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X Das Spiel in seinem Energie- und Formaspekt. Die (Selbst-)Bewusstseins-Formationen im Prozess der Phylo- und Ontogenese (spieltheoretische Interpretation) in:

Malte Hölzel

Das Selbstverhältnis der Medialität, page 316 - 388

Implikationen des Spielbegriffs

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3897-0, ISBN online: 978-3-8288-6707-9, https://doi.org/10.5771/9783828867079-316

Tectum, Baden-Baden
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316 Schellings anderer, zweiter Anfang, von ihm ex negativo aus den Konsequenzen des ersten, sich in sich selbst verstrickenden Anfangs rekonstruiert, in seiner Unvordenklichkeit aber auf eine rein negative Korrektur des ersten Anfangs und seiner Weiterentwicklung beschränkt, gewinnt für uns mit Hilfe der genannten Charakteristika eine positive Wirkmacht, die zu mehr als nur einer kritischen Theorie im Sinne der bestimmten Negation (Adorno) bzw. einer Philosophie der Gelassenheit (Heidegger) verwertbar ist. Das Selbstverhältnis der Medialität erlaubt als Vorwegnahme der Integration der seelischen Ganzheit im Sinne Jungs und Neumanns positives Handeln, das nicht – wie das instrumentelle Handeln aus dem ersten Anfang heraus – dem zurecht von Schelling verhängten und auch gegen- über Sloterdijks Anthropotechnik vorzubringenden Verdikt der „Selbstverstrickung der Freiheit“ (Schelling nach Hühn 2010, S.23) verfällt. Die genannten Charakteristika des Unvordenklichen als Spiel, Ganzheit und Wirkmacht der Ganzheit sollen nun im Folgenden zur Entschlüsselung des Spielbewusstseins des Kindes und des matriarchalen wie patriarchalen Sentimentalitätsbewusstsein dienen, um dann deren Integration im Integrierten Selbstbewusstsein und im Selbstverhältnis der Medialität erklären und transparent machen zu können. X Das Spiel in seinem Energie- und Formaspekt. Die (Selbst-)Bewusstseins- Formationen im Prozess der Phylo- und Ontogenese (spieltheoretische Interpretation) Schillers Idee einer dialektischen Natur- und Kulturgeschichte aufgreifend, interpretieren wir sein naives Zeitalter als das des kindlichen Spielbewusstseins, sein sentimentalisches Zeitalter als des Matriarchats bzw. Patriarchats und seine Idylle als das in dieser Arbeit versuchsweise im Integrierten Selbstbewusstsein bzw. Selbstverhältnis der Medialität skizzierte Zeitalter der Integration, das es im Sinne von Schillers Dialektik zu erreichen gilt (vgl. Abs. III.5). Die Selbstorganisation legt sich in der Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins in die Gegensätze des matriarchales bzw. patriarchalen (Selbst-)Bewusstseins auseinander, die beide ihren je spezifischen Sinn haben, um sie schließlich – wie Schiller in folgendem Zitat schreibt - in einer höheren Synthese zu integrieren: „Die mannigfaltigen Anlagen im Menschen zu entwickeln, war kein anderes Mittel, als sie einander entgegenzusetzen. (…) unser ganzes Wesen in eine Kraft zusammenziehen(d), setzen wir dieser einzelnen Kraft gleichsam Flügel an und führen sie künstlicherweise weit über die Schranken hinaus, welche die Natur ihr gesetzt zu haben scheint. (…) Wie viel also auch für das Ganze der Welt durch diese getrennte Ausbildung der menschlichen Kräfte gewonnen werden mag, so ist nicht zu leugnen, dass die Individuen, welche sie trifft, unter dem Fluch des 317 Weltzweckes leiden. (…) Kann aber wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgend einem Zwecke sich selbst zu versäumen? Es muss also falsch sein, dass die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer Totalität notwendig macht; oder wenn auch das Gesetz der Natur noch so sehr dahin strebte, so muss es bei uns stehen, diese Totalität in unserer Natur, welche die Kunst zerstört hat, durch eine höhere Kunst wieder herzustellen.“ (Schiller 1995, 6. Brief, S.24ff.)365 Das Selbstverhältnis der Medialität soll eine Integration des Geschlechter-Gegensatzes ermöglichen, dessen mangelnde Integriertheit in Individuum und Gesellschaft wir als Quelle der Probleme der Menschheit verstehen, deren Lösung im aktuellen, ebenso sentimentalen Zeitalter des Selbstbewussten Begehrens (vgl. Abs. XI) nur aufgeschoben wird. Zum Verständnis des Selbstverhältnisses der Medialität als drittem Schritt der Dialektik Schillers ist es unabdingbar, die vorangehenden, spezifischen (Selbst-) Bewusstseins-Formationen zu begreifen. Das Verständnis der Integration des Geschlechtergegensatzes setzt ein Verstehen der Gegensätzlichkeit und jeweiligen Eigenheit und Qualität dessen voraus, was dort zur Integration findet. Die Natur- und Kulturgeschichte des Bewusstseins beginnt unserer Interpretation nach mit dem freien Spiel der Vermögen (kindliches Spielbewusstsein) und soll durch eine Reinitiation ins Spiel im Sinne des Selbstverhältnisses der Medialität in ihm enden. Aufgabe ist also nicht nur, das Anfangsund Endstadium des (Selbst-)Bewusstseins mit Hilfe des Spielbegriffs zu entschlüsseln. Zu erklären ist auch, wie das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein und ihr instrumenteller Charakter als Variationen und Anverwandlungen des Spiels zu verstehen sind.366 Während wir zuletzt die dialektische Selbsttransformation des (Selbst-)Bewusstseins in ihrem Prozess und ihrer Dynamik organismustheoretisch analysiert hatten (vgl. Abs. VIII.2), versuchen wir nun, die 365 Schiller meint mit der „Ausbildung der einzelnen Kräfte“ das Auseinanderfallen von Lebenstrieb und Formtrieb und auf einer anderen Ebene von Sinnlichkeit und Vernunft. Diese Analyse teilend und in der Abspaltung des Spiels bzw. des Lebenstriebes berücksichtigend, reicht dieses Auseinanderfallen im Zuge der Herausbildung von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein unserer Ansicht nach noch weiter, indem sich der Formtrieb seinerseits nochmal in das Struktur- und Grenzvermögen auseinanderlegt. 366 Das kindliche Bewusstsein entspricht dem Spielbewusstsein des freien Spiels der Vermögen, während das matriarchale Selbstbewusstsein sich durch eine instrumentelle Aneignung des Grenzvermögens (als das eine von zwei Untervermögen des Verstandes) und eine Verdrängung des Strukturvermögens und das patriarchale Selbstbewusstsein durch eine instrumentelle Aneignung des Strukturvermögens (als zweites Untervermögen des Verstandes) und eine Verdrängung des Grenzvermögens auszeichnet. Das Integrierte Selbstbewusstsein dagegen – wie es im Sinne der Integration der Ganzheit anzustreben wäre – stellt ein seiner selbst bewusstes Spielbewusstsein dar, das aus dem spielerischen Zusammenwirken der Selbstorganisations- bzw. Einbildungskraft mit dem mit Hilfe von Grenz- und Strukturvermögen arbeitenden Verstand hervorgeht. 318 einzelnen (Selbst-)Bewusstseins-Stadien spieltheoretisch transparent zu machen, um daraus Anhaltspunkte zur Analyse des finalen Stadiums ihrer Integration im Selbstverhältnis der Medialität zu gewinnen, das ihre jeweiligen Errungenschaften synthetisiert. Das Spiel zeichnet aus, beide wesentlichen Momente des Seins, d.h. seinen Formund seinen Energie-Aspekt, die laut Bateson in der Geschichte der Philosophie immer getrennt analysiert wurden, in sich in einer Grundfigur zu verbinden.367 Mit der Analyse der Spiel-Variationen lässt sich so auch das jeweilige Selbstund Wirklichkeitsverständnis des Menschen in den verschiedenen Stadien entschlüsseln. Insofern wir uns im Folgenden bei der Analyse der (Selbst-) Bewusstseins-Formationen auf die Formaspekte des Spiels konzentrieren, soll hier vorab noch kurz der energetische Aspekt des Spiels der drei Stadien der Bewusstseins- Geschichte geklärt werden. Der Kind-Mensch der Frühzeit geht noch ganzheitlich im freien Spiel der Vermögen auf, d.h. in ihm vollzieht sich noch ungehemmt die Anverwandlung der Selbstorganisationskraft im Zuge der Selbstorganisation seines Organismus in seiner Doppelheit als Leib und Spielbewusstsein. Der Mensch des Matriarchats dagegen erlebt durch seine Identifikation mit der Grenze des Organismus als Selbstbewusstsein und Körper eine Getriebenheit von Innen, d.h. einen beständigen Energie-Überschuss im Inneren seiner Grenzen, den er entweder durch eine wiederkehrende Selbstaufgabe – d.h. durch die Regression ins Unbewusste und die damit einhergehende Aufhebung seiner Identifikation mit der Grenze des Organismus – oder in der energieverbrauchenden Tätigkeit der Eingemeindung und Verdauung von Äußerem abbauen kann. Seine Identifikation mit dem Grenzvermögen und die damit einhergehende Verdrängung des Strukturvermögens schließen eine organische Anverwandlung der Energie der Selbstorganisationskraft aus. Auch der Mensch des Patriarchats kann wegen seiner Identifikation mit dem Strukturvermögen und der damit einhergehenden Verdrängung des Grenzvermögens die Energie der Selbstorganisationskraft nicht mehr organisch anverwandeln. Selbst qua Identifikation mit dem 367 Wenn Bateson den „Verhaltenswissenschaften“ die Fixierung auf das einseitige Paradigma der „Substanz“ (Materie und Energie) und die Vernachlässigung seines Gegensatzes – des Paradigmas der „Form“ – vorwirft, obwohl „geistige Prozesse, Ideen, Kommunikation, Organisation, Differenzierung, Muster usw. (…) eher“ mit Form- als mit Substanzproblemen zu tun hätten (Bateson 1985, S.27f.), so trifft uns dieser Vorwurf nicht: Das Paradigma des freien Spiels der Vermögen nämlich wird beiden Seiten dieser „antiken Dichotomie“ (Bateson ebd., S.28) gerecht. Möglicherweise erklärt sich seine Faszination und Kraft zur Begründung der Ästhetik als neuer Disziplin der Philosophie vom 18. Jahrhundert an gerade daraus, dass es diese Dichotomie von Einbildungskraft bzw. Stofftrieb (Energie) und Verstand bzw. Formtrieb (Form) ins Spiel bringt. 319 Strukturzentrum des Organismus auf den Punkt dieses Zentrums368 zusammengezogen, der zugleich die Quelle der Selbstorganisationskraft ist, wird er von dieser Selbstorganisationskraft auf eine Art und Weise getrieben, die er als eine Getriebenheit von Außen erlebt, die er analog nur in der die Zentrums-Identifikation aufhebenden Regression ins Unbewusste oder in der energieverbrauchenden Unterwerfung und Beherrschung von Äußerem aufheben kann. Das Unvermögen beider Selbstbewusstseins-Formationen wirkt sich darin aus, dass sie gezwungen sind, unablässig tätig zu sein und – abgesehen von der Erschöpfung, die den Schlaf bringt - nicht zu Ruhe und Frieden finden zu können.369 Im Selbstverhältnis der Medialität schließlich ist der Organismus des Menschen wieder fähig, die Energie der Selbstorganisationskraft im Spiel – in das er reinitiiert ist – ganzheitlich anzuverwandeln, ohne – wie wir sehen werden – sein Selbstbewusstsein dabei einzubüßen.370 Zur spieltheoretischen Analyse des Formaspekts der (Selbst-)Bewusstseins-Formationen werden wir uns an Cassirers Vorgehen in Philosophie der symbolischen Formen. Das mythische Denken (2002) orientieren: So beginnen wir mit der Wahrnehmung von Außen- und Innenweltereignissen durch die verschiedenen (Selbst-)Bewusstseins-Formationen (Cassirer setzt sie immer schon voraus, ohne sie eigens zu explizieren), fahren mit der Erläuterung ihrer spezifischen Synthesis – d.h. ihrer Art und Wiese der Verknüpfung der Dinge – fort (Cassirer: Denkform), erklären ihre Anschauungsformen (die sich für Cassirer in das Raum-, Zeit- und Zahlverständnis auseinanderlegen lassen), um dann das, was Cassirer die mythische Lebensform nennt, betreffs der verschiedenen (Selbst-)Bewusstseins-Formationen zu erhellen. Cassirers Ansatz muss ein durch das freie Spiel der Vermögen immer schon ästhetisch erschlossenes Selbst- und Wirklichkeitsverstehen zugrundegelegt werden, soll sein System nicht angesichts der Einwände Heideggers371 kollabieren. Im Gegensatz zu Cassirer machen wir eben diesen Ausgangspunkt im Abschnitt zum kindlichen Spielbewusstsein (X.1) transparent. Außerdem werden wir unter Zuhilfenahme von Kierkegaards Modi des Selbst- Seins in der Krankheit zum Tode (1992) die Modi der jeweiligen (Selbst-)Bewusstseins-Formationen analysieren. Sind im Folgenden die drei (Selbst-)Be- 368 Vgl. zum „Begriff des punktförmigen Selbst“ Taylor 1994, S.288ff.. 369 Vgl. Schopenhauer: „Streben“ des Willens, „das (…) keiner endlichen Befriedigung fähig ist“ (1997, §56, S.454) – dazu vgl. Hölzel 2008a, S.29ff.. 370 Das Selbstverhältnis der Medialität stellt keine Regression zum kindlichen, nicht selbstbewussten Anfang der Bewusstseins-Entwicklung dar, sondern erschließt dessen keimhaftes freies Spiel der Vermögen allererst vollständig als ein selbstbewusstes Spielen. 371 Vgl. Heideggers Rezension von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen II: Das mythische Denken, 26.05.1928. 320 wusstsein-Formationen analysiert, gilt es, das Ergebnis des Selbsttransformations- bzw. Individuations-Prozesses – nicht der Transformationsprozess selbst, den wir schon in Abschnitt VIII.2 dargestellt hatten – in dem, was wir das Integrierte Selbstbewusstsein nennen werden, zu entschlüsseln. Die Integration des Geschlechter-Gegensatzes – wie sie im Integrierten Selbstbewusstsein gelingt – wird dann vorbildlich für das Selbstverhältnis der Medialität, das es zum Abschluss der Arbeit transparent zu machen gilt. X.1 Das naive Spielbewusstsein in seinem Formaspekt Die Bewusstseins-Geschichte der Menschheit (Phylogenese des Bewusstseins) beginnt mit einem – wie wir es nennen wollen – „kindlichen Spielbewusstsein“, das noch ganzheitlich vom noch nicht in Mutter- und Vaterarchetyp geschiedenen Archetypen der Ureltern bzw. des Selbst dirigiert wird und sich dementsprechend durch eine Begrenztheit (Grenze des Organismus) und Zentriertheit/ Strukturiertheit (Zentrum/ Struktur des Organismus) auszeichnet. Das kindliche Spielbewusstsein steht an der Schwelle zur kulturellen Evolution, die mit seiner Entwicklung hin zum matriarchalen Selbstbewusstsein überschritten wird. Mit dem Aufkommen des matriarchalen Selbstbewusstseins und verstärkt mit dessen Ablösung durch das patriarchale Selbstbewusstsein wurde dieses kindliche Spielbewusstsein auf eine immer kürzere Entwicklungsspanne im frühen Leben des Menschen zurückgedrängt, in der diese früheste Phase der Menschheitsgeschichte sich ontogenetisch wiederholt. Das kindliche, leibliche Spielbewusstsein ist ganz vom ursprünglichen, freien Spiel der Vermögen durchherrscht. Der kindliche Organismus in seiner ursprünglichen, integrierten Ganzheit vor seiner matriarchalen bzw. patriarchalen Individuierung entspricht – abgesehen von der ihm noch mangelnden Selbstbewusstheit - Schillers „lebende(r) Gestalt“ (1995, 15. Brief, S.59). Ihn zeichnet – entsprechend unseres Begriffs der Ganzheit - nach Cassirer aus, dass der Organismus eine ihn gegen die Außenwelt abhebende Grenze hat und dass „alle Teile des Organismus (…) wie auf ein einziges Zentrum gerichtet (sind), dieses Zentrum aber (…) in sich (…) selbst (ruht)“ (1977, S.363). Ist der Organismus in Bezug auf seine Grenze zentriert, strömt aus diesem Zentrum heraus die Selbstorganisationskraft, die ihn belebt. Unter der Voraussetzung seiner Ganzheit wirkt die Selbstorganisationskraft (Schillers Stofftrieb) mit Grenze und Zentrum des Organismus (Schillers Formtrieb) im leiblichen, freien Spiel der Vermögen zusammen. Ihm entspringt – wie wir sahen - als Übersummationsprodukt sowohl die Lebendigkeit als auch – auf einer höheren Seinsebene - das Spielbewusstsein des 321 Organismusses, das im Sinne der Homologie von Mikro- und Makrokosmos eine Variation zum Thema des Organismusses des Universums darstellt, d.h. als „ozeanisches Bewusstsein“ (vgl. Rolland nach Freud 1997, S.31ff.) dessen Lebendigkeit, an der es teilhat, spiegelt.372 Das Spielbewusstsein – das im Zuge der Selbstentwerdung des freien Spiels der Vermögen in der „Ästhetik des 18. Jahrhunderts“ (vgl. Cassirer 1985a, S.20f., hier S.21 – dazu vgl. Abs. III.6) sowohl das Bewusstsein des Spielens als auch das Bewusstsein der durch dieses Spiel erschlossenen Wirklichkeit umfasst373 - unterscheidet im kindlichen Stadium des Bewusstseins noch nicht zwischen dem in ihm statthabenden freien Spiel der Vermögen (Innenwelt) und der von ihm ästhetisch erschlossenen Wirklichkeit (Außenwelt). Die Dinge der Außenwelt sind ihm Dinge der Innenwelt wie umgekehrt die Dinge der Innenwelt ihm die der Außenwelt sind, die es selbst in diesem Spiel unbewusst reproduzierend hervorbringt und die sich als Produkte dieses Spiels in seinem Spielbewusstsein abzeichnen. Sein Spielbewusstsein spiegelt die Wirklichkeit – eingeschränkt auf den für den Menschen zum Überleben wichtigen Wirklichkeitsausschnitt, d.h. entsprechend seines „Feldes“374 – so, wie sie im 372 Die Lebendigkeit des Organimus und seines Spielbewusstseins spiegelt sich in der Selbsttransparenz seines Zentrums/ seiner Struktur und seiner Grenze und der Zentriertheit und Eingegrenztheit seiner Lebendigkeit, die Schillers Charakteristika der „lebende(n) Gestalt“ entsprechen, deren „Gestalt Leben und (deren – A.d.V.) (…) Gestalt“ sei (1995, 15. Brief, S.59). Das Leben der „Lebendigkeit“ stellt hier nicht die andere Seite des Todes dar, sondern umfasst als Drittes Sterblichkeit und Unsterblichkeit bzw. Zeitlichkeit und Ewigkeit. So wie das gewöhnliche Leben des Menschen aus Angst vor seinem Tod nicht zu sich kommt, sondern erstarrt, d.h. wie tot ist, stirbt das hier gemeinte Leben zwar den Tod seines Selbstbewusstseins im Zuge des Selbsttransformations-Prozesses, bleibt aber im ewigen Spiel des Aion, dessen Variation sein eigenes Spiel ist, unsterblich, d.h. es lebt. Das „wahre“ Leben umfasst Leben und Tod, während das Auseinanderfallen von Leben und Tod und die Verdrängung des Todes im Zuge der Selbstbewusst-Werdung seinen Tod bedeutet. 373 Das Spielbewusstsein stellt mit seiner Selbsttransparentwerdung im 18. Jahrhundert sowohl die Selbstbewusstheit im spielerischen Formen der Wirklichkeit als auch das Bewusstsein der so ästhetisch erschlossenen Wirklichkeit, d.h. das Bewusstsein des Erzeugenden und Erzeugten, dar. Insofern das Spiel des Menschen eine Mimesis des Spiels des Aion ist und in seiner Interesselosigkeit die Dinge nicht auf sich bezieht, sondern sie sein lässt, wie und wo sie im natürlichen Seins-Gefüge sind, stellt das Spielbewusstsein entsprechend der Homologie von Mikro- und Makrokosmos, d.h. des Kosmosses des Menschen und des Kosmosses Aions, ein auf das Feld des Menschen (vgl. Neumann 1992, S.55ff., S.94ff.) eingeschränktes Allbewusstsein dar. 374 Zum Begriff des „Feldes“ vgl. Neumann 1992, S.94ff.: „Das Feld ist eine transpersonale Gestaltung des Lebendigen, in der Individuen mit ihren dynamischen, durch das Feld bestimmten Beziehungen zueinander enthalten sind“ (ebd., S.102). „Jedes Lebendige als Art faßt nur einen bestimmten, winzigen Ausschnitt des Wirklichen in seiner Merk- und Wirkwelt (- das von Neumann sogenannte „Feldwissen“, das ein „extrane(n)(s), nicht im Individuum inkorporierte(n)(s) Wissen“ (ebd., S.102) ist – A.d.V.). Dieser Teilausschnitt der erfassten Wirklichkeit wird zwar mit aufsteigender Entwicklung größer, bleibt aber immer re- 322 All-Spielbewusstsein des Aion gefügt ist, d.h. dadurch, dass es sich seiner selbst noch nicht bewusst ist und sich selbst nicht als „Subjekt“ von den „Objekten“ abgrenzt, ist es ihm auch nicht möglich, die „Objekte“ eigenwillig zu sich ins Verhältnis zu setzen und sie ihrem natürlichen Gefüge – in dem sie „wesen“ - zu entreißen. Im Spielbewusstsein ist die Wirklichkeit für den Spielenden vor aller Ausbildung eines Selbstbewusstseins ganzheitlich erschlossen.375 Seine Schöpfelativ klein beziehungsweise winzig. Trotzdem ist er immer so gestaltet und geordnet, dass er, so verschieden er bei den verschiedenen Arten ist, die Existenz des Lebens in einer weitgehend unerfahrenen und unerfahrbaren Welt ermöglicht“ (ebd., S.103). Siehe auch Neumann ebd., S.55ff.. 375 Zur Charakteristik des wirklichkeits-erschließenden Spielbewusstseins vgl. Heideggers Begriff der Erschlossenheit in Sein und Zeit: „In der Gestimmtheit ist immer schon stimmungsmäßig das Dasein als das Seiende erschlossen, dem das Dasein in seinem Sein überantwortet wurde als dem Sein, das es existierend zu sein hat. Erschlossenheit besagt nicht, als solches erkannt“ (1993, S.134) „Das Dasein weicht zumeist ontisch-existentiell dem in der Stimmung erschlossenen Sein aus; das besagt ontologisch-existenzial: in dem, woran solche Stimmung sich nicht kehrt, ist das Dasein in seinem Überantwortetsein an das Da enthüllt. Im Ausweichen selbst ist das Da erschlossenes.“ (ebd., S.135) „Die Befindlichkeit ist so wenig reflektiert, dass sie das Dasein gerade im reflexionslosen Hin- und Ausgegebensein an die besorgte „Welt“ überfällt. Die Stimmung überfällt. Sie kommt weder von „Außen“ noch von „Innen“, sondern steigt als Weise des In-der-Welt-seins aus diesem selbst auf. (…) Die Stimmung hat je schon das In-der-Welt-sein als Ganzes erschlossen und macht ein Sichrichten-auf … allererst möglich. (…) Darin zeigt sich der zweite Wesenscharakter der Befindlichkeit. Sie ist eine existenziale Grundart der gleichursprünglichen Erschlossenheit von Welt, Mitdasein und Existenz, weil diese selbst wesenhaft In-der-Weltsein ist.“ (ebd., S.136f.) Der zentrale Unterschied zwischen dem zitierten Begriff der Erschlossenheit von Heidegger und unserem Begriff von Erschlossenheit – dessen weitere, genannte Grund-Charakteristika unser Begriff teilt - liegt allerdings darin, dass sich die Wirklichkeit im Spielbewusstsein nicht über die Stimmung, sondern ästhetisch, d.h. über die Wahrnehmung durch die Sinne, erschließt, die von einer positiven Grund-Stimmung (Freude, Lust, Zufriedenheit) begleitet sein dürfte. Die Stimmungen, über die sich nach Heidegger vornehmlich die Wirklichkeit erschließt bzw. die er zumindest in ihrem wirklichkeitserschließenden Charakter interpretiert, sind die negativen Stimmungen der Angst, der Furcht und der Langeweile (vgl. Sein und Zeit (1927), Was ist Metaphysik? (1929) und Die Grundbegriffe der Metaphysik (1929/30) – dazu siehe auch Pocai 1996, Einleitung, S.19ff.). Ihr Aufkommen interpretieren wir als Folge der Verdrängung des Spiels, die aus der Inthronisierung des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins im Stadium der Sentimentalität folgt. Sie sind gleichsam kompensatorische Symptome der Verdrängung des Spiels, dessen ästhetische Wirklichkeits-Erschließung zwar an sich erhalten bleibt und die matriarchale wie patriarchale Wahrnehmung der Wirklichkeit grundiert wie ermöglicht, das für diese beiden Selbstbewusstseins-Formationen aber verloren ist, was sich in den von Heidegger analysierten Stimmungen der Angst, Furcht und Langeweile bekundet. Der Ausgangspunkt bei der im Spielbewusstsein sich erschließenden Erschlossenheit der Wirklichkeit, die als Hintergrund und Folie dient, vor der sich das spätere, selbstbewusste Identifizieren von Objekten abzeichnen kann, scheint ein allgemeiner Topos auch in der Anthropologie des 20. Jahrhunderts zu sein. So unterscheidet Buytendijk nach Noppeney „in An- 323 rischkeit vollzieht sich als unbewusste, ästhetische Synthesis, die ihm die ästhetische Wahrnehmung (reflektierende Urteilskraft) als eine Reproduktion der Wirklichkeit schenkt und die Wirklichkeit ästhetisch erschließt. Die ästhetische Synthesis vollzieht sich am Menschen und wird nicht von ihm vollzogen. Die Anschauungsform des Raumes – der selbstverständlich nicht abstrakt als euklidischer Raum der Geometrie gegeben ist - öffnet sich als ein Ineinander der Dinge, insofern für das kindliche Spielbewusstsein die Dinge alle Variationen des einen Spielbewusstseins sind, in dem die unterschiedlichsten Dinge – innerlich repräsentiert – auseinander hervorgehen und sich – wenn es zur Ruhe kommt – ineinander einfalten. Innerhalb dieses Ineinander wird dann die Nähe und Ferne von Gegenständen bewusst. Die Anschauungsform der Zeit – die selbstverständlich nicht abstrakt als lineare Zeit der Geschichte gegeben ist – öffnet sich als Nunc stans (Gegenwart in Ewigkeit), insofern das Kind, selbst wenn auf seinen Hunger seine spätere Bedürfnisstillung folgt, diese Zeitdifferenz nicht wahrnimmt, weil es – wie in seinem Hunger und dem durch ihn ausgelösten Schreien – auch ganz in seiner Bedürfnisstillung aufgeht, so dass es das Vorher des Hungers darüber vergisst.376 Im Hunger ist das Gestilltsein und im Gestilltsein der Hunger als Variationen seines einen Seins angelegt. Das freie Spiel der Vermögen – das wir, wie nun zu erläutern sein wird, als Quellpunkt des Selbstbewusstseins fassen - stellt Cassirer zufolge einen intuitiven Prozess dar, den man unserer Ansicht nach auch für das Fundamentalgeschehen der Selbstbewusstwerdung des Menschen am Beginn der kulturellen Evolution ansetzen kann (vgl. Abs. IX). Das selbstbewusste, sich selbst transparente ästhetische Schaffen und Verstehen – wie es in der entwickelten symbolischen Form der Kunst bzw. philosophisch in der Äthetik Kants und Schillers paradigmatisch zu sich selbst kommt377 – setzt die infolge der Dialektik des mythischen Bewusstlehnung an Husserl und Merleau-Ponty (…) zwischen einer unbewussten fungierenden Intentionalität und einer bewussten Akt-Intentionalität“. Noppeney schreibt weiter: „In der fungierenden Intentionalität richtet sich der Organismus vorbewusst der Welt zu, so dass die Koexistenz der Welt bereits unreflektiert in der Leiblichkeit (die sich für uns im und aus dem Spiel und dem ihm zugehörigen Spielbewusstsein besteht – A.d.V.) anwesend ist. Dieses radikale Zur-Welt-Sein erlaubt bereits eine ursprüngliche Konstituierung von bedeutungsvollen Strukturen, die so das Fundament bilden für die bewusste Aktintentionalität.“ (2012, S.204) 376 Vgl. Nietzsche 2003b, S.248ff. u. dazu Hölzel 2008a, S.38ff.. 377 Cassirer schreibt (2002, S.305f.): „Der Mythos sieht im Bilde immer zugleich ein Stück substantieller Wirklichkeit (…). Die religiöse Auffassung strebt von dieser ersten magischen Ansicht zu immer reinerer Vergeistigung fort. Und doch sieht auch sie sich immer wieder an einen Punkt geführt, an dem die Frage nach ihrem Sinn- und Wahrheitsgehalt in die Frage nach der Wirklichkeit ihrer Gegenstände umschlägt, an dem sich, hart und schroff, das 324 seins erst mit dem Patriarchismus der Religion378 einsetzende Differenzierung von Bild und Sinn379 voraus: So erst kann das Bild als selbstgeschaffene Form bewusst werden, die qua eines inneren Gesetzes der Formgebung (neben dem Sinn des Bildes) einen Eigenwert erhält, der wiederum das Moment des Selbstschaffens hervorhebt und verstärkt, das in einer „neue(n) Freiheit des Bewusstseins“ (Cassirer 2002, S.306) gipfelt. Das freie Spiel der Vermögen erfüllt aber auch – am Beginn der Kultur freilich als unbewusstes Schaffen – das, was von einem Fundamentalvermögen im Sinne sowohl Cassirers als auch der Kritik Heideggers an Cassirer380 erfüllt sein muss: Man kann es einerseits als Quelle der Problem der „Existenz“ vor ihr aufrichtet. Das ästhetische Bewusstsein erst lässt dieses Problem wahrhaft hinter sich. Indem es sich von Anfang an der reinen „Betrachtung“ überlässt, indem es die Form des Schauens im Unterschied und Gegensatz zu allen Formen des Wirkens ausbildet, gewinnen nunmehr die Bilder, die in diesem Verhalten des Bewusstseins entworfen werden, erst eine rein immanente Bedeutsamkeit. Sie bekennen sich der empirisch-realen Wirklichkeit der Dinge gegenüber als „Schein“: Aber dieser Schein hat seine eigene Wahrheit, weil er seine eigene Gesetzlichkeit besitzt. In dem Rückgang auf diese Gesetzlichkeit ersteht zugleich eine neue Freiheit des Bewusstseins: Das Bild wirkt jetzt nicht mehr als Selbständig-Dingliches auf den Geist zurück, sondern es ist für ihn zum reinen Ausdruck der eigenen schöpferischen Kraft geworden.“ 378 Dem Matriarchismus hätte sich, wäre ihm wie dem Patriarchismus geschichtlich eine längere Zeit zu seiner Selbstentwicklung vergönnt gewesen, eine analoge Differenzierung von Bild und Sinn wie in der (patriarchalen) Religion und eine analoge Selbsttransparenz des ästhetischen Schaffen und Verstehens wie in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts entpuppen können. Nicht zu vergessen ist auch, dass dieser Fortschritt in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts nur möglich war, insofern sich innerhalb des Patriarchismus seit der Renaissance verstärkt der Mutter- bzw. Erdarchetyp wieder Geltung verschafft hat (vgl. Neumann 1961, S.36 u. 1992, S.20ff.). 379 Cassirer schreibt (2002, S.280): „Die neue Idealität, die neue geistige „Dimension“, die durch die Religion erschlossen wird, verleiht nicht nur dem Mythischen eine veränderte „Bedeutung“, sondern sie führt geradezu den Gegensatz zwischen „Bedeutung“ und „Dasein“ erst in das Gebiet des Mythos ein. Die Religion vollzieht den Schnitt, der dem Mythos als solchem fremd ist: Indem sie sich der sinnlichen Bilder und Zeichen bedient, weiß sie sie zugleich als solche – als Ausdrucksmittel, die, wenn sie einen bestimmten Sinn offenbaren, notwendig zugleich hinter ihm zurückbleiben, die auf diesen Sinn „hinweisen“, ohne ihn jemals vollständig zu erfassen und auszuschöpfen.“ Später schreibt er (ebd., S.305): „(…) so gehört das Ineinander und Gegeneinander von „Sinn“ und „Bild“ zu den Wesensbedingungen des Religiösen.“ 380 Vgl. Heideggers Rezension von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen II: Das mythische Denken in der Deutschen Literaturzeitung für Kritik der internationalen Wissenschaften vom 26.05.1928: Heidegger wirft Cassirer dessen Ausgehen vom Neukantianismus vor, der sich durch die transzendentale Methode auszeichnet, die Cassirer von Kants Anwendung auf die wissenschaftliche Erkenntnis seiner Zeit (vor allem Newtons) auf die menschliche Kultur im Gesamten ausdehnt: Cassirer zufolge geht die „Methodik der kritischen Analyse“ vom „Gegebenen“ aus, nämlich „von den empirisch festgestellten und gesicherten Tatsachen des Kulturbewusstseins“ (erstes Moment), und „fragt von der Wirklich- 325 Ausdrucksfunktion ansetzen, die Cassirer in Das mythische Denken an den Anfang der Kultur stellt und auf der der von ihm so genannte „Grundgegensatz des „Heiligen“ und „Profanen““ beruht, insofern das Außergewöhnliche durch die Ausdrucksfunktion gebannt und festgehalten wird (vgl. Cassirer ebd., S.87ff., keit des Faktums nach den Bedingungen seiner Möglichkeit zurück“ (zweites Moment) (2002, S.13f.). Heidegger kritisiert Cassirer mit folgenden Worten: „Die Orientierung an der neukantischen Bewusstseinsproblematik ist so wenig förderlich, dass sie gerade das Fußfassen im Problemzentrum verhindert. Das zeigt schon die Anlage des Werkes. Statt die Interpretation des mythischen Daseins in einer zentralen Charakteristik der Seinsverfassung dieses Seienden anzusetzen, beginnt C. mit einer Analyse des mythischen Gegenstandsbewusstseins, seiner Denk- und Anschauungsform. Zwar sieht C. völlig klar, dass die Denkund Anschauungsform in die mythische „Lebensform“ als die „geistige Urschicht“ zurückverfolgt werden müssen. Aber die ausdrückliche und systematische Aufhellung des Ursprungs der Denk- und Anschauungsform aus der „Lebensform“ ist gleichwohl nicht durchgeführt“ (Heidegger 1928, S.1008). Cassirer dient Heidegger zufolge das „Gegenstandsbewusstsein der mathematischen Physik“ als Leitfaden der Charakteristik, wie „dem mythischen Bewusstsein Gegenstände entgegenstehen“, nämlich als Folge eines „aktives Formen(s) eines passiv gegebenen „Chaos von Empfindungen“ zu einem „Kosmos““ (ebd., S.1001). „Die „Auseinandersetzung“ zwischen Ich und Welt“ – so Heidegger weiter – „gründet in der Transzendenz des Daseins“ (ebd., S.1010): „Wie nun aber diese rechtverstandene Transzendenz zum Dasein gehören kann, muss gezeigt werden. Der Ansatz eines Chaos von Empfindungen, die geformt werden, reicht für das philosophische Problem der Transzendenz nicht nur nicht aus, sondern verdeckt schon das ursprüngliche Phänomen der Transzendenz als die Bedingung der Möglichkeit für jegliche „Passivität““ (ebd., S.1010). Heidegger wirft Cassirer vor, das mit der Charakteristik der bildenden Kraft des Mythos als „mythischer Phantasie“ dieses sein Fundamentalvermögen „völlig ungeklärt“ (ebd., S.1010f.) bleibe. „Eine dem Neukantianismus allerdings fernliegende Orientierung an dem Phänomen der transzendentalen Einbildungskraft“ (ebd., S.1011) könnte hier – Heidegger zufolge – den Weg der Denkarbeit weisen. Ohne mich hier in die Untiefen der kantischen Philosophie und der sie betreffenden Auseinandersetzung zwischen Cassirer und Heidegger in der Davoser Disputation vorwagen zu wollen, stelle ich folgende These auf: Heidegger übersieht bei seiner Kritik an Cassirer, dass dieser – wenn auch nicht in Das mythische Denken, so doch verstreut in anderen seiner Werke, vor allem in Kants Leben und Lehre – sein Fundamentalvermögen anhand einer Interpretation der reflektierenden, ästhetischen Urteilskraft – wie sie Kant in der Kritik der Urteilskraft einführt – in der Einbildungskraft gefunden und dort analysiert hat. Orth weist in Die Bedeutung der „Kritik der Urteilskraft“ für Cassirers Philosophie der symbolischen Formen darauf hin, dass für Cassirer die „Kunst eine Art paradigmatischer Bedeutung für das hat, was wir symbolische Formung nennen, d.h. für das Wirklichkeitsverständnis schlechthin“ (2004, S.178f.). „Die Leistung der Urteilskraft als reflektierender Urteilskraft (...) eröffnet Kant“ – und mit ihm auch Cassirer, der dies in seiner Interpretation von Kants Schrift nicht zuletzt auch für seine eigenen Konzeption der Philosophie der symbolischen Formen herausarbeitet – „einen neuen und vertieften Synthesisbegriff“ (Orth ebd., S.179). Das der ästhetischen Synthesis zugrundeliegende, freie Spiel der Vermögen eröffnet auch die von Heidegger als Bedingung der Möglichkeit von Passivität geforderte Transzendenz, die dann wiederum die Gegebenheit eines Chaoses von Empfindungen, die geformt werden können, ermöglicht. 326 bes. S.93 - hier S.89). Die Auslegung und Bestimmung der Denkformen und von Raum, Zeit und Zahl als Anschauungsformen geht wiederum aus diesem „Grundgefühl des Heiligen“ hervor (vgl. Cassirer ebd., S.98ff. – hier S.117). Andererseits entsteht aus dem freien Spiel der Vermögen die von Heidegger als Bedingung der Möglichkeit von Passivität geforderte Transzendenz, die dann wiederum die Gegebenheit eines Chaoses von Empfindungen, die geformt werden können, ermöglicht. Die damit gegebene Möglichkeit zur Formung des Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses erhellt erst eigentlich Cassirers Lebensform und erlaubt die Grundlegung seiner Denk- und Anschauungsformen. Nicht zuletzt die Lebensform – die Heidegger sich als Grundlage von Denk- und Anschauungsform differenzierter ausgearbeitet wünscht – ist mit ihm näher charakterisierbar: Der Mensch wird in seiner Geworfenheit von der inneren und äußeren Natur überwältigt und versucht – zur Kompensation seiner Angst, die sein allmähliches Sich-Lösen von der Instinktgeleitetheit des Tieres verursacht – diese Lebendigkeit und Dynamik der Natur mimetisch nachzuahmen. Er verwandelt sich in Ritus und Kultus zu seinem Gott, ahmt dessen Tanz nach, in dem er seinem Mythos zufolge die Welt tanzend aus sich hervorbringt und wieder zerstört, um von Neuem zu beginnen. Diese Aktivität des Spielens bzw. Formen-Schaffens hilft, die ursprüngliche Angst vor dem Überwältigt-Werden durch die Natur zu verarbeiten und erzeugt eine Aufgehobenheit in der Tätigkeit des Spielens, die wiederum die Transzendenz darstellt, also ein In-Sich-Ruhen ermöglicht, dass sich den Geschehnissen öffnen, d.h. passiv werden kann, um daraufhin formend sie fortschreitend zu vergegenständlichen bzw. in und zwischen ihnen Zusammenhänge zu stiften.381 Wichtig ist, das die Distanz, die der Mensch über die Aufgehoben- 381 Der Ansatz der Idee der Geworfenheit und die aus ihr sich ergebende Grundbefindlichkeit der Angst (vgl. Heidegger 1993, §39, S.180ff. – bes. S.181, §40, S.184ff.), – wie sie als Folge des Überwältigt-Werdens von der Natur eintritt – wird als Movens der Evolution des menschlichen Bewusstseins, d.h. als Ursache seiner beginnenden Herauslösung aus der Instinktgeleitetheit des Tieres und damit als Bedingung der Möglichkeit der von Cassirer angesetzten Lebensform von ihm allerdings nicht thematisiert. Der Mensch muss – vielleicht durch den von Blumenberg vermuteten Ortswechsel aus dem schützenden Dschungel in die offene Savanne, in der von allen Seiten des offenen Horizontes potentielle Gefahr, die sich in ihrer Allseitigkeit zur objektlosen Angst steigerte, drohte (vgl. Blumenberg 2006, S.9ff.) – durch seine ihn auszeichnende Angst zur verstärkten Abreaktion dieser Angst im Spiel gedrängt worden sein, das er prinzipiell mit allen Tieren teilt, sich durch seine Forcierung im Zuge der Angst beim Menschen aber zur Quelle des Selbstbewusstseins gesteigert haben könnte. (Vgl. auch Jamme 1999, S.88ff. und Abs. X). Die Angst – wie sie uns Heutige einholen kann und die schon vielerlei Interpretationen erfahren hat – ließe sich dementsprechend allgemein definieren als mangelnde Aufgehobenheit im Spiel der Vermögen bzw. sich in ihrem Auftreten aus der Quelle des Verlusts bzw. der Verdrängung des Spiels erklären. Zur Angst-Überwindung ist das loslassende Sterben allen Interesses bzw. der Subjektivität, d.h. paradoxerweise dessen, um dessen Weiterexistenz man sich in der Angst sorgt, nötig, das dann zur Reinitiation ins Spiel und damit zur Angstfreiheit führt. 327 heit im Spiel im Verhältnis zur Umwelt gewinnt, ihm zwar ermöglicht, über Versuch und Irrtum unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit zu erproben, er sich seiner selbst dabei aber noch nicht – wie später unter dem Paradigma von Kunst und Ästhetik – als Formen-Schaffender bewusst ist.382 Cassirer versäumt, das in seiner Philosophie der symbolischen Formen implizit grundlegende freie Spiel der Vermögen explizit auch zur Genese des Selbstbewusstseins zu veranschlagen, und setzt sich damit dem berechtigten Vorbehalt Heideggers aus: Das Selbstbewusstsein, d.h. das frühmenschliche Seelen-Verständnis bzw. seine Lebensform, lässt sich – so meint Cassirer - aus der Art und Weise seines symbolischen Formens ableiten. So bestehe die wesentliche „Leistung“ der „symbolischen Formen“ ihmzufolge „nicht darin (…), die Welt des Äußeren in der des Inneren abzubilden oder eine fertige innere Welt einfach nach außen zu projizieren, sondern dass in ihnen und durch ihre Vermittlung die beiden Momente des „Innen“ und „Außen“, des „Ich“ und der „Wirklichkeit“ erst ihre Bestimmung und ihre gegenseitige Abgrenzung erhalten. (…) die entscheidende Leistung jeder symbolischen Form (liegt – A.d.V.) eben darin, dass sie die Grenze zwischen Ich und Wirklichkeit nicht als ein für allemal feststehende im voraus hat, sondern dass sie diese Grenze selbst erst setzt – und dass jede Grundform sie verschieden setzt (ebd., S.182).“ Die Urform – mit der „sich“ der Mensch „als ein Eigenes und Selbständiges den Dingen gegenüberstellt“ – ist nach Cassirer die „Kraft des Wunsches“ (ebd., S.183), wie sie sich ontogenetisch in der „Allmacht des Gedankens“ (ebd., S.184) des frühen Menschen wie jedes Kindes spiegelt. Das Ich erhält – parallel zu den Objekten – zunehmend einen „selbständigen Eigenwert“, „indem sich zwischen den bloßen Wunsch und sein Ziel immer mehr und immer klarer erfasste Mittelglieder (bspw. unterstützende oder verhindernde Faktoren – A.d.V.) einschieben“ (ebd., S.184f.): „Die Bestimmtheit beider wird erst durch die Form der Vermittlung erreicht“ (ebd., S.185). Was Cassirer bei dieser Herleitung des Seelen-Verständnisses des frühen Menschen aber versäumt, ist die Beantwortung der Frage, wie es zu einem Bruch mit der Instinktgeleitetheit der tierischen Vorfahren des Menschen kommen konnte, durch den Wunsch und instinktgeleitete Wunschbe- 382 Das Selbstbewusstsein als Selbständig-Formen-Schaffender im instrumentellen Sinne gewinnt der Mensch erst im Zuge des Patriarchismus, als er sich in seiner Schöpferischkeit im Spiegelbild des Schöpfertums seines Vatergottes erkennt – und im ästhetischen Sinne wie gesagt erst mit der Selbsttransparentwerdung des freien Spiels der Vermögen mit dem aesthetic turn im 18. Jahrhundert bei Kant. Der Matriarchismus hätte zu einem analogen Selbstbewusstsein seiner Schöpferischkeit gefunden, wäre ihm wie dem Patriarchismus geschichtlich eine längere Zeit zu seiner Selbstentwicklung vergönnt gewesen. 328 friedigung bzw. das instinktgeleitete Bemühen um seine Befriedigung so weit auseinander rücken, dass der Wunsch als solcher und als ein eigener überhaupt zu Bewusstsein kommen kann und die Mittel zu seiner Befriedigung zur Disposition stehen können. Heidegger behält mit seiner Kritik an Cassirer also recht, wenn er genau dieses Problem herausarbeitet. Was Heidegger übersieht, ist die innerhalb des cassirerischen Ansatzes im Zentralvermögen des freien Spiels gegebene Möglichkeit, genau dieses Moment der Selbstbewusstwerdung zu erklären. Cassirer gelingt so implizit das, woran Heidegger selbst in seiner Auseinandersetzung mit Kants Transzendentalphilosophie383 gescheitert ist: eine vermögenstheoretische Begründung der Transzendenz des Daseins. Die Grundunterscheidung von Selbst und Umwelt eröffnet sich – wie wir wie oben angedeutet annehmen - dem frühmenschlichen Bewusstsein, indem sich ihm im freien Spiel der Vermögen die von Heidegger eingeforderte Transzendenz des Daseins erschließt: Aufgehoben im Spielen384, das die vorherige Angst in Lust verwandelt385 und im Menschen die Stille als Kern der Natur erschließt, entsteht im Menschen eine Selbstzurückgenommenheit, die in Kontrast zu dem mit Notwendigkeit sich vollziehenden Naturgeschehen tritt, nach dem er jeden Reiz mit einer instinktgeleiteten Reaktion zu beantworten genötigt war. Das Selbstbewusstsein entzündet sich am Unterschied zwischen der Dynamik einer Wirklichkeit, die den Menschen ängstigend umtreibt, und der Stille, die sich in ihm als Übersummationsprodukt des Spiels einstellt, die ihn sowohl aus dem Wirklichkeitsgeschehen wie auch aus seiner Instinktgeleitetheit herausnimmt, so dass – vor dem Hintergrund der spielinduzierten, wunschlosen Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit - ihm seine Wünsche als ihm Zugehörige und überhaupt als Wünsche bewusst werden können. Hiermit wird die Schwelle zur kulturellen Evolution und damit zum Zeitalter der Sentimentalität überschritten. Die kulturelle Evolution kommt ins Rollen: Die Geburt des Selbstbewusstseins aus dem freien Spiel der Vermögen ergibt sich – wie wir sahen -, indem das Spielbewusstsein in sich zur angstlösenden Ruhe in der Tätigkeit des Spielens findet, die es von der Dynamik der Wirklichkeit entrückt. Sein erster Inhalt ist – vor seinem Hintergrund der durch das Spiel erschlossenen wunschlosen Selbstgenügsamkeit 383 Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik, Frankfurt/ M. 1998. 384 Dörflinger schreibt über das freie Spiel der Vermögen (1990, S.76): „Eine Tätigkeit als Spiel entspricht den Erfordernissen des Willens nicht. Sie ist selbstgenügsam, ist auf nichts als ein Ziel außerhalb ihrer selbst abgezweckt, sondern erhält sich in sich selbst. Spiel ist als ein Wirken gedacht, das kein Streben ist. (…) In der harmonisch spielerischen Tätigkeit liegt kein Grund, den Zustand zugunsten eines anderen aufzugeben. Spiel ist Tätigkeit als Ruhe.“ 385 Vgl. Hölzel 2008a, S.112ff., bes. S.117. Siehe auch Neumann 2004, S.317. 329 – das Bewusstsein eigener Wünsche, die sich unweigerlich anmelden und die Selbstgenügsamkeit stören. Die Wünsche – Boten der Grundbedürfnisse wie der nach Nahrung, Fortpflanzung und Schutz – inaugurieren das instrumentelle Denken in dem Moment, wo mit ihrer Bewusstwerdung ihre natürliche, instinktgeleitete Befriedigung aufgehoben ist. Das Bewusstsein des Wunsches rückt ihn fortschreitend von seiner sofortigen, instinktgeleiteten Befriedigung ab, insofern die Bewusstwerdung des Wunsches ein Innehalten bedeutet und die sofortige und automatische Instinktreaktion verhindert, womit der Reiz-Instinktreaktion-Regelkreis unterbrochen ist, der nun auch nicht willkürlich wieder aufgenommen werden kann, weil jede Instinktreaktion als automatische auf den ihn auslösenden Reiz angewiesen ist, dieser aber durch das Innehalten vergangen ist. Mit dem damit einsetzenden Fraglich-Werden des Wie der Wunsch-Erfüllung werden auch diesbetreffende zaghafte, alternative Möglichkeiten bewusst, aus denen sich im Zuge von Versuch und Irrtum die ersten kulturellen Erungenschaften herausdifferenzieren. Zwischen bewusstem Wunsch und Befriedigung treten Mittelglieder, die die Wunschbefriedigung hemmen oder unterstützen, so dass sich – über diese Vermittlung als den ersten symbolischen Formen wie bspw. (hemmenden oder unterstützenden) Augenblicksgötter (vgl. Usener nach Cassirer ebd., S.198) oder (nach und nach zu entwickelnden) Werkzeugen – das „Subjekt“ des Wünschens und das „Objekt“ des Wunsches wechselseitig herauskristallisieren. Das Spielbewusstsein, das das Sich-Herauslösen des Menschen aus der Reiz-Reaktions-Kette ermöglicht, wird damit zum Quellpunkt des Selbstbewusstseins: Mit der Aufhebung der Instinktgeleitetheit kommt der Mensch nicht mehr umhin, seine Wünsche und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und instrumentell zu erfüllen. Seine instinktgeleiteten, automatischen Reiz-Reaktionen werden Schritt für Schritt vom selbstbestimmten Handeln abgelöst. So differenziert sich ein (matriarchaler bzw. patriarchaler) Ich-Komplex vom Spielbewusstsein, der zwar einerseits vom Spielbewusstsein ermöglicht wurde, nun aber andererseits das diesem Spielbewusstsein zugrundeliegende freie Spiel der Vermögen durch seine neue Interesse- und Wunschgeleitetheit, die der Interesselosigkeit als Bedingung des freien Spiels entgegen steht, für sich aufhebt, d.h. nicht weiter von ihm organisiert wird. Diese Aufhebung des freien Spiels der Vermögen im Selbstbewusstsein vollzieht sich erstens als ein Abbruch der natürlichen Steuerung und Rhythmesierung des Formtriebes durch den Stofftrieb, wie sie ehemals im freien Spiel der Vermögen gesichert war. Mit diesem Abbruch eröffnet sich die Möglichkeit zur Selbststeuerung des Bewusstseins durch das Selbstbewusstsein. Zweitens vollzieht sich die Aufhebung des freien Spiels der Vermögen als eine Entzweiung des Formtriebes in ein Grenz- und ein Strukturvermögen, die dann jeweils im Zuge des Ergreifens der Möglichkeit zur Selbststeuerung instrumentell angeeig- 330 net werden.386 Die Anverwandlung der Selbstorganisationskraft bzw. des schillerschen Stofftriebes durch das jeweilige Selbstbewusstsein kann folglich nur auf eine seiner beiden Aspekte zurückgreifen, die fortan zu Instrumenten im Sinne des instrumentellen Denkens ausgebildet werden: Dem matriarchalen Selbstbewusstsein bleibt das mutterarchetypische Grenzvermögen als Aspekt des Formtriebes, d.h. die Fähigkeit, die durch den Stofftrieb aus der Mannigfaltigkeit des Stoffes unbewusst geschaffenen und immer schon gegebenen Gestalten als Gestalten durch eine äußere Grenze bewusst zu um- bzw. begreifen, während dem patriarchalen Selbstbewusstsein das vaterarchetypische Strukturvermögen als Aspekt des Formtriebes zufällt, die vom Stofftrieb aus der Mannigfaltigkeit des Stoffes unbewusst geschaffenen und immer schon gegebenen Gestalten innerlich auszudifferenzieren und zu strukturieren. Während das matriarchale Selbstbewusstsein sich einzig das Grenzvermögen instrumentell aneignet, verfügt das patriarchale Selbstbewusstsein instrumentell einzig über das Strukturvermögen. Das Grenzvermögen erlaubt dem matriarchalen Selbstbewusstsein, die Grenze der Gestalt variabel zusammenzuziehen oder zu weiten, während das Strukturvermögen dem patriarchalen Selbstbewusstsein die Fähigkeit zum Ent- und Verwerfen von Strukturen der Gestalt ermöglicht. Der Mangel der Steuerung durch die Selbstorganisationskraft wird zur Tugend einer Selbstermächtigung, die ihre Abhängigkeit vom unbewussten Spiel verdrängt, um sich ihres jeweiligen matriarchalen bzw. patriarchalen Herrschaftsanspruchs zu vergewissern, auf den sie beide je angewiesen sind, um sich in ihrer mangelnden Ganzheit wenigstens im (unabschließbaren und aussichtslosen) Selbstbehauptungs-Kampf gegen die entfremdete und sie bedrängende Natur zu stabilisieren.387 Das freie Spiel der Vermögen entspringt nämlich nicht nur der Ganzheit des Organismus, sondern hält 386 Wir assoziieren dabei - in Bezug auf unsere Interpretation von Kants freiem Spiel der Vermögen in Abschnitt II.1 – die (weiblich attribuierte) Grenze des Organismus mit der Verstandesgrenze des Verstandes und die (männlich attribuierte) Struktur des Organismus mit der Zweckmäßigkeit des Verstandes. So gesehen entpuppt sich der Verstand als das Vermögen des Organismus, das mit Hilfe der Einbildungskraft als einer Form der Selbstorganisationskraft die Zusammensetzungen der Mannigfaltigkeit des Wirklichen vollzieht und damit die auf den Organismus einwirkenden, internen und externen Reize verarbeitet. 387 Die Gründung im freien Spiel der Vermögen bzw. der Ganzheit Aions wird durch eine Gründung im Mutter- bzw. Vaterarchetypen abgelöst, die sich über die Zuordnung von spezifisch zu einer Zeit ausgebildeten Vermögen zu den in dieser Zeit herrschenden Mutterbzw. Vatergottheiten ins kollektive Gedächtnis einprägen, jeweils aber nur eine Hälfte der Ganzheit repräsentieren und die matriarchats- bzw. patriarchatsspezifischen Idiosynkrasien verursachen. Sie werden – wenn sie sich phylogenetisch ausgebildet haben, d.h. die Kultur der jeweiligen Menschengruppe prägen – jeweils ontogenetisch über die frühkindliche Bezogenheit auf die elterlichen Bezugspersonen weitergegeben, so dass das Stadium der Kindheit – von dem wir hier handelten - zwar erhalten bleibt, aber zunehmend auf die frühe Kindheit zurückgedrängt wird. 331 diese über sein Gegründetsein in der Selbstorganisationskraft – die alles erschafft und am Leben hält – im Gleichgewicht, das sich in der selbstgenügsamen und selbstfaszinierten Zweckmäßigkeit ohne Zweck des freien Spiels ausdrückt, die in sich selbst ruht. Zwar spaltet sich der Formtrieb auf der Bewusstseins-Ebene im Zuge der Individuierung für das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein in seine beiden Aspekte (Grenzvermögen bzw. Strukturvermögen). Trotzdem durchwirkt das freie Spiel der Vermögen unbewusst weiterhin die Leiblichkeit des Menschen und versorgt auch das von ihm isolierte Selbstbewusstsein – ohne das letzteres dieses Geschehen wahrnehmen würde - mit Selbst- und Welt- Bildern, auf die es zur Wirklichkeitsorientierung angewiesen bleibt. Wiewohl das (matriarchale bzw. patriarchale) Selbstbewusstsein für sich vom leiblichen, freien Spiel der Vermögen abgespalten ist, erhebt es sich an sich auf der Grundlage der von ihm erschlossenen Wirklichkeit, d.h. des von ihm erzeugten Selbst- und Weltverstehens. Die Vereinseitigung der matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins-Formation würde alles Selbst- und Weltverstehen ausschließen, das sich nur über die ästhetische Wahrnehmung der reflektierenden Urteilskraft im freien Spiel der Vermögen sicherstellen lässt. Grenze und Struktur der Gestalt müssen sich wechselseitig frei bestimmen können, um ein angemessenes Bild von der Wirklichkeit im Bewusstsein zu erzeugen, damit es auf solcherart immer schon gegebene, lebendige (d.h. abgegrenzte und ausdifferenzierte) Gestalten der Außen- und Innenwelt zurückgreifen kann. Das freie Spiel der Vermögen erlaubt unbewusst also weiterhin diese angemessene Mimesis der Wirklichkeit im Bewusstsein, auch wenn das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein in ihrem herrschaftlichen Anspruch versuchen, die so erzeugten und ihm immer schon gegebenen Bilder für sich zu vereinnahmen. So ist die Wirklichkeit immer schon – und d.h. eben unbewusst - gegeben, bevor sie herrschaftlich vom matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein mit Hilfe ihres Grenz- bzw. Strukturvermögens zugerichtet wird. Für beide Selbstbewusstseins-Formationen geht mit dem Verdrängen des freien Spiels der Vermögen die (kantische) reflektierende Urteilskraft verloren. Der Ich-Komplex des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins stellt aber keine Aufhebung des kindlichen Spielbewusstseins dar, sondern nur seine Verdrängung in das mit dem Aufkommen des Ich-Komplexes sich eröffnende Unbewusste durch die neue, das Bewusstsein dominierende (matriarchale bzw. patriarchale) Formation. Das kindliche Spielbewusstsein wird in Matriarchat und Patriarchat von der jeweils herrschenden Bewusstseinsformation überformt, versorgt letztere aber weiterhin mit den Gestalten der von ihm ästhetisch erschlossenen Wirklichkeit und bleibt untergründig als leibliches Bewusstsein – von dem der Ich-Komplex sich zunehmend verselbständigt - erhalten. Wo das kindliche 332 Spielbewusstsein noch in der Ganzheit seines Organimus und im Zusammenwirken der Selbstorganisationskraft mit dessen Zentrum und Grenze, die aufeinander abgestimmt sind, d.h. im freien Spiel der Vermögen, ruhte, sind Ganzheit und Spiel vom Ich-Komplex für den Ich-Komplex in das sich mit dem Ich-Komplex eröffnende Unbewusste verdrängt. Dieses Schicksal trifft auch das Spielbewusstsein, in dem die ästhetisch erschlossene Wirklichkeit sich spiegelt, insofern seine ganzheitlichen Gestalten zwar auch dem matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein noch vorliegen, aber zunehmend durch Abblendung spezifischer Aspekte einseitig durch das Grenz- bzw. Strukturvermögen des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein zugerichtet werden und das Spielbewusstsein sich so fortschreitend auf das entsprechende Ich-Bewusstsein verengt. Das Ich- Bewusstsein ergreift sich so, dass es das Spiel, das es ermöglicht, in seiner Selbstermächtigung und zum Schutz der Illusion seines autonomen Selbstverständnisses verdrängt, insofern es ihm ein Signum seiner Geworfenheit und Abhängigkeit ist und es an seine Abkünftigkeit und Abhängigkeit erinnert, von der es sich zu emanzipieren trachtet. Als allgemeines Charakteristikum des Ich-Komplexes bzw. des matriarchalen wie patriarchalen Selbstbewusstseins gilt: So wie die den Ich-Komplex bedingende Unterscheidung zwischen sich und der Umwelt (Subjekt und Objekt) auf Wunschregungen im Menschen zurückgehen, die – wiewohl durch das freie Spiel der Vermögen ermöglicht – eben dies durch ihr Interesse aufheben (vgl. Abs. X.1), stellt er ein für alle Mal ein Mangelbewusstsein dar, das die Spanne zwischen Wunschregung und Wunscherfüllung – die vor-selbstbewusst durch die unmittelbare Reiz-Reaktions-Verknüpfung nicht erfahrbar war – auszuhalten hat. Sie versucht er durch einen instrumentellen Zugriff auf die Wirklichkeit zu verkürzen. Der Ich-Komplex ist in einem doppelten Sinne nicht im Gleichgewicht: Nicht mehr vom freien Spiel der Vermögen organisiert, geht für ihn über die einseitige Aneignung eines Teilvermögens (Grenz- bzw. Strukturvermögens) und die Verdrängung des anderen einerseits sowohl das Gleichgewicht seiner Vermögen wie die Ganzheit seines Organismus verloren. Andererseits entsteht mit der Aufhebung seiner Organisiertheit durch das freie Spiel und der Bewusstwerdung seiner Wünsche sein konstitutives Mangelempfinden. Als zwei Momente desselben Geschehens – die als Selbstbewusst-Werdung des Menschen den Beginn seiner kulturellen Evolution markiert – bedingen sie fortan sowohl den instrumentellen Charakter des Selbst- und Wirklichkeitsverhältnisses des Ich-Komplexes wie sein beständiges Bestreben, die Natur als das Andere seiner selbst und als Quelle seiner Wunsch-Regungen zu beherrschen. 333 Die Bewusstseins-Formationen des matriarchalen wie patriarchalen Selbstbewusstseins sollen nun in dieser ihrer oben beschriebenen Abkünftigkeit vom freien Spiel der Vermögen und als Derivate des von ihm erzeugten Spielbewusstseins in ihrer Phänomenologie entschlüsselt werden. Wo die Wirklichkeit ursprünglich ganzheitlich ästhetisch im freien Spiel der Vermögen im Stadium des Kleinkindes erschlossen war, wirkt sich die Aufspaltung von Grenz- und Strukturvermögen des Organismus, die in ihrem Zusammenwirken den Formtrieb im freien Spiel bereitstellten, und die Aneignung des Grenzvermögens durch das matriarchale wie des Strukturvermögens durch das patriarchale Selbstbewusstsein auf ihr Selbst- und Wirklichkeitsverstehen – verglichen mit dem der ästhetischen Wahrnehmung – verengend aus. Trotzdem eröffnet sich über die jeweilige einseitige Aneignung und die daraus folgende Selbstermächtigung auch Neues, zumal ihnen das ästhetisch erzeugte, nun unbewusste Selbst- und Weltverstehen als eine immer schon gegebene und bleibende Wirklichkeit erhalten bleibt, die durch die jeweilige Selbstbewusstseinsformation nur spezifisch zugerichtet wird. X.2 Das matriarchale Selbstbewusstsein in seinem Formaspekt Das matriarchale Selbstbewusstsein entsteht durch die Aufhebung des Spiels und die instrumentelle Aneignung des Grenzvermögens, die die Verdrängung des Strukturvermögens nach sich zieht. Ihr entspricht der Übergang von der Gegründetheit im Archetyp der Ureltern bzw. des Selbst, d.h. in der ursprünglichen Ganzheit des Organismus (Grenze und Zentrum/ Struktur), zu der Gegründetheit im Mutterarchetypen (Grenze des Organismus), die die Verdrängung des Vaterarchetypen (Zentrum bzw. Struktur des Organismus) nach sich zieht. Die Gründung im Mutterarchetypen stellt eine Identifikation mit der Grenze des Organismus bzw. dem Grenzvermögen dar, mit der der menschliche Organismus sich gegen die Außenwelt abgrenzt bzw. mit dem das Leben in abgegrenzten Gestalten ge- und erfasst wird. Das matriarchale Selbstbewusstsein entwickelt – um mit der transzendentalen Ableitung der Wahrnehmung der Außen- und Innenweltereignisse zu beginnen - auf Grundlage seines Grenzvermögens und der zugrunde liegenden, unbewussten, ästhetischen Wahrnehmung die spezifisch neue Fähigkeit zur Resonanz-Wahrnehmung388: Die Mannigfaltigkeit des Gegenstandes der 388 Die Resonanzwahrnehmung erschließt sich aus der matriarchalen Synthesis (siehe unten): Die Stimulans zum Geschehen kann einerseits von den übergreifenden Ganzheiten, die durch das Zusammenziehen und Weiten ihrer Grenzen auf das unter ihnen Zusammengefasste wirken, ausgehen. Andererseits kann der Teil durch Zusammenziehung seiner Grenzen auf das unter ihm Befasste das ihn umgreifende Ganze dazu zwingen, seine Grenzen entsprechend zusammenzuziehen, bzw., vermittelt über eine Weitung seiner Grenzen be- 334 Außenwelt wird dabei gemäß der Struktur der Zweckmäßigkeit des Strukturvermögens vom Stofftrieb unbewusst intern synthetisiert, um schließlich durch das bewusste Zusammenziehen der Grenzen des matriarchalen Selbstbewusstseins seine Gestalt zu erschließen. Wiewohl das matriarchale Selbstbewusstsein in der Resonanz-Wahrnehmung auf die ihm unbewusst vom freien Spiel der Vermögen eingegebene Struktur der Gestalt angewiesen bleibt, damit ihm beim Zusammenziehen der Grenze durch die Struktur der Gestalt in dem Moment Einhalt geboten wird, wo Struktur und Grenze aufeinander abgestimmt sind und die Gestalt angemessen reproduziert ist, bleibt für das matriarchale Selbstbewusstsein das Struktur-Moment verdrängt. Das matriarchale Selbstbewusstsein verliert für sich, was an sich seine Wirklichkeitswahrnehmung bedingt, nämlich das Bewusstsein von den Strukturunterschieden der Gestalten. Die Bewusstseins-Qualität – die sich grundsätzlich ja am Vermögen zur Unterscheidung festmachen lässt – wird für das matriarchale Selbstbewusstsein stattdessen durch sein Grenzvermögen sichergestellt, das ihm erlaubt, Ausdehnungs- bzw. Räumlichkeitsunterschiede wahrzunehmen.389 Die Potentialität seines Grenzvermögens – Grenzen zusammenziehen und weiten zu können – schenkt ihm das Bewusstsein von Ausdehnungs- und Räumlichkeitsunterschieden, insofern ihre bewusste Variabilität, gäbe es ein Auswahlkriterium, aus den Möglichkeiten die eine Wirklichkeit zu destillieren, auch das Bewusstsein ihres So-und-so-Sein ermöglicht. Das Möglichkeitsbewusstsein wird dabei durch die unbewusste Struktur – die zusammen mit der durch das Möglichkeitsbewusstsein bereitgestellten, bewussten Grenze die Gestalt wechselseitig bestimmt und so das gesuchte unbewusste Auswahlkriterium darstellt – auf die eine, der Wirklichkeit der Gestalt angemessenen Grenze eingeschränkt. Auch wenn dem matriarchalen Selbstbewusstsein durch die unbewusste ästhetische Wahrnehmung die Wirklichkeit erschlossen ist, d.h. es immer auch in einer ästhetisch unbewusst erschlossenen, strukturierten Wirklichkeit lebt, verfügt es nur betreffs der Ausdehnungs- bzw. Räumlichkeitsunterschiede über ein Bewusstsein, das man – analog zur Struktur-Differenziertheit des patriarchalen Selbstbewussttreffs des unter ihm Befassten, das Ganze veranlassen, seinerseits seine den Teil betreffenden Grenzen entsprechend zu lockern. Die wechselseitige Wirkung, die Teil und Ganzes aufeinander haben können, insofern sie in einem ganzheitlich- verbundenem Zusammenhang stehen, bezeichnen wir als Resonanz, nach der das Tun und Lassen des einen sich zwangsläufig auf das Tun und Lassen des anderen auswirkt. Die Wahrnehmung dieses Resonanz-Phänomens wiederum bezeichnen wir als Resonanzwahrnehmung.Vgl.Welsch 2009. 389 Wir gehen beim matriarchalen Selbstbewusstsein von einer gegenüber dem patriarchalen Selbstbewusstsein von Strukturunterschieden andersgearteten Form der Ausdifferenziertheit aus, nämlich von Ausdehnungs- bzw. Räumlichkeitsunterschieden. Die matriarchale Potentialität der Grenzen im Sinne des Grenzvermögens ergibt eine Ausdehnungs-Differenziertheit, die patriarchale Potentialität der Strukturen im Sinne des Strukturvermögens ergibt eine Struktur-Differenziertheit. 335 seins – als Ausdehnungs-Differnziertheit des matriarchalen Selbstbewusstseins qualifizieren könnte. Die Art und Weise der matriarchalen Schöpferischkeit – d.h. die mit dem Grenzvermögen gegebene Fähigkeit, die Grenzen der Gestalt selbständig zusammenzuziehen oder zu weiten – schlägt sich in der Art und Weise des Nexus nieder, mit dem sich das matriarchale Selbstbewusstsein die Verbundenheit der Dinge denkt: Die matriarchale Synthesis – der matriarchale Satz vom Grunde - sieht die Dinge in umgrenzten Mengen zusammengefasst, bei denen die übergreifenden Mengen auf die von ihnen umgriffenen Teilmengen ganzheitlich im Sinne einer Mengenraumöffnung oder –Zusammenziehung – d.h. über eine Gewähr oder Reduktion des Raumes zur gestalteigenen Akkomodation bzw. Assimilation (Flexibilität – vgl. Bateson 1985, S.636ff.) - einwirken.390 So wie die Muttergottheit das Leben als übergeordnete Ganzheit dirigiert, so wirkt die Frau auf das in ihr wachsende Leben des Fötus. Cassirer lässt die mythische Konstruktion der Wirklichkeit – die er transzendental zu rekonstruieren sucht – von der Mana-Vorstellung des mythischen (für uns: matriarchalen) Menschen ausgehen391, die sich von uns nun durch unsere Annahme eines spezifischen, matriarchalen Grenzvermögens und einer daraus abgeleiteten, spezifisch matriarchalen Synthesis als das primäre Ereignis in der Selbstbewusstseins-Entwicklung des Menschen (anders als bei Cassirer, wo das Zustandekommen der Mana-Vorstellung und die Entwicklung der Einzelkategorien des mythischen Bewusstseins aus ihr dunkel bleibt) wirklich verstehen lässt: Die Ganzheit der ästhetisch erschlossenene Wirklichkeit differenziert sich dem matriarchalen Selbstbewusstsein zu spezifisch innerhalb dieser Ganzheit differenzierten Besonderheiten, „indem der bloße tierische Schrecken“ – wie sich mit Cassirer sagen lässt (2002, S.93) – „zum Staunen wird, das sich in doppelter 390 Als Beispiel für eine ganzeitliche Wirkung im Sinne der matriarchalen Synthesis ließe sich an gleichmäßig gefrorenes Wasser in einer Presse, die von allen Seiten gleichen Druck aufbaut, denken: Die Frage – die sich dann stellt – ist, wo das Eis bricht? Zerspringt es in tausend Teile? Oder übertägt sich der Druck aufs Innerste des Eisrundes, wo es aufbricht? Im letzteren Fall hätten wir das gleiche Problem im Kleinen wie im ersteren Fall im Großen, d.h. wir müssten das Innerste bis ins Unendliche klein veranschlagen. So gesehen zerspringt das Eis also überall gleichzeitig. Die Wirkung des Ganzen auf die Teile ist ganzheitlich, d.h. sie setzt an allen vom Ganzen umfassten Teilen zugleich an. Als weiteres Beispiel lässt sich die Nacht anführen, die uns schlafend macht. Auch hier besteht der Grund, warum wir in der Nacht schlafen, nicht darin, jeden Abend die Entscheidung zu treffen, schlafen zu gehen, sondern zumindest in der überwiegenden Zahl der Abende in der ganzheitlichen Einwirkung der Nacht auf unseren Biorhythmus, die uns müde macht. 391 Cassirer zufolge ist die „Manavorstellung (…) als „die“ religiöse Urkategorie“ (2002, S.90) zu verstehen, als deren „einzige(r) einigermaßen feste(r) Kern (…) zuletzt nichts anderes übrig zu bleiben (scheint) als der Eindruck des Außerordentlichen, des Ungewöhnlichen, des „Ungemeinen“ überhaupt“ (ebd., S.92). 336 Richtung bewegt, das aus entgegengesetzten Zügen, (…) aus Scheu und Bewunderung gemischt ist, indem auf diese Weise die sinnliche Erregung zum erstenmal einen Ausweg und einen Ausdruck sucht, (mit dem – A.d.V.) (…) der Mensch (…) an der Schwelle einer neuen Geistigkeit (steht).“ Cassirer schließt (ebd., S.93): „Diese seine eigene Geistigkeit ist es, die sich ihm nun im Gedanken des „Heiligen“ gewissermaßen reflektiert darstellt. Denn das Heilige erscheint immer zugleich als das Ferne und Nahe, als das Vertraute und Schützende wie als das schlechthin Unzugängliche, als das „mysterium tremendum“ und das „mysterium fascinosum“ (Otto: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, 1917).“ Die Aufmerksamkeit – die anfangs noch im ästhetisch erschlossenen Ganzen der Wirklichkeit aufgeht und sich in nichts Besonderem sammelt – wird durch die Faszination von etwas Spezifischem innerhalb dieser Ganzheit auf dieses Spezifische zusammengezogen. Diese Zusammenziehung – die dem matriarchalen Selbstbewusstsein aufgrund seines Grenzvermögens möglich ist – stellt die Dinge, auf die die Ganzheit der Aufmerksamkeit zusammengezogen wird, als manabegabt heraus und erklärt, wie die Dinge durch Zusammenziehung des Mana der Ganzheit zu ihrer Manabegabtheit gelangen und wie sie diese Manabegabtheit durch Weitung zur Ganzheit wieder an diese Ganzheit abgeben. Das Mana ist also eine Kraft (vgl. Cassirer ebd., S.70), die der allumgreifenden Ganzheit zugehört, die sie bei Einschränkung ihrer Intensität an die von ihr umfassten Teil- Ganzheiten spendet und die ein Übergreifendes zu dem Vermögen ermächtigt, auf das von ihm Umgriffene einzuwirken. Nun schreibt Cassirer dem mythischen, sprich unserem matriarchalen Selbstbewusstsein eine „dinglich-substantielle Ansicht des Wirkens“ (ebd., S.66) zu, die für ihn in einem dialektischen Verhältnis (vgl. Cassirer ebd., S.68) zum Animismus des matriarchalen Selbstbewusstseins steht: „Die mythische Phantasie dringt auf Belebung und Beseelung, auf durchgängige „Spiritualisierung“ des Alls; aber die mythische Denkform, die alle Qualitäten und Tätigkeiten, alle Zustände und Beziehungen an ein festes Substrat bindet, führt immer wieder zum entgegengesetzten Extrem: zu einer Art Materialisierung geistiger Inhalte, zurück.“ (ebd., S.68) Dieser (dialektische) Wechsel-Zusammenhang wird vor dem Hintergrund unseres hier zugrundegelegten Verständnisses unmittelbar einsichtig: So wie sich die Spiritualisierung der Wirklichkeit aus dem primären, freien Spiel der Vermögen erklärt, das diese Wirklichkeit als lebendige Gestalt erschließt und sie in ihrer Ganzheit der lebendigen Gestalt des Spielbewusstseins spiegelt, so stellt sich uns 337 die darauf folgende Materialisierung als die sekundäre Konkretion dieser ästhetisch erschlossenen Ganzheit der Wirklichkeit nach Maßgabe des durch das matriarchale Selbstbewusstsein angeeigneten Grenzvermögens auf spezifische Besonderheiten dar. Das Mana der Ganzheit verkörpert sich unter schrittweisem Nachlassen seiner Intensität im Zusammenziehen seiner Ganzheit auf diese Besonderheiten im Mana der Besonderheiten. In Frage steht jetzt, wie sich die von Cassirer veranschlagte „Eigenart des Wirkens“ aus der „Übertragbarkeit“ (ebd., S.69) des Mana und seiner Fähigkeit zu „mannigfachsten Umwandlungen und Mitteilungen“ (ebd., S.71) erklärt? In anbetracht dessen, dass wir die Art und Weise der vertikalen, von der übergreifenden auf die übergriffene Ganzheit wirkenden Übertragung des Mana schon geklärt haben, gilt es, nun seine horizontale Übertragung zu verstehen: Anders als Cassirer, der von einer „unmittelbaren Übertragbarkeit“ (ebd., S.69) spricht, gehen wir von einer mittelbaren Übertragung aus, bei der das Mana der ersten Besonderheit – das ihr durch die ihr geschenkte Aufmerksamkeit zuteil wurde – beim Aufmerksamkeitswechsel auf eine andere Besonderheit implizit sich erst spiritualisieren (d.h. wieder an die Ganzheit durch Weitung des Aufmerksamkeitsfocusses abfließen) muss, um sich dann (von dieser Ganzheit durch Zusammenziehung auf eine neue Besonderheit) in der neuen Besonderheit zu materialisieren. Insofern diese Zwischenschritte sich implizit vollziehen und der Aufmerksamkeitsfocus-Wechsel sich meist auf räumlich oder zeitlich Naheliegendes erstreckt, scheint es so, als ob sich die synthetische Übertragung der Mana-Qualität unmittelbar vom Ausgangs- zum Zielpunkt der Aufmerksamkeit vollzieht.392 Das matriarchale Selbstbewusstsein geht von einer „Freiheit des Tuns“ (ebd., S.61) der Götter und Dämonen aus, die Cassirer zufolge für das „individuelle Geschehen durch die Setzung und Annahme individueller Willensakte“ (ebd., S.60) 392 Die „Assoziation“, die Hume Cassirer zufolge als Ursprung der kausalen Verknüpfung ausmacht (2002, S.55), mit der er laut Cassirer ungewollt die „Wurzel aller mythischen (statt wissenschaftlichen – A.d.V.) Welterklärung“ aufgedeckt habe (ebd., S.57), lässt sich nur als Wahrnehmung eines Gegenstandes als Variation zum Thema des Ausgangsgegenstandes des Bewusstseins verstehen. Die Hervorbringung einer Variation seines Themas setzt aber eine gemeinsame Kristallisationsachse voraus und ist auch nur über die Mittelglieder von Spiritualisierung und Materialisierung entlang dieser Kristallisationsachse zu erklären, insofern sie – nähme sie nicht den Weg über die Ganzheit, als deren neue Kristallisation sie sich ergibt – nicht zur Stiftung neuer Zusammenhänge innerhalb ähnlicher Tatsachen fähig wäre, die das Assoziierte vom Ausgangsgegenstand des Bewusstseins sowohl in manchem unterscheiden als auch in anderem identisch erscheinen ließen. Zu einer Neustiftung von Zusammenhängen ist die vorherige Auflösung der alten Zusammenhänge notwendig. Die humesche Assoziation kann also als Beleg für die mittelbare Synthesis des matriarchalen Selbstbewusstseins, aber nicht zur Begründung der von Cassirer erwogenen Unmittelbarkeit dienen. 338 verantwortlich gemacht werden. Nach unserem Verständnis repräsentieren Götter und Dämonen manabegabte, übergreifende Ganzheiten, die durch Zusammenziehung bzw. Weitung ihrer Ganzheit das von ihnen umfasste, individuelle Geschehen chaostheoretisch hervorbringen. (Abgesehen davon, dass dem matriarchalen Selbstbewusstsein die patriarchale Synthesis, von spezifischen Ursachen auf spezifische Wirkungen zu schließen, fremd ist, wäre seine Verstehens-Weise aufgrund der Komplexität der von ihm erkannten, ganzheitlichen Wirkung – wie wir durch die Chaos- und Systemtheorie wissen393 - auf Grundlage der patriarchalen Identifikation von Ursachen und Wirkungen ausgeschlossen.) „Der Teil ist“ – wie Cassirer, ohne es transzendental ableiten zu können, das Resonanz-Bewusstsein des matriarchalen Selbstbewusstseins aber auf den Punkt bringend, richtig feststellt – „mythisch gesprochen, noch dasselbe Ding wie das Ganze, weil er realer Wirkungsträger ist – weil alles, was er leidet oder tut, was aktiv und passiv an ihm geschieht, zugleich ein Leiden und Tun des Ganzen ist“ (ebd., S.62). Die Stimulans zum Geschehen kann einerseits von den übergreifenden Ganzheiten, die durch das Zusammenziehen und Weiten ihrer Grenzen auf das unter ihnen Zusammengefasste wirken, ausgehen. Andererseits kann der Teil durch Zusammenziehung seiner Grenzen auf das unter ihm Befasste das ihn umgreifende Ganze dazu zwingen, seine Grenzen entsprechend zusammenzuziehen bzw., vermittelt über eine Weitung seiner Grenzen betreffs des unter ihm Befassten, das Ganze veranlassen, seinerseits seine den Teil betreffenden Grenzen entsprechend zu lockern. Die wechselseitige Wirkung, die Teil und Ganzes aufeinander haben können, insofern sie in einem ganzheitlich- verbundenem Zusammenhang stehen, bezeichnen wir als Resonanz, nach der das Tun und Lassen des einen sich zwangsläufig auf das Tun und Lassen des anderen auswirkt. Der ganzheitlich verbundene Zusammenhang ergibt sich, insofern Teil und Ganzes durch eine implizit ständig vollzogene Metamorphose in- und auseinander im Zuge von Materialisierung und Spiritualisierung, usw. miteinander verbunden sind. So wie der Mond durch Zusammenziehung der Aufmerksamkeit auf die Ganzheit des Nacht- 393 Schon in Nietzsches Nachgelassene(n) Schriften findet sich eine Vorwegnahme der neueren Einsicht der Chaos- und Systemtheorie, die expliziert, was dem matriarchalen Selbstbewusstsein implizit zueigen ist, nämlich dass der Einfluss eines Ereignisses auf ein komplexes System nicht kausal herleitbar ist, weil das System auf dieses Ereignis autopoietisch reagiert und diese Reaktion aufgrund der unendlichen Komplexität ihrer Bedingungsfaktoren auch für die Naturwissenschaft letztlich chaotisch bleibt. Diese Einsicht widerspricht nicht der Überzeugung Einsteins, dass Gott nicht würfelt, aber sie hält eine kausale Rekonstruktion des Geschehens aufgrund seiner Komplexität für ausgeschlossen. Nietzsche schreibt: „Gesetzt, die Welt verfüge über ein Quantum von Kraft, so liegt auf der Hand, dass jede Machtverschiebung an irgendeiner Stelle das ganze System bedingt – also neben der Kausalität hintereinander wäre eine Abhängigkeit neben- und miteinander gegeben“ (1960f, S.850). 339 himmels sich als Besonderheit abzeichnet, so strahlt er – einen sogenannten „Hof des Mondes“ verbreitend – auch wieder im Sinn einer Resonanz-Schwingung in den Nachthimmel aus (vgl. Neumann 1975, S.59ff., der das matriarchale Selbstbewusstsein als „Mondbewusstsein“ fasst). Das „pars pro toto“ (Cassirer 2002, S.62) des mythisch- matriarchalen Selbstbewusstseins entpuppt sich uns demgemäß als direkte Folge dessen, dass die Besonderheit des Teils durch Zusammenziehung bzw. Weitung der Ganzheit auf ihn entsteht, d.h. einerseits das von Cassirer oben genannte, leidende Verhältnis zum Ganzen hat, wie sich andererseits sein von Cassirer genanntes Tun vermittelt über die Resonanz-Schwingung immer auch rückkoppelnd auf diese Ganzheit auswirkt. Insofern alles mit allem im Sinne eines „Seinsgefüges“ (Heidegger 1988, S.45) zusammenhängt, bewirkt die individuelle Überschreitung der Grenzen eines Teils ein entsprechendes, ihn in seine Seins-Fuge zurückdrängendes Verhalten der übergeordneten Ganzheiten (d.h. in unserem Fall als Menschen wesentlich des Ökosystems Erde). Das „polysynthetisch(e)“ Selbst- und Weltverstehen des matriarchalen Selbstbewusstseins, d.h. der ursächliche Zusammenhang des „einfachen räumlichen Beisammen oder des zeitlichen Nacheinander“ (wie es Hume fälschlicherweise als Quelle der wissenschaftlichen (patriarchalen) Synthesis – nach Cassirer zudem unter Vernachlässigung der Analyse als weiterem, notwendigem Aspekt dieser Synthesis - identifizierte), spiegelt sich Cassirer zufolge darin, dass es „keine Sonderung der Gesamtvorstellung in ihre einzelnen Elemente“ (2002, S.57) kenne. Dieser ursächliche Zusammenhang schlüsselt sich für uns nun über den genannten Aufmerksamkeitswechsel auf, der sich meist auf räumlich und zeitlich Nahes bezieht, aber nicht, wie Cassirer annimmt und wie es auch dem matriarchalen Selbstbewusstsein scheinen mag, aus einer unmittelbaren Übertragung des Mana folgt, sondern durch eine implizite Spiritualisierung und neue Materialisierung des Mana zustande kommt. Negativ bezeugt diese Polysynthesis des matriarchalen Selbstbewusstseins seine mit dem Verlust des Strukturvermögens einhergehende Schwäche, nicht zur internen Differenziertheit der Gestalten finden zu können, d.h. sie nicht analytisch zergliedern und ihre Teile und Aspekte unterscheiden und einzeln verknüpfen zu können, positiv aber, dass für das matriarchale Selbstbewusstsein als Folge der Resonanz alles mit allem zusammenhängt. Das Phänomen der „Veränderung“ wird demgemäß vom matriarchalen Selbstbewusstsein als „Metamorphose“ gefasst, die sich dadurch auszeichnet, dass „noch alles aus allem werden“ (Cassirer ebd., S.58) kann. Das Prinzip der Metamorphose dem matriarchalen Selbstbewusstsein zuzuordnen, liegt schon deshalb nahe, insofern die weibliche Leiblichkeit selbst im Laufe ihrer Mutterschaft der Ver- 340 wandlung unterliegt.394 Dieses Prinzip der Metamorphose erschließt sich auch aus dem matriarchalen Grenzvermögen, insofern die Dinge durch die Weise ihres „Entstehens“ aus der Zusammenziehung der Ganzheit mit dieser Ganzheit in einem Resonanz-Zusammenhang stehen, d.h. im Verhältnis zum Makrokosmos der Ganzheit einen Mikrokosmos bilden, aus dem – weil er das Ganze in sich hat und nicht analytisch von ihm getrennt ist – auch alles werden kann. Die Metamorphose vollzieht sich als Spiritualisierung oder Materialisierung entlang der vertikalen Achse durch Zusammenziehung bzw. Weitung der übergeordneten Ganzheit. Die Erschlossenheit der Wirklichkeit durch die unbewusste, ästhetische Wahrnehmung – wie sie noch dem kindlichen Spielbewusstsein zueigen war - schließt als Anschauungsformen einen nicht qualifizierten Raum des Ineinander der Gestalten und eine nicht qualifizierte Zeit, die als nunc stans, d.h. als eine Gegenwart, die sich zur Ewigkeit hin öffnet, ein. Diese Anschauungsformen des kindlichen Spielbewusstseins wandeln sich nun durch die Synthesis des matriarchalen Selbstbewusstseins in die folgenden, matriarchalen Anschauungsformen: Die „Scheidung des Profanen und des Heiligen“, wie sie der matriarchalen Synthesis entspringt, die mit Hilfe des Grenzvermögens durch Zusammenziehung des Mana der Ganzheit auf spezifische Gestalten eben diese Gestalten vor dem Hintergrund der ästhetisch erschlossenen Wirklichkeit der Ganzheit abhebt (vgl. oben), ermöglicht eine Qualifizierung des Raumes und der Zeit (vgl. Cassirer 2002, S.100ff.). Orte wie hohe Berge, ungewöhnliche Landschaften oder große Bäume oder wiederkehrende Ereignisse wie der Wechsel des Mondes, der Sonnenaufund untergang oder der Wechsel der Jahreszeiten – die des Menschen Staunen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sie zu Kristallisationspunkten des Mana der Ganzheit machen – heben sich aus dem nicht qualifizierten Raum und der nicht qualifizierten Zeit heraus und bekommen einen – wie Cassirer schreibt – „mythischen Gefühlswert“ (ebd., S.100). Die matriarchale Anschauungsform des Raumes entwickelt so einerseits eine von sich selbst absehende Gliederung als Ereignisraum des Nebeneinander (bspw. Osten als Ort des Sonnenaufgangs, Westen als Ort des Sonnenuntergangs), während das ästhetische Ineinander der Gestalten im Sinne eines Möglichkeitsraumes erhalten bleibt, weil sie je Teilmengen der übergeordneten Ganzheit sind, mit der sie im Sinne von Mikro- und Makrokosmos in Resonanz stehen – und so zumindest potentiell ineinander auflösbar sind.395 Der matriarchalen Anschauungsform der Zeit gelingt es, die 394 Vgl. das Blutwandlungsmysterium nach Neumann 2003, S.45f.. 395 Unten werden wir Eliades Interpretation des Zeit-Verständnisses des „religiöse(n) Mensch- (en)“ zur Illustration der Anschauungsform der Zeit des matriarchalen Selbstbewusstseins heranziehen. Die Interpretation des Raum-Verständisses des religiösen Menschen hingegen, die Eliade vorschlägt, lässt sich unserer Ansicht nach eher für die frühe, mythische Ausprä- 341 scheinbar sich ausschließenden Gegensätze des Nunc stans (Gegenwart in Ewigkeit) und des Nacheinander in einem Zeitverständnis zusammenzuziehen, indem sie die Ereignisse des Nacheinander – die sich Schritt für Schritt aus der Zeitvergessenheit durch ihren Gefühlswert herauskristallisieren – in einen Zyklus der Wiederkehr zurückbindet, während das matriarchale Selbstbewusstsein sich selbst im Zentrum dieses Geschehen verortet, d.h. ein Zeitverständnis entwickelt, das mit Schopenhauer als „Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit“ (1997, B.2, Kap.41, S.639) zu charakterisieren wäre.396 Diese Zurückbindung geht dabei selbstverständlich nicht auf eine Synthese durch das matriarchale Selbstbewusstsein zurück, sondern ergibt sich aus dem entscheidenden Kriterium der Entwicklung seiner Anschauungsform der Zeit, nämlich dass sie sich aus dem Gefühlswert – wie ihn nur wiederkehrende Geschehen dauerhaft zugesprochen bekommen können, d.h. vor allem dem Wechsel der Jahreszeiten und der durch sie bedingten Ereignisse – entwickelt. Die Wahrnehmung des Nacheinander der Ereignisse verliert sich dabei zunehmend in der Wahrnehmung ihrer ewigen Wiederkehr vom Mittelpunkt des Rades der Zeit aus.397 gung des Patriarchismus veranschlagen, insofern die „Weltschöpfung“ – die das Chaos in den Kosmos einer bewohnbaren Sphäre verwandelt und den „profanen Raum“ zu einem „heiligen Raum“ macht – Eliade zufolge immer um ein Kristallisations-Zentrum herum erfolgt, wir das Zentrum aber dem patriarchalen Selbstbewusstsein zuordnen (1998, S.23ff.). 396 Die Anschauungsform der Zeit als Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit ergibt sich in ihrer vollen Bedeutung und Dimension nur aus dem freien Spiel der Vermögen heraus (vgl. Abs. X.5 u. Hölzel 2008a, S.121), wird vom matriarchalen Selbstbewusstsein, das für sich das Spiel der Vermögen verdrängt hat, aber insoweit erschlossen, als es die Ereignisse des Nacheinander in den Zyklus der Wiederkehr zurückbindet. Dabei tritt für das matriarchale Selbstbewusstsein aber das Phänomen ihres Nacheinander hinter ihrer Wiederkehr zurück, so dass sich ihm letztlich alles Geschehen nur noch vor dem Hintergrund seines Schon-mal-dagewesen-Seins einprägt und die Wahrnehmung seines Nacheinander von der Wahrnehmung seiner Wiederkehr überlagert wird. Die Gegenwart öffnet sich dem matriarchalen Selbstbewusstsein in dem Moment zur Ewigkeit im Sinne des Nunc stans, in dem alles Gegenwärtige inkl. seiner selbst nur als ein Wiederkehrendes verstanden wird und seine Gegenwärtigkeit hinter der Ewigkeit seiner Wiederkehr zurücktritt. Das Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit erschließt sich in seiner volle Bedeutung und doppelten Dimension dagegen nur dem Spielenden, insofern das Spiel der Vermögen erlaubt, zugleich die ereignishafte, eigenzeitliche Selbstentwicklung des Gegebenen im zyklisch zurückgebundenen Nacheinander mitzuvollziehen und in jedem Moment dieser Selbstentwicklung auch in der sich zur Ewigkeit öffnenden Gegenwart des Geschehens aufzugehen. 397 Eliade schreibt über das Zeit-Verständnis des „religiöse(n) Mensch(en)“, das der Anschauungsform des matriarchalen Selbstbewusstseins entspricht: „Es gibt einerseits die Intervalle heiliger Zeit, die Zeit der Feste (die größtenteils periodische Feste sind), und andererseits die profane Zeit, die gewöhnliche zeitliche Dauer, in der Ereignisse ohne religiöse Bedeutung liegen. Zwischen diesen beiden Arten von Zeit besteht natürlich ein Bruch der Kontinuität, doch mit Hilfe der Riten kann der religiöse Mensch gefahrlos von der gewöhnlichen zeitlichen Dauer in die heilige Zeit „überwechseln“. (…) Der religiöse Mensch lebt also in 342 Die Grundunterscheidung von „Ich“ und Umwelt erschließt sich dem matriarchalen Selbstbewusstsein qua seiner (mutterarchetyp-dirigierten) Identifikation mit seinem Grenzvermögen: Die von uns angeführte Wunsch-Regung bspw. kann das matriarchale Selbstbewusstsein sich im Unterschied zur Umwelt zusprechen, weil es sie innerhalb seiner ihm durch sein Grenzvermögen bewussten Grenzen wahrnimmt. Das matriarchale Selbstbewusstsein wird seiner selbst als etwas von der Umwelt Unterschiedenem bewusst, indem es sich als etwas gewisse Ereignisse Umgrenzendes und von Ereignissen außerhalb seiner Grenze Beeinflusstes (d.h. seinerseits Umgrenztes) über eine Identifikation mit seiner Grenze versteht. So wie der Ich-Komplex selbst gewisse Wirklichkeiten in sich fasst und umgreift, so wird er von übergeordneten Ganzheiten umgriffen. Seine Macht zur instrumentellen Manipulation der Wirklichkeit verdankt er seinem Selbstverständnis nach seinem Resonanzverhältnis zum Ganzen, das sich selbst und seine Manahaltigkeit auf den Ich-Komplex des matriarchalen Selbstbewusstseins zusammengezogen hat. Dieses „geliehene“ Mana begabt den Ich-Komplex, auf das unter ihm Befasste durch Zusammenziehung oder Weitung seiner Grenzen – was wiederum das ihn umgreifende Ganze, mit dem es verbunden ist, zum entsprechenden Sich- Anpassen zwingt – Einfluss auszuüben.398 Die Grenzen des Grenzvermögens – mit denen sich das matriarchale Selbstbewusstsein identifiziert – fallen nicht mit den körperlichen Grenzen zusammen, sondern beschreiben die Sphäre, die dem zwei Arten von Zeit, deren wichtigere, die heilige Zeit, den paradoxen Aspekt einer zirulären, umkehrbaren, wiedererreichbaren Zeit bietet und eine Art mythische ewige Gegenwart darstellt, der man sich vermittels der Riten periodisch wieder einfügt“ (Eliade 1998, S.63f.). Das zweite, von Eliade veranschlagte Zeit-Verständnis des religiösen Menschen, das er im Begriff des Verständnisses der Dauer zusammenfasst, verliert sich für das matriarchale Selbstbewusstsein unserer Interpretation nach vor dem Hintergrund der heiligen Zeit. 398 So erklärt sich die nach Cassirer für das mythische (matriarchale) Denken charakteristische „sympathische(n) Magie“ (2002, S.64), d.h. das magische Denken: Auf Grundlage der Vorstellung vom pars pro toto kann der Mensch seines magischen Verständnisses nach bspw. einem Feind schaden, indem er dessen Speichel im Feuer verdampfen lässt (vgl. ebd., S.64). Hier fügt das matriarchale Selbstbewusstsein dem von ihm Umfassten durch Zusammenziehung seiner Grenzen – d.h. in unserem Fall durch das Ausliefern des Speichels ans Feuer – Schaden zu, der gemäß seiner Denkform des pars pro toto damit auch dem Feind – d.h. dem, der den Speichel von sich gegeben hat – geschieht. Dadurch, dass das matriarchale Selbstbewusstsein einen Teil des Ganzen des Feindes (seinen Speichel) unter seine Herrschaft, d.h. ins Innere seiner Grenzen, bringen konnte und diesen Teil nun durch sein instrumentelles Grenzvermögen beeinflussen kann, hat es gemäß des pars pro toto auch Macht über den Feind. Der Schmerz einer Wunde bspw., die durch einen Pfeil geschlagen wurde, kann gemäß des magischen Denkens dadurch gelindert werden, dass der Pfeil gekühlt wird (ebd., S.65): Einmal von Außen, d.h. aus einer Sphäre, über die das matriarchale Selbstbewusstsein nichts vermag, ins Innere seiner Grenzen vorgedrungen, kann er nicht wieder ins Außen verbannt werden, sondern muss integriert werden, d.h. seine einen heißen, pochenden Schmerz verursachende Kraft durch Kühlung entschärft werden. 343 Einflussbereich des matriarchalen Selbstbewusstseins untersteht. Im Sinne des Vermögens zur Zusammenziehung und Weitung der Grenzen kann das matriarchale Selbstbewusstsein seine Grenzen über seine körperlichen Grenzen hinaus dehnen. Das eigene instrumentelle Handeln wird vom matriarchalen Selbstbewusstsein dabei nur soweit sich selbst als Subjekt des Handelns zugeschrieben, als es damit auf das unter ihm Befasste wirken kann; andererseits bleibt ihm bewusst, dass sein Handeln mittels seines Grenzvermögens selbst auch von den übergeordneten Ganzheiten – in dessen Sphäre es steht und die sein Handeln durch Zusammenziehung und Weitung ihrer Grenzen beeinflussen können – dirigiert werden kann, wie auch, dass sein selbstinitiiertes Handeln auf die Ganzheit zurückwirkt. Auch wenn das matriarchale Selbstbewusstsein sich selbst aufgrund seiner „Subjektivität“ von der Umwelt unterscheidet, so fühlt es sich doch wegen der Abgeleitetheit seiner Mana-Begabtheit und seiner Beeinflussbarkeit durch das Ganze weiterhin mit diesem in einem Zusammenhang verbunden, wohingegen das patriarchale Selbstbewusstsein – wie wir sehen werden - sich als Subjekt gerade durch die absolute Abspaltung seiner selbst von allem Anderen, das zum „Objekt“ wird, definiert. X.3 Das patriarchale Selbstbewusstsein in seinem Formaspekt Den Übergang vom kindlichen Spielbewusstsein zum matriarchalen Selbstbewusstsein hatten wir erklärt (vgl. Abs. X.1). Bevor wir nun die Charakteristika des Form-Aspekts des patriarchalen Selbstbewusstseins in Analogie zum matriarchalen Selbstbewusstsein vermögenstheoretisch entwickeln, gilt es, die Ursache und die Motivation für seine Emanzipation vom matriarchalen Selbstbewusstsein und sein Entstehen, d.h. für die männliche Aneignung des Strukturvermögens und die Verdrängung des Grenzvermögens, zu klären. Die Ursache des Übergangs scheint die Angst des Vaters zu sein, der den eigenen Sohn als potentiellen Rivalen um die Liebe der Mutter versteht. Der Satz des Vaters an seinen Sohn, dass er sein solle wie der Vater, außer wie der Vater seine Mutter zu begehren, wie er uns von Freud erläutert wird (vgl. 1992b, S.273), stößt den Sohn aus der Muttersphäre in den offenen Raum der Frage nach dem Grund dieses Verbots hinaus, während die Tochter – insofern sie keine Konkurrentin um die Liebe der Mutter darstellt – weiter in der Selbstverständlichkeit der Enthaltenheit in der matriarchalen Sphäre lebt. Hier entsteht das erste Warum, d.h. die Frage nach der Ursache des Inzestverbotes, und eine erste Wirkung, nämlich die Wirkung des Anspruchs des Vaters, durch die ein erstes Stadium des (matriarchalen) Selbstseins hin zu einem anderen Stadium des Selbstseins – d.h. 344 hin zum patriarchalen Selbstbewusstsein – verlassen wird, die ein Beispiel für den Nexus der Kausalität, als dessen Ergebnis der Sohn sich selbst gewahr wird, abgibt. So wie die Ansprache des Vaters den Sohn von Außen erreicht, anstatt, wie seine Liebe zur Mutter, von Innen zu kommen, öffnet sich der Sohn zukünftigen Weisungen, die von Außen auf ihn eindringen. Das Inzestverbot stößt ihn in die Verzweiflung der Ambivalenz, einerseits seine Mutter zu begehren und andererseits seinem Vater gehorchen zu müssen. Ist der Raum für die Möglichkeit einer Ansprache von Außen erstmals durch die reale Ansprache des Vaters geöffnet, erreicht ihn in dieser Verzweiflung die Stimme des Vatergottes, dessen erstes Charakteristikum es ist, am Ort größter Verzweiflung gegenwärtig zu sein (vgl. Hühn 2002, S157f.)399: Die existentielle Verzweiflung über der Frage nach dem Warum des Inzestverbots spannt ihn in eine gegenüber dem Matriarchat neue Sphäre ein, in der die eigenen, inneren Bedürfnisse nach der Liebe der Mutter gegenüber den Weisungen des Vatergottes zurücktreten. So führt der Vater (Gott) den Sohn (Menschen) mit seinem Verbot einerseits in die Verzweiflung, wie er ihn andererseits mit seiner Selbstentgegensetzung gegen das matriarchale Selbstbewusstsein und der Öffnung einer neuen Sphäre potentiellen Selbstseins aus seiner Verzweiflung zu sich als Mann befreit. Der Vatergott wird so zum („aristotelische(n)“) Gott als erstem, „unbewegte(m) Beweger“ (Blumenberg 1998, S.151 – siehe auch S.37f.), zur Ursache seines neuen Selbst-Seins, demgegenüber seine natürliche Geburt durch die Mutter zurücktritt und verdrängt wird; und zum Beispiel eines neuartigen Nexus, demgemäß eine Ursache – die Ansprache des Vaters bzw. des Vatergottes – zum Grund für eine Wirkung – sein neues Selbst-Sein – wird. (Das Bild des Vatergottes ist dabei, außer dass er als erster, „unbewegte(m)(r) Beweger“ (Blumenberg ebd., S.151) die Szene des Bewusstseins betritt und sowohl als (negative) Ursache für das eigene Von-der-Mutter-Entborgen- Sein eine Erklärung für die Verzweiflung wie als (positive) Ursache der Öffnung einer neuen Sphäre potentiellen Selbstseins liefert, noch völlig unausgeformt und wird sich erst über die Selbstobjektivation des patriarchalen Selbstbewusstseins – die ihm rückwirkend wiederum ein Verständnis seiner selbst liefert – ausgestalten.) Der patriarchale Nexus des Zusammenhangs der Dinge als Ursache und Wirkung, die dann als patriarchale Synthesis im Sinne Kants ausgebildet wird, ergibt sich also aus dem Problem, aus dem bisher gültigen Zusammenhang – wie ihn das matriarchale Selbstbewusstsein kannte – vertrieben zu sein, und aus der menschheitsgeschichtlich neuartigen Erfahrung, die Wirkung einer spezifizierten, personalisierten, äußeren Ursache an sich zu erleben. Im Matriarchat war dies 399 Die Gnade ist historisch ein Charakteristikum zumindest des jüdisch-christlichen Vatergottes: Der jüdische Jahwe zeichnet sich durch genau diese Gnade aus, indem er selbstinitiativ die Juden aus der Verzweiflung des ägyptischen Exils befreit, indem er ihrem Anführer Moses den Weg ins Gelobte Land weist. 345 ausgeschlossen, insofern die Wirkung der Ganzheit der Muttergottheit auf die Besonderheit des Menschen ganzheitlich erfolgte, d.h. sich organisch als Wandel des Spielraums zur Flexibilität einstellte, während die Ansprache des Vaters an den Sohn – selbst aus einer neuen, gegenüber der matriarchalen Wirklichkeit äu- ßeren Wirklichkeit gesprochen - plötzlich aus diesem Zusammenhang reißt. Das patriarchale Selbstbewusstsein entsteht durch die Aufhebung des Spiels und die instrumentelle Aneignung des Strukturvermögens, die die Verdrängung des Grenzvermögens nach sich zieht. Ihr entspricht der Übergang von der Gegengründetheit im Archetyp der Ureltern bzw. des Selbst, d.h. in der ursprünglichen Ganzheit des Organismus (Grenze und Zentrum/ Struktur), zu der Gegründetheit im Vaterarchetypen (Zentrum/ Struktur des Organismus), die die Verdrängung des Mutterarchetypen (Grenze des Organismus) nach sich zieht. Die Gründung im Vaterarchetypen stellt eine Identifikation mit dem Zentrum/ der Struktur des Organismus bzw. dem Strukturvermögen dar, aus dem der menschliche Organismus sich in sich zentriert bzw. mit dem das Leben in zentrierten und strukturierten Gestalten ge- und erfasst wird. So wie der Vatergott als Schöpfer dieser Strukturen vom Patriarchismus verehrt wird, auch wenn die Ganzheit eigentlich ein Produkt der Anverwandlung der (aionischen) Selbstorganisationskraft durch das (aionische) Struktur- und Grenzvermögen darstellt, so vereinnahmt der Sohn in seiner Identifikation mit dem Vatergott (Gotteskomplex des patriarchalen Selbstbewusstseins) dessen Strukturvermögen für sich und verdrängt, dass er zum Verstehen der Ganzheit der Wirklichkeit auch auf das matriarchale Grenzvermögen bzw. – genauer – auf das Zusammenwirken beider im freien Spiels der Vermögen angewiesen ist. Das patriarchale Selbstbewusstsein entwickelt nun auf Grundlage des von ihm angeeigneten Strukturvermögens die spezifisch neue Fähigkeit zur (kantischen) bestimmenden Urteilskraft, die Mannigfaltigkeit des Gegenstandes der Außenwelt über seiner bewusst erschaffenen Struktur vom Stofftrieb ihrgemäß synthetisieren zu lassen, um sie dann in den Grenzen – in denen sie unbewusst von der ästhetischen Wahrnehmung gefasst wird – zu begreifen. Wiewohl das patriarchale Selbstbewusstsein in seiner bestimmenden Urteilskraft auf die äußere Grenze der Gestalt angewiesen bleibt, die ihm von der unbewusst wirksamen, ästhetischen Synthesis bereit gestellt wird, um die Gestalt als strukturierte und eben auch abgegrenzte Gestalt zu erfassen, bleibt für das patriarchale Selbstbewusstsein das Ab- und Umgrenzungs-Moment der Gestalt verdrängt. Der Baum ist – um ein Beispiel zu geben – für das patriarchale Selbstbewusstsein keine abgegrenzte Gestalt, sondern ein Konglomerat aus Strukturmerkmalen wie Wurzeln, dem Stamm, Ästen und Blättern, wie sie seiner bestimmenden Urteilskraft gemäß dem Klassifikationsbegriff „Baum“ zugeordnet sind. Das patriarchale Selbstbewusstsein verliert für sich, was an sich seine Wirklichkeitswahrneh- 346 mung bedingt, nämlich das Bewusstsein von der Ab- und Umgrenztheit der Gestalten. Sein Vermögen zur bestimmenden Urteilskraft ist dabei besonders prekär, weil seine Begriffe, unter die es mithilfe seiner bestimmenden Urteilskraft die Dinge subsummiert, durch die ästhetische Synthesis gestiftete Begriffe bleiben, auch wenn es sie mithilfe von Strukturmerkmalen definiert. So erklärt sich, warum die Begriffe – verfolgt man ihre Begriffsgeschichte zurück zu ihren Ursprüngen – oft auf mythische (matriarchale) Wort-Schöpfungen zurückgehen und die ästhetisch- synthetisierende Kunst zum Aufbrechen alter Wahrnehmungsmuster im Patriarchat so wichtig bleibt, um nicht zuletzt bisher nicht erfasste Wirklichkeitsbereiche thematisch, begrifflich fassbar und sie vereinnahmbar zu machen. Gerade weil die bestimmende Urteilskraft selbst nur alternative Strukturen, nicht aber neue Gestalten bilden kann, sondern immer nur vorgefertigte Begriffe in immer neuen Subsumtionen reproduziert, bleibt sie in ihrer Begriffsbildung auf die Gestaltbildung von matriarchalem Mythos400 und Kunst angewiesen.401 Die Bewusstseins-Qualität wird für das patriarchale Selbstbewusstsein durch sein Strukturvermögen sichergestellt, dass es ihm erlaubt, Strukturunterschiede zu erfassen. Die Potentialität seines Strukturvermögens – alternative Strukturen zu entwerfen und der Wirklichkeit in ihrem Verstehen zugrunde zu legen – schenkt ihm das Bewusstsein von Strukturunterschieden, insofern es sich über ihre Variabilität auch ihrer spezifischen Qualität bewusst wird. Auch wenn dem patriarchalen Selbstbewusstsein durch die unbewusste ästhetische Wahrnehmung die Wirklichkeit erschlossen ist, d.h. es immer auch in einer ästhetisch unbewusst erschlossenen Wirklichkeit von abgegrenzten Gestalten lebt, verfügt es nur betreffs der 400 Der Mythos ist im Kern eine matriarchale Schöpfung, die dann vom aufkommenden Patriarchat im Zuge seiner Machtübernahme überformt, im Sinne der Wandels von der matriarchalen in eine patriarchale Welt-Ordnung umgedeutet und vereinnahmt wird (vgl. Weiler 1985). 401 So setzt die Anwendung von Kants patriarchaler, bestimmender Urteilskraft immer schon die Gegebenheit von abgegrenzten Gestalten bzw. Begriffen voraus, unter die die Sinnesreize, die von der Wirklichkeit ausgehen, subsummiert werden können. Daher bleibt – wie wir im Abschnitt II.2 ausgeführt hatten – seine transzendentale Vernunft von der Zuarbeit der reflektierenden Urteilskraft abhängig, auch wenn er ihre Voraussetzung – nämlich das sie ermöglichende freie Spiel der Vermögen – nicht in seinen Transzendentalismus integrieren kann. So bleibt dem transzendentalen Subjekt nur, immer schon gegebene, abgegrenzte Gestalten zu restrukturieren, d.h. die Strukturbildung transzendental zu kritisieren und auf eine sichere Grundlage zu stellen. So erklärt sich, warum bei der Bildung von Begriffen oft auf mythische Gestaltungen und Vorprägungen zurückgegangen wird und die Begriffsarbeit sich auf ihre interne Differenzierung beschränkt, während das Schaffen neuer Gestaltungen (und damit neuer Bezugspunkte für die kritisch- transzendentale Arbeit) Künstlern, Entdeckern und Ingenieuren überlassen bleiben muss, die im freien Spiel der Vermögen stehen. 347 Strukturunterschiede über das kantische Konstruktionswissen.402 So wie dieses Konstruktionswissen ihm durch den kontrollierten und bewussten Einsatz seines Strukturvermögens zufällt, so gewährt es ihm auch die Sicherheit der Erkenntnis des von ihm so Erkannten und die Möglichkeit zu dessen herrschaftlicher Zurichtung – d.h. auch die Möglichkeit zu seiner technischen Manipulation. Die Art und Weise der patriarchalen Schöpferischkeit – d.h. alternative Strukturen entwerfen und verwerfen zu können – schlägt sich in der Art und Weise des Nexus nieder, mit dem sich das patriarchale Selbstbewusstsein die Verbundenheit der Dinge denkt. Hierbei ist wichtig, dass jede Struktur ein Zentrum hat, mit dem sich das patriarchale Selbstbewusstsein identifiziert. Der Ich-Komplex des patriarchalen Selbstbewusstseins besteht in seiner Identifikation mit dem Strukturzentrum, von dem als Quellpunkt der Strukturen aus alternative Strukturen entworfen und verworfen werden, das sich demgemäß also als identische, vertikale Achse denken lässt, von der alle Möglichkeiten alternativer Strukturen ihren Ausgang nehmen, und das selbst, insofern es Quellpunkt aller Strukturmöglichkeiten ist, von diesen Strukturen unbeeinflußt bleibt.403 Das Zentrum – das im ursprünglichen freien Spiel der Vermögen die nicht vereinnahmbare Quelle der Selbstorganisationskraft bzw. des Stofftriebes ist – wird vom patriarchalen Selbstbewusstsein vereinnahmt, indem es als kantisches „Ich denke“, das „alle meine Vorstellungen (muss) begleiten können“404, d.h. als das Identische im Wechsel der Strukturentwürfe und d.h. als Subjekt, dem sich je nach eigenem Entwurf unterschiedliche Wirklichkeiten bzw. Objekte erschließen, gefasst wird (patriarchaler Ich- Komplex). Das patriarchale Selbstbewusstsein versteht sich durch die Identifika- 402 Vgl. Kant nach Gamm, der vom kantischen „Geist des Erfindens“ spricht: „Wollen wir wirklich erkennen, (…) müssen wir (…) erfinden, gemäß dem Kantischen Grundsatz, nach dem man nur soviel vollständig einsieht, „als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande bringen kann““ (1999, S.342). 403 Dass mit dem Wechsel der Struktur ein Wandern auf der Achse der Vertikalität verbunden ist, im Zuge dessen der jeweilige Strukturentwurf auf das Selbstverständnis des Entwerfenden zurückwirkt und ihn im Sinne der entworfenen Struktur festlegt, so dass außer seinem Vermögen zum Entwerfen nicht von einer Identität des Entwerfenden gesprochen werden kann, bleibt im Selbstverständnis des patriarchalen Subjekts gewöhnlich ausgeklammert. Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen versteht sich immer auch als etwas sich in der Metamorphose Verwandelndes, insofern es sich in es umgreifenden, übergeordneten Wesenheiten verortet, von denen es gerade beeinflusst wird, indem sie auf es im Sinne einer Mengenraumöffnung oder –Zusammenziehung – d.h. über eine Gewähr oder Reduktion des Raumes zu ihrer gestalteigenen Akkomodation bzw. Assimilation – wirken. 404 Kant: KdrV, 1998, B S.131f.: „Das Ich denke muss alle meine Vorstellungen begeiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich oder wenigstens für mich nichts sein.“ 348 tion mit dem Zentrum des Organismus als Quelle der Selbstorganisationskraft per se als ein Tätiges, dass seine Tätigkeit aber nicht einstellen kann, sondern – unfähig, zur Stille und Ruhe des Spielbewusstseins zu finden – zu permanenter Tätigkeit und d.h. – negativ ausgedrückt – zur Getriebenheit verurteilt ist. Die Wirklichkeit – wie sie dem solcherart sich herausnehmenden Subjekt gegenübersteht – versammelt nun Objekte, die nicht – wie im matriarchalen Selbstbewusstsein als Implikation des Grenzvermögens405 – immer schon verknüpft sind, sondern die nun Schritt für Schritt im Sinne des Beispiels – in seinem Selbst-Sein vom Vatergott als Ursache und erstem, „unbewegte(m) Beweger“ (Blumenberg ebd., S.151) erwirkt zu sein – kausal verknüpft werden. Das patriarchale Selbstbewusstsein entwickelt den Satz vom Grunde, wonach ein Ereignis sowohl als Wirkung einer Ursache wie als Ursache einer weiteren Wirkung aufgefasst wird. Die Strukturen – wie sie vom patriarchalen Selbstbewusstsein der Form nach vorab erfasst wurden – werden gestaltintern reinterpretiert als kausale Zusammenhänge und gestaltextern verknüpft mit Strukturen anderer Gestalten. Versucht wird, jedem formalen Strukturmerkmal eine Bedeutung in der Ursache-Wirkungs-Kette der Wirklichkeit zuzuweisen, was letztlich – ausgehend vom („aristotelische(n)“) Gott als erstem, „unbewegte(m) Beweger“ (Blumenberg ebd., S.151) – gegenüber dem Wirklichkeitsverständnis des Matriarchats eine kausale Reinterpretation des gesamten Kosmos nötig macht. Dabei entpuppt sich der Mangel des patriarchalen Selbstbewusstseins, die Synthesis selbst vollziehen zu müssen und nicht – wie das matriarchale Selbstbewusstsein in einem immer schon synthetisierten Zusammenhang der Wirklichkeit zu stehen – zumindest aus patriarchaler Perspektive als Vorteil: Das Grenzvermögen impliziert als Vermögen, das Besonderheiten in übergreifenden Ganzheiten zusammenfasst, schon einen, nämlich den matriarchalen Nexus, demzufolge das Enthaltende auf das Enthaltene durch Grenzzusammenziehung oder –Weitung wirkt. Das Strukturvermögen als analytisches Vermögen dagegen fasst nur interne, analytische Differenzen der Gestalten, die es in einem zweiten Schritt zu verknüpfen gilt. Wiewohl nach Cassirer Kants synthetisches Urteil – das die Synthesis des Patriarchismus auf den Begriff bringt die Analysis voraussetzt, insofern es die „Einheit des Verschiedenen“ (Cassirer 405 Das Grenzvermögen impliziert als synthetisches Vermögen, das Besonderheiten in übergreifenden Ganzheiten zusammenfasst, schon einen, nämlich den matriarchalen Nexus, demzufolge das Enthaltende auf das Enthaltene durch Grenzzusammenziehung oder – Weitung wirkt. Das Strukturvermögen als analytisches Vermögen dagegen fasst nur interne, analytische Differenzen der Gestalten, die es in einem zweiten Schritt zu verknüpfen gilt. Wiewohl nach Cassirer Kants synthetisches Urteil – das die Synthesis des Patriarchismus auf den Begriff bringt - die Analysis voraussetzt, insofern es die „Einheit des Verschiedenen“ (Cassirer 2002, S.76), das als solches erst qua Analysis voneinander abgehoben werden muss, denkt, stellt diese Analysis den ersten Schritt zu eben der Synthesis des Patriarchismus dar, die Kant – in Verkennung der matriarchalen Synthesis – als einzigartig ansah. 349 2002, S.76), das als solches erst qua Analysis voneinander abgehoben werden muss, denkt, stellt diese Analysis den ersten Schritt zu eben der Synthesis des Patriarchismus dar.406 Zentral ist, dass die Einheit in der „Einheit des Verschiedenen“ keine den Gegen-Stand des Denkens und Wahrnehmens umfassende Grenze ist, die ja das matriarchale Grenzvermögen voraussetzen würde. Stattdessen besteht diese patriarchale „Einheit des Verschiedenen“ in der Einordnung eines gegebenen Phänomens in den ideelen, kausalen Zusammenhang im Raum- Zeit-Koordinatensystem: „Die synthetische Einheit aber ist wesentlich systematische Einheit: Ihre Herstellung steht an keinem Punkte still, sondern ergreift fortschreitend das Ganze der Erfahrung, um es in einen einzigen logischen Zusammenhang, in eine Ganzes von „Gründen“ und „Folgen“ umzuschaffen. (…) In diesem Sinne „begreift“ etwa die moderne Physik die Gesamtheit des Geschehens, indem sie jedes besondere Geschehen durch seine vier Raum-Zeitkoordinaten x1, x2, x3, x4 ausdrückt und die Veränderung dieser Koordinaten auf letzte invariante (d.h. kausale – A.d.V.) Gesetzlichkeiten zurückführt.“ (Cassirer ebd., S.75) Der Gotteskomplex des patriarchalen Selbstbewusstseins spiegelt sich dann in dem Konstruieren von Wirklichkeiten nach Maßgabe dieser eigenen, „ideelen Beziehungen“ (Cassirer ebd., S.76) und Gesetzlichkeiten, d.h. der patriarchalen Synthesis, die sich von der Schöpfung Gottes nur dadurch unterscheidet, dass sie sich in anschließenden Experimenten in einer ihr unerkennbaren Wirklichkeit bewähren muss, während Gott – dem patriarchalen Mythos gemäß - seine Schöpfung frei von äußeren Bedingungen willkürlich schafft.407 Die patriarchale 406 „Der Kausalsatz“ – so schreibt Cassirer – „ist nach Kant ein „synthetischer Grundsatz“ – ein Satz, der dazu dient, Erscheinungen zu buchstabieren, um sie als Erfahrungen lesen zu können“ (2002, S.54). Diese Synthesis setzt aber die Analysis voraus, insofern „das, was für den unmittelbaren sinnlichen Eindruck zusammenliegt, fortschreitend zerlegt und in verschiedene Komplexe von Bedingungen auseinandergefaltet“ (ebd., S.55) werden muss, um schließlich kausal verknüpft werden zu können: „Aus dem Gesamtzustand A hebt das Denken ein bestimmtes Moment Aa heraus, das es mit dem Moment Bb in B (kausal – A.d.V.) verknüpft“ (ebd., S.55). Die kausale Verknüpfung von A (bspw. einer Blume) und B (bspw. einer Biene), d.h. die Einheit des Verschiedenen in einem Kausalzusammenhang (Blütennektar = Bienenhonig), ließe sich zwischen A und B kaum herstellen (Die Biene fliegt aus unbekannten Gründen zur Blume.), kann aber, wenn A und B intern durch das Strukturvermögen in Aa (Blüte mit Blütennektar) und Bb (Biene mit Saugrüssel) differenziert sind, entschlüsselt werden. 407 Während das Strukturvermögen – ist es zusammen mit dem Grenzvermögen ins freie Spiel der Vermögen eingebunden – die immer gleiche Struktur der Zweckmäßigkeit des Organismus bereit stellt, über der der Stofftrieb die gegebene Mannigfaltigkeit synthetisiert, kommt es über seine Aneignung dazu, dass das patriarchale Selbstbewusstsein mit Hilfe des 350 Schöpferischkeit – eigenständig kausale Zusammenhänge zu entwerfen, um sie in einem zweiten Schritt experimentell zu prüfen – entwickelt das patriarchale Selbstbewusstsein durch seine Selbstobjektivation im Gottesbild: Sich selbst im Gottesbild objektivierend, lernt der Mensch, Gott als Schöpfer und damit auch sich selbst als Schaffenden zu verstehen, so dass sich das Gottesbild und das Selbstverständnis des patriarchalen Selbstbewusstseins wechselseitig erhellen.408 Der Vorteil, den diese bewusst vollzogene, konstruktive Synthesis zumindest aus patriarchaler Perspektive bringt, besteht darin, dass dem patriarchalen Menschen mit der (vermeintlichen) Einsicht in die Konstruktion der Wirklichkeit – die er in seiner Synthesis zu reproduzieren meint – auch die Möglichkeiten zur Produktion künstlicher Wirklichkeiten und zur Manipulation natürlicher Wirklichkeiten – d.h. gegenüber dem Matriarchat ganz neue Möglichkeiten des instrumentellen Zugriffs - in die Hände fallen. Die Naturwissenschaft entwirft auf der Grundlage von selbstgesetzten Axiomen Hypothesen, die sie im Experiment der Prüfung durch die Wirklichkeit aussetzt, um sie solange für zutreffend zu halten, bis sie falsifiziert sind. Die Unmöglichkeit der Verifikation spiegelt, dass es sich bei der patriarchalen Synthesis immer nur um Strukturentwürfe handelt, die nach eigenen Maßgaben entworfen, gegenüber der Wirklichkeit blind sind, d.h. sich entweder in wiederholten Experimenten behaupten, d.h. wie ein Schlüssel in das unbekannte Schloss der Wirklichkeit passen, oder falsifiziert werden. Die Wirklichkeit an sich, d.h. in unserer Metapher das Schloss der Wirklichkeit, aber bleibt unerkannt. Die Wirklichkeit, wie sie durch das patriarchale Selbstbewusstsein erschlossen wird, ist sogesehen also eine künstliche Welt, die solange aufgeht, bis sie an die Grenzen der Wirklichkeit an sich – die zu seinem Leidwesen seine ihn bedingende Lebensgrundlage darstellt – stößt. Die patriarchalen Anschauungsformen entwickeln sich auf Grundlage der ästhetischen Erschlossenheit der Wirklichkeit, die das patriarchale Selbstbewusstsein – in Orientierung an ihrer empirischen Gegebenheit – mit Hilfe selbst gesetzter und damit für das patriarchale Selbstbewusstsein einsichtiger Parameter versucht, systematisch zu rekonstruieren. Der Anschauungsraum wird als Raum der euklidischen Geometrie, d.h. als ein objektives Nebeneinander der Dinge (Wirklichkeitsraum)409, die Zeit als Anschauungsform als lineare Zeit der Geschichte, die ins Strukturvermögens selbstbestimmt alternative Strukturen nach anderen, den instrumentellen Zwecken und Zielen verpflichteten Grundaxiomen entwickelt. 408 Vgl. Blumenberg 2001a, S.9ff.; Cassirer: Der Persönlichkeitsbegriff und die persönlichen Götter. – Die Phasen des mythischen Ichbegriffs – in: Cassirer 2002, 3. Abschnitt, Kap. II, 2., S.235ff., bes. S.249, 254ff.. 409 Die patriarchale Anschauungsform des Raumes entspräche auch – analog zur matriarchalen Anschauungsform des Raumes (vgl. Abs. X.2) – einem Möglichkeitsraum, in dem die Ge- 351 Unendliche fortläuft, d.h. als ein objektives Nacheinander der Ereignisse, entworfen. Cassirer schreibt: „Raum, Zeit und Zahl stellen sich als die gedanklichen Medien dar, vermöge deren das bloße „Aggregat“ der Wahrnehmungen sich allmählich zum „System“ der Erfahrung formt. Die Vorstellung der Ordnung im Beisammen, der Ordnung im Nacheinander und einer festen numerischen Maß- und Größenordnung aller empirischen Inhalte bildet die Voraussetzung dafür, dass alle diese Inhalte sich zuletzt zu einer Gesetzlichkeit, zu einer kausalen Weltordnung zusammenfassen lassen. In dieser Hinsicht sind somit Raum, Zeit und Zahl für die theoretische Erkenntnis nichts anderes als die Vehikel des „Satzes vom Grunde“. Sie bilden die Grundkonstanten, auf die alles Veränderliche bezogen wird; sie sind die universellen Stellensysteme, denen alles Einzelne sich in irgendeiner Weise einfügt und innerhalb welcher es seinen festen „Platz“ zugewiesen und damit seine eindeutige Bestimmtheit verbürgt erhält. So treten im Fortgang der theoretischen Erkenntnis die rein anschaulichen Züge von Raum, Zeit und Zahl mehr und mehr zurück. Sie erscheinen selbst nicht sowohl als konkrete Inhalte des Bewusstseins denn als seine universellen Ordnungsformen.“ (ebd., S.95) „In diesem Sinne „begreift“ etwa die moderne Physik die Gesamtheit des Geschehens, indem sie jedes besondere Geschehen durch seine vier Raum-Zeitkoordinaten x1, x2, x3, x4 ausdrückt und die Veränderung dieser Koordinaten auf letzte invariante Gesetzlichkeiten zurückführt.“ (ebd., S.75) Der Ich-Komplex des Patriarchismus besteht darin, sich selbst zum Zentrum der Wirklichkeit zu erheben, auf das hin alle Gestalten – sie aus ihrem Seins-Gefüge reißend – bezogen werden. Sein Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis ist ein Schöpferisches, das sich wie seine Wirklichkeit eigenständig aus der Gründung im Vater-(Gott-)Archetypen nach eigenen Maßgaben in der Hoffnung entwirft, gen-Stände ineinander stehen und auseinander hervorgehen, insofern auch die patriarchale Synthesis alternative Strukturen entwickeln und verwerfen und also aus einem Gegen-Stand alle möglichen Gegen-Stände hervorgehen lassen kann, die sich dann übereinander abbilden ließen. Insofern die patriachale Synthesis aber die äußere Grenze des Gegen-Standes verdrängt bzw. übersieht und stattdessen analytisch Elemente des einen Gegen-Standes mit Elementen anderer Gegen-Stände kausal verknüpft, d.h. den Gegen-Stand als Gegen-Stand aufhebt und die unterschiedlichen Momente verschiedener Gegen-Stände stattdessen zu einem kausalen Wirklichkeitsraum verwebt, geht auch die Abbildbarkeit der Gegen-Stände übereinander und damit der Raum als Möglichkeitsraum verloren. Die Fähigkeit der patriarchalen Synthesis, alternative Strukturen zu ent- und verwerfen, agiert das patriarchale Selbstbewusstsein stattdessen aus, indem es alternative Welten – d.h. unterschiedliche Wirklichkeitsräume auf Grundlage unterschiedlicher ideeler Paradigmata – entwickelt. Unsere Zuordnung des Möglichkeitsraumes zum Matriarchat und des Wirklichkeitsraumes zum Patriarchat hat nichts mit der umgekehrten Zuordnung der Modi von Wirklichkeit und Möglichkeit zum matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstverhältnis zu tun (vgl. Abs. X.4). 352 dass seine so entwickelte Wirklichkeitskonstruktion ihrer Prüfung durch die Wirklichkeit an sich, d.h. der Ganzheit – zu der es jede Beziehung und jeden Zusammenhang kappt und die seiner Verdrängung unterworfen ist – standhält. Qua seiner Identifikation mit dem Zentrum – dem die den Organismus belebende Selbstorganisationskraft entströmt – (miß)versteht es die ihm aus der Ganzheit zugeführte Energie als seine eigene Kraft, mit deren Hilfe es als Subjekt des Handelns tätig werden kann. X.4 Das Selbst- und Wirklichkeitsverstehen, die Modi des Selbstseins und die Herrschaftsambitionen des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins Das freie Spiel der Vermögen – das unbewusst das Leben des menschlichen Organismus erhält – hat im matriarchalen wie patriarchalen Selbstbewusstsein seine ursprünglich das (kindliche) Spielbewusstsein durchwirkende Macht verloren. Unter der Herrschaft von Mutter- bzw. Vaterarchetyp verliert es die Macht zur Bewusstseins-Organisation, wird sowohl die Natur als das Andere des jeweiligen Geistes als auch der gegengeschlechtliche Aspekt der Ganzheit – unter dessen Attribution sie jeweils erscheint - verdrängt und die eigene geschlechtsspezifische Qualität des Verstandes als dominierende Funktion des Wahrnehmens und Handelns verabsolutiert. Die mangelnde Ganzheit wie Unaustariertheit des matribzw. patriarchalen Selbstbewusstseins erklärt ihren Herrschaftsanspruch, der das Andere seines jeweiligen Geistes, das er nicht zu integrieren vermag, wenigstens seiner Herrschaft zu unterwerfen sucht. Dem matriarchalen Selbstbewusstsein lässt sich dabei das Herrschaftsinstrument des Verschlingens und Verdauens, das Denken und Handeln in Kreisen der potentiellen Eingemeindung, wie es seinem Grenzvermögen entspringt, zuordnen (Verschlingungs- und Entstrukturierungstendenz des Weiblichen), während dem patriarchalen Selbstbewusstsein das Herrschaftsinstrument der Grenzüberschreitung und des Restrukturierens, das Denken in Ursache-Wirkungs-Relationen und das Handeln in Zweck-Mittel-Relationen von seinem Fixpunkt der Subjektivität aus, zufällt, das ihm sein Strukturvermögen bereitstellt (Grenzüberschreitungs- und Restrukturierungstendenz des Männlichen). Das Streben nach Ganzheitlichkeit, das dem Menschen qua der allem zugrunde liegenden Selbstorganisation zu eigen ist, von beiden Selbstbewusstseins- Formationen aber verdrängt wurde, kehrt als Herrschafts-Ambition wieder, in der versucht wird, sich dessen, was sich nur über ihr jeweiliges Sterben integrieren lässt, - dem eigenen Sterben ausweichen wollend – im Sinne ihrer jeweiligen Eigen-Logik (gewaltsam) zu bemächtigen. Wo der Selbsttransformation als einziger Möglichkeit der Integration der Ganzheit ausgewichen wird, bleibt nur ihr Ge- 353 genteil: die Desintegration, d.h. die permanente Umtriebenheit vom Anderen seiner selbst und dem verzweifelten Bemühen um dessen Unterwerfung unter die eigene Herrschaft. Die Selbstorganisationskraft strömt zwar sowohl dem matriarchalen wie dem patriarchalen Selbstbewusstsein zu, kann aber von beiden nicht durch das freie Spiel der Vermögen anverwandelt und zur Schaffung der lebendigen Gestalt des Selbstbewusstseins, d.h. zur Selbsttransparenz ihrer Selbstbegrenztheit und Ausdiffernziertheit, genutzt werden. Dem matriarchalen Selbstbewusstsein fehlt es an innerer Struktur und Zentriertheit, dem patriarchalen Selbstbewusstsein an äußerer Form und Begrenztheit.410 Die weibliche (vom Mutterarchetypen repräsentierte) Hälfte der Ganzheit, die wohlgemerkt ihre volle Funktion erst qua Übersummation zusammen mit der männlichen Qualität des Zentrums erzielen kann, ist die Grenze, die – wenn man es in der Sprache der modernen Systemtheorie sagen will – System-Umwelt-Grenze des Organismus, die Grenze des Leibes ebenso wie die des Selbstbewusstseins, die des Ökosystems Erde wie die des Universums. Die männliche (vom Vaterarchetypen repräsentierte) Hälfte der Ganzheit wiederum, die entsprechend ihre volle Funktion erst qua Übersummation zusammen mit der weiblichen Qualität der Grenze erzielen kann, ist ihr Zentrum, der Quellpunkt der Lebendigkeit und der Selbstorganisationskraft, ihre Struktur- und interne Differenzierung-Grundlage.411 Das Zentrum bzw. der Quellpunkt ist nicht mit der „Energie“ bzw. dem „Geist“ der Selbstorganisationskraft selbst zu verwechseln, die aus ihm strömt, um den Organismus zu beleben, insofern sie aionischen Ursprungs ist, ebensowenig wie die interne Differenzierungs-Grundlage nicht mit dem Sich-Differenzieren des Lebens selbst zu verwechseln ist, die eben auch von der Selbstorganisationskraft vollzogen wird. Umgekehrt ist auch die 410 Das matriarchale Selbstbewusstsein ist innerhalb von Grenzen (Grenzvermögen) geborgen, insofern es sich im Inneren von übergreifenden Ganzheiten verortet, mit denen es in Resonanz steht, auch wenn es intern – was die Struktur angeht - undifferenziert (mangelndes Strukturvermögen) ist. Das patriarchale Selbstbewusstsein hingegen entbirgt sich (entgrenzt sich) aufgrund seiner ihm eigenen Aufhebung der Grenzen (mangelndes Grenzvermögen), auch wenn es in der Identifikation mit dem Vater-Gott (Gotteskomplex) sich ein Geborgensein einbildet, ist aber – was die Struktur angeht - differenziert (Strukturvermögen). 411 Diese unsere Zuordnung spiegelt sich in den Mythen dieser Welt: So ist das klassische Symbol für das Weibliche das (vaginale) Gefäß, das sich durch sein Vermögen der Eingrenzung und Bergung auszeichnet (vgl. Neumann 2003, S.51ff.), während das klassische Symbol des Männlichen das (phallische) Schwert ist, das als phallisches Symbol ins Zentrum des Gegners treffen soll. Zusammengenommen ergeben sie das heute noch in Indien verehrte Symbol des Lingam, das einen von einer Vagina (Grenze) umfassten Phallus (Zentrum) darstellt und als solches als symbolische Darstellung der Ganzheit des Organimus gelten kann. 354 „Materie“ bzw. die „Natur“, die durch die Selbstorganisation vor dem Hintergrund der Entropie erschaffen wird, insofern die Selbstorganisation das Zu-Organisierende und das Organisierende umfasst412, nicht der weiblichen Hälfte der Ganzheit zuzuordnen. Entgegen des klassischen, patriarchalen Dualismus – der den Geist bzw. die Kraft männlich, die Natur bzw. die Materie dagegen weiblich attribuiert – fassen wir Geistigkeit bzw. Kraft und Natur bzw. Materie als zwei Aspekte der geschlechtsneutralen Selbstorganisation, die Organismen (Zelle, Mensch, Ökosystem Erde, Universum) generiert, deren Aspekte sich dann erst in männlich (Struktur-Zentrum des Organismus) und weiblich (Organismusgrenze) attribuierte Aspekte untergliedern lassen. Als Motivation dieser unserer Differenzierung des Formtriebes und der geschlechtlichen Attribution seiner beiden Aspekte gilt uns, dass auf ihrer Grundlage die jeweils für das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein typischen, oppositionellen Vermögen und Phänomene begründbar werden: Dem matriarchalen Selbstbewusstsein lassen sich danach die Interpretation der Wirklichkeit als „Natur“, eine „heteronom-eingegrenzte Schöpferischkeit“, eine „ganzheitlich verknüpfende Synthesis“, ein „instrumentell-metamorphotisches Denken“ und die Modi von „Wirklichkeit“, „Notwendigkeit“ und „Ewigkeit“ zuordnen, während dem patriarchalen Selbstbewusstsein die Interpretation der Wirklichkeit als „Geist“, eine „autonom-universale Schöpferischkeit“, eine „kausal verknüpfende Synthesis“, ein „instrumentell- lineares Denken“ und die Modi von „Möglichkeit“, „Freiheit“ und „Zeitlichkeit“ zufallen. Beide lassen sich aus ihrer Opposition zueinander deuten. Die unterschiedlichen Vermögen bedingen auch ein unterschiedliches Selbstverständnis. Das matriarchale Selbstbewusstsein versteht sich selbst aus einer heteronom-eingegrenzten Schöpferischkeit heraus: Selbst von den ihm übergeordneten Ganzheiten mit Mana begabt und weitestgehend von ihnen dirigiert, schreibt es sich nur ein eingegrenztes Wirken auf das unter ihm Befasste zu, von dem es weiß, dass dieses Wirken wiederum über ein rückkoppelndes Resonanz-Verhältnis auf das übergreifende Ganze zurückwirkt. Auch in der spezifisch weiblichen Schöpferischkeit des Zeugens und Gebärens von Kindern, das vor dem Wissen über die Rolle des Mannes und der Sexualität bei der Zeugung des Lebens allein der Frau zugeschrieben wurde, wird die Frau, mangels Wissen über die Ursache der Befruchtung ohne Möglichkeit, selbst darauf Einfluss zu nehmen, zur Mutter 412 Dem Produkt der Selbstorganisation entspricht die Geist-Natur-Einheit in allen ihren Spezifikationen als Organismen. Sie schafft letztere, indem sie sich in das Organisierende und das Zu-Organisierende auseinanderlegt, d.h. selbst ein freies Spiel der Vermögen – das Spiel des Aion – darstellt, das in sich „Materie“ bzw. Geist-Natur-Einheit schafft, die es mit Hilfe ihres Stoff- und Formtrieb im Spiel zu Übersummationsprodukten organisiert, die dann die lebenden Organismen darstellen (vgl. Abs. IV). 355 gemacht. Ihr Wirken beschränkt sich auf das von ihren Grenzen Umfasste, d.h. darauf, dem werdenden Leben Brutstätte und Gefäß zu sein. Die Betätigungen seines Grenzvermögens im Sinne der uterinalen Bergung und Geburt des Kindes qua Leibeskontraktionen wird nach dem Selbstverständnis des matriarchalen Selbstbewusstseins weniger von ihm selbst initiiert, sondern stellen sich als nicht kontrollierbare Geburtswehen von sich aus oder von übergeordneten Ganzheiten wie der Muttergottheit dirigiert ein. Seine Zeugungs- und Gebärfähigkeit gilt dem matriarchalen Selbstbewusstsein als Paradigma seiner heteronom-eingegrenzten Schöpferischkeit. Die matriarchale Synthesis sieht – wie oben beschrieben - die Dinge in umgrenzten Mengen zusammengefasst, bei denen die übergreifenden Mengen auf die von ihnen umgriffenen Teilmengen ganzheitlich im Sinne einer Mengenraumöffnung oder –Zusammenziehung – d.h. über eine Gewähr oder Reduktion des Raumes zur gestalteigenen Akkomodation bzw. Assimilation (Flexibilität – vgl. Bateson 1985, S.636ff.) – einwirken. Der Nexus – mit dessen Hilfe die matriarchale Synthesis die Dinge verknüpft – ist ganzheitlich. Das matriarchale Selbstbewusstsein zeichnet ein instrumentell-metamorphotisches Denken aus, das auf einer vertikalen Achse das Ganze auf die Besonderheiten hin materialisiert und die Besonderheiten auf eben dieser Achse wieder zum Ganzen spiritualisiert, d.h. in sich-zusammenziehenden oder sich-weitenden Kreisen denkt. Das patriarchale Selbstbewusstsein hingegen gelangt über die Identifikation mit dem Zentrum des Organismus, die die Quelle der an sich unverfügbaren Selbstorganisationskraft darstellt, ihm aber sich illusionärerweise einzubilden ermöglicht, selbst über diese Selbstorganisationskraft zu verfügen, zur Selbstzuschreibung einer autonom-universalen Schöpfer-Kraft. Das Selbstverständnis als Schöpfer gewinnt es über die Projektion seines sich entwickelnden Selbstverständnisses auf seine Vatergottheit, in dessen von ihm zunehmend ausgearbeiteten Bildnis zum Schöpfergott es sich schließlich selbst erfasst.413 Mittels der Identifikation mit diesem Schöpfergott schreibt es sich selbst eine autonom-universalen Schöpferischkeit zu, mit deren Hilfe es sich seine Wirklichkeit konstruiert. Dabei verliert das patriarchale Selbstbewusstsein aus den Augen, dass es immer noch die von ihm nicht aneignbare Selbstorganisationskraft ist, die gemäß seiner Strukturvorgaben die Mannigfaltigkeit synthetisiert, und dass seine entworfenen Konstruktionen nicht durch die Wirklichkeit an sich verifiziert sind, sondern einzig bis dato nicht falsifiziert wurden, d.h. scheitern können. Die Wirklichkeit wird zunehmend vom patriarchalen Selbstbewusstsein überformt, insofern ihm das, was ursprünglich nur den Wahrheitsstatus einer Hypothese hat, ge- 413 Vgl. Blumenberg 2001a, S.9ff.; Cassirer: Der Persönlichkeitsbegriff und die persönlichen Götter. – Die Phasen des mythischen Ichbegriffs – in: Cassirer 2002, 3. Abschnitt, Kap. II, 2., S.235ff., insbesondere S.249, 254ff.. 356 mäß des pragmatischen Leitsatzes, dass „wahr ist, was funktioniert“, über seine technische Ausbeutbarkeit zur „Wahrheit“ wird, auch wenn die Wirklichkeit mangels einer Möglichkeit zur Verifikation jederzeit verfehlt werden kann. Die Ganzheitlichkeit der Reaktion – wie sie die den Menschen bedingende Wirklichkeit des Ökosystems auszeichnet – braucht Zeit, bis sie sich als eine vom patriarchalen Selbstbewusstsein wahrgenommene Falsifikation bemerkbar macht – Zeit, in der die Folgen des Wirklichkeits-Mißverständnisses sich soweit multipliziert haben können, dass sie nicht wieder gut zu machen sind. Die autonom-universale Schöpferischkeit entpuppt sich also als Illusion, derzufolge der Patriarchismus verkennt, dass er in einen ihn bedingenden Wirklichkeits-Zusammenhang eingebunden ist, dessen Grenzen zu überschreiten Folgen zeitigt, die ohne Rücksicht auf menschliche Befindlichkeiten das Gleichgewicht der Ganzheit wieder herzustellen suchen. Der Nexus – mit dem das patriarchale Selbstbewusstsein seine patriarchale Synthesis vollzieht und zwischen den Dingen einen Zusammenhang stiftet – ist der Satz vom Grunde. Das patriarchale Denken schreitet entsprechend horizontal bzw. linear von Ursache zur Wirkung, die wiederum die Ursache einer weiteren Wirkung ist, usw. fort und kann als instrumentell- lineares Denken verstanden werden. Dieser Gegensatz im Selbstverständnis, d.h. der Gegensatz von matriarchal-heteronom-eingegrenztem Schöpfertum und patriarchal-autonom-universalem Schöpfertum, wie er sich aus den jeweils unterschiedlichem Vermögen ergibt, ist der zentrale Grund für die Modi, die das matriarchale bzw. patriarchale Selbst- und Weltverhältnis charakterisieren: Insofern sich das matriarchale Selbstbewusstsein in seinen unauflösbaren Zusammenhang mit der Ganzheit schicken muss und auszuführen hat, was ihm durch die übergeordnete Ganzheit dirigiert wird, auch wenn es betreffs seiner Wirkung auf das unter ihm Befasste auch selbständig handeln kann und damit sowohl das unter ihm Befasste als auch qua Rückwirkung das es selbst Umfassende beeinflussen kann, geht es von der Wirklichkeit der Wirklichkeit und seiner selbst aus. Insofern es in seiner Verbundenheit mit dem Ganzen keinen Einfluss auf das hat, was ihm aufgegeben ist, versteht es sich im Zusammenhang einer Notwendigkeit, der nicht zu entrinnen ist. Und insofern es aus seiner heteronom-eingegrenzten Schöpferischkeit kein Entkommen gibt, geht es davon aus, dass dies in aller Ewigkeit – d.h., abhängig von den Rhythmen der Natur, denen es passiv ausgeliefert ist, gemäß der zyklischen, ewigen Wiederkehr des Gleichen – so geschieht. Sein Scheitern an der Verschlingung und Verdauung dessen, was außerhalb des Wirklichkeitsausschnitts, der ihm über den Mutterarchetypen verstehbar ist, liegt, d.h. alles Vaterarchetypische, verursacht gerade aufgrund der vom matriarchalen Selbstbewusstsein angenommenen Wirklichkeit, Notwendigkeit und Ewigkeit ein beständiges Leiden. Das patriarchale Selbstbe- 357 wusstsein hingegen schreibt sich qua seiner autonom-universalen Schöpferischkeit die Freiheit zu, die Wirklichkeit nach seinen Ansprüchen und Bedürfnissen gestalten zu können, lebt demgemäß im Modus der Möglichkeit, der durch keine Wirklichkeit verpflichtet ist, und geht vom Modus der Zeitlichkeit aus, insofern es – weiterhin von dem beunruhigt, was sich als Mutterarchetypisches seinem vaterarchetypischen Verstehen entzieht – von der Zukunft und mittels seiner in der Zukunft generierten Instrumentalität erhofft (illusionäre Hoffnung, der die Enttäuschung folgt), sich final von dieser Beunruhigung und seiner Angst – die seiner Selbstentbergung aus den Grenzen der Ganzheit entstammt- zu befreien. Kierkegaard zufolge folgt aus der einseitigen Verwirklichung einer der beiden Seiten der Opposition der Modi des Selbstseins die Verzweiflung, die er als Krankheit zum Tode versteht.414 Die Notwendigkeit des matriarchalen Selbstbewusstseins ist eine falsche Notwendigkeit, weil sie die Freiheit nicht kennt, sich frei der Notwendigkeit zu überantworten, d.h. im Vollziehen der Notwendigkeit die Freiheit zu erschließen. Sein Selbstsein im Modus der Wirklichkeit hat die Schattenseite, dass es seinem Wirklichkeitsstatus nicht entkommt und sich keine alternativen Möglichkeiten des Selbstseins erschließen kann:415 414 Die „Verzweiflung der Möglichkeit“ – so ist schon den Kapitel-Überschriften der Krankheit zum Tode zu entnehmen – „ist, der Notwendigkeit zu ermangeln“, die „Verzweiflung der Notwendigkeit ist, der Möglichkeit zu ermangeln“, die „Krankheit zum Tode (aber – A.d.V.) ist Verzweiflung“ (1992, S.Vf.). Die Modi des Selbst-Seins sind Kierkegaards Krankheit zum Tode entlehnt (ebd., S.8): Kierkegaard geht von der Opposition „Möglichkeit“ und „Notwendigkeit“ aus. Im Unterschied zu Kierkegaard differenzieren wir zwischen „Möglichkeit“ und „Freiheit“ und sichern diese Unterscheidung, indem wir dem Begriff der „Möglichkeit“ den Begriff der „Wirklichkeit“ als gegenpoligen Modus zuordnen, während wir unserem Begriff der „Freiheit“ Kierkegaards Begriff der „Notwendigkeit“ gegenüberstellen. Die Opposition „Möglichkeit“/ „Wirklichkeit“ soll dazu dienen, zwei Modi im Selbstverhältnis zu unterscheiden, deren erstes – wie das matriarchale Selbstbewusstsein – keine Alternativen zur einen Wirklichkeit kennt, während das zweite – wie das patriarchale Selbstbewusstsein – sich in Möglichkeiten ohne jede Wirklichkeit verliert. Dem gegenüber soll die Opposition „Freiheit“/ „Notwendigkeit“ dazu dienen, die beiden Modi im Selbstverhältnis zu unterscheiden, deren erster – wie beim matriarchalen Selbstbewusstsein – durch seine Eingebundenheit in einen durchgehenden Determinations-Zusammenhang keine Handlungsfreiheit kennt, während der zweite – wie beim patriarchalen Selbstbewusstsein – jeden Determinationszusammenhang ignoriert und in der Illusion seiner Handlungsfreiheit lebt. 415 Die Zuordnung des Modus der Wirklichkeit in Opposition zum Modus der Möglichkeit zum matriarchalen Selbstbewusstsein steht scheinbar im Widerspruch zu seiner Charakterisierungen, wie wir sie vorne getroffen haben: „Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen gründet sich auf dem Prinzip der Potentialität (Metamorphose), das alle Möglichkeiten zum Im-Identischen-Verharren im Äußeren, abgesehen von ihrer (oder der der Mutter-Gottheit) eigenen identisch verharrenden Selbstidentifikation mit dem Grenzvermögen und dem Wandlungs-Prinzip, ins Unbewusste verdrängt, vor dem es sich als Inbegriff der Starre des 358 „Die Verzweiflung der Notwendigkeit ist, der Möglichkeit zu ermangeln. (...) Die Persönlichkeit ist eine Synthesis aus Möglichkeit und Notwendigkeit. Es ist daher mit ihrem Bestehen wie mit der Atmung (...), die ein Ein- und Ausatmen ist. Das Selbst des Deterministen vermag nicht zu atmen, denn es ist unmöglich einzig und allein das Notwendige zu atmen, welches rein und bloß des Menschen Selbst erstickt. (...) Die Möglichkeit ist für das Selbst, was der Sauerstoff für die Atmung ist. (...) Fatalismus und Determinismus ermangeln der Möglichkeit, um die Notwendigkeit zu entspannen und abzumildern, um sie zu ermäßigen, also der Möglichkeit als Linderung; die Spießbürgerlichkeit ermangelt der Möglichkeit als Erweckung aus Geistlosigkeit. (...) Sie führt die Möglichkeit eingesperrt im Käfig des Wahrscheinlichen rings umher, zeigt sie vor, bildet sich ein der Herr zu sein, merkt es nicht, dass sie eben damit sich selber in Fesseln geschlagen hat, und so der Geistlosigkeit Knecht (...) geworden ist“ (1992, S.34ff.). (...) „Es (das Ermangeln der Möglichkeit – A.d.V.) ist wie mit gewissen niederen Tierarten, welche keine andere Waffe oder Verteidigung haben als ganz stille zu liegen und zu tun als wären sie tot“ (1992, S.51). Die Freiheit des patriarchalen Selbstbewusstseins wiederum ist eine falsche Freiheit, weil sie die Notwendigkeit nur verdrängt, anstatt sie zu integrieren, d.h. aber auch, insofern die Notwendigkeit mit dieser Verdrängung nicht aufgehoben ist, irgendwann von ihr eingeholt wird. Sein Selbstsein im Modus der Möglichkeit hat die Schattenseite, dass es – ebenso, wie es keiner Wirklichkeit verpflichtet ist – andersherum seinem Möglichkeitsstatus aber auch nicht entkommt und keine Wirklichkeit gewinnt. Kierkegaard schreibt dazu: „Die Verzweiflung der Möglichkeit ist, der Notwendigkeit zu ermangeln. (...) Dies Selbst ist eine abstrakte Möglichkeit, es zappelt sich müde in der Möglichkeit, aber es kommt nicht von Ort, auch nicht zu irgendeinem Ort, denn das Notwendige ist eben der Ort; man selber werden ist ja eben eine Bewegung an Ort. (...) Die Möglichkeit erscheint so dem Selbst größer und größer, mehr und mehr wird möglich, weil nichts wirklich wird. Jedwede kleine Möglichkeit hätte, um Wirklichkeit zu werden, bereits einige Zeit nötig. Zuletzt aber wird die Zeit, welche doch für Wirklichkeit verwandt werden sollte, kürzer und kürzer, alles wird augenblicklicher und augenblicklicher. (...) Im Augenblick zeigt sich etwas als möglich, und dann zeigt sich eine neue Möglichkeit, zuletzt folgen sich diese Phantasmagorien so geschwinde, dass es ist, als ob Identisch-Verharrenden (des Mathematisch-Erhabenen) ängstigt“ (Selbstzitat). Das matriarchale Selbstbewusstsein hat zwar in seiner Gegründetheit im „Prinzip der Potentialität“ (Selbstzitat) die Fähigkeit, sich wandelnde Grenzen der Gestalten in ihrer Potentialität nachzuvollziehen bzw. alternative Grenzen der Gestalt als Möglichkeiten zu entwickeln, wird in seinem Selbst-Sein aber von der es übergreifenden Ganzheit dirigiert, d.h. weiss sich auch da, wo es sich wandelt, vom Diktat des Ganzen bestimmt und hat keine Möglichkeit zu selbstbestimmten, alternativen Formen des Selbstseins, wie sie sich das patriarchale Selbstbewusstsein zumindest einbildet. 359 alles möglich wäre, und dies ist eben der letzte Augenblick, in welchem das Individuum ganz und gar selber zu einer Luftspiegelung geworden ist. (...) Was dem Selbst nun fehlt ist (...) eigentlich Notwendigkeit. (...) Woran es mangelt ist eigentlich Kraft zu gehorchen, sich zu beugen unter das Notwendige im eigenen Selbst, unter das was man die eigene Grenze nennen muss.“ (ebd., S.32f.) Das Selbst-Sein im Modus der Ewigkeit des matriarchalen Selbstbewustseins schließt das zeitliche Werden im Sein, ebenso wie das Selbstsein im Modus der Zeitlichkeit des patriarchalen Selbstbewusstseins das ewige Sein im Werden aus. Beide Formen des Selbstseins verfälschen genauso wie die einseitige Verwirklichung der anderen Modi des Selbstseins die Wirklichkeit des Spiels des Aion und generieren oppositionelle Leiden unter der Herrschaft der Zeit: ein klaustrophobisches Leiden unter der Ausweglosigkeit der Zeit und ein melancholisches Leiden unter der Vergänglichkeit der Zeit. Die Verschlingung und Verdauung und – im Einsatz als Herrschaftsinstrument und der Erfahrung seines Scheiterns - der Schmerz des Nicht-Verdauen-Könnens erzeugt ein Bewusstsein für das Materiale der Wirklichkeit (Materialismus des matriarchalen Selbstbewusstseins), während die Orientierung am Struktur-Entwurf sich zuerst auf das Zu-Schaffende, d.h. ideel Vorwegzunehmende und zu Entwerfende, fixiert, um sich dann seines Schaffens selbst und seiner Quelle im Geist (Idealismus des patriarchalen Selbstbewusstseins – vgl. u.a. Cassirer 2002, S.235ff., demzufolge das Gottesbild als Spiegel der Schöpferischkeit des Menschen fungiert) bewusst zu werden. Das Wirklichkeitsverhältnis des matriarchalen Selbstbewusstseins ist am Konkreten und ursprünglich schon Gegegebenen orientiert, das es zu verdauen gilt und was sich zur materialen Natur verdichtet, während das patriarchale Selbstbewusstsein sich ans Abstrakte und ideel erst zu Schaffende hält, das es als ideelen Geist seiner Struktur nach zu entwerfen gilt. Das matriarchale Selbstbewusstsein hat sich als Verdauendes - will es sich qua seines Herrschaftsinstruments die Wirklichkeit einverleiben - mit der Wirklichkeit des Zu-Verdauenden auseinanderzusetzen, dessen Wirklichkeits-Modus gerade im Scheitern als Schmerz auf es selbst übergeht. Demgegenüber verliert sich das patriarchale Selbstbewusstsein als Struktur-Schaffendes im Möglichkeits-Modus, insofern es die Wirklichkeit nach seinen Vorgaben zu restrukturieren sucht, es das Scheitern seiner Restrukturierung an der Wirklichkeit in seiner Focussierung auf das Schaffen aber nicht verzweifeln, sondern seine Strukturierungsversuche bis zu ihrem finalen Auf-die-Wirklichkeit-Passen als hypothetisch begreifen lässt. Das matriarchale Selbstbewusstsein folgt dem Impuls, die außerhalb seiner selbst liegenden, männlich attribuierten Aspekte der Wirklichkeit einzugemeinden, d.h. ins Innere seiner Grenzen hineinzuschlingen, während das patriar- 360 chale Selbstbewusstsein die weiblich attribuierten Aspekte in seiner Geistigkeit als eine eigene Wirklichkeit aufzuheben trachtet, d.h. sie mithilfe einer von ihm entworfenen Struktur in seinem Sinne zu restrukturieren. Das matriarchale Selbstbewusstsein ist im Modus der Wirklichkeit, insofern es durch die wenn auch aussichtslose, im Sinne schlechter Unendlichkeit aber gerade daher beständig herausfordernde und beunruhigende Integration der Wirklichkeit, d.h durch den Versuch, sie ins innere ihrer Grenzen hineinzuschlingen, an sie zurückgebunden bleibt. Demgegenüber entkommt das patriarchale Selbstbewusstsein dem Modus der Möglichkeit nicht, insofern es in der Hoffnung auf ein finales Instrument zur Aufhebung des Anderen seiner selbst – das es beständig herausfordert und nicht zur Ruhe kommen lässt - beständig neue Selbst- und Wirklichkeitsverständnisse entwirft, die jedoch ihren Zweck nicht erfüllen, was im Sinne schlechter Unendlichkeit zu wiederholten Entwürfen zwingt. So erschließt sich für das matriarchale Selbstbewusstsein in seiner Wirklichkeits-Verbundenheit nie ein Möglichkeitsbewusstsein, während das patriarchale Selbstbewusstsein dem Verschweben in Möglichkeiten nicht entkommt, d.h. keine Wirklichkeit gewinnt. Beide Selbstbewusstseins-Formationen sind Getriebene der von ihnen im Zuge ihrer Inthronisation verdrängten Selbstorganisations- bzw. Einbildungskraft (Natur bzw. das Andere des Geistes von matriarchalem wie patriarchalem Selbstbewusstsein). Die Selbsttransformation ermöglicht die lebendige Anverwandlung dieser Einbildungskraft im freien Spiel der Vermögen, mit der nicht nur die Verdrängung der und die Getriebenheit durch diese Einbildungskraft aufhört, sondern die Geburt eines Dritten sich einstellt. Die Geburt dieses Dritten, wie es aus der Integration der Einbildungskraft und dem Zusammenwirken von Grenz- und Strukturvermögen übersummativ entsteht, bringt die Integration des Geschlechter-Gegensatzes. Die Selbstorganisation, die sich in die Gegensätze von Männlichem und Weiblichem auseinanderlegt, um sich final in einem höheren, gemeinsamen Produkt wieder zu vereinigen, bedingt nicht nur das Voneinander- Angezogen-Sein der Geschlechter, die menschliche Sexualität und die Geburt von Kindern, sondern spielt sich in jedem Menschen im Zuge des Dramas seines Lebens ab, das im Moment der Lebenswende seinen Höhe- und Wendepunkt erreicht, zur Integration von Anima bzw. Animus drängt und auch hier in der Geburt des inneren Kindes – d.h. in der Geburt des Integrierten Selbstbewusstseins, das wir im Folgenden entschlüsseln wollen - gipfelt. Die Selbstorganisation wird als Spiel des Aion verstehbar, demzufolge sich die Ganzheit in die Geschlechter- Gegensätze auseinanderlegt, um mit Hilfe ihrer Integration (im Zuge der Individuation) bzw. ihrer Vereinigung (im Zuge der Zwischenmenschlichkeit) zu höheren Geburten als Variationen seiner Ganzheit zu gelangen. 361 X.5 Das Integrierte Selbstbewusstsein als Ergebnis der Integration des Menschen Zum Verständnis des Integrierten Selbstbewusstseins – wie es in diesem Abschnitt angezielt wird – muss seine Konstruktion von den von uns oben analysierten, anderen drei (Selbst-)Bewusstseinsformationen abgehoben werden. Dabei ist entscheidend, ob Unterschiede zwischen dem Integrierten Selbstbewusstsein und dem Spielbewusstsein des Kindes ausgemacht werden können, da das Integrierte Selbstbewusstsein phylogenetisch sonst einer Regression in archaische Vorzeiten, ontogenetisch einer in die Kindheit entspräche. Dazu muss gezeigt werden können, dass und inwiefern das Integrierte Selbstbewusstsein seinem Begriff gerecht wird und erstens die Formationen des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins, ihre Vermögen und organismischen Qualitäten, integriert und zweitens – anders als das Spielbewusstsein des kindlichen Bewusstseins - ein Selbst- Bewusstsein ist. Die Errungenschaften der Geschichte der Bewusstseins-Entwicklung des Menschen und d.h. des kindlichen, matriarchalen und des patriarchalen (Selbst-)Bewusstseins müssen sich im Integrierten Selbstbewusstsein einbeziehen lassen, soll es sich bei ihm wirklich um das finale Stadium der Bewusstseins-Entwicklung, wie es in Schillers Zeitalter der Idylle angedacht ist, handeln. X.5.1 Die Architektonik des Integrierten Selbstbewusstseins Das freie Spiel der Vermögen (Kant/ Schiller) lässt sich nach unserer Interpretation mit dem metapsychologischen Konzept des „Selbst“ bzw. – als Tätigkeit – mit der transzendenten Funktion bzw. Zentroversion Jungs und Neumanns und mit dem naturphilosophischen Konzept der „Selbstorganisation“ Schellings identifizieren: Seine Momente sind der Stofftrieb (Selbstorganisationskraft) und der von uns in Grenzvermögen und Strukturvermögen auseinandergelegte Formtrieb (Grenze und Zentrum/ Struktur des Organimus). Das freie Spiel der Vermögen entwickelt übersummativ ein Spielbewusstsein, das wir als Keimzelle aller Bewusstseins-Formationen als kindliches Spielbewusstsein bezeichnet haben. Das Spielbewusstsein ist kein Selbst-Bewusstsein, sondern nur ein Bewusstsein des Spielens und der Produkte des Spiels, was für das Spielbewusstsein zusammenfällt. Sich mit den Produkten seines Spiels identifizierend, unterscheidet es nicht zwischen sich und der von ihm im Spiel ästhetisch erschlossenen Wirklichkeit, sondern geht in ihr wie in wechselnden Aspekten seiner selbst in unaufhörlichen Verwandlungen selbstfasziniert auf. Die zwei Momente des Spiels, die wir analytisch trennen, nämlich das leibliche, freie Spiel der Vermögen und das aus ihm sich ergebende Spielbewusstsein, sind für das Spielbewusstsein noch eins, d.h., es 362 unterscheidet nicht zwischen sich als Schöpfer seiner Wirklichkeit und der von ihm qua Reproduktion geschaffenen Wirklichkeit, zwischen Schaffendem und Geschaffenem. So spürt es sich in der Tätigkeit des „Spielens“ wie es zugleich in den Produkten dieses Spiels aufgeht; es spürt sich im Schaffen wie im Geschaffenen, ohne beide Seiten zu unterscheiden. Das Spielbewusstsein lässt sich als All- Bewusstsein charakterisieren, insofern sich in seinem freien Spiel der Vermögen mikrokosmisch wiederholt, was sich makrokosmisch im Spiel des Aion ereignet, nämlich aus sich heraus entsprechend der Implosion und Explosion des Universums, der Ein- und Ausatmung bzw. der Kontraktion und Entspannung des Leibes neue Wirklichkeiten zu schaffen und wieder zurückzunehmen, die die Charakteristika ihres Aufbaus teilen. Der Organismus des Menschen ist eine Variation zum Thema des Organismusses des Universums, insofern sich in allen Organismen dieselbe Selbstorganisation selbst organisiert, auch wenn sie sich – was dann die Unterschiede der Organismen ausmacht – je unterschiedliche Mengen Organisiertes und Zu-Organisierendes zur in sich und aus sich heraus zu lösenden Aufgabe machen (vgl. Abs. IV). Ihre Übereinstimmung – die sie zu Variationen eines Themas macht – ergibt sich daraus, dass sich alle Organismen auf die gleich Art und Weise selbst organisieren, nämlich im freien Spiel der Vermögen, in dem die Momente des Organismus – Stofftrieb, Grenz- und Strukturvermögen – zusammenstimmen. Ihre Individualität und d.h. ihre Unterschiede untereinander gewinnen die Organismen, a) insofern sie in ihrer Selbstorganisation ihre Vermögen zur Integration von Inhalten unterschiedlich modifizieren müssen, um die spezifischen Inhalte auf Grundlage ihrer jeweiligen, individuellen Entwicklungs- und Sozialisations-Situation, dem Stadium ihrer Selbst-Integration und in Abstimmung auf die Ganzheit verarbeiten zu können, und b) insofern sich die in der Selbstorganisation zu integrierenden Inhalte durch die individuelle Entwicklungs- und Sozialisations-Geschichte und in dem, was ihnen dabei je im Kontakt mit der Wirklichkeit zustößt, unterscheiden. Das Spiel des Organimus des Menschen entspricht dem Spiel des Organismus des Universums – dem Spiel des Aion - und vice versa: So wie das Spiel des Aion seinen Sinn in sich selbst hat, in sich ruht und sich selbst verwirklicht, so hat der Organismus des Menschen die Möglichkeit, in sich selbst zur Stille, Selbstgenügsamkeit und Zweckmäßigkeit ohne Zweck zu finden, indem er sich im freien Spiel der Vermögen selbst verwirklicht. Diese Qualitäten der Selbstvollendung, die sein Selbstsein im kindlichen Spielbewusstsein auszeichneten, hat sich der 363 Organismus auf dem Weg seiner in seinem Organimus angelegten Selbstentwicklung, die immer über die Auseinanderlegung der im Einen synthetisierten Gegensätze verläuft, selbst versperrt. Matriarchales und patriarchales Selbstbewusstsein stellen die Pole seiner Selbstentfaltung dar, die es zur vollen Selbstrealisation und wiedererlangten Selbstvollendung dann zum Integrierten Selbstbewusstsein zu vereinen gilt, um auch in sich die Stille – die den Kern der Natur ausmacht und im Spiel des Aion ewig neu sich zeugt – zu verwirklichen. Matriarchales wie patriarchales Selbstbewusstsein zeichnet aus, dass sie das auch ihnen als Bewusstseins-Formationen zugrundeliegende freie Spiel der Vermögen und das ihm zugehörige Spielbewusstsein ins Unbewusste verdrängt haben. Ihrem Selbst- und Wirklichkeitsverstehen liegt das Spielbewusstsein zugrunde, ohne das ihnen die Wirklichkeit – die ihnen über das Spielbewusstsein immer schon erschlossen ist - nicht einsichtig wäre (vgl. oben). Hier gilt es nun allerdings zwei Sphären des Unbewussten voneinander zu unterscheiden: Im Innersten des Unbewussten hat das freie Spiel der Vermögen und das daraus sich ergebende Spielbewusstsein und damit die unentstellte, unversehrte Ganzheit des Organismus seine Stätte, während um dieses Innerste herum die von der durch das jeweilige Selbstbewusstsein verdrängte, andere Hälfte seines von ihm angeeignten Vermögens, d.h. im Falle des matriarchalen Selbstbewusstseins das Strukturvermögen (Animus), im Falle des patriarchalen Selbstbewusstseins das Grenzvermögen (Anima), im Vorbewussten ruht. Die Schwierigkeiten, die aus der partiellen Realisation der Ganzheit bzw. aus der (geschlechtlichen) Vereinseitigung resultieren, haben wir schon besprochen: Das verdrängte Andere seines geschlechtlichen Selbstseins (Grenz- oder Strukturvermögen bzw. Weiblichkeit oder Männlichkeit) drängt auf seine Integration (ins Spiel der Vermögen bzw. in die gesellschaftliche Integration). Die geschlechtliche Vereinseitigung des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins zeitigt aber noch ein weiteres, bisher von uns kaum beleuchtetes Problem: Mit der Herausbildung von matriarchalem wie patriarchalem Selbstbewusstsein wird ja die bewusstseinsgeschichtlich bedeutsame Schwelle vom schlichten kindlichen Spielbewusstsein zum Selbst-Bewusstsein überschritten. Die instrumentelle Aneignung des Grenzvermögens (matriarchales Selbstbewusstsein) bzw. des Strukturvermögens (patriarchales Selbstbewusstsein) bzw. die Identifikation mit einem der zwei Vermögen (bzw. mit der Grenze bzw. dem Zentrum der Struktur des Organismus) ermöglicht die Selbst- Bewusst-Werdung, die eine Unterscheidung von sich und dem Anderen seiner Selbst, d.h. der dem Ich entgegen-stehenden Wirklichkeit, impliziert, wodurch die eine Wirklichkeit in zwei Welten - in Ich und Wirklichkeit – geteilt wird, die fortan im Widerspruch zueinander stehen. Die Situation verkompliziert sich noch dadurch, dass die Wirklichkeit als eine der beiden genannten Welten sich selbst 364 für das Ich nochmal in eine innere Wirklichkeit und eine äußere Wirklichkeit, in Innenwelt und Außenwelt, auseinanderlegt, die sich auch je widersprechen. In beiden Oppositionen entsteht der Widerspruch daraus, dass durch die Identifikation mit einem der beiden Gegensätze jeweils beiden Seiten die Ganzheit verloren geht, insofern im ersten Fall der Wirklichkeit die Aspekte des Ich und vice versa und im zweiten Fall der Innenwelt die Aspekte der Außenwelt und vice versa vorenthalten werden, d.h. durch die Selbst-Unterscheidung das, was sich vom Anderen unterscheidet, entweder dem Anderen zur Ganzheit fehlt oder das Andere dem Sich-Unterscheidenden zur Ganzheit fehlt. Der Mangel, dass der einen Seite der Opposition das fehlt, was die andere hat (und vice versa), bringt Widersprüche wie bspw. die unentscheidbare Schwierigkeit – die selbst ja nur ein Symptom des benannten Problems ist - hervor, ob die Außenwelt als eine Projektion der Innenwelt mit darin impliziertem Übergewicht der Innenwelt (aus der sich der Projekt-Charakter der Außenwelt für die Innenwelt als eine äußerlich Zu- Bearbeitende bzw. ingenieurshaft Zuzurichtende ergibt (Subjektivismus)) oder die Innenwelt als eine Introjektion der Außenwelt mit darin impliziertem Übergewicht der Außenwelt (aus der sich der Introjekt-Charakter der Außenwelt für die Innenwelt als eine innerlich Zu-Bearbeitende bzw. interpretatorisch Zuzurichtende ergibt (Objektivismus)) zu verstehen ist. Matriarchales wie patriarchales Selbstbewusstsein verlieren durch die Verdrängung des Spiels und des Spielbewusstsein nicht nur jeweils die Qualität des All-Bewusstseins, d.h. in sich als Mikrokosmos den Makrokosmos der einen Wirklichkeit zu erschließen; ihnen ist nicht nur die Aufgabe zur Integration des sie beständig bedrängenden Anderen ihres geschlechtlichen Selbstseins gestellt, sondern sie entwickeln durch die Selbst-Unterscheidung im Zuge ihrer Selbstbewusstseins-Bildung die neue Schwierigkeit, dass die eine Wirklichkeit in partielle Wirklichkeiten zerfällt, die im Widerspruch miteinander stehen. Die Integration des Individuums vollzieht sich – wie wir im Abschnitt VIII.2 sahen – als „Nachtmeerfahrt“ des Mannes bzw. als „Todeshochzeit“ der Frau (Neumann 2004, S.423 u. 1975, S.21): Die Auflösung der Animus- (Vaterarchetyp-) Gründung bzw. Anima- (Mutterarchetyp-) Gründung bzw. - um es spieltheoretisch zu fassen – der Identifikation mit dem Grenz- bzw. Strukturvermögen führt jeweils zum Tod des patriarchalen bzw. matriarchalen Selbstbewusstseins im Chaos der Ganzheit, dem jeweils eine Wiedergeburt im Archetypen des Selbst bzw. – wiederum spieltheoretisch gefasst - eine Initiation ins freie Spiel der Vermögen folgt. Der Tod der einseitigen Gründung oder Identifikation im Chaos der Ganzheit stellt nun allerdings kein Aufgehen im unterschiedslosen, anfänglichen Chaos dar, sondern nur eine Enthierarchisierung der Gegensätze, die nun gleichwertig nebeneinander stehen. Die Auseinanderlegung der Ganzheit in ihre Ge- 365 gensätze von Anima und Animus bzw. des Formtriebes des freien Spiels der Vermögen in Grenz- und Strukturvermögen im Zuge der matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins-Bildung führt dazu, das die Gegensätze in dieser neuen Integration nicht unterschiedlos ineinander aufgehen, sondern als Gegensätze – insofern sie in der Auseinanderlegung bewusst wurden - im wiedergewonnenen Selbst bzw. freien Spiel bewusst bleiben, so dass ihr Zusammenstimmen im Selbst bzw. im freien Spiel der Vermögen als bewusstes Zusammenstimmen erlebt werden kann. Das freie Spiel der Vermögen bzw. der Archetyp des Selbst entfesselt sich nun aus diesem enthierarchisierten, aber polarisierten Chaos. Die Initiation ins Spiel stellt eine Reintegration des vormals entzweiten und jeweils nur partiell als matriarchales Grenz- bzw. patriarchales Strukturvermögen angeeigneten Formtriebes dar, der nun zusammen mit dem Stofftrieb im freien Spiel der Vermögen aufgeht. Die Regression ins Chaos stellt einen notwendigen Zwischenschritt zur Integration dar, damit das Grenzvermögen und das Strukturvermögen aus ihren jeweiligen instrumentellen Aneignungen bzw. Verdrängungen gelöst werden können, um neu von der Selbstorganisationskraft rhythmisch aufeinander abgestimmt zu werden (vgl. Rhythmisierung der Verstandesvermögen durch die Einbildungskraft, Hölzel 2008a, S.56f.). Analog stellt die Regression ins Chaos einen notwendigen Zwischenschritt dar, damit alle Zusammenhänge zwischen den Teilen des Bewussten und Unbewussten – wie sie sich jeweils im matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein voneinander abgespalten hatten – und alle Vereinseitigungen des Organismus eingeschmolzen werden, damit sie sich neu konfigurieren können und sich ein neuer Zusammenhang zwischen ihnen ausbilden kann, um sich zu einer neuen Selbstbewusstseins-Gestalt arrangieren zu können. Die Gründung im Ich-Komplex als Identifikation mit der Grenze (matriarchales Selbstbewusstsein) bzw. dem Zentrum (patriarchales Selbstbewusstsein) wird durch eine Neu-Gründung in der begrenzten wie zentrierten Ganzheit des Organismus, d.h. im Archetypen des Selbst bzw. im freien Spiel der Vermögen, abgelöst. Die Selbstorganisationskraft, die den Menschen belebt und vom freien Spiel der Vermögen als Stofftrieb angeeignet wird, kann im Zuge der Reintegration des vollen, aus Grenz- und Strukturvermögen zusammengesetzten Formtriebes nun (wieder) ganzheitlich anverwandelt werden. Die Selbstorganisationskraft wird vom begrenzten und strukturierten Organismus zur Selbstbegrenzung und –Abgrenzung bzw. zu seiner Ausdifferenzierung und Verlebendigung genutzt. Die ganzheitliche Anverwandlung der Selbstorganisationskraft bzw. – was dasselbe ist – ihr freies Durchfließen und Verlebendigen des menschlichen Leibes, wie sie durch die Initiation ins Spiel wieder ermöglicht wird, steht im schroffen Gegensatz zum inneren Energie-Stau bzw. zur inneren Bedrängtheit des matriarchalen Selbstbewusstseins und zur Getriebenheit des patriarchalen Selbstbewusstseins, die verheerende Auswirkungen zeitigen (vgl. Abs. 366 X). Das freie Spiel der Vermögen erwirkt im Sinne eines Übersummations-Produktes (wiederum) ein Spielbewusstsein, das sich allerdings nicht von der Keimzelle des kindlichen Bewusstseins, d.h. vom Spielbewusstsein des Anfangs der menschlichen Phylo- wie Ontogenese, unterscheidet. Diesem Spielbewusstsein entschält sich das Integrierte Selbstbewusstsein, das durch die Selbstbewusstheit der polaren Gegensätze – die sich im Spiel synthetisieren – bzw. durch die dadurch zustandekommende Selbstaufmerksamkeit auf das Spiel möglich wird und gegenüber allen vorherigen (Selbst-)Bewusstseins-Formationen ein qualitativ Neues, Drittes – man könnte sagen, das erwachsen gewordene innere Kind – darstellt. Das Selbst bzw. freie Spiel der Vermögen zeugt aus seiner Mitte heraus übersummativ das dem früheren Spielbewusstsein sich entschälende Integrierte Selbstbewusstsein (dazu siehe unten), das über das Spielbewusstsein mit dem zugrundeliegenden Selbst – also dem freien Spiel der Vermögen – über die axis mundi (Neumann: Ich-Selbst-Achse, 1992, S.66) – die vertikal die drei übereinander angeordneten Systeme durch ihre Mittelpunkte verbindet – verbunden ist. Der Integrierte Mensch nun hat die System-Spaltung zwischen Spiel bzw. Leib und Selbstbewusstsein (zwischen Unbewusstem und Ich) und die aus ihm folgenden Gegensätze und Widersprüche zwischen einseitig angeeignetem Grenz- oder Strukturvermögen (Anima oder Animus) und dem damit verdrängten anderen Vermögen (bzw. Seelen-Aspekt) (zwischen Vorbewusstem und Ich) überwunden. Der Organismus als Zusammenwirken seiner Grenze und seines Zentrums/ seiner Struktur ist reintegriert und wieder fähig zur Anverwandlung der Selbstorganisationskraft. Auch die Widersprüche zwischen Ich und Wirklichkeit und zwischen Innen- und Außenwelt sind durch den soeben dargestellten Integrations-Prozess aufgehoben. Sein leibliches freies Spiel der Vermögen und das aus ihm sich entpuppende Spielbewusstsein sind über die Zentroversions- bzw. Spieltrieb- Achse416 - die im Zuge einer „mikrokosmisch- makrokosmischen Homologisierung (…) im Inneren des eigenen Körpers wiedergefunden(e) (…) Weltsäule“ bzw. „axis mundi“ (Eliade: Yoga, 2004, S.126) – mit dem wiederum aus diesem 416 Zur Herausbildung der axis mundi im Menschen reicht nicht nur der vertikal von unten nach oben strömende Fluss der Energie der Selbstorganisationskraft aus, sondern sind auch die Zentrierung des Organismus innerhalb einer Grenze (Grenzvermögen als Aspekt des Formtriebes) und durch sein Zentrum (Strukturvermögen als Aspekt des Formtriebes) nötig, die zusammen die Vertikalität seiner Ausrichtung stabilisieren. Die Fluss der Energie der Selbstorganisationskraft des Organismus Mensch im Koordinatensystem Erde von unten nach oben wiederum lässt sich erklären aus seiner Umgriffenheit vom Ökosystem Erde, das wiederum den Planeten Erde und das auf ihm statthabende Leben als auch die Sonne als dessen Energie-Zufuhr umfasst. Wie die Pflanzen die Sonnenenergie aber in ein Höhenwachstum transformieren, so folgt auch die Selbst-Entwicklung des Menschen dieser Ausrichtung von einem relativen Unten (Erdboden) zu einem relativen Oben (Sonne). 367 Spiel hervorgehenden Integrierten Selbstbewusstsein verbunden. Das integrierte Selbstbewusstsein kommt zustande, insofern das unbewusste freie Spiel der Vermögen in seinem Zusammenwirken von Stofftrieb, Grenz- und Strukturvermögen bewusst und als ein Eigenes, wenn auch nicht willkürlich Handhabbares, verstanden wird (Identifikation mit allen im Spiel zusammenwirkenden Vermögen), ohne das damit alle Produkte seines Schaffens bewusst würden: Während das Spielbewusstsein als Erschlossenheit der Wirklichkeit, die keinen Unterschied zwischen Selbst und Wirklichkeit kennt, sich weiterhin unbewusst ergibt und als Grundlage aller weiteren Selbst- und Wirklichkeitswahrnehmung erhalten bleibt, kristallisiert sich aus ihm das Integrierte Selbstbewusstsein als das heraus, was sich im freien Spiel der Vermögen unter voller Selbstaufmerksamkeit ergibt und im Spiel statthat. Das „Ich“ bzw. Selbst des integrierten Menschen entspricht dem Sich-Selbst-Verstehen als Schaffendem und als davon unterschiedenem, in seinem Schaffen Sich-Schaffenden, als freies Spiel der Vermögen und als davon unterschiedenem Produkt dieses freien Spiels, d.h. – im Gegensatz zum kindlichen Spielbewusstsein (siehe oben) - als Schaffendem und davon unterschiedenem Geschaffenen. Das Integrierte Selbstbewusstsein ist letztlich nichts anderes als das im Spiel sich ständig neu ergebenden Produkt der Integration interner, individueller, d.h. persönlich relevanter Gegensätze und das dazu sich ereignende und sich im Produkt manifestierende Zusammenstimmen der Vermögen, d.h. das Selbstbewusstsein des integrierenden Spiels. Mit voller Selbstaufmerksamkeit wird nur die spielerische Synthesis derjenigen Inhalte und Daten verfolgt, an denen sich der über das Auseinandertreten der Gegensätze von Unbewusstem und Ich bzw. Vorbewusstem und Ich persönlich erlittene bzw. schmerzhaft bewusste Widerspruch festmacht. Solche Inhalte und Daten stellen bspw. entwicklungsund sozialisationsspezifische Ereignisse, d.h. das, was man als „Identitätserlebnisse“ bezeichnen könnte, und wichtige Introjekte und Projektionen dar. Demgegenüber sind dem Menschen zufällige oder sporadisch auftretende, andere Innen- bzw. Außenweltdaten wie bspw. die Selbstverständlichkeit der im Spielbewusstsein erschlossenen Wirklichkeit vergleichsweise gleichgültig, insofern sie ihn nicht betreffen. Nur insofern Inhalte und Daten für die Selbstorganisation des eigenen, individuellen Organismus Relevanz und Bedeutsamkeit besitzen, wird ihre spielerische Synthesis mit voller Selbstaufmerksamkeit bedacht. Die Selbstaufmerksamkeit erzeugt das spezifische Sich-Selbst-Verstehen als Schaffendem und in seinem Schaffen Sich-Schaffenden: Das freie Spiel der Vermögen wird sich selbst transparent und seiner selbst bewusst.417 417 Voraussetzung dazu ist die Selbsttransparentwerdung des freien Spiels der Vermögen in der „Ästhetik des 18. Jahrhunderts“ bei Kant, Schiller, u.a. (vgl. Cassirer 1985a, S.20f., hier S.21 – vgl. dazu Abs. III.6), mit der und seit der die damit sich ergebende Möglichkeit zur Integration und zum Integrierten Selbstbewusstsein sich erschlossen hat. Mit seiner koper- 368 Das Selbst-Bewusstsein des Integrierten Selbstbewusstseins im Gegensatz zum bloßen Bewusstsein des kindlichen Spielbewusstseins ergibt sich dadurch, dass sich im Integrieten Selbstbewusstsein das Schaffende (das freie Spiel der Vermögen) und das Geschaffene (das Produkt dieses Spiels) voneinander unterscheiden, während sie im kindlichen Spielbewusstsein zusammenfallen. Die Differenz zwischen dem Selbstbewusstsein des Spiels und dem Selbstbewusstsein der Produkte des Spiels ergibt sich aus der Differenz von schon integrierten Inhalten und noch zu integrierenden Inhalten, insofern sich das Spiel als Schaffendes und Integrierendes in und bei der Integration der noch zu integrierenden Inhalte seiner selbst bewusst wird, d.h. sich selbst in der Tätigkeit der Integration wie auch im Produkt dieser Integration immer wieder neu erfährt.418 Das kindliche Spielbewusstsein hingegen hat nichts zu integrieren, weil es in der Entwicklungs- und Sozialisationsgeschichte vor der Auseinanderlegung der Gegensätze im matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein – die dann für das Integrierte Selbstbewusstsein zu re-integrieren sind – statthat. Während das Spielbewusstsein und die in ihm erschlossene Wirklichkeit nur unbewusst reproduziert werden, d.h. gegeben sind, insofern ihrem Schaffen keine Selbstaufmerksamkeit zuteil wird, wird die Produktion der Integration der internen Gegensätze sich selbst zugeschrieben, weil sich durch das Schaffen und als Sich-Schaffendes etwas Neues erzeugt, was so vorher noch nicht da war, d.h. weil im Gegensatz zur Reproduktion der Wirklichkeit im Spielbewusstsein sich eine Neu-Schöpfung des Integrierten Selbstbewusstseins ereignet, das so vorher noch nicht existierte. Das Integrierte Selbstbewusstsein stellt eine vom Spielbewusstsein abgegrenzte und umschlossene „Teilmenge eigenen Gehalts“ des Spielbewusstseins dar419, nikanischen Wende in der Philosophie hat Kant die Einsicht in die Konstruiertheit unserer Wirklichkeit und damit aber auch in uns selbst als Konstrukteure dieser Wirklichkeit ermöglicht (vgl. Von Glaserfeld 1987, S.198), auch wenn unsere Konstruktion – anders als im Konstruktivismus – unserer hier entwickelten Ansicht nach auf die Selbstorganisation der Wirklichkeit transparent sein sollte. 418 Den Lebens- und Integrationsprozess im Menschen und damit auch das Faktum, dass die volle Integration bzw. der Abschluss des Integrationsprozesses das Ende bzw. den Tod des Integrierten Selbstbewusstseins bedeutet, hat Jung anhand des Bildes vom Sonnen-Lauf am Tage veranschaulicht: Die Sonne erreicht zur Mittagsstunde ihren Zenit, um dann die Schritte, die sie vom Sonnenaufgang bis zur Mittagsstunde zurückgelegt hat, von der Mittagsstunde bis zum Sonnenuntergang wieder rückgängig zu machen. Auf den Menschen angewandt heißt das, dass er die andere Seite der Medaille, die er in der Phase der Individuierung ausgebildet hat, im Zuge der Individuation von der Lebenswende (Zenit der Sonne) an verwirklicht, um erst zum Tod die Reintegration der Ganzheit zu vollziehen, damit aber zugleich unterzugehen (vgl. Jung 1995c, S.436f.). 419 Der widersprüchlich erscheinende Ausdruck „Teilmenge eigenen Gehalts“ meint, dass die Elemente des Integrierten Selbstbewusstseins eine Teilmenge der Elemente des Spielbe- 369 dessen Selbst-Unterscheidung vom gleichgültigen, zwischen Selbst und Wirklichkeit nicht unterscheidenden Spielbewusstsein, d.h., dessen Identifkation mit seiner inneren und die Abgrenzung von seiner äußeren Wirklichkeit sich dadurch ergibt, dass es sich der Synthesis seiner Inhalte – im Gegensatz zu der das Spielbewusstsein schaffenden, unbewussten Synthesis des freien Spiels – qua einer sie betreffenden, partiellen Selbstbewusstheit desselben Spiels bewusst ist. Das Sichvon-der-Spielbewusstseins-Wirklichkeit-Unterscheidende des Integrierten Selbstbewusstseins, d.h. das, was es als inneres Selbstbewusstein von der äußeren, durch das Spielbewusstsein erschlossenen, nur bewussten Wirklichkeit unterscheidet, erschließt sich erstens daraus, dass das Integrierte Selbstbewusstsein als ein Selbsterschaffenes verstanden wird und sich als solches von der nur reproduzierten Wirklichkeit des Spielbewusstseins abhebt. Das Integrierte Selbstbewusstsein geht zweitens nicht in der äußeren Wirklichkeit des Spielbewusstseins auf, sondern hebt sich als eine „Teilmenge eigenen Gehalts“ des Spielbewusstseins von ihm ab, insofern sich seine Inhalte nach spezifischen Kriterien der persönlichen Relevanz und individuellen Bedeutsamkeit von allen anderen Inhalten des Spielbewusstseins unterscheiden, die zudem noch nach spezifischen, organismusinternen Maßstäben anders als die Außenwelt, nämlich in einer anderen Grenze und mit einer anderen Struktur, wenn auch auf das gleiche Zentrum hin420, organisiert sind. In demselben freien Spiel der Vermögen synthetisiert, heben sich das innere Integrierte Selbstbewusstsein als innere, individuelle Wirklichkeit und das Spielbewusstsein als die äußere Wirklichkeit – wie wir oben sahen – einerseits voneinander ab, während sie als verwirklichte Ganzheiten andererseits als Variationen des Themas der Ganzheit bzw. als Mikro- und Makrokosmos übereinander abbildbar sind und aufeinander bezogen bleiben. Dem Integrierten Selbstbewusstsein ist wie dem matriarchalen und dem patriarchalem Selbstbewusstsein die Wirklichkeit immer schon im grundlegenden Spielbewusstsein erschlossen. Im Gegensatz zum matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein verzichtet das Integrierte Selbstbewusstsein aber darauf, diese immer schon gegebene Wirklichkeit nach Maßgabe des Grenz- oder Strukturvermögens, d.h. durch Vereinnahmung eines ihrer Aspekte und durch Verdränwusstseins sind, die im Integrierten Selbstbewusstsein aber eine eigene Interpretation erfahren, die sie in einem anderen Licht als in dem des Spielbewusstseins erscheinen lassen. Gleichzeitig bleiben dieselben Elemente des Integrierten Selbstbewusstseins in der dem Spielbewusstsein eigentümlichen Interpretation parallel im Spielbewusstsein erhalten. 420 Das Zentrum des Spiels des Menschen ist im Sinne dessen, dass alle Organismen Variationen des Themas der Ganzheit sind und sich übereinander abbilden lassen, potentiell identisch mit dem Zentren aller anderen Organismen wie des Universums, des Ökosystems Erde, usw. (vgl. Hölzel 2008a, S.128f., Eliade 1998, S.53). 370 gung des anderen Aspekts, zuzurichten. Die Zurichtung führte – wie wir oben sahen - für beide Selbstbewusstseins-Formationen dazu, dass die vom Spielbewusstsein erschlossene Wirklichkeit in ihrem jeweiligen, dem matriarchalen oder patriarchalen Herrschaftsinteresse sich fügenden Aspekt mit Hilfe von Grenzoder Strukturvermögen subsummiert wird, während der je andere, jeweils entgegengesetzte, sich nicht fügende Aspekt der Wirklichkeit der Verdrängung anheim fällt. Die Integration der Gegensätze bewirkt nun, dass das Integrierte Selbstbewusstsein, wiewohl es als Ganzheit in sich ruht, kein Interesse ausbildet, die vom Spielbewusstsein erschlossene Wirklichkeit in irgendeinem Sinne zuzurichten. Ihm ist die äußere Wirklichkeit durch das Spielbewusstsein daher ganzheitlich, d.h. ohne Verdrängung ihrer jeweils gegengeschlechtlichen Aspekte, erschlossen. Auch ein weiteres Problem, das sich mit der Herausbildung des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins ergibt, wie wir es oben kurz angerissen hatten, löst sich für das Integrierte Selbstbewusstsein: Beide Seiten der für das matriarchale wie für das patriarchale Selbstbewusstsein charakteristischen Opposition von Ich und Wirklichkeit bzw. Innen- und Außenwelt kommen nicht zur Ruhe, weil sie sich jeweils die Anteile der einen Wirklichkeit (Neumann 1992, S.55ff.: Einheitswirklichkeit), von der sie beide je einer von zwei Teilen, nämlich der jeweils Entgegengesetzte, sind, streitig machen (Subjektivismus versus Objektivismus). Der mit dem Selbst-Bewusstsein des matriarchalen und patriarchalen Menschen einhergehende Widerspruch zwischen Ich und Wirklichkeit und zwischen Innenwelt und Außenwelt hebt sich für das Integrierte Selbstbewusstsein auf, insofern die Innenwelt des Integrierten Selbstbewusstseins eine Ganzheit ist, die der Außenwelt der durch das darunterliegende Spielbewusstsein erschlossenen Wirklichkeit, die selbst eine Ganzheit ist, nicht als dem Anderen ihrer Selbst gegenüber steht, sondern beide Welten sich übereinander abbilden lassen, d.h. Variationen des Themas der Ganzheit sind. Analog verhält es sich betreffs des Gegensatzes von Ich und Wirklichkeit: Das „Ich“ des Integrierten Selbstbewusstseins ist eine Ganzheit, die wie die „Wirklichkeit“ des Integrierten Selbstbewusstseins, d.h. die durch das Spielbewusstsein erschlossene Wirklichkeit, eine Variation zum Thema der Ganzheit ist.421 421 Damit wären die Voraussetzungen für das, was Nagel eine „“autotranszendente“ Weltbeschreibung“ nennt, die er für „vermutlich unerreichbar“ hält, erfüllt: „Wir können nur den Versuch machen, die Beschreibung unserer eigenen Stellung in der Welt ein Stück weit zu vervollständigen – also einen objektiven Standpunkt zu entwickeln. Die Grenze, auf die eine solche Entwicklung sich zubewegt, ist vermutlich unerreichbar: eine Weltauffassung, die restlos in sich geschlossen wäre, indem sie eine Welt beschriebe, die ein Wesen enthält, das über ganz genau diese Auffassung verfügt, und die überdies erklärt, wie dieses Wesen von seinem ursprünglichen Ausgangspunkt zu dieser Weltbeschreibung gelangen konnte. Auch wenn wir es einmal zu einer solchen „autotranszendenten“ (damit meine ich: zu einer sich 371 Das Selbst-Bewusstsein des Integrierten Selbstbewusstseins ergibt sich – wie wir sahen – aus der Selbstaufmerksamkeit auf das freie Spiel der Vermögen im bewussten Zusammenwirken von Grenz- und Strukturvermögen, d.h. durch die Identifikation mit Grenz- und Strukturvermögen (bzw. mit Grenze und Struktur/ Zentrum des Organismus), und auf das Produkt seiner Integrations-Arbeit, d.h. auf den zu einer neuen Gestalt synthetisierten Gegensatz im Moment seiner Synthese. Die Differenz zwischen dem Vermögen zur Tätigkeit und dem Produkt der Tätigkeit ist die Quelle für die Selbstbewusstheit, die sich durch den Widerstand des Zu-Integrierenden als Aufmerksamkeit und Spannung aufbaut, sich in der Tätigkeit des Integrierens selbst spürt und ihrer selbst bewusst wird, um sich im Moment der Integration als Lust der Entspannung wahrzunehmen, deren Endlichkeit wiederum das Ende der Selbstbewusstheit bewirkt. Integrationsaufgaben stellen die Widerfahrnisse des alltäglichen Lebens und das eigene Unbewusste (Integration von Grenzvermögen/ Grenze des Organismus bzw. Strukturvermögen/ Zentrum bzw. Struktur des Organismus ins freie Spiel der Vermögen) allerdings genug, als dass mit einem Ende eines Integrationsprozesses ein Ende der selbst transzendierenden) Weltbeschreibung brächten, gäbe es für ihre Richtigkeit nie eine Gewähr. Sie würde sich zwar als eine Möglichkeit nahelegen, doch die skeptischen Möglichkeiten blieben immer noch offen. Wir können niemals mehr tun als ein Weltbild erzeugen, das korrekt sein könnte. In Wirklichkeit ist also der Skeptizismus eine Position, die sich über unsere Lage im klaren ist, wenn er uns auch nicht davon abhalten wird, so etwas wie das Projekt des Erkennens weiterzuverfolgen; denn es ist unser natürlicher Realismus, der es uns unmöglich macht, uns mit einer rein subjektiven Auffassung zufriedenzugeben. (…) Eine „autotranszendente“ Weltbeschreibung hätte, um eine Alternative zu den vorstellbaren und nicht vorstellbaren skeptischen Möglichkeiten darzustellen, im Idealfall die folgenden vier Fragen zu klären: (1) wie die Welt beschaffen ist; (2) wie wir selbst verfasst sind; (3) warum die Welt Wesen wie uns in bestimmten Hinsichten erscheint, wie sie ist, und in anderen Hinsichten, wie sie nicht ist; (4) wie Wesen wie wir zu einer solchen Weltbeschreibung gelangen können.“ (Nagel 1992, S.129f.). Ohne anmaßend erscheinen zu wollen, vermuten wir, diese vier Ansprüche an eine „“autotranszendente“ Weltbeschreibung“ mit unserer Spiel-Theorie der Wirklichkeit und unseres Selbst- und Wirklichkeitsverhältnisses erfüllt zu haben, die sich uns selbst als solche allerdings erst im Selbstverhältnis der Medialität als eine solche erschließt. Die „autotranszendente Weltbeschreibung“ - wie sie Nagel andenkt – ist nur unter der Bedingung zu haben, dass das matriarchale wie patriarchale Selbstbewusstsein seine Subjektivität aufgibt und aufhört, die Dinge auf sich zu beziehen und d.h. nur auf Grundlage einer Selbsttransformation in das Selbstverhältnis der Medialität. Dass ein Subjekt eine Weltbeschreibung entwirft, die alle Phänomene zu integrieren erlaubt und sich und sein Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis als Teil dieser Welt erklären kann, wäre dagegen nur möglich, wenn es im Sinne des Solipsismus keine Außenwelt gäbe. Ansonsten hat jede subjektive Weltbeschreibung den konstitutiven Mangel, einen blinden Fleck im Rücken des Subjekts zu haben, d.h. die Wirklichkeit – die unabhängig vom Subjekt in sich west und nur um den Preis des Solipsismus als ein Produkt des menschlichen Geistes verstanden werden kann – auf sich hin zu ordnen, d.h. ihre Wahrheit zu verfälschen, was zwangsläufig zu unauflösbaren Widersprüchen in der Weltbeschreibung führt. 372 Selbstbewusstheit des Integrierten Selbstbewusstseins vor dem Ende des individuellen Lebens droht. Der Integrationsprozess des Unbewussten ist schon deshalb bis zu gewissen Schranken der leiblichen Flexibilisierung und Verlebendigung (wie sie durch die leiblichen Vereinseitigungen und Verspannungen im Zuge der Matri- bzw. Patriarchalisierung entstanden sind) vertiefbar, insofern sich das freie Spiel der Vermögen in seiner Intensität und Qualität verstärken kann: Das Quantum an Selbstorganisationskraft und die Selbstaufmerksamkeit, Selbsttransparenz und Rhythmik des Ineinandergreifens der Vermögen können sich wechselseitig steigern, so dass sich die Lebendigkeit der lebenden Gestalt des Menschen, die sie zeugen, vertieft. Analog dazu ist die Selbstbegrenztheit bzw. Selbstabgrenzung und die Selbstdifferenziertheit des Organismus vertiefbar. Nicht zu vergessen ist schließlich, dass mit der vertieften Integration des Unbewussten und der damit einhergehenden Selbsterschließung als Mikrokosmos eine entsprechende Neu-Interpretation des Makrokosmosses einhergeht, die einen weiteren Aspekt der Integrations-Arbeit ausmacht.422 X.5.2 Die Integration der Vermögen von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein (Synthesis und Wahrnehmung) Die Synthesis kann drei verschiedene Gruppen von Zu-Synthetisierendem umfassen: So kann erstens die Gruppe von Sinnesreizen reproduktiv synthetisiert werden, die uns die Wirklichkeit so, wie sie uns in unserer Wahrnehmung erscheint, in ihren einzelnen Gegen-Ständen und in ihrer Gesamtheit erschließt. Zweitens kann sie die Gruppe von Sinnesdaten umfassen, die wir zu einem möglichst konsistenten Selbst- und Wirklichkeitsverständnis produktiv zu synthetisieren, d.h. hier kausal, ganzheitlich und organisch zu verknüpfen suchen. Und drittens kann sie die Gruppe von Sinnesdaten, Phantasie-Daten und Gegen-Stände umfassen, die wir in produktiver Schöpferischkeit und Kreativität zu neuen Arrangements synthetisieren, was die ersten beiden Varianten, d.h. sowohl die Reproduktion als auch die Produktion im Rahmen der Synthesis, implizieren kann. Das Integrierte Selbstbewusstsein zeichnet sich – um mit der Wahrnehmung der Außen- und Innenweltereignisse bzw. der Wirklichkeits-Erschließung zu beginnen – durch die ästhetische Wahrnehmung der reflektierenden Urteilskraft aus, insofern sie im und durch das freie Spiel der Vermögen entsteht. Die „gewaltlose Synthesis des Zerstreuten“ – als die Adorno die ästhetische Wahrnehmung cha- 422 Vgl. zu diesem Abschnitt Neumann: Die Psyche und die Wandlung der Wirklichkeitsebenen. Ein metapsychologischer Versuch (in: 1992, S.55ff.), dem wir viele Anregungen entnommen haben. 373 rakterisiert und als Gegenmodell zum instrumentellen Denken, wie wir es dem matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstsein unterstellen, einführt (nach Wellmer 1985, S.12) – entdeckt einen Zusammenhang in der Vielheit, die als Sinnesreize von einem Gegen-Stand ausgeht, der in der Vielheit angelegt ist. Ihr gelingt dies, insofern sie im Zusammenwirken von Grenz- und Strukturvermögen die äußere Grenze des Gegen-Standes wie auch seine interne Differenziertheit in Abstimmung aufeinander erfasst (vgl. Abs. II.1). Indem sie gleichzeitig im Zuge ihrer internen Reproduktion des Gegenstandes im freien Spiel der Grenze und der Struktur des Gegen-Standes inne wird und weder Grenze oder Struktur des Gegen-Standes verdrängt, sind ihr auch beide Wahrnehmungsformen, die sich an die Wahrnehmung der Grenze wie der Struktur anschließen, zugleich und in einem gegeben. Dem Integrierten Selbstbewusstsein ist also eine ästhetische Wahrnehmung zueigen, die sowohl die matriarchale Wahrnehmung von Ausdehnungsbzw. Räumlichkeitsunterschieden bzw. die matriarchale Resonanzwahrnehmung, die an die Wahrnehmung der Grenze des Gegen-Standes anschließt (vgl. Abs. X.2), als auch die patriarchale Wahrnehmung der bestimmenden Urteilskraft, die wiederum an die Wahrnehmung der Struktur des Gegen-Standes anschließt (vgl. Abs. X.3), umfasst. Die ästhetische Wahrnehmung des Integrierten Selbstbewusstseins nimmt die Gegen-Stände bzw. auch die es umfassenden, übergeordneten Ganzheiten wie die Wirklichkeit als integrierte, d.h. begrenzte und differenzierte Organismen wahr.423 Der Synthesis des Integrierten Selbstbewusstseins, die sich aus der Integration der matriarchalen und patriarchalen Wahrnehmungs- und Verknüpfungsweisen er- 423 Der hier in Rede stehende Gegen-Stand kann ein einzelnes Ding, aber auch die uns umfassende Wirklichkeit – in der wir immer schon leben – sein. Die Tatsache, ob wir in unserer Wahrnehmung des Gegen-Standes vor einem uns äußerlich gegebenen Gegen-Stand stehen oder ob wir dabei von dem Gegen-Stand wie von der uns umgreifenden Wirklichkeit umfasst werden, macht betreffs seiner Synthesis keinen Unterschied: Im freien Spiel der Vermögen synthetisiert, verstehen wir den Gegen-Stand mimetisch, indem wir ihn in uns reproduzieren, indem wir die Grenze und Struktur unseres Organismus phantastisch auf seine Form hin weiten oder engen bzw. ihn intern differenzieren, d.h., indem wir uns ihm mit ihm verschmelzend anverwandeln. Im Moment des Verstehens bzw. der Synthesis dem Gegen- Stand inne-stehend, spielt es keine Rolle, ob wir uns vor, neben, über oder unter ihm oder eben in ihm befinden. Zwischen der Wahrnehmung eines nebengeordneten bzw. eines uns umfassenden Gegen-Standes besteht nur insofern ein Unterschied, als dass sich die ästhetische Wahrnehmung vom nebengeordneten Gegen-Stand mit der Abwendung unserer Aufmerksamkeit aufhebt, während die Wahrnehmung des uns umgreifenden Gegen-Standes – d.h. die Wahrnehmung bspw. der Wirklichkeit im Ökosystem Erde oder des Universums - , insofern wir ihr als ihr Inne-Stehende die Aufmerksamkeit nicht entziehen können, sondern sie letztlich immer die Aura alles uns in dieser Wirklichkeit Begegnenden ist, erschlossen bleibt. 374 gibt, ist das Vermögen zueigen, eine gegenüber der „Einheit des Verschiedenen“ – wie wir sie mit Kant und Cassirer der patriarchalen Synthesis unterstellten (vgl. Abs. X.3) - wahrhafte Einheit des Verschiedenen zu synthetisieren. Die „Einheit des Verschiedenen“ – wie sie die patriarchalen Synthesis herzustellen vermag – „ergreift fortschreitend das Ganze der Erfahrung, um es in einen logischen Zusammenhang, in eine Ganzes von „Gründen“ und „Folgen“ umzuschaffen“ (Cassirer 2002, S.75). Die Einheit ist hier also eine unterstellte bzw. supponierte Einheit einer in einen einzigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang übersetzbaren Wirklichkeit, die „fortschreitend“ um weitere, kausale Zusammenhänge ergänzt wird, bis sich alle Möglichkeiten der Erfahrung in irgendeiner Zukunft in ihr repräsentiert und fixiert finden. Offenkundig ausgeblendet wird in diesem Wirklichkeitsverständnis der matriarchale Nexus, mit dem sich das matriarchale Selbstbewusstsein die Verbundenheit der Dinge denkt: Die matriarchale Synthesis – der matriarchale Satz vom Grunde - sieht die Dinge in umgrenzten Mengen zusammengefasst, bei denen die übergreifenden Mengen auf die von ihnen umgriffenen Teilmengen ganzheitlich im Sinne einer Mengenraumöffnung oder – Zusammenziehung – d.h. über eine Gewähr oder Reduktion des Raumes zur gestalteigenen Akkomodation bzw. Assimilation – einwirken, wie anders herum die übergreifenden Mengen durch die Raumnahme der Selbstorganisation des von ihr Umgriffenen beeinflusst wird (vgl. Abs. X.2). Die wahrhafte Einheit des Verschiedenen – wie sie sich dem Integrierten Selbstbewusstsein erschließt – entspricht der Verknüpfung dieser beiden, matri- bzw. patriarchalen, inkommensurablen Verknüpfungs-Weisen: Der Organismus der Ganzheit der Wirklichkeit hat sowohl eine äußere Grenze, die auf die von ihm umfassten Inhalte bzw. Gegenstände einwirkt, als auch eine Struktur, die die kausalen Verknüpfungen der von ihm umfassten Gegenstände, die sich im Zuge ihrer Selbstentfaltung wiederum auf die Grenze auswirken können, repräsentiert. Der Unterschied der Synthesis des Integrierten Selbstbewusstseins zur matriarchalen (ganzheitlichen) bzw. patriarchalen (kausalen) Synthesis, die die Wirklichkeit des Organismus der Ganzheit einseitig entweder ganzheitlich oder kausal verknüpft und damit betreffs ihrer Struktur bzw. Grenze verkennt, besteht im Zugleich beider Verknüpfungsformen: Die im Organismus der Ganzheit der Wirklichkeit umfassten Inhalte oder Gegenstände existieren in der Potentialität ihrer Möglichkeiten, die je unterschiedliche Formen ihrer Verknüpfung erlauben. Entsprechend des von der Grenze des Organismus gewährten Raumes zur Entfaltung oder Einschränkung der Selbstorganisation der von ihm umfassten Gegenstände verbinden sie sich untereinander je aktuell gemäß einer spezifischen, kausalen Verknüpfung. Diese spezifische, kausale Verknüpfung ist als eine von den vielen, potentiellen Verknüpfungsmöglichkeiten von der Weite bzw. Enge des zur Selbstentfaltung zur Verfügung stehenden Raumes bzw. durch dessen Inanspruchnahme oder Verände- 375 rung durch die Selbstorganisation der Gegenstände abhängig und wird bei seiner Weitung oder Engung entsprechend aktualisiert. Das Integrierte Selbstbewusstsein nun, das als Ganzheit und Variation des Organismus der Ganzheit der Wirklichkeit, die beide in der axis mundi zentriert sind und von derselben Selbstorganisationskraft organisiert werden, steht dem Organismus der Ganzheit der Wirklichkeit inne und vollzieht seine Synthesis wie er im freien Spiel der Vermögen. Die Synthesis des Integrierten Selbstbewusstsein lässt sich demgemäß als organische Synthesis qualifizieren, die – entsprechend der je aktuellen, von der Ganzheit des Organismus der Wirklichkeit qua Weitung oder Engung seiner Grenze abhängigen, kausalen Verknüpfung seiner Gegenstände und Inhalte – die kausalen Verknüpfungen innerhalb der Wirklichkeit entsprechend dieser Weitung bzw. Engung, die sie als ganzheitlichen Wirkfaktor mit wahrnimmt, immer neu synthetisiert. Die organische Synthesis des Integrierten Selbstbewusstseins schafft eine wahrhafte Einheit des Verschiedenen, indem sie – im Gegensatz zur patriarchalen Synthesis, die der Wirklichkeit eine immer gleiche, kausale Verknüpftheit unterstellt bzw. aufzwingt – das Ganze der Wirklichkeit zwar (wie die patriarchale Synthesis) auch in Gründe und Folgen umschafft, diese kausalen Verknüpfungen aber immer wieder an die Wandlungen des Organismus der Ganzheit der Wirklichkeit anpasst, indem sie zugleich (wie die matriarchale Synthesis) die Weitungen und Engungen seiner Grenze mitvollzieht und die entsprechende Reinterpretation der kausalen Verknüpfung ihrer Inhalte mit vornimmt. Die Art und Weise der Schöpferischkeit des Integrierten Selbstbewusstseins vereinigt wiederum die Qualitäten der matriarchalen und patriarchalen Schöpferischkeit, die zu zwei Momenten ihrer aus dem freien Spiel entspringenden Kreativität werden. Die matriarchale Schöpferischkeit hatten wir als heteronom-eingegrenzte Kreativität qualifiziert, die mit Hilfe der Weitung und Engung ihrer Grenze, d.h. mit Hilfe des Grenzvermögens, Gegenstände innerhalb ihrer Grenzen (d.h. nur eingegrenzt auf das von ihren Grenzen Umfasste) heteronom (in Abhängigkeit von dem es Umfassenden) schafft oder verwandelt (vgl. Abs. X.4). Die patriarchale Schöpferischkeit hingegen wurde von uns als autonom- universal charakterisiert, die mit Hilfe des Strukturvermögens universale Strukturen autonom entoder verwirft, wobei ihre Autonomie allerdings illusorischen Charakter hat, insofern die Strukturentwürfe nicht auf die Wirklichkeit abgestimmt sind, somit letztlich Phantasie-Produkte bleiben und immer wieder – entgegen allen Anscheins von Autonomie – von der Wirklichkeit eingeholt werden (vgl. Abs. X.4). Die Schöpferischkeit des Integrierten Selbstbewusstseins entspringt dem freien Spiel der Vermögen im Zusammenstimmen von Grenz- und Strukturvermögen, d.h. sie vollzieht sich als Selbstorganisation des Organismus, die produktiv wie reproduktiv eigene Schöpfungen hervorbringt, die sich – wiewohl Schöpfungen immer 376 Selbstobjektivationen sind, das Integrierte Selbstbewusstsein aber eine Ganzheit ist - als Variationen zum Thema der Ganzheit aber immer in die Grenzen der Wirklichkeit des Organismus der Ganzheit fügen bzw. auf ihn abgestimmt sind. Das Schaffen des Integrierten Selbstbewusstseins ist für sich frei (autonom), wie es an sich notwendig (heteronom) ist: Sich in seinem Schaffen für sich frei objektivierend, entspricht sein Schaffen an sich der Notwendigkeit seiner Selbstorganisation, deren Objektivation die seine ist und die er als die seine empfindet. Sein Schaffen ist im Gegensatz zum matriarchalen Schaffen autonom und universal, während es im Gegensatz zum patriarchalen Schaffen nicht der Hinfälligkeit anheim fällt, insofern es bei aller Freiheit doch auch mit der Notwendigkeit der Wirklichkeit, in die es eingebunden bleibt, abgestimmt ist und nicht von ihr eingeholt wird. Außerdem ist seinen Schöpfungen im Gegensatz zu den Schöpfungen des patriarchalen Selbstbewusstseins der Charakter der zeugenden Lebendigkeit zueigen, insofern sie – der Ganzheit seines Spiels und seines Organismusses entspringend – selbst Ganzheiten sind. Die Freiheit der Schöpferischkeit des Integrierten Selbstbewusstseins liegt in der Selbstverwirklichung seines Organismusses, der immer schon in die Ganzheit der Wirklichkeit eingelassen ist und mit ihr in einem Determinations-Zusammenhang steht, auch wenn und indem er sich in den Grenzen dieses Determinations-Zusammenhangs – seinem Selbstempfinden nach – frei entfaltet. Im Gegensatz zum matriarchalen wie patriarchalen Selbstbewusstsein, deren Denk- und Handlungsformen instrumentellen Charakter haben, zeichnet sich das Integrierte Selbstbewusstsein durch ein ganzheitliches Denken und Handeln424 aus, insofern es aufgrund seiner Integriertheit angstfrei ist, daher kein Motiv für eine instrumentelle Zurichtung der Wirklichkeit hat, darüber hinaus aber vor allem in seinem Denken und Handeln als Ganzheit, die eine Variation der Ganzheit des Wirklichkeits-Organismusses ist, in Abstimmung mit ihr agiert und aus ihr heraus in seinem Denken und Handeln dirigiert wird.425 424 Das ganzheitliche Denken und Handeln des Integrierten Selbstbewusstseins ist nicht zu verwechseln mit der matriarchalen, ganzheitlichen Synthesis: Im Denken und Handeln hat das matriarchale wie das patriarchale Selbstbewusstein einen instrumentellen Charakter. 425 Neumann schreibt (1992, S.82): „In dem Modell, von dem wir heute ausgegangen sind, wird unterhalb des archetypischen das Vorhandensein eines weiteren Feldes angenommen, das ich als „Selbst-Feld“ bezeichnet habe. Wir erfahren das Selbst nicht nur als Zentrum der Psyche, sondern auch als die transgressive Ganzheit der Persönlichkeit, welche in der Zentroversion die Entwicklung des Ich und die Individuation dirigiert und schicksalsmäßig die Einheit der Lebensprozesse des Individuums und seiner Auseinandersetzung mit der Welt in hohem Maße steuert.“ 377 Die Anschauungsform des Raumes des Integrierten Selbstbewusstseins entspricht dem Miteinander der Anschauungsformen des Raumes des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins: Der patriarchale Wirklichkeits-Raumes der euklidischen Geometrie, d.h. das Nebeneinander der Dinge, ist dem Integrierten Selbstbewusstsein in der ästhetischen Erschlossenheit der Wirklichkeit im Sinne des Nebeneinanders der Gegen-Stände, wenn auch nicht im Sinne ihrer exakten Verortung im euklidischen Geometrie-Raum426, gegeben. Das Ineinander des matriarchalen Ereignis- bzw. Möglichkeits-Raumes ist damit aber nicht ausgeschlossen, sondern ist gleichzeitig gewährleistet, insofern alle Organismen, d.h. alle vom Integrierten Selbstbewusstsein wahrgenommenen Gegen-Stände, Variationen zum Thema der Ganzheit und übereinander abbildbar sind. Der Widerspruch – den das zu beinhalten scheint – löst sich auf, insofern die ästhetische Wahrnehmung jeden Gegen-Stand, dem sie sich zuwendet, in seiner Ganzheit wahrnimmt. Die Ganzheit eines konkreten Gegen-Standes nämlich enthält potentiell alle anderen Ganzheiten aller anderen, möglichen Gegenstände, insofern sie alle derselben Selbstorganisationskraft entstammen, dem gleichen freien Spiel der Vermögen entspringen und sich analog im Sinne eines begrenzten und strukturierten Organimus organisieren. Die ästhetische Wahrnehmung eines Gegen- Standes erschließt folglich zugleich qua seiner Potentialität als Ganzheit bzw. Organismus die Wahrnehmung aller anderen, möglichen Gegen-Stände, so dass sie, wiewohl sie nebeneinander im Raum angesiedelt sind, wendet man sich einem einzelnen Gegen-Stand zu, zugleich im Möglichkeitsraum ineinander stehen und auseinander hervorgehen (Nebeneinander und Ineinander). Man könnte den Raum – der sich aus der Anschauungsform des Integrierten Selbstbewusstseins ergibt – auch als „einheitlich-erfüllten“ Raum im Gegensatz zum „uneinheitlichen“ Raum427 des matriarchalen und zum „leeren“ Raum428 des patriarchalen Selbstbewusstseins verstehen. 426 Der Raum der euklidischen Geometrie ist der ideel konstruierte Raum des Koordinatensystems, das von allen Besonderheiten und Falten im wirklichen Raum abstrahiert und als solches ein gegenüber der Wahrnehmung des Nebeneinanders der Gegen-Stände späteres Produkt der einseitigen, patriarchalen Aneignung des Strukturvermögens ist, das bar jeder Rückbindung an die Wirklichkeit dieser Wirklichkeit sein Strukturschema oktroyiert und dabei die spezifischen Grenzen und Auren der den Raum ausfüllenden Gegen-Stände, d.h. ihr Eigenleben und ihre Atmen im Rahmen ihrer Potentialität, mißachtet. Als solche ist diese Koordinatensystem-Konstruktion nicht mit unserem hier entfalteten Paradigma der Selbstorganisation und des Spiels vereinbar ist. 427 Der Raum des matriarchalen Selbstbewusstseins ist „uneinheitlich“, weil er – abhängig von der Zusammenziehung und Weitung der jeweils umfassenden Organismen – variiert, ohne dass dabei – wie im Raum des Integrierten Selbstbewusstseins – simultan die interne Struktur des vom umfassenden Organismus umschlossenen Raumes wahrgenommen wird, die zwar entsprechend zusammengepresst oder geweitet wird, aber ihrer Struktur nach erhalten bleibt, d.h. ihre Einheitlichkeit in der Zusammenpressung oder Weitung bewahrt. 378 Die Anschauungsform der Zeit des Integrierten Selbstbewusstseins enspricht dem Miteinander der Anschauungsformen der Zeit des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins: Die matriarchale Anschauungsform der Zeit als „Nunc stans im Mittelpunkt des (zyklischen – A.d.V.) Rades der Zeit“ (Schopenhauer 1997, B.2, Kap.41, S.639) ist dem Integrierten Selbstbewusstsein zueigen, insofern es alles Geschehen – selbst im zyklischen Spiel gegründet und in der Mimesis Aions aufgehend - im Universum als zyklisches „Werden und Vergehen, (…) Bauen und Zerstören“ (Nietzsche 1994, S.34) aus dem Spiel des Aions heraus bzw. als Wechsel von Selbstorganisation und Chaos versteht, während es selbst simultan im Nunc stans der Tätigkeit des Spielens aufgehoben ist. Die patriarchale Anschauungsform der Zeit als Nacheinander der Ereignisse wiederum ist dem Integrierten Selbstbewusstsein in der Eigenzeit seiner eigenen Selbstentwicklung gegeben, ohne dass es sich dabei allerdings um ein Nacheinander im Sinne der Linearität und Unendlichkeit der Zeit handeln würde429. Das patriarchale Nacheinander der Ereignisse ist mit dem matriarchalen Zyklus der ewigen Wiederkehr mithilfe des Zeitverständnisses der Eigenzeit (vgl. Nowotny 1993) – wie es der Organismus bzw. das Integrierte Selbstbewusstsein im freien Spiel der Vermögen aus sich hervor bringt - vereinbar. „Eigenzeit“ meint hier etwas Doppeltes: Sie entspricht einerseits der im Vergleich zur linearen Zeit relativen Zeit des Wachsen und Gedeihens, der Begegnungen und Integrationen, die ein Organismus als Zeit seiner Selbstentwicklung aus sich und für sich schafft. Andererseits umfasst sie – auf einer übergeordneten Selbstbewusstseins-Ebene – das Bewusstsein seiner Lebens-Zeit von seiner Geburt bis zu seinem Tod, d.h. das Bewusstseins des Zyklusses, den der Organismus im Laufe seiner Selbstentwicklung durchläuft. Die Eigenzeit des Integrierten Selbstbewusstseins erlaubt es, das Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit – das ja eine Herausgenommenheit aus dem Fluss der Zeit bedeutet – mit dem Nacheinander der Eigenzeit des Orga- 428 Der Raum des patriarchalen Selbstbewusstseins hingegen ist „leer“, insofern erstens den Gegen-Ständen durch die patriarchale Verdrängung der Grenze ihre Konturen genommen sind und zweitens die Verbundenheit der Gegen-Stände mit den sie umgreifenden Ganzheiten verdrängt wird. Zusammengenommen bleibt dem patriarchalen Selbstbewusstsein so der lebendige, atmende Zusammenhang aller Gegen-Stände verborgen, wie er durch ihre Wechselwirkungen durch ihre jeweilige Ausdehnung und Zusammenziehung, die sie jeweils wiederum in ein entsprechendes Weiten oder Engen ihrer Grenzen zwingen, zustande kommt. 429 Die lineare, mithilfe von Zeiteinheiten unterteilte, zumindest heutzutage weitestgehend exakt mithilfe einer Atomuhr geeichte Zeit ist ein gegenüber dem Nacheinander der Ereignisse späteres, ideeles Produkt des im Patriarchismus einseitig angeeigneten Strukturvermögens, das qua seiner Gleichschrittigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Organismen und ihrem organischen, eigenzeitlichen Sich-Entwickeln „Leben tendenziell verstümmelt“ (Theunissen 1992, S.301) und als solches nicht mit unserem hier entfalteten Paradigma der Selbstorganisation und des Spiels vereinbar ist. 379 nismus zu vereinen, insofern der Organismus die Zeit autopoietisch aus seinem freien Spiel der Vermögen hervorbringt und im Nacheinander der Momente seiner Selbstentwicklung trotzdem in jedem Moment bei sich, d.h. im Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit ist. Insoweit ist die Eigenzeit des Integrierten Selbstbewusstseins nur eine subjektive Zeit. Zwar hat jeder Organismus seine eigene Eigenzeit; trotzdem überlagern sich aber objektiv im Gesamtgeschehen des Universums die verschiedenen Zyklen der Organismen. Die Objektivität einer Zeit, die für alle Organismen in individuell anver- und abgewandelter Art und Weise gilt, ergibt sich nun – wie wir eingangs andeuteten – daraus, dass der einzelne Organismus als Variation zum Thema der Ganzheit – die alle Organismen potentiell in sich enthält – ein simultanes Verständnis für die Eigenzeiten der anderen Organismen und damit für die objektive, zyklische Wiederkehr des Gleichen hat, die dem Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit entspringt. Dem Integrierten Selbstbewusstsein ist eine Anschauungsform der Zeit zueigen, die die Zeit sowohl in ein zyklisch zurückgebundenes Nacheinander der Eigenzeit gliedert, als auch, im Nunc stans dieses Zyklusses, d.h. in der Ewigkeit, aufgeht. Man könnte diese Zeit des Integrierten Selbstbewusstseins auch als organische, zyklisch-offene Zeit bezeichnen, die der zyklisch-geschlossenen430 Zeit des matriarchalen und der linear-verlorenen431 Zeit des patriarchalen Selbstbewusstseins gegenüber steht. Die Anschauungsformen von Raum und Zeit – wie sie dem Integrierten Selbstbewusstsein eigen sind – ergeben zusammengenommen noch eine wesentliche Veränderung gegenüber den Anschauungsformen des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins: Die Anschauungsformen des Matriarchats stehen zusammengenommen unter dem Paradigma des Raumes, von dem die Zeit des Matriarchats, d.h. die zyklische Wiederkehr, dominiert wird. Wie das Matriarchat kein Bewusstsein des Nacheinander der Ereignisse entwickelt hat, so macht sich der Zyklus immer nur räumlich geltend: Tages- und Nachtzeiten schaffen je Lebens- und Schlafraum, so wie die unterschiedlichen Jahreszeiten verschiedene Lebensräume mit unterschiedlichen, spezifischen Lebens-Bedingungen schaffen. 430 Die Zeit des Matriarchismus ist „zyklisch-geschlossen“, insofern sie dem matriarchalen Selbstbewusstsein zwar vergönnt, in der Ewigkeit des Moments im Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit aufzugehen, aber nicht erlaubt, an sich und allen anderen Organismen eine Selbstentwicklung als ein Nacheinander der Selbstentwicklungsstufen in Eigenzeit wahrzunehmen. 431 Die Zeit des Patriarchismus ist „linear-verloren“, insofern der einzelne Moment von Erfüllung in einer der subjektiven Erfüllung gegenüber gleichgültigen, unendlichen Reihe von Momenten immer schon verloren ist, d.h., das lineare Fortschreiten der Zeit ihre Erfülltheit aufzehrt (vgl. Hölzel 2008a: „Das melancholische Leiden unter der Herrschaft der Zeit“, S.33ff.). 380 Die Anschauungsformen des Patriarchats hingegen stehen zusammengenommen unter dem Paradigma der linearen Zeit, die das Geschehen im Raum bestimmt, insofern sie durch die Unerträglichkeit ihrer schlechten Unendlichkeit das Phantasma eines endzeitlichen Gottesreiches entwirft, dessen Konstruktion und Vorbereitung im Raum die Eigenräumlichkeit des Schon-Gegebenen untergeordnet wird, so dass die Zeit den Raum dominiert. Im Integrierten Selbstbewusstsein nun gibt es eine solche, jeweilige Unterordnung – wie sie für das Matriarchat und das Patriarchat gilt – nicht. Stattdessen kommt es zu einer Verräumlichung der Zeit und einer Verzeitlichung des Raumes: So wie die Zeit ganz in das räumliche Geschehen des Explodierens und Implodierens des Universums (des Aus- und Einatmung des Organismusses, der Ent- und Anspannung des Leibes) im Spiel des Aion hinein geholt wird, so wird andersherum dieses räumliche Geschehen des Spiels ganz dem Rhythmus der Eigenzeit der kosmischen Selbstorganisation überantwortet. X.5.3 Die Integration der Modi des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins „Der Mensch“ – so schreibt Kierkegaard in seinem Spätwerk Die Krankheit zum Tode (1992, S.8ff.) – „ist eine Synthesis von Unendlichkeit und Endlichkeit, von dem Zeitlichen und dem Ewigen, von Freiheit und Notwendigkeit“, und dieser seiner Synthesis-Struktur kann er nur gerecht werden, sie kann er nur ins „Gleichgewicht“ bringen, indem er sich „durchsichtig in der Macht, welche es gesetzt hat (d.h. – zumindest bei Kierkegaard – in Gott – A.d.V.), gründet“. Unser Interpretationsansatz in Bezug auf dieses Theorem Kierkegaards ist, dass sich die Gründung des Selbst in Gott durch die Gründung des Selbst im freien Spiel der Vermögen ersetzen lässt – und zwar so, dass das, was eine Gründung in Gott nach Kierkegaard bringt, sich auch durch eine Gründung im Spiel erfüllt.432 Dem ungeachtet können wir Kierkegaard für unseren Zusammenhang hier aber entlehnen, dass es zur Integration der polaren Modi seines Selbstverhältnisses wie Unendlichkeit und Endlichkeit, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Freiheit und Notwendigkeit bzw. Möglichkeit und Wirklichkeit einer dritten, unabhängigen Instanz im 432 Im Zusammenhang dieser Arbeit kann nicht erörtert und entschieden werden, inwiefern sich Kierkegaards Gründung in Gott in seinem Sinne als eine Gründung im Spiel interpretieren lässt. Zur Beantwortung dieser Frage müsste untersucht werden, ob es sich bei Kierkegaards „Gott“ im traditionell- patriarchalen Sinn um die Inkorporation des Geistes als einer Seite des Geist-Natur-Dualismus handelt oder ob er ein Synonym für die Geist-Natur-Einheit darstellt. Unabhängig davon kann das Spiel aber die Funktion erfüllen, die Gott in diesem Zusammenhang für Kierkegaard hat (vgl. Abs. XII.1). 381 Menschen bedarf, die fähig ist, diese Synthese zu vollziehen: „Das Selbst kann durch sich selber nicht zu Gleichgewicht und Ruhe gelangen oder darinnen sein, sondern alleine dadurch, dass es, indem es sich zu sich selbst verhält, zu demjenigen sich verhält, welches das ganze Verhältnis gesetzt hat“ (ebd., S.9). Diese dritte, unabhängige Instanz stellt für uns das freie Spiel der Vermögen bzw. genauer die in ihm wirkende Selbstorganisation dar. Während dem matriarchalen Selbstbewusstsein die Modi Endlichkeit, Ewigkeit, Notwendigkeit und Wirklichkeit zueigen sind, lebt das patriarchale Selbstbewusstsein in der Illusion der Modi von Unendlichkeit, Zeitlichkeit und Freiheit und Möglichkeit (vgl. Abs. X.4). Das Integrierte Selbstbewusstsein – wiewohl es aus dem reintegrierten freien Spiel der Vermögen hervorgeht – zeichnet dagegen die Integration der polaren Modi des Selbstverhältnisses aus. Wiewohl das Integrierte Selbstbewusstsein sich in seine Endlichkeit schickt, d.h. in der Konkretion seines Leibes aufgeht und ihn annimmt, hat es in der Identifikation mit der Selbstorganisation und als Variation der Ganzheit der Wirklichkeit doch teil an deren Unendlichkeit, insofern die Selbstorganisation in aller Unendlichkeit immer neue Variationen zum Thema der Ganzheit hervorbringt. Sein Zeitverständnis der Eigenzeit integriert – wie wir oben sahen – sowohl das Nunc stans im Zyklus der Wiederkehr des matriarchalen Zeitverständnisses (Ewigkeit) als auch das Nacheinander des patriarchalen Zeitverständnisses (Zeitlichkeit). Das Integrierte Selbstbewusstsein schafft darüber hinaus die Integration von Möglichkeit und Wirklichkeit, insofern es im freien Spiel der Vermögen gegründet, sich selbst als Varation zum Thema der Ganzheit in der Potentialität seiner Möglichkeiten erfährt, gleichzeitig aber, insofern das Spiel „Tätigkeit als Ruhe“ (Dörflinger 1990, S.76) bzw. Selbstzweck ist, die eine lustvolle Selbstgenügsamkeit bzw. ein „uninteressierte(n)(s) (interesseloses) Wohlgefallen“ (Kant 1990, §2, S.41) entbinden, die Möglichkeit, die es aktuell lebt, gerade auch vor dem Hintergrund aller anderen Möglichkeiten in ihrer Besonderheit wertzuschätzen und (im Bewusstsein vom Ganzen aller Möglichkeiten als Variationen zum selben Thema) im Besonderen der gewählten Möglichkeit sich konkret ohne Ablenkung zu verwirklichen. Die gelungene Integration des Integrierten Selbstbewusstseins erlaubt einerseits aufgrund ihrer Ganzheit, alle Variationen zur Ganzheit als Möglichkeiten potentiell leben zu können, insofern keine mangelnde Integration auf eine noch zu leistende Integrationsarbeit verpflichtet und in allem, was man tut, immer wieder nur zur ausstehenden Integration als einer unumgänglichen Wirklichkeit drängt. Andererseits verlieren alle anderen Möglichkeiten die Faszination, die das Integrierte Selbstbewusstsein vom Verwirklichen seiner gewählten Möglichkeit abbringen könnte, insofern in der konkret verwirklichten Mög- 382 lichkeit alle anderen Möglichkeiten wie Variationen zum Thema angelegt und mit verwirklicht sind.433 Während das nicht-integrierte (matri- bzw. patriarchale) Selbstbewusstsein an sich keine Wahl zwischen alternativen Möglichkeiten hat (auch wenn sich das patriarchale Selbstbewusstsein dies in Verkennung seiner Determination einbildet), insofern es von innen zur Integration und zum alternativlosen Weg der Integration gedrängt wird434, eröffnen sich diese alternativen Möglichkeiten mit der Integration paradoxerweise in dem Moment, in dem es kein Motiv mehr gibt, überhaupt Alternativen anzustreben. Das Integrierte Selbstbewusstsein ist im Modus von Möglichkeit und Wirklichkeit, insofern in seiner konkret „gewählten“ Möglichkeit, die zu seiner Wirklichkeit wird, alle anderen Möglichkeiten als Variationen mit verwirklicht sind. Auch die Integration von Freiheit und Notwendigkeit ist dem Integrierten Selbstbewusstsein vorbehalten. Während das matriarchale Selbstbewusstsein unter der Notwendigkeit des Determinations-Zusammenhanges leidet, insofern es aufgrund seiner mangelnden Integration in ihm nicht zum Selbstzweck und Selbstgenügen finden kann, und das patriarchale Selbstbewusstsein sich frei wähnt, während es immer wieder von der Notwendigkeit eingeholt wird und aufgrund seiner Selbstverblendung sich immer tiefer ins Unglück einer leidvollen (da unfreiwillligen), irgendwann vom Unbewussten erzwungenen Integration verstrickt, empfindet das Integrierte Selbstbewusstsein die Notwendigkeit als Freiheit. Die Selbstorganisation des Organismusses im Sinne einer Integration seiner Ganzheit erfolgt einerseits mit Notwendigkeit, ist andererseits aber auch Ausdruck seiner Freiheit, insofern sie seine Selbst-Verwirklichung und Selbst-Erfüllung in Abstimmung mit der Um- und Mitwelt intendiert und mit sich bringt. Freiheit ist Einsicht in die und 433 Vgl. Hölzel 2008a, S.62ff. u. Hölzel 2008b, S.78ff.. 434 Das nicht- integrierte Selbstbewusstsein ist auf die Integration und damit auf den Weg der Integration verpflichtet, insofern sein Organismus qua seiner Selbstorganisation zu ihr und damit zur Reintegration der Ganzheit drängt. Auch wenn es – wie das patriarchale Selbstbewusstsein – meint, einen selbstgewählten Weg gehen zu können, wird es unbewusst immer wieder dahin gedrängt, das Problem der Nicht-Integration zu wiederholen, um es schließlich im Sinne der Integration zu lösen. So werden bspw. Männer bzw. Frauen, die die ödipale Phase der Kindheit nicht im Sinne einer Integration des Mutter- bzw. Vaterbildes abschließen konnten, in ihrem späteren Leben ihre Partner immer wieder nach der Mutterbzw. Vaterimago auswählen, um über den Partner die verlorene Mutter bzw. den verlorenen Vater nachträglich zu integrieren. Menschen, die es vermochten, in ihrer ödipalen Entwicklungsphase das Mutter- bzw. Vaterbild zu integrieren, entwickeln dagegen ein freies, inneres Bild des Gegengeschlechts (Anima bzw. Animus) und sind entsprechend frei in ihrer Partnerwahl, d.h. nicht gezwungen, in der wiederholenden Auseinandersetzung mit ihrem Mutter- bzw. Vaterbild über den Partner das Bild des Gegengeschlechts zu verinnerlichen. 383 genußvolles Selbsterleben der Notwendigkeit der Selbstorganisation.435 Freiheit im Sinne der Willkür-Freiheit des patriarchalen Selbstbewusstseins ist nicht nur der Weg in die Selbstverstrickung, sondern darüber hinaus – wie Schelling in seiner Freiheitsschrift (1997, S.70ff.) zeigt – der Ursprung des Bösen, dessen Quelle Schelling im Sich-Verschließen gegenüber den Ansprüchen Gottes sieht, wir dagegen im Sich-Verschließen gegenüber den Ansprüchen der Selbstorganisation zur Integration verorten. Die zentrale Spezifikation in der in eins setzenden Verknüpfung von Freiheit und Notwendigkeit muss betreffs des Begriffs der „politischen Freiheit“ erfolgen, deren Grundbegriff wiederum die „Autonomie des Menschen“ bildet bzw. die sich aus dem „Grundrecht auf Selbstbestimmung“ ableitet. Menschen müssen die Freiheit haben, sich vor mitmenschlichen oder staatlichen Übergriffen und Versuchen der Fremdbestimmung zu schützen, insofern im Sinne einer tieferen, nicht patriarchalen Begründung, aus der sich die Grundrechte auf Autonomie und Selbstbestimmung ableiten – nur jeder Organismus und die sich in ihm äußernde Selbstorganisation selbst „wissen“ kann, was er je zu seiner Integration braucht und wie er in ihrem Sinne zu handeln hat. Zur freien und im Sinne der Integration gelingenden Selbstorganisation der Menschen (und aller anderen Organismen) ist es dementsprechend notwendig, dass sie sich jeweils autonom gegenüber Ansprüchlichkeiten anderer entfalten können. Die Grenzen, an die diese Selbstentfaltung angesichts eines begrenzten Ökosystems stößt, werden in der Selbstorganisation und Selbstentfaltung der einzelnen Organismen von ihnen von sich aus berücksichtigt, insofern ihre Selbstverwirklichung als Variation der Ganzheit nur dann wirklich vollendet wäre, wenn zugleich auch alle anderen Organismen die Integration zur Ganzheit gelänge (vgl. Resonanz des Besonderen im Ganzen – Abs. XII.2). Die Selbstorganisation, die in jedem einzelnen Organismus wirkt, wirkt zugleich auch als integrierende Selbstorganisation zur Integration der übergeordneten Ökosysteme, indem sie jeden einzelnen Organismus in Abstimmung mit den übergeordneten Ganzheiten entwickelt bzw. bewirkt, dass die Selbstorganisation des einzelnen Organismus immer auch in Abstimmung mit der Selbstorganisation der anderen, nebengeordneten und umgreifenden Organismen erfolgt. 435 Schelling schreibt (Freiheitsschrift, 1997, S.56f.): „Aber was ist den jene innere Notwendigkeit des Wesens selber? Hier liegt der Punkt, bei welchem Notwendigkeit und Freiheit vereinigt werden müssen, wenn sie überhaupt vereinbar sind. (…) Aber jene innere Notwendigkeit ist selber die Freiheit; (…) Notwendigkeit und Freiheit stehen in einander, als Ein Wesen, das nur von verschiedenen Seiten betrachtet als das eine oder andere erscheint; an sich Freiheit, formell Notwendigkeit ist.“ Vgl. auch Hühn 1994, S.399ff., 410. 384 X.5.4 Integriertes Selbstbewusstsein, Systemkrise als Integrationskrise und Tod Die Integration der Gegensätze im Inneren des Integrierten Selbstbewusstseins spiegelt sich für das Integrierte Selbstbewusstsein in der Integration der Gegens- ätze im Äußeren. Insofern alle Organismen an sich immer schon ihre Ganzheit verwirklichen, stellt sich ihre Gebrochenheit – wie sie aus der Perspektive des nicht integrierten, matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins wahrgenommen wird – als Spiegelung seiner Gebrochenheit heraus. Indem das Integrierte Selbstbewusstsein seine Ganzheit realisiert, entdeckt es sich als Mikrokosmos, dem andere, analog organisierte, ganzheitliche Mikrokosmen nebengeordnet sind und der von unterschiedlich umfassenden, ganzheitlichen Makrokosmen (Ökosystem Erde, Universum) umgriffen wird, die allesamt durch dieselbe Selbstorganisation organisiert und in ihrer Ganzheitlichkeit Variationen zum Thema der Ganzheit darstellen. Die vom Integrierten Selbstbewusstsein wahrgenommene Integration der Gegensätze in den Organismen der Außenwelt ist nun aber keine selbstberuhigende, harmoniesüchtige, Differenzen einebnende Illusion, sondern sie besteht – wo sie in der Außenwelt an sich verwirklicht, aber für den betreffenden Organismus nicht realisiert ist – in der Wahrnehmung dessen, was zu ihrer Selbstrealisation fehlt, als Zielpunkt der Selbstintegration aber schon in der Ganzheit-des-Organismus-an-sich vorgeprägt ist (Wahrnehmung der Differenz). Die Gebrochenheit der Ganzheit bei einem von einer Systemspaltung betroffenen Menschen ist für das integrierte Selbstbewusstsein überhaupt nur wahrnehmbar, insofern es diesen Menschen als Organismus unter anderen Organismen in seiner wenn auch für den Betroffenen nicht wahrnehmbaren Ganzheit wahrnimmt, so dass dessen Ganzheit-an-sich in der Wahrnehmung durch das Integrierte Selbstbewusstsein als Hintergrund dienen kann, vor dem sich die Gebrochenheit – wie sie, fühlt man sich in ihn ein, aus seinen Äußerungen und Verhaltensweisen spricht – zeigen kann.436 Das Ökosystem, das hier aufgrund dessen, das es in ausgezeichneter Weise aktueller Gegenstand der Sorge der Menschheit ist, als Beleg für obige Schlussfolgerung beispielhaft für alle anderen Organismen herausgegriffen wird, reguliert als Geist-Natur-Einheit sein Gleichgewicht mithilfe der Selbstorganisation selbstän- 436 Die Gebrochenheit der Ganzheit, die sich dem Integrierten Selbstbewusstsein als Wahrnehmung der Differenz aufdrängen kann, kann für das Integrierte Selbstbewusstsein allerdings nur in Form von nicht-integrierten, anderen Menschen auftreten, in die es sich einfühlt, insofern nur sie durch ihre Selbstbestimmung und Selbststeuerung für sich zur Desintegration in der Lage sind, wo sie an sich durch die Kompensation der Vereinseitigungen des Selbstbewusstsein durch das Unbewusste ihre Ganzheitlichkeit wahren. 385 dig. Das Ungleichgewicht des Ökosystems Erde – dessen wir uns aus der Perspektive der Gebrochenheit unserer Ganzheit aufgrund bspw. des von uns emitierten Kohlendioxid-Ausstosses zu recht selbst bezichtigen – wird jenseits unseres Wissens von eben diesem Ökosystem selbst wiederum kompensiert. Aus Sicht des Selbsterhalts und der Selbstregulation des Ökosystems spielt es keine Rolle, ob sich der Mensch im Zuge des von ihm u.a. durch seinen Kohlendioxid- Ausstoss verursachten Artensterbens seiner Lebensgrundlage beraubt. Dem Ökosystem geht es nicht um den Erhalt einzelner Arten, sondern um sein Gleichgewicht. Das Problem des Klimawandels bzw. des Ressourcenverbrauchs ist also – genau besehen – kein Problem für das Ökosystem, sondern einzig für uns Menschen, die diesen Ressourcenverbrauch verantworten. Die Wahrnehmung der Differenz der Gebrochenheit der Ganzheit – um die es uns in den Bedingungen ihrer Möglichkeit hier geht - kann sich demgemäß nicht an qualmenden Schornsteinen festmachen, die es etwa im Sinne von besserer Umwelt-Verträglichkeit durch Windräder zu ersetzen gelte, sondern einzig an unserer Wahrnehmung dieser Schornsteine als Sinnbilder der für uns gebrochenen Ganzheit. Die Ganzheit des Ökosystems ist nicht gebrochen, sondern einzig unsere Wahrnehmung, die ihre Gebrochenheit in der Umwelt-Unverträglichkeit des Ausstosses dieser Schornsteine gespiegelt findet und als eine Gebrochenheit der Ganzheit des Ökosystems missversteht. Die Desintegration des Ökosystems Erde existiert nur für den desintegrierten Menschen. An sich wird das von ihm besorgt wahrgenommene Ungleichgewicht des Ökosystems Erde im System durch für ihn nicht-wahrnehmbare Kompensationen im Sinne seines Gleichgewichts reguliert. Der falschen Zivilisation würde – wenn es zu der hier angedeuteten Selbstintegration des Menschen kommt – allerdings die Aufmerksamkeit entzogen: Die Schornsteine stünden wie ausrangiert und ungenutzt als Trümmer einer hinter sich gelassenen Wirklichkeit weiter in der Landschaft, nur dass sie nicht mehr Sinnbild der gebrochenen Ganzheit sind, sondern kaum noch wahrgenommen werden, weil sie für die Ganzheit und ihre Heiligung, wie sie vom Integrierten Selbstbewusstsein in allen seinen Handlungen vollzogen wird, nicht von Interesse sind. Der Fehler der Vereinseitigung des Selbstbewusstseins, der sie in die Welt brachte, wird durch die Integration des Selbstbewusstseins kompensiert, durch die den Zivilisationsprodukten die weitere Aufmerksamkeit entzogen und ihre Nutzung nicht wiederholt würde. Die Ökosystem-Krise ist also zugespitzt eine Integrationsbzw. Wahrnehmungskrise, die durch die Versuche, sie unter Beibehaltung der instrumentellen Perspektive bspw. durch technische Innovationen unter Kontrolle zu bringen, stattdessen nur fortgeschrieben wird. Die Selbstintegration des Menschen beendet das Zeitalter des instrumentellen Denkens und Handelns, indem es sich seiner Instrumentalität begibt und es dem Ökosystem überlässt, sich selbst zu 386 regulieren und sich möglicherweise – im Sinne und aus der Perspektive des besorgten, nicht integrierten Menschen – zu regenerieren. Die „Systemspaltung“ – die wir als Quelle aller Probleme des Menschen mit Neumann identifiziert haben (2004, S.371) und die die Schornsteine qualmen lässt - besteht nur für das betroffene Selbstbewusstsein und nicht an sich, insofern der betroffene, menschliche Organismus durch die Kompensation seiner Vereinseitigungen durch das Unbewussten seine Ganzheit an sich wahrt wie das Ökosystem sich von sich aus unzerstörbar um sein Gleichgewicht bemüht. Die einzige Quelle der Wahrnehmung einer Differenz für das Integrierte Selbstbewusstsein, d.h. der Wahrnehmung einer Gebrochenheit der Ganzheit, sind Äußerungen und Verhaltensweisen eines von einer Systemspaltung betroffenen Menschen, die diese Gebrochenheit artikulieren. Nichtsdestotrotz hat diese Gebrochenheit der Ganzheit im Selbstempfinden des betroffenen Menschen verheerende Auswirkungen auf sein Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis und Handeln, die wiederum große Auswirkungen auf seine Mit- und Umwelt haben. Das nicht-integrierte Selbstbewusstsein sprengt im Zuge seines inneren Energie-Staus und seiner inneren Bedrängtheit (matriarchales Selbstbewusstsein) bzw. seiner Getriebenheit (patriarchales Selbstbewusstsein) und der ihm mangelnden Zweckmäßigkeit ohne Zweck seines Selbstseins den für ihn eingeräumten Ort in der Fuge des Ökosystems, was wiederum die von seiner Übergriffigkeit betroffenen Organismen zu einer diese Impulse ausgleichenden Modulation ihrer Selbstorganisation und eine Selbstregulation des Ökosystems veranlasst. Diese Selbstregulation des Ökosystems kann wiederum verheerende Auswirkungen auf die Lebens-Bedingungen und -Grundlagen des Menschen haben, insofern sie dem einzelnen Menschenleben gegenüber gleichgültig nur ihr Gleichgewicht wiederherzustellen sucht. Die Selbstintegration der Menschen führt nun allerdings von sich aus zur Selbstbeschränkung des Konsums von Ressourcen und zur Selbst-Einfügung in die für ihn vorgesehene Fuge des Ökosystems, was wiederum indirekt eine Regeneration des Ökosystems in dem Sinne bedingen könnte, das unter den Lebensraum-Bedingungen, die sich als Folge seiner Selbstorganisation zur Aufrechterhaltung seines Gleichgewichts unter den sich wandelnden Bedingungen und Einflüssen einstellen, weiterhin menschliches und menschenwürdiges Leben möglich bleibt. Die finale Gestalt des Integrierten Selbstbewusstseins zeichnet sich dadurch aus, dass die internen Gegensätze von Bewusstsein und Unbewusstem ausgeglichen, die seinem Organismus inhärente, jeweilige Gegengeschlechtlichkeit als Anima bzw. Animus integriert und die Leiblichkeit von der Selbstorganisationskraft frei im Sinne des freien Spiels der Vermögen anverwandelt und ohne Spannungen und Verkrampfungen verlebendigt werden. Mit diesem durch die abgeschlossene 387 Integration entstandenen Spannungs-Ausgleich verliert der betreffende Organismus die Motivation zum Leben. Alles Leben verdankt sich der durch das Leben und seinen Widerfahrnissen in den Organismus gesetzen Spannung, insofern der Selbstorganisation damit die Aufgabe zur Integration gestellt ist, die es mit dem Ausgleich der Spannungen und Gegensätze erfüllt.437 Das Selbstbewusstsein des Integrierten Selbstbewusstseins, das wir an der Selbstbewusstheit des Integrationsprozesses festgemacht haben (Abs. X.5.1), hebt sich entsprechend in dem Moment auf, in dem die Integration abgeschlossen ist. Die Integration eröffnet dem betreffenden Organismus mit anderen Worten die Möglichkeit, ohne Anhaftung bzw. Verstrickung ans bzw. ins Leben zu sterben. Die Weisheit des Sprichwortes vom Weg als dem Ziel des Lebens wird hier bestätigt: Die Integration – als Ziel und Sinn des Lebens beständig vom Organismus intendiert – bringt mit ihrem Abschluss und der daraufhin eintretenden Harmonisierung der Gegensätze und Spannungen ein versöhntes Sterben. Die Wahrnehmung der Differenz zwischen der Integriertheit-an-sich und der Nicht-Integriertheit-Für-Sich anderer Menschen und das entsprechende Bedürfnis, sie in ihrem Integrations-Prozess zu unterstützen, könnte ein zum Weiterleben drängendes Motiv für weitere Integrations-Arbeit sein. Mit dem Wissen darum, dass die Integration aller Organismen an sich aber immer schon gegeben ist und nur im Für-Sich-Sein der betroffenen Menschen eine Aufgabe darstellt, die sich einzig in ihnen selbst durch ein Zulassen des Wirkens der Selbstorgansiation lösen kann, verliert sich diese Motivation. Als beste Hilfe zur Selbsthilfe für die Betroffenen entpuppt sich seine ihm bewusst werdende Möglichkeit, ihnen mit der friedvollen und versöhnten Annahme seines Todes, mit der er ihnen angesichts dessen, dass nicht-integrierte Menschen 437 Vgl. Freud 1999a, S.223: „Es muss vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das Lebende einmal verlassen hat und zu dem es über alle Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, dass alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Lebende. Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang, vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewusstsein entstehen ließ. Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren.“ Dieser Spannungsausgleich wird durch die Entropie, die im Hintergrund der und als Folie für die Selbstorganisation wirkt, angestrebt, der entgegen die Selbstorganisation die Wirklichkeit der Organismen schafft, indem sie in sie hinein die Gegensatz- Spannung der Spielvermögen setzt. Die Keimzelle des menschlichen Organismus enthält in sich die Gegensatz-Spannung, die sich in der Zukunft seiner selbstorganisierten Entwicklung, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu deren Integration führt, aufhebt. Mit der Integration löst sich der Organismus entropisch im Chaos auf, das dann wiederum neuen Stoff zur erneuten Selbstorganisation liefert. (Vgl. Abs. IV). 388 nicht sterben, d.h. den Tod nicht annehmen können, weil sie im Leben keine Lösung ihrer vom Leben gestellten Aufgabe gefunden haben, ein „Beispiel“ (Nietzsche 2003d, S.350) zu geben. Mit diesem Ergebnis der Integration ist unser Problem also nicht gelöst: Die Herausarbeitung und das Transparent-Machen des Integrierten Selbstbewusstseins als Alternative zur instrumentellen Subjektivität matriarchaler bzw. patriarchaler Prägung ist misslungen, insofern mit der Vollendung der Integration auch das Ende des Lebens eintritt, wir aber eine lebbare und sich im und während des Lebens im Sinne der Integration des eigenen Organismusses und des Ökosystems auswirkende Alternative suchen. Mit dieser Frage eröffnet sich der zentrale Abschnitt der Arbeit zum Selbstverhältnis der Medialität (vgl. Abs. XII), mit dem wir genau diese lebbare Alternative zur instrumentellen Subjektivität entwickeln wollen. XI Das Selbstbewusste Begehren als dritte und aktuelle Form spielentfremdeten Selbstseins seit 1800 bis in die Postmoderne. Eine Gesellschafts- und Kulturkritik Die Selbstbewusstseins-Formationen des Matri- und Patriarchismus sind – bevor wir uns ihrer Integration im Selbstverhältnis der Medialität zuwenden - im folgenden Abschnitt noch um die des Subjekts des Begehrens zu ergänzen. Die Aufgabe der Arbeit ist es, alle drei Selbstbewusstseins-Formationen aus den Implikationen des Spielbegriffs heraus zu erschließen. Sie alle gründen auf einer Aufhebung und Verdrängung des Spiels der Vermögen und werden von uns insofern als Formen der Selbst- und Naturentfremdung transparent gemacht und Schillers Zeitalter der Sentimentalität zugeordnet. Das Zeitalter des Patriarchismus ist mit dem Tod Gottes um 1800438 prinzipiell zuende, wenn es auch – zusammen mit dem begrenzten Wiedererwachen des Matriarchismus und den Mischformen aus Matri- und Patriarchismus439 - in den 438 Vgl. Nietzsche: Der tolle Mensch - in: 1960g, S.599f./ Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 2003c, S.873ff. – vor allem aber: Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, 1960a, S.905ff.. Das Sterben Gottes zeichnet sich in der Philosophie aber nicht erst seit Nietzsche, sondern schon seit Kant (vgl. Derridas Interpretation des „reflektierenden Glaubens“ Kants in: Derrida/ Vattimo 2001, S.21ff.) ab. 439 Vgl. bspw. Kants Bezugnahme auf das matriarchale Konzept der Palingenesie in seiner Theorie des Himmels, mit deren Hilfe er – neben einer Bezugnahme auf das patriarchale Konzept der Identifikation mit dem Vater-Gott im Zuge des Gotteskomplexes - die Haltund Orientierungslosigkeit des Menschen angesichts der Entdeckung des Kopernikus, das

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Zusammenfassung

Im „Spiel der Vermögen“ überwindet Schiller den kantischen Dualismus von Geist und Natur, den er maßgeblich für die Entfremdungs-Symptome der Moderne verantwortlich macht. Aus diesem integrativen Ansatz Schillers entwirft Malte Hölzel ein ganzheitliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis, aus dem er das Selbstverhältnis der Medialität als eine Alternative zum instrumentellen Denken unserer Tage entwickelt.

In Hölzels Selbstverhältnis der Medialität wird der Mensch zum Medium der Selbstorganisation, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu neuen Integrationen drängt. Angesichts der Krisen-Symptome unserer Zeit stellt es eine Selbstzurücknahme in die Immanenz der spiel- bzw. selbstorganisierten Wirklichkeit der Natur dar, anstatt sie wie im instrumentellen Denken äußerlich beherrschen zu wollen. Der Mensch, im aussichtslosen Versuch befangen, sich aus sich selbst heraus zu begründen, feiert sein erlösendes Versöhnungsfest mit der Natur – eine Wandlung, durch die nicht zuletzt auch klassische Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung näher gebracht werden.