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C) Staatliche Akteure im Kampf gegen asymmetrische Bedrohungen – Eine Untersuchung ruraler Guerillabewegungen und terroristischer Gruppierungen in:

Kai Lemler

Sicherheitskonzepte in asymmetrischen Konflikten, page 100 - 449

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3902-1, ISBN online: 978-3-8288-6708-6, https://doi.org/10.5771/9783828867086-100

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 70

Tectum, Baden-Baden
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100 C) Staatliche Akteure im Kampf gegen asymmetrische Bedrohungen – Eine Untersuchung ruraler Guerillabewegungen und terroristischer Gruppierungen „Dieses Schauspiel der freiwilligen Erhebung einer ganzen Nation sieht man selten, und wenn auch etwas Großes und Edles sich darin zeigt, welches Bewunderung erzwingt, so sind die Folgen davon doch so schrecklich, daß man für das Wohl der Menschheit wünschen muß, es nie zu erleben.“547 (Antoine-Henri Jomini) 1. Methodische Vorgehensweise Aufbauend auf den Überlegungen von Joachim Raschke und Ralf Tils zur politischen Strategieanalyse548 folgt die Untersuchung der nachfolgenden Fallbeispiele einem systematischen Muster, welches vor allem einen Schwerpunkt auf die strategischen Prozesse und das strategische Handeln der Konfliktparteien legt. Diese „strategisch denkende[n] und (inter-)agierende[n] Handlungsträger“549, werden als strategische Akteure bezeichnet, bei denen es sich sowohl um Individuen als auch um Kollektivakteure handeln kann.550 Sie verfolgen ihre Ziele innerhalb einer „strategischen Umwelt“ und wenden, um diese zu erreichen, verschiedene Instrumente an, worunter auf Problemlösung gerichtete Mittel verstanden werden.551 Durch das systematische In-Beziehung- Setzen von Zielen, Mitteln und Umwelt wird nach Wiesendahl aus diesem Agieren strategisches Handeln,552 welches nach dem Verständnis von Raschke und Tils „zeitlich, sachlich und sozial übergreifend ausgerichtet und an strategischen Kalkulationen orientiert“553 ist. Als Resultat erfolgt schließlich die Generierung von Strategien als er- 547 Jomini, Antoine-Henri: Abriss der Kriegskunst, Dresden 1885, S. 35. 548 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, Wiesbaden 2007. 549 Ebd., S. 127. 550 Vgl. ebd., S. 140. 551 Vgl. ebd., S. 317. 552 Vgl. Wiesendahl, Elmar: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, in: Joachim Raschke/Ralf Tils (Hrsg.): Strategie in der Politikwissenschaft – Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Wiesbaden 2010, S. 21-44, hier S. 24. 553 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 127. 101 folgsorientierten „Konstrukte[n], die auf situationsübergreifenden Ziel- Mittel-Umwelt-Kalkulationen beruhen.“554 Im Zentrum des von Raschke und Tils entwickelten Modells der Strategieanalyse steht daher der Prozess des Strategy-Making. Hierunter verstehen die Autoren ein permanentes und simultanes Arbeitsprogramm, welches die drei zentralen strategischen Handlungsbereiche „Herstellung von Strategiefähigkeit, Strategiebildung und strategische Steuerung“555 umfasst. Der reibungslose Ablauf dieses Prozesses setzt neben einer effektiven strategischen Steuerung auch eine eindeutige Zielsetzung sowie eine realistische Umwelt- und Mittelanalyse voraus. Fehlt es an einer dieser Voraussetzungen, wird die entworfene Strategie ihre Wirkung hinsichtlich des gesetzten Ziels höchstwahrscheinlich verfehlen.556 Ihren politologischen Konstruktionsvorschlag grenzen sie von anderen Ansätzen innerhalb der Sozialwissenschaften vor allem durch die Säulen der Strategiefähigkeit und Steuerung ab,557 weshalb er ihnen als Modell für Erklärungsanalysen strategischer Prozesse besonders gut geeignet erscheint.558 Da Strategie ihnen zufolge ein kontinuierlicher, dreidimensionaler sowie interdependenter Prozess559 und etwas „immer wieder neu Herzustellendes“560 ist, sei ihr Konzept kein „Sequenz- oder Ablaufmodell“, sondern „ein Simultanmodell“ mehrdimensionaler Prozessorientierung, in dem alle Grundelemente einer fortwährenden, untereinander vernetzten Bearbeitung bedürfen.561 Die Durchführung des Prozesses des Strategy-Making setze dabei die Strategiefähigkeit der Protagonisten voraus, welche als „Kapazität zu strategischer Politik“562 aus Führung, Richtung und Strategiekompetenz bestehe563 und gleichzeitig einer kraft Amtes verliehenen Autorität Entscheidungsbefugnis über Organe und Gefolgschaft bedürfe. 554 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 127. 555 Ebd., S. 81. 556 Vgl. ebd., S. 15, S. 79 und S. 81. 557 Vgl. Raschke/Tils: Positionen einer politischen Strategieanalyse, S. 359. 558 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 82. 559 Vgl. ebd., S. 81. 560 Saretzki, Thomas: Strategie als Herausforderung für die deliberative Demokratietheorie, in: Joachim Raschke/Ralf Tils (Hrsg.): Strategie in der Politikwissenschaft – Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Wiesbaden 2010, S. 121-150, hier S. 133. 561 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 81. 562 Ebd., S. 273. 563 Vgl. ebd., S. 281. 102 Bei der Richtungsbestimmung handele es sich um die „Bestimmung von Position und Bewegungsrichtung (…) in einem Koordinatensystem“564. Die Fähigkeit zu einem Richtungswandel im Falle einer grundsätzlich veränderten Lage sei in diesem Zusammenhang ein wichtiger Indikator für Strategiefähigkeit.565 Als Voraussetzung zur Entwicklung von Strategien sowie deren Umsetzung und zentrales Element der Strategiebildung566 durchziehen die genannten Ziel-Mittel-Umwelt- Kalkulationen den gesamten Prozess des Strategy-Making.567 Sie tragen nicht nur zur Orientierung der strategischen Akteure und zur Ermöglichung strategischer Denkprozesse bei, sondern dienen auch der Analyse von Interaktionen der strategischen Akteure untereinander.568 Ohne eine genaue Lageanalyse läuft der Akteur Gefahr, bei der Erarbeitung einer Strategie von unzutreffenden Voraussetzungen auszugehen. Von der Qualität der Lageanalyse hängt demnach die Qualität der Strategie ab.569 Basierend auf diesen Überlegungen wurde für die vorliegende Arbeit ein Phasenmodell entwickelt, welches die Vorgänge innerhalb der durch die Rahmenbedingungen der betrachteten Konflikte abgesteckten Koordinaten abbilden soll. Nachdem zunächst auf Grundlage der Vorgaben der politischen Ebene hinsichtlich des zu erreichenden Endzustands die strategischen Ziele formuliert werden, bilden diese die Ausgangslage eines kontinuierlichen Strategy-Making-Prozesses. Alle nachfolgenden Handlungen richten sich an den vorgegebenen Zielen aus. So wird zunächst bei der Ziel-Mittel-Umweltanalyse überprüft, welche Schritte im Einzelnen erfüllt werden müssen, um die gesetzten Ziele zu erreichen, welche Mittel dazu erforderlich sind und über welche Kräfte der Gegner verfügt. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen schließlich dazu bei, im Rahmen der Strategiebildung die Vorgehensweise und die erforderlichen Mittel, die notwendig sind, um das gegebene Ziel zu erreichen, festzulegen. In der Phase der strategischen Steuerung wird der Versuch unternommen, durch unmittelbare Einflussnahme auf das Geschehen mit den eingesetzten Instrumenten den gewünschten Endzustand zu erreichen. 564 Ebd., S. 317. 565 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 318. 566 Vgl. ebd., S. 129. 567 Vgl. ebd., S. 80. 568 Vgl. ebd., S. 82. 569 Vgl. ebd., S. 352 103 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung. Grundlage des Strategy-Making ist somit das strategische Ziel, an dem sich sowohl der Aufbau spezifischer Strategiefähigkeit, die Strategiebildung als auch die strategische Steuerung orientieren. Die Festlegung der strategischen Ziele wird von Raschke und Tils als hochrelevant für den gesamten Strategieprozess angesehen.570 Während die allgemeinen Ziele ihnen zufolge aus einem politischen Prozess hervorgingen, stelle 570 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 144f. 104 die strategische Zielbildung nicht einfach eine Deduktion der allgemeinen Ziele dar.571 Strategische Ziele seien vielmehr „handlungspraktisch in Wegen und Mitteln operationalisierte Macht- oder Gestaltungsziele.“572 Sie seien dadurch charakterisiert, dass „der gewünschte Zustand präzisierbar, gegebenenfalls messbar wird“573. In einem ersten Schritt strategischer Zielbildung sei als Voraussetzung der Steuerbarkeit des Strategieprozesses der angestrebte Zustand eindeutig zu klären.574 Unscharfe Vorgaben reichten hierbei nicht aus.575 Nach Wiesendahl sei bei der Strategieentwicklung „der Step-by-Step-Charakter der Zielbildung zu beachten“576 und ferner seien Zwischenziele einzuplanen, da man erst durch deren Erreichen zum Endziel gelangen könne.577 Sich hieran anschließende umfangreiche Berechnungen der verfügbaren eigenen sowie gegnerischen Mittel und ihrer erwarteten Wirkungen unter Berücksichtigung der strategischen Umwelt578 ermöglichen letztlich die Strategiebildung. Aus der Definition der Ziele und der Feststellung der Lage ergeben sich innerhalb des Prozesses der Strategiebildung die Optionen potentieller Mittel zur Erreichung der definierten Ziele.579 Strategiebildung ist demnach ein Auswahlprozess zwischen Wahlmöglichkeiten verschiedener Handlungsoptionen.580 Zu berücksichtigen ist dabei nicht nur, dass dies nicht unbedingt nüchtern-rational581 abläuft, sondern auch der Hinweis Wiesendahls, demzufolge aufgrund des Umstands, dass Strategie kein „starres Gebilde“ sei, nicht davon ausgegangen werden könne, dass „eine zunächst analytisch und denkerisch entwickelte Strategie anschließend wie ein Fer- 571 Vgl. ebd., S. 346. 572 Ebd., S. 345f. 573 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 145. 574 Vgl. ebd., S. 145. 575 Vgl. ebd., S. 145. 576 Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 25. 577 Vgl. ebd., S. 25. 578 Vgl. ebd. S. 28. 579 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 144. 580 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 32 und vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 129. 581 Zu den Schwierigkeiten bei der Strategiebildung beispielsweise aufgrund fehlender Prüfkriterien zur Analyse der Wirkungen, Vermittlungsschwierigkeiten der Botschaften an die Adressaten oder durch institutionelle Interessen bzw. individuelle Motive der handelnden Akteure vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 37f. 105 tigprodukt in die politische Praxis“ umgesetzt werden könne.582 Vielmehr müsse sie „situativ, transitiv, rekursiv, lernoffen und wandelbar“ sein, wenn sie „den politischen Verhältnissen gewachsen“583 sein wolle. Die erfolgreiche Umsetzung der entwickelten Strategie hänge laut Raschke und Tils daher von der strategischen Steuerung ab,584 die sich aus bewussten strategischen relevanten Handlungen zusammensetze.585 Dabei gehe es vor allem um die „durch zielgerichtetes, überlegtes Handeln“ herbeigeführten Wirkungen, durch welche „ein in der Zukunft liegender Zielzustand eintritt, der sonst nicht eintreten würde“.586 In jedem der untersuchten Fallbeispiele erfolgt jeweils eine dahingehende Bewertung, ob die von den strategischen Akteuren angestrebten Wirkungen aufgrund ihres Handelns eingetreten sind. Im Steuerungsprozess geht die Umsetzung der Strategie laut Wiesendahl weniger zentralisiert vor sich als die Strategieentwicklung.587 Häufig weiche die Strategiepraxis von der zuvor entwickelten Strategie ab, da die Aktionen des Gegners nicht exakt vorhersehbar seien und entsprechende eigene Reaktionen erst lagebedingt durchgeführt werden könnten.588 Gegebenenfalls werden Abänderungen der Strategie erforderlich, wenn das bislang verfolgte Konzept zunehmend in Widerspruch zu den realen Entwicklungen gerät. Der Grad der Abänderung ist dabei abhängig von der festgestellten Diskrepanz zwischen strategischem Konzept und der erkannten Lage.589 Zur Umsetzung einer Strategie bedarf es strategischer Mittel590 – nach Wiesendahl ein „Sammelbegriff für all das, was an Vorgehensweisen und Aktionen zum Einsatz gelangt unter Einschluss der dafür erforderlichen Humanund Sachressorcen [sic!].“591. Ihre Anwendung soll die Umwelt dahingehend beeinflussen, „dass ein gegebener Ist- in einen gewünschten Soll-Zustand übergeführt wird.“592 Strategisches, operatives und tak- 582 Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 41. 583 Ebd., S. 42. 584 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 389. 585 Vgl. ebd., S. 391. 586 Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 21. 587 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 389. 588 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 39. 589 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 393f. 590 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 27. 591 Ebd., S. 27. 592 Ebd., S. 27. 106 tisches Handeln müsse dabei genau koordiniert und aufeinander abgestimmt werden.593 Die dabei zum Einsatz kommenden Steuerungsparameter seien laut Raschke und Tils Macht, Erwartungen und Leistungen. Während sich durch Macht die Durch- und Umsetzungsmöglichkeiten bestimmen ließen, beziehe sich der zweite Punkt auf die Erwartungshaltung der externen Umwelt.594 Dabei bestünden enge Wechselbeziehungen zwischen Erwartungen und Leistungen,595 welche als „Bringschuld“ der strategischen Akteure gegenüber der externen Umwelt596 durch die Erfüllung von Aufgaben, Zielen und Erwartungen gelten.597 Die zu untersuchenden Fallbeispiele werden schließlich auf Grundlage des Strategy-Making-Modells von Raschke und Tils einer „historischstrategischen Analyse“ unterzogen. Dazu wurde ein eigenes, sich am Prozess des Strategy-Making anlehnendes Orientierungsschema598 entworfen, welches sich aus „besonders wichtigen Parametern strategischer Politik“599 zusammensetzt und anhand dessen eine Analyse der betrachteten Vorgänge vorgenommen wird. Im vorliegenden Fall handelt es sich bei den Parametern um die grundlegenden Rahmenbedingungen, die konkurrierenden strategischen Akteure und die betroffene Bevölkerung.600 Das sich hieraus zusammensetzende Bezugssystem bildet als „Arena“ den Rahmen für die Interaktionen der strategischen Akteure.601 Zunächst erfolgt daher in den Fallbeispielen eine Betrachtung der gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen sowie geo- und topographischen Rahmenbedingungen, welche als „strategische Umwelt“, in der sich die strategischen Akteure bewegen,602 das Handlungsfeld festlegen, in dessen Grenzen sich das strategische Handeln entwickelt.603 Der strategischen Umwelt ist es dabei zu eigen, dass sie nicht aus konstant gleichbleibenden Institutionen, sondern aus zahl- 593 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 139. 594 Vgl. ebd., S. 390. 595 Vgl. ebd., S. 427. 596 Vgl. ebd., S. 390. 597 Vgl. ebd., S. 428. 598 Vgl. ebd., S. 161. 599 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 162. 600 Angelehnt an Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 162. 601 Angelehnt an Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 162. 602 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 130. 603 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 29 und vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 187. 107 reichen dynamischen Faktoren besteht.604 Um einen „irreführenden Schematismus“605 zu vermeiden, der sich versehentlich an „relativ gleichbleibenden Institutionen“606 der strategischen Umwelt orientiert,607 ist dies bei der Strategiebildung zu berücksichtigen.608 Nach einer chronologischen Übersicht des Geschehens, durch welche sich die historischen Hintergründe besser einordnen lassen, werden in jedem Fallbeispiel die in den jeweiligen Konflikten miteinander konkurrierenden strategischen Akteure sowohl der irregulären als auch der staatlichen Seite nacheinander dargestellt. Dabei kommt eine von Raschke und Tils vorgeschlagene „verstehende Handlungstheorie“609 zum Tragen, bei welcher der „Akteur, seine Orientierungen, Deutungen, Intentionen, Denkoperationen“610 im Vordergrund stehen. Die wechselseitigen Interaktionen der strategischen Akteure sind dabei ebenfalls von großem Interesse.611 Als Ausgangspunkte jeglicher strategischer Interaktion und „Träger von Prozessen zur Strategiedurchsetzung“612 werden die strategischen Zentren im Zusammenhang mit ihrer Aufgaben der Strategiebildung und der Kontrolle der operativen Leitung ebenso wie der ihnen untergeordnete strategische Apparat als ausführendes Organ zur Strategieumsetzung in Struktur und Aufbau skizziert.613 Dabei ist zu überprüfen, inwieweit die strategischen Zentren der handelnden Akteure, die nach Raschke und Tils „Netzwerk[e] von Schlüsselfiguren [sind], denen für die strategische Linienführung des Kollektivakteurs zentrale Bedeutung zukommt“614, die entsprechende Strategiefähigkeit besaßen, welche sie zum Prozess des Strategy-Making und damit zur Erreichung ihrer Ziele befähigte. Bei den Interventionskräften werden ebenso wie bei den Insurgenten die zur Realisierung der Ziele erforderlichen strategischen Mittel sowie 604 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 130 und S. 152. 605 Ebd., S. 130. 606 Ebd., S. 130. 607 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 29. 608 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 130. 609 Raschke/Tils: Positionen einer politischen Strategieanalyse, S. 361. 610 Ebd., S. 362. 611 Ebd. S. 362. 612 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 142. 613 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 142f und S. 339. 614 Ebd., S. 142. 108 die dahinterstehenden Konzepte bzw. theoretischen Grundlagen aufgezeigt. In der Auseinandersetzung mit den Insurgenten erfolgt ein Verweis auf etwaige Vorgänger und eine intensive Analyse der ideologisch-theoretischen Grundlagen der Aufstandsbewegung, wobei die entsprechenden Schriften zeitgenössischer Theoretiker wie beispielsweise Mao Tse-tung herangezogen und analysiert werden. Dies ermöglicht ein tieferes Verständnis des Wesens der jeweiligen asymmetrischen Bedrohung und erlaubt eine eingehende Beantwortung der Frage, ob auf diese angemessen und mit den geeigneten Mitteln reagiert wurde, um sie zu bekämpfen. Nacheinander erfolgen eine Beschreibung der Vorgaben der politischstrategischen Ebene, der daraus resultierenden strategischen Ziele und der Lage der strategischen Akteure sowie der von diesen vorgenommenen Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulationen. Anschließend werden die strategischen, operativen und taktischen Handlungen der Akteure zur Umsetzung ihrer Ziele dargestellt. In diesem Zusammenhang werden auch die gegen die Insurgenten zum Einsatz gekommenen Maßnahmen im Rahmen der Sicherheitskonzepte zur Aufstandsbekämpfung auf ihre Wirkung hin untersucht. Die Strategiebildung, ihre Richtung und die strategische Steuerung bilden dabei Schwerpunkte der Betrachtungen. Neben der einschlägigen Fachliteratur werden hierbei nach Möglichkeit auch zeitgenössische Dokumente herangezogen. Ausblicke auch auf die taktische Ebene runden dabei das Gesamtbild ab. Daneben wird auf die Bedeutung des Konflikts hinsichtlich der Fortentwicklung der Guerillatheorie bzw. innovativer Neuerungen zur Bekämpfung asymmetrischer Bedrohungen eingegangen. Abschließend wird jedes Fallbeispiel einer strategischen Betrachtung unterzogen, in welcher sowohl die angewandten Sicherheitskonzepte als auch das Handeln der Insurgenten auf strategischer, operativer und taktischer Ebene bewertet werden. Hierbei kommt es insbesondere auf den „Innovationsgrad“ der Maßnahmen und darauf an, welche Faktoren diese geprägt und bedingt haben.615 Es wird der Frage nachgegangen, ob die Kontrahenten aus den geschilderten Rahmenbedingungen für ihre Strategiebildung die passenden Schlüsse gezogen und auf dieser Grundlage die entsprechenden Mittel für die zu erreichenden Ziele eingesetzt haben.616 Ob die Strategie im Hinblick auf die Ziele aufgegangen ist, ist in einem weiteren Schritt zu prüfen. 615 Vgl. Wiesenthal: Emergente Strategien im Entstehungsprozess des Sozialstaats, S. 84. 616 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 31. 109 Daneben erfolgt eine Beschreibung der angewandten Strategiestile. „Monologisch“ zustande gekommene Strategien unterscheiden sich von „dialogischen“ u. a. darin, dass sie im strategischen Prozess nur von einer Stelle erarbeitet und beschlossen wurden,617 während beim Entwurf Letzterer mehrere Entscheidungsträger involviert waren und sie somit Resultat eines Entwicklungsprozesses unter Einbeziehung verschiedener Interessen sind. „Kontinuierliche“ Strategiestile sind dauerhaft bemüht, Ansatzmöglichkeiten zur Bildung von Strategien zu finden und den Strategieprozess nach strategischen Vorgaben zu steuern. „Diskontinuierliche“ Strategiestile sind hingegen dadurch gekennzeichnet, dass sie lediglich lagebedingt, bei Krisen oder günstigen Gelegenheiten auf Strategien zurückgreifen.618 „Systematische“ Stile arbeiten mit einem festen Orientierungsschema und einer selbst entwickelten Methodik, um zum Ziel zu gelangen. „Unsystematische“ Stile sind hingegen ebenso inkonsistent wie unberechenbar und eher intuitiv sowie affektiv. Unterschiede bestehen auch zwischen „policyzentrierten“ und „politicszentrierten“ Strategien. Erstere basieren rein auf bestimmten politischen Zielen, Themen und Präferenzen, die es umzusetzen oder zu erreichen gilt. Politische Prozessaspekte wie die Auseinandersetzung mit dem Gegner bleiben außen vor. Hierauf liegt indes der Schwerpunkt bei Letzteren, die ganz danach ausgerichtet sind, ihre Interessen gegen ihre Kontrahenten durchzusetzen. Tiefere politische Probleme finden dabei hingegen keine Berücksichtigung. Ein weiterer Gegensatz findet sich bei „staatsorientierten“ und „gesellschaftsorientierten“ Strategien. Während eine staatsorientierte Strategie sich vor allem auf die Handlungsmittel sowie -möglichkeiten des Staates stützt und ein Denken vom Staat her in den Vordergrund stellt, orientiert sich ihr Widerpart primär an gesellschaftlichen Prämissen wie beispielsweise Klassenkonflikten oder sozialen Bewegungen und Problemen. Unterschieden werden Strategien zuletzt auch danach, ob sie sich anstelle eines erarbeiteten Konzepts „kompassgesteuert“ an normativen Vorgaben sowie politischen Überzeugungen ausrichten,619 oder ob sie „opportunitätsgesteuert“ die sich bietenden Gelegenheiten ergreifen und „systematisch und kontinuierlich den politischen Prozess nach strategischen Chancen“620 absuchen. Zu berücksichtigen ist 617 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 119. 618 Vgl. ebd., S. 117. 619 Vgl. Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 118f. 620 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 119. 110 dabei, dass zwischen den jeweiligen Polen der beschriebenen Strategiestile auch zahlreiche Abstufungen bestehen.621 Als besonderer Aspekt wird in Fallbeispielen, in denen eine Interventionsmacht weit von ihren Zentren entfernt operierte, auch die Bevölkerung in den Konfliktgebieten in die Betrachtungen miteinbezogen. Der Analyse ihres Verhaltens kommt im Zuge der Untersuchungen eine besondere Bedeutung bei. Zwar kann sie nicht als geschlossen handelnder Kollektivakteur angesehen werden, doch ist sie als Hauptadressat zahlreicher Maßnahmen der übrigen Akteure entscheidend für den Ausgang des Konflikts. Am Ende des Strategy-Making-Prozesses steht das Strategieresultat,622 welches sich „aus den Eigenaktionen des strategischen Akteurs, vielfältigen Interaktionen unter seiner Beteiligung und etlichen Handlungszusammenhängen [zusammensetzt], die ohne ihn stattgefunden haben.“623 Da sich nach Raschke und Tils Strategie immer am Erfolg messen lassen muss, bedarf es einer Klärung dessen, was unter Erfolg zu verstehen ist.624 Beide bezeichnen einen strategischen Prozess als erfolgreich, wenn „die Folgen dem Willen des Strategieakteurs entsprechen“625. Wichtiger Bestandteil der Erfolgsbewertung ist daher die Gegenüberstellung der angestrebten Ziele beider Seiten und ein Abgleich mit dem tatsächlich Erreichten. Auch die Untersuchung der einzelnen strategischen, operativen sowie taktischen Maßnahmen und deren Erfolge sowie Misserfolge wird hier vorgenommen. Neben dem Erreichen der strategischen Zielsetzung sind daher verschiedene Abstufungen vorzunehmen. Wenn auch bei „Teilerfolgen“ Strategieziele zwar nicht vollständig erreicht werden, so ist es dennoch möglich, zumindest zu Verbesserungen in einzelnen Strategiebereichen zu kommen. So können Akteure durch „erfolgreiches Scheitern“ auch bei Verfehlung der gesteckten Ziele in strategischer Hinsicht dennoch wichtige Leistungen erbringen. Gelingt es hingegen, das strategische Ziel zu erreichen, während gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen hervorgerufen werden, wird dies als „misslungener Erfolg“ bezeichnet.626 Die hieraus bezogenen Einzelergebnisse können jedenfalls im Hinblick auf das Ziel der Arbeit und die Generierung allgemeiner 621 Vgl. ebd., S. 119. 622 Vgl. ebd., S. 391. 623 Ebd., S. 439. 624 Vgl. ebd., S. 440. 625 Ebd., S. 439. 626 Vgl. ebd., S. 440. 111 Erkenntnisse durchaus von Wert sein. Es kommt dabei darauf an, die Erfolgsfaktoren herauszustellen. Auch wenn die noch am Anfang stehende politologische Strategieforschung „noch kein empirisch geprüftes Wissen über interne und externe Erfolgsfaktoren haben“627 kann, vermuten Raschke und Tils, dass Strategiefähigkeit, passende Strategie, gekonnte Steuerung, Leistungen öffentlicher Kommunikation oder Führung als Grundlage für die Ermittlung von Erfolgen dienen können.628 Erfolgsorientierung muss dabei an der Realitätstauglichkeit ausgerichtet werden, denn erst durch „die Konfrontation von Strategie mit der Praxis“ werde ein untrüglicher Bewährungstest geliefert, an welchem sich die Realitätstauglichkeit ablesen lasse.629 627 Raschke/Tils: Politische Strategie – Eine Grundlegung, S. 244. 628 Vgl. ebd., S. 245. 629 Vgl. Wiesendahl: Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, S. 40. 112 2. Ausgewählte Fallbeispiele ruraler Guerilla 2.1. Der Kleinkrieg wird zum Volkskrieg – Spanischer Unabhängigkeitskrieg 1808-1814 „Es ist vor allem der Krieg auf der Spanischen Halbinsel, den man gründlich studiren [sic!] muß, um alle Hindernisse, auf welche ein General und tapfere Truppen bei der Besetzung eines derart aufgestandenen Landes stoßen können, zu schätzen.“630 (Antoine-Henri Jomini) Erstmals trat nach Allemann der Guerillakrieg „in bedeutendem und militärisch zum mindesten mitentscheidenden Umfang“631 als Phänomen im Spanien der napoleonischen Ära während des Volksaufstands gegen die französischen Besatzer in Erscheinung. Schmitt zufolge trafen in diesem Konflikt „zum ersten Male (…) vorbürgerliches, vorindustrielles, vorkonventionelles Volk“632 und eine moderne gut organisierte reguläre Armee aufeinander.633 Die spanische Guerilla wird daher von Hahlweg als „klassisches Beispiel für eine echte, nationale Guerillabewegung“ bezeichnet.634 Die gut ausgebildeten französischen Truppen stießen hier „in den bunt zusammengewürfelten Haufen der ‚Widerstandskämpfer’“635 auf einen Gegner, mit dem sie nicht fertig wurden.636 Über Jahre wurden hier zahlreiche Truppen gebunden, die Napoleon an anderen Fronten schließlich fehlen sollten. Wilkins nennt den Krieg auf der Iberischen Halbinsel den „ersten modernen Guerillakrieg, der gleichzeitig auch einer der erfolgreichsten war.“637 Warum dies so war, gilt es in diesem Kapitel zu klären. 630 Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 38. 631 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15. 632 Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 11. 633 Vgl. ebd., S. 11. 634 Vgl. Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 14. 635 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15. 636 Vgl. ebd. 637 Wilkins: Guerillakriegführung, S. 33. 113 2.1.1. Rahmenbedingungen Spanien war Ende des 18. Jahrhunderts ein gesellschaftlich weitgehend rückständiges Land, mit einer nur schwach ausgeprägten Infrastruktur und kaum vorhandenen Kommunikations- und Verkehrsmitteln. Die insgesamt recht heterogene, verschiedene Sprachen sprechende spanische Bevölkerung bildete weniger eine Nation als vielmehr ein Konglomerat autarker Dörfer und Städte.638 Die Herausbildung eines patriotischen Empfindens im modernen Sinne des Wortes war daher auch ausgeblieben.639 Stattdessen kam der über großen Einfluss verfügenden katholischen Kirche eine wichtige integrative Funktion zu.640 Im Land gab es mehr als 2.000 Klöster, über 1.100 Konvente und auch die Inquisition besaß noch weitreichenden Einfluss. Annähernd 200.000 der zehn Millionen Spanier waren in kirchlichen Diensten oder von der Kirche abhängig.641 Das zweite wichtige einheitsstiftendes Element war die spanische Monarchie.642 Nach dem Erlöschen der Habsburger-Linie im Jahr 1700 hatte das Haus der Bourbonen den spanischen Thron bestiegen.643 Allerdings war die Hofgesellschaft am vorrevolutionären Frankreich orientiert und verwahrte sich gegenüber jeglichen Neuerungen.644 Der zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert regierende König Karl IV. war weder mit einem besonderen politischen Verständnis, noch einem ausgeprägten Willen ausgestattet.645 Die Regierungsgeschäfte überließ er seiner Frau,646 der Königin Maria Louise von Parma, die in einer Liaison mit dem seit November 1792 amtierenden Ersten Minister Manuel de Godoy y Alvarez de Faria verbunden war.647 Prinz Ferdinand, selbst mit wenig politischem Talent versehen,648 verachtete daher 638 Vgl. Polk, Wiliam R.: Aufstand – Widerstand gegen Fremdherrschaft: vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak, Hamburg 2009, S. 48. 639 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 89. 640 Vgl. Polk: Aufstand, S. 48. 641 Vgl. ebd., S. 49. 642 Vgl. ebd., S. 49. 643 Vgl. Koch, Hansjoachim W.: Die Befreiungskriege 1807/1815 – Napoleon gegen Deutschland und Europa, Starnberger See 1987, S. 164. 644 Vgl. Polk: Aufstand, S. 49. 645 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 165. 646 Vgl. Ullrich, Volker: Napoleon, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 94. 647 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 165. 648 Vgl. Polk: Aufstand, S. 49. 114 seine Eltern und beabsichtigte, selbst den Thron zu besteigen.649 Immer offener opponierte er gegen die Politik Godoys.650 Die Kabalen und Intrigen bei Hofe wurden von der Masse des Volkes jedoch kaum wahrgenommen. Vielmehr herrschte hier noch immer der Stolz auf die ruhmreiche Vergangenheit der spanischen Krone vor.651 Das Gros der spanischen Bevölkerung war agrarisch geprägt. Lediglich 20 Prozent der Einwohner verfügte 1808 über eine zumindest geringfügige Schulbildung.652 Es herrschte ein archaischer, auf Mannhaftigkeit basierender Ehrenkodex vor, der für Beleidigung Vergeltung forderte.653 Spanien und Portugal sind zerklüftet, teilweise gebirgig654 und waren in Teilen damals dicht bewaldet. Insbesondere das Hauptguerillagebiet in der Provinz Navarra nahe der französischen Grenze zeichnete sich durch zahlreiche Schluchten, Canyons und Täler aus. Für Kavallerie und Artillerie war es nahezu unpassierbar. Auf dem Land gab es kaum Großgrundbesitzer, sondern vor allem Kleinbauern, die ihr karges Einkommen durch Schmuggel und Jagd aufbesserten. Waffenbesitz war daher weit verbreitet. So schlecht, wie der allgemeine Zustand der wenigen sich durchs Land ziehenden Straßen war, so karg und wenig fruchtbar war auch der Boden.655 Dies führte dazu, dass Nachrichten nur schwer übermittelt werden konnten656 und bei den verarmten, in verstreuten Ansiedlungen lebenden Bauern kaum etwas zu requirieren war. Lange Märsche wurden so für fremde Heere zur Tortur.657 649 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 650 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 166f. 651 Vgl. Polk: Aufstand, S. 49. 652 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 195. 653 Vgl. Polk: Aufstand, S. 57. 654 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 28. 655 Vgl. Polk: Aufstand, S. 57f. 656 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 30. 657 Vgl. Polk: Aufstand, S. 57f. 115 2.1.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich 1795 noch unterlegen, kam es bereits 1796 zu einem ersten Bündnisvertrag Spaniens mit Frankreich, welcher diesem die Unterstützung der spanischen Flotte zusicherte, das Land jedoch in einen Krieg mit England trieb. Ein weiterer Vertrag im Oktober 1800 ermöglichte Napoleon im Folgejahr ein gemeinsames spanisch-französisches Vorgehen gegen den britischen Verbündeten Portugal. Allerdings erregten jedoch die ungewöhnlich günstigen Friedensbedingungen, die Godoy den Portugiesen gewährte sowie dessen Forderungen nach Abzug der französischen Truppen aus Spanien und Rückverlegung der spanischen Flotte aus Brest, Napoleons Argwohn gegen das spanische Königshaus und dessen Regierung. Unübersehbar war die öffentliche Meinung in Spanien gegen den Krieg mit England und das französische Bündnis. Dies verstärkte sich noch, als bei Trafalgar die französisch-spanische Flotte verlorenging und Napoleon die dem spanischen Herrscherhaus verwandten Bourbonen im Königreich Neapel durch seinen Bruder Joseph ersetzte. Napoleon erhöhte indes den Druck auf Spanien, indem er ihm die Teilnahme an der Kontinentalsperre und die Entsendung von 15.000 Mann Hilfstruppen nach Norddeutschland auferlegte.658 Als sich der spanische Nachbar Portugal jedoch weigerte, der Kontinentalsperre beizutreten,659 schloss Napoleon mit Spanien einen Geheimvertrag, der die Aufteilung Portugals vorsah660 und Frankreich das Durchmarschrecht durch Spanien zusicherte. Bereits am 30. November 1807 wurde Lissabon besetzt,661 um die Durchsetzung der Kontinentalsperre auf der gesamten Iberischen Halbinsel gewaltsam zu erzwingen.662 Das Herrscherhaus Braganza wurde abgesetzt.663 Unter dem Vorwand, Spanien gegen britische Invasionsversuche sichern zu müssen,664 entsandte Napoleon 1808 Marschall Joachim Murat mit 100.000 Mann nach Spanien.665 Als diese Schlüsselpositionen in Nord- und Südspanien besetz- 658 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 165-167. 659 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94 und vgl. Willms, Johannes: Napoleon – Eine Biographie, 2. Auflage, München 2005, S. 473. 660 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 661 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 167 und vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 662 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 271. 663 Vgl. Maurois, André: Napoleon, 18. Auflage, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 80. 664 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 167 und vgl. Maurois: Napoleon, S. 80. 665 Vgl. Polk: Aufstand, S. 50. 116 ten,666 machte sich unter der Bevölkerung eine zunehmende Unruhe breit.667 Mit wachsendem Unmut verfolgte Napoleon zudem die Querelen am spanischen Königshof. Da Ferdinand aus Furcht, Godoy könnte nach dem Tod des Königs die Macht zufallen,668 gegen den Minister intrigiert hatte,669 ließ ihn sein Vater, von der Königin aufgehetzt, verhaften. Das Volk indes stand auf Seiten Ferdinands,670 dessen Anhänger in der Folge nicht nur die Entmachtung Godoys am 17. März erzwangen,671 sondern auch am 19. März die Abdankung Karls IV. zugunsten seines Sohnes. Die neue Regentschaft Ferdinands VII. wurde von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt.672 Der spanischen Intrigen bei Hofe überdrüssig, war Napoleon jedoch entschlossen, die Königsfamilie ins Exil zu schicken673 und durch seinen Bruder Louis zu ersetzen.674 Napoleon gab vor, im Familienstreit schlichten zu wollen und lud Anfang Mai alle Beteiligten nach Bayonne. Dort nötigte er jedoch am 6. Mai sowohl Karl IV. als auch Ferdinand VII. zum Thronverzicht.675 Damit hielt er die spanische Frage für gelöst.676 Bereits wenige Tage zuvor war es jedoch am 2. Mai in Madrid zu einem Aufstand – dem „Dos de Mayo“677 – gekommen. Während in den ersten Wochen die Okkupation Spaniens reibungslos und ohne größere Widerstände zu funktionieren schien,678 hatte die französische Besatzung in Spanien indessen den Volkszorn heraufbeschworen.679 Da 666 Vgl. Willms: Napoleon, S. 473. 667 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 167. 668 Vgl. Willms: Napoleon, S. 474. 669 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 670 Vgl. Willms: Napoleon, S. 474. 671 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94, vgl. Willms: Napoleon, S. 475 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 164. 672 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 164 vgl. auch Ullrich: Napoleon, S. 94 und vgl. Willms: Napoleon, S. 475. 673 Vgl. Polk: Aufstand, S. 52. 674 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 675 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 676 Vgl. Willms: Napoleon, S. 476. 677 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169 und vgl. Rink, Martin: Vom kleinen Krieg zur Guerilla. Wandlungen militärischer und politischer Semantik im Zeitalter Napoleons, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 359-370, hier S. 364. 678 Vgl. Polk: Aufstand, S. 52f. 679 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 117 die Eliten jedoch weitgehend mit den Franzosen kollaborierten,680 konnte der führerlose Aufstand in Madrid von den Franzosen bis zum 3. Mai brutal niedergeschlagen werden. Die Ereignisse dieser Tage, welche von dem Maler Francisco Goya in seinen Bildern eindrucksvoll dokumentiert wurden,681 führten zusammen mit der Kunde von der Absetzung der Bourbonen682 jedoch dazu, dass der Funke des Widerstands auf das ganze Land übersprang.683 Vor allem in Navarra, Aragon, im Baskenland, Asturien, Kastilien, in der Estremadura, in Andalusien und in der Levante684 hatten sich inzwischen bis zu 150.000 Bauern und Handwerker gegen die französische Herrschaft erhoben.685 Louis sah angesichts der Lage in Spanien davon ab, den Thron zu besteigen, weshalb Napoleon seinem Bruder Joseph, den bisherigen König von Neapel, die spanische Krone übertrug.686 Die Bekämpfung der Aufständischen gestaltete sich für die Franzosen sehr schwierig. In von ihnen eingenommenen Städten kam es zu Gewaltexzessen, die auch Übergriffe auf kirchliche Einrichtungen umfassten, was die Kirche endgültig auf die Seite des Widerstands trieb. Das Leid der Bevölkerung fachte die Erhebung weiter an.687 Das Land stand in Flammen, zahlreiche Frankreich zuneigende Gouverneure wurden gelyncht. Da Großbritannien erkannt hatte, dass sich hier die so lange gesuchte offene Flanke Napoleons bot, unterstützte es die Aufständischen von Beginn an mit Geld, Waffen und Munition. Obwohl die strategisch wichtigen Schlüsselpunkte in französischer Hand waren, gelang es den regulären spanischen mit Freiwilligen verstärkten Streitkräften zunächst, den Franzosen Niederlagen beizubringen.688 Am 22. Juli kapitulierte eine französische Streitmacht bei Bailén.689 Dabei büßte die Grande Armée nicht nur den Nimbus der Unbesieg- 680 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 14. 681 Vgl. Polk: Aufstand, S. 53. 682 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 683 Vgl. Polk: Aufstand, S. 53 und vgl. Rothenberg, Gunther: Die Napoleonischen Kriege, Berlin 2000, S. 116. 684 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 194. 685 Vgl. Stahel, Albert A.: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, in: Sebastian Buciak: Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 129-139, hier S. 129. 686 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 687 Vgl. Polk: Aufstand, S. 55. 688 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 170f. 689 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 95. 118 barkeit ein,690 sondern auch nahezu ein Viertel ihrer Truppen in Spanien. Joseph verließ Madrid und auch in Portugal kam es nun zum Aufstand.691 Ein hier gelandetes 16.000 Mann starkes Expeditionskorps692 unter Sir Arthur Wellesley, dem späteren Herzog von Wellington,693 fügte den Franzosen eine weitere Niederlage zu,694 die am 22. August zum Waffenstillstand von Cintra und zur Räumung Portugals durch die Franzosen führte. Den in Portugal stehenden 40.000 Briten war es fortan möglich, von hier aus den Kampf der Spanier wirkungsvoll zu unterstützen.695 Durch die Ereignisse sah sich Napoleon gezwungen, die Geschicke in Spanien persönlich in die Hand zu nehmen.696 Nachdem er sich durch den Erfurter Kongress versicherte, den Rücken für größere Operationen in Spanien freizuhaben,697 zog er mit 200.000 Mann, die zu einem großen Teil aus Rheinbund-Truppen bestanden,698 im Herbst nach Spanien.699 Mit dabei waren seine besten und erfahrensten Generäle.700 Wo immer er auf spanische Truppen traf, wurden diese geworfen.701 Bis zur Jahreswende 1808/09 waren die regulären Streitkräfte des Königreichs zerschlagen.702 Bereits am 4. Dezember 1808 war Madrid genommen703 und Joseph wieder als König eingesetzt.704 Einen Vorstoß der Briten, der auf die französischen Verbindungslinien über die Pyrenäen zielte, fing Napoleon ab705 und zwang sie zum Rückzug.706 Es 690 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 691 Vgl. Willms: Napoleon, S. 481f. 692 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 176. 693 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 694 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 95. 695 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 178f. 696 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 697 Vgl. Willms: Napoleon, S. 484. 698 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 171. 699 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 700 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 176. 701 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 97. 702 Vgl. Rink, Martin: Vom kleinen Krieg zur Guerilla. Wandlungen militärischer und politischer Semantik im Zeitalter Napoleons, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 359-370, hier S. 365. 703 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 176 und vgl. Willms: Napoleon, S. 489. 704 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 97. 705 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 119 gelang ihnen jedoch, den Kern ihres Expeditionskorps aus La Coruña zu evakuieren.707 Die von Napoleon in der Folge vollständig zerschlagenen spanischen Truppen708 zerstreuten sich und organisierten sich neu, um den Widerstand in kleinen Gruppen fortzusetzen.709 Sich mit dem Aufstand der Landbevölkerung zusammenschließend, führte dies dazu, dass der Guerillakrieg in Spanien nun vollends entflammte.710 Aus Sorge vor Intrigen und Absetzung sah sich Napoleon jedoch bereits Ende Dezember genötigt, nach Paris zurückzukehren711 und das Oberkommando über die 250.000 französischen Soldaten in Spanien Marschall Soult zu übergeben.712 Dieser aber wurde der Lage nicht Herr. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr multiplizierte sich die Zahl der Guerillas.713 Während die Guerillagebiete zunächst vor allem in Aragón und Galicien lagen, fielen den Aufständischen schnell auch Kastilien und León in die Hände. Schon bald war kein Franzose in Spanien mehr sicher. Die Auseinandersetzungen wurden auf beiden Seiten erbarmungslos und mit wachsender Grausamkeit geführt.714 Während sie in früheren Feldzügen stets über funktionierende Nachschublinien verfügten, waren die Franzosen in Spanien gezwungen, diese durch Garnisonen zu sichern.715 Gleichzeitig stellten jedoch auch die Briten, nachdem Wellington im April 1809 erneut in Portugal gelandet war, eine permanente Bedrohung dar.716 Diese verstanden es trefflich, die Aufstandsherde in Spanien weiter zu schüren.717 Zwar standen die Franzosen 1810 in weiten Teilen des Landes, doch gelang es ihnen weder, die Guerillabedrohung in den Griff zu bekommen, noch die Briten in Portugal zu werfen. Schwieriges Gelände, der hartnäckige Widerstand der britisch-portugiesischen Truppen und eine schlechte 706 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 182. 707 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 132 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 188f. 708 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 182. 709 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 80. 710 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 184 und S. 189 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 40. 711 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 712 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 132. 713 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 37. 714 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189f und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42. 715 Vgl. Polk: Aufstand, S. 60. 716 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 160. 717 Vgl. ebd., S. 153. 120 Versorgungslage hinderten sie daran.718 Als 1811 die Franzosen aufgrund der strategischen Lage in Europa ihre Besatzungstruppen in Spanien um 70.000 Mann reduzierten, verschaffte dies Aufständischen und Briten zusätzliche Bewegungsfreiheit.719 Als nach dem gescheiterten Russland-Feldzug Napoleon gezwungen war, weitere Truppen aus Spanien abzuziehen, verschlechterte sich die Lage dort weiter. Marschall Soult wurde durch Joseph als Oberbefehlshaber in Spanien ersetzt.720 Obgleich sich die Franzosen hinter die Ebro-Linie zurückzogen, setzten ihnen die Guerillas auch hier derart zu, dass alleine vier Divisionen gegen sie abgestellt werden mussten.721 In einem auf den 4. Januar 1813 datierenden Brief wies Napoleon Joseph an, Madrid und Kastilien zu räumen, um sein Hauptquartier vorerst in Valladolid aufzuschlagen.722 Im Juni 1813 ging Wellington zur Schlussoffensive über723 und zwang die Franzosen am 21. Juni 1813 durch seinen entscheidenden Sieg bei Vitoria ihr Engagement in Spanien zu beenden.724 Im Dezember 1813 überschritt Wellington die französische Grenze und nahm am 10. April 1814 Toulouse ein.725 Napoleon hatte bereits am 6. April abgedankt. Der Krieg war zu Ende.726 718 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 141f. 719 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 161. 720 Vgl. Willms: Napoleon, S. 583. 721 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 164. 722 Vgl. Willms: Napoleon, S. 583. 723 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 151. 724 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 29. 725 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 151. 726 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 407. 121 2.1.3. Das Wesen der spanischen Unabhängigkeitskämpfer Lage und Ziele Während die Forschung lange angenommen hatte, der Aufstand in Spanien sei in erster Linie von der einfachen Bevölkerung getragen worden, während sich die höhere Beamtenschaft und die besitzenden Schichten zurückgehalten hätten,727 – Koch sprach vom „Krieg der kleinen Leute“728 und Allemann von einer „Volkserhebung“ der „ländlichen Unterschichten“729 – zeichnet sich heute ein differenzierteres Bild eines eher heterogenen Phänomens ab: Zwar entstammten die meisten Aufständischen der ländlichen Bevölkerung,730 waren in der Mehrzahl unvermögend und nicht selten Analphabeten,731 ihre Anführer waren jedoch häufig Mönche, Akademiker, Angehörige des örtlichen Adels oder ehemalige Offiziere.732 Esdaille ergänzt dieses Bild, indem er zudem stärker auf die Rolle der regulären spanischen Soldaten verwies, welche den Widerstand nach Guerillaart fortsetzten und eine entscheidende Rolle spielten.733 Neben den Guerillas existierten zudem Banditengruppen. Laut Esdaille ist es schwierig zu sagen, inwieweit diese mit dem Widerstand verbunden waren. Die Übergänge waren wohl fließend.734 Zahlreiche Deserteure der napoleonischen Truppen hatten sich dem Aufstand ebenfalls angeschlossen und so existierten teilweise ganze Guerillagruppen aus Niederländern, Italienern, Deutschen, Polen etc.735 Von einer einheitlichen Bewaffnung und Uniformierung konnte daher keine Rede sein.736 Die Gegensätze zwischen den einzelnen Gruppen waren oftmals sogar so groß, dass es 727 Vgl. ebd., S. 170. 728 Ebd., S. 189. 729 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 17. 730 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 195 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 41. 731 Vgl. Polk: Aufstand, S. 54 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189. 732 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189 und vgl. Willms: Napoleon, S. 479. 733 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 193f. Siehe dazu auch Ellis, John: From the Barrel of a Gun – A History of Guerilla, Revolutionary and Counter- Insurgency Warfare, from the Romans to the Present, London 1995, S. 74f. 734 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 198f. 735 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 276 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 190. 736 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 41. 122 teilweise sogar zu blutigen Auseinandersetzungen unter ihnen kam.737 Statt eines koordinierten Widerstands handelte es sich daher vielmehr um einen Zustand allgemeinen Aufruhrs, dem sich viele aus Erbitterung über das französische Vorgehen, Hass, Armut und Verzweiflung anschlossen.738 Voigt spricht von bis zu 200 regionalen Kleinkriegen.739 Die Heterogenität der Aufstandsbewegung hatte jedoch zur Folge, dass eine übergeordnete Kommandostruktur vollkommen fehlte.740 Lokal hatten vor allem junge Leute mit Unterstützung der Kirche provinzielle Räte („Juntas“), die konservativ orientiert und vielfach monarchistisch gesinnt741 waren, gegründet, um den Aufstand zu organisieren. Der Versuch, diese durch Gründung einer Junta Suprema zu vereinen und eine übergeordnete Kommandostruktur zu etablieren,742 scheiterte daran, dass sich die lokalen Juntas oftmals nicht an die Bestimmungen der Zentraljunta hielten.743 Zwar existierte fortan eine Junta Suprema Central auf nationaler Ebene, doch verfügte sie aus diesem Grund kaum über die Fähigkeit, den Aufstand zu steuern.744 Auch wenn sich die spanische Erhebung spontan und weitgehend dezentral entwickelt hatte, bildete sich bis 1810 eine wirkungsvolle Guerilla heraus.745 Dabei überstieg die Zahl der aktiven Kämpfer selbst auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen wahrscheinlich nicht mehr als 30.000 bis maximal 50.000.746 Der britische Nachrichtendienst schätzte ihre Zahl 1811 auf ca. 28.000, welche sich in ca. 111747 300-500 Mann starke748 Guerillagruppen gegliedert waren. Anderen Schätzun- 737 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 276 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 190. 738 Vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 129. 739 Vgl. Voigt: Krieg ohne Raum, S. 151. 740 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 179 und vgl. Schmitt, Carl: Clausewitz als politischer Denker. Bemerkungen und Hinweise, in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 419-446, hier S. 428. 741 Vgl. Polk: Aufstand, S. 53f und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189. 742 Vgl. Polk: Aufstand, S. 53, vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 116 und vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 272. 743 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 274. 744 Vgl. Rink: Vom kleinen Krieg zur Guerilla, S. 365. 745 Vgl. ebd., S. 272. 746 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 16 und vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 276. 747 Vgl. Polk: Aufstand, S. 59. 748 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 41. 123 gen zufolge könnte sich die Zahl auf 35.000 belaufen haben. Mit Unterstützern waren wohl ca. 250.000 Menschen im Widerstand aktiv, Sympathisanten nicht eingerechnet.749 Der Vorteil der spanischen Guerillagruppen gegenüber den Franzosen lag vor allem in ihrem Rückhalt bei der Landbevölkerung750 und ihrer regionalen Verbundenheit, mit der sowohl eine bessere Ortskenntnis als auch die Fähigkeit einhergingen, sich durch das Verbergen unter den Einheimischen dem Zugriff des Gegners zu entziehen.751 Die Bevölkerung versorgte die Guerillas in ihren Verstecken im Gebirge und unterstützte sie als Boten und Kundschafter mit wertvollen Informationen über Truppenbewegungen und günstigen Angriffszielen.752 Eine nicht unerhebliche Hilfe erhielten die Aufständischen zudem durch das britische Expeditionskorps unter Wellington, welches zusammen mit portugiesischen Truppen bis 1812 100.000 Mann umfasste.753 Die britische Seeherrschaft nach ihrem Sieg bei Trafalgar 1805 ermöglichte es Großbritannien nicht nur, die Truppen auf der Iberischen Halbinsel problemlos zu versorgen, sondern auch die Insurgenten zu unterstützen.754 Alleine im Jahre 1808 besaßen die Lieferungen einen Umfang von 2.325.668,- Britischen Pfund.755 Englische Agenten halfen dabei, stetig neue Guerillaverbände auszuheben und auszubilden. Dies hatte nicht unerheblichen Anteil daran, dass sich gegen Ende des Krieges aus den Guerillas eine neue spanische Armee herausbildete.756 Formell wurde der Krieg für die Wiedereinsetzung des in Frankreich internierten757 Königs Ferdinand VII. geführt.758 Hahlweg sprach von einem „Kreuzzug für König und Vaterland“759. Die spanische Monar- 749 Vgl. Polk: Aufstand, S. 59. 750 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 132 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 16. 751 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 16. 752 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 17 und vgl. Polk: Aufstand, S. 60. 753 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 159f und S. 164 und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 28. 754 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 28 und vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 755 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 170. 756 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 44. 757 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, in S. 129. 758 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 17. 759 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 40. 124 chie war fest in der Bevölkerung verankert760 und gerade Ferdinand genoss große Sympathien bei seinen Untertanen.761 Darüber hinaus war der Kampf gegen die französische Besatzung – bei aller Heterogenität der spanischen Widerstandsbewegung – den Aufständischen ein gemeinsames Ziel.762 „Zorn (…) und der Glaube an eine gerechte Sache bildeten die Antriebskräfte der Guerillas“763. Gegen die Reformbemühungen der Besatzungsmacht forderte man die Bewahrung der überlieferten regionalen Privilegien, Abgabenfreiheiten und die Beibehaltung der Stellung der Katholischen Kirche.764 Dies implizierte, dass die Handlungen der Guerilla über vordergründige Aktionen mit unmittelbarem Zweck – wie beispielsweise das eigene Überleben – hinausgingen und weiterreichendere Ziele, wie das der „Idee der ‚Volksbefreiung‘“ mit Methoden des „revolutionären ‚Volkskrieges‘ mit irregulären Mitteln“765 verfolgten.766 Strategie, Taktik und Struktur Der Guerilla kam in dem Maße an Bedeutung zu, wie die regulären spanischen Truppen von den Franzosen besiegt wurden. Ab 1809 war daher die Guerilla Hauptträger des Kampfes.767 Aus ihrer Erkenntnis, dass die Franzosen nicht in offener Feldschlacht zu schlagen waren, zogen die Spanier die strategische Konsequenz, direkte Kämpfe zu vermeiden und dem Feind mit der Technik des Kleinen Krieges beizukommen. Hieraus entwickelte sich eine Strategie der Guerillakriegführung,768 die den Kampf unter Ausnutzung des Faktors Zeit führte und darauf setzte, den Feind auf lange Sicht zu besiegen. Dazu wurde das Kampfgebiet auf ganz Spanien ausgedehnt.769 Willms spricht davon, dass das „ganze Land mit seinen öden Hochebenen, unwirtlichen Gebirgen, armseligen Dörfern und wehrhaften Städten, die sich in den 760 Vgl. Polk: Aufstand, S. 49. 761 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 164, vgl. auch Ullrich: Napoleon, S. 94 und vgl. Willms: Napoleon, S. 475. 762 Vgl. Polk: Aufstand, S. 54. 763 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 40. 764 Rink: Vom kleinen Krieg zur Guerilla, S. 365. 765 Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 20. 766 Vgl. ebd., S. 20. 767 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 132 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 40. 768 Vgl. Polk: Aufstand, S. 55f. 769 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 125 Schutz ihres mittelalterlichen Mauerkranzes duckten, (…) zur großen Falle“770 wurde. Aus dem unbesetzten Sevilla und später aus Cadiz erließ die Junta Suprema regelmäßig im Namen Ferdinands VII. an die Bevölkerung gerichtete Erklärungen. Gleich zu Beginn des Aufstands hatte sie dazu aufgerufen, offene Feldschlachten zu vermeiden und die Mittel des kleinen Krieges gegen die Besatzer anzuwenden.771 Der Erlass „Reglamento de Partidas y Cuadrillas“ vom 28. Dezember 1808 rief zu Volksbewaffnung und der Bildung von Partidas772 genannten Widerstandsgruppen auf. Schmugglerbanden, die sich am Volkskrieg beteiligten, versprach man Amnestie.773 Im Februar 1809 folgten Anweisungen, wie der Volkskrieg zu führen sei. Demnach sollten die Basiseinheiten aus Nachbarschaften gebildet werden, welche sich unter selbst gewählten Führern zusammenfanden. Ortschaften, die nicht zu verteidigen waren, riet man zu verlassen, die bewegliche Habe sollte verborgen und den Franzosen entzogen werden. Die Junta Suprema gab zudem genaue Handreichungen, wie Ortschaften zu verteidigen seien, wie Depots und Hospitäler angelegt werden könnten und wie Sprengkörper zu handhaben waren. Das „Decreto del Corso Terrestre” vom 17. April 1809 sollte aus jedem Spanier einen Soldaten machen, selbst wenn er keine Uniform trug. Die Aufständischen wurden dadurch regulären Truppen auch hinsichtlich Besoldung und Hinterbliebenenversorgung gleichgesetzt. Es sollten Freikorps gebildet werden, die neben den lokalen Bürgerwehren aus Nachbarschaftsverbänden den Kampf selbstständig führten und den Feind durch rege Aktivitäten ständig beunruhigten.774 Die Guerilla agierte vor allem in den Bergen und ging von dort gegen französische Marschkolonnen, Außenposten, Garnisonen und spanische Kollaborateure775 vor.776 Gewöhnlich operierten die Guerilleros, die auch „corso terrestre“ (Landpiraten) genannt wurden,777 in kleinen 770 Willms: Napoleon, S. 480. 771 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 272. 772 Ab 1811 sprach man statt von „Partidas“ von „Guerillas“. (Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 40.) 773 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 273. 774 Vgl. ebd., S. 274f. 775 Das gezielte Vorgehen der Insurgenten gegen Kollaborateure führte dazu, dass diese ab 1809 nur noch in französisch besetzten Städten einigermaßen sicher waren. (vgl. Polk: Aufstand, S. 60.) 776 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 134. 777 Vgl. Polk: Aufstand, S. 58. 126 Einheiten,778 welche bei Bedarf auch zusammengezogen werden konnten,779 um beispielsweise Armeepatrouillen in Hinterhalte zu locken780 oder Außenposten und Versorgungswagen anzugreifen.781 Insbesondere die Nachschubwege waren als Schwachstellen der Franzosen bevorzugte Angriffsziele.782 Ehe es den Franzosen gelang, ihre Truppen zusammenzuziehen, folgte dem schnellen Zuschlagen ein ebenso schneller Rückzug.783 Anschließend zerstreuten sie sich wieder.784 Direkte Konfrontationen wurden nach Möglichkeit vermieden.785 Auch wenn die Franzosen ihre Truppen über das ganze Land verteilt hatten, war dies nicht gleichbedeutend mit der Kontrolle desselben.786 Kleinere Abteilungen konnten es kaum wagen, das Land zu durchqueren.787 Regelmäßig wurden Verwundetentransporte auf dem Weg nach Frankreich oder neue Rekruten auf dem Anmarsch von dort aufgerieben.788 Die Franzosen sahen sich daher gezwungen, in starken Verbänden zu marschieren. Sabotageakte wie beispielsweise Brückensprengungen oder die Vernichtung von Depots, zwangen die Franzosen zu umfangreichen Sicherungsmaßnahmen.789 Alleine in Aragonien und Katalonien banden die Guerillaaktivitäten zwei französische Armeekorps mit 60.000 Mann.790 Die mit den Sicherungsmaßnahmen einhergehende Aufsplitterung der Truppen in kleinere und kleinste Garnisonen machte diese gegenüber Angriffen sehr verwundbar.791 Jomini schildert eine Episode, welche das Ausmaß der Bedrohung durch die Guerillas verdeutlicht: „Als das Corps von Ney das von Soult in Corogna ersetzte, hatte ich 2 Compagnien des Artillerietrains zwischen 778 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 779 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42. 780 Vgl. Willms: Napoleon, S. 480. 781 Vgl. Polk: Aufstand, S. 57. 782 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 132, vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 157 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 41. 783 Vgl. Polk: Aufstand, S. 57. 784 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42. 785 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 32 786 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 275. 787 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 32 788 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 276. 789 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42. 790 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 160. 791 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42. 127 Betanzos und Corogna in Quartiere gelegt und zwar in die Mitte von 4 Brigaden, welche höchstens 2 bis 3 Lieues792 von einander entfernt waren. Keine spanische Truppe war auf 20 Lieues in der Runde zu bemerken. Trotzdem verschwanden eines Nachts diese Kompagnien mit Mann und Pferd, ohne daß wir jemals erfahren konnten, was aus ihnen geworden war. Ein einziger verwundeter Korporal rettete sich und versicherte, daß Bauern, geführt von Priestern oder Mönchen, die Überfallenen niedergemetzelt hätten.“793 Nach zunehmenden örtlichen Erfolgen begannen die verschiedenen regionalen Guerillas immer mehr miteinander zu kooperieren. Dadurch festigte sich der Widerstand und breitete sich weiter aus.794 Dennoch war es den Guerillas weder möglich, von sich aus das Land zu befreien, noch einzelne Gebiete vor französischen Vergeltungsmaßnahmen zu schützen. Ihr Verdienst bestand vielmehr darin, erheblich zum britischen Sieg beigetragen zu haben, der Spanien schließlich die Befreiung brachte.795 Die Franzosen wären womöglich dazu in der Lage gewesen, einen ihrer Gegner zu schlagen, aber der gleichzeitige Kampf gegen beide überforderte sie.796 Bemerkenswert am Spanischen Unabhängigkeitskrieg ist ferner, dass die Aufständischen den Kampf auch auf psychologischer Ebene führten und große Mengen an propagandistischem Material produzierten, welches weit über Spanien hinaus Verbreitung fand und zur Mobilisierung der übrigen unterdrückten Völker – u. a. der Deutschen – beitrug.797 Teilweise richtete die Junta Suprema Botschaften sogar gezielt an das Ausland, wie das bereits am 1. Januar 1809 veröffentlichte „Manifest an Europa“, welches von tatsächlichen und angeblichen Gräueltaten der Franzosen berichtete.798 792 Bei einem „Lieue“ handelt es sich um ein altes französisches Längenmaß, welches die Strecke bezeichnete, die in einer Stunde zurückgelegt werden konnte („Stunden-Meile“). Umgerechnet betrug die Distanz ungefähr 4.445 Meter. (vgl. Niemann, F. A.: Vollständiges handbuch der Münzen, Masse, und Gewichte aller Länder der Erde, in alphabetischer Ordnung, ohne Ortsangabe 1830, S. 158.) 793 Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 37. 794 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 32. 795 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 155 und vgl. dazu auch Münkler: Über den Krieg, S. 187. 796 Vgl. Münkler: Über den Krieg, S. 187. 797 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 190 und vgl. dazu auch Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 14. 798 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 273. 128 2.1.4. Die französische Politik Lage und Ziele Während die übrigen europäischen Mächte durch Frankreich früher oder später besiegt und oder in das napoleonische System zumindest zeitweise eingebunden wurden, hatte es im Britischen Königreich einen entschlossenen Gegner, mit welchem es sich einen erbitterten Machtkampf lieferte. Da Napoleon seinem englischen Feind aufgrund seiner Insellage nach dem Verlust der französischen Flotte bei Trafalgar militärisch nicht beikommen konnte, hoffte er, die Briten durch einen Wirtschaftskrieg in die Knie zwingen zu können. Mit Hilfe einer Kontinentalsperre, die sämtliche Häfen von Spanien über Skandinavien bis nach Russland britischen Waren verschloss, wollte er die Handelsmacht Großbritannien daher in seiner ökonomischen Existenz treffen.799 Mit Portugal war Großbritannien jedoch ein letzter Brückenkopf auf dem Kontinent verblieben, den Napoleon durch seine Intervention auf der Iberischen Halbinsel auszuschalten gedachte.800 Er hatte angenommen, Spanien durch die Absetzung der spanischen Bourbonen und der Inthronisierung seines Bruders fest in sein europäisches System einbinden zu können und nicht damit gerechnet, dass ihm die spanische Bevölkerung gewaltsamen Widerstand leisten würde.801 Zunächst stuften die Franzosen die Angriffe bewaffneter Bauernhaufen auf dem Lande, die sich angesichts französischer Patrouillen sofort zurückzogen, nicht als Bedrohung ein. Doch wie sehr die Franzosen sich auch bemühten, sie wurden der Lage nicht Herr.802 „Ein undurchdringliches Netz von Guerillabanden“803 hatte das Land durchzogen, so dass die Administration Josephs noch nicht einmal mehr in der Lage war, Steuern einzuziehen.804 Da inzwischen bereits Ansätze einer imperialen Überdehnung erkennbar und zu wenige französische Truppen verfügbar waren, setzte Napoleon in Spanien verstärkt Kontingente805 799 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 41. 800 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 134-136. 801 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 94. 802 Vgl. Polk: Aufstand, S. 56f. 803 Liddel Hart: Strategie, S. 153. 804 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189. 805 Nach 1805 aufgestellte Regimenter setzten sich ausschließlich aus Ausländern zusammen. Der Rheinbund war gezwungen, Kontingente zu stellen und so dienten beispielsweise zwischen 1805 und 1813 alleine 110.000 Bayern unter 129 aus den verbündeten Rheinbundstaaten ein.806 Im Laufe der Kämpfe in Spanien erwiesen sich diese jedoch als zunehmend unzuverlässig und die Zahl der Überläufer nahm zu.807 Napoleon selbst sprach angesichts des schwelenden Guerillakrieges vom „spanischen Geschwür“808, bei dem ihm nach Liddel Hart nur wenig Zeit blieb, es „herauszuschneiden und auszuheilen.“809 Durchschnittlich waren in Spanien jährlich 250.000 französische Soldaten gebunden.810 Die täglichen Verluste durch Desertation, Kampf, Krankheit etc. werden auf 100 Mann geschätzt.811 Insgesamt verloren die Franzosen in den Jahren 1808 bis 1814 auf dem Spanischen Kriegsschauplatz zwischen 200.000 und 300.000 Mann.812 Lediglich 45.000 davon resultierten indes aus den Auseinandersetzungen mit dem britischen Expeditionskorps.813 Von der Lage, in der sich die französischen Soldaten befanden, gibt eindrucksvoll der Feldpostbrief des Pfälzers Johan Seib814 vom 16. Februar 1811 Zeugnis: „wir liegen schon vier Monath auf einem blatz drey Stund Seydwertz der statt vicktoria in großen geburch am Meer von den feind sind wir noch weit entfernt aber in dem geburch da ist noch ein starckes korbs welche uns alle Tage atagieren und wir Tag nacht keine ruhe haben -in vier Monath seyd wir noch nicht aus der munthur gekommen -wo wir hinkommen da werden wir Einqwathirt in den klöster und gebrändehauser -das spanische volck ist eine wüste nazion Menschen -sie seyd uns sehr feind -sie lassen kein soldat in ihre häuser -wen einer sich will brot kaufen so mußer vor der Thür stehen Napoleonischer Flagge. (Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 113.) 806 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 171. 807 Vgl. ebd., S. 190. 808 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 28. 809 Liddel Hart: Strategie, S. 153. 810 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 27. 811 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 155 und vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 32. 812 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 276 und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 27. 813 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 155. 814 Johan Seib war Angehöriger eines Infanterieregiments der Armée du Midi unter Marschall Soult und befand sich zu diesem Zeitpunkt in dem Ort Murguia nahe der Stadt Vitoria im Baskenland. (Vgl. „Brief des Johan Seib aus der Armée du Midi“, in: http://www.drmueller.com/Downloads/Brief%20des%20Johan%20Seib.pdf, zuletzt geprüft: 09.01.2013.) 130 wie Ein bettler -Unser lebensmitel dass ist sehr schleh -wir haben einmal des Tages zu Essen und nicht foll-“815 Dabei hatten die Franzosen militärisch gesehen gute Voraussetzungen: Ihre Truppen marschierten schneller als die anderer europäischer Staaten. Die in Kolonnentaktik kämpfenden Tirailleure816 waren äu- ßerst beweglich und aus einer flexiblen Kombination mit der Linienund Karreetaktik resultierte eine hohe Schlagkraft.817 Das Heer war untergliedert in Armeen, Korps und Divisionen, welche als selbstständige Verbände eigenständig operieren818 und getrennt marschieren konnten, um sie bei Bedarf schnell an Schwerpunkten zusammenzufassen. Ihre hohe Geschwindigkeit verdankte die französische Armee auch dem Umstand, dass sie weniger Gepäck mitführte und sich durch Requirierungen aus dem Land versorgte.819 Dass die französische Armee ihren Gegnern auf dem Schlachtfeld überlegen war, hatte sie mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auf einen Guerillakrieg spanischen Ausmaßes jedoch war sie in keiner Hinsicht vorbereitet. Die hohen Verluste und die zwangsweise Rekrutierung von Ausländern gingen mit einem Qualitätsverlust der Grande Armée einher, auch weil zunehmend fähige Offiziere und Unteroffiziere fehlten. In der Konsequenz waren komplexe taktische Manöver immer schwerer zu bewerkstelligen und die hierzu prädestinierte leichte Infanterie verschwand immer mehr zugunsten der schweren, aber wesentlich leichter zu führenden Linieninfanterie. Die geringere taktische Flexibilität wurde auf dem Schlachtfeld daraufhin verstärkt durch die Artillerie kompensiert.820 Diese Entwicklungen standen jedoch den taktischen Erfordernissen des Guerillakrieges diametral entgegen. 815 „Brief des Johan Seib aus der Armée du Midi“, in: http://www.drmueller.com/Downloads/Brief%20des%20Johan%20Seib.pdf, zuletzt geprüft: 09.01.2013.) 816 Tirailleure waren in aufgelockerter Formation kämpfende leichte Infanteristen. (vgl. Neues Rheinisches Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, Bd. 11, Köln 1830, S. 288f.) 817 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 197f und S. 218, vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 134-136, vgl. Smith, Rupert: The Utility of Force – The Art of War in the modern World, London 2006, S. 32f-35 und Müller: Militärgeschichte, S. 165. 818 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 135. 819 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 39. 820 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 114f. 131 Strategie, Taktik und Struktur Da das bürokratische Regierungssystem Spaniens keine Mühen hatte, sich an die neue Ordnung anzupassen, schien die Übernahme des Landes durch die Franzosen zunächst weitgehend reibungslos zu verlaufen. Gleiches galt anfangs sowohl für die Kirche als auch für die spanische Armee, die sich aus Furcht vor den französischen Truppen zunächst zurückhielt.821 Je mehr jedoch Althergebrachtes von den Franzosen in Frage gestellt wurde, desto mehr Misstrauen wurde ihnen entgegengebracht. Die seit dem Mittelalter zusammengeschlossenen Staaten Kastilien und Aragon waren nicht bereit, ihre überlieferten Sonderrechte und Institutionen aufzugeben. Zunehmend wurde daher der französische Versuch, das Land nach dem Vorbild Frankreichs zentralistisch zu regieren, als Provokation empfunden.822 Die Absetzung der Bourbonen führte schließlich dazu, dass die Bevölkerung zum offenen Widerstand überging. In vollkommener Fehleinschätzung der Lage war Napoleon davon ausgegangen, die Spanier würden es ihm aufgrund des maroden Zustands der Dynastie danken, wenn er Ordnung schüfe und einen neuen König einsetzte. Er hatte jedoch die ausgesprochen fremden- und vor allem franzosenfeindliche Grundeinstellung der Spanier fatal unterschätzt.823 Den neuen König Joseph lehnten sie als „fremden Eindringling“ rundweg ab.824 Polk geht davon aus, dass Napoleon den kommenden Guerillakrieg vermutlich hätte verhindern können, wenn er zumindest dem Anschein nach die spanische Monarchie aufrechterhalten hätte.825 Dazu hätte er sich nach Wilms die Popularität Ferdinands in der Bevölkerung durchaus zunutze machen können, doch habe er die Gelegenheit, ihn zu seiner Marionette zu machen, verkannt.826 Vergebens versprach er Anfang Mai 1808 den Spaniern in einer Proklamation eine bessere Zukunft und ließ in Bayonne eine neue Verfassung für Spanien ausarbeiten,827 die am 7. Juli 1808 von Joseph verkündet wurde.828 Napoleon hatte angenommen, eine fortschrittliche 821 Vgl. Polk: Aufstand, S. 52f. 822 Vgl. ebd., S. 50. 823 Vgl. Polk: Aufstand, S. 52 und vgl. dazu auch Schmitt: Clausewitz als politischer Denker, S. 430. 824 Vgl. Maurois: Napoleon, S. 81. 825 Vgl. Polk: Aufstand, S. 52. 826 Vgl. Willms: Napoleon, S. 474. 827 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 828 Vgl. Willms: Napoleon, S. 479. 132 Verfassung würde ihm den Zuspruch der Spanier sichern, wie dies zuvor auch in anderen Ländern geschehen war.829 Die Umsetzung der neuen Verfassung scheiterte jedoch daran, dass sich bereits viele spanische Städte und Provinzen im Aufstand befanden.830 Als er Ende des Jahres 1808 schließlich persönlich in Spanien eintraf, war Napoleon sofort nach der Einnahme Madrids831 und der Wiedereinsetzung seines Bruders Joseph als König832 bestrebt, die Lage durch weitere, vermeintlich fortschrittliche Maßnahmen zu beruhigen. Zum einen verfügte er eine Ächtung der Granden von Spanien, da er diese für den Aufstand verantwortlich machte. Gleichzeitig schaffte er die Inquisition ab und löste 2/3 der spanischen Klöster auf.833 Deren Besitz wurde teils zur Tilgung der Staatsschuld, teils zur Entschädigung der den Städten und Provinzen durch die französische Besatzung entstandenen Kosten herangezogen.834 Aufgehoben wurden ebenfalls der Rat von Kastilien und die herrschaftliche Gerichtsbarkeit835 sowie die feudalen Rechte und Privilegien.836 Die am 7. Dezember 1808 mit dem Ziel erlassenen Dekrete,837 die Spanier politisch zu gewinnen, wurden mit der offenen Drohung verbunden, das Land fortan als „eroberte Provinz“ zu behandeln, sollte sich die Lage nicht beruhigen.838 Napoleon ging davon aus, dass er durch seine Gesetzgebung Spanien nachträglich die Aufklärung bringen würde, die das Land bis dahin nicht erlebt hatte.839 Statt einer Stabilisierung des Landes führten die Maßnahmen, da diese von der spanischen Bevölkerung weitgehend abgelehnt wurden, zu einer weiteren Eskalation.840 Als Napoleon Spanien Anfang 1809 wieder verließ, mahnte er daher Joseph zu strengem Vorgehen, da ihm 829 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 95. 830 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 169. 831 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 832 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 833 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 834 Vgl. Willms: Napoleon, S. 490. 835 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131. 836 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 176 und vgl. Willms: Napoleon, S. 490. 837 Vgl. Willms: Napoleon, S. 490. 838 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 97f. 839 Vgl. Willms: Napoleon, S. 490. 840 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 131 und vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 176. 133 zufolge nur die Furcht den Pöbel gefügig mache.841 In bewusster Diskreditierung sprach er von den spanischen Guerillas als „Banditen“842. Angesichts der Erfolglosigkeit seines Bruders in Spanien entzog Napoleon ihm jedoch bereits am 8. Februar 1810 den Oberbefehl über die 270.000 französischen Soldaten auf der Iberischen Halbinsel und beschränkte seine Souveränität als König auf die Gegend um Madrid in Neu-Kastilien. Durch die vorübergehende Entmachtung Josephs war jedoch alles zunichte gemacht worden, worum sich dieser in Spanien lange bemüht hatte. Vor allem durch kulturpolitische Maßnahmen, wie beispielsweise die Gründung des Prado-Museums nach Vorbild des Louvre, hatte er versucht, Sympathien in der Bevölkerung zu gewinnen.843 Das Land war jedoch nicht mehr zu befrieden. Als sich Ende 1813 der Abzug der französischen Truppen aus Spanien und damit die endgültige Niederlage abzeichnete, griff Napoleon im November auf den in Valencay internierten Ferdinand zurück und bot ihm wieder die spanische Krone an. Hierdurch erhoffte er sich, Spanien zumindest zu neutralisieren, um seine dort stehenden Truppen an anderen Fronten einsetzen zu können und gleichzeitig in seiner Südwestflanke Ruhe zu haben.844 Die Fortsetzung des Kampfes durch die Engländer, die schließlich sogar über die Pyrenäen nach Frankreich vorstießen, machte jedoch auch diese Hoffnung zunichte. Zwar war den Franzosen die herkömmliche Taktik des Kleinen Krieges – das Prinzip des „La petite guerre“ – vertraut, die von regulären Truppen unabhängige Guerillakriegführung, die sie in Spanien vorfanden, stellte sie jedoch vor erhebliche Probleme.845 Die auf die offene Begegnung auf dem Schlachtfeld ausgerichtete französische Militärdoktrin erwies sich gegen kleine, plötzlich auftretende und zuschlagende Gruppen bewaffneter Guerilleros, die ebenso schnell wieder verschwanden, als ungeeignet.846 Auch gelang es nicht, das im gesamten französischen Imperium verbreitete Gendarmerie-System wirksam in Spanien umzusetzen. Statt das Umland zu kontrollieren, waren die 841 Vgl. Ullrich: Napoleon, S. 99. 842 Vgl. Schmitt: Clausewitz als politischer Denker, S. 425. 843 Vgl. Willms: Napoleon, S. 524. 844 Vgl. ebd., S. 600. 845 Vgl. Polk: Aufstand, S. 56. 846 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 15f. 134 Gendarmen vorrangig damit beschäftigt, ihre entlang der Hauptstra- ßen verteilten Blockhäuser zu verteidigen.847 Um flexibler auf das Auftreten der Guerillas reagieren zu können, reagierten die Franzosen daher mit der Aufstellung „fliegender Kolonnen“.848 Wann immer diese mobilen Kampfverbände die Guerillakräfte zum offenen Kampf stellen konnten, brachten sie ihnen schwere Verluste bei. Diese durchaus vorkommenden taktischen Erfolge genügten jedoch nicht, um die Lage in Spanien zu stabilisieren.849 Noch weniger Erfolg war letztlich den Versuchen beschieden, Spanier, deren Motivation in der Feindseligkeit gegenüber ihren Nachbarn und in Begünstigungen durch die Franzosen lag, für den Kampf gegen die Insurgenten anzuwerben und mit diesen sogenannten „Miquelets“, die teilweise mehrere Hundert Mann umfassten, Anti-Guerilla-Einheiten aufzustellen.850 Selbst wenn es den Franzosen einmal gelang, Guerillagruppen aus einem von ihnen beherrschten Gebiet zu vertreiben, flammten die Aufstände sogleich an anderen Orten wieder auf.851 Exemplarisch schrieb der französische General Bessières 1811: „Wenn ich 20 000 Mann konzentriere[,] werden alle meine Verbindungen verloren gehen, und die Insurgenten werden große Fortschritte erzielen.“852 Verteilten die Franzosen hingegen ihre Truppen gleichmäßig über das Land, liefen sie Gefahr, dass sie den Aufständischen eine Vielzahl günstiger Angriffsziele boten und zudem nicht mehr über eine ausreichende Zahl schlagkräftiger Streitkräfte gegen die britischen Truppen verfügten.853 Dennoch kamen sie nicht umhin, umfangreiche Sicherungskräfte abzustellen, um den zahlreichen Angriffen und Sabotageakten, wie Brückensprengungen oder die Zerstörung von Material und Lebensmitteln, zu begegnen. Straßen wurden mit Blockhäusern gesichert, die durch optische Telegraphen miteinander in Verbindung standen. Diese Zersplitterung erleichterte den Guerillas wiederum die 847 Vgl. Broers, Michael: Die napoleonische Gendarmerie: Eine protokoloniale paramilitärische Polizeitruppe, in: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck und Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute: Strukturen – Akteure – Lernprozesse, S. 111-127, hier S. 112. 848 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277. 849 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 16. 850 Vgl. Polk: Aufstand, S. 61. 851 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 16. 852 Ebd., S. 16. 853 Vgl. ebd., S. 16. 135 Angriffe auf die zahlreichen kleinen französischen Abordnungen. Ohne optische Verbindungen waren beispielsweise Blockhäuser nachts isoliert und konnten überrannt werden.854 Die Franzosen waren dadurch zu kräftezehrenden Maßnahmen, wie dem Einsatz starker Deckungskräfte für Kolonnen oder von Kavallerieeinheiten zur vorherigen Erkundung des Geländes vor Märschen gezwungen.855 So wie die Spanier erkannt hatten, dass sie die Franzosen nicht in offener Feldschlacht schlagen konnten, hatten diese ihrerseits realisiert, dass es ihnen nicht möglich sein würde, das ganze Land unter Kontrolle zu halten. Sie versuchten daher ihre Präsenz auf die Gebiete zu beschränken, in denen ihnen eine Herrschaftsausübung möglich war.856 Aufgrund der Weiträumigkeit des Landes mussten sich die Franzosen darauf beschränken, bestimmte Stützpunkte, wie insbesondere die Städte,857 zu halten und die Versorgungswege zu sichern. Alleine um den Versorgungsweg nach Madrid zu schützen, musste auf der gesamten Strecke ein Viertel des gesamten französischen Spanien-Heeres eingesetzt werden.858 Die Franzosen zerstreuten ihre Kräfte somit über das Land und hatten keinen eigentlichen Schwerpunkt mehr.859 Im Zuge des eskalierenden Partisanenkrieges verstiegen sie sich in der Folge auf ein immer kompromissloseres Vorgehen, welches auch die Erschießung und Folterung von Gefangenen beinhaltete.860 Obwohl Napoleon noch Ende März 1808 Marschall Murat aufgefordert hatte, Zwischenfälle mit spanischen Truppen und Bevölkerung zu vermeiden, reagierte dieser äußerst brutal auf die Ereignisse in Madrid Anfang Mai 1808.861 In der Annahme, Aufstände grundsätzlich durch brachiale Gewalt bereits im Keim ersticken zu können, griffen die Franzosen rigoros durch. Die überaus harten Repressalien, die teilweise massenhafte Hinrichtungen und das Niederbrennen ganzer Dörfer zur Folge hatten, führten jedoch dazu, dass den Aufständischen aus Erbitterung über die französischen Taten neue Kämpfer und Unter- 854 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 42 und vgl. Polk: Aufstand, S. 60. 855 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 43. 856 Vgl. Polk: Aufstand, S. 55f. 857 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 39. 858 Vgl. Polk: Aufstand, S. 60. 859 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 189. 860 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 861 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 272. 136 stützer erwuchsen.862 Hinzu kam, dass die Franzosen abseits ihrer Nachschubwege Nahrung aus dem Lande requirierten. Da das Land jedoch karg war, setzte dies die Bauern dem Hungertod aus. Folglich flohen sie und nahmen ihre Nahrungsmittel mit sich. Die daraufhin im Zorn von hungrigen Franzosen zerstörten Dörfer riefen weiteren Groll unter der Landbevölkerung hervor.863 Im Februar 1810 reorganisierte Napoleon seine Truppen in Spanien und teilte sie in acht selbstständig operierende Armeekorps ein. Fortan hatten die Korpskommandeure in ihrem Verantwortungsbereich neben der militärischen auch die Zivil- und Polizeigewalt inne.864 Die durch diese Dezentralisierung der militärischen Befehlsgewalt weitgehend autonomen Truppenteile waren nur noch Napoleon gegenüber verantwortlich.865 Dass dieser jedoch seine Befehle ohne konkrete Kenntnis der Lage und des Geländes vor Ort gab, wirkte sich letztlich negativ auf die Operationsführung aus.866 Eine weitere Folge war, dass die Kommandeure sich zu Despoten in ihrem Bereich entwickelten, welche die Bevölkerung mit allen Mitteln unterdrückten und somit zur weiteren Verschärfung der Situation beitrugen.867 Laut Stahel mussten ab Ende 1808 dauerhaft 250.000 Soldaten in Spanien stationiert bleiben.868 Auch Rink geht von einer durchschnittlichen Zahl zwischen 250.000 bis 300.000 in den Jahren 1808 bis 1813 aus. Alleine für 1810 beziffert er die in Spanien stehende Truppe auf 370.000 Mann.869 Polk spricht sogar von einer Maximalzahl von 400.000.870 Liddel Hart zufolge standen durch umfangreiche Sicherungsaufgaben davon jedoch gerade einmal 65.000 zum Einsatz gegen das britische Expeditionskorps zur Verfügung.871 Setzt man diese Zahlen in Relation mit den später anlässlich des Russlandfeldzuges Napoleons aufgebotenen 500.000 Mann,872 lässt sich die Bedeutung der in Spanien eingesetzten Größenordnung ermessen. 862 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 190 und vgl. Polk: Aufstand, S. 53. 863 Vgl. Polk: Aufstand, S. 58. 864 Vgl. Willms: Napoleon, S. 524. 865 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 134. 866 Vgl. ebd., S. 117. 867 Vgl. Willms: Napoleon, S. 524. 868 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 133. 869 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277. 870 Vgl. Polk: Aufstand, S. 60. 871 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 158. 872 Vgl. Koch: Die Befreiungskriege, S. 321. 137 2.1.5. Der erste Guerillakrieg der Moderne – die Bedeutung des Konflikts Wie oben gesehen, hatte es das Konzept des Kleinen Krieges bereits vor dem Spanischen Unabhängigkeitskrieg gegeben und auch Guerillatätigkeiten kleiner Gruppen waren nicht unbekannt, doch hatten diese bis dahin immer nur ihrem unmittelbaren Zweck, wie beispielsweise dem Kampf ums Überleben, der Beschaffung notwendiger Materialien oder der Schädigung des Feindes gedient.873 In taktischer Hinsicht waren die angewandten Mittel daher keinesfalls neu. Neu war hingegen, das erstmalige weiträumige Auftreten des Phänomens des Guerillakrieges,874 der imstande war, eine schnelle militärische Entscheidung zu vermeiden, obwohl das spanische Feldheer bereits besiegt war.875 Für Müller war der Spanische Unabhängigkeitskrieg daher die „Geburtsstunde des Mythos der ‚Guerilla’“876. Die Voraussetzungen dafür, dass der Guerillakrieg in der Breite angewendet werden konnte, war, dass weite Teile der Bevölkerung zu seinem Träger wurden. Dazu waren Mobilisierungsfaktoren erforderlich, welche die Menschen widerstandsbereit werden und zu den Waffen greifen lie- ßen. Rink sieht diese in der Vaterlandsliebe und dem Hass gegen die Besatzer.877 Laut Rothenberg motivierte die spanische Fremdenfeindlichkeit sogar mehr als nationale Überzeugung.878 Diese Faktoren – und nicht eine überlegene Taktik – haben laut Rink zusammen mit der Kenntnis des Landes zum Siege geführt.879 Rink analysiert daher, dass durch die spanische Guerilla „die Konzeption des kleinen Krieges einen derart radikalen Bedeutungswandel“ erfuhr, „daß seitdem die Begriffe ‚kleiner Krieg‘ und ‚revolutionäre Kriegführung‘ zusammenflossen.“880 Ihm zufolge wurden „die sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Normen des Absolutismus völlig“881 umgeworfen, weshalb es sich beim spanischen Phänomen um mehr als lediglich eine neue Taktik gehandelt habe.882 Nach Münkler war diese Weiterentwicklung des Kleinen Krieges nicht mehr nur Begleiterscheinung des 873 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 19. 874 Vgl. Buciak: Ghosts of War, S. 17. 875 Vgl. Münkler: Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege, S. 86. 876 Vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 170. 877 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 273. 878 Vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 152. 879 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 273. 880 Ebd., S. 271. 881 Ebd., S. 277. 882 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277. 138 Kampfes regulärer Truppen, sondern eine eigene Form der Kriegführung.883 Auch für Hahlweg stellte „die enge Verbindung von Kleinkrieg und Volkskrieg“884 das innovative Moment dieser Epoche dar.885 Er sah im Spanischen Unabhängigkeitskrieg einen Modellfall „für die Führung von Kleinkriegen“886, da er Elemente umfasste, wie die Mobilisierung und Organisation fanatischer Massen, in der Tiefe des zivilen Raumes beheimatete Guerillas, eine auswärtige Anlehnungsmacht und die Entwicklung von irregulären hin zu regulären Kräften sowie deren zusammenwirken.887 Wie bereits angedeutet, hatten die dargestellten Ereignisse eine Signalwirkung weit über die Iberische Halbinsel hinaus. Die spanischen Guerillas führten Europa und der Welt vor Augen, dass Napoleon verwundbar und womöglich sogar schlagbar war.888 Auch andere griffen das Beispiel Spaniens auf. In Tirol erhoben sich 1809 die Bauern um Andreas Hofer889 und in Deutschland wagten im gleichen Jahr Ferdinand von Schill sowie der „Schwarze Herzog“ Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels mit ihren Freikorps den Aufstand.890 Auch in Russland fanden Taktiken der spanischen Guerilla gegen die 1812 einmarschierenden Franzosen Anwendung.891 Gerade in Deutschland verfolgte man das Geschehen in Spanien sehr aufmerksam.892 Inspiriert durch die spanische Guerilla entwarfen preußische Theoretiker wie Gneisenau oder Clausewitz eine neue Konzeption des Kleinen Krieges.893 883 Vgl. Münkler: Der Wandel des Krieges, S. 71. 884 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 60. 885 Vgl. ebd., S. 60. 886 Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 44. 887 Vgl. ebd., S. 44. 888 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 270. 889 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 45-48 und vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 15. 890 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 48. 891 Vgl. Schmitt: Theorie des Partisanen, S. 18, vgl. Ney: Guerillakriegführung und moderne Strategie, S. 61 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 48-50. 892 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 270. 893 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277 und vgl. Schmitt: Clausewitz als politischer Denker, S. 426. 139 2.1.6. Antoine-Henri Jomini und der Volkskrieg in Spanien Einer der bedeutendsten Theoretiker, der sich mit den Ereignissen in Spanien ausgiebig befasste, war Antoine-Henri Jomini. Seine Schriften hatten einen großen Einfluss auf das militärische Denken des 19. und 20. Jahrhunderts.894 Am 6. März 1779 im schweizerischen Payerne geboren,895 trat er 1803 im Stab des Generals Ney in französische Dienste896 und begleitete ihn während des Feldzugs 1805.897 Nachdem Napoleon die ersten beiden Bände seines 1803 veröffentlichten „Traité de grande tactique“898 gelesen hatte, ernannte er Jomini Ende 1805 zum Oberst.899 Im folgenden Jahr nahm er im persönlichen Stab Napoleons am Krieg gegen Preußen teil.900 Inzwischen zum Baron ernannt,901 diente er von November 1808 bis Frühjahr 1809 unter Ney als Stabschef des 6. Korps in Spanien, bis er sich mit diesem überwarf und abgesetzt wurde.902 1810 zum Brigadegeneral ernannt, befand er sich während des Russlandfeldzugs im kaiserlichen Stab. Nachdem sich die Russen bereits seit Jahren um den Übertritt Jominis bemüht hatten,903 wechselte er schließlich – vor allem aufgrund der Intrigen von Napoleons Stabschef Berthier – im August 1813 ins russische Lager über,904 wo er die Alliierten erfolgreich im Kampf gegen Napoleon beriet.905 Fortan sollte er bis zu seinem Tode im Jahre 1869 in russischen Diensten bleiben.906 Neben seinem 1837 erschienenen Hauptwerk „Précis de l'Art de la Guerre“907 verfasste er zudem „Traité de grande tactique“ (1805), „Histoire critique et militaire des campagnes de la Revolution“ 894 Vgl. United States Military Academy West Point (Hrsg.): Antoine-Henri Jomini – A Bibliographical Survey, New York 1975, S. 1. 895 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 11. 896 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 128. 897 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 11. 898 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 127f. 899 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 128 und vgl. Däniker, Gustav: General Antoine Henri Jomini 1779-1869, in: Werner Hahlweg (Hrsg.): Klassiker der Kriegskunst, Darmstadt 1960, S. 267-284, hier. 268. 900 Vgl. ebd., S. 129. 901 Vgl. ebd., S. 131. 902 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 129. 903 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 133f. 904 Vgl. ebd., S. 138. 905 Vgl. ebd., S. 139f. 906 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 12f. 907 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 142. 140 (1806/1824) und „Vie Politique et Militaire de Napoleon racontée par lui-même au Tribunal de César, d'Alexandre et de Frederic“ (1827). In seinen Schriften wandte er sich gegen eine Verwissenschaftlichung des Krieges, wie sie die Theoretiker des 18. Jahrhunderts betrieben hatten. Anders als beispielsweise auch Clausewitz befasste sich Jomini nicht mit dem Wesen des Krieges, sondern damit, wie ein Krieg praktisch zu führen sei.908 Däniker spricht von einer scharfsichtigen und rationalistischen Kriegstheorie.909 Bei seinen militärtheoretischen Überlegungen, denen die Analyse der Napoleonischen Kriege und der Feldzüge Friedrichs des Großen zugrundelagen, bevorzugte Jomini eine indirekte Strategie und nicht die gezielte Strategie der Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte, wie sie Napoleon vertrat. Der Sieg sei durch Manövrieren, Täuschen und das Abschneiden der feindlichen Kräfte von ihrer Basis zu erreichen. Damit ist Jomini für Stahel „Wiederentdecker des ‚Indirekten Ansatzes‘ der ‚Direkten Strategie von Sun Tzu‘“.910 Jomini empfand den Volkskrieg – von ihm als „Nationalkrieg“ bezeichnet –, wie er ihn in Spanien erlebt hatte, als furchtbarste Form des Krieges,911 der gegen „von edlem Feuer für ihre Unabhängigkeit entbrannte Bevölkerung“, oder zumindest „gegen die Mehrheit derselben geführt“912 werde. Jomini lehnte derartige „Kriege bis auf’s Messer“ daher ab und wünschte sich ihre „Verbannung (…) aus dem Codex der Völker“.913 Dennoch hatte er sich intensiv mit dieser Form des Krieges befasst und basierend auf seinen Erfahrungen in Spanien in seinem Werk „Précis de l’art de la guerre“ eine Anleitung für die Niederschlagung eines Volkskrieges erarbeitet.914 Darin leitete er von seinen persönlichen Beobachtungen in Spanien915 zwei wesentliche Erkenntnisse ab:916 Zum einen erkannte er die Bedeutung der Topographie für den Volkskrieg, der am wirksamsten in Gebirgsregionen geführt werden könne.917 Daneben stellte er fest, dass Volks- und Guerillakriege vor allem dann erfolgreich sind, wenn ihnen die Unterstützung einer regu- 908 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 14f. 909 Vgl. Däniker: General Antoine Henri Jomini 1779-1869, S. 270. 910 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 170. 911 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 34. 912 Ebd., S. 35. 913 Ebd., S. 40. 914 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 135. 915 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 150. 916 Vgl. Stahel: Antoine-Henri Jomini und die Guerilla in Spanien, S. 135f. 917 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 36. 141 lären Armee zuteil wird.918 Der Widerstand verstärke sich sogar hundertfach, wenn das angegriffene Volk über eine große Küstenausdehnung verfüge und mit einer die Seeherrschaft besitzenden Macht verbündet sei.919 Eine Armee, welche in einem fremden Land nicht nur gegen die regulären Streitkräfte des Landes kämpfe, sondern auch gegen die im Aufstand befindliche Bevölkerungsmehrheit, operiere unter äußerst ungünstigen Bedingungen. Sie „besitzt daselbst nur das Feld, auf dem sie lagert, ihre Versorgung kann nur mit der Schärfe des Schwertes bewirkt werden; ihre Zufuhren werden überall bedroht oder genommen.“920 Außerhalb des Lagers sei alles feindlich gesonnen und die Schwierigkeiten mehrten sich mit jedem weiteren Schritt.921 Diese „Schwierigkeiten werden maßlos, wenn das Land stark von natürlichen Hindernissen durchschnitten ist.“922 Umgeben von einer feindseligen Bevölkerung sei eine verlässliche Informationsbeschaffung unmöglich: „Alles Gold von Mexiko hätte nicht gereicht, um den Franzosen einige Nachrichten zu verschaffen, diejenigen aber, welche man ihnen zukommen ließ, waren nur ein Köder, nur um sie so sicherer in’s Garn zu locken.“923 Aufgrund mangelnder Aufklärung, agiere man „in’s Blaue hinein“924, während die Aufständischen genaueste Kenntnis von jeder Bewegung ihres Feindes hätten,925 da ihnen nicht nur das Land mit jedem Weg und Pfad vertraut sei, sondern sie zudem in enger Verbindung mit der Bevölkerung stünden.926 Auf diese Weise gelinge es den Insurgenten, allen Schlägen auszuweichen. „Aehnlich wie Don Quichotte fechtet Ihr gegen Windmühlen, während Euer Gegner sich auf Eure Verbindungen wirft, die Abtheilungen, welche sie sichern sollen, vernichtet, Eure Zufuhren und Depots überrascht und Euch so einen verderblichen Krieg macht, in welchem Ihr auf die Dauer nothwendig unterliegen müßt.“927 Unter diesen Bedingungen sei es für keine noch so kriegserfahrene Armee möglich, erfolgreich zu sein. Die einzige Möglichkeit, dass eine reguläre Armee in einem solchen Konflikt dennoch bestehen könne, läge in einem gewaltigen 918 Vgl. Stahel: Klassiker der Strategie, S. 151. 919 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 35f. 920 Ebd., S. 35. 921 Vgl. ebd., S. 36. 922 Ebd., S. 36. 923 Ebd., S. 37. 924 Ebd., S. 38. 925 Vgl. ebd., S. 38. 926 Vgl. ebd., S. 36. 927 Ebd., S. 38. 142 Kraftakt und dem Einsatz großer materieller und personeller Ressourcen.928 Denn nur wenn „sie stark genug wäre, alle wichtigen Punkte des Landes zu besetzen, ihre eigenen Verbindungen zu decken und außerdem noch genug Truppencorps zur Verfügung zu haben, um den Feind überall da, wo er sich zeigt, schlagen zu können“929, könne sie erfolgreich sein. 2.1.7. Strategische Betrachtungen Der Krieg in Spanien hatte sich für die Franzosen „zu einem Sumpf, der Soldaten und Gelder verschlang“930 entwickelt, der die dort eingesetzten Truppen systematisch demoralisierte.931 Über die Jahre waren einige der besten Verbände Napoleons dauerhaft in Spanien gebunden und fehlten dadurch an anderen Fronten.932 Auch in ökonomischer Hinsicht war die spanische Kampagne für Frankreich ein Desaster. Hatten sich bislang alle Eroberungen nicht nur selbst finanziert, sondern auch noch Gewinn eingebracht, verursachte die desolate Haushaltslage in Spanien für Frankreich hingegen immense Kosten.933 Die mit dem stetigen Aderlass an der spanischen Front einhergehenden hohen Verluste zeigen, wie eine Streitmacht nachhaltig geschädigt werden kann, wenn sie, in einem für sie ungünstigen Gelände und feindlich gesonnenen Umfeld operieren muss. Während die Franzosen einerseits bestrebt waren, den Aufstand militärisch niederzuschlagen, glaubten sie andererseits, mit Reformen die Menschen für sich einnehmen zu können. Auch wenn sie, wie die Ausführungen gezeigt haben, sich durch politische Maßnahmen bemühten, die Bevölkerung für sich zu gewinnen, um dem Aufstand die Grundlage zu entziehen, setzten sie andererseits – mit den besonderen Herausforderungen eines Guerillakrieges weitgehend überfordert und in dieser Hinsicht bar jeder Erfahrung – auf ein rigoroses und zum Teil äußerst brutales Vorgehen, um den Aufstand im Keim zu ersticken. Dies setzte jedoch die Wirksamkeit der politischen Maßnahmen erheb- 928 Ebd., S. 37. 929 Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 37. 930 Polk: Aufstand, S. 55. 931 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 164. 932 Vgl. Willms: Napoleon, S. 505. 933 Vgl. ebd., S. 479. 143 lich herab. Hinzu kam die irrige Annahme, die Errungenschaften der Französischen Revolution stießen auch außerhalb Frankreichs uneingeschränkt auf Zustimmung. Anders als erwartet, nahm die spanische Öffentlichkeit die von den Franzosen angestrebte gesellschaftliche und politische Modernisierung keineswegs dankbar an. Ohnehin war Napoleons Interesse an Spanien rein strategischer Natur. Aufklärung und die Ideen der Französischen Revolution in das gesellschaftliche und ökonomisch rückständige Land zu tragen, waren für ihn sekundär. Die Modernisierungselemente, die Spanien in Folge der Okkupation erreichten, waren nicht Zweck der Operation, sondern lediglich Mittel, die Einverleibung Spaniens in seinen Machtbereich dauerhaft abzusichern. Ein Modernisierungsschub durch eine fortschrittliche Verwaltung und eine säkulare Politik sollten in Napoleons Augen genügen, die Menschen für sich zu gewinnen oder zumindest für Ruhe und Ordnung auf der Iberischen Halbinsel zu sorgen. Seinen Plänen zufolge hätte das derart gewonnene und von seinem Bruder regierte Spanien die französische Südwestflanke gegen England decken und zur Festigung der Kontinentalsperre beitragen sowie gleichzeitig durch die Nutzung spanischer Ressourcen, Abgaben und Truppenerhebungen das französische Imperium stärken sollen. Diese Politik hatte sich auch schon andernorts als erfolgreich erwiesen und so sah er keinen Grund, warum solches nicht auch hier geschehen sollte. Zwar gab es in Spanien mit Murat, Soult und Joseph wechselnde französische Oberbefehlshaber, die richtungsweisende strategische Instanz war indes Napoleon selbst, der letzte Entscheidungen traf und die Strategie festlegte. Somit lag das strategische Zentrum der Franzosen während der iberischen Kampagne größtenteils außerhalb Spaniens, da Napoleon lediglich Ende 1808 die Geschicke vor Ort leitete. Seine Strategiefähigkeit hatte er nicht nur durch straffe Führung und die Vorgabe einer problemlösungsorientierten Strategie unter Beweis gestellt, sondern auch durch die Fähigkeit, diese geänderten Bedingungen anzupassen und gar abzuändern, wenn der gewünschte Erfolg ausblieb. Dies zeigte sich sowohl auf strategischer Ebene – wie beispielsweise durch den zeitweisen Entzug des Oberbefehls Josephs, den Versuch, schließlich doch Ferdinand auf dem Thron zu installieren und auch durch die Schaffung Napoleon direkt unterstehender lokaler Befehlshaber – als auch auf operativ-taktischer Ebene, wie durch die Bildung fliegender Kolonnen, um durch örtliche Überlegenheit Erfolge zu erzielen. Bei der Strategiebildung hatte Napoleon jedoch vollkommen die spezifischen Verhältnisse in Spanien verkannt. Noch beseelt von dem Glauben an die Befreiung durch ihre Revolution, mit der sie Aufklärung, 144 Fortschritt und Vernunft in die Welt zu bringen annahmen, missachteten die Franzosen die Eigenheiten des spanischen Volkes und ignorierten die nationale Komponente. Die der Schaffung einer adäquaten Strategie zugrunde liegende Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulation musste somit zu einer verfehlten Strategie führen, da mit der Umwelt ein wesentlicher Faktor falsch eingeschätzt wurde. Napoleon war die Bedeutung des spanischen Königshauses für die Bevölkerung ebenso wenig bewusst, wie die tiefe Verwurzelung der Kirche in dem katholischen Land. Geprägt von den Erfahrungen der Französischen Revolution schienen ihm feudale Privilegien überholt zu sein. Tiefere Bindungen an die Kirche waren ihm fremd. Ebenso wenig hatte er, der sich primär von nüchtern-rationalen Erwägungen leiten ließ, frankophobe Ressentiments, eine generelle Xenophobie und die grundsätzliche spanische Mentalität, sich gegen aufoktroyierte Zwänge zur Wehr zu setzen, einkalkuliert. Nur so konnte er zu dem Urteil gelangen, dass die Absetzung eines als schwach und inkompetent eingeschätzten Herrscherhauses im Austausch gegen eine, nach den Maßstäben der Zeit, moderne, zentralistische Verwaltung unter einem von ihm eingesetzten Monarchen, von den Spaniern als willkommener Fortschritt begrüßt würde. Diese Fehleinschätzung sollte sich jedoch als folgenschwer erweisen. Die Absetzung des bourbonischen Königshauses und die Inthronisierung von Napoleons Bruders stellte die erste und wohl gleichzeitig gravierendste politische Maßnahme dar, welche zugleich zeigte, dass die Franzosen nicht zögerten, auch Überliefertes in Frage zu stellen. Die Verbundenheit mit Königshaus und Kirche war in der katholischen Bevölkerung allerdings derart hoch, dass Napoleons Politik nicht als Fortschritt, sondern als offener Affront empfunden wurde. Im strukturell konservativen und weitgehend agrarisch geprägten Spanien, wo insbesondere Ferdinand große Verehrung widerfuhr, waren derart radikale Maßnahmen jedoch ein schwerer politischer Fehler und so wurde der Beginn des Aufstands letztlich auch durch diesen Akt erst ausgelöst. Somit führte die auf einer falschen Lagebeurteilung beruhende verfehlte Strategie den Aufstand, der Napoleon dauerhaft schwere Probleme bereiten sollte, erst herbei. Eine eingehende vorherige Lageanalyse hätte gegebenenfalls zu dem Ergebnis geführt, dass die Anerkennung Ferdinands VII., nachdem dieser seinen Vater 1808 beerbt hatte, durch Napoleon eine zielführende Alternative gewesen wäre. Ferdinand erfreute sich nicht nur einer großen Beliebtheit in der Bevölkerung, sondern war auch bestrebt, seine Regentschaft von Napoleon absegnen zu lassen. Als Monarch von Napoleons Gnaden hätte er für Ruhe an Frankreichs Südwestflanke Sorge tragen können. Doch 145 wurde die Möglichkeit einer indirekten Einbeziehung Spaniens in das Napoleonische System vertan.934 Stattdessen sahen sich die Franzosen ab 1808 mit einem Aufstand konfrontiert, den sie nicht mehr unter Kontrolle zu bringen vermochten. Durch die klare Zielsetzung hinsichtlich der geostrategischen Bedeutung Spaniens war für die von Napoleon monologisch formulierten Pläne eine klare, kompassgleiche Richtung vorgegeben. Auch wurde kontinuierlich nach strategischen Ansatzmöglichkeiten gesucht, doch statt eines systematischen Vorgehens anhand eines festen Orientierungsschemas war die Umsetzung der Strategie inkonsistent sowie eher affektiv und somit im Ganzen unsystematisch. Die Staatsbezogenheit im Denken führte bei der Strategiebildung zu einer Vernachlässigung der gesellschaftlichen Bedingungen und war durch seine Politicszentrierung primär auf Macht- und Durchsetzungsaspekte gerichtet. Äußerste Gewaltanwendung, scharfe Repressalien und Zwang hatten den Aufstand brechen sollen, aber aufgrund der hierdurch erzeugten immer größeren Erbitterung bei der zunehmenden Zahl der Betroffenen, wurde gerade das Gegenteil erreicht. Statt aus Furcht vor möglichen Verlusten vom Widerstand abzusehen, kämpften die Menschen aus Zorn über die bereits erlittenen. Das rigorose und brutale Vorgehen der Franzosen hatte daher keine nachhaltigen Abschreckungseffekte zur Folge, sondern fachte den Aufstand vielmehr zusätzlich an. Da die Franzosen auf zunehmenden Widerstand mit weiterer Gewalt reagierten, wurde eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, die nicht mehr anzuhalten war. Alle weiteren politischen Maßnahmen, die darauf abzielten, die Lage wieder zu beruhigen, stießen somit ins Leere. Die Möglichkeiten einer strategischen Steuerung des Strategieprozesses waren hierdurch sehr begrenzt. Eine Bevölkerung, die ohnehin allen von außen aufoktroyierten Reformen skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, gegen ihren Willen zu modernisieren, musste – zumal wenn sich diese im Aufstand befand – einfach scheitern. Angesichts der erlittenen spanischen Verluste und des damit einhergehenden Leids war jegliches Vertrauen dauerhaft dahin. Gleich welche Leistungen – die für sich genommen sicherlich Vorteile für die Bevölkerung gehabt hätten – die französische Besatzungsmacht auch zu erbringen vermochte, konnte deren erhoffte Wirkung jedoch nicht anders als ausbleiben. Aufgrund der Vorkommnisse hatten die Menschen in Spanien keinerlei Erwartungen mehr, die von den Franzosen hätten erfüllt werden können, um eine Akzeptanz ihrer Herrschaft zu erreichen. Versuche, das Land, in welchem einzelne Regionen seit 934 Vgl. dazu Polk: Aufstand, S. 51f und Willms: Napoleon, S. 474f. 146 Jahrhunderten eigene Institutionen und Sonderrechte genossen, nach französischem Vorbild mittels einer neuen Verfassung zentralistisch zu regieren, heizten den Widerstandswillen daher nur weiter an. Hinzu kam, dass viele politische Reformen die einfache spanische Bevölkerung auf dem Lande, wo der Bildungsgrad sehr niedrig war und häufig Analphabetismus vorherrschte, wahrscheinlich nicht erreichten bzw. dort nicht verstanden wurden. Das Scheitern der Doppelstrategie aus politischen Reformen und repressiven Maßnahmen war daher fast zwangsläufig. Die Fortschrittlichkeit einer neuen Verfassung war in einem Bergdorf in Kastilien sicherlich kaum zu spüren, die schweren Lasten der französischen Besatzung waren jedoch tagtäglich greifbar. Vielmehr verschlimmerten viele der scheinbar so progressiven Neuerungen, für welche man eigentlich den Dank der „Befreiten“ erhofft hatte, die Lage im Grunde nur. Die Ächtung der Granden von Spanien, die Aufhebung der herrschaftlichen Gerichtsbarkeit sowie der feudalen Rechte und Privilegien und die antiklerikalen Maßnahmen brachten statt Zustimmung lediglich die betroffenen Gruppen zusätzlich gegen die französische Besatzung auf. Da half es auch wenig, den Besitz der säkularisierten Klöster zur Tilgung der Staatsschuld und zur Kompensation der den Spaniern durch die Besatzung entstandenen Kosten zu verwenden. Während das durch Fremdherrschaft und Repressalien gebeutelte und den überkommenen Traditionen und Institutionen wie Thron und Kirche beraubte Volk erbost zu den Waffen griff, setzten sich die in ihren Rechten beschnittenen Adligen und der ebenfalls seiner Machtstellung sowie seines Besitzes beraubte Klerus an die Spitze der Aufständischen. Einmal eskaliert, fanden die Franzosen keinen Ausweg mehr aus dieser Situation und sahen sich in einen Guerillakrieg verwickelt, so lange ihre Truppen in Spanien standen. Es blieb wenig anderes als den Versuch zu unternehmen, diesen militärisch zu bestehen, wenn die gesetzten strategischen Ziele realisiert werden sollten. Doch letztlich scheiterten sämtliche diesbezüglichen Bemühungen. Napoleon führte laut Rink Jahre später in der Verbannung sein Scheitern in Spanien darauf zurück, dass er dort seine Stärken – die Konzentration der Kräfte und die Versorgung seiner Truppen aus dem Lande – nicht habe ausspielen können.935 Die Untersuchungen der Arbeit haben ergeben, dass eine Konzentration der Kräfte auf taktischer Ebene, angesichts eines kaum zu fassenden Gegners, ebenso schwierig war, wie auf operativer, da dies ein Entblö- ßen an anderen Stellen mit sich gebracht hätte. Das hieraus resultierende gleichmäßige Verteilen der Kräfte, um Garnisonen in jedem 935 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277. 147 größeren Ort zu unterhalten, führte indes dazu, dass es allerorts zu einem andauernden zermürbenden Abnutzungskampf kam, der nicht imstande war, eine Entscheidung herbeizuführen. Eine französische Reaktion auf diesen Missstand war die Aufstellung sogenannter „fliegender Kolonnen“ respektive kleiner mobiler Verbände, die eigenständig kämpfend offensiv gegen die Aufständischen vorgingen und diese aufzuspüren suchten. Wenn auch einzelne taktische Erfolge an der Gesamtlage nichts zu ändern vermochten, zeigen sich hier jedoch Ansätze einer erfolgreichen militärischen Aufstandsbekämpfung: Rein passives Beschränken lediglich auf Sicherungsmaßnahmen überlässt den Insurgenten die Initiative und führt mit großer Sicherheit auf lange Sicht nicht nur zu eigenen Verlusten, sondern trägt zudem auch in keiner Weise zu einer Verbesserung der Lage bei. Eine Niederlage ist daher wohl unausweichlich, was sich bei den Franzosen in Spanien insofern auswirkte, dass sie ihre Präsenz in der Fläche zugunsten kleinerer und überschaubarer Räume aufgaben. Die fliegenden Kolonnen wiesen – wenn sie diese Entwicklung auch nicht aufhalten konnten – als offensives taktisches Mittel, welches darauf aus war, selbst initiativ zu werden, daher zumindest in eine erfolgversprechende Richtung. Der zweite von Napoleon angesprochenen Punkt – die Versorgung der Truppen aus dem Lande – war, da am langsamen Tross gespart werden konnte, eigentlich ein Garant für die hohe Mobilität der französischen Truppen und hatte ihnen auf dem europäischen Kriegsschauplatz manchen Erfolg beschert. In Spanien war diese Praxis jedoch nicht nur existenzbedrohend für die mit einem oftmals kärglichen Auskommen versehenen Bauern, sondern führte, sobald die Landbevölkerung ihre Vorräte dem Feind entzog, auch zu einer Unterversorgung der französischen Truppen. Über generalisierbare Erkenntnisse, die sich aus dem Krieg in Spanien gewinnen ließen, hatte sich Jomini ausführlich Gedanken gemacht und in einem eigenen Konzept zur Aufstandsbekämpfung niedergeschrieben. Auch wenn zu bedenken ist, dass Jomini aus der retrospektiven Sicht der Verlierer schreibt und dass sich sein Konzept nicht in der Praxis erprobt hat, sind seine Beobachtungen dennoch hinsichtlich der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit asymmetrischen Konflikten interessant, da bei ihm das Bewusstsein um die politisch-psychologische Komponente eines derartig gelagerten Konflikts deutlich hervortritt. Außer der Schlussfolgerung, dass eine Interventionsarmee militärisch stark genug sein müsse, um die strategisch wichtigen Punkte und Verbindungswege dauerhaft zu sichern, war für ihn die Minderung der Grundlagen des Aufstands ein wesentlicher Punkt. Durch eine kombinierte Politik der Nachsicht und Strenge sollten die Leiden- 148 schaften im Volk abgebaut werden, um dem Aufstand keine neue Nahrung zu geben.936 Als weitere Lehre aus diesem Konflikt lässt sich vor allem die Notwendigkeit herausarbeiten, dass Land und Bevölkerung vor einer wie auch immer gearteten militärischen Intervention genau studiert werden sollten, um beispielsweise eine Situation nicht durch die Missachtung bestimmter mentalitätsbegründeter Befindlichkeiten zu verschärfen. Politik und Militär sollten hierauf unbedingt vorbereitet sein. Angesichts der Gewalteskalation während des Spanischen Unabhängigkeitskrieges und der damit verbundenen Gräuel erschreckenden Ausmaßes, kann ferner festgehalten werden, dass der Versuch, Aufruhr und Widerstand mit größtmöglicher Härte zu brechen, zwar für den Moment lokal gelingen kann, jedoch letztlich nur weiteren Hass schürt, wodurch der Widerstand nur neue Nahrung erhält. Ferner mussten die auf konventionelle Kriegführung ausgerichteten französischen Truppen in Spanien die Erfahrung machen, dass im eigenen Hinterland operierende Guerillas eine große Belastung für eine Armee darstellen, die sich zusätzlich noch einem regulären Gegner gegenübersieht. Sie wird durch ausbleibenden oder verminderten Nachschub geschwächt und muss zudem starke Kräfte zu Sicherungsaufgaben abstellen. Letztlich spielt auch die Demoralisierung der Truppen in einem feindlich gesinnten Land eine Rolle. Angesichts der Heterogenität der Aufstandsbewegung war es ein schwieriges Unterfangen, eine einheitliche Führung zu etablieren. Zwar entstand mit der Junta Suprema ein strategisches Zentrum, welches eine solche Führung für sich beanspruchte, jedoch gelang es ihr nicht, diese auch durchzusetzen. Es blieb ihr daher einzig, dem Aufstand durch Veröffentlichungen und Erlasse eine Richtung vorzugeben. Dass zumindest dieses in Ansätzen gelang und sich der Konflikt in Spanien im Sinne der Verlautbarungen der Junta Suprema entwickelte, rührte daher, dass die verschiedenen Gruppen der Aufständischen durch einen kleinsten gemeinsamen Nenner geeint waren, der im nationalen Gedanken und dem Wunsch nach Befreiung von der Fremdherrschaft Ausdruck fand – zwei Faktoren, die einen enormen Mobilisierungsfaktor darstellten. Eine tatsächliche Strategiefähigkeit der Junta Suprema im Sinne eines Strategy-Making, was eine anerkannte und durchsetzungsfähige Führung ebenso impliziert hätte wie die Kompetenz, eine Strategie zu bilden und deren Umsetzung durch strategische Steuerung aktiv zu betreiben, war jedoch kaum gegeben und wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt möglich. 936 Vgl. Jomini: Abriss der Kriegskunst, S. 38. 149 Das Land wurde daher von einem sich dezentral entwickelnden flächendeckenden Guerillakrieg erfasst, in welchem sich die Franzosen festliefen und sich durch kontinuierliche Verluste an Menschen, Material und sonstigen Ressourcen abnutzten. Was in Spanien verlorenging oder gebunden war, fehlte Napoleon später auf den Schlachtfeldern in Russland und Deutschland.937 Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die spanische Guerillabewegung wesentlich zum Niedergang Napoleons beitrug.938 Auch die britischen Hilfslieferungen hatten hieran einen nicht unwesentlichen Anteil.939 Wenn es auch lange keine unmittelbare Zusammenarbeit zwischen britischen Truppen und Aufständischen gab – Versuche der Briten in dieser Hinsicht waren anfänglich wenig erfolgreich –940, so bestand dennoch eine Symbiose zwischen beiden Seiten, die sich gegenseitig Bewegungsfreiheit verschafften. So ermöglichten es die Aktivitäten des spanischen Widerstands Großbritannien ,auf der Iberischen Halbinsel mit eigentlich den Franzosen unterlegenen Kräften dauerhaft operieren zu können.941 Erst im späteren Verlauf des Krieges kam es schließlich zu einer engeren Kooperation der Guerillas mit den britischen Streitkräften, mit denen sie am Ende sogar Seite an Seite kämpften.942 Diese Hilfe und die Mobilisierung weiter Teile der Bevölkerung durch den nationalen Gedanken und den Wunsch nach Befreiung von der Fremdherrschaft waren, gemeinsam mit dem bewaffneten Kampf und der Anwendung unkonventioneller Taktiken,943 ausschlaggebend für den strategischen Erfolg der Guerilla. Ohne eine solche politische Zielsetzung wäre dies wohl nicht möglich gewesen. Hinzu kamen eine unzugängliche Topographie und eine schwach ausgeprägte Infrastruktur eines vorwiegend agrarisch geprägten Landes, welche die Guerillakriegführung begünstigte. Auch wenn beide Seiten um die Zustimmung der spanischen Bevölkerung rangen944 und damit der Konflikt 937 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 277. 938 Vgl. Rink: Vom „Partheygänger“ zum Partisanen, S. 306 und vgl. Esdaille: Fighting Napoleon, S. 193. 939 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 44. 940 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 155. 941 Vgl. Liddel Hart: Strategie, S. 156, vgl. Rothenberg: Die Napoleonischen Kriege, S. 134 und vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 45. 942 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 32 943 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 20. 944 Vgl. Rink, Martin: Kleiner Krieg – Guerilla – Razzia: Die Kriege des französischen ‚Imperiums‘ 1808 bis 1848, in: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck und 150 neben dem militärischen auch ein noch bedeutenderes psychologisches Moment enthielt, erreichte der Krieg mehr als nur eine nationale Dimension. Durch eine gezielte an das Ausland gerichtete Propaganda warben die Aufständischen um Unterstützung, während die Franzosen mit zunehmender Sorge realisierten, dass das spanische Beispiel auch in anderen Regionen ihres Machtbereichs aufgegriffen wurde und in lokalen Erhebungen mündete. Die Bedeutung des Spanischen Unabhängigkeitskrieges reicht somit weit über den Umstand hinaus, dass lediglich der Begriff des Guerillakrieges hier seinen Ursprung hat. Da hier erstmals die erheblichen Schwierigkeiten deutlich hervortraten, mit welchen eine bis dahin regulär kämpfende Macht wie das napoleonische Frankreich als strategischer Akteur in einer asymmetrischen Auseinandersetzung konfrontiert wurde, war daher eine nähere Betrachtung des Konflikts für die theoretische Auseinandersetzung mit asymmetrischen Bedrohungen und damit für das Anliegen dieser Arbeit unerlässlich. Die französische Armee der Napoleonischen Ära war sicherlich die ebenso modernste wie effektivste Militärmaschinerie ihrer Zeit und dennoch gelang es der spanischen Guerilla, sie über Jahre mit starken Kräften zu binden und ihnen schmerzliche Verluste zuzufügen. In Spanien erhob sich zum ersten Mal jene Hydra des Guerillakrieges, die fortan noch viele schlagkräftige und modern ausgerüstete Armeen vor große Probleme stellen sollte. Anhand dieses Fallbeispiels war zu sehen, dass in Ausbildung und Bewaffnung weit unterlegene Guerillaverbände dennoch grundsätzlich dazu in der Lage sind, einem weit überlegeneren Gegner erhebliche Probleme zu bereiten. In Ansätzen war gegen Ende des Krieges bereits sogar das später immer wieder auftretende Phänomen des Übergangs von der Guerilla- zu regulärer Kriegführung zu erkennen, als sich aus den Guerillaeinheiten der Kern einer neuen spanischen Armee herausbildete. Das Kapitel hat nicht nur die verheerenden Auswirkungen asymmetrischer Kriegführung verdeutlicht, sondern zugleich belegt, dass eine derartige Strategie im Rahmen eines flächendeckenden Volkskriegs als erfolgreiches Instrument gegen eine hochgerüstete sieggewohnte Armee eingesetzt werden konnte. Nach dieser gelungenen Generalprobe war fortan einer kräftemäßig unterlegenen Partei ein Mittel an die Hand gegeben, um sich gegen einen vielfach überlegenen Gegner zu behaupten. Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute: Strukturen – Akteure – Lernprozesse, S. 425-442, hier S. 435. 151 2.2. Kampf um China 1927-1949 – Zwei Jahrzehnte Krieg im Reich der Mitte „Aber wenn die Geschichte überbordet, folgt sie den Gesetzen der Dynamik. Man kann sie nicht in die alten Kanäle zurückzwingen.“945 (Edgar Snow) In diesem Kapitel werden die innerchinesischen Auseinandersetzungen zwischen der Nationalen Volkspartei Chinas (Kuomintang) und der Kommunistischen Partei Chinas (Gongchandang) dargestellt, welche sich mit Unterbrechungen über mehr als zwei Jahrzehnte von 1927 bis 1949 hinzogen. Anders als in den vorangegangenen und nachfolgenden Fallbeispielen trat hier mit dem Japanischen Kaiserreich noch ein weiterer Akteur hinzu, der seine ganz eigenen Ziele verfolgte. Diese Bedrohung zwang die beiden chinesischen Kontrahenten 1937 zu einem zeitweiligen Bündnis, dass jedoch brüchig und von gegenseitigem Misstrauen geprägt war. Entsprechend überlebte es das Ende der japanischen Invasion auch nicht lange. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus der immanenten Feindschaft wieder ein offener Bürgerkrieg, an dessen Ende die Ausrufung der Volksrepublik China stand. Wesentlichen Anteil am Sieg der Kommunisten hatte die von Mao Tsetung entwickelte Guerillastrategie, auf der in den nachfolgenden Betrachtungen ein besonderer Schwerpunkt liegt. 2.2.1. Rahmenbedingungen Einschließlich Tibets und der Inneren Mongolei946 umfasst China als eines der größten Länder der Erde eine Fläche von rund 9,6 Mio. km²947 und erstreckt sich dabei über mehrere Klimazonen. Die ausgesprochen vielseitige Topographie des Landes ist ebenso von alpinen Permafrostregionen wie durch dichte Waldgebiete als auch Wüsten, Savan- 945 Snow, Edgar: Roter Stern über China – Mao Tse-tung und die chinesische Revolution, Frankfurt/Main 1974, S. 404. 946 Zu berücksichtigen ist jedoch, dass China durch die Schwäche seiner Zentralregierung im Betrachtungszeitraum nicht in der Lage war, seine Ansprüche auf Tibet, welches sich 1913 von China losgesagt hatte, geltend zu machen und die Kontrolle über die Innere Mongolei auszuüben. (Vgl. Dabringhaus, Sabine: Geschichte Chinas 1279-1949, München 2009, S. 90.) 947 Vgl. Müller, Johannes: Kulturlandschaft China, Gotha 1997, S. 23. 152 nen, Sümpfe, Busch- und Grasland geprägt.948 Große Ströme wie der Yangtse durchziehen das Land.949 Während im Westen die Gebirgszüge des zentralchinesischen Mittelgebirges liegen, erstreckt sich nach Osten hin die Nordchinesische Tiefebene.950 Im Gegensatz zu den trockenen und bergigen Regionen des Nordwestens findet sich in dem dortigen feuchtwarmen Klima der weitaus größte Teil des gesamten Farmlands. Auch die Mehrzahl der Einwohner lebt in diesem Teil Chinas.951 Die Bevölkerungsentwicklung Chinas war unter der Mandschu- Dynastie (1644-1912) einem äußerst dynamischen Prozess unterworfen. Nachdem sich die Bevölkerung im 18. Jahrhundert nahezu verdoppelt hatte, zählte das Land zu Beginn des 19. Jahrhunderts 300 Mio. Einwohner.952 Bis zum Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung auf 450 Mio. gewachsen und 1936 zählte die Kuomintang-Regierung offiziell 479.084.651 Chinesen. Drei Viertel der Menschen lebten jedoch weitgehend abgeschnitten von zivilisatorischen und technischen Fortschritten auf dem Lande.953 Zahlreiche in den 1930er Jahren durchgeführte Studien liefern ein weitgehend detailliertes und auch differenziertes Bild der sozialen Bedingungen Chinas in dieser Zeit.954 Trotz schwerwiegender gesellschaftlicher Umwälzungen waren Reformen lange Zeit ausgeblieben.955 Erst ab 1900 setzten einige halbherzige 948 Vgl. Zhao Songqiao: Geography of China – Environment, Resources, Population and Development, ohne Ortsangabe 1994, S. 26f. 949 Vgl. ebd., S. 6. 950 Vgl. Zhao Songqiao: Geography of China, S. 6 und vgl. Müller: Kulturlandschaft China, S. 22. 951 Vgl. Zhao Songqiao: Geography of China, S. 30. 952 Vgl. Fairbank, John K.: Geschichte des modernen China 1800-1985, München 1989, S. 25, S. 31 und S. 60. 953 Vgl. Spence, Jonathan D.: Chinas Weg in die Moderne, München, Wien 1995, S. 362 und S. 511. 954 Die Landbevölkerung Zentralchinas setzte sich annähernd zur Hälfte aus armen Bauern zusammen (49,54 Prozent). Nahezu ein Drittel waren mittlere Bauern, während der Anteil an reichen Bauern und Grundherren jeweils 6 Prozent betrug. Lohnarbeiter machten lediglich 4,48 Prozent der Landbevölkerung aus. Die Menschen waren größtenteils Analphabeten, ihr Arbeitsalltag war hart und die Lebenserwartung gering. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 449, S. 516 und S. 570f und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 75f und 223.) 955 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 113. 153 Bemühungen ein.956 Der chinesischen Zentralmacht gelang es nicht, sich gegenüber den Provinzregierungen – welche den Weisungen aus der Hauptstadt lediglich nach eigenem Ermessen Folge leisteten – durchzusetzen. Gentry957 und Kaufleute bestimmten die lokalen Geschicke.958 Die Schwäche des Landes führte zu einer zunehmenden Einflussnahme fremder Mächte.959 So erzwang Großbritannien in den Opiumkriegen960 gewaltsam die Öffnung für Handel und Mission sowie die Abtretung Hongkongs.961 Begehrlichkeiten waren zudem auch in Japan geweckt worden, welches sich nach dem Chinesisch- Japanischen Krieg 1894/95 in Korea und der Mandschurei festsetzte962 und Taiwan okkupierte.963 Auch wenn der nationalistisch motivierte Boxeraufstand (1899-1901)964 scheiterte, verbreitete sich als Reaktion auf diese Entwicklung zunehmend ein chinesisches Nationalgefühl, mit dem eine steigende Politisierung des Volkes einherging.965 Die Absetzung des Kindkaisers Pu Yi und das Ende der Mandschu-Dynastie 1912966 hatten eine Destabilisierung und Fragmentierung Chinas zur Folge. In den einzelnen Provinzen herrschten sich einander unablässig befehdende Warlords967 – sogenannte „Junfa“968 –, die das Land durch hohe Steuern, Zölle, Opi- 956 Vgl. Franz-Willing, Georg: Neueste Geschichte Chinas – 1840 bis zur Gegenwart, Paderborn 1975, S. 88. 957 Bei der Gentry handelte es sich um die örtliche grundbesitzende Elite. (Vgl. Wemheuer, Felix: Mao Zedong, Reinbek bei Hamburg 2010, S. 45.) 958 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 164f. 959 Vgl. ebd., S. 113. 960 Die drei Opiumkriege wurden in den Jahren zwischen 1839-1842, 1856-58 und 1859-60 ausgetragen. (vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 101 und vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 23-24 und S. 41- 44.) 961 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 23-24 und S. 41-44. 962 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 128f. 963 Vgl. ebd., S. 139. 964 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 83f. 965 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 81, S. 146 und S. 149. 966 Vgl. ebd., S. 171. 967 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 180-182, vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 45, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 354, vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 79 und vgl. Keegan, John: Die Kultur des Krieges, Berlin 1995, S. 90. 968 Vgl. Adolphi, Wolfram: Mao – Eine Chronik, Berlin 2009, S. 57. 154 umhandel und Beschlagnahmungen systematisch ausbeuteten.969 Der Staat war schlichtweg in Auflösung begriffen.970 Ein schleichender Verfall setzte ein. Die Infrastruktur litt unter mangelnder Instandhaltung und dort, wo die Staatsgewalt fehlte, machte sich das organisierte Verbrechen breit. Während der Opiumhandel um sich griff, ging die chinesische Wirtschaftsleistung immer mehr zurück. Investitionen blieben aus und die Inflation galoppierte.971 Hinzu kam ein um sich greifender Werteverfall. Überkommene Sitten und konfuzianistische Ideale galten immer weniger.972 Behörden arbeiteten ineffizient und oftmals litten die Menschen auf dem Land unter der Tyrannei korrupter Beamter.973 Das rasante Bevölkerungswachstum hatte außerdem zu einem zunehmenden Spannungsverhältnis zwischen der Zahl der Menschen und dem vorhandenen Boden geführt.974 Durch das Überangebot an Arbeitskräften waren die Löhne niedrig und Armut weit verbreitet. Ein Großteil der ländlichen Bevölkerung lebte am Existenzminimum.975 Viele Bauern gerieten in die Abhängigkeit eines Grundherrn, während selbstständige Bauern hingegen durch hohe Steuern geplagt wurden 969 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 79, vgl. Lindemann, Fritz: Im Dienste Chinas – Mein Anteil an seinem Aufbau – Erinnerungen aus den Jahren 1929 bis 1940, Peking 1940 (Bestand des Militärarchivs Freiburg, B II Lindem: F 1), S. 145f und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 354. 970 Als Alexander von Falkenhausen 1934 als Militärberater nach China kam, beschrieb er die dortige Situation wie folgt: „Man konnte die Lage in China wohl mit der Deutschlands nach dem 30-jährigen Kriege vergleichen. Innere Kämpfe aufgrund ideologischer Gegensätze und partikularistischer Aspirationen, ständige Eingriffe von aussen [sic!], um keine Ruhe, Einigung und vor allem keine starke Zentralregierung aufkommen zu lassen.“ (Falkenhausen, Alexander von: Alte Fassung der Memoiren mit handschriftlichen Korrekturen, Militärarchiv Freiburg, N 246/42, S. 125.) Fritz Lindemann, ab 1929 an der Kriegsakademie der Kuomintang tätig, schrieb dazu in seinen Erinnerungen: „Die durch den Umsturz 1911 von der Macht des Kaisers freigewordenen Militärgouverneure begannen sofort untereinander um die Ausdehnung ihrer Macht und der damit verbundenen Einnahmequellen zu kämpfen. Die Truppen erhalten ihre Besoldung von den Provinzmachthabern und fühlen sich nur ihnen gegenüber verpflichtet.“ (Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 79.) 971 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 185f. 972 Vgl. ebd., S. 75. 973 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 72f und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 449. 974 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 60. 975 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 74 und S. 81 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 516. 155 und sich gegen Großgrundbesitzer, Beamtenwillkür und die zahlreichen Räuberbanden behaupten mussten.976 Naturkatastrophen und die Weltwirtschaftskrise977 verschärften Anfang der 1930er Jahre die Lage der Landbevölkerung zusätzlich.978 Der Binnenhandel brach nahezu zusammen und große Teile der Nahrungsmittelproduktion fielen weg.979 Spence geht von „Hunderttausende[n], wenn nicht Millionen“980 Hungertoten aus. In den Städten, wo eine Industrialisierung eine bürgerliche Oberschicht hervorgebracht hatte, sah die Situation hinsichtlich Ausbildungsmöglichkeiten, medizinischer Versorgung und Infrastruktur zwar weit besser aus, doch nahm auch hier die wirtschaftliche Not zu.981 Angesichts dessen wuchs innerhalb der chinesischen Bevölkerung das Verlangen nach einem umfassenden politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel. Spence zufolge war die große Mehrheit des chinesischen Volkes jedoch nicht ideologisch festgelegt und die Frage, für welche Partei sie sich letztlich entscheiden würden, war daher offen, als die nationalistische Kuomintang und die kommunistische Gongschandang ihren Kampf um das Reich der Mitte begannen.982 976 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 74. 977 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 449. 978 Vgl. ebd., S. 519. 979 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 83. 980 Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 449. 981 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 71 und S. 166, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 399, S. 449 und S. 512-515 und vgl. Franz- Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 120. 982 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 495. 156 2.2.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Geeint durch die Integrationsfigur Sun Yatsen983, waren Kuomintang und Gongchandang seit 1923 in einer Einheitsfront miteinander verbunden und bekämpften gemeinsam die lokalen Militärherrscher, um die Voraussetzungen für die Schaffung einer starken Zentralmacht zu schaffen.984 Bis Anfang 1927 gelang es ausgehend von Kanton, den gesamten Süden Chinas sowie die südliche Hälfte Zentralchinas unter Kontrolle zu bringen.985 Allerdings hatten bereits nach dem Tode Sun Yatsens im März 1925986 die Spannungen zwischen Kuomintang und Kommunisten zugenommen.987 Nachdem sich Tschiang Kai-shek (1887-1975)988 Ende März 1927 mit Schanghaier Industriellen und der Unterwelt gegen seine roten Verbündeten verschworen hatte, kam es ab dem 12. April in Folge der „Anwendung strenger Maßnahmen gegen die Arbeitervereinigungen“989 zu Verhaftungswellen und Hin- 983 Sun Yat-sen (1866-1925), dessen ideologische Grundsätze sich aus demokratischen, nationalen und sozialistischen Elementen zusammensetzten, hatte 1905 in Tokio den „Revolutionsbund“ gegründet, aus dem 1912 die Kuomintang („Nationale Volkspartei“) hervorging. 1911 rief Sun Yat-sen nach der Entmachtung der Mandschu-Dynastie die Republik aus und stand der neuen provisorischen Regierung vor, ehe er im Folgejahr zugunsten von Yuan Shihkai zurücktrat. Dieser errichtete jedoch eine Diktatur und nachdem er 1916 wieder gestürzt worden war, begann eine Epoche der Herrschaft von Militärmachthabern. Als Integrationsfigur gelang es dem Führer der Kuomintang die Spannungen zwischen dieser und den zunächst verbündeten Kommunisten weitgehend auszugleichen, um zusammen das gemeinsame Ziel eines geeinten Chinas mit einer starken Zentralgewalt zu verfolgen. Nach dem Tode Sun Yat-sens am 12. März 1925 traten die Gegensätze dafür wieder umso stärker hervor. (vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 153 und 162f, vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 57 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 18-21.) 984 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, S. 78f, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 216 und vgl. Pantsov, Alexander/Levine, Steven I.: Mao – Die Biographie, Frankfurt/Main 2013/2014, S. 175. 985 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 423f und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 57 und S. 65. 986 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 57. 987 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, S. 80f und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 421 und S. 426. 988 Vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 325 und vgl. Tschang, H. H.: Tschiang Kai Schek – Chinas grosser Mann, Zürich 1945, S. 19. 989 Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 228. 157 richtungen.990 Tausende Kommunisten kamen ums Leben.991 Der Bürgerkrieg hatte begonnen.992 Nach mehreren Niederlagen zogen sich die Kommunisten in unzugängliche Gebirgsregionen zurück, um sich neu zu organisieren.993 Aus den dortigen Stützpunkten u. a. in Jiangxi, Fukien und Hunan bildeten sich bald sogenannte Sowjetgebiete heraus.994 Anfang der 1930er Jahre umfassten die kommunistischen Gebiete in den Provinzen Jiangxi995 und Fujian996 an die 30.000 km² mit fünf bis sechs Mio. Einwohnern, zu deren Sicherung straff organisierte Truppenverbände von mehreren zehntausend Mann aufgestellt worden waren.997 Das hier entstehende Gefahrenpotential erahnend, entschloss sich Tschiang Kai-shek zu einer am 29. Dezember 1930 beginnenden Militärexpedition gegen die Sowjetgebiete, die jedoch in einer Niederlage endete. Trotz eines immensen Aufgebots an Truppen und Material schlugen die folgenden Feldzüge gegen die Kommunisten ebenfalls fehl.998 Durch den japanischen Einmarsch in die Mandschurei infolge des „Mukden-Zwischenfalls“ am 18. September 1931999 sah sich jedoch die Kuomintang ge- 990 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 89, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 431f, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 219 und vgl. Pantsov/Levine: Mao – Die Biographie, S. 175. 991 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 66. 992 Vgl. Kashin, Alexander: Brennpunkte der Subversion: China, in: Rudolf Riemer (Hrsg.): Partisanenkrieg im Atomzeitalter. Schriften des Arbeitskreises für Ostfragen, München 1967, S. 36-46, hier S. 38f. 993 Vgl. Chang, Jung/Halliday, Jon: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, München 2005, S. 76f, vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 74f und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 37. 994 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 217. 995 Früher auch oft „Kiangsi“ geschrieben. 996 Neben dem Jiangxi-Sowjet Mao Tse-tungs gab es noch ca. ein Dutzend weitere Sowjetgebiete u. a. in den Provinzen Fukien, Hunan, Honan, Hopeh, Anhui, Szetschuan und Schensi. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 458 und vgl. Dinegar, Wilbur W.: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 210-225., hier S. 210.) 997 Vgl. Kashin: Brennpunkte der Subversion: China, S. 39. 998 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 87-91. 999 Um einen Vorwand für ein militärisches Vorgehen zu schaffen, hatten japanische Soldaten am 18. September 1931 einen Bombenanschlag auf die südmandschurische Eisenbahn durchgeführt und hierfür die chinesische Seite verantwortlich gemacht. Der Zwischenfall ging auf eine Verschwörung japa- 158 zwungen, die Offensiven gegen die Gongchandang einzustellen. Da sie nicht über die Kräfte verfügte, sowohl die innere Bedrohung durch die Kommunisten als auch die japanische von außen zu bekämpfen, erkannte Tschiang Kai-shek 1933 den Verlust der Mandschurei an, wo die Japaner den Marionettenstaat Mandschuko1000 unter dem ehemaligen chinesischen Kaiser Pu Yi errichteten.1001 Vorschläge der Kommunisten, den Kampf gegen Japan gemeinsam zu führen, lehnte Tschiang Kai-shek ab. In einem weiteren Feldzug gelang es ihm schließlich, mit einem Truppenaufgebot von 1,5 Mio. Mann zwischen Oktober 1933 und Oktober 1934 in schweren Kämpfen die kommunistischen Gebiete derart zu schwächen, dass diese nicht mehr zu halten waren. Um der vollständigen Vernichtung zu entgehen, durchbrachen die Kommunisten den um sie geschlossenen Belagerungsring und begaben sich auf den sogenannten „Langen Marsch“ („Chang Zheng“), der im Sommer 1935 in Shaanxi in Nordwest-China endete, wo mit dem Zentrum Yan’an ein neues Sowjetgebiet errichtet wurde.1002 Nachdem sich der Unmut in Teilen seines Offizierskorps über die Nachgiebigkeit Tschiang Kai-sheks gegenüber den Japanern derart gesteigert hatte,1003 wurde er Ende 1936 von einigen Offizieren festgesetzt und zu einem neuen Bündnis mit den Kommunisten gezwungen,1004 welches im April 1937 besiegelt wurde.1005 Nach Ausbruch des Krieges mit Japan am 7. Juli 19371006, unterstellten die Kommunisten nischer Offiziere zurück, deren Ziel eine Expansion zulasten Chinas war. Daraufhin trat die Regierung des japanischen Premierministers Wakatsuki Reijiro im Dezember zurück. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Inukai Tsuyoshi erkannte Mandschuko zunächst nicht an. Als dieser jedoch am 15. Mai 1932 infolge eines Putschversuches ermordet wurde, holte sein Nachfolger Saitô Makoto im September 1932 die Anerkennung nach. (vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 292 und S. 294f, vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 385 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 471-473.) 1000 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 95. 1001 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, S. 68. 1002 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 95-97 und S. 108, vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 47f und vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 50. 1003 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 54. 1004 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 115f 1005 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 242 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 121. 1006 Am 7. Juli 1937 war es an der 20 km westlich Peking gelegenen Marco-Polo- Brücke bei einem japanischen Nachtmanöver zu einem gewaltsamen Zusammenstoß mit chinesischen Truppen gekommen, in dessen Folge der „An- 159 ihre Truppen formal dem Oberbefehl der Kuomintang, agierten faktisch aber weiter autonom.1007 Die neue Einheitsfront zerbrach jedoch bereits 1941 wieder.1008 Nachdem die Kommunisten erfolgreich dieses krisenreiche Jahr überstanden hatten, stabilisierten sie sich allmählich und weiteten ihren Einfluss ab 1942 immer weiter aus, zumal die Kuomintang im Krieg gegen Japan einen großen Teil ihrer besten Truppen einbüßte.1009 Nachdem die UdSSR im August 1945 die Japaner aus der Mandschurei vertrieben hatten und am 6. und 9. August auf Hiroshima und Nagasaki Atombomben gefallen waren, kapitulierte Japan am 15. August 1945.1010 Da weder Gongchandang noch Kuomintang zu Kompromissen bereit waren1011 und US-amerikanische Vermittlungsversuche scheiterten,1012 begann die letzte und entscheidende Phase des Bürgerkrieges.1013 Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit1014 nahmen die Truppen Tschiang Kai-sheks den Kommunisten weite Teile des Landes ab und besetzten im März 1947 sogar den kommunistischen Stützpunkt Yan’an. Die Kommunisten wichen größeren Gefechten aus und bereiteten sich, von den Russen mit japanischen Beutewaffen ausgestattet, auf ihren Mitte 1947 einsetzenden Gegenangriff vor, der schnell Boden getijapanische Widerstandskrieg“ – der „Kang Ri Zahnheng“ – ausbrach. (Vgl. zum Kriegsausbruch: Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 531, Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 119f, Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 298 und Tschiang Wei-kuo: Der chinesischjapanische Krieg 1937-1945 – Wie mein Vater Tschiang Kaischek die Japaner besiegte, Osnabrück 1986, S. 13.) 1007 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 247. 1008 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250 und vgl. Zöllner, Reinhard: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), in: Thoralf Klein/Frank Schumacher (Hrsg.): Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburg 2006, S. 291-328, hier S. 313. 1009 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 533, vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 128 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 259. 1010 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 574, vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 139 und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 66. 1011 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 261 und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 66. 1012 Vgl. Kissinger: China – Zwischen Tradition und Herausforderung, S. 105. 1013 Vgl. Kashin: Brennpunkte der Subversion: China, S. 42. 1014 1946 standen einer Millionen Kommunisten drei Millionen Soldaten der Kuomintang gegenüber. (vgl. Becket, Ian F. W.: Encyclopedia of Guerilla Warfare, New York 2001, S. 41.) 160 wann.1015 In der Bevölkerung wurden die Kommunisten in wachsendem Maße als Befreier wahrgenommen.1016 Nachdem sie die Mandschurei unter Kontrolle gebracht hatten,1017 gelang es ihnen infolge der schweren Kämpfe des Jahres 1948 weit nach Süden vorzustoßen.1018 Die endgültige Entscheidung fiel im Herbst 1948 während der zweimonatigen Schlacht um den Eisenbahnknotenpunkt Xuzhou in Zentralchina.1019 Nachdem am 31. Januar 1949 Peking gefallen war1020 und am 24. April Nanking kampflos eingenommen wurde, rief Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China aus.1021 Tschiang Kai-Shek zog sich daraufhin am 8. Dezember nach Taiwan zurück.1022 2.2.3. Die kommunistische Bewegung Chinas und ihr Weg zur Macht Lage und Ziele China hatte ursprünglich keine sozialistische Tradition, aus welcher sich eine kommunistische Bewegung hätte entwickeln können. Nur wenige einschlägige Werke – wie etwa das Kommunistische Manifest – waren überhaupt ins Chinesische übersetzt worden. Erst im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution kamen sozialistische und kommunistische Ideen ins Land.1023 Im Frühjahr 1918 gründete sich die „Gesellschaft zum Studium des Marxismus“, der auch der junge Mao Tse-tung angehörte.1024 Unterstützt von Abgesandten der 1015 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 68 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 266f. 1016 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 132. 1017 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 69 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 263. 1018 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 599. 1019 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 132 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 602. 1020 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 602. 1021 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 121 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 607. 1022 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 132 und vgl. Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg 1947-1991 – Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2011, S. 57 und S. 108. 1023 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 209 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 356-58, S. 372 und S. 395. 1024 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 126. 161 Komintern1025, entstand ab Mitte 1920 eine Sammelbewegung aus Sozialisten, Anarchisten, Progressiven und Kuomintang-Angehörigen,1026 aus der im Juli 1921 die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) hervorging.1027 Lange stagnierte jedoch die Entwicklung der Partei. 1922 zählte sie nur in etwa 200 Mitglieder1028 und selbst noch im Jahr 1925 waren es erst rund 1.000.1029 Nachdem es jedoch bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und britisch-französischen Truppen im Mai und Juni dieses Jahres in Schanghai und Kanton mehrere Tote gegeben hatte, erschütterte eine nachhaltige Protestwelle das gesamte Land. Die Zahl der KPCh-Mitglieder vervielfachte sich daraufhin auf annähernd 20.000. Im Zuge der Unruhen begann die Partei damit, eigene bewaffnete Kräfte aufzustellen.1030 Unter Anleitung der Komintern wurde die KPCh zudem zu einer schlagkräftigen Klassenkampforganisation aufgebaut.1031 Da Josef Stalin der Ansicht war, dass eine bürgerlich-demokratische Phase für die Revolution in China unerlässlich sei und ein Bündnis von Kommunisten mit der Kuomintang forderte, schlossen sich beide Parteien 1923 zusammen.1032 Als Tschiang Kai-shek 1927 das Bündnis jedoch brach und zu einem Vernichtungsschlag ausholte, wurde die KPCh empfindlich getroffen.1033 Von ihren bis dahin 60.000 Mitgliedern überstanden dies nur etwa 20.000.1034 Nachdem zwischen August und Dezember 19271035 ver- 1025 Die „Dritte Kommunistische Internationale“ – kurz „Komintern“ – wurde im März 1919 von Lenin als internationale Sammelbewegung kommunistischer Kräfte gegründet, um im Sinne der angestrebten Weltrevolution den Kommunismus zu verbreiten. (vgl. Simon, Hermann: Kommunismus heute, Mainz 1968, S. 118.) 1026 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 392f. 1027 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 189, vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 126 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 396. 1028 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 398. 1029 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 214. 1030 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 212 und S. 216 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 57f. 1031 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 212. 1032 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 430f und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 209 und S. 216. 1033 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 189. 1034 Vgl. ebd., S. 230. 1035 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 74f, vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 76 und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 37. 162 schiedene kommunistische Aufstandsversuche in Nanchang, Changsha1036 und in Kanton gescheitert waren, zogen sich die Kommunisten in die Gebirge des Westens zurück.1037 Der bisherige Parteiführer Ch’en Tu-hsiu wurde wegen Erfolglosigkeit aus der Partei ausgeschlossen und die Komintern-Funktionäre übernahmen die Führung. Im Einklang mit dem klassischen Marxismus1038, welcher im Proletariat der Industriestädte den Träger der Revolution sieht,1039 konzentrierte man sich primär auf die Industriearbeiterschaft.1040 Eine gewerkschaftliche Bewegung wurde aufgebaut und man beteiligte sich an Streiks.1041 Die streng marxistische Strategie, die Macht in den Städten mit Hilfe der proletarischen Massen zu erringen, ging jedoch nicht auf. 1933 sah sich das untergetauchte Zentralkomitee gezwungen, Schanghai zu verlassen und ebenfalls in die Bergregionen des Westens auszuweichen.1042 Während in der Partei Konsens über die Ziele der Einigung Chinas, den Sturz der Kuomintang-Regierung und der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung bestand,1043 herrschte Uneinigkeit über den hierzu erforderlichen Weg. Es entspann sich ein Richtungsstreit, in 1036 Die Aktion in der Umgebung der Stadt Changsha ging als „Herbsternte-Aufstand“ in die Geschichte ein und ihr Anführer Mao Tse-tung wurde fortan zum Bauernführer stilisiert. (Vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 77.) 1037 Vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 77. 1038 Nach Karl Marx und Friedrich Engels geht die Revolution als weltgeschichtlich notwendige Umwälzung der ökonomisch begründeten Herrschaftsverhältnisse nicht aus Verschwörung oder Aktionismus hervor, sondern resultiert aus bestimmten objektiven und wissenschaftlich fundierten sozial-ökonomischen Bedingungen. Aufgabe der Revolutionäre war es dabei, das Proletariat zu organisierten, um mit diesem schließlich die Revolution herbeizuführen. Der Revolutionsbegriff nach Marx und Engels kann demnach nur auf hochindustrialisierte kapitalistische Länder angewandt werden. (vgl. Lenk, Kurt: Theorien der Revolution, München 1973, S. 57 und S. 68.) China war hingegen nach klassischer marxistischer Auffassung in den 1930er Jahren demnach noch nicht reif für eine Revolution. (vgl. Heuser: Rebellen – Partisanen – Guerilleros, S. 102.) 1039 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 230 und vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 173. 1040 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 400. 1041 Vgl. ebd., S. 407f. 1042 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 229-231. 1043 Vgl. T’ang Leang-Li (Hrsg.): Chinas Kampf gegen den Kommunismus, Shanghai 1935, S. 45f und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 227. 163 welchem sich schließlich die Befürworter einer die Landbevölkerung zum revolutionären Objekt erhebenden Strategie gegen jene durchsetzten, die, wie der Generalsekretär der KPCh Li Lisan (1899-1967)1044, eine Fokussierung auf die Städte favorisierten1045 und im Industrieproletariat das revolutionäre Subjekt sahen.1046 Die parteiinternen Auseinandersetzungen gipfelten in physischem Terror.1047 Alleine der „Kampagne zur Ausrottung der Konterrevolutionäre“ fielen bis 1934 wahrscheinlich 70.000 Menschenleben zum Opfer.1048 Fortan verfolgte die KPCh eine Strategie, welche sich das schier unermessliche Potential der Landbevölkerung1049 zunutze machen und die Städte durch die Einnahme des Umlands allmählich einkreisen sollte.1050 Schließlich entwickelte sich unter den spezifischen chinesischen Bedingungen ein sich auf die Landbevölkerung stützender chinesischer „Nationalkommunismus“.1051 Rückhalt gewann die Gongchandang vor allem durch die umfangreichen Bodenreformen, von denen insbesondere die zahlreichen verarmten Bauern, die bislang unter hohen Pachten gelitten hatten, profitierten.1052 Wie bereits auf dem VI. Parteitag der KPCh 1928 in Moskau beschlossen,1053 bildeten sich in den Rückzugsgebieten in Hunan allmählich kommunistische Stütz- 1044 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 86. 1045 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 220, vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 41f, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 458 und S. 460 und vgl. Ellis: From the Barrel of a Gun, S. 180. 1046 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 230 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 86.Vgl. dazu auch: Fedossejew, P. N. et al.: Wissenschaftlicher Kommunismus, 2. Auflage, Berlin 1973, S. 10. 1047 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 42. 1048 Vgl. ebd., S. 46. 1049 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 217. 1050 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 85, vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 49 und vgl. Mao Tsetung: Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben (25. Dezember 1947), in: Mao Tsetung: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 411-419, hier S. 415. 1051 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 248 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 460. 1052 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 249 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 102f. 1053 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 80. 164 punktgebiete heraus,1054 die am 5. November 1931 zur Chinesischen Sowjetrepublik zusammengeschlossen wurden.1055 Geschickt hatte sich die Gongchandang dabei die Zerstrittenheit der verschiedenen Warlords zunutze gemacht.1056 Ein deutscher Militärberater in Diensten der Kuomintang kommentierte dies, das große Potential der kommunistischen Bewegung bereits erahnend, wie folgt: „Diese blöden Hunde alle miteinander! Sie schicken gegenseitig ihre Soldaten in den Tod und inzwischen ist die rote Bestie dabei die reichsten Gebiete zu vernichten und läßt sie die Segnungen des Kommunismus spüren. Ich fürchte fast, daß heuer der Todeskeim für China gelegt worden ist. Wer nicht aus unmittelbarer Nähe die Roten und ihr Wirken kennengelernt hat, ahnt gar nicht wie weit sie in China gekommen sind. Es wird China noch einmal, in nicht sehr ferner Zeit, das große Problem des Ostens für alle Völker, weil sie die rote Welle zwingen wird, gemeinsam die rote Flut zu bannen, damit sie nicht durch die volksreichsten Völker gespeist, Europa überspült.“1057 Im Jahr 1932 bestanden laut Rentsch die kommunistischen Streitkräfte, die Teile von Hunan, Hupeh, Szechuan, Honan, Anhuei, Fukien und Kuangtung kontrollierten, bereits aus 80.000 Mann Fronttruppen und 50.000 Partisanenmilizen.1058 Der hohe Zuspruch, den die Kommunisten erhielten, hatte seine Ursache auch darin, dass sie umgehend mit Enteignungen und umfangreichen Bodenreformen zugunsten der Landbevölkerung begannen, sobald sie ein Gebiet unter Kontrolle hatten. Vor allem sprachen sie damit junge Menschen1059 an, die im Kommunismus eine Möglichkeit sahen, den strengen konfuzianischen Vorstellungen zu entsagen.1060 Die Expansion der Sowjetgebiete provozierte die Kuomintang zu einer Reihe militärischer Kampagnen zu 1054 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 291. 1055 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 42. 1056 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 86f und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 42. 1057 Brief von Neunzert an Krummacher vom 5.9.1930, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/1, S. 45. 1058 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 166. 1059 So belegen beispielsweise japanische Strafregister der 1940er Jahre, dass nahezu 48,5 Prozent der Kommunisten in der Mandschurei zwischen 21 und 30 Jahren alt waren. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 586.) 1060 Vgl. Schrupp, Antje: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, in: Herfried Münkler (Hrsg.): Der Partisan – Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 98-115, hier S. 102. 165 deren Zerschlagung.1061 Während des fünften dieser Feldzüge wurde der Jiangxi-Sowjet ökonomisch und militärisch abgeriegelt und geriet zunehmend in eine unhaltbare Lage.1062 Mit 80.000 Mann1063 durchbrachen die Kommunisten daher am 16. Oktober 1934 die Belagerung und begaben sich auf den Langen Marsch.1064 Aus der zeitgenössischen Korrespondenz des damaligen obersten Militärberaters Tschiang Kaisheks, Alexander von Falkenhausen, geht bereits hervor, dass der Kuomintang der entscheidende Sieg nicht geglückt war: Auch wenn der Kommunistenfeldzug in Jiangxi zu Ende sei, bleibe „noch viel aufzuräumen, denn, wie ich schon früher schrieb, ist allerhand nach Westen durchgebrochen und strebt nach Szetshuan“1065. Allerdings irrte von Falkenhausen, als er angesichts der richtig eingeschätzten Zahl der verbliebenen Rotchinesen von „6-7000“ meinte, dass „die Frage dieser Kommunisten so gut wie erledigt sein“ dürfte und es keinerlei Bedeutung hätte, dass es ihnen gelungen sei, „den Yangtse zu überschreiten.“1066 Stattdessen hatten es die Kommunisten trotz Verfolgung durch die Kuomintang1067 geschafft, im Oktober 1935 Yan’an in der Provinz Shaanxi zu erreichen und laut Spence somit ihren Rückzug in einen strategischen Sieg zu verwandeln.1068 Vor allem aber emanzipierten sich die chinesischen Kommunisten während des Langen Marsches weitgehend von der Sowjetunion, da in dieser Zeit kaum Kontakt zur Komintern bestand.1069 In der Folge gelang es den Kommunisten, sich zu konsolidieren und zu neuer Stärke zu finden. Nachdem 1937 die neue Einheitsfront mit der Kuomintang zustande gekommen war, wurde die Rote Armee als 1061 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 88-91. 1062 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 485. 1063 Das Gros erlag den Strapazen und Kämpfen des ein Jahr andauernden und sich über rund 10.000 Kilometer hinziehenden Langen Marsches. Als Mao am 18. Oktober 1935 Nord-Shaanxi erreichte, waren ihm nicht einmal mehr 4.000 Mann verblieben. (vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 221f.) 1064 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 487. 1065 Brief von Falkenhausen an Brinkmann vom 25.12.1934, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/13, S. 24. 1066 Brief von Falkenhausen an Gesandtschaftsrat Dr. Lautenschlager vom 15.5.1935, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/13, S. 44. 1067 Vgl. Brief von Falkenhausen an Brinkmann vom 29.5.1935, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/13, S. 37. 1068 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 488. 1069 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 104. 166 „Achte Marscharmee“ mit rund 45.000 Mann dem Oberbefehl Tschiang Kai-sheks unterstellt. Faktisch blieben die kommunistischen Streitkräfte jedoch weiterhin unabhängig1070 und entfachten in den Weiten des japanischen Hinterlandes einen umfassenden Guerillakrieg.1071 Nach dem Bruch der Einheitsfront 1941 verhängte die Kuomintang eine Wirtschaftsblockade über die kommunistischen Territorien und strich die Subventionen für die Achte Marscharmee. Die hieraus resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten1072 wussten die Kommunisten jedoch zu handhaben und ihre Position in der Bevölkerung dennoch weiter zu stärken. Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Entwicklungen im Pazifikkrieg der japanische Druck auf China nachließ, nutzten die Kommunisten diesen Umstand in den Jahren 1943-1945 wieder zu nachhaltiger Expansion.1073 Es gelang ihnen, ihre Territorien bis 1945 von 90.000 auf 370.000 km² auszudehnen und die Bevölkerung der kommunistisch kontrollierten Gebiete von 1,5 auf 54 Mio. zu steigern.1074 Nach dem japanischen Zusammenbruch 1945 profitierten die Kommunisten davon, dass sie durch ihre Guerillakriegführung tief in der Bevölkerung verwurzelt waren und eine Gegenmacht hatten aufbauen können. Ihr Einfluss erstreckte sich daher nach der japanischen Kapitulation auf rund drei Viertel des Landes.1075 Nachdem sie mit sowjetrussischer Hilfe nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst die Mandschurei unter Kontrolle bringen konnten, gelang es ihnen in den Folgejahren daher endgültig, die Oberhand im Machtkampf mit der Kuomintang zu erlangen.1076 Strategie, Taktik und Struktur Grundlage dieses Erfolges war in erster Linie die Guerillastrategie Mao Tse-tungs. Seiner Auffassung nach war die Revolution durch bewegliche Guerillaoperationen alleine nicht voranzubringen, sondern es 1070 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 247 und vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 299. 1071 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 163. 1072 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 556 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 1073 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 251-259. 1074 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 124. 1075 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 163. 1076 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 586-588 und S. 599, vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 320 und vgl. Pantsov/Levine: Mao – Die Biographie, S. 476. 167 bedurfte dazu der Errichtung fester Plätze,1077 nach Mao „strategische Basen, über die Guerillaeinheiten unbedingt verfügen müssen, wenn sie ihre eigenen Kräfte erhalten, sich ausdehnen und den Feind schlagen und vertreiben wollen.“1078 Denn ohne derartige Stützpunkte könne ein „Guerillakrieg nicht von Dauer sein und sich auch nicht ausbreiten. Die Stützpunktgebiete sind sein Hinterland.“1079 Sie waren Voraussetzung für „die Schaffung und das Wachstum der Roten Armee, der Partisanenabteilungen und der Roten Gebiete“1080. Von dort aus wurden Militärs, politische und zivile Beauftragte entsandt, um das Umland zu organisieren. Militärs bauten hier Guerillaeinheiten auf, politische Beauftragte schulten und indoktrinierten diese.1081 Erweiterten die Kommunisten ihren Machtbereich um ein weiteres Dorf oder einen Landkreis, zerschlugen sie zunächst die örtliche Miliz („Mint’uan“) der Gentry, um deren physische Macht zu brechen.1082 Nach der Sicherung durch das Aufstellen bewaffneter lokaler Kräfte (Rote Garden),1083 errichteten sie Verwaltungsstrukturen und Parteiorganisationen,1084 ehe sie sich an die Neuverteilung des Bodens machten1085 und eine eigene Ökonomie etablierten.1086 Während sich die Kommunisten nachlassenden Druck auf ihre Gebiete umgehend durch weitere Expansion zunutze machten,1087 waren sie andererseits auch flexibel genug, um bei erneuter Bedrängnis wieder zu weichen.1088 Laut Haffner konnten sich daher die Guerillagebiete „je nach Verlauf der Kämp- 1077 Vgl. Mao Tsetung: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 71- 85, hier S. 72. 1078 Mao Tse-tung: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), in: Ders.: Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 103-132, hier S. 116. 1079 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 116. 1080 Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 72. 1081 Vgl. Hanrahan, Gene Z.: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 226-233, hier S. 229f. 1082 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 69. 1083 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 82. 1084 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 83 und vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 70. 1085 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 82. 1086 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 265. 1087 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 87. 1088 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 322. 168 fe auf der Landkarte Chinas hin und her [schieben] wie eine Quecksilberkugel auf einer Tischplatte.“1089 Um für den Feind nicht greifbar zu sein, hatte Mao zugunsten mehrere kleiner Guerillagebiete lange auf ein ausgedehntes zusammenhängendes verzichtet.1090 Die Ausdehnung der Gebiete variierte während der Auseinandersetzungen stetig und erst später fusionierten sie schließlich zu größeren Territorien.1091 Von den Stützpunkten unterschied er deutlich die nur temporär kontrollierten Guerillazonen, die schließlich durch eine permanente Präsenz zu Stützpunktgebieten weiterentwickelt werden konnten.1092 Durch sukzessive Ausweitung der Guerillazonen und Stützpunkte sollte der Guerillakrieg auf das ganze Land ausgedehnt und der Feind so lange zermürbt werden, bis die eigene Seite stark genug war, zur strategischen Gegenoffensive überzugehen.1093 Der Aufbau der Sowjetgebiete war hierarchisch vom Dorfsowjet als kleinster Einheit, über den Distrikt- und zum Provinz- bis schließlich zum Zentralsowjet gegliedert. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei waren in „Zellen“ (hsiao-tsu) organisiert, die lokalen und regionalen Exekutivkomitees unterstanden.1094 Zwar wirkten die Parteikader weitgehend autonom in den Dörfern, wurden aber per Funk zentral durch die Parteiführung gelenkt.1095 Gleiches galt für die weitgehend dezentralisierte Kriegführung: Abgesehen von strategischen Weisungen und Zuteilungen von Ausrüstungsgütern durch die oberste Führung gingen die einzelnen Guerillagebiete größtenteils eigenständig vor.1096 Über allem stand als strategisches Zentrum das Zentralkomitee der Gongchandang1097, welches die Richtlinien der Politik bestimmte und allgemeinverbindliche Entscheidungen traf.1098 1089 Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 162. 1090 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 53. 1091 Vgl. Lin Biao: Es lebe der Sieg im Volkskrieg. Zum 20. Jahrestag des Sieges des chinesischen Volkes im Widerstand gegen die japanische Aggression, in: Werner Hahlweg (Hrsg.): Lehrmeister des Kleinen Krieges – Von Clausewitz bis Mao Tse-tung und Che Guevara, Darmstadt 1968, S. 233-257, hier S. 236. 1092 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 118. 1093 Vgl. ebd., S. 122. 1094 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 211. 1095 Vgl. ebd., S. 247. 1096 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 229. 1097 Das Zentralkomitee hatte zunächst nur aus drei Mitgliedern bestanden. Nachdem es jedoch auf 29 Mitglieder angewachsen war, erhielt es mit dem 169 Mao war bewusst, dass sich die Revolution nicht alleine auf militärische Macht stützen konnte und es vielmehr einer intensiven ideologischen und politischen Arbeit bedurfte, um die Sowjetgebiete zu halten und zu erweitern.1099 Massenkampagnen und permanente politische Agitation sollten die Menschen für die Kommunisten einnehmen.1100 Durch den Einsatz der Armee bei der Ernte oder die Gründung von Genossenschaften zur Erzeugung von Gebrauchsgütern sollte Vertrauen aufgebaut werden.1101 Die Kommunistische Partei sorgte dafür, dass ihre Truppen die Zivilbevölkerung schonten und in Anspruch genommene Verpflegung regulär bezahlten.1102 Widerstand gegen ihre Politik wurde hingegen rigoros gebrochen.1103 Im Zuge der mit der Agrarrevolution verbundenen Grausamkeiten fanden viele den Tod.1104 Insbesondere wer als Großgrundbesitzer1105 galt, fiel dem Wüten zum Opfer.1106 Alleine in Jiangxi kamen zwischen 1927 und 1931 186.000 Menschen ums Leben.1107 Auch innerparteilich wurden Abweichungen von der Parteilinie streng geahndet. Säuberungen, Hinrichtungen und Lager waren probate Mittel der Disziplinierung.1108 Nach Einschätzung von T’ang Leang-Li bestand die Rote Armee neben übergelaufenen Regierungstruppen auch aus ehemaligen Banditen und verarmten Bauern.1109 Mao selbst gab 1928 zu Protokoll, dass seine Kämpfer der Herkunft nach Bauern, Arbeiter, Überläufer und gefange- „Politbüro“ ein eigenes Exekutivkomitee. (vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 212.) 1098 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 228. 1099 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 84. 1100 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 82f, vgl. Snow: Roter Stern über China, S.125f und 277 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 561. 1101 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 248. 1102 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 550. 1103 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 70 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 82. 1104 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 83. 1105 Grundbesitzer war für die Kommunisten, wer, „den größeren Teil seines Einkommens aus verpachtetem Land und nicht aus eigener Arbeit bezog“. (Snow: Roter Stern über China, S. 231.) 1106 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 249. 1107 Vgl. Margolin, Jean-Louis: China: Ein langer Marsch in die Nacht, in: Stéphane Courtois et al. (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, München und Zürich 2000, S. 511-608, hier S. 521. 1108 Vgl. ebd., S. 523-525. 1109 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 66. 170 ne Soldaten waren.1110 Aus dieser heterogenen Zusammensetzung resultierte nicht nur ein verschieden ausgeprägter Kampfwert der Truppenteile, sondern auch ein unterschiedlicher Grad ideologischer Festigung.1111 Mao betonte daher die Bedeutung der politischen Schulung, die dazu beitragen sollte, ein Klassenbewusstsein zu schaffen und die Widrigkeiten des Kampfes durchzustehen.1112 Eine starke Verwurzelung der Partei innerhalb der Armee – einer von vier Soldaten war ihm zufolge Ende der 1920er Jahre Parteimitglied – sollte zur Stärkung des Zusammenhalts der Streitkräfte gerade auch in Krisen beitragen.1113 In der Praxis hatte sich eine dreigliedrige Struktur der kommunistischen Streitkräfte etabliert. Neben regulären Truppen gab es Guerillaverbände und bewaffnete Bauernmilizen.1114 Während die Regulären klassisch in Kompanien, Regimenter, Divisionen und Armeekorps unterteilt waren,1115 handelte es sich bei den Guerillatruppen um lokal gebundene, aber stehende Verbände,1116 die den regulären Kräften gleichzeitig als Rekrutierungsreservoir dienten.1117 Die Milizen hingegen waren örtliche Hilfstruppen,1118 die vorrangig ihren zivilen Tätigkeiten nachgingen und reguläre Truppen wie Guerillas in vielerlei Hinsicht unterstützten.1119 Für Januar 1932 schätzte T’ang Leang-Li deren Stärke auf ca. 200.000 Mann. Generell schien es zu diesem Zeitpunkt jedoch allgemein an Bewaffnung1120 – nicht wenige Milizionäre verfügten lediglich über primitive Waffen wie Speere1121 – und Munition zu man- 1110 Vgl. Mao Tsetung: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 17-49, hier S. 26. 1111 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 66. 1112 Vgl. Mao: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), S. 27 und vgl. auch Mao Tse-tung: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), in: Ders.: Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 133-204, hier S. 197. 1113 Vgl. Mao: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), S. 30. 1114 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 261. 1115 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 289. 1116 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 550. 1117 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228. 1118 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 66. 1119 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 550. 1120 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 67. 1121 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 37. Vgl. dazu auch Snow: Roter Stern über China, S. 339f. 171 geln.1122 Man war daher vor allem auf erbeutete Waffen, Kriegsmaterial und Versorgungsgüter angewiesen.1123 Als 1937 die Einheitsfront mit der Kuomintang zustande kam, wurden die regulären kommunistischen Streitkräfte im Krieg gegen Japan – die eigens in „Nationalrevolutionäre Armee“ umbenannt worden waren – in die Achte Marscharmee (Balujun) und die Neue Vierte Armee1124 (Xinsijun)1125 gegliedert, die zu ihrer Unterstützung jeweils große Guerilla- und Milizverbände unterhielten.1126 Nur formal in die Kuomintang-Streitkräfte integriert, führten sie tatsächlich einen eigenständigen Guerillakrieg im Hinterland der japanischen Streitkräfte. Da diese weite Landstriche ohne ausreichende Sicherung ließen,1127 errichteten die Kommunisten auch hier Guerillastützpunkte und organisierten die örtlichen Bauern.1128 Die Struktur einer kommunistischen Guerillaarmee war grundsätzlich dezentral. Von ihrem Zentrum (zentraler Armeestab) aus wurden die verschiedenen Einheiten in den einzelnen Guerillazonen gelenkt und ihnen Ausrüstung zugewiesen.1129 Aufgrund der verstreuten Operationen bestand zwar ein gewisses Maß an Koordinierung seitens der Armeeführung, jedoch handelten die Unterführer weitgehend selbstständig, da sonst die für einen Guerillakampf notwendige Flexibilität 1122 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 67. 1123 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 297. 1124 Die Armee wurde nach der Vierten Nationalarmee benannt, die den Aufstand von Nanchang geführt hatte. (vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 149.) 1125 Die Achte Marscharmee, welche in vier Provinzen in Nordchina operierte, stand den Japanern mit ca. 130.000 Mann gegenüber. Im Rücken der Japaner operierte sie zusätzlich noch mit ca. 500.000 Guerillas und bewaffneten Bauern. Gleichzeitig stand die Neue Vierte Armee mit 150.000 regulären und ebenso vielen Guerillakräften in Mittelchina (Stand 1941). Sie kämpfte ausschließlich hinter japanischen Linien. (vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228f.) 1126 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228f. 1127 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 124f und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 57. 1128 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 524, vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 58, Wilkins: Guerillakriegführung, S. 39, vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228f und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 124. 1129 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 228f. 172 sehr eingeschränkt gewesen wäre.1130 Mao sah als „Prinzip des Kommandos im Guerillakrieg“ ein „zentralisiertes strategisches Kommando und ein dezentralisiertes Kommando in Schlachten und Gefechten“1131 vor. Im Laufe der Kämpfe sei es Mao zufolge möglich, dass eine Guerillatruppe durch zunehmende Erfahrung ihren Charakter und ihre Kampfweise verändere.1132 „In dem langen Kampf dürfen weder die Partisanenabteilungen noch der Partisanenkrieg1133 auf einem Fleck stehenbleiben. Sie müssen sich entwickeln, eine Stufe höher steigen, sich allmählich in eine reguläre Armee und in eine reguläre Kriegführung verwandeln.“1134 Dieser reguläre Krieg – von ihm auch als Bewegungskrieg bezeichnet1135 – sollte sich an weitläufigen und sich ständig verändernden Fronten abspielen, die keine festen Abgrenzungen kannten.1136 China schien ihm mit seinen großen Distanzen hierfür bestens geeignet.1137 Durch den Bewegungskrieg sei es möglich gewesen, eine örtliche Überlegenheit herbeizuführen und den Feind einzukreisen, insbesondere dann, wenn dieser in Kolonnen auf mehreren Straßen vorrücke.1138 Allerdings bedeute ein solcher Bewegungskrieg nicht die Aufgabe des Guerillakampfes, sondern vielmehr würden sich die regulären Hauptstreitkräfte inmitten eines weitausgedehnten Guerillakrieges entwickeln, der bis zum Ende Feindseligkeiten beizubehalten sei.1139 „Der Erfolg einer solchen Strategie“ hänge laut Mao „zum gro- ßen Teil von der Fähigkeit der Truppen ab, in einem schwierigen Gelände beweglich zu bleiben, sich nach raschen Angriffen ebenso rasch 1130 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 129f. 1131 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 130. 1132 Vgl. ebd., S. 128. 1133 Viele Übersetzer verwenden die Begriffe Partisanen und Guerillas synonym. Von lokalen Milizen und regulären Kräften abgesehen, wird in dieser Arbeit für Maos Streitkräfte die weiter oben in den Begriffsdefinitionen vorgenommene Charakterisierung der Guerilla verwendet. 1134 Mao Tsetung: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 327-346, hier S. 342. 1135 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 128. 1136 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 138f. 1137 Vgl. ebd., S. 139. 1138 Vgl. ebd., S. 173. 1139 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 128. 173 zurückzuziehen, sich rasch sammeln und ebenso rasch wieder ausschwärmen zu können.“1140 Hierbei ist anzumerken, dass Mao unter „regulärer Kriegführung“ allerdings keine westlichen Maßstäben vergleichbare, sondern „eine Kriegführung chinesischen Typs“1141 versteht. Der reguläre Charakter sollte lediglich bei Operationen des Bewegungskrieges mit konzentrierten Kräften oder bei Zentralisierung und Planmäßigkeit sowie bis zu einem gewissen Grad bei Kommando und Organisation deutlich werden. Da die Operationen jedoch häufig einen Guerillacharakter behielten,1142 „stellte ein solcher regulärer Krieg in gewissem Sinne einen auf ein höheres Niveau gehobenen Partisanenkrieg dar.“1143 Der Guerillakrieg sollte weiterhin „die Hauptsache“ des Kampfes bleiben.1144 Wichtig war Mao daher die Zusammenarbeit zwischen Guerilla- und regulärer Kriegführung1145 auf strategischer, operativer und taktischer Ebene. Strategisch könne der Guerillakrieg den Feind hinter dessen Linien stören, die Bevölkerung begeistern und den Feind demoralisieren. Indem sie gegnerische Nachschublinien attackierten und direkt in die Kämpfe eingriffen, könnten Guerillas auf operativer Ebene Feldzüge regulärer Truppen unterstützen.1146 Während sie den Feind banden, könnten die Hauptstreitkräfte zu dessen Vernichtung ansetzen.1147 In taktischer Hinsicht schließlich sei die Übertragung konkreter Aufträge an die Guerilla während einzelner Gefechte möglich.1148 Diesem Prinzip entsprechend waren die Neue Vierte Armee und die Achte Marscharmee dazu in der Lage, sowohl Guerillataktiken anzuwenden als auch als reguläre Truppe zu kämpfen, wenn die Lage dies erforderte.1149 Dies zeigte sich nicht nur im Krieg gegen Japan, sondern auch in der nach dessen Beendigung 1140 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 138f. 1141 Mao: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), S. 336. 1142 Vgl. ebd., S. 336f. 1143 Ebd., S. 337. 1144 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 136. 1145 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 106. 1146 Vgl. ebd., S. 114f. 1147 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 68. 1148 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 115. 1149 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 39, vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 121, vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 99 und vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 230. 174 wieder voll entflammten Auseinandersetzung mit der Kuomintang, als diese mit rund fünf Millionen Mann in die Offensive ging und die Kommunisten erneut in die strategische Defensive zwangen. Mao tauschte Raum gegen Zeit und kehrte zur Guerillakriegführung zurück, um sich für den finalen Gegenschlag vorzubereiten.1150 Während die Kuomintang die Städte besetzte, entfalteten die Kommunisten in deren Umland eine rege Aktivität.1151 Aus dieser vorteilhaften Lage gingen die Kommunisten, nachdem es ihnen zunächst gelungen war, die Mandschurei einzunehmen,1152 schließlich zur Phase des allgemeinen Gegenangriffs über, welcher ihnen schließlich den Sieg brachte.1153 Wie u. a. hieran zu sehen war, wurde Maos Guerillakrieg, bedingt durch die ungleichen Kräfteverhältnisse auf strategischer Ebene, zumeist defensiv auf den inneren Linien geführt. In taktischer Hinsicht ging er jedoch auf den äußeren Linien offensiv gegen seine Feinde vor.1154 „Es ist möglich und notwendig, taktische Offensiven innerhalb der strategischen Defensive anzuwenden, Schlachten und schnelle Entscheidungsgefechte innerhalb eines strategisch verlängerten Krieges und Schlachten und Gefechte auf den äußeren Kampflinien innerhalb strategischer innerer Kampflinien zu schlagen.“1155 Während auf strategischer Ebene aus der Defensive heraus eine schnelle Entscheidung hinausgezögert werden müsse, verhalte sich dies auf taktischer Ebene genau umgekehrt.1156 Hier kam es in den einzelnen Gefechten1157 auf eine „auf rasche Entscheidungen drängende offensive Kriegführung auf den äußeren Kampflinien“1158 an. Da alleine die Offensive dazu geeignet sei, die Initiative zu erringen, den Feind zu vernichten 1150 Vgl. Katzenbach, Edward L. und Hanrahan, Gene Z.: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 190-209, hier S. 202, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 266 und vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 326. 1151 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 262. 1152 Vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 326. 1153 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 203. 1154 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 174 und S. 184 und vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 107. 1155 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 107. 1156 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 107. 1157 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 174. 1158 Ebd., S. 174. 175 und sich dadurch selbst zu erhalten, kommt ihr bei Mao eine Schlüsselfunktion zu.1159 Wo immer der Feind Schwächen zeigte, musste man selbst offensiv werden.1160 Hieraus leitete sich laut Mao für den Widerstandskrieg die allgemeine Regel ab, dass das Ziel der strategischen Defensive nur durch die konzentrierte Wirkung vieler Offensivoperationen erreicht werden könne.1161 Stetige kleinere Siege über den Feind sollten diesen mit der Zeit zermürben und demoralisieren:1162 Die „Anhäufung vieler kleinerer Siege [führt] schließlich zu einem gro- ßen Sieg“.1163 Defensive und Rückzug waren hingegen nur vorübergehende Mittel zur Selbsterhaltung1164 in der Konfrontation mit überlegenem Gegner.1165 So lange sich der Feind im Angriff befand, waren die eigenen Kräfte durch Ausweichen möglichst zu schonen.1166 Die Verteidigung in statischen Stellungen lehnte Mao strikt ab. Er forderte stattdessen eine bewegliche und zumindest partiell offensiv geführte Verteidigung.1167 Erst nachdem man den Feind tief in eigenes Gebiet hatte vordringen lassen,1168 dieser sich verausgabt und den Kulminationspunkt1169 seiner Offensive erreicht hatte, sei laut Mao der Zeitpunkt für einen Gegenschlag gekommen.1170 „Der strategische Rückzug ist ausschließlich darauf gerichtet, zur Gegenoffensive überzuleiten, und ist 1159 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 113. 1160 Vgl. Mao: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), S. 20. 1161 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 108. 1162 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 174. 1163 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 109. 1164 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 113. 1165 Vgl. Mao: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), S. 20. 1166 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 104. 1167 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 59, S. 79f, S. 83 und S. 85f. 1168 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 78. 1169 Am Kulminationspunkt einer Offensive reichen die Kräfte des Angreifers gerade noch aus, in die Defensive überzugehen und das bislang Erreichte zu verteidigen. (vgl. Clausewitz: Vom Kriege, S. 325.) 1170 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 64. 176 lediglich das erste Stadium der strategischen Defensive.“1171 Das Prinzip des Wechsels von rascher Zerstreuung der Kräfte und deren Konzentration schien ihm dabei entscheidend.1172 „Wenn der Guerillakommandeur seine Truppen einsetzt, gleicht er dem Fischer, der sein Netz auswirft, es weit spannt und eng zusammenzieht. (…) Und genau wie beim Fischen erweist sich auch beim Einsatz der Guerillatruppen ein häufiger Wechsel der Positionen als nötig. Auflockerung, Konzentration und Verlegung der Position sind die drei Mittel zum flexiblen Einsatz der Truppen im Guerillakrieg.“1173 Nach Möglichkeit sollten auf diese Weise einzelne und isolierte Einheiten des Feindes nacheinander eingekreist und vernichtet werden.1174 Dieses Vorgehen folgt der bereits früh formulierten Maxime: „Rückt der Feind vor, ziehen wir uns zurück; macht er halt, beunruhigen wir ihn; ist er ermattet, schlagen wir zu; weicht er, verfolgen wir ihn.“1175 Dies und die taktische Vorgehensweise hatten sich vor allem während der Kuomintang-Feldzüge gegen die Sowjetgebiete in den frühen 1930er Jahren bewährt.1176 Trotz Unterzahl1177 gelang es den Kommu- 1171 Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 73. 1172 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 68, S. 83 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 114. 1173 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 111. 1174 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 108f, S. 111f und S. 124f und vgl. Mao Tsetung: Eine überlegene Streitmacht konzentrieren, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten (16. September 1946), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 377-382, hier S. 377. 1175 Vgl. Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 79. Vgl. dazu auch: Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 65. Hier greift Mao dies noch einmal nahezu identisch auf. Ähnliches hatte in der Antike auch bereits sein Landsmann Sun Tsu gefordert: „Dann, wenn der Feind sich überall sicher wähnt, sei Du für ihn bereit. Doch wenn seine Kräfte überlegen sind, dann weiche ihm aus.“ (1.20.) Und: „Wenn er sich sammeln will, dann gönne ihm keine Ruhe.“ (1.22.) Sowie: „Greife ihn dort an, wo er nicht damit rechnet, erscheine dort, wo deiner nicht erwartet wird.“ (1.23.) (vgl. Sun Tsu: Über die Kriegskunst, S. 23.) 1176 Wie Mao berichtet, gelang es während des zweiten Kuomintang-Feldzugs gegen die Gongchandang, in welchem die KMT 200.000 Mann gegen 30.000 Kommunisten ins Feld führte, diesen binnen zwei Wochen die einzelnen Feindkolonnen nacheinander in fünf Schlachten zu schlagen. Dabei legten sie rund 350 km zurück. Auch in der dritten – von Mao als „Vernichtungsfeldzug“ bezeichneten – Kampagne hätten die Kommunisten die drei Stoßkeile 177 nisten mittels hoher Beweglichkeit und schneller Konzentration sowie Zerstreuung ihrer Kräfte, die Kolonnen der Kuomintang, die sie zuvor tief in rotes Territorium hatten vordringen lassen, in den Flanken anzugreifen und einzeln zu vernichten.1178 Aus „Schlupfwinkeln [heraus und unter] Verwendung von Kriegslisten (falsche Uniformen, Fahnen usw.)“ griffen sie dem Zeitzeugen Starke zufolge „überfallartig“ an.1179 „Ihre Bekämpfung inmitten einer fanatisierten Bevölkerung war für schwerfällig geführte reguläre Truppen sehr schwierig. In der ersten Zeit waren die KMT-Generale dieser Aufgabe nicht gewachsen, ihre Verbände wurden vereinzelt mit Übermacht angegriffen und erlitten schwere Verluste.“1180 An Sun Tzu angelehnt, kämpften Maos Guerillas des Gegners tief in ihr Gebiet vordringen lassen, um sie wiederum einzeln anzugreifen, bis diese sich schließlich zermürbt und erschöpft wieder zurückzogen. (vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges – Dezember 1936, S. 79.) General Georg Wetzells Bericht über den dritten Feldzug gegen die Kommunisten (Juli bis Oktober 1931) zeugt von der hohen Beweglichkeit und der Taktik der roten Kräfte, sich dem Vorstoß der Kuomintang zu entziehen. (vgl. „Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 99, S. 101, S. 105, S. 107, S. 111, S. 115, S. 117, S. 119 und S 121.) 1177 So standen beispielsweise während der Kampagne im Dezember 1930 100.000 Mann der Kuomintang gerade 40.000 Kommunisten gegenüber. (vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 88.) 1178 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 89 und S. 96 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 374. General Wetzell beschrieb mehrmals, wie die zögerliche und teilweise unzusammenhängende Operationsführung der Kuomintang den Kommunisten Freiraum für ihre bewegliche Kampfweise ließ und gar einzelne KMT-Verbände der Gefahr kommunistischer Gegenangriffe aussetzte. (vgl. „Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 103, S. 105, S. 107, S. 109, S. 111, S. 115, S. 117, S. 119, S 121, S. 123, 125, S. 127, S. 129 und S. 131.) So schrieb er u. a. am 18. Juli 1931: „Schwieriger sind die rueckwaertigen Verbindungen fuer eine oestlich vorgehende Kolonne. Auf die Sicherung der Talstrasse durch eine rueckwaertige Staffel wies ich hin. Denn anscheinend sitzen die Roten tatsaechlich im Gebirgsgelaende zwischen Ningtu und Tongku, und Ueberraschungen sind, wenn nicht Acht gegeben wird, trotz des auf die Roten von allen Seiten geuebten [sic!] Drucks nicht voellig ausgeschlossen. Die Verbindungen sollen darunter gelitten haben, dass sie immer wieder von der Bevoelkerung durchgeschnitten werden.“ („Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 131.) 1179 Vgl. Auszüge aus Ausarbeitungen von Generalleutnant a. D. Hermann Starke (ohne Seitenangaben), Militärarchiv Freiburg, MSG 160/35. 1180 Auszüge aus Ausarbeitungen von Generalleutnant a. D. Hermann Starke (ohne Seitenangaben), MSG 160/35. 178 nach den Grundsätzen Täuschung, Schnelligkeit und Überraschung. Sie gingen nach dem Prinzip vor, den Feind auf breiter Front zu bekämpfen, um ihn zur Zersplitterung zu zwingen und gleichzeitig seine Verbindungslinien anzugreifen.1181 Während lokale, lose gegliederte Guerillas den Feind zur Auflockerung zwangen, sollten ihn daraufhin die regulären Verbände der Roten Armee vernichten.1182 Als schließlich die ersten roten Stützpunktgebiete wie der Jiangxi- Sowjet dennoch aufgegeben werden mussten, verzichteten die Kommunisten vorübergehend auf ihre radikal-klassenkämpferische Haltung und verfolgten, da sie auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen waren, eine umsichtigere Politik.1183 Selbst Privatwirtschaft und Handel waren während der Zeit in Yan’an erlaubt.1184 Da mit Japan unterdessen ein neuer Hauptfeind auf dem chinesischen Kriegsschauplatz aufgetreten war, schien eine Weiterentwicklung zur sozialistischen Gesellschaft erst wieder möglich, nachdem dieser besiegt worden war.1185 Entsprechend war Mao bestrebt, ein Bündnis mit der Kuomintang einzugehen, um zunächst den gemeinsamen Feind zu besiegen, ehe die Machtfrage in China endgültig zwischen beiden Parteien entschieden werden konnte.1186 Durch diese im Rahmen strategischer Steuerung vorgenommene Kurskorrektur gelang es den Kommunisten, sich an die Spitze des antijapanischen Widerstandes zu setzen1187 und infolgedessen eine weitaus stärkere Massenmobilisierung zu erreichen als es der Kuomintang gelang.1188 Gestützt auf die Bauern als Machtbasis,1189 wuchs die kommunistische Bewegung rasant. Hatte die Zahl der Mitglieder der KPCh im Jahre 1937 noch 40.000 betragen,1190 1181 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 38f. 1182 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 199. 1183 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 51. 1184 Vgl. ebd., S. 53. 1185 Vgl. ebd., S. 62f. 1186 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 117 und vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 37. 1187 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 120f. 1188 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 122 und vgl. dazu auch Haffner, Sebastian: Mao und Clausewitz, in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 652-663, hier S. 659. 1189 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 248. 1190 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 124 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 247. 179 waren es 1940 schon 800.0001191 und bei Ende des Zweiten Weltkriegs gar 1,2 Mio.1192 Die kommunistischen Streitkräfte waren im gleichen Zeitraum von 92.000 auf 910.000 angewachsen.1193 Nach dem Sieg über Japan konnten die Kommunisten laut Fairbank daher „ein organisiertes Volk gegen die überlegene Feuerkraft der KMT in den Städten ins Treffen führen.“1194 So gelang es ihnen beispielsweise 1948, in vier Provinzen insgesamt zwei Millionen Bauern für logistische Aufgaben zu mobilisieren.1195 2.2.4. Gegenmaßnahmen im Kampf gegen die kommunistische Guerilla 2.2.4.1. Die Kuomintang Lage und Ziele Die Ursprünge der Partei liegen in der 1905 in Japan von chinesischen Studenten gegründeten „Revolutionären Allianz“,1196 die im August 1912 mit vier weiteren kleineren Gruppen zur Kuomintang fusionierte.1197 Diese blieb jedoch stets ein sehr heterogenes und lose zusammengefügtes Bündnis.1198 Fairbank nannte sie sogar einen „Haufen rivalisierender Fraktionen ohne zentrale Lenkung“1199. Die Hauptkonfliktlinie verlief dabei vor allem zwischen einem modernisierenden und einem reaktionären Flügel, die sich einander fortwährend befehdeten.1200 Zwar gewann die Partei bereits im Februar 1913 die Parlamentsmehrheit, stand jedoch in Opposition zu dem autokratisch regierenden Yuan Shikai, der sie 1915 ebenso wie das Parlament auf- 1191 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 549. 1192 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 124, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 247, vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 66. 1193 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 247 und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 66. 1194 Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 249. 1195 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 602. 1196 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 162. 1197 Vgl. ebd., S. 178. 1198 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 547. 1199 Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 224. 1200 Vgl. ebd., S. 270. 180 löste.1201 Sun Yat-sen, der 1912 für kurze Zeit Präsident der neuen Republik gewesen war,1202 reorganisierte die Kuomintang ab 19231203 und formte sie auf Grundlage der drei Elemente Nationalismus, zentralisierte Demokratie und Sozialismus zur bedeutendsten revolutionären Bewegung in China. Zum zweiten Mann hinter Sun Yat-sen stieg bald der Leiter der Militärakademie in Kanton, Tschiang Kai-shek, auf, der in Moskau gelernt hatte, eine ideologisierte Parteiarmee zu organisieren.1204 Durch ihn erhielt die Kuomintang feste Strukturen mit einem Zentralkomitee und einem Politbüro an der Spitze.1205 Aufgrund geostrategischer Interessen von der Sowjetunion gefördert,1206 welche in der Kuomintang einen Sicherheitsgaranten gegenüber Japan zu finden hoffte, verband sie sich ab 1924 in einer Einheitsfront mit den Kommunisten, wodurch Sun Yat-sen in der Lage war, eine nationale Regierung1207 in Kanton zu bilden.1208 Nach seinem Tod 19251209 setzte sich der über großen Rückhalt in Militärkreisen verfügende Tschiang Kaishek in parteiinternen Machtkämpfen gegen Wang Jingwei als neuer Parteiführer und Regierungschef durch.1210 Einmal an der Macht, agierte er zunehmend diktatorisch und begrenzte den Einfluss der Partei auf die Regierung immer mehr.1211 Schon bald sah er in dem wachsenden Einfluss der Kommunisten1212 innerhalb der Kuomintang eine Gefahr und fürchtete eine kommunistische Unterwanderung.1213 1926 waren auf dem zweiten Parteitag der Kuomintang bereits mehr als ein Drittel der Delegierten Kommunisten. Tschiang Kai-shek beschloss 1201 Vgl. ebd., S. 178f. 1202 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 341. 1203 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 189. 1204 Vgl. ebd., S. 214f. 1205 Vgl. ebd., S. 216. 1206 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 411f. 1207 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 189 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 410. 1208 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 410. 1209 Vgl. ebd., S. 414. 1210 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, S. 80 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 218. 1211 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 227. 1212 So berichtete General Wetzell noch am 19. September 1930 sogar von kommunistischen Umtrieben in der Lehrdivision. Sogar von Verhaftungen ist die Rede. (vgl. Brief Krummacher an Wetzell vom 19.9.1930, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/1, S. 34.) 1213 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 411. 181 daher, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Seine zunehmend antikommunistische Politik1214 gipfelte in dem 1927 gewaltsam vollzogenen Bruch mit der KPCh.1215 Nachdem er eine nationale Regierung mit dem rechten Kuomintang-Flügel1216 mit Sitz in Nanking1217 gebildet hatte, lief die Macht fortan zentral bei Tschiang Kai-Shek zusammen. Er war Oberbefehlshaber der Kuomintang-Streitkräfte und Mitglied des ständigen Ausschusses des aus neun Personen bestehenden Zentralen Exekutivkomitees der KMT.1218 Seit Oktober 1928 war er Vorsitzender der Staatsrat genannten sechzehnköpfigen Regierung.1219 Dem Politischen Volksrat – ein parlamentarisches Gremium von 200 Delegierten – blieb lediglich die Aufgabe, die Arbeit der Regierung zu unterstützen.1220 Um die regionalen Militärmachthaber zu unterwerfen und das Ziel nationaler Einheit durchzusetzen, begann die Kuomintang 1926 den sogenannten Nordfeldzug.1221 Nicht zuletzt, weil diese untereinander sehr zerstritten waren, gelang es Tschiang Kai-shek bis Anfang 1927, die Streitkräfte von 34 Junfa und Militärdiktatoren zu vernichten oder in seine eigene Armee zu integrieren.1222 Um das Erreichte administrativ abzusichern, bediente er sich des klassischen Magistratsystems. Diese überkommene Form des Verwaltungssystems stellte jedoch keine wirkliche Verbesserung dar, zumal die lokalen Beamten oft korrupt waren und die Bevölkerung gängelten.1223 Eine zunehmende Zahl an Funktionären der alten Bürokratie sowie der entmachteten Militärdiktatoren wurden von der Kuomintang übernommen und erlangten einflussreiche Positionen in Staat und Verwaltung. Der revolutionäre Idealismus der Anfangszeit schwand zusehends.1224 Auch die Unterwelt verdiente unter der Kuomintang-Regierung gut, wofür sie der 1214 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 218. 1215 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 145. 1216 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 189. 1217 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, S. 81. 1218 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 443. 1219 Vgl. ebd., S. 446. 1220 Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 547. 1221 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 208 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 415. 1222 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 65. 1223 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 448f. 1224 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 224. 182 Regierung einen erheblichen Anteil zukommen ließ.1225 Neben der Korruption1226 erschwerten ökonomische Probleme die Konsolidierung des Landes. Dies führte dazu, dass die Steuereinnahmen bei weitem nicht die Kosten der militärisch-expansionistischen Politik abzudecken vermochten. Aller fiskalpolitischen Maßnahmen zum Trotz, blieb der Kampf gegen strukturelle Haushaltsdefizite für die Administration der Kuomintang ein dauerhaftes Problem.1227 Nachdem sich Tschiang Kaishek nach dem Einmarsch der Japaner 1931 in die Mandschurei vorübergehend aus der Politik zurückgezogen hatte, konzentrierte er nach seiner Rückkehr 1932 noch mehr Macht in seiner Hand, indem er zugleich Chef des Generalstabs und Vorsitzender des Nationalen Militärrats wurde.1228 Ab 1938 führte er den ehedem von Sun Yat-sen getragenen Titel „Generaldirektor der Partei“ und 1943 wurde er schließlich zum Präsidenten der Republik China ernannt.1229 Die Nachgiebigkeit Tschiang Kai-sheks gegenüber der immer offener zutage tretenden Annexionspolitik Japans gegenüber China führte zu wachsendem Unmut unter seinen Offizieren.1230 Gerade die endgültige Vernichtung der Kommunisten planend,1231 wurde er aus diesen Kreisen Ende 1936 vorübergehend in Xi’an festgesetzt und zu einer neuen Einheitsfront mit der Gongchandang genötigt.1232 Als es bald darauf am 7. Juli 1937 zum Krieg mit Japan kam,1233 büßte Tschiang Kai-shek in schweren Kämpfen an die 60 Prozent seiner besten Truppen ein.1234 1225 Vgl. ebd., S. 227. 1226 Das Ausmaß der Korruption lässt sich an den 69.500 zwischen 1931 und 1937 beim Rechnungshof gegen Beamte gestellte Korruptionsanzeigen erkennen, denen jedoch nur in 1.800 Fällen nachgegangen wurde. Letztlich kamen nur 268 Beamte vor Gericht, von denen 214 schließlich freigesprochen wurden. Lediglich 13 wurden aus dem Dienst entlassen. (vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 226.) 1227 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 447f. 1228 Vgl. ebd., S. 480. 1229 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 547. 1230 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 54. 1231 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 508. 1232 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 114-117. 1233 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 169. 1234 Tschiang Kai-shek setzte in der Schlacht um Schanghai rund 400.000 von deutschen Beratern ausgebildete Elitesoldaten gegen 300.000 Japaner ein. Als die Stadt am 12. November 1937 an die Japaner fiel, hatte die Kuomintang ca. 250.000 Mann verloren. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 533 und Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), S. 299. 183 Dennoch konnte er den Verlust seiner Hauptstadt Nanking1235 am 13. Dezember nicht verhindern.1236 Das fragile Bündnis zwischen Kuominang und Gongchandang zerbrach indes Anfang 1941, als KMT- Truppen mit der kommunistischen Neuen Vierten Armee gewaltsam aneinander gerieten. Auch wenn sie formal weiter Bestand hatte, war die Einheitsfront damit faktisch beendet.1237 Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte jedoch nicht nur den Sieg über Japan, sondern auch zahlreiche Probleme mit sich. Zur Verwaltung der von den Japanern geräumten Gebiete fehlte es an geeignetem Personal,1238 weshalb sich die Kuomintang häufig – sehr zum Unmut vieler Chinesen – Beamter bediente, die zuvor mit den Besatzern kollaboriert hatten.1239 Korruption und allgemeine Demoralisierung nahmen zu.1240 Sinkende Steuereinnahmen gingen einher mit galoppierender Inflation.1241 Die Mittelschicht wurde ruiniert.1242 Da sämtliche wirtschaftspolitischen Reformbemühungen bis 1948 scheiterten, führte dies dazu, dass die Nahrungsmittelknappheit ebenso kritisch wurde wie die Versorgung mit Konsumgütern.1243 Obgleich eines noch immer beachtlichen Militärapparates trug diese innere Zerrüttung schließlich erheblich zur Niederlage der Kuomintang bei. Trotz aller Programme, geäußerten Absichten und propagandistischen Bemühungen gelang es der Kuomintang kaum noch, die Massen zu erreichen. Vielfach haperte es schlichtweg an der Umsetzung der selbst gesetzten Ziele. So wurde beispielsweise ein 1930 verabschiedetes Gesetz zur Bodenreform niemals realisiert.1244 Zwangsrekrutierungen1245 unter der Landbevölke- 1235 Infolge der Einnahme Nankings kam es zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung, welchem vermutlich an die 200.000 Menschen zum Opfer fielen. (Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 535 und vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 99.) 1236 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 534. 1237 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 1238 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 524. 1239 Vgl. ebd., S. 576. 1240 Vgl. ebd., S. 573. 1241 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 547 und vgl. auch Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 245. 1242 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 71. 1243 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 597. 1244 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 71. 1245 Zwar machte sich die Kuomintang auf diese Weise das immense Menschenpotential Chinas zunutze – alleine 1943 wurden so fast 1,7 Millionen Mann 184 rung trugen ebenfalls zur Entfremdung bei.1246 Die von der Kuomintang einberufenen Bauern wussten schlichtweg nicht, wofür sie kämpfen sollten.1247 Dass ab 1942 aufgrund des ineffizienten Steuersystems1248 und der grassierenden Inflation die Abgaben in Naturalien eingezogen wurden,1249 führte zu Nahrungsmittelknappheit, Hungersnöten und Bauernaufständen. Auch die Zustimmung bei den Intellektuellen brach schließlich vollends weg.1250 Die schlechte Versorgungslage der Armee hatte zudem häufig Massendesertationen zur Folge und setzte die Schlagkraft der Kuomintang-Truppen deutlich herab.1251 Für Haffner war von der Kuomintang nach dem Sieg über Japan militärisch und politisch nur noch „eine leere Hülse“ übrig geblieben.1252 Eine zunehmende Zahl der Chinesen machte die Kuomintang für die desolaten Zustände im Land verantwortlich. Mit dem endgültigen Verlust des Rückhalts in der Bevölkerung war die Niederlage besiegelt.1253 Tschiang Kai-shek, der vor allem das Ziel verfolgt hatte, China zu einen1254 und eine starke Zentralregierung zu etablieren, war letztlich an verschiedenen Faktoren gescheitert, die zu überwinden er außerstande gewesen war. Während er der ausgesprochenen Heterogenität der Kuomintang und den damit verbundenen zahlreichen Partikularinteressen durch eine straffe Zentralisierung Herr zu werden suchte, kam ihm bei der Unterwerfung der zahlreichen lokalen Herrscher und Bündnisse1255 deren Zerstrittenheit zugute, so dass er sie durch entschlossenes Handeln unterwerfen konnte. Mit Kommunisten und Japanern standen der Kuomintang jedoch zwei Feinde gegenüber, welche die Realisierung der gesetzten Ziele massiv bedrohten. Für mobilisiert –, doch waren Qualität und Moral der zwangsweise rekrutierten Truppen entsprechend niedrig. (vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 314.) 1246 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 244 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 566-568. 1247 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 71. 1248 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 246. 1249 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 560. 1250 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 244-246. 1251 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 71. 1252 Vgl. Haffner: Mao und Clausewitz, S. 659. 1253 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 133. 1254 Vgl. ebd., S. 77. 1255 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 214 und S. 217. 185 Tschiang Kai-shek waren die Sowjetgebiete ein „Geschwür, das noch immer am Herzen der Nation zehrte“1256, weshalb der Kampf gegen die Kommunisten „eine Frage von Leben und Tod für die ganze Nation“1257 war. Daneben war der Kuomintang im expansionistischen Japanischen Kaiserreich spätestens mit dessen Einmarsch am 18. September 1931 in die Mandschurei ein weiterer Gegner entstanden.1258 Diese doppelte Bedrohung aus Kommunisten und Japanern schien nur militärisch abgewendet werden zu können.1259 Um sich beiden gleichzeitig zu stellen, fehlten Tschiang Kai-shek jedoch die Kräfte. Laut Tschang hätte er „Unheil über sich selbst und über die Nation herabbeschworen, wenn er versucht hätte, diese beiden Fragen gleichzeitig zu lösen. Die Situation verlangte offenbar äußerste Vorsicht und Geduld. Es ist eine alte, klassische chinesische Beobachtung, daß ‚um gegen den Angriff von außen zu kämpfen, das Land erst Frieden im Innern haben müsse‘.“1260 Laut Tschang sei Tschiang Kai-shek als Kenner Japans bewusst gewesen, dass die Besetzung der Mandschurei erst der Anfang gewesen und ein Krieg letztlich unabwendbar war.1261 Da die militärischen Vorbereitungen für einen Waffengang mit Japan jedoch noch unzureichend waren,1262 habe sich Tschiang Kai-shek, nach Aussage seines Sohnes Tschiang Wei-kuo, genötigt gesehen, zunächst eine Politik des Nachgebens zu betreiben,1263 um Zeit zur Neuorganisation und zum Aufbau seiner Armee zu gewinnen.1264 Auch sein deutscher Chefberater von Falkenhausen hielt dies für die richtige Strategie: „Die Politik des Marschalls, mit Japan zu einem modus vivendi zu kommen, ist die einzig richtige, da es vor allem auf Zeitgewinn ankommt, und China zurzeit einfach nicht widerstandsfähig ist.“1265 Strategisch kam es daher darauf an, zunächst gegen den inneren Feind, die Kommunisten, vorzugehen und sich gleichzeitig mit allen verfügbaren Ressourcen militärisch auf die unvermeidliche Aus- 1256 Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 227. 1257 Ebd., S. 230. 1258 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 223. 1259 Vgl. ebd., S. 228f. 1260 Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 228. 1261 Ebd., S. 279f. 1262 Vgl. ebd., S. 228. 1263 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 12f. 1264 Vgl. ebd., S. 27. 1265 Brief von Falkenhausen an Brinkmann vom 20.10.1934, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/13, S. 15. 186 einandersetzung mit Japan vorzubereiten.1266 Selbst als es 1937 angesichts der japanischen Invasion zu einer zweiten Einheitsfront mit den Kommunisten gekommen war, blieb deren Vernichtung daher eines der vorrangigen Ziele Tschiang Kai-sheks.1267 Allerdings verhinderte diese einseitige militärische Ausrichtung der Politik lange Zeit dringend notwendige gesellschaftliche sowie administrative Modernisierungen und Reformen.1268 Strategie und Taktik Nach dem Bruch der ersten Einheitsfront 1927 war die Kuomintang noch rigoros gegen die Gongchandang vorgegangen, um den Kommunismus durch die Ausschaltung seiner Vertreter zu vernichten. Von der Härte der Maßnahmen zeugen Beobachtungen deutscher Militärberater: „Hätten sie dort nicht gleich so viele köpfen lassen, (…) Hankow wäre seit Anfang August in der Hand der Roten.“1269 Auch Snow berichtet Ähnliches.1270 Doch allmählich hatte sich innerhalb der Kuomintang-Führung die Erkenntnis durchgesetzt, nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen angehen zu müssen. So stellte T’ang Leang-Li 1935 fest, „dass die Unterdrückung der kommunistischen Bewegung in China mehr ein politisches als militärisches Problem ist, und dass ein solcher Erfolg, wie er den Roten beschieden war, durch die soziale und wirtschaftliche Lage bedingt ist.“1271 Ein Weg, den Kommunisten zu begegnen, liege demnach darin, die Rahmenbedingungen zu ändern, welche die Entstehung und den breiten Zulauf der Kommunisten bewirkt hätten.1272 Zu einem entsprechenden Urteil sei Tschang zufolge Tschiang Kai-shek nach vielen Jahren des 1266 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 228. 1267 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 127. 1268 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 224. 1269 Brief von Neunzert an Krummacher vom 5.9.1930, MSG 160/1, S. 46. Teilweise schienen die deutschen Berater die Kuomintang auch zu einem entsprechenden Vorgehen angehalten zu haben, wie aus einem Eintrag Wetzells vom 12. Juli 1931 hervorgeht. So habe man in Deutschland im „Krieg gegen die Kommunisten unter Noske (…) ruecksichtslose Massnahmen ergriffen und ebenso brutal durchgefuehrt. Dies allein hatte bei uns damals Erfolg gehabt und wuerde sich sicher auch hier bezahlt machen.“ („Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 123.) 1270 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 301f. 1271 T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, Vorwort S. VIf. 1272 Vgl. ebd., S. 46. 187 Kampfes gekommen.1273 Zusammen mit der Einsicht, dass ausufernde Korruption, ausbleibende soziale Verbesserungen sowie Terror gegen Andersdenkende viele Chinesen desillusionierten und gegen die Kuomintang aufbrachten, führte dies am 19. Februar 1934 zur Initiierung der „Bewegung für ein neues Leben“.1274 Mit der Konstruktion einer neuen Ideologie wollte Tschiang Kai-shek vor allem die Intellektuellen, Studenten und die urbane Arbeiterschaft gewinnen.1275 Sie sollte – u. a. durch eine bessere Verwaltung – zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen und verhindern, dass die kommunistischen Lehren Wurzeln fassten.1276 Basis dieser Bewegung waren vor allem die Lehren Sun Yat-sens, jedoch flossen auch sozialreformerische Elemente ausländischer Missionare und eigene Ansichten Tschiang Kai-sheks zu den zentralen Lehren des Konfuzianismus mit ein. Neben der Schaffung eines neuen Nationalbewusstseins sollten auch Tugenden wie „Höflichkeit, Gerechtigkeit, Integrität und Pflichtbewusstsein“ wiederbelebt werden.1277 Tschiang Kai-shek hoffte, die chinesische Gesellschaft soweit reformieren zu können, dass sie die großen politischen und ökonomischen Probleme zu bewältigen in der Lage wäre. Da sich der Reformversuch jedoch in der Kontrolle des einzelnen und seines Verhaltens verzettelte,1278 griffen die Maßnahmen kaum und fanden bei der Bevölkerung wenig Wiederhall.1279 Eng verbunden mit diesem Konzept war die am 10. Oktober 1935 ins Leben gerufene „Bewegung zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nation“1280, welche die soziale und wirtschaftliche Verbesserung der Wohlfahrt der chinesischen Bevölkerung intendierte.1281 Die von oben verordneten Modernisierungen drangen allerdings kaum bis in die einzelnen Dörfer durch. Zwar wurden Verbesserungen durch Infrastrukturprojekte wie Straßen, Fernmeldeverbindungen oder agrarische Maßnahmen gerne angenommen, da diese jedoch durch Steuererhöhungen finanziert wurden, stellten sie nicht zuletzt auch eine zusätz- 1273 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 231 und S. 239. 1274 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 92 und vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 239f. 1275 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 499. 1276 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 239. 1277 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 499. 1278 Vgl. ebd., S. 500. 1279 Vgl. ebd., S. 502. 1280 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 244f. 1281 Vgl. ebd., S. 240 und S. 246f. 188 liche Belastung dar.1282 Gerade aber für die den Kommunisten abgerungenen Gebiete und deren Wiederaufbau hatten diese beiden Bewegungen jedoch eine besondere Wirkung entfalten sollen.1283 Dem Kommunismus sollte etwas entgegensetzt und die von diesem befreiten Gebiete soweit stabilisiert werden, dass sie gegen dessen mögliche Rückkehr resistent blieben.1284 Dies wurde durch eine umfangreiche Propaganda- und Aufklärungstätigkeit flankiert.1285 Rekonstruktionsmaßnahmen hatten dabei bereits parallel zu den militärischen Operationen zu erfolgen.1286 Zur Absicherung der gewonnenen Territorien wurden „Min-t’uan“ (Volkskorps) genannte Milizen, welche Bestandteil des „Paochia-Systems“1287, „einer alten Methode der Kontrolle über die Bauernschaft“1288 war, aufgestellt.1289 Angesichts der überaus heterogenen Zusammensetzung der roten Truppen gerade in der frühen Phase des Bürgerkrieges wurde ferner versucht, die Kommunisten propagandistisch zu infiltrieren.1290 Während es der Kuomintang bei anderen konkurrierenden Gruppierungen gelang, diese in einander befehdende Cliquen zu spalten, scheiterten jedoch alle Bemühungen – wie beispielsweise durch die von Snow beobachtete Instrumentalisierung „chinesischer Trotzkisten“ – die Gongchandang zu entzweien. Spaltung und Verrat in die Reihen der Kommunisten durch das Aussetzen hoher Kopfgelder auf bedeutende 1282 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 227. 1283 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 50 und vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 240. 1284 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 240. 1285 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 50 und S. 54. 1286 Vgl. ebd., S. 54. 1287 Schreibweise nach Spence auch „Baojia-System“. In diesem alten, von Tschiang Kai-shek neu belebten System gegenseitiger Verantwortung wurden in einem „Chia“ ca. zehn Familien unter einem Vorsteher zusammengeschlossen. Zehn Chia bildeten wiederum einen „Pao“. Pao-Chia trieben Steuern ein und waren dem von der Regierung eingesetzten Landrat gegen- über für jedes Vergehen eines Familienmitglieds verantwortlich. Ein Chia- Vorsteher konnte belangt werden, wenn er nicht jeden Rebellen in seinem Verband meldete. Durch dieses Kontrollsystem war es bereits den Mongolen und Mandschus gelungen, das ländliche China zu befrieden. (vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 68f und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 516.) 1288 Snow: Roter Stern über China, S. 68. 1289 Vgl. ebd., S. 68. 1290 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 73. 189 kommunistische Führer zu tragen, scheint ebenfalls wirkungslos geblieben zu sein.1291 Da jedoch auch die Streitkräfte der Kuomintang sehr heterogen waren und sich häufig aus den integrierten Truppen unterworfener Warlords zusammensetzten, mangelte es ihnen oftmals an Disziplin, Ausbildung und Kampfwillen. Opiummissbrauch war weit verbreitet.1292 Um dem entgegenzuwirken, betrieb Tschiang Kai-shek seit Mitte der 1920er Jahre eine gezielte Qualitätssteigerung seines Militärs.1293 Weil „Deutschlands militärische Fähigkeiten (…) überall anerkannt“1294 waren, hatte er zahlreiche deutsche Offiziere als Berater und Ausbilder nach China geholt,1295 welche die bis dahin dort tätigen russischen Instrukteure ersetzten.1296 19281297 gelang es ihm, Max Bauer als Chefberater („Dsungguwen“1298) zu gewinnen,1299 der wertvolle Vorschläge zum Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie und zur Modernisierung der Armee unterbreitete.1300 Im Rahmen der deutschen Militärmission leisteten zahlreiche weitere Experten für Heer, Marine, Luftwaffe, Befestigung und Nachrichtenwesen sowie Fachleute für Eisenbahn und Zivilverwaltung1301 einen wichtigen Beitrag bei der Errichtung mili- 1291 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 92, S. 269, S. 295 und S. 354. 1292 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 412. 1293 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 284f. 1294 Ebd., S. 285. 1295 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 286 und vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China. Private, maschinenschriftliche Übersetzung des 1969 für den Dienstgebrauch publizierten chinesischen Originals, Taiwan 1969, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/12, S. 7. 1296 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 228. 1297 Vgl. Vogt, Adolf: Oberst Max Bauer, in: Bernd Martin (Hrsg.): Die deutsche Beraterschaft in China 1927-1938 – Militär, Wirtschaft, Außenpolitik, Düsseldorf 1981 (Bestand des Militärarchivs Freiburg, C II d3), S. 95-105, hier S. 95. 1298 Vgl. Liang Hsi-huey: Alexander von Falkenhausen (1934-1938), in: Bernd Martin (Hrsg.): Die deutsche Beraterschaft in China 1927-1938 – Militär, Wirtschaft, Außenpolitik, Düsseldorf 1981 (Bestand des Militärarchivs Freiburg, C II d3), S. 135-146, hier S. 135. 1299 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 479. 1300 Vgl. Vogt: Oberst Max Bauer, S. 104 und Vogt, Adolf: Oberst Max Bauer – Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869-1929, Osnabrück 1974 (Bestand des Militärarchiv Freiburg, B II Baue), S. 431. 1301 Vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China, MSG 160/12, S. 1. 190 tärischer1302 und rüstungsindustrieller Strukturen sowie bei der Ausbildung von Offizieren, Regierungsangestellten und sonstigem Personal.1303 Obgleich nicht mit eigener Befehlsgewalt versehen,1304 erarbeiteten sie Operationspläne für Tschiang Kai-shek. Insbesondere am vierten und fünften Feldzug gegen die Kommunisten 1933 und 1934 waren zahlreiche deutsche Militärberater sowohl auf Divisions- als auch auf Regimentsebene beteiligt.1305 Gerade General Georg Wetzell, der seit 1930 Nachfolger1306 des im Vorjahr verstorbenen1307 Bauer war, hat Tschiang Kai-shek „strategisch sehr erfolgreich in seinen Feldzügen gegen die Kommunisten unterstützt.“1308 Aufgrund persönlicher Diffe- 1302 Im Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg sind Dokumente überliefert, die einen Überblick über eine Lehrdivision nach deutschem Vorbild und deren Aufbau bieten. Die hier ausgebildeten Offiziersanwärter wurden nach bestandener Ausbildung regelmäßig auf die verschiedenen Truppenteile der Division verteilt. (vgl. Brief Krummacher an Wetzell von Herbst 1930, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/1, S. 25-27.) 1303 Vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China. MSG 160/12, S. 8. 1304 Vgl. Befragung von Generalleutnant a. D. H. Wilck am 6.3.1961, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/37, 50/5. 1305 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 482 und vgl. Seps, Jerry B.: General Georg Wetzell, S. 106-115, in: Bernd Martin (Hrsg.): Die deutsche Beraterschaft in China 1927-1938 – Militär, Wirtschaft, Außenpolitik, Düsseldorf 1981, (Bestand des Militärarchivs Freiburg, C II d3), S. 106-115, hier S. 109. 1306 Vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China, MSG 160/12, S. 1 und vgl. F. F. Liu: A Military History of Modern China 1924-1949 (Auszüge), ohne Ortsangabe 1956, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/36, S. 5 und vgl. auch Brief von Wetzell an die „Herren der Beraterschaft“ vom 24.5.1930, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/1, S. 135.) 1307 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 480. 1308 Befragung von Generalleutnant a. D. H. Wilck am 6.3.1961, MSG 160/37, 50/8. Vgl. dazu auch Seps: General Georg Wetzell, S. 108f. Siehe dazu auch das Dokument „Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2. Auch wenn hier namentlich kein Autor genannt ist, scheint es sich, aufgrund seiner aus dem Text hervorgehenden Stellung, um Fragmente eines Berichts General Wetzells über seine Beteiligung am dritten Feldzug der Kuomintang gegen die Kommunisten (Juli bis Oktober 1931) zu handeln. Das Dokument, welches den Zeitraum vom 24. Juni bis zum 23. Juli 1931 abdeckt, zeugt deutlich davon, wie sehr Wetzell, auch ohne direkte Befehlsgewalt, auf die Operationsführung in den hier geschilderten täglichen Besprechungen mit Tschiang Kai-shek und dessen Stabschef, General Hsiung, Einfluss nahm. 191 renzen1309 wurde er jedoch durch Hans von Seeckt1310 ersetzt, dem 1934 dessen bisherige rechte Hand, Alexander von Falkenhausen,1311 als neuer und gleichzeitig letzter1312 deutscher Chefberater folgte.1313 Nachdem sich in den ersten vier Feldzügen1314 die Unfähigkeit der 1309 Vgl. Meier-Welder, Hans: Generaloberst Hans von Seeckt, in: Bernd Martin (Hrsg.): Die deutsche Beraterschaft in China 1927-1938 – Militär, Wirtschaft, Außenpolitik, Düsseldorf 1981 (Bestand des Militärarchivs Freiburg, C II d3), S. 116-134, hier S. 119 und S. 122. Vgl. dazu auch den Brief von Seeckt an Wetzell vom 30.6.1930, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/4, S. 15-21, in welchem es heißt, Wetzell habe sich viele Feinde gemacht und solle „etwas vorsichtiger, etwas politischer“ im Umgang mit chinesischen Angelegenheiten und Menschen sein. (S. 15) Auch sei Seeckt „mehrfach auf das Gefuehl einer gewissen Fuehrerlosigkeit gestossen. (S. 19) Der Marschall sei zwar mit Wetzells Unterstützung „in seiner Raeuberkriegsfuehrung“ nicht unzufrieden gewesen, wohl aber mit „seinen Reorganisationsbestrebungen“. (S. 17) Vgl. auch Befragung von Generalleutnant a. D. H. Wilck am 6.3.1961, MSG 160/37, 50/8 und 50/7 sowie Befragung von Yu Ta-wie am 20.1.1977, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/47, keine Seitenangabe. 1310 Als sich Tschiang Kai-shek im September 1932 darum bemühte, Hans von Seeckt als neuen Chefberater zu gewinnen, hatte dieser zwar abgelehnt, sich jedoch bereit erklärt, sich ein Lagebild zu machen und umfangreiche Studien in China für Tschiang Kai-shek über das chinesische Militär anzufertigen. Seine in der Folge erstellte Denkschrift schlug dem Marschall vor, das Heer zu einer von bedingungslos treuen Berufsoffizieren geführten Elitearmee nach dem Prinzip Qualität statt Quantität umzugestalten. Dazu sollte eine eigene Ausbildungsbrigade geschaffen werden. Während eines weiteren China-Aufenthaltes von März 1934 bis März 1935 arbeitete er an der Umsetzung der von ihm gemachten Vorschläge. (vgl. Rabenau, Friedrich von: Seeckt – Aus seinem Leben 1918-1936, Leipzig 1940, S. 678, S. 681, S. 704f und S. 710 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 482f.) 1311 Vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China. MSG 160/12, S. 1. 1312 Das Ende der erfolgreichen Partnerschaft wurde schließlich aufgrund der projapanischen Politik des NS-Regimes eingeleitet, welches seit 1936 mit Japan im Anti-Komintern-Pakt verbunden war. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 484.) Im Mai 1938 wurden schließlich sämtliche deutschen Berater abberufen. (vgl. Liang Hsi-huey: Alexander von Falkenhausen (1934- 1938), S. 144.) 1313 Vgl. Liang Hsi-huey: Alexander von Falkenhausen (1934-1938), S. 135. 1314 Der erste Feldzug währte von Dezember 1930 bis Januar 1931; der zweite schloss sich im Mai/Juni 1931 an. Von Juli bis Oktober des gleichen Jahres erfolgte die dritte Kampagne gegen die Sowjetgebiete und der vierte Feldzug fand zwischen April und Oktober 1933 statt. Hierauf folgte unmittelbar der fünfte Feldzug, welcher letztlich nach langwierigen Kämpfen von Oktober 192 Kuomintang gezeigt hatte, auf Guerillataktiken angemessen zu reagieren,1315 vermittelten ihr die Deutschen mit einem auf Stellungskrieg und schrittweisem Vorgehen basierenden Konzept1316 jene Taktik, die schließlich im fünften Feldzug zum Erfolg führen sollte.1317 Die mit dem Einsatz der Berater verbundene Hoffnung nach einer deutlichen Qualitätssteigerung1318 hatte sich erfüllt.1319 Die Ergebnisse der ersten Feldzüge gegen die Kommunisten seit 1930 waren teils noch verheerend gewesen. Zwar wurden die feindlichen Gebiete zunächst eingeschlossen,1320 ehe man aus verschiedenen Richtungen auf deren Zentren vorstieß, doch rückten die Stoßkeile isoliert voneinander in unwegsames und unbekanntes Terrain vor1321. Die kommunistischen Verteidiger konnten ihnen daher den Rückzug ab- 1933 bis Oktober 1934 zur Zerschlagung der Sowjetgebiete führte. (vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 178-S. 180f, S. 192-194 und S. 196.) 1315 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 49. 1316 Vgl. ebd., S. 98. 1317 Vgl. ebd., S. 49. 1318 So scheint es maßgeblich ein Verdienst der deutschen Berater gewesen zu sein, dass China nach Kriegsausbruch mit Japan 1937 nicht in einem kurzen Feldzug überrannt wurde. (vgl. Liang Hsi-huey: Alexander von Falkenhausen 1934-1938, S. 143, vgl. dazu auch Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 286 und vgl. Befragung von Yu Ta-wie am 20.1.1977, MSG 160/47, keine Seitenangabe.) 1319 Vgl. Bureau of Military History of the Ministry of National Defense, Republic China: A summary of the Work of the German Military Advisory Group in China., MSG 160/12, S. 13f und S. 29, vgl. Auszüge aus Ausarbeitungen von Generalleutnant a.D. Hermann Starke (ohne Seitenangaben), MSG 160/35 und vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 50. 1320 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 88. 1321 Dies beschreibt auch General Wetzel am 2. Juli 1931: „Soweit ich nach der Karte 1:10 000 es beurteilen kann, ist der Vormarsch in mehreren Kolonnen gegen den an der Fukiengrenze stehenden roten Hauptgegner ganz verstaendig organisiert, scheint aber doch recht langsam vor sich zu gehen, was wohl an dem nicht einfachen Gelaende und der Sicherstellung der rueckwartigen Verbindungen zu liegen scheint.“ („Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 109.) Und am 10. Juli heißt es: „Im ganzen traegt ja die Gesamtoperation den Charakter grosser Vorsicht. Man will sich keinem Rueckschlag irgendwie aussetzen. An sich nicht unberechtigt, man baut aber vielleicht dem Gegner goldne Bruecken, um sich dem Schlag vorlaeufig zu entziehen.“ („Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 121.) 193 schneiden und ihnen in die Flanken fallen.1322 Da die Kommunisten den Guerillakrieg „auf das Wirksamste“ entwickelt hatten, war es eine „schwere und anstrengende Aufgabe“, „gegen diesen hartnäckigen Guerillakrieg aufzukommen“1323. So mussten in jedem eingenommenen Dorf Garnisonen zurückgelassen werden, die sich in der Folge jedoch permanenten Guerillaüberfällen ausgesetzt sahen.1324 Trotz verlustreicher Niederlagen und zahlreicher Rückschläge,1325 griff Tschiang Kai-shek die kommunistischen Gebiete unablässig an.1326 Die hierbei gemachten Erfahrungen und die Pläne der deutschen Berater führten schließlich zur Anwendung einer neuen Operationsführung.1327 „Wetzells encirclement strategy of attacking ‘from all sides simultaneously’”1328 sollte sich schließlich 1934 als erfolgreich erweisen.1329 Die kom- 1322 Vgl. Amann, Gustav: Chiang Kaishek und die Regierung der Kuomintang in China, Heidelberg-Berlin 1936 (Bestand des Militärarchivs Freiburg, B II Kai 1), S. 184, vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 47 und vgl. dazu auch Snow: Roter Stern über China, S. 178-S. 180f, S. 192-194 und S. 196.) 1323 Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 229. 1324 Vgl. Tschang: Tschiang Kai Schek, S. 229. 1325 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 48 und vgl. Seps: General Georg Wetzell, S. 110. 1326 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges – Dezember 1936, S. 72. 1327 Vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 48. 1328 Seps: General Georg Wetzell, S. 110. 1329 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 211. Bereits im dritten Feldzug gegen die kommunistischen Stützpunktgebiete im Sommer/Herbst 1931 hatte Wetzell die Erschließung des Operationsgebietes durch befestigte Straßen, Eisenbahnlinien und Flugplätze sowie den Einsatz überlegener technischer Mittel wie Luftaufklärung forciert. (vgl. „Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 99, S. 101, S. 103, S. 107, S. 109, S. 111, S. 117 und S. 131.) In seinem Bericht beschrieb er auch die Grundzüge einer erfolgreichen Operationsführung: „Ningtu am 19. [Juli] genommen. Zweifellos ein guter Erfolg. Anscheinend durch Angriff von allen Seiten. Die Roten sind im Gebirge von allen Seiten eingeschlossen und scheinen sich in Wohlgefallen aufzuloesen. Eine Gruppe, 5000 Mann, aber nur 1000 Gewehre stark, geht in suedoestlicher Richtung auf Fukien zurueck. (…) Meine Auffassung, dass die frueheren Misserfolge an einer Ueberschaetzung des Gegners, an unzureichendem Ausbau der Verbindungswege aller Art, vor allem aber an der mangelnden Faehigkeit und Tatkraft des damaligen Oberbefehlshabers Ho Yin-chin gelegen haben, hat sich also als durchaus richtig herausgestellt.“ („Feldzug gegen die Kommunisten 1931“, Militärarchiv Freiburg, MSG 160/2, S. 131.) Dass der anfänglich erfolgversprechende dritte Feldzug gegen die Kommunisten letztlich ebenfalls schei- 194 munistischen Gebiete wurden mit einer Wirtschaftsblockade belegt1330 und von starken Kräften eingekreist. Das gewonnene unwegsame Gelände wurde mit Wegen und Stützpunkten erschlossen sowie mit Blockhäusern gesichert,1331 die sich gegenseitig deckten,1332 ehe man unterstützt von Steilfeuerwaffen weiter vorrückte:1333 „Die Sache in Kiangsi kam sofort ins Rollen, sobald die schweren Waffen eingesetzt wurden und die Kommunisten in die Ebene gedrückt wurden.“1334 Mit ihrer Feuerwalze bahnte die Artillerie dem enger werdenden Einkreisungsring den Weg. Lange Versorgungswege und ausgedehnte verwundbare Flanken isolierter Marschkolonnen wurden dadurch vermieden.1335 Das gewonnene Gebiet wurde in überschaubare Sektoren unterteilt, in denen Schienen zur schnellen Schwerpunktbildung verlegt wurden.1336 In den Räumen zwischen den befestigten Positionen wurde das Prinzip der „verbrannten Erde“ angewandt.1337 Die örtliche Bevölkerung wurde weiträumig umgesiedelt,1338 um sie daran zu hindern, die Kommunisten zu unterstützen.1339 Indem man sie derart von der Quelle ihrer Stärke trennte, wurden die Kommunisten langsam aber sicher stranguliert.1340 Schließlich wurde ihre Lage unhaltbar, wie aus einem Brief von Falkenhausens hervorgeht: Nachdem man unter „Einsatz aller moderne[n] Kampfmittel wie (…) Artillerie, Bombenflieger etc. und fast aller irgend verfügbarer Truppen (…) im September die ‚allgemeine Offensive’“ gegen „die von den ‚Roten’ besetzten Gebiete“ aufgenommen hatte, waren diese „derart ausgepowert (…), dass terte, ist auch darauf zurückzuführen, dass japanische Truppen im September 1931 in die Mandschurei einmarschierten und Tschiang Kai-shek dadurch gezwungen war, seinen Schwerpunkt zu verlegen. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 471-S.474.) 1330 Vgl. Kashin: Brennpunkte der Subversion: China, S. 39f. 1331 Vgl. Auszüge aus Ausarbeitungen von Generalleutnant a.D. Hermann Starke (ohne Seitenangaben), MSG 160/35, vgl. T’ang Leang-Li: Chinas Kampf gegen den Kommunismus, S. 50 und vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 60f. 1332 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 236. 1333 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 212. 1334 Brief von Falkenhausen an Brinkmann vom 25.12.1934, MSG 160/13, S. 24. 1335 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 211f. 1336 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 50. 1337 Vgl. Rentsch: Partisanenkampf, S. 166. 1338 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 303. 1339 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 211. 1340 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 50. 195 sie dort einfach nicht mehr leben“1341 konnten. Wie oben bereits geschildert, wurden die Kommunisten jedoch nicht endgültig vernichtet, sondern retteten sich durch den Langen Marsch. Bedingt durch die japanische Bedrohung kam, wie bereits geschildert, ein temporäres fragiles Bündnis zwischen Kuomintang und Gongchandang zustande. Nach Beginn des Krieges mit Japan im Juli 1937 versuchte China, dessen Gebiet 31mal so groß wie das japanische war,1342 durch „hinhaltenden Kampf“ einen schnellen Sieg der qualitativ überlegenen japanischen Armee unterbinden,1343 da man sich alleine davon einen ausreichenden Zeitgewinn versprach, um das gewaltige Potential Chinas zur Geltung zu bringen.1344 Hierbei half auch die Unterstützung potenter Verbündeter wie Großbritannien,1345 die UdSSR1346 und schließlich die USA,1347 deren Hilfe zu einer immensen Stärkung der Kuomintang führte.1348 Durch den Krieg mit Japan wurde die Entscheidung im Chinesischen Bürgerkrieg schließlich auf die Zeit nach 1945 verschoben. Wenn auch innerlich zerrüttet, schien die Kuomintang zu diesem Zeitpunkt militärisch noch immer sehr stark zu sein. Sie hatte 1945 alle größeren chinesischen Städte sowie den Großteil des chinesischen Territoriums in 1341 Brief von Falkenhausen an Brinkmann vom 20.10.1934, MSG 160/13, S. 15. 1342 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 17. 1343 Vgl. ebd., S. 23 und S. 32. 1344 Vgl. ebd., S. 17. 1345 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 111. 1346 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 112 und S. 139. 1347 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 134, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 558 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 260f. 1348 Insbesondere über die am 2. Dezember 1938 eröffnete 1.144 km lange Burma- Straße wurden der Kuomintang ununterbrochen US-Militärgüter zugeführt. Beispielsweise konnte die chinesische Luftwaffe, welche 1937 der japanischen im Verhältnis 1:9 unterlegen gewesen war, im Laufe des Krieges soweit aufgerüstet werden, dass sie den Japanern bei Kriegsende sogar zahlenmäßig überlegen war. Als die Japaner 1942 durch die Einnahme Singapurs die Burma-Straße abschnitten, wurden die Chinesen von Indien aus durch eine Luftbrücke weiter versorgt. Nach der japanischen Kapitulation wurde die amerikanische Hilfe für Tschiang Kai-shek erneut wirksam, als die Amerikaner 110.000 von ihnen ausgebildete Elitesoldaten der Kuomintang in Schlüsselstädte flogen und dieser im August 1946 Kriegsmaterial im Wert von 900 Millionen Dollar zum Preis von nur 175 Millionen überließen. (vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 70f, S. 75 und S. 89, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 546, S. 559f und S. 575 und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 264.) 196 ihrem Besitz1349 und war mit über 290 Divisionen und 2,7 Mio. Soldaten1350 nahezu doppelt so stark wie die Kommunisten.1351 Auf diese Weise zu weitausholenden Operationen befähigt, besetzte die Kuomintang zahlreiche Gebiete.1352 Wie bereits die Japaner während des Zweiten Weltkriegs1353 konzentrierte man sich dabei jedoch auf die Sicherung der Städte und der Eisenbahnlinien.1354 Als die Kommunisten schließlich zum Gegenangriff antraten, weigerte sich Tschiang Kai-shek, für den Provinzhauptstädte „Symbol seiner Macht als Einiger Chinas“1355 waren, die bedrohten Städte zu räumen. Allerdings hatte dies zur Folge, dass diese eingeschlossen wurden und er so teilweise seine besten Truppen verlor.1356 Ein Großteil der Verluste der Kuomintang gegen Ende des Bürgerkrieges war jedoch auf die der schlechten Kampfmoral geschuldeten Desertationen zurückzuführen.1357 2.2.4.2. Die japanische Aggression Lage und Ziele Japan hatte sich lange Zeit durch die Politik der „Landesabschließung“ von westlichen Einflüssen abgeschottet, war jedoch 1854 durch die USA gezwungen worden, sich dem Außenhandel zu öffnen.1358 Um der Gefahr einer Kolonisierung vorzubeugen,1359 wurden unmittelbar hierauf das ganze Land und fast alle Lebensbereiche erfassende Reformen eingeleitet. Alte Strukturen wurden aufgebrochen, Institutio- 1349 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 264. 1350 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 576. 1351 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 264. 1352 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 585. 1353 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 231. 1354 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 266 und vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 231f. 1355 Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 263. 1356 Vgl. ebd., S. 268. 1357 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 232. 1358 Vgl. Oberländer, Christian: Von den ungleichen Verträgen zur Großmacht – Japans Weg zum modernen Nationalstaat, in: Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans, Stuttgart 2012, S. 261-331, hier S. 264f. 1359 Vgl. Liew, Christine: Geschichte Japans, Stuttgart 2012, S. 103. 197 nen erneuert und eine Industrialisierung eingeleitet,1360 so dass sich Japan binnen weniger Jahrzehnte von einer Feudalgesellschaft in einen modernen Staat mit Parlament und Verfassung wandelte.1361 Aus der Geschichte der westlichen Staaten, die allesamt über starke Streitkräfte und Kolonien verfügten, meinte man erkannt zu haben, dass es zwischen Staaten keine wirklichen Freundschaften geben könne, sondern alleine das Recht des Stärkeren zähle.1362 Die Devise: „Bereichere die Nation, stärke die Armee“ wurde daher zum Leitprinzip japanischer Politik.1363 Ihre Bewährungsprobe bestand die modernisierte japanische Armee schließlich im Chinesisch-Japanischen Krieg 1894. Die im Friedensvertrag von Shimonoseki besiegelten Annexionen Taiwans und der Mandschurei leiteten eine jahrzehntelange Politik des Expansionismus gegenüber China ein.1364 Angesichts der Rückständigkeit des Nachbarlandes entwickelte sich in Japan ein Sendebewusstsein, welches sich mit imperialistischen Theorien und Kolonisierungsplänen verband.1365 Als nach einer langanhaltenden Phase der Demokratisierung1366 und wirtschaftlicher Prosperität seit den 1920er Jahren eine Periode der Krisen1367 einsetzte, führte dies zu sich verschärfenden innen- und außenpolitischen Auseinandersetzungen. Das politische Klima wurde deutlich autoritärer1368 und war zunehmend von Militarismus und Ultranationalismus geprägt.1369 Hatte die zivile Führung des Landes bereits nach Antritt der Regierung Makoto den Widerstand gegen die Expansionspläne der Armee aufgegeben,1370 gewann das 1360 Vgl. Mathias, Regine: Das Entstehen einer modernen städtischen Gesellschaft und Kultur, 1900/1905-1932, in: Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans, S. 332-380, hier S. 332. 1361 Vgl. Liew: Geschichte Japans, S. 101. 1362 Vgl. ebd., S. 107f. 1363 Vgl. ebd., S. 103. 1364 Vgl. Liew: Geschichte Japans, S. 121-125, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 179 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 444. 1365 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 468f. 1366 Vgl. Klein, Axel: Japan im Krieg, 1931-1945, in: Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans, S. 381-418, hier S. 383. 1367 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 470 und vgl. Mathias: Das Entstehen einer modernen städtischen Gesellschaft und Kultur, 1900/1905-1932, S. 348. 1368 Vgl. Mathias: Das Entstehen einer modernen städtischen Gesellschaft und Kultur, 1900/1905-1932, S. 334. 1369 Vgl. ebd., S. 379. 1370 Vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), S. 295. 198 Militär vor allem unter dem seit Juni 1937 regierenden Premierminister Konoe Fumimaro immer mehr an Einfluss auf die Politik.1371 Bis 1940 waren alle bestehenden Parteien außer Konoes „Vereinigung zur Unterstützung der Kaiserherrschaft“ (Taisei yokusan-kai) – einer nach Vorbild der NSDAP organisierten Partei1372 – ausgeschaltet worden.1373 Der japanischen Politik dieser Zeit lag eine Ideologie völkischer Überlegenheit zugrunde, die antiwestlich, antikommunistisch, expansionistisch und militaristisch war.1374 Ausgehend von ihren Garnisonen im mandschurischen Mukden provozierten japanische Militärs, ohne direkte Weisung der Regierung, am 18. September 1931 bewaffnete Auseinandersetzungen mit China. 1375 Dies führte zur Besetzung der Mandschurei, welche in der Folge zu einer japanischen Operationsbasis ausgebaut wurde.1376 Der Satellitenstaat Mandschuko wurde geschaffen und 1932 der ehemalige chinesische Kaiser Puyi eingesetzt.1377 Immer wieder kam es in der Folge zu kurzzeitigen Kämpfen, die den japanischen Machtbereich auf Kosten Chinas ausdehnten,1378 ehe am 7. Juli 1937 der Krieg zwischen beiden Staaten offen ausbrach. Als Nation ohne große Rohstoffvorkommen war Japan auf deren Import einerseits und den Export industriell gefertigter Güter andererseits zwingend angewiesen,1379 weshalb der Protektionismus westlicher Staaten während der Weltwirtschaftskrise für das Land gravierende Folgen hatte.1380 Dies und der Zusammenbruch des amerikanischen Seidenmarktes, durch welchen die japanischen Ausfuhren um 40 Prozent zurückgingen, führten zu einer Verschärfung der innenpolitischen 1371 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 397 und 401 und vgl. Shigenori Toro: Japan im Zweiten Weltkrieg, Bonn 1958, S. 103. 1372 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 383. 1373 Vgl. ebd., S. 406. 1374 Vgl. ebd., S. 384. 1375 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 471f, vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 292 und S. 294f und vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 385. 1376 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 9 und S. 19 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 473. 1377 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 473 und vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 164. 1378 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 474-477 und S. 507. 1379 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 382. 1380 Vgl. Liew: Geschichte Japans, S. 133 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 470. 199 Krisen.1381 Da dies zeigte, wie groß die Abhängigkeit Japans vom Ausland war, machte sich die Überzeugung breit, dass dauerhafte ökonomische – und damit auch politische – Stabilität nur dann zu gewährleisten sei, wenn sich Japan den Zugang zu Rohstoffen und Absatzmärkten aus eigener Kraft dauerhaft sichern würde.1382 Unter japanischer Hegemonie sollte eine „Großostasiatische Wohlstandssphäre“ („Daitoa-kyoei-ken“) entstehen,1383 bei der den chinesischen Ressourcen eine entscheidende Rolle zugedacht war.1384 Nach Anfangserfolgen im Krieg gegen China wurde indes spätestens bei der chinesischen Gegenoffensive im Winter 1939/40 offenbar, dass die Niederwerfung des Landes gescheitert war. Angesichts der Zahl der Truppen, der Länge der Front und der Weite des okkupierten Territoriums, hatten die japanischen Streitkräfte die maximal mögliche Ausdehnung erreicht. Der Widerstand der Chinesen verstärkte sich allmählich und es wurde für die Japaner aufgrund des Kräftemangels zunehmend schwieriger, die besetzten Gebiete zu sichern.1385 Japan sah sich mit der Sowjetunion und den USA zwei Großmächten gegenüber, mit denen seine Expansionsbestrebungen in einen Interessenkonflikt geraten mussten. Es war daher bestrebt, nicht mit beiden gleichzeitig in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt zu werden.1386 Insbesondere durch den Krieg gegen China bestand für Japan die Gefahr, militärisch gegenüber der Sowjetunion zu sehr geschwächt zu werden. Daher entschloss sich Tokio am 30. März 1940, den Krieg gegen China im Laufe des Jahres 1940 diplomatisch zu beenden oder hier ab 1941 Truppen abzuziehen, um Reserven zur Verteidigung gegenüber der Sowjetunion zu schaffen. Durch gezielte Bombardierungen chinesischer Städte sollten die Chinesen zu Friedensverhandlungen gezwungen werden, doch inzwischen lehnte Tschiang Kai-shek, dem an der Befreiung des ganzen Landes gelegen war, jeglichen Kompromiss ab.1387 Schutz vor der UdSSR sollte daher der am 27. September 1940 mit Deutschland und Italien abgeschlossene Dreibundvertrag bieten. Ein Neutralitätsvertrag mit der Sowjetunion 1381 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 470. 1382 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 382. 1383 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 381, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 539 und Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 59. 1384 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 539. 1385 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 53. 1386 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 409. 1387 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 54f. 200 vom 13. April 1941 hielt Japans expansionistischer Politik zusätzlich den Rücken frei.1388 Der sowjetisch-japanische Nichtangriffspakt hatte außerdem zur Folge, dass die Sowjetunion die Hilfe für China zurückfuhr, ehe sie diese nach dem deutschen Angriff im Juni 1941 endgültig einstellen musste.1389 Während sich Japan gegenüber der Sowjetunion auf diese Weise abgesichert hatte, steuerte es durch seine expansionistischen Ambitionen jedoch zunehmend in eine Konfrontation mit den USA, die auf die Invasion Chinas 1937 mit Wirtschaftssanktionen reagierten.1390 Am schlimmsten wirkte sich das von den USA am 25. Juli 1940 verhängte Erdöl-Embargo aus,1391 das für Japan bedeutete, in einem großen Krieg nach nur neun Monaten mit den Kräften am Ende zu sein.1392 Verhandlungen über eine Normalisierung des Handelsverhältnisses, die im April 1941 begonnen worden waren, stagnierten.1393 Die Ausführungen des ehemaligen japanischen Außenministers Shigenori Togo in seinem Werk „Japan im Zweiten Weltkrieg“ lassen den Schluss zu, dass sich eine Verständigung zwischen Japan und den USA als zunehmend unmöglich erwies, je mehr sich Japan einerseits an die Achsenmächte Deutschland und Italien band und je aggressiver sein Vorgehen in Ostasien war.1394 Durch die militärische Einflussnahme auf die japanische Politik standen die Zeichen im Herbst 1941 zunehmend auf Abbruch der Verhandlungen. Shigenori Toro geht sogar so weit, von einer „Militärtyrannei“ zu sprechen, die an den zivilen Politikern in der japanischen Regierung vorbei handelte.1395 Als die Aussichten, mit den USA zu einer Einigung zu kommen, zusehends schwanden, entschloss sich der japanische Kronrat am 6. September 1941, erste Kriegsvorbereitungen gegen die USA zu treffen.1396 Der Krieg gegen China konnte auf Dauer nur fortgesetzt werden, wenn der Nachschub an Erdöl gewährleistet war. Bedeutende Öllagerstätten fanden sich im südpazifischen Raum, doch stand einem militärischen Vorgehen in dieser Region die US-Pazifikflotte im Wege. Nachdem der japanische Minister- 1388 Vgl. ebd., S. 59. 1389 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 555f. 1390 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 59f. 1391 Vgl. Shigenori Toro: Japan im Zweiten Weltkrieg, S. 77. 1392 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 62. 1393 Vgl. dazu: Shigenori Toro: Japan im Zweiten Weltkrieg, S. 57-62. 1394 Vgl. Shigenori Toro: Japan im Zweiten Weltkrieg, S. 46-108. 1395 Vgl. ebd., S. 104. 1396 Vgl. ebd., S. 87. 201 präsident Konoye, der den Krieg mit den USA vermeiden wollte, am 16. Oktober zurückgetreten war, übernahm Heeresminister General Tojo das Amt des Ministerpräsidenten und brachte das Land endgültig auf Kriegskurs.1397 Dabei war der japanischen Führung durchaus bewusst, dass das Land in einer langwierigen Auseinandersetzung mit den USA, angesichts ihrer zehnfachen industriellen Überlegenheit, unterlegen sein würde. Japan entschloss sich daher zu einer Strategie, von unbegrenzten Angriffsoperationen abzusehen und lediglich den südwestpazifischen Raum zu besetzen. Durch überraschende Schläge gegen die US-Flotte in Pearl Harbor und das südostasiatische Festland gedachte man sich eine Ausgangsposition zu schaffen, um in anschlie- ßenden schnell geführten Operationen ein System von Stützpunkten im westlichen Pazifik zu errichten. Durch einen von dieser Barriere aus geführten Defensivkrieg und gestützt auf die Ressourcen der besetzten Gebiete hoffte man, die Amerikaner zu zermürben und ihre Friedensbereitschaft erzwingen zu können.1398 Strategie, Taktik und Struktur In Kenntnis dessen, dass China nicht direkt beherrscht werden konnte,1399 war keine permanente Annexion geplant. Vielmehr sollte ein System indirekter Herrschaft miteinander verbundener kollaborierender Marionettenregime nach dem Beispiel Mandschukos etabliert werden.1400 Am 30. März 1940 wurden die Pekinger „Provisorische Regierung“ und die Nankinger „Neue Regierung“ zu einer chinesischen Nationalregierung unter Ministerpräsident Wang Chao-ming zusammengeschlossen.1401 Die kollaborierenden chinesischen Administrationen sollten sich gemäß des am 26. September 1940 verkündeten Plans einer neuen „Ordnung in Groß-Ostasien“1402 der lokalen Angelegenheiten annehmen und die Territorien durch ihre eigenen Truppen sichern.1403 Ende 1943 begannen die Japaner amerikanische und europäi- 1397 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 63f. 1398 Vgl. Zich, Arthur: Die aufgehende Sonne, Amsterdam 1979, S. 19 und vgl. Shigenori Toro: Japan im Zweiten Weltkrieg, S. 111. 1399 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 172. 1400 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 523 und S. 539f, vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 100 und Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 172. 1401 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 55. 1402 Vgl. ebd., S. 59. 1403 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 540. 202 sche Zivilisten – Deutsche und andere Verbündete ausgenommen – zu internieren.1404 Diese Maßnahme diente wahrscheinlich auch dazu, sich selbst als Befreier Asiens vom weißen Imperialismus zu inszenieren. Tatsächlich war ein gegen den europäischen Kolonialismus gerichtetes panasiatisches Motiv dem japanischen Expansionismus nach Klein nicht ganz abzusprechen.1405 Mittels der Ausgabe einer eigenen Währung versuchten die Japaner durch Wirtschaftskriegführung, die Fabi- Währung der Kuomintang zu schwächen. Den fortgesetzten Umlauf des Fabi konnte jedoch selbst dessen Verbot nicht unterbinden.1406 Neben diesen politischen Maßnahmen war die Strategie der Japaner vor allem jedoch sehr stark von militärischen Aspekten bestimmt. Die auf den 1936 aktualisierten „Richtlinien der Nationalverteidigung“ basierende japanische Militärdoktrin sah vor, den Feind durch Präventivangriffe schnell zu schlagen und in engem Zusammenwirken von Heer und Marine die rasche Entscheidung durch Offensive zu suchen.1407 Da diese und die Vernichtung der chinesischen Streitkräfte durch deren hinhaltenden Widerstand nach Kriegsbeginn 1937 ausgeblieben waren, waren die Japaner gemäß ihrer offensiven Doktrin gezwungen, den Krieg fortzusetzen und nach Westen in die Weite des Raumes vorzustoßen.1408 Hier zeigte sich, dass die Japaner kein wirkliches Konzept für den Krieg gegen China hatten, sondern lediglich dem Trugschluss eines schnellen Sieges aufgesessen waren.1409 Zunächst konnte der Vormarsch nach Zentralchina erfolgreich weiter fortgesetzt werden, doch der chinesische Widerstand verstärkte sich zusehends. Die Kämpfe des Jahres 1938 brachten den Japanern schwere Verluste und nach der Einnahme Wuhans stagnierte schließlich ihr Vormarsch.1410 Die Erkenntnis, sich auf einen langen Krieg einstellen zu müssen, führte zu einem Strategiewechsel. Eigens wurden neue Richtlinien erarbeitet, nach denen sie die besetzten Teile Chinas in „Sicherheitsräume“ und „Operationsräume“ einteilten, um dort langfristig Ordnung herzustellen. Die Sicherheitsräume sollten durch Garnisonen geschützt werden, während in den Operationsräumen Wuhan und Canton starke Kräfte bereitgestellt wurden, um chinesische Vorstöße 1404 Vgl. ebd., S. 564. 1405 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 382. 1406 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 541. 1407 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 64. 1408 Vgl. ebd., S. 37. 1409 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 399. 1410 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 536-538. 203 gegebenenfalls durch Gegenangriffe zu kontern. Gleichzeitig sollte dadurch der Operationsrahmen vergrößert werden. Neben einer Seeblockade, welche den Feind vom Nachschub abschneiden sollte, wurde der Luftkrieg intensiviert.1411 Da die Japaner indes nicht über genügend Truppen verfügten, um den weiten besetzten Raum zu decken, konnten Maos Kommunisten in ihrem Hinterland zahlreiche Guerillastützpunkte errichten.1412 Dies zwang die japanischen Streitkräfte, die für die Versorgung ihrer modernen, mit schweren Waffen versehenen Armee auf die Eisenbahnlinien angewiesen waren, dazu, diese durch ein System befestigter autonomer und sich selbst versorgender Stützpunkte zu sichern und sich schwerpunktmäßig entlang dieser Linien zu bewegen. Da diese Vorgehensweise die Guerillaaktivität jedoch nicht eindämmen konnte, setzten die Japaner schließlich ausgehend von den im Abstand von zwei bis vier Kilometern errichteten Blockhäusern kleine mobile Gruppen ein, welche die Guerillas ausmanövrieren und Kontrolle über die lokalen Dörfer ausüben sollten. Teilweise kamen auch Panzerzüge zum Einsatz, die jedoch aufgrund ihrer Schienengebundenheit wenig flexibel waren. Um die kommunistischen Guerillaverbände zu isolieren, versuchten die Japaner systematisch, das Netz von Forts und Blockadelinien auszudehnen.1413 Dies war jedoch aufwendig und kostenintensiv. Ende 1939 standen bereits über eine Million japanischer Soldaten in China und im Jahr darauf beliefen sich die Kosten des Krieges schätzungsweise auf ca. vier Millionen US-Dollar täglich. Die Verluste in den zahlreichen Scharmützeln summierten sich und die Aussichtslosigkeit des Kampfes wurde immer offensichtlicher.1414 So traf denn auch die sogenannte „Hundert-Regimenter-Offensive“1415 der 1411 Vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesisch-japanische Krieg 1937-1945, S. 51f. 1412 Vgl. Lin Biao: Es lebe der Sieg im Volkskrieg, S. 234. 1413 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 248-250 und vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 230f. 1414 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 400. 1415 Die Kommunisten gingen im August 1940 mit rund 400.000 Mann unter General Peng Dehuai gegen das Stützpunktsystem und die Verbindungslinien der Japaner vor. Wenn diesen auch in einer Serie von Angriffen erheblicher materieller Schaden an Infrastruktur und Logistik entstand, erlitten die Kommunisten letztlich dennoch eine schwere Niederlage. Durch ihr massenhaftes Auftreten waren sie für die Japaner greifbar geworden und brachen schließlich unter den entschlossen geführten Gegenschlägen zusammen. (vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 39, vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 230, vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 550f und S. 555, vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250 und 204 Kommunisten gegen das japanische System von Sicherungseinrichtungen im August 1940 die Japaner zunächst schwer. Viele Bahnlinien wurden unterbrochen und zahlreiche Forts zerstört.1416 Nach den kommunistischen Erfolgen in den ersten Wochen führten die Japaner jedoch Reserven heran und gingen zum Gegenangriff über.1417 Auch wenn die Kommunisten schließlich zurückgeworfen wurden,1418 hatten die Japaner mit den Schwierigkeiten eines unbekannten Geländes und mangelnder Informationen über die Bewegungen des Feindes zu kämpfen. Es wurde offenkundig, welche Bedeutung die Bevölkerung für die Guerillakriegführung – u. a. für Nachrichtenwesen und sonstige Hilfsleistungen – besaß. Die Japaner reagierten hierauf mit brachialer Gewalt.1419 Ihr Feldzug gegen die Guerillas ging einher mit einer Terrorwelle in Nordchina, weshalb die chinesischen Kommunisten den Japanern unterstellten, nach dem Prinzip eines „dreimal-alles“ vorzugehen: alles töten, alles verbrennen, alles plündern.1420 Unterschiede zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten wurden dabei nicht gemacht.1421 Ganze Dörfer wurden ausgelöscht und Tausende Menschen massakriert. Teilweise kam sogar Giftgas1422 zur Anwendung.1423 Das Resultat war, dass die kommunistische Position in Nordchina zerschlagen wurde und der Großteil der dortigen Ortschaften in die Hand der Japaner fiel. Zur Sicherung der den Guerillas abgerungenen Gebiete wurden mehrere tausend neue Forts errichtet und in den zerstörten Dörfern Garnisonen stationiert.1424 Laut Lin Biao verringerten vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), S. 310.) 1416 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 1417 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 557. 1418 Vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), S. 310. 1419 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 230f. 1420 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250 und vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 310. 1421 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 1422 Die Japaner setzten hierbei und sehr wahrscheinlich auch bei anderen Gelegenheiten in teilweise erheblichem Umfang chemische und selbst biologische Kampfstoffe mit möglicherweise bis zu 10.000 zivilen Opfern ein. In diesem Zusammenhang ist vor allem die sogenannte „Einheit 731“ zu nennen. (vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931- 1945), S. 311f und S. 314f und vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 399.) 1423 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 557 und vgl. Zöllner: Ein ostasiatischer Holocaust? Japans Aggression in China (1931-1945), S. 310. 1424 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 205 sich die Ausmaße der kommunistischen Stützpunktgebiete deutlich. Während sie 1940 noch rund 100 Mio. Einwohner umfasst hatten, lebten 1943 in ihnen noch etwa 50 Mio. Menschen.1425 In der Folge blieben weitere Offensiven der Kommunisten in dieser Größenordnung aus.1426 Die gewünschte Abschreckung durch diese brutale Vorgehensweise wurde jedoch nur bedingt erreicht. Nicht selten wurde schlichtweg neuer Hass gesät, der von den kommunistischen Guerillas ausgenutzt wurde.1427 Die Japaner hatten jedoch erkannt, dass die zunehmenden Guerillaaktivitäten in ihrem Hinterland inzwischen die vorrangige Bedrohung darstellten.1428 In Nord- und Mittelchina sahen sie sich gezwungen, 18 von 36 Divisionen abzustellen, um gegen die 8. Marsch-Armee vorzugehen. Gegen die Neue Vierte Armee in Mittelchina wurden vier Divisionen, vier selbstständige Brigaden und 200.000 gepresste „Hilfswillige“ eingesetzt.1429 In Mandschuko griffen die Japaner zu einer rücksichtslosen Umsiedlungspolitik, bei der mehr als fünf Millionen Menschen in sogenannten „Kollektivdörfern“ in abgelegenen Landstrichen zusammengefasst und unter Polizeiaufsicht gestellt wurden. Ihre Heimatdörfer wurden zerstört, um dem Feind Möglichkeiten des Unterschlupfs zu nehmen. Trotz dieser örtlichen Erfolge, durch welche die Japaner erreichten, dass es in Mandschuko nur noch versprengte Gruppen von Kommunisten gab,1430 gelang es ihnen jedoch nicht, die Bedrohung durch die chinesischen Guerillas gänzlich zu beseitigen. Der Krieg in China stagnierte. Verloren ging er für das Japanische Kaiserreich schließlich dadurch, dass es ihn durch den Angriff auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor im Dezember 1941 zum Weltkrieg ausgeweitet hatte. Sich seit der Niederlage bei Midway im Sommer 1942 gegenüber den Westalliierten in der Defensive befindend, musste es schließlich am 14. August 1945 kapitulieren, nachdem auf Hiroshima und Nagasaki Atombomben gefallen waren.1431 1425 Vgl. Lin Biao: Es lebe der Sieg im Volkskrieg, S. 235. 1426 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 250. 1427 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 558. 1428 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 128. 1429 Vgl. Hanrahan: Die rotchinesische Armee und der Guerillakrieg, S. 231. 1430 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 586. 1431 Vgl. Klein: Japan im Krieg, S. 417 und vgl. Tschiang Wei-kuo: Der chinesischjapanische Krieg 1937-1945, S. 73f und S. 82. 206 2.2.5. Die Guerillatheorie Mao Tse-Tungs Der am 19. November 1893 in Hunan geborene Mao Tse-tung1432 verließ die örtliche Elementarschule im Alter von 13 Jahren und bildete sich in der Folge vor allem autodidaktisch weiter, ehe er sich entschloss, seine Studien wieder aufzunehmen. Er ging auf ein Internat und studierte Geschichte – auch westliche – sowie Geographie.1433 Bereits in jungen Jahren befasste er sich u. a. mit den Schriften von Montesquieu, Mill, Rousseau und Spencer.1434 Nach eigenen Angaben seit 1920 Marxist,1435 wohnte er im Juli 1921 der Gründungsversammlung der KPCh in Schanghai bei.1436 Während der folgenden Jahre sammelte er politische Erfahrungen als Parteisekretär in seiner agrarisch geprägten Heimatprovinz Hunan, wo er die örtlichen Arbeiterverbände organisierte.1437 Schließlich rückte er bis ins Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas auf.1438 Im August 1927 wurde er nach Changsa geschickt, um dort den später sogenannten „Herbsternte- Aufstand“ zu organisieren.1439 Erstmals erarbeitete er dabei ein politisches Programm, welches neben der Aufstellung einer Revolutionsarmee aus Arbeitern und Bauern sowie der Beschlagnahmung des Eigentums von Gutsbesitzern auch die Organisierung von Räten (Sowjets) vorsah.1440 Da der Aufstand jedoch unter großen Verlusten scheiterte und sein Programm vom Zentralkomitee nicht genehmigt worden war, ließ ihn die Parteiführung fallen1441 und enthob ihn im November 1927 seines Postens im Zentralkomitee.1442 Mao, der Chang/Halliday zufolge durch den Aufstandsversuch jedoch primär das Ziel verfolgt hatte, eigene Truppen in die Hand zu bekommen,1443 verfügte nun jedoch 1432 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 290. 1433 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 133, S. 136f, S. 139 und S. 141. 1434 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 370 1435 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 157f. 1436 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 230. 1437 Vgl. Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 94. 1438 Vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 74. 1439 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 166 und vgl. Pantsov/Levine: Mao – Die Biographie, S. 272-276. 1440 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 74. 1441 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 168. 1442 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 451. 1443 Vgl. Chang/Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, S. 75. 207 über eine Streitmacht von annähernd 1.500 Mann,1444 die zur Keimzelle der Roten Armee werden sollten.1445 Er hielt seine Verbände in den Jinggang-Bergen zusammen und verweilte dort bis zum Herbst 1928.1446 Unter dem Druck der Kuomintang-Truppen wich er in das Grenzgebiet zwischen Jiangxi und Fujian aus und errichtete hier den sogenannten Jiangxi-Sowjet.1447 Dort entwarf er eine neue politische Strategie, welche sich nicht mehr an den Weisungen Moskaus, sondern an den spezifischen Bedingungen Chinas orientierte. Franz-Willing zufolge erkannte er als einer der ersten die führende Bedeutung der Bauern für die chinesische Revolution und zog hieraus die ihm richtig erscheinenden Schlüsse.1448 Als sich Maos Strategie des Aufbaus von Sowjetgebieten zur Einkreisung der Städte vom Lande aus in der Praxis als erfolgreicher erwies als jene seines Antagonisten Li Li-San, die Macht in den Städten durch das dortige Proletariat zu erringen,1449 spiegelte sich dies auch in seinem neuerlichen Aufstieg in der Parteihierarchie wider.1450 Letztlich durchsetzen konnte er sich gegen seine Gegner jedoch erst nach der schweren Niederlage des Jahres 1934.1451 Bereits Vorsitzender der Zentralen Sowjetregierung,1452 avancierte er im Januar 1935 schließlich auch zum militärischen Oberbefehlshaber1453 und zum Führer des „Langen Marsches“.1454 In der Folge verloren die Abgesandten der Komintern zunehmend an Einfluss auf die KPCh.1455 Nach dem Eintreffen der Kommunisten in Yan’an arbeitete Mao gezielt 1444 Vgl. ebd., S. 77. 1445 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 37. 1446 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 168. 1447 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 451. 1448 Vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 151 und vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 454. 1449 Vgl. Schickel, Joachim: Die Lehren des Mao Tse-tung, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Permanente Revolution von Marx bis Marcuse, München 1969, S. 26- 40, hier S. 30 und vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 105f. 1450 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 88 und S. 93 und vgl. Franz-Willing: Neueste Geschichte Chinas, S. 159. 1451 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 148, vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 50 und vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 107. 1452 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 492f. 1453 Vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 105 und vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 50. 1454 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 492f. 1455 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 107 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 107. 208 an seinem Personenkult.1456 Da er weniger als guter Redner galt, war sein Aufstieg vor allem seiner Bedeutung als Stratege geschuldet. Seine Schriften verschafften ihm den Nimbus des weisen Gelehrten, der in China traditionell eine hohe Anerkennung besaß.1457 Während des Zweiten Weltkriegs übernahm Mao den Vorsitz des Politbüros und des Zentralkomitees.1458 1945 wurde das Amt des Vorsitzenden des Politbüros geschaffen, der mit seinen vier Stellvertretern einen Ständigen Ausschuss bildete.1459 Offizielle Bezeichnung Maos war nun „Vorsitzender der ‚Sowjetrepublik des chinesischen Volkes’“.1460 Im gleichen Jahr erhob der 7. Parteitag Maos Ideen zu den Leitlinien der Revolution.1461 Es gibt Hinweise darauf, dass in Maos Guerillakonzeption auch Ideen westlicher Militärtheoretiker wie Jomini und Lawrence einflossen.1462 Dass er sich mit Clausewitz befasst hat, gilt inzwischen als gesichert.1463 Zahlreiche Parallelen zu diesem scheinen bei Mao immer wieder durch.1464 Prägend war für ihn jedoch vor allem die Auseinandersetzung mit Sun Tzu.1465 Nach Stahel sind dessen 13 Thesen sogar Ausgangspunkt von Maos Guerillakonzept1466 und Willkens zufolge stellt Maos Theorie „eine Mischung von kommunistischer Parteilinie, 1456 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 64. 1457 Vgl. ebd., S. 60f. 1458 Vgl. ebd., S. 65. 1459 Vgl. Snow: Roter Stern über China, S. 493. 1460 Vgl. ebd., S. 91. 1461 Vgl. Wemheuer: Mao Zedong, S. 66. 1462 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 193 und vgl. Jacobs, Walter D: Mao Tse-tung als Guerillakämpfer näher betrachtet, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel – 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 234-248, hier S. 236. 1463 Vgl. Halbeisen, Hermann: Mao Zedong: Krieg als Revolution, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 239-247, hier S. 241 und vgl. Schmitt: Clausewitz als politischer Denker, S. 419. 1464 Indem er beispielsweise Lenin mit den Worten „‚Krieg ist nur die Fortsetzung der Politik mit anderen … Mitteln.‘“ (Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 168.) zitiert, wird deutlich, dass ihm Clausewitz Gedanken zumindest indirekt vertraut waren. 1465 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 193 und vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 291f. 1466 Vgl. Stahel, Albert A.: Klassiker der Strategie – eine Bewertung, 4. Auflage, Zürich 2004, S. 7. 209 eigenen praktischen Erfahrungen und Thesen Sun Tzus dar“.1467 Mao hatte Sun Tzu eingehend studiert1468 und berief sich bewusst auf ihn.1469 Dahinter stand die Erkenntnis, dass sich Waffen und Waffensysteme über Jahrhunderte und Jahrtausende zwar änderten, bestimmte Grundfaktoren – wie Gelände, Wetter, Raum, Strategie und die Moral der Truppen – jedoch gleich bleiben.1470 Anders als jene von Clausewitz sind Maos Schriften keine abstrakten akademischen Abhandlungen oder nachträgliche Darstellungen,1471 sondern sie waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung „Akte der Kriegführung selbst, Anweisungen, Richtlinien und Handreichungen für Mitarbeiter und Unterführer.“1472 Seine Schriften spiegeln seine eigenen, praktisch gesammelten Erfahrungen wider,1473 von denen er die ersten während des fehlgeschlagenen Herbsternteaufstands von 1927 machte.1474 Bereits im Frühjahr 1928 formulierte er im Djinggang-Gebirge mit den „drei Regeln zur Disziplin“1475 erste grundlegende Prinzipien für das Führen eines Guerillakrieges. Kurz darauf ergänzte er diese durch die „sechs Regeln zur Beachtung“1476, die in den folgenden Jahren teilweise 1467 Wilkins: Guerillakriegführung, S. 36. 1468 Vgl. Taber, Robert: Der Krieg der Flöhe, München 1971, S. 159. 1469 Siehe u. a. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 45, S. 64 und S. 68f und Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 178 und S. 180. An diesen Stellen bezieht sich Mao direkt oder indirekt auf die von Sun Tzu entwickelten Prinzipien. 1470 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 160. 1471 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 157f. 1472 Ebd., S. 157f. 1473 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 193 und vgl. Halbeisen: Mao Zedong: Krieg als Revolution, S. 239f. 1474 Vgl. Dinegar: Der „Lange Marsch“ als erweiterter Guerillakrieg, S. 210 und vgl. dazu auch Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 65. 1475 In ihrer endgültigen, 1947 noch einmal für alle Truppenteile vereinheitlichten und verbindlichen Fassung lauteten die Hauptregeln der Disziplin: „Gehorche dem Kommando in allem was Du tust“, „Nimm den Massen nicht eine Nadel, nicht einen Faden weg“ und „Liefere alles Beutegut ab.“ (Mao: Instruktion des Oberkommandos der Chinesischen Volksbefreiungsarmee über die erneute Bekanntmachung der drei Hauptregeln der Disziplin und der acht Punkte zur Beachtung (10. Oktober 1947), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 409-410, hier S. 409.) 1476 Die schließlich auf „Acht Punkte zur Beachtung“ ausgeweiteten Regeln waren: „Sprich höflich“, Sei ehrlich, wenn du etwas kaufst und verkaufst“, „Gib zurück, was du entliehen hast“, „Bezahle für das, was du beschädigt 210 modifiziert wurden.1477 Diese Grundsätze sollten verhindern, dass die Truppe zu einer undisziplinierten Bande verkam, welche die Landbevölkerung tyrannisierte und sich damit der eigenen Existenzgrundlage entzog. Anders als die am klassischen Marxismus orientierte Parteiführung hatte Mao, der die meiste Zeit seines Lebens auf dem Lande zugebracht hatte,1478 die Landbevölkerung als revolutionäres Subjekt erkannt.1479 Er hatte deren enormes revolutionäres Potential bereits Anfang 1927 als Zeuge von Bauernaufständen analysiert und war von ihrer Energie und ihrem politischem Bewusstsein sehr beeindruckt gewesen.1480 Hieraus schloss er, dass der Erfolg der Kommunisten in China nur vom Lande und nicht vom Industrieproletariat der großen Städte, wo die Staatsgewalt unüberwindbar stark war, ausgehen konnte.1481 In seinen Augen gab die stark agrarisch geprägte soziale Struktur Chinas eine auf die städtische Arbeiterschaft bezogene revolutionäre Strategie nicht her.1482 Die Entdeckung Maos, dass ein Volkskrieg1483 auf Basis einer revolutionär gesinnten und entsprechend organisierten ländlichen Bevölkerung durch konventionelle Kriegführung nicht zu besiegen sei,1484 nannte Haffner eine „große militärische Entdeckung“, die „mit der physikalischen – nicht der militärischen – Entdeckung der Kernenergie verglichen werden“1485 könne. Mao hatte sich lange Zeit nur wenig mit Marx befasst – erst 1936 in Yan’an sollte er dazu kommen, ihn zu lesen – und war daher praktischen Erwägungen gegenüber offener als orthodoxe Marxisten. Ihm gelang es daher, die sozialistischen Ideen an die spezifischen Bedingungen der chinesischen Verhältnisse anzupassen und aus dieser Sinifihast“, „Schlage und beschimpfe niemanden“, „Beschädige nicht die Ackerbaukulturen“, „Belästige keine Frauen“ und „Mißhandle nicht Gefangene“. (Mao: Instruktion des Oberkommandos der Chinesischen Volksbefreiungsarmee über die erneute Bekanntmachung der drei Hauptregeln der Disziplin und der acht Punkte zur Beachtung (10. Oktober 1947), S. 409.) 1477 Vgl. Mao: Instruktion des Oberkommandos der Chinesischen Volksbefreiungsarmee über die erneute Bekanntmachung der drei Hauptregeln der Disziplin und der acht Punkte zur Beachtung (10. Oktober 1947), S. 410. 1478 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 46. 1479 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 230. 1480 Vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 434. 1481 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 161. 1482 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 46. 1483 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 174. 1484 Vgl. ebd., S. 159 und S. 162. 1485 Ebd., S. 159. 211 zierung des Marxismus ein theoretisches Konstrukt zu entwerfen, welches später als Maoismus bezeichnet werden sollte.1486 Da ihm zufolge Erkenntnisse und Konzepte vergangener Kriege – wie beispielsweise der Russischen Revolution1487 – nicht ohne weiteres übernommen werden konnten,1488 setzte für ihn die Erarbeitung einer Strategie eine eingehende militärische, politische und ökonomische Analyse voraus.1489 Es kam darauf an, die spezifischen, vor Ort herrschenden Bedingungen herauszufinden, um das eigene Vorgehen darauf abzustimmen und gegebenenfalls je nach Lage anzupassen.1490 Dabei sollte stets die objektiv beste Aktion mit Blick auf das strategische Gesamtziel gefunden werden. Ausgangspunkt sämtlicher strategischer Überlegungen im Kampf gegen die Kuomintang und Japan war die Erkenntnis, dass die eigene Schwäche in direkter Konfrontation zur Niederlage führen würde.1491 Die genannten Gegner verfügten über moderne Armeen und hielten die Schlüsselstellungen des Landes besetzt, während die kommunistischen Streitkräfte verhältnismäßig schwach waren und ihren Fortbestand vor allem durch die Basen in den abseits gelegenen Gebirgsgegenden wahrten.1492 Aus dieser Position der strategischen Defensive1493 galt es, „die eigene Kraft zu erhalten und den Gegner zu vernichten“1494. Angesichts des sozialen und topographischen Rahmens schien Mao der Guerillakrieg das geeignete Mittel zu sein.1495 Seiner Auffassung nach waren die erforderlichen revolutionären Bedingungen vorhanden1496 und deren Anwachsen zwangsläu- 1486 Vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 251, siehe auch S. 251-258. 1487 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 49. 1488 Vgl. ebd., S. 38. 1489 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 36 und S. 41 und vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 167. 1490 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 44f. 1491 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 104 und vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 79. 1492 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 51. 1493 Vgl. ebd., S. 58. 1494 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan – Mai 1938, S. 105. Vgl. dazu auch ebd. S. 106 und Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 58. 1495 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 50f. 1496 Vgl. Mao: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), S. 328. 212 fig, so dass somit „aus einem Funken (…) ein Steppenbrand entstehen“1497 könne. Angesichts des stark ausgeprägten Ungleichgewichts im Kräfteverhältnis zwischen den Konfliktparteien war ihm jedoch bewusst, dass der Krieg nicht nur sehr lange dauern würde, sondern auch müsse, wenn sich dieses umkehren solle.1498 Insbesondere im Falle des Japanischen Kaiserreichs ging Mao davon aus, dass es einen langen Krieg nicht durchhalten würde können,1499 während China über ein weiträumiges Land mit vielen Ressourcen und großer Bevölkerung verfügte.1500 Ihm zufolge stand Japan vor dem Problem, dass die Zahl seiner Truppen nicht ausreichte, um das weite Hinterland zu sichern.1501 Dies bot Mao den erforderlichen Raum zur Führung eines die begrenzten japanischen Ressourcen und Reserven aufzehrenden Guerillakrieges.1502 Er entwarf daher die „Strategie des verlängerten Krieges“,1503 welche auch auf die Bevölkerung des Gegners und deren Kriegsbereitschaft abzielte: Da Chinas Krieg „vom Fortschritt bestimmt, und darum (…) ein gerechter Krieg“ sei, könne er auch „die Sympathie der japanischen Bevölkerung erregen“1504, zumal er unterstellte, dass viele Menschen in Japan und selbst japanische Frontsoldaten gegen den Eroberungskrieg ihres Landes seien.1505 Hierauf gründeten sich die Hoffnungen auf ein „Anschwellen der revolutionären Bewegung in Japan und in den japanischen Kolonien“1506, damit schließlich eine Revolution die herrschenden imperialistischen Kreise stürzen und ein neues Japan hervorbringen würde:1507 „Der chinesischjapanische Krieg wird China und Japan verändern.“1508 Es werde „aus dem alten Japan sicherlich ein neues Japan und aus dem alten China ein neues China werden.“1509 Die Niederlage Japans würde „zu einer 1497 Vgl. Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 74. 1498 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 52. 1499 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 145. 1500 Vgl. ebd., S. 142. 1501 Vgl. ebd., S. 138f. 1502 Vgl. ebd., S. 142 und S. 173. 1503 Vgl. ebd., S. 151-154. 1504 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 142. 1505 Vgl. ebd., S. 135. 1506 Ebd., S. 137. 1507 Vgl. ebd., S. 149. 1508 Ebd., S. 149. 1509 Ebd., S. 149. 213 Revolution des japanischen Volkes führen“1510. Um die Überlegenheit des Gegners zu kompensieren, kam daher der Zeit als eine der entscheidenden Faktoren der Truppenführung1511 zentrale Bedeutung zu.1512 Obwohl es mittels einer flexiblen Guerillataktik gelungen war, die ersten, von Mao als „Ausrottungsfeldzüge“1513 bezeichneten Offensiven der Kuomintang abzuwehren, verlegten sich die Kommunisten schließlich darauf, den Feind statisch abzuwehren und Schlüsselstellungen zu verteidigen. Da Mao diese geänderte Direktive für die Ursache der schweren Niederlage im Jahre 1934 hielt,1514 arbeitete er in der Folge sein Konzept des Guerillakrieges weiter aus.1515 Den Verlauf eines Widerstandskrieges beschrieb Mao dabei in drei Phasen: Die Phase der strategischen Defensive, die Phase des Gleichgewichts zwischen den Kriegsparteien und die Phase der eigenen strategischen Gegenoffensive.1516 Während der Feind im Angriff begriffen sei und man selbst sich in der strategischen Defensive befinde,1517 gelte es, diesen abzunutzen und durch Verluste zu schwächen, gleichzeitig aber die eigenen Kräfte zu schonen.1518 Durch das fortwährende Erstarken der eigenen Kräfte stelle sich allmählich ein Gleichgewicht ein. Der Feind sei genötigt, dass bislang Erreichte zu sichern und in die Verteidigung überzugehen.1519 Die hierdurch verursachten hohen Kosten und die Verluste durch die Kämpfe führten demnach zu einer Überlastung der feindlichen Wirtschaft und einem Sinken der Kampfmo- 1510 Ebd., S. 149. 1511 Vgl. ebd., S. 181. 1512 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 194. 1513 Vgl. Mao: Warum kann die chinesische rote Macht bestehen? (5. Oktober.1928), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 5-16, hier S. 10. 1514 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 65f. 1515 Vgl. dazu die in Mao Tse-tung: Theorie des Guerillakrieges, Reinbek bei Hamburg 1966 und in Mao Tsetung: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969 gesammelten zentralen Aufsätze Maos zu militärischen Themen. 1516 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 172. Vgl. dazu auch: Mao: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), S. 340. 1517 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 154. 1518 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 158 und S. 161. 1519 Vgl. ebd., S. 154f. 214 ral.1520 In diesem „Stadium des strategischen Stillstands“1521, verschiebe sich die Waage zunächst zu einem Gleichgewicht und schließlich zugunsten des ursprünglich schwächeren strategischen Akteurs.1522 Diese Phase, die vor allem durch den Guerillakrieg gekennzeichnet sei,1523 würde sehr lange dauern,1524 aber auch die entscheidende sein.1525 Sie münde in die dritte Phase, in der man schließlich selbst aus einer Position der Überlegenheit1526 zur strategischen Offensive übergehen würde1527 und sich die eigenen Operationen von den strategischen inneren Linien1528 auf die äußeren verlagerten.1529 An Stelle des Guerillakriegs trete nunmehr der reguläre Krieg, der als Bewegungs- und Stellungskrieg geführt werde.1530 Obwohl in dieser Phase dem Guerillakrieg nur noch eine Unterstützungsfunktion zukomme,1531 behalte die kommunistische Streitmacht dennoch ihren grundsätzlichen Guerillacharakter:1532 „Guerilla-Charakter ist unser Kennzeichen, unsere Stärke und das entscheidende Mittel, unseren Feind zu schlagen“1533. Entsprechend besitzt der Guerillakrieg bei Mao in allen drei Phasen strategische Bedeutung.1534 Wenn es sich auch beim regulären Kampf um 1520 Vgl. ebd., S. 139f. 1521 Vgl. ebd., S. 155. 1522 Vgl. ebd., S. 159. 1523 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 157 und S. 186. Vgl. dazu auch: Mao: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), S. 340. 1524 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 156. 1525 Vgl. ebd., S. 157. 1526 Vgl. ebd., S. 159. 1527 Vgl. ebd., S. 154. 1528 Mao nimmt bei seinen strategischen Überlegungen eine Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Linien vor. Während defensive Operationen auf den inneren stattfinden, werden Offensivhandlungen auf den äußeren Linien verortet. Kriegführung auf den äußeren Linien drängt auf schnelle Entscheidungen, jene auf den inneren hingegen verfolgt eine langandauernde Strategie. (vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 184.) 1529 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 157. 1530 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 187 und vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 90. 1531 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 157. 1532 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 90. 1533 Ebd., S. 88. 1534 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 186. 215 den „Schlüssel zum endgültigen Ausgang des Krieges“1535 handele, sei der Sieg jedoch ohne den Guerillakrieg nicht möglich.1536 Mao war sich dessen bewusst, dass seine Guerillakonzeption weit über ein taktisches Mittel hinausreichte: „Chinas Guerillakriegführung gegen Japan [hat] die Grenzen der Taktik gesprengt und den Bereich der Strategie betreten, so daß man ihn also auch vom strategischen Standpunkt aus betrachten muß.“1537 Auch wenn Mao häufig als bedeutender Theoretiker des Guerillakrieges gesehen wird1538 und man seine Streitkräfte für eine Partisanen- bzw. Guerillaarmee hält1539, unterschied Mao selbst sehr wohl zwischen regulären Hauptstreitkräfte der Roten Armee und Guerillas. Für Mao war die Rote Armee eine reguläre Armee und keine Guerillaorganisation. Die Guerillakriegführung1540 war für ihn lediglich ein wesentlicher Bestandteil ihrer Strategie.1541 Aus Maos Guerillatheorie lassen sich verschiedene Grundsätze herauskristallisieren, die erforderlich waren, um in einem solchen langen und beschwerlichen Krieg bestehen zu können. Die wichtigste Voraussetzung für den Sieg war demnach letztlich die Unterstützung der Massen,1542 welche den Kern seines Konzepts des Volkskrieges ausmachte1543 und für ihn der zentrale kriegsentscheidende Aspekt war,1544 denn ihm zufolge lag die „reichste Quelle der Kriegführung (…) in den Volksmassen.“1545 Durch strikte politische Disziplin und 1535 Mao: Probleme des Krieges und der Strategie (6. November 1938), S. 340. 1536 Vgl. ebd., S. 340. 1537 Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 104. 1538 Vgl. Halbeisen: Mao Zedong: Krieg als Revolution, S. 239 und vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 157. 1539 Vgl. dazu u. a. Llanque: Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit, S. 151. 1540 Auch wenn Mao Tse-tung im Westen als Vater der Guerillakriegführung gilt, leitet sich das von ihm hierfür verwandte Wort „ju tschi tschan“ von den Begriffen reisen oder umherstreifen, schlagen oder angreifen, Krieg oder Schlacht her. Die Übersetzung „Guerillakrieg“ ist daher etwas vereinfacht und bildet Maos Intention nicht genau ab. (vgl. Jacobs: Mao Tse-tung als Guerillakämpfer näher betrachtet, S. 234.) 1541 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 98. 1542 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 169. 1543 Vgl. Mao: Über die Koalitionsregierung (Auszüge: „Der Volkskrieg“, „Die Armee des Volkes“) (24. April 1945), in: Ders.: Ausgewählte militärische Schriften, Peking 1969, S. 363-370, S. 364. 1544 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 169 und vgl. Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 71f. 1545 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 198. 216 entsprechender Behandlung der Bevölkerung, wollte er diese für die eigene Sache gewinnen.1546 Die Grenzen zwischen Roter Armee und Bevölkerung sollten verschwimmen: „Manche Leute halten es für unmöglich, daß eine Guerillaeinheit sich längere Zeit hinter der Linie des Feindes halten kann. Dieser Standpunkt beruht auf einer Unkenntnis der Beziehung zwischen Armee und Volk. Die Volksmassen sind wie Wasser, in dem sich die Armee wie ein Fisch bewegt.“1547 Eine weitere wichtige Grundlage der Guerillakriegführung war aus Maos Sicht eine genaue Planung.1548 Gemeinsam mit der notwendigen Flexibilität, unter der Mao die „Geschicklichkeit einer abwechslungsreichen Taktik“1549 beim Einsatz der Streitkräfte verstand,1550 ließ sich dadurch die Initiative, als „Handlungsfreiheit einer Armee im Gegensatz zu einem erzwungenen Verlust dieser Freiheit“1551, erringen.1552 Diese sei gerade im Guerillakrieg von entscheidender Bedeutung, da dieser unter schwierigsten Bedingungen ausgetragen würde.1553 Gehe Guerillas die Initiative verloren, drohe ihnen die Niederlage.1554 Gelinge es ihnen durch die fortwährende lokale Initiative langfristig auch eine strategische Überlegenheit zu erkämpfen, könne auf diese Weise auch die insgesamt schwächere Seite letztlich erfolgreich sein.1555 1546 Vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 53. Vgl. dazu auch Mao: Instruktion des Oberkommandos der Chinesischen Volksbefreiungsarmee über die erneute Bekanntmachung der drei Hauptregeln der Disziplin und der acht Punkte zur Beachtung (10. Oktober 1947), S. 409f. 1547 Vgl. Mao Tse-tung: Auszug aus der Schrift „Sämtliche Probleme des antijapanischen Partisanenkrieges“ von 1938, in: Stuart R. Schram: Das Mao- System – Die Schriften von Mao Tse-tung. Analyse und Entwicklung, München 1972, S. 253. 1548 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 113. 1549 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 182. 1550 Vgl. ebd., S. 181. 1551 Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 176. Sie dazu auch: Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 109. 1552 Vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 111. 1553 Vgl. ebd., S. 110. 1554 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 176. 1555 Vgl. ebd., S. 179. 217 Wenn auch Mao nicht der Urheber1556 der Guerillastrategie der Gongchandang war, ist es jedoch sein Verdienst, dem Guerillakrieg in seinen Schriften „ein wissenschaftliches System“ gegeben zu haben,1557 indem er mehrere zuvor zusammenhanglose und nicht näher erforschte Methoden zu einem geschlossenen Modell zusammenfasste.1558 Durch das diesem innewohnende Prinzip einer zur regulären Streitmacht heranwachsenden Guerilla leistete er laut Wilkins einen Beitrag zur Theorie des Guerillakrieges, der weit über Lawrence hinausging.1559 Indem er dem Guerillakrieg eine strategische Dimension verlieh,1560 ist er laut Haffner der Erfinder einer neuen Art der Kriegführung.1561 Für Schmitt war Maos Konzept des revolutionären Volkskriegs („renmin zhanzheng“1562) „Höhepunkt einer theoretischen Entwicklung, die mit den Überlegungen von Clausewitz ihren Anfang genommen hatte.“1563 Sein Konzept der von Haffner so bezeichneten „Totalguerilla“1564 fand weltweit Nachahmer.1565 Haffner warnte jedoch davor, es ohne weiteres auf andere Länder und Situationen zu übertragen.1566 Eine Adaption einzelner Elemente sei laut Müller-Borchert nur dann möglich, wenn ein vergleichbares Ziel anvisiert1567 und von gleichen Bedingungen ausgegangen werde. Sie dürften auch nicht von „weiteren Taktiken, Techniken und Mitteln gelöst werden, in deren Kombination sie erst wirksam wurden“1568 oder im Widerspruch zum selbst ent- 1556 Bereits Ende 1927 hatte der Generalsekretär der kommunistischen Partei, Qu Qiubai, die These aufgestellt, dass der Guerillakampf angesichts der Zersplitterung Chinas, der sich bekriegenden Junfa und der Schwäche der Zentralmacht das richtige Mittel sei. (vgl. Adolphi: Mao – Eine Chronik, S. 79.) 1557 Vgl. Katzenbach/Hanrahan: Die revolutionäre Strategie Mao Tse-tungs, S. 191. 1558 Vgl. ebd., S. 193. 1559 Vgl. Wilkins: Guerillakriegführung, S. 36f. 1560 Vgl. Schrupp: Die Partisanentheorie Mao Tse-tungs, S. 99. 1561 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 157. 1562 Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949, S. 94. 1563 Zitiert nach Ronneberger, Joachim Klaus: Der Partisan im terroristischen Zeitalter – Vom gehegten Krieg. Carl Schmitt und Paul Virilio im Vergleich, in: Herfried Münkler (Hrsg.): Der Partisan – Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 81-95, hier S. 91. 1564 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 160. 1565 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 24. 1566 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 158 und vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 59. 1567 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 59. 1568 Ebd., S. 60. 218 wickelten Konzept stehen. Vor einer Übernahme von Maos Ideen müsse daher eine eingehende Analyse der objektiven Bedingungen erfolgen.1569 2.2.6. Strategische Betrachtungen Ebenso wie Mao war auch sein Kontrahent Tschiang Kai-shek aus innerparteilichen Auseinandersetzungen als Führer seiner Bewegung hervorgegangen. Angesichts der ausgesprochen heterogenen Zusammensetzung der Kuomintang und der ausgeprägten Fraktionierung hatte er alle Mühe gehabt, sie einer straffen Führung zu unterwerfen. Um dennoch seine strategischen Ziele realisieren zu können, entkoppelte er seine Regierung in Nanking zunehmend von der Partei und etablierte schließlich eine Diktatur, die auch ihm die Erarbeitung und Umsetzung einer monologisch formulierten Strategie ermöglichte. Dass ihn seine eigenen Offiziere im Dezember 1936 in Xi’an festsetzten und ihn entgegen seiner Absichten zwangen, ein Bündnis mit seinen kommunistischen Erzfeinden einzugehen, zeigte allerdings, wie fragil seine Machtposition tatsächlich war. Dieser erzwungene Richtungswechsel führte dazu, dass der Marschall vorübergehend von seiner antikommunistischen Politik abgebracht wurde, was er jedoch durch den Bruch des Bündnisses im Jahr 1941 und der Wiederaufnahme offener Feindseligkeiten später wieder zu korrigieren wusste. Dies ist ein Beleg für seinen kontinuierlichen Strategieansatz, der sich systematisch an seinen strategischen Vorgaben orientierte, welche aus den aus seiner eingehenden Analyse der politischen Lage in China abgeleiteten Zielen hervorgegangen waren. Bedingt durch seine politischen Überzeugungen war seine Strategie demnach kompassgesteuert und an den einmal gesetzten Schwerpunkten ausgerichtet. Um China zu einigen, einen starken Nationalstaat zu schaffen und das agrarisch geprägte Land ebenso zu industrialisieren wie zu modernisieren, mussten mit den sich eines stetigen Zulaufs erfreuenden Kommunisten und dem imperialistischen Japan zwei potentielle Bedrohungen beseitigt werden. Spätestens seit der japanischen Annexion der Mandschurei 1931 hatte er keinen Zweifel mehr an den Expansionsabsichten Japans. Da China dem im gegenwärtigen Zustand wenig entgegenzusetzen hatte, schien ihm dringender Handlungsbedarf geboten. Wollte China gegen- über der japanischen Bedrohung bestehen, waren grundlegende Re- 1569 Vgl. ebd., S. 60. 219 formen erforderlich. Das Land musste – und sei es mit Gewalt – geeint, die Wirtschaft industrialisiert und die Armee modernisiert werden. Um diese Zwischenziele zu erreichen, benötigte er jedoch Zeit. Der Marschall versuchte daher den für unausweichlich gehaltenen Krieg gegen das Kaiserreich hinauszuzögern, um sich unterdessen hierfür zu wappnen. Durch eine Politik der Nachgiebigkeit gegenüber Japan gelang es ihm, den Zeitpunkt der Entscheidung zu verschieben und sich die benötigte Zeit zu verschaffen. Da er hierfür das gesamte Potential Chinas benötigte, mussten die lokalen Herrscher dem Bündnis der Kuomintang einverleibt werden oder weichen. Gleiches galt für die Kommunisten. Nur aus dem Bedürfnis nach Stabilität und Ordnung in seinem Hinterland ist es zu erklären, dass er den Japanern fortwährend Zugeständnisse machte, während er gleichzeitig mehrere Hunderttausend Mann umfassende Heere aufstellte, um die kommunistischen Sowjetgebiete zu vernichten. Während die Niederwerfung und Integration der regionalen Militärmachthaber weitgehend glückte, erwiesen sich die Kommunisten jedoch als wesentlich widerstandsfähiger. Obwohl er diese durch Innovationen auf taktischer Ebene an den Rand einer Niederlage gebracht hatte, gelang es nicht, sie bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten mit Japan zu besiegen. Zumindest hatte es Tschiang Kai-shek jedoch durch eine zuvor intensiv betriebene Qualitätssteigerung der Streitkräfte geschafft, einen militärischen Zusammenbruch zu verhindern und so lange Widerstand zu leisten, bis die Alliierten Japan besiegt hatten. Allerdings musste er für diese Verzögerungspolitik einen hohen Preis entrichten. Aufgrund des hohen Zeitdrucks war seine Strategie lange Zeit eher politicszentriert und stellte, obgleich ihn dies politischen Kredit kostete, Macht- und Durchsetzungsaspekte in den Vordergrund. Abgesehen von innerparteilicher Kritik führte dies vor allem dazu, dass Tschiang in den Augen der meisten Chinesen nicht als entschlossener Verteidiger der chinesischen Interessen wahrgenommen wurde. Es war den Kommunisten daher ein Leichtes, diese Rolle für sich zu reklamieren. Auch der Versuch, das Land durch das alte Magistratssystem administrativ zu stabilisieren, trug zur Aushöhlung des in die Kuomintang gesetzten Vertrauens bei. Wie bereits zu Zeiten des alten Regimes waren viele Beamte korrupt und drangsalierten die Bevölkerung. Die Kuomintang-Verwaltung war somit nicht in der Lage, die zahlreichen Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hatte, zu bewältigen. Eine aus den Fugen geratene Inflation, sinkende Steuereinnahmen und schwere wirtschaftliche Probleme zerrütteten allmählich die Stabilität des Landes. Unter diesen Umständen blieben die Reformbemühungen wirkungslos. Dies galt insbesondere für den Versuch, die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu verändern, um der Ausbreitung des Kommu- 220 nismus die Grundlage zu entziehen. Versuche der Konstruktion einer alternativen Ideologie wie der „Bewegung für ein neues Leben“ und der „Bewegung zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nation“ liefen daher ins Leere. Ausschlaggebend für deren Scheitern war, dass sie sich vor allem am urbanen China orientierte und primär an Intellektuelle, Studenten und städtische Arbeiter richtete, jedoch nicht an den strategisch relevanten Bevölkerungsteil der Bauern im ländlichen China. Die schweren Belastungen, welche vor allem der Landbevölkerung durch die Kosten des Krieges auferlegt wurden, leisteten ihr Übriges. Diese mit den erhofften Segnungen der „Bewegung zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nation“ zu gewinnen, schlug indes fehl, da in den einzelnen Dörfern auf dem Lande davon letztlich wenig bis gar nichts ankam. Unter strategischen Gesichtspunkten war der Ansatz, bei der Aufstandsbekämpfung der militärischen Komponente auch eine politische, soziale und ökonomische zur Seite zu stellen, jedoch richtungsweisend. Zwar resultierte dies aus der Einsicht Tschiang Kai-sheks, auf die spezifischen Bedingungen der strategischen chinesischen Umwelt reagieren zu müssen, doch blieb der Erfolg trotz einer deutlichen materiellen und militärischen Überlegenheit gegenüber den Kommunisten vor allem aufgrund einer unzureichenden strategischen Umsetzung aus. Zwar stand dem Marschall im Militär lange ein wirksames Instrument des strategischen Steuerungsprozesses zur Verfügung, nicht jedoch in der Verwaltung, welche am Versuch, die strategischen Maßnahmen zielführend zu realisieren, scheiterte. Am Ende des Bürgerkrieges waren die Streitkräfte Tschiangs demoralisiert, das Land wirtschaftlich am Boden und die Kuomintang in den Augen eines Großteils der Chinesen nachhaltig diskreditiert. In der entscheidenden Phase des Konflitks besaß Tschiang Kai-shek daher nicht mehr die Machtfaktoren, um die erforderlichen Leistungen, die nötig gewesen wären, sich den Rückhalt in der Bevölkerung zu bewahren, zu erbringen. Seine Niederlage war somit unabwendbar. Der dritte strategische Akteur, der an den Auseinandersetzungen um die Macht in China partizipierte, war das Japanische Kaiserreich. Einhergehend mit der seit Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich gewachsenen Bedeutung des Militärs hatte eine sich beschleunigende außenpolitisch expansive Dynamik eingesetzt, der die politische Führung spätestens seit den 1920er Jahren oftmals nicht mehr zu folgen vermochte. So hatte die nicht von der Regierung, sondern durch japanische Militärs initiierte Besetzung der Mandschurei 1931 zum Rücktritt des Kabinetts des Premierministers Wakatsuki Reijiro geführt. Auch dass Ministerpräsident Konoye Fumimaro sein Amt niederlegte, 221 als 1941 die Entscheidung für den von ihm abgelehnten Angriff auf die USA getroffen wurde und er durch Heeresminister General Tojo ersetzt wurde, ist bezeichnend dafür, wie sehr sich im japanischen strategischen Zentrum das Gewicht von der zivilen politischen Führung hin zum Militär verlagert hatte. Zwar ging die japanische Strategie nicht von einem einzelnen Akteur aus, sondern kam dialogisch in strategischen Prozessen innerhalb des heterogenen strategischen Zentrums zustande, doch hatte in grundlegenden Fragen das zivile Moment Führungs- sowie Strategie- und Richtungskompetenz an das militärische verloren. In der Konsequenz verfolgte Japan eine äußerst aggressive Strategie, um seine ökonomischen Probleme durch eine Hegemonialstellung in Asien sowie im pazifischen Raum zu lösen und eine dauerhafte Versorgung mit Rohstoffen für das aufstrebende Land zu gewährleisten. Unter dem Deckmantel der Befreiung vom europäischen Imperialismus versuchte Japan, eine neue „Ordnung in Groß- Ostasien“ zu schaffen und ein eigenes Kolonialreich zu errichten, welches aufgrund der eigenen begrenzten Ressourcen an Menschen und Material auf indirekter Herrschaft durch Kollaboration der Unterworfenen basierte. Marionettenregime von Tokios Gnaden sollten die eroberten Gebiete im Sinne Japans verwalten und durch eigene Truppen stabilisieren. Die strategischen Vorgaben waren kompassgesteuert und wurden orientiert an den gesetzten Zielen fortan kontinuierlich und systematisch verfolgt. Allerdings versuchte Japan diese primär staatsorientierte und politicszentrierte Strategie mit einer Betonung der machtbasierten Handlungsmittel und -möglichkeiten des Staates unter weitgehender Vernachlässigung der gesellschaftlichen Aspekte, vor allem durch kriegerische Mittel zu realisieren. Auf Offensive und schnelle Entscheidung ausgerichtet, begann Japan den Krieg gegen China in der Annahme, einen raschen Sieg zu erringen. Als dieser ausblieb, befand sich Tokio in einem strategischen Dilemma: Da es sich nicht nur einer kräftezehrenden Auseinandersetzung gegenüber sah, sondern auch schmerzhaften Wirtschaftssanktionen ausgesetzt war, trat es in einem Konflikt mit den Westalliierten die Flucht nach vorne an. Die dem einseitigen militärischen Expansionskonzept immanente Logik hatte die Japaner somit in eine Sackgasse geführt, die ihnen kaum noch strategischen Freiraum ließ. Da sich seine Feinde einem Kompromissfrieden verweigerten, kam es für Tokio nur noch darauf an, dass Gewonnene zu sichern. Die Größe des besetzten chinesischen Raumes zwang die Japaner angesichts ihrer limitierten Kräfte indes dazu, sich dabei auf die Städte und Verbindungslinien zu beschränken, was jedoch insbesondere den kommunistischen Guerillas Platz zur Entfaltung bot. Trotz aller Sicherungsmaß- 222 nahmen und eines immensen Aufgebots an Ressourcen gelang es ihnen nicht, die Guerilla erfolgreich einzudämmen. Erfolg hatten die Japaner vor allem dann, wenn sich der Feind ihnen – wie während der „Hundert-Regimenter-Offensive“ 1940 – stellte. Hier konnte der Widerstand durch massiven Kräfteeinsatz und rücksichtloses Vorgehen auch gegen die Zivilbevölkerung gebrochen werden. Nach Abwehr dieses Vorstoßes gelang es den japanischen Streitkräften durch eine systematische Entvölkerung der Aufstandsgebiete sogar, die kommunistische Position in Nordchina zu zerschlagen. Die brutale Vorgehensweise gegen Zivilisten erzielte jedoch kaum Abschreckungseffekte, da der hierdurch gesäte Hass den Kommunisten nur neue Rekruten und Unterstützer zutrieb. Zwar konnten sich die Japaner bis zum Kriegsende in China halten, jedoch ging dies für sie mit außerordentlich hohen Kosten einher. Die hier – nicht zuletzt auch gegen die Guerillas – eingesetzten Truppen fehlten letztlich an jenen Fronten, an welchen die Entscheidungen fielen. Wie Haffner richtig feststellte, trug die japanische Invasion Chinas ungewollt zum späteren Sieg der Kommunisten bei.1570 Sie hatte Tschiang Kai-shek davon abgehalten, die Kommunisten endgültig zu besiegen, obwohl diese Mitte der 1930er Jahre schwer angeschlagen waren. Zudem hatten sich die Kommunisten als Verteidiger Chinas stilisieren und während des Guerillakriegs gegen Japan im besetzten Hinterland eine Gegenmacht aufbauen können, welche zur Grundlage ihres späteren Sieges werden sollte. Nach dem japanischen Zusammenbruch 1945 standen 2/3 Chinas unter kommunistischem Einfluss.1571 Gleichzeitig waren die besten Truppen der Kuomintang in verlustreichen Stellungskämpfen gegen die Japaner allmählich verblutet. Das Ringen um die richtungweisende Entscheidungskompetenz innerhalb der Gongchandang hatte über mehrere Jahre gedauert. Lange Zeit konkurrierten mehrere strategische Vorstellungen miteinander. Maos strategischer Ansatz hatte sich erst in der Praxis bewähren und der seiner Konkurrenten scheitern müssen, ehe er sich innerparteilich durchsetzen konnte. Die militärische und politische Führung der kommunistischen Bewegung an sich zu reißen, gelang ihm erst nach dem Langen Marsch und der Errichtung des strategischen Zentrums in Yan’an. Von hier aus bestimmte er fortan nicht nur die Richtung der Politik der 1570 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 163. 1571 Vgl. Haffner: Der neue Krieg – Mao Tse-tung und der Guerillakampf, S. 163 und vgl. Kindermann, Gottfried K.: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Permanente Revolution von Marx bis Marcuse, München 1969, S. 42-56, hier S.46f. 223 Kommunistischen Partei Chinas, sondern führte von dort auch den Kampf gegen Kuomintang und Japaner weitgehend monologisch. Der von ihm entworfenen Strategie folgte er während des gesamten Chinesischen Bürgerkrieges kontinuierlich. Auch unter wechselnden Bedingungen diente sie ihm als richtungsweisender Kompass. Dabei verstand Mao es, aus der Analyse der politischen, ökonomischen, militärischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die passenden Schlussfolgerungen für eine policyzentrierte Strategie zu ziehen und diese systematisch mit den von ihm erarbeiteten Methoden umzusetzen. Der Guerillakrieg zur Zermürbung des Feindes in einem langandauernden Krieg schien ihm dabei das angemessene Mittel zu sein. In der Weite des chinesischen Raumes sollte es einer gut geführten und beweglichen Guerilla demnach möglich sein, sich an beliebigen Orten zu konzentrieren, wirkungsvoll zuzuschlagen und sich alsbald wieder zu zerstreuen. Ihm kam dabei zugute, dass in China das von Clausewitz zur erfolgreichen Führung eines Guerillakrieges geforderte „Mißverhältnis zwischen [einer] einfallende[n] Armee und der Oberfläche des Landes“1572 gegeben war. Das immense Menschenpotential Chinas bot der Roten Armee ein nahezu unerschöpfliches Reservoir um zu wachsen und ihr zu ermöglichen, ab einem gewissen Zeitpunkt dem Feind nicht mehr aus einer Position der Schwäche, sondern auf Augenhöhe entgegenzutreten. Mao hatte zuvor erkannt, dass die Methoden der russischen Bolschewiki von 1917 unter hiesigen Bedingungen nicht zielführend waren, da nach marxistischer Theorie die Bedingungen für eine proletarische Revolution in den chinesischen Städten noch schwieriger waren als ehedem in Russland.1573 Bei der Idee, die Städte vom Lande aus zu erobern, handelt es sich daher laut Hahlweg um einen Gegenentwurf zum sowjetrussischen Weg und zeichne die Eigenständigkeit der Theorie Mao Tse-tungs aus.1574 Dieser griff dabei auf die Werke alter chinesischer Meister, aber auch auf westliche Theoretiker zurück und entwickelte auf dieser Basis in Kombination mit seiner Interpretation einer unausweichlichen sozialistischen Entwicklung ein militärisch-politisches Konzept, welches speziell auf die Bedingungen der chinesischen Arena zugeschnitten war und sich auf die Landbevölkerung stützte. Mao vermochte es, durch seine Politik nicht nur bestimmte Erwartungen bei den Menschen zu erwecken, sondern diese durch die er- 1572 Clausewitz: Vom Kriege, S. 281. 1573 Vgl. Schram: Das Mao-System – Die Schriften von Mao Tse-tung, S. 234. 1574 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 158. 224 brachten Leistungen vor allem in sozialer und agrarpolitischer Hinsicht auch zu erfüllen. Zentraler Faktor dabei waren die Stützpunktgebiete, die sowohl Ausgangspunkt der militärischen Operationen waren als auch Instrument zur Mobilisierung der Bauern, welche die Voraussetzung zur Führung eines langandauernden Krieges waren. Nicht zuletzt auch deshalb, da sie unverzichtbar bei der Herausbildung der dreigliedrigen Streitkräftestruktur waren. Insbesondere die Hauptkräfte waren durch ihre Befähigung zu weitausholenden Operationen unentbehrlich für Maos Strategie, die gemäß des Drei- Phasen-Modells implizierte, dass der endgültige Sieg nur mittels regulärer Kriegführung zu erringen war. Durch das Konzept einer Guerilla, die – im Gegensatz zu früheren fluiden Modellen, die sich örtlich ungebunden durch das Land bewegten und keinerlei Infrastruktur schufen – von festen Basen aus operierte und diese administrativ entwickelte sowie kontinuierlich ausweitete, hat Mao die Guerillakampfweise als strategisches Mittel entscheidend vorangebracht. Die drei von Mao vorhergesagten Phasen, in denen nicht nur der Bürgerkrieg, sondern auch der Widerstandskrieg gegen Japan ablaufen sollte, lassen sich allerdings anhand des tatsächlichen Geschehens nicht in idealtypischer Weise herausarbeiten. Unterstellt man, dass die Kommunisten den japanischen Vormarsch von 1937 bis 1938 als Phase der strategischen Defensive ansahen und in den folgenden Jahren das strategische Patt erreicht zu haben glaubten, so ist es denkbar, dass sie im Sommer 1940 die Zeit für gekommen hielten, zum strategischen Gegenangriff überzugehen. Dies würde erklären, warum die Kommunisten im August 1940 mit der Masse ihrer Kräfte zur „Hundert-Regimenter-Offensive“ antraten. Anders als in Maos Theorie vorgesehen, blieben eine Umkehrung des Kräfteverhältnisses und eine Wende des Krieges jedoch aus. Stattdessen waren sie durch ihre Offensive für die Japaner greifbar geworden und erlitten durch deren Gegenmaßnahmen große Verluste. Fortan verfielen die Kommunisten daher wieder in die Verteidigung, zumal die Japaner auch im Jahr 1941 in den besetzten Gebieten verschärft gegen sie vorgingen. Dadurch waren sie gezwungen, von der dritten Phase der strategischen Gegenoffensive unmittelbar wieder in die erste Phase der strategischen Defensive überzugehen. Als der Druck auf die Kommunisten ab 1942 wohl aufgrund der Verschiebung des japanischen Schwerpunkts in den pazifischen Raum wieder nachließ, gelang es ihnen, sich zu konsolidieren. Allerdings waren die Japaner weit davon entfernt, auf dem chinesischen Kriegsschauplatz ins Hintertreffen zu geraten, wie die „Ichigo-Offensi- 225 ve“1575 des Jahres 1944 zeigte. Wenn hiervon auch in erster Linie die KMT-Truppen betroffen waren, so zeigt sich doch, dass es sowohl den Kriegsanstrengungen der Gongchandang als auch jenen der Kuomintang nicht gelungen war, die Japaner bis zum achten Kriegsjahr derart zu schwächen, dass sie zu keiner Offensivoperation mehr fähig waren. Da die Kommunisten selbst keine größere Offensive gegen die Japaner mehr aufnahmen und die japanische Niederlage im Zweiten Weltkrieg letztlich auf dem pazifischen und nicht auf dem chinesischen Kriegsschauplatz herbeigeführt wurde, ist während des antijapanischen Widerstandskriegs auch Maos Konzept des Kriegsverlaufs in drei Phasen nicht wie zuvor in seinen Schriften skizziert aufgegangen. Zwar hatte Mao eingeräumt, dass der Krieg gegen das Japanische Kaiserreich nur im Verbund mit ausländischen Mächten gewonnen würde,1576 jedoch hatte er geglaubt, China letztlich selbst befreien zu können, wenn die Alliierten Japan an anderen Fronten schwächen würden. Zwar unterlagen die Japaner letztlich, doch hatten hierzu auch Faktoren beigetragen, die Mao nicht direkt zu verantworten hatte. Besiegelt wurde ihre Niederlage schließlich durch die Auseinandersetzungen mit den Westmächten. Zwar band der Kampf gegen die chinesischen Guerillas zahlreiche Truppen, die auf dem pazifischen Kriegsschauplatz fehlten, doch kommt dieses Verdienst auch der Kuomintang zu. Das von Mao prophezeite Anschwellen einer revolutionären Bewegung in Japan durch die sich zunehmend verschlechternde Kriegslage trat ebenfalls nicht ein. Wenn, wie angenommen, die Kommunisten im Sommer 1940 zur dritten Phase übergehen wollten, war der Zeitpunkt offenbar bei weitem zu früh gewählt. Da allerdings bis zur japanischen Kapitulation im August 1945 jegliche weitere kommunistische Großoffensive gegen Japan ausblieb, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob die Gongchandang überhaupt in der Lage gewesen wäre, die Japaner in einer regulären Auseinandersetzung, welche in Maos drittem Stadium vorgesehen war, zu besiegen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass 1575 Da die USA seit Juni 1944 chinesische Stützpunkte für Bombenangriffe gegen japanische Ziele nutzten, unternahmen japanische Streitkräfte im Sommer unter der Bezeichnung „Operation Ichigo“ („Nummer eins“) eine Großoffensive, um durch Inbesitznahme der Flugplätze diese Bedrohung zu beseitigen. Dies gelang ihnen schließlich in einem für die Kuomintang an Raum und Truppen verlustreichen Feldzug bis November 1944. Bald jedoch wurden die Luftangriffe gegen das japanische Festland durch die USA von den befreiten Marianneninseln aus aus wieder aufgenommen. (vgl. Spence: Chinas Weg in die Moderne, S. 565f und vgl. Fairbank: Geschichte des modernen China, S. 259.) 1576 Vgl. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 157. 226 die Kommunisten angesichts der weltpolitischen Lage fest mit einer japanischen Niederlage rechneten. Mao hatte immerhin festgehalten, dass selbst, wenn nicht alle der von ihm definierten Siegbedingungen eintreten würden, Japan dennoch unterliegen müsse.1577 Denkbar daher, dass er die eigenen Truppen nicht noch einmal wie im Sommer 1940 opfern, sondern sie für die finale Auseinandersetzung mit der Kuomintang erhalten wollte. Die Jahre nach der japanischen Niederlage verliefen hingegen analog zu Maos Drei-Phasen-Modell. Während sich die Kuomintang in der ersten Phase ab 1946 in der strategischen Offensive befand, schonte Mao seine Kräfte und tauschte abermals Raum gegen Zeit ein, um in der Mandschurei neue reguläre Truppen für den anstehenden Entscheidungskampf aufzustellen. In ihrem Eifer, strategisch wichtige Städte, Positionen und Verbindungslinien in Besitz zu nehmen, überdehnte die Kuomintang ihre Front und bot den kommunistischen Guerillas Raum zur Entfaltung. Dadurch wurden die Stellungen und Garnisonen der Kuomintang zunehmend eingekreist. Nachdem sich das Kräfteverhältnis immer mehr zu einem Patt verschoben hatte, sahen die Kommunisten bald eine günstige Ausgangsposition gekommen, um ab 1948 zum entscheidenden Gegenangriff überzugehen. Der Verlauf des gesamten Bürgerkrieges in China in den Jahren 1927 bis 1949 hat jedoch gezeigt, dass ein stringenter Ablauf des Drei-Phasen- Modells nicht stattfand und auch aufgrund der Rahmenbedingungen und vielfältigen Geschehnisse wohl so nicht möglich war. Vielmehr hat es sich als ein überaus flexibles Modell mit fließenden Übergängen zwischen den einzelnen Phasen erwiesen, welches einem kompetenten strategischen Akteur lagebedingt durchaus auch einen schlagartigen Rückfall in frühere Stadien erlaubte. Mao hatte in unterschiedlichen Situationen während der wechselhaften Ereignisse des Chinesischen Bürgerkrieges mehrfach bewiesen, dass er zu einer Korrektur seiner Strategie in der Lage war, wenn dies geboten schien. Wie bereits in Spanien hatte sich während des Chinesischen Bürgerkriegs das von einer mobilisierungsfähigen Idee ausgehende Potential gezeigt und auch hier hatte sich der Guerillakrieg als zentrales Mittel in der Auseinandersetzung mit einem überlegenen Gegner erwiesen. Allerdings hatte der Guerillakrieg bei Mao eine neue Ebene erreicht und war zu einer strategischen Waffe avanciert, welche auch die reguläre Kriegführung miteinschloss. Dieses wäre nicht möglich gewesen ohne die Gründung von Guerillagebieten und -stützpunkten sowie 1577 Vgl. ebd., S. 200. 227 dem dortigen Aufbau administrativer Strukturen – weiteren neuen Aspekten, welche der Konflikt in China hervorgebracht hat. Die Guerillakriegführung vollzog somit in China einen gewaltigen evolutionären Schritt und auch die möglichen Szenarien asymmetrischer Bedrohungen wurden durch gewaltsame innergesellschaftliche Auseinandersetzungen, wie sie hier zwischen Gongchandang und Kuomintang zu sehen waren sowie die Ausmaße des Terrors gegen Andersdenkende erheblich ausgeweitet. 228 2.3. Indochina 1946-1954 – Frankreich versinkt im Guerillasumpf „Die beste Festung, die es gibt, ist, vom Volk nicht gehaßt zu werden; denn besitzt du auch Festungen, wirst aber vom Volk gehaßt, so können sie dich nicht retten; einem Volk nämlich, wenn es einmal zu den Waffen gegriffen hat, fehlt es nie an Fremden, die ihm zu Hilfe kommen.“1578 (Niccolo Machiavelli) Als Frankreich nach vierjähriger deutscher Besatzung im Jahre 1944 von den Alliierten befreit worden war, war es bestrebt, seine infolge des Zusammenbruchs 1940 verlorene Stellung als Großmacht wiederzuerlangen. Dies betraf auch die fernöstlichen Besitzungen in Indochina, die nach 1940 unter japanische Kontrolle geraten waren. Der Konflikt zwischen einer an vergangenen Zeiten angelehnten Kolonialpolitik sowie dem Drang weiter Teile der vietnamesischen Gesellschaft nach Freiheit und Unabhängigkeit führten alsbald in einen langwierigen und blutigen Kolonialkrieg, in dessen Verlauf erstmals eine westliche Macht mit der von Mao inspirierten Guerilla neuen Typs konfrontiert wurde. Vo Nguyen Giap konstatierte daher: „Unser Sieg über die französischen Kolonisten war der erste große Sieg der nationalen Befreiungskriege, die von kolonialen Ländern geführt wurden.“1579 2.3.1. Rahmenbedingungen Nachdem Vietnam 111 v. Chr. bis 939 unter direkter und die folgenden 800 Jahre unter indirekter Herrschaft Chinas gestanden hatte,1580 war mit Frankreich im 19. Jahrhundert ein neuer Invasor aufgetreten, der sich das Land zwischen 1858 und 18831581 mühsam unterworfen hatte.1582 Bis 1887 formte es aus Cochinchina, Annam und Tonking die 1578 Machiavelli, Niccolò: Der Fürst, Stuttgart 1999, S. 171. 1579 Giap, Vo Nguyen: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, Berlin 1973, S. 20. 1580 Vgl. Weggel, Oskar: Indochina – Vietnam. Kambodscha. Laos, zweite Auflage, München 1990, S. 49. 1581 Vgl. Groslier, Bernhard P.: Indochina, Genf 1966, S. 130. 1582 Vgl. Polk: Aufstand, S. 210-212 und vgl. Pimlott, John: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, in: Ian F. W. Becket/John Pimlott (Hrsg.): Counterinsurgency – Lessons from History, Barnsley 2011, S. 46-76, hier S. 49. 229 Indochinesische1583 Union.1584 1893 wurde auch Laos und 1907 Kambodscha Teil von Französisch-Indochina.1585 Im Zuge einer systematischen Kolonisierung Indochinas wurde die dörfliche Autonomie eingeschränkt und ein System der Zwangsarbeit (corvée) eingeführt.1586 Auch wenn formal die Institution des Kaisers und die traditionellen Strukturen als Fassade bestehen blieben, unterstand die zentralisierte Verwaltung einem eingesetzten Generalgouverneur für Französisch- Indochina. De facto regierten und herrschten somit alleine die Franzosen. Jenseits der offiziellen Linie gab es weder Presse-, noch Meinungsnoch Versammlungsfreiheit.1587 Das sich über 331.688 km²1588 erstreckende Vietnam1589, welches von der chinesischen Grenze bis zum Golf von Thailand rund 1.600 Kilometer misst und an der schmalsten Stelle nur ca. 80 Kilometer breit ist,1590 war in weiten Teilen dicht bewachsen und nur von wenigen Straßen sowie Dschungelpfaden durchzogen.1591 Drei Viertel des Landes bestehen aus bergigen, oft von tropischen Wäldern bedeckten Regionen. Die Haupttransportwege liefen damals daher über Wasser. 1583 Der ursprünglich von dem in Frankreich wirkenden dänischen Geographen Malte Conrad Bruun geprägte Begriff Indochina bezog sich auf Birma, Thailand, Malaysia, Kambodscha, Laos und Vietnam. Seit Frankreich 1887 die Länder Vietnam, Laos und Kambodscha in der „Union Indochinoise“ zusammengefasst hatte, wurden unter Indochina diese drei Länder verstanden. (Vgl. Will, Gerhard: Die Konflikte in Indochina seit dem Ende des Zweiten Vietnamkrieges: Entstehung und Eskalation, Köln 1988., S. 5.) 1584 Vgl. Frey, Marc: Geschichte des Vietnamkrieges, 7. Auflage, 2004, S. 12 und vgl. Linebarger, Paul: Indochina: Der Abnutzungskrieg, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel. 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 333-342, hier S. 335. 1585 Vgl. Schütze, Günter: Der schmutzige Krieg – Frankreichs Kolonialpolitik in Indochina (Berichte zur Weltgeschichte, Bd. 16), München 1959, S. 11. 1586 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 12. 1587 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 15. 1588 Vgl. Petrich, Martin: Vietnam, Kambodscha und Laos – Tempel, Klöster und Pagoden in den Ländern am Mekong, Köln 2004, S. 14. 1589 Die Fläche des gesamten Indochina betrug 737.000 km². (vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, ohne Ortsangabe 1931, S. 7.) 1590 Vgl. Polk: Aufstand, S. 291. 1591 Vgl. Fletcher, K. Ware: „Betrachtungen über Dien Bien Phu“, erschienen in der Zeitschrift „Infantry“, Mai/Juni 1965, Nr. 3, S. 5-12. Übersetzt für Kampftruppenschule I, Hammelburg durch Sprachmittlergruppe bei der Kampftruppenschule I, Hammelburg, den 11.3.1966. Arbeitsübersetzung aus dem Englischen, S. 2. 230 Neben zahlreichen Flüssen, von denen die bedeutendsten der Mekong im Süden und der Rote Fluss (Hong Ha) im Norden sind, ist das Land über hunderte von Kilometern mit Kanälen durchzogen, welche zusammen mit den zahlreichen Seen, Teichen und überfluteten Reisfeldern das Landschaftsbild bis heute prägen.1592 Während man im Süden Vietnams tropisches Klima vorfindet, herrscht im Norden vor allem Monsunklima.1593 In den feuchtheißen Sommermonaten von Ende Mai bis November fallen zwischen 80 und 90 Prozent der Jahresniederschlagsmengen.1594 Dies hatte auch Auswirkungen auf die militärischen Operationen des betrachteten Konflikts.1595 Bedingt durch das unwirtliche Klima, hatten sich in Indochina nur wenige französische Siedler niedergelassen,1596 während sich die einheimische Bevölkerung Anfang der 1930er auf annähernd 20 bis 22 Mio. Menschen belief,1597 die in ihrer Mehrheit dem Viet-Volk angehörten.1598 Tonking, Annam und Cochinchina umfassten 13 Mio. Einwohner, von denen sich alleine 6,5 Mio. auf das 14.700 km² große Delta des Roten Flusses in Tonking konzentrierten.1599 Diese Reisregion1600 bilde- 1592 Vgl. Heimann, Bernhard: Krieg in Vietnam 1946-1954 – Die Aggression des französischen Imperialismus in Indochina, Berlin (Ost) 1987, S. 10. 1593 Vgl. Summers, Harry G.: Historical Atlas of the Vietnam War, Bosten & New York 1995, S. 22. 1594 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 10 und vgl. Fletcher: Betrachtungen über Dien Bien Phu, S. 3. 1595 Die Monsunzeit schränkte sämtliche Operationen stark ein und musste bei allen militärischen Planungen berücksichtigt werden. Alleine die trockene Saison von November bis April, dem Äquivalent zum europäischen Winter, war für größere Kampagnen geeignet. (vgl. Fletcher: Betrachtungen über Dien Bien Phu, S. 3, vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 10 und vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 8.) 1596 Das Generalgouvernement von Indochina gab die Zahl der in den 1930ern in Indochina lebenden Europäer – Soldaten und Marineangehörige ausgenommen – mit ca. 31.000 an. Bodin sprach von annähernd 35.000 und Fürbringer schätzte 40.000 Franzosen. (vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 15, vgl. Bodin, Michel: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine 1945-1954, ohne Ortsangabe 1931, S. 104, vgl. Fürbringer, Gerhardt: Frankreich kolonisiert Indochina, Berlin 1940, S. 49 und S. 56 und vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 11.) 1597 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 11 und vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 12. 1598 Vgl. Polk: Aufstand, S. 203. 1599 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 12. 1600 Vgl. Fürbringer: Frankreich kolonisiert Indochina, S. 55. 231 te ein Dreieck mit je ca. 150 km Seitenlänge und war laut Fletcher das wohl strategisch bedeutsamste Gebiet in Indochina.1601 In den wenigen größeren Städten, von denen Saigon mit 350.000 und Hanoi mit 125.000 Einwohnern die bedeutendsten waren,1602 lebten insgesamt nur 5 Prozent der Bevölkerung.1603 Das Gros siedelte auf dem Lande, weshalb laut Weggel das traditionelle Vietnam weniger ein Staat im westlichen Sinne als vielmehr eine „Dörfergemeinschaft“ war.1604 Unter den in Vietnam lebenden 54 verschiedenen Ethnien1605 befanden sich über ganz Indochina verteilt an die 350.000 Chinesen.1606 Die Bergvölker – Montagnards – genannten ethnischen Minderheiten wie Nungs, Muongs (auch „Meos“ oder „Hmong“), T’ais,1607 Man und Lolo,1608 siedelten vor allem in den Bergen und Dschungeln des Hinterlandes1609 und waren mit den Vietnamesen traditionell1610 verfeindetet.1611 Daneben gab es mit der Cao Dai und den Hoa Hao im Süden Vietnams zwei bedeutende Sekten mit jeweils rund einer Million Anhänger, die ihre Gebiete autonom verwalteten.1612 Nachdem sie zunächst mit den Vietminh kooperiert hatten, verbündeten sie sich später mit den Franzosen.1613 1601 Vgl. Fletcher: Betrachtungen über Dien Bien Phu, S. 2. 1602 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 16. 1603 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 15. 1604 Vgl. Weggel: Indochina, S. 30. 1605 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 177. 1606 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 15. Zur ausgesprochen heterogenen ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung Indochinas siehe auch Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 176- 179. 1607 Vgl. Fletcher: Betrachtungen über Dien Bien Phu, S. 2 und vgl. David, Michel: Guerre Secrète en Indochine – Les maquis autochtones face au Viêt-Minh 1950-1955, Panazol 2002, S. 27-34. 1608 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 15. 1609 Vgl. Polk: Aufstand, S. 203. 1610 Die ethnischen Minderheiten misstrauten den Vietminh, da diese eine vietnamesische – und damit fremde – Bewegung waren. (Vgl. Tanham, George H.: Communist Revolutionary Warefare – From the Vietminh to the Viet Cong, New York, Washington, London 1967, S. 24.) 1611 Vgl. Fletcher: Betrachtungen über Dien Bien Phu, S. 2. 1612 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 17. 1613 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 18. Herbert Mercks zweifelt jedoch die Zuverlässigkeit dieser Verbündeten an und berichtet von Fällen, in denen einzelne Abteilungen, nachdem sie zuvor von den Franzosen ausge- 232 Bis zum Zweiten Weltkrieg war es den Franzosen gelungen, eine gut funktionierende Infrastruktur auszubauen.1614 Große Reis- und Kautschukplantagen waren entstanden.1615 Der jährliche Kautschukertrag in Höhe von 60.000 t deckte vor dem Zweiten Weltkrieg nahezu den gesamten französischen Jahresbedarf. Der Abbau von Kohle, Blei und Zinn hatte in Tonking zum Entstehen einer Industrie beigetragen und auch Banken sowie Handel florierten.1616 Die kontinuierliche Entwicklung des Verkehrsnetzes1617 hatte dazu geführt, dass Anfang der 1930er Jahre 1.940 km Eisenbahn und 14.000 km asphaltierte ganzjährig benutzbare Straßen existierten.1618 Die enge wirtschaftliche Verknüpfung mit Frankreich kam jedoch vor allem den Kolonisten zugute, während der Großteil der einheimischen Bevölkerung in Armut lebte.1619 Die französische Politik hatte dazu geführt, dass der Großteil der Bauern ihr Land zugunsten einer Schicht einheimischer Großgrundbesitzer eingebüßt hatte.1620 Allerdings profitierten die Menschen nachhaltig vom französischen Bildungswesen, so dass sich allmählich eine vietnamesische Bildungselite herausbildete,1621 die zunehmend ein Gemeinschaftsgefühl und ein nationales Bewusstsein entwickelte.1622 Damit einher ging eine sich verschärfende Kritik an den bestehenden Zuständen.1623 1908 wurde der sogenannte Aufstand der „Gebildeten“ blutig niedergeschlagen. Gleiches galt für einen weiteren nationalisrüstet worden waren, zu den Vietminh überliefen. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1614 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 13. 1615 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 38 und vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 13. 1616 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 13. 1617 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 13. 1618 Vgl. Gouvernement Général de l’Indochine: L’Indochina Française, S. 21f. 1619 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 13. 1620 1931 waren beispielsweise in der Provinz Cochinchina 3/5 der Landbevölkerung ohne Landbesitz. Pachten, die sich auf bis zu 80 Prozent der Ernte beliefen, trugen mit zur Verarmung weiter Teile der Landbevölkerung bei. (vgl. Krech, Hans: Verteidigung im 21. Jahrhundert. Analyse bedeutender Verteidigungslinien (1916-1991) und operativ-taktische Schlußfolgerungen für die zukünftige Verteidigungsplanung – Ein Handbuch, (Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd. 7), Berlin 2000, S. 100.) 1621 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 13. 1622 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 14. 1623 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 13. 233 tisch motivierten Aufstand im Jahre 19301624 und einen kommunistisch geführten in Cochinchina. Das Anwachsen der revolutionären Bewegungen im Land war jedoch nicht aufzuhalten.1625 Die Lage eskalierte, nachdem die Franzosen nach Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten, ihre unterdessen verlorengegangene Machtstellung zurückzuerlangen. 2.3.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Nach der französischen Kapitulation 1940 hielt die Kolonialverwaltung in Indochina der Vichy-Regierung Petains1626 die Treue. Die französische Administration blieb im Amt, war aber, nachdem die Japaner das Land 1941 besetzt hatten, diesen unterstellt.1627 Wenn auch die japanische Besatzung brutaler war als zuvor die europäische Kolonialherrschaft, so führte sie den Vietnamesen dennoch vor Augen, dass die Zeiten europäischer Überlegenheit vorbei waren.1628 Als die Japaner Anfang 1945 von französischen Plänen erfuhren, sie aus Indochina zu vertreiben,1629 entmachteten sie die Franzosen am 9. März endgültig1630 und drängten Kaiser Bao Dai1631, den Protektoratsvertrag mit Frankreich aufzukündigen sowie die Unabhängigkeit Indochinas zu erklären.1632 Nach der japanischen Kapitulation am 15. August 1945 war 1624 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 15 und vgl. Fall, Bernhard B.: Indochina: Das siebenjährige Drama, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel. 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 343-355, hier S. 343. 1625 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 15f. 1626 Nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940 stellte General Henry Philippe Petain im Kurort Vichy die Regierung im unbesetzten Teil des Landes und kollaborierte von dort aus mit der deutschen Besatzungsmacht. (vgl. Fenske, Hans: Politisches Denken im 20. Jahrhundert, in: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Politische Theorien von der Gegenwart bis zur Antike, 2. Auflage, Bonn 1993, S. 657-880, hier S. 787f. 1627 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 336. 1628 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 14. 1629 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 20. 1630 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 336f und vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 344. 1631 Kaiser Bao Dai (1913-1997) wurde am 23. Oktober 1955 von Ngo Dinh Diem abgesetzt und verstarb 1997 im Exil an der Côte d’Azur. (Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 41f.) 1632 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 22. 234 daher ein Machtvakuum entstanden, in welches die Vietminh drängten. Bis zum 25. August hatten sie ganz Vietnam unter Kontrolle gebracht.1633 Bao Dai dankte ab und die Vietminh besetzen ungehindert die Schaltstellen der Macht.1634 Nachdem Ho Chi Minh1635 am 29. August eine provisorische Regierung gebildet hatte,1636 proklamierte er am 2. September die Unabhängigkeit und rief die Demokratische Republik Vietnam aus.1637 Dessen ungeachtet hatten die USA, Großbritannien und China auf der Potsdamer Konferenz die Teilung des Landes entlang des 17. Breitengrades in eine chinesische Einflusszone im Norden und eine britische im Süden beschlossen.1638 Einer Rückkehr Frankreichs nach Indochina hatten die Westalliierten zunächst skeptisch gegenübergestanden. Erst der aufkommende Ost-West-Konflikt und die Furcht vor einer Verbreitung des Kommunismus in Ostasien hatten einen Sinneswandel bewirkt.1639 Mitte September 1945 landete daher ein Expeditionskorps unter General Leclerc1640 vor Saigon, welches ihnen von den britischen Truppen übergeben wurde. Das Erscheinen französischer Truppen löste zunehmende Unruhen in der Bevölkerung aus, zumal Frankreich keine Anstalten machte, die von Ho Chi Minh proklamierte Unabhängigkeit anzuerkennen.1641 Die Vietminh riefen den Generalstreik aus und riegelten Saigon mit bewaffneten Kräften ab. General Leclerc gelang es jedoch binnen weniger Wochen1642 ganz Cochinchina zu erobern. Angesichts der französischen 1633 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 345. 1634 Vgl. Großheim, Martin: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, München 2011, S. 79-82. 1635 Ho Chi Minh („Der weise Gewordene“), geboren als Nguyen Sinh Cung am 19. Mai 1890 in Kim Lien in der zentralvietnamesischen Provinz Nghe An, war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs und im Jahr 1930 Begründer der Kommunistischen Partei Vietnams sowie politischer und geistiger Führer der Einheitsfront Vietminh. (Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 13, S. 24 und S. 51 und vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 102.) 1636 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 26. 1637 Vgl. Weggel: Indochina, S. 61. 1638 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 18. 1639 Vgl. Polk: Aufstand, S. 219, vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 29 und Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 346. 1640 General Philippe de Hauteclocque, genannt Leclerc, war von 1945 bis 1946 Oberkommandierender des Französischen Expeditionskorps in Indochina. (vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 103.) 1641 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 30-32. 1642 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 347. 235 Übermacht zogen sich die Vietminh ins Landesinnere zurück, lösten ihre Kampfeinheiten im Süden auf und gingen zum Guerillakrieg über.1643 Bis Anfang 1946 hatten die Franzosen die größeren Städte des Südens weitgehend unter Kontrolle, während die Vietminh-Guerillas die ländlichen Gebiete unsicher machten.1644 Im Norden konnten sich die Vietminh sogar fest etablieren, ohne von den dortigen Truppen der Kuomintang belangt zu werden.1645 Als diese jedoch nach China zurückverlegt wurden, drangen die Franzosen auch in den Norden vor und errichteten entlang der chinesischen Grenze eine Kette kleinerer Garnisonen.1646 Am 18. März 1946 erreichte Leclerc Hanoi.1647 Aufgrund der Weigerung Frankreichs, das Land in absehbarer Zeit in die Unabhängigkeit zu entlassen, nahmen die Spannungen zwischen Franzosen und Vietminh unablässig zu und führten am 19. Dezember 1946 in Hanoi zu einem Aufstand, der in einen offenen Krieg mündete,1648 der keine geschlossenen Fronten kannte und im ganzen Land in unterschiedlicher Intensität ausgetragen wurde.1649 Paris setzte unverzüglich Truppen in Marsch und erhöhte die Stärke des Expeditionskorps von 85.000 Mann im Dezember 1946 auf 115.000 Anfang 1947.1650 Nachdem der französische Versuch 1947, eine schnelle Entscheidung herbeizuführen, gescheitert war,1651 endete die erste Phase des Krieges mit einem Patt.1652 Zwar besaßen die Franzosen die Städte, die Vietminh aber hatten sich auf dem Lande festgesetzt. 1948 kontrollierten sie 55 Prozent aller Dörfer mit insgesamt 12 Mio. Menschen.1653 Mit dem 1643 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 32. 1644 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 18f und vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 32f. 1645 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 347. 1646 Vgl. ebd., S. 347. 1647 Vgl. Dalloz, Jacques: La guerre d’Indochine 1945-1954, ohne Ortsangabe 1987, S. 280. 1648 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 347 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 281. 1649 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 99. 1650 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 45 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 132. 1651 Vgl. Fall, Bernhard B.: Dschungelkrieg – Revolutionskämpfe in Südostasien. Indochina/Laos/Vietnam, Neckargemünd 1965, S. 21. 1652 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 348. 1653 Vgl. Dukier, William J.: Ho Chi Minh and the Strategy of People’s War, in: Mark Atwood Lawrence, Frederik Logevall (Hrsg.): The First Vietnam War – Colonial Conflict and Cold War Crisis, London 2007, S. 152-174, S. 165. 236 Erreichen der chinesisch-vietnamesischen Grenze durch die rotchinesischen Truppen im Jahre 1949 wurde eine neue Phase des Krieges eingeläutet. Die Vietminh verfügten fortan über ein sicheres Hinterland, welches sie als Rückzugs- und Ausbildungsraum nutzen konnten.1654 Schätzungsweise durchliefen bis zu 40.000 Vietminh-Kämpfer im Laufe des Krieges eine Ausbildung in China.1655 Auch die logistischen Probleme1656 wurden durch die Landverbindung zu den Rotchinesen weitgehend gelöst.1657 Auf diese Weise neu aufgestellt und gestärkt, ging ihr Oberbefehlshaber General Giap bereits ein Jahr später zur Offensive über. In der Zeit vom 1. bis zum 17. Oktober 1950 vernichteten sie die französischen Stützpunkte1658 an der Grenze zu China1659 und nahm den Franzosen die Provinzen Cao Bang, Lang Son, Lao Cai, Thai Nguyen und Hao Binh ab.1660 Da hierdurch der Versorgungsweg nach China geöffnet worden war, war dies für Frey ein „entscheiden- 1654 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 21 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 62. 1655 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 62f. 1656 Erhielten die Vietminh 1951 noch monatlich zwischen zehn und zwanzig Tonnen an Hilfslieferungen aus China, stiegen diese bis 1952 auf 250 Tonnen im Monat. 1953 waren es bereits 600 Tonnen und bis Anfang 1954 waren sie auf 4.000 Tonnen angewachsen. Zur Zeit der Schlacht um Dien Bien Phu im Frühjahr des gleichen Jahres hatte die chinesische Unterstützung einen Umfang von 6.000 Tonnen im Monat erreicht. (vgl. O’Neill, Robert J.: General Giap – Politician and Strategist, New York 1969, S. 71 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 68f.) 1657 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 68. 1658 „Gesprächspartner 1“, der als Angehöriger des 2. Fallschirmjägerbataillons fünf Jahre (1949-1954) in Indochina zuletzt als Sanitätsunteroffizier gedient hatte und schließlich in Dien Bien Phu in Gefangenschaft geraten war, berichtet davon, dass bereits ab dem Spätsommer 1950 Teile der vietnamesischchinesischen Grenze unter dem feindlichen Druck aufgegeben werden mussten. Ihm zufolge sei der Feind so stark gewesen, dass dort alleine im Oktober sieben französische Bataillone verloren gegangen seien. Bis 1950 sei in Tonkin noch im Kompanierahmen operiert worden, jedoch sei dies nach dem Herbst 1950 nicht mehr möglich gewesen. Fortan hätten für Operationen mindestens Kampfgruppen bestehend aus mehreren Bataillonen mit Artillerie- und Luftunterstützung eingesetzt werden müssen. (Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) 1659 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 22. 1660 Vgl. Ho Tschi-Minh: Bericht auf dem Zweiten Nationalkongreß der Arbeiterpartei Vietnams (Februar 1951), in: Bernhard B. Fall (Hrsg.): Ho Tschi Minh. Revolution und nationaler Befreiungskampf – Ausgewählte Reden und Schriften 1920 bis 1968, München 1968, S. 214-238, hier S. 244. 237 de[r] strategische[r] Durchbruch“1661. Bis zum 1. Januar 1951 hatten die Franzosen nahezu den gesamten Raum nördlich des Roten Flusses eingebüßt. Lediglich dessen Delta war noch unter ihrer Kontrolle. In der ersten Hälfte des Jahres 1951 unternahm Giap nacheinander von Januar bis Juni drei großangelegte Offensiven bei Vinh-Yen, Mao Khe und Ninh-Binh,1662 um die französischen Stellungen im Delta zu durchbrechen. General de Lattre de Tassigny1663 konnte dies jedoch jeweils durch geschicktes Manövrieren und die äußerste Strapazierung der vorhandenen Kräfte verhindern. Diese Fehlschläge kosteten die Vietminh insgesamt 12.000 Mann.1664 Nachdem die Regenzeit vorübergehend die Offensivtätigkeit der Vietminh beendet hatte, richteten sie ihre nächste Offensive Ende September gegen die französischen Stützpunkte im indochinesischen Hochland, die sich jedoch ebenfalls behaupten konnten. Bestärkt durch diese Abwehrerfolge und die zunehmende amerikanische Unterstützung wollte de Lattre nun seinerseits die Initiative ergreifen, statt auf den nächsten Angriff des Feindes zu warten. Er rückte über den Schwarzen Fluss vor und besetzte die Stadt Hoa-Binh,1665 um die Verbindungen unter den Vietminh-Zonen zwischen Viet Bac und Nordannam einzuschränken.1666 Dies führte vom 14. November 1951 bis zum 24. Februar 1952 zur Schlacht von Hoa- Binh.1667 Da die erbittert geführten Kämpfe, bei denen die Vietminh drei reguläre Divisionen einsetzen konnten,1668 jedoch immer mehr französische Kräfte in Anspruch nahmen, welche von anderen Fronten abgezogen werden mussten und hier bedenkliche Lücken entstehen ließen, entschloss sich der Nachfolger des erkrankten de Lattre, Gene- 1661 Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 28. 1662 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 22-34, vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 53 und vgl. dazu auch O’Neill: General Giap – Politician and Stategist, S. 86-100. 1663 General Jean de Lattre de Tassigny (* 2. Februar 1889, † 11. Januar 1952) war 1944/45 Kommandeur der 1. Französischen Armee und wirkte als solcher an der Befreiung Frankreichs mit. Von Dezember 1950 bis Januar 1952 kommandierte er die die französischen Expeditionsstreitkräfte in Indochina. (vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 161-163, vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 103, vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 282 und vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 349.) 1664 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 53. 1665 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 36. 1666 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 200. 1667 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 36. 1668 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 49. 238 ral Salan1669, die Schlacht Ende Februar 1952 abzubrechen.1670 In der Folge lag der Schwerpunkt der Kämpfe im Innern der indochinesischen Halbinsel, wo am 11. Oktober 1952 die Schlacht im T’ai-Hochland begann. Nachdem die französischen Außenposten binnen weniger Tage gefallen waren, folgten verlustreiche Absetzbewegungen der Franzosen.1671 Bis November hatten die Vietminh den Schwarzen Fluss erreicht und stießen in den ungedeckten Raum des gebirgigen Nordens vor. Um in dieser prekären Lage die Initiative wiederzuerlangen, planten die Franzosen mit der großangelegten „Operation Lorraine“ ab dem 29. Oktober die feindlichen Verbindungslinien und das Nachschubsystem am Schwarzen Fluss anzugreifen.1672 Da der gewünschte Erfolg jedoch ausblieb, zogen sich die Franzosen bis zum 1. Dezember wieder auf die De-Lattre-Linie1673 zurück.1674 Es wurde deutlich, dass die Vietminh in den Jahren 1950 bis 1952 die Initiative errungen hatten.1675 Im Jahre 1953 befand sich die Hauptfront in Tonking, wo die Vietminh mit der gesamten Gebirgsregion nahezu 2/3 Nordvietnams kontrollierten. Die Franzosen hielten im Norden lediglich die größeren Städte und die Verkehrswege im Delta des Roten Flusses.1676 Durch das Aus- 1669 General Raoul Salan hatte im Ersten und Zweiten Weltrkrieg gekämpft und galt als einer der erfahrensten Offiziere der französischen Armee. Ab 1942 hatte er mit der Resistance gegen die deutsche Besatzung Frankreichs gekämpft. 1948 kommandierte er zweitweilig und dann wieder als Nachfolger des erkrankten de Lattres von 1952 bis zum 21. Mai 1953 die französischen Streitkräfte in Indochina. Ohne umfassendes strategisches Konzept blieb seinem Wirken in Indochina jedoch der gewünschte Erfolg verwehrt. (vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 103 und vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 103f.) 1670 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 47f. 1671 Vgl. ebd., S. 51-64. 1672 Vgl. ebd., S. 64f. 1673 Unter dem Kommando von de Lattre de Tassigny waren 1951 binnen eines halben Jahres die unter französischer Kontrolle stehenden Zentren Nordvietnams, wie Hanoi und Haiphong sowie das Delta des Roten Flusses durch ein System von rund 1.200 befestigten Stellungen gesichert worden. (vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 103.) 1674 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 66-85. 1675 Vgl. Legler, Anton: Guerilla contra moderne mechanisierte Armee – Erfahrungen aus Indochina und Südostasien, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute. Acht Beiträge zu einem Phänomen, Bonn 1976, S. 33-47, hier S. 36. 1676 Vgl. Giap, Vo Nguyen: Volkskrieg – Volksarmee, München 1968, S. 18. 239 weiten der Kämpfe auf Laos im März 19531677, zwangen die Vietminh die Franzosen erneut, ihre Linien auszuweiten.1678 Um Laos, welches selbst nur über eine schwache Armee verfügte,1679 künftig zu sichern, besetzten die Expeditionsstreitkräfte im November 1953 den kleinen 275 km westlich Hanoi gelegenen Grenzort Dien Bien Phu1680 und bauten ihn zu einer befestigten Stellung aus. Aufgrund zahlreicher zuvor erzielter Abwehrerfolge1681 erhofften sich die Franzosen, durch eine offene Feldschlacht den Vietminh einen schweren, wenn nicht entscheidenden Schlag zu versetzen.1682 Die Vietminh nahmen die Herausforderung an, kreisten den Ort ein und bereiteten den Franzosen hier im Mai 1954 eine vernichtende Niederlage.1683 Nur wenig später wurde am 20. Juli in Genf der Waffenstillstand unterzeichnet. Frankreich, die USA, Großbritannien, die UdSSR, China und die beiden vietnamesischen Delegationen aus Nord und Süd einigten sich auf die Unabhängigkeit der indochinesischen Staaten sowie die Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrads.1684 Der erste Indochinakrieg, der vor allem auf dem Territorium Vietnams ausgetragen wurde,1685 war 1677 Vgl. dazu: Fall: Dschungelkrieg, S. 96f, Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 79 und Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 352. 1678 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 80. 1679 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 25. 1680 Die Wahl des vietnamesisch-laotischen Grenzortes Dien Bien Phu als offensivem Stützpunkt stand mit der politischen Entscheidung der Regierung, Laos zu verteidigen, in engem Zusammenhang. Mit Laos bestand seit dem 28. Oktober 1953 ein offizieller Beistandspakt und Frankreich hoffte, auch mit Vietnam und Kambodscha derartige Vereinbarungen treffen zu können. Dazu mussten sie jedoch die Sicherheit von Laos gewährleisten, da sich dies andernfalls negativ auf die Verhandlungen mit den genanngen Staaten ausgewirkt hätte. (Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 275f und vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 104f.) 1681 Neben den bereits erwähnten Defensiverfolgen im Delta des Roten Flusses konnte sich beispielsweise Ende 1952 der Stützpunkt Na San vor allem aufgrund der Luftversorgung und -unterstützung gegen schwerste Angriffe der Vietminh halten. (vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 53.) 1682 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 52 und vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 54. 1683 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 52. 1684 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 36-39 und vgl. Legler: Guerilla contra moderne mechanisierte Armee – Erfahrungen aus Indochina und Südostasien, S. 36. 1685 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 130. 240 zu Ende. Frankreich hatte der Konflikt an die 50.000 Tote und 100.000 Schwerverwundete gekostet.1686 2.3.3. „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“ – Die Vietminh Lage und Ziele Als Abgesandter des „Ostbüros“ der Komintern gründete Ho Chi Minh (1890-1969)1687 1924 im südchinesischen Guangzhou die „Vereinigung der revolutionären Jugend Vietnams“,1688 aus welcher 1930 die Kommunistische Partei Indochinas hervorging.1689 Die Partei war jedoch aufgrund der unruhigen politischen Lage in Indochina unter den Franzosen die meiste Zeit über verboten,1690 was aus ihr eine weitgehend konspirativ agierende Organisation werden ließ. Viele ihrer Kader kamen während der Verfolgungen in China unter.1691 Angespornt durch die Niederlage Frankreichs 1940 sah die Partei jedoch „die Gelegenheit für unsere Befreiung gekommen“1692 und entschloss sich, die Vorbereitung zum bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit zu beginnen,1693 zumal die Japaner „einerseits in China wie in einem Sumpf festgehalten“ würden und „andererseits durch den Kampf gegen Briten und Amerikaner“1694 gebunden waren. Am 18. Mai 19411695 wurde daher die „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“ (Viet Nam Doc Lap Dong Minh Hoi – kurz „Viet Minh“) als Sammelbecken aller patriotischen Kräfte gegründet.1696 Die vor allem aus jungen Intel- 1686 Vgl. Weggel: Indochina, S. 72. 1687 Vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 329. 1688 Vgl. Weggel: Indochina, S. 59. 1689 Vgl. Will: Die Konflikte in Indochina seit dem Ende des Zweiten Vietnamkrieges, S. 3 und vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 51. 1690 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 16. 1691 Vgl. ebd., S. 23. 1692 Ho Tschi-Minh: Brief aus dem Ausland (6.6.1941), in: Bernhard B. Fall (Hrsg.): Ho Tschi Minh. Revolution und nationaler Befreiungskampf – Ausgewählte Reden und Schriften 1920 bis 1968, München 1968, S. 151-154, hier S. 153. 1693 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 36. 1694 Ho Tschi-Minh: Brief aus dem Ausland (6.6.1941), S. 153. 1695 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 279. 1696 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 73. 241 lektuellen bestehende Bewegung vereinte daher die leninistische Vorstellung des Bündnisses aller fortschrittlichen und antiimperialistischen Kräfte mit dem maoistischen Konzept der Übertragung des Kommunismus auf asiatische Verhältnisse und der Mobilisierung der Landbevölkerung. Ergänzt wurde dies durch den traditionellen vietnamesischen Nationalismus, der sich durch die französische Fremdherrschaft noch verschärft hatte.1697 Das oberste politische Ziel der Vietminh war daher die „Einigung und Unabhängigkeit“1698 Vietnams1699 und die Entlassung von Laos und Kambodscha aus der französischen Kolonialherrschaft.1700 Zudem wurden umfassende soziale und ökonomische Veränderungen angestrebt. So planten sie beispielsweise eine antifeudalistische Bodenreform, die den Bauern die Bewirtschaftung des eigenen Bodens ermöglichen sollte1701 und 1953 schließlich durchgeführt wurde.1702 Mit diesen beiden, von Ho Chi Minh zur Schicksalsfrage stilisierten1703 Forderungen trafen die Vietminh in weiten Kreisen der vietnamesischen Bevölkerung auf Zustimmung.1704 Giap zufolge handelte es sich daher in Vietnam um eine Mischung aus sozialistischer und nationaler Befreiungsrevolution.1705 Das ausgeprägte Nationalbewusstsein eines traditionell 1697 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 14f. 1698 Ho Tschi-Minh: Brief an die Genossen in Nordvietnam (1.3.1947), in: Bernhard B. Fall (Hrsg.): Ho Tschi Minh. Revolution und nationaler Befreiungskampf – Ausgewählte Reden und Schriften 1920 bis 1968, München 1968, S. 192-196, hier S. 192. 1699 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 21. 1700 Vgl. Weggel: Indochina, S. 66. 1701 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 21 und vgl. dazu auch: Ho Tschi- Minh: Bericht vor der Nationalversammlung der Demokratischen Republik Vietnam (Dezember 1953), in: Bernhard B. Fall (Hrsg.): Ho Tschi Minh. Revolution und nationaler Befreiungskampf – Ausgewählte Reden und Schriften 1920 bis 1968, München 1968, S. 264-279, hier S. 273. 1702 Vgl. Arnold, Theodor: Brennpunkte der Subversion: Indochina, in: Rudolf Riemer (Hrsg.): Partisanenkrieg im Atomzeitalter. Schriften des Arbeitskreises für Ostfragen, München 1967 S. 47-55, hier S. 54. 1703 Ho Tschi-Minh: Bericht vor der Nationalversammlung der Demokratischen Republik Vietnam (Dezember 1953), S. 277. 1704 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 27. 1705 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 31. Der Indochina-Veteran Heinrich Decker, der als Légionnaire de première classe (Obergefreiter) der Fremdenlegion in den Jahren 1950 bis 1952 am Indochinakrieg teilgenommen hatte, erwähnt in dem mit ihm geführten Interview, dass bei den Vietminh regelmäßig zahlreiche marxistische Propagan- 242 unbeugsamen Volkes vereinte sich dabei mit den Bedürfnissen einer Bevölkerung, die zu 95 Prozent aus armen Bauern und Landarbeitern bestand1706 und für die ein Ende des Feudalsystems sowie die Aussicht auf eigenes Land sehr verlockend waren. Die 1951 von den Vietminh ausgegebene Parole „Das Land denen, die es bebauen“1707 fiel somit auf fruchtbaren Boden und leistete einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung der Massen.1708 Der antiimperialistische und der antifeudale Kampf waren aufgrund der großen Nähe der vietnamesischen Großgrundbesitzer und der französischen Kolonialherren eng miteinander verwoben.1709 Für das Verständnis des von den Vietminh ausgehenden immensen Mobilisierungspotentials und ihrer hohen Kampfmoral ist es bedeutsam, um diese beiden zentralen Faktoren zu wissen. Die aus der am 22. Dezember 1944 von Giap gegründeten „Bewaffneten Propagandabrigade für die Befreiung Vietnams“ hervorgegangene Vietnamesische Volksarmee (VVA)1710 sollte ein „treues Instrument der Partei“ sein.1711 Entsprechend galt deren Führungsrolle als wichtigstes Prinzip.1712 Auf nahezu allen Ebenen teilten sich je ein militärischer Führer und ein politischer Offizier die Kommandogewalt.1713 Da die „politische Arbeit als Quelle der Kampfkraft“1714 angesehen wurde, galten militärische und ideologische Schulung der Truppen als gleichrangig.1715 Dies führte u. a. dazu, dass bis 1952 schließlich 90 Prozent der Kader und 40 Prozent der Soldaten Kommunisten waren.1716 Es ist daher auch erwähnenswert, dass sich die Betonung des politischen Aspekts des Kampfes als roter Faden durch Giaps Werk zieht. damaterialien sichergestellt wurden. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1706 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 27. 1707 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 87. 1708 Vgl. ebd., S. 86. 1709 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 21. 1710 Vgl. Weggel: Indochina, S. 70. 1711 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 107. 1712 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 43. 1713 Vgl. Weggel: Indochina, S. 72 und vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 29. 1714 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 43. 1715 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 124f. 1716 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28. 243 Strategie, Taktik und Struktur Auch wenn die Vietminh seit 1945 in sechs Provinzen des Viet Bac eine sogenannte „Volksherrschaft“ errichten und eine provisorische Regierung etablieren konnten,1717 litt der Widerstand in der Anfangszeit nach Aussagen Giaps noch unter großen Schwierigkeiten.1718 Dies betraf vor allem die unzureichende Bewaffnung,1719 die nur mühsam aus dem Ausland bezogen werden konnte,1720 wodurch man vor allem auf Beutewaffen angewiesen war.1721 Auch die Organisation der Tausende zählenden milizartigen Gruppen war uneinheitlich und lokal verschieden.1722 Erst allmählich schlossen sich kleinere Guerillaverbände zu größeren zusammen, um das ganze Land zu infiltrieren und Stützpunkte zu errichten.1723 Die noch schwachen Kräfte etablierten sich zunächst in der bergigen Dschungelregion Viet Bac an der Grenze zu China,1724 welche laut Giap „günstig für Operationen unserer bewaffneten Streitkräfte“ und „von großer strategischer Bedeutung [war], da hier „die feindliche Verwaltung schwächer und ungeschützter als anderswo“1725 war. Von hier aus gelang es ihnen, schließlich das gesamte Land mit einer Organisationsstruktur zu überziehen, die einer Parallelverwaltung gleichkam.1726 Die Vertreter der legalen Administ- 1717 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 45f und vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 31. 1718 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 45f. 1719 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 46 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 9. Herbert Mercks berichtete aus seiner ersten Zeit in Indochina, dass die Vietminh teilweise mit alten Vorderladergewehren ausgestattet waren. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1720 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 97. 1721 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 46 und vgl. auch Fall: Dschungelkrieg, S. 22. 1722 Vgl. Marr, David G.: Creating Defensive Capacity in Vietnam, 1945-1947, in: Mark Atwood Lawrence/Frederik Logevall: The First Vietnam War – Colonial Conflict and Cold War Crisis, London 2007, S. 74-104, hier S. 92 und vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 120. 1723 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 128. 1724 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 15. 1725 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 55. 1726 Heinrich Decker erinnert sich, dass die Dörfer selbst in französisch kontrolliertem Gebiet durch einzelne als Zivilisten getarnte Kommissare der Vietminh unterwandert wurden, um dort eine kommunistische Zelle zu etablieren, welche die Dorfbewohner kontrollierte und ideologisch beeinflusste. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 244 ration wurden systematisch vertrieben. Jeder Einwohner einer Siedlung wurde erfasst und je nach Alter, Geschlecht, Beruf etc. einer der Massenorganisationen der Kommunisten zugeteilt. Wer opponierte, wurde durch Terror gefügig gemacht.1727 Großen Zulauf erhielten die Vietminh, als es in den letzten beiden Kriegsjahren durch Inflation, Kriegswirtschaft und den erzwungenen Reisexport zu einer Hungersnot kam und viele Menschen verarmten.1728 Die Zahl der Vietminh stieg von 5.0001729 bei Ende des Zweiten Weltkriegs auf an die 700.000 bis 1949. Analog wuchs auch die Größe ihrer Streitkräfte.1730 Verfügten die Vietminh bei Rückkehr der Franzosen im Spätsommer 1946 noch über 1.200 Bewaffnete,1731 konnten sie bei Kriegsbeginn im Dezember bereits 50.000 Mann aufbieten. 1948 waren es schon 150.000 Kämpfer1732 und bis 1953 erreichten sie einen Umfang von ca. 300-400.0001733 Mann,1734 die Giap ebenso wie Mao in reguläre Einheiten, regionale Truppen1735 und paramilitärische „Volksmiliz“1736 untergliedert hatte.1737 Eine entsprechende Struktur bildete sich in den Jahren 1948/49 heraus.1738 Während reguläre Truppen den weiträumigen Bewegungskrieg führen sollten,1739 bildeten die regionalen Truppen den „Kern des 1727 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 51, vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 118 und vgl. Townshend: Terrorismus, S. 86f. 1728 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 16. 1729 Vgl. Polk: Aufstand, S. 217. 1730 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 17. 1731 Vgl. Marr: Creating Defensive Capacity in Vietnam, 1945-1947, S. 76. 1732 Vgl. Dukier: Ho Chi Minh and the Strategy of People’s War, S. 165. 1733 Nach Tanham waren es 300.000, nach Heimann 350.000 und nach Dalloz sogar 400.000 Mann. (vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 56f, vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 104, vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 214 und vgl. Roy, Jules: Der Fall von Dien Bien Phu, Genf, ohne Jahresangabe, S. 14.) 1734 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28. Auch Tanham geht bei Kriegsende von einer Zahl von 300.000 Vietminh-Kämpfern aus. (Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 56f.) 1735 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 46. 1736 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 44. 1737 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 46. Die Streitkräfte der Vietminh gliederten sich 1954 in 125.000 reguläre Soldaten, 75.000 Mann regionale und 200-150.000 lokale Guerillas. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 14 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 214.) 1738 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 66. 1739 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 44. 245 bewaffneten Kampfes in einer bestimmten Region“1740. Diese waren ebenso gut ausgerüstet wie bewaffnet1741 und standen unter dem Kommando des jeweiligen Parteikomitees.1742 Volksmilizen waren als „Guerilla- und Selbstverteidigungseinheiten“1743 die „große Streitmacht der werktätigen Bevölkerung“1744, die sich auf den bewaffneten Kampf entsprechend der Bedingungen ihrer jeweiligen Region einstellten, aber teilweise noch am Zivilleben teilnahmen.1745 Sie waren eher schlecht bewaffnet und wurden primär für Kurierdienste1746 und Logistikaufgaben,1747 aber auch zu Sabotagezwecken1748 eingesetzt.1749 Als Reserve für Guerilla und reguläre Kräfte bildeten sie das Rückgrat der Militärorganisation der Vietminh.1750 Die lokalen und regionalen Truppen operierten dabei in enger Koordination mit den regulären Streitkräften.1751 Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Vietminh-Truppen aufgrund der im November 1949 eingeführten Wehrpflicht1752 nicht nur aus Freiwilligen bestanden.1753 Die Struktur der regulären Truppen folgte dem „Dreier-Prinzip“: Drei Mann bildeten eine Zelle, drei Zellen eine Gruppe (phan doi), drei Gruppen einen Zug (trung doi).1754 Entsprechend war der Aufbau auf 1740 Ebd., S. 44. 1741 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 52 1742 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 23. 1743 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 44. 1744 Ebd., S. 44. 1745 Vgl. ebd., S. 44. 1746 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 52 1747 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 129. 1748 Herbert Mercks berichtet davon, dass auch ökonomische Ziele, wie die Kautschukplantagen von Michelin sabotiert wurden. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1749 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 74. 1750 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 45. 1751 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 23 und S. 46. 1752 Die Befragung gefangener Vietminh ergab, dass sich 38 Prozent von der Sache der Vietminh überzeugt zeigten, 23 Prozent ohne inneres Widerstreben eingezogen worden waren, 25 Prozent gegen ihren Willen rekrutiert wurden und 6 Prozent in der Armee eine Karrieremöglichkeit erblickt hatten. (Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 57.) 1753 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 33 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 56f. 1754 Vgl. Weggel: Indochina, S. 72 und vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28. 246 Kompanie- (dai doi), Bataillons- (chi doi) und Regimentsebene (trung doan).1755 Im April 1949 verfügte Giap bereits über 32 reguläre Bataillone.1756 1949/50 konnten hieraus schließlich die ersten Divisionen1757 (dai doan) aufgestellt werden.1758 Bei Kriegsende bestanden sechs Divisionen1759 und mehrere eigenständige Regimenter.1760 Aufgrund der starken französischen Präsenz im Süden, operierten diese jedoch nur im Norden des Landes.1761 Die Aufstellung entsprach der administrativen Einteilung des Landes in Interzonen, welche im März 1948 von den Vietminh durchgeführt worden war.1762 Darunter gab es Provinzen, Distrikte, Dörferverbünde und das einzelne Dorf. Distrikte stellten jeweils eine Kompanie und Provinzen bildeten hieraus ein Bataillon.1763 Giap war es gelungen, aus Guerillaverbänden eine Volksarmee zu schaffen.1764 Der erfolgreiche Kampf der Vietminh war angesichts der materiellen Überlegenheit der Franzosen letztlich jedoch nur möglich gewesen, da sie auf eine beträchtliche auswärtige Unterstützung hatten zurückgreifen können. Bereits während des Zweiten Weltkriegs erhielten die Vietminh erstmals Hilfe aus dem Ausland. Der US-Geheimdienst kontaktierte die Vietminh und belieferte sie mit Waffen und Ausrüstung für den Kampf gegen Japan.1765 Von weit größerer Bedeutung für die 1755 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28. 1756 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 66. 1757 Hierbei handelte es sich um die aus insgesamt 60 Bataillonen gebildeten Divisionen 304, 308, 312 und 316 in Tonking sowie die 320. Division in Cochinchina. (Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 121.) Es folgten noch die 351. schwere Division und die 325. Division in Annam. Daneben bestanden zudem verschiedene selbstständige Regimenter und Bataillone. (Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28 und vgl. dazu auch Fall: Dschungelkrieg, S. 23.) 1758 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28 und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 121. 1759 Unterschiedlichen Angaben zufolge, umfasste eine Division zwischen 9.500 und 15.000 Mann. (vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 51, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 28 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 41f.) 1760 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 42. 1761 Vgl. ebd., S. 15. 1762 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 98. 1763 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 44f. 1764 Vgl. Weggel: Indochina, S. 72. 1765 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 25. 247 Vietminh waren jedoch schließlich die Rotchinesen, die laut Fall zu einer aktiven Schutzmacht1766 wurden.1767 Das Hinterland der Kommunisten reichte nun „sechstausend Meilen weit bis zu den Industriezentren der Sowjetunion“.1768 Ungehindert gelangten nun militärische Ausrüstungsgegenstände und sogar schwere Waffen1769 aus der UdSSR1770 und China ins Land. Auch die gezielte Weiterentwicklung der Guerillaeinheiten in reguläre Verbände konnte hier betrieben werden.1771 Dukier spricht von chinesischen Beratern auf vietnamesischem Boden1772 und Halweg sogar von chinesischen Freiwilligen,1773 die mit Handlungsanweisungen zur Führung des Guerillakrieges auf Seiten der Vietnamesen kämpften.1774 Laut Bodin sei es gewiss, dass chinesische Militärs in Indochina anwesend waren. Ihm zufolge habe es sich um ca. 6.000 Instrukteure gehandelt.1775 Auch Herbert Mercks, der von 1951 bis 1954 als Fremdenlegionär in Indochina diente, hatte während der Kämpfe um Dien Bien Phu den Eindruck, dass sich unter den Vietminh chinesische Soldaten befanden, die vor allem mit Führungsaufgaben betraut waren.1776 1766 Unter einer aktiven Schutzmacht ist laut Fall ein Staat zu verstehen, „der an ein anderes rebellierendes Land angrenzt und, obwohl nicht unmittelbar und offen an dem Konflikt beteiligt, der Rebellenseite Unterstützung durch Asyl, Ausbildungsmöglichkeiten, Kriegsmaterial und – wenn dies ohne größere Schwierigkeiten möglich ist – auch mit Truppen gewährt.“ (Fall: Dschungelkrieg, S. 327.) 1767 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 327. 1768 Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 339. 1769 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 254, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 59 und vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 22. 1770 Vgl. Kindermann: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, S. 45f und vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 74. 1771 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 22f und vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 29. 1772 Vgl. Dukier: Ho Chi Minh and the Strategy of People’s War, S. 166. 1773 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 163. 1774 Vgl. ebd., S. 279. 1775 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 60. 1776 Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf. „Gesprächspartner 1“ konnte dies nicht direkt bestätigen, war sich aber sicher, dass die Vietminh chinesische Berater hatten und vor allem chinesische Spezialisten beispielsweise bei der Artillerie und der Luftabwehr einsetzten. (Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) 248 Angesichts des überlegenen militärischen und ökonomischen Potentials der Franzosen1777 setzte Ho Chi Minh auf einen langen Widerstandskampf.1778 Giap hatte erkannt, dass die Strategie Frankreichs auf eine schnelle Entscheidung drängen musste, da ein sich hinziehender Krieg auf Dauer dessen Ressourcen zu sehr belasten würde.1779 In Anlehnung an Mao war Giaps Strategie daher „die eines langandauernden Krieges.“1780 Da die Bevölkerung die Basis dieses langwierigen Kampfes darstellte,1781 kam es darauf an, durch gezielte Agitation und politische Schulung das Durchhaltevermögen sowie die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung systematisch zu stärken.1782 Ein solcher Kampf war daher vor allem ein politischer Kampf, weshalb dessen Führung alleine der Kommunistischen Partei obliegen sollte.1783 Da die meisten Vietnamesen aufgrund ihrer buddhistischen Grundhaltung dieser zunächst jedoch reserviert gegenüberstanden, mussten die Kommunisten ihre Absichten tarnen und viel Energie darauf verwenden, deren Zustimmung zu gewinnen.1784 Da man erkannt hatte, dass die Bevölkerung mit kommunistischen Parolen alleine nicht zu begeistern war, setzte man auf die nationale Karte und erklärte, die verschiedenen Gruppen für den nationalen Befreiungskampf sammeln zu wollen.1785 Die Vietminh sollten daher als Sammelbewegung gerade auch nichtkommunistischen Kräften offen stehen.1786 Die Schlüsselpositionen der Bewegung waren jedoch durch Kommunisten besetzt.1787 Nationalistische Funktionäre wurden jedoch immer mehr an den Rand gedrängt.1788 Konkurrierende oppositionelle Gruppen wurden systematisch ausgeschaltet, so dass die Vietminh bald zur einzigen Wider- 1777 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 21f. 1778 Vgl. Ho Tschi-Minh: Bericht auf dem Zweiten Nationalkongreß der Arbeiterpartei Vietnams (Februar 1951), S. 224. 1779 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 89 und vgl. dazu auch Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 98. 1780 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 75. 1781 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 71. 1782 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 88. 1783 Vgl. ebd., S. 79-101. 1784 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 50. 1785 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 24. 1786 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 48 und vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 73. 1787 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 73. 1788 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 34. 249 standsorganisation wurden.1789 Zahlreiche Menschen wurden in diesem Zusammenhang ermordet.1790 Giap begann den Kampf gegen Japaner und Franzosen mit Guerillaeinheiten in Tonking in der Endphase des Zweiten Weltkriegs.1791 Unter den Bedingungen „eines langandauernden Kriegs“1792 schien ihm eine „in den Bewegungskrieg übergehende Guerilla“1793 das angemessene Konzept zu sein:1794 „Denn sie war die geeignete Kampfform der Volksmassen, des Volkes eines schwachen Landes, das schlecht bewaffnet, aber entschlossen gegen eine Aggressionsarmee ankämpfte, die ihr an technischem Stand und an Material weit überlegen war.“1795 Auch Ho Chi Minh war davon überzeugt: „Was die Taktik anbelangt, so werden wir die Methode des Guerilla-Kampfes praktizieren, die darin besteht, geheim, schnell und beweglich zu agieren, bald im Westen, bald im Osten zuzuschlagen und ebenso plötzlich wieder zu verschwinden, wie man vorher aufgetaucht ist.“1796 In diesem Sinne entwarf Vo Nguyen Giap einen Plan, der sich an Maos Strategie angelehnt in drei Phasen vollziehen sollte: Bis ein adäquater Ausbildungsstand erreicht war, sollten die Vietminh in einer defensiven Phase Zurückhaltung üben. In der zweiten Phase sollten die kleineren französischen Stützpunkte systematisch vernichtet und ein Gleichgewicht der Kräfte hergestellt werden, ehe die Franzosen in der dritten und entscheidenden Phase der Gegenoffensive vollständig zu vernichten waren.1797 Jede Phase war dabei unabdingbare Voraussetzung für die nächste.1798 1789 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 24. 1790 Vgl. Margolin, Jean-Louis: Vietnam: Die Sackgasse des Kriegskommunismus, in: Stéphane Courtois et al. (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, S. 630-641, hier S. 631. 1791 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 23f. 1792 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 41. 1793 Ebd., S. 88. 1794 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 84. 1795 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 93f. 1796 Ho Tschi-Minh: Instruktionen zum Aufbau einer Propaganda-Einheit zur Nationalen Befreiung Vietnams (Dezember 1944), in: Bernhard B. Fall (Hrsg.): Ho Tschi Minh. Revolution und nationaler Befreiungskampf – Ausgewählte Reden und Schriften 1920 bis 1968, München 1968, S. 157-158, hier S. 158. 1797 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 90 und vgl. dazu auch: Ho Tschi- Minh: Bericht auf dem Zweiten Nationalkongreß der Arbeiterpartei Vietnams (Februar 1951), S. 226. 1798 Vgl. Ho Tschi-Minh: Bericht auf dem Zweiten Nationalkongreß der Arbeiterpartei Vietnams (Februar 1951), S. 226f. 250 Da die Vietminh im Norden indes stärker etabliert waren, befanden sich die verschiedenen Regionen in Vietnam teilweise in unterschiedlichen Phasen. So war beispielsweise bei Kriegsende der Norden dabei, in die dritte Phase einzutreten, während sich der Süden noch in der ersten Phase befand.1799 Die Vietminh griffen ebenso auf Maos Stützpunkt-Strategie wie auf das Konzept des Volkskrieges zurück.1800 Die Vietminh machten sich zunächst daran, das Hinterland des Feindes durch Guerillaaktivitäten zu unterminieren. „Unsere Einheiten spalteten sich in selbstständige Gruppen auf, die tief in der vom Feind kontrollierten Zone operierten. Es kam darauf an, den Guerillakrieg auszulösen, Stützpunkte zu errichten und die lokale Selbstverwaltung abzusichern.“1801 Diese „Rote Zonen“ genannten Stützpunkte, in denen eine lokale Selbstverwaltung errichtet wurde, waren die Grundlage der Strategie. Es galt diese zu halten, allmählich zu vergrößern1802 und von dort aus weitere Stützpunkte zu gründen, um sich auf diese Weise im ganzen Land auszudehnen.1803 Guerillakrieg und regulären Krieg effektiv miteinander verbindend1804 war darauf zu achten, dass man den Franzosen in jedem einzelnen Gefecht überlegen war.1805 Eine Kombination aus Geschwindigkeit1806, Geheimhaltung und der Wahl unerwarteter Angriffsziele waren hierfür die Voraussetzung.1807 Für gewöhnlich griffen sie dabei bei Nacht an.1808 Bei allen militärischen Aktionen wurde dabei eng mit der Bevölkerung kooperiert.1809 Die Taktik der Vietminh war vor allem infanteristisch ausgelegt. Artillerie war erst in den letzten Kriegsmonaten in signifikantem Umfang verfügbar.1810 Beim Anwenden der Infiltrationstaktik um in Operationsgebiete zu gelangen,1811 erwiesen sich die Vietminh als ausgesprochen 1799 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 15. 1800 Vgl. Ho Tschi-Minh: Instruktionen zum Aufbau einer Propaganda-Einheit zur Nationalen Befreiung Vietnams (Dezember 1944), S. 158. 1801 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 16. 1802 Vgl. ebd., S. 16 und 22. 1803 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 53. 1804 Vgl. ebd., S. 87. 1805 Vgl. Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 85. 1806 Bemerkenswerte Marschleistungen von tagsüber 30 und nachts 50 Kilometern waren dabei die Regel. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 92.) 1807 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 75. 1808 Vgl. ebd., S. 89. 1809 Vgl. ebd., S. 76. 1810 Vgl. ebd., S. 83. 1811 Vgl. ebd., S. 85. 251 geschickt.1812 Indem man die „Kräfte des Feindes permanent“1813 aufspaltete und zersprengte, sollte allmählich das Kräfteverhältnis verändert und eine Überlegenheit hergestellt werden.1814 Auch bei den taktischen Grundlagen lehnte sich Giap eng an Mao an: „Wenn der Feind stark ist, zieht man sich zurück, ist er aber schwach, greift man ihn an.“1815 Entscheidend dabei waren „Initiative, Elastizität, Wendigkeit, Überraschung und Schnelligkeit bei Angriff und Rückzug.“1816 Dem Prinzip Maos folgend, sollte der Guerillakrieg auf diese Weise vom Lande aus allmählich die städtischen Zentren einkreisen und schließlich einnehmen.1817 Seit dem Jahreswechsel 1948/49 waren die Kommunisten erstmals in der Lage, kleinere Kampagnen durchzuführen.1818 Dabei ging Giap zunächst gegen kleinere isolierte französische Posten – die teilweise nur in Gruppenstärke mit ca. zehn Mann besetzt waren1819 – vor, indem er örtliche Überlegenheit herstellte und sie überrannte.1820 Da es den Franzosen aufgrund der Unwägbarkeit der nächsten Angriffsziele der Vietminh nicht möglich war, ihre Reserven gezielt einzusetzen, besaßen die Vietminh bei diesen Kampagnen stets eine zahlenmäßige Überlegenheit, zumal die schwache Infrastruktur und das widrige Gelände den Entsatz des angegriffenen Stützpunktes sehr schwierig machten.1821 Die Vietminh weiteten ihre Kampagnen immer mehr aus und waren zu immer größeren Angriffen, bei denen sie in der Regel 1812 Da die Vietminh lediglich Lücken von rund 1,2 km benötigten, um mehrere Personen durch die französischen Stellungen zu schleusen und nur ca. 2 km und annähernd 4 km für mehrere Züge bzw. Kompanien, war das Bunkersystem im Delta auch nicht in der Lage, die Infiltration dieser Region durch die Vietminh zu unterbinden. (Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 89.) 1813 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 22. 1814 Vgl. ebd., S. 22. 1815 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 43. Bei Mao heißt es: „Rückt der Feind vor, ziehen wir uns zurück; macht er halt, beunruhigen wir ihn; ist er ermattet, schlagen wir zu; weicht er, verfolgen wir ihn.“ (Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 79.) 1816 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 43. 1817 Ebd., S. 84. 1818 Vgl. ebd., S. 16f. 1819 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 52. 1820 Vgl. Bonnecarrère, Paul: Frankreichs fremde Söhne, 5. Auflage, Stuttgart 1989, S. 352 und vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 22. 1821 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 14 und vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 159. 252 mit wellenartigen Massenangriffen vorgingen, in der Lage.1822 Die Frontalangriffe gegen die französischen Linien wurden dabei durch hinter den feindlichen Linien operierende Verbände unterstützt.1823 Um die Franzosen am Verlegen von Reserven in bedrohte Abschnitte zu hindern, banden sie diese durch Ablenkungsangriffe an anderen Fronten.1824 Ab 1953 entwickelten die Vietminh zudem eine neue Taktik, um erfolgreich gegen stärkere Stützpunkte vorzugehen. Statt der verlustreichen Massenangriffe gingen sie dazu über, die Stellungen des Gegners Stück um Stück „wegzunagen“.1825 Hierzu trieben sie Annäherungsgräben teilweise bis auf zehn Meter an die französischen Stellungen heran, um diese dann mit Artillerieunterstützung zu stürmen.1826 Diese „pourrissement“1827 genannte Taktik, welche systematisch und sukzessive Teile der französischen Sicherungen herausbrach, erwies sich als zwar langwierig, war aber ebenso sorgfältig wie erfolgreich1828 und sollte sich schließlich auch in Dien Bien Phu bewähren.1829 1822 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 26. 1823 Vgl. ebd., S. 32 und S. 34. 1824 Vgl. beispielsweise Fall: Dschungelkrieg, S. 29-31. 1825 Vgl. ebd., S. 101. 1826 Vgl. ebd., S. 285. 1827 Der Begriff „Pourrissement“ leitet sich von dem französischen Verb „pourrir“ (verfaulen) ab. Dieser Vorgang beschreibt die Taktik der Vietminh, schrittweise einzelne Bastionen von befestigten Anlagen einzunehmen, so dass die Gesamtanlage tatsächlich schrittweise „verfaulte“ und immer mehr an Kraft einbüßte, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage war, Widerstand zu leisten und überrannt werden konnte. 1828 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 42. 1829 Angesichts des großen militärischen Potentials des ausgebauten Stützpunkts wäre ein blitzartiger Sturm – auch wenn mit der 308., 312., 316. und 351. Division starke Kräfte herangeführt worden waren – wenig erfolgversprechend gewesen. Ein stetig wachsendes, engmaschiges System von Schützengräben schnürte den Stützpunkt daher immer weiter ab. Giap gelang es, durch Kräftekonzentration in einzelnen Abschnitten des Schlachtfeldes örtliche Überlegenheit herzustellen und nach und nach Teile des Stützpunktes herauszubrechen. Auf diese Weise wurde die französische Position bereits in den ersten Kampftagen im März 1954 nachhaltig geschwächt. Zusammen mit dem Umstand, dass es den Vietminh unter enormen Anstrengungen gelungen war, eigene Artillerie auf die umliegenden Berghänge zu schaffen, wodurch der Stützpunkt dem Beschuss weitgehend schutzlos ausgeliefert war, führte dies zum Fall von Dien Bien Phu. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 78, S. 161 und S. 208-225, vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 153f, S. 156f, vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 281, vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 253 Ein weiterer Aspekt des von den Vietminh geführten Guerillakrieges waren die permanenten Angriffe gegen das Verkehrsnetz des Landes. Da die Franzosen aufgrund ihres schweren Materials in dem ansonsten unzugänglichen vietnamesischen Gelände1830 und zum Transport von Nachschubgütern1831 unbedingt auf die Nutzung der Straßen angewiesen waren, waren sie hier ausgesprochen verwundbar.1832 Dies zwang sie zu einer permanenten Sicherung der Straßen.1833 Gingen sie hingegen zum Angriff über, wich Giap, getreu dem Prinzip, nur dann zu kämpfen, wenn er einen Sieg erwarten konnte, dem Kampf aus.1834 Der französische Stoß ging auf diese Weise häufig Leere.1835 Frustriert stellte Marc Geneste fest: „Hier ist jeder ein Kämpfer ohne Uniform. Einige tragen Waffen; andere sind nur behilflich, Informationen zu sammeln. (...) Sobald wir erscheinen, werden die Waffen versteckt, und wir begegnen freundlichem Lächeln.“1836 Nachdem sie der ersten Wucht des französischen Schlages ausgewichen waren und mit hohem Tempo starke Kräfte herangeführt hatten, holten die Vietminh für gewöhnlich zum Gegenschlag gegen die inzwischen weit ins Landesinnere vorgestoßenen und von ihren Operationsbasen entfernten französischen 111 und Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) 1830 Vgl. Bonnecarrère: Frankreichs fremde Söhne, S. 333. 1831 Vgl. Geneste, Marc E.: Guerillakriegführung, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel. 20 Jahre kommunistische Guerillakämpfe in aller Welt, Köln 1963, S. 356-360, hier S. 358. 1832 Die Vietminh-Guerillas zeigten bei der Sabotage von Verkehrswegen erstaunliche Leistungen. So waren sie beispielsweise imstande, in einer Nacht auf 5 km Straßenabschnitt 700 Gräben und schachbrettartige Löcher auszuheben. Weitere Mittel zur Störung der Verbindungslinien waren Hinterhalte gegen Wagenkolonnen, das Verminen der Straßen und Bombenanschläge. (vgl. Bonnecarrère: Frankreichs fremde Söhne, S. 333 und vgl. Geneste: Guerillakriegführung, S. 356.) 1833 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 70. Auch Herbert Mercks berichtet davon, dass die einzelnen Sicherungsposten ihren Straßenabschnitt täglich abgehen und auf Beschädigung durch Abgrabung oder Verminung durch die Vietminh überprüfen mussten. Dabei kam es nicht selten zu Verlusten durch Heckenschützen. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1834 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 38 und S. 42. 1835 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 38. Auch Heinrich Decker berichtet, dass sein Marschbataillon oftmals auf keinen Feind mehr stieß, nachdem dessen Auftreten gemeldet und das Bataillon dorthin verlegt worden war. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1836 Geneste: Guerillakriegführung, S. 357. 254 Truppen aus. Zusammen mit Angriffen gegen deren Nachschubwege brachte dies die Franzosen oft in ernste Bedrängnis.1837 Wenn auf diese Weise starke Kräfte des Feindes gebunden waren, die andernorts fehlten, reagierten die Vietminh hierauf umgehend mit einer Ausweitung der Guerillaaktivitäten in den nunmehr ungedeckten Gebieten.1838 Grundsätzlich unternahmen die Vietminh auch keine Angriffe ohne eine zuvor eruierte Rückzugsmöglichkeit.1839 Entweder zog man sich zu einem versteckten Sammelpunkt zurück1840 oder zerstreute sich in kleine Gruppen, um im Dschungel oder in der Bevölkerung untertauchen zu können. Auch Tunnel ermöglichten den Vietminh Flucht oder auch Stellungswechsel.1841 2.3.4. Die französische Politik – Struktur, Zielsetzung und Strategie Lage und Ziele Im September 1945 waren 63 Prozent der Franzosen der Meinung, Indochina solle französisch bleiben.1842 Auch für Charles de Gaulle1843 war der Verbleib der fernöstlichen Kolonie bei Frankreich ein nationales Gebot.1844 Noch im März 1945 hatte er daher bereits ein Programm für Indochina für die Zeit nach dem Sieg über Japan aufgestellt, nach 1837 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 38. 1838 Vgl. ebd., S. 47. 1839 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 75. 1840 Vgl. ebd., S. 91. 1841 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 92 und Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf. 1842 Vgl. Bodin, Michel: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, Paris 1996, S. 150. 1843 General Charles de Gaulle hatte nach dem französischen Zusammenbruch am 18. Juni 1940 von London aus zur Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland aufgerufen. Als Präsident des Nationalkomitees der Freien Franzosen und der provisorischen französischen Regierung wurde er zur Symbolfigur des französischen Widerstands. Nachdem er am 24. August 1944 gemeinsam mit General Leclerc in Paris eingezogen und Frankreich schließlich befreit worden war, wurde er auch offiziell Präsident des Landes. Nachdem er am 20. Januar 1946 wegen eines Streits um Militärkredite zurückgetreten war, leitete er ab 1959 als erster Präsident der V. Republik erneut die Geschicke Frankreichs. (vgl. Siegfried, André: Frankreichs Vierte Republik, Stuttgart 1959, S. 119, S. 127 und S. 263f.) 1844 Vgl. Bodin: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, S. 249. 255 welchem er eine aus Vietnam, Laos und Kambodscha bestehende „Föderation Indochinesischer Staaten“ bilden wollte. Verwaltet durch eine Zentralregierung mit einem französischen Generalgouverneur an der Spitze, sollte die Administration sowohl französische als auch einheimische Minister umfassen. Daneben war eine beratende Versammlung, deren Mitglieder jedoch zu 50 Prozent aus Franzosen zu bestehen hatte, geplant.1845 Im Spätsommer 1945 wurde aus diesem Grund ein Expeditionskorps entsandt, dass die französische Souveränität in Indochina wieder herstellen sollte.1846 Als die Engländer Anfang 1946 endgültig das Land verließen, übertrugen sie die Verantwortung für den Süden wieder offiziell den Franzosen. Hoher Kommissar von Indochina wurde Admiral Thierry d’Argenlieu1847, unter dem die französische Verwaltung wieder dort begann,1848 „wo sie bei Kriegsbeginn aufgehört hatte“1849. Eine Regierung aus Paris ergebenen Vietnamesen wurde eingesetzt und, nachdem die Herrschaft im Süden schließlich konsolidiert war, trachteten die Franzosen danach, auch den Norden zurückzugewinnen, der mit Kriegsende in die Zuständigkeit der chinesischen Kuomintang gefallen war.1850 Darin einig, die chinesische Präsenz im Land zu beenden, kam man mit Ho Chi Minh zu einer Übereinkunft. Die Franzosen stimmten, da sie militärisch nicht in der Lage gewesen wären, den Norden zu erobern, der von Ho Chi Minh geforderten Selbstständigkeit der Republik Nord-Vietnam im Rahmen der Französischen Union am 18. Februar 1946 zu. In der Folge gestatteten die Vietminh den französischen Truppen die Rückkehr in den Norden.1851 Die französische Weigerung, auf die Forderung der Vietminh nach Einheit des Landes einzugehen, führte jedoch zu zunehmenden Spannungen1852 und gewaltsamen Zwischenfällen.1853 Seit Mai 1946 befand sich Ho Chi Minh mit einer Delegation in Frankreich, um seit dem 2. Juli in Fontainebleau über die Zukunft des Landes zu verhan- 1845 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 29. 1846 Vgl. Bodin: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, S. 249. 1847 Admiral Georges Thierry d’Argenlieu war vom 17. August 1945 bis zum 5. März 1947 hoher Kommissar in Indochina. (vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 103 und vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 20 und S. 22.) 1848 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 33. 1849 Ebd., S. 33. 1850 Vgl. ebd., S. 33. 1851 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 36f. 1852 Vgl. ebd., S. 40. 1853 Vgl. ebd., S. 37. 256 deln. 1854 Deren Vorstellungen von einem Bundesstaat „Union Française“, in der Frankreich „weitgehende Vollmachten“ besaß, widersprachen allerdings jenen der Vietnamesen. Zu mehr als einer Zugehörigkeit zu einem losen Staatenbund waren die Vietminh nicht bereit und dies auch nur, wenn ihnen eine eigenverantwortliche Außenpolitik, eine eigene Armee sowie eine Vertretung bei der UNO zugestanden wurden. Da sich die französischen Abgesandten jedoch kompromisslos zeigten, scheiterten die Verhandlungen schließlich.1855 Strategie, Taktik und Struktur In dem bald darauf beginnenden Krieg versuchten die Franzosen sämtliche Vietminh-Kräfte zu zerschlagen, um durch diese „Pacification“ die politische und administrative Ordnung im Land wiederherzustellen.1856 Die zunehmende Dauer des Krieges wirkte sich zusammen mit Verlusten1857 und militärischen Rückschlägen, wie beispielsweise der Niederlage bei den Kämpfen um die Grenzposten im Oktober 1950, jedoch sowohl auf die Moral der französischen Truppen als auch auf die Moral an der Heimatfront negativ aus.1858 Hier kam mit zunehmender Kriegsmüdigkeit das Wort vom „sale guerre“ (schmutziger Krieg) auf1859 und Forderungen nach Abzug des Expeditionskorps mehrten sich.1860 Vor allem die französischen Kommunisten, die sich stark an Moskau orientierten,1861 aber großes politisches Gewicht besaßen,1862 opponierten, indem sie den Krieg als imperialistisch, kapitalistischen Interessen dienend und vor allem amerikanisch gelenkt 1854 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 40, vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 90 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 280. 1855 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 41. 1856 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 199. 1857 Bis Juni 1953 beliefen sich die französischen Verluste laut Roy auf 98 Stabsoffiziere, 1.481 subalterne Offiziere, 2.683 französische Unteroffiziere, 6.008 französische Soldaten, 12.019 Fremdenlegionäre und Nordafrikaner sowie 14.093 vietnamesische Soldaten. Zudem wurden und 20.000 vermisst. Verwundete sind hierbei nicht berücksichtigt. (Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 24.) 1858 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 348. 1859 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 29 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 171. 1860 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 349. 1861 Vgl. Siegfried: Frankreichs Vierte Republik, S. 130. 1862 Vgl. Siegfried: Frankreichs Vierte Republik, S. 143-146. 257 denunzierten,1863 massiv gegen die Indochinapolitik der Regierung.1864 Da durch ihre stark ideologisierte Ausrichtung insbesondere die französische Sicherheitspolitik unterminiert wurde,1865 charakterisiert Siegfried sie mit den Worten: „Mögen lieber die Kolonien als ein Grundsatz untergehen!“1866 Hatten nach Umfragen 1947 noch 37 Prozent der Franzosen den Krieg in Indochina befürwortet, waren es 1954 nur noch 8 Prozent.1867 Während die Gegner des Krieges zunahmen, herrschte bei den meisten schlicht Desinteresse. 1953 beantworteten in einer Umfrage nur 30 Prozent der Franzosen, dass sie sich regelmäßig in den Zeitungen über Neuigkeiten aus dem Krieg in Indochina informierten. 22 Prozent gaben sogar an, dass sie dies nie täten.1868 Die Erbitterung der kämpfenden Truppen über die mangelnde Unterstützung der Heimat wird an den zeitgenössischen Worten Genestes deutlich, der resigniert feststellte: „Selbst in Frankreich wird dem heroischen ‚Widerstand’ des vietnamesischen Volkes Tribut gezollt.“1869 Um Indochina weiterhin an sich zu binden, verfolgte Frankreich den Plan, dass die Republik Vietnam der Union Française unter französischer Oberhoheit beitreten sollte, was schließlich im Abkommen von Hanoi im März 1946 vollzogen wurde.1870 Die Franzosen setzten eine Marionettenregierung ein und stellten vietnamesische Hilfstruppen zur Stabilisierung des Landes auf.1871 Zwar berief Hochkommissar Thierry d’Argenlieu Vietnamesen in hohe Ämter, jedoch war das Volk in der Masse durch die Vergabe an Großgrundbesitzer, Geschäftsleute 1863 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 164 und vgl. Stöver: Der Kalte Krieg 1947-1991, S. 53 1864 Vgl. Bodin: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, S. 192 und vgl. Siegfried: Frankreichs Vierte Republik, S. 147. Heinrich Decker erinnert sich daran, dass kommunistische Arbeiter bereits 1949/50 Transportschiffe bestreikten, die Truppen von Marseille nach Nordafrika zur Ausbildung bringen sollten, um die Kriegsanstrengungen der französischen Regierung zu unterlaufen. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1865 Vgl. Siegfried: Frankreichs Vierte Republik, S. 197. 1866 Ebd., S. 197. 1867 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 33. 1868 Vgl. Bodin: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, S. 147. 1869 Geneste: Guerillakriegführung, S. 357. 1870 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 338. 1871 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 47-49. 258 und Rechtsanwälte nicht repräsentiert.1872 Die Landbevölkerung verweigerte die Kooperation mit den Behörden und zeigte sich mitunter sogar feindselig. Beamte waren permanent durch Anschläge gefährdet und auf den Schutz des Militärs angewiesen.1873 Aufgrund ihrer Verbindungen zum alten Feudalregime war die Herrschaft der Franzosen allgemein verhasst.1874 Demgegenüber standen die Hoffnungen, die viele Bauern in die Kommunisten setzten.1875 Dass die Franzosen im Sommer 1946 durch die Schaffung eines separaten Staates Cochinchina gegen das Abkommen von Hanoi verstießen und zudem höhere wirtschaftliche Abgaben als zuvor vereinbart einforderten, erzeugte weiteren Unmut. Da zudem weder Unabhängigkeit noch Autonomie in Aussicht gestellt wurden, spitzte sich die politische Lage in Indochina immer weiter zu.1876 In dieser Situation setzten die maßgeblichen französischen Entscheidungsträger in Indochina – Admiral d’Argenlieu, General Valluy und die Beamtenschaft in Südvietnam – darauf, eine militärische Lösung herbeizuführen. Zwar hatte Argenlieu die Zustimmung dazu von Ministerpräsident Bidault erhalten, doch nach dessen Rücktritt im November nutzte Argenlieu die Zeit bis zur Regierungsbildung durch den neuen Ministerpräsidenten Leon Blum zu weitgehend eigenmächtigem Vorgehen und erteilte General Valluy Handlungsfreiheit für eine militärische Aktion in Tonking. Um neuen Verhandlungen zuvorzukommen, drängten die Kriegsparteien beider Seiten auf eine schnelle Entscheidung. Die Eröffnung der Feindseligkeiten erfolgte schließlich durch einen Angriff bewaffneter Vietminh- Gruppen auf französische Soldaten am 19. Dezember 1946 in Hanoi.1877 Nach Beginn der Kämpfe wurde General Leclerc in der Frühphase des Krieges erneut nach Indochina entsandt, um eine Analyse der militärischen Lage zu erstellen. Angesichts der ausgebliebenen Erfolge1878 empfahl er nach Ende seiner Mission im Januar 19471879 der französischen Regierung, einen friedlichen Ausgleich mit dem Vietminh zu suchen.1880 Andernfalls sei eine Interventionsmacht von annähernd 1872 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 19. 1873 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 141. 1874 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 243. 1875 Ebd., S. 25. 1876 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 20. 1877 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 44. 1878 Vgl. ebd., S. 46. 1879 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 281. 1880 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 46. 259 500.000 Mann erforderlich, um den Konflikt militärisch zu entscheiden.1881 Aufgrund der seitens der Vietminh im März 1947 signalisierten Verhandlungsbereitschaft – ihre Vertretung in Paris hatte angeboten, in der Französischen Union zu verbleiben, wenn dafür Einheit und Unabhängigkeit Vietnams gewährt würden – wäre eine solche Möglichkeit durchaus realistisch gewesen. Da die französische Regierung den Vietminh jedoch die alleinige Schuld am Ausbruch der Feindseligkeiten gab, ignorierte sie das Angebot1882 ebenso wie die Empfehlungen Leclercs. Verhandlungsversuche Emile Bollaerts, des Nachfolgers des im März 1947 wegen seines eigenmächtigen Vorgehens entlassenen d’Argenlieu, wurden durch das Militär und die französische Kolonialverwaltung hintertrieben.1883 Auf deren Intervention hin wurde Bollaerts Konzept, welches sogar die Gleichberechtigung und Unabhängigkeit innerhalb der Französischen Union vorgesehen hatte, jedoch von Paris so sehr verändert, dass es für den Vietminh unannehmbar werden musste. Nach dem Austritt der Kommunisten aus der französischen Regierung vollzog sich ein innenpolitischer Rechtsruck und in der Folge1884 erklärte Paris am 23. Dezember 19471885, dass man zu keinerlei Verhandlung mit den Vietminh mehr bereit sei.1886 Thomas kam daher zu dem Schluss, dass die französische Indochinapolitik häufig mehr von politischen Konstellationen, Parteirivalitäten und Koalitionsfragen abhängig war, als von einer rationalen und systematischen Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen.1887 Frankreich gedachte zu eigenen Bedingungen und nicht zu denen der Vietminh in Indochina zu bleiben,1888 zumal man bei Kriegsbeginn zuversichtlich war, dass die Vietminh schnell geschlagen werden konnten.1889 Es scheint, als habe man es zu diesem Zeitpunkt er- 1881 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 214f. 1882 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 46. 1883 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 118 und S. 281 und vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 47. 1884 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 47. 1885 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 281. 1886 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 47. 1887 Vgl. Thomas, Martin: French Imperial Reconstruction and the Development of the Indochina War, 1945-1950, in: Mark Atwood Lawrence/Frederik Logevall: The First Vietnam War – Colonial Conflict and Cold War Crisis, London 2007, S. 130-151, S. 150. 1888 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 48. 1889 Vgl. Thomas: French Imperial Reconstruction and the Development of the Indochina War, 1945-1950, S. 133. 260 wartet, die eigenen politischen Ziele vollständig auf militärischem Wege erreichen zu können. Durch den endgültigen Entschluss, eine militärische Lösung herbeizuführen, standen die Franzosen vor einem Legitimationsproblem ihres Kampfes. Sie versuchten daher, die Außenwahrnehmung des Konflikts von einem Kolonialkrieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln. Da 90 Prozent der Vietnamesen die Vietminh unterstützten, benötigten die Franzosen einen einheimischen Partner, den sie dazu aufbauen konnten. Sich selbst wollte Frankreich dabei die Rolle einer Ordnungsmacht zuerkennen, um das Verbleiben im Land zu rechtfertigen. In Kaiser Bao Dai glaubte man diesen Partner für die Bildung einer „dritten Kraft“ als Gegengewicht zu den Vietminh gefunden zu haben.1890 Laut Linebarger war Bao Dai für die Franzosen jedoch nichts weiter als ein „Strohmann“.1891 Zunächst wurde er als Staatsoberhaupt einer neugegründeten Cochinchina-Republik eingesetzt, die jedoch alles andere als souverän war.1892 Im am 8. März 1949 unterzeichneten Elysée-Abkommen1893 durfte die Republik Cochinchina Vietnam beitreten. Vietnam, Laos und Kambodscha waren nun unabhängige Mitglieder der Französischen Union,1894 die zwar eigene Armeen, Rechtsprechung und Finanzwesen besaßen,1895 deren Außen- und Verteidigungspolitik jedoch in der Kompetenz der Franzosen verblieb.1896 Alles jedoch, was Bao Dai bis dahin erreicht hatte, war bereits von den Vietminh 1946 in der Konferenz von Fontainebleau als nicht ausreichend abgelehnt worden.1897 Erst als der Krieg absehbar verloren war, gestanden die Franzosen seinem Vietnam die volle Unabhängigkeit zu.1898 Bao Dai, der ohnehin mit seiner Familie die meiste Zeit an der Côte d’Azur weilte, war daher keine „nationalistische Alternative“ zu Ho Chi Minh.1899 Der 1890 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 47f. 1891 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 340. 1892 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 49 und vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 98. 1893 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 24. 1894 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 49f. 1895 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 35. 1896 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 24. 1897 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 50. 1898 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 315. 1899 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 25. Laut Herbert Mercks sei offen zu erkennen gewesen, dass sich die Menschen mit Kaiser Bao Dai in keiner Weise identifizierten. Selbst im Süden sympathi- 261 Aufbau einer „dritten Kraft“ und die unwirksame Propaganda waren laut Linebarger beide nicht geeignet, maßgebliche Bevölkerungsteile auf die Seite der Franzosen zu ziehen.1900 Den französischen Versuch, durch das Aufstellen einer vietnamesischen Armee dem Konflikt einen innervietnamesischen Charakter zu verleihen, bezeichnet Jules Roy als „alte Leier, die schon vorher stets herhalten mußte, um die Unfähigkeit ihrer Führung und die mangelnde Kampfeslust ihrer Soldaten zu kaschieren“.1901 Wie es um die Moral der vietnamesischen Auxiliartruppen bestellt war, wird daran deutlich, dass gegen Ende des Krieges von 94.000 Gestellungsbefehlen in einem Jahr nur 5.400 befolgt wurden. Die deutlichen Auflösungserscheinungen der südvietnamesischen Armee waren darauf zurückzuführen, dass die Bereitschaft für Kaiser Bao Dai, Großgrundbesitzer, Provinzoberhäupter und die Franzosen zu kämpfen, nur gering ausgeprägt war.1902 Da Anfang 1950 die Vietminh-Regierung durch die UdSSR diplomatisch anerkannt worden war, hatten die USA hinsichtlich der Regierung Bao Dais in gleicher Weise nachgezogen1903 und begonnen, die Kriegführung der Franzosen finanziell zu unterstützen.1904 Aus Sicht der USA waren Korea1905 und Indochina zwei Fronten desselben Krieges, in welchem der Westen gegen den Kommunismus verteidigt wurde.1906 Mit der sich verschärfenden Kriegslage waren die Franzosen ab 1950 zunehmend auf die USA und die von ihnen ausgehende finanzielle und materielle Unterstützung angewiesen, um den Krieg fortsetsierten demnach inoffiziell viele mit Ho Tschi Minh. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1900 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 341. 1901 Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 28. 1902 Vgl. ebd., S. 285f. 1903 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 105. 1904 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 26. 1905 Nach dem Zweiten Weltkrieg war die koreanische Halbinsel in einen kommunistischen Norden und einen demokratischen Süden geteilt worden. Am 25. Juni 1950 begann Nordkorea einen Angriffskrieg gegen den Süden, welcher durch ein von den USA geführtes Militärbündnis im Auftrag der Vereinten Nationen verteidigt wurde. Die Sowjetunion und die Volksrepublik China unterstützten die Invasion, China ab November 1950 sogar mit 200.000 „freiwilligen“ Soldaten. Der am 27. Juli 1953 geschlossene Waffenstillstand, bei dem sich die Konfliktparteien auf eine Demarkationslinie am 38. Breitengrad einigten, dauert bis in die Gegenwart an. (vgl. Stöver: Der Kalte Krieg, S. 94-97.) 1906 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 29. 262 zen zu können.1907 1952 deckte die US-Hilfe bereits ein Drittel der französischen Kriegskosten1908 und im letzten Kriegsjahr stieg der Anteil sogar auf 80 Prozent.1909 Zwischen 1950 und 1954 gaben die USA für den Indochinakrieg insgesamt 2,76 Mrd. US-Dollar aus, was auch umfangreiche Lieferungen an Waffen und Gerät mit einschloss.1910 Um dadurch jedoch nicht in eine allzu große Abhängigkeit von den Amerikanern zu geraten,1911 machten sie ihre Zustimmung zum amerikanischen Plan einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft vom Erfolg der Intervention in Indochina abhängig. Sie nutzten somit den Umstand, dass die USA zwar ein weiteres Vordringen der Kommunisten in Südostasien verhindern wollten, aber nach Korea nicht an einem weiteren Kampfeinsatz interessiert waren, geschickt aus und ließen sich ihren Kampf daher von Washington gut bezahlen.1912 Im Laufe des Krieges breitete sich unter den Franzosen zunehmend die Erkenntnis aus, in Indochina mit einem neuartigen Phänomen konfrontiert zu sein, dem man mit einer konventionellen Strategie nicht beizukommen schien. Man war daher bemüht, dieses Phänomen zu verstehen und entwickelte gegen Ende des Krieges zu dessen Erklärung die komplexe Theorie des „guerre révolutionnaire“.1913 Mit der 1907 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 50. 1908 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 105. 1909 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 67 und vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 28. 1910 Vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 28. 1911 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 67. 1912 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 67 und vgl. Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, S. 32. 1913 Hierbei handelte es sich indes nicht um eine geschlossene Theorie, sondern vielmehr um eine Ansammlung von Ideen. Ausgehend von den Grundannahmen, dass revolutionäre Kriege vor dem Hintergrund des Ost-West-Gegensatzes zu sehen sind und von professionellen Revolutionären, die ebenso psychologische wie militärische Mittel anwenden, geführt werden, sollte das Konzept des „guerre révolutionnaire“ zur Begegnung kommunistischer Umsturzversuche in der Dritten Welt universal anwendbar sein. Anhand des Beispiels der Vietminh, welche die Bevölkerung weitgehend in ihren Kampf miteinbezogen, glaubte man erkannt zu haben, dass in derartigen Konflikten die strikte Trennung zwischen Zivilisten und Kombattanten aufgehoben sei. Analog zu Mao Tse-tungs Forderung, dass sich Revolutionäre innerhalb der Bevölkerung bewegen und in dieser untertauchen können müssten, sollten daher Einwohner und Insurgenten voneinander getrennt werden, um Letztere isolieren zu können. Gleichzeitig sollte der politischen Organisation der Aufständischen ein effektiver politischer Apparat gegenübergestellt werden, der psychologisch und propagandistisch auf die Bevölkerung einwirken 263 Erkenntnis des Bestrebens der Vietminh, die vietnamesische Bevölkerung zu infiltrieren und eine alternative Administration aufzubauen, ging die Feststellung einher, dass der Guerre Révolutionnaire vor allem eine psychologische Kampfweise war, welche unter Bezugnahme auf die sozialistische Ideologie die Neukonstruktion eines politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems zum Ziel hatte. Im Vordergrund stand daher nicht die Eroberung eines Landes, sondern die Zustimmung der Bevölkerung zu den ideellen Zielen der Bewegung.1914 Die Franzosen nahmen an, dass lediglich die Schwachstellen dieses Konzepts herauszufinden waren, um eine erfolgreiche Gegenstrategie erarbeiten zu können. Durch die Verbindung militärischer Aktionen mit psychologischer Kriegführung unter gleichzeitigem Einsatz von Spezialkräften, die speziell für den jeweiligen Kriegsschauplatz und dessen genuine Kampfweisen ausgebildet waren, glaubte man, ein erfolgreiches Konzept für künftige Auseinandersetzungen dieser Art entwickelt zu haben. Ab 1952 wurden daher eigens eine „Direction Générale de la Guerre Psychologique“ eingerichtet, welche die psychologische Kriegführung koordinieren sollte, um die Kampfmoral der vietnamesischen Truppen zu erhöhen, auf die Bevölkonnte. Während in der Phase der „déstruction“ zunächst die Strukturen der Insurgenten zu zerschlagen waren, war es beabsichtigt, in der anschließenden Phase der „construction“ mittels Sozial- und Wirtschaftsprogrammen stabile politische und ökonomische Verhältnisse zu schaffen. Als das neue Konzept schließlich während des Algerienkrieges (1954-1962) in großem Ausmaß zur praktischen Anwendung kam, zeigte sich jedoch, dass die rücksichtslosen Maßnahmen in der Phase der „déstruction“ – die auch systematische Folter miteinbezog – weite Teile der Bevölkerung so sehr entfremdeten, dass sie durch „construction“ nicht mehr gewonnen werden konnten. Bis heute ist das Konzept des Guerre Révolutionaire hierdurch nachhaltig diskreditiert. Die ihm innewohnende Erkenntnis, dass der psychologische Faktor und die Zustimmung der Bevölkerung zentrale Bedeutung für den Ausgang asymmetrischer Konflikte besitzen, war jedoch richtungsweisend. (vgl. Feichtinger, Moritz: Ein Aspekt revolutionärer Kriegführung: Die französische Umsiedlungspolitik in Algerien 1954-1962, in: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck und Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute: Strukturen – Akteure – Lernprozesse, S. 261-278, hier S. 261, vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 58, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 131-135, vgl. Lieb, Peter: Guerre Révolutionnaire: Die französische Theorie zur Aufstandsbekämpfung in Algerien 1954-1962, in: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck und Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute. Strukturen – Akteure – Lernprozesse, Paderborn, München, Wien, Zürich 2011, S. 463-481, hier: S. 463-466, S. 468f, S. 471 und S. 480f). 1914 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 131f. 264 kerung im französischen Sinne einzuwirken und antikommunistische Propaganda unter Kriegsgefangenen zu verbreiten.1915 Da die Franzosen den Konflikt primär als eine „Polizeiaktion“ zur Niederschlagung eines Aufstands ansahen1916 – um den Begriff „Krieg“ zu vermeiden, wurde stets von „Befriedung“ gesprochen –,1917 sah die französische Nationalversammlung, auch aus Sorge um die Wirkung in der Öffentlichkeit, davon ab, Wehrpflichtige nach Indochina zu entsenden.1918 Um den immensen Bedarf an Truppen jedoch zu decken, griff man vor allem auf maghrebinische1919 Kolonialtruppen1920 und Fremdenlegionäre1921 zurück. Im Laufe des Krieges wuchs das Expeditionskorps von 85.000 Mann im Dezember 1946 auf schließlich 1915 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 99f. 1916 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 68. Auch Heinrich Decker spricht davon, dass ihm dies als Soldat seinerzeit als „Polizeieinsatz unter militärischer Unterstützung“ gegen Partisanen dargestellt wurde. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1917 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 199. 1918 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 69 und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 121. 1919 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 258. 1920 Kriegsteilnehmer wie Herbert Mercks beschreiben den Kampfwert der marokkanischen und algerischen Truppen, die selbst aus einer Kolonie kamen und wenig motiviert waren, für die Durchsetzung imperialer Interessen zu kämpfen, jedoch als gering. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1921 Die Légion Étrangère war 1831 eigens für den Einsatz in fernen Kampfgebieten geschaffen worden und war seit Beginn des Krieges in Indochina im Einsatz. Ihre Personalstärke in Indochina betrug bis zu 20.282 Mann und zeitweise machte sie 17,95 Prozent der Gesamtstärke des Expeditionskorps aus. Zahlreiche Angehörige der Legion waren Deutsche, die bis zu 55-60 Prozent einer Einheit ausmachten. (Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 166-68.) Laut Herbert Mercks verfügten die Legionäre über eine fundierte Ausbildung, die auch eine spezielle Vorbereitung auf den Partisanenkrieg bereits 1951 mit einbezogen habe. Dabei seien auch die in Indochina gesammelten Erfahrungen mit eingeflossen. Die politischen Hintergründe des Konflikts seien dabei jedoch nicht näher erläutert worden. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) Dass eine politische Vorbereitung ausgeblieben war, bestätigen auch Heinrich Decker und „Gesprächspartner 1“. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg und Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) Allerdings berichtete „Gesprächspartner 1“ davon, dass 1948/49 noch keine spezielle Ausbildung hinsichtlich des Kampfs im Dschungel gegen Partisanen stattfand. (Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) 265 250.0001922 Anfang 1954.1923 Hinzu kamen südvietnamesische Territorialeinheiten unter französischem Kommando.1924 Nach Roy besaßen die französischen Streitkräfte in Indochina zu diesem Zeitpunkt einen Umfang von 375.000 und nach Dalloz von rund 450.000 Mann.1925 Auch wenn einige nicht-französische Verbände, wie beispielsweise die Fremdenlegionäre, einen hohen Kampfwert besaßen, fehlte den meisten Soldaten des Expeditionskorps jedoch eine rechte Vorstellung davon, wofür sie eigentlich kämpften.1926 Um der nur schwer zu fassenden Guerillas1927 habhaft zu werden, nahmen die Franzosen eine Rastereinteilung (Quadrillage) der einzelnen Gebiete vor,1928 und errichteten befestigte Stützpunkte, von denen aus die Truppen das umliegende Land kontrollieren sollten. Systematisch wurden die Planquadrate von außen nach innen durchkämmt, um die dort befindlichen Rebellen auf engstem Raum einzuschließen und zu vernichten.1929 Anschließend sollten Wirtschaft und Verwaltung der gesäuberten Gebiete unter Anleitung französischer Spezialisten durch einheimische Beamte wiederaufgebaut werden.1930 Sukzessive sollte danach der derart stabilisierte Raum ausgeweitet werden.1931 Dieses Sicherheitskonzept wurde, analog zu sich auf Wasser ausbreitendem Öl1932 „tâche d‘ huile“1933 genannt.1934 Die Schwierigkeit bei der 1922 Bis 1954 sank der Anteil der Franzosen an den Bodentruppen auf 23,95 Prozent. (vgl. Bodin: La France et ses soldats, Indochine, 1945-1954, S. 151.) 1923 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 132 und vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 104. 1924 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 69 und vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 104. 1925 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 14 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 214. 1926 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 70. 1927 Vgl. ebd., S. 45. 1928 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 200. 1929 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 73. 1930 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 79 und S. 227. 1931 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 100. 1932 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 227. 1933 Die „Ölfleck-Taktik“ wird mit Joseph-Simon Galliéni (1847-1916) und Louis- Hubert Gonzalve Lyauty (1854-1934) in Verbindung gebracht. Galliéni perfektionierte die Taktik zwischen 1892 und 1896 in Indochina sowie zwischen 1896 und 1905 in Madagaskar. Dabei war er durch die Methoden von Thomas-Robert Bugeaud in den 1840er Jahren in Algerien inspiriert worden. (vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 227 und vgl. Heuser: Rebellen – Partisanen – Guerilleros, S. 225.) 266 Umsetzung lag jedoch darin, dass Struktur, Ausbildung und Ausrüstung des Expeditionskorps am konventionellen Kriegsbild orientiert waren.1935 Während die Vietminh sich sicher im unwegsamen, aber ihnen vertrauten Dschungelgelände bewegten, konnten die Franzosen ihre schweren Waffen und Fahrzeuge abseits der Straßen nicht einsetzen. An Infanterie, als einzige Truppengattung, die in der Lage war, weiträumige Dschungelgebiete zu durchkämmen, herrschte indes Mangel.1936 Da die Ölfleck-Taktik jedoch ein Kräfteverhältnis von mindestens zehn Soldaten1937 auf einen Guerilla voraussetzt, scheiterte das Konzept jedoch an den quantitativ insgesamt zu schwachen Kräften.1938 Aufgrund des Versagens der Ölfleck-Taktik versuchten die Franzosen, die Vietminh mit weitausholenden Operationen in die Zange zu nehmen,1939 um schnelle Entscheidungen herbeizuführen. Beispielhaft für diese Strategie war die am 7. Oktober 19471940 beginnende „Operation Lea“, als durch einen kombinierten Schlag von Fallschirmjägern und tiefen Panzervorstößen gegen das Hauptquartier der Vietminh in Viet Bac deren Führung unschädlich gemacht werden sollte.1941 Ho Chi Minh und sein Oberkommando entkamen nur knapp und auch, wenn die Vietminh schwere Verluste hatten hinnehmen müssen, konnten diese jedoch bis Ende 1947 durch neue Rekrutierungen kompensiert werden.1942 Laut Fall hatte die kurzfristige Umleitung von für Indochina vorgesehene Truppen nach Madagaskar, um dort einen Aufstand 1934 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 200. 1935 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 146 und vgl. Geneste: Guerillakriegführung, S. 358. 1936 Vgl. Geneste: Guerillakriegführung, S. 358. 1937 Fall ging sogar von einem Verhältnis von 15:1 oder 20:1 aus, damit eine Abriegelung vollständig gelingen und die Vorteile des Gegners – Unterstützung der Bevölkerung, Geländebeschaffenheit, kräftesparende Verteidigungstaktik – kompensiert werden konnten. (vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 143.) 1938 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 74. 1939 Fall: Dschungelkrieg, S. 19f. 1940 Vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 281. 1941 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 21, vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 46 und vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 55f. 1942 Vgl. Dukier: Ho Chi Minh and the Strategy of People’s War, S. 163f. 267 niederzuschlagen, dazu geführt, dass für die „Operation Lea“ zu wenige Truppen zur Verfügung standen.1943 Ab 1948 ging man dazu über, in Stoßrichtung Norden Schlüsselpositionen wie beispielsweise Straßen und Verkehrsknotenpunkte dauerhaft zu besetzen und Gebiete von hier aus zu befrieden.1944 Die gehaltenen Gebiete sollten durch ein System von Posten und Stützpunkten gesichert werden.1945 So wurde beispielsweise unter General de Lattre de Tassigny das Delta des Roten Flusses auf 3.200 km1946 mit ca. 10.000 Forts und Bunkeranlagen1947 massiv befestigt.1948 Nachdem der schwerkranke de Lattre 1952 durch General Salan abgelöst wurde, ging dieser jedoch zu einem bloßen Halten der eigenen Stellungen über, was laut Fall zur Ausbreitung einer Art „Maginotlinien-Geist“ führte. Mit dieser „Festungsideologie“ sei der feste Glaube verbunden gewesen, man könne die Vietminh aus jeder Position zurückschlagen. Allerdings seien so jedoch zwischen 120.000 und 140.000 Mann konstant gebunden gewesen – davon 1953 alleine 80.000 zur Verteidigung des Del- 1943 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 21, vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 46 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 281. 1944 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 15, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 215 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 27. 1945 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 53. 1946 Weitere Informationen zur „De Lattre Line“, in: http://www.globalsecurity.org/military/world/europe/fr-forts-de-lattreline.htm, zuletzt geprüft: 19.01.2014. 1947 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 350. 1948 Die Bauwerke reichten von einfachen, mit Stacheldraht umgebenen Türmen für einige Dutzend Männer, bis hin zu ausgebauten Festungswerken. Im Abstand einiger Meilen lagen größere Forts und die Zwischenräume wurden durch kleinere Posten, zwischen denen eine halbe Meile Abstand lag, gedeckt. Neben Bunkern bzw. betonierten Blockhäusern gab es als Befestigung Schützengräben und Werke (Ouvrages) unterschiedlicher Größe. Zudem sollten kleinere Sektoren und Straßenabschnitte durch ein System einfacher Türme überwacht werden. Jedoch mussten jeden Morgen Patrouillen zu den Nachbartürmen ausgesandt werden, um zu prüfen, ob die Route noch gangbar oder über Nacht vermint worden war. Da gerade aber die kleineren Posten leichte Beute für die Vietminh waren, gab es in jedem Untersektor einen Stützpunkt mobiler Kräfte, die einer Garnison gegebenenfalls zur Hilfe eilen konnten. (vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 101, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 216f und Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 268 tas.1949 Nicht nur, dass hierdurch Kräfte für Offensivoperationen fehlten,1950 es konnte auch die Infiltration des Deltas nur beeinträchtigt,1951 nicht aber verhindert werden.1952 Die Vietminh umgingen die französischen Sicherungsmaßnahmen, indem sie sich fortwährend im unübersichtlichen Gelände abseits der Straßen bewegten. Auch waren Gebiete, die tagsüber als gesichert galten, nachts in der Hand der Vietminh.1953 Schließlich nahm mit steigender Aufteilung der Kräfte auch die punktuelle Verwundbarkeit zu.1954 Als die Befriedung des südlichen Landesteils bis 1950 dennoch Fortschritte machte, unterliefen die Vietmin dies dadurch, dass sie die Dörfer infiltrierten und dort kleine kommunistische Zellen aufbauten, welche durch Gegenpropaganda und Terror gegen Einheimische, die mit den Franzosen kooperierten, auf die Bevölkerung einwirkten.1955 Nachdem die De-Lattre-Linie den Offensiven der Vietminh standgehalten hatte,1956 verlagerten sie ihre Angriffe später ins Landesinnere, 1949 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 350f und vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 126f. 1950 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 30. 1951 Vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 47. 1952 Vermutlich operierten hinter den befestigten Linien im Delta an die 30.000 Guerillas. 1953 befanden sich von 7.000 Dörfern im Delta 5.000 in den Händen der Vietminh. (vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 351 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 216.) 1953 Da die Nacht grundsätzlich den Vietminh gehört habe, seien die Franzosen innerhalb ihrer Garnisonen geblieben. Herbert Mercks berichtet, dass einzelne Versuche, nachts zu patrouillieren, gescheitert seien. Man habe nichts sehen können und sei ferner auch von Wasserbüffeln, die auf Europäer lautstark reagierten, verraten worden. Daher habe es keinen Sinn ergeben, nachts die Garnisonen zu verlassen, zumal gegen die Nachtüberlegenheit der Vietminh ohnehin nichts auszurichten gewesen sei. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) Heinrich Decker erinnert sich hingegen auch an Patrouillen in der Nacht. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1954 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 53 und vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 73. Gerade kleinere Posten, die laut Mercks teilweise nur mit fünf oder sechs Mann besetzt waren, konnten sich eines Angriffs kaum erwehren. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 1955 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 100. 1956 Vor allem war es de Lattre de Tassigny hier in der Ebene möglich gewesen, die Stärke der französischen Armee zur vollen Entfaltung und die bewegliche Panzerwaffe zur Geltung zu bringen, um hierdurch eine Lageänderung herbeizuführen. Nacheinander wehrte de Lattre unter Aufbietung aller Mittel 269 wo es in der Folge zu erbitterten Kämpfen um die dortigen stark ausgebauten Stellungen1957 kam.1958 Unmittelbar nach den Abwehrerfolgen des Jahres 1951 nahm de Lattre eine Umgruppierung seiner Kräfte vor, um mit den frei werdenden Truppen die Initiative zurückzugewinnen.1959 Mit dem durch amerikanische Hilfe auf 250.000 Mann aufgestockten und durch die neu aufgestellte vietnamesische Armee verstärkten Expeditionskorps wollte er nun seinerseits in die Offensive gehen. Die Bunkerlinie im nördlichen Delta als Ausgangsbasis nutzend, ließ er Fallschirm- und Panzerverbände keilförmig in die Vietminh-Gebiete vorstoßen. Durch die Abwehrerfolge und den anschließenden Gegenangriff hatte man den Vietminh, die bereits in die strategische Phase der allgemeinen Gegenoffensive eingetreten waren, vorerst die Initiative wieder entwunden.1960 Exemplarisch für derartige Offensivhandlungen der Franzosen sind die Operationen „Lorraine“1961 zum Jahresdrei Offensiven gegen das Delta ab und fügte den Vietminh schwere Verluste zu. (vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 349.) 1957 Solche waren beispielsweise in Hoa Binh, Na San, Seno, Muong Sai, Louang Prabang, Pleiku, Son La, Nghia Lo und in Laos errichtet worden. Während die Stützpunkte Son La und Nghia Lo vernichtet wurden, wurde die Garnison in Na San vor allem durch Luftversorgung und das Einfliegen von 12.000 Mann einschließlich Artillerie und Fahrzeugen gerettet. Auch Lai Chau an der chinesischen Grenze und Phong Saly in Laos konnten auf diese Weise gehalten werden. (vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 150 und vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 351.) 1958 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 350. 1959 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 18. 1960 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 349f. 1961 Im Verlauf der „Operation Lorraine“ stieß de Lattre über den Schwarzen Fluss vor und nahm die strategisch wichtige Stadt Hoa-Binh ein, um die Verbindungslinien der Vietminh nach China zu unterbrechen. Zwar waren die Hauptangriffsziele bei geringen eigenen Verlusten schnell eingenommen, da die Vietminh jedoch auswichen, ging der französische Stoß ins Leere. Als Giap schließlich starke Kräfte heranführte, hatte dies die sich vom 14. November 1951 bis zum 24. Februar 1952 hinziehende Schlacht von Hoa-Binh zur Folge, die vor allem zu einem Kampf um die Nachschubwege wurde. Die zunehmende Heftigkeit der Kämpfe machte schließlich den Einsatz eines Drittels der im Delta stationierten beweglichen französischen Verbände erforderlich. Letztlich mussten zwölf Infanteriebataillone und drei Artillerieabteilungen die Versorgung von fünf Bataillonen in Hoa Binh sichern – Kräfte, die wiederum bei der Guerillabekämpfung im Delta fehlten. Da hierdurch der Druck an anderen Fronten, die für diese Operation entblößt worden waren, zunahm, wurde die Schlacht von den Franzosen schließlich abgebrochen. (vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 36-38 und S. 47f.) 270 wechsel 1952/53 und „Camargue“1962 im Sommer 1953. In beiden Fällen rückten die Franzosen mit starken Kräften ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu treffen vor, um entweder komplett ins Leere zu stoßen oder schließlich in den Flanken und im Rücken in verlustreiche Gefechte verwickelt zu werden. Der Schwerpunkt französischer Offensivtätigkeit lag in Tonking und Nord-Laos, wo die Franzosen während des Krieges insgesamt 224 Operationen durchführten, während es im südlichen Cochinchina und Kambodscha 140 und im zentralen Abschnitt Annam und Süd-Laos lediglich 93 waren.1963 Die Franzosen operierten dabei stets mit dem Nachteil, dass sie sich aufgrund der Gefahr verlustreicher Überfälle lediglich tagsüber auf den Straßen bewegen konnten1964 und ihre Truppenbewegungen zudem sofort von den Agenten des Viet-Minh weitergemeldet1965 wurden.1966 Um den Krieg zu einem Ende zu bringen, sah der nach seinem Urheber benannte und Ende Mai 1953 vorgestellte1967 „Navarre-Plan“1968, vor, in einer bis 1955 andauernden Kampfphase den Widerstand der Vietminh 1962 Nach einer vorübergehend rein defensiven Phase unter Salan, der am 7. Mai 1953 von General Henri Navarre abgelöst wurde, wurde die französische Seite unter diesem wieder offensiver. Die von ihm durchgeführte „Operation Camargue“ im Juli 1953 war eine der größten des Krieges. Ziel war die Säuberung des Gebiets um die Straße Nr. 1 entlang der Küste von Mittel-Annam, auf welcher seit Jahren französische Transportkolonnen von den Vietminh angegriffen worden waren. Dazu sollten an der Küste Truppen angelandet werden, während parallel dazu Panzerverbände vorstießen, um das hier operierende Vietminh-Regiment Nr. 95 einzukesseln und zu vernichten. Da jedoch die schwerfälligen französischen Truppen den Kessel zu langsam schlossen und das Gros der Vietminh entkam, erwies sich die Operation weitgehend als Fehlschlag. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 16 und vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 123f, S. 126, S. 139 und S. 142.) 1963 Vgl. Joachim, Jürgen: Corps Expéditionnaire Français en Extrème Orient – Actions du Corps Expéditionnaire 1945-1954. Unveröffentlichtes Manuskript, basierend auf Alain Duval: „Actions du Corps Expéditionnaire“. 1964 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 66. 1965 Die Kenntnis der Feindlage war bei den Vietminh dadurch oftmals so präzise, dass sie – da der Bedarf an benötigten Sicherungskräften entlang der Verbindungslinien als feste Größe bekannt war – genau vorherzusagen vermochten, wie weit die Franzosen vorstoßen und über welchen Zeitraum die Operation durchgeführt werden würde. (vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 66.) 1966 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 118 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 99. 1967 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 28. 1968 Vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 104. 271 endgültig zu brechen.1969 Durch Umgruppierungen und einer weiteren Aufstellung von 54 vietnamesischen Bataillonen1970 beabsichtigte General Navarre1971 in der ersten Phase des Plans seine beweglichen Einheiten zu einer schlagkräftigen Streitmacht zu formen und zudem mit der Besetzung des Ortes Dien Bien Phu im nordwestlichen Tonking eine offensive Gefechtsbasis zu schaffen.1972 U. a. sollten von hier aus einheimische T’ai-Guerillas gegen die Vietminh-Gebiete operieren.1973 In der zweiten Phase sollten ab Frühjahr 1954 frisch aufgestellte Truppen den Süden des Landes von den inzwischen geschwächten Vietminh- Kräfte säubern. Anschließend war eine allgemeine Offensive gegen Norden geplant.1974 Hier hatten starke Kräfte gegen das kommunistische Hinterland zu wirken, während von Dien Bien Phu und dem Delta des Roten Flusses aus ein massiver Angriff des Expeditionskorps die Vernichtung der regulären Vietminh-Kräfte herbeiführen sollte. Die Umsetzung des Planes ab Herbst 1953 scheiterte jedoch daran, dass der im Rahmen der „Operation Castor“ seit dem 20. November errichtete Stützpunkt Dien Bien Phubereits ab Ende des Jahres von den Vietminh eingeschlossen war.1975 In einer vom 13. März1976 bis zum 7. Mai währenden Schlacht1977 erlitten die Franzosen durch den Fall des Stützpunktes eine verheerende Niederlage.1978 7.000 Franzosen waren gefallen, 11.000 gingen in Gefangenschaft. Die Vietminh kostete der Sieg Verluste in Höhe von 20.000 Mann.1979 Außer dass die große Distanz zwischen Dien Bien Phu und den französischen Zentren die Luftver- 1969 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 86. 1970 Vgl. Fall: Indochina: Das siebenjährige Drama, S. 354. 1971 General Henri Navarre war 1953/54 Oberbefehlshaber des Französischen Expeditionskorps. (vgl. Heimann: Krieg in Vietnam 1946-1954, S. 103.) 1972 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 140. 1973 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 54. 1974 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 81 und vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 140f. 1975 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 141 und vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 60 und S. 121. 1976 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 208. 1977 Zur Schlacht von Dien Bien Phus vgl. u. a. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu und Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 106-118. 1978 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 52. 1979 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 54. 272 sorgung als einzig möglichen Nachschubweg1980 sehr erschwerte,1981 hatte man auch den Gegner in seiner Leistungsfähigkeit sträflich unterschätzt. Man hatte weder erwartet, dass die Vietminh eine derartige Truppenmassierung1982 versorgen konnten1983 noch, dass sie gar Artillerie sowie Flak1984 würden einsetzen können.1985 Nicht zuletzt deswegen waren die Verteidigungsanlagen in Dien Bien Phu nicht mit Betonbunkern verstärkt worden, sondern hatten lediglich aus Sandsack-, Erd- und Holzkonstruktionen bestanden.1986 Neben den operativen Methoden verdienen auch verschiedene taktische Aspekte und Innovationen, die sich unter den spezifischen Bedingungen des Krieges in Indochina entwickelten, besondere Beachtung. Zu nennen sind hier u. a. die ab Dezember 1950 auf Initiative von General de Lattre de Tassigny aufgestellten zehn mobilen Kampfgruppen („Groupe Mobile“), die als größte Verbände der Franzosen in Indochina1987 ebenso zu eigenständigen Operationen wie dem Zusammenwir- 1980 Obwohl die Luftversorgung täglich 200 t erfordert hätte, kamen während der Schlacht meistens nur 90 t an. An manchen Tagen erreichte die Eingeschlossenen überhaupt kein Nachschub. (Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 287.) 1981 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 41. 1982 Berechnungsgrundlage war dabei die Menge Reis, die ein Träger zu Fuß – seine eigenen Tagesrationen miteinbezogen – mit sich zu führen in der Lage war. Tatsächlich aber konnte ein Träger mittels eines vollbepackten Fahrrads bis zu 300 kg Reis zu transportieren. So war Giap bei Dien Bien Phu dazu imstande, den 13.000 französischen Verteidigern rund 80.000 Mann entgegenzusetzen. Den Vietminh gelang es zudem, 200 Geschütze zum Einsatz zu bringen. Laut O’Neill kamen dabei ca. drei Träger auf einen Angehörigen der Kampftruppen. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 45, vgl. Saul, David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte – Von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Operation Desertstorm, 4. Auflage, München 2007, S. 310, vgl. Müller: Militärgeschichte, S. 329 und O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 72.) 1983 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 38 und S. 80. 1984 Während der Kämpfe um Dien Bien Phu verloren die Franzosen, die unbedingt auf Luftunterstützung und -versorgung angewiesen waren, 62 Flugzeuge durch feindliche Flugabwehr. (vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 56.) 1985 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 87f. 1986 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 280. 1987 Die mobilen Kampfgruppen setzten sich jeweils zusammen aus drei Infanteriebataillonen, einer Artilleriegruppe, einer gepanzerten Kompanie, Transportelementen, einer Fernmeldekompanie, einer Pionierkompanie sowie einer Stabs- und einer Sanitätsabteilung. Ihre Stärke umfasste annähernd ein Drittel einer Division. (Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 273 ken mit anderen Truppenteilen befähigt waren und eine schlagkräftige Antwort auf den von regulären Vietminh-Verbänden geführten Bewegungskrieg darstellten. Allerdings waren sie lediglich für Ebenen und offenes Gelände geeignet.1988 Eine weitere taktische Innovation der Franzosen war die Schaffung der als „Dinassaut“ bezeichneten Marine-Sturmdivision, die laut Fall „eine der wenigen positiven Beiträge zur Kriegstechnik aus dem Indochinakrieg sein“1989 dürfte. Ihre Aufstellung war dem Umstand geschuldet, dass das indochinesische Landschaftsbild vor allem von zahlreichen Flüssen geprägt war. Das Grundkonzept bestand darin, Marineinfanterie mit gepanzerten Flussschiffen auf den Wasserwegen zum Einsatzort zu transportieren. Mehrfach leisteten die Dinaussaut auf diese Weise in schwierigen Situationen einen entscheidenden Beitrag, wie u. a. bei der Verteidigung von Mao Khé, den Abwehrkämpfen an der Day-Fluss-Linie oder der Schlacht von Ninh Binh.1990 Da die Vietminh über keine Luftstreitkräfte verfügten, besaßen die Franzosen die uneingeschränkte Luftüberlegenheit.1991 Hierdurch war es ihnen u. a. möglich, in von den Vietminh kontrollierten Bergregionen befestigte Stützpunkte1992 zu errichten und aus der Luft zu versorgen. Allerdings waren zu viele Kräfte im Delta gebunden, das Arsenal an Transportflugzeugen zudem limitiert, so dass diese Taktik nur in begrenztem Umfang angewendet werden konnte.1993 In der späten Phase des Krieges waren die Vietminh durch chinesische Hilfe1994 mit 126 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 215.) Heinrich Decker berichtet als Angehöriger eines von ihm als „Marschbataillon” bezeichneten Infanteriebataillons, welches durch regelmäßige Verlegung zur Sicherung des Landes beitragen sollte, jedoch davon, dass dieses ausschließlich zu Fuß und unterstützt von einheimischen Kuli-Trägern unterwegs war. Entsprechend langsam kam das Bataillon in dem nur schwer zugänglichen Gelände voran und traf oftmals erst ein, nachdem der gemeldete Feind bereits verschwunden war. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 1988 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 27, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 126f. 1989 Fall: Dschungelkrieg, S. 33. 1990 Vgl. ebd., S. 33. 1991 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 23. 1992 Von der Deutschen Wehrmacht hatte man aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs hierzu die Taktik des Einigelns („hérisson“) übernommen. (vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 201.) 1993 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 103f. 1994 Vgl. ebd., S. 107. 274 einer ausgebildeten Flugabwehrtruppe versehen, welche den Franzosen zunehmend Verluste durch Flak zufügte.1995 Weitere Probleme ergaben sich beispielsweise aus dem Mangel an erstklassigen Flugplätzen, den häufigen meteorologischen Beeinträchtigungen, dem schlechten Kartenmaterial sowie der unzureichenden Radarführung und Navigationshilfen.1996 Als weitgehend nutzlos erwies sich die Luftüberlegenheit bei Angriffen gegen die Nachschubwege der Vietminh, da Arbeitskommandos der ortsansässigen Bevölkerung entstandene Schäden sofort behoben1997 oder neue verborgene Wege anlegten.1998 Durch die Luftherrschaft war man indes imstande, Fallschirmjäger ungehindert über weite Distanzen zu verlegen.1999 Aufgrund der in Indochina vorherrschenden schlechten Straßenverhältnisse, durch welche der Marsch motorisierter Einheiten ausgesprochen langwierig wurde, stellten Fallschirmjäger das mobiliste Element dar.2000 Sowohl als Eingreiftruppe in Brennpunkten als auch zum schnellen Vorstoß erwies sich diese Truppengattung als bestens geeignet. Angesichts der für Bodentruppen schwierigen Topographie war dies ein gewichtiger taktischer Vorteil, zumal die Fallschirmjäger über eine hohe Kampfkraft verfügten.2001 Die Kapazitäten reichten allerdings lange Zeit lediglich für den Lufttransport eines Bataillons aus. Erst in der späteren Phase des Krieges war dies auch für zwei oder drei Bataillone möglich. Da jedoch oftmals parallel zu Luftlandeoperationen gleichzeitig Bodentruppen vorrücken mussten, waren die Vietminh vor möglichen Fallschirmjägeroperationen gewarnt.2002 In der Regel aus Fallschirmjägern gebildet,2003 setzten die Franzosen vor allem in den letzten Kriegsjahren zudem eigene kleine Kommandoeinheiten in Stärke von ca. 50 Mann ein, die auf die besonderen Bedingungen des Krieges eingestellt waren und Spezialaufträge2004 im 1995 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 23. 1996 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 105f. 1997 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 144. 1998 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 107f. 1999 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 202. 2000 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 57. 2001 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 204f. 2002 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 109. 2003 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 68. 2004 Im Unterschied zu Jagdkommandos, die weitgehend autonom innerhalb eines bestimmten Einsatzraumes operieren, haben Kommandoeinheiten einen fest definierten, zeitlich und räumlich begrenzten Auftrag. Ansonsten basie- 275 Feindgebiet ausführten.2005 Der Begriff der „Commandos“ wurde in der Endphase des Krieges auch auf die Gegenguerilla ausgeweitet.2006 Auf Erfahrungen der Resistance im Zweiten Weltkrieg zurückgreifend,2007 war man seit 1951 dazu übergegangen,2008 sich die traditionelle Abneigung der ethnischen Minderheiten gegen die Vietnamesen zunutze zu machen2009 und einheimische Guerillas – vor allem aus den Bergstämmen der Meo und T‘ai – aufzustellen, um die Vietminh in ihren Gebieten in Tonking zu bedrängen.2010 Ihre Stärke variierte dabei von Gruppen- bis hin zu Bataillonsstärke und umfasste schließlich 15.000 Mann.2011 Rekrutiert, ausgebildet und geführt2012 wurden diese „Groupements de commandos mixtes aéroportés“2013 (GCMA)2014 von französischen Offizieren.2015 Ende Juli 1951 operierten bereits 45 dieser ren Jagd- und Kommandokampf jedoch auf nahezu gleichen Einsatzgrundsätzen. (vgl. Freudenberg: Theorie des Irregulären, S. 397.) 2005 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 27 und vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 68. 2006 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 68. 2007 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 104. 2008 Vgl. „Indochine: les supplétifs militaires et les maquis autochtones“, in: http://www.cesat.terre.defense.gouv.fr/taktikanet/spip.php?article223, zuletzt geprüft: 06.02.2012 und vgl. dazu auch Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 69. 2009 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 169. 2010 Vgl. „Indochine: les supplétifs militaires et les maquis autochtones“, in: http://www.cesat.terre.defense.gouv.fr/taktikanet/spip.php?article223, zuletzt geprüft: 06.02.2012, vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 69 und vgl. David: Guerre Secrète en Indochine, S. 41. Heinrich Decker erinnert sich in diesem Zusammenhang, dass Dorfbewohner zur Selbstverteidigung gegen die Vietminh mit Gewehren aus Beständen der deutschen Wehrmacht ausgestattet wurden. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 2011 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 116. 2012 Ein Zug Bergbewohner sei laut Mercks von zwei Europäern geführt worden. (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf.) 2013 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 69. 2014 Im Dezember 1953 wurden die Einheiten in „Groupments Mixtes d’Intervention“ (GMI) umbenannt. (vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 56.) Weitere Hintergrundinformationen zu GCMA bei David: Guerre Secrète en Indochine, S. 65-70. 2015 Vgl. „Indochine: les supplétifs militaires et les maquis autochtones“, in: http://www.cesat.terre.defense.gouv.fr/taktikanet/spip.php?article223, zuletzt geprüft: 06.02.2012 und vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 116. 276 „Maquis“ in Tonking, wo das Hauptoperationsgebiet der Gegenguerilla war.2016 Tatsächlich gelang es zum Teil, auf diese Weise Vietminh- Verbände örtlich zu binden sowie ihre Kommunikation und Bewegung einzuschränken.2017 Laut Bodin wirkten die Maquis aktiv an der Zerstörung verschiedener regulärer Vietminh-Bataillone mit, wie beispielsweise nach deren Rückzug infolge der Niederlage Giaps bei Nghia Lo 1951.2018 Auch wenn ihre Operationen kaum mit denen der regulären französischen Kräfte koordiniert waren2019 und wenn auch viele Maquis letztlich vernichtet oder versprengt wurden, waren die Vietminh durch das Agieren der Maquisards stark beeinträchtigt.2020 Zunehmend mussten die Vietminh Kräfte abstellen, um Gebiete von Gegenguerilla zu säubern.2021 Laut O’Neill waren 1954 alleine zehn Vietminh-Bataillone durch Sicherungsaufgaben gebunden, um den eigenen Nachschub vor den GCMA zu schützen.2022 2.3.5. Vo Nguyen Giaps Theorie der Guerillakriegführung Der 1911 in der Provinz Quang Binh2023 in Nord-Annam in eine bäuerliche Familie2024 geborene Geschichtslehrer Vo Nguyen Giap war seit 1930 Mitglied der Kommunistischen Partei Indochinas.2025 Er war Nationalist und militant antifranzösisch. Ab 1939 hielt er sich vorübergehend in China auf,2026 wo er nicht nur Ho Chi Minh begegnete,2027 2016 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 169f. 2017 Vgl. „Indochine: les supplétifs militaires et les maquis autochtones“, in: http://www.cesat.terre.defense.gouv.fr/taktikanet/spip.php?article223, zuletzt geprüft: 06.02.2012. 2018 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 170. Auch David zufolge können die Guerillaoperationen der GCMA gegen die Vietminh als Erfolg angesehen werden. (vgl. David: Guerre Secrète en Indochine, S. 374f.) 2019 Vgl. Pimlott: The French Army: From Indochina to Chad, 1946-1984, S. 56. 2020 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 170. 2021 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 104. 2022 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 117. 2023 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 70. 2024 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 118. 2025 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 10 2026 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 118. 2027 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 83. 277 sondern laut Tanham auch die revolutionären Taktiken studierte.2028 1941 Gründungsmitglied der Vietminh,2029 kehrte er im Jahr darauf nach Tonking zurück, wo er mit dem Aufbau einer Volksarmee betraut war, deren erste Kampfeinheiten er ab 1943/44 aufstellte.2030 1945 zum Innenminister der Regierung Ho Chi Minhs ernannt, wurde er 1946 Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Vietminh.2031 Dabei tat er sich als brillanter Taktiker hervor. Peter Scholl- Latour nannte ihn gar einen „vietnamesischen Napoleon“2032. Seine Theorie legte er in den Werken „Volkskrieg und Volksarmee“ und „Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam“ dar. Demnach war der entscheidende Faktor für den Erfolg des Widerstandes, dass dieser von weiten Teilen des Volkes getragen wurde:2033 „Das vietnamesische Volk siegte nur, weil der Befreiungskrieg ein Volkskrieg war“,2034 für den „die gesamte Nation mobilisiert werden“2035 musste, denn die „Guerilla ist die Kampfform der Volksmassen eines wirtschaftlich rückständigen Landes, das gegen eine überlegen ausgerüstete und ausgebildete Aggressionsarmee antritt.“2036 Daher dürfe nichts geschehen, was das Volk gegen die Streitkräfte aufbringt. Nur durch Respektierung, Unterstützung und Verteidigung des Volkes gewinne man dieses für sich.2037 „Die Mobilisierung und Organisierung der gesamten Nation zum Aufstand und Krieg ist ein andauernder Prozeß der Erziehung und Organisierung der Massen, der von unserer Partei durchgeführt wird und der von weniger entwickelten zu umfassenden Formen übergeht, gemäß der korrekten revolutionären Linie.“2038 Ohne die Quelle zu nennen, verweist er auf Mao, um die Bedeutung des Volkskriegs aufzuzeigen: „Die Armee schwimmt im Volk, wie der Fisch im Wasser, 2028 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 14. 2029 Vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 25. 2030 Vgl. Bodin, Michel: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine 1945-1954, Paris 2004, S. 118 und vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 28f. 2031 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 119 und vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 302. 2032 Vgl. Scholl-Latour, Peter: Der Ritt auf dem Drachen – Indochina von der französischen Kolonialzeit bis heute, 2. Auflage, München 1988, S. 43. 2033 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 38. 2034 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 39. 2035 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 38. 2036 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 43. 2037 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 50. 2038 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 38. 278 heißt ein Sprichwort und es ist voller Bedeutung.“2039 In erheblichem Maße trugen Antiimperialismus und Antifeudalismus als Mobilisierungsfaktoren hierzu bei.2040 Umfangreiche Maßnahmen kollektiver Schulung und Organisation leisteten ihr Übriges.2041 Dabei hob Giap die klassische Unterscheidung in Kombattanten und Zivilisten auf, so dass die Grenzen zwischen regulären Truppen, Territorialverbänden, Milizen und Bauern, welche als Kundschafter, Saboteure und Guerillatrupps fungierten, fließend waren.2042 Während des Krieges organisierten die Vietminh überall dort, wo die Franzosen herrschten, eine Untergrundbewegung, welche die Autorität der Kolonialmacht untergrub.2043 Man wollte „die Verwaltung des Feindes auf der untersten Ebene (…) zerstören und durch die revolutionäre Macht (…) ersetzen.“2044 Es wurden für die Vietminh Steuern eingezogen, Anschläge durchgeführt und Kollaborateure ermordet.2045 Die Opferzahlen gingen dabei in die Tausende.2046 Während der französischen Aufklärung dadurch eine wichtige Nachrichtenquelle zur Feindlage genommen wurde,2047 gelang es den Vietminh jedoch, „eine Staatsverwaltung und die Volksherrschaft [im] Hinterland“2048 zu errichten und dort das Volk zu mobilisieren.2049 Der politischen Arbeit kam daher eine wichtige Rolle zu: Sie „regelt die reibungslose Durchführung des Partei- und Regierungsprogramms innerhalb der Armee und stellt die Beziehungen mit der Bevölkerung und mit den Kadern und Truppen her.“2050 Vor allem in der Anfangsphase gab es daher einen Vorrang der politischen vor der militärischen Aktion, um durch Untergrundarbeit die Basis des Widerstandes zu verbreitern. Militärische Aktionen dienten 2039 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 50. In seinem Werk „Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam“ forderte er, „den Zusammenhalt der Armee und dem Volk (wie zwischen Fisch und Wasser) [zu] stärken“. (vgl. auch Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 43.) 2040 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 39. 2041 Vgl. ebd., S. 21. 2042 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 72. 2043 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 340. 2044 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 39. 2045 Vgl. Linebarger: Indochina: Der Abnutzungskrieg, S. 340. 2046 Vgl. Großheim: Ho Chi Minh – Der geheimnisvolle Revolutionär, S. 87. 2047 Vgl. Geneste: Guerillakriegführung, S. 356. 2048 Giap: Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam, S. 39. 2049 Vgl. ebd., S. 39. 2050 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 49. 279 lediglich der Sicherung und der Ausweitung der Stützpunkte.2051 Bei diesen galt, „sich zurück[zu]ziehen, wenn der Gegner stark ist, sich je nach Gegebenheiten [zu] zerstreuen oder zusammen[zu]ziehen, Abnützungs- oder Vernichtungsgefechte [zu] liefern, den Feind überall an[zu]greifen, damit er wie in ein feindliches Meer von Waffen untertaucht, seine Moral [zu] unterminieren, und seine Kräfte ununterbrochen [zu] zermürben.“2052 Letzteres sollte durch fortwährende „kleine Geplänkel“ erreicht werden, denn:2053 „Die Häufung von Windstößen macht den Taifun“2054. Während unter günstigen Bedingungen Truppen massiert wurden, um örtliche Überlegenheit herzustellen,2055 sollten „auf keinen Fall (...) Streitkräfte zur Verteidigung und Besetzung eines Gebiets“2056 gebunden und aufgesplittert werden.2057 Um den Krieg zu entscheiden, reichte die Zermürbungstaktik alleine jedoch nicht aus: „Strategisch kann die Guerilla den Feind zermürben, (…). Doch macht die endgültige Liquidierung der feindlichen Streitkräfte den Übergang der Guerilla in den Bewegungskrieg notwendig.“2058 Hierunter verstand Giap Operationen massierter Einheiten auf breitem Raum, die tief in das Hinterland des Feindes eindringen, um diesen dort zu zerschlagen. Der Übergang vom Guerilla- zum Bewegungskrieg sollte sich dabei allmählich vollziehen, so dass Aktionen von Sektions- und Kompaniestärke zu Operationen auf Bataillons- und Regimentsebene anwachsen konnten, um schließlich ganze Divisionen einzusetzen. Dadurch würden die Auseinandersetzungen allmählich den Charakter des regulären Krieges annehmen, der letztlich alleine dazu geeignet schien, einen endgültigen Sieg zu erringen. Dabei sollte auch der Bewegungskrieg noch immer von Guerilla-Elementen geprägt sein. Der Guerillakrieg diente demnach zur Bekämpfung feindlicher Reserven, während der mobile Krieg auf die Zerschlagung feindlicher Einheiten zielte.2059 Giap zufolge gelang der Sieg über das Expeditionskorps letztlich dadurch, dass man den Feind gezwungen hatte, seine Überlegenheit durch Teilung seiner Kräfte zu relativieren. Die Franzosen waren genötigt, ihre Truppen zur Verteidigung neuralgi- 2051 Vgl. ebd., S. 70. 2052 Ebd., S. 94. 2053 Vgl. ebd., S. 94. 2054 Ebd., S. 94. 2055 Vgl. ebd., S. 94. 2056 Ebd., S. 94. 2057 Vgl. ebd., S. 94. 2058 Ebd., S. 95. 2059 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 44 und S. 96. 280 scher Punkte aufzusplittern.2060 Dadurch fehlte es ihnen einerseits an Schlagkraft bei Operationen gegen die Vietminh und zum anderen war es diesen dadurch möglich, die abgestellten Sicherungskräfte mit örtlicher Überlegenheit zu schlagen. Auch beim Aufbau fester Widerstandsbasen,2061 die für Giap ein zentraler Aspekt2062 seiner Guerillastrategie waren,2063 orientierte er sich an Mao Tse-tungs Guerillastrategie,2064 ohne diesen jedoch in seinen beiden Hauptwerken direkt zu erwähnen.2065 Dennoch war die Strategie der Vietminh keine bloße Übernahme des chinesischen Konzepts: „Wenn wir auch die Erfahrung der Sowjetunion und Volkschinas aufarbeiteten, hielt sich unsere Partei doch immer an die konkrete Realität des Revolutionskrieges in Viet Nam, so daß wir unsererseits die Theorie über Revolutionskrieg und -armee weiterentwickelten und vervollständigten.“2066 Giap war der Überzeugung, dass es kein Universalrezept für einen revolutionären Krieg gab und derartige Auseinandersetzungen nicht zwangsläufig nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit abliefen, sondern von den jeweiligen Bedingungen abhingen.2067 Die Parallelen zwischen Giap und Mao lagen zweifellos darin, dass beide den Weg zum Kommunismus über den antikolonialen Nationalismus gefunden hatten.2068 Auch waren die vietnamesischen Kommunisten, nicht zuletzt durch die Aufenthalte von Ho Chi Minh und Vo Nguyen Giap in China2069 nachhaltig durch die Gongchandang beeinflusst worden.2070 2060 Vgl. ebd., S. 145. 2061 Vgl. ebd., S. 24. 2062 Hierdurch konnte die Produktion sichergestellt und gesteigert werden. Auch die Herstellung eigener Waffen wurde damit ebenso möglich, wie die Entwicklung der Landwirtschaft. Die im Mai 1953 eingeleitete Agrarreform brachte den Vietminh die Unterstützung der Bauern ein. Dabei wurde mit äußerster Brutalität gegen Großgrundbesitzer vorgegangen, von denen viele hingerichtet wurden. (vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 24 und vgl. S. 132, vgl. Margolin: Vietnam: Die Sackgasse des Kriegskommunismus, S. 633 und vgl. Dalloz: La guerre d’Indochine 1945-1954, S. 283.) 2063 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 131. 2064 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 165 und S. 167. 2065 Vgl. ebd., S. 167. 2066 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 57. 2067 Vgl. ebd., S. 41. 2068 Vgl. Kindermann: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, S. 42. 2069 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 118 und vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 14. 281 Aber auch wenn Hahlweg in Giap einen Schüler der Guerillakriegführung Mao Tse-tungs sah,2071 bestanden in den theoretischen Erörterungen zwischen Giap und Mao dennoch einige Unterschiede. Wallach zufolge baute Giaps Lehre zwar auf jener Maos auf, ging jedoch nicht so tief wie diese und war vor allem weniger wissenschaftlich als praktisch orientiert. Sie sei daher aufgrund ihrer „praktischen, wirklichkeitsdurchdrungenen Formulierungen“ als „Erweiterung der Maoschen Theorie“2072 zu begreifen. Giap wählte daher die Strategie des Guerillakrieges nicht deswegen, weil sich diese in China als erfolgreich erwiesen hatte, sondern weil seiner Ansicht nach die Situation in Indochina – der revolutionäre Charakter des Krieges und die Überlegenheit des Feindes – einen Guerillakrieg als die elastischste der Kampfformen erforderlich machte.2073 Er wusste das Konzept Maos auf die besonderen Gegebenheiten in Vietnam anzuwenden2074 und machte sich Maos Erfahrungen nur insoweit zunutze, wie es ihm opportun erschien:2075 „das Vakuum im Umkreis uneinnehmbarer Festungen, die strikte Vermeidung von Schlachten mit ungewissem Ausgang, das dauernde Ausweichen vor jedem geballten Stoß, der sofortige Angriff bei jedem Zurückgehen des Gegners, die allgemeine Mobilmachung der Menschen und ihrer Herzen im Dienste einer klaren, leicht faßbaren gemeinsamen Sache.“2076 So griff er auch Maos Modell eines dreistufigen langandauernden Kriegsverlaufs auf. Allerdings schreibt Wallach den Vietnamesen eine größere Flexibilität zu und stellt fest, dass sie bei Giap nicht strikt eingehalten werden mussten, sondern elastisch gehandhabt wurden.2077 Giap, der anders als Mao seine Strategie auf relativ engem Raum umsetzen musste, während Mao die Weite des Landes ausnutzen konnte,2078 entwickelte selbst, was ihm in der konkreten Situation erforderlich erschien. In diesem Sinne spielte der Begriff des Raumes für die Vietminh nicht die gleiche Rolle wie für Mao. Vor allem aber bezogen die Vietminh sehr viel mehr auswärtige politische Faktoren in ihre Strategie mit ein, wodurch der psychologischen Kriegführung zur Verminderung der Moral der feindlichen 2070 Vgl. Kindermann: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, S. 44. 2071 Vgl. Kutger: Irreguläre Kriegführung im Zeitenwandel, S. 92. 2072 Wallach: Kriegstheorien, S. 302. 2073 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 42. 2074 Vgl. Hahlweg: Guerilla – Krieg ohne Fronten, S. 167. 2075 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 71. 2076 Ebd., S. 71. 2077 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 304f. 2078 Vgl. Kindermann: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, S. 51. 282 Streitkräfte und zur Stärkung des politischen Widerstands gegen den Krieg an der Heimatfront des Feindes eine besondere Bedeutung beigemessen wurde.2079 Fall gestand Giap daher zu, die besondere Schwäche demokratischer Staaten auf politisch-psychologischem Gebiet im Zusammenhang mit einem sich lange hinziehenden begrenzten Krieg erkannt zu haben.2080 Diese verfügten demnach nicht über die psychologischen und politischen Mittel, um einen sich lange hinziehenden Krieg durchzuhalten, weshalb sich aufgrund der wachsenden Kriegsmüdigkeit die öffentliche Meinung zunehmend gegen den Krieg wende.2081 In der Fähigkeit, den politischen Krieg in das weit entfernte Heimatland des Gegners zu tragen und dessen Willen zur Fortsetzung des Kampfes zu zerstören, sieht auch Hammes die besondere Bedeutung der vietnamesischen Guerilla und in dem aggressiven Angriff auf den nationalen Willen des Feindes eine entscheidende Weiterentwicklung des Guerillakonzepts Maos.2082 Becket spricht daher von einer Neudefinition Maos im Zeitalter der Massenkommunikation.2083 2.3.6. Strategische Betrachtungen Obwohl in den Darstellungen vereinfachend häufig von „Frankreich“ die Rede ist, ist in diesem Fall die Bestimmung des strategischen Zentrums tatsächlich wesentlich schwieriger als in den vorherigen Fallbeispielen. Der französische strategische Akteur stellte sich äußerst vielschichtig dar. Während sich mit der Regierung die oberste strategische Entscheidungsebene in Paris befand, war ihre Vertretung vor Ort in Indochina mit der dem Hohen Kommissar unterstehenden zivilen Administration und dem militärischen Oberkommando zweigeteilt. Paris gab lediglich bestimmte Leitlinien – wie beispielsweise die Bestimmung, keine Wehrpflichtigen einzusetzen – vor, während die zivile und militärische Führung in Indochina die wesentlichen strategischen, operativen und taktischen Entscheidungen trafen. Zwar verfügte die Regierung in Paris ihnen gegenüber über die Weisungsbefugnis – und damit über die Strategiekompetenz –, jedoch ging von ihr keine konstante richtungsweisende Politik aus. Da im Laufe des Krieges 2079 Vgl. Dukier: Ho Chi Minh and the Strategy of People’s War, S. 161f. 2080 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 272 und S. 310. 2081 Vgl. Kindermann: Die Strategie von Ho Chi Minh und Giap, S. 51. 2082 Vgl. Hammes: The Sling and the Stone, S. 56. 2083 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 83. 283 alleine 15mal der Ministerpräsident wechselte2084, kann von einer konsistenten Strategie ebenso wenig gesprochen werden, wie von einem erkennbaren Richtungsprofil. Die Regierungen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren einzig darum bemüht, Frankreichs verlorene Weltgeltung zurückzugewinnen. Spätere Administrationen suchten letztlich nur noch nach einem Weg, den Krieg zu beenden. Ein klares Konzept hierzu fehlte jedoch, wodurch es versäumt wurde, der politischen und militärischen Führung in Indochina klare Anweisungen zu erteilen.2085 Es scheint sogar, als sei der Sieg als strategisches Ziel mit zunehmender Kriegsdauer immer mehr in den Hintergrund gerückt.2086 Navarre wurde 1953 einzig der Auftrag erteilt, „der Nation einen guten Abgang zu sichern“2087, was ihm einen weiten Ermessensspielraum gab.2088 Die Regierung hatte vermutlich taktische Erfolge als Grundlage eines inzwischen in Erwägung gezogenen Verhandlungsfriedens2089 im Sinne. Navarre entwarf jedoch einen Plan, um einen strategischen Sieg über die Vietminh zu erringen. Ein Vorgang, der exemplarisch für den gesamten Kriegsverlauf war. Während Paris lediglich allgemeine Vorgaben setzte, wurde die eigentliche Strategie von den verantwortlichen Stellen vor Ort entworfen. Die verschiedenen strategischen Ansätze, die im Laufe des Krieges erarbeitet wurden, resultierten jedoch allesamt aus unzutreffenden Ziel-Mittel-Umwelt- Kalkulationen. Hatte zunächst das Ziel noch darin bestanden, Indochina über die Französische Union weiterhin als Kolonie an Frankreich zu binden, verschwamm die Zielsetzung immer mehr. Schließlich hatte man sogar ein Legitimationsproblem, welches man durch die Neuinterpretation des Krieges in einen innervietnamesischen Konflikt, in welchem Frankreich die Rolle einer Ordnungsmacht zukam, zu lösen 2084 Im Verfassungsgefüge der instabilen Vierten Republik stand der Exekutive ein ausgesprochen starkes Parlament gegenüber, welches die Regierung einsetzte und jederzeit wieder abberufen konnte. Dies hatte eine äußerst unbeständige französische Innenpolitik zur Folge. Da sich während des Krieges zahlreiche Kabinette einander ablösten, wurde die Erarbeitung und kontinuierliche Umsetzung einer Strategie für Indochina erheblich erschwert. (vgl. Siegfried: Frankreichs Vierte Republik, S. 140f, S. 143, S. 155-157, S. 199 und S. 251 S. 261f, S. 265-267.) 2085 Vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 30-32. 2086 So sollte beispielsweise gemäß der Regierungsrichtlinie vom 24. April 1953 von riskanten Operationen abgesehen werden, selbst wenn dafür Gebietsverluste hinzunehmen waren. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 26.) 2087 Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 33. 2088 Vgl. ebd., S. 33. 2089 Vgl. ebd., S. 45f und S. 58. 284 versuchte. Nicht zuletzt hatte auch die fehlende straffe Organisation innerhalb der militärischen Führung negative Auswirkungen auf der operativen Ebene.2090 Hinsichtlich der Umwelt wurden die mit den geographischen Bedingungen eines von Dschungel, Sümpfen und Hochland geprägten tropischen Landes verbundenen Schwierigkeiten für eine Armee, deren Ausrüstung, Ausbildung und Taktik auf den klassischen Bewegungskrieg ausgerichtet war, eindeutig unterschätzt. Auch die sozialen Bedingungen waren in der Lagebeurteilung nur unzureichend berücksichtigt worden. Die Bedeutung der gesellschaftlichen Spannungen, wie sie durch die überkommenen Gesellschaftsstrukturen und die Armut weiter Teile der Bevölkerung hervorgebracht worden waren, wurde verkannt. Aufkeimender Widerstand wurde mit brachialer Gewalt unterdrückt, Kompensationsversuche durch Zugeständnisse und politische Integration fanden nicht statt. Eine wachsende einheimische Bildungselite, in der einflussreiche Ideen wie Kommunismus und Nationalismus aufkeimten, wurde somit von der politischen Macht fern gehalten. Der sich hier zuspitzende Konflikt eskalierte schließlich gewaltsam. Dabei hatte es sich keinesfalls um eine unabwendbare Entwicklung gehandelt. Wenn die französischen Interessen auch denen der Vietminh in vieler Hinsicht zuwider zu laufen schienen und sich Verhandlungen daher entsprechend schwierig gestalten mussten, so waren die Möglichkeiten zu einer politischen Lösung selbst bei Kriegsbeginn und sogar noch in der Anfangsphase des Krieges, nicht restlos ausgeschöpft. Bei weitgehenden Zugeständnissen wäre ein Verbleiben Vietnams in der Französischen Union sicherlich nicht ausgeschlossen gewesen. Da dem anscheinend jedoch starke Interessengruppen innerhalb des französischen Militärs und der Verwaltung entgegenstanden, waren die Zugeständnisse Frankreichs letztlich nicht weitreichend genug, um eine Eskalation zu vermeiden.2091 Bei unklarer Zielsetzung und unzutreffender Einschätzung der Rahmenbedingungen, war es nur folgerichtig, dass auch die eingesetzten Mittel nicht die erhoffte Wirkung erbrachten. So konnte es aufgrund der Verkennung der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedingungen nicht gelingen, durch den Aufbau der Person Bao Dais, die Einsetzung 2090 Bezeichnend dafür der Gegensatz zwischen dem Oberbefehlshaber Navarre und Generalmajor René Cogny, dem zuständigen Kommandeur in Nordvietnam, deren Verhältnis von Konkurrenzdenken und persönlicher Antipathie geprägt war. (vgl. Krech: Verteidigung im 21. Jahrhundert, S. 105 und vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 265, S. 316 und S. 376.) 2091 Vgl. Schütze: Der schmutzige Krieg, S. 60. 285 einer vietnamesischen Regierung und die Aufstellung einer einheimischen Armee, dem Konflikt den Anschein eines Bürgerkriegs zu verleihen, bei dem man selbst lediglich die nichtkommunistische Seite unterstützte. Das französische politische und gesellschaftliche Angebot war weit weniger attraktiv als jenes der Vietminh, welche dem stattdessen Unabhängigkeit und sozialen Wandel entgegenzusetzen hatten. Da auch die Flexibilität, die taktische Kompetenz und vor allem die Fähigkeit zur strukturellen Weiterentwicklung der Vietminh unterschätzt wurden, scheiterte ebenso wie die politische letztlich auch die militärische Strategie der Franzosen. Weder gelang es, eine schnelle militärische Entscheidung herbeizuführen, noch das Anwachsen sowie die qualitative Weiterentwicklung der feindlichen Streitmacht zu unterbinden. Die Kontrolle des Landes durch ein engmaschiges System befestigter Stellungen gelang bestenfalls partiell im Süden, was sich jedoch auch auf die dort ansässigen mitgliederstarken und antikommunistischen Sekten sowie den hohen katholischen sowie frankophilen Bevölkerungsanteil zurückführen lässt.2092 Trotz eines hohen Aufwands fanden die Vietminh nicht nur Mittel und Wege die befestigten Sicherungsposten zu umgehen, sondern viele von ihnen sogar auszuschalten. Schwächere Stützpunkte wurden von ihnen überrannt und stärkere Stützpunkte belagert, wodurch diese weitgehend wirkungslos wurden. Wenn auch die Vietminh hohe Verluste beim Angriff auf diese Stellungen erlitten und es ihnen nicht gelang, das Delta einzunehmen, führte die Fortifikationsstrategie der Franzosen jedoch dazu, dass sie ihre Kräfte, durch die Bindung der beweglichen Verbände in festen Stützpunkten, bis zur Lähmung aufteilen mussten, ohne dabei eine dauerhafte Kontrolle des Landes zu erlangen. Die Franzosen befanden sich dadurch in einem Dilemma: Ohne eine Zersplitterung der Kräfte bestand keine Aussicht, das Land zu befrieden. Verteilten sie ihre Truppen jedoch, waren sie anfällig für Angriffe des Vietminh. Ein Zusammenfassen der Kräfte für Gegenangriffe führte zwangsläufig zu einer Ausdünnung der Sicherungen, was von den Vietminh konsequent ausgenutzt wurde.2093 Versuche, umfangreiche Befestigungsmaßnahmen mit offensiven Vorstößen zu verbinden, wie sie unter General de Lattre de Tassigny vorgenommen wurden, waren ein erfolgversprechenderer Ansatz als die Beschränkung auf reine Defensivmaßnahmen. Zwar blieb auch seinen Offensiven der entscheidende Durchbruch verwehrt, doch gelang es ihm, die dreistufige Strategie der Vietminh, welche sich bereits in der allgemeinen Gegenoffensive be- 2092 Vgl. Arnold: Brennpunkte der Subversion: Indochina, S. 53. 2093 Vgl. Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 144. 286 fanden, zu unterlaufen und ihnen einen schweren strategischen Rückschlag zuzufügen. Nach einer defensiven Phase unter General Salan, wurde General Navarre ab 1953 wieder offensiver2094. Säuberungsaktionen, bei denen Einheiten mit großem Aufwand Gebiete durchkämmten, fanden oftmals keinen Gegner vor. Stattdessen stellten sich zermürbenden Verluste durch Minen und Fallen2095 ein.2096 Den Franzosen fehlten schlichtweg die Kräfte, um ein Areal mit einer solch unübersichtlichen Topographie wie in Vietnam, lückenlos abzuriegeln, was den Vietminh, die sich hier bestens auskannten, ein Ausweichen in andere Sektoren ermöglichte.2097 Dass die Vietminh jedoch über detaillierte Handlungsanweisungen verfügten, um Einkreisungen zu entgehen und diesen zu entkommen, ehe sie sich schlossen,2098 zeigt das dieser Taktik innewohnende Potential. Laut Taber hätte die Ölfleck-Taktik daher bei einem größeren Kräfteansatz durchaus erfolgreich sein können.2099 Problematisch ist eine unklare Zielsetzung auch für die Steuerbarkeit des Strategieprozesses, für den die Definition von Haupt- und Zwischenzielen die Voraussetzung bildet. Ohne derartige Vorgaben findet strategisches Handeln nicht statt, sondern verkommt zu einer planlosen Abfolge verschiedener Ansätze und Operationen. In Indochina 2094 Während im gesamten Jahr 1952 noch insgesamt 58 Operationen durchgeführt worden waren, waren es alleine ab in der zweiten Jahreshälfte 1953 bereits 60. (vgl. Joachim: Corps Expéditionnaire Français en Extrème Orient – Actions du Corps Expéditionnaire 1945-1954. Unveröffentlichtes Manuskript, basierend auf basierend auf Alain Duval: „Actions du Corps Expéditionnaire“.) 2095 Die Vietminh waren Experten im Anlegen von Fallen und dem Anbringen von Minen, deren massenhafter Einsatz nicht nur Straßen und Wege in ihrer Nutzung erheblich beeinträchtigte, sondern sich auch auf die Franzosen ausgesprochen demoralisierend auswirkte. 52 Prozent der Mehrfachverwundeten gingen auf Minen zurück – bei einer hohen Rate an dauerhaften Beeinträchtigungen und Verstümmelungen. (Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 175f.) Herbert Mercks berichtet von hervorragend getarnten Fallgruben mit angespitzten Bambusstäben (Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf) und auch aus den Ausführungen von Heinrich Decker geht hervor, dass die Soldaten des Expeditionskorps bei der Sicherung des Landes permanent durch Minen und improvisierte Sprengsätze bedroht war. (Interview mit Heinrich Decker am 15.2.2014 in Weitersburg.) 2096 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 158f. 2097 Vgl. Bodin: Dictionnaire de la Guerre d’Indochine, S. 200. 2098 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 100f. 2099 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 74. 287 zeigte sich dies am diskontinuierlichen Strategiestil der Franzosen, dem klare strategische Vorgaben fehlten und der vor allem lagebedingt und unsystematisch ohne Orientierungsschema auf bestimmte Maßnahmen zurückgriff. Opportunitätsgesteuert wurden die sich je nach Lage bietenden Gelegenheiten ergriffen. Dies stand auch im Zusammenhang damit, dass die staatsorientierte und politicszentrierte, gesellschaftliche Prozesse weitgehend außerachtlassende Strategie der Franzosen in besonders ausgeprägter Weise dialogisch zustande kam. Verschiedene Entscheidungsstellen aus Regierung, Zivilverwaltung und Militär, deren Spitzen allesamt in häufiger Folge wechselten, formulierten eine Strategie, die alles andere als aus einem Guss war. Verheerend wirkte sich in einem Land mit einem derartig unwegsamen Gelände ebenfalls aus, dass die Franzosen über eine dem Gelände unangemessen schwere Ausrüstung verfügten, wodurch sie auf die Nutzung von Straßen angewiesen waren. Straßen und Verbindungswegen kam daher entscheidende militärische Bedeutung zu. Aufgrund ihrer hohen Verwundbarkeit gegenüber Guerillaangriffen waren die Franzosen gezwungen, starke Kräfte zum Schutz der Verbindungswege einzusetzen. Einen bedeutenden Anteil an der französischen Niederlage in diesem Konflikt kommt, neben einer sträflichen Unterschätzung des Gegners – obgleich man bereits acht Jahre im Kampf mit ihm stand, hatte man ihm noch 1953/54 bei Dien Bien Phu die dort von ihm erbrachten Leistungen nicht zugetraut –, der mangelnden Fähigkeit der Franzosen zu, ihre Taktik an die Bedingungen dieses Krieges anzupassen. Lediglich einige wenige Neuerungen, die sich wie beispielsweise die Kommandos, Gegenguerilla oder Dinaussaut auf dem vietnamesischen Gefechtsfeld schließlich auch bewährten, wurden von ihnen diesbezüglich hervorgebracht. Zahlreiche Erfolge der Franzosen waren auch auf ihre Luftüberlegenheit zurückzuführen, welche es ihnen erlaubte, nicht nur große Mengen an Versorgungsgütern in bedrohte Abschnitte zu verbringen, sondern auch die über eine hohe Kampfkraft2100 verfügenden Fallschirmjägerbataillone dorthin zu verlegen. In einem Land, in welchem nur wenige Verkehrs- und damit Nachschubwege vorhanden und die dazu noch permanent durch Guerillaaktivitäten bedroht waren, entwickelten sich luftbewegliche Einheiten sowohl in der Offensive als auch in der Defensive zu einer Waffe von hohem taktischen Wert. Allerdings waren die Luftlandeverbände trotz einzelner Erfol- 2100 Neben der fundierten Ausbildung der Fallschirmjäger bezeugt „Gesprächspartner 1“ vor allem deren sehr gute Kampfmoral und hohe Feuerkraft. (Telefoninterview mit „Gesprächspartner 1“ am 17.8.2012 in Koblenz.) 288 ge2101 im Ganzen zu schwach, um dauerhaft offensiv zu sein oder als Feuerwehr zu dienen.2102 Mit zunehmender Dauer wuchs in Frankreich der innenpolitische Widerstand gegen den Krieg in Indochina. Wenn man auch die öffentlichen Diskussionen laut Mercks im Einsatz nicht mitbekommen habe und dies daher auf die kämpfende Truppe wohl direkt keine Auswirkungen hatte,2103 trug dies jedoch, zusammen mit den hohen Kosten, die das noch durch den Zweiten Weltkrieg geschädigte Land trotz der Unterstützung aus den USA sehr belasteten,2104 dazu bei, dass die politische Führung in Paris auf ein Ende der Intervention drängte. Die Vietminh hatten sich mit dem Konzept des Widerstandskriegs „auf allen Ebenen“, den sie der französischen Überlegenheit entgegensetzten und der „militärisch, politisch, wirtschaftlich und ideologisch“2105 geführt wurde, letztlich durchgesetzt. Gerade die enge Verbindung des politischen und militärischen Kampfes war letztlich das entscheidende Moment dieses Konzepts. Dabei fanden sich zwar zahlreiche Parallelen zur Strategie der Gongchandang, doch wies die Vorgehensweise der Vietminh einige nicht unbedeutende Aspekte auf, die wesentlich zur Weiterentwicklung der Guerillakriegführung beitrugen. Anders als jene der Franzosen war die Strategie der Vietminh in sich geschlossen. Sie war ebenso policyzentriert wie gesellschaftsorientiert und folgte kontinuierlich und systematisch ihren an politischen Überzeugungen ausgerichtete strategischen Vorgaben. Im Gegensatz zu der europäischen Kolonialmacht hatten die Vietminh die Situation im Land richtig eingeschätzt und aus ihrer Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulation die passenden Schlüsse gezogen, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Ihre Ideologie, ihr Programm und ihre tatsächlichen Leistungen schienen die Erwartungen und Hoffnungen eines Großteils der Bevölkerung zu erfüllen. Dieser Ansatz war ebenso von Mao adaptiert wie das strategische Konzept des dreistufigen Kriegsverlaufs. Dabei hatte sich während des Krieges jedoch das Problem des richtigen Zeitpunkts für den Beginn der strategischen Gegenoffensive ergeben. Giap 2101 Ein Beispiel für einen derartigen erfolgreichen Einsatz war die „Operation Hirondelle“ am 17. Juli 1953, als drei bataillonsstarke Kampfgruppen über Lang Son absprangen, um dort Depots der Vietminh zu vernichten. (vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 126f.) 2102 Vgl. Etschmann: Guerillakriege, S. 126. 2103 Interview mit Herbert Mercks am 26.5.2012 in Düsseldorf. 2104 Laut Roy kostete der Krieg in Indochina Frankreich zwischen ein und zwei Milliarden alte Franc pro Tag. (vgl. Roy: Der Fall von Dien Bien Phu, S. 15.) 2105 Giap: Volkskrieg – Volksarmee, S. 87. 289 war 1950 im Gegensatz zur Parteiführung der Auffassung, in die dritte Phase eintreten zu können.2106 Die Kämpfe des Jahres 1951 zeigten jedoch, dass dies offenbar noch zu früh gewesen war. Diese Fehleinschätzung und die damit verbundenen Verluste2107 hatten ihm herbe Kritik eingebracht. Er war kurz davor, abgesetzt zu werden. In der Folge erwies er sich jedoch als flexibel genug, Korrekturen an seiner Strategie vorzunehmen und wieder in die zweite Phase zu wechseln.2108 Dass sein schwerer Fehler nicht mit dem Entzug des Kommandos sanktioniert wurde, belegt die starke Stellung Giaps im Entscheidungszentrum der Vietminh. Überhaupt war hier die personelle Kontinuität deutlich größer als bei den Franzosen. Zwar kam die Strategie aufgrund der kommunistischen Bewegungen eigenen Struktur, in welcher insbesondere das Politbüro eine dominierende Stellung innehat, eher dialogisch zustande, doch hatten sich Ho Chi Minh und Vo Nguyen Giap als politische bzw. militärische Führungsfiguren fest etabliert und bestimmten maßgeblich die Strategie der Vietminh. Diese war gegenüber der französischen weitaus anpassungsfähiger und dadurch immer wieder in der Lage, den Feind zu überraschen.2109 Deutlich wurde dies auch an der erwiesenen Lernfähigkeit der Vietminh. Erzielte eine Taktik nicht den gewünschten Erfolg, waren sie flexibel genug, zu variieren und neue Taktiken anzuwenden. So beispielsweise bei der Verlagerung des Schwerpunkts der Angriffe vom Delta weg ins Hochland, wo sie ihre Vorteile gegenüber den Franzosen besser ausspielen konnten.2110 Die flexible Kriegführung verschaffte ihnen zudem wertvolle Zeit und je länger der Krieg dauerte, desto größer wurde der innenpolitische Druck in Frankreich.2111 Auch hierbei Maos Gedanken aufgreifend, hatten sie es indes wesentlich besser als dieser verstanden, den Krieg politisch in das Herz eines weit entfernten und militärisch nicht erreichbaren Gegners zu tragen, um dessen Willen zur Fortführung des Krieges allmählich niederzuringen. Die psychologische Komponente, die bereits in Spanien in Ansätzen vorhanden und in China aufgegriffen worden war, wurde in Indochina zum festen Bestandteil einer Strategie zur Bekämpfung eines überlege- 2106 Vgl. Tanham: Communist Revolutionary Warefare, S. 26. 2107 Während der drei Schlachten um das Delta des Roten Flusses in der ersten Jahreshälfte 1951 verloren die Vietminh 20.000 Mann an Toten und Verwundeten. (vgl. O’Neill: General Giap – Politician and Strategist, S. 99.) 2108 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 105. 2109 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 79. 2110 Vgl. Fall: Dschungelkrieg, S. 36 und S. 51. 2111 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 77. 290 nen Feindes. Zudem bildeten sich in den Dörfern, obgleich sie unter französischer Kontrolle standen, klandestine Strukturen heraus, die Bestandteil einer inoffiziellen geheimen Administration waren. 2.4. Die Kubanische Revolution 1956-1959 – Vorbild der lateinamerikanischen Guerilla „Man steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft ‚Hum!‘, spukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwüle. Dieser Mißmut hängt wie ein schweres Wetter über der Republik – nur einen Wind, so fallen Schlo- ßen und Blitze.“2112 (Friedrich von Schiller) 2.4.1. Rahmenbedingungen Die kubanische Gesellschaft war Anfang der 1950er Jahre relativ homogen und kaum von ethnischen Spannungen belastet.2113 Von den 6,5 Mio. Kubanern2114 lebten 1953 ca. 40 Prozent in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern, davon alleine 1,3 Mio. in Havanna.2115 Seit dem 19. Jahrhundert hatten sich in Kuba, das nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 zunächst unter US-Kontrolle gestanden und erst 1902 seine Unabhängigkeit erlangt hatte,2116 US-Firmen wie beispielsweise die United Fruit Company niedergelassen und dort Monopolstellungen eingenommen.2117 Hauptstützpfeiler der Wirtschaft war der Zuckeranbau, aus dem 80 Prozent der Exporteinkünfte resultierten.2118 2112 Schiller, Friederich von: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua – Ein republikanisches Trauerspiel, in: Schillergesellschaft (Hrsg.): Schiller – Dramen und Gedichte, Stuttgart 1959, S. 105-180, hier S. 128. 2113 Vgl. Goldenberg, Boris: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, Köln und Berlin 1963, S. 191f. 2114 Vgl. Guevara, Ernesto: Der Partisanenkrieg, Hamburg 1968, S. 133. 2115 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 192 und S. 194. 2116 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 49. 2117 Vgl. Hanf, Walter: Castros Revolution – Der Weg Kubas seit 1959, München 1989, S. 26. 2118 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 177. 291 Kuba hatte von den langen und intensiven Beziehungen zu den USA, die Alleinabnehmer des Zuckers waren,2119 stark profitiert.2120 Auch die Preissteigerungen im Zuge des Ersten Weltkriegs führten zu hohen Gewinnen,2121 so dass das Land bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts prosperierte. Das Pro-Kopf-Einkommen war das vierthöchste in Lateinamerika. Es gab einen ungewöhnlich breiten Mittelstand und eine großzügige Sozialpolitik. Schul- und Bildungswesen nahmen unter den lateinamerikanischen Staaten eine führende Stellung ein. Das Lebensniveau war höher als in Spanien und den meisten Ostblockländern. Trotz der engen ökonomischen Beziehungen war das Land jedoch keineswegs von den USA abhängig.2122 Wenn auch ausländisches Kapital in Kuba stark war, gehörte ein Großteil der Unternehmen Einheimischen – seit den 1950ern mit steigender Tendenz.2123 In der Landwirtschaft hatte sich die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt und die ehedem bestehenden feudalen Bindungen waren nahezu vollständig durch Lohnarbeit ersetzt.2124 Allerdings ergaben sich aus der einseitigen Ausrichtung auf den Zuckerexport auch Probleme:2125 Starke Preisschwankungen auf dem Weltmarkt waren für die kubanische Volkswirtschaft2126 ein ernstes Problem, wie sich beispielsweise im Zuge der Weltwirtschaftskrise zeigte, als der Zuckerpreis auf unter einen Cent pro Pfund fiel.2127 Da Zuckerrohr nur in drei Monaten des Jahres geerntet werden konnte,2128 41,5 Prozent aller Beschäftigten jedoch Landarbeiter waren,2129 herrschte eine weit verbreitete Unterbeschäftigung.2130 Armut und Verschuldung führten zu sinkender Kaufkraft.2131 Gleichzeitig stiegen zwischen 1937 und 1952 die Lebenshaltungskosten um das Zweieinhalbfache. 2119 Vgl. Hanf: Castros Revolution, S. 26. 2120 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 63. 2121 Vgl. Hanf: Castros Revolution, S. 26. 2122 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 63f. 2123 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 183f und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 63f. 2124 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 64. 2125 Vgl. ebd., S. 64. 2126 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 174. 2127 Vgl. Hanf: Castros Revolution, S. 27. 2128 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 64. 2129 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 174. 2130 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 64. 2131 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 181f. 292 Bedingt durch die geringen Einkommen war Unterernährung auf dem Land ein großes Problem.2132 Anfang der 1950er Jahre waren 80,9 Prozent der ländlichen Wohnungen ohne Stromversorgung, 85 Prozent ohne fließendes Wasser. Auch wenn die Alphabetisierungsrate in Kuba 76,4 Prozent betrug, war der Bildungsstand insbesondere der Landbevölkerung sehr gering. Ebenso wies die medizinische Versorgung auf dem Land große Lücken auf.2133 Zudem herrschte in den Städten eine chronische Arbeitslosigkeit.2134 Zusammen mit einer hohen Korruption und fragilen politischen Verhältnissen führte dies zu gesellschaftlichen Spannungen, die einer Lösung harrten.2135 Seitens der Politik war diese jedoch nicht zu erwarten. Seit dem Sturz des Diktators Gerado Machado im Jahre 1933 blieb die politische Lage instabil.2136 Das Fehlen organisierter politischer Kräfte führte dazu, dass schließlich die Armee das Vakuum füllte.2137 Der ehemalige Unteroffizier und Sprecher der Gewerkschaft der Streitkräfte,2138 Fulgencio Batista2139, gewann zuneh- 2132 Nur in 11 Prozent der Haushalte gab es regelmäßig Milch, in jedem 25. Fleisch, in jedem 50. Eier und in jedem 100. Fisch. Lediglich ca. 20 Prozent der Kubaner lebten hingegen in guten Verhältnissen. (vgl. Niess, Frank: Fidel Castro, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 40 und vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 195.) 2133 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 182f und 191. 2134 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 64. Insgesamt waren 16,4 Prozent der kubanischen Erwerbstätigen dauerhaft arbeitslos und 6,1 Prozent unterbeschäftigt. Viele waren unterbezahlt. (vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 194.) 2135 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 65. 2136 Vgl. Castro Ruz, Fidel: Der strategische Sieg. Erinnerungen an die Revolution, Berlin 2012, S. 426f und vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 154-157. 2137 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 65 und vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 156. 2138 Vgl. Widmann, Carlos: Das letzte Buch über Fidel Castro, München 2012, S. 61. 2139 Batista entstammte den unteren Schichten der Bevölkerung und war indigener Herkunft. Nach seinem Eintritt in die Armee wurde er als Sergeant Stenograph bei der Heeresleitung. Im Rahmen eines Putsches entmachtete er das Offizierskorps und übernahm die Führung der Armee. Schließlich wurde er 1940 der erste nicht-weiße Präsident des Landes. Hierdurch und durch seine zahlreichen sozialen Maßnahmen wie die Einführung eines Mindestlohnes, des bezahlten Urlaubs, des Kündigungsschutzes, einer Alphabetisierungskampagne, die 44-Stunden-Woche und die Schaffung von Aufstiegsmöglichkeiten für die Arbeiterklasse, erfreute er sich vor allem bei den einfachen Menschen großer Beliebtheit. (vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kuba- 293 mend an Einfluss2140 und putschte sich 1934 an die Macht.2141 Unter seiner Militärdiktatur stabilisierte sich das Land und auch, wenn er sich auf Staatskosten persönlich bereicherte, waren seine zahlreichen sozialen Reformen bei den unteren Schichten sehr populär.2142 Eine 1939 aus relativ freien Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung verabschiedete 1940 eine neue demokratische Verfassung,2143 auf deren Grundlage Batista2144, getragen von einer Koalition mehrerer Parteien, die sogar die Kommunisten mit einbezog,2145 im selben Jahr zum Präsidenten gewählt wurde.2146 Als er 1944 auf eine weitere Kandidatur verzichtete, waren die politischen Verhältnisse zwar weitgehend stabil, doch war die allgegenwärtige Korruption ein weitverbreitetes Übel.2147 Aus Protest gegen die Verhältnisse gründete sich die „Partei des kubanischen Volkes“, welche bald die „Orthodoxen“ genannt wurde und der sich auch der junge Fidel Castro2148 anschloss.2149 1951 kehrte Batista durch seine Wahl in den Senat auf die politische nische Revolution, S. 154, vgl. Zeuske, Michael: Kleine Geschichte Kubas, 3. Auflage München 2007, S. 171 und vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 63.) 2140 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 65. 2141 Vgl. Castro Ruz: Der strategische Sieg, S. 427. 2142 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 157f und vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 171. 2143 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 158. 2144 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 65. 2145 Vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 64. 2146 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 160 und vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 171. 2147 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 172 und S. 174 und vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 65. 2148 Fidel Castro wurde am 13. August 1927 – laut Niess 1926 – auf der seinem Vater gehörenden Farm „Las Mancas“ in Birán/Oriente geboren. Der Jesuitenschüler begann nach seinem Abschluss ein Jura-Studium an der Universität von Havanna. Hier promovierte er im Sommer 1950 und wurde anschlie- ßend Rechtsanwalt. Er engagierte sich in der Partei der Orthodoxen und plante 1952 eine Kandidatur bei den Kongress-Wahlen, welche jedoch wegen Batistas Putsch nicht mehr stattfanden. Er entschloss sich zum bewaffneten Widerstand gegen das Regime und war beim Angriff auf die Moncada-Kaserne beteiligt. (vgl. Niess: Fidel Castro, S. 10, vgl. Bourne, Peter G.: Fidel Castro – „Maximo Lider“ der kubanischen Revolution, Düsseldorf, Wien, New York 1988, S. 44, S. 60, S. 70f, S. 114, S. 122-127, S. 135, S. 144-160, vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 176.) 2149 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 161f. 294 Bühne zurück2150 und bereitete für das Folgejahr eine erneute Präsidentschaftskandidatur vor. Aufgrund der geringen Erfolgsaussichten putschte er sich jedoch am 10. März 1952 ein weiteres Mal an die Macht.2151 2.4.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Die Errichtung der Diktatur erregte Widerstand. Fidel Castro war führend in die Planung eines Aufstands gegen Batista involviert,2152 zu dessen Fanal der Sturm auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 hatte werden sollen.2153 Der Angriff scheiterte und Castro wurde zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Nachdem er jedoch bereits 1955 amnestiert wurde,2154 ging er ebenso wie zahlreiche andere Kubaner ins Exil nach Mexiko,2155 wo er die „Bewegung 26. des Juli“2156 gründete, um den bewaffneten Kampf in Kuba vorzubereiten.2157 Seit Ende Mai 1956 wurde die Gruppe auf der unweit Mexiko von City gelegenen Finca Santa Rosa2158 von dem Guerillaexperten Alberto Bayo Giroud2159 ausgebildet.2160 Hierbei tat sich besonders der argentinische 2150 Vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 65. 2151 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 162f. 2152 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 37. 2153 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 177, vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 186 und vgl. Massari, Roberto: Geschichte Kubas – Von den Anfängen bis zur Revolution, Frankfurt/Main 1992, S. 130. 2154 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 67f. 2155 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 204-209 und vgl. Niess: Fidel Castro, S. 43. 2156 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 178. 2157 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 223 und vgl. Anderson, Jon Lee: Che – Die Biographie, München 1997, S. 148. 2158 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 226f und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 156. 2159 Der 1892 in Kuba geborene ehemalige Obrist Alberto Bayo Giroud hatte in den 1920er Jahren in Marokko gegen Aufständische um Abd-el-Krim und später in der republikanisch-spanischen Armee im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Nachdem er Castro im August 1955 begegnet war, konnte dieser ihn als Ausbilder seiner Truppe gewinnen. (vgl. Niess: Fidel Castro, S. 49 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 213 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 148.) 2160 Vgl. Guevara, Ernesto: Cubanisches Tagebuch (Ausgewählte Werke in Einzelausgaben, Bd. 2), Bonn 1997, S. 299. 295 Arzt Ernesto Guevara als gelehrigster Schüler hervor.2161 Für 25.000 Dollar wurde von der Spende2162 des ehemaligen kubanischen Präsidenten Carlos Prío Soccarás die heruntergekommene Yacht „Granma“ erworben,2163 mit welcher Castro und 81 seiner Gefährten am 25. November 1956 Richtung Kuba in See stachen.2164 Castro plante, in seiner Heimatprovinz Oriente den Guerillakrieg zu beginnen. Ein von Frank País aufgebautes Untergrundnetzwerk sollte von der nahegelegenen Stadt Santiago aus die Guerillas in den Bergen unmittelbar nach ihrer Landung unterstützen.2165 Da die Granma jedoch vom Kurs abkam,2166 landete sie nicht wie vorgesehen am 30. November am Playa las Coloradas,2167 sondern strandete am 2. Dezember am versumpften Strand von Los Coloradas,2168 wobei große Teile der Ausrüstung verloren gingen.2169 Der für den 30. vorgesehene Aufstand2170 war daher von País in Santiago alleine begonnen, aber bereits nach wenigen Stunden niedergeschlagen worden. Auch Castros Truppe wurde bald aufgeklärt und bis zum 5. Dezember aufgerieben.2171 Nur ein kleiner Teil konnte sich bis zur Sierra Maestra2172 2161 Vgl. May, Elmar: Che Guevara, 17. Auflage, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 37 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 227. 2162 Bereits seit Ende 1955 hatte Castro unter Exilkubanern in den USA erfolgreich Spenden gesammelt. (vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 149.) 2163 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 69, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 163f, vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 227 und vgl. Niess: Fidel Castro, S. 49. 2164 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 69 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 247f. 2165 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 148. 2166 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 179. 2167 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 166. 2168 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 18-22, vgl. Castro Ruz: Der strategische Sieg, S. 429 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 70. 2169 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 171. 2170 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 50. 2171 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 70, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 50f, vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 253 und vgl. dazu auch Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 19-22. 2172 Bei der Sierra Maestra handelte es sich um eine dicht bewaldete Region mit zahlreichen Erhebungen von ca. 8.000 km² Größe, die nur dünn und von mehrheitlich mittellosen Bauern (guajiros) besiedelt war. Diese waren teilweise Pächter, vor allem aber waren es „precaristas“ – illegale Siedler, die ein wenig Land bebauten und der Regierung, da sich viele von ihnen hierhin vor der Obrigkeit geflüchtet hatten, traditionell reserviert gegenüberstanden. 296 durchschlagen.2173 Bis Weihnachten fanden sich hier wieder 15 Mann zusammen,2174 die bald durch neue Freiwillige verstärkt wurden.2175 Zu Beginn des neuen Jahres war das „Ejército Rebelde“2176 bereit loszuschlagen und errang am 17. Januar mit der Einnahme der kleinen, mit 20 Mann belegten Kaserne von La Plata, ohne eigene Verluste einen ersten Sieg.2177 Gemeinsam mit einem weiteren siegreichen Gefecht am 22. Januar2178 steigerten diese Anfangserfolge nicht nur das eigene Selbstvertrauen, sondern bewiesen vor allem der Öffentlichkeit die Existenz2179 und die Schlagkraft der Guerilla.2180 Auch die Zustimmung der lokalen Bevölkerung in der Sierra konnten die „Barbudos“2181 als- (vgl. Niess: Fidel Castro, S. 51, vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 228, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 177 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 259.) 2173 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 70. 2174 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 254. 2175 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 70. 2176 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2177 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 32, S. 34 und S. 38 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2178 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 183f und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 73. 2179 Wie wichtig es war, dass die Öffentlichkeit von Castros Guerilla Notiz nahm, zeigte der gescheiterte Angriff auf den Präsidentenpalast durch die von Castro unabhängige Gruppe Directorio Revolucionario, bei dem Batista nur knapp mit dem Leben davongekommen war. Das Directorio Revolucionario unter Antonio Echeverría war zwar offiziell mit Castro verbündet, tatsächlich aber ein scharfer Konkurrent. Echeverría kam bei diesem gescheiterten Putschversuch am 13. März 1957 ums Leben. Batista profitierte letztlich sogar von diesem Aufstandsversuch, da die „konservative Geschäftswelt“, die der Ansicht war, er könne das Land vor Anarchie und zugleich die traditionelle Gesellschaftsordnung bewahren, geschlossen hinter ihm stand. (vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 265, vgl. Castro Ruz: Der strategische Sieg, S. 430, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 199f.) 2180 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 259 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 180. 2181 Der Umstand, dass sie anfangs über keine Rasiermesser verfügten, trug den Rebellen die Bezeichnung „die Bärtigen“ ein. Später wurden die Bärte zu ihrem Markenzeichen. (Vgl. Chapelle, Dickey: Wie Castro siegte, in: Franklin Mark Osanka (Hrsg.): Der Krieg aus dem Dunkel, Köln 1963, S. 433-447, hier S. 436 und S. 439 und vgl. Niess: Fidel Castro, S. 55.) 297 bald gewinnen.2182 Der Aufbau einer sozialen und juristischen Infrastruktur, von Massenmedien und die Ansätze einer Agrarreform sicherten der Bewegung hier weitere Anhänger.2183 Am 28. Mai 1957 erfolgte mit dem siegreichen Gefecht bei Uvero eine erste größere erfolgreiche Operation der Rebellen.2184 Trotz einiger Verluste war die Einnahme der dortigen Kaserne von großer Bedeutung für die Guerilla,2185 da sich die Armee fortan aus allen vorgeschobenen isolierten Posten der Sierra zurückzog.2186 Die Sympathie für die Bewegung des 26. Juli nahm zu, die Unzufriedenheit mit dem Regime ebenfalls. Ein Aufstand in der Marinebasis Cienfuegos konnte zwar am 5. September noch unterdrückt werden,2187 doch zeigte dies, dass auf die Streitkräfte kein uneingeschränkter Verlass mehr war,2188 was sich auch in deren abnehmender Kampfmoral widerspiegelte.2189 Nachdem schließlich im November/Dezember 1957 die Winteroffensive Batistas gegen die Sierra Maestra gescheitert war,2190 hatte sich ein lokales militärisches Patt entwickelt. Die Armee unterließ weitere Vorstöße in die Bergregionen der Rebellen, während diesen gleichzeitig durch die Blockade der Sierra der Ausbruch verwehrt war.2191 Versuche, weitere Guerilla-Herde an anderen Orten zu entfachen, blieben in den Ansätzen stecken. Lediglich der von Castro unabhängigen Studentenformation „Directorio Revolucionario“ gelang es 1958, sich in der Sierra de Escambray festzusetzen.2192 Im April 1958 proklamierte die Bewegung des 26. Juli den Generalstreik, der jedoch aufgrund organisatorischer Schwächen nicht zur 2182 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 228 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2183 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 181. 2184 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 75, vgl. Ellis: From the Barrel of a Gun, S. 216, vgl. dazu auch: Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 109. 2185 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 107-110. 2186 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 75. 2187 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 279 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 78 und vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 181. 2188 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 78. 2189 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 75 und vgl. Müller- Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 69. 2190 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 430. 2191 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 76 und vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 216. 2192 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 78. 298 Entfaltung kam.2193 Batista sammelte nun seine Kräfte, um in einem letzten großen Schlag auch die Guerilla in der Sierra Maestra niederzuwerfen. Seine am 25. Mai begonnene Offensive2194 musste indes Anfang August erfolglos abgebrochen werden.2195 Als die Rebellen in der Folge die Armee zum Rückzug aus der Sierra zwangen,2196 erwachte auch der städtische Widerstand erneut und führte Sabotage-Akte durch. Der daraufhin einsetzende Gegenterror Batistas trieb nun auch die bislang legale Opposition in den Untergrund. Im Sommer 1958 wurden infolgedessen auch weitere Teile Kubas vom Aufstand erfasst.2197 Am 24. August gingen die Rebellen zur Gegenoffensive über.2198 Drei Kolonnen unter Raul Castro, Che Guevara und Camillo Cienfuegos stießen in die Provinzen Oriente, Camaguey und Las Villas vor.2199 Auch wenn sie durch die Bevölkerung außerhalb der Sierra Maestra nicht uneingeschränkt unterstützt wurden2200 und nur langsam vorankamen, war der Vormarsch vor allem deswegen erfolgreich, weil der Zerfall der Armee bereits weit fortgeschritten und diese kaum noch bereit war, Widerstand zu leisten. In der Ende Oktober beginnenden Schlussoffensive fielen den Rebellen nun erstmals auch größere Städte und Garnisonen in die Hand. Eine letzte Gegenoffensive Batistas blieb hingegen im Ansatz stecken. Nachdem Ende Dezember der wichtige Knotenpunkt Sancti Spiritus gefallen war, konnten die Rebellen von allen Seiten gegen die Provinzhauptstadt Santa Clara vorgehen. In der vom 29. bis zum 31. Dezember währenden Schlacht gelang es Guevara mit 340 Mann, die Stadt den 3.500 Verteidigern, die über Panzer und Flugzeuge verfügten, zu entreißen. Der Zusammenbruch des Regimes stand nun unmittelbar bevor. Angesichts der ausweglosen Lage verließ Batista das Land noch in der Silvesternacht. Ein allgemeiner Generalstreik beugte einer Ersetzung seiner Herrschaft durch eine Militärjunta vor. Während Guevara und Cienfuegos in 2193 Vgl. ebd., S. 81. 2194 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 181. 2195 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 287 und S. 289, vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 282f und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 82. 2196 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 431. 2197 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 83. 2198 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 238. 2199 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 83 und vgl. Niess: Fidel Castro, S. 62. 2200 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 238. 299 Havanna einrückten, marschierte Castro in Santiago ein, bevor auch er am 2. Januar 1959 in der Hauptstadt eintraf.2201 2.4.3. Die Bewegung des 26. Juli Lage und Ziele Nachdem Castro in Mexiko die „Movimento 26 de Julio“ (M-26-7) begründet,2202 und mit 81 Mann die Überfahrt gewagt hatte, musste er nach der gescheiterten Landung in Kuba seine auf ein gutes Dutzend geschrumpfte Gruppe in der Sierra Maestra neu aufbauen.2203 Allmählich wuchs die Truppe wieder an.2204 Die sich in der Folge herausbildende Guerilla setzte sich aus zahlreichen ehemaligen Plantagenarbeitern, aber auch vielen Städtern zusammen.2205 Da die Rebellen lange Zeit Probleme mit Disziplin und Moral hatten, waren strenge Maßnahmen zu deren Aufrechterhaltung erforderlich.2206 Um die Qualität zu steigern, wurde eine strenge Auswahl getroffen und ungeeignete Kämpfer gegebenenfalls wieder demobilisiert.2207 Verrätern und Deserteuren drohte die Todesstrafe.2208 Bereits unmittelbar nach der Landung in Kuba wurden die Verbindungen zwischen der Guerilla und der Widerstandsbewegung in den 2201 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 84f, vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 182-184 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 295. 2202 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 178. 2203 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 69f. 2204 Mitte Februar hatte Castro gerade 18 Mann zusammen, die bis April jedoch bereits wieder auf über 80 anwuchsen. Im Mai 1957 hatte er 127 Kämpfer und im April 1958 zählten sie schon rund 300. Im Sommer 1958 befehligte er schließlich 800 Männer. (vgl. Niess: Fidel Castro, S. 53f, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 74f und vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 99.) 2205 Vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 437. 2206 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 97, S. 158, S. 179 und S. 182 und vgl. Guevara, Ernesto: Was ist ein Guerillero?, in: Heinz Rudolf Sonntag (Hrsg.): Che Guevara und die Revolution, Frankfurt am Main und Hamburg 1968, S. 13-15, hier S. 13 und vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 64 und vgl. S. 116. 2207 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 99. 2208 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 185-187, vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 30 und S. 41 und vgl. dazu u. a. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 61-63, S. 78, S. 81f, S. 89 und S. 98f. 300 Städten hergestellt.2209 Diese versorgte die Rebellen in der Sierra fortan nicht nur mit Waffen, Ausrüstung und neuen Rekruten,2210 sondern unterstützte deren Kampf auch durch Propaganda und Sabotageakte.2211 An der Spitze der Bewegung stand das Directorio Nacional, welches aus Fidel Castro sowie den führenden Protagonisten der städtischen Untergrundbewegung Frank País, Celia Sánchez, Faustino Pérez, Vilma Espín, Haydée Santamaría und Armando Hart bestand.2212 Anders als die „Sierra“ genannte Fraktion Castros in den Bergen2213 waren die Aktivisten der „Lllano“ (Ebene, Flachland) der Ansicht, dass der Kampf primär in den Städten ausgetragen werden sollte.2214 Zwischen beiden Fraktionen bestanden daher permanente Spannungen, die sich schließlich zu einem offenen Machtkampf ausweiteten. Die Intention vieler Vertreter des städtischen Widerstands war oftmals keineswegs marxistisch, sondern zielte primär auf die Beseitigung der Diktatur Batistas. Ihnen schien der Generalstreik geeigneter als der Guerillakampf.2215 Als jedoch im Frühjahr 1958 ein solcher schnell zusammenbrach, machte Castro die städtische Fraktion verantwortlich und übernahm endgültig die Führung der Bewegung.2216 Die Bewegung des 26. Juli war indes nur eine von mehreren oppositionellen Gruppen und gerade die kubanischen Kommunisten standen Castros Bewegung lange skeptisch gegenüber.2217 Da auch die Partido Socialista Popular (PSP2218) den Generalstreik als Mittel zum Sturz Batistas präferierte, bestanden mit Castros Rebellen erhebliche politische Differenzen. Lange gab es keine koordinierte gemeinsame Vorge- 2209 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 207. 2210 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 26, vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 271, vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 124, vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 97 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 190. 2211 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 209 und S. 217 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 187 und S. 190. 2212 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 187 und S. 189f. 2213 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 207f. 2214 Vgl. ebd., S. 300. 2215 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 272 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 190f. 2216 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 285 und vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 29. 2217 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 213. 2218 Die 1925 gegründete Kommunistische Partei Kubas nannte sich seit 1944 Partido Socialista Popular (PSP). (vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 427.) 301 hensweise.2219 Um jedoch die Revolution breit aufzustellen, arbeitete Castro am Aufbau einer Einheitsfront aller oppositionellen Gruppen,2220 beispielsweise durch den „Appell an das kubanische Volk“ vom 18. Februar 19572221 und das Manifest der Sierra Maestra vom 12. Juli 1957. Als sich dann aber im Oktober verschiedene Gruppen in Miami weitgehend für die im Manifest geäußerten Vorstellungen aussprachen,2222 erteilte ihnen Castro überraschend eine Absage.2223 Castro fühlte sich durch seine militärischen Erfolge2224 inzwischen stark genug, die Führung der Revolution für sich alleine zu beanspruchen.2225 Er sah die Guerilla als Avantgarde und nicht als Instrument eines außenstehenden politischen Organs. Im November 1957 forderte Castro für seine Bewegung das alleinige Recht, nach Batistas Sturz die Aufgaben von Armee und Polizei zu übernehmen. Gleichzeitig lehnte er eine Beteiligung der Guerilla an einer provisorischen Regierung ab und erklärte, auch gegen eine Militärjunta weiterzukämpfen, sollte Batista von einer solchen gestürzt werden. Schließlich kam am 20. Juli 1958 in Caracas doch noch eine „Union der oppositionellen Kräfte“ zustande.2226 An den Partnern der Einheitsfront vorbei paktierte Castro allerdings gleichzeitig mit den Kommunisten.2227 Zwar hatte er bereits im Oktober 1956 in Mexiko Kontakt zur kubanischen PSP unterhalten, doch war er mit ihren Vertretern, welche die Voraussetzungen für den bewaffneten Kampf in Kuba nicht für gegeben hielten, zu keiner Übereinkunft gekommen. Da ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bewegung des 26. Juli antikommunistisch eingestellt war, wahrte Castro fortan Distanz zur PSP, bis sich seine Bewegung fest etabliert hatte.2228 Statt sich offen zum Kommunismus zu bekennen, inszenierte er sich daher bewusst als in erster Linie patriotisch.2229 Ab Oktober 1957 wurde die Kooperation Castros mit der PSP enger, blieb jedoch weiterhin disk- 2219 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 58. 2220 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 60 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 277. 2221 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 194. 2222 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 60. 2223 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 232f. 2224 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 184. 2225 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 232f. 2226 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 79-81. 2227 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 237. 2228 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 164, S. 201 und S. 249. 2229 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 181 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 201. 302 ret.2230 Erst als der städtische Widerstand der „Llanos“ als Folge des gescheiterten Streiks im April 1958 geschwächt war, solidarisierte sich die PSP offen mit Castro.2231 Dennoch vermied es dieser bis 1959, sich offiziell auf eine marxistisch-leninistische Linie festzulegen.2232 Es galten vielmehr weiterhin die von ihm 1952 in seiner Verteidigungsrede vor Gericht formulierten Ziele2233, die sich noch in dem im Februar 1958 verkündeten Programm wiederfanden2234 und als Basis für eine Einheitsfront mit den gemäßigten Kräften dienen sollten.2235 Bourne geht davon aus, dass Castro an Ideologie lange Zeit nur insoweit interessiert war, wie sie seinen unmittelbaren Zielen diente.2236 Ihm sei es alleine um eine „möglichst breite Unterstützung“2237 gegangen. Gleichwohl deute Goldenberg zufolge einiges darauf hin, dass Castro bereits während der Zeit in der Sierra Maestra Sozialist gewesen sei.2238 Auch Bourne räumte ein, dass Castro wahrscheinlich tendenziell marxistisch orientiert war, sich aber ein offenes Bekenntnis dazu lange nicht habe leisten können.2239 Strategie, Taktik und Struktur Angesichts der Stärke des Militärapparates und der für einen Guerillakampf idealen Bedingungen in der Sierra Maestra war dieser für Castro das Mittel der Wahl, um einen allgemeinen Aufstand zu entfesseln.2240 Durch die in der Sierra vorherrschenden Traditionen des sozialen Banditentums und des illegalen Landbesetzens2241 fand er bereits 2230 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 250f. 2231 Vgl. ebd., S. 264f. 2232 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 241. 2233 So hatte er dort u. a. die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1940, eine Bodenreform, Gewinnbeteiligung der Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft sowie die Konfiszierung allen unter früheren Regierungen unrechtmäßigen Besitzes gefordert. (vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 185-187.) 2234 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 275 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 78f. 2235 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 78 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 275. 2236 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 274. 2237 Ebd., S. 275. 2238 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 247. 2239 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 275. 2240 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 70 und S. 100. 2241 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 179. 303 ein gewisses revolutionäres Potential vor.2242 Man überwand die anfängliche Skepsis der Einheimischen und gewann bis zum Frühjahr 1957 allmählich ihr Vertrauen und ihre Unterstützung,2243 was Guevara „der Guerilla Strohhüte aufsetzen“2244 nannte. Nachdem sich die Armee im Sommer aus der Sierra zurückgezogen hatte,2245 endete die von ständiger Bewegung gekennzeichnete2246„nomadische Phase“ der Guerilla2247 und es begann die Konsolidierung des Rebellengebietes.2248 Mit Hilfe der Landbevölkerung gelang es, ein „gut funktionierendes Versorgungssystem [zu] errichten“2249, das der anwachsenden Komplexität der Guerillabewegung Rechnung trug.2250 Eine kleine Industrie, welche die Guerilla mit dem Nötigsten versorgte,2251 entstand ebenso wie administrative Strukturen.2252 Ein oberstes Verwaltungs- und Gerichtsorgan etablierte eine revolutionäre Ordnung,2253 die ab Herbst 1957 auf die gesamte Sierra ausgedehnt wurde.2254 Finanziert durch die Abgaben der Landbevölkerung wurde eine zivile Infrastruktur mit Bildungseinrichtungen und medizinischer Versorgung aufgebaut.2255 Dies trug zusammen mit einer Bodenreform dazu bei, dass die Rebellen den Rückhalt der lokalen Bevölkerung gewannen.2256 Nach ähnlichem Muster wurde später auch von Raul Castro in der Sierra Cristal und der Sierra Baracoa eine Zweite Front aufgebaut.2257 Dies entsprach Guevaras Forderung, dass sich die Bewe- 2242 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 71. 2243 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 87 und S. 208f, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 53 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 71. 2244 Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 209. 2245 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 178. 2246 Vgl. ebd., S. 207. 2247 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 278f. 2248 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 210. 2249 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 92. 2250 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 91. 2251 Vgl. ebd., S. 73 und S. 105-107. 2252 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 178. 2253 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 96. 2254 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 179-186. 2255 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 84, S. 89, S. 96, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 57 und vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 179. 2256 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 179 und vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 45. 2257 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 45 und vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 213. 304 gung einem Bienenschwarm gleich ausdehnen und Ableger bilden müsse, sobald eine Region unter Kontrolle sei.2258 Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die u. a. durch die eigene Radiostation „Aqui Radio Rebelde“ und die Propagandazeitung „Cuba Libre“ betrieben wurde, steigerte Castro seine Popularität und gewann neue Anhänger.2259 Guevara bewertete es als entscheidend, das ganze Land zu erreichen und die Menschen über die Ziele der Bewegung aufzuklären. Gerade dem Rundfunk maß er dabei hohe Bedeutung bei.2260 Propagandistische Wirkung entfaltete neben der Entführung amerikanischer Seeleute, Ingenieure und Geschäftsführern der United Fruit Company, welche der Weltöffentlichkeit vor Augen führte, dass Batista sein Land nicht mehr unter Kontrolle hatte,2261 auch die Praxis der Rebellen, gefangene Armeeangehörige gut zu behandeln2262 und umgehend wieder freizulassen.2263 Ein weiteres wichtiges Element von Castros Guerillataktik war die Informationshoheit auf dem Gefechtsfeld.2264 Während die Rebellen durch tausende freiwillige Helfer mit genauen Informationen über Bewegungen und Absichten des Feindes versehen wurden, erhielt die Armee ihrerseits vor allem Falschmeldungen.2265 Dieses Nachrichtensystem führte dazu, dass die Guerillas den Militärpatrouillen ausweichen konnten und ihrerseits in der Lage waren, diese in Hinterhalte zu locken2266 – eine Taktik2267, die von den Rebellen mit der Zeit immer 2258 Vgl. Guevara, Ernesto: Partisanenkrieg – eine Methode, in: Feltrinelli, Giangiacomo (Hrsg.): Lateinamerika – Ein zweites Vietnam?, Hamburg 1968, S. 119- 132, hier S. 130. 2259 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 57, vgl. dazu auch Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 74 und S. 77 und auch Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 110. 2260 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 107 und S. 109. 2261 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 48. 2262 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 257. 2263 Vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 438. 2264 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 29 und S. 80. 2265 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 71f, Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 29f, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 57 und vgl. Müller- Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 70. 2266 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 45 und vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 446. 2267 Bei dieser seit Ende August 1957 entwickelten Taktik provozierte eine Kolonne der Rebellen beispielsweise durch einen Angriff auf eine Kaserne eine Strafexpedition und legte dieser einen Hinterhalt, während zeitgleich eine 305 weiter verfeinert wurde.2268 Neben der Kenntnis der örtlichen Bevölkerung und der Absichten des Feindes war auch die des Operationsgebietes zwingend,2269 um eine hohe Beweglichkeit zu erreichen,2270 die einerseits schnelle Angriffe erlaubte und es andererseits ermöglichte, Einkreisungen zu entgehen.2271 Vor allem in der Anfangsphase blieb die Guerilla meist für nur wenige Tage an einem Ort, um dann weiterzuziehen.2272 Für Guevara waren Marschieren, eine hohe Beweglichkeit sowie das Ausweichen vor einem überlegenen Gegner noch wichtiger als der eigentliche Kampf.2273 Durch ein System von Lebensmitteldepots verringerten die Rebellen das mitgeführte Gepäck und erreichten zusammen mit der durch die ständigen Streifzüge zunehmenden Ortskenntnis ein gesteigertes Marschtempo. Dadurch waren sie beispielsweise schneller, als es die Luftwaffe bei ihren Angriffen berechnet hatte, so dass letztere häufig ihr Ziel verfehlten.2274 Da deren Kompensation den Rebellen schwerer fiel als der Armee, galt es, Verluste möglichst zu vermeiden.2275 Dem Faktor der Überraschung2276 kam daher eine hohe Bedeutung zu, damit „die kämpferische Überlegenheit im Moment der Gefechtshandlungen“2277 auf Seiten der Guerilla lag. Kampfhandlungen sollten ganz im Sinne Maos2278 nur andere Rebellenkolonne andernorts aktiv wurde. Häufig reichte es bereits, den Vortrupp der entsandten Streitkräfte – in der Regel eine Kompanie – in eine Falle zu locken, woraufhin die Hauptmacht zu keinem weiteren Vorrücken mehr bereit war. Die Zerschlagung einer Vorhut war ein wichtiger psychologischer Faktor, da ohne sie keine Kolonne mehr weitermarschieren konnte. (vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 151-154 und S. 210f, vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 56, S. 66 und S. 77f und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 73 und S. 76.) 2268 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 73. 2269 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 29. 2270 Vgl. Guevara: Was ist ein Guerillero?, S. 14. 2271 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 22 und vgl. Guevara: Was ist ein Guerillero?, S. 14. 2272 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 73 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2273 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 129. 2274 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2275 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 25. 2276 Vgl. ebd., S. 26 und S. 75. 2277 Ebd., S. 30. 2278 Vgl. dazu u. a. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 195, vgl. Mao: Der Kampf im Djinggang-Gebirge (25. November 1928), S. 20 und vgl. Mao: 306 begonnen werden, wenn der Erfolg, gegebenenfalls durch Konzentration der Kräfte, sicher war.2279 In einem Kampf ohne feste Fronten versuchten beide Seiten, sich gegenseitig einzukreisen und zu vernichten.2280 Je stärker die Guerilla wurde, desto mehr hatte sie Zugriff auf die Plantagen und das Verkehrssystem des Landes, welches sie empfindlich zu stören wusste.2281 Brücken wurden gesprengt, Straßen vermint2282 und Telefon- sowie Stromverbindungen gekappt.2283 Seit Sommer 1957 war man dazu übergegangen, regelmäßig kleinere Stützpunkte der Armee anzugreifen und einzunehmen.2284 Als Folge löste die Armee ihre kleinen Garnisonen auf und konzentrierte sich in grö- ßeren, die leichter zu verteidigen waren. Durch diesen Rückzug wurde die Sierra Maestra für die Aufständischen zum „territorio libre“.2285 Grundsätzlich hänge laut Guevara die zahlenmäßige Stärke einer Guerillaformation von den jeweiligen Bedingungen des Kampfgebiets ab. In der dünn besiedelten Sierra Maestra hätten sich von einem Major2286 geführte Kolonnen2287 von 100-120 Mann als optimale Größe erwie- Eine überlegene Streitmacht konzentrieren, um die feindlichen Truppenteile einzeln zu vernichten (16. September 1946), S. 377f. 2279 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 16 und S. 70 und vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 129f. 2280 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 23f, S. 69 und S. 78. 2281 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 48f. 2282 Vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 440. 2283 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 70. 2284 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 140-148, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 55 und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 270. 2285 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 55f und vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 179. 2286 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 32 und S. 61. 2287 Untergliedert waren sie in jeweils von einem Hauptmann befehligte Abteilungen zu 30-40 Mann. In dichter besiedelten ländlichen Regionen operierten Abteilungen sogar aufgrund ihrer geringeren Größe selbstständig als Grundeinheit der Rebellenarmee. Sie gliederten sich in jeweils einem Leutnant unterstehende Gruppen zu je acht bis zwölf Mann, die in der Nähe von Städten auch autonome Basiseinheiten bildeten. Auch sonst sollten die einzelnen Gruppen weitgehend selbstständig agieren und nur zu bestimmten Aktionen, je nach Gelände und Bedarf, zu größeren Verbänden zusammengezogen werden. Offiziere und Mannschaften wurden gleich behandelt, Unteroffiziersdienstgrade gab es bei den castristischen Rebellen nicht. Der höchste Dienstgrad war der des Majors bzw. des Commandante. (vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 62, vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 170 und vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 436.) 307 sen.2288 Bei einem stetigen Anwachsen der Guerilla sollten sich diese teilen und neue Kolonnen bilden, um durch Infiltration des feindlichen Territoriums weitere Operationsgebiete aufzubauen.2289 Auch hier wieder analog zu Maos Vorstellungen2290 sollten auf diese Weise grö- ßere Garnisonen und Städte allmählich vom Lande aus „erdrosselt“ werden.2291 Ab März 1958 waren die Rebellen soweit, dass sie ihren Einflussbereich über die Sierra Maestra hinaus durch die Entsendung einer 50 Mann starken Einheit unter Raul Castro in die Bergregion Sierra Cristal ausdehnen konnten,2292 um hier in der Provinz Oriente eine „Zweite Front“ (Segundo Frente) zu bilden.2293 Bis Dezember 1958 kontrollierten die Rebellen schließlich den Großteil der ländlichen Gebiete.2294 2.4.4. Die Politik der Batista-Regierung Lage und Ziele Die von Batista im März 1952 errichtete Diktatur2295 fand nicht nur großen Zuspruch in den niederen Volksschichten, sondern hatte auch die Beamten und Sicherheitsorgane auf ihrer Seite. Obwohl es ab Mitte der 1950er Jahre mit der Wirtschaft aufwärts ging,2296 eine sozialstaatliche Politik betrieben wurde und Pressevielfalt2297 herrschte, stieß Batista im Bürgertum, wo der Wunsch nach Demokratie weit verbreitet war, weitgehend auf Ablehnung.2298 Widerstand erwuchs ihm daher 2288 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 168. 2289 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 22 und S. 84. 2290 Vgl. dazu u. a. Mao: Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben (25. Dezember 1947), S. 415 und vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 124. 2291 Vgl. dazu Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 21f und S. 85. 2292 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 234. 2293 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 300. 2294 Vgl. Chapelle: Wie Castro siegte, S. 440. 2295 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 163 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 66. 2296 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 163-165. 2297 Alleine in Havanna gab es 16 Tageszeitungen. (vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 164.) 2298 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 165. 308 weniger aus der Unterschicht2299 als vielmehr aus der urbanen Mittelschicht und aus Intellektuellenkreisen. Die Universität von Havanna avancierte dabei zur Hochburg der Opposition.2300 Je mehr Resistenz ihm jedoch entgegengebracht wurde, desto drastischer äußerte sich Batistas unbedingter Wille zum Machterhalt. Auf die zunehmenden Demonstrationen, Streiks und Anschläge reagierte Batista mit unerbittlichen Maßnahmen. Zahlreiche Beteiligte am Überfall auf die Moncada-Kaserne wurden gar gefoltert und ermordet. Das brutale Vorgehen der Regierung schürte indes den Hass auf das Regime.2301 Als sich ab 1956 die Anschläge wieder häuften, reagierte Batista erneut mit scharfen Repressionen und Gegenterror.2302 Auf Protest antwortete er mit Verhaftungen, Verboten und Zensur. Eine legale Opposition war zunehmend unmöglich.2303 Angesichts der brutalen Maßnahmen zur Niederschlagung der Bewegung des 26. Juli distanzierten sich schließlich auch die USA von Batista2304 und verhängten im März 1958 ein Waffenembargo gegen ihn.2305 Von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt und von seinem wichtigsten Verbündeten fallengelassen, schienen somit die Bedingungen für Batistas Sturz günstig.2306 2299 Ein Umstand, der typisch für die Guerillabewegungen Lateinamerikas war, welche sich vor allem aus Intellektuellen bürgerlicher Herkunft und weniger aus Arbeitern und Bauern zusammensetzten. Laut Gebhardt waren vor allem die lateinamerikanischen Studenten in den 1960er Jahren hochpolitisiert und revolutionär gesinnt. (vgl. Gebhardt, Hermann P.: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen – Die lateinamerikanische Revolutionsbewegung, Stuttgart- Degerloch 1971, S. 66-70 und vgl. Améry, Jean: Die Geburt des Menschen aus dem Geiste der Violenz. Dem Revolutionär Frantz Fanon, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Permanente Revolution von Marx bis Marcuse, München 1969, S. 57-70, hier S. 68.) 2300 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 66, vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 165 und vgl. Lamberg, Robert F.: Die castristische Guerilla in Lateinamerika – Theorie und Praxis eines revolutionären Modells. Vierteljahresberichte – Probleme der Entwicklungsländer. Sonderheft 7, Hannover 1971, S. 13. 2301 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 66f. 2302 Vgl. ebd., S. 69. 2303 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 165f. 2304 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 61. 2305 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 83. 2306 Vgl. ebd., S. 69. 309 Strategie, Taktik und Struktur Batista glaubte zunächst, die kleine Gruppe, die es nach der Landung bis in die Sierra Maestra geschafft hatte, ignorieren zu können, da von ihr wenig Gefahr auszugehen schien. Dadurch ermöglichte er es der Guerilla jedoch, sich zu konsolidieren.2307 Als die Bewegung um Fidel Castro in der Sierra Maestra erstarkte, verfiel Batista auf eine Doppelstrategie.2308 Während er einerseits bestrebt war, die Guerilla durch Militäraktionen und gezielten Terror – selbst wer nur im Verdacht stand, mit den Rebellen zu kooperieren, konnte hingerichtet werden2309 – zu zerschlagen, versuchte er daneben weiterhin, gegenüber der Öffentlichkeit die Existenz der Guerilla zu leugnen.2310 Das Konzept des Austrocknens durch Totschweigen wurde von den Rebellen allerdings durch kontinuierliche Kontakte zu ausländischen Journalisten2311 unterlaufen, so dass man nicht nur in Kuba, sondern in der ganzen Welt von ihrem Kampf in der Sierra Maestra erfuhr.2312 Batista reagierte mit einer weiteren Verschärfung der Pressezensur. Diese Maßnahme kam jedoch zu spät, da die Berichte bereits einen großen Eindruck in der Bevölkerung hinterlassen hatten.2313 Allen Gegenmaßnahmen des Regimes zum Trotz gelang es der Bewegung des 26. Juli schließlich, zur wichtigsten oppositionellen Gruppe aufzusteigen.2314 Batista verstieg sich nunmehr dazu, die Rebellen fortan durchgehend als Kommunisten zu diffamieren.2315 So behauptete er beispielsweise gegenüber der ausländischen Presse, bei den Rebellen seien Ausrüstungsgegenstände 2307 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 44. 2308 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 180. 2309 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 53. 2310 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 180 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 187. 2311 So beispielsweise Robert Taber oder der Spanier Enrique Meueses, der vier Monate bei den Rebellen lebte. Am 28. Februar 1957 gab Castro sogar öffentlichkeitswirksam vor ausländischen Journalisten auf Kubas höchstem Berg Pico Turquino in der Sierra Maestra eine Pressekonferenz. (vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 83f und S. 86, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 74 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 205.) 2312 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 61, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 73f, vgl. Niess: Fidel Castro, S. 54f, vgl. Widmann: Das letzte Buch über Castro, S. 123 und S. 125, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 191 und S. 198, vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 262, vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 228. 2313 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 74. 2314 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 180. 2315 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 201. 310 aus der Sowjetunion und der VR China gefunden worden.2316 In der Annahme, dass die örtliche Bevölkerung die Guerillas in der Sierra unterstützen würde, wurden Verdächtige ermordet und Behausungen niedergebrannt.2317 Um ein freies Schussfeld zu haben, begann Batista die Landbevölkerung aus der Sierra Maestra zu vertreiben und in den Slums der Städte anzusiedeln. Durch Entvölkerung sollte den Guerillas ihre soziale Basis entzogen werden. Aufgrund des einsetzenden öffentlichen Protests wurde das Programm jedoch abgebrochen. Die Bevölkerung der Sierra aber schlug sich nun endgültig auf die Seite Castros.2318 Auch die Initiierung von Sozialprogrammen im Gesundheitsund Bauwesen, welche den Einfluss der Guerillas auf die Bevölkerung schwächen und beide nach Möglichkeit voneinander trennen sollten,2319 war nicht mehr in der Lage, die Entwicklung umzukehren.2320 Als die Widerstandsbewegung anlässlich des 27. Juli 1957 zum Gedenken an den Sturm auf die Moncada-Kaserne ihre Anschläge forcierte, folgte eine Welle schärfster polizeilicher Repressionen.2321 Gegen Unruhen und Streiks verhängte Batista Ausnahmezustand und Pressezensur.2322 Das weitverzweigte, von der Landpolizei Guardia Rural unterhaltene Spitzelsystem, leistete dem Regime nützliche Dienste und fügte den Rebellen gerade zu Beginn des Aufstands schweren Schaden zu.2323 Doch je länger ein entscheidender Erfolg Batistas im Kampf gegen die Rebellion ausblieb, desto mehr steigerte er seinen Terror.2324 Verhaftungen und Hinrichtungen gehörten inzwischen zum Alltag.2325 In der Provinz Oriente kam es sogar zu Massakern an den Bauern durch die Armee.2326 All dies schürte jedoch nur den Hass auf das 2316 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 75. 2317 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 155f. 2318 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 267 und S. 271 und vgl. Niess: Fidel Castro, S. 53. 2319 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 268 und vgl. Godfrey, F. A.: The Latin American Experience, in: Ian F. W. Becket/John Pimlott: Counterinsurgency – Lessons from History, Barnsley 2011, S. 112-136, hier S. 121. 2320 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 268. 2321 So wurde auch Frank País – der bereits wenige Monate zuvor bereits verhaftet, dann aber wieder freigelassen worden war – am 30. Juli in seinem Versteck aufgespürt und ermordet. (vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 199 und S. 222.) 2322 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 222. 2323 Vgl. ebd., S. 178. 2324 Vgl. Zeuske: Kleine Geschichte Kubas, S. 180. 2325 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 235. 2326 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 244. 311 Regime und die steigende Bereitschaft, die Rebellen zu unterstützen.2327 Obgleich annähernd 5.000 Soldaten im Einsatz waren, waren diese zu Beginn des Aufstands nicht in der Lage, die wenigen Rebellen in der Sierra Maestra aufzuspüren und zu vernichten. Wegen des dichten Bewuchses der Landschaft verlief auch der Einsatz der Luftwaffe weitgehend ergebnislos.2328 Hinzu kam, dass sich die lokalen Regierungsstreitkräfte als unzuverlässig erwiesen und die aus anderen Landesteilen herangeführten Truppen Schwierigkeiten in dem fremden Terrain hatten.2329 Seit März 1957 wurden die Operationen gegen die Rebellen von Oberst Barrera Perrez geleitet. Nachdem er zunächst versuchte, die Guerilla von der Bevölkerung durch volkswohlfahrtliche Maßnahmen2330 zu trennen, nahm er – nachdem die Niederlage bei El Uvero gezeigt hatte, wie wenig diese Maßnahme fruchtete – einen Strategiewechsel hin zu einem unerbittlich geführten Antiguerillakrieg vor, in dessen Folge die Bevölkerung aus dem Rebellengebiet zwangsevakuiert wurde.2331 Da es die Guerilla jedoch verstand, sich durch geschicktes Ausweichen den Offensivoperationen der Armee zu entziehen,2332 wurden schließlich nach wochenlangen erfolglosen Kämpfen die kleineren Garnisonen in exponierter Lage innerhalb der Sierra aufgegeben2333 und die Sierra Maestra durch eine Kette von Armeeposten abgeriegelt.2334 Allerdings gedachte Batista mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er im September 1957 unter Einsatz von Panzern und B-26-Bombern den Aufstand in Cienfuegos niederschlug,2335 im Folgejahr auch die Rebellen in der Sierra Maestra endgültig zu vernichten.2336 Im Rahmen 2327 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2328 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 45. 2329 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 72. 2330 Beispielsweise wurden in der Sierra Maestra Nahrungsmittel verteilt und der Bevölkerung wurde kostenlose medizinische Versorgung zur Verfügung gestellt. (vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 212.) 2331 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 212f. 2332 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 46 und vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 212. 2333 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 212f und vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 271. 2334 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 46 und vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 212. 2335 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 232. 2336 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 238. 312 des seit Oktober 19572337 laufenden „Planes F-F“2338 rückten nach aufwendiger Vorbereitung2339 am 25. Mai 19582340 10.000 Mann, „mit Artillerie, Luftwaffe, Marineeinheiten, Panzern und reichlich logistischer Unterstützung“2341 zum finalen Schlag in die zuvor hermetisch abgeriegelte Sierra Maestra ein.2342 In drei Stoßrichtungen vordringend nahmen Batistas Kolonnen strategisch wichtige Punkte im Nordwesten und Nordosten in Besitz. Zusätzlich landeten weitere Truppen in Las Cuevas an der Südküste der Sierra.2343 Die Rebellen, die lediglich 200 Kämpfer aufbieten konnten,2344 führten einen Verschleiß- und Verzögerungskampf2345 durch hinhaltenden Widerstand,2346 der durch das Terrain begünstigt wurde.2347 „Die strategische Überlegung war, eine stufenweise Verteidigung zu organisieren, die in dem Maße, in dem sich die Verteidigungslinien konzentrierten, immer stabiler würde“2348. Tatsächlich kam der Vormarsch der Armee nur langsam voran. Eine fortschreitende Demoralisierung2349 und die wachsende Bedrohung der immer länger werdenden Nachschublinien machten ihr zunehmend zu schaffen.2350 Auch wenn die Rebellen am 19. und 20. Juni nach dem Fall der strategisch wichtigen Städte Santo Domingo und Las Vegas de Jibacoa ihre kritischste Phase während der ganzen Offensive erleb- 2337 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 511. 2338 Der Chef der Operationsabteilung des Oberkommandos der Armee, Oberstleutnant Carlos San Martín, legte bereits am 27. Februar 1958 mit dem „Plan F-F“ ein entsprechendes Memorandum vor, welches vom Direktor für Operationen, General Martín Díaz Tamayo und dem Chef des Stabes General Pedro A. Rodríguez Ávila genehmigt wurde. Ende März wurde vom Oberkommando jedoch der Vorschlag abgelehnt, hierzu eigens neun Anti-Guerilla- Kampfbataillone zu schaffen. Stattdessen stellte man für die bevorstehende Offensive reguläre Bataillone auf. (vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 33f.) 2339 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 210. 2340 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 62. 2341 Castro: Der strategische Sieg, S. 37. 2342 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 282 und vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 36 und S. 511. 2343 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 431. 2344 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 282. 2345 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 83-85. 2346 Vgl. Guevara: Cubanisches Tagebuch, S. 282 und vgl. dazu auch: Castro: Der strategische Sieg, S. 58-63. 2347 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 178. 2348 Ebd., S. 97. 2349 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 82. 2350 Vgl. Castro: Der strategische Sieg, S. 39 und S. 97. 313 ten,2351 gelang es ihnen, den Vormarsch bis zum 11. Juli zum Stehen zu bringen und zum Gegenangriff überzugehen.2352 Dadurch, dass es den Rebellen gelang, Teile des Feindes in der Sierra einzukesseln,2353 erlitt die Armee stellenweise erhebliche Verluste. Ende Juli musste gar ein ganzes Bataillon kapitulieren.2354 Als auch noch starke Regenfälle die Operationen erheblich beeinträchtigten, brach Batista Anfang August die Offensive ab.2355 Für Castro war dies „die strategische Wende im Krieg.“2356 In der Folge sank die Kampfmoral der Armee beträchtlich, Desertationen nahmen zu.2357 Die Rebellen nutzten die Gunst der Stunde und traten ihrerseits zum entscheidenden Vormarsch an.2358 Daraufhin wurde in der Armeeführung zunehmend gegen die Regierung konspiriert. Die Bereitschaft zum Widerstand sank auf einen Tiefpunkt. Einige höhere Offiziere erwogen sogar Ende Dezember 1958 die Etablierung einer Militärregierung.2359 Dazu kam es jedoch nicht mehr. Dass die tatsächliche, eigentlich überschaubare Größe der Kolonnen Castros der Armeeführung nicht bekannt war,2360 zeigt, wie wenig die Regierung über den Gegner im Bilde war. 2351 Vgl. ebd., S. 177. 2352 Vgl. ebd., S. 211f. 2353 Vgl. ebd., S. 221-224. 2354 Vgl. ebd., S. 323. 2355 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 82. 2356 Castro: Der strategische Sieg, S. 422. 2357 Vgl. Bourne: Fidel Castro, S. 289. 2358 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 62. 2359 Vgl. Goldenberg: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, S. 239. 2360 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 44. 314 2.4.5. Die Theorie Ernesto Guevaras und die Bedeutung der Kubanischen Revolution Ernesto Guevara wurde am 14. Mai 19282361 im argentinischen Rosario als Sohn von Plantagenbesitzern geboren.2362 Nach seinem Abitur 1946 begann der bereits als Kleinkind an chronischem Asthma erkrankte Guevara2363 ein Medizinstudium,2364 welches er 1953 mit einer Promotion abschloss.2365 Durch eine seit der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zunehmende Auseinandersetzung mit sozialistischer Theorie2366 und seine umfangreiche Reisetätigkeit2367 verfestigte sich in ihm die Überzeugung, dass Lateinamerika an zwei Grundübeln litt: der heimischen Oligarchie und dem Einfluss der USA.2368 Nach seinem Studium verschlug es ihn nach Guatemala,2369 wo seine endgültige Hinwendung zum Marxismus erfolgte.2370 Als die dortige soziale Revolution unter dem 1950 amtierenden Präsidenten Guzmán durch auswärtige Einflussnahme scheiterte2371, folgte Guevara zutiefst enttäuscht den zahl- 2361 Laut Anderson wurde Guevara bereits am 14. Mai und nicht erst am 14. Juni geboren. Seine Mutter hatte demnach das Datum gefälscht, da sie am Tage ihrer Hochzeit bereits im dritten Monat schwanger gewesen sei. (Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 15.) 2362 Vgl. May: Che Guevara, S. 9, vgl. Niess: Che Guevara, S. 10 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 15 und S. 18. 2363 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 11. 2364 Vgl. ebd., S. 22. 2365 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 307 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 85. 2366 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 51. 2367 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 57 und S. 65 und vgl. Niess: Che Guevara, S. 30. 2368 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 54. 2369 Vgl. ebd., S. 103. 2370 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 38, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 115 und S. 125 und vgl. Löwy, Michael: Che Guevara, 2. Auflage, Köln 1993, S. 19 und S. 21. 2371 Die Landreform des seit 1950 in Guatemala als Präsident amtierenden sozialen Reformpolitikers Jacobo Arbenz Guzmán war vor allem zu Lasten von Großunternehmen wie der United Fruit Company gegangen. Die von dieser initiierte Propagandakampagne, welche vor einer kommunistischen Macht- übernahme warnte, ging einher mit einer Operation der CIA, die im Verein mit verschiedenen regionalen Diktatoren Anfang 1954 paramilitärische Truppen gegen Guatemala aufstellte. Nachdem am 18. Juni 1954 von Honduras aus 400 Söldner in Guatemala einmarschiert waren und es den USA diploma- 315 reichen guatemaltekischen Exilanten nach Mexiko.2372 Hier bekam er Kontakt zu Fidel Castro.2373 Guevara schloss sich ihm an und ging mit ihm nach Kuba. Nach dem Sturz Batistas führte ihn sein Weg über ein kurzes Zwischenspiel im Kongo2374 schließlich nach Bolivien, wo er im Laufe einer erfolglosen Guerillakampagne ums Leben kam.2375 Er war jedoch nicht nur Praktiker, sondern auch Theoretiker des Guerillakrieges.2376 1960 erschien seine Abhandlung „La guerra de guerillas“,2377 die vor allem eine Anleitung zur Führung eines Guerillakrieges war. Die 1963 folgende Schrift „Partisanenkrieg – eine Methode“ war hingegen stärker theoretisch ausgerichtet. „Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam“ von 1967 war ein rein politischer Text.2378 Vieles deutet darauf hin, dass Guevara sich eingehend mit Maos Schriften befasst hatte. So wurden beispielsweise von der mexikanischen Polizei auf der Hacienda Santa Rosa entsprechende Unterlagen gefunden, die wohl Unterrichtsgrundlage des Ausbilders Alberto Bayo gewesen waren, der sich ebenfalls bei seinen „150 Fragen an einen Guerillero“2379 auf Mao bezogen hatte.2380 Sowohl Löwy2381 als auch Niess2382 schrieben, dass sich Guevara spätestens 1958 in der Sierra tisch gelungen war, dass sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen eine von Guatemala beantragte Untersuchungskommission im Land aussprach, zwang das guatemaltekische Militär Präsident Guzmán am 27. Juni zum Rücktritt. (vgl. Hochmann, Elena: Che Guevaras Rolle auf Cuba, in: Heinz Rudolf Sonntag (Hrsg.): Che Guevara und die Revolution, Frankfurt/Main, Hamburg 1968, S. 33-48, hier S. 34, vgl. Niess: Che Guevara, S. 36f und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 112, S. 124 und S. 126.) 2372 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 126-132 und vgl. May: Che Guevara, S. 34. 2373 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 136 und S. 141-143. Guevara bemerkte dazu in seinem Tagebuch: „Ich habe die Bekanntschaft von Fidel Castro gemacht, dem kubanischen Revolutionär, jung intelligent, sehr selbstbewusst und außerordentlich kühl. Ich glaube, wir sind uns sympathisch.“ (Guevara, Ernesto: Das magische Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Tagebuch der Lateinamerika-Reise 1953-1956, Köln 2003, S. 106.) 2374 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 532. 2375 Vgl. ebd., S. 664. 2376 Vgl. Niess: Fidel Castro, S. 46. 2377 Vgl. May: Che Guevara, S. 88. 2378 Vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 307. 2379 Vgl. May: Che Guevara, S. 37. 2380 Vgl. ebd., S. 129. 2381 Vgl. Löwy: Che Guevara, S. 82. 2382 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 99. 316 Maestra mit Maos Theorie auseinandersetzte. Laut Löwy habe Guevara im April 1959 in einem Interview gegenüber zwei chinesischen Journalisten geäußert, dass er während des Guerillakrieges in Kuba die militärischen Werke Maos ‚sorgfältig studiert‘ und dabei ‚viel gelernt‘ habe.2383 Lahrem geht sogar davon aus, dass er Mao bereits Mitte der 1950er Jahre in Mexiko durch die Vermittlung seiner ersten Ehefrau Hilda gelesen habe.2384 So ist denn auch bei der Lektüre von Guevaras Texten Maos Einfluss unverkennbar, wie auch Hampel feststellte.2385 Angesichts seiner Erkenntnis, dass die Gegenseite ihre Macht und Privilegien gewaltsam verteidigen würde,2386 gelangte Guevara zu der Auffassung, „daß in Amerika der friedliche Weg als Möglichkeit fast zerstört ist“2387. Wie Mao kam Guevara daher zu dem Schluss, dass das Guerillakonzept das angebrachte Mittel sei,2388 um das Ziel der „Eroberung der politischen Macht“2389 zu erreichen, welches die Vernichtung der alten Gesellschaftsordnung und die Schaffung einer neuen ermöglichen sollte.2390 War Guevara ursprünglich noch der Ansicht gewesen, dass durch Wahlen legitimierte Regierungen nicht durch Guerillakriege gestürzt werden könnten,2391 kam er in dem Aufsatz „Guerillakrieg – Eine Methode“ schließlich zu dem Schluss, dass dieser auch bürgerliche Regierungen demaskieren könne, um den ihr wesensimmanenten diktatorischen Charakter zum Vorschein zu bringen.2392 2383 Vgl. Löwy: Che Guevara, S. 87. 2384 Vgl. Lahrem, Stephen: Che Guevara, Frankfurt am Main 2005, S. 79 2385 Vgl. dazu Hampel, Frank: Zwischen Guerilla und proletarischer Selbstverteidigung. Clausewitz – Lenin – Mao Zedong – Che Guevara – Körner, Frankfurt/Main 1989, S. 140-143 und S. 156. 2386 Vgl. Guevara, Ernesto: Taktik und Strategie der lateinamerikanischen Revolution (1962), in: Günter Dill (Hrsg.): Clausewitz in Perspektive – Materialien zu Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Frankfurt/Main, Berlin und Wien 1980, S. 664-677, hier S. 674. 2387 Ebd., S. 669. 2388 Vgl. Vega, Luis Mercier: Die südamerikanische Guerilla, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Permanente Revolution von Marx bis Marcuse, München 1969, S. 71-84, hier S. 75. 2389 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 125. 2390 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 18 und S. 45. 2391 Vgl. ebd., S. 12. 2392 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 105f, vgl. Goldenberg, Boris: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Permanente Revolution von Marx bis Marcuse, München 1969, S. 85- 101, hier S. 90 und vgl. Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 122f. 317 Da sich die Macht des Gegners auf die Städte konzentrierte, die Sicherheitskräfte das abgelegene Land kaum zu kontrollieren imstande waren und die Landbevölkerung in Lateinamerika weit zahlreicher und elender als die Stadtbevölkerung war und somit als potentiell revolutionärer erachtet wurde,2393 war Guevara wie Mao2394 der Ansicht, dass der Schwerpunkt der Strategie eindeutig auf der ländlichen Bevölkerung liegen müsse:2395 „die Präsenz eines Guerillazentrums in irgendeinem Gebirge (…) schafft einen permanenten Aufruhrherd, da die repressiven Gewalten nur schwer den Guerilla (…) liquidieren können, wenn seine soziale Verflechtung in einem günstigen2396 Terrain liegt, wo Menschen leben, die Taktik und Strategie dieser Art Krieg konsequent anwenden.“2397 Guevara berief sich direkt auf das chinesische Beispiel, bei dem sich der Erfolg für die Kommunisten erst eingestellt habe,2398 nachdem „der Kampf in landwirtschaftliche Gebiete verlagert“2399 worden sei. Auch für den Marxisten Guevara war der „Kampf um Grund und Boden“ die „ökonomische Grundlage“2400, denn die „Veränderung der Besitzverhältnisse“ war ihm zufolge „die hauptsächliche soziale Forderung“2401 der Guerillas. Da sie in agrarischen Gebieten operieren,2402 seien sie „vor allen Dingen als Kämpfer für die Agrarreform“2403 und „Umgestalter der Gesellschaft“, die „für die Ver- änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse“2404 fechten, zu sehen. Im ländlichen Raum, welchen der Guerillero „wie seine Handfläche“ 2393 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 92. 2394 Vgl. dazu u. a. Mao: Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben (25. Dezember 1947), S. 415, vgl. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 72. 2395 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 12. 2396 Guevara, Ernesto: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), in: Papcke, Sven (Hrsg.): Ernesto Che Guevara: Brandstiftung oder Neuer Friede, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 93-106, hier S. 102. 2397 Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 103. 2398 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 15. 2399 Ebd., S. 15. 2400 Ebd., S. 15. 2401 Ebd., S. 45. 2402 Vgl. ebd., S. 14. 2403 Ebd., S. 15. 2404 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 14. 318 kennen sollte,2405 war es möglich, sich in schwer zugänglichem Gelände zu verbergen und Operationen durchzuführen.2406 Je dichter hingegen die Infrastruktur und je weniger Waldlandschaft, desto ungünstiger werde auch das Gelände für den Guerillakampf.2407 Auch wenn er nicht glaubte, dass sich eine Guerilla dauerhaft in industrialisiertem Gebiet würde halten können,2408 wollte er Operationen dort indes nicht vollständig ausschließen.2409 Kleine Guerillagruppen von vier bis fünf in der Illegalität lebenden Kämpfern,2410 die stark genug waren, um dem Gegner schaden zu können, aber gleichzeitig klein genug, um sich verbergen zu können,2411 sollten hier vor allem Sabotageakte gegen neuralgische Punkte durchführen.2412 Sabotage als reinen Terror hielt er hingegen für eine „wenig wirksame Methode“2413 und lehnte sie mit dem Hinweis auf die Gefahr ab, dass die hierdurch hervorgerufenen polizeilichen Repressionsmaßnahmen „legale und halblegale Verbindungen mit den Massen unmöglich“2414 machen würden, zumal es der Staatsmacht in urbaner Umgebung leichter sei, die Guerilla zu bekämpfen.2415 Entscheidend für eine städtische Komponente des Kampfes sei, ob die jeweilige Maßnahme der Revolution nütze oder nicht.2416 Wenn er gut organisiert war, sollte es dem Kampf in den Vorstädten, der eng in die Gesamtplanung eingebunden sein musste und der Landguerilla unterstand,2417 möglich sein, „in einem großen Gebiet die industrielle Produktion und die Versorgung vollständig lahm[zu]legen.“2418 Laut Guevara sollten sich mit dem Anwachsen des Guerilla- 2405 Vgl. Guevara: Was ist ein Guerillero?, S. 14. 2406 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 31. 2407 Vgl. ebd., S. 35f. 2408 Vgl. ebd., S. 40. 2409 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 42 und vgl. Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 103. 2410 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 41-44. 2411 Vgl. ebd., S. 37. 2412 Vgl. ebd., S. 27, S. 43 und S. 104. 2413 Ebd., S. 27. 2414 Ebd., S. 27. 2415 Vgl. Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 103. 2416 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 27. 2417 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 41 und vgl. dazu auch: Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 120f. 2418 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 44. 319 krieges auf dem Lande in den Operationsgebieten der Guerilla2419 Stützpunkte herausbilden, die ein „grundlegendes Element für das Gedeihen der Partisanenarmee“2420 seien. In diese Zentren der Bewegung könne der Gegner lediglich unter großen Verlusten vordringen. Sie seien ebenso Rückzugsmöglichkeit für die Guerilla wie Ausgangspunkt für weitere Operationen.2421 Unverkennbar ist dabei die Analogie zu den Stützpunktgebieten Maos.2422 Wie Mao2423 war auch Guevara der Auffassung, dass die Guerillakriegführung nicht den endgültigen Sieg bringen würde, sondern lediglich eine Etappe sei, ehe der finale Erfolg schließlich durch die reguläre Kriegführung herbeigeführt werde.2424 Entsprechend findet sich bei Guevara auch die Vorstellung einer in drei Abschnitten verlaufenden Revolution wieder: Ein „Befreiungskrieg hat in der Regel drei Phasen: die erste ist die der strategischen Defensive“2425, in der es alleine auf das Überleben ankomme.2426 Erst durch allmählich einsetzende kleinere Operationen gewinne die Guerilla an Popularität und expandiere.2427 Lasse der feindliche Angriffsschwung nach,2428 gelange „man an einen Punkt des Gleichgewichts, wo sich die Aktionsmöglichkeiten des Feindes und der Guerilla stabilisieren“.2429 Ebenso wie bei Mao beschrieben2430 führe die Guerilla nun einen Bewegungskrieg2431 und dringe in die Tiefe des feindlichen Raumes ein, um den Gegner kon- 2419 Vgl. ebd., S. 221. 2420 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 130. 2421 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 130. 2422 Vgl. dazu u. a. Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 67 und vgl. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan (Mai 1938), S. 106 und vgl. Mao: Warum kann die chinesische rote Macht bestehen? (5. Oktober 1928), S. 13. 2423 Vgl. dazu u. a. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 186. 2424 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 13 und S. 16 und vgl. Wallach: Kriegstheorien, S. 308. 2425 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 131. 2426 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 19 und vgl. Guevara, Ernesto: Botschaft an die Völker der Welt, in: Heinz Rudolf Sonntag (Hrsg.): Che Guevara und die Revolution, Frankfurt am Main, Hamburg 1968, S. 127-138, hier S. 135. 2427 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 73. 2428 Vgl. ebd., S. 70. 2429 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 131. 2430 Vgl. dazu u. a. Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 79. 2431 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 131. 320 tinuierlich zu bedrängen.2432 Sie sollte dabei „beißen, sich zurückziehen, warten, Hinterhalt[e] legen, wieder beißen und sich wieder zurückziehen und dem Feind keine Ruhe lassen.“2433 Mit wachsender Größe würden auch die Operationen umfangreicher und sukzessive in dichter besiedelte Gebiete ausgeweitet.2434 Durch unablässige politischpropagandistische Arbeit würde den Menschen die Ziele der Revolution erklärt und die Voraussetzungen für den Generalstreik geschaffen,2435 um die dritte und letzte Phase einzuleiten, welche allmählich den Charakter regulärer Kriegführung annehmen sollte.2436 Diese sei gekennzeichnet von „der Überflügelung der Repressionsarmee“, der „Einnahme der großen Städte“, „großen Entscheidungsschlachten“ und schließlich der „völligen Vernichtung des Gegners“2437. Auch hier findet sich wieder deutlich Maos Handschrift.2438 Guevara stimmte aufgrund seiner kubanischen Erfahrungen2439 mit Mao ebenfalls darin überein, dass „die Kräfte des Volkes im Krieg gegen eine reguläre Armee“2440 in der Lage seien zu siegen und dass „der bewaffnete Kampf in den schwach entwickelten Ländern des lateinamerikanischen Kontinents hauptsächlich in den landwirtschaftlichen Gebieten geführt werden“2441 sollte. Es sei laut Guevara in Kuba ebenfalls bewiesen worden, dass nicht grundsätzlich abgewartet werden müsse, „bis alle Bedingungen für eine Revolution herangereift“2442 waren, sondern diese selbst durch einen revolutionären Fokus2443 geschaffen werden 2432 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 20. 2433 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 17 und vgl. dazu auch Mao: Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen (5. Januar 1930), S. 79 und Mao: Strategie des chinesischen revolutionären Krieges (Dezember 1936), S. 65. Hier greift Mao dies noch einmal nahezu identisch auf. 2434 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 73. 2435 Vgl. ebd., S. 20. 2436 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 85 und vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 130f. 2437 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 131. 2438 Vgl. dazu u. a. Mao: Strategische Fragen im Guerillakrieg gegen Japan – Mai 1938, S. 106. 2439 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 11. 2440 Ebd., S. 11. 2441 Ebd., S. 11. 2442 Ebd., S. 11. 2443 Bei einem revolutionären Fokus im Sinne Guevaras handelt es sich um einen Brennpunkt oder eine Keimzelle, aus welcher eine revolutionäre Bewegung hervorgehen soll. (vgl. Straßner, Alexander: Formen des Aufstands: Die typologische und empirische Vielfalt von Insurgency im historischen Längs- 321 konnten.2444 Hierzu bedürfe es lediglich einer zum Kampf entschlossenen kleinen Gruppe,2445 die als revolutionärer Guerilla-Brennpunkt fungiere.2446 Trotz der zahlreichen Parallelen zu Mao Tse-tung stellt dies eine Besonderheit Guevaras dar.2447 Anders als Mao setzte Guevara für das Entstehen eines revolutionären Fokus auch keine Parteiorganisation voraus. Für ihn war die Guerilla eine Fusion aus Militär und Politik.2448 Im orthodoxen Kommunismus wird für einen von den Massen getragenen Aufstand das Bestehen einer objektiv-revolutionären Situation vorausgesetzt.2449 Dies war bis dahin auch unter den lateinamerikanischen Kommunisten Konsens.2450 Mit der Fokus-Theorie hatte Guevara das klassische Denken jedoch umgestürzt und scheinbar neue Wege aufgezeigt, wo die bisherigen Methoden bislang erfolglos geblieben waren.2451 Seinem Ansatz nach sollte zunächst die Macht übernommen werden, um daraufhin die Gesellschaft zu verändern.2452 Dies war die Konsequenz aus seiner Erkenntnis, dass die Landbevölkerung aufgrund ihres geringen Bildungsgrades und ihrer isolierten Lebensweise „die revolutionäre und politische Führung der Arbeiterklasse und der revolutionären Intellektuellen“2453 brauche. Da die Guerilla dem Gros der Bevölkerung ideologisch voraus war,2454 war sie „der bewaffnete Kern, die kämpfende Avantgarde des Volkes“,2455 der sich die Masse später anschließen sollte,2456 damit der Guerillakrieg zu einem Volkskrieg würde.2457 Die Guerilla sollte somit zum Katalysator werden, „der die für den Sieg notwendigen subjektiven Bedingungen schnitt, in: Martin Sebaldt/Alexander Straßner (Hrsg.): Aufstand und Demokratie – Counterinsurgency als normative und praktische Herausforderung, Wiesbaden 2011, S. 27-57, hier S. 44.) 2444 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 11. 2445 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 78. 2446 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 129. 2447 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 79. 2448 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 70. 2449 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 90. 2450 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 78. 2451 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 99. 2452 Vgl. Vega: Die südamerikanische Guerilla, S. 76. 2453 Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 121. 2454 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 89. 2455 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 13. 2456 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 90. 2457 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 119. 322 schuf.“2458 Die Annahme, dass der Masse das revolutionäre Bewusstsein durch eine elitäre Avantgarde beigebracht werden müsse, findet sich auch im Leninismus. Der Unterschied liegt jedoch im Ersetzen der Partei durch die kämpfende Guerilla, die als flexible, bewegliche revolutionäre Elite im Verborgenen2459 durch intensive politische Arbeit2460 „ideologisch-erzieherisch“ wirke,2461 um das revolutionäre Bewusstsein der Landbevölkerung zu schärfen2462 und sich eine Massenbasis zu sichern.2463 Allerdings schränkte Guevara dies dahingehend ein, dass der Guerillafokus nicht alle Bedingungen selbst schaffen könne, sondern bestimmte Grundvoraussetzungen gegeben sein sollten und „ein Minimum dieser Bedingungen immer vorhanden“ sein müsse, da erst dadurch „die Bildung und Festigung eines ersten Partisanenzentrums ermöglicht wird.“2464 So war ihm zufolge als „unbedingte Voraussetzung“2465 die Aufnahme des bewaffneten Kampfes nur möglich, wenn man sich zuvor der „allseitigen Unterstützung der örtlichen Bevölkerung sicher“2466 sei. Guevara hielt die Annahme für falsch, „daß der Partisanenkrieg ohne unmittelbare Verbindungen mit den Aktionen der Volksmassen von einer kleinen Gruppe von Menschen begonnen werden kann.“2467 „Diese Art von Krieg ohne die Unterstützung der Bevölkerung verwirklichen zu wollen, [würde indes] zu einer unvermeidlichen Katastrophe“2468 führen. In Lateinamerika hielt er in der Annahme, dass die Verarmung dort zunehmen würde und sich die privilegierten Klassen gegenwärtig alleine noch mit Unterstützung der USA an der Macht hielten, die Voraussetzungen jedoch für gegeben:2469 „Alle Länder dieses Kontinents sind reif für einen Kampf, der sich mit 2458 Guevara, Ernesto: Mensch und Sozialismus auf Kuba, in: Giangiacomo Feltrinelli (Hrsg.): Lateinamerika – Ein zweites Vietnam?, Hamburg 1968, S. 84-98, hier S. 84. 2459 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 94. 2460 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 20. 2461 Vgl. ebd., S. 48. 2462 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 94. 2463 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 20. 2464 Ebd., S. 12. 2465 Ebd., S. 14. 2466 Ebd., S. 14. 2467 Ebd., S. 119. 2468 Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 119f. 2469 Vgl. Vega: Die südamerikanische Guerilla, S. 76. 323 nichts anderem begnügen kann als mit der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft, wenn er siegreich sein will.“2470 Dass aus einer kleinen Gruppe entschlossener Guerilleros tatsächlich eine Bewegung hatte werden können, die in der Lage war, das Batista- Regime zu stürzen und die Macht in Kuba zu übernehmen, schien die Richtigkeit der Fokus-Theorie Ernesto Guevaras zu bestätigen. Die Voraussetzungen waren in Kuba offenbar vorhanden gewesen und die Bewegung des 26. Juli hatte sie zu nutzen gewusst, zumal sich die Sierra Maestra mit ihrer topographischen Beschaffenheit für die Führung eines Guerillakrieges besonders eignete. Zwar waren auch zuvor beispielsweise in Kolumbien 1957 oder in Venezuela 1958 „Caudillo- Regime“ gestürzt worden,2471 in Kuba war laut Löwy jedoch „etwas radikal Neues“2472 geschehen, das zur Inspiration für viele weitere Guerillabewegungen in Lateinamerika werden sollte. Guevara hatte mit seinem Konzept die bisherige dort vorherrschende marxistische Linie, nach der sich die gesellschaftliche Entwicklung erst in einer demokratisch-bürgerlichen Phase befand und die Revolution noch weit in der Zukunft lag, vollkommen umgestoßen.2473 Angesichts der Möglichkeiten zur Wahlmanipulation durch die herrschende Klasse oder der Gefahr eines Militärputsches war Guevara jedoch skeptisch gegen- über der Hoffnung auf einen evolutionären Weg zum Sozialismus.2474 Löwy ist daher der Ansicht, dass „Guevara den umfassenden, den politisch-militärischen Charakter des Volkskrieges und ebenso die große Bedeutung der Agitation, der Propaganda und der Organisierung der Massen für den revolutionären Kampf klar erkannt“2475 habe. Auch hierin war Mao Vorbild.2476 Die einmaligen Bedingungen, welche die kubanische Revolution ermöglicht hatten, wurden in der Folge mythisch überhöht und verallgemeinert, was zu der Annahme führte, dass sich das kubanische Konzept in ganz Lateinamerika anwenden ließe.2477 Müller-Borchert 2470 Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 132. 2471 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 96. 2472 Löwy: Che Guevara, S. 71. 2473 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 96 und vgl. Löwy: Che Guevara, S. 71f. 2474 Vgl. Löwy: Che Guevara, S. 81. 2475 Ebd., S. 89. 2476 Vgl. dazu u. a. Mao: Über den verlängerten Krieg (Mai 1938), S. 198f und vgl. Snow: Roter Stern über China, S.125f. 2477 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 98 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 97. 324 spricht von einem „Modellfall der Guerillakriegführung“2478 und Guevara selbst nannte Kuba ein „Beispiel für alle Völker Amerikas“2479. So ging Guevaras Weggefährte Regis Debray, der vor allem ein Interpret Guevaras war,2480 in seiner Schrift „Revolution in der Revolution?“ überhaupt nicht mehr auf Vorbedingungen für einen Guerillafokus ein, sondern sogar von der Annahme aus, Guerillakrieg sei überall in Lateinamerika zu jeder Zeit möglich.2481 Auch schien die Kubanische Revolution bewiesen zu haben, dass es nicht zwingend einer Beteiligung der Massen am Sturz eines Regimes bedürfe, schließlich waren hier sowohl die Arbeiter als auch die Bauern zunächst weitgehend passiv geblieben.2482 Dass in Guevaras Schriften der bewaffnete Kampf einseitig idealisiert, während gleichzeitig die organisatorische Unterstützung seitens des städtischen Widerstands zu geringgeschätzt wurde,2483 musste nach Lahrem zwangsläufig zu der Schlussfolgerung einer „Autonomie der Guerilla, die allein auf Willenskraft, Moral und Disziplin gegründet ist“2484 führen. 2.4.6. Strategische Betrachtungen Auch, wenn das große ökonomische Potential Kubas mit einem hohen durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen und einem ungewöhnlich breiten Mittelstand eher gegen das Vorhandensein revolutionärer Bedingungen sprach, waren jedoch insbesondere auf dem Land die sozialen Schwierigkeiten derart groß, dass diese auch durch die großzügige Sozialpolitik Batistas nicht gänzlich aufgefangen werden konnten. Während einerseits die wirtschaftlichen und sozialen Probleme weiter Teile der Bevölkerung einer Lösung harrten, entfremdeten sich andererseits das Bürgertum und die Intellektuellen durch den willkürlichen Charakter der Diktatur immer mehr von Batista, der sich eine uneingeschränkte Machtstellung geschaffen hatte und alle politische sowie 2478 Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 73 und vgl. dazu auch Hahlweg: Kleiner Krieg in Geschichte und Gegenwart, S. 20. 2479 Guevara: Taktik und Strategie der lateinamerikanischen Revolution (1962), S. 665. 2480 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 73. 2481 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 108. 2482 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 96. 2483 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 39. 2484 Ebd., S. 39. 325 militärische Entscheidungskompetenz auf sich vereinte. Zwar durchaus bereit, im Sinne eines gesellschaftsorientierten strategischen Ansatzes eine soziale Politik vor allem im Interesse der Unterprivilegierten zu betreiben, erwies er sich als unerbittlich und fest entschlossen, seine Position mit allen Mitteln zu verteidigen. Dabei griff er zwar primär, doch nicht ausschließlich auf militärische Mittel zurück. Um den in die Guerilla gesetzten Erwartungen etwas entgegenzustellen, ließ er der Bevölkerung in den Kampfgebieten soziale Wohltaten angedeihen. Sein gleichzeitig brutales Vorgehen gegen angebliche Unterstützer der Rebellen und die rücksichtslosen Umsiedlungsmaßnahmen unterminierten jedoch sämtliche Bemühungen. In seinem aus Militär und Polizei bestehenden Sicherheitsapparat hatte er, der selbst den Streitkräften entstammte, ein fügsames Instrument zur Durchsetzung seines Willens. Im Laufe des Konflikts erwies sich gerade dieses jedoch als zunehmend unzuverlässig. Immer weniger war vor allem die Armee bereit, sich für die Sicherung von Batistas Herrschaft zu einzusetzen. Trotz quantitativer und materieller Überlegenheit sank durch die um sich greifende Demoralisierung kontinuierlich ihre Kampfkraft. Die von Batista zur Vernichtung der Rebellen im Sommer 1958 initiierte Großoffensive in der Sierra Maestra lief sich trotz eines immensen Kräfteeinsatzes aufgrund des hinhaltenden Widerstands fest und musste schließlich abgebrochen werden. Infolgedessen brach die Moral der Truppen weitgehend zusammen, so dass sie der nachfolgenden Gegenoffensive nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Obgleich an Zahl weit überlegen, ergaben sich die Garnisonen den nur wenige hundert Mann starken Kolonnen der Rebellen nach oftmals nur geringfügigem Widerstand. Batistas Kommandogewalt kollabierte. Der Versuch, Ende 1958 noch einmal seine verbliebenen Kräfte gegen die Rebellen aufzubieten, scheiterte bereits im Ansatz. Sämtlicher Macht und damit der Strategiefähigkeit beraubt, verließ Batista fluchtartig seine kurz vor dem Fall stehende Hauptstadt und ging ins Exil. Seine Niederlage war das Ergebnis eines defizitären strategischen Handelns, welches jeglicher Systematik und Kontinuität entbehrte. Vielmehr war Batista ein Getriebener, der opportunitätsgesteuert versuchte, die sich ihm gerade offenbar bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Dabei war seine monologische Strategie politicszentriert und stützte sich auf Macht- und Durchsetzungsaspekte, um seine Politik umzusetzen. Das alleinige Ziel all seines Handelns bestand lediglich im Erhalt seiner Macht und somit hatte er der Bevölkerung weiter nichts anzubieten als sich selbst und die Fortsetzung seiner Herrschaft. Weder war dies geeignet, die Menschen für ihn einzunehmen, noch die Streitkräfte zu motivieren, bis zum Äußersten für ihn zu kämpfen. 326 Hierdurch war die Wirksamkeit des Militärs als wichtigstem Instrument zur Niederschlagung der Rebellion nachhaltig eingeschränkt. Batistas verfehltes politisches Handeln basierte auf einer unvollständigen Analyse der kubanischen Verhältnisse. Angesichts seiner früheren politischen Erfolge und seines Rückhalts in den unteren Bevölkerungsschichten hatte er angenommen, seine Herrschaft allein durch sozialstaatliche Maßnahmen und politische Stabilität legitimieren zu können. Da er es jedoch nicht verstand, die ökonomischen Schwierigkeiten des Landes zu handhaben und gleichzeitig aber dem Volk die politische Partizipation an der Macht vorenthielt, war das Fundament seiner Herrschaft ausgesprochen brüchig. Entsprechend hatten die Menschen auch keine Erwartungen mehr an ihn. Der Zusammenbruch des Regimes erfolgte laut Taber schließlich, weil es innerlich völlig ausgehöhlt und ohne jegliche Unterstützung in der Bevölkerung war.2485 Die zwangsläufige Folge war, dass ihm zum Ende des Konflikts mit fortschreitender Erosion seiner Macht auch die Steuerung des strategischen Prozesses vollends entglitt. Seine Herrschaft musste letztlich zusammenbrechen, als die vollkommen demoralisierte und unzuverlässige Armee nicht mehr in der Lage war, den Rebellen effektiv entgegenzutreten. Seine Fehler auf strategischer Ebene führten unweigerlich auch zu taktischen. Da die Armee nicht in der Lage war, konsequent gegen die Guerilla in der Sierra Maestra vorzugehen, wurde die Sierra einfach abgeriegelt. Das schlichte Eindämmen erwies sich nicht nur als ineffektiv, sondern als geradezu fatal. Ein permanentes Jagen und Bedrängen der Guerilla hätte den Aufbau ihrer Infrastruktur und ihr Erstarken vermutlich verhindert. So aber gewann die Guerilla Zeit, Wurzeln zu schlagen und sich als Bewegung zu verfestigen. Es hatte sich zudem gezeigt, dass die Repressionsmaßnahmen, die seitens der Armee gegenüber jenem Teil der Landbevölkerung durchgeführt wurden, welcher die Guerillas unterstützte, diese Unterstützungsbereitschaft nicht etwa unterband, sondern vielmehr beförderte. Die Unterstützung der Guerillas blieb daher nicht wie erhofft aufgrund von Angst aus, sondern erwuchs stattdessen aus dem von der Armee und ihren Repressionsmaßnahmen geschürten Hass. Batista hatte nicht nur den Zuspruch der Menschen durch Terror und Repressionen verspielt, sondern auch die Partnerschaft mit den USA. Der Umstand, dass die Kubanische Revolution in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Erfolg führte und das Batista-Regime trotz der offensichtlichen militärischen Unterlegenheit der Rebellen während der Schlussoffensive bin- 2485 Vgl. Taber: Der Krieg der Flöhe, S. 44. 327 nen Kurzem zusammenbrach, hat in den sozialen, politischen und ökonomischen Problemen des Landes seine Ursache. Hätte eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Regierung getragen und wäre die gut ausgebildete und ausgerüstete Armee entschlossen gewesen, diese zu verteidigen, wäre es den zahlenmäßig weit unterlegenen Rebellen Fidel Castros wahrscheinlich nicht gelungen, den Kampf für sich zu entscheiden. Die Bewegung des 26. Juli war in ihrer Zusammensetzung sehr heterogen. Formal stand an ihrer Spitze das Directorio Nacional, ein Gremium zur Koordination der „Sierra“ und der „Llano“, in welchem Castros Landguerilla eine zunehmend dominante Stellung einnahm, aber nicht die alleinige Entscheidungsgewalt innehatte. Für diese Arbeit ist indes die Guerilla in der Sierra ausschlaggebend, da sie trotz ihrer Einbindung in eine über die Sierra Maestra hinausreichende Widerstandsbewegung weitgehend autonom handelte und zugleich Motor und letztlich ausschlaggebender Faktor der Kubanischen Revolution war. Entsprechend wird der Begriff des strategischen Zentrums auf Fidel Castro und seinen Stab in der Sierra Maestra angewandt. Castro war die unumstrittene Führungsfigur der Guerilla. Von ihm wurde der bewaffnete Kampf geplant, organisiert und schließlich angeführt. Er gab die Richtung vor und verstand es, seine marxistischen Ziele innerhalb einer heterogenen Widerstandsbewegung – auch mit taktischen Wendungen – durchzusetzen. Dies gelang, da Castro sein Ziel stets im Blick hatte und ihm kontinuierlich folgte. Die Schwäche des Regimes und das revolutionäre Potential wurden von ihm erkannt und mit dem landgestützten Guerillakrieg wählte er zudem das passende Mittel. Er wurde als strategischer Lenker zum zentralen Element der Kubanischen Revolution, die ohne seine Guerilla wahrscheinlich nicht zum Erfolg gelangt wäre. Dadurch, dass Batista die Rebellen in der Sierra Maestra lediglich abriegelte und Castro Gelegenheit hatte, hier eine Infrastruktur und eine Gegenadministration aufzubauen, gelang es ihm, in einer bestimmten Region glaubhaft zu demonstrieren, was das Land nach seiner Machtübernahme zu erwarten hätte. Sein Angebot an die kubanische Bevölkerung war daher nicht nur theoretisch, sondern wurde in der Sierra Maestra manifest. Dies steigerte das Ansehen der Bewegung beträchtlich. Hierbei kam den Rebellen ihre geschickte Öffentlichkeitsarbeit unter Einbeziehung internationaler Medien zugute. Das Phänomen der Entführung ausländischer Staatsbürger mit der Absicht, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den eigenen Kampf zu lenken, trat in diesem Zusammenhang erstmals auf. Vor allem aber gelang es, die Propaganda des Batista-Regimes, das sich zunächst auf das Leugnen der Existenz der Guerilla verstiegen hatte, 328 als falsch zu entlarven und somit nachhaltig zu dessen Glaubwürdigkeitsverlust beizutragen. Auf taktischer Ebene erwiesen sich die Aufständischen der Armee, die sich in der direkten Auseinandersetzung mit ihnen schwer tat und deren Kampfmoral sehr zu wünschen übrig ließ, als häufig überlegen. Während die Streitkräfte, obwohl eine funktionierende Feindaufklärung und eine effektive Nachrichtenauswertung Voraussetzungen militärischen Erfolgs sind, zu keinem Zeitpunkt ein klares Bild der Feindlage – vor allem hinsichtlich der Stärke der Rebellen – besaßen, verfügten diese hingegen in der Sierra Maestra über einen lückenlosen Aufklärungsdienst. Für die Armee wirkte sich die fehlende Kenntnis des Gegners in der zweiten Jahreshälfte 1958 besonders verheerend aus, als die Guerillas zur Gegenoffensive antraten und auf Havanna vorstie- ßen. Auch wenn Guevara in seinen Schriften das Hauptaugenmerk auf den Guerillakampf im ländlichen Raum legte, ist zu konstatieren, dass die städtische Widerstandsbewegung eine nicht zu unterschätzende Komponente2486 war, die maßgeblich zum finalen Erfolg beigetragen hat. Es war daher von besonderer Bedeutung für die Revolution, dass es Castro gelang, sich an die Spitze der oppositionellen Bewegungen zu setzen und diese durch den Minimalkonsens des beabsichtigten Sturzes Batistas hinter sich zu einen. Dennoch ist die Kubanische Revolution untrennbar mit der Person Ernesto Guevaras verbunden, der sich im Laufe der Kämpfe nicht nur als brillanter Taktiker erwies, sondern schließlich auch zu einem bedeutenden Theoretiker avancierte. In seinen Tagebüchern beschrieb er nicht nur die detaillierten Abläufe der Kampagnen, an denen er beteiligt war, sondern schuf darüber hinaus mit seinen weiteren Schriften praktische Handlungsanleitungen zur Führung eines Guerillakrieges. Der Rückgriff auf die Theorien Mao Tse-tungs ist dabei unverkennbar. Wie Mao ging auch Guevara davon aus, dass ausgebaute und kontinuierlich expandierende Stützpunktgebiete die Grundlage einer erfolgreichen Guerillabewegung waren. Wie dieser sah er vom Beginn des Kampfes bis zum endgültigen Sieg der Revolution drei Phasen vor. Dieses Konzept wurde von ihm systematisch verfolgt. Wenn auch abweichend von Thayers Meinung2487 Müller-Borchert in Frage stellt, dass die entscheidende Gegenoffensive der 2486 Auch Hans von Dach geht davon aus, dass sich eine erfolgreiche Widerstandsbewegung sowohl auf Kleinkriegsverbände als auch auf eine zivile Komponente stützen muss. (vgl. Dach, Hans von: Der totale Widerstand – Kleinkriegsanleitung für jedermann, 5. Auflage, Bern 1984, S. 22 und S. 127.) 2487 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 109. 329 Rebellen 1958 Maos dritter Phase entsprach, da eine militärische Überlegenheit über die Armee eigentlich nicht erlangt worden war,2488 war doch zumindest das Prinzip von Strategischer Defensive, Gleichgewicht und Strategischer Offensive eingehalten worden. Von den zahlreichen Rückgriffen auf Mao abgesehen, handelt es sich bei der von Guevara entwickelten Fokus-Theorie jedoch um einen bedeutenden innovativen Beitrag zur theoretischen Weiterentwicklung des Guerillakrieges, die zur Grundlage nicht nur weiterer Guerillabewegungen, sondern auch späterer theoretischer Fortentwicklungen wurde. Ein weiteres Novum lag in der praktizierten engen Verbindung des ruralen und städtischen Kampfes, welcher auch Terroranschläge mit einschloss. 2488 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 69. 330 2.5. Bolivien 1967 – Das Scheitern des Landguerillakonzepts „Wer einer Revolution dient, pflügt im Meer.“2489 (Simón Bolívar) Nach der gelungenen Revolution in Kuba bemühte sich die neue Regierung auf Guevaras Betreiben darum, weitere Guerillabewegungen in Lateinamerika aufzubauen.2490 Im Frühjahr 1962 hatte Guevara eigens eine Kampagne zur Rekrutierung freier Guerillakämpfer initiiert, die in Kuba ausgebildet wurden.2491 Von Kuba geförderte Guerillagruppen scheiterten jedoch 1963 in Peru2492 und 1964 in Argentinien.2493 Für beide Gruppen war Bolivien Ausgangspunkt gewesen und beide waren von den bolivianischen Kommunisten unterstützt worden.2494 Im Sommer 1964 traf Guevara die Entscheidung, sich selbst wieder aktiv einzubringen.2495 Für die von ihm geplante Kampagne sollte Bolivien jedoch nicht nur Ausgangspunkt, sondern Operationsgebiet werden.2496 2.5.1. Rahmenbedingungen Auf den ersten Blick schienen die Voraussetzungen für die Bildung einer Guerilla in Bolivien durchaus gegeben. Im Herzen des südamerikanischen Kontinents gelegen, grenzt das Land an Brasilien im Osten, Paraguay im Südosten, Argentinien im Süden, Chile im Südwesten und Peru im Westen. 80 Prozent seiner Einwohner waren indigener Abstammung2497 und mit fünf Personen je km² war es überaus dünn 2489 Madariaga, Salvador de: Simon Bolivar – Der Befreier Spanisch-Amerikas, Zürich 1986, S. 869. 2490 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 457. 2491 Vgl. ebd., S. 475. 2492 Vgl. ebd., S. 480f. 2493 Vgl. ebd., S. 514. 2494 Vgl. ebd., S. 482. 2495 Vgl. ebd., S. 517. 2496 Vgl. ebd., S. 622. 2497 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 200. 331 besiedelt.2498 Im Osten des Landes zogen sich dichte Dschungelgebiete dahin, die nur von wenigen Straßen durchschnitten wurden. Die Staatsmacht hatte alle Mühe, in diesen abgelegenen Gebieten ihre Autorität durchzusetzen.2499 Insbesondere der schwer zugängliche Südosten des Landes, in welchem die hier dargestellten Ereignisse ihren Lauf nahmen, war kaum bevölkert und von tropischen Urwäldern sowie Gebirgsgegenden geprägt.2500 Bolivien war in den 1960er Jahren das weitaus ärmste Land Südamerikas2501 und hatte von allen lateinamerikanischen Staaten die größten ökonomischen Probleme.2502 Das zwischen 1102503 und 150 US-Dollar2504 liegende durchschnittliche Jahreseinkommen war so niedrig wie in keinem anderen Land des Subkontinents.2505 Gleichzeitig war es auch das politisch instabilste Land Lateinamerikas, welches seit über hundert Jahren kontinuierlich revolutionäre Erschütterungen erlebt hatte.2506 Neben einem militanten Bauerntum gab es unter den Arbeitern der Zinnminen des Anden- Hochlandes ein gut organisiertes sowie rebellisches Proletariat. Auch innerhalb der bolivianischen Intelligenz gärte es.2507 Auf die sozialistisch motivierte Revolution der von den Zinnminenarbeitern getragenen „Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR)“ im Jahre 19522508 war 1964 ein Militärputsch gegen Präsident Paz Estenssoro gefolgt.2509 Auch wenn die Macht der Minenarbeiter in der Folge eingeschränkt wurde,2510 war die Regierung unter General René Barrientos 2498 Vgl. Lamberg, Robert F.: Die castristische Guerilla in Lateinamerika – Theorie und Praxis eines revolutionären Modells. Vierteljahresberichte – Probleme der Entwicklungsländer. Sonderheft 7, Hannover 1971, S. 121. 2499 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 217. 2500 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 171. 2501 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 121. 2502 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 200. 2503 Vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 90. 2504 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 121. 2505 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 200. 2506 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 217, vgl. Müller- Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 78 und vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 90. 2507 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 217. 2508 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 13 und vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 89. 2509 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 117. 2510 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 165. 332 Ortuno indes nicht konterrevolutionär2511, sondern sehr um ein liberales Image bemüht.2512 Die Verfolgung der Funktionäre des gestürzten MNR-Regimes blieb aus, vielmehr durften sie sich sogar alsbald wieder politisch betätigen.2513 Die Opposition und selbst die Kommunisten besaßen zunächst sehr viel mehr Freiheit als vor 1964. Bis 1967 waren sämtliche kommunistischen Gruppen und Organisationen vollkommen legal. Laut Allemann hatte es unter Barrientos Herrschaft mehr Demokratie gegeben als vor ihm oder nach ihm.2514 Auch die wirtschaftliche Lage der Landbevölkerung hatte sich unter Barrientos deutlich verbessert,2515 weshalb er sich gerade unter den Campesinos2516 großer Popularität erfreute.2517 Die Bauernverbände wurden daher ebenso zu Stützen des Regimes wie das Militär,2518 welches mit 10.000 Mann jedoch von überschaubarer Größe sowie mit veralteten Waffen und Gerät ausgestattet war.2519 Der breite Zuspruch, der Barrientos entgegengebracht wurde, spiegelte sich im Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom Juli 1966 wider, bei denen er 62 Prozent der Stimmen erhielt.2520 Dieser Rückhalt in der Bevölkerung machte es einer von außen in das Land getragenen Guerilla ebenso schwer Fuß zu fassen wie das Misstrauen, welches die indigene Landbevölkerung traditionell allen Nichtindianern und vor allem allen Fremden entgegenbrachte.2521 Hinzu kam, dass eine bereits 1878 durchgeführte Agrarreform in dem von Guevara ausgewählten Operationsgebiet gravierenden sozialen Problemen vorgebeugt hatte und das nahe Erdölzentrum in der Lage war, überschüssige Arbeitskräfte aufzunehmen.2522 2511 Vgl. ebd., S. 13. 2512 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 223. 2513 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 165. 2514 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 223. 2515 Vgl. May: Che Guevara, S. 112. 2516 Unter dem Begriff Campesino werden die örtlichen Kleinbauern verstanden. 2517 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 222. 2518 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 165. 2519 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 78. 2520 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 117 und vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.): Handbuch der Wahldaten Lateinamerikas und der Karibik, Wiesbaden 1993, S. 120. 2521 Vgl. May: Che Guevara, S. 112f. 2522 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 171. 333 2.5.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Nachdem sich Guevara für Bolivien als nächstes Schlachtfeld der lateinamerikanischen Revolution entschieden hatte, entsandte er im März 1964 seine Vertraute Tamara Bunke2523, um dort ein Untergrundnetz aufzubauen.2524 Im Juli 1966 ließ Guevara für 15.000 Pesos eine 3.000 Morgen große Farm im hügeligen und waldreichen Gebiet am Fluss Nancahuazú im Südosten Boliviens erwerben,2525 ehe er schließlich selbst im Herbst getarnt als uruguayischer Geschäftsmann Adolfo Mena Gonzales nach Bolivien reiste,2526 wo er am 7. November auf dem Gut am Nancahuazú eintraf.2527 Darauf bedacht, ihren legalen Status nicht zu gefährden, hatte sich die Kommunistische Partei Boliviens (PCB), die eine Strategie der Partizipation an Wahlen verfolgte, lange gegen die Pläne der kubanischen Führung, einen Guerillakrieg in ihrem Land zu entfachen, gesträubt.2528 Obgleich Parteiführer Mario Monje in Kuba eine entsprechende militärische Ausbildung erhalten hatte, stand er dem Guerillakrieg als revolutionäre Methode skeptisch gegenüber.2529 Aus Furcht jedoch, den Einfluss auf das Geschehen zu verlieren, falls sich die Kubaner der mit der PCB konkurrierenden maoistischen Partei Boliviens zunwenden sollten, hatte er2530 Ende 1965 2523 Heidi Tamara Bunke-Bider, genannt „Tania“, wurde als Tochter eines deutschen Vaters und einer polnisch-jüdischen Mutter, die 1935 aus Deutschland geflohen waren, 1937 in Buenos Aires geboren. 1945 kehrte die kommunistische Familie nach Ost-Berlin zurück. Bunke-Bider nahm ein Studium an der Humboldt-Universität auf und wurde FDJ- sowie SED-Mitglied. Mit 21 Jahren war sie für die Geheimdienste der Sowjetunion und der DDR tätig. 1959 lernte sie Ernesto Guevara während seines Aufenthalts in der DDR kennen und wurde laut Niess vom Ministerium für Staatssicherheit auf ihn angesetzt. Fortan unterrichtete sie demnach Moskau und Ost-Berlin regelmäßig über Guevaras Aktivitäten. (vgl. May: Che Guevara, S. 93 und vgl. Niess: Che Guevara, S. 119.) 2524 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 521. 2525 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 120, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 231, vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 613 und vgl. Foucher, Michel: La mort de Che Guevara, in: Gérard Chaliand (Hrsg.): Les guerres irrégulières XX.-XXI. Siècle, 2008, S. 422-437, hier S. 423. 2526 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 621f. 2527 Vgl. Guevara, Ernesto: Bolivianisches Tagebuch, 11. Auflage, München 1981, S. 9. 2528 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 481f. 2529 Vgl. ebd., S. 604. 2530 Monje unterrichtete Moskau über die Absichten der Kubaner. Anderson geht davon aus, dass Moskau diesen darin bestärkte, sich von Castro und Guevara 334 zunächst seine Zustimmung signalisiert.2531 In der Folge erwies er sich jedoch als wankelmütiger und unzuverlässiger Verbündeter, der wenig Engagement bei der Vorbereitung der Kampagne zeigte.2532 Zu Neujahr 1967 kam es bei einem Besuch Monjes auf der Hacienda am Nancahuazú über den Streit hinsichtlich des Oberbefehls der Kampagne zum endgültigen Bruch mit den bolivianischen Kommunisten.2533 Von ihrer Seite waren daher fortan weder Personal noch logistische Unterstützung zu erwarten.2534 Auch die Bergarbeitergewerkschaft, die zunächst ebenfalls signalisiert hatte, sich zu beteiligen, versagte letztendlich ihre Hilfe.2535 Da auch das über Jahre errichtete städtische Untergrundnetz aufflog und dessen Schlüsselfiguren inhaftiert wurden, war die Guerilla auf sich allein gestellt.2536 Dessen ungeachtet entschloss sich Guevara, an seinem Plan festzuhalten. Von den genannten Schwierigkeiten abgesehen, verliefen die in enger Abstimmung mit Havanna vorgenommenen2537 Vorbereitungen bis März 1967 planmä- ßig.2538 Bis dahin hatte Guevara 17 Kubaner, vier Peruaner und 20 Bolivianer um sich versammelt,2539 einheimische Campesinos waren jedoch nicht darunter.2540 Obgleich zahlenmäßig schwach, war Guevaras Truppe von Kuba finanziell sowie in Bezug auf die militärische Ausrüstung hervorragend ausgestattet worden.2541 Ein erster mehrwöchiger Dschungelmarsch vom 1. Februar bis zum 19. März2542, der Guevaras Leute an das Leben im Dschungel gewöhnen sollte, fiel jedoch nicht als Marionette behandeln zu lassen. (vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 605f.) 2531 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 602f. 2532 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 613f und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 227. 2533 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 226 bis S. 229, vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 124 und Anderson: Che – Die Biographie, S. 624f. Vgl. dazu auch Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 31. 2534 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 58 und S. 60. 2535 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 614f. 2536 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 60. 2537 Es bestand eine direkte Funkverbindung von der Hacienda Nancahuazú nach Havanna. (vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 26.) 2538 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 230f. 2539 Vgl. ebd., S. 226. 2540 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 127. 2541 Vgl. Vega: Die südamerikanische Guerilla, S. 82. 2542 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 45, S. 50f, S. 59 und S. 66. 335 hinsichtlich Disziplin, Moral und Leistungsfähigkeit ernüchternd aus.2543 Ein misstrauischer Nachbar hatte zudem die Aufmerksamkeit von Armee und Polizei auf die Hacienda gelenkt.2544 Obgleich, wie Guevaras Tagebucheintrag vom 21. März belegt, die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen waren,2545 sah sich Guevara dadurch zum Aufbruch gezwungen. So verlor er die Initiative bereits zu Beginn der Kampagne und befand sich nach einem ersten Angriff der Armee am 23. März gleich in der Defensive. Erschwerend kam hinzu, dass zu diesem Zeitpunkt Tamara Bunke – die zentrale Figur der städtischen Organisation – noch bei der Gruppe weilte und diese fortan begleiten musste.2546 Zwar gelang es ihm, den Angriff abzuwehren,2547 doch die Farm musste aufgegeben werden.2548 Am 3. April setzte er seine aus 47 Personen bestehende Truppe, die sich fortan „Nationale Befreiungsarmee Boliviens“ („Ejército de Liberatión Nacional“ – kurz „ELN“) nannte, in Marsch.2549 In den kommenden Monaten gelang es der taktisch geschickt sowie schnell und beweglich agierenden Guerilla – obgleich sie in unbekanntem Gelände operierte – sich immer wieder den Einkreisungsversuchen der Armee zu entziehen und einzelne Gefechte erfolgreich zu bestehen.2550 Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Guevara zum Getriebenen geworden war, der permanent in Bewegung bleiben musste, um der Vernichtung zu entgehen.2551 Erschwerend kam hinzu, dass trotz aller Bemühungen die Einheimischen der Guerilla furchtsam,2552 wenn nicht gar feindlich gegenüberstanden.2553 Statt auf Kooperation hoffen zu können, musste jederzeit mit Verrat gerechnet werden.2554 Um seine Manövrierfähigkeit zu erhöhen, teilte er am 2543 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 232. 2544 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 627 und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 37f. 2545 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 68f. 2546 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 233f. 2547 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 70. 2548 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 234. 2549 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 126 und S. 128 und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 72. 2550 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 234f und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 82. 2551 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 633. 2552 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 87f und vgl. S. 131. 2553 Vgl. May: Che Guevara, S. 112. 2554 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 90, S. 135. 336 13. April eine Nachhut ein, der er die Kranken und Rekonvaleszenten zuwies.2555 Obgleich geplant war, die Gruppen nach einigen Tagen wieder zu vereinen, fanden sie tatsächlich jedoch im unübersichtlichen und ihnen fremden Terrain nicht wieder zusammen. Durch den Verrat zweier desertierter Bolivianer verlor die Guerilla Mitte August auch noch die bis dahin unentdeckten Depots auf der Hacienda am Nancahuazú und damit den Nachschub an Waffen, Munition, Medikamenten und Nahrung.2556 Dabei erbeutete Unterlagen halfen der Regierung, auch noch die Reste der städtischen Widerstandsbewegung auszuheben.2557 Für Guevara war dies „der schwerste Schlag, den sie uns versetzt haben.“2558 Der Verlust der Medizin traf den Asthmakranken besonders schwer.2559 Schließlich ging auch noch die Funkverbindung nach Kuba verloren.2560 Die vollkommene Isolierung der Guerilla und die äußerst schwierigen Bedingungen, unter denen sie agierte, schwächten allmählich ihre Widerstandskraft.2561 Am 31. August wurde die Nachhut von der Armee gestellt und vernichtet.2562 Auch um Guevara zog sich der Ring immer enger zusammen.2563 Ende September wurde der genaue Aufenthaltsort der Guerilla verraten.2564 In der Nähe des Ortes La Higuera2565 geriet Guevara mit seinen Leuten am 29. September in einen Hinterhalt, aus dem sie nur unter großen Verlusten entkommen konnten. Am 8. Oktober wurden sie in der Schlucht Que- 2555 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237, vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 127 und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 85. 2556 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237 und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 153f. 2557 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237. 2558 Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 153. 2559 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237. 2560 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 144 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 644. 2561 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 127 und vgl. dazu auch Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 150. 2562 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 648 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 239. 2563 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 239. 2564 Vgl. Bosquet, Michel: Der Mord an Che Guevara, in: Heinz Rudolf Sonntag (Hrsg.): Che Guevara und die Revolution, Frankfurt/Main, Hamburg 1968, S. 73-82, hier S. 74 und vgl. dazu Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 187. 2565 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 181. 337 brada del Yuro erneut gestellt und endgültig aufgerieben.2566 Wohl um Befreiungsversuchen vorzubeugen und Guevara nicht die politische Bühne eines Prozesses zu bieten, wurde er auf Befehl eines Kriegsrats um Präsident Barrientos am Tag darauf in La Higuera ermordet.2567 2.5.3. Guevaras Guerilla Lage und Ziele Am Nancahuazú glaubte Guevara einen Ort gefunden zu haben, der abgelegen genug schien, um ungestört einen Guerillafokus vorbereiten zu können.2568 Hier wollte er „einen vorbildlichen Kern (…) bilden, hart wie Stahl.“2569 Wie in Kuba war auch in Bolivien neben der Guerilla eine städtische Bewegung geplant, mit deren Aufbau Tamara Bunke seit 1964 betraut war.2570 Anders als in Kuba sollte sie, wie aus Guevaras Tagebuch hervorgeht, jedoch vollständig der Landguerilla unterstellt sein.2571 Seine ersten Aufzeichnungen zeugen von großer Zuversicht. Selbst als Monje ihm die Unterstützung versagte, sah Guevara, nun von allem Zwang zu Kompromissen befreit, darin sogar einen Vorteil.2572 Tatsächlich aber fehlte dadurch ein konstanter Nachschub an neuen Kämpfern und da es der Guerilla auch nicht gelang, diese unter der lokalen Bevölkerung zu rekrutieren, wuchs sie nie über ihre anfängliche Stärke von einigen Dutzend Mitgliedern hinaus.2573 Schon im Januar hatte er zudem bemerkt, dass die Integration der Bolivianer in der Truppe nur langsam voranging.2574 Der Übungsmarsch im Februar 1967 ließ Zweifel aufkommen, ob alle bolivianischen Kämpfer den Anforderungen gewachsen waren.2575 Auch künf- 2566 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 239, vgl. auch Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 184. 2567 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 240. 2568 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 17. 2569 Ebd., S. 32. 2570 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 607, vgl. May: Che Guevara, S. 93 und vgl. Niess: Che Guevara, S. 119. 2571 Guevara berichtet, dass er Anweisungen für die städtischen Kader verfasst hatte. (vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 40.) 2572 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 30. 2573 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 623. 2574 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 44. 2575 Vgl. ebd., S. 57. 338 tig sollte er den Bolivianern in seinen Reihen wenig Vertrauen entgegenbringen.2576 Ehe Guevara von sich aus in die „nächste Etappe (…) des Kampfes und der Entscheidung“2577 eintreten konnte, wurde er von der Armee aufgespürt und ihm der Kampf aufgezwungen. Zwar war für ihn die Phase der Konsolidierung der Guerilla zu diesem Zeitpunkt vollständig abgeschlossen,2578 doch hatte nun zunächst „die langsame Phase der Entwicklung“2579 kommen sollen. Die Zeit, die er zum weiteren Aufbau seiner Guerilla benötigt hätte, war ihm genommen worden. Durch den Angriff der Armee war ihm jedoch vor allem die Initiative abhandengekommen, die er bis zum Ende nicht mehr wiedererlangen sollte.2580 Unterwegs in größtenteils unbekanntem Terrain,2581 verlief man sich häufig und war sich über die eigene Position im Unklaren.2582 Guevaras Tagebuch gibt Hinweise darauf, dass das Kartenmaterial ungenau war.2583 Er notierte: „Man kannte nicht das Gelände, die Stellung war nicht genügend vorbereitet, der Feind bleibt unsichtbar.“2584 Diese Aussage hätte eigentlich eine der Sicherheitskräfte über die Guerilla sein sollen, doch Guevaras Tagebucheinträge zeugen davon, dass es sich in Bolivien genau umgekehrt verhielt. Desorientierung, Ortsunkenntnis und eine unklare Feindlage waren in Bolivien demnach anscheinend grundlegende Probleme Guevaras. Im unwegsamen Gelände, durch welches man sich erst mühsam mit Macheten den Weg bahnen musste,2585 ging es nur sehr langsam voran.2586 Nahrungsengpässe2587 und zeitweise gravierender Wassermangel machten seinen Leuten schwer zu schaffen.2588 Auch Krankheiten setzten ihnen erheblich 2576 Vgl. ebd., S. 76. 2577 Ebd., S. 57. 2578 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 76. 2579 Ebd.Tagebuch, S. 76. 2580 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 633. 2581 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 46, S. 49 und S. S. 97. 2582 Vgl. ebd., S. 100, S. 124, S. 134, S. 135 und S. 154. 2583 Vgl. ebd., S. 33 bis S. 35, S. 45 und S. 53. 2584 Ebd., S. 95. 2585 Vgl. ebd., S. 99f und S. 136. 2586 Vgl. beispielsweise Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 99, S. 126, S. 136 und S. 147. 2587 Vgl. ebd., S. 96, S. 99, S. 100 und S. 101. 2588 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 154f, S. 160f und S. 180 und vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 645f. 339 zu. Guevara selbst fiel während der Kampagne immer wieder vorübergehend aus. So schreibt er z. B. am 16. Mai, dass er bewusstlos von seinen Leuten getragen werden musste.2589 Insbesondere sein Asthma schwächte ihn nachhaltig.2590 Durch die vorgenommene Aufteilung in Hauptgruppe und Nachhut verlor die Truppe insgesamt an Schlagkraft.2591 Am schwersten wog indes die von Beginn an währende Isolierung der Guerilla.2592 Bereits Ende April resümierte er: „Von einer Mobilisierung der Bauern kann keine Rede sein. Sie können lediglich als Informationsquelle dienen, etwa bei Nachrichten, die schwierig zu beschaffen sind; sie sind jedoch nicht schnell und sachlich genug. Wir können sie abschreiben.“2593 Auch von der städtischen Organisation, die zudem schwere Verluste durch Verhaftungen hatte hinnehmen müssen,2594 war man abgeschnitten.2595 Als schließlich auch die Funkverbindung nach Kuba abriss, bestand keinerlei Kontakt mehr zur Außenwelt. Trotz aller Widrigkeiten und abnehmender Stärke der Guerilla – am 31. Juli 1967 verfügte Guevaras Hauptgruppe gerade noch über 22 Mann2596 – scheint er sich dennoch Hoffnungen auf einen erfolgreichen Ausgang des Unternehmens gemacht zu haben. Aus Radiomeldungen über politische Unruhen glaubte er Mitte Juni beispielsweise ein großes revolutionäres Potential erkennen zu können.2597 Auch war er sehr optimistisch, was eine erzwungene militärische Intervention der USA in Bolivien anging.2598 Letztendlich führten die zahlreichen Entbehrungen, die Vernichtung der zweiten Gruppe und das Bekanntwerden des Verlusts der Depots am Nancahuazú im Laufe des Augusts dennoch zu einer einsetzenden Demoralisierung und Erschöpfung:2599 „Es war ohne Zweifel der schlimmste Monat, seit wir Krieg führen.“2600 Er registrierte, dass ein „Tiefpunkt unserer Moral 2589 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 104-106. 2590 Vgl. ebd., S. 124, S. 124f, S. 131, S. 132, S. 141, S. 142, S. 147 und S. 169. 2591 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237 und vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 97. 2592 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 97. 2593 Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 98. 2594 Vgl. ebd., S. 185. 2595 Ebd., S. 129. 2596 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 145. 2597 Vgl. ebd., S. 119f. 2598 Vgl. ebd., S. 98. 2599 Vgl. ebd., S. 161. 2600 Ebd., S. 161. 340 und unserer revolutionären Vorstellungen erreicht“2601 war. Im September scheint sich dies zwar wieder stabilisiert zu haben,2602 doch war der Untergang der Guerilla nicht mehr abzuwenden. Guevara lehnte das von der Sowjetunion vertretene Konzept der friedlichen Koexistenz mit dem Westen strikt ab, da er hierin lediglich eine Duldung des Imperialismus sah. Sein Ziel war es vielmehr, den Sozialismus zu verbreiten2603 und die Revolution in weitere Länder Lateinamerikas zu exportieren.2604 Bereits dem 1964 fehlgeschlagenen Versuch,2605 eine Guerillabewegung im Kongo aufzubauen,2606 lag die Intention zugrunde, eine internationale antiimperialistische Allianz unter kubanischer Führung zu errichten und der lateinamerikanischen Revolution globale Dimensionen zu verleihen.2607 Vor allem in Lateinamerika vermutete er ein großes revolutionäres Potential, nicht zuletzt, da er annahm, die Ausbeutung der Landbevölkerung sei noch stärker als in Kuba.2608 Er war sich sicher: „Viele Völker Amerikas sind reif für die Revolution“.2609 Und mehr noch: „In vielen Ländern Lateinamerikas ist die Revolution heute unvermeidbar.“2610 In seiner im September 1963 erschienenen Schrift „Guerillakrieg – eine Methode“ forderte er daher einen Guerillakrieg in ganz Südamerika:2611 „Alle Länder dieses Kontinents sind reif für einen Kampf“, der zur „Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft“2612 führen sollte. Auch wenn die Revolution in Lateinamerika erst an ihrem Anfang stünde,2613 war er ob des Ausgangs zuversichtlich: „Wir können nicht sagen, wann der Kampf diesen kontinentalen Charakter annehmen wird, noch, wie lange er dauern wird; aber wir können sein Heraufkommen und seinen Triumph voraussagen, weil er das Ergebnis unvermeidlicher historischer, 2601 Ebd., S. 162. 2602 Vgl. ebd., S. 185. 2603 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 511f. 2604 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 107. 2605 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 73. 2606 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 55f. 2607 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 532. 2608 Vgl. Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 104f. 2609 Ebd., S. 132. 2610 Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 121. 2611 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 505. 2612 Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 132. 2613 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 136. 341 ökonomischer und politischer Umstände ist und weil sein Kurs nicht umgebogen werden kann.“2614 Hierin war er ganz Marxist, der an sich unaufhaltsam vollziehende historische Gesetzmäßigkeiten glaubte. Strategie, Taktik und Struktur Die von ihm erwartete kontinentale Revolution in Südamerika sollte nach Guevaras Plänen ihren Anfang in Bolivien nehmen. Für dieses Land als Ausgangspunkt sprachen, abgesehen von den aus seiner Sicht vielversprechenden innenpolitischen Rahmenbedingungen, auch geographische Gründe aufgrund der zentralen Lage in Südamerika. Da es sich bei den Nachbarländern um Staaten mit sich verschlechternder politisch-ökonomischer Lage handelte, hoffte Guevara, dass der von ihm entfachte Flächenbrand von Bolivien aus am schnellsten um sich greifen würde.2615 Aus den Anden gedachte er „die Sierra Maestra Amerikas“ zu machen.2616 Die Revolution sollte somit „kontinentale Ausmaße annehmen und zu vielen großen Befreiungsschlachten der Menschheit führen.“2617 Als Hauptfeind hatte er in seinen Überlegungen die USA als Führungsnation des Imperialismus und scheinbaren Garanten der zu beseitigenden Zustände in Lateinamerika identifiziert.2618 Da es angesichts des Ausmaßes der zu erwartenden Aufstände nicht mehr ausreichen würde, lediglich Regierungstruppen auszurüsten und zu beraten,2619 würden die USA hierdurch gezwungen sein, militärisch zu intervenieren2620 und sich dadurch in ähnliche Konflikte wie den Krieg in Vietnam2621 verstricken,2622 die für die Vereinigten 2614 Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 128. 2615 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 224. 2616 Vgl. Guevara: Taktik und Strategie der lateinamerikanischen Revolution (1962), S. 674f. 2617 Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 133. 2618 Guevara, Ernesto: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams..., in: Feltrinelli, Giangiacomo (Hrsg.): Lateinamerika – Ein zweites Vietnam?, Hamburg 1968, S. 99-110, hier S. 107. 2619 Vgl. Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 133. 2620 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 624, vgl. Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 134, vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 128 und vgl. Guevara: Taktik und Strategie der lateinamerikanischen Revolution (1962), S. 674. 2621 So schrieb Guevara hoffnungsvoll, als er am 13. April 1967 erfuhr, dass US- Berater in Bolivien eingetroffen waren: „Vielleicht wohnen wir der ersten Episode eines neuen Vietnam bei.“ (Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 85.) 2622 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 225. 342 Staaten nur sehr viel verheerender werden würden: „Und wenn wir einen Moment lang die Landkarte Vietnams studieren – so klein wie es ist – und daneben die 20 Millionen Quadratkilometer unseres riesigen Amerika halten, werden wir bei alledem mit Gewißheit sehen, daß hier der Kampf sehr leicht durchgeführt werden kann.“2623 Die „riesigen Territorien“ Südamerikas sollten zum „Schauplatz des Kampfes auf Leben und Tod gegen die Macht des Imperialismus“2624 werden. Vergleichbares erwartete er auch für Asien und Afrika:2625 „Unter dem Ansturm der Völker, die für ihre nationale Unabhängigkeit kämpfen“,2626 würde der Imperialismus schließlich zusammenbrechen.2627 Es sei daher „der Weg Vietnams, den die Völker einschlagen“2628 müssten, denn wie „licht und nahe würde sich die Zukunft darbieten, wenn zwei, drei, viele Vietnam auf der Welt bestünden“2629, da für die Amerikaner der Kampf „um so schwerer sein [würde], je mehr Fronten gleichzeitig aufbrechen.“2630 Schließlich wären die USA gezwungen, ihre Kräfte aufzuspalten und über mehrere Kontinente zu verteilen. Angesichts der derartig herbeigeführten Schwäche des Imperialismus hoffte Guevara, dass sich China und die Sowjetunion darüber aussöhnen würden, um gemeinsam den Imperialismus endgültig zu überwinden. Laut Anderson war Bolivien für Guevara daher der Auftakt zum Dritten Weltkrieg und zur Entscheidung darüber, ob die Welt künftig sozialistisch oder kapitalistisch sein würde.2631 In Kuba habe man die Erfahrung gemacht, dass „die Kräfte des Volkes im Krieg gegen eine reguläre Armee den Sieg davontragen“ könnten und man „nicht immer warten [müsse], bis alle Bedingungen für eine Revolution herangereift“ seien, sondern „die Führung des Aufstandes (…) solche Bedingungen selbst schaffen“ könne.2632 Ausgehend von der Annahme, dass die kubanischen Lehren „auf jedes beliebige Land“ 2623 Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 132. 2624 Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 128. 2625 Vgl. Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 129 und vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 136. 2626 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 135. 2627 Vgl. ebd., S. 135f. 2628 Guevara: Botschaft an die Völker der Welt, S. 134. 2629 Ebd., S. 137. 2630 Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 132. 2631 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 624. 2632 Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 120. 343 Lateinamerikas anwendbar seien,2633 sah Guevara in der scheinbar bewährten Guerillastrategie den Schlüssel zum Sieg,2634 der die „Einnahme der Stadt vom Land her“2635 ermöglichen sollte. Beginnen sollte die Guerilla in Teilen der Departamentos Santa Cruz und Chuquisaca, einer dünn besiedelten und landwirtschaftlich geprägten Region aus tropischem Urwald und gebirgig-trockenen Gegenden im Südosten Boliviens.2636 Hatte sich in diesem Operationsgebiet erst einmal ein revolutionärer Fokus etabliert, sollten sich von hier ausgehend – wie seinerzeit in Kuba – später auch weitere Fronten im Land bilden.2637 Guerilleros aus den benachbarten Staaten, die sich dem hier initiierten Fokus angeschlossen hatten, würden schließlich auch ihre Länder infiltrieren und dazu beitragen, dass der Krieg auf ihre Heimatländer übergreifen würde.2638 Allerdings ging diese Rechnung nicht auf, da der Kontakt mit der lokalen Bevölkerung gering war und eine Unterstützung der Guerilla weitgehend ausblieb. Es ist bezeichnend, dass die Guerilla ihre Informationen zur Feindlage teilweise anhand von Radiomeldungen gewinnen musste,2639 statt diese – wie noch in Kuba – direkt aus der Bevölkerung zu erhalten. Der einzige Hinweis in Guevaras Tagebuch, dass eine gezielte Indoktrination der Bevölkerung überhaupt versucht worden war, stammt vom 22. September, als man in einer Schule des kleinen Dorfes Alto Seco vor 15 Bauern über „die Perspektiven unserer Revolution“2640 sprach. Angesichts der fehlenden Beziehungen zur lokalen Bevölkerung war Guevara daher bereits wenige Wochen nach Beginn des Kampfes im April 1967 zu dem Urteil gekommen, dass die „Basis bei den Bauern (…) noch nicht weiter entwickelt [ist]. Indessen scheint es, daß wir durch geplanten Terror den Rest neutralisieren können, die Unterstützung wird dann später wohl eintreten. Bis jetzt können wir keinen einzigen Zugang verzeichnen.“2641 Und in seiner Analyse des Monats Mai schrieb er: „Jetzt 2633 Vgl. ebd., S. 120. 2634 Vgl. Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 104 und vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 126f. 2635 Guevara: Kuba – historischer Einzelfall oder Vorposten im Kampf gegen den Kolonialismus? (1961), S. 104. 2636 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 126. 2637 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 98. 2638 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 607. 2639 Vgl. dazu beispielsweise Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 126. 2640 Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 179. 2641 Ebd., S. 98. 344 kommt die Etappe, in der der Terror von beiden Seiten – allerdings unter verschiedenen Vorzeichen – auf die Bauern ausgeübt wird.“2642 Dies erscheint bemerkenswert, da es eine Abkehr von seinen zuvor niedergeschriebenen Maximen bedeutet. In seiner Schrift „Der Partisanenkrieg“ hatte Guevara noch gefordert, den Bauern jederzeit hilfsbereit entgegenzutreten.2643 Die Guerillas sollten „Schutzengel sein, die den Armen helfen“2644. Insofern zeugen seine Äußerungen von der Verzweiflung über die ausbleibende Unterstützung, die er stets als „unbedingte Voraussetzung“2645 für den Guerillakrieg angesehen hatte. Er wusste nur zu gut, dass eine Guerilla ohne das Volk nicht überlebensfähig war2646 und ein entsprechender Versuch katastrophal enden müsste.2647 Dennoch errang die Guerilla unter Guevaras Führung durchaus taktische Erfolge, wie sich beispielsweise in der erfolgreichen Anwendung der bereits in Kuba bewährten Hinterhalte zeigte.2648 In gewohnter Weise versuchte Guevara auch Gefechte gegen überlegenen Feind zu vermeiden2649 und durch die Anlage verborgener Versorgungsdepots seine somit von schweren Lasten befreite Truppe beweglicher zu machen.2650 Doch vermochte angesichts der fehlenden Voraussetzungen für einen Erfolg auch alles taktische Geschick nichts am Ausgang des Unternehmens zu ändern. 2642 Ebd., S. 114. 2643 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 46. 2644 Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 46. 2645 Ebd., S. 14. 2646 Vgl. Guevara: Was ist ein Guerillero?, S. 13. 2647 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – eine Methode, S. 119f. 2648 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 94, S. 97, S. 112, S. 125, S. 141 und S. 147. 2649 Vgl. ebd., S. 158. 2650 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 78, S. 85, S. 101 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 234. 345 2.5.4. Die Politik der Regierung Lage und Ziele Präsident Barrientos war es nicht nur gelungen, seiner Regierung einen betont liberalen Anstrich zu geben,2651 sondern auch einen breiten Rückhalt bei den Campesinos zu gewinnen,2652 deren Situation sich unter ihm deutlich verbessert hatte.2653 Wie groß dieser in der Bevölkerung auch außerhalb der ihn stützenden Gruppen in Bauernschaft und Militär war,2654 zeigte sich bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1966, die ihm eine entsprechend solide Mehrheit bescherten.2655 Dennoch war Bolivien aufgrund der zahlreichen sozialen Probleme und Spannungen2656 weit davon entfernt, ein stabiles Land zu sein.2657 Barrientos musste daher die Gefahr, dass die Initiierung eines Guerillafokus in Bolivien zu einem Flächenbrand führen konnte, ernsthaft in Betracht ziehen. Um dem vorzubeugen, sah er sich gezwungen, alles daran zu setzen, die Guerilla möglichst schnell zu zerschlagen. Dies umso mehr, als man in La Paz spätestens seit Ende Juni gewusst zu haben schien, dass sich Guevara unter den Guerillas befand.2658 Strategie, Taktik und Struktur Nachdem Barrientos anfänglich versucht hatte, die Existenz der Guerilla zu leugnen, ging er jedoch alsbald dazu über, sie als „Agenten des ‚Castro-Kommunismus‘“ zu bezeichnen.2659 In Bolivien, wo gerade unter der indigenen Landbevölkerung ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Fremden herrschte,2660 fiel seine gegen die Guerilla gerichtete fremdenfeindliche Propaganda auf fruchtbaren Boden. Das Schlagwort von den „Roten aus dem Ausland“ wurde daher gezielt instrumen- 2651 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 223 und vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 122. 2652 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 222. 2653 Vgl. May: Che Guevara, S. 112. 2654 Vgl. ebd., S. 112. 2655 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 117. 2656 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 121, vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 200 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 217. 2657 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 136f. 2658 Vgl. ebd., S. 128 und S. 130. 2659 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 633. 2660 Vgl. May: Che Guevara, S. 112f. 346 talisiert.2661 Auf einem im Juni 1967 von Barrientos einberufenen Kongress der Campesinos verurteilten diese Guevaras Guerilla als „antinational“ und gelobten, die Regierung in ihrem Kampf zu unterstützen.2662 Wie sehr die Bemühungen Barrientos, die Bauern gegen die Fremden aufzuwiegeln,2663 von Erfolg gekürt waren, bekam Guevara unmittelbar zu spüren: Die Armee „entwickelt jedoch unter der Landbevölkerung eine Aktivität, die wir keineswegs unterschätzen dürfen. Teils durch Angst, teils durch Verdrehung unserer Absichten macht sie die Bewohner einer Gemeinde zu ihren Handlangern.“2664 Da Barrientos anfänglich davon ausging, dass die Guerilla durch die kommunistischen Parteien und Organisationen im Land initiiert und unterstützt würde,2665 wurden die bislang geduldeten Organisationen2666 verboten und ihre Funktionäre sahen sich Repressionen ausgesetzt. Erst als die Regierung erkannte, dass keine der einheimischen Gruppen für die Guerilla verantwortlich war, wurden diese Maßnahmen zurückgefahren.2667 Gleichzeitig hatte Barrientos eine Medienoffensive gestartet, welche die Existenz der Guerilla zu einem international beachteten Thema machte.2668 Es entwickelte sich ein regelrechter Propagandakrieg zwischen Barrientos medialer Berichterstattung und Radio Havanna, welches regelmäßig über die Vorgänge in Bolivien berichtete.2669 In seiner Analyse des Monats Juni schreibt Guevara: „Die Guerillalegende schlägt hoch wie Schaum. Schon sind wir die unbesiegbaren Supermenschen.“2670 Zeitweise wurde von der bolivianischen Regierung die Stärke der Guerilla weit übertrieben und auf bis zu 400 Guerillas veranschlagt.2671 Ein französischer Guerillaexperte meinte Lamberg zufolge sogar: „Der neue Guerillaherd scheint der ernsteste Revolutionsversuch dieses Jahrzehnts in Lateinamerika zu sein.“2672 Lamberg geht vermutlich zu Recht davon aus, dass sich Bar- 2661 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 633. 2662 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 178. 2663 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 76. 2664 Ebd., S. 129. 2665 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 177. 2666 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 636. 2667 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 177. 2668 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 72f, S. 76 und S. 130. 2669 Vgl. ebd., S. 84, S. 97 und S. 99f. 2670 Ebd., S. 128 2671 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 176. 2672 Ebd., S. 176. 347 rientos bewusst vor der Weltöffentlichkeit als von einer von außen gesteuerten, überaus gefährlichen, kommunistischen Guerilla bedroht darstellte, um ausländische Hilfe – insbesondere die der USA – zu erhalten.2673 Dass der Prozess gegen Regis Debray nach seiner Verhaftung Woche um Woche verschoben wurde,2674 mag ebenfalls taktische Gründe gehabt haben. Möglicherweise wollte man einen solchen Prozess erst nach der Vernichtung der Guerilla beginnen, um zu vermeiden, dass dieser durch die mediale Berichterstattung über das Verfahren neue Sympathien erwuchsen. Dies scheint ein Hinweis zu sein, wie sicher die Regierung zu diesem Zeitpunkt bereits war, die Guerilla bald zu zerschlagen.2675 Von Beginn der Feindseligkeiten an versuchte die Armee, die Guerilla zu isolieren und durch strenge Kontrollen die Kampfgebiete abzuriegeln.2676 Nach dem Gefecht bei Iripití2677 wurde der Ausnahmezustand verhängt und der Südosten des Landes gleichzeitig zur Militärzone erklärt.2678 Zwar kam es zu häufigen Scharmützeln,2679 doch das Ziel, die Guerilla einzukreisen und zu vernichten, wurde zunächst nicht erreicht,2680 wenngleich Armee und Polizei der Guerilla seit April 1967 immer dicht auf den Fersen blieben.2681 Neben Polizeiangehörigen in zivil, welche die Guerilla ausspionieren sollten,2682 wurden zeitweise sogar Hunde eingesetzt, um die Guerillas aufzuspüren.2683 Laut Guevara setzte sich diese Methode jedoch nicht durch.2684 Erfolgreicher war 2673 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 176. 2674 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 160. 2675 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237, vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 132 und vgl. Bosquet: Der Mord an Che Guevara, S. 74. 2676 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 76. 2677 Am 10. April 1967 geriet eine aus 20 Soldaten bestehende Patrouille in einen Hinterhalt der Guerilla. Während diese einen Gefallenen zu verzeichnen hatte, gab es auf Seiten der Armee drei Tote, einen Verwundeten und sieben Gefangene. (vgl. Peredo, Inti: „Der erste Sieg nach sechs Minuten – Aus dem Tagebuch des bolivianischen Guevara-Mitkämpfers Inti Peredo“, in: Der Spiegel, 40/1970, S. 150-163, hier S. 161.) 2678 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 177. 2679 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 103, S. 142. 2680 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 128. 2681 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 94, S. 141, S. 142 und S. 157. 2682 Vgl. ebd., S. 122 und S. 126. 2683 Vgl. ebd., S. 94. 2684 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 113. 348 vielmehr, wie Müller-Borchert feststellte, die Einbindung von Teilen der lokalen Bevölkerung in die Aufstandsbekämpfung.2685 Zudem waren seit Ende März unablässig Flugzeuge über dem Operationsgebiet in der Luft, um die Guerilla aufzuklären und anzugreifen.2686 Die Hoffnung der Regierung Barrientos auf US-amerikanische Hilfe schien sich bereits ab April 1967 zu erfüllen.2687 Alarmiert2688 durch die Kubanische Revolution hatten die USA seit Anfang der 1960er Jahre eigens ein neuartiges „Militärhilfsprogramm“ für Lateinamerika entwickelt, um der Bedrohung an der Südflanke der USA durch kommunistische Guerillabewegungen etwas entgegenzusetzen. Wichtigster Bestandteil dieses Programms war die Ausbildung der Streitkräfte, die sowohl direkt in den jeweiligen Ländern als auch in speziellen Schulen der US-Streitkräfte, wie der „US-Army School of the Americas“ in Fort Gulick in Panama oder der Interamerikanischen Polizeischule in Fort Davis, durchgeführt wurden. Bis 1973 wurden in diesem Zusammenhang annähernd 40.000 lateinamerikanische Offiziere und Unteroffiziere speziell in der Guerillabekämpfung geschult, wozu neben militärischen Aspekten auch zivile Maßnahmen wie Straßenbau, Ausbau von Kommunikationsmitteln, Errichtung eines öffentlichen Gesundheitswesens oder Erziehungsprogramme gehörten. Hinzu kamen Lie- 2685 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 79. 2686 Vgl. Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 75, S. 91 bis S. 93, S. 95, S. 106, S. 115, S. 119, S. 124 und S. 131. 2687 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 132. 2688 Mit Verweis auf die zahlreichen sozialen Probleme in Lateinamerika hatte US-Präsident John F. Kennedy die Region im Februar 1963 „als die kritischste Zone der heutigen Welt“ bezeichnet. Rassische Diskriminierung der Indios, Unzufriedenheit unter der akademischen Jugend, Landflucht und die Ausweitung der Städte, das Fehlen von Perspektiven für die wachsende Bevölkerung und nicht zuletzt ökonomische Schwierigkeiten gaben Anlass zur Sorge, dass es hier zu entscheidenden Auseinandersetzungen kommen könnte. (vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 195 und S. 204.) Bereits seit Sommer 1961 hatte er sich daher intensiv mit den Guerillatheorien Mao Tse-tungs und Ernesto Guevaras auseinandergesetzt und war zu dem Schluss gekommen, „daß nur eine militärische Aufstandsbekämpfung die richtige Antwort auf die wachsende Bedrohung durch linksgerichtete Rebellionen sein könne“. Als Folge wurde die Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency) verstärkt in den Fokus der US-amerikanischen Sicherheitspolitik gerückt, bei der neben militärischen Aspekten jedoch auch politische zum Tragen kamen. (vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 436f und vgl. Daase: Kleine Kriege – Große Wirkung, S. 131f.) 349 ferungen an Waffen, Munition, Gerät sowie Ausrüstung2689 für die bedrohten Staaten. Zusammen mit dem Einsatz von eigens im Anti- Guerillakampf ausgebildeten US-Militärberatern trug dies erheblich dazu bei, dass sich die meisten Armeen Südamerikas nach der Kubanischen Revolution qualitativ nachhaltig verbesserten.2690 Sobald die USA erkannt hatten, dass in Bolivien ein neuer Guerillaherd drohte, waren sie daher bereit, die Regierung mit umfangreichen Maßnahmen zu unterstützen.2691 Auf Grundlage eines im April 1967 unterzeichneten Memorandums zur Zerschlagung der Guerilla in Bolivien2692 entsandte das Südkommando der USA in Panama (Southcom) 16 Green Berets2693 der 8th Special Forces Group aus Fort Gulick als Berater.2694 Die teilweise über Vietnam-Erfahrungen verfügenden Militärspezialisten2695 halfen bei der Ausbildung eines eigens für Counterinsurgency- Operationen2696 vorgesehenen bolivianischen Ranger Bataillons,2697 2689 Umfassten diese Lieferungen in den 1950er Jahren noch durchschnittlich 35 Mio. Dollar im Jahr, wurden sie zwischen 1960 und 1965 nahezu verdoppelt. (vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 57f und S. 164.) 2690 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 195 und S. 204, vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 57f und S. 164 und vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 77. 2691 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 79. 2692 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 130. 2693 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 130. 2694 Vgl. Anderson: Che – Die Biographie, S. 635, vgl. Ian F. W. Becket/John Pimlott: Counterinsurgency – Lessons from History, Barnsley 2011, S. 112- 136, hier S. 118 und vgl. dazu auch Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 86. 2695 Vgl. Bosquet: Der Mord an Che Guevara, S. 74. 2696 Unter Counterinsurgency wird ein in den 1950er Jahren aus den Erfahrungen der Kolonialkriege entwickeltes Konzept der Aufstandsbekämpfung verstanden, welches nicht alleine auf militärischen Mitteln basiert und in der Annahme, dass es sich bei modernen Aufständen um ein soziales Massenphänomen handelt, bemüht ist, die Bevölkerung dazu zu bringen, den Aufstand abzulehnen. (vgl. Fischer, Erik: Von Suppen, Messern und dem Löffel: Die US-Streitkräfte als ‚lernende Institution‘ und das Problem der Counterinsurgency, in: Tanja Bührer/Christian Stachelbeck und Dierk Walter (Hrsg.): Imperialkriege von 1500 bis heute. Strukturen – Akteure – Lernprozesse, Paderborn, München, Wien, Zürich 2011, S. 503-520, hier S. 505, vgl. Kilcullen, David J.: The Accidental Guerilla – Fighting Small Wars in the Midst of a Big One, New York 2009, S. xv und vgl. Hippler, Jochen: Counterinsurgency – Theorien unkonventioneller Kriegführung: Callwell, Thompson, Smith und das US Army Field Manual 3-24, in: Thomas Jäger/Rasmus Beckmann (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien, Wiesbaden 2011, S. 256-283, hier S. 258.) Frühe Formen der Aufstandsbekämpfung fanden sich bereits in den Schriften 350 welches in einem nördlich der Stadt Santa Cruz errichteten Ausbildungslager aufgestellt wurde.2698 Waffen und Ausrüstung wurden von den USA geliefert.2699 Diese 600 Mann2700 umfassenden2701 Spezialkräfte unter dem Kommando des Obersten Zenteno2702 kamen ab Spätsommer 19672703 gegen Guevara und seine Leute zum Einsatz.2704 Mit ihrer Hilfe gelang es schließlich den Streitkräften Barrientos, die Guerilla zu stellen und zu vernichten,2705 nachdem deren Position Ende September erneut durch Deserteure verraten worden war.2706 2.5.5. Strategische Betrachtungen Zwar war René Barrientos Ortuños im Jahr 1964 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, doch erfuhr dieser Schritt eine scheinbare Legitimität, als er zwei Jahre darauf mit deutlicher Mehrheit zum bolivianischen Präsidenten gewählt wurde. Auch wenn es ihm gelungen war, das Land durch seine autokratische Herrschaft und monologisch formulierte Politik weitgehend zu stabilisieren, ahnte er die Gefahr, die angesichts der ungelösten ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme des Landes von einer Guerilla ausging, zumal diese von Ernesto Guevara persönlich geführt wurde. Er setzte daher alles daran, der Bedrohung von Beginn an massiv zu begegnen und den Aufstand im Keim zu ersticken, wie sich an den umgehend ein- Charles Edward Callwells zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in denen er sich mit der Niederschlagung von Insurrektionen in Kolonien systematisch auseinandersetzte. (vgl. Hippler: Counterinsurgency – Theorien unkonventioneller Kriegführung, S. 259-263.) 2697 Vgl. Niess: Che Guevara, S. 130 und vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 119. 2698 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 180. 2699 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 128 und 132. 2700 Nach Foucher handelte es sich um 800 Ranger. (vgl. Foucher: La mort de Che Guevara, S. 436.) 2701 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 132 und vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 61. 2702 Vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 181. 2703 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 239. 2704 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 128 und 132. 2705 Vgl. ebd., S. 128. 2706 Vgl. Bosquet: Der Mord an Che Guevara, S. 74. 351 setzenden Repressionen gegen die innenpolitische Opposition, der aufwendigen Propagandaschlacht und dem massiven Militäreinsatz zeigte. Es hat den Anschein, als habe er, der selbst der indigenen Bevölkerungsmehrheit entstammte, die richtigen Schlüsse aus seiner Kenntnis der einheimischen Mentalität gezogen. Jedenfalls stieß seine antikommunistische und nationale Propaganda unter der indigenen Landbevölkerung des Kampfgebietes, die Ausländern gegenüber ausgesprochen misstrauisch war, auf große Resonanz. Selbst die aus den Minendistrikten kommenden Bolivianer in der Guerilla galten hier als Fremde.2707 Die Bevölkerung sah vielmehr die Regierungstruppen „als ihresgleichen“2708 an und erwies sich ihnen gegenüber daher kooperationsbereit. Dies verschärfte das Problem der Guerilla, welche durch Verrat und Denunziation2709 große Rückschläge erlitt. Dennoch war Barrientos anscheinend nicht vollends überzeugt, die Guerilla aus eigener Kraft zerschlagen zu können. Wie oben dargestellt, könnte die von der Propaganda offensiv heraufbeschworene massive Bedrohung bewusst inszeniert worden sein, um den großen Kräfteeinsatz zu legitimieren, tatkräftige Unterstützung aus dem Ausland zu generieren und durch die Gefahr eines bevorstehenden Bürgerkrieges die Bevölkerung gegen die Guerilla einzunehmen. Vor allem durch die auf diese Weise veranlasste massive Hilfe aus den USA, die ihm durch Berater, Waffen und Ausbildungsunterstützung beistanden, machte sich seine Kommunikationsstrategie letztlich bezahlt. Tatsächlich war Barrientos Macht nie gefährdet. Sobald er von der Bedrohung Kenntnis erhielt, reagierte er sowohl politisch, propagandistisch und militärisch mit den passenden Mitteln. Auch wenn sich die Guerilla einer Einkreisung lange zu entziehen vermochte, blieben seine Sicherheitskräfte stets auf Tuchfühlung. Anders als in den bislang betrachteten Fallbeispielen arbeitete hier die Zeit gegen Guevaras Leute und für die Regierung. Je länger sich die Guerilla von der Armee verfolgt unter widrigsten Bedingungen durch nur schwer zugängliches und ihr unbekanntes Terrain schlug, desto mehr ließen Moral und Kampfkraft nach. Als schließlich speziell im Anti-Guerillakampf ausgebildete Ranger gegen sie zum Einsatz gebracht werden konnten, war die Entscheidung gefallen. 2707 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 126. 2708 Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 171. 2709 Vgl. dazu Guevara: Bolivianisches Tagebuch, S. 72, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 237, vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 132, vgl. Bosquet: Der Mord an Che Guevara, S. 74. 352 Die relativ kurze Dauer des Konflikts wie auch sein recht einseitiger Verlauf ohne große Wendungen erschwert eine Bewertung der Strategie Barrientos im Vergleich zu den vorhergehenden Fallbeispielen. Retrospektiv handelte es sich bei den Ereignissen ab April 1967 um eine mehrmonatige Jagd, deren Ausgang absehbar war und bei der es einzig darum ging, wann die Guerilla besiegt sein würde. Anhand der Entschlossenheit Barrientos, diese zu zerschlagen, lässt sich jedoch ein kontinuierlicher Strategiestil erkennen, durch den er systematisch versuchte, alle verfügbaren Mittel zum Erhalt seiner Macht einzusetzen. Da im Fortbestand des Status Quo sein einziges Ziel lag, ist es schwer, von einer kompassgesteuerten Politik durch ideologische oder normative Vorgaben zu sprechen. Tendenziell war Barrientos Strategie eher opportunitätsgesteuert, indem er jede sich bietende Gelegenheit ergriff, dieses Ziel zu erreichen. Nur so ist es beispielsweise zu erklären, dass selbst kommunistische Gruppierungen unter seiner Regierung relativ frei agieren konnten, so lange er sich nicht bedroht fühlte. Als dies nach Entdeckung der Guerilla jedoch der Fall war, ging er umgehend massiv gegen die Kommunisten vor, um schließlich wieder davon abzusehen, nachdem sich erwiesen hatte, dass sie weder für die Guerilla verantwortlich waren, noch diese unterstützten. Wenn auch seine sozialen Maßnahmen von der Kenntnis der gesellschaftlichen Probleme zeugen, kann die Strategie General Barrientos als politicszentriert definiert werden, da sein Handeln im Kern stark von Macht- und Durchsetzungsaspekten bestimmt war. Auf diese Weise war es Barrientos gelungen, den Versuch Guevaras bereits im Ansatz zu ersticken, der in der Zielsetzung eigentlich auf kontinentale Dimensionen ausgerichtet gewesen war. Nach dem Erfolg auf Kuba hatte es viele weitere Versuche in lateinamerikanischen Staaten gegeben, diesen zu wiederholen. Eine Neuauflage der Kubanischen Revolution war im folgenden Jahrzehnt jedoch ausgeblieben. In Bolivien hatte sich Guevara noch einmal persönlich daran gewagt, durch einen revolutionären Fokus eine Guerillabewegung zu initiieren, welche schließlich ganz Südamerika erfassen sollte. Dazu, dass dies in einem Fehlschlag endete, hatten mehrere Faktoren beigetragen: Krankheiten, unzureichende militärische Ausbildung, Aufnahme unzuverlässiger Kämpfer, Desertionen und Verrat schadeten der Guerilla nachhaltig. Auch die mangelhafte Kenntnis der topographischen Gegebenheiten des Operationsgebietes und der erzwungene vorzeitige Beginn des Aufstands trugen erheblich zum finalen Scheitern bei.2710 Allzu leichtfertig hatte man die kubanische Situation der 1950er Jahre 2710 Vgl. Lamberg: Die castristische Guerilla in Lateinamerika, S. 132f. 353 auf das Bolivien der ausgehenden 1960er übertragen. Ein festes Ziel vor Augen, verfolgte Guevara zwar kontinuierlich seine systematische Strategie zur Entfesselung eines Guerillakrieges, doch hatte er irrtümlicherweise geglaubt, mit den gleichen Mitteln wie in Kuba einen identischen Erfolg auch in Bolivien erringen zu können, ohne sich eingehend mit dem Land, seiner Geschichte und der politischen Situation zu befassen.2711 Den Ausschlag gab aber wohl der Bruch mit den bolivianischen Kommunisten, durch den das ganze Unternehmen von vornherein aussichtslos war. Als ihn weder die Kommunistische Partei Boliviens noch andere linke Organisationen wie etwa Gewerkschaften beistanden und auch die erhoffte Unterstützung der Landbevölkerung, die in seinen Überlegungen als revolutionäres Subjekt eine zentrale Rolle gespielt hatte, allen Bemühungen zum Trotz ausblieb,2712 irrte Guevaras Guerilla ganz auf sich gestellt durch das bolivianische Hochland. Zwar lag durch den Bruch mit der PCB die alleinige Entscheidungsgewalt und Richtungskompetenz bei Guevara, doch wurde er zunehmend zum Getriebenen, dem das Heft des Handelns immer mehr entglitt und dem die Möglichkeit strategischer Steuerung der Ereignisse abhandengekommen war, bis er schließlich von Barrientos Streitkräften im Oktober 1967 ausmanövriert wurde. Trotz aller in kleineren Gefechten errungenen taktischen Erfolge konnte die Kampagne, da ihr mit der Unterstützung der Bevölkerung ein wesentlicher Aspekt einer erfolgreichen Guerillabewegung fehlte, nicht anders als mit einer Niederlage enden. Auch wenn nach Guevara nicht alle Voraussetzungen für eine Revolution gegeben sein mussten, um einen Fokus zu initiieren,2713 sollte jedoch ein „Minimum dieser Bedingungen immer vorhanden“2714 sein, weshalb man sich vor Aufnahme des Guerillakrieges vor allem der „allseitigen Unterstützung der örtlichen Bevölkerung sicher“2715 sein sollte. Ohne „unmittelbare Verbindungen mit den Aktionen der Volksmassen“2716 konnte ihm zufolge eigentlich kein Guerillakrieg begonnen werden,2717 da dieser zwangsläufig zu einem 2711 Vgl. ebd., S. 133. 2712 Vgl. dazu auch Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 79. 2713 Vgl. dazu u. a. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 11. 2714 Ebd., S. 12. 2715 Ebd., S. 14. 2716 Ebd., S. 119. 2717 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 119. Zur Überlegung, dass Guevara seine eigenen Grundsätze in Bolivien missachtet hat, vgl. auch Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 216 und S. 237. 354 Desaster führen würde.2718 Da er fälschlicherweise davon ausgegangen war, den Zuspruch der Bevölkerung von sich aus hervorrufen zu können, war Guevara bei seinen Kalkulationen von unzutreffenden Umweltvoraussetzungen ausgegangen. Weder hatte er die xenophobe Grundhaltung der Bevölkerung bedacht, noch dass die ländlichen Besitzverhältnisse bereits zur weitgehenden Zufriedenheit der Landarbeiter und Kleinbauern geregelt waren.2719 Angesichts dieser unzureichenden Analyse der Rahmenbedingungen, die zwar durchaus gesellschaftsorientiert war, aber von falschen Prämissen ausging, waren auch die eingesetzten Mittel ungeeignet, das gesteckte Ziel zu erreichen, die bolivianische Linke und die Landbevölkerung für die Aufnahme eines Guerillakrieges zu gewinnen. Die weitgefasste Strategie, welche auf kontinentale und sogar globale Zusammenhänge ausgerichtet war, übersah schlichtweg die zahlreichen naheliegenden Probleme vor Ort. Hierin liegt wohl auch die Erklärung für den bei Allemann durchscheinenden Widerspruch, dass es sich bei der bolivianischen Kampagne um einen sorgfältig vorbereiteten und geplanten sowie taktisch „brillant“ geführten Aufstand gehandelt habe, der jedoch desaströs2720 geendet sei.2721 2718 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 119f. 2719 Vgl. May: Che Guevara, S. 112. 2720 Die bolivianische Unternehmung hatte neben 46 Soldaten auch 36 Rebellen das Leben gekostet. 21 Armeeangehörige waren verwundet worden, bei den Rebellen hatte es zwei Verletzte gegeben. Elf von ihnen gerieten in Gefangenschaft. (vgl. Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 175.) 2721 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 214. 355 3. Der Übergang von der Land- zur Stadtguerilla „Feindselige Unternehmungen gegen den ganzen Staat sind größere Verbrechen als die gegen einzelne Bürger. Bei jenen leiden alle Bürger.“ 2722 (Thomas Hobbes) 3.1. Guerilla in urbanem Umfeld? – Versuche in Brasilien und Uruguay Für Allemann war Guevaras Strategie angesichts der Fehlschläge 1961 in Kolumbien, 1962 in Guatemala und Ecuador, 1963 in Peru2723 und des Debakels in Bolivien endgültig gescheitert.2724 Auch Vega stellt fest, dass „Guevaras Theorie der Erfahrung nicht standgehalten“2725 habe. Trotz anderweitiger Hoffnungen hatte sich erwiesen, dass die Bauern fast in ganz Südamerika passiv geblieben waren. Auch den städtischen Arbeitern war mehr an der Verbesserung ihrer unmittelbaren materiellen Situation gelegen als an einem revolutionären Umsturz. Lediglich in intellektuellen Kreisen hatte es einige Sympathien gegeben.2726 Obgleich sich erwiesen hatte, dass eine Landguerilla nach kubanischem Vorbild in Südamerika kaum Erfolgsaussichten hatte, wollten einige Theoretiker vom Konzept des bewaffneten Kampfes noch nicht ablassen und stellten Überlegungen hinsichtlich einer „guerilla urbana“2727 an.2728 Bereits zuvor hatten sich verschiedene Analytiker mit der theoretischen Möglichkeit Stadtguerilla auseinandergesetzt. A. H. Sollom, Oberstleutnant der US-Army, erkannte bereits 1963, dass große Städte „geeignete Bereiche für die Tätigkeit von Partisanen [aufweisen], die sich mit Aktionen befassen, welche man gewöhnlich nicht als militärisch ansieht.“2729 Auch Wilkins sprach im selben Jahr eine derartige Warnung aus: „Eine Guerillabande kann genauso gut in einer großen Stadt kämpfen wie im malaiischen Dschungel. Es wäre gut, wenn wir das nicht vergessen würden.“2730 Dem schloss sich Thayer ebenfalls an, 2722 Hobbes, Thomas: Leviathan. Erster und zweiter Teil, Stuttgart 1970, S. 256. 2723 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 71. 2724 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 241f. 2725 Vega: Die südamerikanische Guerilla, S. 84. 2726 Vgl. Goldenberg: Fidel Castro, Régis Debray, Ernesto Guevara, S. 98f und vgl. dazu auch Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 49. 2727 Lamberg: Die Guerilla in Lateinamerika, S. 228. 2728 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 216, S. 241 und S. 277. 2729 Sollom: Überall und nirgends, S. 50. 2730 Wilkins: Guerillakriegführung, S. 46. 356 der „Unkonventionelle Kampfaktionen in Städten“ für „keineswegs ausgeschlossen“2731 hielt. Dem Vorteil, dass die Guerilla in Städten über viele potentielle Angriffsziele in Form von Infrastruktur und Funktionsträgern des Gegners verfüge, stünden die Nachteile gegen- über, dass eine Konzentration von Kräften im Hinblick auf die Überwachung durch die Polizei kaum möglich sei.2732 Kämen jedoch lediglich kleine Gruppen zum Einsatz, sei es möglich, dass diese in dicht besiedeltem Raum erfolgreich operieren könnten,2733 denn auch in Städten gebe es dem Dschungel vergleichbare Schleichwege durch Keller, Gassen, Dachböden, Kanalisationen etc. Statt im Dickicht könnte eine Guerilla hier in den großen Menschenmassen untertauchen.2734 Auch wenn Guevara selbst nicht geglaubt hatte, dass sich eine Guerilla dauerhaft in industrialisiertem Gebiet würde halten können,2735 hatte er dennoch den Kampf in den Städten nicht vollends verworfen und ihn unter bestimmten Voraussetzungen für möglich gehalten.2736 Zwar waren spätere Rezensenten wie Löwy der Ansicht, dass Guevara die Rolle der Stadtguerilla unterschätzt habe, da er die Erfahrungen in Kuba zu sehr verallgemeinerte,2737 doch wies Guevara auch selbst immer wieder darauf hin, dass „alle hier von uns gemachten Ausführungen sich auf die Erfahrungen des Befreiungskrieges des kubanischen Volkes stützen.“2738 Diese Einschränkung Guevaras ließ Spielraum für den Entwurf neuartiger Konzepte im urbanen Umfeld. In den Großstädten als den eigentlichen Nervenzellen moderner Staaten schien der Gegner am verwundbarsten.2739 Möglicherweise, so der Gedanke, waren ländliche Guerillabewegungen in unterentwickelten Ländern die einzig denkbare Kampfform, in Ländern mit hoher Urbanisierung und Bevölkerungsdichte hingegen bedürfe es einer daran angepassten Strategie.2740 Nachdem es in den Jahren 1962 bis 1965 ein frühes Beispiel urbaner Guerilla gegeben hatte, entwickelten sich seit Mitte der 1960er Jahre in 2731 Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 189. 2732 Vgl. Thayer: Guerillas und Partisanen, S. 191. 2733 Vgl. ebd., S. 125. 2734 Vgl. ebd., S. 190. 2735 Vgl. Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 40. 2736 Vgl. Guevara: Partisanenkrieg – Eine Methode, S. 141-144. 2737 Vgl. Löwy: Che Guevara, S. 84. 2738 Beispielsweise: Guevara: Der Partisanenkrieg, S. 80. 2739 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 278. 2740 Vgl. ebd., S. 279. 357 Brasilien und Uruguay Stadtguerillabewegungen, die dem weltweiten Terrorismus wichtige Impulse geben sollten.2741 3.1.1. Die brasilianische Stadtguerilla Ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, hatte am 31. März 1964 in Brasilien das Militär die Macht an sich gerissen. Die Anhänger des rechtmäßigen Präsidenten Goulart, radikale Gewerkschaftsführer und kommunistische Funktionäre, wurden in großer Zahl verhaftet. Um die Gefahr eines sozialen Umsturzes dauerhaft zu bannen, die nationale Einheit zu festigen und eine ökonomische Entwicklung auf marktwirtschaftlicher Grundlage zu ermöglichen, beabsichtigte die Militärjunta eine langfristige Absicherung ihrer Herrschaft. Die politische Macht lag fortan bei den Streitkräften, der jeweilige Staatschef amtierte zeitlich begrenzt und war lediglich Primus inter pares.2742 Als es im März 1968 in Rio de Janeiro, Sao Paulo, Brasilia sowie anderen Universitätsstädten zu Massendemonstrationen von Studenten kam, denen sich Teile der übrigen Bevölkerung anschlossen, schien das Regime in Folge blutiger Straßenschlachten für kurze Zeit zu wanken, konnte sich letztlich jedoch an der Macht halten. Im April wurde ein geheimer Kongress der Nationalen Studenten-Union (UNE) ausgehoben, über 700 Personen wurden verhaftet. Weitere Razzien folgten. Als im Dezember das Parlament gegen die Einmischungen des Militärs aufbegehrte, wurde den nicht genehmen Abgeordneten schlichtweg das Mandat entzogen und die Pressefreiheit massiv eingeschränkt.2743 Der Weg einer legalen politischen Opposition schien endgültig versperrt.2744 Carlos Marighella2745 gründete daraufhin die „Accao Libera- 2741 Vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 116. 2742 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 290. 2743 Vgl. ebd., S. 295. 2744 Vgl. ebd., S. 296. 2745 Carlos Marighella war 1911 als Sohn einer Farbigen und eines italienischen Einwanderers geboren worden. Ein begonnenes Ingenieursstudium brach er später ab. Bereits in jungen Jahren trat er der PCB (Partido Comunista do Brasil) bei. Durch die ihm eigene Verbindung von intellektueller Begabung und der Fähigkeit zu volkstümlicher Formulierung stieg er schnell zum Berufsfunktionär auf und wurde 1945 zeitweise in die Deputiertenkammer gewählt. Während der Diktatur von Getúlio Vargas wurde er mehrfach verhaftet, was ihn jedoch nicht hinderte, nach den Freilassungen stets wieder zur illegalen politischen Arbeit zurückzukehren. Zwischenzeitlich hatte er sich auf Wei- 358 dora Nacional“2746 (ALN), um den bewaffneten Kampf aufzunehmen.2747 Ihr schlossen sich vor allem Studenten2748 und aktive sowie ehemalige Soldaten an.2749 Da sich Marighella bewusst war, dass eine Stadtguerilla niemals alleine die Diktatur würde überwinden können, beabsichtigte er daher, durch eine Serie harter Schläge in den Städten zunächst die Macht von Militär und Polizei zu zermürben, ehe schließlich der Kampf auch aufs Land ausgeweitet werden sollte, um die Sicherheitskräfte so zwischen Stadt und Land aufzusplittern. In der dritten Phase sollte schließlich ein Volksheer gebildet werden, welches imstande war, einen militärischen Sieg zu erringen.2750 Mit bei zahlreichen Banküberfällen geraubtem Geld wurden ab Anfang 1969 die Voraussetzungen für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes geschaffen. In der Folge kam es in den Großstädten des Landes zu Sprengstoffanschlägen gegen Armeeeinrichtungen und vor allem US-amerikanische Unternehmen, Handstreichen gegen Rundfunkstationen und teilweise auch zu gezielten Mordanschlägen, wie gegen den US- Hauptmann Charles Chandler, den man verdächtigte, CIA-Agent zu sein.2751 Die Zellen der Stadtguerilla bestanden dabei aus ca. fünf bis zehn Personen.2752 Verhaftungserfolge der Polizei waren, da die Anschläge regelmäßig gut vorbereitet waren, indes selten. Entführungen ausländischer Diplomaten2753 dienten neben propagandistischen Zwecken auch der Freipressung Inhaftierter2754 aus den eigenen Reihen. sung seiner Partei in Peking aufgehalten. Beim Putsch von 1964 wurde er erneut verhaftet. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 289 und S. 292 und vgl. Marenssin, Emile: Stadtguerilla und soziale Revolution: über den bewaffneten Kampf und die Rote Armee Fraktion, Freiburg 1998, S. 68.) 2746 „Aktion zur nationalen Befreiung“. 2747 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 296. 2748 Die brasilianische Stadtguerilla bestand laut Gebhardt vor allem aus Studenten zwischen 20 und 25 Jahren. (vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 104.) 2749 Alleine 38 Prozent der Mitglieder waren Studenten und weitere 20 Prozent Soldaten. 17 Prozent ihrer Mitglieder waren freiberuflich tätig, 16 Prozent waren Beamte, Einzelhändler oder sonstige Mittelständler und 8 Prozent entstammten der Arbeiterschicht. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 309.) 2750 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 296. 2751 Vgl. ebd., S. 300. 2752 Vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 101. 2753 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 300. 2754 Alleine die Entführung des US-Botschafters Burke Elbrick im September 1969 erreichte die Freilassung von 15 Gefangenen und die Veröffentlichung eines 359 Zwischen 1968 und 1970 deutete einiges darauf hin, dass das Konzept der brasilianischen Stadtguerilla, welche mit viel Kreativität und Rücksichtslosigkeit den Staat unter Druck zu setzen wusste, möglicherweise aufgehen könnte.2755 Nach einigen erfolgreich durchgeführten Aktionen2756 geriet Marighella Anfang November 1969 jedoch in Sao Paulo in einen Hinterhalt der Polizei und fand bei einem Schusswechsel den Tod. Vieles deutet nach Allemann darauf hin, dass er von zwei Dominikanermönchen, mit denen er sich hatte treffen wollen, verraten worden war, nachdem sie die Polizei durch Folter dazu gezwungen hatte. Durch den Tod Marighellas erlitt die brasilianische Guerilla einen herben Rückschlag. Die ALN büßte in der Folge ihre führende Rolle ein und wurde von der „Vanguardia Popular Revolucionária“2757 (VPR) des ehemaligen Armeehauptmanns Carlos Lamarca, der mit der ALN bislang kooperiert hatte, abgelöst. In der Kampfführung unterschieden sich ALN und VPR, zumal Lamarca die von Marighella aufgestellten theoretischen Grundsätze übernommen hatte, jedoch kaum.2758 Weitere Stadtguerilla-Gruppen waren beispielsweise die „Colina“ („Comando de Liberacao Nacional“2759), die „MR8“ und die „MR26“.2760 Zwei Jahre lang hatten die Sicherheitsbehörden der Stadtguerilla relativ ohnmächtig gegenübergestanden, doch allmählich lernten sie dazu und stellten sich auf ihre Kampfweise ein.2761 Mit dem „Kampf gegen die Subversion“ wurde ein Sicherheitskonzept entworfen, das maßgeblich auf den Einfluss der Höheren Kriegsschule Escola Superior de Guerra zurückging.2762 Während die Einführung der Todesstrafe bei politischen Gewaltverbrechen im Jahre 1969 noch wenig Wirkung gezeigt hatte, hatte sich die Anwendung von Maßnahmen in der Grauzone der Legalität und jenseits davon als erheblich effektiver erwiesen. Formell „private“ Anti-Guerilla-Einheiten übten Gegenterror aus und führten Aktionen durch, welche der Stadtguerilla angelastet wurden, revolutionären Manifestes in den Medien. Durch die Entführung des deutschen Botschafters Ehrenfried von Holleben konnten sogar 40 Inhaftierte freigepresst werden. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 301f.) 2755 Vgl. ebd., S. 300f. 2756 Vgl. ebd., S. 302. 2757 „Revolutionäre Avantgarde des Volkes“. 2758 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 303f. 2759 „Kommando zur nationalen Befreiung“. 2760 Vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 102f. 2761 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 305. 2762 Vgl. ebd., S. 290. 360 wie beispielsweise ein Anschlag auf den Sitz des Kardinal-Erzbischofs von Sao Paulo oder das Verbrennen eines Streifenwagens, in dem zwei Polizeibeamte ums Leben kamen. Daneben gelang es zunehmend, die Netzwerke der Stadtguerilla mit Informanten zu infiltrieren. Zur wichtigsten „antisubversiven Waffe“ wurde jedoch die systematische Folter.2763 Ende April und im Mai 1970 gelang es der Armee, drei Ausbildungslager der Guerilla in der dichten Waldregion der Bundesstaaten Sao Paulo und Parana zu entdecken und 120 Verdächtige festzunehmen. Von diesem Schlag sollte sich die VPR nicht mehr erholen. Im Laufe des Jahres 1970 gewannen die Sicherheitskräfte die Oberhand,2764 ehe die Episode der brasilianischen Stadtguerilla im Jahr darauf zu Ende ging. Lamarca selbst kam im September 1971 ums Leben, als er – verraten durch einen Campesino – auf dem Lande aufgespürt und getötet wurde.2765 Zur Stabilisierung der Lage trug neben der gesteigerten Effektivität der Sicherheitskräfte auch eine zwischenzeitlich einsetzende bemerkenswerte Wirtschaftskonjunktur mit jährlichen Wachstumsraten von annähernd 10 Prozent bei.2766 3.1.2. Das Mini-Handbuch des Stadtguerillero – Die Bedeutung der Theorie von Carlos Marighella Wenn auch die Tupamaros den urbanen Kleinkrieg bereits vor den Brasilianern praktizierten, hatten diese jedoch mit Carlos Marighella den laut Allemann „gründlichsten und radikalsten Theoretiker der neuen Strategie“2767. Ihm zufolge schuf Marighella eine Verbindung zwischen Guevaras Fokus-Konzept und terroristischen Taktiken.2768 Mit seinem im Juni 1969 veröffentlichten Werk2769 „Handbuch des Stadtguerillero“, das Hahlweg eine „förmliche Guerilla-‚Felddienst- 2763 Vgl. ebd., S. 305. 2764 Vgl. ebd., S. 304. 2765 Vgl. ebd., S. 306f. 2766 Vgl. ebd., S. 304f und S. 308. 2767 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 283. 2768 Vgl. ebd., S. 283. 2769 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, in: Conrad Detrez/Márcio Moreira Alves und Carlos Marighela (Hrsg.): Zerschlagt die Wohlstandsinseln der Dritten Welt, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 39-84, hier S. 84. 361 ordnung‘“2770 nannte, hinterließ er ein Vermächtnis, welches weit über die Grenzen Brasiliens hinaus an Bedeutung erlangen sollte. In seinen Handreichungen, die er weltweit verbreitet wissen wollte,2771 hatte er eine detaillierte Handlungsanweisung zur Führung eines Guerillakampfes in Städten zusammengestellt. Ehe er jedoch zum Verfechter eines solchen geworden war, hatte er lange dem Landguerillaprinzip angehangen.2772 Anders als die Führung der „Partido Comunista Brasileiro“ (PCB), die für die Bildung einer breiten, alle Kräfte umfassenden Opposition eintrat, sprach sich Marighella, der im Zuge des Putsches 1964 verhaftet worden war, nach seiner Freilassung gegen einen friedlichen Widerstand zur Beseitigung der Militärdiktatur aus. Aufgrund dieses Dissenses zog sich Marighella im Dezember 1966 aus dem Exekutivausschuss der PCB zurück und wurde im Jahr darauf schließlich aus der Partei ausgeschlossen. In der Folge wandelten sich seine Überlegungen hinsichtlich des bewaffneten Kampfes allmählich und er gelangte zu der Auffassung, dass eine brasilianische Guerilla ohne die Unterstützung der Städte nicht möglich sei.2773 Angesichts der wertvollen Arbeit, welche der städtische Widerstand in Kuba geleistet hatte, waren Marighellas Überlegungen insofern eine konsequente Weiterentwicklung und ein Stück weit eine Anpassung der Theorie Guevaras an die tatsächlichen Gegebenheiten während der Kubanischen Revolution. Nach den Unruhen von 1968 ging Marighella sogar soweit, nicht nur die klassische Landguerilla-Strategie aufzugeben, sondern auch das Konzept gleichzeitiger Land- und Stadtguerilla zu hinterfragen. Seiner Ansicht nach sollte eine Stadtguerilla zunächst die Voraussetzungen für die Entstehung einer Landguerilla schaffen, welche schließlich den Sieg über das Regime erringen sollte.2774 Ganz im Sinne Guevaras sollte ein solcher Aufstand nicht durch eine Partei, sondern alleine von einer kleinen, aber entschlossenen Avantgarde eingeleitet werden.2775 Hierbei handele es sich Marighella zufolge um bewaffnete Kämpfer, Patrioten und gleichzeitig revolutionäre Politiker, die in ihrem urbanen Operationsgebiet unkonventionelle Mittel anwendeten, um gegen Regie- 2770 Hahlweg: Theoretische Grundlagen der modernen Guerilla und des Terrorismus, S. 22. 2771 Vgl. ebd., S. 41. 2772 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 293. 2773 Vgl. ebd., S. 291-294. 2774 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 82. 2775 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 294. 362 rung, Großkapitalisten und ausländische Imperialisten vorzugehen.2776 Dies entsprach auch den Gedanken Lussos, der annahm, dass die Masse der Menschen nicht besonders mutig sei und sie daher durch das Beispiel einer kämpfenden und den Feind schwächenden Avantgarde ermutigt werden müsse, sich am Kampf zu beteiligen:2777 „Eine revolutionäre Bewegung wartet nicht auf einen spontanen Volksaufstand, sondern bemüht sich, ihn hervorzurufen und rasch in Gang zu bringen.“2778 Zu den wichtigsten Zielen der von Marighella definierten Avantgarde zählte, „die Militärdiktatur und die Kräfte der Repression abzulenken, sie aufzureiben und zu demoralisieren“2779. Auf diese Weise sollte das bestehende ökonomische, politische und gesellschaftliche System entlarvt und zerstört werden.2780 Grundlage war daher auch für die Stadtguerilla die Unterstützung des Volkes: „Es muss eine ständige Sorge des Stadtguerillero sein, sich mit der Sache des Volkes zu identifizieren, um dessen Unterstützung zu gewinnen.“2781 Denn von „dem Augenblick an, von dem ein angemessener Teil der Bevölkerung ernsthaft an den Aktionen des Stadtguerillero teilzunehmen beginnt, ist der Erfolg gesichert.“2782 Dies gelinge vor allem durch Angriffe gegen die Regierung und das System der Steuereinziehung sowie durch Gewalt gegen jene, die von Lebensmittelteuerung, „Hungerlöhnen“, Mieterhöhungen und Preissteigerungen profitierten.2783 Die Stadtguerilla sollte das „Lebensdreieck des brasilianischen staatlichen Systems und der nordamerikanischen Herrschaft in Brasilien“2784 – worunter er die Städte Rio de Janeiro, Sao Paulo und Belo Horizonte verstand – durch permanente und unberechenbare Angriffe erschüttern.2785 Hierdurch würde die Regierung gezwungen, ihre Unterdrückungsmaßnahmen zu forcieren: „Polizeirazzien, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen von Unschuldigen und Verdächtigen; Absperren von Autobahnen und 2776 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 41. 2777 Vgl. Lusso, Emilio: Theorie des Aufstands, Wien 1974, S. 65f. 2778 Vgl. ebd., S. 107. 2779 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 42. 2780 Vgl. ebd., S. 42. 2781 Ebd., S. 80f. 2782 Ebd., S. 80f. 2783 Vgl. ebd., S. 80f. 2784 Ebd., S. 60. 2785 Vgl. ebd., S. 60. 363 Landstraßen machen das Leben in der Stadt unerträglich.“2786 Staatliche Morde und Polizeiterror würden den Alltag prägen.2787 Marighella rechnete indes damit, dass es der Polizei nicht gelänge, der Lage Herr zu werden und das Militär schließlich deren Aufgaben übernähme. Doch auch der Armee würde es nicht gelingen, die Organisation zu zerschlagen, da diese in kleine, sich permanent in Bewegung befindliche Gruppen, die „den Brand ständig weiter entfachen“2788, untergliedert und daher nur schwer zu fassen sei.2789 Marighella spekulierte darauf, dass das Volk sich weigere, „mit den Behörden zu kollaborieren, und (…) ein allgemeines Gefühl der Empörung über die Ungerechtigkeit der Regierung und ihre Unfähigkeit, den Schwierigkeiten nicht mit anderen Mitteln beikommen zu können als dadurch, ihre Opponenten physisch zu liquidieren“2790, entstehe. Erst in dieser Situation, da die Regierung die Lage in den Städten immer weniger unter Kontrolle habe, werde es möglich, die Guerilla auf das Land auszuweiten:2791 „Indem wir von der Stadt ausgehen und die Unterstützung des Volkes dort gewinnen, wird die Stufe der Landguerilla schnell erreicht und deren Infrastruktur sorgfältig aufgebaut, während in den Städten die Rebellion weitergeht.“2792 Die Taktik der Stadtguerilla fuße dabei auf einer Vielzahl von untereinander nur lose verbundenen Zellen. Durch die zahlreichen, von verschiedenen Gruppen und aus unterschiedlichen Richtungen geführten Angriffe sollte die Regierung einerseits gezwungen werden, ihre Kräfte durch umfangreiche Sicherungsmaßnahmen aufzuteilen und andererseits sollten durch die demonstrierte Verwundbarkeit des Regimes andere zum gewaltsamen Widerstand animiert werden. Marighella beabsichtigte, die Sicherheitsorgane durch eine Vielzahl an Aktionen in den Städten dazu zu zwingen, sich hier so zu verstärken, dass sie nicht mehr imstande waren, die Guerilla aufs Land zu verfolgen, ohne in den Städten eine gefährliche Blöße zu offenbaren. Dabei vertraute er darauf, dass die Regierung das Risiko ungeschützter Städte nicht eingehen würde und so die entstehende Landguerilla genügend Entfaltungsmöglichkeiten habe.2793 Das taktische Vorgehen der Stadtguerilla 2786 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 80f. 2787 Vgl. ebd., S. 80f. 2788 Ebd., S. 81. 2789 Vgl. ebd., S. 81. 2790 Ebd., S. 81. 2791 Vgl. ebd., S. 82. 2792 Ebd., S. 82. 2793 Vgl. ebd., S. 61. 364 ist laut Marighella u. a. gekennzeichnet durch Überfälle, Besetzungen, Hinterhalte, Straßenkämpfe, Streiks und Arbeitsunterbrechungen, Erbeutung von Waffen, Munition und Explosivwaffen, Gefangenenbefreiung, Hinrichtungen, Entführungen, Sabotage oder Sprengstoffanschläge,2794 welche sich vorrangig gegen Handels- und Industrieunternehmen, Militär- und Polizeieinrichtungen, Regierungsgebäude, Kommunikationsanlagen, US-Firmen und ihre Liegenschaften sowie gegen Kreditinstitute richten.2795 Insbesondere der Banküberfall war für Marighella als „eine typische Enteignungsaktion“2796 gar das „Vorexamen“ des Stadtguerillero, bei dem man nicht nur die Technik des revolutionären Krieges erlernen,2797 sondern auch „dem Nervensystem des Kapitalismus“ konzentrierteste Schläge versetzen könne, da vor allem Großkapitalisten und imperialistische Firmen getroffen würden, deren enteignetes Vermögen nunmehr zur Deckung der Kosten des Kampfes der Guerilla diente.2798 Um sich von gewöhnlichen Kriminellen klar abzugrenzen, müsse bereits während des Überfalls die Möglichkeit „zur Propaganda genutzt werden, und zwar durch das Verteilen von Rundschreiben und Briefen, die über Ziele und Zwecke der Aktionen des Stadtguerillero und den Sinn der Enteignung aufklären.“2799 Über derartige, als „bewaffnete Propaganda“2800 bezeichnete Aktionen werde zwangsläufig in den Medien berichtet. Zur weiteren Verbreitung der eigenen Ziele sollten daneben Untergrundzeitungen, Flugblätter und sonstiges Propagandamaterial wie beispielsweise Tonbänder, Wandparolen, Briefe oder Rundfunkbotschaften aus besetzten Sendestationen dienen.2801 Auch Bombenanschläge waren laut Marighella unbedingt erforderlich: „Auf den Terrorismus als Waffe kann der Revolutionär niemals verzichten.“2802 Anders als die Tupamaros in Uruguay bekannte er sich damit offen zu terroristischen Mitteln.2803 Daneben sollte auch ein „Nervenkrieg“ genannter psychologischer Kampf gegen die Regierung geführt werden, um diese zu verunsichern und zu destabilisieren. Hierbei handelte es sich um „eine aggressive Tech- 2794 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 62. 2795 Vgl. ebd., S. 62f. 2796 Ebd., S. 64. 2797 Vgl. ebd., S. 63. 2798 Vgl. ebd., S. 46. 2799 Ebd., S. 64. 2800 Ebd., S. 72. 2801 Vgl. ebd., S. 72f. 2802 Ebd., S. 72. 2803 Vgl. Marenssin: Stadtguerilla und soziale Revolution, S. 67. 365 nik, bei der durch die Massenkommunikationsmittel und mündlich weitergegebene Nachrichten die Regierung demoralisiert werden soll.“2804 Größtmögliche Desinformation, an der sich im Optimalfall die ganze Bevölkerung beteilige, würde die Regierung in Ungewissheit und Beunruhigung versetzen.2805 Wo immer möglich, solle auch das Ansehen der Regierung beschädigt werden.2806 Selbst „bei ausländischen Botschaften, der UNO, dem apostolischen Nuntius, den internationalen Menschenrechts- und Pressefreiheitskommissionen“2807 solle Anklage erhoben werden. Um die Regierung in einem ständigen Alarmzustand zu halten,2808 müsse die Stadtguerilla durch „Einfallsreichtum, Flexibilität, Vielseitigkeit und Geistesgegenwart“2809 stetig nach der Initiative streben.2810 Da man in direkter Konfrontation Polizei und Militär unterlegen sei,2811 waren offene Kämpfe mit den Sicherheitsorganen allerdings ebenso zu vermeiden2812 wie das Bilden fester Plätze und Stützpunkte in den Städten.2813 Obgleich der schwächere Part, müsse die Guerilla die Rolle des Angreifers übernehmen, um die Initiative zu erringen.2814 In Anbetracht der ungleichen Kräfteverhältnisse sollten die Angriffe daher kurz sein und schnell ausgeführt werden.2815 Eine akribische Vorbereitung und vorherige Informationsbeschaffung würden der Guerilla dabei entscheidende Vorteile verschaffen.2816 Nach jedem erfolgten Angriff würden die Sicherheitskräfte zusätzliche Mittel investieren, um der Guerilla habhaft zu werden. Um diese angesichts des dadurch erzeugten Drucks vor einer Niederlage 2804 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 73. 2805 Vgl. ebd., S. 74. Allemann führt exemplarisch die Falschmeldung über die Existenz einer Guerillaschule in der kleinen Hafenstadt Angra an, woraufhin 6.000 Marinefüsiliere vergebens dorthin in Marsch gesetzt wurden. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 300.) 2806 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 73 2807 Ebd., S. 74. 2808 Vgl. ebd., S. 61. 2809 Ebd., S. 43. 2810 Vgl. ebd., S. 43. 2811 Vgl. ebd., S. 54. 2812 Vgl. ebd., S. 61. 2813 Vgl. ebd., S. 53f. 2814 Vgl. ebd., S. 53f. 2815 Vgl. ebd., S. 61. 2816 Vgl. ebd., S. 59. 366 zu bewahren, gelte es, konsequent das Moment der Überraschung2817 und die bessere Ortskenntnis auszunutzen. Ihre im Vergleich zum Gegner höhere Mobilität komme ihr dabei ebenso zugute wie ihr besseres Informationssystem.2818 Der Kern der Stadtguerilla solle aus den bestausgebildetsten und erfahrensten Männern und Frauen gebildet werden,2819 „die vom ersten Moment an zu allem entschlossen und bereit waren, die persönlich an den revolutionären Aktionen teilnehmen, die weder schwanken noch leere Worte machen.“2820 Dieser Kern sei geschult sowie diszipliniert und besitze zudem „große strategische und taktische Übersicht (...), die sich auf die Anwendung der marxistischen Theorie, der Theorie des Leninismus und der Theorien von Castro und Che Guevara“2821 gründet. „Aus ihm werden Männer und Frauen mit einer politisch-militärischen Bildung, die von nun an eine unzertrennliche Einheit bildet, hervorgehen, und sie werden in der Zukunft die Aufgabe übernehmen, nach dem Sieg der Revolution den Aufbau der neuen brasilianischen Gesellschaft zu führen.“2822 Marighella sah die Stadtguerilla als „ein unzerstörbares Netz von Feuergruppen“2823. Aus maximal vier oder fünf Kämpfern bestehend, sollte die Feuergruppe die Basiseinheit der Stadtguerilla sein:2824 „Die Feuergruppe plant und führt die Aktionen der Stadtguerilla aus, verschafft und versteckt ihre Waffen und studiert und korrigiert die angewandten Taktiken.“2825 Charakteristikum der Feuergruppen ist ein Höchstmaß an Eigeninitiative und Autonomie. Einzig vom strategischen Kommando – der Leitung der Stadtguerilla – übertragene Aufgaben genössen Priorität. Im Gegenzug sollte das Oberkommando, falls erforderlich, dabei helfen, bestimmte Schwierigkeiten zu überwinden.2826 Über diese Struktur hinaus sei „jede rigide Organisations- 2817 Zum Überraschungsmoment vgl. auch ebd., S. 55. 2818 Vgl. ebd., S. 54. Vgl dazu auch: S. 58. 2819 Vgl. ebd., S. 82. 2820 Ebd., S. 82f. 2821 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 83. 2822 Ebd., S. 83. 2823 Ebd., S. 51. 2824 Vgl. ebd., S. 50. 2825 Ebd., S. 50. 2826 Vgl. ebd., S. 50f. 367 form zu vermeiden.“2827 Klassische Hierarchien waren nicht vorgesehen.2828 Marighella widmete sich auch ausführlich den aufwendigen logistischen Voraussetzungen für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes. Um das Vorhandensein von Motorisierung, Geld, Waffen, Munition und Sprengstoff („M-G-W-M-S-Formel“)2829 zu gewährleisten, waren die nötigen Mittel und Gegenstände zu erbeuten – oder in Marighellas Worten: „zu enteignen“.2830 Da die Sicherheitskräfte kontinuierlich versuchen würden, an Informationen über die Guerilla zu gelangen, bestehe stets die Gefahr des Verrats.2831 In der Unterwanderung der Organisation durch Spione sah er sogar die größte Gefahr.2832 Um dem vorzubeugen, empfahl Marighella neben dem Aufbau eines eigenen Apparats zur Gegenspionage2833 vor allem äußerste Vorsichtsmaßnahmen: „Es kann auch nicht zugelassen werden, daß sich alle gegenseitig kennen und jeder alles weiß. Jeder darf nur das kennen, was sich auf seine Arbeit bezieht. Diese Regel ist ein wesentlicher Punkt für die Sicherheit des Stadtguerillero.“2834 2827 Ebd., S. 50. 2828 Vgl. ebd., S. 51. 2829 Vgl. ebd., S. 52. 2830 Vgl. ebd., S. 52. 2831 Vgl. ebd., S. 58. 2832 Vgl. ebd., S. 77. 2833 Vgl. ebd., S. 59. 2834 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 77. 368 3.1.3. Die Tupamaros in Uruguay 3.1.3.1. Rahmenbedingungen Bis in die 1960er Jahre hinein konnte die in Uruguay bestehende Demokratie als die am meisten gefestigte Lateinamerikas bezeichnet werden.2835 Aufgrund seines Wohlstands und des sozialen Friedens wurde das nur 2,5 Millionen Einwohner2836 zählende Land häufig als „Schweiz Lateinamerikas“ bezeichnet.2837 Eine längere Phase wirtschaftlicher Prosperität, die vor allem der bedeutenden Fleischindustrie zu verdanken war,2838 hatte eine breite Mittelschicht2839 hervorgebracht,2840 einen ausgeprägten Sozialstaat ermöglicht2841 und zu allgemeiner politischer Stabilität geführt. Kommunisten und Sozialisten erreichten bei Wahlen kaum mehr als 6 Prozent der Stimmen.2842 Der allgemeine Bildungsgrad stieg an.2843 Als jedoch die Nachfrage nach den uruguayischen Hauptexportwaren Fleisch und Wolle2844 seit Ende der 1950er Jahre auf dem Weltmarkt kontinuierlich zurückging,2845 hatte dies nachhaltige Konsequenzen für das Land. Durch den Exportrückgang sanken die verfügbaren Devisen, was wiederum zu einer Minderung des Imports führte.2846 Ab 1960 beschleunigte sich die Krise.2847 Um das wachsende Defizit der Handels- und Zahlungsbilanz 2835 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 311. 2836 Vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 115. 2837 Vgl. Marenssin: Stadtguerilla und soziale Revolution, S. 68. 2838 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 96. 2839 1960 setzte sich die Bevölkerungsstruktur Montevideos aus 6 Prozent Großbürgern, 30 Prozent Arbeitern und 64 Prozent Mittelstand zusammen. (Vgl. Labrousse, Alain: Die Tupamaros. Stadtguerilla in Uruguay, München 1971, S. 19.) 2840 Vgl. Marenssin: Stadtguerilla und soziale Revolution, S. 68. 2841 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 313. 2842 Vgl. Marenssin: Stadtguerilla und soziale Revolution, S. 67. 2843 Hatte es 1945 noch 12.000 höhere Schüler gegeben, waren es 1957 rund 65.000 (vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 19.) 2844 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 19. 2845 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240. 2846 Vgl. Dîaz, José: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, in: Alex Schubert (Hrsg.): Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay – Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik, Berlin 1971, S. 27-31, hier S. 27f. 2847 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 19. 369 auszugleichen, stiegen bis 1962 die Auslandsschulden auf mehr als das Doppelte des jährlichen Gesamtexports Uruguays.2848 Die Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte betrug in den Jahren 1965 bis 1967 440 Mio. Dollar, Arbeitslosigkeit und Inflation waren die Folgen.2849 Zwischen 1956 und 1959 und dann noch einmal bis 1962 verdoppelten sich die Preise.2850 Alleine 1967 betrug die Inflationsrate 136 Prozent.2851 Die Furcht vor Verlusten führte zu einer massiven Kapitalflucht ins Ausland2852, so dass der ausgeprägte Sozialstaat schließlich nicht mehr zu finanzieren war. 2853 Mit der Mittelklasse büßte die größte gesellschaftliche Gruppe spürbar an Lebensstandard ein2854 und wurde zum Hauptverlierer der Krise.2855 Da auch die Arbeiter- und die Unterschicht deutlich an Lebensqualität verloren,2856 schlugen die großen Erwartungen, die mit dem Wachstum früherer Jahre verbunden gewesen waren, in Enttäuschung und Unzufriedenheit um.2857 Hinzu kam eine weitverbreitete Korruption, die zu einem spürbaren Übel im Land geworden war.2858 In den Jahren zwischen 1955 und 1970 sank das Bruttosozialprodukt pro Kopf jährlich um ein halbes Prozent – so viel wie in keinem anderen südamerikanischen Land.2859 Als in der Folge Streiks und Demonstrationen um sich griffen,2860 erschütterte die zunehmende Krise allmählich auch das politische System in seinen Grundfesten. Der 1967 an die Macht gelangte Präsident Jorge Pacheco Areco bekämpfte die gewerkschaftliche Bewegung mit allen – selbst verfassungsrechtlich fragwürdigen – Mitteln.2861 Bereits wenige Tage 2848 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, S. 28. 2849 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 23 und vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240. 2850 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, S. 28. 2851 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 24. 2852 Zwischen 1962 und 1967 wurde mit schätzungsweise 292 Mio. Dollar das Fünffache des Handelsbilanzdefizits im selben Zeitraum ins Ausland geschafft. (vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 23.) 2853 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 313. 2854 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, S. 31. 2855 Vgl. ebd., S. 29f. 2856 Vgl. ebd., S. 31. 2857 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 97. 2858 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240. 2859 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 313. 2860 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 97 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 313. 2861 Vgl. ebd., S. 315. 370 nach seinem Amtsantritt verbot er sechs linke Organisationen und Parteien, darunter die Sozialistische sowie zwei Zeitungen.2862 In intellektuellen Kreisen setzte sich daher zunehmend die Überzeugung durch, dass demokratische Mittel die politisch und gesellschaftlich notwendigen Veränderungen nicht herbeiführen würden. Doch weder die Kommunistische Partei, die als zu reformistisch bewertet wurde, noch die Sozialisten, schienen über die passenden Antworten zu verfügen. Einige radikale Intellektuelle entschlossen sich daher, von sich aus und ohne Anlehnung an eine Partei den bewaffneten Kampf aufzunehmen.2863 Doch in dem nur 177.508 km² großen Uruguay, dem es an schwer zugänglichen Urwäldern oder Gebirgen mangelte und von dessen 2,5 Millionen Einwohnern2864 70 Prozent in Städten2865 (alleine 46 Prozent in Montevideo2866) lebten, fehlten die Voraussetzungen für den Aufbau einer klassischen Landguerilla.2867 Sie entschieden sich daher, den Kampf in den Städten auszutragen. 3.1.3.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Im Januar 1963 begründeten neun junge, der Mittelschicht entstammende Uruguayer die „Movimiento de Liberación Nacional“2868 (MLN), um, inspiriert durch die Schriften des spanischen Stadtguerilla- Theoretikers Abraham Guillén2869, den bewaffneten Kampf vorzubereiten.2870 Erste Waffen beschaffte man sich durch den Überfall auf das 2862 Vgl. Nunez, Carlos: Die Tupamaros – Bewaffnete Avantgarde in Uruguay, Berlin 1970, S. 24. 2863 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 315. 2864 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, S. 28. 2865 Vgl. Nunez, Carlos: Die Tupamaros, in: Alex Schubert (Hrsg.): Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay – Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik, Berlin 1971, S. 32-60, hier S. 56. 2866 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, S. 29. Nach Müller- Borchert waren sogar 87,2 Prozent der Uruguayer Stadtbewohner und 60 Prozent von ihnen lebten in der Hauptstadt. (vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 96.) 2867 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 311. 2868 „Bewegung der nationalen Befreiung“. 2869 Vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 117. 2870 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 316 und vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240. 371 Klubhaus eines Schweizer Schützenvereins in Nueva Helvecia2871 am 31. Juli.2872 Nachdem die Polizei daraufhin sieben Personen aus der Führungsschicht festgenommen hatte,2873 stieg Raúl Sendic, ein Jurist und Sohn jugoslawischer Einwanderer,2874 zum Anführer der Gruppe auf, die vor allem in der Gewerkschaft der Zuckerarbeiter „Union de Trabajadores Azucareros de Artigas“2875 (UTAA) wurzelte.2876 Ab Ende des Jahres trat die MLN wieder verstärkt durch Waffen- und Sprengstoffbeschaffung in Erscheinung.2877 Nunez bezeichnet die Jahre 1963/64 als Reifeprozess, in der die Gruppe zunächst wohl aus nicht mehr als 20 Kämpfern bestand.2878 Mit einer Serie von Bombenanschlägen, die sich neben ausländischen Botschaften, Konsulaten und Wohnungen von Regierungsvertretern vor allem gegen amerikanische Banken und Unternehmen richteten, eröffnete die MLN schließlich im September 1964 ihren Feldzug gegen den Staat.2879 Offizieller Anlass war der Protest gegen den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Kuba. 1965 blieben die Aktionen der Stadtguerilla jedoch überschaubar.2880 Lediglich am 10. August kam es zu einem Sprengstoffattentat auf die deutsche Chemiefirma Bayer. Erstmals war das Bekennerschreiben nicht mehr mit MLN, sondern mit „Tupamaros“2881 2871 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 316 und vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 35. 2872 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 34. 2873 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317. 2874 Vgl. ebd., S. 315. 2875 „Gewerkschaft der Arbeiter der Zuckerfabriken von Artigas“ 2876 Vgl. Dîaz: Uruguay: Befreiung oder Auslieferung, hier S. 27, vgl. Nunez: Die Tupamaros – Bewaffnete Avantgarde in Uruguay, S. 13, vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317 und vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 115. 2877 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317. 2878 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 40. 2879 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317 und vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 117. 2880 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317. 2881 Der Name „Tupamaros“ geht zurück auf den das letzte lebende Mitglied der königlichen Inka-Familie Tupac Amaru, der 1571 von den Spaniern hingerichtet wurde. Auch durch den Indio-Bauernaufstand von 1780/81 gegen die spanischen Kolonialherren, an dessen Spitze Tupac Amaro II. stand, der nach seiner Gefangennahme ebenfalls exekutiert wurde, avancierte der Name zum Symbol der lateinamerikanischen Freiheitsbewegung. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 318, vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage 372 unterzeichnet. Die weitgehende Passivität hielt bis Februar 1966 an. In dieser Phase wuchs die Bewegung rasant und bereitete sich durch umfassende organisatorisch-logistische Maßnahmen sowie eine intensive Ausbildung auf die nächste Phase des Kampfes vor.2882 Bank- überfälle2883 und der Diebstahl von Waffen erhöhten unterdessen ihre Schlagkraft. Am 22. Dezember 1966 kam es zu einem ersten größeren Feuergefecht mit der Polizei, in dessen Verlauf die Tupamaros erstmals einen Toten hinnehmen mussten. Durch dessen Identifizierung gelang es der Polizei in der Folge, weitere Stadtguerilleros dingfest zu machen und mehrere Stützpunkte und Einrichtungen wie eine illegale Druckerei, ein Ausbildungszentrum, eine Bombenbauwerkstatt und einen Schießstand auszuheben.2884 Anhand der dabei sichergestellten Unterlagen wurde erstmals das ganze Ausmaß der Bedrohung offenkundig.2885 Trotz der wirtschaftlichen und politischen Krisen des Jahres 1967, waren die Tupamaros aufgrund dieser Verhaftungswelle, mit Ausnahme einiger Sprengstoffanschläge, zu keinen größeren Aktionen mehr in der Lage. Sie lernten jedoch aus ihren Fehlern2886 und reorganisierten sich.2887 In dieser Lernfähigkeit sah Allemann einen der Hauptgründe dafür, dass es ihnen mehrmals gelang, sich selbst nach schweren Rückschlägen wieder neu aufzustellen und sogar zu optimieren.2888 Entsprechend nutzten sie das Jahr 1967 zur Konsolidierung und logistischen Verfestigung.2889 Weitere Banküberfälle dienten der Finanzierung und der Einbruch in ein Pulvermagazin bescherte ihnen 500 kg Sprengstoff. Als im Juni 1968 Studentenunruhen ausbrachen, unterstützten die Tupamaros diese mit Anschlägen2890 und einer Serie für den Westen, S. 115 und vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 126.) 2882 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 318. 2883 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 320 und vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 117. 2884 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 320f. 2885 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 41. 2886 Da genau dieses Versäumnis im Dezember 1966 zu dem Zwischenfall mit der Polizei geführt hatte, wurden beispielsweise gestohlene Fahrzeuge nun in illegalen Werkstätten derart umgerüstet, dass sie nicht ohne weiteres mehr identifiziert werden konnten. (vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 321f.) 2887 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 321f. 2888 Vgl. ebd., S. 351. 2889 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 42. 2890 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 322. 373 von Entführungen prominenter Persönlichkeiten aus Wirtschaft2891 und Politik.2892 Die Eskalation des Konflikts fiel mit der weiteren Verschärfung der Wirtschaftskrise zusammen.2893 Schließlich rief die Regierung den Notstand aus.2894 Zwar gelangen den Sicherheitsbehörden Ende 1968 einige Erfolge im Zusammenhang mit der Entdeckung von Depots und der Verhaftung mehrerer Tupamaros, doch war es ihnen nicht möglich zu verhindern, dass die Offensive der Tupamaros 1969 einen neuen Höhepunkt erreichte.2895 Neben großangelegten Überfällen, an denen teilweise 50 Personen beteiligt waren,2896 kam es u. a. zur Besetzung eines Radiosenders während eines wichtigen Fußballspiels. Daneben nahmen die Sabotage-Aktionen gegen ausländische – und vor allem US-amerikanische – Firmen ein nie da gewesenes Ausmaß an.2897 Polizeibeamte, denen die Tupamaros vorwarfen, an Folterungen und Tötungen inhaftierter Terroristen beteiligt gewesen zu sein, wurden gezielt ermordet.2898 Banküberfälle und die Entführungen ausländischer „Diplomaten und Experten“ zur Freipressung von Gesinnungsgenossen setzten sich auch 1970 fort.2899 Obwohl es den Sicherheitsbehörden nicht gelang, die Entführten zu finden, glückte ihnen zumindest die Festnahme von Sendic und weiterer führender Tupamaros.2900 Veröffentlichungen der Streitkräfte zufolge wurden zwischen 1968 und März 1971 23 Waffen- sowie Sprengstoffdiebstähle und 105 Bombenattentate verübt. Bei 74 Bankrauben und Überfällen auf die Spielcasinos in Carrasco und Punta del Este erbeuteten die Tupamaros in diesem Zeitraum schätzungsweise 10 Millionen US-Dollar.2901 2891 So wurde beispielsweise im September 1969 ein italienischer Geschäftsmann entführt und 72 Tage lang gefangen gehalten. Erst nachdem sein Geschäftspartner 15 Millionen Pesos an wohltätige Institutionen gespendet hatte, wurde er wieder freigelassen. (Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 327f.) 2892 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 322f. 2893 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 42. 2894 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240. 2895 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 325f. 2896 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 98. 2897 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 325f. 2898 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 98. 2899 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 329 und S. 332. 2900 Vgl. ebd., S. 332f. 2901 Vgl. Weber, Gaby: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, in: Ernesto Gonzales Bermejo (Hrsg.): Hände im Feuer – Ein Tupamaro blickt zurück, ohne Jahresangabe, S. 243-265, hier S. 249. 374 Ende November 1971 trat bei den Wahlen ein breites linkes Bündnis an, welches den im Ruhestand befindlichen General Liber Seregni nominiert hatte.2902 Zwar sahen die Tupamaros in diesem Zeitraum von gewaltsamen Aktionen ab, doch nach Seregnis Wahlniederlage2903 gegen Juan Maria Bordaberry nahmen sie nicht nur den Kampf wieder auf, sondern verfolgten eine geänderte Strategie indem sie planten, nunmehr von Einzelaktionen zu einer breiten revolutionären Bewegung überzugehen, die das ganze Land erfassen sollte. Die neue Offensive begann mit einem Gefängnis-Ausbruch von 25 Tupamaros und Anschlägen gegen Personen, denen unterstellt wurde, an Repressionen beteiligt gewesen zu sein. Im Anschluss kam es in verschiedenen Stadtteilen Montevideos zu Feuergefechten mit der Polizei, bei dem mehrere Menschen – auch Unbeteiligte – zu Tode kamen.2904 Unter dem Eindruck der Ereignisse setzte Präsident Bordaberry am 15. April 1972 im Kongress den inneren Kriegszustand durch und gab der Armee den Befehl zum Eingreifen.2905 Bei dem Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, erwies sich das Militär als sehr erfolgreich.2906 Binnen sechs Monaten wurden die Tupamaros in einer rücksichtslosen Kampagne nahezu vollständig zerschlagen.2907 Rund 800 führende Tupamaros wurden verhaftet.2908 Der Einsatz der Armee im Innern forderte jedoch einen hohen Preis: Im Februar 1973 erzwangen Heer und Luftwaffe die Absetzung des gerade erst ernannten Kriegsministers und die Einrichtung eines „Nationalen Verteidigungsrates“, der in der Hierarchie über dem Kabinett stand. Vier Monate später löste der Präsident das Parlament auf und errichtete ein autoritäres Regime,2909 bei dem die tatsächliche Macht indes beim Militär lag.2910 2902 Vgl. ebd., S. 337. 2903 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 339f. 2904 Vgl. ebd., S. 341-346. 2905 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 241 und vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 128. 2906 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 343-346. 2907 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 241. 2908 Vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 129. 2909 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 346f. 2910 Vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 129. 375 3.1.3.3. Das Wesen der Tupamaros Allemann schätzt die Stärke der kämpfenden Zellen der Tupamaros Mitte 1970 auf 200 Personen.2911 Die Struktur der Tupamaros baute auf dem leninistischen Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ auf, besaß aber dennoch ein „eigenständiges Gepräge“, das nach Allemann aus einer „Verbindung von strategischer Zentralisation und taktischer Dezentralisierung, von militärischer rigoroser Unterordnung und ‚innerer Demokratie’“2912 bestand. Ebenso wie bei der brasilianischen Stadtguerilla stand auch an der Spitze der MLN eine „Exekutivkomitee“ genannte strategische Leitung.2913 Auch wenn sich de facto einzelne Personen wie beispielsweise Raul Sendic in besonderer Weise hervortraten,2914 war das Komitee als Kollektivorgan die Vertretung der Tupamaros nach außen angelegt. Dem Anspruch nach sollte es weder einen Führer der Organisation geben, noch sollte ein Einzelner in ihrem Namen sprechen.2915 Unterhalb des Exekutivkomitees waren die Tupamaros in weitgehend selbstständig operierende Zellen untergliedert. Unterschieden wurden sie in mindestens aus zwei Personen bestehende kämpfende Zellen und sogenannte „periphere Zellen“, die mit der Durchführung unterstützender Aufgaben betraut waren.2916 Einige Zellen verfügten sogar über eigene Laboratorien, Werkstätten und Hilfsdienste.2917 Aus Sicherheitsgründen waren die einzelnen Gruppen und Abteilungen vollständig voneinander abgeschottet2918 und standen untereinander nur lose über ihre jeweiligen Führer miteinander in Kontakt.2919 Diese dezentrale Struktur sicherte die Handlungsfähigkeit der Tupamaros, selbst wenn eine Gruppe zerschlagen wurde.2920 Für den Fall, dass mehrere Führungskader ausfielen, stand sogar eine Reserve-Führung bereit, die sofort einspringen konnte. Trotz des erforderlichen hohen Geheimhaltungsgrades wurde auf ein starkes innerdemokratisches Moment Wert gelegt. Die Exekutive informierte nicht nur regelmäßig die Zellen über alle Vorgänge, sondern 2911 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 331. 2912 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 351. 2913 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 319 und S. 325. 2914 Vgl. ebd., S. 317 und S. 332f. 2915 Vgl. ebd., S. 352. 2916 Vgl. ebd., S. 319 und S. 325. 2917 Vgl. ebd., S. 331. 2918 Vgl. ebd., S. 319. 2919 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 43. 2920 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 325. 376 diese waren ihrerseits auch befugt, Initiativen einzubringen und Kritik zu üben. In wichtigen Angelegenheiten wurden die Mitglieder durch Abstimmungen beteiligt.2921 Außer den aktiven Zellen gab es noch mehrere hundert „Hilfskräfte“,2922 vielleicht sogar „Tausende von unorganisierten Sympathisanten“2923. Clutterbuck spricht für Anfang 1971 von ca. 3.000 Personen.2924 Das „Prinzip der konzentrischen Kreise“ ermöglichte es trotz aller Abschottung, den Kontakt zur Bevölkerung zu wahren.2925 Neue Mitglieder wurden von einem „Paten“ lange und intensiv getestet. Sie mussten sich bewähren und zahlreiche Prüfungen ablegen, ehe über ihre Aufnahme entschieden wurde und man sie einer sorgfältigen militärischen Ausbildung unterzog.2926 In den ersten Jahren waren die Tupamaros dadurch vor Infiltration weitgehend geschützt. Erst die enorme Vergrößerung der Jahre 1971/72 machte sie in dieser Hinsicht verwundbar und erleichterte ihre Zerschlagung.2927 Um ein Abgleiten in gewöhnliche Kriminalität zu verhindern, wurde seitens der Tupamaros genau definiert, welche kriminellen Handlungen zu revolutionären Zwecken zulässig waren. Während Banküberfälle der Finanzierung und Attentate der Durchsetzung ihrer Ziele dienten, verpflichtete man sich, Arbeitern, Kleinhändlern und Kleingewerbetreibenden keinen Schaden zuzufügen. Sollte dies einmal unvermeidlich sein, waren sie zu entschädigen.2928 Zwar wurde erbeutetes Geld größtenteils in die Infrastruktur der Stadtguerilla investiert,2929 doch gleichzeitig kultivierten die Tupamaros auch eine Art „Robin-Hood-Image“ und verteilten gestohlenes Geld sowie entwendete Nahrungsmittel an Bedürftige in den Slums von Montevideo.2930 2921 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 319 und vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 43. 2922 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 331. 2923 Ebd., S. 351. 2924 Vgl. Clutterbuck, Richard: Terrorismus ohne Chance – Analyse und Bekämpfung eines internationalen Phänomens, Stuttgart 1975, S. 68 und vgl. Godfrey: The Latin American Experience, S. 132. 2925 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 351. 2926 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 43. 2927 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 351. 2928 Vgl. ebd., S. 320. 2929 Vgl. ebd., S. 344. 2930 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 240 und vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 317. 377 Vor dem Hintergrund der Krise des Landes gewannen die Tupamaros an Zuspruch in der Bevölkerung.2931 Während andere linke Gruppen sich in ideologischen Grabenkämpfen zerrieben,2932 umgingen die Tupamaros dies mit der Parole: „Die Taten einen uns, Worte spalten.“2933 Da sie aus diesem Grund kein politisches Programm besaßen,2934 können ihre Ziele lediglich aus ihren Ver- öffentlichungen und Verlautbarungen abgeleitet werden. So bezeichneten sich die Tupamaros in dem Anfang 1966 erschienenen „’Reglement’ des MLN“ als „organisierte Vorhut der ausgebeuteten Klassen in ihrem Kampf gegen das Regime“2935. In der Annahme, dass sich die Krisen in Uruguay verschärfen und sich hieraus objektive und subjektive revolutionäre Bedingungen entwickeln würden,2936 bestand ihre Zielsetzung in der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft.2937 Bis dahin wollte man auf die Veröffentlichung einer detaillierten Strategie verzichten und lediglich allgemeine strategische Richtlinien zur Orientierung formulieren.2938 Fest stand indes, dass der Weg zur Machtübernahme über den bewaffneten Kampf einer Avantgarde führen musste,2939 welche eine mögliche revolutionäre Situation nutzte, ehe diese ungenutzt verstrich.2940 Dabei sahen sich die Tupamaros Nunez zufolge zugleich als Bestandteil der von Guevara formulierten Strategie der „zwei, drei, vielen Vietnam.“2941 Grundlage der Tupamaro-Strategie war die Fokus-Theorie Guevaras, nach welcher der bewaffnete Kampf die objektiven und subjektiven revolutionären Bedingungen selbst schaffen könne und diese nicht erst abgewartet werden müssten. Ebenso wenig war für sie die Einheit der Linken eine Voraussetzung für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes. Vielmehr wollte man die Linke auf diese Weise vor vollendete Tatsachen stellen und durch eine erzwungene Entscheidung für oder 2931 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 42. 2932 Vgl. Weber: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, S. 245. 2933 Weber: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, S. 245. 2934 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 168. 2935 Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 318. 2936 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 50. 2937 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 319. 2938 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 49. 2939 Vgl. ebd., S. 60. 2940 Vgl. Nunez: Die Tupamaros – Bewaffnete Avantgarde in Uruguay, S. 28. 2941 Vgl. ebd., S. 60. 378 gegen die Revolution eine solche Einheit herbeiführen.2942 Ein entsprechender Gedanke wurde in einem am 2. Juni 1968 in der chilenischen Zeitschrift Punto Final erschienenen Interview „30 Fragen an einen Tupamaro“2943 geäußert. Unter der Berufung auf Kuba, wo „eine Handvoll Guerilleros (…) ein revolutionäres Bewußtsein, eine revolutionäre Organisation und revolutionäre Situationen“2944 geschaffen hatten, ging man davon aus, solches auch in Uruguay vollbringen zu können:2945 „Im gegenwärtigen Stadium der Geschichte kann niemand mehr abstreiten, daß eine bewaffnete Gruppe, so klein sie auch sein mag, bessere Aussichten hat, sich in eine große Volksarmee zu verwandeln, als eine Gruppe, die sich darauf beschränkt, revolutionäre Lehrsätze zu verkünden.“2946 Demnach begriffen sich die Tupamaros als Avantgarde,2947 die zunächst den Menschen zu vermitteln versuchte, dass es nur durch die Revolution zu einer Veränderung kommen könne, um schließlich eine Streitmacht aufzubauen, welche diese herbeizuführen in der Lage war.2948 Angesichts der vorrangig urbanen Lebenssituation in Uruguay,2949 welche das Entstehen eines Guerillafokus auf dem Land nicht zuließ, bedurfte es hierzu einer speziell hierauf zugeschnittenen Strategie.2950 Unabhängig von Marighella hatten die Tupamaros die gleichen Schlussfolgerungen gezogen und wollten das Kampfgebiet der Guerilla in die Städte verlagern.2951 Insbesondere in Montevideo schienen die Bedingungen für den städtischen Kampf günstig. Die Metropole war groß genug und die Bevölkerung durch die sozialen Spannungen infolge der Krise polarisiert. Ihnen zugetane Bewohner boten den Tupamaros potentiellen Schutz. Die Armee galt als eine der schlechtesten Lateinamerikas und eine Intervention der Vereinigten Staaten war ihrer Ansicht nach nicht zu befürchten. Falls die USA dennoch eingreifen sollten, erhoffte man sich 2942 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 45. 2943 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 46. 2944 Ebd., S. 47. 2945 Vgl. ebd., S. 47. 2946 Ebd., S. 48. 2947 Vgl. ebd., S. 50. 2948 Vgl. ebd., S. 58. 2949 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 96. 2950 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 51. 2951 Vgl. Allemann: Guerilla und Terrorismus der Gegenwart in Lateinamerika, Nahost und Nordirland, S. 57. 379 sogar zusätzlichen Zuspruch aus der Bevölkerung.2952 Wenn auch Uruguay auf dem Lande nicht die Voraussetzungen für einen revolutionären Fokus bot, hielten die Tupamaros zu einem späteren Zeitpunkt die Ausweitung des Kampfes über die Stadtgrenzen hinaus für erforderlich, um die Kapazitäten der Sicherheitsorgane aufzuspalten.2953 Ausgehend von der Annahme der Verwundbarkeit hoch entwickelter städtischer Infrastrukturen wollte man durch gezielte Nadelstiche die Regierung verunsichern, um sowohl Schwächen und Anfälligkeit des Systems offenzulegen als auch die Bevölkerung aus ihrer Lethargie zu erwecken.2954 Sprengstoffanschläge „auf exklusive Klubs und Restaurants wie auf Lokale der Regierungspartei“2955 gehörten ebenso dazu wie Attentate auf Angehörige der Sicherheitsorgane.2956 Da die MLN unterstellte, die weitreichenden in Uruguay vorherrschenden Freiheiten seien eine besonders hinterhältige Tarnung, um die Ausbeutung des Volkes zu verschleiern,2957 wollte sie den Staat durch Provokation zu extremen Reaktionen verleiten.2958 Die durch Terror herbeigeführte Eskalation der politischen Situation im Land sollte der Bevölkerung die verborgenen gesellschaftlichen Widersprüche aufzeigen.2959 Aufsehen erregten dabei vor allem die teilweise spektakulären Entführungen ausländischer Diplomaten,2960 deren zuvorkommende Behandlung ebenso wie die Freilassung der Geiseln nach Erfüllung der jeweiligen Forderungen den Tupamaros sogar Sympathien einbrachten.2961 Dies änderte sich, als die Tupamaros auf die Weigerung der Regierung hin, 150 politische Gefangene auszutauschen, den US-Amerikaner Dan Mitrione2962, der als Berater bei der Polizeipräfektur fungierte, ermordeten. Dies stieß nicht nur bei einem großen Teil der Bevölkerung auf 2952 Vgl. Allemann: Guerilla und Terrorismus der Gegenwart in Lateinamerika, Nahost und Nordirland, S. 52f. 2953 Vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 57. 2954 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 281f. 2955 Ebd., S. 335. 2956 Vgl. ebd., S. 331. 2957 Vgl. ebd., S. 281f. 2958 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 241. 2959 Vgl. Allemann: Guerilla und Terrorismus der Gegenwart in Lateinamerika, Nahost und Nordirland, S. 65. 2960 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 241. 2961 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 325. 2962 Die von den Tupamaros aufgestellte Behauptung, Mitrione sei CIA-Agent gewesen, wurde von dessen Sohn vehement bestritten. (vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 128.) 380 Ablehnung, sondern stärkte zusammen mit den oftmals überzogenen Forderungen der Entführer die Hardliner in der Regierung. In der Folge töteten die Tupamaros nie wieder eine Geisel. Sie hatten gelernt, dass es wirksamer war, einen Gefangenen so lange wie möglich festzuhalten und damit die Unfähigkeit des Staates zu demonstrieren, diesen zu befreien. Teilweise befanden sich bis zu fünf Geiseln in der Hand der Tupamaros. Der Polizei gelang es bis zum Ende des Konflikts jedoch nicht, ein sogenanntes „Volksgefängnis“ zu entdecken.2963 Bis 1970 hatten die Tupamaros nur gegen die Polizei gekämpft, wenn es nicht zu vermeiden war. Nunmehr gingen sie offensiv gegen diese vor.2964 Offene Feuergefechte zwischen den Tupamaros und der Polizei nahmen zu und zeugten von einer ansteigenden Eskalation des Konflikts. Aufgrund des wachsenden Wagemuts der Tupamaros forderte dies jedoch auch immer mehr Verluste auf ihrer Seite. Die Zahl der bei Feuergefechten ums Leben Gekommenen und die der Inhaftierten nahmen zu. Doch auch wenn sich Mitte 1971 mehrere Hundert MLN- Mitglieder und Unterstützer in Haft befanden, blieb die Aktivität der Tupamaros konstant hoch.2965 In der späteren Phase der Auseinandersetzungen gingen sie zu immer komplexeren Operationen über. So entwendete beispielsweise am 5. November 19702966 ein aus 62 Personen bestehendes Kommando nach monatelanger Vorbereitung Juwelen und Wertgegenstände im Wert von mindestens einer Milliarde Pesos aus der Nationalen Pfandleihanstalt.2967 Der Umstand, dass diese gegenüber dem Innenministerium gelegen und der Überfall mit einem hohen Risiko verbunden war, belegt laut Allemann, dass die Tuapamaros damit die Hilflosigkeit der Regierung demonstrieren wollten.2968 Allerdings hatten die Tupamaros auch die Erfahrung machen müssen, dass die Stadtguerilla sehr anfällig war, wenn sie außerhalb der Großstadt operierte. Am 8. Oktober 1969 waren 50 als Trauergemeinde getarnte Tupamaros in die 15.000-Einwohner-Stadt Pando eingedrungen und hatten das Polizeikommissariat, die Feuerwehrwache und die Telefonzentrale besetzt. In drei Banken erbeutete man dabei 81 Mio. Pesos. Außer, dass die Operation die angewachsene Stärke und Schlagkraft der Tupamaros demonstrieren sollte, wurde auch die Durchführ- 2963 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 332-335. 2964 Vgl. ebd., S. 331. 2965 Vgl. ebd., S. 336. 2966 Vgl. ebd., S. 329. 2967 Vgl. ebd., S. 331. 2968 Vgl. ebd., S. 329. 381 barkeit größerer Operationen getestet.2969 Auf dem Rückweg jedoch geriet ein Großteil des Kommandos in Straßenkontrollen der Sicherheitskräfte, die den Ort inzwischen hermetisch abgeriegelt hatten,2970 woraufhin man die Fahrzeuge aufgab und zu Fuß zu flüchten versuchte. Von der Polizei gestellt, kam es zu einem Feuergefecht, in dessen Folge die gesamte Beute verloren ging. Drei Tupamaros kamen ums Leben, 19 weitere wurden festgenommen. Dass die Aktionen der Tupamaros in der Folge nicht abnahmen, wertet Allemann als ein Indiz für ihre konstant hohe Schlagkraft. Dennoch beschränkte man nach dieser Niederlage das Operationsgebiet wieder auf Montevideo.2971 Einige bemerkenswerte Erfolge erzielten die Tupamaros indes in psychologisch-propagandistischer Hinsicht: Anfang 1969 entwendeten sie aus den Büros des Finanzinstituts Financiera Monty zahlreiche geheime Kontobücher, anhand derer sich illegale Machenschaften und Steuerhinterziehungen der Firma nachweisen ließen.2972 Über die Medien machten die Tupamaros öffentlich, dass auch prominente Politiker bis hin zum Landwirtschaftsminister, der daraufhin zurücktreten musste, involviert waren. Der propagandistische Erfolg maximierte sich, als kurz nach den Veröffentlichungen die Archive des Finanzinstituts in Flammen aufgingen und der Verdacht aufkam, das Institut selbst sei – um weitere Enthüllungen zu vermeiden – hierfür verantwortlich. In der Folge wurde die Methode des Diebstahls und der Veröffentlichung Unternehmen und Politiker belastenden Beweismaterials eine der gefährlichsten Waffen der Tupamaros.2973 Nicht selten waren es Vertrauensleute in den angegriffenen Institutionen selbst, die derartige Erfolge erst ermöglichten.2974 Als sich 1971 eine breite Koalition der gesamten Linken bildete, um den im Ruhestand befindlichen General Liber Seregni bei den Präsidenten- und Parlamentswahlen am 28. November zu unterstützen, schloss sich ihr auch die MLN an und verkündete einen vorübergehenden Gewaltverzicht. Trotz ihres Selbstverständnisses als Avantgarde und auch wenn sie hinsichtlich der Reformierbarkeit des Systems durch Wahlen skeptisch waren, bemühten sie sich, eine vollkommene Abschottung gegenüber anderen oppositionellen Gruppen 2969 Vgl. ebd., S. 328f. 2970 Vgl. Gebhardt: Guerillas: Schicksalsfrage für den Westen, S. 119. 2971 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 328f. 2972 Vgl. ebd., S. 325f. 2973 Vgl. ebd., S. 326 und S. 329. 2974 Vgl. ebd., S. 330. 382 zu vermeiden. Außer, dass sie darum wussten, wie schädlich es war, sich von der potentiellen Gefolgschaft zu weit zu entfernen, wollte man vor allem verhindern, dass eine Wahlniederlage später der MLN angelastet wurde. Sie gingen vielmehr davon aus, dass die Massen erst vom demokratischen Weg enttäuscht werden müssten, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass sich das Regime auf diese Weise nicht verändern ließe. Als das Wahlbündnis schließlich nur 18 von 100 Parlamentssitzen errang und Liber Seregni bei der Präsidentschaftswahl Juan Maria Bordaberry unterlag, sahen sich die Tupamaros in ihrer Sichtweise bestätigt. Nachdem Bordaberry am 1. März 1972 sein Amt angetreten hatte, hielten sie den Zeitpunkt für gekommen, den Kampf auf eine neue Stufe zu heben und statt Einzelaktionen eine breite revolutionäre Bewegung zu initiieren, die auch aufs Land übergreifen sollte. Die Zeit nach den Wahlen wurde genutzt, um die Organisation entsprechend umzubauen und mehr Mitglieder zu rekrutieren, um die neue Strategie im Rahmen der „Operación Tatú“ (Operation Gürteltier) umzusetzen. Logistische Vorbereitungen wurden getroffen, Stützpunkte in der Provinz errichtet und versteckte Depots angelegt. Die Tupamaro-Kolonnen in Montevideo selbst wurden verstärkt und außerhalb Montevideos sieben neue Kolonnen aufgestellt. Die Tupamaros schienen nach dem Wahldesaster davon ausgegangen zu sein, die breite Masse der Bevölkerung sei nun ebenfalls von der Notwendigkeit einer gewaltsam herbeigeführten Revolution überzeugt.2975 Durch das Anwachsen waren die Tuapamaros jedoch angreifbar und so gelang es der eingesetzten Armee schließlich, sie niederzuringen.2976 3.1.3.4. Die Politik der Regierung Da die Tupamaros eine ernsthafte Bedrohung der nationalen Sicherheit und politischen Stabilität des Landes darstellten, war die Regierung darum bemüht, die Gefahr mit allen Mitteln abzuwenden. Sie verfolgte dazu u. a. einen Kurs strenger Pressezensur. Bei regierungskritischen Berichten konnte ein Zeitungsverbot erfolgen.2977 Dass die Regierung am 4. Juli 1969 per Dekret die Verbreitung aller Informationen über die Tupamaros untersagte, zeigte nach Allemann, wie groß die Furcht vor ihrer Propaganda war. Begriffe wie „Tupamaros“, „Extremisten“, „Ter- 2975 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 337-342. 2976 Vgl. Becket: Encyclopedia of Guerilla Warfare, S. 241. 2977 Vgl. Weber: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, S. 249. 383 roristen“ und „Subversive“ wurden vermieden. Die offizielle Sprachregelung sollte sich auf „Kriminelle“ und „Übeltäter“ beziehen, jedoch waren diese Bemühungen nicht von Erfolg gekennzeichnet und schadeten der Regierung eher.2978 Allerdings war dies ein deutlicher Beleg dafür, dass die Regierung durch eine Kriminalisierung Sympathien in Teilen der Bevölkerung und daraus erwachsender Unterstützung für die Tupamaros entgegenwirken wollte. Seit 1968 herrschte in Uruguay ein permanenter Ausnahmezustand. Linke Organisationen konnten per Dekret verboten werden2979 und Hausdurchsuchungen waren ebenso wie Verhaftungen ohne richterlichen Beschluss möglich. Die Versammlungsfreiheit galt nur noch eingeschränkt. Beamte, deren Loyalität zweifelhaft war, wurden aus dem Dienst entfernt. Um Arbeitsniederlegungen in wichtigen Versorgungseinrichtungen vorzubeugen, wurden beispielsweise Banken sowie staatliche Elektrizitäts- und Telefonwerke militarisiert. Die Angestellten erhielten einen militärischen Dienstgrad, so dass ein Streik einer Desertion gleichgekommen wäre.2980 Laut Müller-Borchert war die Bekämpfung der Stadtguerilla lange Zeit vor allem eine Aufgabe polizeilicher Ermittlungsarbeit.2981 Entsprechend reagierte die Regierung auch auf die Entführungswelle ausländischer Diplomaten mit massivem Polizeieinsatz. 12.000 Polizeibeamte2982 suchten in der größten Polizeiaktion der Geschichte des Landes nach den Geiseln. Obwohl es nicht gelang, die Geiseln zu befreien, konnten dabei acht führende Köpfe – darunter Raúl Sendic – festgenommen werden.2983 Während des gesamten Konflikts war es den Polizeikräften jedoch nicht möglich, Geiseln der Tupamaros aufzuspüren und zu befreien. Ausgesetzte Belohnungen erbrachten ebensowenig Erfolg2984 wie verstärkte Repressionsmaßnahmen. Den Behörden blieb eine Durchdringung der Tupamaros verwehrt.2985 Zwar gelang es der Polizei, regelmäßig Zellen der Tupamaros aufzuspüren und zu inhaftieren, doch wurde dadurch 2978 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 327. 2979 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 250. 2980 Vgl. Weber: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, S. 249f. 2981 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 99. 2982 Zum Vergleich: In ganz Uruguay gab es 22.000 Polizeibeamte und 12.000 Soldaten. Jeweils 6.000 Soldaten und Polizisten waren in Montevideo stationiert. (vgl. Labrousse: Die Tupamaros, S. 55 und Nunez: Die Tupamaros – Bewaffnete Avantgarde in Uruguay, S. 9.) 2983 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 333. 2984 Vgl. ebd., S. 335. 2985 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 42f. 384 die Operationsfähigkeit der Tupamaros aufgrund ihrer dezentralen Struktur nicht eingeschränkt.2986 Als die Tupamaros 1972 allerdings dazu übergingen, den bewaffneten Aufstand im ganzen Land vorzubereiten, gaben sie durch die Vergrö- ßerung ihrer Organisation mit der bis dahin praktizierten undurchdringlichen konspirativen Abdichtung nach außen ihre bisherige Stärke auf. Allerdings stand ihr zu diesem Zeitpunkt mit dem Militär nunmehr ein wesentlich effektiverer Gegner gegenüber als es die Polizei, in deren Reihen es viele Sympathisanten und heimliche Helfer gab, bislang gewesen war. Anders als die übrigen staatlichen Institutionen, war das Militär von einer Unterwanderung weitgehend unberührt geblieben.2987 Vielmehr hatte es sich vor dem Hintergrund der Krise und der laufenden Auseinandersetzungen mit den Tupamaros seit langem auf den Einsatz gegen diese vorbereitet. Während die Streitkräfte zu Beginn des Konflikts noch zu den Ineffektivsten des Kontinents gezählt hatten, hatten sie seither eine grundlegende Wandlung vollzogen.2988 US-Instrukteure hatten sie gezielt weiterentwickelt und modernisiert.2989 Da es keine Wehrpflicht gab, war es gelungen, einen Korpsgeist zu konservieren und sich gegenüber der Infiltration durch Sympathisanten der Tupamaros abzuschotten. Bald schon stellten sich daher erste Erfolge ein und bereits im Sommer 1972 konnten die neuen und noch unerfahrenen Tupamaro-Gruppen auf dem Lande unschädlich gemacht werden. Zunehmend deckte das Militär die Tupamaro- Infrastruktur auf. Die Volksgefängnisse, deren Entdeckung der Polizei jahrelang nicht gelungen war, wurden nun von den Streitkräften aufgespürt. Daneben fanden sie binnen weniger Monate Werkstätten, Magazine und sogar ganze Untergrund-Hospitäler. Unmengen an Waffen wurden sichergestellt und zahlreiche Dokumente aufgefunden, die zu weiteren Fahndungserfolgen führten. Zwar hatte auch die Polizei schon gefoltert, doch die Armee ging wesentlich weiter. Mittels ausgefeilter physischer und psychischer Foltermethoden erzielte sie deutlich mehr Geständnisse als zuvor die Polizei. Zudem konnte mit Héctor Amodio Pérez eine ehemalige Führungspersönlichkeit der Tupamaros nach seiner Festnahme dafür gewonnen werden, mit den Behörden zu kooperieren und weitere wichtige Hinweise zu liefern. Die Zahl der Inhaftierten, die bis zum Frühjahr 1972 einige Hundert 2986 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 327. 2987 Vgl. ebd., S. 342. 2988 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 344f. 2989 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 345 und vgl. dazu auch Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 99. 385 betragen hatte, stieg bald in die Tausende. Um erneuten Ausbrüchen vorzubeugen, waren die Gefangenen strikt voneinander getrennt und in improvisierten Militärgefängnissen scharf bewacht.2990 Neben den offiziellen Sicherheitsorganen bestanden während des Konflikts in Uruguay verschiedene „rechtsradikale Geheimbünde“ wie die „Movimiento Armado Nacional Oriental”2991 (MANO), das „Commando Caza Tupamaros“2992 (CCT) oder das „Juventud Uruguaya de Pié“2993 (JUP), welche die Terroristen mit ihren eigenen Methoden angriffen. Da es diesen Gruppen jedoch nicht gelang, die Tupamaros direkt zu treffen, attackierten sie vor allem Rechtsanwälte, die Tupamaros verteidigt hatten, Einrichtungen von Gewerkschaften und Studentenverbänden oder linke Buchhandlungen.2994 Weber spricht in diesem Zusammenhang auch von „Todesschwadronen“, die sich aus Polizei- und Militärangehörigen zusammensetzten und ähnlich vorgingen.2995 3.1.3.5. Die Bedeutung der Tupamaros Laut Allemann war es der größte und entscheidende Fehler der Tupamaros gewesen, Anfang 1972 zu einer Massenorganisation zu werden.2996 Derart angreifbar geworden, wurden sie soweit geschwächt, dass sie die Errichtung der Militärdiktatur 1973 – eine Situation, die sie ursprünglich hatten heraufbeschwören wollen – nicht mehr in ihrem Sinne hatten nutzen können.2997 Dennoch konstatiert Allemann, dass es sich bei den Tupamaros um „die weitaus erfolgreichste und am längsten aktive Stadt-Guerilla“ gehandelt habe, die „ihrem Ziel auch erheblich näher gekommen waren als alle anderen Guerilla-Bewegungen.“2998 Nie zuvor und nie mehr danach habe „eine so kleine Schar 2990 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 343-346. 2991 „Bewaffnete nationale Bewegung Uruguays“. 2992 „Kommando zur Jagd auf die Tupamaros“. 2993 „Uruguayisches Jugendaufgebot“. 2994 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 336. 2995 Vgl. Weber: Ein Mythos stirbt – Tupamaros heute, S. 250. 2996 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 354. 2997 Vgl. ebd., S. 348. 2998 Ebd., S. 348. 386 von Rebellen ein ganzes Staatswesen so sehr und so lange in Atem“2999 gehalten. Die Schlagkraft der Tupamaros beruhte vor allem in der „Dichte und Straffheit ihrer Organisation.“3000 Sie waren weitgehend geschlossen und einig. Die Gefahr einer Spaltung, welche die Revolutionäre in anderen lateinamerikanischen Staaten geschwächt hatten, war bei ihnen nicht gegeben. Indem sich die Tupamaros mit Polemik gegenüber anderen linken Ansichten, Theorien, Denkweisen etc. zurückhielten und sich an programmatischen Diskussionen nicht beteiligten, waren sie bemüht, praktisch alle Oppositionellen im linken Lager anzusprechen und hier eine breitere Unterstützung zu gewinnen. Dabei richteten sie ihre Strategie spezifisch an den örtlichen Bedingungen aus, statt die Konzepte anderer ungeprüft auf Uruguay zu übertragen.3001 Auch wenn sie letztlich scheiterten, hatten sie sich hierdurch lange erfolgreich behaupten können. In dieser Zeit ging von ihnen eine Faszination aus, die zahlreiche Gruppen in anderen Ländern inspirierte, es ihnen gleichzutun. Selbst in Europa wurden alsbald in der Studentenbewegung die Möglichkeiten einer Übernahme dieser Strategie diskutiert. Der militanten Linken schien die Stadtguerilla eine Möglichkeit zu sein, den bewaffneten Kampf auch in urbanen Gebieten hochentwickelter Länder aufzunehmen.3002 3.1.4. Strategische Betrachtungen Mit einem neuartigen Phänomen konfrontiert, hatten die brasilianischen Sicherheitsbehörden der Stadtguerilla in den ersten Jahren noch recht hilflos gegenübergestanden. Mit einer schlichten Verschärfung des Strafrechts – wie beispielsweise der Einführung der Todesstrafe bei politischen Gewaltverbrechen – hatte man die Lage nicht unter Kontrolle bekommen können. Erst als die Sicherheitsorgane aufgrund einer eingehenden Lageanalyse die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen wussten, sich auf die Kampfweise des Gegners einließen und bereit waren, entsprechend dazuzulernen, stellten sich Erfolge ein. Da die Stadtguerilla mit ihrer Vorgehensweise die bisherigen polizeilichen und juristischen Mittel unterlief bzw. mit diesen nicht zu fassen war, reagierten die Sicherheitsbehörden allerdings mit Maßnahmen, welche 2999 Ebd., S. 311. 3000 Ebd., S. 349. 3001 Vgl. ebd., S. 349f. 3002 Vgl. ebd., S. 281f. 387 die Grenzen der Legalität überschritten und rechtsstaatliche Grundsätze umgingen. Dies änderte jedoch nichts daran, dass das effektive Konzept des antisubversiven Kampfes letztlich maßgeblich zur Zerschlagung der brasilianischen Stadtguerilla beitrug. Beispielsweise führten die durch den Gegenterror der Anti-Guerilla-Einheiten begangenen und der Stadtguerilla angelasteten Verbrechen dazu, dass diese in den Augen zahlreicher Bürger diskreditiert wurde. Da die Unterstützung der Bevölkerung eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Guerilla ist, hatten diese Maßnahmen an einem neuralgischen Punkt angesetzt. Abgesichert wurden die Erfolge der Sicherheitsorgane letztlich durch das zwischenzeitlich eingetretene außerordentliche Wirtschaftswachstum, welches gemeinsam mit der gestiegenen Effektivität von Polizei und Armee eine Austrocknung des Guerillapotentials zur Folge hatte, da vor allem Studenten, aber auch Freiberufler, Beamte und Mittelständler von der wirtschaftlichen Prosperität profitierten und somit die Basis des Widerstands wegbrach.3003 Ganz im militärischen Denken verhaftet, hatte die brasilianische Regierung – die als kollektive Militärjunta ihre Strategie eher dialogisch erarbeitete –, nachdem sie anfänglich mit den klassischen Maßnahmen zur Wahrung der Inneren Sicherheit keine Wirkung erzielen konnte, kontinuierlich nach strategischen Ansatzmöglichkeiten gesucht, um dem Phänomen Stadtguerilla Herr zu werden. Bei dieser konsequent auf die Zerschlagung der Stadtguerilla ausgelegten Strategie kam es alleine darauf an, welche Maßnahmen sich als effektiv erweisen würden, weshalb der Strategiestil als opportunitätsgesteuert charakterisiert werden kann. Nachdem mit der antisubversiven Kriegführung ein neues strategisches Konzept erarbeitet worden war, machte man sich systematisch an dessen Umsetzung. Ohne dabei jedoch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, welche die Guerilla hervorgebracht hatte, ändern zu wollen, ging man rein staats- und politicszentriert unter Macht- und Durchsetzungsaspekten vor. Die Rahmenbedingungen änderten sich erst durch das schließlich einsetzende Wirtschaftswachstum, welche der Stadtguerilla endgültig den Nährboden entziehen sollte. Dies geschah jedoch ohne eigenes Zutun der Regierung und war, obwohl es einen gewichtigen Beitrag zur Beruhigung der Lage leistete, nicht impliziter Bestandteil der Sicherheitskonzeption. Im Ganzen blieb die Strategie der brasilianischen Regierung, da sie einen eindeutigen Schwerpunkt auf die polizeilich-militärische Bekämpfung der Stadtguerilla legte und gesellschaftlich-politische Maßnahmen weitgehend ausblendete, daher eher fragmentiert. 3003 Vgl. Allemann: Macht und Ohnmacht der Guerilla, S. 309. 388 Weit schwerer als ihre Kollegen in Brasilien hatten es die Sicherheitsbehörden im benachbarten Uruguay mit der Stadtguerilla der Tupamaros, deren jahrelanger Kampf den Staat in ernste Bedrängnis brachte und der sich erst durch einen, in seinen Konsequenzen letztlich verheerenden, Befreiungsschlag erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Das Verbot der Berichterstattung in den Medien im Juli 1969 zeugt von der schließlich gewonnenen Erkenntnis der Regierung, dass Stadtguerilla Öffentlichkeit benötigt. Auf diese Weise sollte die Kommunikationsstrategie des Terrorismus unterlaufen werden. In die gleiche Richtung zielte die Anfang 1970 erlassene Sprachregelung, nach der Bezeichnungen mit politischem Beiklang wie z. B. „Extremisten“, „Terroristen“ etc. zu vermeiden waren und stattdessen durch Begriffe wie „Kriminelle“ eine öffentliche Stigmatisierung sowie Kriminalisierung stattfinden sollte. Wenn Allemann auch schreibt, dass diese Maßnahmen der Regierung eher schadeten, so war der Ansatz dennoch kein falscher, da diese Sprachregelung darauf abzielte, der in Teilen der Bevölkerung existierenden Sympathie entgegenzuwirken. Lange wurden die Tupamaros ausschließlich mit polizeilichen Mitteln bekämpft. Doch auch ein hohes Maß an polizeilicher Repression war ebenso wenig in der Lage, die Struktur der Tupamaros zu durchdringen, wie entführte Geiseln zu lokalisieren und zu befreien. Dass selbst ausgesetzte Belohnungen nicht von Erfolg gekürt waren, belegt, wie wenig diese Maßnahme erfolgversprechend ist, wenn Guerillas und Terroristen auf Linie sind und ihre Unterstützer ebenso loyal hinter ihrem Ziel stehen. Auch die Durchsetzung des Polizeiapparates mit Sympathisanten und Informanten der Tupamaros wirkte sich negativ auf die Effektivität der Polizei aus. Dennoch blieb der massive Polizeieinsatz nicht folgenlos, so dass regelmäßig Verhaftungserfolge gelangen. Aufgrund ihrer dezentralen Struktur wurde die MLN allerdings in ihrer Handlungsfähigkeit dadurch nicht beeinträchtigt. Als die Tupamaros ab 1972 jedoch dazu übergingen, zu einer Massenorganisation zu werden, nutzten die Sicherheitsbehörden die schwindende Geschlossenheit und aufweichende Konspiration konsequent zur gezielten Infiltration der Organisation aus. Die derart gewonnenen Informationen fügten den Tupamaros großen Schaden zu. Inoffizielle konterrevolutionäre Terrorgruppen, welche die Tupamaros mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen wollten, konnten hingegen nicht zum Kern der Organisation vordringen. Diese Form der Gegenguerilla traf die nur schwer zu fassende Stadtguerilla zwar nicht direkt, schadete ihr jedoch indirekt, indem sie deren Klientel angriff. Wenn dies auch nicht unmittelbar zur Niederlage der Tupamaros führte, so wirkte es sich dennoch verschärfend auf die innenpolitische Situation aus und trug dazu bei, 389 ein Klima zu schaffen, in welchem der Einsatz von Militär gerechtfertigt schien, zumal sich die polizeilichen Maßnahmen bis 1972 als weitgehend ineffektiv erwiesen hatten. Die Terrorismusbekämpfung wurde schließlich mit dem Militär derjenigen Institution übertragen, die von Unterwanderung durch Tupamaro-Sympathisanten weitgehend frei geblieben war. Dies lag vor allem daran, dass es sich um keine Wehrpflicht-, sondern um eine Berufsarmee handelte, die sich in den letzten Jahren gezielt unter Anleitung von US-Beratern auf den Einsatz im Inneren zur antisubversiven Kriegführung vorbereitet hatte. Mit brachialen Maßnahmen gelang es dem Militär binnen weniger Monate die Tupamaros zu zerschlagen. Die uruguayischen Streitkräfte stellen somit ein anschauliches Beispiel dar, wie sich eine Truppe binnen weniger Jahre komplett wandeln und an die tatsächlichen sicherheitspolitischen Bedingungen und Herausforderungen anpassen kann. Abgesehen davon, dass sie jedoch hierbei Menschen- und Bürgerrechte beispielsweise bei der systematischen Anwendung ausgefeilter Foltermethoden vollkommen ignorierten, entwickelten die mit weitgehenden Vollmachten versehenen Streitkräfte zudem eine verhängnisvolle Eigendynamik, die sie schließlich nach der Macht im Staat greifen ließ und die ehemals stabile Demokratie endgültig beseitigte. Während in Brasilien die Stadtguerilla einer autoritären Militärdiktatur gegenüberstand, hatten die uruguayischen Tupamaros den Kampf gegen ein demokratisches System aufgenommen, welches durch ökonomische und politische Krisen geschwächt schien. Erst durch die Konfrontation zwischen Staat und Stadtguerilla entwickelte sich schließlich auch Uruguay zu einer Militärdiktatur. Bereits zuvor hatte die uruguayische Präsidialdemokratie stark zentralistisch agiert und rigoros gegen jeglichen Widerstand durchgegriffen. Sowohl in Brasilien als auch in Uruguay handelte es sich in den jeweiligen Konflikten demnach um staatliche Akteure, die durch die Vorgabe bestimmter Richtungen der Politik eine klare Führung und die Fähigkeit zur Formulierung einer Strategie eindeutig über die unangefochtene Strategiekompetenz verfügten. Allerdings ging diese in Uruguay der Regierung jedoch letztlich verloren, nachdem sie sich mit dem Einsatz des Militärs zu einem Mittel entschlossen hatte, welches schließlich zu ihrer eigenen Entmachtung führte. Zwar gelang es hierdurch, den Aufstand der Tupamaros niederzuschlagen, doch letztlich nur um den Preis der Aufgabe der verfassungsmäßigen Ordnung. Auch wenn durch den Militärputsch die Politik in Uruguay einen deutlichen Bruch aufweist, kann insgesamt gesehen die Sicherheitsstrategie des Landes als kontinuierlich bezeichnet werden, da der Einsatz des Militärs aus der fortwährenden Suche nach strategischen Ansatz- 390 möglichkeiten rührte und zugleich Ausdruck strategischer Steuerungskompetenz war, indem die Mittel der Wahl radikal geändert wurden, nachdem sich die vorherigen als weitgehend unwirksam erwiesen hatten. Aufgrund dieses Bruchs als Reaktion auf einen nicht mehr hinnehmbaren Zustand war die Strategie jedoch eine unsystematische. Ebenso wie in Brasilien handelte es sich allerdings um eine an der Staatsraison orientierte und politicszentrierte Vorgehensweise, die konsequent an der strategischen Vorgabe der Zerschlagung des bewaffneten Widerstands ausgerichtet war. Dabei fehlte der dialogisch in den staatlichen Institutionen zustande gekommenen Strategie jeglicher Kompass. Vielmehr ergriff man opportunitätsgesteuert alle sich bietenden Mittel und Gelegenheiten, um den Gegner zu besiegen. Wie in Brasilien war auch die Strategie der uruguayischen Regierung durch den Verzicht gesellschaftspolitischer Maßnahmen einseitig durch rein polizeilich-militärische Repressivmaßnahmen geprägt. Dass es dennoch gelang, die Stadtguerilla zu zerschlagen, war durch eine rigorose und ausgesprochen gewaltsame Vorgehensweise erzwungen worden, die jedoch für demokratische Rechtsstaaten keine Option ist. Ebenso wie sich die staatlichen Akteure in Charakter und Vorgehensweise glichen, bestanden auch zwischen der brasilianischen und der uruguayischen Stadtguerilla zahlreiche Parallelen. Ihre Strategiestile waren weitgehend identisch. Beide Strategien orientierten sich kompassgesteuert an einem ideologisch geprägten Konzept, welches es durch kontinuierlich unternommene Maßnahmen systematisch umzusetzen galt. In beiden Fällen handelte es sich dabei um integrierte und policyzentrierte Strategiestile, da ihrer Vorgehensweise sowohl militärische, politische und gesellschaftliche Aspekte zu eigen waren. Sowohl die brasilianische als auch die uruguayische Stadtguerilla verzichteten auf klassische Hierarchien und gaben sich eine Struktur lose miteinander verbundener Zellen, die weitgehend unabhängig voneinander operierten. Ihnen war ebenso gemein, dass an der Spitze der Bewegung ein strategisches Zentralorgan stand, welches als einendes Band zwar die Repräsentation nach außen übernahm und strategische Leitlinien festlegte, sich jedoch nicht ohne weiteres über die Einzelgruppen hinwegsetzen konnte. Insbesondere die Tupamaros legten großen Wert auf demokratische Mitbestimmung innerhalb ihrer Bewegung. Dennoch gab es mit Marighella, Lamarca oder Sendic einflussreiche Kader, welche das Handeln ihrer jeweiligen Bewegungen stark prägten und deren Ausfall einen schweren Verlust für diese darstellte. Trotz der dialogischen Strategiefindung lag die Strategiekompetenz in allen Fällen beim strategischen Zentrum der Organisationen, was sich auch daran zeigte, dass deren Spitzen einen Wandel in 391 der Vorgehensweise einzuleiten in der Lage waren. Dies zeigte sich sowohl in der Rücknahme der Ausweitung der Operationen auf das Land, in der Beteiligung an einem Wahlbündnis und der damit verbundenen vorübergehenden Einstellung des Kampfes als auch in der massiven Rekrutierung von Personal für die geplante Massenerhebung. Durch das „Prinzip der konzentrischen Kreise“ und den darin enthaltenen unterstützenden peripheren Zellen gelang es den Tupamaros über einen beachtlichen Zeitraum, den Kontakt zur Bevölkerung zu wahren. Die konsequente Abschottung der inneren Bereiche der lateinamerikanischen Stadtguerilla bot lange einen effektiven Schutz gegen Infiltration durch die Sicherheitsorgane. Trotz aller früheren Rückschläge, die aufgrund ihrer Struktur gut verkraftet wurden, bot sie erst offene Flanken, als sie versuchten, sich in bedeutendem Umfang zu vergrößern. Die betrachteten Protagonisten der Stadtguerilla hatten ihre theoretischen Wurzeln zum einen in der Idee Guevaras, dass der bewaffnete Kampf die objektiven und subjektiven revolutionären Bedingungen selbst herbeizuführen in der Lage sei und zum anderen in seinen Überlegungen zum Kampf kleiner Guerillagruppen in urbanem Umfeld. In diesem Sinne verstanden sich die Mitglieder der brasilianischen und uruguayischen Stadtguerilla als Avantgarde, welche die Masse der Bevölkerung erst zur Aufnahme des Kampfes animieren musste, ehe letztlich eine sozialistische Gesellschaft errichtet werden konnte. Weitaus stärker als Guevara setzt das Konzept der Stadtguerilla dabei auf ein ausgeprägtes psychologisches Moment. Durch eine psychologische Kriegführung, welche ebenso die Zermürbung des Gegners, als auch die propagandistische Bearbeitung der Bevölkerung implizierte, sollten schließlich die Voraussetzungen für die zu einem späteren Zeitpunkt angedachte Ausweitung des bewaffneten Kampfes auf das rurale Umfeld geschaffen werden. Brasilianischer als auch uruguayischer Stadtguerilla war gemein, dass sie die Entscheidung des Kampfes über die Landguerilla anstrebten. Die Stadtguerilla war von ihnen als eine erste Phase des Kampfes lediglich konzipiert worden, da die sofortige Etablierung einer Landguerilla nicht möglich oder nicht zielführend erschien. Ebenso wie eine Landguerilla operierte die Stadtguerilla als deutlich unterlegene Seite dabei auf strategischer Ebene defensiv, während sie taktisch unbedingt offensiv vorgehen musste – ganz wie es auch Lusso gefordert hatte.3004 Damit ihr Konzept aufging, musste 3004 Lusso hatte festgestellt, dass im „Krieg wie im Aufstand (…) die Offensive das einzige Mittel [ist], um den Sieg zu erlangen. Jede revolutionäre Organi- 392 sie den Gegner fortwährend angreifen und durch kontinuierliche, unvorhersehbare Attacken beunruhigen. Dabei gingen sie davon aus, dass eine revolutionäre Situation zwar noch nicht gegeben war, wohl aber die Bedingungen für eine solche derart günstig waren, um durch einen Guerillafokus geschaffen werden zu können. Dass die Stadtguerilla zeitweise auf großen Zuspruch in Teilen der Bevölkerung stieß, bestärkte deren Protagonisten in der Richtigkeit ihrer Strategie. Das bewusste Fehlen eines konkreten Programms erleichterte es ihren Sympathisanten, sich angesichts schwieriger politischer und wirtschaftlicher Situationen in den jeweiligen Ländern, mit dem allgemein gehaltenen Ziel eines Systemwechselns zu identifizieren. Dass eine korrekte Schlussfolgerung aus der Ziel-Mittel-Umwelt-Analyse gezogen wurde, war jedoch nur in Ansätzen der Fall, denn während das Stadtguerillakonzept als strategisches Mittel noch bei vielen auf Zuspruch stieß, schreckten einzelne taktische Mittel – wie beispielsweise gezielte Mordanschläge – viele Menschen ab. Es reichte letztlich nicht, die Bevölkerung für die gewünschten revolutionären Umwälzungen zu mobilisieren. sation, bewaffnete Avantgarden und die Gunst der Massen sind nutzlos, wenn man nicht zum Angriff übergeht.“ (Lusso: Theorie des Aufstands, S. 139.) 393 3.2. Exkurs: Die „Rote Armee Fraktion“ – Ein gescheiterter Versuch der Übertragung des Stadtguerillakonzepts auf die Bundesrepublik Deutschland „In der Praxis des deutschen Terrorismus aber finden sich alle Elemente des extremen, gewalttätigen Anarchismus wieder: die Betonung und Propaganda der Tat als Motor der Geschichte, die Maßlosigkeit der Sprache, die revolutionäre Ungeduld, das Nicht-Warten-Können, die Bedenken- und Hemmungslosigkeit in der Wahl der Mittel, der gnadenlose, menschenverachtende Rigorismus der Zerstörung“ 3005 (Horst Herold) Nachdem im vorangegangenen Kapitel das Aufkommen der Stadtguerillaidee sowie deren Umsetzung in Brasilien und Uruguay dargestellt wurde, geht es im nun folgenden Schritt um die Betrachtung des Versuchs der Adaption dieses Konzepts auf westeuropäische Verhältnisse. Um zu veranschaulichen, welche staatlichen Maßnahmen dem mit welchem Erfolg entgegengesetzt wurden, kommt es an dieser Stelle zudem darauf an, zu erklären, wer die Protagonisten dieses Versuchs waren und warum dieser mit welchem Ergebnis unternommen wurde. Hierzu wird exemplarisch der westdeutsche Linksterrorismus herangezogen, der in seiner gefährlichsten3006 Form in Gestalt der Roten Armee Fraktion (RAF) in Erscheinung trat. Abgesehen davon, dass die Quellenlage zu dieser Gruppierung ausgesprochen gut ist, handelte es sich bei der RAF um eine Organisation, die sich nicht nur sehr eng an die Theorie der lateinamerikanischen Stadtguerilla anlehnte und sich daher in den Kontext der Betrachtungen dieser Arbeit einfügt, sondern auch um eine sehr langlebige Gruppe, von der ein hohes Bedrohungspotential ausging. Auch wenn Petri die Generationsterminologie anzweifelt, da weder Behörden noch Wissenschaft einheitlich definieren könnten, welches die Wirkungszeiträume der einzelnen Generationen gewesen seien, wie deren personelle Zusammensetzung genau ausgesehen habe3007 und außerdem die Übergänge zwischen ihnen im per- 3005 Vgl. Herold, Horst: Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus,: Die Polizei, 67. Jg., Heft 12, 1976, S. 401-405, hier S. 402. 3006 Vgl. Pflieger, Klaus: Die Rote Armee Fraktion – RAF –. 14.5.1970 bis 20.4.1998, Baden-Baden 2004, S. 11. 3007 Vgl. Petri, Mario: Terrorismus und Staat – Versuch einer Definition des Terrorismusphänomens und Analyse zur Existenz einer strategischen Konzeption staatlicher Gegenmaßnahmen am Beispiel der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik Deutschland, München 2007, S. 149. 394 sonalen Bereich fließend gewesen seien, wird in dieser Arbeit die in der Literatur gängige Einteilung3008 der RAF in drei Generationen3009 als sinnvoll erachtet,3010 da sich teilweise deutliche Unterschiede in der operativen und strategischen Ausrichtung sowie dem Grad der ideologischen Prägung des Handelns ergaben. Immer wieder gab es beispielsweise durch Verhaftungen der Führungsriege auch deutliche Zäsuren3011 in der RAF-Geschichte, die eine Einteilung in Generationen zusätzlich rechtfertigen. 3008 Zur ersten Generation wird in der vorliegenden Arbeit demnach jene Gruppierung um Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Horst Mahler gezählt, welche sich 1970 die Bezeichnung „Rote Armee Fraktion“ gegeben hatte und bis zu ihrer Verhaftung im Sommer 1972 aktiv war. Die verschiedenen Gruppen, die ab 1974 mit dem Ziel entstanden, die inhaftierten Mitglieder der ersten Generation zu befreien, gelten demnach als die zweite Generation der RAF. Nachdem diese bis 1982 weitgehend zerschlagen werden konnte und ihre Protagonisten entweder verhaftet oder in der DDR untergekommen waren, formierte sich ab 1984 schließlich eine dritte Generation. 3009 Vgl. Straßner, Alexander: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“ – Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation, Wiesbaden 2005, S. 78. 3010 Vgl. Peters, Butz: Tödlicher Irrtum, Frankfurt/Main 2007, S. 32f. 3011 So war nach der Verhaftungswelle im Sommer 1972 die RAF zunächst ausgeschaltet bzw. auf die Agitation aus der Haft heraus beschränkt. Ab 1974 formierten sich mehrere Gruppen wie die „Gruppe 4.2.“, die Botschaftsbesetzer von Stockholm, die „Haag-Meyer-Bande“ und die Gruppe, die unter der Führung von Brigitte Mohnhaupt für die Anschläge der „Offensive 77“ verantwortlich war. Nach 1977 machten die Reste der zweiten Generation zunächst weiter, bis Anfang der 1980er schließlich alle ihre Akteure festgenommen werden konnten. 1984 gab es einen vollständigen Bruch, als ausschließlich Personen in den Untergrund gingen, die bislang zur Sympathisanten- und Unterstützer-Szene zählten. (vgl. Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, München 1998, S. 325, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 359, S. 361-371 und S. 376f, vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 48, vgl. Rote Armee Fraktion: „Brief der RAF an die Gefangenen aus der RAF (2. Februar 1975)“, in: ID- Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 192-193, hier S. 193.) 395 3.2.1. Rahmenbedingungen Die 1960er Jahre waren in der westlichen Welt geprägt von tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen. Hatte sich die Kriegsgeneration noch um Wiederaufbau und Wohlstandserwerb bemüht, setzte in der nachfolgenden Generation ein Wertewandel ein. Kapitalismus und Konsumgesellschaft wurden zunehmend von vielen kritisch gesehen und man suchte nach neuen Lebensformen. Generationenkonflikte waren die Folge.3012 Im besonderen Maße galt dies für die bundesdeutsche Gesellschaft, wo noch die aus der jüngeren deutschen Geschichte resultierenden spezifischen Probleme hinzutraten. Zahlreiche junge Menschen protestierten gegen die ihrer Ansicht nach nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit und den Umstand, dass es viele ehemalige Mitglieder der NSDAP wieder zu Amt und Würden gebracht hatten.3013 Aufgrund dieser angenommenen personellen Kontinuität zum „Dritten Reich“ wurden dem Staat vor allem in studentischen Kreisen nach wie vor latent vorhandene faschistische Tendenzen unterstellt.3014 Zusammen mit den Diskussionen um die Notstandsgesetzgebung der Großen Koalition,3015 den Reformbedarf des Bildungssystems3016 und 3012 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 92, vgl. Steinert, Heinz: Strukturelle Bedingungen des „linken Terrorismus“ der 70er Jahre. Aufgrund eines Vergleichs der Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland, in Italien, in Frankreich und den Niederlanden, in: Fritz Sack/Heinz Steinert (Hrsg.): Protest und Reaktion, (Analysen zum Terrorismus 4/2), Opladen 1984, S. 387- 601, hier S. 557 und Claessens, Dieter/de Ahna, Karin: Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2. Juni“, in: Wanda von Bayer- Katte/Dieter Claessens/Hubert Feger und Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Gruppenprozesse, Opladen 1982, S. 20-181, hier, S. 40f und S. 48. 3013 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 81f, vgl. Winkler, Willi: Die Geschichte der RAF, Berlin 2007, S. 52 und vgl. Sack, Fritz: Staat, Gesellschaft und politische Gewalt: Zur „Pathologie“ politischer Konflikte, in: Fritz Sack/Heinz Steinert (Hrsg.): Protest und Reaktion (Analysen zum Terrorismus 4/2), Opladen 1984, S. 18-387, hier S. 110. 3014 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat S. 92, vgl. Becker, Jilian: Hitlers Kinder? Der Baader-Meinhof-Terrorismus, Frankfurt am Main 1978, S. 18 und vgl. Gilcher- Holtey, Ingrid: Die 68er Bewegung, München 2001, S. 38, vgl. Krebs, Mario: Ulrike Meinhof, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 59 und S. 92. 3015 Vgl. Schwind: Zur Entwicklung des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, S. 27 und vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 67. 3016 Vgl. Kraushaar, Wolfgang: Frankfurter Schule und Studentenbewegung – Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995. Bd. 1: Chronik, 2. Auflage 1998, S. 222. 396 den Vietnamkrieg3017 entstanden tiefgreifende Spannungen, die sich im Entstehen einer breiten, jedoch überaus heterogenen Protestbewegung manifestierte. In Ermangelung einer eigenen parlamentarischen Vertretung, nannte diese sich bald „Außerparlamentarische Opposition“ (APO3018), in welcher dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS)3019 eine bedeutende Rolle zukam.3020 Ab 1965/66 verschärften sich die Proteste zunehmend.3021 Nicht wenige radikalisierten sich und versprachen sich einzig von einem tiefgreifenden politischen, sozialen und ökonomischen Wandel eine andere und ihrer Ansicht nach bessere Gesellschaft. Marxistische Theorien schienen eine Antwort auf viele Fragen zu geben und die Lösung der erkannten Probleme zu sein.3022 Das Schlagwort von der „Revolution“ wurde in diesen Kreisen bald zu einem gängigen Begriff3023 und so waren die Demonstrationen in zunehmendem Maße von Gewalt begleitet.3024 Die zunehmenden Auseinandersetzungen eskalierten, als am 2. Juni 1967 während der Proteste gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin der Student 3017 Vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 38, vgl. Krebs, Mario: Ulrike Meinhof, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 142, vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 43, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 81f, vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 15 und vgl. Sack: Staat, Gesellschaft und politische Gewalt, S. 113. 3018 Rudi Dutschke hatte angesichts des im Bundestag nicht vertretenen radikalen Standpunktes im Dezember 1966 die Bildung einer „Außerparlamentarischen Opposition“ gefordert. (vgl. Becker: Hitlers Kinder?, S. 23f.) 3019 Der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS) war 1946 gegründet worden und stand bis 1961 der SPD nahe. Der Parteivorstand hatte 1961 jedoch die Unvereinbarkeit der gleichzeitigen Mitgliedschaft in SPD und SDS beschlossen, nachdem dieser die mit dem Godesberger Programm von 1959 vollzogene Abkehr von den marxistischen Traditionen der Partei nicht mittragen wollte. In den 1960er Jahre wurde der SDS zum Kristallisationspunkt des studentischen Protests in der Bundesrepublik und West-Berlin. (vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 20f) 3020 Vgl. Langguth, Gerd: Protestbewegung – Entwicklung, Niedergang, Renaissance, Köln 1983, S. 36-38. 3021 Vgl. Sack: Staat, Gesellschaft und politische Gewalt, S. 110. 3022 Vgl. Claessens/de Ahna: Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2. Juni“, S. 45, vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 11 und vgl. dazu auch Renesse, Ernst-Albrecht von: Revolte und Revolution in Entwicklungsländern, Bielefeld 1969. 3023 Vgl. Langguth: Protestbewegung – Entwicklung, Niedergang, Renaissance, S. 38f. 3024 Vgl. Langguth: Protestbewegung – Entwicklung, Niedergang, Renaissance, S. 27 und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 84-89. 397 Benno Ohnesorg von einer Polizeikugel3025 tödlich getroffen wurde.3026 Laut Winkler sahen sich nun einige in ihrer Furcht vor einem wieder aufkeimenden Faschismus bestätigt.3027 Die Gewaltdiskussion innerhalb der Protestbewegung bekam Auftrieb.3028 Infolge der nicht erfüllten hoch gesteckten Erwartungen des Jahres 1968 kam es jedoch zum raschen Niedergang der APO.3029 Die Bewegung erodierte und 1970 folgte gar die Selbstauflösung des SDS.3030 Ein Zerfallsprozess in zahlreiche Lager und Gruppen hatte eingesetzt. Während einige den Weg in demokratische Parteien fanden, um ihre Ziele auf diesem Wege zu verwirklichen, sahen andere im Aufbau einer kommunistischen Partei die Grundlage für eine erfolgreiche Revolution.3031 Eine Minderheit hatte jedoch gänzlich mit dem Staat gebrochen und war bereit, den Weg der Gewalt konsequent fortzusetzen.3032 Das lateinamerikanische Konzept des urbanen Guerillakampfes wurde in diesen militanten Kreisen zunehmend diskutiert.3033 3025 Erst 2009 wurde bekannt, dass der Schütze, Polizeimeister Karl-Heinz Kurras, Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und Mitglied der SED war. (vgl. Simon, Jana: „Der Fall Kurras – Ein Verräter, der die Verräter verriet”, in: Zeit Online, 29.05.2009, http://www.zeit.de/2009/23/J-Simon, zuletzt geprüft: 27.12.2014.) 3026 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 89f, vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 15, vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 84 und vgl. Wunschik, Tobias: Baader-Meinhofs Kinder – Die zweite Generation der RAF, Opladen 1997, S. 24-28. 3027 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 92. 3028 Vgl. Claessens/de Ahna: Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2. Juni“, S. 85. 3029 Vgl. ebd., S. 88. 3030 Vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. S. 111. 3031 Vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 26f und vgl. Steinert: Strukturelle Bedingungen des „linken Terrorismus“ der 70er Jahre. S. 209. 3032 Vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 26-28 und S. 115. 3033 Vgl. Lahrem: Che Guevara, S. 117. 398 3.2.2. Chronologische Übersicht der Ereignisse Bereits durch die Brandanschläge auf Frankfurter Kaufhäuser im April 1968 hatte eine Gruppe um Andreas Baader3034 versucht, die erlahmende Protestbewegung neu anzufachen.3035 Nach ihrer schnellen Festnahme und Verurteilung3036 waren sie aufgrund eines Revisionsantrages seit Juni 1969 vorübergehend wieder in Freiheit. Als dieser jedoch im November des gleichen Jahres abgelehnt wurde, entzogen sich Baader und seine Lebensgefährtin Gudrun Ensslin der erneuten Haft durch Flucht ins Ausland.3037 Nachdem sie ihr Weg schließlich über Paris nach Italien geführt hatte, suchte sie dort ihr Rechtsanwalt Horst Mahler auf, um mit ihnen den Aufbau einer militanten Gruppe zu erörtern.3038 Zurück in Deutschland führte die erneute Verhaftung Baaders am 4. April 19703039 und seine gewaltsame Befreiung am 14. Mai3040 aus dem Berliner Institut für Soziale Fragen3041 zur Gründung jener Gruppe, die sich wenig später „Rote Armee Fraktion“ nennen sollte.3042 Um sich die Grundlagen für den Untergrundkampf zu verschaffen, unterzog sich der zu diesem Zeitpunkt aus ca. 20 Personen bestehende3043 Kreis im Sommer 1970 in Jordanien3044 mehrere Wochen 3034 Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein hatten in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 in Frankfurt am Main Brandbomben in den Kaufhäusern Schneider und Karstadt deponiert und einen hohen Sachschaden angerichtet. (vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 17 und vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 66f.) 3035 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 19. 3036 Vgl. ebd. 3037 Vgl. Peters, Tödlicher Irrtum, S. 123-125 und S. 132-135, vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 19f, vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 153 und vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 28f. 3038 Vgl. Peters, Tödlicher Irrtum, S. 134f und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 20 und vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 153. 3039 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 20, vgl. Wunschik: Baader- Meinhofs Kinder, S. 28f und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 172-175. 3040 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 117f und vgl. Krebs: Ulrike Meinhof, S. 142. 3041 Baader war unter dem Vorwand, mit der bekannten Journalistin Ulrike Meinhof an einem Buchprojekt arbeiten zu wollen, dorthin verbracht worden. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 117f und vgl. Krebs: Ulrike Meinhof, S. 142.) 3042 Vgl. Peters, Butz: Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen – Wer erschoss Wolfgang Grams, Berlin 2006, S. 36 und S. 268. 3043 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 21. 399 lange einer militärischen Ausbildung durch die El-Fatah, dem bewaffneten Arm der PLO.3045 Nach ihrer Rückkehr nach West-Berlin begann die RAF ab Herbst 1970 ihre geplante terroristische Offensive logistisch vorzubereiten.3046 Bereits in dieser Phase kam es zu ersten Zusammenstößen mit der Polizei, die auf beiden Seiten Tote forderten.3047 Nach der Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur in Westdeutschland begann die RAF im Frühjahr 1972 mit einer Serie von Anschlägen.3048 In kurzer Folge setzten mehrere spektakuläre Fahndungserfolge dem jedoch bereits wenige Tage später ein Ende.3049 Die inhaftierten Mitglieder der RAF waren indes keineswegs bereit, aufzugeben und fanden Nachahmer, die bereit waren, alles daran zu setzen, ihre Vorbilder aus der Haft zu befreien. Ab 1973 entstanden mehrere Formationen, die unter der Bezeichnung RAF den sogenannten „bewaffneten Kampf“ aufnahmen und in der Literatur mehrheitlich unter dem Oberbegriff „zweite Generation“ subsumiert werden.3050 Nach mehreren Rückschlägen versuchte die RAF unter der Leitung von Brigitte Mohnhaupt im Jahr 1977 durch eine Eskalation des Terrors den Druck auf die Bundesregierung derart zu steigern, 3044 Vgl. Willey, Kenda: Ein Anwalt in Waffen: Horst Mahler, in: Münkler, Herfried (Hrsg.): Der Partisan – Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 370- 380, hier S. 373. 3045 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 198-204. 3046 Vgl. Krebs: Ulrike Meinhof, S. 222, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 222f und vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 221. 3047 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 28, S. 197 und S. 253. 3048 Nacheinander explodierten im Laufe des Monats Mai Bomben im Hauptquartier des V. Corps in Frankfurt am Main (11. Mai), im Landeskriminalamt in München und in der Polizeidirektion Augsburg (12. Mai), im Wagen des mit Ermittlungen gegen die RAF befassten Bundesrichters Wolfgang Buddenberg (15. Mai), dessen Frau dabei schwer verletzt wurde, im Hamburger Springer- Verlagshaus (19. Mai) sowie im Heidelberger Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa (24. Mai). Insgesamt hatten die elf Bomben der „Mai- Offensive“ vier Menschen getötet und 74 verletzt. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 285-290, S. 293 und S. 834, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 244f und S. 221 und vgl. dazu auch: Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 31- 35.) 3049 Zwischen dem 1. Juni und dem 7. Juli 1972 konnten sämtliche führenden RAF-Mitglieder wie beispielsweise Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan Carl Raspe und Holger Meins festgenommen werden. (vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 37-39.) 3050 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 355f. 400 dass diese letztlich die inhaftierten RAF-Mitglieder freiließe.3051 Im Laufe dieser sogenannten „Offensive 77“ wurden zunächst Generalbundesanwalt Siegfried Buback3052 und der Dresdner Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto ermordet.3053 Am 5. September wurde Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer verschleppt3054 und am 13. Oktober die Lufthansa-Maschine Landshut von mit der RAF verbündeten Palästinensern der PFLP-SC entführt. Nachdem jedoch ein Kommando der GSG 93055 die Geiseln in Mogadischu befreien konnte,3056 begingen die Gefangenen um Andreas Baader in der JVA Stuttgart-Stammheim Suizid.3057 Schleyer wurde kurz darauf tot aufgefunden.3058 Erneut schien die RAF am Boden. Weite Teile der Linken hatten sich zudem aufgrund der demonstrierten Skrupellosigkeit von ihr abgewandt. Bei ihren verbliebenen Mitgliedern herrschten Ernüchterung und Resignation vor.3059 Während einige die RAF verließen3060 und vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter falschem Namen in der DDR untergebracht wurden,3061 waren andere jedoch weiterhin 3051 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 375 und vgl. Stuberger, Ulf G.: Die Akte RAF – Taten und Motive. Täter und Opfer, München 2008, S. 117f. 3052 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 75f. 3053 Vgl. ebd., S. 79-83. 3054 Vgl. N. N.: „Mordanschlag von Köln“, in: Deutsche Polizei, 10/77, S. 2. 3055 Die dem Bundesminister des Innern unterstehende Grenzschutzgruppe 9 – kurz GSG 9 – wurde infolge des Anschlags auf die Olympischen Spiele 1972 in München zur Bekämpfung militanter Tätergruppen eingerichtet. Bestandteil der Ausbildung war u. a. auch das gründliche Studium von Guerillatheoretikern wie Mao, Marighella, Guevara oder Debray. (vgl. Tophoven, Rolf: GSG 9 – Kommando gegen Terrorismus, Koblenz und Bonn 1977, S. 11 und S. 18 und vgl. Wegener, Ulrich: Bekämpfung des Terrorismus durch Spezialeinheiten im Rahmen des Sicherheitskonzeptes der Bundesrepublik Deutschland, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute, Bonn 1976, S. 147-153, hier, S. 149.) 3056 Zur Entführung der Landshut vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 595-601, S. 613-620 und S. 625-632. 3057 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 464f. 3058 Vgl. ebd., S. 468f. 3059 Vgl. ebd., S. 476f. 3060 Insgesamt zehn RAF-Mitglieder tauchten Anfang der 1980er Jahre in der DDR unter und erhielten dort eine neue Identität. (vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 168.) 3061 Vgl. Daase, Christopher: Die RAF und der internationale Terrorismus, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus Bd. 2, Hamburg 2006, S. 905-931, hier S. 925. 401 entschlossen, den bewaffneten Kampf fortzusetzen.3062 Im Sommer 1980 fusionierte die RAF mit der „Bewegung 2. Juni“3063, was nicht nur zu einer personellen, sondern auch zu einer erheblichen finanziellen Stärkung führte.3064 Selbst nachdem 1982 mit Mohnhaupt, Klar und Schulz die führenden Personen3065 und bis 1984 auch die übrigen verbliebenen Mitglieder der zweiten Generation verhaftet werden konnten,3066 fanden sich einmal mehr Personen, die – des Scheiterns ihrer Vorgänger ungeachtet – bereit waren, den Weg in den Untergrund anzutreten.3067 Ihre Angriffe richteten sich fortan gegen den sogenannten „Militärisch-Industriellen Komplex“ und umfassten neben Anschlägen auf Militäreinrichtungen auch die gezielte Ermordung von Vertretern aus Politik und Wirtschaft.3068 Die gewünschten strategischen Erfolge blieben jedoch aus und mit dem Ende des Kalten Krieges lag die Illu- 3062 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum,S. 477. 3063 Die „Bewegung 2. Juni“ war eine terroristische Organisation, die ihren Schwerpunkt in West-Berlin hatte. Ihr Name sollte an die Ereignisse des 2. Juni 1967 und die Umstände des Todes von Benno Ohnesorg erinnern. Aufsehen erregte insbesondere die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Jahr 1975. (vgl. Langguth: Protestbewegung – Entwicklung, Niedergang, Renaissance, S. 218-221. 3064 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 370f und 374-376 und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 123f. 3065 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 531-534. 3066 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 131-133 und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 531-535 und S. 597f. 3067 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 399. 3068 Während am 18. Dezember 1984 ein Sprengstoffanschlag auf die NATO- Schule in Oberammergau noch missglückte, da der Sprengsatz vorzeitig entdeckt und entschärft wurde, starben bei einer Bombenexplosion in der Frankfurter Rhein-Main-Airbase am 8. August 1985 drei Menschen. In der Nacht zuvor war zudem der US-Soldat Edward Pimental erschossen worden, um mit Hilfe seines Ausweises Zutritt zur Airbase zu erhalten. Auch der Vorsitzende der Motoren- und Turbinen-Union, Ernst Zimmermann, war zuvor am 1. Februar ermordet worden. Weiteren Mordanschlägen fielen am 10. Oktober 1986 der Diplomat Gerold von Braunmühl, am 9. Juli 1987 Siemens- Vorstandsmitglied Karl-Heinz Beckurts, am 30. November 1989 der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und am 1. April 1991 Treuhandchef Detlef Carsten Rohwedder zum Opfer. Die Staatssekretäre Hans Tietmeyer und Hans Neusel überlebten hingegen 1988 und 1990 Attentatsversuche der RAF. Am 13. Februar 1991 wurde aus Anlass des Golfkriegs die US-Botschaft in Bad Godesberg beschossen und am 27. März 1993 der Gefängnisneubau in Weiterstadt gesprengt. (vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 136-139, S. 141, S. 144 , S. 151, S. 154, S. 157, S. 160, S. 165 und S. 167.) 402 sion vom globalen Sieg des Sozialismus in Scherben. Politisch gescheitert, erklärte die RAF im April 1992 den Verzicht auf gezielte Mordanschläge.3069 Nach einem letzten Anschlag auf den Gefängnisneubau in Weiterstadt im März 19933070 konnten wenig später die führenden Mitglieder Wolfgang Grams – der sich bei dieser Gelegenheit das Leben nahm – und Birgit Hogefeld Ende Juni in Bad Kleinen gestellt werden.3071 Nachdem es in den folgenden Jahren zu einem Bruch zwischen Gefangenen und aktiven Kämpfern gekommen und die RAF lediglich noch über Pressemitteilungen in Erscheinung getreten war,3072 löste sie sich am 20. April 1998 schließlich auf.3073 3.2.3. Das Wesen der RAF Lage und Ziele Die genaue Beschreibung der Zielsetzung der RAF ist mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, da sie ebenso wie ihre Vorbilder der lateinamerikanischen Stadtguerilla bei der Definition des von ihnen angestrebten Endzustands sehr vage blieb. Dabei kann man von einer bewussten Unterlassung ausgehen. Nach Wunschik sah die RAF eine der wesentlichen Ursachen des Scheiterns der Studentenbewegung in den ausufernden theoretischen Grundsatzdiskussionen und der daraus folgenden ideologischen Fragmentierung.3074 Entsprechend war es für eine Gruppe, die beabsichtigte, bereits verebbtes revolutionäres Potential erneut zu entfachen, daher konsequent, auf weitreichende theoretische Konzeptionen zu verzichten, um all jene zu integrieren, die in Themen wie Antiimperialismus, Antikapitalismus und Antifaschismus den kleinsten gemeinsamen Nenner fanden.3075 Dennoch ist es anhand einer Auseinandersetzung mit ihren schriftlichen Verlautbarungen 3069 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 171f. 3070 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 682. 3071 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 692-694 und vgl. dazu auch Peters: Der letzte Mythos der RAF. S. 278f. 3072 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 710. 3073 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 686-694 und S. 715 und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 179. 3074 Vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 57f. 3075 Vgl. Lemler, Kai: Die Entwicklung der RAF im Kontext des internationalen Terrorismus, Bonn 2008, S. 58. 403 möglich, einen groben Überblick über die Absichten der RAF zu erlangen. Ausdrücklich distanzierte sich die RAF beispielsweise von dem gerade in ihrer Anfangszeit häufig gegen sie erhobenen Vorwurf des Anarchismus.3076 Da unter diesem Begriff ein utopisches Modell einer herrschaftslosen Gesellschaftsordnung verstanden wird, und eine anarchistische Zielsetzung letztlich ausschlaggebend für eine entsprechende Charakterisierung ist,3077 kommt eine solche für die RAF tatsächlich nicht in Frage. Vielmehr bekannte sie sich in ihrem ersten Strategiepapier „Das Konzept Stadtguerilla“ zum Marxismus-Leninismus als ideologische Grundlage.3078 Ihr zufolge sei die „Rückkehr an die Schreibtische“ einer der Gründe für das Scheitern der Studentenrevolte gewesen,3079 da hierdurch „der Funke der Studentenbewegung (...) nicht zum Steppenbrand entfalteter Klassenkämpfe geworden“3080 sei. Unter Berufung auf die wichtigsten sozialistischen Theoretiker wie Marx, Engels, Lenin und Mao, die alle die Notwendigkeit einer militärischen Phase des Klassenkampfes als „unvermeidliches Stadium der Revolution“ angesehen hätten,3081 sollte daher das revolutionäre Bewusstsein 3076 Vgl. Römelt, Günter: „Die anarchistische Gewaltkriminalität in der BRD“, in: Kriminalistik – Unabhängige Zeitschrift für kriminalistische Wissenschaft und Praxis, 12/1975, S. 529-543, hier S. 529f und vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 27- 48, hier S. 31 und vgl. Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 151-177, hier S. 169 und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 36. 3077 Vgl. Neumann, Franz: Anarchismus, in: Ders. (Hrsg.): Politische Theorien und Ideologien, Baden-Baden 1974/75, S. 147-199, hier S. 147, vgl. Backes, Uwe/Jesse, Eckhard und Zitelmann, Rainer: Bleierne Jahre. Baader-Meinhof und danach, (Reihe Extremismus und Demokratie Bd. 1) Erlangen, Bonn und Wien 1991, S. 64 und vgl. Göhler, Gerhard/Klein, Ansgar: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, in: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Politische Theorien von der Gegenwart bis zur Antike, 2. Auflage, Bonn 1993, S. 259-656, hier S. 577-581. 3078 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 34. 3079 Vgl. ebd., S. 37. 3080 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 36. 3081 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 49-111, hier S. 51. 404 der Massen nun durch das „Primat der Praxis“3082 geweckt werden.3083 Statt theoretischer Erörterung und „Reformismus“3084 setzte die RAF auf die „revolutionäre Initiative“ einer „praktische[n] revolutionäre[n] Intervention der Avantgarde“.3085 Allerdings wurde aufgrund des ausgebauten Polizeiapparates schnell offenbar, dass sich legale politische Arbeit und illegaler Kampf nicht wie ursprünglich intendiert miteinander verbinden ließen.3086 Strategie, Taktik und Struktur Ausgehend von der Überlegung, dass „an allen Ecken und Enden der Welt der Kampf gegen den Imperialismus geführt wird, so daß dadurch die Kräfte des Imperialismus zersplittert werden und durch ihre Zersplitterung schlagbar werden“3087, schlussfolgerte die RAF, dass es keinen Grund gebe, „irgendein Land und irgendeine Region aus dem antiimperialistischen Kampf (...) auszuschließen“, auch wenn – wie in der Bundesrepublik – „die Kräfte der Revolution dort besonders schwach, weil die Kräfte der Reaktion dort besonders stark sind.“3088 Nicht auszuschließen, dass die RAF-Protagonisten sich in ihrer Vorstellungswelt im Einklang mit dem chinesischen Verteidigungsminister und engen Vertrauten Maos, Lin Biao, sahen, der gefordert hatte, dass sich die „Völker verschiedener Länder (…) in ihren Kämpfen gegen den USA-Imperialismus gegenseitig“ unterstützen müssten, damit diese Kämpfe „zu einem weltweiten Aufbranden des Widerstandes gegen den USA-Imperialismus“ verschmolzen, da „die Menge der Streitkräfte der USA-Imperialisten, die dort gebunden und 3082 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 40. 3083 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 100. 3084 Unter Reformismus wird hier die Bestrebung verstanden, politische Veränderungen auf gewaltlosem Wege herbeizuführen. In den Augen der RAF hätte dies jedoch lediglich das bestehende System verfestigt. (vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 38f und vgl. Rote Armee Fraktion: „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf (April 1972)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 112-144, hier S. 133f.) 3085 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 37. 3086 Vgl. Tolmein, Oliver: RAF – Das war für uns Befreiung. Ein Gespräch mit Irmgard Möller über den bewaffneten Kampf, Knast und die Linke, Hamburg 1997, S. 46. 3087 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 40. 3088 Ebd., S. 40. 405 abgenutzt werden“, um so größer sei, je „erfolgreicher der Volkskrieg in einem bestimmten Gebiet entfaltet wird“3089. Der RAF zufolge sollte es jedenfalls auch in der Bundesrepublik einen „antiimperialistischen Kampf in den Metropolen“3090 geben. Damit erhob die RAF den Anspruch, Teil eines weltweit geführten Klassenkrieges zu sein3091 und mit ihrer terroristischen Strategie die Kämpfe der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu unterstützen.3092 Hieraus resultierte auch das militärische Selbstverständnis der RAF und die Annahme, sich im Krieg mit der Bundesrepublik Deutschland zu befinden.3093 Ebenso wie die Tupamaros deklarierte die RAF daher für sich den Status einer „Guerilla“, die als Begriff weit positiver besetzt war als der des Terrorismus.3094 Angesichts des Vordringens des Kommunismus an den Peripherien der Erde schien es ihr bis zum endgültigen Siegeszug der Weltrevolution nur noch eine Frage der Zeit. Aus dieser Sichtweise heraus lässt sich auch die fortwährende Rechtfertigung der RAF zur Fortsetzung ihres bewaffneten Kampfes herleiten, auch wenn vor Ort in der Bundesrepublik der Erfolg ausblieb und keine revolutionäre Situation geschaffen werden konnte.3095 Nach ihrer Gründung stand die RAF zunächst vor der Aufgabe, ihrer Klientel – dem angenommenen potentiell revolutionär gesinnten Teil der Bevölkerung – zu vermitteln, was sie beabsichtigte. Sie veröffentlichte daher regelmäßig in Szene-Zeitschriften, Erklärungen vor Gericht und als Bekennerschreiben politische Stellungnahmen, um ihr Handeln zu erläutern. Rückschlüsse auf ihr strategisches und taktisches Handeln lassen sich aber vor allem auf Basis ihrer Strategiepapiere ziehen. Als wichtigste Kernschriften wurden „Das Konzept Stadt- 3089 Vgl. Lin Biao: Es lebe der Sieg im Volkskrieg, S. 254. 3090 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 31. 3091 Vgl. Tolmein: RAF – Das war für uns Befreiung, S. 48. 3092 Vgl. ebd., S. 36. 3093 Jäger, Herbert/Böllinger, Lorenz: Studien zur Sozialisation von Terroristen, in: Herbert Jäger/Gerhard Schmidtchen und Lieselotte Süllwold (Hrsg.): Lebenslaufanalysen, (Analysen zum Terrorismus, Bd. 2), Opladen 1981, S. 117- 236, hier S. 157. 3094 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 351. 3095 Vgl. dazu auch Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 188 und vgl. dazu auch Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 130 sowie vgl. Straßner, Alexander: Die dritte Generation der RAF, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, Hamburg 2006, S. 489-511, hier S. 493. 406 guerilla“ (April 1971)3096, „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ (Mai 1971)3097, „Stadtguerilla und Klassenkampf“ (April 1974)3098, „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ (November 1972)3099 und „Guerilla, 3096 Beim „Konzept Stadtguerilla“ handelte es sich um den Versuch, die Guerilla- Idee auf westdeutsche Verhältnisse zu übertragen. Hierzu wurde auf die strategischen Überlegungen von Mao, Guevara, Marighella, Castro und Giap zurückgegriffen, während man sich ideologisch zudem bei Marx, Lenin und Luxemburg bediente. Diese Mischung aus Befreiungsideologie und Marxismus-Leninismus ging davon aus, dass es zunächst einer kleinen bewaffneten Gruppe bedürfe, deren Beispiel andere animiere, es ihr gleichzutun, bis schließlich die angeblich unterdrückten Massen erkannten, dass das System angreifbar und überwindbar sei. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 266f und vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 75.) 3097 Anders als „Das Konzept Stadtguerilla“, welches vor allem den bewaffneten Kampf theoretisch begründen sollte, wollte Mahlers in Haft verfasste Kampfschrift eine konkrete Handlungsanleitung für die Strategie der Stadtguerilla sein. Dass sich Baader, Ensslin und Meinhof von Mahlers Schrift distanzierten, deutet darauf hin, dass es sich um keine offizielle RAF-Schrift im eigentlichen Sinne handelte. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 269-271, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 177.) Da es sich bei Mahler aber um eine Gründerfigur der RAF handelt, kann davon ausgegangen werden, dass er in interne Diskussionsprozesse über Strategie und Taktik eingebunden gewesen war und somit die in seiner Schrift geäußerten Gedanken nicht allzu weit von den Vorstellungen der noch in Freiheit befindlichen RAF-Mitglieder entfernt gewesen sein dürften. Nicht zuletzt spricht auch einiges in der tatsächlichen Vorgehensweise der RAF dafür, dass – bei allen ideologischen Differenzen zwischen Mahler und den Genannten – dies vor allem auf taktischer Ebene der Fall gewesen ist. Aus diesem Grund findet Mahlers Schrift bei diesen Untersuchungen ebenfalls Berücksichtigung. 3098 In der 60seitigen Schrift „Dem Volk dienen – Stadtguerilla und Klassenkampf“ fand das „Konzept Stadtguerilla“ seine Fortsetzung. Durch Verweise auf den Schah von Persien, die Proteste von 1967 und die Rolle der Springer- Presse sollte die bevorstehende Mai-Offensive noch einmal theoretisch und ideologisch vorbereitet werden. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 271, vgl. Rote Armee Fraktion: „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf (April 1972)“, S. 113f und S. 135f.) 3099 Die RAF-Schrift „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ unternahm anlässlich des Attentats auf die Olympischen Spiele in München den Versuch, eine Verbindung zwischen der angeblichen Ausbeutung der Dritten Welt und den Verhältnissen in der Bundesrepublik zu konstruieren. (vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 163 und vgl. dazu auch Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München, S. 151-177.) 407 Widerstand und antiimperialistische Front“ (Mai 1982)3100 veröffentlicht.3101 Aus diesen geht hervor, dass die RAF beabsichtigte, als revolutionäre Avantgarde die für revolutionär gehaltenen Teile der Bevölkerung zu inspirieren und zu mobilisieren, um die kapitalistische Gesellschaftsordnung durch eine Revolution zu überwinden.3102 Auch die Namensgebung deutet darauf hin, dass sich die erste Generation der RAF als eine Vorhut einer revolutionären Armee sah.3103 Diese Vermu- 3100 Da die zweite Generation vollkommen auf die Befreiung der inhaftierten Protagonisten der ersten Generation fixiert war, blieben ideologische und theoretische Überlegungen lange Zeit aus. Die Schrift „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“ ist Ausdruck einer Neubestimmung nach dem Scheitern der „Offensive 77“. Hierzu setzten die verbliebenen Terroristen der zweiten Generation mit der Bekämpfung von US- und NATO-Zielen dort an, wo die erste Generation 1972 aufgehört hatte. In dem ab September 1979 entwickelten Konzept einer westeuropäischen antiimperialistischen Front schlug sich die endgültige Erkenntnis nieder, dass in der Bundesrepublik keine Grundlage für eine Guerillabewegung bestand. Fortan wurde daher das internationalistische Moment verstärkt ins Zentrum der RAF-Strategie gerückt. (vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 175 und S. 187, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 487 und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 130.) 3101 Zur Frage der Urheberschaft ist darauf hinzuweisen, dass die RAF nach ihrem Selbstverständnis als Kollektiv handelte. Dies galt auch für öffentliche Verlautbarungen, was eine Zuordnung zu einem bestimmten Autor schwierig macht. Einiges deutet darauf hin, dass die Journalistin Ulrike Meinhof maßgeblichen Anteil an den Veröffentlichungen hatte. Ihren Schreibstil wollte schon Horst Herold beim Konzept Stadtguerilla erkannt haben. (vgl. Becker: Hitlers Kinder?, S. 187f, vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 63 und vgl. Herold: „Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus“, S. 401.) 3102 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 75 und Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 41f und vgl. Rote Armee Fraktion: „Die Rote Armee aufbauen – Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders (5.6.1970)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 24-26, hier S. 25f. 3103 Bereits in der ersten veröffentlichten Schrift, der Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders vom 5. Juni 1970, hieß es in der Überschrift: „Die Rote Armee aufbauen“. Hieraus geht hervor, dass man den Aufbau einer Roten Armee für unbedingt notwendig erachtete, da für die RAF gewaltlose Mittel nicht erfolgversprechend zu sein schienen. „Ohne gleichzeitig die Rote Armee aufzubauen, verkommt jeder Konflikt, jede politische Arbeit (...) zu Reformismus“. (Rote Armee Fraktion: „Die Rote Armee aufbauen – Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders (5.6.1970)“, S. 26.) Ähnlich wird in der Schrift „Stadtguerilla und Klassenkampf“ unter Berufung auf die Tupamaros behauptet, „daß eine bewaffnete Gruppe, so klein sie auch sein mag, bessere Aussichten hat, sich in eine große Volksarmee zu verwandeln, als eine Grup- 408 tung würde sich auch mit der Forderung Marighellas – dessen Schrift für die RAF Pflichtlektüre war3104 – nach dem Aufbau einer ruralen Guerilla decken. In Anlehnung an Guevaras Fokus-Theorie hielt es die RAF für möglich, die objektiven und subjektiven revolutionären Bedingungen als Voraussetzung des bewaffneten Kampfes selbst zu schaffen und die Einheit der Linken nicht erst abwarten zu müssen. Wie es auch die Tupamaros beabsichtigten,3105 sollte womöglich auch die bundesdeutsche Linke mit dem Beginn des Kampfes der RAF vor vollendete Tatsachen gestellt und zur Solidarität mit ihr gezwungen werden. Einige ihrer Verlautbarungen sprechen jedenfalls dafür.3106 Trotz der eindeutigen Bezugnahme auf den Marxismus-Leninismus und den verschiedenen Rückgriffen auf Lenin3107 war Mao Tse-tung für die RAF als strategische Handlungsgrundlage wesentlich bedeutsamer.3108 Dieser, der laut RAF den bewaffneten Kampf als „die höchste Form des Marxismus-Leninismus“3109 bezeichnet habe, habe festgestellt, dass jede revolutionäre Bewegung für ihre spezifischen Bedingungen eigene Lösungsansätze finden müsse.3110 Angesichts der Lage in der Bundesrepublik hatte die RAF sich für den bewaffneten Widerpe, die sich darauf beschränkt, revolutionäre Lehrsätze zu verkünden.“ (Rote Armee Fraktion: „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf (April 1972)“, S. 116.) Diese sollte als „Rote Armee“ einen revolutionären Umsturz in der Bundesrepublik herbeiführen. Dabei verweist Winkler auf eine in linken Kreisen positiv besetzte Kontinuität: „Eine Rote Armee hatte nach dem Ersten Weltkrieg im Ruhrgebiet, eine andere in Bayern gegen die rechten Freikorpssoldaten gekämpft. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Sowjetunion die größten Verluste getragen. Zusammen mit den Westalliierten hatte die Rote Armee 1945 Deutschland vom Nationalsozialismus befreit und gehörte deshalb zum Staatsgründungsmythos der DDR als des antifaschistischen Deutschlands. Mit dem Aufruf zum Aufbau einer neuen Roten Armee soll die Verbindung zum besseren Deutschland hergestellt werden.“ (Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 169.) 3104 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 206. 3105 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 45. 3106 Vgl. dazu u. a. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 30f und vgl. Rote Armee Fraktion: „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf (April 1972)“, S. 143. 3107 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 31. 3108 Alleine drei der sechs Kapitel in „Das Konzept Stadtguerilla“ beginnen mit einem Mao-Zitat. (Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 27, S. 36f und S. 40. 3109 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 31. 3110 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 51f und S. 71. 409 stand3111 in Form der Stadtguerilla entschieden: „Das Konzept Stadtguerilla stammt aus Lateinamerika. Es ist dort, was es auch hier nur sein kann: die revolutionäre Interventionsmethode von insgesamt schwachen revolutionären Kräften.“3112 Selbst die geringe Zahl jener3113, die hierzu bereit waren, ließ sie nicht von vornherein am möglichen Erfolg zweifeln, schließlich hatte Kuba das Exempel einer erfolgreichen Revolution hervorgebracht, die mit kaum mehr als einem Dutzend Rebellen begonnen hatte. Auch die bewunderten Tupamaros umgab der Mythos, zunächst aus nicht mehr als aus 20 Kämpfern bestanden zu haben.3114 Man nahm unter Rückgriff auf die Theorien Guevaras an, dass es lediglich des Anstoßes durch einen Fokus bedürfe, um die Revolution in Gang zu bringen. Gerade in der Bundesrepublik, einem Land, „dessen Potential an Gewalt so groß, dessen revolutionäre Traditionen so kaputt und so schwach sind“3115, bedürfe es einer entsprechenden Initiative, da es ansonsten „keine revolutionäre Orientierung geben“3116 würde. Man erwartete, dass sich die systemtragenden Kräfte – stellte man ihre Existenz in Frage – zu offen-gewaltsamen Formen der Herrschaftsausübung hinreißen3117 und schließlich den bislang latenten Faschismus offen zu Tage treten ließen.3118 In der Annahme, dieser „häßliche Staat“ werde in der Bevölkerung auf Widerwillen und Ablehnung stoßen, wollte man eine solche Entwicklung durch Provokation fördern.3119 Bereits Marighella war sich sicher, dass „Polizeirazzien, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen von Unschuldigen und Verdächtigen; Absperren von Autobahnen und Landstraßen (…) das Leben in der Stadt unerträglich“3120 machen würden. Angesichts der massiven Gegenmaßnahmen der Polizei wird sich die RAF möglicherweise zumindest in der Anfangszeit der Illusion hingegeben haben, dass sie auf 3111 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 40. 3112 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 41. 3113 Keine der drei RAF-Generationen bestand wohl aus mehr als 20 bis 30 Personen. (vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 91.) 3114 Vgl. Nunez: Die Tupamaros, S. 40. 3115 Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 41. 3116 Ebd., S. 41. 3117 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 103. 3118 Vgl. ebd., S. 106. 3119 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 104 und vgl. dazu auch Stuberger: Die Akte RAF, S. 79. 3120 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 80f. 410 dem richtigen Weg sei. Schließlich war ihr bewusst, dass ihr Kampf ohne Unterstützung aus der Bevölkerung heraus weder erfolgreich noch dauerhaft sein würde. Entsprechend zielten viele Appelle auf die Solidarität der ihnen zugetanen Teile des Volkes. Neben Linken und Unterprivilegierten zählten hierzu auch Linksliberale,3121 die man vor den sozialistischen Karren spannen wollte.3122 Die Schrift „Dem Volk dienen“ enthält einen eigenen Abschnitt über Solidarität, der darauf abzielt, zur Unterstützung des bewaffneten Kampfes aufzurufen.3123 Dazu schien es der RAF zweckdienlich, mit Antifaschismus, Antiamerikanismus und Antiimperialismus propagandistisch Themen aufzugreifen, die in diesen Gesellschaftsschichten mobilisierend wirken konnten.3124 Im Zusammenhang mit den unterstellten faschistischen Tendenzen in der Bundesrepublik3125 steht beispielsweise die regelmä- ßige Selbststilisierung als Opfer. Wann immer ein Mitglied der RAF in der direkten Auseinandersetzung mit den Sicherheitsorganen oder in Haft zu Tode kam, machten die RAF und ihre Anhänger mit großem propagandistischem Aufwand den Staat dafür verantwortlich und beschuldigten diesen des Mordes.3126 Sie hoffte, dass sich Marighellas 3121 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf (April 1972)“, S. 128-133. 3122 Vgl. N. N.: „Baader-Meinhof: ‚Finster schaut’s aus“, in: Der Spiegel, 49/1974, S. 27-30, hier S. 29. 3123 Vgl. ebd., S. 143. 3124 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 32f, vgl. Rote Armee Fraktion: „Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 145 und vgl. Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972)“, S. 153f und S. 158. 3125 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 32f. 3126 Dies war beispielsweise bei Petra Schelm, Thomas Weisbecker und Georg von Rauch geschehen. Sie alle hatten sich jeweils, als sie von der Polizei gestellt worden waren, mit Waffengewalt ihrer Verhaftung zu widersetzen versucht und waren dabei getötet worden. Auch vom Selbstmord Ulrike Meinhofs am 9. Mai 1976 behauptete die RAF, dass es sich in Wahrheit um eine staatliche Hinrichtung gehandelt habe und schließlich unternahmen die Gefangenen den Versuch, ihren Suizid in Stammheim 1977 wie eine Exekution aussehen zu lassen. Raspes Verteidiger Karl-Heinz Weidenhammer gab sogar ein Buch heraus, in dem er auf 500 Seiten nachzuweisen versuchte, dass es sich nicht um Selbstmorde gehandelt haben könne. Noch einmal propagierte die RAF eine angebliche gezielte staatliche Tötung, als Wolfgang Grams sich 1993 während seiner Festnahme nach einem Schusswechsel mit GSG 9- Beamten in Bad Kleinen das Leben nahm. (vgl. Peters: Der letzte Mythos der 411 These, das Volk würde sich weigern, „mit den Behörden zu kollaborieren“, wenn sich ein „Gefühl der Empörung über die Ungerechtigkeit der Regierung und ihre Unfähigkeit [einstellt], den Schwierigkeiten nicht mit anderen Mitteln beikommen zu können als dadurch, ihre Opponenten physisch zu liquidieren“3127 als richtig erweisen würde. Eigenes Handeln stellte die RAF daher immer nur als ein „Zurückschlagen“3128 dar. Gleiches galt für den Vietnamkrieg. Da weite Teile der westdeutschen Bevölkerung diesem gegenüber eine kritische Haltung einnahmen, sollte er ebenfalls zur Rechtfertigung des terroristischen Handelns der RAF instrumentalisiert werden. Unter Berufung auf Guevaras Forderung „Schafft zwei, drei, viele Vietnam!“3129 versuchte die RAF ihren Kampf in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Krieg in Vietnam zu stellen und nahm für sich in Anspruch, durch die Angriffe auf US-amerikanische Stützpunkte am Kampf der vietnamesischen NLF3130 zu partizipieren. So hieß es in dem Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf das US-Hauptquartier in Frankfurt am Main: „Für die Ausrottungsstrategen von Vietnam sollen Westdeutschland und Westberlin kein sicheres Hinterland mehr sein. Sie sollen wissen, daß (…) es für sie keinen Platz mehr geben wird in der Welt, an dem sie vor den Angriffen revolutionärer Guerilla-Einheiten sicher sein können.“3131 Nach Auffassung der RAF trug sie auf diese Weise dazu bei, den Imperialismus an den globalen Peripherien zu schwächen und dadurch die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt zu stärken.3132 Ihr zufolge war der Imperialismus seiner historischen Tendenz nach faschistisch und auf Ausbeutung, „Unterwerfung, Vernichtung, (…) RAF, S. 219, S. 223 und S. 228f, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 391 und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 452f und S. 697.) 3127 Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 81. 3128 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 145. 3129 Ebd., S. 145. 3130 „Nationale Front für die Befreiung Südvietnams“ (englisch: „National Liberation Front“), auch bekannt als „Vietcong“. 3131 Rote Armee Fraktion: „Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972“, S. 145 3132 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972)“, S. 153f. 412 Zerstörung von Menschen und Bodenschätzen“3133 ausgerichtet. Wo er nichts mehr gewinnen könne, „verwüstet er alles; das Land und die Menschen – Krater und Krüppel – Vietnam.“3134 Damit schloss sich für die RAF der Kreis zwischen Antifaschismus, Antiamerikanismus und Antiimperialismus. Nachdem ein allgemeiner Aufstand in der Bundesrepublik ausgeblieben und die erste Generation der RAF im Sommer 1972 zerschlagen worden war, stützte sie sich, angesichts des augenscheinlichen Unwillens der bundesdeutschen Bevölkerung zur revolutionären Betätigung,3135 verstärkt auf dieses internationalistische Moment: „Das System hat es in den Metropolen geschafft, die Massen so tief in seinen eigenen Dreck zu ziehen, daß sie das Gefühl für ihre Lage als Ausgebeutete und Unterdrückte (…) weitgehend verloren zu haben scheinen (...). Daraus folgt aber, daß das revolutionäre Subjekt jeder ist, der sich aus diesen Zwängen befreit und seine Teilnahme an den Verbrechen des Systems verweigert. Daß jeder, der im Befreiungskampf der Dritten Welt seine politische Identität findet, jeder, der sich verweigert, jeder, der nicht mehr mitmacht: revolutionäres Subjekt ist – Genosse.“3136 In dem 1982 erschienenen Strategiepapier „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“ – dem sogenannten „Mai- Papier“3137 – entwarf die RAF daher eine „Metropolenstrategie“3138 zur Destabilisierung der imperialistischen Zentren.3139 Im globalen Krieg gegen den Imperialismus gebe es „verschiedene Abschnitte einer einzigen Front“3140 und die RAF wollte demnach als Guerilla direkt in den Metropolen intervenieren, um durch Schwächung des Imperialismus in seinem Hinterland den Kampf der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu unterstützen. Ihr dazu entworfenes Frontkonzept sah 3133 Rote Armee Fraktion: „Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972“, S. 158. 3134 Ebd., S. 158. 3135 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front (Mai 1982)“, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion – Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 291-306, hier S. 293. 3136 Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972)“, S. 166. 3137 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 528. 3138 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front (Mai 1982)“, S. 294. 3139 Vgl. Daase: Die RAF und der internationale Terrorismus, S. 926f. 3140 Rote Armee Fraktion: „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front (Mai 1982)“, S. 295. 413 vor, sich einerseits auf internationaler Ebene mit anderen terroristischen Organisationen in Westeuropa, wie beispielsweise den italienischen „Brigate Rosse“ (BR) oder der französischen „Action Directe“ (AD), zu verbünden3141 und andererseits im Inland den Schulterschluss mit militanten Gruppen zu suchen.3142 Die dritte Generation der RAF ging mit diesem Frontkonzept sehr viel weiter als ihre Vorgänger, die zwar von Beginn an einen internationalistischen Anspruch erhoben hatten, aber in den 1970er Jahren zumeist nur aus pragmatischen Gründen mit ausländischen Gruppen zusammengearbeitet hatten.3143 Wie der Kampf im Einzelnen auf taktischer Ebene aussehen sollte, ließ „Das Konzept Stadtguerilla“ allerdings ebenso offen, wie die Schrift „Stadtguerilla und Klassenkampf“. Horst Mahlers Text „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ wurde in dieser Hinsicht wesentlich konkreter. Für den Verlauf einer Revolution stellte sich Mahler vor, dass sich in der ersten Phase unabhängig voneinander dezentrale Stadtguerillagruppen bildeten3144 und ein streng konspiratives Netzwerk entstünde, welches den Aufstand langfristig vorbereitete.3145 Die Zustimmung der Massen sei bis dahin nicht erforderlich, sondern würde erst durch den bewaffneten Kampf in einem langwierigen Prozess gewonnen.3146 Mahler zufolge war angesichts der Überlegenheit der Sicherheitsorgane ein klandestines Leben in der Anonymität der 3141 Im Rahmen des Versuchs der Bildung einer antiimperialistischen Front in Europa ging die RAF Kooperationen mit der französischen „Action Directe“, den belgischen „Cellules Communistes Combattantes“ (CCC) und den italienischen „Brigate Rosse“ ein. Verbindungen bestanden auch zur spanischen GRAPO und zur palästinensischen PLO bzw. zur PFLP. Die angestrebte nationale und internationale Front kam jedoch nie wirklich zustande. Die Kooperation mit der Action Directe begann auf programmatischer Ebene und wurde bis zur Durchführung gemeinsamer Aktionen ausgeweitet. Es gab parallele Mordanschläge wie jene auf General René Audran im Januar 1985 und Ernst Zimmermann im Februar 1985 mit gemeinsam verfassten zweisprachigen Bekennerschreiben. (vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 299-318 und S. 333f und vgl. Daase: Die RAF und der internationale Terrorismus, S. 909 und S. 927.) 3142 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front (Mai 1982)“, S. 296-302 und vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 188, vgl. dazu auch Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 130 und Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 493. 3143 Vgl. Daase: Die RAF und der internationale Terrorismus, S. 927. 3144 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 75. 3145 Vgl. ebd., S. 61f. 3146 Vgl. ebd., S. 86f. 414 Großstadt unbedingt erforderlich.3147 Dass sich die RAF entsprechend unauffällig verhielt und sich in Kleidung, Wohnung etc. weitgehend den Lebensumständen der bundesdeutschen Durchschnittsbürger anpasste,3148 erschwerte die Fahndungsmaßnahmen der Polizei erheblich.3149 Beim Aufbau ihrer Logistik orientierte sie sich an Carlos Marighellas Mini-Handbuch des Stadtguerillero.3150 Neben der Organisation der lebensnotwendigen Dinge des Alltags3151, wozu u. a. auch Dinge wie einkaufen oder tapezieren zählten,3152 wurden vor allem Fahrzeuge, Waffen und Sprengstoff beschafft, Papiere organisiert und konspirative Wohnungen angemietet,3153 welche als Depots, Unterkünfte oder Werkstätten dienten. Hierbei wurde die RAF von zahlreichen in der Legalität lebenden Helfern3154 unterstützt.3155 Die RAF profitierte dabei von einem gewissen Zuspruch, den sie in den ersten Jahren gerade unter jungen Menschen genoss.3156 Die Finanzierung von Logistik und 3147 Vgl. ebd., S. 73f. 3148 Vgl. dazu u. a. Becker: Hitlers Kinder?, S. 169 und Peters: Tödlicher Irrtum, S. 208 und S. 248, 3149 Vgl. Weinhauer, Klaus: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“: Polizei und Linksterrorismus in der Bundesrepublik bis Anfang der 1980er Jahre, in: Klaus Weinhauer/Jörg Requate und H. G. Haupt (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik – Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt/Main 2006, S. 244-270, hier S. 257. 3150 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 150. 3151 Dies nimmt laut der Aussage des Terroristen Klaus Jünschke bis zu 99 Prozent der Tätigkeiten im Untergrund in Anspruch. (vgl. Aust: Der Baader- Meinhof-Komplex, S. 194f. 3152 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 194f. 3153 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 221 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 151-158. 3154 Die logistische Hilfe reichte über die Bereitstellung von Pässen und Dokumenten bis hin zur konkreten Beschaffung der Bestandteile von Sprengsätzen. Auf diese Weise glitten viele Unterstützer selbst immer mehr in die Illegalität ab. Hatte man zunächst noch Wohnungen angemietet, nahm man danach vielleicht an einem Kfz-Diebstahl teil. War der Schritt in die Illegalität erst gemacht, war es zur Beteiligung an einem Banküberfall nicht mehr weit. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 156, S. 229-232, S. 234 und S. 241 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 147.) 3155 Vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 65-70 und vgl. Aust: Der Baader-Meinhof- Komplex, S. 205. 3156 1971 waren laut Umfragen ca. 5 Prozent der Bundesdeutschen bereit, RAF- Mitglieder bei sich aufzunehmen. Weitere 9 Prozent schlossen dies zumindest nicht kategorisch aus. Unter den 16 bis 29jährigen lag die Bereitschaft sogar 415 Ausrüstung erfolgte durch regelmäßige Banküberfälle.3157 In einer internen Studie des Bundeskriminalamts und der Landeskriminalämter errechneten Terrorismusexperten, dass zwischen dem 1. Januar 1971 und dem 31. März 1977 „bei mindestens 35 Banküberfällen fast vier Millionen Mark erbeutet“3158 wurden.3159 Auch Erddepots spielten für das konspirative Vorgehen der RAF eine wichtige Rolle. In den nur schwer auffindbaren3160 Verstecken lagerten verteilt über die gesamte Bundesrepublik und das benachbarte Ausland u. a. Unterlagen, Anschlagspläne, Geld, Waffen, Munition, Sprengstoff, Stempel und Ausweispapiere.3161 Die Kommandostruktur resultierte einerseits aus Marighellas Vorgaben, andererseits aus der praktischen Ausbildung in Jordanien bei der El Fatah.3162 Auch wenn dem nach außen postulierten Selbstverständnis Entscheidungen nicht von einzelnen Führungspersonen, sondern stets im Kollektiv getroffen wurden,3163 verhielt es sich in der Praxis jedoch so, dass sich um die führenden Köpfe – wie beispielsweise Andreas Baader bei der ersten Generation – eine eigene, auf „Dauer der Zugehörigkeit, Erfahrung und Persönlichkeit“3164 basierende Hierbei 10 Prozent, bei weiteren 11 Prozent Unentschiedenen. Ganze 18 Prozent der Bevölkerung gestanden der RAF politische Motive zu, während dies bei den 16 bis 29jährigen sogar 25 Prozent waren. (vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: The Germans – Public Opinion Polls, 1967-1980, London 1981, S. 163.) Insbesondere in der Anfangszeit bot das linksextreme Berliner Milieu hervorragende Bedingungen für das Entstehen terroristischer Strukturen. (vgl. Neidhardt, Friedhelm: Soziale Bedingungen terroristischen Handelns – Das Beispiel der „Baader-Meinhof-Gruppe“ (RAF), in: Wanda von Bayer- Katte/Dieter Claessens/Hubert Feger und Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Gruppenprozesse, Opladen 1982, S. 318-391, hier S. 343f.) 3157 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 221 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 151-158. 3158 Althammer, Walter: Gegen den Terror – Texte/Dokumente, Stuttgart 1978, S. 81. 3159 Die regelmäßigen Banküberfälle resultierten aus dem außerordentlich hohen Finanzbedarf der RAF. Peter-Jürgen Boock schätzte, dass sie in ihrer Hochphase pro Mitglied monatlich 70.000,- DM benötigten. Die Bundesanwaltschaft berechnete die Gesamtausgaben der RAF alleine für die Zeit, in der Boock RAF-Mitglied gewesen war, auf ca. 7 Millionen DM. (vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 361.) 3160 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 159. 3161 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 531-533. 3162 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 146f. 3163 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 23. 3164 Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 84. 416 archie bildete.3165 Zudem waren aus Sicherheitsgründen nicht alle RAF- Mitglieder in jeden Anschlag involviert.3166 Wurden bei strategischen Anschlagszielen, wie beispielsweise US-amerikanische Einrichtungen, alle Terroristen eingebunden, oblagen Anschläge mit taktischer Zielsetzung3167 den jeweiligen Zellen vor Ort – von der RAF „Einheiten“ genannt.3168 Diese bildeten zur Durchführung von Aktionen ein Kommando, welches Planung und Vorbereitung von Anschlägen autonom durchführte.3169 Eine Verteilung der Einheiten über das ganze Bundesgebiet sollte zu einer Zersplitterung der Sicherheitskräfte führen3170 und Freiräume schaffen, die den einzelnen Zellen ein koordiniertes Vorgehen und schließlich die Bildung größerer Gruppen ermöglichten.3171 Intendiert war, dass die angeblich unterdrückte Bevölkerung sich allmählich ihrer Macht bewusst wurde und die systemtragenden Kräfte im Laufe der Auseinandersetzungen zunehmend isoliert würden, bis diese schließlich unter dem Druck der Massen zusammenbrachen.3172 Die strategischen Überlegungen setzten jedoch politische und soziale Bedingungen voraus, wie sie in der Bundesrepublik nicht vorhanden waren. In vollkommener Verkennung der Realität gingen die strategischen Maßnahmen der RAF daher aufgrund einer falschen Ziel-Mittel-Umwelt-Analyse ins Leere. Isoliert waren letztlich nicht die Sicherheitsbehörden, sondern die RAF selbst. Nach der Inhaftierung der ersten Generation 1972 verlegten sich deren Protagonisten auf eine neue Form des Kampfes aus den Haftanstalten heraus,3173 um letztlich ihre Befreiung zu erreichen.3174 Mit Schlagwor- 3165 Vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 72 und S. 85f. 3166 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 23 und vgl. Aust: Der Baader- Meinhof-Komplex, S. 497. 3167 Beispiele hierfür waren Anschläge auf das LKA München und das Polizeipräsidium Augsburg, die als Reaktionen auf den Tod von Thomas Weisbecker angelegt waren. (vgl. Tolmein: RAF – Das war für uns Befreiung, S. 58.) 3168 Vgl. Tolmein: RAF – Das war für uns Befreiung, S. 58. 3169 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 146 und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 23. 3170 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 73 und vgl. dazu u. a. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 495. 3171 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 75. 3172 Vgl. ebd., S. 77f und S. 85. 3173 Den Gefangenen gelang es über ein von ihren Anwälten unterhaltenes Kommunikationssystem – das sogenannte „Info“ – über mehrere Haftanstalten hinweg untereinander Verbindung zu halten. Die bis 1976 sichergestellten 9.000 Blatt an Kassibern zeugen von dem ungeheuren Ausmaß des Info- 417 ten wie „Isolationsfolter“ und „Vernichtungshaft“3175 wurde für sich eine Opferrolle reklamiert.3176 Das Mittel des Hungerstreiks wurde gezielt als propagandistisches Mittel eingesetzt.3177 Die Linie der RAF, eigene Verluste als „vom Staat ermordet“ zu deklarieren, wurde auch in Haft konsequent fortgesetzt.3178 Dies geschah im Einklang mit Marighellas Forderung, das Ansehen der Regierung in der Öffentlichkeit Systems. Dabei halfen in den Anwaltskanzleien zahlreiche freiwillige Mitarbeiter aus der Unterstützer- und Sympathisantenszene, wie beispielsweise Christian Klar, Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt oder Willy-Peter Stoll, die sich zunächst in den sogenannten „Komitees gegen Isolationsfolter in den Gefängnissen der BRD“ engagiert hatten und später zur sogenannten zweiten Generation der RAF zählten. 27 Prozent der deutschen Linksterroristen und 20 Prozent der Mitglieder der RAF waren vor ihrer terroristischen Karriere in entsprechenden Hilfsorganisationen tätig. (vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 44 und S. 68, vgl. Herold: „Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus“, S. 403, vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 117, vgl. Reinecke, Stefan: Die linken Anwälte – Eine Typologie, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 2, S. 948-956, hier S. 950f, vgl. Wunschik, Tobias: Aufstieg und Zerfall, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, Bd. 1, S. 472-488, hier S. 473, vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 1975, Bonn 1976, S. 106f, vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 225 und vgl. Schmidtchen, Gerhard: Terroristische Karrieren – Soziologische Analyse anhand von Fahndungsunterlagen und Prozessakten, in: Herbert Jäger/Gerhard Schmidtchen und Lieselotte Süllwold (Hrsg.): Lebenslaufanalysen, (Analysen zum Terrorismus, Bd. 2), Opladen 1981, S. 14-77, hier S. 71. Die Masse der beschlagnahmten Kassiber deutet laut Straßner – auch wenn dies beiderseits stets dementiert wurde – auf eine nachhaltige Einflussnahme der Inhaftierten auf das Handeln der RAF hin. Es gebe sogar Hinweise darauf, dass sich dies selbst bei der dritten Generation noch so verhielt. (vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 88 und S. 333.) 3174 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 41. 3175 Vgl. Koenen, Gerd: Camera Silens – Das Phantasma der Vernichtungshaft, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 2, S. 994-1010, hier S. 994. 3176 Vgl. Reinecke: Die linken Anwälte – Eine Typologie, S. 950-953, vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 43, vgl. Binder, Sepp: Terrorismus – Herausforderung und Antwort, 2. Auflage, Bonn 1980, S. 45-48 und vgl. Koenen: Camera Silens, S. 995. 3177 Vgl. Klink, Manfred: Hat die „RAF“ die Republik verändert? 30 Jahre Terrorismus und Terrorismusbekämpfung in Deutschland, in: Bundeskriminalamt (Hrsg.): Festschrift für Horst Herold zum 75. Geburtstag – Das Bundeskriminalamt am Ausgang des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden 1998, S. 65-99, hier S. 72. 3178 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 48f. 418 wo immer möglich zu beschädigen.3179 In diesem Zusammenhang ist beispielsweise auch der medienwirksame Besuch Jean-Paul Sartres in der JVA Stammheim3180 oder die Anrufung der Europäischen Kommission für Menschenrechte im Jahr 1973 zu sehen.3181 Zwar gelang es durch diese gezielte Diskreditierung des Staates nicht, weite Teile der Bevölkerung gegen ihn aufzubringen, doch wurden hierdurch Sympathisanten animiert, den Untergrundkampf zu unterstützen oder ihn gar selbst aufzunehmen.3182 In den Jahren zwischen 1974 und 1977 war die zweite Generation der RAF daher vor allem auf das operative Ziel der Gefangenenbefreiung fixiert. Den Umstand nutzend, dass sich der Staat mehrfach als erpressbar erwiesen hatte,3183 versuchte sie ihn ein weiteres Mal zum Nachgeben zu bewegen. Doch weder bei der Botschaftsbesetzung von Stockholm, noch bei der Schleyer-Entführung und auch nicht bei der Entführung der Lufthansamaschine Landshut gab der Staat den Forderungen der RAF nach.3184 Zwar wurden bis Anfang der 1980er die letzten Protagonisten der zweiten Generation verhaftet, doch griff die dritte Generation die zu- 3179 Vgl. Marighella: Handbuch des Stadtguerillero, S. 73f. 3180 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 317f. 3181 Vgl. Riederer, Christoph: Die RAF und die Folterdebatte der 1970er Jahre, Wiesbaden 2014, S. 314f. 3182 Vgl. dazu u. a. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder, S. 244 und vgl. Kebir, Sabine: Gewalt und Demokratie bei Fanon, Sartre und der RAF, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, Bd. 1, S. 262-279, hier S. 279. 3183 So waren 1970 palästinensische Terroristen, die Anschläge auf jüdische Menschen und Einrichtungen in der Bundesrepublik durchgeführt hatten, ohne hierfür juristisch belangt worden zu sein, ausgewiesen worden. (vgl. Herzinger, Richard: „Deutschland hätte vor der PLO gewarnt sein müssen“, in: Welt Online, 17.07.2012, http://www.welt.de/fernsehen/article108306622/Deutschland-haette-vorder-PLO-gewarnt-sein-muessen.html, zuletzt geprüft: 29.10.2015.) Auch die drei bei dem Olympia-Anschlag 1972 in München festgenommenen Terroristen wurden bereits wenige Wochen später ausgetauscht, nachdem Terroristen die Lufthansamaschine „Kiel“ entführt hatten. Vor allem aber hatte die Bundesregierung 1975 bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ nachgegeben und inhaftierte Terroristen freigelassen. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 363f und vgl. Siemens, Anne: „Ich würde heute wieder so entscheiden“. Erinnerungen von Helmut Schmidt, in: Dies. (Hrsg.): Für die RAF war er das System, für mich der Vater – Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus, Bonn 2007, 275-284, hier S. 276f.) 3184 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 367 und S. 397-449. 419 vor im Mai-Papier formulierte Strategie auf und führte neben Anschlägen auf US- und NATO-Ziele auch solche auf Funktionsträger der zweiten Reihe aus Politik und Wirtschaft durch.3185 Durch die gezielte Auswahl der Opfer versuchte sie sich an die Spitze der damaligen Protestbewegungen zu setzen.3186 Hierzu griff sie Themen wie Friedensbewegung, Startbahn West oder die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf auf3187 und auch bereits das Mai-Papier musste laut Straßner im Kontext mit NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung gesehen werden.3188 Angesichts der hohen Zahl potentieller Angriffsziele war es den Sicherheitsbehörden kaum möglich, alle ausreichend zu schützen.3189 Ihre Anschläge, denen insgesamt zehn Menschen zum Opfer fielen, erreichten ein hohes technisches Niveau.3190 Die professionalisierte Vorgehensweise der dritten Generation der RAF zeugte von einer neuen Qualität. Durch die genaue Analyse der RAF-Prozesse hatte sie aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und vermied es, vergleichbare Spuren zu hinterlassen.3191 Ihr Modus Operandi war streng konspirativ und klandestin.3192 Die Taten wurden akribisch vorbereitet.3193 In der Folge sank die Festnahmequote in den 1980er und 1990er Jahren rapi- 3185 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 608. 3186 So bestand laut Winkler ein Zusammenhang zwischen Tschernobyl und dem Mord an Karl Heinz Beckurts, einem Kernphysiker der Siemens AG. Mit dem Anschlag auf ihn habe die RAF versucht, die damals grassierende Atom- Angst auszunutzen. Ähnlich geartet sei demnach auch der Mord an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder am 1. April 1991 gewesen, da hierdurch Gegner der deutschen Einheit angesprochen werden sollten. (vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 407 und S. 421f) 3187 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 121. 3188 Vgl. ebd., S. 117. 3189 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 608. 3190 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 88 und S. 264 und vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 413f. 3191 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 274 und S. 607 und vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 296. 3192 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 490 3193 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 294. 420 de.3194 Bis zur Gegenwart ist die Aufklärung der Verbrechen der dritten Generation außerordentlich schwierig.3195 Durch die Umsetzung des Front-Konzepts und einer damit einhergehenden Kooperation mit militanten Gruppen versuchte sich die RAF aus ihrer zunehmenden Isolation zu befreien.3196 Unterhalb der eigentlichen RAF – der „Kommandoebene“3197 – bildeten sich daher in den 1980er Jahren mit den sogenannten „Kämpfenden Einheiten“ bzw. „Illegalen Militanten“ eine zweite Ebene3198, die aus Personen bestand, die nicht zwingend in der Illegalität lebten, aber in einem regelmäßigen Kontakt zur Kommandoebene standen und ihr auch als Rekrutierungsreservoir diente. Während die Kommandoebene Attentate auf Personen durchführte, sollten die Kämpfenden Einheiten in Absprache mit ihr Brand- und Sprengstoffanschläge mit intendiertem Sachschaden3199 begehen.3200 Auch das in der Legalität lebene militante RAF- Umfeld führte Sachanschläge durch und leistete Hilfsdienste wie das Anmieten von Wohnungen oder Anlegen von Depots. Auf einer weiteren Ebene war es Aufgabe der „legalen“ Unterstützer3201, politische 3194 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 274 und S. 607. 3195 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 503, vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 258f, S. 261f und S. 265 und vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 81, S. 100 und S. 105-107. 3196 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 78. 3197 Laut Petri zählten nach der Sichtweise des Bundeskriminalamts alle drei genannten Ebenen zur RAF, während für das Bundesamt für Verfassungsschutz die RAF lediglich aus der Kommandoebene bestand. Petri teilt diese Sichtweise, da alleine die Kommandoebene offiziell unter der Bezeichnung RAF auftrat. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 145.) 3198 Während laut Straßner die Kommandoebene aus 10-30 Personen bestand, zählten zu den Illegalen Militanten 20-50 Mitglieder. Das militante RAF- Umfeld setzte sich demnach aus ca. 200 Aktivisten und das „legale“ RAF- Umfeld aus rund 2.000 Personen zusammen. (vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 83 und S. 109.) 3199 Zwischen 1985 und 1990 verübten Kämpfende Einheiten ca. 18 „Sachschadenanschläge“ gegen Gebäude, Strom- und Sendemasten oder sogar eine NATO-Pipeline, die wie die Anschläge der Kommandoebene von politischen Erklärungen begleitet wurden. (vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 77f.) 3200 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 138 und S. 152 und vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 84 und S. 88. 3201 Alleine der in Hilfsorganisationen zusammengefasste Sympathisantenkreis wurde 1975 auf rund 1.600 Personen geschätzt. (vgl. Römelt: „Die anarchistische Gewaltkriminalität in der BRD“, S. 532.) 421 Agitation im Sinne der RAF zu betreiben,3202 wie beispielsweise durch die Herausgabe der bis 1990 regelmäßig erscheinenden Zeitschrift „Zusammen kämpfen“.3203 3.2.4. Die Darstellung der Bekämpfungsmaßnahmen Terroristische Gewalt, wie sie von der RAF praktiziert wurde, war für die bundesdeutsche Öffentlichkeit ebenso wie für die Sicherheitsbehörden ein völlig neues Phänomen politisch motivierter Kriminalität, welches den Staat vor immense Herausforderungen stellte,3204 die mit den bisherigen Mitteln kaum zu bewältigen waren. Es fehlten sowohl ein nachrichtendienstlicher Aufklärungsapparat als auch Spezialeinheiten für den direkten Zugriff. Ausrüstung und Bewaffnung der Sicherheitsorgane erwiesen sich als unzureichend und es fehlte an taktischen Konzepten.3205 Anfang der 1970er war das Handeln der Sicherheitsorgane gegenüber terroristischer Bedrohung häufig noch von kurzfristigem Denken geprägt und mehr reaktiv als strategisch ausgerichtet.3206 Eine erste Anpassung der Rechtslage an die neuen Rahmenbedingungen3207 wurde durch die vom Bundestag beschlossenen beiden „Anti-Terror-Pakete“3208 von Dezember 1974 und August 1976 3202 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 77f und vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 84. 3203 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 86. 3204 Die Zahl von 234 Personen, die zwischen dem 1. Januar 1971 und dem 30. November 1980 wegen linksterroristischer Straftaten rechtskräftig verurteilt wurden, zeugt vom Ausmaß der Gefahr. (vgl. Diewald-Kerkmann, Gisela: Bewaffnete Frauen im Untergrund – Zum Anteil von Frauen in der RAF und der Bewegung 2. Juni, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, Bd. 1, S. 657-675, hier S. 666.) 3205 Vgl. Wegener: Bekämpfung des Terrorismus durch Spezialeinheiten im Rahmen des Sicherheitskonzeptes der Bundesrepublik Deutschland, S. 147f. 3206 Vgl. Dahlke, Matthias: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus – Drei Wege zur Unnachgiebigkeit in Westeuropa 1972-1975, München 2011, S. 430. 3207 Exemplarisch hierfür war u. a. die Rolle der Anwälte der RAF, von denen sich einige, statt zu einem reibungslosen Prozessablauf und zur Wahrheitsfindung beizutragen, die Sache der Terroristen zu Eigen machten. (vgl. dazu u. a. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 290-292, S. 322-324 und Peters: Tödlicher Irrtum, S. 371-373 und S. 375-377.) 3208 Beispielsweise wurde, um die Prozessführung gegen Terroristen zu erleichtern, die bislang unbegrenzte Zahl von Strafverteidigern für jeden Angeklag- 422 vorgenommen.3209 In diesem Zusammenhang wurde auch der Paragraph 129a ins Strafgesetzbuch eingeführt, der fortan Gründung, Mitgliedschaft, Werbung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sanktionierte.3210 Weitere Anpassungen der Rechts- an die Bedrohungslage folgten.3211 Obwohl es für eine Kronzeugenregelung zu diesem Zeitpunkt noch keine rechtliche Grundlage gab,3212 waren in der Praxis bereits Anfang der 1970er derartige Regelungen zur Anwenten auf nur noch drei reduziert und die Möglichkeit geschaffen, Verteidiger vom Prozess auszuschließen, wenn der Verdacht bestand, dass sie selbst an der Tat ihrer Mandaten beteiligt waren. Aufgrund der Erfahrungen mit dem Hungerstreik der Gefangenen war es zudem fortan möglich, auch in Abwesenheit der Angeklagten zu verhandeln, wenn diese vorsätzlich eine Verhandlungsunfähigkeit herbeigeführt hatten. In diesem Zusammenhang wurde auch die Überwachung der Telefonverbindungen ausgeweitet und nach § 129a StPO der neue Straftatbestand „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ ins Strafgesetzbuch eingeführt, der fortan auch die Unterstützung und Mitwisserschaft unter Strafe stellte. (vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 63f und vgl. auch Petri: Terrorismus und Staat, S. 214f sowie Peters: Tödlicher Irrtum, S. 333f und Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 322.) 3209 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 214. 3210 Vgl. Bongartz, Bärbel: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida: Die Entwicklung einer Fahndungsmethode zur Bekämpfung des revoltierenden Terrorismus, Saarbrücken 2008, S. 44. 3211 So wurde während der Entführung Hanns-Martin Schleyers durch die RAF am 30. September 1977 ein Kontaktsperregesetz (BGBl. I, S. 1877) auf den Weg gebracht, durch welches jegliche Kommunikation der inhaftierten Terroristen untereinander sowie mit oder über ihre Anwälte unterbunden werden sollte. Vermutlich als Reaktion auf das Vorhandensein von Waffen und Sprengstoff im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim führte das Gesetz vom 14. April 1978 (BGBl. I, S. 497) u. a. bei Gesprächen zwischen Anwälten und Angeklagten nach §129a Trennscheiben ein. Ferner wurden die Befugnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft bei Durchsuchungen erweitert. Das Gesetz vom 5. Oktober 1978 (BGBl. I, S. 1645) schwächte u. a. das Recht der Verteidigung zur Ablehnung eines Richters wegen der Besorgnis der Befangenheit. Angesichts der neuen Terrorwelle ab Mitte der 1980er Jahre wurde mit dem Gesetz vom 30. April 1986 (BGBl. I, S. 537-545) die Schleppnetzfahndung in die StPO eingeführt und am 19. Dezember 1986 das Strafmaß für Gründer und Mitglieder terroristischer Vereinigungen erhöht (BGBl. I, S. 2566). (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 215.) Am 13. September 1978 wurde durch die Änderung des Artikels 10 GG das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis eingeschränkt. Die Fälle, in denen dieses Grundrecht aufgehoben werden konnte, wurden erweitert. (vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 40.) 3212 Vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 227f. 423 dung gekommen.3213 Es hatte sich gezeigt, dass bis zu Beginn der 1980er Jahre nahezu die Hälfte der Aussteiger aus terroristischen Gruppen bereit war, den Behörden gegenüber Angaben über ihre Gruppen zu machen.3214 Doch erst nachdem im Laufe dieses Jahrzehnts die Ermittlungen immer schwieriger geworden waren, wurde am 9. Juni 1989 die „Kronzeugenregelung bei terroristischen Straftaten“ nach § 129a StGB offiziell eingeführt3215 (BGBl. I, S. 1059).3216 Bereits 1972 3213 Aust und Stuberger zufolge deute vieles darauf hin, dass Gerhard Müller der Mörder des 1971 von der RAF erschossenen Polizeibeamten Norbert Schmid gewesen sei, er aber aufgrund seiner Aussagebereitschaft im Stammheim- Prozess nicht wegen Mordes angeklagt wurde. Obwohl es zahlreiche Belege gebe, dass Müller an allen Verbrechen, die in Stammheim verhandelt wurden, beteiligt war, wurde er nur zu zehn Jahren Haft verurteilt und schließlich vorzeitig entlassen. Da er anschließend selbst für die Justiz unauffindbar war, vermutet Stuberger, dass er von den Behörden mit einer neuen Identität versehen wurde. Die entsprechende Akte, die hierüber Aufschluss geben könnte sei nach wie vor als geheime Staatssache eingestuft und werde unter strengstem Verschluss gehalten. Auch der Metallbildner und Bombenbauer der ersten Generation, Dierk Hoff, wurde im Anschluss an seine Aussage nur zu einer kurzen Haftstrafe verurteilt. Nach einer schnellen Freilassung sei er von den Behörden unter anderem Namen an unbekanntem Ort untergebracht worden. Ähnliches sei im Fall des jungen Druckers Hans-Peter Konieczny geschehen, der im Sommer 1972 der Polizei dabei half, Klaus Jünschke und Irmgard Möller festzunehmen. Konieczny wurde zwei Monate später freigelassen. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 200 und S. 265f und vgl. Stuberger: Die Akte RAF, S. 96 und S. 227f.) Auch bei Verena Becker deutet einiges darauf hin, dass sie gegenüber den Sicherheitsbehörden zu Aussagen bereit gewesen ist. (vgl. Peters, Butz: Verena Becker und der Verfassungsschutz, Hamburg 2010, S. 11f, S. 154-172 und S. 191.) 3214 Vgl. de Ahna, Karen: Wege zum Ausstieg – Fördernde und hemmende Bedingungen, in: Wanda von Bayer-Katte/Dieter Claessens/Hubert Feger und Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Gruppenprozesse, Opladen 1982, S. 478-525, hier S. 487. 3215 Je nach Schwere der begangenen Tat sollten erhebliche Milderungen der zu verhängenden Strafe möglich sein, wenn Fakten offenbar wurden, die geeignet waren, weitere terroristische Straftaten zu verhindern oder deren Aufklärung zu fördern. Auch Hinweise, die zur Ergreifung des Täters oder Teilnehmers einer derartigen Straftat führten, konnten Straferlass zur Folge haben. Eine wichtige Bedeutung kam der Kronzeugenregelung zu, nachdem im Juni 1990 die RAF-Aussteiger in der DDR verhaftet werden konnten. Da diese von der Möglichkeit der Strafmilderung durch ihre Aussagebereitschaft Gebrauch machten, konnten viele Fragen hinsichtlich des Handelns der zweiten Generation nachträglich aufgeklärt werden. (vgl. dazu Peters: Tödlicher Irrtum, S. 587f und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 167-169.) 3216 Vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 167 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 216, S. 273 und S. 275. 424 hatte sich die Innenministerkonferenz (IMK) auf ein einheitliches Vorgehen von Bundes- und Landesebene geeinigt. Hieraus resultierten 1972 das vorläufige und 1974 das endgültige „Programm für die Innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“ (PIS 1974), welche nach dem Grundsatz eines kooperativen Föderalismus auf die Herstellung einer größtmöglichen Flexibilität von Bundes- und Landespolizeikräften im Kampf gegen den Terrorismus abzielten.3217 Durch die Nachgiebigkeit bei der Lorenz-Entführung und die dadurch provozierten Wiederholungstaten – wenige Wochen danach war die deutsche Botschaft in Stockholm besetzt worden3218 –, hatte sich gezeigt, dass kurzfristiges, rein taktisches Denken bei der Bekämpfung des Terrorismus unwirksam war. Das neue Konzept der Inneren Sicherheit ging daher mit der Entwicklung einer unnachgiebigen und kompromisslosen Haltung gegenüber Terroristen einher.3219 Der Umstand, dass die Länderpolizeien bei der Terrorismusbekämpfung überfordert waren,3220 führte zu einer auf das Bundeskriminalamt zulaufenden Zentralisierungstendenz.3221 Bundesinnenminister Hans- Dietrich Genscher hatte am 28. Januar 1971 dem BKA einen zentralen Fahndungsauftrag zur Terrorismusbekämpfung erteilt und damit die Grundlage für die Entwicklung einer konzeptionellen Bekämpfungsstrategie gelegt.3222 Ursprünglich hatte die Aufgabe des BKA alleine in der Koordinierung der Zusammenarbeit der Landeskriminalämter und der Auswertung der von diesen zur Verfügung gestellten Informationen bestanden. Im Rahmen der Terrorismusbekämpfung wurde sein Aufgabenbereich jedoch erheblich erweitert. Ab 1973 war das BKA für die Verfolgung terroristischer Anschläge gegen die Verfassungsorgane des Bundes zuständig.3223 Im März 1975 wurde schließlich von der 3217 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 233 und vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 39. 3218 Zur Botschaftsbesetzung von Stockholm am 24. April 1975 vgl. u. a. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 329-333 und Peters: Tödlicher Irrtum, S. 361-370. 3219 Vgl. Dahlke: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus, S. 154, S. 156, S. 160f und S. 430. 3220 Vgl. ebd., S. 162. 3221 Vgl. ebd., S. 428. 3222 Vgl. Beese, Thorsten-Arne: Der Umgang der bundesdeutschen Polizei mit terroristisch motivierter Gewaltkriminalität in den 1970er Jahren – Dargestellt am Beispiel der Entführung des CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ im Februar 1975 in Berlin (West), Masterarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei, Münster 2010, S. 7f. 3223 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 206f. 425 IMK beschlossen, dem BKA die Zentralfunktion bei der Terrorismusbekämpfung zu übertragen.3224 Unter seiner Leitung sollten fortan alle maßgeblichen Institutionen auf Bundes- und Landesebene in einen zentralisierten Entscheidungsprozess eingebunden werden.3225 Das BKA war somit nicht nur für die zentrale Auswertung der gesammelten Erkenntnisse der Anfang der 1970er eingerichteten landeseigenen „Sonderkommissionen Terrorismus“ verantwortlich, sondern auch für deren Koordinierung und Steuerung.3226 Dies war notwendig geworden, da die von von der RAF in der ganzen Republik aufgebauten Zellen und die bundesländerübergreifenden Bewegungsmuster der Terroristen die Polizei aufgrund ihrer föderalen Struktur vor erhebliche Probleme gestellt hatten. Als Teil der Sicherungsgruppe des BKA am Standort Bonn war zuvor bereits Anfang 1971 die Sonderkommission „Baader/Meinhof“3227 (Soko B/M) geschaffen3228 und direkt dem BKA-Präsidenten unterstellt worden.3229 Damit einher ging ein massiver Ausbau des Sicherheitsapparates3230 sowie eine Erweiterung der Kompetenzen und Aufgabenbereiche der in die RAF-Bekämpfung involvierten Organe.3231 So führten die Erfah- 3224 Vgl. Dahlke: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus, S. 156. 3225 Vgl. ebd., S. 428. 3226 Vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 47. 3227 Die Besonderheit der „Soko Baader/Meinhof“ lag in der permanenten Zusammenarbeit von BKA-Beamten und Landesbeamten der einzelnen Polizeibehörden, wozu eigens auf Landesebene der Soko B/M unterstellte Regionale Sonderkommandos (RESOS) eingerichtet wurden. Herold glaubte, dass der Terrorismus dezentral bekämpft werden müsse und etablierte u. a. einen Meldedienst zwischen BKA und Länderpolizeien. Dem BKA kam dabei die Rolle als zentrale Sammlungs- und Auswertestelle der Terrorismusbekämpfung zu, bei der sämtliche Erkenntnisse über die RAF aus dem gesamten Bundesgebiet zusammenliefen. Mit Beschluss der IMK vom 11. April 1975 wurde aus der Soko B/M die BKA-Abteilung Terrorismus (TE), aus welcher 1991 zusätzlich noch die Koordinierungsgruppe Terrorismus (KGT) hervorging, die sich aus Vertretern von Bundesanwaltschaft, dem Bundesamt für Verfassungsschutz sowie dem BKA zusammensetzte. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 246f und S. 249f, vgl. Dietl, Wilhelm: Die BKA-Story, München 2000, S. 94, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 214f, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 275 und vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 98.) 3228 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 274. 3229 Vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 39f. 3230 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 275. 3231 Hierzu zählten das Bundesministerium des Innern als die höchste für die innere Sicherheit zuständige Behörde auf Bundesebene, das Bundeskriminalamt, welches als oberste Polizeibehörde des Bundes für den Kampf gegen die 426 rungen mit dem Terrorismus in den Jahren 1971/72 zur Aufstellung von Spezialeinheiten der Polizei zur Terrorbekämpfung3232 wie beispielsweise der zum Bundesgrenzschutz3233 gehörenden GSG 9. Während der Personalansatz der Landespolizeien zwischen 1970 und 1980 um 43 Prozent gesteigert wurde,3234 baute der Bundesgrenzschutz seine Planstellen in jener Dekade um 23 Prozent aus. Die Landesämter für Verfassungsschutz wuchsen um 61 Prozent, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) um 64 Prozent und das Bundeskriminalamt um 176 Prozent3235 von 1.211 auf 3.339 Mitarbeiter.3236 Alleine zwischen 1970 und 1972 hatte sich die Zahl der BKA-Beamten von 934 auf 1.779 erhöht.3237 Als Horst Herold3238 im September 1971 die Präsidentschaft des BKA übernommen hatte,3239 belief sich der Etat auf 54,8 Mio. DM.3240 Der überschaubare Fuhrpark bestand aus zwölf Fahrzeugen; Computer waren keine vorhanden.3241 Bis Anfang der 1980er wuchs der Etat auf auf 290 Mio. DM.3242 Herold, den Klink als „‘Motor‘ der RAF in erster Linie zuständig war, der Bundesgrenzschutz, die Landespolizeien und das Bundesamt sowie die Landesämter für Verfassungsschutz. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 203, S. 203-210 und S. 237.) 3232 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 247 und vgl. Wegener: Bekämpfung des Terrorismus durch Spezialeinheiten im Rahmen des Sicherheitskonzeptes der Bundesrepublik Deutschland, S. 148. 3233 Heute Bundespolizei. 1951 ursprünglich gegründet, um die Grenzen der noch nicht durch Streitkräfte geschützten Bundesrepublik zu sichern, wurde der Bundesgrenzschutz (BGS) seit 1970 zunehmend in den Kampf gegen den Terrorismus eingebunden und durch das „Gesetz über den Bundesgrenzschutz“ von 1972 zu einer Polizei des Bundes umgebildet. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 205f.) 3234 Vgl. Knobbe, Martin/Schmitz, Stefan: Terrorjahr 1977 – Wie die RAF Deutschland veränderte, 2. Auflage, München 2007, S. 175. 3235 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 246. 3236 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 175. 3237 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 172. 3238 Horst Herold war von 1971 bis 1981 Präsident des Bundeskriminalamts. (vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 248.) 3239 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 191. 3240 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 214. 3241 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 17f. 3242 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 191 und vgl. Aust: Der Baader- Meinhof-Komplex, S. 172 und S. 216. 427 Terrorismusbekämpfung“3243 bezeichnete, reformierte die Arbeit der Behörde unter Einsatz neuester Technik und richtete sie an modernen wissenschaftlichen Maßstäben aus.3244 Er selbst sprach von seiner Methode als „Sozialkybernetik“.3245 Da er erkannt hatte, dass man sich in seinen Gegner hineinversetzen musste,3246 damit dieser berechenbar würde3247 und erfolgreich bekämpft werden konnte,3248 machte er die ideologische Untersuchung der RAF zu einer der Grundlagen der Fahndung.3249 Damit ging er über eine bloße Betrachtung der Terroristen als Kriminelle hinaus.3250 Um das neue Phänomen eines Tätertyps, der nicht aus Profitgier, sondern aus ideologischen Motiven handelte, zu verstehen, veranlasste er den Einsatz eines Politologen bei der Soko B/M, der die Veröffentlichungen der RAF analysierte.3251 Bis zur Baader-Befreiung 1970 waren zunächst noch klassische Fahndungsmethoden wie öffentlich aushängende Plakate oder Fotografien in Zeitungen zum Einsatz gekommen.3252 Fahndungsbücher waren bis 1972 noch als handschriftliche Kladden geführt worden. Diese überholten Maßnahmen hatten sich jedoch ebenso wie die herkömmliche Ringfahndung im Fall der RAF, die sich beispielsweise nach Banküberfällen in nahegelegene konspirative Wohnungen zurückzog, als unwirksam erwiesen. Zunächst versuchte die Polizei es daher mit systematischen bundesweiten Großfahndungen3253 wie beispielsweise der 3243 Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 87. 3244 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 17f, vgl. dazu auch Peters: Tödlicher Irrtum, S. 275 und Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 192. 3245 Horst Herold fasste 1998 seine Vorgehensweise in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung wie folgt zusammen: „Es war eine Rechenaufgabe, die ‚RAF‘ zu bekämpfen. Man mußte ihr Weltbild kennen, den marxistischen Ausgangspunkt beachten und dann die kriminalistischen Grundrechenarten anwenden.“ (Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 87.) 3246 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 169-171. 3247 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 192. 3248 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 278 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 248. 3249 Vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 95. 3250 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 192. 3251 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 278 und vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 248. 3252 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 246. 3253 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 58 und S. 60. 428 „Aktion Hecht“ am 15. Juli 19713254 oder der „Aktion Wasserschlag“3255 Ende Mai 1972.3256 Trotz des verursachten Verkehrschaos hatten die Bürger Verständnis für diese Maßnahmen und wähnten sich nicht – anders als von der RAF erhofft – von einem heraufziehenden Polizeistaat bedroht.3257 Klink konstatiert sogar, dass Bevölkerung und Medien die Fahndungsmaßnahmen „in einzigartiger Weise unterstützt“ hätten.3258 In der Folge führte Herold die Modernisierung des Fahndungswesens fort.3259 Neben Schleppnetzfahndung3260 und Zielfahndung3261 wurde vor allem seit der zweiten Hälfte der 1970er die Rasterfahndung3262 entwickelt, die, davon ausgehend, dass Terroristen be- 3254 Im Laufe dieser ersten systematischen Großfahndung nach RAF-Terroristen wurden zur Kontrolle der wichtigsten Straßen 3.000 Polizeibeamte eingesetzt. Bei einer der Kontrollen stießen die Beamten in Hamburg auf Werner Hoppe und Petra Schelm. Während Hoppe festgenommen werden konnte, kam Schelm beim Schusswechsel mit der Polizei ums Leben. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 187f.) 3255 Die gesamte Schutzpolizei war für diesen Tag dem BKA unterstellt worden. Alle im öffentlichen Dienst verfügbaren Hubschrauber waren im Einsatz, um mittels „Hubschrauber-Springfahndung“ die Autobahnen abzufliegen und Beamte kurzzeitig bei Autobahnauf- und abfahrten abzusetzen. Auf diese Weise konnten die Autobahnen durch schnell errichtete Straßensperren abschnittsweise kontrolliert werden. Herold hatte beabsichtigt, die RAF durch einen kurzfristig erzeugten und noch nie dagewesenen immensen Fahndungsdruck zu Fehlern zu zwingen. In diesem Zusammenhang wurden ferner 60 verdächtige Objekte observiert, darunter auch eine Garage in Frankfurt am Main, wo am 1. Juni mit Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins führende RAF-Mitglieder festgenommen werden konnten. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S, 250, vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 19, vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 95 und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 294- 296.) 3256 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 60, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof- Komplex, S, 250, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 293 und vgl. Dietl: Die BKA- Story, S. 95. 3257 Vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S, 250. 3258 Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 74f. 3259 Vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 97. 3260 Bei der Schleppnetzfahndung wurden über das ganze Bundesgebiet verteilt an bestimmten Verkehrsknotenpunkten zeitweise Kontrollen eingerichtet, bei denen Daten erhoben, gespeichert und ausgewertet wurden. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 256.) 3261 Hierbei wurden drei bis fünf TE-Fahnder auf einen bestimmten mutmaßlichen Terroristen angesetzt. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 249.) 3262 Vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 115 und vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 43. 429 stimmten logistischen Zwängen unterlägen3263 und Wohnungen, Waffen, Mobilität, Geld und Papiere benötigten,3264 mit polizeieigenen Daten arbeitete, welche aufgrund richterlicher Verfügung von Firmen, Behörden und sonstigen Institutionen bereitzustellen waren.3265 Wenn mit der Rasterfahndung auch durchaus Erfolge erzielt wurden,3266 bestand das Hauptproblem vor allem darin, dass die verwendeten Daten häufig bereits veraltet waren. Zusammen mit der unsicheren Rechtslage führte dies zu einem eher vorsichtigen Einsatz dieser Methode.3267 Eng mit der Rasterfahndung verbunden war die auf das polizeiliche Informationssystem INPOL3268 zurückgreifende Computerfahndung,3269 die Herolds Prinzip, „Kriminalitätsbekämpfung gleich Infor- 3263 So wurde im Falle der RAF beispielsweise vor allem nach jungen Personen ohne festes Arbeitsverhältnis, Versicherungen und polizeiliche Anmeldung gesucht, die anonyme Wohnungen in Großwohnanlagen mit Tiefgarage und Autobahnanbindung anmieteten. (vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 60.) 3264 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 191. 3265 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 254f und vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 62 und vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 42. 3266 Nachdem die Polizei eine konspirative Wohnung mittels Rasterfahndung identifiziert hatte, gelang hier am 9. Juni 1979 die Festnahme Rolf Heißlers. Von 100.000 Wohnungen traf es lediglich auf zwei zu, dass Strom und Wasser bar bezahlt wurden, kein Auto angemeldet war und kein Kindergeld bezogen wurde. Eine davon war ein Versteck der RAF. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 256, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 495f und vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 367.) 3267 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 256. 3268 Bei dem 1972 in Betrieb genommenen „Informationssystem der Polizei“ – kurz INPOL – handelte es sich um das weltweit größte polizeiliche Informationssystem zum Zwecke des Datenaustauschs zwischen dem BKA und den Länderpolizeien. Das Kernstück von INPOL war die Fahndungsdatei PIOS (Personen, Institutionen, Objekte und Sachen) mit den Schwerpunkten Rauschgift und Terrorismus. 1979 waren hier insgesamt 135.000 Personen, 5.500 Institutionen, 115.000 Objekte und 74.000 Sachen erfasst. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 217.) Insgesamt waren im Zusammenhang mit der RAF Daten zu 650.000 Gegenständen abgespeichert. Das geheimdienstliche Pendant zum INPOL war das Nachrichtendienstliche Informationssystem NADIS, in welches Verfassungsschutz, MAD und BND ihre Erkenntnisse einspeisten. (vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 40, S. 59f, S. 62 und S. 73, vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 97, vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 266f und vgl. Bongartz: Rasterfahndung: Strategie gegen RAF und Al Kaida, S. 39.) 3269 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 252. 430 mationsverarbeitung“3270 folgte, nach welchem sich die RAF durch die computergestützte Fahndung selbst bekämpfen sollte, indem sie Spuren hinterließ und Daten lieferte.3271 Auch wenn Herolds Datenverarbeitung3272 weder die Entführung Hanns-Martin Schleyers verhindern, noch sein Leben retten konnte3273, gelang es mit dieser Methode jedoch im Zuge der Aufarbeitung des Entführungsfalls 20 konspirative Wohnungen und 23 Fahrzeuge, welche die RAF im Zeitraum September und Oktober 1977 genutzt hatte, aufzuspüren.3274 Ende 1977 stießen die Fahndungsmaßnahmen der Polizei jedoch an ihre Grenze, als eine Diskrepanz zwischen Ermittlungsperfektion und Fahndungsdefizit festgestellt wurde. Zunehmend wurden in der Öffentlichkeit die polizeilichen Maßnahmen kritisch diskutiert.3275 Nach Auswertung von Beiträgen zum Thema Terrorismus in „Die Polizei“ und „Kriminalistik“ kam Weinhauer zu dem Schluss, dass auch die meisten führenden Polizeibeamten ein offensives Vorgehen befürworteten und vom bloßen Datensammeln Herolds wenig hielten.3276 Hinzu kam das Dilemma, dass die Analyse massenhaft gesammelter Daten sehr viel Zeit in Anspruch nahm, das gewünschte Ergebnis jedoch nicht immer erzielt werden konnte.3277 Da die Datenmenge das System schließlich überfordert hatte, wurde „PIOS-Terrorismus“ nach Herolds Ausscheiden aus dem Dienst im Jahre 1981 ausgeschaltet.3278 Bundesin- 3270 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 275. 3271 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 72. 3272 Der Einsatz der Datenverarbeitung in der Kriminalitätsbekämpfung bewirkte 1974 einen Anstieg der Festnahmequote um 33 Prozent. 52.000 Tatverdächtige konnten dingfest gemacht werden. (vgl. Beese: Der Umgang der bundesdeutschen Polizei mit terroristisch motivierter Gewaltkriminalität in den 1970er Jahren, S. 15.) 3273 Die polizeilichen Daten hatten bereits nach rund 48 Stunden den Hinweis auf Schleyers Versteck in Erftstadt/Liblar geliefert, doch war dieser entscheidenden Information nicht nachgegangen worden. (vgl. Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode (Hrsg.): Unterricht durch die Bundesregierung (Drucksache 8/1881), 07.06.1978 [„Höcherl-Bericht“], S. 7.) 3274 Vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 309. 3275 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 259f und S. 266. 3276 Vgl. ebd., S. 252f. 3277 Vgl. Däniker, Gustav: Antiterror-Strategie. Fakten, Folgerungen, Forderungen – Neue Wege der Terrorismusbekämpfung, Konstanz 1978, S. 154. 3278 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 40 und S. 62. 431 nenminister Gerhart Baum drosselte schließlich den Umfang des Datensammelns beim BKA erheblich.3279 Als sehr erfolgreich hingegen beschreiben Knobbe und Schmitz die Datei „Beobachtende Fahndung“ (Befa), in welcher sämtliche Daten zu Terroristen und Personen die mit ihnen in Kontakt standen, enthalten waren. Dies erlaubte zum einen das schnelle Erkennen des Untertauchens von Personen und damit einhergehend der Zusammensetzung der RAF-Kommandoebene und zum anderen die Herleitung von Bewegungsbildern, mit deren Hilfe Rückschlüsse zum Verhalten und zu möglichen Absichten der Terroristen gezogen werden konnten. So prognostizierte Herold beispielsweise unmittelbar vor der Entführung Schleyers, dass in Nordrhein-Westfalen eine größere Aktion bevorstand. Auch erhielt das BKA auf diese Weise bereits kurz nach der Entführung Kenntnis von der Identität sämtlicher Täter. 1978 waren in der Datei 1.100 Terrorverdächtige und 6.000 ihrer Kontaktpersonen erfasst. Dennoch waren Festnahmen selten.3280 Dadurch, dass die RAF es verstand, aus den Fehlern ihrer jeweiligen Vorgänger zu lernen und ihr Verhalten entsprechend abzuändern,3281 waren die Sicherheitsorgane immer wieder gezwungen, ihre Fahndungsraster den neuen terroristischen Gewohnheiten anzupassen.3282 Dennoch wurde es für die Polizei immer schwerer, Verstecke und konspirative Wohnungen aufzuspüren.3283 1985 wurde die bis heute letzte konspirative Wohnung entdeckt.3284 Seither gelang es den Behörden nicht mehr, Depots, Quartiere und Verstecke aufzuspüren.3285 Zu den gängigen Maßnahmen polizeilicher Fahndung gehörten ferner Observation und Telekommunikationsüberwachung (TKÜ). Während die Observation die gezielte, geplante und heimliche Beobachtung von Einzelpersonen, Gruppen, Objekten und Vorgängen umfasste, war durch den 1968 geschaffenen § 100a StPO auch das Abhören und Auf- 3279 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 265. 3280 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 40 und S. 62 und vgl. Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 90f. 3281 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 112. 3282 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 258. 3283 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 517 und S. 532 und vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 112. 3284 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 112. 3285 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 722 und S. 740. 432 zeichnen von Telefongesprächen möglich geworden.3286 Laut Petri habe sich die vor allem vom Verfassungsschutz3287 angewandte Telekommunikationsüberwachung als effektiv erwiesen.3288 Wie wirksam derartige Methoden sein konnten, lässt sich am Beispiel der „Gruppe 4.2.“3289 erkennen, auf welche die Sicherheitsbehörden im Frühjahr 1973 aufmerksam wurden.3290 Statt einer sofortigen Festnahme beschränkte man sich zunächst auf reine Observation und Abhörmaßnahmen, um Ziele und Vorhaben der Gruppe festzustellen.3291 Der Zugriff und ihre vollständige Zerschlagung erfolgten schließlich in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1974.3292 Ein sehr aufwendiges, aber dafür ebenfalls erfolgreiches Mittel der Terrorbekämpfung war die Infiltration durch verdeckte Ermittler und V-Personen3293, die mit einer Legende in das terroristische Umfeld zur 3286 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 258 und S. 262f. 3287 Das dem BMI unterstehende Bundesamt für Verfassungsschutz und die entsprechenden Landesämter hatten die Aufgabe, Informationen über die terroristische Bedrohung zu gewinnen und an die Strafverfolgungsbehörden weiterzuleiten. Aufgrund des Trennungsgebots durften sie jedoch nicht selbstständig im polizeilichen Sinne aktiv werden. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 209 und S. 211.) 3288 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 260. 3289 Die Bezeichnung „Gruppe 4.2.“ rührt von dem Datum der Zerschlagung dieser Gruppe am 4. Februar 1974. Gesteuert durch die inhaftierten RAF- Mitglieder der ersten Generation hatten sie bei einem Banküberfall im August 1973 150.000,- DM erbeutet und sich zudem Fahrzeuge, Waffen, Munition, Sprengstoff sowie falsche Papiere beschafft. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 357-360 und vgl. Neidhardt: Soziale Bedingungen terroristischen Handelns, S. 332.) 3290 Die Sicherheitsbehörden waren im Frühjahr 1973 durch V-Leute im Hamburger Untergrund darauf aufmerksam gemacht worden, dass „ein Pärchen“ versprengte Unterstützer und Sympathisanten der RAF um sich sammele. In der Folge wurde die sich bildende Gruppe aufwendig überwacht, ihre konspirativen Wohungen wurden observiert und die Telefone der angemieteten Wohnungen abgehört. (vgl. N. N.: „Der BM-Code wurde geknackt“, in Der Spiegel, 7/1974, S. 29-34, hier S. 34.) 3291 Vgl. N. N.: „Der BM-Code wurde geknackt“, in Der Spiegel, 7/1974, S. 29-34, hier S. 34. 3292 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 359f und vgl. Pflieger: Die Rote Armee Fraktion, S. 48. 3293 Beim Einsatz von Verbindungs- oder Vertrauens-Personen handelte es sich um keine hauptamtlichen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden, sondern um Personen, die sich bereits in der Szene bewegten und gegen ein Honorar Informationen weitergaben. Sie waren die wichtigste, aber auch arbeitsinten- 433 geheimen Ermittlung eingeschleust wurden. Diese Methode wurde bereits in der Anfangszeit des Linksterrorismus eingesetzt,3294 wie das bekannte Beispiel des Falls Peter Urbach3295 zeigte. Da der Einsatz von V-Personen der planmäßigen, langfristig angelegten Informationsgewinnung diente, war eine kurzfristige Anwendung dieses Mittels indes ausgeschlossen. Laut Petri waren V-Leute letztlich das wirksamste Mittel gegen die RAF. Wenn sie auch nur in seltenen Fällen zum Kern der RAF führten, ermöglichten sie dennoch vor allem die Aufklärung des RAF-Umfelds. Die Infiltration gestaltete sich seit den 1980er Jahren jedoch zunehmend schwieriger.3296 Eine Ausnahme war der aufsehenerregende Fall des Klaus Steinmetz3297, der Anfang der 1990er Jahre an die Kommandoebene der RAF herangeführt werden konnte.3298 sivste Quelle der Ermittler. Da es sich um keine Beamten handelte, war mit ihrem Einsatz jedoch auch teilweise die Frage ihrer Glaubwürdigkeit verbunden. So belastete der V-Mann Siegfried Nonne beispielsweise zwar mehrere RAF-Leute schwer, erwies sich aufgrund seines Drogenkonsums jedoch als eine ausgesprochen unglaubwürdige Quelle. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 264 und vgl. Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“, S. 103 und S. 106.) 3294 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 261 und vgl. Aust: Baader-Meinhof- Komplex, S. 173. 3295 Praktisch begabt und in technischen Dingen versiert, war der für den West- Berliner Verfassungsschutz arbeitende Peter Urbach im studentisch geprägten Milieu ein gerne gesehener Helfer, der von Rauschgift über Waffen bis hin zu Sprengstoff vieles beschaffen konnte. Urbach lieferte dem Verfassungsschutz nicht nur wertvolle Informationen aus dem Innern der Bewegung, sondern hielt auch enge Fühlung zu der entstehenden Gruppe um Baader, Ensslin, Mahler und Meinhof. So wurde spätestens Anfang April 1970 – vermutlich durch Urbach – „dienstlich bekannt“, dass sich Baader und Ensslin bei Ulrike Meinhof aufhielten. Seine Hinweise führten zur Verhaftung Baaders in der Nacht zum 4. April 1970. (vgl. Winkler: Die Geschichte der RAF, S. 67-71 und S. 159, vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 111- 113 und vgl. dazu auch Baumann, Michael: Wie alles anfing, München 1980, S. 40.) 3296 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 261f und S. 264f. 3297 Klaus Steinmetz war seit 1984 nicht nur gut vernetzter Aktivist der Wiesbadener linken Szene, sondern auch Informant des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes. Über das RAF-Sympathisantenumfeld erhielt er 1992 als „Quelle VM 704“ schließlich Kontakt zur RAF-Kommandoebene. Nach einigen Treffen kam es am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen zum Zugriff durch die GSG 9. Hogefeld konnte festgenommen werden, Grams entzog sich der Verhaftung jedoch durch Suizid. Der V-Mann kam für weitere Einsätze nicht mehr in Frage. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 686f und S. 690-94, vgl. Dietl: 434 Als sich durch die neue Taktik der dritten RAF-Generation, Funktionsträger der zweiten Reihe anzugreifen, der Kreis der potentiellen Opfer erheblich ausgeweitet hatte, reagierten die Sicherheitsbehörden mit dem „Konzept 106“3299 zur „Durchführung von Fahndungsmaßnahmen im Umfeld möglicher Zielpersonen der ‚RAF’“3300. Demnach sollten „Aufklärungskommandos“ Wohnungen und Fahrtstrecken möglicher Opfer von RAF-Anschlägen überwachen, um Ausspähungen und Anschlagsvorbereitungen präventiv zu unterbinden. Obgleich sie vom Konzept 106 erfasst waren, gelang es der RAF dennoch, Anschläge gegen Hans Tietmeyer, Hans Neusel und Alfred Herrhausen zu verüben.3301 Noch bis Mitte der 1980er Jahre hatte es der Staat abgelehnt, mit Terroristen in Dialog zu treten. Die ausbleibenden Fahndungserfolge in der RAF-Bekämpfung führte jedoch auch auf dieser Ebene zum Beschreiten neuer Wege.3302 Das unter dem Decknamen „Hans Benz“ laufende und sich vor allem an das RAF-Umfeld richtende Aussteigerprogramm3303 bewertet Petri zwar als wenig effektiv, da es sein Ziel weitgehend verfehlt, dafür jedoch viele Ressourcen verschlungen habe,3304 doch wurde seitens des Verfassungsschutzes daneben in der Gefangenenfrage Ende der 1980er ein weitaus zielführenderer Ansatz gefunden. Hiermit glaubte man, einen zentralen Aspekt bei der Lösung des Die BKA-Story, S. 240f, vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF., S. 113-120, S. 218 und S. 278f und vgl. Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 205.) 3298 Vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 240. 3299 Benannt nach der 106. Tagung der AG Kripo, die am 20./21. August 1986, unmittelbar nach dem Mord an Karl-Heinz Beckurts, stattfand. (vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 112 und S. 278.) 3300 Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 112. 3301 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 113. 3302 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 272. 3303 Unter dem Decknamen „Hans Benz“ konnten Personen, die sich zu stellen beabsichtigten, einen Beamten des Bundesamtes für Verfassungsschutz über eine bestimmte Telefonnummer erreichen. Da zunächst keine Strafmilderung in Aussicht gestellt wurde, verfehlte das Programm jedoch die gewünschte Wirkung. Durch die eingeführte Kronzeugenregelung stellte sich zwar eine Verbesserung ein, dennoch erreichte man nur solche Personen, welche ohnehin lediglich geringfügige Straftaten begangen hatten. Das bekannteste Beispiel für einen Erfolg dieses Programms war das Mitglied der „Revolutionären Zellen“ Hans-Joachim Klein, der Ende der 1990er Jahre Hans Benz kontaktierte. (vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 280.) 3304 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 281. 435 Terrorismusproblems identifiziert zu haben.3305 Durch die Agitation gegen die Haftbedingungen hatte die RAF immer wieder Unterstützer und neue Rekruten gewinnen können. Noch am 29. April 1989 hatten 7.000 Menschen in Bonn für die „Zusammenlegung der politischen Gefangenen“ demonstriert.3306 Um dieses Potential durch eine Dissolidarisierung mit der RAF auszutrocknen,3307 schlug das Bundesamt für Verfassungsschutz in einem Geheimpapier vor, den Hungerstreikforderungen in begrenztem Umfang entgegenzukommen. Demnach sollten vier Kleingruppen zu sieben Personen zusammengelegt und die Gefangenen schrittweise in den normalen Gefängnisalltag eingegliedert werden, um ihnen auf diese Weise ihren Sonderstatus zu nehmen, welcher ein Teil des Mythos war, der seit den RAF-Anfängen auf eine bestimmte Klientel so große Anziehungskraft ausgeübt hatte. Nachdem erste, von Staatssekretär im Justizministerium Klaus Kinkel3308 geführte Gespräche gescheitert 1989 waren,3309 knüpfte dieser 1992 an seine vormaligen Bestrebungen an. Dort wo es angebracht war, hielt er sogar vorzeitige Haftentlassungen für möglich.3310 Als dem Taten folgten,3311 kam es zur Spaltung der RAF-Gefangenen.3312 Während die einen ihrer unversöhnlichen Linie treu blieben, waren andere bereit, der Gewalt abzuschwören.3313 Schließlich erklärte im August 1992 auch die RAF in ihrem sogenannten „August-Papier“ offiziell einen Gewaltverzicht.3314 Bereits zuvor hatten die Behörden erfolgreich psychologische Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung angewandt. War Anfang der 1970er Jahre der Kampf gegen den Terrorismus noch ein rein polizeili- 3305 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 649. 3306 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 98. 3307 Vgl. Knobbe/Schmitz: Terrorjahr 1977, S. 47. 3308 Zur Kinkel-Initiative vgl. Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 184-190. 3309 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 649-652. 3310 Die juristischen Voraussetzungen einer vorzeitigen Haftentlassung nach § § 57 und 57a StGB waren zum einen die begründete Annahme, dass der Gefangene nach seiner Entlassung keine Straftaten mehr begehen würde. Zum anderen mussten 2/3 der Strafe abgesessen sein und lebenslänglich Verurteilte mindestens 15 Jahre verbüßt haben. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 671.) 3311 Alleine bis September 1993 wurden neun Inhaftierte vorzeitig entlassen. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 684.) 3312 Vgl. Straßner: Die dritte Generation der RAF, S. 499. 3313 Vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF, S. 102. 3314 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 715-717. 436 cher gewesen, wurde zunehmend die Öffentlichkeit miteinbezogen,3315 als die verbesserte bürgerliche Tarnung der RAF ab Mitte der 1970er die Fahndung erschwerte.3316 Laut Dietl „verstärkte der angegriffene Staat“ mit „feiner psychologischer Kriegsführung die abwehrende Haltung der breiten Öffentlichkeit gegen den linken Terror.“3317 So wurde u. a. über publizistische Aktionen nachgedacht, die das Ziel verfolgten, die Unterstützer von Terroristen zu diskreditieren.3318 Vor allem aber sollten Nachrichtensendungen wie „heute“ oder Tagesschau in die Fahndung einbezogen werden. Medienwirksame Berichterstattung über Großfahndungen sollte gleichermaßen die Terroristen beunruhigen und die Bevölkerung sensibilisieren.3319 Auch die Innenministerkonferenz vom 2. September 1977 beschloss noch einmal eine verbesserte Aufklärung der Bevölkerung über die terroristischen Ziele und Methoden sowie ihr terroristisches Umfeld. Aus einer eigens eingesetzten Arbeitsgruppe3320 ging schließlich eine wissenschaftliche Projektgruppe hervor, die die Grundlagen, Entstehungsbedingungen und Entwicklungen des Terrorismus wissenschaftlich analysieren sollte,3321 um künftige Fehler bei der Einschätzung und der Bekämpfung des Terrorismus zu vermeiden.3322 Da gerade in Teilen der hochgebildeten Schichten Sympathien für die Terroristen bestanden, sollte deren Verharmlosung entgegengewirkt und die Resilienz in der Bevölkerung gegenüber terroristischer Propaganda gestärkt werden.3323 Allerdings 3315 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 254. 3316 Vgl. ebd., S. 257. 3317 Dietl: Die BKA-Story, S. 95. 3318 Vgl. Dietl: Die BKA-Story, S. 95. 3319 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 254 und vgl. Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 88. 3320 Vgl. N. N.: „Terrorismusbekämpfung: Innenminister einigten sich auf Maßnahmenkatalog“, in: Deutsche Polizei, 10/77, S.5 und vgl. Jäger, Herbert/Schmidtchen Gerhard und Lieselotte Süllwold (Hrsg.): Lebenslaufanalysen, (Analysen zum Terrorismus, Bd. 2), Opladen 1981,Vorwort, S. 5. 3321 Als Resultat dieses bis dahin größten „Projekts zur systematischen Aufarbeitung der Entstehungsbedingungen von Terrorismus“ erschienen die vier Bände „Ideologien und Strategien“, „Lebenslaufanalysen“, „Gruppenprozesse“ und „Prozesse und Reaktionen in Staat und Gesellschaft“. (vgl. Sack/Steinert (Hrsg.): Protest und Reaktion, Vorwort, S. 5-7.) 3322 Vgl. Sack/Steinert: Protest und Reaktion, Vorwort, S. 5 und vgl. Jäger/Schmidtchen und Süllwold (Hrsg.): Lebenslaufanalysen, S. 5. 3323 Vgl. Weinhauer: Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Computer“, S. 254. 437 trug zum Gelingen dieses Vorhabens die RAF selbst nicht unwesentlich bei, da sie den Tod Unschuldiger in Kauf nahm und durch eine zunehmende Brutalisierung eine Identifikation der Menschen mit den Opfern herbeiführte.3324 Zahlreiche Fahndungserfolge waren schließlich der Öffentlichkeitsfahndung geschuldet und resultierten direkt aus der Zusammenarbeit mit den Bürgern.3325 Nach einer Auswertung von 85 ausgewählten in der Literatur3326 dokumentierten Festnahmen gingen 42 davon auf Hinweise aus der Bevölkerung zurück. Polizeiliche Methoden waren 33mal erfolgreich und in zehn Fällen war es unklar, ob die Verhaftungen nicht zuvor auf die Mithilfe aus der Bevölkerung oder gar dem RAF-Umfeld zurückging.3327 3.2.5. Strategische Betrachtungen Auch wenn die Erfolgsaussichten der RAF faktisch nicht vorhanden waren, gestaltete sich die Terrorismusbekämpfung durch die Sicherheitsorgane der Bundesrepublik ausgesprochen schwierig, zumal man mit einem sehr hartnäckigen und gefährlichen, dabei aber nur schwer zu fassenden Gegner konfrontiert war. Da die anfänglichen Überraschungserfolge der RAF darauf zurückzuführen waren, dass die Sicherheitsbehörden auf die völlig neuartige Bedrohung durch eine politisch motivierte kriminelle Gruppierung von derartiger Schlagkraft nicht vorbereitet war,3328 mussten zunächst die legislativen Grundlagen und exekutiven Mittel geschaffen werden, um dieser zu begegnen. Auch wenn Petri die Antiterrorgesetze nicht als Teil einer zusammenhängenden staatlichen Strategie sieht, da diese unter dem Eindruck aktueller Ereignisse erlassen worden seien und keinem Gesamtkonzept folgten,3329 gaben sie seiner Ansicht nach den Sicherheitsorganen wich- 3324 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 197f. 3325 Vgl. Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 75 und S. 89 und vgl. Beese: Der Umgang der bundesdeutschen Polizei mit terroristisch motivierter Gewaltkriminalität in den 1970er Jahren, S. 66. 3326 Hierzu wurden die gängisten Werke zur Geschichte der RAF von u. a. Aust, Peters, Wunschik und Pflieger herangezogen. 3327 Siehe Anhang A: „Verhaftungen RAF 1970-1993“. 3328 Vgl. Müller-Borchert, Hans-Joachim: Guerilla in der Bundesrepublik?, in: Rolf Tophoven (Hrsg.): Politik durch Gewalt – Guerilla und Terrorismus heute. Acht Beiträge zu einem Phänomen, Bonn 1976, S. 127-143, hier S. 134. 3329 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 216 und S. 299. 438 tige Instrumente zur Terrorismusbekämpfung an die Hand.3330 Neben einer Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen wurden die mit der Terrorismusbekämpfung betrauten Behörden mit den erforderlichen Ressourcen versehen und ihre Kompetenzen neu zugeschnitten. Spezialeinheiten wurden geschaffen und neue Fahndungsmethoden entwickelt. Die gesamte Polizeiarbeit wurde modernisiert, technisiert und verwissenschaftlicht. Vor allem aber wurde die Terrorismusbekämpfung, in die verschiedene Behörden auf Bundes- und Landesebene involviert waren, zentralisiert und beim dem Bundesministerium des Innern unterstehenden Bundeskriminalamt zusammengefasst, welches den Kampf gegen den Terrorismus stellvertretend für die Bundesregierung als strategisches Zentrum führte. Lediglich im Herbst 1977 während der Schleyer- und Landshut-Entführung übernahmen der Bundeskanzler und die von ihm geleiteten Beratungsgremien – der „Große politische Beraterkreis“3331 und die „Kleine Lage“3332 – die direkte Leitung der Maßnahmen. Aber auch diese kurze Episode zeigte, dass in einem demokratischen und föderalen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik, in dem die Terrorismusbekämpfung trotz zentralisierter Steuerung, auf verschiedenen Ebenen stattfand und auf mehrere Behörden verteilt war, die Strategie primär dialogisch zustande kam. Anders als Petri, der zu der Ansicht gelangte, dass der Staat bei der Bekämpfung der RAF lediglich „partiell strategisch gehandelt“3333 und auf terroristische Anschläge nur reagiert habe, statt aktiv strategisch zu handeln,3334 kann aus den Betrachtungen dieser Arbeit geschlussfolgert werden, dass das staatliche Handeln alleine in der Anfangszeit der terroristischen Herausforderung häufig reflexartig und affektiv war, 3330 Vgl. ebd., S. 294f. 3331 Neben dem Bundeskabinett gehörten diesem Gremium auch die Partei- und Fraktionsvorsitzenden von CDU/CSU, SPD und FDP sowie die Ministerpräsidenten jener Bundesländer, in denen RAF-Mitglieder inhaftiert waren, an, um gemeinsam das weitere Vorgehen abzustimmen. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 412f und S. 417 und vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 501.) 3332 Hierzu zählten als engste Berater des Bundeskanzlers u. a. Innenminister Werner Maihofer, Justizminister Hans-Jochen Vogel, Außenminister Hans- Dietrich Genscher, Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, Staatssekretär Manfred Schüler, Regierungssprecher Klaus Bölling, BKA-Präsident Horst Herold und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann. (vgl. Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode (Hrsg.): Unterricht durch die Bundesregierung (DS 8/1881), S. 6, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 417 und vgl. Aust: Baader-Meinhof- Komplex, S. 501.) 3333 Petri: Terrorismus und Staat, S. 299. 3334 Vgl. ebd. S. 299. 439 sich jedoch mit der Erkenntnis, dass der Terrorismus kein vorübergehendes Phänomen sein würde, alsbald ein gezieltes strategisches und systematisches Handeln aller beteiligten Institutionen entwickelte, welches sich mit den Jahren als überaus flexibel erwies und sich nicht nur auf veränderte Verhaltensweisen des terroristischen Gegners einzustellen wusste, sondern auch zu Strategieänderungen in der Lage war, wenn die gewünschten Erfolge ausblieben. Der Staat zeigte sich somit in den annähernd drei Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit der RAF nahezu jederzeit als strategiefähig. Die staatliche Strategie zeigte sich dabei kontinuierlich darum bemüht, eine Strategie auf Basis politischer Vorgaben zur Beseitigung des Terrorismus zu erarbeiten. Die hierzu angestellten Ziel-Mittel-Umwelt- Kalkulationen kamen vor allem unter der Verantwortung von BKA- Präsident Herold zu den richtigen Schlüssen, da dieser die potentiellen Möglichkeiten des Gegners korrekt einzuschätzen wussten. Dies führte beispielsweise zu dem erfolgreichen Ansatz, die Öffentlichkeit in die Bekämpfung miteinzubeziehen und sich auch auf einer psychologischen Ebene mit dem Terrorismus auseinanderzusetzen. Zum einen sollte durch gezielte Informationspolitik der wahre Charakter der politisch motivierten kriminellen Organisation zu Tage treten und zum anderen die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt werden, dass sich deren Mitglieder verdeckt inmitten der Gesellschaft bewegten. Wichtig war daher, die zumindest in der Anfangszeit in bestimmten Teilen der Bevölkerung vorhandenen Sympathien – von denen die RAF z. B. durch Hilfsdienste zu profitieren verstand – abzubauen und ihr u. a. den von ihr postulierten Guerillastatus konsequent zu verweigern, um sie als gewaltbereite Extremisten in den Bereich der Politisch motivierten Kriminalität (PMK) zu verweisen. Durch das Einspannen der Bevölkerung in die Bekämpfungsmaßnahmen sollte der Bewegungsraum der Terroristen stark eingeschränkt und ihr Handeln erheblich erschwert werden. Wenn auch das Primärziel einer nachhaltigen Beseitigung der von der RAF ausgehenden linksterroristischen Gefahr lange Zeit nicht erreicht werden konnte, trug dies jedoch dazu bei, dass es immer wieder gelang, die einzelnen RAF-Gruppen zu zerschlagen oder zumindest personell stark zu schwächen. Gleiches gilt für die vom Staat entwickelte konsequent unnachgiebige Haltung gegenüber terroristischen Erpressungsversuchen.3335 Diese resultierte aus einer vorgenommenen Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulation, die weitere Erkenntnisse über die Beschaffenheit und Absichten des Gegners erbracht und zudem ergeben hatte, dass diesen eine demonstrierte Kompromissbereitschaft nur zu 3335 Vgl. Dahlke: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus, S. 163. 440 neuen Angriffen provozieren würde, wie am Beispiel der unmittelbar auf den Fall Lorenz erfolgenden Botschaftsbesetzung von Stockholm zu sehen war.3336 Die Annahme der RAF, dass, wer sich einmal als erpressbar erwiesen hatte, es auch wieder sein würde, wenn nur der Druck hoch genug war, hatten das Ausmaß der Anschläge und die Zahl der Betroffenen immer größer werden lassen. Erst als die Bundesregierung 1977 unnachgiebige Härte3337 bewies, fanden terroristische Erpressungsversuche ein Ende. Durch dieses Umsteuern in der Anti- Terror-Strategie konnte somit ein erster Etappensieg auf dem langen Weg zur Niederwerfung der terroristischen Bedrohung errungen werden. Abänderungen der Strategie wurden schließlich auch im Kampf gegen die dritte RAF-Generation in den 1980er Jahren erforderlich, nachdem diese ihre Vorgehensweisen geschickt an die zuvor erfolgreichen Fahndungsmaßnahmen angepasst hatte, so dass Erfolge der Sicherheitsorgane immer seltener wurden und schließlich lange Zeit ganz ausblieben. Trotz aller Erfahrungen, welche die Sicherheitsbehörden inzwischen mit Linksterroristen gesammelt hatten und trotz aller ausgearbeiteten Sicherheitskonzepte gelang es der dritten Generation immer wieder, Anschläge auf technisch hohem Niveau durchzuführen. Nicht auszuschließen, dass sich ihre Protagonisten in den Phasen zwischen ihren Aktionen möglicherweise im Ausland aufhielten und lediglich zur Durchführung ihrer Attentate in die Bundesrepublik zurückkehrten.3338 Verbindungen zu den Palästinensern3339 und der Umstand, dass V-Mann Klaus Steinmetz die ihm bekannten RAF-Leute erstmals in Paris traf3340, könnten Indizien hierfür sein. Unter dem Druck, die von der Öffentlichkeit an den Staat und seine Sicherheitsorgane gerichteten Erwartungen zur Gewährleistung der Inneren Sicherheit zu erfüllen, wurden schließlich einige Änderungen in der Strategie vorgenommen. So wurde beispielsweise die Kronzeugenregelung geschaffen und ein Aussteigerprogramm mit der Intention initiiert, von ausstiegsbereiten Terroristen Aussagen zu erhalten, die zu Erkenntnissen und schließlich Festnahmen führen würden. Einiges deutet darauf hin, dass der Staat bereits in den 1970ern ohne rechtliche Grundlage dazu bereit gewesen war, aussagebereiten RAF-Mitgliedern 3336 Vgl. Dahlke: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus, S. 163 und vgl. Siemens: „Ich würde heute wieder so entscheiden“. Erinnerungen von Helmut Schmidt, S. 277. 3337 Vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 407. 3338 Vgl. ebd., S. 740. 3339 Vgl. ebd., S. 732. 3340 Vgl. ebd., S. 687. 441 Haftverkürzungen zu gewähren, wenn diese dazu beitrugen, den ansonsten nur schwer zu durchdringenden terroristischen Komplex aufzuklären und künftige Schäden abzuwenden. Aussteigerprogramm und Kronzeugenregelung3341 erwiesen sich bei der unmittelbaren Terrorismusbekämpfung jedoch als ebenso wenig erfolgreich wie der Versuch, mit dem Konzept 106 potentielle Anschlagsopfer zu schützen. Lediglich die Kinkel-Initiative erbrachte als Alternative zu der seit Mitte der 1970er Jahre praktizierten kompromisslosen Strategie positive Resultate. Indem sie mit der Gefangenenfrage eines der Kernthemen der sich Anfang der 1990er in einer tiefen Krise befindenden RAF aufgriff, trug sie mit dazu bei, ihr Ende einzuleiten. Obwohl der Staat bei der Bekämpfung des Terrorismus sehr stark auf Macht- und Durchsetzungsaspekte setzte, waren die Ursachen und Hintergründe des Terrorismus, ebenso wie diesem förderliche Rahmenbedingungen, durchaus bekannt und wurden bei der Strategiebildung berücksichtigt. Da die Strategien hierauf abgestimmt waren, kann von einer policyzentrierten Strategie gesprochen werden, bei der sich sowohl staatsorientierte als auch gesellschaftsorientierte Elemente die Waage hielten. Wenn auch die umfangreichen Fahndungsmaßnahmen ebenso aufwendig wie kostenintensiv und die Erfolge gemessen an den eingesetzten Beamten, Finanzmitteln und sonstigen Ressourcen zwar immer wieder erzielt werden konnten, aber dennoch selten waren, haben erfolgreiche Maßnahmen wie Observation, Abhörung sowie vor allem die Infiltration des Milieus durch verdeckte Ermittler und V-Leute3342 jedoch maßgeblich dazu beigetragen, dass der Handlungsraum der Terroristen stark eingeengt wurde. Indem sie durch die intensive Fahndung zu strenger Abschottung und Konspiration gezwungen waren, wurde die Nähe zur Bevölkerung – deren Unterstützung in asymmetrischen Konflikten entscheidend ist – von vornherein unterbunden. Stattdessen verwendete die RAF einen Großteil ihrer zeitlichen und sonstigen Ressourcen auf Maßnahmen, welche dazu dienten, das Leben im Untergrund zu organisieren und die Tarnung aufrecht zu erhalten. Durch bestimmte hierdurch hervortretende Muster wurde ihr 3341 Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass beispielsweise die 1990 in der DDR verhafteten RAF-Aussteiger von der Kronzeugenregelung Gebrauch machten und dadurch sehr viel zur Aufklärung der RAF-Straftaten in den 1970er Jahren beitrugen. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 187.) 3342 Laut Klink hat beispielsweise der Fall Steinmetz zudem dazu geführt, das linksextremistische RAF-Umfeld stark zu verunsichern. (vgl. Klink: Hat die „RAF“ die Republik verändert?, S. 79.) 442 Verhalten schließlich auch ein Stück weit berechenbar.3343 Statt die Initiative an sich reißen zu können, war die RAF zumeist auf der Flucht. Ein solches Leben brachte zahlreiche Probleme mit sich, die oftmals das Risiko der Entdeckung in sich bargen.3344 Das Fahndungsnetz war derart engmaschig, dass die RAF regelmäßig Mitglieder durch Festnahmen verlor. Durch die demonstrierte Entschlossenheit und Härte des Staates im Umgang mit Terrorismus zögerten vermutlich auch viele, den Schritt in den Untergrund zu wagen, da dieser schließlich den Verlust der bisherigen sozialen Bindungen, die Aufgabe aller Zukunftsperspektiven und am Ende zumindest eine langjährige Haftstrafe – wenn nicht gar der Tod – stand. Nur einige wenige Entschlossene und Fanatisierte waren daher wirklich hierzu bereit. Wenn auch Petri die tatsächliche Effizienz der staatlichen Maßnahmen kritisch sieht,3345 hat die Arbeit gezeigt, dass über den gesamten Zeitraum betrachtet, Aufwand und Kosten der Terrorismus-Bekämpfung zwar hoch, aber dennoch erfolgreich waren. Dies belegen die zunehmende Isolierung der RAF, ihr Ausweichen auf das Ausland aufgrund des hohen Fahndungsdrucks,3346 die auf lange Sicht hohe Zahl der Verhaftungen und die immer wieder gelungene Zerschlagung ganzer RAF-Gruppen. Auch wenn es sich gemessen an der Gesamtbevölkerung nur um eine kleine radikale Minderheit handelte, aus welcher die RAF immer wieder ihren Nachwuchs bezog, so war es dennoch nur schwer zu verhindern, dass einige wenige Extremisten immer wieder in den Untergrund gingen. Erst als in diesen Kreisen schließlich die Einsicht über die Sinnlosigkeit des bewaffneten Kampfes erwuchs, verschwand auch die RAF. Die bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre gelungenen Fahndungserfolge haben gezeigt, dass die gegen die terroristischen Gruppen in der Bundesrepublik angewandten Sicherheitskonzepte letztlich aufgegangen waren. Früher oder später konnten bis auf wenige Ausnahmen3347 3343 Vgl. Herold: „Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus“, S. 402f. 3344 Vgl. dazu u. a. Becker: Hitlers Kinder?, S. 165. 3345 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 291. 3346 Vgl. Herold: „Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus“, S. 404. 3347 Zu nennen sind hier beispielsweise Friederike Krabbe oder Ingeborg Barz aus der ersten bzw. zweiten Generation sowie Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg aus der dritten Generation der RAF. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 406f, vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 747f und vgl. N. N.: „Fahndung nach ehemaligen Mitgliedern der ‚Rote Armee Fraktion‘ (RAF) – STAUB, Ernst-Volker Wilhelm, KLETTE, Daniela und GARWEG, Burkhard“, in: 443 alle, die den bewaffneten Kampf aufgenommen hatten, festgenommen werden. Viel länger als zwei Jahre war durchschnittlich kaum keiner der Hauptakteure ohne Unterbrechung im Untergrundkampf tätig.3348 Verschiedene Terroristen wie etwa Margrit Schiller, Helmut Pohl oder Brigitte Mohnhaupt waren zwar insgesamt länger in der Illegalität, jedoch befanden sie sich zwischenzeitlich mindestens einmal in Haft. Es lässt sich also feststellen, dass der Weg in den Untergrund zumindest bei den ersten beiden Generationen der RAF mit hoher Sicherheit mit Festnahme oder dem Tod endete. Erst bei der dritten Generation änderte sich dies. Bis heute sind weder deren Taten restlos aufgeklärt, noch ist sicher, wer ihr überhaupt zuzurechnen war.3349 Dass die Mehrheit der Festnahmen auf Hinweise aus der Bevölkerung zurückzuführen war3350,, zeigt, wie wichtig es ist, die Bürger in die Terrorismusbekämpfung einzubinden und zur Mithilfe zu bewegen. Aus der Mitarbeit der Bevölkerung resultierten mehr Fahndungserfolhttp://www.bka.de/nn_198448/DE/Fahndungen/Personen/BekannteTatve rdaechtige/RAFStaubKletteGarweg/rafStaubKletteGarweg.html, zuletzt geprüft: 22.10.2015. 3348 Mitglieder der ersten RAF-Generation waren nach einer Auswertung von 30 ausgesuchten Fällen im Schnitt rund 13 Monate im Untergrund aktiv, ehe ihr terroristisches Handeln durch Festnahme, Aufgabe oder auch Tod beendet wurde. Bei der sogenannten zweiten Generation dauerte die Zeit im Untergrund durchschnittlich rund 25 Monate, wie das Beispiel von 41 untersuchten RAF-Terroristen zeigte. (Siehe Anhang B: „Verweildauer von RAF- Mitgliedern im Untergrund 1970 bis 1984“.) 3349 Sicher ist lediglich, dass Wolfgang Grams Michael Newrzella ermordete. Alle anderen Fälle, einschließlich der Mordversuche an Neusel und Tietmeyer, sind nach wie vor weitgehend ungelöst. Nach Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg wird noch immer gefahndet. Darüber hinaus wird vermutet, dass längst nicht alle Mitglieder der dritten Generation den Behörden bekannt wurden. Das BKA ging in der zweiten Hälfte der 1980er von ca. 15 bis 20 Personen aus, doch handelte es sich hierbei schlichtweg um eine Schätzung. Lediglich drei Personen können zweifelsfrei der dritten Generation zugeordnet werden: Eva Haule-Frimpong, Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld. Nach Sabine Callsen, Barbara Meyer und Christoph Seidler war gefahndet worden, aber nachdem sie sich gestellt hatten, konnte ihnen nichts nachgewiesen werden. Andrea Klump und Horst Ludwig Meyer, die lange als mutmaßliche RAF-Mitglieder galten, wurden 1999 in Wien aufgespürt. Während Klump verhaftet wurde, kam Meyer beim Schusswechsel mit der Polizei ums Leben. Allerdings gab es auch im Fall von Klump keine Belege für eine Beteiligung an RAF-Anschlägen. Bei Meyer wurde lediglich eine Nähe zur RAF festgestellt, ein Beweis seiner Zugehörigkeit blieb jedoch aus. (vgl. Peters: Der letzte Mythos der RAF., S. 258f, S. 261f und S. 265.) 3350 Siehe Anhang A: „Verhaftungen RAF 1970-1993“. 444 ge als aus eigens erarbeiteten polizeitaktischen Maßnahmen. Aufmerksame Bürger hatten entweder verdächtige Örtlichkeiten oder auffällige Personen gemeldet, sie hatten Schüsse gehört oder Dinge beobachtet, die ihren Argwohn erregten. Auch wenn die RAF über ein gewisses Sympathisanten- und Unterstützerumfeld verfügte, so stieß sie dennoch bei der Mehrheit der Menschen auf Ablehnung, was sowohl den Fahndungsmaßnahmen als auch den Sensibilisierungsstrategien der Behörden Ansatzmöglichkeiten bot. Entsprechend erfolgreich muss auch die offensive Öffentlichkeitsarbeit bewertet werden, die dazu beitrug, in der Bevölkerung kein falsches Bild der Terroristen entstehen oder gar Mythen aufkommen zu lassen, wie es die RAF beispielsweise mit dem Tod von Holger Meins3351 oder der „Nacht von Stammheim“3352 versuchte. Ideologisch im Marxismus-Leninismus verwurzelt, den sie zur Grundlage ihrer gesellschaftlichen Analyse machte, hatte die RAF ihre Strategie des bewaffneten Kampfes dem Maoismus entlehnt, während sie zu deren Umsetzung die taktische Methode der lateinamerikanischen Stadtguerilla wählte. Wo Mao indes das Vorhandensein eines revolutionären Bewusstseins der Massen sowie die Führung einer Kommunistischen Partei gefordert hatte, hatte die RAF versucht, dieses in der Bundesrepublik bestehende Manko mit Guevaras Avantgarde-Konzept zu kompensieren und einen revolutionären Fokus zu errichten.3353 Entsprechend versuchten RAF-Mitglieder vor Gericht immer wieder, für sich einen Kombattantenstatus und entsprechende Behandlung nach dem Humanitären Völkerrecht und nicht nach bundesdeutschem Strafrecht durchzusetzen.3354 Geplant war für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes ein bundesweiter dezentraler Aufbau voneinander weitgehend unabhängigen Terrorzellen. Auf strategischer Ebene sollten Entscheidungen kollektiv von allen Mitgliedern getroffen werden, auf taktischer von den jeweiligen Zellen vor Ort. In der terroristischen Praxis bildeten sich jedoch Hierarchien heraus, bei denen einzelne Protagonisten die Richtung vorgaben. Trotz der unterschiedlichen Ge- 3351 Meins verstarb 1974 in Folge eines Hungerstreiks im Gefängnis. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 304.) 3352 Mit der „Nacht von Stammheim“ verbindet sich der vor allem in linken Kreisen gehegte Mythos, dass sich der Staat der inhaftierten RAF-Mitglieder in der JVA Stuttgart-Stammheim durch deren Liquidierung entledigt hätte. (vgl. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, S. 637f und vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 452f.) 3353 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla in der Bundesrepublik?, S. 132f. 3354 Vgl. dazu u. a. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 344f. 445 wichtung einzelner Mitglieder bei der Formulierung der Strategie der RAF, kam diese tendenziell eher dialogisch zustande. Instruktion und Steuerung der einzelnen Zellen und in der Legalität lebenden Unterstützer erfolgte dabei vor allem durch Kuriere und verschlüsselte Nachrichten.3355 Dies galt insbesondere nach der Festnahme der ersten Generation.3356 Im Anschluss an ihre Zusammenlegung in der JVA Stuttgart-Stammheim koordinierten die inhaftierten Terroristen um Baader das Vorgehen ihrer Nachfolgegruppen aus der Haftanstalt heraus mit dem Ziel, ihre Befreiung zu erreichen. Das strategische Zentrum der RAF befand sich demnach in den Jahren bis 1977 unter den Augen des Staates in Stammheim.3357 Infolge des Selbstmords der Führungspersonen der RAF in ihren Zellen im Oktober 1977, brach die ideologische und strategische Führung durch die Terroristen der ersten Generation jedoch weg und die verblieben Protagonisten der zweiten Generation nahmen eine Neuorientierung ihrer Strategie vor, die im sogenannten Mai-Papier von 1982 formuliert wurde. Hier, wie auch bei den Niederlagen, welche die RAF durch die Verhaftungswelle 1972, die Zerschlagung der „Gruppe 4.2.“ 1974, das Ende der Zweiten Generation bis 1984 und den Misserfolg des Frontkonzepts in den 1980ern erlitt, zeigte sich, dass sie zu einem Umsteuern und einer Neuausrichtung in der Lage war. Dies zeugt ebenso wie die Anleitung der einzelnen Zellen und Mitglieder von der Strategiefähigkeit der verschiedenen RAF-Führungen. Wie die Festnahme Eva Haule-Frimpongs3358 zudem zeigte3359, wurden zu Zeiten der dritten Generation scheinbar auch die „Illegalen Militanten“ der zweiten Ebene straff durch die Kommandoebene geführt. Anders als von der RAF intendiert, kam es trotz der Dislozierung durch Zellenbildung in verschiedenen Städten nicht zu einer Überlastung des Ermittlungsapparats und den hierdurch erhofften Freiräumen. Dass die RAF diese jedoch hätte nutzen können, erscheint ausgesprochen unwahrscheinlich, da sie – trotz aller Sympathien, die ihr in bestimmten Kreisen entgegengebracht wurden – nie über den hierzu 3355 Vgl. dazu u. a. ebd., S. 245 und S. 454. 3356 Vgl. dazu u. a. ebd., S. 376 und S. 378. 3357 Zur Bedeutung der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim als Zentrale der RAF vgl. u. a. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 323-329, S. 355f und S. 374-378. 3358 Eva Haule-Frimpong wurde am 2. August 1986 verhaftet, als sie die beiden Illegalen Militanten Luitgart Hornstein und Christian Kluth über von diesen durchzuführende Anschläge instruierte. (vgl. Peters: Tödlicher Irrtum, S. 621f.) 3359 Vgl. dazu Peters: Tödlicher Irrtum, S. 321f. 446 erforderlichen Rückhalt in der Bevölkerung verfügte. Dies führte gemeinsam mit dem bereits frühzeitig einsetzenden hohen Fahndungsdruck dazu, dass die RAF über die Bildung kleiner Terrorzellen nie hinauskam und eine mittelfristige Aufstellung größerer Kampfgruppen, die beispielsweise in sozialen Konflikten hätten intervenieren können,3360 zu keinem Zeitpunkt realistisch war. Obwohl sie bei ihren Ziel- Mittel-Umwelt-Kalkulationen einen Schwerpunkt auf die Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen gelegt hatte, war die RAF in dieser Hinsicht von falschen Prämissen ausgegangen. In der Bundesrepublik bestand weder ein latentes revolutionäres Potential, welches durch bewaffnete Propagandaaktionen seitens der RAF hätte geweckt werden können, noch handelte es sich bei dem politischen System um ein verdeckt repressiv-faschistisches, das sich durch terroristische Provokationen zur Aufgabe seines angeblichen demokratischen Deckmantels hätte nötigen lassen. Die RAF versuchte mit ihren beschränkten Mitteln, einen Rechtsstaat anzugreifen, dessen Legitimität in den Augen der Bevölkerung außer Zweifel stand. Die Indikatoren, welche die RAF angeblich für ein revolutionäres Potential oder eine bevorstehende Transformation des Staates in eine Diktatur erkannt haben wollte, basierten auf Fehldeutungen.3361 In der Bundesrepublik war weder ein revolutionäres Bewusstsein vorhanden, noch konnte ein solches mit Gewalt geschaffen werden.3362 Neben der Mobilisierung ihrer Klientel, könnte auch die eigene politische Verblendung zu dieser falschen Einschätzung beigetragen haben. Eine dogmatische kommunistische Denkweise ersetzte bei der RAF als ideologischer Kompass eine fundierte, auf einer objektiven Analyse basierende Strategie. Zudem verprellte die RAF viele ihrer Sympathisanten und isolierte sich selbst innerhalb der extremen Linken immer mehr durch ihre brutalen Vorgehensweise und die Vernachlässigung konkreter politischer Inhalte. Das Scheitern der RAF unterlag demnach einer gewissen Zwangsläufigkeit. 3360 Vgl. Krebs: Ulrike Meinhof, S. 220. 3361 Laut der Verlautbarungen der RAF sei das repressive System in der Bundesrepublik so stark, dass eine Radikalisierung der Massen zwar trotz vorhandener Streiks, Rezession und Arbeitslosigkeit ausblieb, doch zeugten diese Probleme ihr zufolge nicht nur von einer Krise des Kapitalismus, sondern auch von dem Vorhandensein revolutionären Potentials, auf welchem ihre Strategie aufbauen konnte. (vgl. Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla (April 1971)“, S. 33f.) 3362 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla in der Bundesrepublik?, S. 133. 447 Während ihre fehlerhaften politisch-gesellschaftlichen Analysen auf strategischer Ebene zu falschen Einschätzungen führten, waren ihre Beurteilung des Sicherheitsapparates und seiner Fähigkeiten indes erfolgreicher. Auf diese Weise gelang es ihr, ihre Vorgehensweisen immer wieder anzupassen und sukzessive ihre Effektivität zu steigern. Insbesondere die dritte Generation stellte die TE-Fahnder vor erhebliche Schwierigkeiten. Bemerkenswert ist bei der dritten Generation zudem, dass es ihr – indem sie durch ihr Front-Konzept den Kampf auf nationaler und internationaler Ebene auf eine breitere Basis stellte – zumindest temporär gelang, die Isolation zu durchbrechen, in welche die RAF Ende der 1970er geraten war. Am endgültigen Fehlschlag des Versuchs, die lateinamerikanische Stadtguerillakonzeption auf die Bundesrepublik zu übertragen, änderte dies jedoch nichts. Bereits die Gründung der RAF basierte auf einer gravierenden Fehleinschätzung und ihr Strategy-Making-Prozess musste aufgrund einer falschen Ziel- Mittel-Umwelt-Analyse letztlich zwangsläufig zu einem Misserfolg führen.3363 In der Bundesrepublik Deutschland herrschten Anfang der 1970er Jahre keineswegs die Voraussetzungen, wie sie für den Aufbau einer Guerillabewegung erforderlich gewesen wären. Das dicht besiedelte Land war ein ökonomisch hoch entwickelter Industriestaat mit einer gut ausgebauten Infrastruktur, einem komfortablen Sozialstaat und entsprechend geringen politischen Verwerfungen.3364 Auch wenn die RAF davon ausging, dass ihr Konzept der Stadtguerilla auf die spezifischen Bedingungen eines Industriestaats ausgelegt war,3365 hatte sie auf Basis einer falschen Einschätzung der Rahmenlage unerreichbare Ziele definiert, die mit Mitteln realisiert werden sollten, denen angesichts dessen die gewünschte Wirksamkeit versagt bleiben mussten. Dennoch hatte sie sich als langwierige Bedrohung der Inneren Sicherheit erwiesen. Bereits die erste RAF-Generation hatte eine große Effizienz an den Tag gelegt. Hinzu kam, dass Staat und Sicherheitsorgane von dem neuen Phänomen vollkommen überrascht wurden. Neben Erfahrungen im Umgang mit derartigen Bedrohungsszenarien fehlten auch entsprechende Sicherheitskonzepte. Doch die RAF zeigte nicht nur Lücken im Sicherheitssystem auf,3366 sondern entwickelte vor allem aufgrund ihrer funktionierenden Logistik und einer akribischen Vorbe- 3363 Zum zwangsläufigen Scheitern der RAF vgl. auch Müller-Borchert: Guerilla im Industriestaat, S. 123. 3364 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla in der Bundesrepublik?, S. 128. 3365 Vgl. ebd., S. 136. 3366 Vgl. Müller-Borchert: Guerilla in der Bundesrepublik?, S. 133f. 448 reitung ihrer Anschläge ein hohes Gefahrenpotential.3367 Da der Aufbau einer Logistik – auch wenn den Behörden zuvor schwere Schläge gegen die Terroristen gelungen waren – bei allen Generationen recht erfolgreich verlief, schien die Anlehnung an Marighella bzw. dessen operatives Konzept effektiv gewesen zu sein. Auch in taktischer Hinsicht war das Vorgehen der RAF nicht nur von einem hohen Maß an Flexibilität geprägt, sondern auch von der Fähigkeit, sich binnen kurzer Zeit an veränderte Maßnahmen der Fahndungsbehörden anpassen zu können. Horst Herold stellte dazu fest: „Sein Überleben und seinen Fortbestand hat der Terrorismus der Tatsache zu verdanken, daß es ihm gelang, (...) seine Taktik den gewandelten Verhältnissen geschmeidig anzupassen.“3368 Hierauf hatten sich Polizei, Verfassungsschutz und Justiz einzustellen. Hinzu kam eine ideologisch bedingte Entschlossenheit, einen langfristig angelegten Kampf zu führen,3369 der sogar „ohne Aussicht auf Sieg“3370 fortgesetzt werden sollte. Die Motivation hierzu schöpfte sie aus ihrer Auffassung, Teil des globalen Ringens mit dem Imperialismus zu sein,3371 welches sich – ganz im marxistischen Sinne – in einem gesetzmäßig vollziehenden Prozess zugunsten des Kommunismus entscheiden würde, selbst wenn die RAF vor Ort nicht in der Lage sei, einen strategischen Erfolg zu erringen. Selbst wenn eine sich als RAF bezeichnende Terrorgruppe von den Sicherheitsbehörden zerschlagen worden war, fanden sich daher lange Zeit immer wieder Nachfolger, die bereit waren, in den Untergrund zu gehen. 3367 Vgl. Petri: Terrorismus und Staat, S. 196f. 3368 Herold: „Taktische Wandlungen des deutschen Terrorismus“, S. 402. 3369 Vgl. Rote Armee Fraktion: „Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972)“, S. 176. 3370 Rote Armee Fraktion: „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (Mai 1971)“, S. 71. 3371 Wie oben gesehen, hatte sich bereits im Indochinakrieg gezeigt, dass Konflikte in anderen Regionen der Erde – wie beispielsweise der Koreakrieg oder der Aufstand auf Madagaskar – direkten Einfluss auf das Geschehen vor Ort haben können. Aufgrund der begrenzten militärischen Kapazitäten waren die Franzosen gezwungen gewesen, für Indochina vorgesehene Truppen zur Aufstandsbekämpfung nach Madagaskar umzuleiten. In Indochina fehlten diese jedoch während einer entscheidenden Phase. Indem sie durch einen Aufstand in der Metropole Bundesrepublik zu einer Zersplitterung der Kräfte des Imperialismus beizutragen gedachte, hoffte sich die RAF dieses Prinzip zunutze zu machen. 449 Wenn auch unsystematisch, da sie dabei inkonsistent und unberechenbar blieb, suchte die RAF dennoch kontinuierlich nach strategischen Ansatzmöglichkeiten, um ihre Ziele umzusetzen. Erst als alle Wege vergeblich beschritten worden und alle Mittel ausgeschöpft waren, erklärte sie ihre Selbstauflösung.3372 3372 Vgl. Lemler: Die Entwicklung der RAF im Kontext des internationalen Terrorismus, S. 151.

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