Content

VIII Individuierung, Individuation und Selbsttransformation. Die Ontogenese und ihr Zielpunkt der Integration (organismustheoretische Interpretation) in:

Malte Hölzel

Das Selbstverhältnis der Medialität, page 278 - 307

Implikationen des Spielbegriffs

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3897-0, ISBN online: 978-3-8288-6707-9, https://doi.org/10.5771/9783828867079-278

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
278 wenn – wie wir in Abschnitt XII.1 sehen werden – der schöpferische Mensch bei Neumann noch „mehr“ als das meint, was hier mit Jung in der Selbstaufmerksamkeit auf die transzendente Funktion und ihrer Integration der Gegensätze transparent geworden ist. VIII Individuierung, Individuation und Selbsttransformation. Die Ontogenese und ihr Zielpunkt der Integration (organismustheoretische Interpretation) Die Ontogenese des Selbstbewusstseins verläuft vom kindlichen Spielbewusstsein über das matri- und patriarchale Selbstbewusstsein bis zum Stadium ihrer Integration. Sie lässt sich differenzieren in eine Phase der Individuierung (Abs. VIII.1), die von der Lebenswende an von einer Phase der Individuation abgelöst wird, in der die unbewussten Kompensationen der einseitigen Selbstverwirklichung des Orgismusses zur Ganzheit des Selbst integriert werden (Abs. VIII.2). Der folgenden organismustheoretischen Interpretation von Individuierung, Individuation und Selbsttransformation liegt der Organismus-Begriff Cassirers zugrunde, der mit den Organismus-Begriffen, die dem aktuellen Stand der Forschungen in der Biologie entstammen, kompatibel ist330: Der Organismus ist ihmzufolge dadurch ausgezeichnet, dass er eine ihn gegen die Außenwelt abhebende Grenze hat und dass „alle Teile (…) wie auf ein einziges Zentrum gerichtet sind, dieses Zentrum aber in sich ruht“ (1977, S.363). „Mensch (…) in seinem ästhetischen Stande“ (1995, 25. Brief, S.105) und Nietzsche mit seinem „Rausch- und Traumkünstler“ (2003a, S.30; vgl. Hölzel 2008a) vor ihm gemacht. 330 Hinzu kommt ein Moment des Organismus, den Goldstein hervorhebt: „The organism has definite potentialities, and because it has them, it has the need to actualize or realize them. The fulfilment of these needs represents the selfactualization of the organism” (Goldstein 1947, S.146 – Zitat nach Noppeney 2012, S.200). Noppeney kommentiert Goldstein: „Der Mensch ist nach Goldstein nicht darauf aus, im Gleichgewicht zu leben, sondern auf spannungsreiche Selbstverwirklichung gerichtet. Als vorweggenommene Wirklichkeiten treiben die Potentialitäten den Organismus an, diese Potentialitäten und damit sich selbst zu verwirklichen“ (ebd.). Nur exemplarisch sei eine - aktuelle Forschungen in der Biologie anleitende - Organismus-Definition zitiert: „Structures are wholes, firstly, in the sense that they have the property of maintaining themselves in being while their elements change, hence they are not reducible to the sum of their elements. Secondly, the structure “controls” its elements in the sense of giving them specific properties by virtue of the relations they are assigned in the structure. Thus the structure cannot be understood atomistically, i.e. in terms oft he intrinsic properties oft he elements considered as individuals” (Webster/ Goodwin 1982, S.40 – Zitat nach Hertler 2005, S.150). Hier in dieser „Struktur-Morphologie“ wird der “Organismus selbst als Struktur verstanden, die durch drei Konzepte charakterisiert ist: ihre Ganzheit oder Geschlossenheit, ihre Transformativität und ihre Selbstregulation” (Hertler, ebd., S.150). 279 VIII.1 Die Lebenswende: Von der Individuierung zur Individuation Der Individuationsprozess stellt Jung zufolge ein natürliches Geschehen dar, das sein Interesse als Seelenarzt auf sich zieht, weil sich die Menschen im Zeitalter der Sentimentalität – sich von ihrem Unbewussten abspaltend und in ihrem Ich verkapselnd – diesem Naturgeschehen der von Jung sogenannten „Lebenswende“ (Titel eines Aufsatzes, 1995c, S.425ff.) entziehen, um daraufhin neurotische oder psychotische Symptome auszubilden, die die Lebenswende verhindernde Widerstände des Ich zu durchbrechen suchen (vgl. Jung 1995e, S.72 u. 1995g, S.451f.). Der Organismus der Psyche zielt von sich aus im Sinne seines Strebens nach Ganzheit auf die nach Jung im Zuge der Lebenswende stattfindende, seelische Integration, die es daher anzunehmen statt abzuwehren gilt.331 Die Selbstorganisationskraft – d.h. die jungsche Libido – bewirkt im Zusammenwirken mit der Grenz- und Strukturqualität des Organismus die Individuierung des Menschen. Der Begriff der „Individuierung“ wird hier bewusst dem Begriff der „Individuation“ – wie Jung ihn verwendet - zur Seite gestellt, um der Umkehr der Aufmerksamkeitsrichtung – die mit der Lebenswende eintritt – gerecht zu werden: Die erste Lebenshälfte nämlich ist durch eine aktive, nach außen gerichtete, sich in der und gegen die Umwelt behauptende, extrovertierte332 Selbstorganisation des Individuums gekennzeichnet, die ihre Ganzheit zu realisieren sucht und bei der die Selbstwerdung (d.h. die Ausbildung der mich von anderen unterscheidenden, individuellen Merkmale) daher passiv durch Sozialisationseinflüsse und Umwelthindernisse schicksalshaft erlitten wird. Der Mensch wird – durch seine Selbstwerdungsversuche in Konflikt mit der Um- und Innenwelt geratend - (passiv) zu sich „hochgemartert“, d.h. individuiert, d.h. seiner seelischen Potentialität durch den äußeren Zwang, sich für spezifische Ausprägungen von Eigenschaften auf Kosten seiner Ganzheit und Potentialität zu entscheiden, beraubt. Die zweite Lebenshälfte ab der Lebenswende dagegen ist durch eine passiv sich 331 Jung schreibt: „Darum meine ich, dass die Natur schon selbst für die Vorbereitung aufs Ende sorgt. Dabei ist es objektiv gleichgültig, was das individuelle Bewusstsein darüber denkt. Subjektiv aber bedeutet es einen gewaltigen Unterschied, ob das Bewusstsein Schritt hält mit der Seele oder sich an Meinungen festhakt, welche das Herz nicht kennt.“ (Jung 1995g, S.451). 332 Jung reserviert die Begriffe der Extra- und Introversion zwar für die Bezeichnung von „Einstellungstypen“ – wie er sie in Psychologische Typen dargestellt hat -, trotzdem meine ich, dass sich die mit ihnen benannte Hauptrichtung der Libido-Bewegung – nämlich entweder auswärts oder einwärts – allgemein und im Sinne eines relativen Mehr, das die je andere Funktion nicht vollständig verdrängt, je in einer der beiden Lebenshälften überwiegt. So ist die erste Lebenshälfte in der Hauptsache eben durch eine extrovertierte, die zweite dagegen durch eine introvertierte Einstellung ausgezeichnet (vgl. 1995e, S.51f.). 280 ergebende, sich in sein Umwelt-Verhältnis – wie er es sich bis dato „erkämpft“ hat – fügende, nach innen gerichtete, introvertierte Selbstorganisation gekennzeichnet, die aber wiederum durch eine aktive Selbstaufmerksamkeit auf die Zentroversion geprägt ist, die sich dadurch in ihrer Wirksamkeit verstärkt und die (während der Phase der Individuierung aufgebauten) Gegensätze integriert. Diese Integration der Gegensätze impliziert auch, sich zu sich und zur Umwelt in ein verwandeltes Selbst- bzw. Umweltverhältnis zu setzen, demgemäß das Individuum sich besser versteht, d.h. aber auch, das ihn von den anderen Unterscheidende klarer sieht bzw. seine Individuation als verstehendes Annehmen seiner Individuierung vollzieht. Fraglich ist nun, wodurch diese Lebenswende herbeigeführt wird und warum sie ein notwendiges, den Gesetzen der Selbstorganisation bzw. der Geist-Natur-Einheit entsprechendes Geschehen ist? Allgemein lässt sich diese Frage mit dem Hinweis auf die der Selbstorganisation als Hintergrund-Folie dienende Entropie beantworten, der die Selbstorganisation das Spiel des Aion – d.h. das Sich-Organisierende und Organisierte der Wirklichkeit – abtrotzt. Die Selbstorganisation der Wirklichkeit ist der allgemeinen Entropie abgerungen, insofern letztere beständig auf den Ausgleich unterschiedlicher Energieniveaus und damit auf die allgemeine Ruhe ausgeglichener Gegensätze hindrängt, gegen die die Selbstorganisation in ihrer Einzelnes bildenden und damit Gegensätze erzeugenden Wirkung immer wieder aufbegehrt, um sich nicht im Grenzen-, Struktur- und damit Formlosen zu verlieren. Die spezifische Wirkung dieser beiden Grundkräfte – die auch Jung als entscheidende Parameter für die Selbstentwicklung ansetzt (vgl. 1995g, S.446) – im und am Menschen im Laufe seines Lebens lässt sich nun daraus ableiten: Die Selbstorganisation – in jungen Jahren noch frisch und unverbraucht – bewirkt die Selbstentwicklung des jungen Menschen, die sich im Widerstand gegen die Um- und Mitwelt – die gegen die vom aufbegehrenden Jugendlichen ausgehende Unruhe im Sinne der eigenen entropischen Trägheit mit Widerstand reagiert - und gegen die eigene entropische Trägheit seines Unbewussten im Sinne einer Selbstbehauptung durchzusetzen hat. So stellt sich einerseits die entropische Trägheit seines Unbewussten gegen die von der Selbstorganisation angezielte Selbstbewusstsein- und Ich- Entwicklung, indem sie die Seele im Unbewussten festzuhalten sucht (vgl. Jung 1995c, S.432) und später noch – aufgrund der im Arbeitsprozess sich aufbauenden und zu ertragenen Gegensatzspannungen - als entropischer Widerstand die für die Selbstbehauptung notwendige Arbeitsmotivation untergräbt. Andererseits hat der junge Mensch, der sich im Zuge der von seiner Selbstorganisation angestrebten Selbstbehauptung um eine soziale Stellung, soziale Sicherheit, Beruf und Fortpflanzungspartner zu bemühen hat, dabei oft mit spezifischen Widerständen seiner Um- und Mitwelt – bspw. in Form von Konkurrenz- oder Verdrängungs- 281 kämpfen um meist begrenzte Ressourcen - zu kämpfen. Die extrovertierte Selbstentwicklung und Selbstbehauptung geht dabei nicht nur auf Kosten der seelischen Ganzheit, die sich in dem mit der Entscheidung für spezifische Fähigkeiten, Einstellungen und Selbstverwirklichungen (wie einen spezifischen Beruf oder einen spezifischen Partner) einhergehenden, zwangsläufigen „Verzicht auf alle anderen seelischen Möglichkeiten“ (Jung ebd., S.433) aufhebt, sondern schlägt sich auch in der Ausbildung von muskulären und innerorganischen Verspannungen, dem von Reich sogenannten „Charakter- bzw. Körperpanzer“ (vgl. Kastenbutt 1993, S.102), nieder. Der Körperpanzer stellt aber als Niederschlag der Auseinandersetzungen mit der Um- und Mitwelt und als Folge spezifischer Libido-„Verlagerung(en)“ (1995e, S.52) eine Verhärtung und Verspannung des Leibes dar, die den freien Fluss der Libido bzw. der Lebensenergie zunehmend einschränkt. Als Kind noch voller übersprudelnder Lebendigkeit und polymorph-perverser Ansprechbarkeit, verliert der Erwachsene zunehmend diese Qualitäten.333 Dem (in der ersten Lebenshälfte notwendigen) Verzicht auf die seelische Ganzheit entspricht ein Versiegen und Sich-Verschließen der Lebendigkeits-Quelle, insofern mit ihrer Einschränkung auch der Quellgrund eben dieser Energie verkleinert wird, während die (in der ersten Lebenshälfte notwendige) Verhärtung des Leibes und der daraus entstehende Körperpanzer ihren freien Fluss und ihre freie Wirk- 333 Der Weg der „Individuation“ – so wie Jung ihn vor allem in Bewusstsein, Unbewusstes und Individuation (In: 1995a) und Zur Empirie des Individuationsprozesses (In: 1995b) beschrieben hat – schlägt an einem bestimmten Punkt der Entwicklung um, den Jung – wie schon oben beschrieben - als „Lebenswende“ (vgl. den gleichnamigen Aufsatz Jungs in 1995c) fasst: Die Jugendjahre bis zu dieser Lebenswende sind durch eine Wachstumsbewegung gekennzeichnet, in der der Mensch sich Wirklichkeiten erschließt, die sich leiblich manifestieren. Ausgehend von einer primären unbewussten Erschlossenheit der Welt des Säuglings verwandelt das Kind diese ursprüngliche Erschlossenheit in der Auseinandersetzung mit der andrängenden, äußeren Realitäten in Verstehensorgane und Verstehensschemata um, die ihm eine aktive Beeinflussung der äußeren Realität gestatten, sich aber immer auch in Form von leiblichen Manifestationen, d.h. der leiblichen Bindung von Libido, niederschlagen. Dieser Prozess des Wachstums findet seinen Abschluss in der Ausbildung eines selbständigen Ich-Bewusstseins, das seine Fähigkeit, sich aktiv mit der äußeren Realität auseinandersetzen zu können, erstens mit dem Verlust der ursprünglichen Erschlossenheit der Welt – die ins Unbewusste verschoben wird und von nun an von dort das Ich-Bewusstsein bedrängt, seine verlorene Ganzheit wieder herzustellen - und zweitens mit der Verwandlung seines ehemals flüssigen Leibes in einen zu spezifischen Zwecken organisierten und verhärteten Körper bezahlt. Mit der Lebenswende aber gibt der Mensch sein Subjektbewusstsein preis, um sich im Spieltrieb Schillers zu gründen und die Sphären seines Unbewussten zu integrieren. Die Seinsweise der Medialität – wie sie sich ihm so erschließt – ermöglicht es diesem Menschen nun, die Verfestigungen seines Körpers wieder aufzulösen und ihn wieder zum Leib zu wandeln. Die Auflösung der Verfestigungen des Körpers und die Integration des Unbewussten bedingen sich dabei wechselseitig bzw. geschehen Hand in Hand. 282 samkeit im Leib verunmöglicht. Beides ist für uns als Wirkungen der Entropie entschlüsselbar: Der Verzicht auf die Ganzheit stellt die notwendige Konzession an die entropischen Wirkungen im Menschen (als Widerstand gegen die Selbstbewusstwerdung, die daher nicht im Zuge einer vollständigen Selbsttransformation im Sinne einer Integration der Ganzheit, sondern nur als Teil dieser Ganzheit, d.h. als Ich möglich ist) und am Menschen (als Widerstand von entropisch beeinträchtigter Um- und Mitwelt gegen eine der eigenen Ganzheit entsprechenden Auswahl vor allem von Beruf und Partner im Sinne des sogenannten Realitätsprinzips) dar. Der Körperpanzers als Verhärtung des Leibes wiederum entsteht durch den entropischen Widerstand im Menschen (durch die Libido-Verlagerung zum Zweck der Arbeit) und am Menschen (durch den Widerstand der Um- und Mitwelt gegen seine Selbstverwirklichung). Im Laufe der Individuierung der ersten Lebenshälfte vergrößert sich daher die Gegensatzspannung zwischen dem Ich und dem ihm damit zunehmend entfremdeten Unbewussten, das die Ganzheitsinteressen der Psyche gegenüber dem Ich kompensatorisch vertritt, und dem Ich und der Um- und Mitwelt, die sich in der zunehmenden Entfremdung von der äu- ßeren Umwelt und der sozialen Mitwelt (im Sinne der durch den Körperpanzer sich verlierenden seelischen Ansprechbarkeit334) niederschlägt. Die Gegensatzspannung ist also nicht nur energetisch unerträglich, insofern die Selbstorganisationskraft zu ihrer Aufrechterhaltung, d.h. zur Gegenwehr gegen die sich in ihr ausdrückende und bemerkbar machende Entropie, beträchtliche Energien aufwenden muss. Sie äußert sich außerdem zunehmend auch in einer Selbst-, Umund Mitweltentfremdung, die die Lust – wie sie sich als Selbstempfindung des synthetischen Spiels der Vermögen einstellt, das sich in der doppelten Deprivation durch Energieverlust (Ganzheits- und damit Energiequell-Zugangs-Verlust) und Energiefluss-Hemmung (Charakter- und Körperpanzer-Verhärtungen) aber verliert – in Angst verwandelt. Die Angst ist die direkte Folge aus der (Selbst- )Entfremdung, die alles (d.h. innere und äußere Natur und Mitmenschen) als das fremde und daher beängstigende Andere ihrer selbst erscheinen lässt, bzw. aus dem mangelnden Selbstempfinden der eigenen verlebendigenden Vermögen. Mit diesem Selbst-Empfinden verliert der Mensch aber auch seine Sinnhaftigkeit, was im Sinne einer Negativ-Spirale das Lebendigkeits-Empfinden weiter untergräbt. Vor diesem Hintergrund nun gilt es, die Eingangsfrage nach den Ursachen der natürlich und von selbst einsetzenden Lebenswende zu beantworten: Die Selbstorganisation – die sowohl für die Selbstbewusstseins-Entwicklung, aber eben 334Der Verlust der seelischen Ansprechbarkeit meint hier zusammengefasst den Verlust der polymorph-perversen, sinnlichen Ansprechbarkeit und der ganzheitlichen Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes, wie sie für die Entwicklungsstufe des kindlichen Spielbewusstseins und ontogenetisch für jede Kindheit charakteristisch ist. 283 auch für die Zentroversion, d.h. die Ganzheitsinteressen der Psyche bzw. den Zusammenhalt des (psychischen) Organismus, verantwortlich ist – wird sich nun einerseits, wo sich die Gegensatzpaare (d.h. Ich und Unbewusstes bzw. Ich und Um-und Mitwelt) bis zur Unerträglichkeit voneinander entfernt haben, im Zuge einer Umkehr ihrer Hauptwirkungsrichtung im Sinne der Introversion nach innen richten, um die Zentroversion in ihrer integrierenden Funktion zu verstärken. Sie zieht mit der Integration die Konsequenz aus der zuletzt skizzierten, sich selbst verstärkenden Blockade in Angst und Sinnlosigkeit, in die ihre Selbstentfaltung aufgrund ihrer Gegenkraft – d.h. der Entropie – notwendig mündet. Zwar wird ein von seinen Anlagen oder infolge seiner Sozialisation in der ersten Lebensphase seiner Individuierung weniger extrovertierter Mensch das skizzierte Sich- Selbst-Von-Seiner-Lebendigkeit-Abschnüren vermeiden können, insofern ihn sein einstellungsgemäße Introversion weniger stark in die genannten Konflikte verstrickt und er innere und äußere Signale schon vor der Lebenswende entsprechend deutet. Nichtsdestotrotz läuft das Leben eines jeden Menschen tendenziell in diese Sackgasse ein. Die Integration im Inneren, d.h. die Integration des Unbewussten, aber schließt eine Integration im Äußeren, d.h. ein Sich-Einfügen in die Um- und Mitwelt335 ein, insofern die psychische Ganzheit ein Mikrokosmos der Ganzheit des Makrokosmos Wirklichkeit darstellt, die mit ersterer aktualisiert, d.h. wahrnehm- und spürbar wird. Neben dieser wichtigen, im Sinne der Ganzheit des Organismus notwendigen Akzentverschiebung der Selbstorganisation von der Individuierung auf die Integration der Gegensätze bzw. auf die Individuation, steht der die Lebenswende natürlich herbeiführende, weitere Aspekt, dass der Selbstorganisation infolge der (gemäß ihrer Selbstentfaltungslogik bei simultan wirksamer Entropie mit Notwendigkeit entstandenen) Verhärtungen des Leibes bzw. des Körperpanzers keine andere Möglichkeit bleibt, lebendig zu bleiben. So wie – um eine Metapher Jungs zu verwenden (1995c, S.436ff.) – die Sonne aufgeht und eine steigende Kreisbahn am Himmel beschreibt, so muss sie mit Notwendigkeit wieder sinken und untergehen. Oder um es mit dem Paradigma des Tragischen, dem Spruch des Anaximanders, zu sagen: „Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden, 335 Dieses Sich-Einfügen meint kein kritikloses Arrangement mit der Wirklichkeit, sondern kann – insofern sich die soziale Mitwelt als Kultur von der gemeinsamen, natürlichen Umwelt entfremden und auf ihre Kosten leben kann – ganz im Gegenteil eine kritische Auseinandersetzung mit der sozialen Mitwelt erzwingen, um zur tieferen Fügung in die Ganzheit der Natur, die für alle, ob sie es wissen oder nicht, die Quelle des Lebens darstellt, und daher also auch im Sinne der Mitwelt, zu finden. 284 gemäß der Ordnung der Zeit.“ (Anaximader nach Nietzsche 1994, S.21f.; vgl. auch Hölzel 2008a, S.23ff.) Der Organismus des Menschen hat zum Zeitpunkt der Lebenswende sein „Blatt“ – d.h. die Möglichkeiten seines begrenzten Leibes, sich im Wechsel von Pro- und Regression auszuleben und gegen die Um- und Mitwelt zu behaupten und an sie anzupassen – im wahrsten Sinne des Wortes „ausgereizt“: Nicht dass die ihn belebende Selbstorganisationskraft versiegte oder die Vermögen seines Leibes nicht potentiell wie alle Natur unendlich regenerationsfähig wären, sondern insofern, als der Mensch sich mit Notwendigkeit auf dem Weg seiner Selbstbewusstseins- Entwicklung auf gewisse „Karten“ festlegt, mit deren Hilfe er das „Spiel des Lebens“336 zu spielen sucht, und dafür nicht nur die Ganzheit der Geist-Natur- Einheit, sondern in eins damit auch ihre potentiell unbegrenzte Selbstheilungskraft, preisgibt. Sich für etwas zu ent-scheiden, heißt immer auch, sich von dessen Anderem – d.h. dessen es zur Ganzheit ergänzendem Gegenstück - zu trennen, d.h. aber, seine ursprüngliche Ganzheit, in der die Gegensätze noch ungeschieden ineinander lagen, aufzugeben. Um das „Spiel des Lebens“ zuende zu spielen, heißt es nun gleichsam, sich auch die Rückseite der Karten, die man im Zuge der ersten Lebenshälfte gespielt hat, anzusehen, um sich zu vergegenwärtigen, was es heißt, sie gespielt zu haben, um zu erfahren, was sie – die Karten, der eigene Einsatz, das eigene So-und-So-Mensch-Sein – bedeuten, um also zuletzt sich ganz zu verstehen. Die Unerträglichkeit der Gegensatzspannung zwischen Ich und Unbewusstem, Ich und Um- bzw. Mitwelt bzw. - allgemein gesagt - zwischen Teil und Ganzem einerseits und die körperpanzerbedingte Ausweglosigkeit für die Selbstorganisationskraft andererseits bewirken also die von Jung als „Lebenswende“ bezeichnete innere Umkehr des Menschen. Sie schließt die Phase 336 Das „Spiel des Lebens“ ist nicht mit dem freien Spiel der Vermögen zu verwechseln. Zum Spiel im Sinne des hier mit der Metapher vom „Spiel des Lebens“ angezielten Gesellschaftsspiels vgl. Huizinga 1987 u. Gadamer 1990, S.107ff.. Das Ende des Spiels ist in der Einwilligung in seinen Beginn enthalten, insofern die Ressourcen, die zu seiner Auseinandersetzung gemäß der Spielregeln ge- und verbraucht werden, endlich sind und die Spielregeln daher ein Ende festlegen müssen, um innerhalb dieses Rahmens zu einer Spielentscheidung zu kommen. Das Gesellschaftsspiel hat – wie auch das freie Spiel der Vermögen – seine Zweck in sich selbst und verweist in diesem Selbstzweck in nichts (außer vielleicht darin, ein Beispiel zu geben, d.h. als Thema zu weiteren Variationen Anlass zu schenken) über sich hinaus, sondern erschöpft sich in der Freude daran, sich über seinen Einsatz darin in seiner Selbstwirksamkeit zu spüren, es zusammen mit der Gegenkraft des Spielgegners mit der Verausgabung seiner Kraft um seiner selbst Willen in Szene zu setzen, bis es entlang der Spielregeln zu einer Spielentscheidung kommt. Während sich dem jungen Menschen im Zuge seiner Individuierung der Selbstzweck-Charakter des Spiels des Lebens verstellt, bewirkt die Lebenswende sein Verstehen und eine verwandelte, gelassene Haltung zum Ausgang des Spiels des Lebens. 285 dessen, was wir als Individuierung fassten, ab und eröffnet einen Prozess, dem Jungs Aufmerksamkeit galt und den er als „Individuation“ versteht. Nietzsches Satz, dass man der werden solle, der man ist (vgl. 1960g, Aphorismus 335, S.640), spielt wohl auf die von uns veranschlagte (anlage- und sozialisationsbedingte) schicksalshafte Determination des eigenen Menschseins an, die es im Sinne Jungs anzunehmen gilt, anstatt sich in (zumeist selbstherrlichen) Illusionen betreffs seiner selbst zu verlieren, sich blind auf eine Zukunft hin zu entwerfen und gegen die eigene Determination zu rebellieren. Sein Satz wäre tautologisch, wenn man immer schon ist, was man ist, d.h. wenn es keine unbewusste Schattenseite des bewussten Selbstseins gäbe, die die Beschränktheit dieses Selbstseins kompensiert. Insofern die Einsicht in die schicksalshafte Determination seines Menschseins erst a posteriori erfolgen kann, ließen sich andererseits aus ihr auch keine Schlüsse für ein progressives, weiter voranschreitendes, zukünftiges Verhalten ziehen, weil die Einsicht für zukünftige Anwendungen immer zu spät kommt. So gesehen macht Nietzsches Satz erst eigentlich wirklich Sinn, wenn man in ihm die Aufforderung zur Umkehr, d.h. zur Einsicht in die Zurichtungen liest, die die Ganzheit seiner Möglichkeiten im Zuge seiner vergangenen Selbstverwirklichung bzw. Ich-Entwicklung erfahren hat, um aus ihnen den auf die biografische Vergangenheit der eigenen Sozialisation bezogenen Schluss zu ziehen, was es nachträglich im Sinne der verlorenen, aber zum eigenen Selbst gehörenden Ganzheit zu integrieren gilt. Die von Nietzsche geforderte Einsicht wäre dann keine, die immer zu spät kommt, sondern ein Schlussstrich unter eine gelebte Vergangenheit, die aus dem, was war, die Schlüsse für die Zeit, die einem angesichts der Endlichkeit des Lebens noch bleibt, ziehen will – vielleicht Zarathustras Lebenswende, seine „Stunde des vollkommnen Mittags“, in der ihn die Vision der Ganzheit einholt: „Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? O des goldenen runden Reifs – wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach!“337 (1960e, S.542ff.) Nietzsche zielt mit obigem Satz ebenso 337 Zarastrustras „Stunde des vollkommnen Mittags“ ist die Stunde des höchsten Sonnenstandes, die Stunde Pans, die Zarastustra schlafend und träumend verbringt und in der der vom zur Sonne gereckten Gesicht geworfene Schatten – eben weil die Sonne senkrecht über ihm steht – genau mit der Schattenseite seines Gesichts , d.h. mit der zur Ganzheit fehlenden, anderen Seite des Ich, zusammenfällt. Der mittägliche Schrecken, der mit der Stunde Pans einhergeht, weil die Sonne in ihrem höchsten Stand keinen Schatten mehr gewährt, die Mutter-Erde das Leben nicht mehr vor dem auf unendliche, letztlich lebensfeindliche Wahrhaftigkeit drängenden Vatergott schützen kann und der Mensch von den Sonnenstrahlen in einer ausweglosen Situation gebannt ist, erlaubt zwei Reaktionen: entweder die mythische Panik (die im Wortstamm den Namen Pans enthält), die Horkheimer/ Adorno zufolge dem instrumentellen Subjekt droht, das zur restlosen Identität mit sich selbst zusammengeschrumpft ist (vgl. 1995, S.35f.), oder die Integration des Anderen des Ichs, d.h. die Zu- 286 wie Zarathustra mit seinem Traum eine Individuation an (an der nebenbei bemerkt beide aufgrund der heillosen Dynamik des Über-Sich-Hinaus-Sich-Entwerfens des Übermenschen gescheitert sind), derzufolge man das zu integrieren hat, was man ist, d.h. genauer die andere (verdrängte, unbewusste) Seite dessen, was man im Zuge der ersten Lebensphase geworden ist, was das Ich-Sein aber allererst zum Ganz- bzw. Selbst-Sein schließt, nun nachträglich mit einzubeziehen hat. Insofern im jungen Mensch noch alles möglich, aber nichts wirklich ist, und er die Determination seines Menschseins noch nicht einsehen kann, sondern erst im Lebensvollzug erfahren wird, ist Nietzsches Weisung für ihn nicht vollziehbar. Für den Menschen zur Zeit der Lebenswende aber, für den nichts mehr möglich ist, weil schon zuviel wirklich ist, jede Verwirklichung aber die potentiell unendlichen Möglichkeiten des Organismus auf die noch verbleibenden, an die unternommenen Verwirklichungen anschlussfähigen Möglichkeiten reduziert, lenkt er die Aufmerksamkeit auf eine immer verbleibende, letzte Option weiterer Selbstentwicklung: Wo äußerlich an seinem Schicksal nichts mehr zu ändern ist, bleibt dem Menschen, sein inneres Verhältnis zu dem Unabdingbaren, d.h. zu sich und zur Um- und Mitwelt, zu verändern und zu entwickeln. Die Transformation des Selbstverhältnisses ist die letzte verbleibende Option angesichts der Sackgasse, in die der Mensch qua der ihn organisierenden Selbstorganisation und der ihr entgegen wirkenden Entropie geraten ist338, d.h. der Ausweg aus der Unerflucht im eigenen Schatten, im Unbewussten, die die verbleibenden Lebens-Möglichkeiten eröffnet, von denen sich das patriarchale (wie matriarchale), instrumentelle Subjekt abgekapselt hat. 338 Die Alternative angesichts dieser Sackgasse ist die zwischen einer Eros-geleiteten Psychotherapie – die im besten Fall im Sinne Jungs die Selbsttransformation zum Selbstverhältnis der Medialität anstrebt – oder einer Thanatosbesessenheit: Das Wirkprinzip des Eros verstehen wir als Selbstorganisation, während das Prinzip des Thanatos, von Freud als Todestrieb in die Metapsychologie eingeführt (Jenseits des Lustprinzips – in: 1999a) , das Phänomen der Entropie verkörpert, das – anders als bei Freud – keinen eigenen Trieb darstellt, sondern die Folie darstellt, vor deren Hintergrund die Selbstorganisation die Wirklichkeit hervorbringt und organisiert, die beim Ausbleiben bzw. Versiegen der Selbstorganisation sich ins Chaos zurück gemäß des Gesetzes der Entropie auflöst (vgl. Abs. IV). Eros wird dabei von uns als Inbegriff der Selbstorganisation, die die Integration und Ganzheit des Menschen anstrebt, verstanden, während Thanatos eine Selbstverkehrung der Selbstorganisation darstellt, die anstelle der Auflösung der in den Organismus gesetzten Gegensatz-Spannung in der Ganzheit der Integration zum selben Zweck das Chaos sucht. Thanatos stellt unserer Ansicht nach also nicht wie bei Freud einen eigenen Trieb bzw. eine eigene Energie-Form, sondern einen allgemeinen Energie-Verlust dar, der mit der Auflösung der Gestaltungen des Organismus im Chaos – wo für den Organismus keine positive, Eros-geleitete Möglichkeit der Auflösung der Gegensatz-Spannung in der Ganzheit gegeben scheint – für den Organismus mit diesem Chaos die Voraussetzung für einen Neubeginn und einer neuen Organisation schafft. Der Mensch kann - angesichts seiner seelischen Verstrickungen nicht zur Erosgeleiteten Integration fähig – einer Besessenheit durch Thanatos verfallen und sich nach ei- 287 träglichkeit der Gegensatzspannung zwischen Ich und Unbewusstem und dem körperpanzerbedingten Versiegen der leiblichen Lebendigkeitsquelle. Im Folgenden gilt es nun, den zur Lebenswende stattfindenden Selbst-Transformations-Prozess zu verstehen. ner letzten Erlösung in der Indifferenz, Desintegration und Auflösung im unbewussten Chaos der nicht-organisierten Geist-Natur-Einheit sehnen, um sich damit – wenn auch vom betreffenden Menschen in seiner Todessehnsucht verneint - potentiell die Möglichkeit zu einem Neubeginn zu erschließen. Im Gegensatz zum Erlösungs-Versprechen des Thanatos – der sich nach regressiver, zerstörerischer Wiederauflösung im Ur-Einen sehnt – schenkt die Liebe des Eros erlösende Formen der Integration. Die Integration des Geschlechtergegensatzes von sich wechselseitig zur Ganzheit ergänzenden Geschlechtern kann sich in der Selbstintegration des Einzelnen, im fruchtbaren Miteinander der Geschlechter oder in der gemeinsamen, zukunfts-optimistischen Zeugung eines Kindes spiegeln (vgl. zu den letzten beiden Äußerungsformen Jungs Begriff der Quaternität (vgl. Stein 2000, S.174f.), mit dem er das Sich-wechselseitige-Ergänzen zur Ganzheit von Mann und Frau gefasst hat, bei dem alle Seelen-Anteile beider Geschlechter, d.h. männliches Selbstbewusstsein, die Anima als unbewusster, weiblicher Seelenanteil des Mannes, weibliches Selbstbewusstsein und der Animus als unbewusster, männlicher Seelenanteil der Frau, miteinander kommunizieren.). Die Integration des Geschlechtergegensatzes erschließt eine Ganzheit, die eine progressive Form der Erlösung von der Gegensatz-Spannung im Einzelnen wie im Miteinander bereithält. Zwar ist der thanatonische Drang nach regressiver Selbstauflösung nicht schlichtweg negativ, insofern sein Wirken die letzte Chance einer Seele darstellt, die aufgrund ihrer Selbstentfremdung und seelischen Vereinseitigung (als Folge der Opferung des inneren Kindes) nicht zur Integration fähig ist. Dieser Versuch – ist er mehr als ein zur Regeneration genutztes Durchgangs-Stadium, um sich schließlich doch wieder der Wirkmacht des Eros zu öffnen - muss aber fehlschlagen, eben weil er nicht von Eros motiviert seine Selbstauflösung in der Integration sucht, zu der er das in der Vergangenheit Verdrängte reintegrieren muss, sondern sich ins Chaos des finalen Todes als einen tödlichen Abgrund der Zukunft stürzt. Die Psychotherapie, die versucht, neurotische Störungen im Rückgang in das vorgeburtliche Chaos des Mutterleibes zu lösen, damit sich die neurotisch strangulierte Seele dort in der Urgeborgenheit in der Ganzheit regenerieren, erneuern und im Zuge ihrer ihre Sozialisation durchlaufende Wiedergeburt ihre aus dieser Sozialisation entstandenen Probleme verstehen, integrieren und energetisch durchstrahlen kann, geht dabei gerade nicht den Weg des Thanatos, sondern den bewusst sich der Regression überantwortenden Weg des Eros. Die Thanatos-Bestimmtheit ist in zweierlei Hinsicht problematisch: So sucht Thanatos in der Flucht in die Zukunft des eigenen Todes einmal das, was er eigentlich nur in der Einkehr in die eigene Vergangenheit finden kann, nämlich den Tod als Durchgang zu neuem Leben. Seine tödliche Dynamik zeichnet gerade aus, dass für ihn die Hoffnung auf Heilung in der Integration der Ganzheit und damit die Hoffnung auf Heilung in der Zukunft verloren ist. Zum anderen wird die Thanatosbesessenheit problematisch, wenn zu viele Menschen einer Gesellschaft zugleich oder zu oft infolge von gesellschaftlich- kulturellen Konflikten und unintegrierten Problemen von ihr betroffen sind, insofern sie sich als allgemeiner Fatalismus und als zerstörerischer Selbst-, Mit- und Umwelthass auswirkt, der nicht nur nicht fähig ist, die Dinge zum Positiven zu wenden, sondern dies auch bewusst nicht anstrebt. 288 VIII.2 Der Selbsttransformations-Prozess vom kindlichen Spielbewusstsein zum Integrierten Selbstbewusstsein bzw. zum Selbstverhältnis der Medialität Die folgende Interpretation des Selbsttransformations-Prozesses des Menschen im Zuge seiner Selbstentwicklung im Laufe seines Lebens (Ontogenese des (Selbst-)Bewusstseins) orientiert sich an Jungs und Neumanns Konzeption des Individuations-Weges. Als Psychologen des frühen 20. Jahrhunderts gehen sie noch von einer klassisch ödipalen, männlich- weiblichen Sozialisation in der freudschen Kleinfamilie aus. In unseren Stand der Theorie übersetzt, müssten wir anstelle der personalisierenden Begrifflichkeit von „Mann“ und „Frau“ die sich vom biologischen Geschlecht lösende von „Sich-patriarchal-Identifizierenden“ und „Sich-matriarchal-Identifizierenden“ setzen, insofern Kinder in verwandelten Familien-Konstellationen unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht unter den Einfluss eines ihrem Geschlecht entgegengesetzten und sie conträr zur ödipalen Sozialisation in der freudschen Kleinfamilie prägenden Archetypen geraten können. Die Selbstidentifikation bzw. Selbstabgrenzung über das biologische Geschlecht, selbst durch eine weniger prüde Sozialisation wie der Heutigen im Kontrast zu der der wilhelminisch- victorianischen Zeit Freuds in den Hintergrund tretend, wird dabei ersetzt von der über die Zuneigung des Kindes zu einer Identifikationsfigur, d.h. durch Mimesis desjenigen und seiner archetypischen Prägung in der potentiell um den Freundeskreis erweiterten Familie, dem das Kind das meiste Identifikationspotential zuschreibt. Betreffs ihrer Konzeption des Individuationsweges hängen Jung und Neumann wie gesagt noch von Freuds ödipaler Sozialisations-Konstellation ab, auch wenn sie mit ihrer Übersetzung dieser ödipalen Konstellation ins Transpersonale der Archetypen-Lehre die Mittel dazu bereitstellen, genau sie aus ihrer Gebundenheit ans biologische Geschlecht im eben beschriebenen Sinne zu überwinden, ohne das von Freud entdeckte Grundmuster einer über die Identifikation mit einem der beiden Archetypen des Männlichen bzw. Weiblichen verlaufenden Individuierung preiszugeben. Der Einfachkeit halber – dies bedenkend – sprechen wir in der folgenden Interpretation des Selbsttransformations-Prozesses trotzdem weiter von „Mann“ und „Frau“. Was bedeutet nun die in der jungschen Individuation geforderte Integration des Unbewussten? Und inwiefern impliziert sie eine Selbsttransformation? Und zuletzt: Welches Selbstverhältnis hat der solcherart verwandelte Mensch? Die Antwort auf die letzte Frage ist das von uns hier zu entwerfende Selbstverhältnis der Medialitiät, in dem eine Integration des Geschlechter-Gegensatzes stattfindet, die die Überwindung der geschlechtlichen Determination hin zu einer ersten, wahren Freiheit der Wahl der Form des eigenen Selbstseins ermöglicht. Zur Antwort auf 289 die ersten beiden Fragen nach der Individuation bzw. Selbsttransformation als Weg zum Selbstverhältnis der Medialität bleibt aber ein Unterschied zwischen den Geschlechtern festzuhalten. Wir kommen dazu nicht umhin, auf die neben dem Selbst-, dem Vater- und dem Mutterarchetypen zentralsten Archetypen der Archetypenlehre Jungs und Neumanns einzugehen: auf die Anima und den Animus. Wo die ursprüngliche Ganzheit des Kindes noch hermaphroditisch ist und in der Ganzheit des Uroborus ruht, d.h. beide Geschlechter umfasst, wird mit der Entwicklung des eigenen Geschlechts das Gegengeschlecht und alle zu ihm gehörigen, seelischen Anteile im Laufe der Individuierung, d.h. der Ich-Entwicklung in der ersten Lebenshälfte, verdrängt. Während der Mann also seine weiblichen, seelischen Anteile ins Unbewusste, die sich nach Jung zum Archetypen der Anima zusammenstellen, verdrängt, sind es bei der Frau die männlichen Anteile, die sich im Unbewussten zum Animus gruppieren. Auch wenn die Grundstrukturen und die Grundkräfte - die im Prozess der Individuation bzw. Selbsttransformation eine Rolle spielen – bei beiden Geschlechtern dieselben sind, d.h. beide Geschlechter immer auch durch den Archetyp des Selbst (als Variation zum Thema des Uroborus) und die aus seinem Zentrum quellende Zentroversion bzw. transzendente Funktion (unser freies Spiel der Vermögen) dirigiert werden, unterscheidet sich die Individuation von Mann und Frau aufgrund ihrer unterschiedlichen Individuierungs-Wege. Zwar geht es letztlich um die Integration der Ganzheit. Die Integration dieser Ganzheit aber ist aufgrund der unterschiedlichen Individuierungs-Wege nur über die Integration des im Laufe der Individuierung verdrängten, gegengeschlechtlichen Anteils der Seele zu bewerkstelligen, insofern es je diese Anteile sind, die vorab integriert werden müssen, um in der Folge auf dieser neuen Grundlage ein Ganzes als ein Mehr als die Summe seiner gegengeschlechtlichen Anteile zu generieren, aus dem dann das seiner selbst bewusste Spielbewusstsein des Selbstverhältnisses der Medialität hervorgeht. Der Seelenschatz, der in der Integration von Anima bzw. Animus zugänglich wird, besteht – so lässt sich zusammenfassen - in der beide geschlechtlichen Anteile umfassenden Ganzheit bzw. in der Initiation ins Spiel der Vermögen.339 339 Die weibliche bzw. männliche Selbstentwicklung ist mit der matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusst-Werdung noch nicht abgeschlossen: Im „Wandlungsprozess der zweiten Lebenshälfte“ muss der Mann eine „neue Form des Drachenkampfes“ durchlaufen, um das „Primat der Eigengeschlechtlichkeit“ zu überwinden und durch „Assimilierung der Gegenfigur“ der „Anima“ den „ursprünglichen Hermaphroditismus“ wiederzugewinnen (2004, S.420f.): „Der selbstzeugerischen Tat, in der am Beginn des Lebens das Ich-Bewusstsein sich aus der umschlingenden Gewalt des Drachens des Unbewussten befreit, entspricht in der zweiten Lebenshälfte der selbstzeugerische Akt der Wiedergeburt des Ich zum Selbst, in der es sich aus der umschlingenden Gewalt des Drachens der Welt befreit. Der Drachenkampf der ersten Lebenshälfte beginnt mit dem Weg durch die Welt des Unbewussten und endet mit der Heldengeburt des Ich. Die Nachtmeerfahrt der zweiten Lebenshälfte beginnt 290 Am Anfang ist die Situation für das männliche und weibliche Baby identisch: Sie ruhen beide im Uroborus, d.h. in der um sein Zentrum versammelten, gegen die Außen-Wirklichkeit abgegrenzten Ganzheit des Organimus, das in seinem freien Spiel der Vermögen beginnt, ein Übersummationsprodukt aus sich zu generieren, in dem keimhaft die Selbstbewusstseins-Formationen seiner künftigen Entwicklung angelegt sind. Der Selbstverwirklichungsdrang der Selbstorganisationskraft, die dem schillerschen Stofftrieb entspricht, führt zusammen mit dem Formtrieb im ursprünglichen, unbewussten, freien Spiel der Vermögen des kindlichen Organimus zu einem Übersummationsprodukt, das sich von dem die männliche und weibliche Anteile umfassenden, geschlechtsneutralen Uroborus abhebt, ihn aber (als Variation seiner Ganzheit auf einer höheren Seins-Ebene) noch spiegelt. Dieses Übersummationsprodukt gerät im Zuge der Individuierung unter die einseitige Herrschaft des Mutter- bzw. Vaterarchetypen und verdichtet sich dementsprechend zum matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstsein bzw. Ich-Komplex. Das teleologische Ziel der Selbstorganisation, immer höhere und ausdifferenziertere Ganzheiten als Variationen zum Thema ihrer Ganzheit zu entwickeln, ist nicht dadurch beeinträchtigt, dass sich ihre Ganzheit – die sich ursprünglich in der Ganzheit des Übersummationsproduktes spiegelte - für das sich selbst verwirklichende Individuum (zwischenzeitlich) aufhebt. Der Ich-Komplex ist zwar aufgrund seiner spezifischen (matriarchalen bzw. patriarchalen) Formatierung dieses Übersummationsprodukts von seinem gegengeschlechtlichen Anteil der Ganzheit abgespalten. Dieser Anteil wird aber ins Unbewusste verdrängt, ist damit für den Ich-Komplex verloren, bleibt aber für die ganzheitliche Selbstentwicklung des Organismus erhalten. Die Formatierung der Ganzheit des Übersummationsproduktes als Keimzelle des Selbstbewusstseins vollzieht sich über eine Identifiktation mit der Mutter, zu der mit dem Weg durch die Welt und endet mit der Heldengeburt des Selbst“ (ebd., S.423). Erster und zweiter Drachenkampf unterscheiden sich wesentlich dadurch, dass der männliche Held im ersten Drachenkampf den Drachen des Mutter-Archetypen scheinbar besiegt, auch wenn er ihn de facto nur ins Unbewusste verdrängt, während er ihm im zweiten Drachenkampf scheinbar unterliegt, um aber de facto als zur Ganzheit des Hermaphroditismus integrierter Mensch wiedergeboren zu werden. Analog stellt sich die weibliche Selbstentwicklung dar, nur dass die weibliche Heldin keinen ersten Drachenkampf zu kämpfen braucht, insofern im Mutter-Archetypen, aus dem sie wie der Mann hervorgeht, verbleiben kann, um ihr Ich-Bewusstsein zu gewinnen. Insofern diese matriarchale Selbstbewusstsein analog zum patriarchalen Selbstbewusstsein aber auf der Verdrängung der männlichen Hälfte der Ganzheit, d.h. des Vater-Archetypen, aufbaut, muss auch sie in der „Todeshochzeit“ der zweiten Lebenshälfte (Neumann 1975, S.21 – vgl. auch unsere Korrektur der Interpretation des Mythologems der Todeshochzeit Abs. VI.1.2) sterben, um neu als integriertes Selbst wiedergeboren zu werden. 291 der Säugling die erste Bindung eingeht. In der Auseinandersetzung mit ihr schält sich aus der keimhaften Selbstbewusstheit des Übersummationsproduktes ein erstes Selbstbewusstsein heraus, das entsprechend seiner ersten Bezugsperson unter die Herrschaft des Mutterarchetypen gelangt. Diese zweite Stufe menschlichen Selbstseins – die im Zuge seiner Patriarchalisierung zumindest für den Mann auf die vorödipale Lebenszeit zurückgedrängt wurde – entspricht dem matriarchalen Selbstbewusstsein: So veranschlagt Neumann für das Selbstsein unter der Herrschaft des Mutterarchetypen entgegen des patriarchalen Vorurteils – Selbstbewusstsein sei erst mit der Hinwendung zum Vatergott bzw. Vaterarchetypen entstanden – schon eine Form des Selbstbewusstsein, die er entsprechend des Aufgehens des Bewusstseinsfunken in der unbewussten Nacht, die ihn als solches vor dem Hintergrund dieser Nacht erst auf- bzw. einleuchten lässt und eben „bewusst“ macht, im Sinne des Mythos als „matriarchales Mondbewusstsein“ fasst (Neumann 1975, S.59ff.). Dieses matriarchale Selbstbewusstsein ist eine erste Form des Ich-Komplexes, für den es kennzeichnend ist, dass für ihn die Ganzheit und Zentroversion als bewusste, innere Wirkkräfte verloren gehen und er stattdessen der Illusion einer von der Umwelt abgegrenzten Subjektivität und Selbstbzw. (genauer) Eigen-Steuerung verfällt, während diese inneren Wirkkräfte an sich bzw. unbewusst weiterwirken. Sein Unbewusstes ist nun männlich attribuiert, insofern es vor allem die männlichen Seelenanteile – die das Kind im Zuge der Gründung im Mutterarchetypen verdrängt – beinhaltet, umfasst aber auch die Übersummationsprodukte, die sich aus dem Zusammen von männlichen und weiblichen Anteilen im kindlichen Spielbewusstsein einstellen, d.h. die Ganzheit (Archetyp des Selbst) und seine Zentriertheit in der Quelle allen Lebens, sowie die Zentroversion, die fortan unbewusst wirken. Die Selbstorganisation, die zur Selbstverwirklichung ihrer Schöpfungen in immer höheren und ausdifferenzierten Ganzheiten drängt und als Zentroversion wirkt, stößt – um mit dem Selbsttransformationsprozess des Mannes zu beginnen - in der Selbstentwicklung des männlichen Kindes nun auf eine doppelte Umwelt- Grenze, d.h. auf eine doppelte Grenze des Ökosystems bzw. Feldes, in dem sich ihre Selbstverwirklichung zu arrangieren hat: So steht der uneingeschränkten Selbstverwirklichung des männlichen Kindes, das in der ödipalen Phase seine Liebe zur Mutter entdeckt, einerseits der Besitzanspruch des Vaters auf die Liebe der Mutter in dem für es lebensnotwendigen Familiensystem entgegen. Sein Gebot, dass der Sohn alles begehren soll, was er selbst begehrt, nur eben nicht die Mutter (vgl. Freud 1999b, S.273), wird dem männlichen Kind zum Bannspruch, durch den es nicht nur aufgefordert ist, die Geborgenheit im Mutterarchetypen zu verlassen, sondern auch dazu, seine Dirigiertheit durch den Mutterarchetypen aufzugeben und sich für den Anspruch des Vaterarchetypen zu öffnen. Anderer- 292 seits beginnt das männliche Kind, sich unter der Herrschaft des Mutterarchetypen seiner eigenen, spezifisch männlichen Natur entfremdet zu fühlen, die es zu entdecken beginnt, in der Geschlechtlichkeit der Mutter nicht gespiegelt findet und für die es Vorbild und Orientierung beim Vater sucht. Die Selbstbewusstseins-Entwicklung des Mannes sieht aus dieser doppelten Motivation heraus einen „Ersten Drachenkampf“ (Neumann 2004, S.423) vor, bei dem sich – angeleitet durch die unbewusste Zentroversion als weiterer Motivation (siehe unten) - das männlich, patriarchale Selbstbewusstsein aus der Umfangenheit durch den Mutterarchetypen herausarbeitet: Mit Hilfe des Vaterarchetypen, d.h. einer Stützung im Himmel, besiegt es die sich zu einem verschlingenden Drachen verwandelnden, die emanzipative Selbstbewusstseins-Entwicklung des männlichen Kindes verhindern wollenden Widerstände des ihn umfassenden weiblichen Mutterarchetypen. Während der Mann dadurch sein männliches Selbstbewusstsein gewinnt, verliert er umgekehrt – allerdings ganz im Sinne der Teleologie seines Organismus – seine weiblichen, seelischen Anteile ans Unbewusste. Die Zentrierung im Mutterarchetypen wird durch die Zentrierung im Vaterarchetypen ersetzt. Die erste Einseitigkeit der vermeintlichen Repräsentanz der Ganzheit durch den Mutterarchetypen, die in der kritischen ödipalen Phase – in der das männliche Kind dem Mutterarchetypen entwächst – aufgegeben wird, wird durch die andere Einseitigkeit, mit der Zentrierung im Vaterarchetypen den Mutterarchetypen als die andere Hälfte der Ganzheit abzuspalten, abgelöst. Das patriarchale Selbstbewusstsein stellt nun ein Ich-Komplex dar, für den es kennzeichnend ist, dass für ihn die Ganzheit und Zentroversion als bewusste, innere Wirkkräfte verloren gehen und er stattdessen der Illusion einer von der Umwelt abgegrenzten Subjektivität und Selbst- bzw. (genauer) Eigen-Steuerung verfällt, während diese inneren Wirkkräfte an sich bzw. unbewusst weiterwirken. Sein Unbewusstes ist nun weiblich attribuiert, insofern es vor allem die weiblichen Seelenanteile – die der Mann im Zuge des Ersten Drachenkampfes verdrängt hat – beinhaltet, umfasst aber auch die Übersummationsprodukte, die sich aus dem Zusammen von männlichen und weiblichen Anteilen ergeben, d.h. die Ganzheit (Archetyp des Selbst) und seine Zentriertheit in der Quelle allen Lebens, sowie die Zentroversion, die fortan unbewusst wirken. Die Integration des Unbewussten im Zuge des nun anstehenden Zweiten Drachenkampfes bzw. der „Nachtmeerfahrt“ (Neumann ebd., S.423) bedeutet für den Mann die Integration seiner im Zuge der Individuierung verlorenen Ganzheit, wie sie ihm ursprünglich als Kind zu eigen war, die sich nun aber als das, was zu ihr fehlt, d.h. als verdrängter weiblicher Mutter- bzw. Erdarchetyp bzw. (in seinen für ihn integrierbaren Anteilen) als Archetyp der Anima geltend macht. Die In- 293 tegration der Anima im Sinne einer Reintegration der Ganzheit bedeutet aber nicht einfach nur, dass die im Zuge der Individuierung verdrängte weibliche Anima dem entwickelten männlichen Selbstbewusstsein hinzugefügt würde, sondern im Sinne des Satzes, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, ihre wechselseitige Auflösung ineinander. Aus diesem Chaos der Vermischung der Gegensätze schält sich dann die Gegründetheit in Aion, im Zentrum bzw. der Quelle allen Lebens und innerhalb der Grenzen des Ganzen, heraus, der das freie Spiel der Vermögen bzw. die „transzendente Funktion“ bzw. die „Zentroversion“ entspringt.340 340 Der Zweite Drachenkampf ist die entscheidende Schwelle, die im Anschluss an Schiller unserer Ansicht nach nur von wenigen Vorgängern Jungs und Neumanns in der Tradition der Ästhetischen Moderne überschritten wurde: Zur Integration der Ganzheit – zu dem die Integration des nach Böhme/ Böhme von der Aufklärung an und bis heute unterschlagenen „Andere(n) der Vernunft“ (Titel, 1985), d.h. des Weiblich-Attribuierten, die Voraussetzung bildet – muss das männliche Selbstbewusstsein im Chaos des Uroborus, d.h. der (geschlechtsneutralen) Geist-Natur-Einheit, die ihm aber als weiblicher Mutter- bzw. Erdarchetyp erscheint, sterben. Was Jung als Integration der Anima im Zuge der Individuation und Neumann als Zweiten Drachenkampf fasst, ist gänzlich von dem zu unterscheiden, was die Tradition der Ästhetischen Moderne an Toden der Initiation vorsieht. So bleiben viele Denker der Ästhetischen Moderne bei aller Hoffnung und Selbstsuggestion, mit ihrem Sterben in Gott den Sackgassen des patriarchalen Subjektivismus zu entkommen, dem Gotteskomplex, der für die von ihnen kritisierte Philosophie der instrumentellen Vernunft charakteristisch ist, verhaftet. Ihre Neu-Gründung des Subjekts bleibt eine Gründung im Geist, die wie im Falle Schopenhauers auf ihre irdische Verwirklichung verzichtet, um sich im Möglichkeitsraum ihrer Potentialität selbst vorzugaukeln, ihre Ganzheit zurückzugewinnen (vgl. Hölzel 2008a, S.62ff.). Auch Kierkegaard stirbt zur „Verunendlichung des Selbsts“ seinen Tod im Geist Gottes, auch wenn er dann – anders als Schopenhauer – „unendlich zu sich selber zurückkehrt in der Verendlichung“ (1992, S.26). Ihr Problem ist, dass sie ihr Sterben im Falschen anstreben, d.h. als Männer mit dem Sterben im Vatergott nur ihren bereits absolvierten, von Neumann sogenannten Ersten Drachenkampf nochmal vollziehen. Das andere, falsche Extrem des Initiations-Todes stellt das Sterben und die Wiedergeburt im Anderen des Geistes dar, wie es zumindest der Interpretation Heideggers zufolge vom späten Nietzsche und an ihn anschließend von Sloterdijk vollzogen wird: Sein Initiations-Tod stellt zwar eine Umwertung der Werte dar, mit der er aber den Fehler des Dualismus, die Geist-Natur- Einheit des freien Spiels der Vermögen zu spalten, unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt, d.h. eine Positivierung der (aus der Vernunftperspektive) dämonischen Natur im Willen zur Macht vollzieht, ohne die Geist-Natur-Einheit zu rehabilitieren. Diesen zwei Varianten des Selbstmißverstehens der Ästhetischen Moderne stehen die Versuche zur Anknüpfung an ihre Ansätze bei Schiller durch Jung und Neumann im 20. Jahrhundert gegenüber. Die Integration der weiblichen Hälfte des Geschlechtergegensatzes erfordert nämlich nicht nur eine Suspension des männlichen Geistes der instrumentellen Vernunft (durch ein Sterben in Gott oder dem Anderen des Geistes Gottes), sondern auch eine seiner Unterscheidung von Geist und Natur, d.h. einen Rückgang in das Chaos des (männlich-weiblichen) Uroburus bzw. der Geist-Natur-Einheit, damit aus dessen Mitte und Zentrum das freie Spiel der Vermögen anheben kann und der zerrissene Mensch zur Integration findet. 294 Der Selbsttransformationsprozess der Frau vollzieht sich entgegengesetzt analog zu dem des Mannes.341 Anfangs ruht auch sie in der (geschlechtlich-neutralen) Ganzheit des Uroborus, um über die erste Bindung zur Mutter und der damit einhergehenden Gründung im Mutterarchetypen die vaterarchetypische Hälfte ihrer ursprünglichen Ganzheit zu verlieren. Der Verlust der vaterarchetypischen Strukturiert- und Zentriertheit bedeutet für das matriarchale Selbstbewusstsein, nicht aber für die leibliche Organisation der Frau, zugleich den Verlust von Ganzheit und Zentroversion, genauso wie der Verlust der mutterarchetypischen Begrenztheit für das patriarchale Selbstbewusstsein, nicht aber die leibliche Organisation des Mannes, zugleich den Verlust der Ganzheit und Zentroversion beinhaltet. Im Gegensatz zum Mann nun ist die Frau vorläufig nicht gezwungen, ihre Identifikation mit dem Mutterarchetypen aufzugeben, insofern sie nicht in Konkurrenz mit dem Vater um die Liebe der Mutter tritt und sich in ihrer geschlechtlichen Eigenheit – die sie als junges Mädchen zu entdecken beginnt – in ihrer gleichgeschlechtlichen Mutter gespiegelt sieht. Anders als beim Mann bedarf sie keines 341 Für Frauen kann es sich aufgrund der geschichtlich langen Vorherrschaft des Patriarchismus als schwieriger darstellen, analog zur männlichen Eigenheit des Mannes ihre weibliche Eigenheit zu entwickeln. So findet sich ihr matriarchales Selbstbewusstsein und seine Selbsttransformations-Möglichkeiten kaum in den Kulturen des Patriarchismus gespiegelt. Insofern die Kulturen des Matriarchismus bis heute der Entstellung durch eine patriarchale Interpretation ihrer Kulte und Mythen unterworfen sind und ihrer Rehabilitation harren und die Geschichte der Menschheit im Wesentlichen nur als Zeitalter des Patriarchismus interpretiert wird, wird ihr Selbstverstehen aus den Spiegelbildern der Kulturen und den Quellen der Vergangenheit verkompliziert. Die Symptome dieses Problems reichen vom Verlust des Weiblichen in Kultur und Individuum, einer falsch verstandenen Emanzipation wie bspw. in der Nachfolge de Beauvoirs, die die weibliche bzw. männliche Attribution der Gegensätze entdeckt, aber versäumt, das Weiblich-Attribuierte zu rehabilitieren, sondern stattdessen meint, die Attributionen dekonstruieren zu können, um das Weibliche schließlich endgültig zu verraten, indem sie es der spezifisch patriarchalen Illusion der Freiheits- und Existenz- Philosophie Sartres überantwortet, bis hin zu seiner untergründig- unbewusst aufbrechenden Manifestation seiner Selbstentfremdung in selbstzerstörerischem Fatalismus. Nicht ohne Grund und vor dem Hintergrund langer Jahrhunderte des Patriarchismus mit kaum von der Hand zu weisendem Recht schreibt Sjöö auf einem Plakat von 1969 zur womens´s liberation folgende Warnung, die mit einem Bild der Sphinx unterstrichen ist, die damit also auch im 20. Jahrhundert als nicht-integrierte Wiedergängerin des Weiblichen wie schon vor Ödipus in der Öffentlichkeit auftaucht: „Women (…) are rising with a fury older than any force in history. This time will be free or no one will survive“ (Sjöö/ Mor 1985, S.239). Die Frau sieht sich – will sie den Weg der Selbsttransformation hin zum Selbstverhältnis der Medialität beschreiten - also möglicherweise dem zusätzlichen Problem gegenüber, vor aller Integration des Animus sich zuallererst ihrer Weiblichkeit und ihres matriarchalen Selbstbewusstseins zu vergewissern, um dies dann im Zuge der von Neumann in Anlehnung an das entsprechende Mythologem sogenannten „Todeshochzeit“ (1975, S.21) hin zum Selbstverhältnis der Medialität überwinden zu können. Analog stellte sich auch für den Mann die Aufgabe, dem Weiblichen im Sinne seiner Anima in sich nachzuspüren. 295 Ersten Drachenkampfes und keiner aus ihm folgenden Gründung im Vaterarchetypen, um ihr weibliches Selbstbewusstsein zu gewinnen. Sie hat im Bewusstseins-Matriarchat ihr zuhause. Die Individuierung der Frau führt also durch die Mutterarchetyp-Gründung zur Verdrängung von den Aspekten des Uroborus, die nicht vom Mutterarchetypen umfasst werden, d.h. von ihren männlichen, seelischen Anteile, die sich im Zuge der weiteren Individuierung im männlich attribuierten Archetypen des Animus gruppieren. Wie sich im patriarchalen Selbstbewusstsein der Verlust der Ganzheit des Uroborus spezifisch als Mangel am begrenzenden Aspekt des Formtriebes (Grenzvermögen) deuten ließ, aus dem sich seine Probleme wie Vermögen erklären lassen, so fehlt es dem matriarchalen Selbstbewusstsein aufgrund des analogen Verlustes am strukturierenden Aspekt des Formtriebes (Strukturvermögen). Seine Probleme wie Vermögen stehen daher in Opposition zu denen des patriarchalen Selbstbewusstseins. Die Integration des Unbewussten im Zuge der nun anstehenden Todeshochzeit bedeutet für die Frau die Integration ihrer im Zuge der Individuierung verlorenen Ganzheit, wie sie ihr ursprünglich als Kind zu eigen war, die sich nun aber als das, was zu ihr fehlt, d.h. als verdrängter männlicher Vater- bzw. Himmelsarchetyp bzw. (in seinen für sie integrierbaren Anteilen) als Archetyp des Animus geltend macht. Die Integration des Animus bedeutet aber nicht nur, dass der im Zuge der Individuierung verdrängte männliche Animus dem entwickelten weiblichen Selbstbewusstsein hinzugefügt würde, sondern im Sinne des Satzes, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, ihre wechselseitige Auflösung ineinander. Aus diesem Chaos der Vermischung der Gegensätze schält sich dann die Gegründetheit in Aion, im Zentrum bzw. der Quelle allen Lebens und innerhalb der Grenzen des Ganzen, heraus, der analog zum Selbsttransformationsprozess des Mannes das freie Spiel der Vermögen entspringt. Die Einseitigkeit des Selbstbewusstseins – wie sie sich aus der jeweiligen Verdrängung der gegengeschlechtlichen Anteile und dem daraus folgenden Verlust der Ganzheit ergibt – und die daraus folgende Spannung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem führt von sich aus zum Versuch des Organismus, sie auszugleichen. So ist für den matriarchalen wie patriarchalen Menschen mit der einseitigen Verwirklichung seines Grenz- bzw. Strukturvermögens und der Verdrängung des anderen Vermögens sein kindliches, freies Spiel der Vermögen verloren und damit die Möglichkeit seines Selbstbewusstseins zur begrenzten und strukturierten Ganzheit – wie sie keimhaft im kindlichen Spielbewusstsein noch angelegt war – verstellt. Diese Ganzheit – die als potentiell zu verwirklichende Ganzheit ins Unbewussten des Menschen verdrängt ist, dort aber aufbewahrt bleibt – drängt im Sinne der Zentroversion bzw. der Verwirklichung ihres verdrängten 296 Potentials zur Integration.342 Die Lebenswende ist der Zeitpunkt im individuellen Leben, wo dieses Drängen und die hinter ihm stehenden Probleme nun unüberhörbar werden und zur Selbst-Verwirklichung zwingen. Die Selbsttransformation zur Lebenswende vollzieht sich für den Mann als Zweiter Drachenkampf und für die Frau als Todeshochzeit. Die Ursachen für den mit der Lebenswende anhebenden Selbsttransformationsprozess von Mann und Frau lassen sich im Rückblick auf Abschnitt VIII.1 noch spezifischer fassen: Die Verdrängung der anderen Hälfte des Geschlechtergegensatzes, die zu muskulären und innerorganischen Verspannungen, zum Versiegen der Selbstorganisationskraft und in die Ausweglosigkeit mangelnder Selbsttransformations-Fähigkeit des Organismus führt, löst damit im Menschen das Empfinden mangelnder Lebendigkeit und Sinnlosigkeit aus und drängt auf Integration. Das freie Spiel des Vermögens ist ans Unbewusste verloren und steht für die verstehende Auseinandersetzung und Anverwandlung der Wirklichkeit nicht mehr zur Verfügung. Zum Kristallisations- und Kulminationspunkt der verdrängten, anderen Hälfte des Geschlechtergegensatzes zur Zeit der Lebenswende, an dem das matriarchale und das patriarchale Selbstbewusstsein in der verstehenden Wirklichkeits-Bewältigung und –Anverwandlung scheitern, wird beiden das Phänomen des Erhabenen. Im freien Spiel der Vermögen – wie wir im Abschnitt III.4 mit Schiller sahen – noch anverwandelbar, treten die matriarchale und patriarchale Selbstbewusstseins-Formation, die sich jeweils über die einseitige Identifikation mit dem Grenz- bzw. Strukturvermögen und unter Aufhebung des Spiels der Vermögen konstituiert haben, diesem Erhabenen hilflos und ausgeliefert gegen- über. Im Erhabenen findet eine Wiederkehr des Verdrängten statt, das aufgrund der Ausweglosigkeit, in die der Organismus aufgrund der mangelnden Integration geraten ist, mit der Lebenswende ein- und aufbricht. Das patriarchale Selbstbewusstsein, das sich mit dem Zentrum/ der Struktur des Organismus identifiziert und dessen Schöpferischkeit im Ent- und Verwerfen von Strukturen aus diesem Zentrum heraus besteht, ängstigt sich vor dem „Dynamisch-Erhabenen“ der „Natur als (…)Macht“ (Kant 1990, §28f., S.105ff. - hier S.105), in dem ihm die verdrängte, weibliche Hälfte des Geschlechtergegensatzes gegenüber tritt. Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen, das sich mit der Grenze des Organis- 342 Die Ganzheit des Anfangs erfährt erst eine Vereinseitigung, in der ihre Begrenztheit herausgearbeitet, d.h. selbstbewusst wird (matriarchales Selbstbewusstsein), um dann in ihre gegenteilige Vereinseitigung überzugehen, in der ihre Strukturiert- und Zentriertheit herausgearbeitet, d.h. selbstbewusst wird (patriarchales Selbstbewusstsein), wobei letzeres wiederum unter dem Verlust des Ergebnisses der ersten Vereinseitigung stattfindet. Was unbewusst durch die Zentroversion angestrebt wird, ist die Integration ihrer „Arbeits“-Ergebnisse im Integrierten Selbstbewusstsein bzw. im Selbstverhältnis der Medialität. 297 mus identifiziert und dessen Schöpferischkeit im Zusammenziehen und Weiten dieser Grenze besteht, ängstigt sich vor dem „Mathematisch-Erhabenen“ bzw. Schlechthin-Großen oder Schlechthin-Kleinen der Natur als „Größe“ (Kant 1990, §25ff., S.91ff. - hier S.94), in dem ihm die verdrängte, männliche Hälfte des Gegensatzes gegenüber tritt. Diese Zuordnung erfordert eine Begründung. Nach unserer Interpretation entspricht dem kantischen Dynamisch-Erhabenen das „Chaos“, das Neumann im „Gegensatz zur ursprünglich lebendigen Welt der Wandlung“ stehen sieht, als solches unserer Ansicht nach aber spezifisch dem patriarchalen Selbstbewusstsein entgegentritt. Das kantische Mathematisch-Erhabene hingegen würde dann Neumanns „Starre“ entsprechen, die sich als der andere „Gegensatz zur ursprünglich lebendigen Welt der Wandlung“ unserer Ansicht nach spezifisch dem matriarchalen Selbstbewusstsein entgegenstellt.343 Chaos und Starre lassen sich den organismischen Qualitäten von Grenze und Struktur zuordnen: So ist Chaos – entgrenzt man es nicht vollständig, sondern versteht es als Durchgangs-Moment im Prozess der Selbstorganisation eines ab- 343 Neumann schreibt 1995, S.26f.: „Der Satan als Gegensatz zur ursprünglich lebendigen Welt der Wandlung erscheint uns nämlich einmal als Starre, welche zum Beispiel die Welt unserer Bewusstseinskultur so fest und wandlungsfeindlich fügt; aber er erscheint auch als deren Gegensatz, nämlich als Chaos.“ Chaos des Universums und Starre des Universums – chaotischer Anfang und erstarrtes Ende eines Zyklusses im ewigen Spiel des Aion - sind die äu- ßersten Pole des Spiels des Aion, zwischen denen sich auch das Menschenleben abspielt: Die Ganzheit des Organismus stellt eine erste Organisationsform dar, aus der das Spielbewusstsein auf einer neuen Seinsebene übersummativ entsteht, das die Ganzheit des Organismus spiegelt und zwischen Momenten der Erstarrung und Chaotisierung wechselt. Matriarchales und patriarchales Selbstbewusstsein entpuppen sich aus dem Spielbewusstsein. Das matriarchale Selbstbewusstsein vereinnahmt die Grenze, das patriarchale Selbstbewusstsein das Zentrum und die Struktur der Ganzheit des Organismus, um sich als Identische gegen- über dem Wechsel von Chaos in Starre und von Starre in Chaos zu stabilisieren. Das matriarchale Selbstbewusstsein schafft es, sich im Chaos zu stabilisieren, indem es mit ihm zu arbeiten lernt, d.h. das Chaos immer wieder mittels seines Grenzvermögens durch Subsumtionen und Exklusionen zu ordnen, während es die Starre fürchtet, deren starre Strukturen die freie Arbeit seines Grenzvermögens ausschließt. Das patriarchale Selbstbewusstsein hingegen schafft es, sich in der Starre zu stabilisieren, indem es mit ihm zu arbeiten lernt, d.h. die Starre immer wieder durch alternative Ent- und Verwürfe mittels seines Strukturvermögens aufhebt, während es das Chaos fürchtet, das sein Ich – d.h. den Ort, von dem aus es ent- und verwirft – einzuholen droht. Die Wiederkehr des Gleichen – die der Mensch in der Mimesis Aions nachzuahmen angehalten ist – scheitert sowohl am Widerstand des matriarchalen Selbstbewusstseins, die Gerinnung des Chaosses zur Starre zulassen zu können, wie am Widerstand des patriarchalen Selbstbewusstseins, sein Festhalten an der Starre zugunsten eines Wiedereinschmelzens im Chaos aufgeben zu können. Beiden fehlt, was das Selbstverhältnis der Medialität anstrebt, nämlich das Sich-fallen-Lassen, das die Voraussetzung zum Sich-verwandeln-Lassen, d.h. zur Mimesis der Aggregatzustände des Spiels des Aions, d.h. von Chaos und Starre, darstellt. 298 gegrenzten und strukturierten Organismus – immer Chaos bzw. (relative) Entstrukturiertheit in gewissen Grenzen. Starre hingegen ist – entgrenzt man sie nicht vollständig, sondern versteht auch sie als Durchgangs-Moment im Prozess der Selbstorganisation eines abgegrenzten und strukturierten Organimus – immer die Starre bzw. (relative) Entgrenztheit einer Struktur. Chaos und Starre können auch als die beiden äußersten Aggregatzustände der Mannigfaltigkeit verstanden werden, die im freien Spiel der Vermögen des Organismus organisiert wird: Wie die Selbstorganisation im Spiel der Vermögen aus dem gestaltlosen Chaos das Gestaltete schafft, so kann umgekehrt das Gestaltete am Ende des Gestaltungs- Prozesses so er-starre-n, dass es – soll die Selbstorganisation der Wirklichkeit im Spiel weiterlaufen – ins Chaos zurück aufgelöst werden muss, um wiederum gestaltet zu werden und zu er-starre-n, usw.. Das patriarchale Selbstbewusstsein nun hat über seine Identifikation mit dem Zentrum des Organismus eine einseitige Form der Schöpferischkeit entwickelt, die der Starre der Struktur über das Entund Verwerfen von Strukturen aus diesem Zentrum heraus eine Möglichkeit der Wandlung (d.h. der Organisation) abgewonnen hat. Analog zu seinem Selbstverstehen im Spiegelbild des patriarchalen Vater- bzw. Schöpfergottes vermag es, in der Identität des Zentrums/ der Struktur (des Geistes seines Vater-Gottes) die Potentialität der Wirklichkeit zu sehen, die für das patriarchale Selbstbewusstsein aus der Identität des Zentrums hervorgeht. Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen hat über seine Identifikation mit der Grenze des Organismus eine einseitige Form der Schöpferischkeit entwickelt, die dem Chaos innerhalb gewisser Grenzen über das Zusammenziehen und Weiten seiner Grenze eine Möglichkeit der Wandlung (d.h. der Organisation) abgewonnen hat. Analog zu seinem Selbstverstehen im Spiegelbild seines Blutwandlungsmysteriums vermag es, in der Potentialität der Wirklichkeit die Identität derselben Metamorphose zu sehen, die für das matriarchale Selbstbewusstsein durch das Zusammenziehen und Weiten von Grenzen zustande kommt.344 Das Wirklichkeitsverstehen erfordert eine Mimesis des Zu-Verstehenden. Das Zu-Verstehende muss im Innern des Menschen mimetisch nachgebildet werden, 344 Das patriarchale Selbstbewusstsein sieht in der Identität der Struktur die Potentialität der Struktur, während das matriarchale Selbstbewusstsein in der Potentialität der Grenze die Identität der Grenze sieht. So wie das patriarchale Selbstbewusstsein nicht bewusst die Grenzen der Organismen wahrnimmt, so nimmt das matriarchale Selbstbewusstsein nicht bewusst die Strukturen der Organismen wahr (vgl. Abs. X). Das patriarchale Selbstbewusstsein scheitert an den chaotisch wirkenden Wandlungen der Strukturen des Dynamisch-Erhabenen, während das matriarchale Selbstbewusstsein an der starr wirkenden, schieren Größe der Grenze des Mathematisch-Erhabenen scheitert. Die instrumentelle Anwendung von Struktur- und Grenzvermögen lässt ihr Potential, das sie im freien Spiel der Vermögen entwickeln, insofern sie sich dort zusammenstimmend ergänzen, verkümmern. 299 um dann über das sich von sich aus einstellende Selbstverstehen – das dann ja ein Verstehen des Mimetisch-Nachgebildeten ist – eben die Wirklichkeit zu verstehen. Das Verstehen der Wirklichkeit erfordert also die Mimesis ihrer Schöpferischkeit in der menschlichen, jeeigenen Schöpferischkeit im Sinne der Synthesis des Mannigfaltigen. Der Mensch im freien Spiel der Vermögen hat keine Schwierigkeiten, die Selbstorganisation der Wirklichkeit im Spiel des Aion nachzuvollziehen – und er vermag analog zum Spiel des Aion in seinem Spiel der Vermögen auch die äußersten Aggregatzustände der Mannigfaltigkeit, die es im Spiel zu organisieren gilt, zu bewältigen, d.h. das Chaos des Gestaltlosen zu gestalten und die Starre des Gestalteten zurück ins Chaos des Gestaltlosen aufzuheben, usw. (vgl. Abs. III.4). Das patriarchale und matriarchale Selbstbewusstsein nun haben dieses freie Spiel der Vermögen wie gesagt aber zugunsten ihrer einseitigen Identifikation mit Struktur- bzw. Grenzvermögen für sich aufgehoben. Dementsprechend wird ihnen je eine spezifische Form des Erhabenen zum Problem: Das patriarchale Selbstbewusstsein scheitert im mimetischen bzw. schöpferisch-nachvollziehenden Verstehen des Dynamisch-Erhabenen, das wir mit Neumann als die chaotischen Momente der Wirklichkeit entschlüsselt haben. In seiner Identifikation mit dem Zentrum des Organismus ist es mit der schieren Identität des Mathematisch-Erhabenen bzw. der Starre vertraut, insofern das patriarchale Selbstbewusstsein in dieser Identität die Potentialität des Wirklichen sieht, scheitert aber am Verstehen der Potentialität des Werdens und Sich-Wandelns des Dynamisch-Erhabenen, dessen Identität es nicht sieht. Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen scheitert im mimetischen bzw. schöpferisch-nachvollziehenden Verstehen des Mathematisch-Erhabenen, das wir mit Neumann als die erstarrten Momente der Wirklichkeit entschlüsselt haben. In seiner Identifikation mit der Grenze des Organismus ist es mit der Potentialität des Werdens und Sich- Wandelns des Dynamisch-Erhabenen bzw. dem Chaos vertraut, insofern das matriarchale Selbstbewusstsein in dieser Potentialität die Identität des Wirklichen sieht, scheitert aber am Verstehen der schieren Identität des Mathematisch-Erhabenen, dessen Potentialität es nicht sieht.345 Das patriarchale Selbstbewusstsein 345 Das instrumentelle Verstehen des Erhabenen – das vom patriarchalen und vom matriarchalen Selbstbewusstsein als Formen eines instrumentellen Selbstbewusstseins angestrebt wird – ist auch im je eigenen Terrain, d.h. im Falle des patriarchalen Selbstbewusstseins angesichts des Schlechthin-Großen-Erhabenen und im Falle des matriarchalen Selbstbewusstseins des Dynamisch-Erhabenen, letztlich ausgeschlossen, insofern das Verstehen des Erhabenen in seiner Erhabenheit nur unter der Bedingung der Preisgabe der Instrumentalität des Selbstbewusstseins, d.h. nur in dem im erhabenen Sachverhalt innestehenden, spielerischen Verstehen, wirklich gelingen kann. Im freien Spiel der Vermögen unter dem Zusammenwirken von Grenz- und Strukturvermögen ist einzig das wechselseitige Sich-Bestimmen von Grenze und Struktur möglich, auf das man zum Verstehen der Dynamik bzw. des Schlechthin-Großen des Erhabenen angewiesen ist. Spielerisch innestehend ist das Verstehen von 300 des Mannes scheitert am von ihm als chaotisch erlebten Dynamisch-Erhabenen, insofern sich die Potentialität seiner Wandlungen für ihn nicht auf die Identität des einen Schöpfergottes, der aus sich die Potentialität hervorbringt, zusammenkürzen bzw. in ihr fixieren lässt. Das matriarchale Selbstbewusstsein der Frau scheitert am von ihr als starr erlebten Mathematisch-Erhabenen, insofern die Identität seiner Größe für sie nicht in die Potentialität der Wandlungen, hinter der die Identität der Muttergottheit steht, aufzulösen ist. Das patriarchale Selbstbewusstsein gründet sich auf dem Prinzip der Identität, das alle Möglichkeiten der Wandlung im ihm Äußeren, abgesehen von denen, die es selbst (oder der in ihnen identifizierte Vater-Gott) schöpferisch im Ent- und Verwerfen von Strukturen hervorbringt346, ins Unbewusste verdrängt, vor dem es sich als Inbegriff des Chaos der Wandlung (des Dynamisch-Erhabenen) ängstigt. Das matriarchale Selbstbewusstsein hingegen gründet sich auf dem Prinzip der Potentialität (Metamorphose), das alle Möglichkeiten zum Im-Identischen-Verharren im Äußeren, abgesehen von ihrer (oder der der Mutter-Gottheit) eigenen identisch verharrenden Selbstidentifikation mit dem Grenzvermögen und dem Wandlungs-Prinzip, ins Unbewusste verdrängt, vor dem es sich als Inbegriff der Starre des Identisch-Verharrenden (des Mathematisch-Erhabenen) ängstigt. Das patriarchale Selbstbewusstsein fürchtet sich vor dem für es weiblich-attribuierten „Chaos“, insofern es das Prinzip seiner „Wandlung“, aus einem Zentrum heraus mit seinem Strukturvermögen neue Strukturen zu ent- und verwerfen, mit der dem Chaos eigenen Auflösung der Struktur und des Zentrums ausschließt; das matriarchale Selbstbewusstsein ängstigt sich vor der für es männlich-attribuierten „Starre“, die das Prinzip seiner „Wandlung“, die Metamorphose der von seinem beiden Formen des Erhabenen möglich, insofern sich der spielende Mensch selbst mimetisch an seinen erhabenen Sachverhalt anverwandelt (vgl. Abs. III.4). Zwar wird also auch das matriarchale Selbstbewusstsein letztlich am Verstehen des Dynamisch-Erhabenen scheitern. Dieses Scheitern ist für das matriarchale Selbstbewusstsein aber ein Scheitern an der fortzusetzenden (instrumentell übermenschlichen, aber von ihm für möglich erachteten) Anstrengung, die chaotische Potentialität der Grenz-Wandlungen der Natur als Macht mit Hilfe seines Grenzvermögens zu reproduzieren, während das Scheitern des patriarchalen Selbstbewusstseins im Falle des Sich-Dynamisch-Wandelnden ein absolutes Scheitern ist. Analog wird auch das patriarchale Selbstbewusstsein letztlich am Verstehen des Mathematisch- Erhabenen scheitern. Dieses Scheitern ist für das patriarchale Selbstbewusstsein aber ein Scheitern an der fortzusetzenden (instrumentell übermenschlichen, aber von ihm für möglich erachteten) Anstrengung, in der starren Identität der Struktur der Natur als Größe die Potentialität der Strukturen mit Hilfe seines Strukturvermögens wahrzunehmen, während das Scheitern des matriarchalen Selbstbewusstseins im Falle des Mathematisch-Erhabenen ein absolutes Scheitern ist. 346 Vgl. das Schöpfungsprinzip der biblischen Genesis, die creatio ex nihilo, bei dem alles aus der Identität des einen Vater-Gottes hervorgeht (1. Mose (Genesis) 1). 301 Grenzvermögen umfassten Sachverhalte, mit der der Starre eigenen Unwandelbarkeit ausschließt (vgl. Neumann 1995, S.26f.).347 Die Spezifität der Gewalt für das jeweilige Selbstbewusstsein in der Auseinandersetzung mit dem Erhabenen ergibt sich daraus, dass das Dynamisch-Erhabene das patriarchale Selbstbewusstsein bzw. das Mathematisch-Erhabene das matriarchale Selbstbewusstsein jeweils gerade in dem trifft und scheitern lässt, was zu bewältigen sie für ihre ureigenste Macht und Vermögentheit hielten und an dem zu Scheitern sie daher umso schlimmer im Mark und Kern ihrer Selbstbewusstheit trifft: Das patriarchale Selbstbewusstsein hält sich aufgrund seines Vermögens zum Ent- und Verwerfen von Strukturen selbst für dynamisch, scheitert aber am Chaos des Dynamisch-Erhabenen der Natur als Macht, während das matriarchale Selbstbewusstsein sich aufgrund seines Vermögens zur Metamorphose selbst für allumfassend hält, aber an der Starre des Mathematisch-Erhabenen der Natur als Größe scheitert. Das patriarchale Selbstbewusstsein scheitert mit dem Strukturvermögen, das matriarchale Selbstbewusstsein mit dem Grenzvermögen – und beide damit je mit dem Vermögen, mit dem sich zu identifizieren sie je ihre Selbstbewusstheit verdanken. Oft und vielerorts in Erscheinung tretend, wird das Erhabene vom matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstsein bis zur Lebenswende verdrängt348, bis sie an ihrem Unvermögen zum wahrhaften Verstehen des jeweiligen Erhabenen bzw. an seiner wiederholt erforderlichen Verdrängung irre werden bzw. bis sie angesichts des mit der Lebenswende in den Horizont des eigenen Lebens tretenden, eigenen Todes zur Auseinandersetzung mit dem Anderen ihrer selbst gedrängt werden und ihre Ausfluchten als Ausfluchten, die vor dem kommenden Tod als letzter Instanz keinen Bestand haben werden, zu erkennen gezwungen werden. Das fortgesetzte Scheitern am Erhabenen als jeweilige 347 Die Angst des patriarchalen Selbstbewusstseins vor dem Verschlingenden des Mutterarchetypen meint, dass der Spielraum, den es braucht, um mit Hilfe seines Strukturvermögens die zur Selbstbehauptung nötige Akkomodation an die bzw. Assimilation der Wirklichkeit zu bewerkstelligen, eingeengt wird. Dem matriarchalen Selbstbewusstsein ist dementsprechend die Angst vor dem Strukturierenden des Vaterarchetypen zu eigen, durch ihn eine starre, seine Selbstbehauptung durch Akkomodation an die bzw. Assimilation der Wirklichkeit mit Hilfe des Grenzvermögens zunichte machende Struktur aufgezwungen zu bekommen. Hinter diesen jeweiligen Ängsten steht die tiefere Angst, aufgrund ihrer so eingeschränkten Flexibilität und Möglichkeit zur Akkomodation ans Wirkliche und Assimilation des Wirklichen ins Chaos des Uroborus zu regredieren, dem sie sich mit ihrer jeweiligen Identifikation mit Struktur- bzw. Grenzvermögen gerade entwanden. 348 Wie wir sahen, hat Kant einen Weg gefunden, das Scheitern des Selbstbewusstseins am Erhabenen zu verwinden, zu verdrängen und damit zu entmachten, indem er es zur Selbsterhöhung eben dieser scheiternden, patriarchalen Subjektivität missbrauchte (vgl. Abs. II.3 u. II.4). 302 Repräsentation der anderen, verdrängten Hälfte des Geschlechtergegensatzes führt sie jeweils in eine Krise ihrer Existenz bzw. in die Selbstaufgabe. Die Auflösung im Chaos des Uroborus im Zuge des Selbsttransformationsprozesses des Mannes, die dem Helden des Ersten Drachenkampfes als eine für seine Selbstbewusstseinsentwicklung gefährliche Regression ins Chaos des Weiblichen erschien, ist andersherum nun zur Lebenswende gerade das von der Selbstorganisation des Organismus angestrebte Ziel des Zweiten Drachenkampfes, in dem er mit dem von ihm so empfundenen und unbewusst angestrebten Tod im Weiblichen (im von ihm weiblich-attribuierten Chaos) letztlich im Chaos des Uroborus stirbt. Der Tod im Weiblich-Attribuierten wird dem patriarchalen Selbstbewusstsein zum Tod in der Ganzheit, weil ihm das, was das Weibliche vom Chaos der Ganzheit abhebt, nämlich die weibliche Form der Chaosbewältigung mit Hilfe des Grenzvermögens, aufgrund seines mangelnden Grenzvermögens unzugänglich bleibt, d.h. die Sicherungen des Weiblichen gegen das Chaos des Uroborus nicht greifen. Seine ihm eigene Flexibilität – ohne jede äußere Begrenzung Strukturen zum Zweck der Assimilation von bzw. der Akkomodation an Wirklichkeit entwerfen und verwerfen zu können und damit das Chaos zu bewältigen – geht darüberhinaus in der Regression ins Weiblich-Attribuierte und der ihm eigenen Begrenztheit verloren, weil der Freiheit des Ent- und Verwerfens von Strukturen die äußere, mutterarchetypische Grenze entgegen steht. Die Regression ins Weibliche bedeutet für das patriarchale Selbstbewusstsein also eine Wiedereinkehr ins Innere der (weiblich-attribuierten) Grenze des Organismus der Ganzheit, die für ihn aufgrund seines mangelnden Grenzvermögens rigide und unveränderbar ist, so dass die männliche Form der Chaosbewältigung durch Ent- und Verwerfen von Strukturen genauso wie die weibliche Form, zu dem ihm das Grenzvermögen mangelt, mißlingt. Insofern sich die Vaterarchetyp-Zentrierung des patriarchalen Selbstbewusstseins aufhebt und ihm die Mutterarchetyp-Zentrierung nicht gegeben ist, vermischen sich seine ehemals Vaterarchetyp-zentrierten Inhalte mit den verdrängten Inhalten der anderen, weiblichen Hälfte des Geschlechtergegensatzes zum Chaos der Ganzheit des Uroborus. Im Rückgang auf das Tiefste, nämlich das Chaos des Uroborus, hebt der Mensch die bewusstseinsgeschichtlich spätere (matriarchale und patriarchale) Selbstbewusstseins-Formation auf. Der Erste Drachenkampf – der den endgültigen Vollzug des Entwachsens und die Emanzipation von der Mutter durch das männliche Kind bedeutet - stellt den Übergang von einer Gründung im Mutterarchetypen zu einer Gründung im Vaterarchetypen bzw. in Vater-Gott dar, während der Zweite Drachenkampf nun die Aufhebung der Gründung im Vaterarchetypen und das Eingehen ins Chaos des Weiblich-Attribuierten bringt, die mit dem Wieder-Eingehen ins Chaos der Ganzheit des Uro- 303 borus endet.349 Diese Regression ins Chaos des Uroborus ist aber – allem scheinbaren Widersinn zum Trotz – so zentral, weil erst dann die beiden entfremdeten Hälften von Mutter- und Vaterarchetyp sich zur Ganzheit, d.h. zur Geist-Natur- Einheit, reintegrieren können. Der Mensch kommt so im geschlechtsneutralen, hermaphroditischen Dritten der Gegründetheit in Aion bzw. im Archetyp des Selbst zum Stehen, aus dessen Mitte dann der Spieltrieb entspringt. Die Nachtmeerfahrt bzw. der Zweite Drachenkampf besteht für das patriarchale Selbstbewusstsein zusammengefasst also im Sterben im Chaos der Ganzheit, aus dem es – seine Ganzheit in ihrer Doppelheit aus Struktur und Grenze des Organismus reintegrierend ins freie Spiel der Vermögen initiiert350 – wiedergeboren wird.351 Die Angst vor dem Sterben des Selbstbewusstseins verwandelt sich in die Lust der Integration des Geschlechtergegensatzes (vgl. Neumann 2004, S.317). Das patriarchale Selbstbewusstsein durchbricht im Ersten Drachenkampf die umhüllende Grenze des Mutterarchetypen, die mit der Grenze des Organismus der Ganzheit zusammenfällt (wie analog das Zentrum des Vaterarchetypen mit dem Zentrum des Organismus der Ganzheit zusammenfällt). Sein matriarchales Selbstbewusstsein wird durch das aus der Neu-Gründung im Vaterarchetypen hervorgehende, das Zentrum der Ganzheit für sich vereinnahmende, patriarchale Selbstbewusstsein abgelöst, dem es – entgegengesetzt zum matriarchalen Selbstbewusstsein, dem das Zentrum fehlt - an Begrenzung mangelt. Die Schwierigkeiten, in die sich das patriarchale Selbstbewusstsein verstrickt, sind die Folge dessen, dass es seiner Grenze, d.h. seines Einbezogen-Seins, Inne-Stehens und Ge- 349 Während es im ersten Drachenkampf nur um eine im Zuge der Progression notwendige Ersetzung des Mutter- durch den Vater-Archetypen geht, bedarf es im zweiten Drachenkampf der vollständigen Regression ins uroborusche Chaos, die allein eine vollständige Aufhebung der bewusstseinsbedingenden Einschreibungen beider vorangehenden Gründungen und eine Integration des Geschlechtergegensatzes ermöglicht. 350 Vgl. zur Initiation ins Spiel der Vermögen als Folge des Scheiterns am Erhabenen Abs. III.4. 351 Der Gegensatz zwischen der (patriarchalen) Identität der Starre (die aus sich die Potentialität hervorbringt) und der (matriarchalen) Potentialität des Chaos (die in sich die Identität bewahrt) stellt die beiden äußersten Pole des Spiels der Vermögen sowohl im Spiel des Menschen wie in dem Aions dar, die im Spiel immer wieder – wie im Fall der Starre – eingeschmolzen bzw. – wie im Fall des Chaos – organisiert werden können. Das freie Spiel der Vermögen ermöglicht, (anders als die Identifikation mit dem Strukturvermögen durch das patriarchale Selbstbewusstsein) im Wandel das Bleibende und (anders als die Identifikation mit dem Grenzvermögen durch das matriarchale Selbstbewusstsein) im Bleibenden den Wandel wahrzunehmen bzw. – um es mit Neumann (1992, 122f.) zu sagen – im Wandel des „Gestaltlos-Gestalteten“ das Identische des „Gestaltlos-Gestaltenden“ und vice versa zu entziffern, d.h. durch die Mimesis des schöpferischen Spiels des Aion, aus dem die Wirklichkeit hervorgeht, im eigenen freien Spiel der Vermögen diese Wirklichkeit zu verstehen. 304 borgen-Seins in der Ganzheit der Geist-Natur-Einheit, verlustig geht – und dass es durch seine Identifikation mit dem Zentrum des Organismus von der Selbstorganisationskraft vor sich her getrieben wird.352 Die Einkehr in das Chaos der Ganzheit des Uroborus gewährt nun ein Doppeltes: Einerseits löst sie die Identifikation mit dem Zentrum des Vaterarchetypen bzw. Organismus auf, was eine Aufhebung des patriarchalen Ich-Komplexes bzw. Selbstbewusstseins ergibt. Andererseits hebt die Einkehr die mit der Gründung im Vaterarchetypen einhergehende Verdrängung der Inhalte des Mutterarchetypen auf, d.h. sein Selbstsein findet wieder ins Innere der Grenze des Organismus zurück. Mit dieser Einkehr und Auflösung im Chaos des Uroborus werden dann die Voraussetzungen für folgende Grundcharakteristika des Selbstverhältnisses der Medialität geschaffen, in das hinein der Mensch durch den Tod des patriarchalen Subjekts hindurch seine Wiedergeburt erfährt: So ermöglicht die Auflösung seines patriarchalen, von den Quellen der Selbstorganisationskraft abgekapselten Ich-Komplexes und die Nicht-Identifikation mit dem Zentrum des Organismus einerseits, dass im wiedergeborenen Menschen wieder die ihn zur Lebendigkeit der lebenden Gestalt erweckende, aus dem Zentrum des Organismus strömende Selbstorganisationskraft sprudelt: Anstatt – wie zuvor – den Ich-Komplex des patriarchalen Selbstbewusstseins vor sich herzutreiben, ohne für ihn selbst zugänglich zu sein, kann die Selbstorganisationskraft nun im freien Spiel der Vermögen anverwandelt werden. Andererseits zentriert sich das Selbstbewusstsein des Mannes um das Zentrum der Ganzheit in den Grenzen dieser Ganzheit; das Selbstbewusstsein kommt – insofern die Verdrängung der Inhalte des Mutterarchetypen aufgehoben wird - in der Ganzheit, d.h. innerhalb ihrer (ihrerseits immer schon zentrierten) Grenzen, d.h. in der Geborgenheit im Ganzen wie in seiner Leiblichkeit, zum Stehen. So findet der Mikrokosmos des menschlichen Organismus zur strukturellen Identität mit dem Makrokosmos des Organismus der Ganzheit und ist in die Schutzhüllen derjenigen Organismen, die als Variation zum Thema der Ganzheit umfassender sind als sein eigener Organismus, d.h. in den Organismus des Ökosystems Erde und des Universums, einbezogen. Im Gegensatz zur patriarchalen Obdachlosigkeit nach Nietzsches Tod Gottes, dessen bergende Qualität angesichts seiner Ent- 352 Der Mensch des Patriarchats kann wegen seiner Identifikation mit dem Strukturvermögen und der damit einhergehenden Verdrängung des Grenzvermögens die Energie der Selbstorganisationskraft nicht mehr organisch anverwandeln. Selbst qua Identifikation mit dem Strukturzentrum des Organismus auf den Punkt dieses Zentrums zusammengezogen, der zugleich die Quelle der Selbstorganisationskraft ist, wird er von dieser Selbstorganisationskraft auf eine Art und Weise getrieben, die er als eine Getriebenheit von Außen erlebt. Seine Identifikation mit dem Strukturvermögen und die damit einhergehende Verdrängung des Grenzvermögens schließen eine organische Anverwandlung der Energie der Selbstorganisationskraft aus. 305 grenztheit und seiner Entgrenzungs-Forderung353 selbst aber auch nur eine Illusion war, fühlt sich der Mensch umfassend geborgen. Das Selbstverhältnis der Medialität integriert also sowohl die Geborgenheit in den Grenzen der Ganzheit des Organismus wie es die Selbstorganisationskraft, die aus dem Zentrum der Ganzheit des integrierten Organismus strömt, für sich im Spiel der Vermögen wieder anverwandelt. Die Todeshochzeit im Zuge des Selbsttransformationsprozesses der Frau sieht für das matriarchale Selbstbewusstsein den von ihm so empfundenen und unbewusst angestrebten Tod im Männlichen (in der von ihr männlich-attribuierten Starre), der letztlich ein Sterben im Chaos des Uroborus bedeutet, vor. Das Sterben im Männlichen wird dem matriarchalen Selbstbewusstsein zum Tod in der Ganzheit, weil ihm das, was das Männliche vom Chaos der Ganzheit abhebt, nämlich die mit Hilfe des Strukturvermögens entwickelte Strukturiert- und Differenziertheit und männliche Form der Chaosbewältigung, aufgrund seines mangelnden Strukturvermögens unzugänglich bleibt, d.h. die Sicherungen des Männlichen gegen das Chaos des Uroborus nicht greifen. Seine ihm eigene Flexibilität im Sinne der Akkomodation an und der Assimilation von Wirklichkeit durch Zusammenziehen oder Weiten seiner Grenze, d.h. seine ihm eigene, weibliche Form der Chaosbewältigung, geht darüberhinaus durch die für es starre Strukturiertheit des Männlichen verloren, die in ihrer Sperrigkeit der freien Tätigkeit des Grenzvermögens entgegen steht. Das Aufgehen im Männlichen bedeutet für das matriarchale Selbstbewusstsein also eine Zentrierung um das (männlich-attribuierte) Zentrum des Organismus der Ganzheit und eine Strukturierung, die für es aufgrund seines mangelnden Strukturvermögens rigide und unveränderbar ist, so dass die weibliche Form der Chaosbewältigung durch Zusammenziehen und Weiten der Grenze genauso wie die männliche Form, zu dem ihm das Strukturvermögen mangelt, mißlingt. So aber bedeutet das Aufgehen im Männlichen für das matriarchale Selbstbewusstsein eine Regression ins Chaos des Uroborus. Im Rückgang auf das Tiefste, nämlich in das Chaos des Uroborus, hebt der Mensch die bewusstseinsgeschichtlich spätere (matriarchale und patriarchale) Bewusstseinsformation auf. Das Sterben im Vaterarchetypen im Zuge der Todeshochzeit stellt eine Aufhebung der Gründung im Mutterarchetypen und ein Eingehen in die Starre des Männlich-Attribuierten dar, die mit dem Wieder-Eingehen ins Chaos der Ganzheit des Uroborus endet. Diese Regression ins Chaos des Uroborus ist aber – allem scheinbaren Widersinn zum Trotz – so zentral, weil erst dann die beiden entfremdeten Hälften von Mutter- und Vaterarchetyp sich zur Ganzheit, 353 Als zentrales Beispiel für die Entgrenzungsforderung des Vater-Gottes ist die nach Wahrhaftigkeit, die nicht zuletzt – wie Nietzsche in der Genealogie der Moral gezeigt hat (1960a, S.905ff.) – zu seinem Tod führte. 306 d.h. zur Geist-Natur-Einheit, reintegrieren können. Der Mensch kommt so im geschlechtsneutralen, hermaphroditischem Dritten der Gegründetheit in Aion bzw. im Archetypen des Selbst zum Stehen, aus dessen Mitte dann der Spieltrieb entspringt, der eine Wiedergeburt des Selbstbewusstsein im Selbstverhältnis der Medialität ermöglicht. Die Todeshochzeit besteht für das matriarchale Selbstbewusstsein zusammengefasst also im Sterben im Chaos der Ganzheit, aus dem es – seine Ganzheit in ihrer Doppelheit aus Struktur und Grenze des Organismus reintegrierend ins freie Spiel der Vermögen initiiert – wiedergeboren wird. Die Angst vor dem Sterben des Selbstbewusstseins verwandelt sich in die Lust der Integration des Geschlechtergegensatzes (vgl. Neumann 2004, S.317). Das matriarchale Selbstbewusstsein ignoriert im Zuge seiner Gründung im Mutterarchetypen das Zentrum/ die Struktur des Vaterarchetypen, die mit dem Zentrum/ der Struktur des Organismus der Ganzheit zusammenfällt. Ihm fehlt es mit seiner einseitigen Identifikation mit der Grenze des Organismus – entgegengesetzt zum patriarchalen Selbstbewusstsein, dem es an Begrenzung mangelt – an Zentriert- und Strukturiertheit. Die Schwierigkeiten, in die sich das matriarchale Selbstbewusstsein verstrickt, sind die Folge dessen, dass es seines Zentrums/ seiner Struktur, d.h. der Zentriertheit in der Ganzheit der Geist-Natur-Einheit, verlustig geht – und dass es durch seine Identifikation mit der Grenze des Organismus von der Selbstorganisationskraft von Innen bedrängt wird.354 Die Einkehr in das Chaos der Ganzheit des Uroborus – die der Frau als Einkehr in den Vaterbzw. Himmelarchetypen erscheint – gewährt nun ein Doppeltes: Einerseits löst sie die Identifikation mit der Grenze des Mutterarchetypen bzw. Organismus auf, was eine Aufhebung des matriarchalen Ich-Komplexes bzw. Selbstbewusstseins ergibt. Andererseits hebt die Einkehr die mit der Gründung im Mutterarchetypen einhergehende Verdrängung der Inhalte des Vaterarchetypen auf, d.h. ihr Selbstsein zentriert sich um das Zentrum und in der Struktur des Organismus. Mit der Einkehr und Auflösung im Chaos des Uroborus werden die Voraussetzungen für folgende Grundcharakteristika des Selbstverhältnisses der Medialität geschaffen, in das hinein der Mensch durch den Tod des matriarchalen Selbstbewusstseins hindurch seine Wiedergeburt erfährt: So ermöglicht die Auflösung seiner matri- 354 Der Mensch des Matriarchats erlebt durch seine Identifikation mit der Grenze des Organismus als Selbstbewusstsein und Körper eine Getriebenheit von Innen, d.h. einen beständigen Energie-Überschuss im Inneren seiner Grenzen, den er einzig durch eine wiederkehrende Selbstaufgabe – d.h. durch die Regression ins Unbewusste und die damit einhergehende Aufhebung seiner Identifikation mit der Grenze des Organismus – abbauen kann. Seine Identifikation mit dem Grenzvermögen und die damit einhergehende Verdrängung des Strukturvermögens schließen eine organische Anverwandlung der Energie der Selbstorganisationskraft aus. 307 archalen Identifikation mit der Organismus-Grenze, dass sich das Selbstbewusstsein der Frau neu um das Zentrum der Ganzheit in den Grenzen dieser Ganzheit zentriert, d.h. eine Neu-Gründung im freien Spiel der Vermögen stattfindet. Das matriarchale Selbstbewusstsein kommt - insofern die Verdrängung der Inhalte des Vaterarchetypen aufgehoben wird - in der Ganzheit, d.h. in der (ihrerseits immer schon begrenzten) Zentriertheit des Ganzen, zum Stehen. Das Selbstverhältnis der Medialität integriert also sowohl die Geborgenheit in den Grenzen der Ganzheit des Organismus, wie es die Selbstorganisationskraft, die aus dem Zentrum der Ganzheit des integrierten Organimus strömt, für sich im Spiel der Vermögen wieder anverwandelt. Die Selbsttransformation des matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins besteht also wesentlich im jeeigenen Sterben ihres jeweiligen Ich-Komplexes in der Todeshochzeit bzw. im Zweiten Drachenkampf, dem die Wiedergeburt bzw. Re-Initiation ins Spiel der Vermögen bzw. ins Selbstverhältnis der Medialität folgt. Die Integration der Ganzheit verläuft für beide Selbstbewusstseins-Formationen über die Integration der jeweils im Prozess ihrer Individuierung verdrängten gegengeschlechtlichen Seelen-Anteile von Animus bzw. Anima. Das Sterben eröffnet über diese Integration die Einsicht in die Zusammengehörigkeit von Leben und Tod, nach der der Tod Voraussetzung für neues Leben und das Leben der Sinn des Todes ist – ein Verstehen, das sowohl endlose Selbsttransformationen im Zuge der Anverwandlung des Wirklichen wie auch das jeeigene Sterben am Ende des Lebens ermöglicht. IX Selbstverortende Zwischenbetrachtung: Der Streit um den Anfang der Menschheitsgeschichte und seine „neue“, spieltheoretische Interpretation Schelling und Sloterdijk – der genaugenommen nur die Position des späten Nietzsche des Willens zur Macht übernimmt, der der eigentliche Antipode Schellings in diesem Streit ist – stehen betreffs der Frage nach dem ersten Anfang der Menschheitsgeschichte, d.h. der Frage, wie der erste Schritt der Menschheit aus der Unbewusstheit des Tieres ins Selbstbewusstsein des Menschen sich vollzog, zu verstehen und bewerten ist, in Opposition zueinander: Während Sloterdijk den ersten Anfang positiviert, geht Schelling davon aus, dass die Selbstermächtigung des Menschen, die mit ihm einsetzt, zwangsläufig in eine Selbstverfehlung mündet. Jede ihrer Rekonstruktionen des ersten Anfangs zeitigt Konsequenzen, die die Antworten auf die weite-ren Fragen nach dem Wesen des Menschen (Anthropologie) und seines guten Verhaltens (Ethik) vorzeichnen. In Auseinandersetzung

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Im „Spiel der Vermögen“ überwindet Schiller den kantischen Dualismus von Geist und Natur, den er maßgeblich für die Entfremdungs-Symptome der Moderne verantwortlich macht. Aus diesem integrativen Ansatz Schillers entwirft Malte Hölzel ein ganzheitliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis, aus dem er das Selbstverhältnis der Medialität als eine Alternative zum instrumentellen Denken unserer Tage entwickelt.

In Hölzels Selbstverhältnis der Medialität wird der Mensch zum Medium der Selbstorganisation, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu neuen Integrationen drängt. Angesichts der Krisen-Symptome unserer Zeit stellt es eine Selbstzurücknahme in die Immanenz der spiel- bzw. selbstorganisierten Wirklichkeit der Natur dar, anstatt sie wie im instrumentellen Denken äußerlich beherrschen zu wollen. Der Mensch, im aussichtslosen Versuch befangen, sich aus sich selbst heraus zu begründen, feiert sein erlösendes Versöhnungsfest mit der Natur – eine Wandlung, durch die nicht zuletzt auch klassische Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung näher gebracht werden.