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IX Selbstverortende Zwischenbetrachtung: Der Streit um den Anfang der Menschheitsgeschichte und seine „neue“, spieltheoretische Interpretation in:

Malte Hölzel

Das Selbstverhältnis der Medialität, page 307 - 316

Implikationen des Spielbegriffs

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3897-0, ISBN online: 978-3-8288-6707-9, https://doi.org/10.5771/9783828867079-307

Tectum, Baden-Baden
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307 archalen Identifikation mit der Organismus-Grenze, dass sich das Selbstbewusstsein der Frau neu um das Zentrum der Ganzheit in den Grenzen dieser Ganzheit zentriert, d.h. eine Neu-Gründung im freien Spiel der Vermögen stattfindet. Das matriarchale Selbstbewusstsein kommt - insofern die Verdrängung der Inhalte des Vaterarchetypen aufgehoben wird - in der Ganzheit, d.h. in der (ihrerseits immer schon begrenzten) Zentriertheit des Ganzen, zum Stehen. Das Selbstverhältnis der Medialität integriert also sowohl die Geborgenheit in den Grenzen der Ganzheit des Organismus, wie es die Selbstorganisationskraft, die aus dem Zentrum der Ganzheit des integrierten Organimus strömt, für sich im Spiel der Vermögen wieder anverwandelt. Die Selbsttransformation des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins besteht also wesentlich im jeeigenen Sterben ihres jeweiligen Ich-Komplexes in der Todeshochzeit bzw. im Zweiten Drachenkampf, dem die Wiedergeburt bzw. Re-Initiation ins Spiel der Vermögen bzw. ins Selbstverhältnis der Medialität folgt. Die Integration der Ganzheit verläuft für beide Selbstbewusstseins-Formationen über die Integration der jeweils im Prozess ihrer Individuierung verdrängten gegengeschlechtlichen Seelen-Anteile von Animus bzw. Anima. Das Sterben eröffnet über diese Integration die Einsicht in die Zusammengehörigkeit von Leben und Tod, nach der der Tod Voraussetzung für neues Leben und das Leben der Sinn des Todes ist – ein Verstehen, das sowohl endlose Selbsttransformationen im Zuge der Anverwandlung des Wirklichen wie auch das jeeigene Sterben am Ende des Lebens ermöglicht. IX Selbstverortende Zwischenbetrachtung: Der Streit um den Anfang der Menschheitsgeschichte und seine „neue“, spieltheoretische Interpretation Schelling und Sloterdijk – der genaugenommen nur die Position des späten Nietzsche des Willens zur Macht übernimmt, der der eigentliche Antipode Schellings in diesem Streit ist – stehen betreffs der Frage nach dem ersten Anfang der Menschheitsgeschichte, d.h. der Frage, wie der erste Schritt der Menschheit aus der Unbewusstheit des Tieres ins Selbstbewusstsein des Menschen sich vollzog, zu verstehen und bewerten ist, in Opposition zueinander: Während Sloterdijk den ersten Anfang positiviert, geht Schelling davon aus, dass die Selbstermächtigung des Menschen, die mit ihm einsetzt, zwangsläufig in eine Selbstverfehlung mündet. Jede ihrer Rekonstruktionen des ersten Anfangs zeitigt Konsequenzen, die die Antworten auf die weite-ren Fragen nach dem Wesen des Menschen (Anthropologie) und seines guten Verhaltens (Ethik) vorzeichnen. In Auseinandersetzung 308 mit und Abgrenzung von diesen beiden Grundpositionen wollen wir eine alternative Hominisations-Theorie entwickeln355, die nicht wie im Falle Schellings in eine Philosophie der Gelassenheit und nicht wie im Falle Sloterdijks in eine Philosophie der Anthropotechnik und forcierten Selbstermächtigung führt, sondern als Grundlage unserer Spiel-Philosophie dienen kann. Die Bewusstseinsgeschichte der Menschheit bzw. der evolutionäre Schritt von der natürlichen in die kulturelle Evolution (die selbstverständlich von natürlichen Evolutions-Phänomenen wie der Mutation und der Selektion durchsetzt bleibt) beginnt – soviel weiß man heute aus den Forschungen der historischen Anthropologie, der Evolutionsbiologie und der Paläanthropologie – mit einer gemeinschaftlich bewirkten Herausschälung der menschlichen „Sphäre“ (Sloterdijk 2001, S.197) aus der natürlichen Umwelt (bzw. der Selbsteinschälung in die menschliche Sphäre inmitten der Umwelt), in die bis dato die tierischen Vorfahren des Menschen instinkthaft und auch in dem Sinne eingefügt waren, dass sie dem in der freien Natur herrschenden Selektionsdruck ausgesetzt waren und sich anzupassen hatten. Sloterdijk beschreibt diesen Prozess in Domestikation des Seins in anschaulichen Metaphern: Die Heraus- und Selbsteinschälung beginnt mit dem auch in der Pfanzen- und Tierwelt bekannten „Insulationsmechanismus“356 (ebd., S.175, Miller), demzufolge „eher randständige Exemplare in Lebensgemeinschaften mit ihrem physischen Aufenthalt an den Peripherien der eigenen Population den Effekt einer lebenden Wand hervorbringen, auf deren Innenseite ein Klimavorteil für die Individuen der Gruppe entsteht, die sich habituell im Zentrum aufhalten“ (ebd., S.176). Sloterdijk zufolge stellt der „Insulationseffekt die formale Prämisse aller Binnenraumschöpfungen“ dar, von dem ausgehend sich die menschliche Gemeinschaft u.a. auch über den „Mechanismus der Körperausschaltung“357, der Fötalisation358, des Vermögens zur Sprache359 und 355 In unserem Versuch der Entwicklung einer alternativen Hominisationstheorie orientieren wir uns an Cassirers Philosophie der symbolischen Formen II. Das mythische Denken und der Grundlegung seiner Philosophie im freien Spiel der Vermögen (vgl. Abs. X u. X.1). Cassirers Position in diesem Streit ist selbst – genau wie im Falle Sloterdijks, der in Nietzsche seinen großen Vorläufer hat – auch nicht originär, sondern ist von Kants Ästhetik und Schillers Philosophie aus entwickelt. 356 Sloterdijk zufolge hat Miller dieses Phänomen unter den Begriff der „Insulation gegen den Selektionsdruck“ gebracht, der vor allem höhere Formen von „Sensibilität und Kommunikativität“ ermöglicht (2001, S.175ff.). 357 Für Alsberg – wiederum in der Aufnahme durch Sloterdijk (2001, S.178ff.) – ist die Körperausschaltung, d.h. die Werkzeugentwicklung im learning by doing, der „Schlüsselmechanismus zur Anthropogenese“: So lässt sich aus gelingendem Schlagen, Werfen und Schneiden das erste Stimmigkeitsgefühl als Vorwegnahme der Wahrheitsfunktion, Analysis 309 der „Übertragung“360 – sich selbst ihre Sphäre, d.h. ihren Kulturraum schaffend – von der Natur emanzipiert hat. So wie Merleau-Ponty davon spricht, dass „der Körper (…) nicht im Raum (ist), (sondern) (…) ihm ein(-wohnt)“, so erschafft sich die Menschen-Gemeinschaft ihre „Welt“ (Zitat n. Sloterdijk 2001, S.198). Sie wird in dieser Perspektive als das, als was sie bei Heidegger im Sinne des Gegenbegriffs zum Sein eingeführt ist, nämlich als Bewandniszusammenhang des Seienden (vgl. Heidegger 1993, §18, S.83ff.), d.h. als Produkt immer elaborierterer „Selbstbehausungstechnik(en)“ (Sloterdijk 2001, S.197), transparent. Sloterdijks Ausführungen lassen sich in folgendem Satz zusammenfassen, der ebenso verführend scheinbar schön wie gefährlich361 ist: „Somit ist der Ort-zwischen-uns älter als das Land, in dem wir leben. Das Gespräch, das wir sind, ist grundlegender als der Boden, auf dem wir stehen.“ (Sloterdijk ebd., S.200) und Synthesis wie aus der instrumentellen Hegung des Feuers die den Effekt des Insulationsmechanismus verstärkende, weitere „Eröffnung des Raumes“ ableiten. 358 Mit „Fötalisation“ meint Portmann Sloterdijk zufolge die „Frühgeburtlichkeit“ des Menschen, die „kreiskausal“ mit seiner zunehmenden „Zerebralisierung“ zusammenhängt. Sie ermöglicht dem Menschen im Gegensatz zum Tier, das wesentlich selbständiger überlebensfähig auf die Welt kommt, eine längeres Aufeinander-Bezogen-Sein von Mutter und Kind, in dem sich wiederum die Kommunikation entwickeln kann und kulturelle Fähigkeiten weitergegeben werden können (2001, S.189ff.). 359 Sloterdijk fasst in Abgrenzung zu Heidegger die Sprache als „Zweithaus des Seins“, insofern sie auf Grundlage der vorangegangenen, oben beschriebenen, gemeinschaftlich bewirkten Selbsteinhäusungen (Sloterdijk spricht vom „Ge-Häuse“, „Treibhaus“ und „externen Uterus“ (2001, S.190), u.a..) aufbaut (ebd., S.197). 360 Mit „Übertragung“ meint Sloterdijk, dass die „Qualitäten des ersten Raumes in äußere und äußerste Situationen übernommen werden“ (2001, S.208f.) können, um neue Situationen zu verstehen oder zu gestalten. 361 Zunehmend elaboriertere „Selbstbehausungstechnik(en)“ (2001, S.197) und „Selbstformungsprozeduren“ (ebd., S.201) führen laut Sloterdijk zu einer „Luxusevolution“, die „Nebeneffekte und Eigenrisiken“ mit sich bringt: So drohen der Gemeinschafts-Sphäre einerseits „externe Angriffe“ (ebd., S.207) von Außen (in Form von anderen Menschengruppen, Tieren und Naturkatastrophen), wie sie andererseits durch die „hohe(n) physische(n) und emotionale(n) Verletzbarkeit, ihre(n) motivationale(n) Labilität, ihre(n) endogene(n) Beunruhigung durch ungebundene Antriebsüberschüsse, ihre(r) gruppendynamische(n) Erregbarkeit bis hin zur Freisetzung von paranoischer, orgiastischer und selbstdestruktiver Gewalt“ ihrer Mitglieder von Innen bedroht ist (ebd., S.200). Diese Nebeneffekte und Eigenrisiken müssen dann – diesen Zirkel und den darin eingeschlossenen „Sprengstoff“ schließt bzw. berührt Sloterdijk nicht – wiederum durch forcierte Selbstbehausungs- und Selbstformungstechniken (betreffs letzterer spricht Sloterdijk von Anthropotechniken) in Richtung auf eine „Immunität“ (Sloterdijk 2009, S.521ff.) beseitigt werden, die de facto mit jedem ihrer Fortschritte mit neuen Köpfen der Hydra in Form von sich potenzierenden Technikfolgen und im Sinne der Wiederkehr des Verdrängten zu kämpfen hat. 310 Diese Selbstentwurzelung und Selbstabtrennung der menschlichen Kultur aus und von der Geist-Natur-Einheit, die als grundlegendes, d.h. uns bedingendes Ökosystem von Sloterdijk in letzter Konsequenz hier verabschiedet wird und nur noch als eine das menschliche „Treibhaus“ (ebd., S.197) von Innen oder Außen gefährdende Instanz vorkommt (vgl. Sloterdijks Begriff der „Immunologie“ 2009, S.521ff.), hat die von Sloterdijk unter dem Stichwort „Anthropotechnik“ betriebene Rehabilitation des Willens zur Macht, d.h. des wenn auch elaborierteren, um das Wissen der Kybernetik erweiterten, instrumentellen Denkens, zur Folge.362 Schelling dagegen geht – wie Hühn in Heidegger – Schelling im philosophischen Zwiegespräch (2010 - vgl. auch Hühn 2012) zusammenfasst - bei seiner „Grundfigur des Anfangs“ (2010, S.30) davon aus, „dass dieser seiner ganzen Unvordenklichkeit nach nie anders als in seiner Verfehlung, mithin in Deformation und im Phänomen des Bösen präsent werden kann und die gleichursprünglich mit ihm gestiftete Möglichkeit eines anderen, zweiten Anfangs den ersten als einen verkehrten überhaupt erst zu Bewusstsein bringt.“ Schelling hat seine Philosophie wesentlich in Abgrenzung zu Fichte entwickelt, der den ersten Anfang in eine selbstermächtigende Tat-Handlung des Subjekts setzt, das sich in der Folge dessen alles anzueigenen hat. Schelling weist Fichtes Subjekt eine „Selbstverstrickung der Freiheit“ (Schelling nach Hühn ebd., S.23) nach, die er im „Selbstwiderspruch einer beständig auf die willentliche Aneignung alles Seienden zwangsverpflichtete und darin sich selbst vernichtende Subjektivität“ angelegt sieht (Hühn ebd., S.21). Der erste Anfang der Menschheit ist das Ergebnis einer Selbstermächtigung, die in ihrem Scheitern ex negativo den „Möglichkeitshorizont eines radikalen Auch-Anders-Sein-Könnens“ (ebd., S.28) freilegt, das als „ewige Freiheit“ ebenso unvordenklich wie unverfügbar ist (ebd., S.23). Dieser andere, zweite Anfang bzw. – insofern die Möglichkeit der Quellgrund einer spezifizierten Wirklichkeit ist - der Anfang im ersten Anfang, der im ersten Anfang immer präsent bleibt, zeichnet sich durch seine „ewige Freiheit“ 362 Sloterdijks Aufsatz Domestikation des Seins – auf den wir uns hier betreffs der Frage nach dem ersten Anfang konzentrieren – liefert Begründung und damit Rechtfertigung seines in seiner berühmt- berüchtigten Rede Regeln für den Menschenpark in groben Umrissen entworfenen Programms einer Anthropotechnik, die auch vor der genetischen Manipulation am Menschen nicht mehr zurückschreckt. Tatsächlich stellt Sloterdijk in der Einleitung zu dem beide Texte umfassenden Sammelband Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger mit „Genugtuung“ fest, „Zusammengehöriges im Zusammenhang vorstellen zu können“ (2001, S.10). Sein Programm der Anthropotechnik hat Sloterdijk zuletzt in Du musst Dein Leben ändern von 2009 wieder aufgenommen. 311 (ebd., S.23), d.h. durch eine abgründige Potentialität, in der alles möglich und angelegt ist, aus. Hühn (u.a.) entdeckt bei Schelling eine „Philosophie der Gelassenheit“ (ebd., S.21), die sich in anbetracht dessen, dass „der Mensch das, was er will, durch sein Wollen zunichtemacht“ (Schelling nach Hühn ebd., S.22), zu einem „Willen(s), der nichts will“ (Schelling nach Hühn ebd., S.20), durchringt, „der als beständiges Korrektiv zumindest regulativ die Aussicht auf ein gelingendes Selbst- und Weltverhältnis offen zu halten verspricht“ (ebd., S.20). Der Unverfügbarkeit des anderen, zweiten Anfangs, der – so Hühn (ebd., S.29) – „gerade im Modus des Entzugs und Verbergens seine Wirkmächtigkeit entfaltet“, kann nur entsprochen werden, indem man die Fehler des ersten Anfangs, d.h. die Selbstermächtigung und damit letztlich die Selbstverstrickung der Freiheit, vermeidet. Dieser Ansatz der Philosophie der Gelassenheit bei Schelling und Heidegger steht offensichtlich in Opposition zu Sloterdijks Anthropotechnik als einer Variation des Willens zur Macht Nietzsches. Die Hominisationstheorie – die wir als Grundlage unserer Spiel-Philosophie vorschlagen – fasst den ersten Menschen des (wahrhaft) ersten Anfangs dagegen als Spielenden, dem im und aus dem freien Spiel der Vermögen heraus ein Spielbewusstsein und damit der Keim eines Selbst- und Wirklichkeitsbewusstseins aufgeht. Wie ist das zu verstehen? Und vor allem: Wie ist das gegenüber den Einwänden Sloterdijks und Schellings zu verteidigen? Im Gegensatz zu Sloterdijk und Schelling ist unser erster Mensch des (wahrhaft) ersten Anfangs ein Kind, das frei von den Zwängen zur Selbsterhaltung und frei vom instrumentellen Denken und Handeln im freien Spiel der Vermögen aufgeht. Die Hominisation, d.h. die von Sloterdijk schön beschriebene Herausschälung der menschlichen Sphäre mit Hilfe des Insulationseffekts usw., wird – ihrer technischen Seite nach – nun aber nicht von den Kindern einer Horde, sondern von ihren älteren Mitgliedern vorangetrieben. Die Anthropotechnik, die Sloterdijk ihnen zuschreibt, entspringt dem tierischen Selbsterhaltungsinstinkt von ausgewachsenen Hordenmitgliedern, die unserer Ansicht nach die Schwelle vom Tier zum Mensch noch nicht genommen haben, es mit ihrem aus ihrem tierischen Selbst- und Gruppenerhaltungs-Instinkt folgenden Verhalten den Kindern der Horde aber ermöglichen, dem Spiel sich überlassend ein Spielbewusstsein zu entwickeln, das in Interaktion mit dem Spielbewusstsein anderer Gruppenmitglieder sich gegenseitig befruchtend363 wei- 363 Cassirer – der unser Gewährsmann für unsere alternative Hominisationstheorie aus dem freien Spiel der Vermögen ist (vgl. Abs. X u. X.1) – macht den Fehler, dass er – unabhängig von der uns leitenden, durch ihn inspirierten Einsicht in das Spiel als Quelle des (Selbst-) Bewusstseins - den „Aufbau der Gesellschaft (als) ein (durch transzendete Kategorien) vermitteltes, ein ideell bedingtes Sein“ (2002, S.227), fasst. Die Kategorien – transzendental erschließbar und von Cassirer in Das mythische Denken in ihrer Selbstentwicklung im 312 terentwickelt. Das freie Spiel der Vermögen und mit ihm das Spielbewusstsein selbst aber ist ein Geschenk und Produkt der Geist-Natur-Einheit, das sich unabhängig von allem instrumentellen Verhalten und ohne jede Form der Anthropotechnik auch schon bei Tierjungen findet. Das Spiel und Spielbewusstsein der menschlichen Bewusstsein von dessen Anfängen an wirksam, so dass die Rekonstruktion dieser Selbstentwicklung den Aufbau der mythischen Welt erhellen kann – scheinen bei Cassirer wie vom Himmel gefallen. Cassirer geht, wenn vielleicht auch nicht unbedingt vom Heros als Schöpfer der Kultur, so aber doch von Einzelnen aus, deren Selbstbewusstsein sich allenfalls in der Interaktion mit dem Selbstbewusstsein anderer Einzelner zu neuen und höheren Formen im Sinne von Synergieeffekten aufschwingt. Seine transzendentale Methode macht es ihm unmöglich, vor das Selbstbewusstsein des Individuums zurückzufragen, weil sie immer schon von einem Selbstbewusstsein ausgehen muss, das durch bestimmte symbolische Formen charakterisiert ist. Dieses Problem tritt besonders in dem problematischsten Abschnitt von Das mythische Denken – in Die Gemeinschaft des Lebendigen und die mythische Klassenbildung – Der Totemismus – heraus: Die Frage, wie „aus dem Chaos des ersten unbestimmten Lebensgefühls erst bestimmte Urformen des sozialen und individuellen Bewusstseins entstehen“ (ebd., S.208), beantwortet Cassirer hier mit dem Verweis auf die „Apriorität der Kategorien“ (ebd., S.209), die die Form der Gemeinschaft allererst schaffen. Im gleichen Atemzug kritisiert er Durkheim, der „alle Kategorien (als – A.d.V.) (...) Produkte (...) des sozialen Denkens“ versteht. Die Frage – wie die Kategorien im Subjekt entstanden sein sollen – kann Cassirer nur mit dem unbefriedigenden Verweis auf ihre Apriorizität beantworten. Die „Lebensform“ Cassirers braucht nach Habermas ein Fundament in der Gemeinschaft und der von ihr geteilten „Sprache“ als transzendentalem Subjekt, d.h., „die weltkonstituierende Leistung des erkennenden Subjekts (muss - A.d.V.) – um es mit Habermas zu sagen – „in die welterschließende Funktion einer übersubjektiven Sprachform transformiert“ werden (Habermas 1997, S.92). Das Problem, dass die Sprache einerseits die Verständigung der Menschen über ihre Erfahrungen ermöglichen soll, andererseits die Authenzität und Inkommensurabilität von individuellen Erfahrungen nicht sprachlich aufgehoben werden darf, will man die Offenheit einer Sprachgemeinschaft für die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen bewahren, ist für Habermas durch die Doppelfunktion der Sprache gelöst: „Sie ist einerseits „eine wahrhaft geistige Schöpfung““ – die eine „enthüllende Funktion“ (ebd., S.90) hat - und erscheint doch, da sie der Willkür des einzelnen nicht zur Disposition steht, als „ein Produkt der Natur““ (ebd., S.92), das die Möglichkeit intersubjektiver Verständigung sichert. Die wahrhaft geistige Schöpfung der Sprache in ihrer Wirklichkeit enthüllenden Funktion setzt aber individuelle Erfahrungen von Wirklichkeit voraus, die in ihr authentisch ausgedrückt werden können. Das freie Spiel der Vermögen ermöglicht unserer Ansicht nach diese individuellen, ästhetischen Erfahrungen von Wirklichkeit. Der ästhetische Akt ermöglicht eine authentische, individuelle Form der Verarbeitung von Sinnesreizen, auf die zur Wahrnehmung und Anerkenntnis der Wirklichkeit durch den Einzelnen wie – dann sprachlich vermittelt - durch die Gemeinschaft nicht verzichtet werden kann. Wie sich die im freien Spiel der Vermögen gemachten Erfahrungen intersubjektiv zu einer gemeinsamen Kultur vermitteln, die wiederum natürlich prägende Rückwirkung auf die zu machende Erfahrung selbst hat, kann tatsächlich nur mit der von allen geteilten Sprache im Sinne von Habermas erklärt werden. Der Prozess der Kulturentwicklung ist also vielleicht am besten beschrieben, wenn man von einem wechselseitigen Sich-zu-immer-höheren-Geburten-Reizen von ästhetischer Erfahrung der Wirklichkeit im Spiel und ihrer sprachlichen Verallgemeinerung, Unterscheidung und Vermittlung spricht. 313 Kinder ist kein Effekt einer von anderen Mitgliedern der Horde geschaffenen Spähre bzw. Geborgenheit, die es freilich in seiner Entfaltung fördert, sondern ein Effekt des Urvertrauens, das Kinder als Produkte der Geist-Natur-Einheit von Natur aus in der Natur empfinden. Das im Spiel der Kinder übersummativ entsprungene Spielbewusstsein ist der Keim des Selbstbewusstseins späterer Selbstbewusstseins-Formationen, die sich aufgrund der von Sloterdijk erörterten Anthropotechniken anders als bei anderen Lebewesen speziell beim Menschen entwickeln konnten. Den Keim dieser Selbstbewusstseins-Formationen und der Ausgangspunkt der Hominisation aber stellt das Spielbewusstsein dar. Die Instrumentalität und Anthropotechnik – wie sie dem tierischen Selbsterhaltungsinstinkt entspringt – entwickelt sich im Zuge der kindlichen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, in deren Verlauf die Selbsterhaltungsinstinkte, insofern sie zum Überleben in dieser Umwelt gebraucht werden, sich aktivieren und das kindliche Exemplar der Gattung so nach und nach erwachsen wird, d.h. mit der Selbstaktivierung der Selbsterhaltungsinstinkte sein freies Spiel der Vermögen zugunsten des instrumentellen Selbstbewusstseins aufgehoben wird. Als spielendes Kind kommt es jedoch dem Stand der Anthropotechniken immer zuvor, insofern sie ein Produkt von Erwachsenen sind.364 Der erste Mensch des (wahrhaft) ersten Anfangs ist demnach also immer ein Kind, das – anders als Sloterdijk dies denkt – in den für die Spiel- und damit Selbstbewusstseins-Bildung wesentlichen Momenten noch frei von jeglichen Selbsterhaltungsinstinkten und Anthropotechniken ist. Sie haben einen wichtigen Anteil daran, dem Spiel der Kinder der menschlichen Gattung eine längere Dauer und höhere Intensität einzuräumen, die dem Übersummations-Sprung zum Spielbewusstsein als Keimzelle des Selbstbewusstseins zugute kommt. Das Spiel mit seiner Disposition zum Übersummations-Sprung selbst aber wird durch die Anthropotechniken nicht ermöglicht: Als Geschenk der Natur stellt es den (wahrhaft) ersten Anfang der menschlichen Kultur dar, der – anders als Sloterdijk meint – unverfügbar war, ist und bleibt und sich in jeder Kindheit im Sinne der Gleichung von Onto- und Phylogenese wiederholt, so dass jeder Mensch mit diesem (wahrhaft) ersten Anfang in Verbindung bleibt und sich in seinem Menschsein nicht der Kunstfertigkeit seiner ihn züchtenden Artgenossen verdankt. 364 Die berühmt- berüchtigte Frage - was war zuerst, die Henne oder das Ei? -, lässt sich eindeutig zugunsten des Eis beantworten, insofern die Weiterentwicklung der Spezies Huhn an der Mutation der Gene hängt, die sich erst bei der Entstehung des Eis aus Ei- und Samenzelle geltend macht, und über die aus dem Ei entstehende Henne – selbst zur Weiterentwicklung unfähig – durch die Selektion gerichtet wird, d.h. die Henne im Gegensatz zu den Genen im Ei nicht der Träger der Weiterentwicklung ist, die aus der Vorformen von Ei und Henne das gemacht haben, was sie heute sind. 314 So wie sich also das instrumentelle Denken nicht im Sinne Sloterdijks als ein bruchlos aus der Kontinuität der Natur herauswachsendes, alternativloses Denken positivieren lässt, insofern dabei die Kindheit von Natur und Kultur und das darin ruhende Sinn-Bild der Ganzheit des Spielbewusstseins, in der der Ansatzpunkt zu einer Alternative zum instrumentellen Denken aufbewahrt ist, ausgeklammert und übersprungen wird, so läßt sich auch die schellingsche Kapitulation vor der Unvordenklichkeit und Unverfügbarkeit des anderen, zweiten Anfangs – wie sie aus einer Philosophie der Gelassenheit spricht – zurückweisen. Schellings Kritik dessen, was er unter dem ersten Anfang versteht, nämlich der Selbstermächtigung und daraus folgenden Selbstverstrickung der Freiheit, die sich Sloterdijk vorwerfen ließe, teilen wir, insofern sie das meint, was auch für uns als Symptome der Sentimentalität unseren Entwurf eines alternativen Selbstverhältnisses der Medialität motiviert. Das Stehenbleiben Schellings vor der Unvordenklichkeit des anderen, zweiten Anfangs, der in seiner dauernden Präsenz allem menschlichen Selbstbewusstsein unterlegt ist, „gerade im Modus des Entzugs und Verbergens seine (korrigierende – A.d.V.) Wirkmächtigkeit entfaltet“ (Hühn ebd., S.29) und dem im Selbstverhältnis der Gelassenheit entsprochen werden soll, aber teilen wir nicht. Der Spiel-Philosophie liegt vielmehr der Gedanke zugrunde, dass die Präsenz des anderen, zweiten (für uns: wahrhaft ersten) Anfangs im Selbstverhältnis und Selbstvollzug des Menschen eine tiefgreifendere und positive Wirkmächtigkeit haben kann, als nur die einer negativen Bezugnahme und Korrektur der sich selbst ermächtigenden Subjektivität im Zuge der Gelassenheit. Das Unvordenkliche Schellings lässt sich nämlich sehr wohl zumindest betreffs einiger Charakteristika bestimmen – und dies auch nicht nur im Sinne der Negativen Theologie, die das verfälschte Leben braucht, um aus ihm die Züge des unverfälschten und nicht entstellten Lebens ablesen zu können, d.h. die infrage stehenden Charakteristika immer nur ex negativo bestimmen kann, sondern qua positiver Charakteristika: 1. Die Ganzheit der Geist-Natur-Einheit, d.h. des Universums wie des Ökosystems Erde, kann in der Metapher des Spiels interpretiert werden, demzufolge das Universum das Spiel Aions ist, des spielenden Kindes, das das Universum spielerisch hervorbringt. Die Sprünge von der Stufe des anorganischen zum organischen und vom organischen zum selbstbewussten Leben sind dabei Folge der im Spiel dieses Gottes bewirkten Übersummation (vgl. Abs. IV). Als Mikrokosmos des Makrokosmos Universum ist unserer Interpretation nach auch das Spielbewusstsein und die Leiblichkeit des Menschen durch das freie Spiel der Vermögen organisiert. Schellings Unvordenkliches wird so in ein wenn auch nur metaphorisches Verstehen einbezogen: Wenn Schelling das Unvordenkliche als „Ungrund“ 315 bzw. grundlosen Grund (Schelling nach Hühn 2012, S.168ff.) fasst, so entspricht das dem Spiel, das einerseits als Quelle des Lebens unerschöpflich ist, d.h. Grund allen Lebens ist, andererseits aber nur als Tätigkeit sich über dem Abgrund des Chaos, das es immer wieder neu zu organisieren hat, hält und als solches für das identifizierende, feststellende Denken des schellingschen ersten Anfangs grundlos bleibt (vgl. Hölzel2009,S.110ff.). 2. Das Spiel synthetisiert die Gegensätze von Form (Verstand bzw. Formtrieb) und Energie (Einbildungskraft bzw. Stofftrieb), d.h. sein Produkt ist eine Ganzheit, die sich durch eine diese Ganzheit nach Außen hin abgrenzende Grenze und ein Zentrum, von dem aus diese Ganzheit organisiert ist, auszeichnet. Ganzheit, d.h. Grenze und Zentrum, sind Qualitäten des Organismus, die als weitere positive Charakteristika des Unvordenklichen in Betracht kommen, wenn dieses Unvordenkliche – wie in 1. Geschehen – als Spiel gefasst wird. Hermeneutisch lässt sich das Unvordenkliche demnach als Integration der Gegensätze verstehen, die sich im Spiel auseinanderlegen, um durch das Spiel neu synthetisiert zu werden. 3. Das solcherart verstandene Unvordenkliche beschränkt sich in seiner Wirkmächtigkeit nicht - wie in der Negativen Theologie - darauf, rein negativ Positionen des ersten Anfangs ihrer Unzulänglichkeit und Hinterfragbarkeit wegen zu relativieren, sondern wirkt selbst positiv, indem es als Spiel immer aufs Neue versucht, die Gegensätze – in die das Leben sich auseinanderlegt, um zu höheren Synthesen zu finden - zu integrieren. Die Ganzheit des anderen, zweiten (für uns: wahrhaft ersten) Anfangs soll auf einer höheren, selbstbewussten Selbstorganisations-Stufe wieder gewonnen werden. Die Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins von seinem kindlichen Spielbewusstsein über das matriarchale bzw. patriachale (sentimentale) Selbstbewusstsein bis hin zum Integrierten Selbstbewusstsein wird durch die Wirkmacht der Ganzheit sowohl auf den Weg gebracht wie auch reguliert und zum Ziel der gelungenen Integration geführt, insofern die Entwicklungs-Phasen notwendige Schritte des Spiels sind, das sich wie gesagt immer wieder in seine Gegensätze auseinander legen muss, um in einer erneuten Synthese zu einer höherer Selbstorganisations-Stufe finden zu können. Diese Wirkmacht der Ganzheit wurde von Schiller als „Spielttrieb“ bezeichnet, der von Jung als „transzendente Funktion“ der Ganzheit und von Neumann als die „Zentroversionstendenz“ des Selbst dann schließlich im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Das Unvordenkliche hat hier nicht nur eine negative, immer neue positive Entwürfe korrigierende Funktion, sondern wirkt selbst positiv, indem es zur Reintegration der Ganzheit drängt. 316 Schellings anderer, zweiter Anfang, von ihm ex negativo aus den Konsequenzen des ersten, sich in sich selbst verstrickenden Anfangs rekonstruiert, in seiner Unvordenklichkeit aber auf eine rein negative Korrektur des ersten Anfangs und seiner Weiterentwicklung beschränkt, gewinnt für uns mit Hilfe der genannten Charakteristika eine positive Wirkmacht, die zu mehr als nur einer kritischen Theorie im Sinne der bestimmten Negation (Adorno) bzw. einer Philosophie der Gelassenheit (Heidegger) verwertbar ist. Das Selbstverhältnis der Medialität erlaubt als Vorwegnahme der Integration der seelischen Ganzheit im Sinne Jungs und Neumanns positives Handeln, das nicht – wie das instrumentelle Handeln aus dem ersten Anfang heraus – dem zurecht von Schelling verhängten und auch gegen- über Sloterdijks Anthropotechnik vorzubringenden Verdikt der „Selbstverstrickung der Freiheit“ (Schelling nach Hühn 2010, S.23) verfällt. Die genannten Charakteristika des Unvordenklichen als Spiel, Ganzheit und Wirkmacht der Ganzheit sollen nun im Folgenden zur Entschlüsselung des Spielbewusstseins des Kindes und des matriarchalen wie patriarchalen Sentimentalitätsbewusstsein dienen, um dann deren Integration im Integrierten Selbstbewusstsein und im Selbstverhältnis der Medialität erklären und transparent machen zu können. X Das Spiel in seinem Energie- und Formaspekt. Die (Selbst-)Bewusstseins- Formationen im Prozess der Phylo- und Ontogenese (spieltheoretische Interpretation) Schillers Idee einer dialektischen Natur- und Kulturgeschichte aufgreifend, interpretieren wir sein naives Zeitalter als das des kindlichen Spielbewusstseins, sein sentimentalisches Zeitalter als des Matriarchats bzw. Patriarchats und seine Idylle als das in dieser Arbeit versuchsweise im Integrierten Selbstbewusstsein bzw. Selbstverhältnis der Medialität skizzierte Zeitalter der Integration, das es im Sinne von Schillers Dialektik zu erreichen gilt (vgl. Abs. III.5). Die Selbstorganisation legt sich in der Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins in die Gegensätze des matriarchales bzw. patriarchalen (Selbst-)Bewusstseins auseinander, die beide ihren je spezifischen Sinn haben, um sie schließlich – wie Schiller in folgendem Zitat schreibt - in einer höheren Synthese zu integrieren: „Die mannigfaltigen Anlagen im Menschen zu entwickeln, war kein anderes Mittel, als sie einander entgegenzusetzen. (…) unser ganzes Wesen in eine Kraft zusammenziehen(d), setzen wir dieser einzelnen Kraft gleichsam Flügel an und führen sie künstlicherweise weit über die Schranken hinaus, welche die Natur ihr gesetzt zu haben scheint. (…) Wie viel also auch für das Ganze der Welt durch diese getrennte Ausbildung der menschlichen Kräfte gewonnen werden mag, so ist nicht zu leugnen, dass die Individuen, welche sie trifft, unter dem Fluch des

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References

Zusammenfassung

Im „Spiel der Vermögen“ überwindet Schiller den kantischen Dualismus von Geist und Natur, den er maßgeblich für die Entfremdungs-Symptome der Moderne verantwortlich macht. Aus diesem integrativen Ansatz Schillers entwirft Malte Hölzel ein ganzheitliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis, aus dem er das Selbstverhältnis der Medialität als eine Alternative zum instrumentellen Denken unserer Tage entwickelt.

In Hölzels Selbstverhältnis der Medialität wird der Mensch zum Medium der Selbstorganisation, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu neuen Integrationen drängt. Angesichts der Krisen-Symptome unserer Zeit stellt es eine Selbstzurücknahme in die Immanenz der spiel- bzw. selbstorganisierten Wirklichkeit der Natur dar, anstatt sie wie im instrumentellen Denken äußerlich beherrschen zu wollen. Der Mensch, im aussichtslosen Versuch befangen, sich aus sich selbst heraus zu begründen, feiert sein erlösendes Versöhnungsfest mit der Natur – eine Wandlung, durch die nicht zuletzt auch klassische Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung näher gebracht werden.