zu verunsichern, seine Bewegungen zu stören, seine Verbindungen zu kappen, seine Besetzung von Ort und Raum zu erschweren oder – im günstigsten Fall – unmöglich zu machen.“281 Dies geschieht durch kleine bewaffnete Gruppen, die ohne feste Front aus dem Hinterhalt durch überraschende Handstreiche,282 Sabotageakte und Überfälle auf Depots gegen ihren Gegner – bei dem es sich sowohl um die bestehende Staatsmacht als auch um eine auswärtige Okkupationsmacht handeln kann283 – vorgehen.284 Unter Ausnutzung des Geländes sind sie bestrebt, den Gegner zur Dislozierung seiner Kräfte zu zwingen, damit er aus seiner Überlegenheit keinen Vorteil mehr zu ziehen 274 Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 64f. 275 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 307 und vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 188. 276 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 48. 277 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): HDV 100/900 – Führungsbegriffe, Bonn Oktober 1998 (Änderungsstand 08.01.2003), S. 65f. 278 Ney, Virgil: Guerillakriegführung und moderne Strategie, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 60-78, hier S. 60. 279 Vgl. ebd., S. 60. 280 Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 19. 281 Wördemann, Franz: Terrorismus – Motive, Täter, Strategien, München 1977, S. 56. 282 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15. 283 Vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 251 und vgl. Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 19. 284 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 19. 70 imstande ist.285 Während Guerillakämpfer einem überlegenen Feind selbst möglichst ausweichen, trachten sie danach, einen unterlegenen Feind sowie dessen Versorgungs- und Verbindungslinien anzugreifen.286 Durch die ihr eigenen wesentlichen Grundelemente wie hohe Beweglichkeit, Flexibilität,287 Tarnung, Überraschung288 und Täuschung289 ist es Guerillas möglich, mittels einer temporären Kräftekonzentration örtliche Überlegenheit herzustellen und lokale Erfolge zu erzielen,290 um sich danach umgehend wieder zu zerstreuen, damit dem Gegner keine Angriffspunkte geboten werden.291 Das Erringen und die Beibehaltung der Initiative ist demnach für Guerillas elementar.292 Aus taktischen Gründen können auch terroristische Mittel wie Mord, Entführung oder Bombenanschläge zur Anwendung kommen.293 Durch Beunruhigung des feindlichen Hinterlandes soll der Feind gezwungen werden, große Teile seiner Truppen für Sicherungsaufgaben einzusetzen.294 Somit soll er weniger physisch vernichtet als vielmehr psychisch zermürbt werden.295 Auf diese Weise wird das Kernprinzip des regulären Krieges, durch eine Konzentration der Kräfte die Entscheidung zu suchen,296 fundamental unterlaufen. Die räumliche und zeitliche Begrenzung des Kampfes wird durch dessen Hinauszögerung und die Ausdehnung in die Tiefe des Raumes aufgehoben.297 Greiner 285 Vgl. Rentsch, Hellmuth: Partisanenkampf – Erfahrung und Lehren, Frankfurt/Main 1961, S. 64f und S. 69. 286 Vgl. Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 23 und vgl. Kutger, Joseph P.: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 79-98, hier S. 85. 287 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 75. 288 Vgl. Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 23. 289 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 84. 290 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 72 und S. 76. 291 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 85 und vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 77. 292 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 80. 293 Vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 58. 294 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 85. 295 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15 und vgl. Heydte, Friedrich August von der: Der moderne Kleinkrieg als wehrpolitisches und militärisches Phänomen, Würzburg 1972, S. 52. 296 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 188. 297 Vgl. ebd., S. 188. 71 spricht von der entscheidenden Bedeutung der „Ressource Zeit“, die beide Seiten in einem asymmetrischen Krieg gegensätzlich nutzten. Während die stärkere Seite den Konflikt schnell zu beenden bestrebt sei, zögere die schwächere Partei diesen so lange wie möglich hinaus.298 Laut Taber „führt der Guerilla den Krieg des Flohs, während sein Gegner die Nachteile des Hundes“299 erleide, der sich gegen einen Gegner verteidige, der kaum zu fassen, aber dennoch allgegenwärtig sei. Dauere „der Krieg nur lange genug (…), verfällt der Hund der Erschöpfung und der Blutarmut, ohne daß er jemals etwas gefunden hätte, das er zwischen die Zähne hätte bekommen oder mit seinen Krallen hätte vertreiben können.“300 Auch nach Wilkins ist der Guerillakrieg „wie eine wunde Stelle, die heute nur unangenehm empfunden wird, morgen bereits eine lästige Plage darstellt, in einem Monat die Schwächung bringt und zum Tode führen kann, wenn die richtige Behandlung nicht rechtzeitig einsetzt.“301 Da Guerillas jedoch selten aus eigener Kraft dazu in der Lage sind, einen militärischen Sieg zu erringen,302 werden laut Thayer „Kriege (…) von Guerillas nie gewonnen, aber von ihren Gegnern oft verloren.“303 Guerillas reicht es oftmals, wenn sie die Feindseligkeiten – auch nur auf niedrigem Niveau – aufrechterhalten, um die Kosten des Feindes so lange zu steigern, bis sie ihm nicht mehr tolerabel erscheinen.304 Ein vordergründig militärischer Sieg einer Guerillabewegung ist „oft nichts anderes als die Beendigung eines Zustandes, dessen Aufrechterhaltung sich für die zeitweilige Kolonialmacht als unrentabel herausgestellt hatte.“305 Oftmals geht der Erfolg einer Guerillabewegung auch auf die in der Regel indirekte Intervention einer auswärtigen Macht – von Carl Schmidt „interes- 298 Vgl. Greiner, Bernd: Krieg ohne Fronten – Die USA in Vietnam, Bonn 2007, S. 44. 299 Taber, Robert: Der Krieg der Flöhe, München 1971, S. 33. 300 Ebd., S. 33. 301 Vgl. Wilkins, Frederick: Guerillakriegführung, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 30-46, S. 30. 302 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 81. 303 Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 19. 304 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 188f und vgl. dazu auch Münkler: Über den Krieg, S. 255. 305 Münkler: Über den Krieg, S. 255. 72 sierter Dritter“306 genannt – zurück, welche die Guerilla auf unterschiedlichste Weise durch Hilfslieferungen oder Gelder unterstützt.307 Als bestens geeignete Waffe des Schwachen gegenüber dem Starken308 ist die Guerillataktik bevorzugtes Mittel revolutionärer Bewegungen und Gruppen.309 Theoretiker wie Mao, Giap oder Guevara trugen schließlich dazu bei, dass der reguläre Krieg um die Dimension des Guerillakrieges als eine eigenständige Kampfform erweitert wurde.310 Ney hatte Anfang der 1960er die ausgeprägte politisch-gesellschaftliche Komponente der seit Ende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgetragenen Guerillakriege festgestellt und erkannt, dass diese nicht allein unter militärischen Gesichtspunkten gesehen werden durften.311 Ähnlich sahen dies auch Rentsch 1961312 und Galula 1964.313 Autoren wie Taber, Ney und Haffner zufolge ist die Verbundenheit mit der Bevölkerung die wichtigste Waffe der Guerilla.314 Nicht zuletzt, weil sie ihnen die Möglichkeit bietet, sich in ihr zu verbergen.315 Ohne Unterstützung der Bevölkerung scheint der Kampf der Guerilla aussichtslos.316 Daher ist der taktische Erfolg über den Gegner im Gefecht auch nur ein Sekundärziel des Guerillakämpfers. In erster Linie kommt es darauf an, weitere Kämpfer zu mobilisieren und letztlich eine Volkserhebung zu entfachen.317 Dies erfordert eine bestimmte „Idee“ als Mo- 306 Vgl. Schmidt: Theorie des Partisanen, S. 78. 307 Vgl. Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 24. 308 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15, vgl. Huntington: Einführung: Der Guerillakrieg in Theorie und Politik, S. 19, vgl. Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 19 und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 50. 309 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 17, vgl. Pesch: Aspekte des Internationalen Terrorismus als transnationales Problem, S. 39 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 22. 310 Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 22. 311 Vgl. Ney: Guerillakriegführung und moderne Strategie, S. 77. 312 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 60. 313 Vgl. Galula: Counterinsurgency Warfare, S. 4f. 314 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 22, vgl. Ney: Guerillakriegführung und moderne Strategie, S. 68 und vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 172. 315 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 172. 316 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 190. 317 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 19. 73 bilisierungsmoment.318 Als wirkungsvoll haben sich dabei im 20. Jahrhundert beispielsweise – unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedingungen – der Marxismus-Leninismus, der Maoismus oder der Nationalismus erwiesen.319 Um ihr Ziel der Machtübernahme oder der Befreiung herbeizuführen, sind Guerillas häufig darauf aus, bestimmte Landstriche dauerhaft unter Kontrolle zu bringen und Basen zu errichten, in welchen mit der bestehenden Ordnung konkurrierende administrative Strukturen etabliert werden und von denen aus sich das kontrollierte Gebiet sukzessive ausweiten kann.320 Da es hierzu aufgrund der militärischen Schwäche irregulärer Kräfte eines für den Gegner nur schwer zugänglichen Geländes bedarf, eignen sich vor allem bergige und zerklüftete Regionen mit dichter Vegetation für den Guerillakrieg.321 Lange Zeit war die Frage der Legitimität der Guerilla umstritten.322 Hatte Anfang des 19. Jahrhunderts noch der Grundsatz gegolten, rechtmäßiger Kombattant sei nur, wer im Auftrag seines Dienstherren handele,323 waren durch die „Haager Landkriegsordnung von 1907 (…) Milizen, Freikorps und organisierte Mitkämpfer spontaner Volkserhebungen zum erstenmal [sic!] rechtlich an die Seite der Armee“324 getreten. Durch die Genfer Konvention von 1949 wurde den früheren Irregulären weitere rechtliche Anerkennung zuteil.325 318 Vgl. von der Heydte: Der moderne Kleinkrieg als wehrpolitisches und militärisches Phänomen, S. 59 und vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 307. 319 Vgl. Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 23. 320 Vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 57. 321 Vgl. Laqueur, Walter: Zwölf Thesen über die Guerilla, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute, Bonn 1976, S. 157-173, hier S. 157, vgl. Galula: Counterinsurgency Warfare, S. 24 und vgl. Allemann, Fritz René: Guerilla und Terrorismus der Gegenwart in Lateinamerika, Nahost und Nordirland, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute. Acht Beiträge zu einem Phänomen, Bonn 1976, S. 49-66, hier S. 54. 322 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 307. 323 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 270. 324 Wördemann: Terrorismus, S. 54. 325 Vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 54 und vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 146. 74 2.3. Der Partisanenkrieg Etymologisch lässt sich der Begriff von dem lateinischen Wort „pars“ (zu Deutsch „Teil von etwas“) herleiten.326 Münkler zufolge kam der Begriff des Partisanen Mitte des 18. Jahrhunderts auf327 und bedeutete im Französischen soviel wie „Parteigänger“328. Als „einer, der mit einer Partei geht“329, zeugt der Begriff demnach von der Bindung an eine „kämpfende, kriegführende oder politisch tätige Partei oder Gruppe.“330 Die Erscheinungsformen von Partisanen reichen vom regulären militär-ähnlichen Auftreten mit vergleichbaren Uniformen, Gliederungen und Hierarchien bis zu terroristischem Bandenwesen. Je schwächer Partisanen laut Münkler sind, desto eher glichen sie Terroristen. Dabei sei im Laufe des Konflikts sowohl ihre Wandlung zu Terroristen als auch zur regulären Truppe möglich.331 Laut Llanque macht diese Vielgestaltigkeit der Erscheinungsformen des Partisanen diesen für die Politische Wissenschaft zu einem nur schwer zu erfassenden Gegenstand.332 Als Form asymmetrischer Kriegführung ist auch der Partisanenkrieg ein seit langem bekanntes Phänomen. Nach Rentsch seien zu allen Zeiten „Aufständische, Freiheitskämpfer und Rebellen in den Wald und in die Berge“333 gegangen, um Eindringlinge und Unterdrücker zu bekämpfen.334 Partisanen treten daher häufig dort auf, wo eine fremde Okkupations- oder Interventionsmacht eingreift oder wo es zu innerstaatlichen Auseinandersetzungen kommt.335 Zumeist handelt es sich um Zivilisten mit gewöhnlich nur geringer militärischer Erfahrung,336 die die klassischen taktischen Mittel des Kleinkrieges anwen- 326 Vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 23. 327 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 174. 328 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 22. 329 Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 22. 330 Ebd., S. 21. 331 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 173f. 332 Vgl. Llanque, Marcus: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit: Der Partisan in Carl Schmitts politischer Theorie, in: Herfried Münkler (Hrsg.): Der Partisan – Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 61-80, hier S. 61. 333 Rentsch: Partisanenkampf, S. 12. 334 Vgl. ebd., S. 12. 335 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 17f. 336 Vgl. Ney: Guerillakriegführung und moderne Strategie, S. 64. 75 den.337 Diese Charakteristika haben sie ebenso mit Guerillakräften gemeinsam wie den Umstand, dass mit ihrem Kampf ein revolutionärer Moment verbunden sein kann, wenn es um eine Änderung der bestehenden Verhältnisse geht.338 Angesichts der offenkundigen Wesensverwandtschaft werden beide häufig auch als Synonyme angesehen. Die Grenzen zwischen Guerillas und Partisanen sind daher vor allem auf taktischer Ebene fließend.339 Bei allen Gemeinsamkeiten bestehen dennoch bestimmte Differenzierungsmerkmale. Ein wesentlicher Unterschied zur Guerilla besteht insbesondere darin, dass sich Partisanen kaum außerhalb des ihnen bekannten Umfeldes bewegen und somit in einem wesentlich eingeschränkteren Einsatzgebiet operieren.340 Sie entstammen der regionalen Bevölkerung und sind daher eng mit ihr verbunden. Hier können sie sich verbergen, von hier beziehen sie Nachschub und Informationen, welche ihnen aus der Bevölkerung zugetragen werden.341 Außerhalb des ihnen vertrauten Territoriums ginge ihre Effektivität verloren. Denn nach Sollom sei die „Partisanenbewegung [mit] einer Treibhauspflanze vergleichbar, die nur bei genau eingehaltenen Bedingungen blüht“342. Carl Schmitt spricht aus diesem Grund von einem tellurischen Charakter des Partisanen,343 worunter er „die Verbindung mit dem Boden, mit der autochthonen Bevölkerung und der geographischen Eigenart des Landes“344 versteht. Aus diesem Grund ist er nicht nur in der Lage, den „Elementarraum ‚Erde’“ militärisch zu nutzen, sondern vermag darüber hinaus auch die Bevölkerung als „Tiefendimension“ für sich zu erschließen. Der tellurische Charakter impliziert gleichzeitig eine Begrenzung und somit Einhegung des Krieges auf den Heimatboden des Partisanen.345 Guerillas ist es mit ihrem weitaus größeren Aktionsradius hingegen möglich, auch in Gebiete einzusickern, mit denen sie kaum oder gar nicht vertraut sind. 337 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 146. 338 Vgl. Schmidt: Theorie des Partisanen, S. 54-56. 339 Vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 10f und S. 37f und vgl. dazu Voigt: Krieg ohne Raum, S. 147. 340 Vgl. Sollom, A. H.: Überall und nirgends, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 47-59, hier S. 51f. 341 Vgl. Sollom: Überall und nirgends, S. 47. 342 Ebd., S. 47. 343 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 26. 344 Ebd., S. 26. 345 Vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 75. 76 Dies verleiht ihnen ein offensives Moment, während die Natur des Partisanen eher defensiv beschaffen ist. 2.4. Die Bedrohung durch den Terrorismus „Terrorism, then, is a weapon of warfare, which can neither be ignored nor minimized. It is a weapon of warfare that we should study it.”346 (Roger Trinquier) Ebenfalls unter dem Begriff der asymmetrischen Bedrohungen lässt sich das Phänomen des Terrorismus subsumieren. Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen und juristischer Aufarbeitungen zu diesem Themenkomplex fehlt auch hier eine allgemeingültige Definition347 – auch, wenn der Begriff „Terrorismus“ zu einer der gebräuchlisten politischen Vokabeln avanciert ist.348 Weder dem Völkerbund349 noch den Vereinten Nationen ist es gelungen, eine Definition zu finden, welche die Zustimmung aller Mitglieder fand.350 Eiselt zählt alleine zwischen 1936 und 1981 109 veröffentlichte Definitionen des Begriffs Terrorismus.351 Diese Arbeit kann es nicht leisten, alle Definitionen des Terrorismus aufzuführen und zu diskutieren oder gar eine eigene zu entwerfen. Was hier jedoch erbracht werden soll, ist eine Herausarbeitung wesentlicher Merkmale des Terrorismus, um den 346 Trinquier: Modern Warfare, S. 15. 347 Vgl. Herzog, Thomas: Terrorismus – Versuch einer Definition und Analyse internationaler Übereinkommen zu seiner Bekämpfung, Frankfurt/Main 1991, S. 18 und vgl. Witte, Daniel: Terrorismus und Rationalität – Zur Rational-Choice-Analyse des 11. September, Münster 2005, S. 23 und vgl. Lösche, Peter: Terrorismus und Anarchismus. Internationale und historische Aspekte, in: Manfred Funke (Hrsg.) Extremismus im demokratischen Rechtsstaat, Bonn 1978, S. 82-93, hier S. 82. 348 Vgl. Münkler, Herfried: Guerillakrieg und Terrorismus – Begriffliche Unklarheit mit politischen Folgen, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, Hamburg 2006, S. 78-102, hier S. 78. 349 Vgl. Wandscher, Christiane: Internationaler Terrorismus und Selbstverteidigungsrecht, Berlin 2006, S. 28. 350 Vgl. Rabert, Bernhard: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn 1995, S. 14-20. 351 Vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 11. 77 Begriff klar von anderen wie Guerilla oder Partisanen abgrenzen zu können. Der Ursprung des Wortes liegt im lateinischen Wort „terror“, was im Deutschen „Furcht“ oder „Schrecken“ bedeutet.352 Einzug in das moderne politische Vokabular hielt der Begriff im Zusammenhang mit der Schreckensherrschaft der Jakobiner – dem „Régime Terreur“ – im Frankreich der 1790er Jahre.353 Hierbei handelte es sich jedoch um staatlichen Terror gegen die eigene Bevölkerung unter Ausnutzung der staatlichen Organe.354 Wenn auch terroristische Mittel bereits seit der Antike und dem Mittelalter bekannt waren355, wurde Terrorismus im Sinne einer gewaltsamen Strategie in Form eines Angriffs auf einen Staat und dessen Ordnung356 zur Durchsetzung der politischen Ziele einer Gruppe, erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der russischen Gruppierung „Narodnaja Volja“357 praktiziert.358 Seither hat die Geschichte viele Varianten hervorgebracht, welche sich vor allem durch ihre Motivlage unterscheiden. So unterscheidet Witte den ethnisch-nationalistischen Terrorismus, den separatistischen, den sozi- 352 Vgl. Herzog: Terrorismus, S. 18. 353 Vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 63 und S. 65 und vgl. Herzog: Terrorismus, S. 18. 354 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 17. 355 So etwa die gegen die römischen Besatzer kämpfenden jüdischen Zeloten im 1. Jahrhundert n. Chr., oder die islamischen Assassinen des Mittelalters. (vgl. Whittaker, David J.: Terrorists and Terrorism in the Contemporary World, New York 2004, S. 19, vgl. Witte: Terrorismus und Rationalität, S. 13f, vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 47 und vgl. Hertel, Gerhard: Terrorismus und Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, München 1986, S. 5.) 356 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 17. 357 Die linksradikale Vereinigung „Narodnaja Volja“ (russ. für „Volkswille“) wollte durch Anschläge ein revolutionäres Bewusstsein in der Bevölkerung schüren. Sie war u. a. verantwortlich für die Ermordung des Zaren Alexander II. durch ein Sprengstoffattentat im Jahre 1881. (Vgl. Hecken, Thomas: Avantgarde und Terrorismus – Rhetorik der Intensität und Programme der Revolte von den Futuristen bis zur RAF, Bielefeld 2006, S. 11 und vgl. Fetscher, Iring/Rohrmoser, Günter: Ideologien und Strategien, Analysen zum Terrorismus, Bd. 1, (Analysen zum Terrorismus Bd. 1), Opladen 1981, S. 18.) 358 Vgl. Walther, Rudolf: Terror und Terrorismus – Eine begriffs- und sozialgeschichtliche Skizze, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, Hamburg 2006, S. 65-77, hier S. 69 und vgl. Fetscher/Rohrmoser: Ideologien und Strategien, S. 17f. 78 alrevolutionären und den religiösen Terrorismus.359 Hilker fügte dem noch den nationalrevolutionären, vigilantistischen sowie den sektiererischen Terrorismus hinzu.360 Häufigkeit und Auftreten der verschiedenen Varianten können sich mit der Zeit wandeln. Während beispielsweise in den 1970er Jahren terroristische Gruppen marxistischer Prägung zahlreich waren, gab es 1968 noch nicht eine religiös motivierte Gruppe. 1980 waren dies erst zwei und um 2005 waren bereits 117 von weltweit 654 bekannten Terroristengruppen religiös motiviert.361 Da, wie oben angeführt, die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Terrorismus unterschiedlich beantwortet wurde, wird der Versuch unternommen, durch die einzelnen Teilaspekte zum Kern vorzudringen: Terrorismus ist demnach eine taktische Methode,362 welche aus einer Position der politischen Schwäche heraus von kleinen Gruppen363 im Rahmen einer politischen Strategie systematisch364 angewandt wird, deren Kräfte nicht ausreichen,365 „den abgelehnten Staat offen herauszufordern“366 und die selbst gesetzten operativen oder strategischen Ziele zu erreichen.367 Dazu werden von kleinen organisierten Gruppen Straftaten begangen und mit vorsätzlichen Akten physischer Gewalt368 oder deren glaubhafte Androhung369 versucht, gesellschaftliche oder politische Ziele durchzusetzen.370 Dies geschieht nach Waldmann 359 Vgl. Witte: Terrorismus und Rationalität, S. 29 und vgl. dazu auch Dietl, Wilhelm/Hirschmann, Kai und Tophoven, Rolf: Das Terrorismus-Lexikon – Täter, Opfer, Hintergründe, Frankfurt/Main 2006, S. 22-24 und S. 32. 360 Vgl. Hilker, Thomas: Terrorismus – Grundwissen, Organisationen, Angriffsmittel, religiöser Fanatismus, Suizidbomber, Münster 2006, S. 12f. 361 Vgl. Schubert: The Asymmetry of Political Violence: Terror and the Terrorist, S. 120. 362 Vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 276. 363 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 13. 364 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 157. 365 Vgl. Townshend, Charles: Terrorismus, Stuttgart 2005, S. 15f, vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, S. 17 und vgl. Schwind, Hans-Dieter: Zur Entwicklung des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Ders. (Hrsg.): Ursachen des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, New York 1978, S. 25-44, hier S. 26. 366 Waldmann: Terrorismus, S. 13. 367 Vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 276. 368 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 157 und vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 17. 369 Vgl. Hecken: Avantgarde und Terrorismus, S. 12. 370 Vgl. Herzog: Terrorismus, S. 48. 79 durch planmäßig vorbereitete Anschläge, welche aus dem Untergrund heraus verübt werden.371 Neben der Verbreitung von Angst und Schrecken durch „systematisch durchgeführte[s] gewalttätige[s] Handeln“372 oder der Veränderung der bestehenden Ordnung373 kann es Waldmann zufolge ebenfalls das Ziel sein, Dritte zu Reaktionen „im Sinne einer längerfristigen terroristischen Strategie“374 zu bewegen und beispielsweise Unterstützungsbereitschaft bei einer Zielgruppe zu erzeugen.375 Münkler spricht in diesem Zusammenhang von dem „zu interessierenden Dritten“ als Adressat der terroristischen Botschaften376 bzw. dem revolutionären Subjekt,377 „für dessen Interessen die Terroristen zu kämpfen behaupten.“378 Indem sie sich auf ihn berufen, bemühen sie sich um die Legitimität ihres Handelns.379 Die Aufmerksamkeit des als interessiert unterstellten Dritten380 soll daher durch terroristische Gewalt aktiviert werden, um ihm damit zu signalisieren, dass der gemeinsame Feind verwundbar ist.381 Demnach sind die Aktionen der Terroristen stark an ihrer psychischen Wirkung ausgerichtet382 und als eine Kommunikationsstrategie383 zu verstehen, die sich 371 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 12. 372 Buciak: Ghosts of War, S. 32. 373 Vgl. Schneckener, Ulrich: Transnationaler Terrorismus – Charakter und Hintergründe des ‚neuen’ Terrorismus, Berlin 2006, S. 22. 374 Hecken: Avantgarde und Terrorismus, S. 12. 375 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 12 und vgl. Hilker: Terrorismus, S. 11. 376 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 180. 377 Vgl. Pesch: Aspekte des Internationalen Terrorismus als transnationales Problem, Bonn 1977, S. 42. 378 Münkler: Die neuen Kriege, S. 180. 379 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 263. 380 Den „zu interessierenden Dritten“ unterscheidet Münkler von dem „interessierten Dritten“ nach Carl Schmidt und Rolf Schroers, der im Konflikt zwischen zwei Parteien zwar nicht offen in Erscheinung tritt, aber durch indirekte Beteiligung versucht, seine spezifischen Interessen durchzusetzen. Beim zu interessierenden Dritten handelt es sich hingegen um einen in der Regel zunächst passiven Akteur, den eine Seite durch bestimmte Handlungen zu gewinnen und zu aktivieren bestrebt ist. (vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 180f.) 381 Vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 235 und vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 59. 382 Vgl. Van Creveld: Gesichter des Krieges, S. 259, vgl. Herzog: Terrorismus, S. 107, vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 177 und vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 157. 80 nach Rabert der Massenmedien bedient, um ein breites Publikum zu erreichen.384 Die zu vermittelnde Botschaft richtet sich dabei sowohl an die Angegriffenen als auch an das potentielle Klientel der Terroristen.385 Durch die Verbreitung von Angst und Schrecken386 sollen die Handlungen der einen im Sinne der Terroristen beeinflusst387 und die anderen mobilisiert werden. Laut Wördemann ist Terrorismus daher „die auf das äußerste zugespitzte Form psychologischer Kriegsführung“.388 Bei lediglich geringem Aufwand lasse sich – beispielsweise über Medien wie dem Internet – große Wirkung erzielen.389 Häufig soll der Gegenseite nicht nur demonstriert werden, dass man in der Lage ist, sie jederzeit und an jedem Ort zu treffen,390 sondern diese gleichzeitig zu repressiven und unpopulären Maßnahmen provozieren, von denen sich die Terroristen wiederum ein Anwachsen der Unterstützung seitens ihrer potentiellen Sympathisanten erhoffen.391 Da es sich um eine wenig kostenintensive Methode handelt, die sich leicht anwenden lässt,392 können jedoch auch staatliche Akteure – wie beispielsweise seinerzeit das Libyen Gaddhafis – dazu geneigt sein, terroristische Mittel zum Zwecke der Durchsetzung eigener Ziele anzuwenden.393 383 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 15 und S. 19, vgl. Thamm: Terrorismus, S. 48 und vgl. Dietl/Hirschmann und Tophoven: Das Terrorismus-Lexikon – Täter, Opfer, Hintergründe, S. 20. 384 Vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 17 und vgl. dazu auch Dietl/Hirschmann und Tophoven: Das Terrorismus-Lexikon – Täter, Opfer, Hintergründe, S. 26. 385 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 179f. 386 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 157. 387 Vgl. Dietl/Hirschmann und Tophoven: Das Terrorismus-Lexikon – Täter, Opfer, Hintergründe, S. 18. 388 Wördemann: Terrorismus, S. 59. 389 Vgl. Schober, Wolfgang: Konfliktkommunikation in Zeiten asymmetrischer Kriegsführung, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden, 2006, S. 85-94, hier S. 85. 390 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 15. 391 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 35, vgl. Schmidl: „Asymmetrische Kriege“ – alter Wein in neuen Schläuchen?, S. 124 und vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 22. 392 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 158. 393 Vgl. Dietl/Hirschmann und Tophoven: Das Terrorismus-Lexikon – Täter, Opfer, Hintergründe, S. 17. 81 Der klassische Terrorismus wurde – obwohl zwischen herkömmlichen Kriminellen und Terroristen beispielsweise immer ein Unterschied hinsichtlich des Motivs der persönlichen Bereicherung bestand394 – bis zum 11. September 2001 häufig dem Bereich der Kriminalität zugeordnet.395 Dies hing einerseits sicherlich mit einer Delegitimierungsstrategie zusammen,396 andererseits wohl auch mit dem Umstand, dass es zwischen 1945 und 2001 lediglich zwölf Anschläge mit jeweils mehr als 100 Toten gegeben hatte, das Ausmaß des Schadens im Vergleich zu militärischen Konflikten folglich überschaubar geblieben war.397 Nach dem 11. September änderte sich diese Einschätzung jedoch.398 Stupka zufolge sei der Terrorismus nun kriegerischen Handlungen gleichgestellt399 und könne laut Thamm durchaus als eine Form der Kriegführung niedriger Intensität angesehen werden.400 Auch Münkler sieht „die jüngsten Formen des internationalen Terrorismus, (…) als eine moderne Variante des klassischen Verwüstungskrieges (…) [und der] asymmetrische[n] Kriegführung“401. Sinnvoller scheint es indes, eine Unterscheidung im Sinne Hirschmanns vorzunehmen, nachdem es sich in beiden Fällen zwar um irreguläre Kampfweisen handelt, jedoch nur bei der Guerilla um eine militärische Strategie, während es sich bei Terrorismus um eine Kommunikationsstrategie handele, die Gewalt einsetze, um eine psychologische Öffentlichkeitswirkung zu erzielen.402 Dennoch besteht aufgrund derselben Wurzeln, wie es bereits Hahlweg festgestellt hatte, zwischen Terrorismus und Guerillabewegungen eine Verwandtschaft.403 Dafür spricht auch, dass eine terroristische Strategie langfristig angelegt ist und somit Parallelen zum Guerilla- oder Parti- 394 Vgl. Münkler: Guerillakrieg und Terrorismus, S. 84. 395 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 41. 396 Vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 425. 397 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 51. 398 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 41. 399 Vgl. ebd., S. 42. 400 Vgl. Thamm: Terrorismus, S. 51. 401 Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 86. 402 Vgl. Hirschmann, Kai: Risiken II: Internationaler Terrorismus als sicherheitspolitische Herausforderung, in: Bernhard Rinke/Wichard Woyke (Hrsg.): Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert – Eine Einführung, Opladen 2004, S. 77-100, hier S. 85. 403 Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 18. 82 sanenkrieg aufweist.404 Trotz einiger weiterer Parallelen, wie dem Agieren aus einer Position der Schwäche heraus405 und dem Operieren in kleinen taktisch flexiblen Gruppen,406 bestehen einige eklatante Unterschiede.407 Aufgrund ihrer personellen Schwäche müssen sich Terroristen auf kleine Zellen beschränken, während Guerillas weitaus umfangreichere Organisationsstrukturen aufzustellen vermögen.408 Während es sich beim Guerillakampf daher primär um eine militärische Strategie handelt, die auf die physische Vernichtung – zumindest auf taktischer Ebene – des Gegners zielt,409 ist Terrorismus vor allem eine Kommunikationsstrategie, die auf Massenmedien als Katalysator angewiesen ist.410 Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche sind Terroristen anders als Guerillas nicht dazu in der Lage, Gebiete zu kontrollieren und eine Gegenmacht zu errichten:411 „Der Neue Guerilla besetzt tendenziell den Raum, um später das Denken gefangen zu nehmen – der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann“412, stellte Wördemann fest. Münkler sieht im Verhältnis zur Bevölkerung das wichtigste Unterscheidungskriterium.413 Guerillas benötigen eine enge Verbindung mit ihr, Terroristen kommen hingegen ohne eine solche aus.414 Während Guerillas und insbesondere Partisanen daher ihre Offensive nicht in das Gebiet des Feindes tragen können, ist dieses Terroristen sehr wohl möglich.415 Nicht nur, dass sie in weitaus geringe- 404 Vgl. Stupka: Kriegsgeschichte und klassische kriegstheoretische Betrachtungen zur asymmetrischen Kriegführung, S. 52. 405 Vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 255. 406 Vgl. Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 23. 407 Vgl. Münkler: Guerillakrieg und Terrorismus, S. 81 und vgl. Eiselt: Guerillas, Partisanen, Terroristen in Sprache und Konfliktvölkerrecht, S. 5. 408 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 21. 409 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 19 und vgl. Thamm: Terrorismus, S. 48. 410 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 257 und vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 23. 411 Vgl. Waldmann: Terrorismus, S. 21 und vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 59 und vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 22f. 412 Vgl. Wördemann: Terrorismus, S. 57. 413 Vgl. Münkler: Guerillakrieg und Terrorismus, S. 91f. 414 Vgl. Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, S. 21 und vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 191. 415 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 54. 83 rem Maße auf Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen sind, sie sind zudem in der Lage, die zivile Infrastruktur zur eigenen Versorgung – beispielsweise Finanzierung durch Banküberfälle – zu nutzen416 und sie sogar in eine Waffe umzuwandeln.417 Durch Anschläge im Zentrum ihres Gegners zielen sie direkt auf dessen Durchhaltewillen, während dies Guerillas und Partisanen nur indirekt durch Abnutzung seiner Streitkräfte möglich ist.418 Nicht selten aber auch stehen Guerillakampf und Terrorismus in einer Wechselbeziehung zueinander. Guerillakampf kann durch terroristische Anschläge begleitet werden und oft finden sie sich am Anfang eines Aufstands, um diesen als Initialzündung auszulösen.419 Hirschmann sieht in der Gegenwart zudem fließende Übergänge zwischen Terrorismus, Guerillakampf, Organisierter Kriminalität und sogar legalen geschäftlichen Aktivitäten.420 416 Vgl. ebd., S. 191. 417 Vgl. ebd., S. 54. 418 Vgl. Münkler: Die neuen Kriege, S. 54f und S. 60f. 419 Vgl. ebd., S. 183. 420 Vgl. Hirschmann: Risiken II. Internationaler Terrorismus als sicherheitspolitische Herausforderung, S. 85. 84 3. Was ist unter dem Begriff „Sicherheitskonzepte“ zu verstehen? Da dem Begriff des Sicherheitskonzepts in dieser Arbeit ein zentraler Stellenwert zukommt, bedarf er an dieser Stelle einer kurzen Erläuterung. Die Grundlagen jeglicher staatlicher Sicherheitskonzeptionen entstammen den sicherheitspolitischen Überlegungen bzw. der Sicherheitspolitik der jeweiligen Regierung. Hierunter wird „die Gesamtheit staatlichen Handelns [verstanden], die – gegenüber aktuellen Risiken in konkreten Situationen – nationale Interessen verwirklicht. Sicherheitspolitik wird ebenso definiert als Schutz der Staatsziele gegen Gefahren von außen. Sicherheitspolitik kann über den Schutz hinaus als Gestaltung der Staatsziele orientiert an nationalen Interessen bezeichnet werden.“421 Zur Durchsetzung dieser Interessen, bei denen es sich beispielsweise um den Schutz des Staates vor äußeren Bedrohungen oder die Herstellung wirtschaftlicher und politischer Stabilität in geopolitischen Krisenregionen,422 handeln kann, ist die Erarbeitung von Sicherheitskonzepten erforderlich. Laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik dient ein Sicherheitskonzept „zur Umsetzung der Sicherheitsstrategie und beschreibt die geplante Vorgehensweise, um die gesetzten Sicherheitsziele einer Institution zu erreichen. (…) Jede konkrete Sicherheitsmaßnahme muss sich letztlich darauf zurückführen lassen.“423 Basierend auf den Ergebnissen eingehender Analysen werden die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen identifiziert, ehe sie schließlich im Sicherheitskonzept ihren Niederschlag finden.424 Als Sicherheitsmaßnahmen „werden alle Aktionen bezeichnet, die dazu dienen, um Sicherheitsrisiken zu steuern und um diesen entgegenzuwirken. Dies schließt sowohl organisatorische als auch personelle, technische oder infrastrukturelle Sicherheitsmaßnahmen ein.“425 Generell handelt es sich bei Sicherheitskonzepten somit um eine Summe bestimmter Maßnahmen, deren systematische Anwendung einer bestimmten Zielsetzung unterworfen ist. Dem voraus geht ebenso eine 421 Souchon: Sicherheitspolitik und Strategie am Beginn einer neuen Ära, S. 134. 422 Vgl. ebd., S. 134. 423 https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/weitereThemen/ ITGrundschutzKataloge/Inhalt/Glossar/glossar_node.html, zuletzt geprüft: 15.09.2012. 424 Vgl. https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/weitereThemen/ ITGrundschutzKataloge/Inhalt/Glossar/glossar_node.html, zuletzt geprüft: 15.09.2012. 425 Ebd. 85 umfassende Analyse des gegenwärtigen Zustands als auch möglicher Bedrohungen und potentieller Gefahren. Dabei umfassen Sicherheitskonzepte mehrere Ebenen: Auf der strategischen Ebene wird das zu erreichende Ziel definiert, welches beispielsweise sowohl aus Schadensvermeidung als auch Risikoreduzierung bzw. -eindämmung bestehen kann. Häufig gilt es, einen Zustand abzusichern oder gegebenenfalls wiederherzustellen. Auf operativer Ebene erfolgt die Umsetzung der strategischen Ziele im Rahmen ausgedehnter Kampagnen und auf taktischer Ebene werden schließlich die Entscheidungen darüber getroffen, welche Mittel im Einzelfall zur Anwendung kommen. Die Hauptbestandteile der in dieser Arbeit betrachteten Sicherheitskonzepte sind vorrangig politischer, militärischer und ökonomischer Natur. 86 4. Klassische Theorien der asymmetrischen Kriegführung In der Arbeit werden primär Theoretiker des Guerillakrieges herangezogen, welche für die zu betrachtenden Fallbeispiele von Relevanz sind. Sie stellen jedoch nur eine Auswahl dar und decken die Bandbreite namhafter Protagonisten der Guerillatheorie nicht gänzlich ab. Die an dieser Stelle kurz vorgestellten Theoretiker Sun Tzu426, Carl von Clausewitz und Thomas Edward Lawrence finden an dieser Stelle Berücksichtigung, da sie mit den von ihnen formulierten Gedanken wichtige Grundlagen geschaffen haben, die sich später bei den in dieser Arbeit eingehender betrachteten Autoren wiederfinden sollten. Sun Tzu Der General lebte vermutlich entweder zu Ende der „Zeit der Frühlings- und Herbst-Annalen“ (722-481 v. Chr.) oder zu Beginn der „Zeit der streitenden Reiche“427 (481-221 v. Chr.).428 In dieser Zeit wandelte sich das bis dahin nur aus zeitweise aufgebotenen Heeren bestehende chinesische Militärwesen hin zu professionellen Berufsarmeen mit komplexer zusammengesetzten Truppenverbänden und einem Generalstab.429 Die von Sun Tzu veröffentlichten 13 Grundprinzipien über die Kriegführung spiegeln diese Entwicklung wider. Das „Die Kunst des Krieges“ genannte Werk behandelt strategische und operative Fragen mit Empfehlungen sowohl auf der Ebene des kriegführenden Fürsten als auch der des Heerführers. In Europa wurde sein Werk erst nach der Übersetzung ins Französische 1772 bekannt. Nachdem es hier im Laufe des 19. Jahrhunderts wieder an Bedeutung verloren hatte, erlebte Sun Tzu mit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Renaissance.430 426 Die Schreibweise des Namens variiert in der Literatur stark. Abgesehen von Zitaten wird in der Arbeit aber durchgehend die Variante „Sun Tzu“ verwandt. 427 Die „Zeit der streitenden Reiche“ war eine langandauernde Epoche der Auseinandersetzungen zwischen acht großen chinesischen Teilstaaten, aus welchen schließlich die Gründung des ersten Kaiserreiches hervorging. (vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 108.) 428 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 13. 429 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 14 und vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 109. 430 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 14f. 87 Kernelement seines Werkes ist die These, dass indirekte Strategien bzw. indirektes Vorgehen der direkten Strategie bzw. dem direkten Angriff vorzuziehen seien.431 Sun Tzu erwähnt bereits im ersten Kapitel, „dass Krieg zu führen stets auf Täuschung gründet.“432 Dass er bereits an dieser Stelle auf die Bedeutung von List und Täuschung in kriegerischen Auseinandersetzungen hinwies, veranlasste Bauer zu dem Urteil, dass viele „seiner Überlegungen (…) sich unter die Kategorie unkonventionelle Kriegführung zusammenfassen“433 ließen. Wichtiger als die direkte Auseinandersetzung mit den feindlichen Truppen ist demnach der Angriff auf die Strategie des Feindes: „So ist es die höchste Form militärischer Führung, schon die Pläne des Feindes zu durchkreuzen; die nächstbeste Form ist es, die Formierung der feindlichen Kräfte zu verhindern.“434 Um dies durch geschicktes Manövrieren zu bewerkstelligen, ist die Täuschung des Gegners ebenso erforderlich wie eine richtige Vorbereitung der Schlacht.435 Auch Subversion, Irreführung der gegnerischen Führung, Sabotage und sonstige Versuche, den Gegner zu schwächen, zählen nach Sun Tzu zur indirekten Strategie.436 Dabei kommt es vor allem auf die eigene Informationsüberlegenheit gegenüber dem Feind an, welche durch den Einsatz von Agenten und Spionen gewonnen werden soll.437 Im Optimalfall kann auf diese Weise das staatliche Gefüge des Gegners derart unterminiert werden, dass es sogar ohne Gewalt eingenommen werden kann.438 Lässt sich der Kampf jedoch nicht vermeiden, kommt für Sun Tzu die direkte Strategie zum Tragen. Doch auch hierbei zieht er indirekte Operationen wie Flankenstöße oder Hinterhalte dem frontalen Angriff vor.439 Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Gegner durch die indirekte Strategie zu schwächen ist, um dann durch den indirekten Ansatz der direkten Strategie die militärische Entscheidung herbei- 431 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 14 und Stahel, Albert A.: Sun Tzu: Der chinesische Meister der Strategie und der Kriegführung, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 156-168, hier S. 166f. 432 Vgl. Sun Tsu: Über die Kriegskunst – Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft, Wiesbaden 2005, S. 22. 433 Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 102. 434 Sun Tsu: Über die Kriegskunst, S. 37. 435 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 107. 436 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 29. 437 Vgl. ebd., S. 23f. 438 Vgl. ebd., S. 33. 439 Vgl. ebd., S. 30. 88 zuführen.440 Indirekte und direkte Methoden gehören demnach für Sun Tzu zusammen.441 Bauer hat angesichts des Umstands, dass Sun Tzu häufig als Theoretiker des Guerillakriegs bzw. der asymmetrischen Kriegführung herangezogen wird,442 den Versuch unternommen, die Bedeutung der indirekten Strategien und Taktiken Sun Tzus „im Kontext der Auseinandersetzungen mit der asymmetrischen Kriegführung der Neuzeit zu beleuchten.“443 Er stellte fest, dass Sun Tzu zu Unrecht als Basis des modernen Guerillakampfes gilt,444 da ihm zufolge die wesentlichen Merkmale der „neuen Kriege“ – wie Entstaatlichung, Dislozierung in Raum und Zeit, Vermeiden direkter Treffen sowie die Unterscheidung in Asymmetrie der Stärke und der Schwäche445 – auf Sun Tzus Theorie nicht zutreffen.446 Lediglich hinsichtlich der Vermeidung eines direkten Aufeinandertreffens durch Ausnutzung der Faktoren Raum und Zeit so lange der Erfolg nicht gewiss ist, ähneln laut Bauer die Ansichten Sun Tsus der Guerillastrategie.447 Wenn Sun Tzu somit auch nicht als Pionier der Theorie der asymmetrischen Kriegführung gelten kann, so sind in seinem Werk mit dem darin vertretenen indirekten Ansatz jedoch unverkennbar Elemente enthalten, die sich für die Adaption im Rahmen einer Guerillastrategie sehr gut eignen.448 Insbesondere Mao Tse-tung sollte diesen Aspekt später aufgreifen.449 440 Vgl. ebd., S. 34. 441 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 110. 442 Vgl. Reiter, August: Asymmetrie im 21. Jahrhundert – Verteidigungs- und militärpolitische Schlussfolgerungen, in: Josef Schröfl/Thomas Pankratz und Edwin R. Micewski (Hrsg.): Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, Baden-Baden, 2006, S. 181-189, hier S. 181. 443 Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 103. 444 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 102. 445 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 108 und vgl. auch Münkler: Über den Krieg, S. 262. 446 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 110, vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 33 und vgl. Sun Tsu: Über die Kriegskunst, S. 28f. 447 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 109. 448 Vgl. Bauer: Sun Tzu und die asymmetrische Kriegsführung von heute, S. 109- 111. 449 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 34. 89 Carl von Clausewitz Neben Sun Tzu gilt auch der preußische General Carl von Clausewitz450 (1780-1831) als einer der bedeutendsten Militärtheoretiker der Geschichte, der Münkler zufolge sowohl ein militärischer Analytiker als auch ein politischer Kopf zugleich gewesen ist.451 Als „Schöpfer einer umfassenden und modernen Kriegstheorie“452 untersuchte er nicht nur das Wesen der Kriegführung, die er als politisches Phänomen verstand,453 eingehend, sondern setzte sich auch ausführlich mit dem Kleinen Krieg auseinander. Für Rink war Clausewitz sogar der „erste Theoretiker des kleinen Krieges“ – wenn auch dieser Begriff im Buch Vom Kriege kaum vorkommt.454 Jäger und Beckmann kamen zu der Auffassung, dass Clausewitz‘ Kriegstheorie noch zur Analyse der sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts heran- 450 Bereits im Alter von zwölf Jahren in das preußische Heer eingetreten, war Clausewitz in Fragen der Strategie lange Zeit weitgehend Autodidakt. Nach seinem Studium an der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin, die zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung Gerhard Johann David von Scharnhorsts stand, der ihm später ein Freund und Förderer wurde, lehrte er in den Jahren 1810/11 schließlich selbst dort, ehe er 1812 aus Protest gegen die preußische Unterwerfung unter Napoleon in russische Dienste trat. Erst als Preußen das Bündnis mit Frankreich brach, kehrte Clausewitz zurück und nahm als Generalstabschef im russischen Korps Wallmoden, zu welchem auch das im Rahmen der Russisch-Deutschen Legion kämpfende Lützowsche Freikorps gehörte, an den Befreiungskriegen teil. An der unteren Elbe erlebte er den Kleinkrieg, den er zuvor ausführlich studiert hatte, schließlich selbst in der Praxis. 1814 wurde er wieder in preußische Dienste aufgenommen und fungierte zeitweise als Stabschef des III. Korps der Armee Blücher. In der Folge war er lange Jahre Direktor der Allgemeinen Kriegsschule, wo er bis 1830 an der Theorie des Krieges arbeitete, auf welcher sein Hauptwerk „Vom Kriege“ basierte. Am 16. November 1831 verstarb er in Breslau infolge einer Choleraepidemie. Aufgrund seines vorzeitigen Todes blieb sein Hauptwerk letztlich unvollendet. (vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 105f, vgl. Keegan: Die Kultur des Krieges, S. 38, vgl. Schramm: Clausewitz, S. 65, S. 351-356 und S. 366f und vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 421f.) 451 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 86. 452 Wallach, Jehuda L.: Kriegstheorien – Ihre Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1972, S. 66. 453 Vgl. Sandrart, Hans Henning von: Neue Herausforderungen an das strategische und operative Denken! – Ist Clausewitz noch zeitgemäß?, in: Dietmar Schössler (Hrsg.): Die Entwicklung des Strategie- und Operationsbegriffs seit Clausewitz. Militärisch-wissenschaftliches Colloquium der Clausewitz- Gesellschaft e. V. am 6. und 7. April 1995 in Dresden, München 1997, S. 76-97, hier. S. 96. 454 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 389. 90 gezogen werden kann und betonen daher die anhaltende Bedeutung seines Werkes.455 Zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hatte sich im Zuge der Französischen Revolution die Kriegführung gewandelt. Durch die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht und die „Levée en masse“ war der Krieg nicht mehr auf überschaubare stehende Heere beschränkt, sondern hatte die breite Masse des Volkes erfasst.456 Keegan zufolge hatte Clausewitz angesichts der vom Geist der Revolution beseelten französischen Armee erkannt, welche enorme Wirkung ein ideologisches Antriebsmoment entfalten konnte.457 Er zog hieraus den Schluss, dass fortan jene Nation einen gewichtigen Vorteil erhalten würde, die sich der Volksbewaffnung und des Volkskriegs mit Verstand bediene.458 Das Konzept des Volkskrieges erhielt durch die Idee der nationalen Befreiung459 eine starke politische Komponente.460 Im spanischen Volkskrieg gegen Napoleon hatte diese Entwicklung seine konsequente Fortsetzung gefunden.461 Die Ereignisse dort inspirierten Denker in Preußen auf vielfältige Weise.462 Während Fichte ihn philosophisch aufarbeitete und Kleist ihn literarisch mit seiner Hermannschlacht aufgriff,463 strengten Männer wie Stein, Scharnhorst oder Gneisenau umfangreiche Überlegungen hinsichtlich eines Volkskrieges in Deutschland an.464 Ihnen galt der Kleinkrieg „als ein legitimes Mittel des totalen Volkswiderstandes“465. Es herrschte weitgehend Konsens unter den preußischen Reformern, dass die Befreiung Preußens nur durch den als Kleinen Krieg geführten Volkskrieg in Verbindung mit 455 Vgl. Jäger, Thomas/Beckmann, Rasmus: Carl von Clausewitz‘ Theorie des Krieges, in: Dies. (Hrsg): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 214- 226, hier S. 223f. 456 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 280 und vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 64. 457 Vgl. Keegan: Die Kultur des Krieges, S. 500. 458 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 280f. 459 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 205 460 Vgl. ebd., S. 219. 461 Vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 64. 462 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 51. 463 Vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 64. 464 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277-281 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 50-54. 465 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 53. 91 der Unterstützung einer verbündeten auswärtigen Macht gelingen würde.466 Auch Clausewitz war der Ansicht, dass die Kriegführung an diese Entwicklungen angepasst werden musste.467 Er setzte sich daher in seinen 1810/11 gehaltenen Vorlesungen intensiv mit dem Kleinkrieg auseinander468 und unterstrich die Notwendigkeit einer entsprechenden Erweiterung des Kriegsbegriffs.469 Basierend auf seinen persönlichen Kleinkriegs-Erfahrungen in Russland470 und der Analyse des Befreiungskampfes in Spanien erarbeitete er ein Konzept des Volkskrieges.471 Laut Hahlweg war Clausewitz „der erste und einzige“, „der den kleinen Krieg philosophisch-dialektisch, in Vorstellung und Wirklichkeit, mehr oder weniger in der Methode des Werkes ‚Vom Kriege‘, folgend, behandelt hat“.472 Durch das „Zusammenspiel von philosophischer Systematik, Berücksichtigung der Tiefe des historischen Erfahrungsraumes sowie eindringlicher, kritisch-abwägender Beobachtung der Wirklichkeit des kleinen Krieges seiner eigenen, miterlebten Epoche“ hebe er „sich somit grundsätzlich ab von allen übrigen Militärschriftstellern oder -theoretikern, die vor ihm und nach ihm, bis auf den heutigen Tag, über den kleinen Krieg geschrieben haben“.473 Clausewitz bemerkte, dass der Volkskrieg nicht zu zeitlich und räumlich konzentrierten Schlägen mit großer Wirkung imstande war. Seine Wirkung richte sich vielmehr „wie in der physischen Natur der Verdampfungsprozeß, nach der Oberfläche. Je größer diese ist und der Kontakt, in welchem sie mit dem feindlichen Heere sich befindet, also je mehr dieses sich ausbreitet, umso größer ist die Wirkung der Volksbewaffnung. Sie zerstört wie eine still fortschwellende Glut die Grundfesten des feindlichen Heeres.“474 Dabei war ihm durchaus bewusst, dass der Volkskrieg von den gesellschaftlichen Eliten sehr kritisch 466 Vgl. Hahlweg: Carl von Clausewitz. Schriften, Aufsätze, Briefe, Bd. 1, S. 210. 467 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 87. 468 Das Vorlesungskonzept Clausewitz‘ über den Kleinen Krieg ist vollständig erhalten und umfasst insgesamt 244 Blätter. (vgl. Hahlweg: Carl von Clausewitz. Schriften, Aufsätze, Briefe, Bd. 1, S. 217.) 469 Vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 64. 470 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 280. 471 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 120. 472 Hahlweg: Carl von Clausewitz. Schriften, Aufsätze, Briefe, Bd. 1, S. 212. 473 Ebd., S. 212. 474 Clausewitz: Vom Kriege, S. 281. 92 gesehen wurde. Da er der breiten Bevölkerung Waffen an die Hand gab,475 wurde er als „revolutionäres Mittel“ und „gesetzlich verklärte[r] Zustand der Anarchie“476 gefürchtet. Da diese Skepsis bis hinauf zu König Friedrich-Wilhelm III. reichte,477 wurde das Konzept nur sehr unvollkommen umgesetzt.478 Das königliche Landsturmedikt vom 21. April 1813, welches den totalen Volkskrieg gegen die französischen Besatzer vorsah, wurde bereits am 17. Juli dahingehend abgeändert, dass die Elemente des Partisanenkampfes wieder entfernt wurden.479 Doch auch in seiner eingeschränkten Form erkannte Clausewitz das dem Volkskriegskonzept innewohnende Potential sowohl als Mittel der Unterstützung vor einer Schlacht, als auch als letztes Mittel des Widerstands nach einer Niederlage, um gegebenenfalls sogar durch eine letzte Mobilisierung der Kräfte eine Kriegsniederlage zu verhindern und „einen Umschwung der Dinge“ herbeizuführen.480 Charakteristisch für diesen nüchtern-militärischen Denker ist seine Analyse des Volkskrieges unter rein militärischen Gesichtspunkten jenseits aller politischen oder gar ideologischen Erwägungen. Er kam dabei zu dem Schluss, dass es sich bei diesem neuen Phänomen jedoch nicht um eine eigenständige Kampfform handelte, sondern dass der Volkskrieg vielmehr „als eine Erweiterung und Verstärkung des ganzen Gärungsprozesses, den wir Krieg nennen“481, zu verstehen ist. Träger des Volkskrieges seien entweder in die Struktur regulärer Kräfte eingebundene Landsturmeinheiten oder bewaffnete Volkshaufen.482 Aus diesem Grund trat er für die Bildung eines Landsturmes ein, der die Kleinkriegtaktik in das Gesamtkonzept der Kriegführung integrieren483 und die Operationen des regulären Heeres ergänzen bzw. flankieren sollte. Der Landsturm sollte nach Clausewitz Auffassung die frontale Konfrontation mit dem Gegner meiden und ihn stattdessen an 475 Vgl. Paret, Peter: Clausewitz‘ Politische Schriften, in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 380-406, hier S. 389 und vgl. Vagts: Vom Feudalkrieger zur Massenarmee, S. 246. 476 Clausewitz: Vom Kriege, S. 280. 477 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 120. 478 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277 und vgl. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 64. 479 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 47f. 480 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 284. 481 Clausewitz: Vom Kriege, S. 280. 482 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 282. 483 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 336. 93 schwachen Stellen und im Rücken attackieren484 sowie die Versorgung des Feindes stören.485 Vor überlegenem Feind sollte er hingegen ausweichen und sich gegebenenfalls zerstreuen. Die Stärke des Widerstands liege dabei nicht in seiner militärischen Schlagkraft, sondern in der entfalteten Breitenwirkung. Es komme vor allem darauf an, dass sich der Wille zum Widerstand in der Bevölkerung festsetze und der entsprechende Nährboden hierzu geschaffen werde. Der Volkskrieg solle von einer wolkenartigen Beschaffenheit sein wie Nebel – zwar existent und expandierend, aber nie zu greifen sein, da ihm andernfalls die Vernichtung drohe.486 Ein auf sich gestellter Volkskrieg, der ohne den parallelen Kampf regulärer Truppen geführt werde, könne laut Clausewitz indes nur erfolgreich sein, wenn ein Missverhältnis zwischen den Okkupationskräften und der Oberfläche des zu besetzenden Landes bestehe. In Europa sei dies lediglich in Russland der Fall. Damit ein Volkskrieg daher die gewünschte Wirkung zu erzielen imstande sei, bedürfe es ihm zufolge mehrerer Kriterien: So müsse der Krieg im Innern eines Landes geführt werden und zudem von einer gewissen Dauer sein. Dabei müsse er sich über eine beträchtliche Fläche erstrecken und sei ferner darauf angewiesen, dass Charakter und Mentalität der Bevölkerung das Entstehen einer breiten Widerstandsbewegung zuließen. Nicht zuletzt seien günstige geographische Bedingungen erforderlich. Hierunter versteht Clausewitz besonders unwegsame Gebiete wie Gebirge, Sümpfe oder Wälder sowie Regionen mit zerstreuter Besiedlung und auseinander gelegenen Gehöften. Während die Okkupationsarmee wenig Unterkunftsmöglichkeiten finde, habe eine derartige dünne Besiedlung für den Widerstand den Vorteil, dass er überall operieren könne.487 Bei Clausewitz ist der Volkskrieg demnach zwar ein strategisch rein defensives Mittel, welches jedoch aufgrund seines schwachen der Verteidigung widersprechenden Wesens ausschließlich von offensiven taktischen Maßnahmen lebt. Richtig erkannte er, dass mit dem Zeitalter der Massen auch die Bewaffnung der Massen begonnen hatte. Somit schlussfolgerte er zu Recht, dass in künftigen Auseinandersetzungen verstärkt mit bewaffneten, sich an den Kampfhandlungen beteiligenden Zivilisten zu rechnen sein würde. 484 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 121. 485 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 320. 486 Vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 282f. 487 Vgl. ebd., S. 281f. 94 Lawrence von Arabien Eine weitere bedeutende Persönlichkeit, welche sich intensiv mit der Führung eines Guerillakriegs befasste, war der britische Offizier Thomas Edward Lawrence (1888-1935)488, der während des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten den Aufstand der arabischen Stämme gegen die osmanische Herrschaft initiierte und als „Lawrence von Arabien“ in die Geschichte einging. Den Guerillakrieg, den er später in seinem Hauptwerk „Die sieben Säulen der Weisheit“ und in der kürzeren Version „Aufstand in der Wüste“ theoretisch aufarbeitete, hatte er selbst in der Praxis erlebt. Nach den militärischen Rückschlägen des Jahres 1915 für die Alliierten an den Dardanellen und in Mesopotamien war in London der Entschluss gefallen, eine neue Front in Arabien aufzubauen.489 Um die dortigen Stämme zum Kampf gegen die Türken aufzuwiegeln, wurde ihnen die Errichtung eines arabischen Reiches versprochen.490 Diese Hoffnung auf Unabhängigkeit und Souveränität wurde seitens der Alliierten jedoch aus rein politisch-militärischen Intentionen genährt491 und entsprach nicht ihren tatsächlichen Absichten.492 Davon nichts ahnend, schloss sich den Briten in Scherif Hussein, dem Emir von Mekka, ein einflussreicher Verbündeter an,493 dessen 488 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 99. 489 Vgl. Thorau, Peter: Lawrence von Arabien – Ein Mann und seine Zeit. Beck, München 2010, S. 74. 490 Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 74, vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 100 und vgl. Liddel Hart, Basil: Oberst Lawrence – Der Kreuzfahrer des 20. Jahrhunderts, 8. Auflage, Berlin 1935, S. 32f. 491 Vgl. Janssen, Elmar: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien – Asymmetrische Kriegsführung zwischen Revolte, Revolution und Renaissance, in: Sebastian Buciak (Hrsg.): Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 140-165, hier S. 142. 492 Um mit den arabischen Stämmen eine weitere Front gegen die Osmanen zu errichten, sicherten die Briten Hussein, dem Scherifen von Mekka, ein unabhängiges arabisches Großreich zu. Gleichzeitig einigten sich für ihre Regierungen der französische Diplomat Francois Picot und der Brite Sir Mark Sykes darauf, nach Kriegsende die ehemaligen Besitzungen des Osmanischen Reiches im Nahen Osten unter sich aufzuteilen („Sykes-Picot-Abkommen“). Lediglich im Landesinnern Syriens sollte, unter britischer und französischer Kontrolle, ein arabisches Herrschaftsgebiet entstehen, wenn die arabischen Stämme einen Beitrag zu dessen Eroberung leisteten. (Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 74-79.) 493 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 142. 95 Sohn Faisal schließlich zur charismatischen Führungspersönlichkeit des Aufstands wurde.494 Die am 5. Juni 1916 beginnende Erhebung495 litt zunächst jedoch unter Fehlschlägen und drohte bereits zu scheitern,496 als der britische Nachrichtenoffizier Thomas Edward Lawrence ab Anfang Dezember 1916 als Verbindungsoffizier497 dessen Leitung übernahm.498 Als Archäologe, dem der arabische Raum sowie Sprache und Kultur vertraut waren,499 hatte er das Potential, welches einer Insurrektion hier zugrunde lag, genau erkannt.500 Aufgrund der quantitativen Unterlegenheit der Aufständischen kam für ihn nur der Guerillakrieg in Frage,501 um die Türken aus sämtlichen arabischsprachigen Gebieten zu vertreiben.502 Dies umso mehr, da sich das Hedschas503 aufgrund seiner topographischen Beschaffenheit hervorragend für die Führung eines solchen eignete.504 „Die Bergketten waren ein Paradies für Hinterhalte, und im Auflauern waren die Araber Meister. (…) Die Täler, auf hunderte von Meilen die einzig gangbaren Straßen, waren nicht so sehr Täler als vielmehr Schluchten und Klüfte, bisweilen zweihundert, bisweilen nur zwanzig Yard breit, mit zahllosen Windungen und Ecken, eintausend bis viertausend Fuß tief und völlig öde.“505 Wenn die Beduinen auch an keine planmäßigen Operationen gewöhnt waren, so besaßen sie stattdessen jedoch „Beweglichkeit, Ausdauer, Selbstvertrauen, Landeskenntnis und besonnenen Mut.“506 Die ansonsten häufig verfeindeten Stämme507 wurden geeint durch den Hass auf die türkischen Unter- 494 Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 149. 495 Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 80. 496 Vgl. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 83, vgl. Lawrence, Thomas E.: Aufstand in der Wüste, Leipzig, ohne Jahresangabe, S. 22 und vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 142 und S. 144. 497 Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 95. 498 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 141. 499 Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 10f und S. 33-48. 500 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 141f. 501 Vgl. ebd., S. 143. 502 Vgl. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 211. 503 Das Hedsschas ist ein Gebiet östlich des Roten Meeres. 504 Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 144. 505 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 99. 506 Lawrence: Aufstand in der Wüste, S. 71. 507 Vgl. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 98. 96 drücker,508 deren brutale Kriegführung509 und die Idee nationaler Freiheit.510 Dadurch wurde der Guerillakrieg „zur Sache mehr oder weniger des ganzen Volkes, das aktiv wie passiv“511 darin involviert war, was den Aufständischen u. a. das „denkbar vollständigste und zuverlässigste“ Nachrichtensystem verschaffte.512 Lawrence erkannte, dass dies nur ein langer Krieg werden könne: „Der Endsieg schien gewiß, wenn der Krieg lange genug dauerte, daß unser Aufstand zur vollen Auswirkung kommen konnte.“513 Denn „die Statik der türkischen Streitkräfte [war] auf lange Sicht nicht der Dynamik der arabischen Revolte gewachsen.“514 Diese sollte zu einer „Idee [werden], etwas Ungreifbares, Unverwundbares, ohne Front oder Rücken, umherströmend wie ein Gas“515 und dabei „wie ein Dunst sein, der wehte, wohin es uns gelüstete.“516 Gegen eine solche „Rebellion Krieg [zu] führen, das war eine mißliche und langwierige Sache, so als wollte man Suppe mit dem Messer auslöffeln.“517 Und so schob sich der Aufstand aus dem Raum Mekka auch bald in nördlicher Richtung auf Damaskus vor.518 Nach der Eroberung von Akaba am 6. Juli 1917519 konnten die Aufständischen fortan auf die Versorgung von See her durch die britische Flotte zurückgreifen und hatten nunmehr auch Anschluss an die britische Sinai-Front. Der Krieg war in einen koordinierten Feldzug von Regulären und Irregulären übergegangen, bei dem die Beduinen allerdings selbstständig blieben.520 Am 1. Oktober 1918 fand der Feldzug mit der Einnahme von Damaskus seinen siegreichen Abschluss.521 508 Vgl. ebd., S. 101. 509 Vgl. ebd., S. 84. 510 Vgl. Lawrence: Aufstand in der Wüste, S. 29. 511 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 104. 512 Vgl. Lawrence: Aufstand in der Wüste, S. 165. 513 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 220. 514 Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 147. 515 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 213. 516 Ebd., S. 213. 517 Ebd., S. 214. 518 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 152. 519 Vgl. Lawrence: Aufstand in der Wüste, S. 126. 520 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 152f. 521 Vgl. Thorau: Lawrence von Arabien, S. 153. 97 Dem war eine akribische Vorbereitung vorausgegangen.522 Müller-Borchert spricht von einem „einheitlichen Plan“, der dem Guerillakrieg zugrunde lag.523 Am Anfang aller Überlegungen standen für Lawrence eine systematische Analyse der Situation und eine methodisch genaue Berechnung der Erfolgsaussichten eines Aufstandes und der dafür erforderlichen Mittel.524 Aufgrund ihrer geringen Zahl konnten sich die Araber keine verlustreichen Gefechte erlauben,525 während für die Türken hingegen Verluste an Material schwerwiegender als Verluste an Menschen waren.526 Lawrence konstatierte, dass „in Arabien (…) Reichweite mehr als Truppenzahl [bedeutete], Raum mehr als die Schlagkraft von Armeen“527 und schlussfolgerte daher, dass die Türken nur über die Versorgung und Materiallieferungen zu schlagen waren.528 „Es durfte nur dem Namen nach ein Angriff sein, der sich nicht gegen den Feind selbst richtete, sondern gegen seine Hilfsmittel, nicht seine Stärke oder Schwäche aufsuchte, sondern sein am leichtesten zu treffendes Material.“529 Da er erkannt hatte, dass die Türken nicht über ausreichende Kräfte verfügten, um sowohl die westliche Arabische Halbinsel als auch den Norden zu sichern,530 war es sein Ziel, „die materiell schwächste Stelle des Feindes ausfindig zu machen und auf diese allein einen ständigen Druck auszuüben, bis mit der Zeit die gesamte feindliche Linie zusammenbrach.“531 Eine solche neuralgische Stelle war die Hedschas-Bahn von Maan in Jordanien bis Medina, nach Janssen die „Lebensader des türkischen Machtanspruchs“532, die je- 522 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 143. 523 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 23. 524 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 143 und vgl. dazu ebenfalls: Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 213-220. 525 Die geringe Personalstärke der Araber zwang sie dazu, eigene Verluste möglichst zu vermeiden. So verfügte Feisal, der Sohn des Emirs von Mekka, lediglich über 8.000 Krieger, die durch die verschiedenen Stämme in den jeweiligen Operationsgebieten verstärkt wurden. Hohe Verluste hätten sich neben der Kampfkraft daher vor allem schädlich auf die Moral ausgewirkt. (vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 148.) 526 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 143 und vgl. dazu ebenfalls: Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 213-220. 527 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 219. 528 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 148. 529 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 216. 530 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 143 und vgl. dazu ebenfalls: Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 213-220. 531 Ebd., S. 258. 532 Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 147. 98 doch weitgehend ungesichert war und somit ein prädestiniertes Angriffsziel darstellte.533 Was sein Biograph Liddel-Hart „Nadelstichstrategie“ nannte,534 fasste Lawrence selbst wie folgt zusammen: „Am vorteilhaftesten war es für uns, wenn [der Feind] seine Eisenbahn gerade noch in Betrieb erhalten konnte, aber eben nur gerade noch, mit einem Maximum an Kräfteverbrauch und Schwierigkeiten.“535 Lawrence war entschlossen, die „Front bis zur äußersten Möglichkeit aus[zu]dehnen, um den Türken die denkbar längste Verteidigungslinie aufzuzwingen“, da dies für den Feind die „kostspieligste Art der Kriegführung“ war.536 Der Kampf um feste Plätze war ebenso zu vermeiden537 wie starre Fronten538 oder Entscheidungsschlachten.539 Vielmehr wollte Lawrence die türkischen Streitkräfte durch permanente Bewegung binden, sie fortwährend beunruhigen und ihre Schwachpunkte aufdecken. Die Wüste bot dabei genügend Raum, um direkte Konfrontationen zu vermeiden. In dem hier möglichen schnellen Bewegungskrieg schlug Lawrence nur zu, wenn gewiss war, an einer bestimmten Stelle überlegen zu sein, während er gleichzeitig selbst dem Feind keine eigenen Angriffsmöglichkeiten bot.540 Die kavalleristischen, mit leichten Waffen wie leichten Maschinengewehren und Sprengstoffen ausgestatteten Stoß- und Sabotagetrupps griffen kurz an und wichen umgehend wieder in die Wüste aus. Gefechte dauerten so meist nur Minuten.541 Dem kam entgegen, dass die Osmanen durch die Weite des zu sichernden Raumes weitgehend immobil waren.542 Angesichts seiner Leistungen während des arabischen Aufstands schrieb Thayer über Lawrence, dass er der „erste moderne Theoretiker des Guerillakrieges“543 gewesen sei und für Wilkens war er der „erste Führer, (…) der erkannte, daß das wahre Ziel der Guerillakriegführung nicht notwendigerweise im Kämpfen zu sehen ist.“544 Vor allem aber 533 Vgl. ebd., S. 147. 534 Liddel-Hart: Oberst Lawrence, S. 98. 535 Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, S. 259. 536 Ebd., S. 258. 537 Vgl. ebd., S. 258. 538 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 146. 539 Vgl. ebd., S. 143. 540 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 145f. 541 Vgl. ebd., S. 151f. 542 Vgl. ebd., S. 145. 543 Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 14. 544 Wilkins: Guerillakriegführung, S. 34. 99 habe er es laut Janssen verstanden, das Ungleichgewicht zwischen zwei Konfliktparteien systematisch auszunutzen.545 Somit wurde Lawrence in der westlichen Welt zu einem der Klassiker des Kleinen Krieges.546 545 Vgl. Janssen: T. E. Lawrence und der Aufstand in Arabien, S. 154. 546 Vgl. Hahlweg, Werner: Typologie des modernen Kleinkriegs, Wiesbaden 1967, S. 17.

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References

Zusammenfassung

Unbestritten wird die nationale Sicherheitslage der Bundesrepublik auch in absehbarer Zukunft von asymmetrischen Bedrohungen geprägt sein. Dies gilt umso mehr, da Deutschland aufgrund seiner außenpolitischen Verantwortung in NATO, UNO und EU auch weiterhin verstärkt an internationalen Stabilisierungsmissionen beteiligt sein wird. So scheint es auch für künftige Einsatzkonzeptionen zweckmäßig, nicht nur die jüngst beispielsweise im Rahmen der ISAF-Mission in Afghanistan gesammelten Erfahrungen heranzuziehen, sondern sich auch grundständig mit dem Phänomen asymmetrischer Konflikte auseinanderzusetzen.

Um die Prinzipien, Strategien und Vorgehensweisen derartiger Konflikte zu verstehen und mit deren Hilfe auch für die Zukunft tragfähige und überzeugende Sicherheitskonzepte zu entwickeln, unternimmt Kai Lemler eine Analyse ausgewählter historischer Kriegs- und Bedrohungsszenarien, darunter u.a. der Spanische Unabhängigkeitskrieg, der Chinesische Bürgerkrieg oder die Bekämpfung der terroristischen RAF. Die hierbei zum Einsatz gekommenen Strategien und Taktiken unterzieht er einer fachkundigen Bewertung.