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VII Selbstverortende Zwischenbetrachtung: Zur Abgrenzung der Metapsychologie und des Heilansatzes der Analytischen Psychologie Jungs und Neumanns von der Psychoanalyse Freuds in:

Malte Hölzel

Das Selbstverhältnis der Medialität, page 263 - 278

Implikationen des Spielbegriffs

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3897-0, ISBN online: 978-3-8288-6707-9, https://doi.org/10.5771/9783828867079-263

Tectum, Baden-Baden
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263 Standpunktes ist, an der Nietzsche den Tod Gottes festmacht.313 Will man der radikalen Selbstermächtigung und Selbstentgrenzung im Willen zur Macht des späten Nietzsche entgehen, wie sie für ihn als Konsequenz aus dem Tod Gottes folgte und aktuell in der Anthropotechnik Sloterdijks Konjunktur hat, so bleibt nur, Gott als das – wovor man zur Wahrhaftigkeit und Selbsttransparenz verpflichtet ist – durch etwas zu ersetzen, was dem Selbstanspruch auf Wahrhaftigkeit angesichts der eigenen Selbst- und Wirklichkeitserfahrung genügt. Der Antrieb zum Streben nach Wahrhaftigkeit gegenüber Gott entspringt – wie wir mit Assmann sahen - dem Bedürfnis des Patriarchismus, sich gegen die verdrängte, weibliche Hälfte der Ganzheit und ihre Wiederkehr zu wappnen. Im Selbstverhältnis der Medialität aber ist die Instanz, vor der man als Medium wahrhaftig, durchsichtig und transparent zu sein hat, nicht mehr der Geist Gottes, sondern die Ganzheit, d.h. das Maß der Wahrhaftigkeit bemißt sich am Maß der Integration des Geschlechtergegensatzes und der Ganzheit. Mit der Integration der Ganzheit wäre danach dem Streben nach Wahrhaftigkeit Genüge getan, während es im Patriarchismus zur Dekonstruktion des eigenen Vater-Gottes führen musste, weil das, was den Selbstanspruch nach Wahrhaftigkeit im Patriarchismus antreibt, nämlich die Verdrängung der weiblichen Hälfte des Geschlechtergegensatzes, als Verdrängung gerade im Gegensatz zur Wahrhaftigkeit selbst steht. Der Gott des Christentums konnte dem von ihm inaugurierten Streben seiner Jünger nach Wahrhaftigkeit selbst nicht mehr genügen, insofern sich sein Selbstanspruch – Inbegriff der Wirklichkeit zu sein – im Spiegel der Selbst- und Wirklichkeitserfahrung der Menschen nicht mehr erfüllte. VII Selbstverortende Zwischenbetrachtung: Zur Abgrenzung der Metapsychologie und des Heilansatzes der Analytischen Psychologie Jungs und Neumanns von der Psychoanalyse Freuds Die Krisensymptome unserer Zeit lassen sich als Folge der sentimentalen „Systemspaltung“ (Neumann 2004, S.371) von Geist und Natur, Bewusstsein und Unbewusstem, Männlich- und Weiblich-Attribuiertem deuten, die im Zuge der Selbstorganisation von sich aus – sei es im Zuge einer langsamen, schrittweisen Entwicklung oder mit Hilfe eines katastrophalen Systemzusammenbruchs, aus dessen von ihm bewirkten Chaos sich eine neue Ordnung bilden würde – zu einer 313 Vgl. Nietzsche: Der tolle Mensch - in: 1960g, S.599f./ Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 2003c, S.873ff. – vor allem aber: Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, 1960a, S.905ff.. Das Sterben Gottes zeichnet sich in der Philosophie aber nicht erst seit Nietzsche, sondern schon seit Kant (vgl. Derridas Interpretation des „reflektierenden Glaubens“ Kants in: Derrida/ Vattimo 2001, S.21ff.) ab. 264 höheren Integration drängt. Die Gegensatz-Spannung zwischen den Polen von Geist und Natur, Bewusstsein und Unbewusstem, aber auch zwischen dem Realitätsprinzip und dem Lustprinzip, den äußeren Zugeständnissen an die Gemeinschaft und den inneren Ansprüchen der Triebnatur, stellt nicht nur – wie Jung schreibt - die Quelle der spezifisch menschlichen314, „psychische(n) Energie“ (1995e, S.64) dar, sondern drängt im Sinne der sich in ihre Gegensätze auseinanderlegenden und wieder vereinigenden Selbstorganisation von sich aus zu einem höheren Frieden, in dem diese Gegensätze sich ausgleichen. Der Organismus des Menschen sucht, durch die Gemeinschaftsbildung zur Triebbeschränkung gedrängt und damit in seinen inneren, innenraum- und innenwelteröffnenden Gegensatz von Geist und (Trieb-) Natur zerrissen315, von sich aus eine Lösung die- 314 Der Sprung von der tierischen Natur zur menschlichen Kultur ist genau besehen eigentlich ein fließender Übergang. Auch das Tier steht im Konflikt zwischen den Umweltbedingungen, in die es sich einzufügen hat, und seinen Triebbedürfnissen. Insofern dieser Konflikt im Menschen aber über ein gewisses Maß hinaus sich verschärft, weil Faktoren wie eine im Vergleich zu anderen Arten gesteigerte Angst, die Minderbemittlung des Menschen als Mängelwesen (Gehlen), usw. eine verstärkte Notwendigkeit zur Gemeinschaftsbildung bewirken, die wiederum sich in der Notwendigkeit zu einem verstärkten Triebverzicht auswirkt, kommt es zum spezifisch menschlichen Bewusstseins-Sprung, infolge dessen sich die menschliche Kultur entwickelt. 315 Diese Herleitung wurde von Nietzsche in den folgenden, berühmten Sätzen entwickelt: „Alle Instinkte, welche sich nicht nach außen entladen, wenden sich nach innen – dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine „Seele“ nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei Häute eingespannt, ist in dem Maße auseinander- und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung des Menschen nach außen gehemmt worden ist. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der Freiheit schützte – die Strafen gehören vor allem zu diesen Bollwerken -, brachten zuwege, dass alle jene Instinkte des wilden, freien, schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den Menschen selbst wandten. Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung – alles das gegen die Inhaber solcher Instinkte sich wendend: das ist der Ursprung des „schlechten Gewissens“: Der Mensch, der sich, aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen, eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriß, verfolgte,annagte, aufstörte, mißhandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wundsto- ßende Tier, das man „zähmen“ will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste, - dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die größte und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich.“ (1960a, S.856). Nach unserer Interpretation ist die Spaltung von Geist (Selbstbewusstsein) und (Trieb-)Natur eine Folge der matriarchalen bzw. patriarchalen Selbstbewusstseins-Entwicklung (im Zuge der das jeweilige Selbstbewusstsein die andere Hälfte des Geschlechtergegensatzes verdrängt, die sich als das Andere des Selbstewusstseins, d.h. als (Trieb-)Natur formiert), die ihr Movens wiederum in der 265 ser Spannung. Sie vollzieht sich durch die Selbstregulation des Organismus und der Psyche im Zuge der von Jung und Neumann sogenannten Individuation (vgl. Jung 1995d, S.96). Der menschliche Organismus steht – um mit der Aufarbeitung der Metapsychologie Jungs zu beginnen - unter den Gesetzen der Selbstorganisation und der Entropie. Die Selbstorganisation lässt sich betreffs des menschlichen Organismus differenzieren in eine Selbstorganisationskraft, die Jung „Libido“ (1995e, S.38ff.) nennt, und die Grenz- und Struktur-Qualitäten des Organismus, mit deren Hilfe er sich diese Selbstorganisationskraft anverwandelt. Die Libido stellt für Jung eine allgemeine psychische Energie dar, die „unserer Anschauung als sexuelle, vitale, geistige, moralische etc. „Energie“ entgegentritt“ (ebd., S.39) und die von den Anfängen der Menschheitsgeschichte an wie bspw. als mana (vgl. ebd., S.38f.) Selbstorganisation hat, die sich in ihre Gegensätze auseinanderlegt, um höhere Synthesen und Wirklichkeits-Ebenen entwickeln zu können. Insofern diese Desintegration der Menschen zu einem unangemessenen, uneingebundenen und für die Mitmenschen potentiell gefährlichen Triebleben führte, musste die Auslebung der Triebe zur Aufrechterhaltung des Gemeinschaftslebens gehemmt werden. Nietzsche beschreibt aus unserer Perspektive also nicht den Ursprung und die Quelle der Spaltung von Selbstbewusstsein und dem Anderen des Selbstbewusstseins, sondern liefert weitere Motive für die sozialisationsbedingte Vertiefung der Spaltung und der Innenräumlichkeit. (Nietzsches Aristokratenkaste und „blonde Bestie“ (ebd., S.835) ist eine gefährliche Fehlinterpretation des Anfangs der Menschheitsund Kulturentwicklung im Hermaphroditismus und Spiel des Kindes, dem die Spaltung von Geist und (Trieb-)Natur ebenso fremd ist, das sich aber – anders als die von Nietzsche phantasierte „blonde Bestie“ - aufgrund seiner Integration freundlich verhält.) Diese Innenräumlichkeit ist – wie die folgenden Beispiele ästhetischen Anschauens aus der Poesie zeigen – aber nicht nur als Folge des Gegeneinanders der Gegensätze von Triebleben und Über-Ich, sondern auch im zum ästhetischen Anschauen angestrengten, freien Spiel der Vermögen kultivierbar. Rilke und Hofmannsthal geben Beispiele für erfüllte und ertönende Innenräumlichkeit, der gemäß sich der Mikrokosmos der eigenen Innenwelt im Makrokosmos der äu- ßeren Wirklichkeit spiegelt und zur Resonanz findet u. vice versa: „Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum (...)“ (aus: Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen - in: Rilke 1987, S.87 – Der „Baum“ ist zugleich Symbol für die im Spiel erwachende axis mundi, die als Mittler zwischen Erde und Himmel, Mutter- und Vatergottheit im Menschen entsteht.). Hofmannsthal wiederum im Gespräch über Gedichte: „Schwäne. Schwäne, aber freilich gesehen mit den Augen der Poesie, die jedes Ding jedes Mal zum erstenmal sieht, die jedes Ding mit allen Wundern seines Daseins umgibt: dieses hier mit der Majestät seiner königlichen Flüge; mit der lautlosen Einsamkeit seines strahlenden weißen Leibes, auf schwarzem Wasser trauervoll, verachtungsvoll kreisend; mit der wunderbaren Fabel seiner Sterbestunde ... Gesehen mit diesen Augen sind die Tiere die eigentlichen Hieroglyphen, sind sie lebendige geheimnisvolle Chiffren, mit denen Gott unaussprechliche Dinge in die Welt geschrieben hat.“ (Hofmannsthal 1957, S.370/ vgl. auch Hölzel 2009). 266 Aufmerksamkeit und ihr Benannt-Werden erregte. Im Gegensatz zu Freud befreit Jung den Libido-Begriff aus seiner Einengung auf die „bloß sexuelle Dynamik“, die „im Totalbereich der Psyche nur ein Spezialfall“ sei (ebd., S.40). Die Libido fließt in ihrem „natürlichen Strombett“ (ebd., S.56) den lebenswichtigen Funktionen des menschlichen Organismus, den instinktiven Handlungen (Nahrungsaufnahme, Sicherung vor Feinden, Fortpflanzung, etc.) und den alltäglichen Gewohnheiten zu. Die „enorme Umständlichkeit (der magischen – A.d.V.) Zeremonien“ (ebd., S.55) unserer Vorfahren zeigt etwas davon, was es zur „Umwandlung“ (ebd., S.53) der Libido in „disponible Energie“ (ebd., S.56), die die Bedingung der Möglichkeit zweckhaften, gerichteten Arbeitens ist, braucht: nämlich ihre „Überleitung auf ein (symbolisches – A.d.V.) Analogon des Triebobjekts“ (ebd., S.53). So besteht die „Frühlingszeremonie der Watschandis“ bspw. darin, in ein das weibliche Genital symbolisierendes Erdloch ihre Speere zu stoßen (ebd., S.53f.). Als magisches Erdbefruchtungs-Ritual hat es den Zweck, die Libido der Menschen auf die Erde überzuleiten. Die Erde bekommt dadurch einen besonderen „psychischen Wert“ und wird zum „Erwartungsobjekt“, was den Menschen dazu bringt, ihr seine Aufmerksamkeit zu schenken, was dann wiederum die „psychologische Vorbedingung des Ackerbaues“ darstellt (ebd., S.53). Den Neurotiker nun charakterisiert, dass bei ihm „Symbolbildungen am Werke (sind – A.d.V.), deren Unzweckmäßigkeit sich dadurch zeigt, dass sie ein zu geringes Gefälle darbieten, so daß die Libido sich nicht in effektive Leistung umsetzen lässt, sondern unbewusst auf altem Wege abströmt, d.h. in archaisch-sexuellen Phantasien und Phantasiebetätigungen“, was ihn „uneins mit sich selbst“ sein lässt (ebd., S.60f.). Die „reduktive psychoanalytische Methode“ Freuds nun versucht die unproduktiven, „unzulänglichen Symbolbildungen“ ihrer Patienten abzubauen, sie auf ihre „natürlichen Elemente“ zu reduzieren und die Einsicht des Patienten in seine neurotische Symbolbildung zu erzeugen, um ihm damit die Möglichkeit zu geben, sie zu kontrollieren, lässt ihn aber ansonsten mit seinem Problem alleine (ebd., S.61). So macht sich die Psychoanalyse eines doppelten Vergehens schuldig: Einerseits führt die Reduktion – die bei Freud hauptsächlich auf die rücksichtslose Begierde nach Lust, bei Adler auf die Prestigepsychologie, gerichtet ist – durch ihr verkürztes und verfälschendes Verstehen der Libido in ihrer polymorphen Natur zu einem falschen Verständnis dessen, was die neurotische Symbolbildung dem Betroffenen als ein die Bewusstseinsfunktion kompensierende Botschaft aus dem Unbewussten sagen will. Hier trifft Adornos Freud- Kritik in der Minima Moralia: „Sobald diese (die Lust – A.d.V.) geringschätzig unter die Tricks der Arterhaltung eingereiht, selber gleichsam in schlaue Vernunft aufgelöst wird, ohne daß das Moment daran benannt wä- 267 re, das über den Kreis der Naturverfallenheit hinausgeht, kommt die ratio auf die Rationalisierung herunter. Wahrheit wird der Relativität überantwortet und die Menschen der Macht. Nur wer es vermöchte, in der blinden somatischen Lust, die keine Intention hat und die letzte stillt, die Utopie zu bestimmen, wäre einer Idee von Wahrheit fähig, die standhielte.“ (Adorno 1993, S.72) Die Reduktion der Symbolbildungen auf einen vermeintlich allgegenwärtigen Sexualtrieb beschneidet nicht nur den aus den polymorphen Anlagen seiner Geist-Natur-Einheit – wenn auch für den Betroffenen verdeckt – üppig sprießenden Lebensbaum des Neurotikers, der zwar „beschnitten“, aber nicht auf den Stamm reduziert „gehört“. Sie bewirkt darüberhinaus auch, dass mit dieser Reduktion die Hinweise aus dem Unbewussten – die sich als „Keime neuer Lebensmöglichkeiten“ (Jung 1995e, S.45f.) erschließen ließen, die den potentiellen, die Gegensatz-Spannung „still(t)(enden)“ (Adorno s.o.) Blüten des Lebensbaumes gleichen – verlustig gehen. Jung weist zurecht darauf hin, dass – wenn man wie Freud und Adler auf die wesentlichen Stimuli der „primitiven Psyche“ zurückgehe, um die Triebnatur des modernen Menschen hinter ihren Rationalisierungen zu entschlüsseln – „auch alle andern Züge der Primitivität, wie das Spielerische, das Mystische, das „Heroische“ usw. erwähnen (müsse – A.d.V.), vor allem aber die überragende Tatsache der primitiven Seele: ihr Ausgeliefertsein an überpersönliche Mächte, seien dies nun Triebe, Affekte, Superstitionen, Einbildungen, Zauberer, Hexen, Geister, Dämonen oder Götter“ (Jung ebd., S.62). Diesen konstitutiven Momenten der primitiven und damit auch unserer modernen Psyche versucht Jung mit seiner Archetypen-Theorie – auf die wir noch zu sprechen kommen werden – gerecht zu werden. Andererseits – um das zweite, von Jung aufgezeigte und mit ersterem zusammenhängende Vergehen der Psychoanalyse zu benennen – verkennt Freud aufgrund seines „entwertenden Urteil(s) über den Seelengrund“, den er durch seine Sexualisierung einseitig in seiner die menschliche Gemeinschaft gefährdenden Kraft entschlüsselt, die Selbstheilungskraft und Regenerationsfähigkeit des Organismus. Indem Freud Glück einseitig an Sexualität (oder deren stellvertretende, sie aber nie ganz transformierende Sublimation) knüpft, deren zwangloser Auslebung oft genug das durch die Gemeinschaft vertretene Realitätsprinzip entgegensteht und entgegenstehen muss, so bleibt ihm nichts anderes als eine Zurückweisung des Lustprinzips übrig, auch wenn er sich „Abänderungen unserer Kultur“ erhofft, „die unsere Bedürfnisse besser befriedigen“ (Freud 1997a, S.80). Auch hier attestiert Adorno Freud, dass er, „theorielos und in Anpassung ans Vorurteil“, „schwankt (…), ob er den Triebverzicht als realitätswidrige Verdrängung negieren oder als kulturfördernde Sublimierung preisen soll“. „In diesem 268 Widerspruch“ – so Adorno weiter – „lebt objektiv etwas vom Januscharakter der Kultur selber, und kein Lob der gesunden Sinnlichkeit vermöchte ihn zu glätten“ (1993, S.72). Die Lust – deren wahrer Charakter bei Freud unerkannt bleibt, insofern er sie einseitig auf sexuelle Lust reduziert – verliert den ihr inhärenten geistigen Aspekt, der in eins mit der Lust von Freud verworfen werden muss und sich in seiner „Doppelfeindschaft gegen Geist und Lust“ (Adorno ebd., S.72) – d.h. genauer gegen ihre Synthese, d.h. die Geist-Natur-Einheit, in der sowohl die Lust vergeistigt wie der Geist verwirklicht ist – zeigt. Die Einsicht in die „Wahrheit“ der Lust als das Selbstempfinden der Lebendigkeit der Geist-Natur-Einheit aber nimmt ihr allen die Gemeinschaft gefährdenden Charakter und erspart Jung im Gegensatz zu Freud ihre wenn auch „nur“ ambivalente Bewertung und ihre aus vermeintlich gemeinschaftsbewahrenden Motiven gefolgerte, schließliche Zurückwiesung, die genaugenommen schon in Freuds Missverstehen und Ignoranz dieser Lust impliziert ist. Die „Doppelfeindschaft“ (Adorno ebd., S.72) gegen- über dieser spezifischen Lust und deren Zurückweisung aber spiegelt sich im „Heilungs“-Ziel der freudschen Psychoanalyse, die Kontrolle über seine neurotischen, „krankhaften“ Symbolbildungen zu gewinnen: „Wo Es war, soll ich werden“ (Freud nach Schneider 1983, S.206). In Anbetracht der Phylogenese, die die Ontogenese des menschlichen Bewusstseins zumindest in weiten Teilen vorprägt und dem heutigen Menschen im Gegensatz zum Frühmenschen einen „Überschuss an (disponibler – A.d.V.) Energie“ beschert, kann der Libido angesichts der Anforderungen des heutigen Realitätsprinzips „ein günstigeres Gefälle geboten werden (…) als das bloß natürliche, weshalb er unvermeidlicherweise immer wieder danach sucht, so oft man ihn auch durch Reduktion (d.h. durch die freudsche reduktive psychoanalytische Methode – A.d.V.) wieder in das natürliche Gefälle zurückzwingt“ (Jung 1995e, S.61): „Wir sind daher zur Überzeugung gelangt, daß, wenn das Unzweckmäßige (der Symbolbildungen – A.d.V.) reduziert, der natürliche Lauf der Dinge wiederhergestellt und dadurch die Möglichkeit eines natürlichen Lebens vorhanden ist, die Reduktion nicht weiter fortzusetzen, sondern dann vielmehr die Symbolbildung synthetisch zu unterstützen sei, sodaß ein günstigeres Gefälle für den Überschuß (an Libido – A.d.V.) herauskommt.“ Für Jung entsteht infolge der Selbstbewusstseins-Entwicklung durch die Selbstorganisationskraft bzw. Libido eine Systemtrennung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem: Insofern die Selbstorganisation des Menschen, die ihn nach eigenen Gesetzen und Maßgaben wachsen lässt, zwangsläufig mit den Anforderungen der Umwelt und der Notwendigkeit, sich an sie anzupassen, in Konflikt gerät, müssen Aspekte ihrer Ansprüche, d.h. Wünsche und Forderungen der Libido, verdrängt werden. Diese verdrängten Inhalte bilden das „persönliche Unbewuss- 269 te“ (1995f, S.155), dem Jung nun in Weiterentwicklung der bis dahin freudschen Theorie das „kollektive Unbewusste“ zur Seite stellt, das die „Instinkte und die Archetypen der Anschauung“ (ebd., S.156) umfasst.316 Die Archetypen sind in ihrer Wirkungsweise als vererbbare, „formative Faktoren“, die das von ihnen „„angeordnete“ und vom Bewusstsein wahrgenommene Bild als (ihre – A.d.V.) subjektive Variante in jedem Leben immer wieder neu entsteh(t)en“ lassen (ebd., S.155), vom Beginn des individuellen menschlichen Lebens in der Keimzelle an aktiv und dirigieren den Entwicklungs-Prozess des Menschen. Zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und der Austariertheit des Organismus werden die im Zuge der Anpassung des Individuums an die Umwelt vollzogenen Vereinseitigungen seiner bewussten Funktionen, die unausgewogene Verwirklichung seiner Anlagen und vor allem die vom Realitätsprinzip zurückgewiesenen Ansprüche der Libido durch ihre unbewusste Stellvertretung kompensiert (vgl. Jung 1995d, S.85). Zwischen Selbstbewusstsein und Unbewusstem entwickelt sich eine Systemtrennung, die eine Gegensatzspannung erzeugt, die der menschliche Organismus – dem Streben der Selbstorganisation nach Integration bzw. dem Gesetz der Entropie, der Ausgleichung unterschiedlicher Energieniveaus, folgend – auszugleichen sucht. Der Organismus der Psyche strebt zu seiner Selbststabilisierung nach Ganzheitlichkeit, d.h. zu der genannten, spannungslösenden Vereinigung der Gegensätze, was sich – als Entsprechung zum entropischen Geschehen, im Gegensatz zu ihm aber produktiv – als „transzendente Funktion“ (vgl. Jungs gleichnamigen Aufsatz, ebd., S.85ff.) bzw. „Zentroversion“ (Neumann 2004, S.290f.) äußert. Als zentrales Organisationsprinzip der Psyche dirigiert die transzendente Funktion mit Hilfe der Archetypen nicht nur den dem Alter des Menschen angemessenen Selbstentwicklungsprozess, der das Selbstbewusstsein zur Integration von sich im Laufe des Lebens neu ergebenden (äußeren und inneren) Wirklichkeiten drängt, sondern auch die Integration des individuell, anlage- und sozialisationsbedingten Verdrängten. Nun können beim gesunden wie beim kranken Menschen zwei Fälle einer Stockung seines Lebensflusses, d.h. seines Weiterschreitens im Sich-Entwickeln, Handeln und Wahrnehmen bzw. seiner „Progression“ (Jung 1995e, S.43ff.), auftreten, die sich aus dem doppelten Anspruch des Lebens – nämlich dem äußeren Anspruch nach Anpassung und dem inneren Anspruch nach Selbstentwicklung ergeben: So kann der Betroffene erstens durch seine erzwungene Anpassung an die Umwelt in eine Situation geraten, in der die Fähigkeiten und Einstellungen – die ihm im Laufe des Prozesses der Anpassung an seine Umwelt, d.h. im Laufe seiner Sozialisation, noch von seiner ursprünglichen Potentialität und keimhaften 316 Vgl. zum Begriff des Archetyps bei Jung 1995f, S.151ff. und bei Neumann 2003, S.19ff.. 270 Ganzheit geblieben sind – nicht mehr zur Bewältigung neuer Anpassungsanforderungen, d.h. zur sogenannten „Realitätsbewältigung“, genügen. Im zweiten Fall kann der Betroffene durch Botschaften seines Unbewussten, d.h. einerseits durch seine Selbstentwicklungsanforderungen im Sinne des Ganzheitlichkeitsanspruchs seines Organismus im Zuge des Älterwerdens als auch andererseits durch seine individuellen, d.h. sozialisations- und anlagebedingten Integrationsanforderungen von verdrängten Inhalten und Trieben, gezwungen werden, eben diesen Ansprüchen und Anforderungen zu genügen. Die Botschaften des Unbewussten, in denen beide genannten Formen der Behinderung der Progression sich ausdrücken können, äußern sich als Träume, den von Freud daneben analysierten, sogenannten Fehlleistungen und in sonstigen – fälschlicherweise von der Psychoanalyse als krankhaft- neurotisch abgetanen, genau besehen aber nur das Problembewusstsein erzeugenden – Symptomen. Selbst im Sonderfall eines plötzlichen Einbruchs unbewusster Inhalte ins Bewusstsein, in deren Folge das Bewusstsein seine Funktions- und Realitätsbewältigungsfähigkeit solange einbüßt, bis die Inhalte integriert sind, d.h. im Falle einer sogenannten Psychose, besteht das Motiv für diesen Einbruch im Selbstheilungsversuch der Psyche bzw. des Organismus des Menschen.317 Die Gegensatz-Spannung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, d.h. zwischen (bewusster) These und (unbewusster) Antithese, insofern letztere die Kompensation der Vereinseitigung des Bewusstseins im Sinne des Ganzheitlichkeitsanspruchs des Organismus darstellt, die in beiden genannten Fällen die Ursache für die Einsprüche des Unbewussten sind, muss in einer neuen Synthese mit Hilfe der transzendenten Funktion (Jung) bzw. Zentroversion (Neumann) aufgelöst werden. Diese Synthese, die ein um die Integration der betreffenden, vormals unbewussten Inhalte erweitertes Bewusstsein darstellt, ist sowohl beim Gesunden wie beim Kranken die Lösung der Gegensatz-Spannung und ein weiterer Schritt auf dem Weg seiner Individuation. Der entscheidende Zwischenschritt für eine neue Synthese-Bildung im Sinne der transzendenten Funktion ist eine „Regression“ (Jung ebd., S.43ff.) in ein möglichst alle alten Strukturen momentweise auflösendes Chaos, das die Voraussetzung für eine neue Kristallisation und Selbstbewusstseins-Gestaltbildungen darstellt: „(…) man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ (Nietzsche 1960e, S.309f.). Die Synthese bzw. das erweiterte Bewusstsein – wie es sich in einer neuen (Selbst-)Bewusstseins-Gestalt bezeugt, die auch das Selbst- und Wirklichkeits- 317 Die Psychose stellt angesichts nicht zu bewältigender Probleme eine Regression ins vorselbstbewusste Chaos dar, die eine Wiedergeburt und damit die Entwicklung neuer Assimilations- und Akkodomationsfähigkeiten anzielt und somit im Sinne der Integration des Organismus als letzte Notlösung wirkt. 271 verständnis des Betreffenden verwandelt, ist die Voraussetzung für ein Weiterschreiten des psychischen und organischen Lebens des Individuums im Sinne der Progression. Wir wollen nun den oben aufgespannten Bogen schließen: Der Neurotiker ist aufgrund zu stark eingeschliffener und eingeprägter Libido-Bahnungen und Symbolbildungen – die entweder auf zu strenge Anpassungsforderungen durch seine Umwelt oder auf seine zu schwache Aufmerksamkeit auf seine transzendente Funktion (bspw. durch mangelnde Selbstwirksamkeitserlebnisse) zurückgehen – nicht mehr in der Lage, einerseits die Regression so zu vollziehen, dass sich diese Bahnungen und Bildungen auch wirklich im Chaos auflösen. Andererseits vermag er es nicht, das so entstandene Chaos des Unbewussten erfolgreich mit der Geburt einer neuen Seelengestalt oder Synthese zu integrieren. Als wesentliches Krankheits-Merkmal des Neurotikers zeigt sich sein Unvermögen, sein verkrampftes Selbstbewusstsein loszulassen und ins Chaos einzugehen, als auch, zur Synthese des Chaos auf seine Zentroversion – die in ihm wirkt – aufmerksam zu sein und sie in ihrer Integrations-Tätigkeit durch diese Aufmerksamkeit bzw. die dadurch sich verstärkende Libido-Zufuhr zu verstärken. Im Unterschied zur Psychoanalyse muss also die Auflösung im Chaos – wie es ansatzweise durch die reduktive Methode zwar angestrebt, aber mit der Reduktion auf zugrunde liegende sexuelle Konflikte auch gleich wieder zugunsten einer ebenso „kranken“, nämlich die sentimentale Systemspaltung reproduzierenden Bahnung, verworfen wird318 - verstärkt werden; andererseits muss – was die Psychoanalyse ganz unterlässt – dem Neurotiker bei der Synthese-Bildung geholfen werden. Im angestrebten Chaos würden sich einerseits die eingeschliffenen und eingeprägten Libidobahnungen und Symbolbildungen des Neurotikers auflösen, während dieses Chaos andererseits die Voraussetzung für die Geburt seiner neuen, gesunden Seelengestalt oder Synthese darstellt. Die Hilfe bei der Synthesebildung erscheint paradox, insofern es sich bei der transzendenten Funktion ja um ein natürliches, jedem Menschen mitgegebenes Vermögen handelt. Die oben genannten, zwei „Krankheits“-Kriterien lassen sich genaugenommen auf die mangelnde Aufmerksamkeit und das mangelnde Vertrauen des Neurotikers in sein Zentroversions- Vermögen zusammenkürzen, insofern die Zentroversion als naturgegebene Anla- 318 Jung will daher die reduktive Methode Freuds durch die Amplifikationsmethode ersetzen: „Amplifikation heißt also, im Gegensatz zur Freudschen Methode der „reductio in primam figuram“, nicht eine nach rückwärts zu verfolgende, zwingend kausal verbundene, lückenlose Kette von Assoziationen, sondern eine Erweiterung und Bereicherung des Trauminhalts mit allen ähnlichen, möglichen, analogen Bildern“ (Jacobi 2003, S.87). Sie führt – anstelle einer Reduktion auf sexuelle Dynamiken – in das ganze Chaos der sich in Bildern ausdrückenden und verstehenden Seele. 272 ge – wie im Falle des Gesunden – schon von sich aus die Selbstheilung der Psyche zu bewirken sucht. Insofern der Neurotiker seine in ihm angelegte Synthese- Funktion nicht durch Selbstaufmerksamkeit verstärkt hat, entwickelt er aus Mangel an Vertrauen in sein Integrations-Vermögen Angst vor dem Chaos, das im Sinne der Regression das notwendige Durchgangsstadium der synthetischen Heilung und weiteren Progression ist. Notgedrungen hält er an seinen vorgeprägten Libido-Bahnungen und neurotischen Symbolbildungen fest, die sich – weil sie sich nicht beständig verwandeln, sich so lebendig erhalten und selbst heilen – verstärken, zunehmend rigider das Leben des Menschen bestimmen, um ihn schließlich von aller Lebendigkeit in sich und damit außer sich abzuschnüren (daher die Depression, wenn nicht als zentraler Inhalt, so doch zumindest als Begleitsymptom der Neurosen). Anstelle der gesunden Verwandlung der „normalen“ Angst vor dem Chaos in die Lust seiner gelungenen Integration, verstärkt sich beim Neurotiker die Angst und verschließt ihm die zentrale Quelle von Lust, die sich im Gegensatz zu Freud nicht aus der sexuellen Befriedigung ergibt, sondern aus der Integration des Chaos, aus der Geburt einer neuen Gestalt (wie sie sich auch aber eben nicht nur in der Sexualität als gemeinsame Sphäre der Intimität, in dem sich beide, vorher isolierten Partner geborgen fühlen, einstellen kann) entspringt. Die zentrale, tiefere, biografische Ursache für die mangelnde Selbstaufmerksamkeit des Neurotikers auf sein Zentroversions-Vermögen könnte das mangelnde, frühkindliche und kindliche Erleben von Selbstwirksamkeit sein, deren wichtige, salutogenetische Rolle zum Erhalt und zur Förderung von seelischer Gesundheit heute erforscht ist.319 Die Psychoanalyse – um ihre Fehler nochmal abschließend zusammenzufassen – macht sich des Vergehens schuldig, den Klienten nicht in das vollständige Chaos der Regression zu führen, sondern sein Problem einseitig auf seine Sexualität zu reduzieren und ihm damit ein Selbstverständnis nahezulegen, das genaugenommen genauso patriarchal neurotisch ist wie die vorherigen „krankhaften“ Symbolbildungen des Klienten. Des Weiteren hilft sie ihm nicht bei der neuen Synthesebildung, was den Klienten seinen alten Mustern überantwortet. Die durch die Psychoanalyse kurzfristig wiederhergestellte Realitätstüchtigkeit des Klienten, die sie erreicht, indem sie ihm ein – wenn auch falsches – Verständnis seiner Psyche schenkt und so seine neurotische Struktur kurzfristig außer Kraft setzt, soll durch permanente Kontrolle der neurotischen Symbolbildung – die ihm sein neugewonnenes Verständnis ermöglicht – aufrechterhalten werden. Diese (ver- 319 Selbstverständlich sind mit dieser – in unserem Zusammenhang nur anzudeutenden – Ätiologie von seelischen Krankheiten nicht alle ihre möglichen Formen wie bspw. die Persönlichkeitsstörungen „erklärt“. Neurotische Erkrankungen scheinen mit diesem Ansatz zumindest in ihrem Grundproblem aufgehellt. 273 stehende) Selbstkontrolle bewirkt aber genau das, was vorher die neurotischen Strukturen in der Psyche des Klienten anrichteten: Anstelle eines immer wieder neuen Selbsterlebens der Wirksamkeit der Zentroversion im Wechsel von Regression und Progression und eines fließenden, heilenden Kontakts zwischen Selbstbewusstsein und Unbewusstem, das Jung dem Klienten transparent zu machen320 und in ihm zu verstärken sucht, verkapselt sich das freudsche Ich und versucht, Herrschaft über seine eigene, ihm entfremdete Natur zu gewinnen. Dieser Grundwiderspruch der freudschen Psychoanalyse, einerseits Heilen zu wollen, andererseits durch ihr Festhalten am Patriarchismus mit seinem Herrschaftsanspruch über die Natur gerade die Selbstheilungskräfte der Geist-Natur-Einheit – auf die man als Arzt zu vertrauen hätte – zu zerstören, hätte Freud schon von Nietzsche lernen können: „Dein Wissen vollendet nicht die Natur, sondern tödtet nur deine eigene“ (2003b, S.313 – vgl. Hölzel 2008a, S.48ff). Heilung ist dagegen nur möglich, wenn die „Krankheit“ nicht als Krankheit, sondern als Selbstheilungsversuch der Natur verstanden wird (vgl. Jung 1995d, S.89), das Unbewusste nicht als Quelle zerstörerischer Triebe, sondern von „Keime(n) neuer Lebensmöglichkeiten“ (Jung 1995e, S.45f.) und vom Arzt und damit vom Klienten nicht die Herrschaft über die Geist-Natur-Einheit, sondern ihre Unterstützung in ihrem Selbstheilungsprozess angestrebt wird. Jungs Absetzung von der Tradition des Patriarchimus – in der sein Lehrer Freud noch ganz gefangen ist und als deren letzter, großer Repräsentant Freud zu verstehen ist – entwickelt sich vor allem über ein alternatives Verständnis der Libido.321 Jung wiederholt nicht die tradierte, einstmals bewusstseinsgeschichtlich zur Entwicklung des patriarchalen Selbstbewusstseins sinnvolle, aber spätestens seit der Renaissance überholte322 Spaltung der Geist-Natur-Einheit (wie sie ana- 320 Jung schreibt in seinem Aufsatz Die transzendente Funktion: „In praxi vermittelt daher der entsprechend vorgebildete Arzt dem Patienten die transzendente Funktion, das heißt, er hilft dem Patienten, Bewusstsein und Unbewusstes zusammenzusetzen und dadurch zu einer neuen Einstellung zu gelangen. In dieser Funktion des Arztes liegt eine der verschiedenen Bedeutungen der Übertragung: der Patient klammert sich mit der Übertragung an den Menschen, der ihm eine Erneuerung der Einstellung zu versprechen scheint; er sucht mit der Übertragung diese Veränderung, die für ihn unerläßlich ist, zu erlangen, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Der Arzt hat daher für den Patienten den Charakter einer unentbehrlichen und zum Leben absolut notwendigen Figur“ (1995d, S.90). Nietzsche drückte dasselbe in einem übertragbaren Zusammenhang prägnanter aus: „Ich mache mir aus einem Philosophen gerade soviel, als er imstande ist, ein Beispiel zu geben“ (2003d, S.350). 321 Nicht umsonst stellt Jungs Schrift Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zu einer Entwicklungsgeschichte des Denkens von 1911 den entscheidenden Bruch zwischen Freud und Jung dar. 322 Vgl. Neumann 1961, S.36: „Seit der Renaissance ist die von der Übermacht des Himmels verdrängte und von ihr entwertete „Erde“, sein Gegenpol, im Aufsteigen begriffen. „Erde“ 274 log auch vom matriarchalen Selbstbewusstsein vollzogen wurde), von der Freud noch ausging, sondern schafft in Rückbezug auf die Tradition der Ästhetischen Moderne (Schiller- und Goethe-Rezeption) und die hermetischen Traditionen wie der mittelalterlichen Alchemie (vgl. Jacobi 2003, S.141ff.) deren Integration. Die patriarchale Metapher vom Licht des Geistes (vgl. Blumenberg 2001b) wird bei ihm ersetzt durch das alchemistische lumen naturae, das in der Geist-Natur-Einheit angelegte, sich aus der Integration von Vaterhimmel und Muttererde ergebende, die Selbstbewusstseinsentwicklung der Menschheit wie des Menschen organisierende und die Integration des Organismus und des Selbstbewusstseins intendierende „Licht der Natur“.323 Was Nietzsche vielleicht intendierte, indem er das Andere der Vernunft gegen die Tradition stark machte, damit aber einer wiederum einseitigen, unter Verkehrung der traditionellen, patriarchalen Bewertung vollzogenen Auslegung der Geist-Natur-Einheit verfiel324, und Freud im Versuch der Vermittlung zwischen Geist und Natur, Bewusstsein und Unbewusstem, misslang, erfüllte sich bei Jung in deren Integration. Die „transzendente Funktion“ (vgl. 1995d, S.84ff.) – die Jung als ein genaugenommen leibliches Phänomen zum Zweck der Selbstregulation des Organismus/ der Psyche in jedem Menschen zu enthüllen sucht – entspringt der „Annährung der Gegensätze“ zwischen „dem Ich und dem Unbewussten“ und besteht in der „Herstellung eines Dritten“ (ebd., S.104). Mit und in diesem Dritten sucht der Organismus die sich ausschließenden Gegensätze der Positionen von Bewusstsein (Gerichtetheit der psychischen Funktionen zur Wirklichkeitsbewältigung) und Unbewusstem (Ganzheitsanspruch des Organismus, der betreffs der Vereinseitigung des gerichteten Bewusstseins kompensatorisch wirkt) zu integrieren, um seine Lebendigkeit zu regenerieren und neue Anpassungsmöglichkeiten an die Umwelt zu entwickeln: aber bedeutet (…) das Symbol der natürlichen und körperlich-wirklichen ebenso wie das der „unbewusst-triebhaften“ Welt“. Vgl. auch: Neumann: Die Bedeutung des Erdarchetyps für die Neuzeit – in: Neumann 1992. 323 Jung 1978, S.141ff., bes. S.142. Vgl. auch: Jung 1971, S.30, 40: „Was (…) (der Arzt – A.d.V.) zum Kranken zu sagen hat, das geht aus des Arztes eigener Beschaffenheit hervor: „so muß er vollkommen seyn, sonsten mag er doch nichts erschließen“. Das Licht der Natur muss ihm die Instruktion geben, das heißt, er muß intuitiv vorgehen, denn nur durch Illumination wird des „Textus libri Naturae“ verstanden. (…) und wie der Theologe seine Wahrheit aus der Heiligen geoffenbarten Schrift nimmt, so der Arzt aus dem Licht der Natur.“ 324 Nietzsche war jedoch zweifelsohne derjenige, ohne dessen wirkungsmächtige Infrage-Stellung des Patriarchismus und seiner Selbstherrlichkeit – durch die die Philosophie seines Lehrers Schopenhauers (der wiederum in der Tradition Schellings als erstem, wirkungsmächtigem Vernunftkritiker stand) ihre latenten, kritischen Potentiale entfaltete - die Psychologie Freuds und Jungs nicht denkbar wäre. 275 „Als was immer die Gegensätze im individuellen Fall erscheinen mögen, im Grunde genommen handelt es sich immer um ein in Einseitigkeit verirrtes und verbohrtes Bewusstsein, konfrontiert mit dem Bilde instinktiver Ganzheit und Freiheit. Es ist der Anblick des Antropoiden und des archaischen Menschen mit seiner angeblich ungehemmten Triebwelt einerseits und seiner vielfach verkannten geistigen Anschauungswelt andererseits, der, unsere Einseitigkeit kompensierend und korrigierend, aus dem Dunkel hervortritt und uns zeigt, wie und wo wir uns von der Grundzeichnung entfernt und uns psychisch verkrüppelt haben.“ (ebd., S.107) Der Vermittlungsprozess der transzendenten Funktion vereinigt – wie wir in den Abschnitten VIII.2, X.5 u. XII sehen werden - die Gegensätze des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins im Dritten ihrer (schließlichen, bei Jung aber noch nicht vollendet erfassten, hier zu entwerfenden) Synthese des medialen Menschen. Die Synthese besteht in „ein(em) unbewusst und bewusst beeinflusste(s)(n) Produkt (…), welches das Streben des Unbewussten nach dem Licht und das des Bewusstseins nach Substanz in einem gemeinsamen Produkt verkörpert“ (ebd., S.99), d.h. das, was wir als Übersummationsprodukt des „freien Spiels der Vermögen“ als Spielbewusstsein verstanden.325 Die mit Hilfe der transzendenten Funktion arbeitende, libidinöse Selbstorganisation – die dem schillerschen Spieltrieb und der neumannschen Zentroversion entspricht - hat sich im Menschen in die Gegensätze der (kantischen) Einbildungskraft (schillerscher Lebenstrieb) und des (kantischen) Verstandes (schillerscher Formtrieb) auseinandergelegt, die nun in ihrem spielerischen Zusammenwirken im Sinne des ihm inhärenten Übersummationsprinzips eine neue Gestalt erzeugen, die sich immer wieder in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit verliert, um wieder einer neuen Synthese zu weichen, usw..326 Die Einbildungskraft setzt nach unserer Interpretation des (kan- 325 Wie wir in Abschnitt III.2 ausgeführt hatten, war es Schiller, der das von Kant als „freies Spiel der Vermögen“ gefasste, innerseelische Phänomen als leibliches Phänomen fasste, indem er vom Lebens-, Form- und „Spieltrieb“ (1995, 15. Brief, S.58ff. – Hervorh. v. Verf.) sprach. Die Synthese, die Jung mit Hilfe der transzendenten Funktion anzielt, besteht genaugenommen im freien Spiel der Vermögen, das sich aber seinen symbolischen Ausdruck und seine Spiegelung im Spielbewusstsein verschafft (vgl. Abs. II.1). 326 Die patriarchale Trennung der Gegensätze entspricht also ganz dem in der Selbstorganisation angelegten Sich-Auseinanderlegen der Gegensätze, d.h. dem Dualismus der Geist-Natur- Einheit, ist jedoch – mit dem Ergebnis des entfremdeten, abgekapselten Ich – in eine Systemspaltung ausgeartet, die diese Gegensätze entgegen des der Selbstorganisation inhärenten Übersummationsprinzips widernatürlich voneinander isoliert, anstatt sie im Sinne und zum Wirken der transzendenten Funktion einander anzunähren. Der Gestaltbildungsprozess des Organismus des Menschen setzt ihn als Gestalt seiner umwelthaften Wirklichkeit entgegen, die so immer wieder neu auf den Menschen einwirkt und ihn zwingt, sich anzupassen. Mit steigendem Selbstbewusstsein wird nicht nur die Umwelt in ihrem Anpassung einfordernden, Angst einflössenden Aspekt bewusst, sondern auch er sich selbst als von ihr abgegrenztes, sich ihr gegenüber behauptendes Wesen. Die Selbstbehauptung gerät infolge der 276 tischen) freien Spiels der Vermögen fortlaufend die Teile der (inneren) Anschauung auf Grundlage und über der Zweckmäßigkeit des Verstandes lebendig zusammen, um schließlich durch eine äußeres, verstandesmäßiges Abbinden der so von innen her sich entwickelnden Gestalt von ihrer Umwelt für das Selbstbewusstsein unterscheidbar zu werden. Analog produziert das jungsche Unbewusste auf Grundlage und über der Zweckmäßigkeit der Archetypen, die alle Ablagerungen phylogenetischer Gestaltbildungen darstellen (d.h. ihrerseits im Zusammenwirken von Einbildungskraft und Verstand, von unbewusstem Lebenstrieb und bewusstem Wirklichkeitskontakt, der als Grenze seiner Selbsttransformationen ihn sich selbst bewusst werden lässt, zustande kamen), Bilder, die ihrerseits im Uferlosen der schöpferischen Potenz des Menschen sich verlieren würden, wenn sie nicht vom Selbstbewusstsein, d.h. dem jungschen Analogon zum kantischen Verstand, begriffen würden. Insofern im Selbsttransformationsprozess des freien Spiels der Vermögen bzw. der transzendenten Funktion Jungs alle Strukturen des Ich ins vorkosmische Chaos eingeschmolzen sind, können seine Teile im Zuge der schöpferischen Gestaltbildung auch völlig neu angeordnet und miteinander in Zusammenhang gebracht werden.327 Dieser Selbsttransformationsprozess des Menschen entspricht dem spielerischen Schöpfungsprozess der Welt Aions, weil ihm dieselbe Selbstorganisation mit ihrem ihr inhärenten Übersummations-Vermögen zugrunde liegt. So schreibt Jung über das Übersummationsprodukt als Ergebnis der transzendenten Funktion, die ihmzufolge (ebd., S.90) „den Übergang von einer Einstellung in eine andere organisch (Hervorh. v. Verf.) ermöglicht“ (ebd., S.106): Angst des Selbstbewusstseins, sich wieder zu verlieren, zum Selbstzweck, der sich nun gegen seine eigene Grundlage, nämlich seine Quelle im Ganzen des Organismus, d.h. gegen das Unbewusste,verschließt. 327 Vgl. zum Gestaltbildungs- bzw. Schöpfungs-Prozess – wie Jung ihn, der damit das analoge Verständnis des Gestaltprozesses der Gestalttherapie von Perls angeregt haben könnte (vgl. Hölzel 2008a, S.117f.), fasst – 1995e, S.43ff., wo Jung konkret die Stockung der „Progression“ in der Anpassung an die Umwelt, die folgenden „Libidostauung“, die „Regression“ als den chaotisierenden „Zerfall der Gegensatzpaare“ und die Erhöhung der „Wertigkeit der Bewusstseinshintergründe“ beschreibt, die in eine erneute Gestaltbildung münden. Nicht zufällig, sondern den Schöpfungs- und Gestaltbildungsprozess als zentrales natürliches und damit auch menschliches Phänomen unterstreichend, sind die Analogien zu Schöpfungsmythen und die sie spiegelnden Riten (vgl. Eliade 1998 u. 2002 sowie dazu Hölzel 2008a, S.111) und zur indischen Yoga-Philosophie (vgl. Eliade 2004 sowie dazu Hölzel 2008a, S.112). Zur Aufhebung der Ängstlichkeit, die einen angesichts dessen, dass die Teile der Gestalt sich im Zuge des Gestaltbildungs-Prozesses völlig neu anordnen, befallen kann, ist zu ergänzen, dass alle neuen wie alten Gestalten Variationen zum Thema des Selbst darstellen. 277 „Die Gegenüberstellung der Position bedeutet eine energiegeladene Spannung, die Lebendiges erzeugt, ein Drittes, das keine logische Totgeburt ist, entsprechend dem Grundsatz „tertium non datur“, sondern eine Fortbewegung aus der Suspension zwischen Gegensätzen, eine lebendige Geburt, die eine neue Stufe des Seins, eine neue Situation, herbeiführt. Die transzendenten Funktion offenbart sich als eine Eigenschaft angenährter Gegensätze.“ Neumann bezieht sich mit seinem Begriff der Zentroversion wie gesagt auf dasselbe Phänomen328, wenn er den „schöpferischen Menschen“ (vgl. Titel einer Aufsatzsammlung von Neumann, 1995) zu seinem Paradigma erhebt329, auch 328 Neumann definiert seinen Begriff der Zentroversion wie folgt: „Die Zentroversion ist die Tendenz der Ganzheit, die Einheit ihrer Teile herzustellen und ihre Differenzierung in einheitsgebundenen Systemen zusammenzufassen. Diese Einheit des Ganzen wird durch Kompensationsprozesse aufrecht erhalten, die der Zentroversion unterstehen, mit deren Hilfe die Ganzheit ein sich schöpferisch erweiterndes lebendes System darstellt. Die Zentroversion wird in späterem Stadium sichtbar als dirigierendes Zentrum, nämlich als Bewusstseinszentrum im Ich, als psychisches Zentrum im Selbst. Auf der vor-psychischen Stufe wirkt sie als das Entelechieprinzip im Biologischen. Hier könnte man sie eigentlich besser als Integrationstendenz bezeichnen. Zentroversionstendenz wird sie erst auf der Gestaltungsstufe, in der ein Zentrum wirklich sichtbar wird als Ich oder angenommen werden muss wie im Selbst. Ihre unbewusste Wirksamkeit übt sie als integrierende Funktion der Ganzheit, vom Einzeller bis zum Menschen. Der Einfachheit halber behalten wir durchgängig den Terminus Zentroversionstendenz bei, auch für die frühen Stufen, denn auch die Integration geht aus von der Ganzheit eines, wenn auch unsichtbar, zentrierten Systems. Die Zentroversion äußert sich im Organismus als Ganzheitsregulation, als kompensatorische Ausgleichs- und Systematisierungstendenz. Sie führt zum Zusammenschluss der Zellen im Zellorganismus und ermöglicht das Zusammenspiel der Einzeldifferenzierungen der Zellteile, Organe usw. Dass die differenzierte Organisierung des Einzellers bereits eine Ganzheit bildet, die den Aufnahme- und Abgabeprozessen des Stoffwechsels übergeordnet ist, ist Ausdruck der Zentroversion auf der Uroborus-Stufe. Die Leistung der Zentroversion, die sich in der unendlichen Vielfalt des Zusammenspiels der Organe und Organsysteme in jedem höheren Organismus äußert, vollzieht sich unbewusst. Die Orientierung nach Zweck und Ziel, welche als übergeordnetes Prinzip zum Wesen des Organismus gehört, der alle kausalen Prozesse seinem Zweckbezogenheitssystem unterordnet, ist Ausdruck der Ganzheit und Einheit des Organismus. Aber soweit unser Wissen reicht, haben wir keinen Grund, diesem Zweckprinzip ein mit Bewusstsein ausgestattetes Zentrum zuzuordnen. Wir haben inkorporiertes Wissen und unbewusst dirigierende Teleologie als wesentliche Merkmale jedes Organismus anzusehen“ (2004, S.290f.). Auf die Individuation des Menschen bezogen, definiert Neumann dieselbe Zentroversion wie folgt: „Ihr Schwerpunkt liegt (…) nicht bei den Objekten und der Auseinandersetzung mit ihnen, seien es nun innere oder äußere Objekte, sondern auf der Selbstgestaltung, d.h. dem Aufbau und Ausbau einer Persönlichkeitsstruktur, die als Kern und Mitte der Lebensauseinandersetzung die Objekte der Innen- und Außenwelt als Materialien zur Entwicklung ihrer Ganzheit verwendet. Diese Ganzheit hat ihren Zweck in sich, ist autark, d.h. sie ist auch unabhängig von dem Nutzwert, den sie hat, sei es für das Kollektiv außen oder für die Mächte innen“ (ebd., S.47). 329 Dies hatten – allerdings ohne die Gestalt des schöpferischen Menschen damit als Medium im Sinne Neumanns durchgreifend transparent zu machen – schon Schiller mit seinem 278 wenn – wie wir in Abschnitt XII.1 sehen werden – der schöpferische Mensch bei Neumann noch „mehr“ als das meint, was hier mit Jung in der Selbstaufmerksamkeit auf die transzendente Funktion und ihrer Integration der Gegensätze transparent geworden ist. VIII Individuierung, Individuation und Selbsttransformation. Die Ontogenese und ihr Zielpunkt der Integration (organismustheoretische Interpretation) Die Ontogenese des Selbstbewusstseins verläuft vom kindlichen Spielbewusstsein über das matri- und patriarchale Selbstbewusstsein bis zum Stadium ihrer Integration. Sie lässt sich differenzieren in eine Phase der Individuierung (Abs. VIII.1), die von der Lebenswende an von einer Phase der Individuation abgelöst wird, in der die unbewussten Kompensationen der einseitigen Selbstverwirklichung des Orgismusses zur Ganzheit des Selbst integriert werden (Abs. VIII.2). Der folgenden organismustheoretischen Interpretation von Individuierung, Individuation und Selbsttransformation liegt der Organismus-Begriff Cassirers zugrunde, der mit den Organismus-Begriffen, die dem aktuellen Stand der Forschungen in der Biologie entstammen, kompatibel ist330: Der Organismus ist ihmzufolge dadurch ausgezeichnet, dass er eine ihn gegen die Außenwelt abhebende Grenze hat und dass „alle Teile (…) wie auf ein einziges Zentrum gerichtet sind, dieses Zentrum aber in sich ruht“ (1977, S.363). „Mensch (…) in seinem ästhetischen Stande“ (1995, 25. Brief, S.105) und Nietzsche mit seinem „Rausch- und Traumkünstler“ (2003a, S.30; vgl. Hölzel 2008a) vor ihm gemacht. 330 Hinzu kommt ein Moment des Organismus, den Goldstein hervorhebt: „The organism has definite potentialities, and because it has them, it has the need to actualize or realize them. The fulfilment of these needs represents the selfactualization of the organism” (Goldstein 1947, S.146 – Zitat nach Noppeney 2012, S.200). Noppeney kommentiert Goldstein: „Der Mensch ist nach Goldstein nicht darauf aus, im Gleichgewicht zu leben, sondern auf spannungsreiche Selbstverwirklichung gerichtet. Als vorweggenommene Wirklichkeiten treiben die Potentialitäten den Organismus an, diese Potentialitäten und damit sich selbst zu verwirklichen“ (ebd.). Nur exemplarisch sei eine - aktuelle Forschungen in der Biologie anleitende - Organismus-Definition zitiert: „Structures are wholes, firstly, in the sense that they have the property of maintaining themselves in being while their elements change, hence they are not reducible to the sum of their elements. Secondly, the structure “controls” its elements in the sense of giving them specific properties by virtue of the relations they are assigned in the structure. Thus the structure cannot be understood atomistically, i.e. in terms oft he intrinsic properties oft he elements considered as individuals” (Webster/ Goodwin 1982, S.40 – Zitat nach Hertler 2005, S.150). Hier in dieser „Struktur-Morphologie“ wird der “Organismus selbst als Struktur verstanden, die durch drei Konzepte charakterisiert ist: ihre Ganzheit oder Geschlossenheit, ihre Transformativität und ihre Selbstregulation” (Hertler, ebd., S.150).

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References

Zusammenfassung

Im „Spiel der Vermögen“ überwindet Schiller den kantischen Dualismus von Geist und Natur, den er maßgeblich für die Entfremdungs-Symptome der Moderne verantwortlich macht. Aus diesem integrativen Ansatz Schillers entwirft Malte Hölzel ein ganzheitliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis, aus dem er das Selbstverhältnis der Medialität als eine Alternative zum instrumentellen Denken unserer Tage entwickelt.

In Hölzels Selbstverhältnis der Medialität wird der Mensch zum Medium der Selbstorganisation, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu neuen Integrationen drängt. Angesichts der Krisen-Symptome unserer Zeit stellt es eine Selbstzurücknahme in die Immanenz der spiel- bzw. selbstorganisierten Wirklichkeit der Natur dar, anstatt sie wie im instrumentellen Denken äußerlich beherrschen zu wollen. Der Mensch, im aussichtslosen Versuch befangen, sich aus sich selbst heraus zu begründen, feiert sein erlösendes Versöhnungsfest mit der Natur – eine Wandlung, durch die nicht zuletzt auch klassische Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung näher gebracht werden.