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V Skizze und Arbeitsprogramm einer Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit aus den Implikationen des Spielbegriffs in:

Malte Hölzel

Das Selbstverhältnis der Medialität, page 144 - 179

Implikationen des Spielbegriffs

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3897-0, ISBN online: 978-3-8288-6707-9, https://doi.org/10.5771/9783828867079-144

Tectum, Baden-Baden
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144 selben Spiel generierten Spielbewusstseins – ist der Sinn des Universums und der Sinn, an dem der Mensch Anteil hat, der selbst sich dem Spiel seiner Vermögen überlässt und sich in den im Mythos offenbaren Ganzheits-Zusammenhang als mikrokosmische Variation des Makrokosmos einfügt.183 V Skizze und Arbeitsprogramm einer Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit aus den Implikationen des Spielbegriffs Schillers Ausgangspunkt beim Spiel übernehmend wollen wir die Wirklichkeit in ihrem Innersten wie in ihrer Selbstentwicklung als Natur- und Kulturgeschichte aus den Implikationen des Spiel-Begriffs ableiten. Zuletzt haben wir wesentlich mit Schelling versucht zu zeigen, wie die Selbstorganisation die Wirklichkeit im Innersten im Spiel des Aion organisiert. In Frage steht nun, wie sich Schillers Annahme einer Dialektik der Geschichte als eine konkrete Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit aus dem Spiel heraus in ihren Schritten und der sie integrierenden Synthese entschlüsseln und ausbuchstabieren lässt. Die Rekonstruktion und Anverwandlung von Schillers Dialektik erfordert erstens eine Selbstverständigung über den Ausgangspunkt der Entwicklung, d.h. über das naive Stadium der Menschheitsgeschichte, zweitens eine Selbstverständigung über die Gründe und Ursachen für den Sprung ins sentimentale Stadium, drittens das Transparent-Werden des sentimentalen Stadiums in seinen Charakteristika selbst und zuletzt die Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit einer Integration der beiden Stadien, die Schiller unter dem Topos der Idylle entwirft. Die Synthese als anzustrebende Integration des im Zuge der Geschichts-Dialektik Zerfallenen im besseren, früheren Wissens auch der späte Nietzsche, der damit – wie Heidegger diagnostiziert – die abendländische Subjektivität als Ausdruck und Instrument dieses Wahns auf die Spitze treibt (vgl. Heidegger 1994b, S.239). Der sentimentalische Mensch gerät so in den Selbstwiderspruch zur ihn bedingenden Ganzheit der Spiel-Wirklichkeit, die einzig ihm die angezielte Lebendigkeit schenken kann. 183 Damit ist nicht gesagt, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Die Unvermeidlichkeit des mythischen Anthropozentrismus meint nicht die Übernahme des Glaubens an die Zentralstellung des Menschen und des Selbstbildes als Krone der Schöpfung, sondern einzig die auch von Nietzsche trotz der von ihm nachvollzogenen und radikalisierten, dezentralisierenden kopernikanischen Wende (vgl. 2003c) veranschlagte Möglichkeit, als menschliches Bewusstsein so tief in die Eingeweide der (universalen) Wirklichkeit vordringen zu können, dass man ihr innerstes Wesen als Spiel des Aion in sich verstehend nachbilden und sein Handeln nachahmen kann. Die Möglichkeit, dem universalen Geschehen gleichsam auf die Schliche zu kommen und sich aus der Zwanghaftigkeit seines Vollzugs in der Mimesis dieses Vollzugs zu lösen, um als Selbstbewusstsein mit dem Spielbewusstsein des vollziehenden Weltenkünstlers zu verschmelzen, wäre genauso auch für andere, außerirdischen Formen des Lebens denkbar. 145 Sinne eines zu verwirklichenden Zeitalters der Idylle kann nur überzeugen, wenn einerseits die vorangehende Analyse die Natur- und Kulturgeschichte – wie sie uns in den von den verschiedenen Natur-, Geistes- und Kulturwissenschaften zugänglich gemachten Fakten vorliegt - ganzheitlich in ihrem inneren Zusammenhang entschlüsselt und die Schwierigkeiten der Menschheit erklärt und wenn die daran anschließende Synthese sie andererseits überzeugend zu lösen verspricht. Schillers Annahme einer Dialektik der Geschichte in Über naive und sentimentalische Dichtung gibt als eine Dialektik der Dichtungs- und Empfindungsweisen nur abstrakte Definitionen ihrer einzelnen Stadien, lässt aber offen, wie sie sich konkret als Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit darstellt (vgl. Abs. III.5). Nicht umsonst hat Schillers mangelnde Ausgestaltung seiner Idee einer Geschichts-Dialektik zu den Blüten des Deutschen Idealismus und zur Auseinandersetzung zwischen seinen Haupt-Protagonisten Schelling und Hegel dar- über geführt, was sich in ihr dialektisch entwickelt. Sicher ist nur, dass Schiller das Stadium der Naivität wie auch das Stadium der Idylle im Spiel der Vermögen gegründet sieht, demgegenüber sich das mittlere, selbst- und naturentfremdete Stadium der Sentimentalität Schiller zufolge durch eine Entzweiung von Stoffund Formtrieb und eine Aufhebung des Spiels charakterisieren lässt. Außerdem muss das Stadium der Sentimentalität so konzipiert sein, dass es die von Schiller für dieses Stadium veranschlagte Selbst- und Naturentfremdung und damit die Schwierigkeiten und Probleme der Menschheit bis heute intuitiv treffend in ihrem Innersten und ihrer Motiviertheit erklärt. Des „Menschen“ Ziel und damit Ausgangs- und Zielpunkt der Dialektik ist nach Schiller, „ein harmonierendes Ganzes zu sein und mit seiner vollstimmigen ganzen Menschheit zu handeln“ (2003b, S.113), d.h die „Forderungen seiner sinnlichen Natur“ „mit den Gesetzen“ des „vernünftigen Teil(s) seines Wesens“ „in Harmonie“ zu „setzen“ und „einig mit sich selbst“ zu werden (ebd., S.102). Die Frage, die uns anlässlich der Ausarbeitung und Konkretisierung der dialektischen Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit aus den Implikationen des Spielbegriffs anleitet, ist also, worin sich eine ursprüngliche Ganzheit im Sinne des Stadiums der Naivität zeigt, deren Aufhebung dann zur Selbst- und Naturentfremdung im bis heute aktuellen Stadium der Sentimentalität geführt haben könnte? Ist nicht – so ließe sich dem gängigen Verständnis nach fragen - die unerfüllte, unglückliche Liebe der Inbegriff des Sentimentalen bei Schiller und bis heute? Ist es ihmzufolge nicht die Liebe, die den „Streit der Naturen in seinem einfachsten und reinsten Exempel, in dem ewigen Gegensatz der Geschlechter, löst“ und „ihn auch in dem verwickelten Ganzen der Gesellschaft zu lösen und nach dem Muster des freien Bundes, den sie dort zwischen der männlichen Kraft und der weiblichen Milde knüpft, (…) zu versöhnen“ sich anschickt (1995, 27. Brief, S.125 – vgl. Abs. III.2)? Die Ant- 146 wort auf unsere Fragen meinen wir bei Platon gefunden zu haben: Die Ganzheit des Stadiums der Naivität findet ihren Ausdruck in Platons „Kugelmensch“-Mythos, demzufolge der ursprüngliche Hermaphroditismus des Menschen zur Strafe für die menschliche Hybris der Selbst-Inthronisation im Zuge seiner sentimentalen Selbstbewusst-Werdung durch Zeus in zwei geschlechtlich komplementäre Hälften zertrennt wird, die sich – seine Einheit der Lust gleichsam aufspaltend – wechselseitig begehren, um ihre verlorene Einheit wiederherzustellen (vgl. Symposion 1994b, S.62f.). Platons „Kugelmensch“-Mythos gibt mit dem Hermaphroditismus nicht nur ein Modell ursprünglicher Ganzheit, sondern erklärt auch den Verlust der Ganzheit mit der Selbst-Inthronisation des Geistes und dem Aufbrechen der Trieb-Natur des Menschen, der für seine Selbst- und Naturentfremdung und Uneinigkeit mit sich selbst verantwortlich ist, die zu heilen Schiller mit seiner Spiel-Philosophie antritt. Die Geschlechtlichkeit des Menschen ist nicht nur mögliche Quelle seiner tiefsten Freuden, sondern in eins damit seines tiefsten Leidens – und somit unser zentraler Anknüpfungspunkt, um aus ihr die Naturund Kulturgeschichte der Menschheit zu rekonstruieren. Schillers Ansatz der Selbstorganisation als Schlüssel zum Wirklichkeits-Verstehen verlangt, dass wir alles – zumindest dem Grundgedanken nach – aus ihr heraus erklären können müssen, und d.h. auch die Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit, die sich uns faktisch wesentlich in Form einer Ordnung nach Maßgabe der Geschlechter-Dichotomie, die also zwangsläufig ebenso aus der Selbstorganisation heraus erklärt werden muss, darstellt. Die Selbstorganisation der Wirklichkeit im Spiel des Aion (vgl. Abs. IV) zeichnet sich durch eine Auseinanderlegung und Integration von ihr inhärenten Gegensätzen, d.h. durch das Zumal ihrer Auseinanderlegung und Integration, aus. Aus der Perspektive einer Suspension bzw. Einklammerung des Charakters der Selbstorganisation als ein Zumal von Auseinanderlegung und Integration der Gegensätze lässt sich dieses Zumal in der Zeit des Nacheinander ausbuchstabieren: Die Selbstorganisation der Naturund Kulturgeschichte der Menschheit – könnte man dann sagen - geht Schillers Grundannahme einer ihr zugrundeliegenden Dialektik gemäß von einem Stadium der Naivität aus, in dem die der Selbstorganisation inhärenten Gegensätze noch eingefaltet sind, verläuft über ein Stadium der Sentimentalität, in dem sich diese Gegensätze zu ihrer jeweiligen Verwirklichung auseinanderlegen, und mündet in das Stadium der Idylle, das die finale Integration dieser Gegensätze bringt. Die leitende Annahme für unsere Rekonstruktion der dialektischen Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit ist, dass sich das entscheidende Stadium ihrer Dialektik, nämlich das Zeitalter der Sentimentalität, dessen Art und Weise der Auseinanderlegung der Gegensätze darüber entscheidet, was es im Stadium der Idylle zu integrieren gilt, wesentlich unter der Wirkmacht der Geschlechtlichkeit des 147 Menschen organisiert. Diese Annahme drängt sich uns auf, insofern die Geschlechtlichkeit des Menschen, allen anderen Geschlechts-Gegensätzen voran die Dichotomie von Männlichem und Weiblichem, die zentrale Dichotomie in der Selbstbewusstseins-Geschichte der Menschheit zu sein scheint, insofern alle anderen Unterscheidungen und Differenzierungen in dieser Geschichte meist zusätzlich eine männliche oder weibliche Attribution erfahren haben genauso wie die Gottheiten der Menschheit meist durch männliche oder weibliche Attribute charakterisiert sind. Das Spiel – in dem sich die Selbstorganisation der Wirklichkeit vollzieht - zeichnet sich also durch das Zumal von Auseinanderlegung und Integration aus, in dem nun die Menschen im Zeitalter der Naivität noch ganz aufgehen und in dem die Gegensätze der Geschlechter noch in einem grundlegenden Hermaphroditismus eingefaltet sind. Der Aufhebung des Spiels durch die Geburt des Geistes der Instrumentalität im Zeitalter der Sentimentalität ist es zu verdanken, dass dieser Geist das, was immer schon auseinandergelegt und integriert ist, d.h. die Gegensätze der Geschlechter, im Nacheinander der Zeit der Instrumentalität auseinanderreißt, in seiner Gegensätzlichkeit vertieft und jeweils in der Zeit aufgrund der unten zu beschreibenden Wirkmechanismen fortschreibt bzw. perpetuiert und – unter den Vorgaben dieser Instrumentalität – mit katastrophalen Folgen für den Menschen und das ihn bedingende Ökosystem nicht zu integrieren imstande ist. Die Aufgabe der Integration, die damit zum Erreichen des Zeitalters der Idylle gestellt ist, besteht dann neben der Integration von Geist und Natur darin, diese Geschlechter-Gegensätze wiederum in und aus dem Spiel heraus so zu reintegrieren, dass das ursprüngliche Zumal ihrer Auseinanderlegung und Integration – nun aber, anders und im Unterschied zum Zeitalter der Naivität, bei voller Selbstaufmerksamkeit auf diese und Selbstbewusstheit dieser Auseinanderlegung und Integration – wiederhergestellt ist. Die Selbstorganisation, die sich im Spiel des Aion als Inbegriff der Wirklichkeit des Universums selbst organisiert, legt sich in die Gegensätze der Repulsions- (Einbildungskraft) und Attraktionskraft (Verstand) auseinander, um zusammenwirkend im Zumal von spielerischer Auseinanderlegung und Integration diese Wirklichkeit zu organisieren (vgl. Abs. IV). Sie legt sich zur Schaffung der Wirklichkeit in Gegensätze auseinander, die jeweils sich selbst entfalten und zwischen denen es zu einer Leben-erzeugenden Spannung kommt, die mit der Geburt eines Dritten aus der spielerischen Integration dieser Gegensätze sich wieder aufhebt (usw.).184 Das Spiel des Menschen – aus dessen Implikationen wir im Folgenden 184 Dieses Dritte kann wie im Falle einer Integration eines heterosexuellen Gegensatzes in der Paarung ein Kind sein, drückt sich bspw. aber auch im Miteinander von Menschen gleich 148 die den Menschen betreffende Natur- und Kulturgeschichte unter Aufnahme der Dialektik Schillers ableiten wollen – ist Teil der Sphäre des Spiels des Ökosystems Erde bzw. der Organik. Dieses Spiel des Ökosystems Erde, das selbst Variation des Spiels des Aions auf einer höheren Übersummations-Ebene ist und sich damit durch die Auseinanderlegung und Integration von Repulsions- (Einbildungskraft) und Attraktionskraft (Verstand) organisiert, legt sich im Menschen (und vieler anderer Tier-Arten) als Variation ihres Spiels zusätzlich in unterschiedliche Gegensätze einer Vielzahl von Geschlechtern auseinander. Diese Gegensätze einer Vielzahl von Geschlechtern wiederum sind in Formen unterschiedlicher Sexualität im Miteinander unterschiedlicher Geschlechter und in der Ganzheits-Kompensation durch die „unbewusste“ Repräsentation des zur einseitigen Ausbildung eines Geschlechts Verdrängten im Organismus des Individuums immer schon integriert. Die Selbstorganisation schafft in ihrer unendlichen Produktivität bei der Hervorbringung der organischen Wirklichkeit nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher Arten, sondern bringt darüberhinaus innerhalb einer Art eine Vielzahl von Geschlechtern in immer neuen Gegensatz-Kombinationen und unterschiedlichen Individuen, die je unterschiedliche Seiten dieser Gegensätze verkörpern, hervor. Die Selbstorganisation verfolgt dabei kein Ziel: Im Sinne der Evolutionstheorie entwirft die Selbstorganisation im Sinne der Mutation immer neue Arten und Individuen einer Art, die dann innerhalb der durch sie geschaffenen Wirklichkeit ums Überleben kämpfen und durch die dort herrschenden Bedingungen unter einen Selektionsdruck geraten, der die jeweils angepasstesten und fittesten Arten und Individuen überleben lässt. Ohne tiefere Intention einzig aus der unendlichen Produktivität der Selbstorganisation folgend, macht die Schaffung von Vielfalt und Diversifikation für das Ökosystem als Ganzem indirekt durchaus Sinn: Die Stabilität des Ökosystems bemißt sich nämlich an dieser Diversifikation und Vielfalt seiner Arten und der Individuen seiner Arten, insofern diese Vielfalt hilft, die Anpassungsfähigkeit des Ökosystems als Ganzem angesichts unvorhergesehener Außeneinflüsse oder interner Irritationen zu stärken und das durch sie bedingte Sterben einzelner Arten und Individuen aus sich heraus zu kompensieren und so seine Stabilität als Ganzes zu wahren. Die Selbstorganisation schafft in diesem Sinne nicht nur männliche und weibliche Individuen der menschlichen Gattung, sondern auch Zwitter mit männlichen und weiblichen Geschlechts-Attributen und vervielfältigt den klassischen Geschlechter-Gegensatz intern im Sinne einer – aus diesem klassischen Geschlechter-Gegensatz heraus sogenannten – Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität, Asexualität, welchen Gegensatz-Poles als das Mehr des Ganzen ihrer einzelnen Beiträge zu diesem Miteinander aus. Im Rahmen der Spiel-Philosophie meint dieses Dritte aus der spielerischen Integration der Gegensätze das Spielbewusstsein, dass sich übersummativ aus dem Zusammenwirken von Einbildungskraft und Verstand ergibt. 149 usw..185 Das durch die Selbstorganisation hervorgebrachte Feld der Sexualität, weit davon entfernt, sich dem binären, heterosexuellen Denken des Menschen im Zeitalter der Sentimentalität zu fügen, zeichnet sich – so zumindest unsere Grundannahme186 - ganz im Gegenteil durch eine von diesem Denken her kaum zu erfassende Vielfalt und Diversifikation aus, die – wie wir angesichts unserer Gedanken zur Stabilität des Ökosystems als Ganzem festgestellt haben – den Reichtum und die Überlebensfähigkeit dieses Ökosystems ausmacht.187 Der Mensch verbleibt bei allen Transformationen im Zuge der Natur- und Kulturgeschichte immer und grundlegend im Hermaphroditismus des Aion, das die Wirklichkeit des Universums in seinem und durch sein Spiel hervorbringt, insofern das Spiel des Menschen – auch unter Abschattung und Verdrängung gewisser Anteile und einer Herausarbeitung gewisser, anderer Anteile, die eine Spezifizierung seiner Geschlechtlichkeit bedingen – eine Variation seines Spiels ist. Die Ganzheit des Hermaphroditismus bleibt trotz der Geschlechter-Auseinanderlegung dadurch gewahrt, dass diese Anteile nicht etwa verloren, sondern im „Unbewussten“ des Organismus des Menschen kompensatorisch bewahrt bleiben und - auch wenn sie für ihn potentiell verloren sein können - so an sich doch einer möglichen Integration im Sinne einer Integration seiner Ganzheit harren. Schillers Zeitalter der Naivität aus dem Spiel heraus zu entschlüsseln bereitet nun kein Problem, insofern man den Menschen im Zeitalter der Naivität als einen noch nicht selbstbewussten und im Spiel der Vermögen aufgehenden Menschen ver- 185 Die Selbstorganisation mag zwar nur Individuen mit biologisch männlichen, weiblichen oder zwitterhaften Merkmalen hervorbringen, hat aber mit ihrer ihr einzuräumenden Möglichkeit, das Begehren homo-, bi-, trans- oder asexuell zu organisieren, die Option, das Feld des Sexuellen tiefer zu diversivizieren. 186 Die Annahme, dass die Geschlechts-Orientierung eines Menschen angeboren sein kann, schließt nicht aus, dass sie nicht auch sozialisationsbedingt auf Grundlage einer von Natur aus anderen Geschlechts-Orientierung sich wandeln kann. Beides – unseres Wissens in der Forschung ungeklärt - ist mit unserem Ansatz vereinbar. 187 Im Sinne eines schlechten Biologismus könnte jetzt eingewandt werden, dass nur die zeugungsfähigen männlichen und weiblichen Individuen einer Gattung den Reichtum und die Überlebenschancen der Gattung erhöhen, insofern nur sie fortpflanzungsfähig sind. Damit ist aber erstens der Grundgedanke unserer Spiel-Philosophie unterlaufen, nach dem es gerade nicht um eine Fort- und Fortschritts-Entwicklung in der Zeit des Nacheinander ankommt, insofern diese Zeit im Spiel aufgehoben ist und die unterschiedlichen Gegensätze darin zugleich auseinandergelegt und integriert sind, diese Ewigkeit des Spiels uns aber als das einzig sinnvoll zu Vertiefende erscheint. Zweitens ist – auf der Ebene des schlechten Biologismus argumentiert – überhaupt nicht ausgemacht, inwiefern die Diversifikation der Begehrensformen und Geschlechtlichkeiten nicht zur Entspannung und zum Frieden einer Gemeinschaft beitragen, die immer auch durch die Rivalität um Sexual-Partner geprägt ist und in monokausalen Formen ihrer Sexualität zu erstarren droht. 150 stehen kann, dessen phylogenetisches Stadium dem ontogenetischen Stadium der Kindheit bis heute entspricht und dessen Spielbewusstsein sich noch durch seine ungebrochene Ganzheit auszeichnet. Das Spiel des Menschen erzeugt ein die qualitativ andere Wirklichkeit der potentiell die (Selbst-) Bewusstseins- und Kultur-Sphäre eröffnendes Spielbewusstsein, das dieses sein Spiel – im kindlichen Stadium der Naivität – einzig spiegelt. Die Trennung der Kultur-Sphäre von der Natur-Sphäre hat sich damit potentiell vollzogen, stellt in diesem kindlichen Stadium der Naivität aber noch keine Entfremdung von der Natur des Spiels dar, insofern das Spielbewusstsein (Sphäre der Kultur) das Spiel (Sphäre der Natur) unverfälscht spiegelt. Der Mensch im Stadium der Naivität steht noch ganz im Spiel des Ökosystems Erde als Variation des Spiels des Aion (vgl. Abs. IV). Das Spiel des Menschen im Stadium der Naivität ist durch seine Selbstorganisiertheit, Selbstzweckhaftigkeit und Schöpferischkeit charakterisierbar, durch die er Anteil hat an der Ewigkeit, Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit des Spiels des Aion. Die Menschen im Stadium der Naivität sind wesentlich durch ihren Hermaphroditismus gekennzeichnet, d.h. dadurch, für sich in sich selbst Befriedigung zu finden: Sie gehen in der Selbstzweckhaftigkeit des Spiels selbst dann auf, wenn sie zu ihrer Bedürfnis-Befriedigung auf ihnen Äußeres angewiesen sind, insofern sie erstens noch keinen Unterschied zwischen sich und diesem Äußeren treffen und zweitens im Wunsch aufkeimende Bedürfnisse durch die Unmittelbarkeit ihrer instinktiven Bedürfniserfüllung immer schon erfüllt sind.188 Selbst in der Einheit der Lust von Zweien (d.h. seinen Eltern, die sich für sich aber auch nicht von sich unterscheiden) gezeugt und diese Einheit der Lust verkörpernd, geht das Kind noch ganz in dieser Einheit der Lust auf, insofern sich Bedürfnisse entweder unmittelbar lustvoll erfüllen oder über das – dann selbst zur Quelle der Lust werdende - Tätig-Werden zu ihrer Erfüllung sich anderweitig erfüllen oder vergessen werden. Der Orgasmus und sein Ermangeln oder Entbehren ist im Zumal und der 188 Der Hermaphroditismus der Menschen im Zeitalter der Naivität entspricht dem Hermaphroditismus des Kindes in allen Zeitaltern: Kinder zeichnen sich durch einen Hermaphroditismus im Sinne ihres Vermögens zum polymorph-perversen und autoerotischen Begehren aus. Erwachsene im Zeitalter der Naivität sind zwar qua Selbstorganisation schon auf ein spezifisches Begehren hin organisiert, verbleiben aber in diesem Hermaphroditismus des Kindes, insofern sie ihre polymorph-perverse Ansprechbarkeit auf Sinnesreize und ihren Autoerotismus im Spiel der Vermögen, in dem sie noch aufgehen, bewahren, auch wenn sich die Wahl ihrer Geschlechtspartner durchschnittlich im Sinne ihres Begehrens eingrenzt. Die Inthronisation des Selbstbewusstseins und die Aufhebung des Spiels für dieses Selbstbewusstsein erst führt dazu, dass das qua Selbstorganisation spezifizierte Begehren von diesem Selbstbewusstsein aufgenommen und in einer von ihm unternommenen, instrumentellen Aneignung des Leibes als spezifisch geschlechtlich konnotierter Körper unter Aufhebung seines Hermaphroditismus anverwandelt wird. 151 Nicht-Linearität der Zeit noch eins. Das Spiel als Inbegriff der Wirklichkeit verstehend, gibt es keine Bedürfnisse, deren Erfüllung wir anzustreben bestimmt wären, weil und insofern im Spiel der Vermögen bzw. im Spiel des Miteinander – die beide in Analogie und als Teil des Spiels des Ökosystems Erde organisiert sind – immer schon alle Bedürfnisse erfüllt sind bzw. der Mensch wie alle anderen Organismen in der Selbstzweckhaftigkeit, Selbstorganisiertheit und Schöpferischkeit seines Spiels – wie es sich in seinem Spielbewusstsein spiegelt – aufgeht. Abwesenheit von Bedürfniserfüllung aber erzeugt Unlust. Insofern unser Selbst-Sein im Zeitalter der Sentimentalität – wie wir es an uns selbst erfahren sich wesentlich durch unerfüllte Bedürfnisse und Unlust auszeichnet, so lässt sich über das Stadium der Naivität – in dem es diese Schwierigkeiten noch nicht gab – positiv bzw. ex negativo sagen, dass es durch die Einheit der Lust gekennzeichnet gewesen sein müsste. Platon hat diese Einheit der Lust bzw. diesen Hermaphroditismus des Menschen im Stadium der Naivität dementsprechend im Bild des „Kugelmenschen“ gefasst, der zur Strafe für seine Hybris der Selbst-Inthronisation im Zuge seiner sentimentalen Selbstbewusst-Werdung durch Zeus in zwei geschlechtlich komplementäre Hälften zertrennt wird, die sich – seine Einheit der Lust gleichsam aufspaltend – wechselseitig begehren (vgl. Symposion 1994b, S.62f.). Dieser „Kugelmensch“-Mythos Platons – von ihm wahrscheinlich aus ältesten Mythen rekonstruiert - ist nicht nur Zeugnis dessen, dass mit der Selbst- Inthronisation des Menschen das sexuelle Begehren, d.h. das sexuelle Begehren als Grundcharakter der menschlichen Bedürfnis-Struktur, aufbricht, sondern er liefert darüberhinaus die Grund-Matrix der Heterosexualität in Form sich wechselseitig komplementär ergänzender Hälften eines Geschlechter-Gegensatzes. Schillers Vorgaben zur Charakteristik und Analyse des Selbstseins des Menschen im Zeitalter der Sentimentalität erschöpfen sich in den Annahmen, dass das Spiel der Vermögen erstens – wiewohl es den Organismus des Menschen an sich weiterhin organisiert – für ihn aufgehoben ist. Mit Schiller lässt sich zweitens erklären, inwiefern diese Aufhebung des Spiels einer Umkehr der Leit-Rolle der beiden Spielvermögen von Einbildungskraft und Verstand geschuldet ist, nach der die ehemals das Spiel inszenierende, rhythmisierende und organisierende Einbildungskraft nun dem Verstand untergeordnet ist. Außerdem macht Schiller drittens deutlich, dass dieser Instrumentalisierung des Verstandes die Geburt des Selbstbewusstseins wie in eins damit aber auch dessen Selbst- und Naturentfremdung, d.h. die durch seine Inthronisation verschuldete Aufhebung des Spiels, der Verlust der Ganzheit und wesentlich das Aufbrechen der Bedürfnisse, zu verdanken ist. Das Selbstbewusstsein entpuppt sich dabei aus dem Spielbewusstsein, das im Spiel der Vermögen qua Übersummation entstanden die Grundlage aller folgenden (Selbst-)Bewusstseins-Formationen darstellt, indem und insofern es in- 152 strumentell angeeignet und als Angeeignetes zum Selbstbewusstsein wird. Die Bedürfnisse sind Produkt der Selbstabspaltung des Selbstbewusstseins vom Spiel, in dem sich ihr Erfüllt-Sein mittels der im Spiel wirkenden Selbstorganisation immer schon erfüllt hat und die allererst mit der Aufhebung des Spiels aufbrechen, insofern sie nun als Erfordernisse zur Selbstorganisation des Organismus von diesem an das von ihm abgespaltene Selbstbewusstsein äußerlich herangetragen werden. Als ursprünglich integrierte und sich ganzheitlich verwirklichende und befriedigende Bedürfnisse des Organismus werden sie durch die Selbstabspaltung des Geistes zum Anderen seiner selbst, d.h. zum Ausdruck seiner leiblich-körperlichen Wirklichkeit, die ihn umtreibt und ihn bei allen seinen Versuchen zur Herrschaft über ihr Drängen in ihren Dienst zwingt. Im Spiel sich immer schon von sich aus unmittelbar instinktiv erfüllend, muss der Geist nun – wo er mit seiner Selbstinthronisation ihre unmittelbare Selbst-Erfüllung aufgehoben hat – ihre Erfüllung mit seinen Mitteln, und d.h. instrumentell, versuchen zu erreichen. Die Selbstinthronisation des menschlichen Selbstbewusstseins bzw. die Aufhebung des Spiels für den betreffenden Menschen bedingen aber nicht nur eine Selbst- und Naturentfremdung als eine Entfremdung von der mit dieser und durch diese Inthronisation als das Andere des Geistes sich erschaffenden Natur, sondern sie impliziert die Kristallisation einer Ordnung der Wirklichkeit gemäß der Matrix der Heterosexualität, nach der sich die mit der Spiel-Aufhebung aufbrechenden Bedürfnisse entlang sich wechselseitig begehrender Geschlechter ordnen. Die Selbst- und Naturentfremdung und die Kristallisation der Natur als das Andere des Geistes als Folge der Selbstinthronisation des Selbstbewusstseins ist mit Schiller transparent zu machen; fraglich bleibt, wie und warum das Feld der Bedürfnisse, die damit aufgebrochen sind, sich einer Ordnung der Wirklichkeit entlang des dazu sich entwickelnden Gegensatzes der Geschlechter unterwirft. Während die Natur als das Andere des Geistes sich folgerichtig aus der Selbstinthronisation des Geistes der Instrumentalität als instrumentell durch eben diesen Geist zu bearbeitendes Substrat und zu beherrschendes Numinoses ex negativo ergibt, bleibt unklar, warum die Bedürfnisse, die diesen instrumentellen Geist zum Zweck ihrer Befriedigung einspannen, sich – wie Platon suggeriert wesentlich als sexuelles Begehren zwischen gegengeschlechtlich und sich komplementär ergänzenden Menschen entwickeln und ordnen? Die Selbstinthronisation des Selbstbewusstseins des Menschen im Zeitalter der Sentimentalität geht – wie wir feststellten – mit einer Aufhebung des Spiels für dieses Selbstbewusstsein einher. Mit dieser Aufhebung des Spiels verlieren sich für dieses Selbstbewusstsein aber auch die Qualitäten des Spiels, denen der Mensch im Zeitalter der Naivität noch inne war: Die Selbstorganisiertheit des Spiels verkehrt sich für das von ihm entfremdete Selbstbewusstsein in das Be- 153 dürfnis nach Selbsterhaltung, die Selbstzweckhaftigkeit des Spiels in das Bedürfnis nach Angst-Freiheit (insofern durch die Aufhebung der Selbstzweckhaftigkeit die Selbstinfragestellung und das Durch-die-Natur-als-das-Andere-seiner-selbst- Infragegestellt-Sein und damit die Angst entsteht), die Schöpferischkeit des Spiels in das sexuelle Begehren und die Anteilnahme an der Ewigkeit und Unsterblichkeit des Spiels des Aion in die Zeitlichkeit und Sterblichkeit des Menschen bzw. in dessen Bedürfnis nach Unsterblichkeit. Ihre Bedürfnisse zwingen die Menschen zur Kooperation und zum Miteinander, insofern dieses Miteinander ihre Erfüllung einzig zu ermöglichen in Aussicht stellt. Die Matrix der Heterosexualität und die Familie als ihr Produkt nun stellt die Gemeinschafts-Organisation dar, die die bestmögliche Erfüllung aller Bedürfnisse zu gewähren verspricht, die mit der Aufhebung des Spiels aufgebrochen sind189: Die Erfülltheit aller Bedürfnisse findet ihr Symbol im gemeinsam gezeugten Kind, das symbolisch als Inbegriff des Hermaphroditismus nicht zuletzt auch eine Wieder-Verkörperung des verdrängten Spiels, in dem alle Bedürfnisse immer schon erfüllt waren, darstellt. Die sexuelle Befriedigung zwischen Mann und Frau dauerhaft und d.h. auch noch nach dem Orgasmus symbolisierend, stellt es ein Zeichen ihrer Möglichkeit dar. Als Menschen, die ihren Eltern emotional verbunden sind, helfen die herangewachsenen Kinder, die Bedürfnisse nach Selbsterhalt (bspw. in der gemeinsamen Nahrungs-Sicherung) und Angst-Freiheit (bspw. im gemeinsamen, wechselseitigen Schutz, den sie einander gewähren) zu sichern. Angesichts der jeeigenen Sterblichkeit erhält die Möglichkeit zur Zeugung eines Kindes und mit ihm das hetero-sexuelle Bedürfnis einen besonderen Stellenwert, weil im Kind und den Kindeskindern usw. das grundlegenste Bedürfnis nach Unsterblichkeit (als Inbegriff aller drei genannten, zentralen Bedürfnisse190) als er- 189 Soll die Bedürfnisbefriedigung – wo das Bedürfnis ursprünglich eine Bedürfnis-Spannung und damit eine Anspannung des Organismus bedeutet – die Form einer Entspannung des Organismus annehmen und damit den Organismus wieder erstarken lassen und rehabilitieren und nicht nur einem „Almosen“ „gleich(t)(en)“, „das dem Bettler zugeworfen, sein Leben heute fristet, um seine Quaal auf Morgen zu verlängern“ (Schopenhauer 1997, §38, S.295), so stellt die wahrhafte Bedürfnisbefriedigung eine für die Dauer der Bedürfnisbefriedigung gewährte Rückkehr ins Spiel dar. Die Lust der Bedürfnis-Erfüllung, die der Mensch im Zeitalter der Sentimentalität instrumentell anstrebt, ist paradoxerweise gerade die, die er mit seiner Selbstinthronisation sich verbaut hat: nämlich eine für die Dauer der Bedürfnisbefriedigung gewährte Rückkehr ins Spiel. Insofern dies aber ein Selbstvergessen bzw. eine Selbstaufhebung des Selbstbewusstseins voraussetzt, an das es sich als seine einzige Wirklichkeit klammert, findet diese Form der Entspannung nicht statt, so dass das Leiden am Mangel sich fortschreibt und immer neue Blüten hilfloser Versuche seiner Kompensation treibt. 190 Nietzsche wusste, dass „alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Das trunkne Lied, 1960e, S.585), in der der naive Mensch im Spiel in seiner Mimesis des Spiels des Aion noch aufging. Die Selbstaufhebung des Spiels bedeutet einen Verlust dieser im Spiel 154 füllt phantasiert wird, indem sich das Bedürfnis nach der eigenen Unsterblichkeit in das Bedürfnis nach der Unsterblichkeit der Gattung, die mit der Zeugung des Kindes fortgeschrieben wird, transformiert. Diese Bedürfniserfüllungs-Konstellation macht aus Zwittern oder Homosexuellen, usw. nicht zwangsläufig Heterosexuelle, aber sie sorgt dafür, dass sich die Heterosexualität als kulturell- dominierendes Muster geschichtlich durchsetzt.191 Die Matrix der Heterosexualität stellt also die bestmögliche Bedürfnis-Befriedigung unter dem Zeichen der Aufhebung des Spiels infolge der Selbstinthronisation des Geistes in Aussicht und setzt sich daher als solche Schritt für Schritt – den Raum des Miteinanders organisierend – durch. Die Selbstorganisation – die unserer Interpretation nach die allem zugrundeliegende Wirklichkeit des Spiels organisiert - wirkt darin in Form des Movens der entfremdeten Bedürfnisse, die jeden einzelnen Menschen bedrängen, letztlich auf Integration der Gegensätze drängen, solange diese Integration aber nicht vollzogen ist sich aber bestmöglich innerhalb dieser Matrix befriedigen. Die Selbstorganisation als Organisator und Stabilisator der Wirklichkeit wird dabei für das Selbstbewusstsein, das sich für sich von ihr abgespalten hat, Schritt für Schritt durch die Organisations-Kraft der Matrix kompensiert, insofern innerhalb ihres Gefüges die Bedürfnisse, die blind rumoren, in eine ihnen Befriedigung versprechende Ordnung gezwungen werden. Die Matrix ist selbst nicht Produkt der Selbstorganisation, sondern ergibt sich als Determination der Kultur-Sphäre aus dem Zusammenwirken der Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen, die im Zuge der Selbstinthronisation aufgebrochen sind und in denen die Selbstorganiation – von sich aus an sich auf Integration der Ganzheit zugängliche Ewigkeit bzw. Unsterblichkeit, was sich auch darin spiegelt, dass der Mensch sich mit seiner Selbstbewusst-Werdung seiner eignenen Sterblichkeit bewusst wird. Mit der Aufhebung des Spiels wird der Mangel der Nicht-Erfülltheit seiner Bedürfnisse für den Menschen konstitutiv. Seinen zentralen Bedürfnisse nach Selbsterhalt, Angst-Freiheit und Sexualität ist dabei jeweils zueigen, dass in ihnen und durch sie hindurch jeweils die Ewigkeit der Lust ihrer Erfüllung gesucht wird, womit das Streben nach Unsterblichkeit zu einem gemeinsamen, alle Grundbedürfnisse überspannenden Charakteristikum des Bedürfnis- Haushalts des Menschen wird. 191 Das geschichtliche Sich-Durchsetzen der Heterosexualität als kulturell-dominierendes Muster geschieht auf Grundlage der beschriebenen Bedürfniskonstellation mehrgleisig: So verschafft die den Heterosexuellen gegebene Möglichkeit zur bestmöglichen Bedürfnis- Erfüllung über die Zeugung von Nachkommen und der Familienbildung langfristig einerseits mehr gesellschaftliche Macht, Einfluss und damit Vorbildfunktion, wie sie andererseits die indirekte Weitergabe des Musters ihrer Heterosexualität über die Erziehung und Sozialisation der Kinder ermöglicht. Außerdem werden Menschen, die in ihrer durch die Selbstorganisation bewirkten Sexualität nicht eindeutig geprägt sind, auf Grundlage der beschriebenen Bedürfniskonstellation und des Sex-Dispositivs in die verstärkte Selbstzurichtung im Sinne der Heterosexualität gedrängt. 155 im Einzelnen und in der Gemeinschaft zielend - selbstentfremdet fortwirkt. Die Matrix der Heterosexualität ist aber auch keine willkürliche Konstruktion des Menschen, sondern entsteht mit Notwendigkeit als sekundäres Produkt einer Bedürfniskonstellation, in der sich die Selbstorganisation ausspricht, die sie also indirekt, d.h. vermittelt über das freie Zusammenwirken von unterschiedlichen, jeweils von ihr bedingten Bedürfnissen der Menschen einer Gemeinschaft, konstelliert. Die aus der Selbstinthronisation des Selbstbewusstseins folgende Matrix der Heterosexualität bleibt zwar solange unbewusst, wie die Rolle des Mannes bei der Zeugung von Kindern noch nicht bekannt ist. Nichtsdestotrotz ist sie als Matrix schon archetypisch vorgeprägt, insofern sie sich mit Notwendigkeit aus der Spiel-Wirklichkeit und ihrer Aufhebung für den trotzdem weiterhin durch sie bedingten Menschen ergibt und als solche im Laufe der Geschichte herauskristallisieren wird und herauskristallisiert hat. Die Bedürfniskonstellationen aller Menschen und der Drang nach ihrer Befriedigung wirken untergründig auf diese heterosexuelle Ordnung hin, insofern durch die aus der Selbstinthronisation des Selbstbewusstseins und der Abspaltung der Natur als dem Anderen des Geistes folgenden Sexualisierung des Menschen (d.h. der Verwandlung der Selbstorganisationskraft in sexuelle Libido192) die Geschlechtlichkeit bewusst und sich um sie 192 Die Sexualisierung des Menschen und damit die oben angesprochene Zentral-Stellung des sexuellen Bedürfnisses in der Bedürfnis-Struktur des Menschen aber ergibt sich aus Folgendem: Die Selbstorganisationskraft bzw. Einbildungskraft, ursprünglich mit der Fähigkeit zur fortschreitenden, ganzheitlichen Synthese des Wirklichen begabt, zu der der Verstand im Spiel ihres Zusammenwirkens die Strukturierungsgrundlage gibt und die synthetisierte Gestalt als solche erst durch seine Begrenzung der ins Unendliche fortlaufenden Synthesis ermöglicht, wird infolge der instrumentellen Aneignung des Verstandes im Zuge der Selbstinthronisation des Geistes zu eben dieser unstrukturierten und unbegrenzten Kraft, als die sie im Sinne des Anderen dieses Geistes als sexuelle Libido bei Freud angesprochen ist. Die Zentralstellung des sexuellen Begehrens unter den Trieb- und Bedürfnis-Formen – von der Freud angesichts des Menschen im Zeitalter der Sentimentalität zurecht ausgeht - folgt dabei u.a. indirekt und untergründig wirksam daraus, dass das sexuelle Begehren innerhalb der Matrix der Heterosexualität, die sich zur bestmöglichen Befriedigung aller Bedürfnisse einstellt, das zentrale, zwischen den Menschen vermittelnde und die Gemeinschaft der Menschen organisierende Moment darstellt. Die Sexualität stellt das Zentral-Bedürfnis auch deshalb dar, weil in ihr sich die beiden anderen Bedürfnisse nach Selbsterhaltung und Angstfreiheit mit erfüllen, insofern man im Sexuellen sich neu mit erschafft und damit erhält und in der Synthese des Sexuellen die Isolation als Quelle der Angst sich aufhebt. Au- ßerdem gewährt der leibliche, sexuelle Orgasmus ein Selbstvergessen, das in sich gerade das Selbstbewusstsein aufhebt, dessen Selbstinthronisation das Aufbrechen der Bedürfnis- Struktur des Menschen und damit das Elend des Mangels an der ursprünglich im Spiel sichergestellten Selbstorganisiertheit (Bedürfnis nach Selbsterhaltung), Schöpferischkeit (Bedürfnis nach Sexualität) und Selbstzweckhaftigkeit (Bedürfnis nach Angst-Freiheit) zu verdanken ist. Eine Sonderstellung unter den genannten drei Bedürfnissen kommt der Sexualität darüber hinaus aus folgendem Grund zu: Während dem Bedürfnis nach Selbsterhaltung nachgegangen wird, um satt zu sein, dem Bedürfnis nach Angst-Freiheit, um sicher zu sein, 156 zentriert wird, die Rollen in der Gemeinschaft ihr gemäß verteilt werden und die heterosexuelle Trieb-Befriedigung dadurch, dass aus ihr, wenn auch für die Menschen noch unerklärlich, ein Kind folgt, die vollere Befriedigung des gesamten Triebhaushaltes ermöglicht. Die Entwicklung des heterosexuellen Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses im Zeitalter der Sentimentalität verläuft dabei über eine zur sich verstärkenden Selbstbewusstseins-Inthronisation komplementär sich verstärkenden Vertiefung der Bedürfnisse, die wiederum zu ihrer bestmöglichen Befriedigung die Kristallisation um das heterosexuelle Begehren und die verstärkte Ausarbeitung des heterosexuellen Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses zur Folge hat. Die Selbstinthronisation verstärkt die Sehnsucht nach sexueller Befriedigung, die Angst und die Sorge um den Selbsterhalt, die allesamt in der Lust der Befriedigung des heterosexuellen Begehrens kompensiert werden müssen, zu deren Zweck und in deren Sinne die Wirklichkeit verstärkt gemäß der Sexualität als zentralem Begehren und gemäß der Matrix der Heterosexualität als unter dieser Form der Bedürfnis- Konstellation optimalen Form ihres Auslebens herrschaftlich unterteilt, zugerichtet und sortiert werden muss. Die Zentrierung der Bedürfnisse jedes Individuums um sein sexuelles Begehren als heterosexuellem Begehren organisiert untergründig das Miteinander der Menschen, das als solcherart heterosexuell Sich-Organisierendes wiederum auf eine dem Individuum selbst verborgene Art und Weise – dieses heterosexuelle Begehren verstärkend und das Individuum auf es verpflichtend – als soziale Wirkmacht determinierend zurückwirkt. Dieser Sex-Dispositiv – wie wir diese aus dem Geist der Instrumentalität infolge der Inthronisation des Selbstbewusstseins erwachte, soziale und normierende Wirkmacht in Anlehnung an Foucault193 nennen wollen – konstelliert, neben dem Impuls, den das durchschnittliche Individuum dazu aus seiner Bedürfnis-Struktur selbst erhält, eben nicht nur das Feld des Bedürfnisse jedes Individuums, sondern organisiert auch das Miteinander der Menschen im Sinne der Matrix der Heterosexualität.194 Wähverfolgt das Bedürfnis nach Sexualität keinen direkt einsichtigen Zweck, deretwillen ihm nachgegangen wird. Ihm scheint es – tiefer als in den anderen Bedürfnissen, die einen klaren Zweck verfolgen (Nahrungsaufnahme zur Selbsterhaltung, Sicherungsmaßnahmen zur Angstfreiheit) - um die Befriedigung selbst zu gehen, zumal es sich auch unabhängig von seinem biologischen Zweck der Fortpflanzung (der den Frühmenschen in seiner Gebundenheit an die Zeugung in der Sexualität zudem unbekannt war) einstellt. In der relativen Selbstzweckhaftigkeit der Sexualität spüren die Menschen etwas von der Selbstzweckhaftigkeit des Spiels, das sie für sich aufgehoben haben, das für sie aber als tiefere und befriedigende Wirklichkeit unterhalb ihres Selbstverständnisses erahnbar wird. 193 Vgl. Foucault: Das Dispositiv der Sexualität – in: Foucault 2012, S.77- 128. 194 Foucaults Sexdispositiv verstehen wir dabei als normierende, soziale Wirkmacht, die zusätzlich zur Determination des Miteinanders der Menschen durch die Matrix der Heterose- 157 rend die Bedingungen zur bestmöglichen Befriedigung aller Bedürfnisse und der Sex-Dispositiv das Bedürfnis-Feld der Menschen als Individuen und als Gruppe untergründig ordnet und Funktionen verteilt, kommt es an der Oberfläche des gemeinschaftlichen Geschehens zu ihm entsprechenden Zuordnungen bzw. – um es genauer zu sagen – hebt sich durch ihn untergründig bewirkt aus den Formen naiver, instinktiver Gemeinschafts-Organisation zunehmend eine heterosexuelle Ordnung heraus. Die Gemeinschaft der instinktiv verkoppelten und organisierten, naiven Menschen, in der es schon durchaus eine geschlechtsspezifische Aufgaben-Verteilung und Zuständigkeits-Zuordnung gegeben haben mag, in der die Geschlechtlichkeit des jeweiligen Menschen als Geschlechtlichkeit für ihn aber keine Rolle gespielt hat, weil sie als solche unbewusst und nicht ausgebildet war, differenziert sich nun entlang eben dieser im Zuge der Inthronisation des Selbstbewusstseins, der Bedingungen zur bestmöglichen Befriedigung aller Bedürfnisse und des Sex-Dispositivs sich ausbildenden Geschlechtlichkeit: Den Frauen wird entsprechend ihrer sexuell-geschlechtlichen Rolle als Menstruierenden, Schwangeren, Gebärenden und Stillenden die Herrschaft über den Innenraum der Gemeinschafts-Behausung zuteil (an den sie durch ihre Mutterschaft und die Versorgung der Kinder gebunden sind), während die Männer in Abgrenzung dazu die Herrschaft über den Außenraum, d.h. die Aufgaben des Jagens und Sammelns, übertragen bekommen.195 Die Kinder wachsen dementsprechend in zunehmend im Sinne der Matrix der Heterosexualität organisierten Familien auf, in denen die Frauen in ihrer sexuell-geschlechtlichen Rolle als Mütter ihre ersten Bezugspersonen bilden, während die Männer in der Rolle als Väter die Dyade zwischen Mutter und Kind hin zur Triade der Familie und später der Außenwelt öffnen, so dass beide je geschlechtsspezifizierte Aufgaben in der Erziehung und geschlechtsspezifizierte Rollen in der Sozialisation der Kinder übernehmen. Zentral für die innere Entwicklung des Zeitalters der Sentimentalität ist, dass die Sexualisierung der Menschen unter dem Regime der Matrix der Heterosexualität und des Sex-Dispositivs zur spezifischen Differenzierung und Ausbildung unterschiedlicher, geschlechtsspezifischer Arten der Schöpferischkeit führt: Die gexualität als Folge der durch sie gewährten, bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung die Sexualität der Menschen im Sinne dieser Matrix ordnet. 195 Vgl. Dux 1997, S.438: „Die Machtverfassung“, die „sich historisch als Grund für die Ungleichheit zwischen Mann und Frau erwiesen hat“, „hat sich in aller Geschichte durch eine Innen-Außen-Dimensionierung der Geschlechterrollen gebildet. Die Ausbildung dieser Machtverfassung hatte ihren Grund in Bedingungen der gesellschaftlichen Organisation, die sich naturwüchsig bildeten, und die für niemanden verfügbar waren.“ 158 schlechtsspezifische Aufgaben-Verteilung betreffs des Innenraums der Gemeinschaft und des Außenraums ihrer (unbekannten) Umwelt und der geschlechtsspezifische Anteil an der Zeugung, Geburt und Aufzucht der Kinder führt zur Ausbildung zweier unterschiedlicher Formen der Instrumentalisierung des Verstandes, der vorher noch als Verstand in seiner Einheit von Grenz- und Strukturvermögen im Zuge der Inthronisation des Selbstbewusstseins vereinnahmt wurde. Die Einheit des Verstandes aus Grenz- und Strukturvermögen verlor sich im Regime der Matrix der Heterosexualität für die Frauen zugunsten der einseitigen Ausbildung des daher von uns sogenannten matriarchalen Grenzvermögens, während sie sich für die Männer zugunsten der einseitigen Ausbildung des patriarchalen Strukturvermögens aufhob. Die Aufgabe der Herrschaft über den Innenraum, die der Frau zufiel, war zuallererst auf die Wahrnehmung, Bewahrung und Verteidigung der Grenze dieses Raumes und auf die Organisation dieses Innenraums und die Fähigkeit zur Eingemeindung und Verdauung von Äußerem in diesem Innenraum angewiesen. Die Frauen bildeten daher einseitig ihr matriarchales Grenzvermögen unter Verlust des Strukturvermögens aus. Die Aufgabe der Herrschaft über den Außenraum, die dem Mann zufiel, war dagegen zuallererst auf die Entwicklung, Ausbreitung und Entfaltung einer Struktur der Orientierung von der Gemeinschafts-Behausung als Zentrum in die unbekannte Umwelt hinein angewiesen, die er sich in Bezug auf dieses Zentrum erschloss, d.h. die er als Chaos in Bezug auf dieses Zentrum kosmisierte. Die Männer bildeten daher einseitig ihr patriarchales Strukturvermögen unter Verlust des Grenzvermögens aus. Während die Aufgabe der Herrschaft über den Innenraum bzw. im Gegensatz dazu die Aufgabe der Herrschaft über den Außenraum unterschiedliche Rationalitäten erforderte, war es der geschlechtsspezifische Anteil an der Zeugung, Geburt und Aufzucht der Kinder, die die Attribute und Symbole lieferte, entlang der sich die unterschiedlichen, geschlechtsspezifischen Rationalitäten über sich selbst verständigten und zum immer schärferen und sich selbst transparenteren Werkzeug zur Herrschaft über die Um- und Mitwelt ausbildeten. Die schlichte Tatsache, dass die Rolle des Mannes bei der Zeugung von Kindern geschichtlich erst spät erkannt und die Zeugungsfähigkeit allein der Frau zugesprochen wurde, entwickelte sich vor dem Hintergrund der Matrix der Heterosexualität als Gleichgewicht einander ergänzender Gegensätze eine Dominanz des Weiblichen, d.h. eine Verschiebung der kulturellen Zentrierung um die Sexualität, die zuvor, darin und weiterhin untergründig organisierend wirkt, hin zur kulturellen Zentrierung um das Weibliche. Schöpferischkeit wird im Wesentlichen unter dem Paradigma weiblicher Schöpferischkeit entwickelt, ausgearbeitet und verstanden. Mit der Entdeckung des männlichen Anteils an der Zeugung von Kindern wiederum verschiebt sich die kulturelle Zentrierung um das Weibliche 159 hin zu einer kulturellen Zentrierung um das Männliche, insofern sich der Grund für die Höherstufung des Weiblichen aufgelöst hat. Angesichts einer bis dahin statthabenden Entfaltung und Entwicklung der weiblichen, der Instrumentalisierung des Grenzvermögens geschuldeten, matriarchalen Rationalität und seines Paradigmas des Schöpferischen steht nun, untergründig unterstützt durch die Selbstorganisation, die in allem auf eine Integration der mit der Inthronisation des Selbstbewusstseins verlorenen Ganzheit dringt, kompensatorisch die analoge Selbstverwirklichung der männlichen Rationalität und Schöpferischkeit an. Das Zeitalter des Matriarchats entwickelt sich demgemäß geschichtlich vor dem Zeitalter des Patriarchats, insofern sich die Gemeinschaft der Menschen zur bestmöglichen Bedürfnis-Befriedigung unter den Bedingungen ihrer Bedürfnis-Konstellation ums Kind zentriert, der Anteil des Mannes an der Zeugung erst später entdeckt wurde und – solange er nicht entdeckt war – die Frauen in ihrem Vermögen zum Gebären von Kindern die Zentralstellung innerhalb der Gemeinschaft einnahmen. Das Matriarchat ist insofern keine Frauen- sondern eine Mütterherrschaft, während sich das Patriarchat als Väterherrschaft erst mit der Entdeckung ihres Anteils an der Zeugung von Kindern entwickelte. Außerdem ist der Begriff „Matriarchat“ insofern irreführend, als es sich beim Matriarchat – anders als beim Patriarchat - weniger um eine Herrschaftsformation als vielmehr um eine Form der kulturellen Zentrierung um die Frauen als Mütter gehandelt haben muss. Das Zeitalter der Sentimentalität lässt sich deshalb intern differenzieren in ein Zeitalter des Matriarchats, in dem das matriarchale, instrumentelle Denken und die matriarchale Form der Schöpferischkeit dominiert, das von einem Zeitalter des Patriarchats, in dem instrumentelles Denken und Schöpferischkeit umgekehrt unter dem Zeichen des Männlichen stehen, abgelöst wird. Außerdem muss unser aktuelles, heutiges Selbst- und Wirklichkeitsverstehen als dritte Phase des Zeitalters der Sentimentalität ihm zugeordnet werden, die etwa um 1800 anhebt und der wir mit dem Selbstbewussten Begehren eine eigene Form des instrumentellen Selbstbewusstseins unterstellen. Wie sich der Übergang vom Zeitalter des Matriarchats zum Zeitalter des Patriarchats am Tod der weiblichen Mutter-Göttinnen als Inbegriff und Projektion matriarchaler Schöpferischkeit und der Geburt des männlichen Vater-Gottes als Inbegriff und Projektion patriarchaler Schöpferischkeit festmachen lässt, so endet das Zeitalter des Patriarchats mit dem „Tod Gottes“ und seiner Ablösung durch den „König Sex“ (Foucault 2001, S.81) bzw. den Geist des Begehrens. (Wir werden darauf – insofern wir das Paradigma des Zeitalters des Begehrens als die heute dominante Form kulturellen Selbst- und Wirklichkeitsverstehens fassen - in Form einer Kultur- und Gesellschaftskritik im Abschnitt XI zurückkommen.) Die Dominanz einer der beiden Seiten des Geschlechter-Gegensatzes, die sich jeweils im Matriarchismus bzw. Patriarchismus 160 der vorherrschenden Kultur ausdrückt, schließt nicht aus, dass sich zeitgleich auch die Kultur des Gegengeschlechts in einzelnen Individuen oder Gruppen hält.196 Insofern sowohl der Matriarchismus als auch der Patriarchismus sich als Geistes-Kulturformen ausbilden, die beide grundlegend auf der im Zuge der Inthronisation des Selbstbewusstseins stattfindenden Aufhebung und Verdrängung des Spiels für das jeweilige Selbstbewusstsein aufbauen und sich als Geist-Formen wechselseitig durchdringen können, kommt es und kann es darüberhinaus zu Mischformen beider Formen der Geistigkeit in einzelnen Individuen bzw. Gruppen kommen.197 Matriarchismus und Patriarchismus genauso wie die Begriffe von Weiblichkeit und Männlichkeit oder die Gender-Kategorien von „Frau“ und „Mann“ sind nichts anderes als Ideal-Typen bzw. Archetypen, die sich im Sinne der Matrix der Heterosexualität aufgrund der beschriebenen Wirkmechanismen zunehmend herausgebildet haben.198 196 So hat sich historisch zwar zuerst der Matriarchismus als vorherrschende Kultur aufgrund der zentralen Rolle der Frau und der unerkannten Rolle des Mannes in der Fortpflanzung der Gattung u.a. auch als Herrschafts-Form der Frauen über den Innenraum der Behausung der Gemeinschaft entwickelt. Nichtsdestotrotz war es zum Überleben der Gemeinschaft auch unabdingbar, dass der Mann in seiner zugewiesenen Rolle als Jäger und Sammler den Patriarchismus als Herrschafts-Form im und über den Außenraum kultiviert, um seinen Aufgaben nachkommen zu können. Zweifelsohne kommen Matriarchismus und Patriarchismus aber erst und nur in den historischen Phasen ihrer Vorherrschaft zur vollen Ausbildung ihrer Charakteristika und zur vollen Selbsttransparenz ihrer Form der Schöpferischkeit. 197 So wahr es zu Mischformen aus matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein kommen kann, so wahr ist es auch möglich, dass Männer und Frauen innerhalb der jeweiligen, oppositionären Herrschaft von Matriarchat und Patriarchat im Sinne von kulturellen Paradigmata ihrer selbst, d.h. ihrer oppositionären Geschlechtlichkeit und Form ihrer Geistigkeit bzw. – wie Neumann schreibt – ihrer „Eigentlichkeit“ entfremdet sein können. Diese „Eigentlichkeit“ als einer Eigenheit der jeeigenen Geschlechtlichkeit ist angesichts des allem zugrundeliegenden Hermaphroditismus des Spiels, dem sie alle wesentlicher entfremdet sind und auf das bezogen wir allererst von Selbstentfremdung sprechen, zwar nur eine oberflächlichere Form der Selbstentfremdung auf Grundlage des Selbstverstehens aus seinem jeweiligen geschlechtlich-spezifizierten Begehren und der Matrix der Heterosexualität heraus. Sie bleibt aber benennenswert, insofern sie zu entwickeln eine Voraussetzung der Integration beider Seiten des Geschlechter-Gegensatzes im Selbstverhältnis der Medialität darstellt, weil nur das in Selbstbewusstheit in seinem Integrationsprozess wahrgenommen werden kann, was selbst jeweils transparent ist. Die Integration des Geschlechter- Gegensatzes setzt seine Auseinanderlegung voraus. 198 Die Annahme von zwei Selbstbewusstseins-Formationen und Formen der Schöpferischkeit und des Denkens, d.h. von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein, heißt nicht, dass es nicht auch andere Selbstbewusstseins-Formationen und Denkformen geben könnte, wie sie sich aus einer Nicht-Heterosexuellen-Orientierung heraus durch eine je spezifische Anverwandlung der Spielvermögen (bspw. als Mischformen aus den zwei genannten Formationen, als Wechsel zwischen den zwei genannten Formationen oder als eine dritte, usw. 161 Die Matrix der Heterosexualität – und das ist entscheidend - ist zwar das Organisations-Muster, das sich im Zuge der Selbstinthronisation des Geistes, der Aufhebung des Spiels und des Aufbrechens der Bedürfnisse mit Notwendigkeit ergibt und nach dem sich die Gemeinschaft organisiert: Das heißt aber nicht, dass sie das Individuum notwendig in seiner Sexualität bzw. seinem Selbstbewusstsein bestimmt. Der Mensch ist als Hermaphrodit geboren und die Ganzheit seines Hermaphroditismus, wie sie in der Selbstorganisation im Spiel immer wieder neu erzeugt wird, bleibt die tiefste und höchstens vom und für das Selbstbewusstsein verdrängbare Wirklichkeit seines Selbstseins. Zwar sucht er als Hermaphrodit unter dem Druck seiner Bedürfnisse die bestmögliche Form ihrer allseitigen Befriedigung und steht zusätzlich unter dem Einfluss des Sexdispositivs als normierender, sozialer Wirkmacht, was ihn zunehmend tendenziell in das Schema der heterosexuellen Bedürfnis-Befriedigung drängt. Nichtsdestotrotz ist und bleibt ihm unter den Bedingungen begrenzter und meist nicht bestmöglicher Bedürfnis- Befriedigungs-Möglichkeiten bzw. unter dem Druck eines nicht-heterosexuellen Begehrens frei, ob er ihr nicht unabhängig von diesem Schema bzw. auch oder nur entgegen dieses Schemas nachgeht. Die Matrix der Heterosexualität existiert nur überindividuell und im Sinne einer mehrheitlichen Wirkung auf den Durchschnitt der Menschen einer Gemeinschaft als eine Art Mainstream, der sich notwendig zunehmend in der Geschichte des Zeitalters der Sentimentalität durchsetzt, nicht aber das Individuum zwangsläufig bindet. Die Selbstorganisation – so lässt sich zusammenfassend sagen - eröffnet eine biologische Vielfalt von Geschlechtern und Begehrensformen. Die so organisierten Menschen verbleiben für sich im Hermaphroditismus, auch wenn sie sich an sich durchschnittlich meist entsprechend ihrer biologischen Prägung paaren. Die Inthronisation des Selbstbewusstseins bringt eine Aufhebung des Spiels und des Hermaphroditismus und ein Aufbrechen von Bedürfnissen. Die Bedürfniskonstellation wirkt im Sinne der bestmöglichen Bedürfnis-Befriedigung auf eine heterosexuelle Ordnung hin, die sich – sich zunehmend abzeichnend – nochmal durch den Sex-Dispositiv, d.h. die normierende Wirkung des Mehrheitsverhaltens, verstärkt. Butler hat allein schon angesichts der Existenz von Zwittern recht, dass die uns unbekannte Formation) ergeben könnten, sondern nur, dass diese beiden Selbstbewusstseins-Formationen aus den genannten Gründen und Ursachen sich geschichtlich durchgesetzt haben und entfalten konnten. Die nicht-heterosexuellen Selbst- und Wirklichkeitsverständnisse wurden und werden in den durch die Matrix der Heterosexualität geprägten Menschheitskulturen marginalisiert. Die Hetero-Sexualität ist betreffs der Ausbildung ihrer Kultur außerdem dadurch priviligiert, dass aus ihr Kinder hervorgehen, denen die eigene Geschlechter-Dichotomie bzw. das matriarchale bzw. patriarchale Denken anerziehend weitergegeben werden kann, während sich nicht-heterosexuelle Kulturen in der Zeit immer neu hervorbringen müssen. 162 Biologie der Zweigeschlechtlichkeit eine Konstruktion darstellt (vgl. 1991, S.22). Die Matrix der Heterosexualität ist einerseits angesichts der uns unbekannten, unterschiedlichen sexuellen Orientierung der Menschen, die von der Selbstorganisation als unterschiedlich Begehrende hervorgebracht werden, eine soziale bzw. „kulturelle Konstruktion“ im Sinne Butlers (ebd., S.22), andererseits jedoch eine Konstruktion, die sich angesichts der Bedürfnis-Konstellation und den Bedingungen zu ihrer bestmöglichen Befriedigung mit Notwendigkeit in der Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit durchsetzt. Sie ist eine Konstruktion für das einzelne, nicht notwendig in ihrem Sinne empfindende Individuum, eine Notwendigkeit aber in ihrer Ausprägung als kulturell dominierendes Muster, das das Selbst- und Weltverstehen einer Mehrheit der Menschen199 ordnet – eine Notwendigkeit freilich, die wir integrierend annehmen, um sie so im dritten Stadium der Dialektik und d.h. im Selbstverhältnis der Medialität überwinden zu können. Die Theorie des Selbstverhältnisses der Medialität – wie wir sie hier entwickeln wollen – baut auf dieser Selbstorganisations-Geschichte der Wirklichkeit (vgl. Abs. IV) und auf dieser in ihr enthaltenen Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins auf, die unserer Interpretation nach also wesentlich vom Sich-Auseinanderlegen der Geschlechter-Gegensätze und von deren Zurichtung und Zuordnung gemäß der Matrix der Heterosexualität geprägt ist. Diese Naturund Kulturgeschichte des Selbstbewusstseins ist in ihren Anfängen in den Mythen der Menschheit aufbewahrt bzw. aus ihnen zu rekonstruieren, insofern auf ihnen als der ersten Matrix menschlichen Selbst- und Wirklichkeitsverstehens alle weiteren und auch die heutigen wissenschaftlichen Verständnisse aufbauen. „Der Mensch erkennt sich“ – um unser Vorgehen mit Dilthey zu rechtfertigen (1937, S.279) – „nur in der Geschichte, nie durch Introspektion“. Alle Zeugnisse 199 Der Geschlechtergegensatz Männlich-Weiblich ist für die meisten Menschen der zentrale Gegensatz, in den sich die Selbstorganisation der Geist-Natur-Einheit auseinanderlegt. Seine Spiegelung als Grund-Matrix unseres sozialen und kulturellen Selbst- und Wirklichkeitsverstehens findet er – wenn auch unter wechselnden Wertungen der Geschlechts-Identitäten in den frühesten Mythen der Menschheitsgeschichte bis in der sozialen Wirklichkeit der „freudschen“ Kleinfamilie. Auch wenn sich im Zuge postmoderner Veränderungen und Liberalisierungen unseres sozialen Miteinanders die „freudsche“ Kleinfamilie aufgelöst hat, so gehen wir trotzdem davon aus, dass sich auch innerhalb verwandelter Familien- Konstellationen der Geschlechtergegensatz als Grundmatrix des Verständnisses des Miteinanders geltend macht, indem die Akteure – wenn vielleicht auch in wechselnden Rollen – die Stellvertretung und Projektionsfläche des Mutter- und Vaterarchetypen für das Kind übernehmen, dessen Geschlechtsidentität sich aus dieser wie auch immer gearteten Familienkonstellation und sonstigen sozialen Einflüssen und Impulsen sozialisationsbedingt entwickelt, um auf Grundlage des von uns hier entworfenen Selbstverhältnisses der Medialität als Identität-Form aufgelöst und spielerisch und unter wechselnden Vorzeichen anverwandelt werden zu können. 163 menschlicher Selbst- und Wirklichkeitsinterpretation vom Mythos bis zur heutigen Wissenschaft sind daher als Variationen desselben Ur-Themas des Menschen zum ganzheitlichen Verstehen unserer selbst und unserer Wirklichkeit einzubeziehen. Die Matrix der Heterosexualität als zentrale Organisationsform und Wirkmacht innerhalb dieser Natur- und Kulturgeschichte spiegelt sich in den Mythen der Menschheit, aber auch in der Philosophie des Abendlandes: Platons Interpretation des Hermaphroditismus-Mythos zufolge, die als älteste Anverwandlung der Geschlechter-Problematik in der abendländischen Philosophie-Geschichte gelten kann, war es – wie oben schon angedeutet - Zeus, der den frevelnden Kugel-Menschen als Strafe für seine Hybris in den Gegensatz der beiden Geschlechter zerteilte, die von da an versuchten, durch die Liebe des Eros ihre ursprüngliche und verlorene Ganzheit wiederherzustellen (vgl. Symposion 1994b, S.62f.). Nietzsche zufolge „reicht“ „Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen (…) bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf“ (1960b, S.736). Und Schiller hat in den Ästhetischen Briefen den Traum einer Versöhnung unter dem Paradigma seiner Spiel-Philosophie mit dem Spiel-erzeugten „Muster des freien Bundes“ illustriert, der den „Streit der Naturen in seinem einfachsten und reinsten Exempel, in dem ewigen Gegensatz der Geschlechter, löst“ (1995, 27. Brief, S.125). Uns an der Interpretation der mythischen Vorgabe Platons orientierend, gehen wir von der Auseinanderlegung der Selbstorganisation in Geschlechter-Gegensätze und von ihrem Streben nach Integration dieser Gegensätze aus. Nietzsches Ansatz einer geschlechtsspezifischen Geistigkeit in unserer Selbstorganisations-Theorie aufgreifend, nach der die Selbstorganisation sich in Geschlechter-Gegensätze auseinanderlegt, die dann allerdings anders als bei Nietzsche zu neuen Integrationen streben, und Schillers Idee in unserem Selbstverhältnis der Medialität als Integration der Gegensätze zu verwirklichen trachtend, setzen wir uns im Zeitalter der Postmoderne zweifelsohne einer doppelten Gefahr aus: So darf das mediale Selbst- und Wirklichkeitsverstehen im Zuge des erforderten Rückbezugs auf seinen Ausgangspunkt im Mythos einerseits das hohe (Selbst-)Bewusstseins-, Differenzierungs-, Freiheits- und ethische Niveau des sentimentalischen, auf den Dualismus von Geist und Natur zurückgehenden und die Wirklichkeit entsprechend attribuierenden, uns bis heute prägenden Geistes der Moderne bzw. Postmoderne nicht unterlaufen, um nicht einer gefährlichen „Rückkehr zum Mythos“ (Bohrer 1983, S.7) zu verfallen.200 Andererseits sollte das Selbstverhältnis der 200 Dazu ist hier schon zu sagen: Die mediale Seinsweise erhebt sich gleichsam im Zentrum des in die Form des geschlossenen Kreises überführten, zuende gedachten Mythos, dessen bisher unintegrierten Wirkmächte, die sich sowohl ontogenetisch- individualpsychologisch als Archetypen als auch phylogenetisch- gesellschaftlich im Sinne der Dialektik der Aufklärung als mythische Zwänge auswirken, die sich frei wähnende Vernunft und Subjektivität sonst destruktiv einholen. Das verdrängte Andere der Vernunft entwickelt durch seine Verdrän- 164 Medialität den Zielpunkt der emanzipatorisch- politischen Philosophie Butlers erreichen, der uns nicht nur in der Aufhebung des „binären Rahmens“ (Butler 1991, S.8) der Menschen diskriminierenden „Zwangsheterosexualität“ (ebd., S.9) zu bestehen scheint, sondern in der Re-Integration des (polymorph-perversen und auch autoerotischen) Hermaphroditismus des Kindes und in der Freiheit des Spiels, Geschlechterrollen und Begehrens- und Zuwendungsformen spielerisch wählen zu können, gipfelt. Die offensichtlichste Gefahr unseres Ansatzes allerdings besteht in der Wesens- Zuschreibung von Eigenschaften auf Grundlage der Geschlechter-Dichotomie in Bezug auf das biologische Geschlecht, d.h. in einem Rückfall in mit der Philosophie Butlers überwunden gehoffte Zeiten des Essentialismus (Gefahr einer Re- Essentialisierung) (vgl. ebd., S.34ff.). Hierzu sind mehrere Antworten nötig: So meinen und hoffen wir, in unserer Rekonstruktion der Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins die traditionell-klassischen, asymmetrischen Zuordnungen von Attributen zu den Geschlechtern aufgebrochen und die Attribute neu, ausgewogen und gleichwertig verteilt zu haben. Die traditionell- klassische Attribution der Natur als „weiblich“ und des Geistes als „männlich“ bspw. teilen wir nicht, sondern verstehen das matriarchale wie das patriarchale Selbstbewusstsein als zwei verschiedene, aber gleichwertige und gleichgewichtige Instrumentalisierungen des Spiels der Vermögen, die beide Geistigkeit generieren und sich als solche von der Geist-Natur-Einheit entfremden. Zum möglichen Essentialismus-Vorwurf – der damit ja noch nicht ausgeräumt ist – ist dagegen folgendes zu sagen: Das binäre System der Heterosexualität – und damit stimmen wir vollständig mit Butler überein – ist für das Individuum eine soziale bzw. „kulturelle Konstruktion“ (ebd., S.22), die sich in der Kulturgeschichte der Menschheit aber mit Notwendigkeit herausgebildet und ihre Wirkmacht über jahrtausendelange Zuordnungen und Bewertungen von Phänomenen entlang der Geschlechter-Dichotomie entwickelt hat. Die „Selbstorganisation“ – deren Begriff wir von Schiller übernommen haben und die wir der Wirklichkeit zugrunde legen - ist genauso, wie es unsere Begriffe wie „Geist-Natur-Einheit“, „Selbstorganisation als Auseinanderlegung der Gegensätze zum Zweck ihrer (höheren) Integration“ und „Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins“ sind, als Interpretations-Kategorien selbst wiederum Konstrukte, mit deren Hilfe wir gung auch im Zeitalter des Begehrens als letzte, aktuell herrschende Phase des Zeitalters der Sentimentalität noch eine gefährliche Macht und dämonische Züge, denen das verdrängende, sich frei wähnende Subjekt hilflos und passiv gegenüber steht, während die Integration dieses Anderen ihm seine Gewalt nimmt und das dann allerdings verwandelte „Subjekt“ in wahre Freiheit und deren Möglichkeit zur aktiven Gestaltung der individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände einsetzt. 165 die Wirklichkeit, der wir zugehören, zu beschreiben trachten. Als Menschen, die keinen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit-an-sich haben, sind alle unsere Selbst- und Wirklichkeitsverständnisse Konstruktionen auf Grundlage von Interpretationen dieser Wirklichkeit-an-sich und als solche in ihrem Wert nur anhand ihrer Fähigkeit, uns die Wirklichkeit zu erschließen, uns zu ihr in ein Verhältnis der Passung und in ihr zur Zufriedenheit finden zu lassen, zu bemessen. Dies zu ermöglichen, erscheint es uns allerdings unumgänglich, die Matrix der Heterosexualität als zentrale Organisationsform des Zeitalters der Sentimentalität eben nicht wie Butler zu dekonstruieren, sondern sie zu rekonstruieren, um sie in einem zweiten Schritt überwinden zu können. Zentral zur Verortung unseres Ansatzes im Diskurs der Postmoderne ist, dass wir Butlers (strategische (vgl. ebd., S.22ff.)) „Unterscheidung zwischen anatomischem „Geschlecht“ (sex) und Geschlechtsidentität (gender)“ (ebd., S.22) übernehmen und unsere Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins als eine Rekonstruktion von kulturellen Phänomenen entlang des binären Systems von Geschlechtsidentitäten (gender) begreifen. Zwar wird zur Entstehungsgeschichte und zur Charakteristik des matriarchalen wie patriarchalen Selbstbewusstseins auf biologische Merkmale der Geschlechter (sex) Bezug genommen. Die Interpretation der biologischen Merkmale der Geschlechter (sex) bleibt als eine – wie wir oben feststellten – weitere Konstruktion und Interpretation einer uns unerkennbaren Wirklichkeit-an-sich der menschlichen Leiblichkeit aber genauso im Interpretations-Rahmen dieser Wirklichkeit, der keine Rückschlüsse vom (vermeintlich identifizierbaren) biologischen Geschlecht eines Individuums auf seine Geschlechtsidentität bzw. Art seiner Selbstbewusstseins-Formation oder vice versa zulässt. Das Individuum – kann es seine Freiheit von den kulturellen und sozialen Zuschreibungen für sich in Anspruch nehmen – interpretiert sich immer selbst bzw. muss – um es andersherum zu sagen – immer die Freiheit von seinen Mitmenschen zugestanden bekommen, sich selbst zu interpretieren.201 Der Mensch wird als Hermaphrodit geboren und sein Hermaphroditismus bleibt betreffs seiner Geschlechtsidentität und seiner Sexualität seine erste und tiefste Matrix, die – gleichgültig, welchen weiteren kulturellen Zu- und Einschreibungen seine Leiblichkeit und sein Selbstbewusstsein ausgesetzt ist – doch immer auch erhalten bleibt, so dass letztlich – verwirklicht es seine Freiheit, sich sein eigene Wirklichkeit zu erschließen - nur jedes Individuum selbst bestimmen kann, wie es seine Leiblichkeit (sex) und sei- 201 Die zwanghafte Subsumption von Menschen auf Grundlage des Interpretations- und Begriffsinstrumentariums des binären Systems würde nicht nur am berechtigten Widerstand der Menschen, denen man sie aufzuzwingen sucht, scheitern, sondern entbehrt auch jeder Form theoretischer Begründbarkeit, insofern sich jeder Mensch aufgrund des eigenen, priviligierten Zugangs zu seinen Empfindungen und Gefühlen authentisch nur selbst verstehen kann. 166 ne Geschlechtsidentität (gender) versteht – und dabei aufgrund des ursprünglichen, zugrundeliegenden Hermaphroditismus potentiell alle Möglichkeiten der Wahl offen hat.202 Die Anwendung der Termini „Mann“ und „Frau“ hat nichts mit Essentialismus zu tun bzw. ist nicht re-essentialisierend, insofern der Mensch – unter dessen Begriff „Männer“ und „Frauen“ fallen – unserem Verständnis nach grundsätzlich unterschiedliche Möglichkeiten des Selbstseins – abhängig von der Form der Verwirklichung des Spiels der Vermögen – hat. Warum aber – so ließe sich nun fragen – rekonstruieren wir das binäre System der Geschlechter-Identitäten, wenn es uns schließlich im Selbstverhältnis der Medialität um die Integration der darin rekonstruierten Gegensätze, um die Reintegration der Leiblichkeit im Sinne des Hermaphroditismus und um die Freiheit der Wahl im Spiel mit Geschlechterrollen und Begehrens- und Zuwendungsformen geht? Die Antwort auf diese Frage sind zwei: Die Rekonstruktion des binären Systems der Geschlechter-Identitäten soll einerseits dazu dienen, vorführen zu können, dass und wie dieses System der Sexualisierung und der „Zwangsheterosexualität“ (ebd., S.9) tiefer in die Selbst- und Naturentfremdung bzw. in die vertiefte Aufhebung des Spiels und der Ganzheit des Menschen führt. Das Anknüpfen am Geschlechter-Gegensatz stellt ein Anknüpfen an die zentrale Matrix des sich aus der Menschheitsgeschichte ergebenden Selbst-, Mitmensch- und Wirklichkeitsverstehens dar, die in ihrer realen Wirkmacht in unserem Verstehen und Handeln – anders als bei Butler, die versucht, diese Matrix zu dekonstruieren und ihr so ihre Macht zu nehmen - aufgenommen wird, um sie der Integration und damit ihrer eigene Aufhebung entgegen zu führen. Andererseits muss man die Pole des Geschlechter-Gegensatzes kennen, um nicht unbewusst und blind einem dieser Pole, d.h. dem matriarchalem oder dem patriarchalem Selbstbewusstsein, aufzusitzen, d.h. unbemerkt Opfer der Determination durch einen dieser Pole des Gegensatzes zu werden und die Möglichkeit zu ihrer Integration zu verspielen. Am Wichtigsten aber scheint uns folgender Grund für die Rekonstruktion und Entfaltung des binären Systems des Geschlechter-Gegensatzes: Das Selbstverhältnis der Medialität stellt nicht nur den Versuch einer leiblichen Reintegration des Spiels bzw. des Hermaphroditismus, sondern auch und wesentlich das Spiel 202 Damit distanzieren wir uns mit Butler von der „Formel „Biologie ist Schicksal““ (1991, S.22), indem wir in unserer Spiel-Philosophie von einem grundlegenden Hermaphroditismus ausgehen, der darüberhinaus im Hier und Jetzt jederzeit wiederbelebt werden kann. Verstrickt sich das menschliche Selbstbewusstsein für sich aufgrund der Aufhebung und Verdrängung des Spiels in ein geschlechtsspezifiziertes Selbstsein, muss er allerdings diese Spezifikation durch die Integration der Ganzheit aufheben, möchte er nicht durch die aus ihr folgenden Notwendigkeiten und Zwänge vereinseitigt und selbstentfremdet einbegunden sein. 167 mit den wechselnden Identifikationen mit dem patriarchalen Selbstbewusstsein und seiner Sexualität und dem matriarchalen Selbstbewusstsein und seiner Sexualität und deren Mischformen dar. Dieses Spiel der Freiheit der Wahl und des Genusses seiner Potentiale setzt das wechselseitige Verstehen und Integrieren der Pole des Geschlechtergegensatzes voraus, um es in seinen Mischformen und unterschiedlichen Begehrens- und Zuwendungsformen aus männlichen und weiblichen Anteilen spielen und sowohl in seiner Polarität ausreizen als auch als Freundschaft unter Gleichen leben zu können (vgl. Abs. XII).203 Die Wirkmacht des kulturell-konstruierten, binären Systems der Heterosexualität erfordert nicht nur die Opfer der Folgen einer durch es verstärkten, zunehmenden Entfremdung des Menschen von der Wirklichkeit der Geist-Natur-Einheit, sondern darüberhinaus die Opfer, die sich im Rahmen dieser Dualität nicht verorten, d.h. aus unterschiedlichen Gründen sich nicht oder nicht nur als Mann oder Frau fühlen/ verstehen – wie Zwitter, Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle, Asexuelle, usw.. Sie alle aus ihrer Diskriminierung durch das heterosexuelle Regime zu befreien, ist Butler angetreten. Und auch uns geht es um eine Aufhebung des Zwangscharakters der Heterosexualität (nicht um eine Aufhebung der Heterosexualität als solche), um im Selbstverstehen wie im Sexuellen das Spiel mit der Geschlechtlichkeit zu befreien. Im Ziel mit Butler einig, glauben wir jedoch, dass ihr Weg der Dekonstruktion uns diesem Ziel nicht oder nur unzureichend näher bringt. Zwar ist es gelungen, im Anschluss an Butler die Politik der Geschlechter zu ent-essentialisieren. Nicht geholfen ist damit allerdings dem Mainstream der Menschen, die für sich nicht eine Selbst-Befreiung im Sinne des Selbstverhältnisses der Medialität erreicht haben, d.h. weder den Opfern des binären Systems, die weiterhin unter ihrer Außenseiterrolle leiden, noch der Menschheit als Ganzem, die zunehmend die Folgen forcierter Selbst- und Naturentfremdung zu spüren bekommt. Die Selbst-Befreiung aus dem Zwangssystem der Heterosexualität setzt das Verständnis seiner Wirkmacht als kulturelles Konstrukt204 voraus. Der Deter- 203 Das postmoderne, wenn gleich immer auch äußerst ernste und existentielle Spiel der (De- )Konstruktion aus De-, Re- und Neukonstruktion der „Fiktionen von Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender)“, d.h. die Möglichkeit, mit Hilfe der „Mannigfaltigkeit ihrer Konstruktion (…) mit ihrer Pose scheinbarer Eindeutigkeit zu brechen“ (Butler 1991, S.59), setzt – so paradox dies klingen mag – gerade auch die Kenntnis dessen voraus, mit was man dort zur Anverwandlung immer neuer Wirklichkeiten spielt. 204 Zizek schreibt in einem Spiegel-Artikel unter dem Titel Frauen und Männer über die „Beharrlichkeit des Unterschieds zwischen den Geschlechtern“: „Die vielfältigen Gender- Positionen (männlich, weiblich, schwul, lesbisch, bigender, transgender und so weiter) kreisen um einen Gegensatz, dem sie sich ewig entziehen: Schwule sind männlich, Lesben weiblich, Transsexuelle erzwingen einen Übergang vom einen zum anderen, Transvestitismus verbindet die beiden, bigender schwebt zwischen den beiden … wohin wir uns auch 168 mination durch diese Wirkmacht ist nicht zu entkommen, indem man sie mit Hilfe der Dekonstruktion vermeintlich aufhebt (was beim betreffenden Menschen ein für sich realisiertes Selbstverhältnis der Medialität voraussetzt, das mit Hilfe der Dekonstruktion ja aber allererst erreicht werden soll), sondern einzig, indem man sie versteht, um ihr verstehend eine Alternative abringen zu können. Zugegeben: Der Ansatz der Dekonstruktion des binären Systems des Geschlechter-Gegensatzes von Butler, mit dem sie im Sinne der Subversion versucht, tradierte Geschlechter-Identitäten aufzusprengen, in sich zu vervielfältigen und ihre Anteile zu vermischen, steht konträr zu unserem Ansatz, das binäre System des Geschlechter-Gegensatzes mit Mitteln der Rekonstruktion zuende zu denken und – mit Hilfe des Aufzeigens der mit ihm verbundenen Gefahr und Ausweglosigkeit – zur Integration dieses Geschlechter-Gegensatzes anzuregen. Sowohl der Philosophie Butlers als auch unserem Versuch hier schwebt ein ähnliches Ziel vor Augen: Wo Butler den Menschen durch Subversion und Dekonstruktion von heteronom aufgezwungenen Schemata und Kategorien zu sich selbst zu befreien sucht, versuchen wir, die allgegenwärtige Möglichkeit zur selbst-befreienden Initiation ins Spiel und zur Freiheit der Wahl der Spielformen bzw. ihrer Selbst-Kreation zu erschließen. Das Problem ist, dass unser Ansatz das, was Butler subversiv zu unterwandern sucht, zumindest auf dem Weg – der Rekonstruktion der Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins als Geschichte der Auseinanderlegung der Selbstorganisation in Geschlechter-Gegensätze und deren Zurichtung und Zuordnung gemäß der Matrix der Heterosexualität - zu seinem Ziel – dem Selbstverhältnis der Medialität - zu zementieren bzw. reanimieren scheint. Auch wenn dies nicht intendiert ist, so scheint dieser Anschein zumindest der Preis dafür zu sein, das gemeinsame Ziel der Selbst-Befreiung – anders als Butler – ohne Selbstisolation innerhalb des uns umgreifenden Ganzheits-Zusammenhangs und ohne Abbruch der Möglichkeit des Selbstverstehens aus der Naturund Kulturgeschichte der Selbstorganisation, die sich beide freilich selbst wiederum nur unserer subjektiven Interpretation von Daten und Ereignissen verdanken, zu erreichen. Hierin scheint sich unserer aus der Ästhetischen Moderne sich herleitende Ansatz grundlegend von dem der Philosophie der Postmoderne Butlers zu unterscheiden. Das Zeitalter der Sentimentalität, das sich wesentlich durch die System-Spaltung von Kultur- und Natur-Sphäre, von Selbstbewusstsein und Unbewusstem und von Geist und Natur auszeichnet, ist heutzutage immer noch gegenwärtig. Das Zeitalwenden, hinter allem lauern stets die zwei“ (Der Spiegel Nr. 20, Hamburg 14.05.2016, S.129) 169 ter der Postmoderne – dessen Beginn man vielleicht mit dem (relativen) Scheitern der noch Meta-Erzählungen der Moderne verwirklichen wollenden 1968-Generation in Zusammenhang bringen könnte – zeichnet sich zwar durch eine Vervielfältigung und Pluralisierung von Lebensformen und Selbstverständnissen aus, bleibt aber wesentlich dem sentimentalen Zeitalter der Natur- und damit Selbstentfremdung verhaftet. Das Zeitalter der Postmoderne macht explizit und öffentlich, was es auch in den vorangehenden Zeitaltern der Sentimentalität schon gab, nämlich Formen von Selbst- und Wirklichkeitsverständnissen, die sich jenseits des kulturellen Mainstreams, der durch das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein geprägt war, bewegen. Verstärkt mit der zunehmenden Emanzipation der Frau205, kommt es zur gemischt-geschlechtlichen Sozialisation der Menschen und damit neben der zunehmenden Enthierarchisierung zu einer Entpolarisierung der Geschlechterverhältnisse. Heute existieren Formen von matriarchalen und patriarchalen neben den unterschiedlichsten Mischformen von geschlechtlichen Selbstverständnissen. Zur isolierten Entwicklung von Reinformen matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins kam es wahrscheinlich nur in Zeiten und an Orten ausgeprägter Matri- bzw. Patriarchate im Selbstbewusstsein von einigen Menschen des jeweils herrschenden Geschlechts. (Zu berücksichtigen ist: Das matriarchale Selbstbewusstsein ist als Summe des gemeinsamen Denkens und Handelns in Frauen-Gruppen wie das patriarchale Selbstbewusstsein als Summe des gemeinsamen Denkens und Handelns in Männer-Gruppen entstanden, in denen die individuellen Unterschiede und die Heterogenität der Individualitäten der Gruppen-Mitglieder sich im Durchschnitt ihrer Summe nivellieren und verlieren. Als solche stellen das matriarchale bzw. patriarchale Denken und Handeln eher archetypische Denk- und Handlungsformen dar, von denen nicht auf das konkrete Denken und Handeln von Individuen zu schließen ist. Real existieren im Wesentlichen nur Mischformen von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein im Zeitalter des Matri- wie Patriarchats.206 Dass sich das konkrete Selbstbewusstsein der Individuen aus den Quellen beider Selbstbewusstseins-Formationen nährt, heißt im Umkehrschluss allerdings nicht, dass nicht beide in ihrer je spezifischen Eigenart und Wirkmacht prägend in die Sozialisati- 205 Die Emanzipation der Frauen im damals noch herrschenden Patriarchismus beginnt als Breiten-Phänomen in Europa und den Vereinigten Staaten um 1800 mit der Emanzipation der Romantikerinnen und ihrem Selbstverständnis als Künstlerinnen. Verstärkt wurde die politisch erkämpfte zunehmende Emanzipation der Frauen – so zynisch das ist - durch die fortschreitende Kapitalisierung der Lebensverhältnisse im Zuge der Industrialisierung, durch die zunehmend auch die Frauen als Arbeitskräfte und Konsumenten gebraucht wurden (vgl. Türcke 1991a, S.213ff.). 206 Nicht zuletzt baut gerade das patriarchale Denken historisch auf Errungenschaften des matriarchalen Denkens auf – vgl. Türcke 1991a. 170 on der konkreten Individuen hineinwirken.) Nicht zu vergessen ist auch das Selbstbewusste Begehren als dritte, selbst- und naturentfremdete (Selbst-)Bewusstseins-Formation im Zeitalter der Sentimentalität nach dem Tode Gottes um 1800, das wir unserem heutigen Selbst- und Wirklichkeitsverstehen unterstellen (vgl. Abs. XI). Außerdem dürfte es spätestens mit der Wende zur Ästhetik um 1800 immer wieder auch Menschen gegeben haben, die für sich die Integriertheit, Freiheit und geschlechtliche Selbstbestimmung erreicht haben, die wir hier im Selbstverhältnis der Medialität theoretisch zu erarbeiten suchen. Nichtsdestotrotz zeigt sich symptomatisch in den Problemen unserer Zeit nicht nur die tiefe Selbst- und Naturentfremdung als Folge der Selbstinthronisation des Geistes und der Abspaltung der Natur als das Andere des Geistes, sondern auch die diese Selbst- und Naturentfremdung vertiefende Selbstisolation im Selbstverstehen als ein Geschlecht, das sich der Ganzheit seines Hermaphroditismus entfremdet hat. Wichtig bleibt: Das Selbstverständnis der Postmoderne ist trotz der vielen Fortschritte, das es gegenüber vergangenen Epochen brachte, aufgrund der ihm meist noch inhärenten Natur- und Selbstentfremdung dem Zeitalter der Sentimentalität zuzurechnen, das Schiller im Zeitalter der Idylle zu überwinden trachtete.207 Der Philosophie der Postmoderne und auch der Butlers ist zu verdanken, dass sie die Vielfalt der Identitäts- und Lebensformen von der Diskriminierung durch herrschende Machtdiskurse befreit und das Individuum selbst in sich vervielfältigt hat (vgl. Butler ebd., S.22). Ihr Fehler ist, dass sie die Möglichkeit zur Integration der Ganzheit preisgegeben hat, insofern sie - wie Welsch zufolge die Philosophie der Postmoderne im Allgemeinen - die „Auflösung des Ganzen für eine Vorbedingung postmoderner Pluralität“ (Welsch 1997, S.32 – vgl. Abs. XII.3) zu halten scheint. Dem pluralen Selbst der Postmoderne, dem sowohl droht, seine Integrität über seine Pluralisierung zu verlieren, als auch, in dieser Selbst-Pluralisierung wiederum leicht zum Spielball untergründiger und unbewusster Wirkmächte und Determinationen zu werden, fehlt, was es von Modernen Konzeptionen von Individualität und Ganzheit hätte lernen können: Nämlich dass die Integration dieser Ganzheit kein Verlust an Vielfalt bedeutet, sondern 207 Die Mischformen von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein bspw. sind nicht zu verwechseln mit der Integration und Synthese der Pole des Geschlechter-Gegensatzes im Selbstverhältnis der Medialität. Beide Selbstbewusstseins-Formationen, d.h. das matriarchale wie das patriarchale Selbstbewusstsein, zeichnet nach unserer Interpretation eine Instrumentalisierung je spezifischer Spiel-Vermögen aus, durch die sie sich vom Spiel der Vermögen selbst – wie es in der Geist-Natur-Einheit gegründet und von ihr inbegriffen ist – entfremden. In den Mischformen dagegen machen sich die Menschen jeweils spezifische Attribute des matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins zu eigen, nutzen aber die (dann nur wechselnde) Instrumentalisierung von Spielvermögen und verharren in der spielentfremdeten Selbst- und Naturentfremdung. 171 allererst die Vielfalt im Sinne des Zugleich und Zumal der Potentialität des Selbst für sich als potentiell lebbare Vielfalt zu erschließen erlaubt, die im Spiel der Vermögen spielerisch verwirklicht werden kann (vgl. Hölzel 2008a, S.131ff.). Die Philosophie der Postmoderne bzw. Butlers mit ihren zentralen Verfahren der Diskursanalyse und der Dekonstruktion arbeiten - dem Ordnungsrahmen der „antiken Dichotomie“ von „Substanz“ und „Form“ (Bateson 1985, S.27f.) folgend im Rahmen des Paradigmas der Form, insofern sie es mit kulturellen Denk- und Handlungsmustern zu tun haben, die sie zur Frei-Setzung der Individualität und Selbstbestimmung des Menschen aufzubrechen suchen. Das Spiel der Vermögen, dessen Implikationen und Potentiale wir hier transparent machen wollen, qualifiziert zum Integrations-Paradigma, dass in ihm beide Seiten der „antiken Dichotomie“ von „Substanz“ (Materie und Energie im Begriff der Einbildungs- bzw. Selbstorganisationskraft) und „Form“ (im Begriff des Verstandes) Berücksichtigung finden (ebd., S.27f.). Das Spiel der Vermögen schenkt im Zuge seiner Anverwandlung der Selbstorganisationskraft mit der Selbstzweckhaftigkeit und Selbstgenügsamkeit einerseits die Freiheit von allen Formen der (auch sexuellen) Getriebenheit, die als Quelle und Hintergrund allererst die Freiheit zum bewussten und selbstbestimmten Selbstverstehen und Sexualleben ermöglicht. Demgegenüber hat die Philosophie der Postmoderne nicht nur keine Antwort auf das Problem der Getriebenheit, sondern gerät – wiewohl sie sich über die Getriebenheit keine Rechenschaft ablegt – in Gefahr, ihr indirekt als Subjekt der Kritik, das sich von allem qua bestimmter Negation zu distanzieren weiß, darüber aber vergißt, dass es als energetisches Wesen selbst auf einen positiven Selbst-Ausdruck angewiesen ist, zu erliegen.208 Andererseits findet der Mensch im Schaffen des 208 Die Dekonstruktion verfolgt ihr Geschäft aus der Position eines Subjekts der Kritik, die sich – so meinen wir – als Position der „Ironie“ des „Sokrates“ (Kierkegaard 1998, S.1), d.h. als Position „unendliche(r) Negativität“ (ebd., S.224) und „abstrakteste(r) (…) Subjektivität“ (ebd., S.269), entschlüsseln lässt. Das Subjekt der Kritik hofft dadurch, dass es sich jeder Position enthält, das Nicht-Identische der Geist-Natur-Einheit in sich (d.h. in der eigenen Leiblichkeit und Selbstbewusstheit) und im Anderen (den Mitmenschen und der äußeren Wirklichkeit) von sich aus zum Sprechen und Sich-Offenbaren zu befreien. Dabei ist fraglich, ob nicht die Selbst-Herausnahme aus dem Inbegriffensein in das Geschehen der Selbstorganisation – über die sich so gesehen das Subjekt der Kritik begründet - ein nicht zu haltender, unmöglicher Ort ist, der mit Ein- und Aufbrüchen des von ihm zu seiner Selbstkonstitution Verdrängtem von allen Seiten konfrontiert und mitgerissen zu werden droht. Die Selbst-Isolierung von den Bewegtheiten der Dynamik der Selbstorganisation droht in jedem Fall in sich selbst das zu verlieren, was es gerade zu befreien sucht – nämlich die Lebendigkeit der Geist-Natur-Einheit in der Freiheit von jeglicher Art von Überformung. Alternativ versuchen wir hier, als Teil der Selbstorganisations-Bewegung ihr in uns zu ihrer Lösung der Integration Ort und Raum zu verschaffen, um als solcherart Integrierte selbst ihrer innersten Selbstzweckhaftigkeit und Freiheit teilhaftig zu werden. Die „Ironie“ (ebd., S.220) – um unsere Interpretation des Subjekts der Kritik der Postmoderne nochmal mit Kierkegaard genauer zu erläutern - macht Sokrates nach Kierkegaard zu einem „Gedanken- 172 Spiels der Vermögen auch zu individuellen und authentischen Formen des Selbst- Ausdrucks, deren Individualität und Authetizität dem individuellen Zusammenspiel von Selbstorganisationskraft und Form-Vermögen zu verdanken sind. Dieser schöpferischen Form von Individualität steht in der Philosophie der Postmoderne ein Subjekt gegenüber, dass qua bestimmter Negation sich von den Quellen seiner Energie und damit seiner Möglichkeit zur Selbstkreation von Spielformen isoliert und sich und die Wirklichkeit – auf alle Formen von Kohärenz verzichtend – einzig über Versatzstücke von Trümmern tradierter Formen des Selbstund Wirklichkeitsverstehens verstehen kann. strich in der Weltgeschichte“ (ebd., S.204). Mit dieser Ironie hätte er Kierkegaard zufolge im Auftrag einer „Idealität“, die „dem (mythisch-tragischen – A.d.V.) Griechentum das Urteil sprach“ (ebd., S.220), gewirkt. Sokrates „Ironie“ stellt nach Kierkegaard ein „Zwischenstadium“ dar, „welches das neue Prinzip noch nicht ist und es doch (der Möglichkeit, nicht der Wirklichkeit nach – potentia non actu) ist“ (ebd., S.217) – ein Zwischenstadium zwischen dem Zeitalter der Mythologie und dem Zeitalter der Vernunft. Sokrates Ironie vermochte diese Wende herbeizuführen, indem sie sich der mythisch-tragischen Tradition gegenüber in „ironischer Freiheit“ (ebd., S.224) in ironische Distanz setzte, die zwar selbst keinen neuen, positiven Standpunkt erbrachte („unendliche Negativität“ (ebd., S.224) ist), aber doch die Verbindlichkeit des alten Standpunktes aushöhlte. Kierkegaard zufolge lässt Sokrates „des Staates objektive Macht sich brechen (...) an der starren Klippe (seiner) ironische(n) Negativität“ (ebd., S.203), wobei – wie Theunissen festhält – Kierkegaard „in der Dissertation den Staat als die „Totalität“ des „Bestehenden“ begreift, als das Gesamtgefüge der mannigfaltigen, endlich-zeitlichen Konkretionen“ (1982, S.6). Die Ironie des Sokrates wird von Kierkegaard als Rückzug auf sich selbst als „die erste und abstrakteste Bestimmung der Subjektivität“ (Kierkegaard 1998, S.269) gefasst: „In unendlicher Zufriedenheit“ – wie Theunissen (1982, S.11) Kierkegaards Gedanken resümiert – „ruht Sokrates in sich selbst und hält sich schwebend im leeren Raum seiner abstrakten Subjektivität“. Der für unseren Zusammenhang entscheidende Punkt ist die Freisetzung einer Form von Subjektivität durch Sokrates, die für sich Selbständigkeit und Selbstbestimmung – wie sie vor Sokrates im Zeitalter des Mythologie nicht für sich veranschlagt wurde und die unserer Interpretation nach illusionär ist – beanspruchte: Der „Standpunkt“ der „unendlichen Negativität“ – so erklärt Kierkegaard (1998, S.222) – „enthält in sich die Möglichkeit zu allem, die Möglichkeit zur ganzen Unendlichkeit der Subjektivität“, und d.h. für unseren Zusammenhang den Wendepunkt vom Zeitalter des Holismus der Mythologie zum Zeitalter des auf Verdrängung der Ganzheit fussenden Zeitalters der Vernunft. Kierkegaard weist diese Form sokratischer Freiheit in ihre Schranken, wenn er ihr zwar die Qualität der Freiheit von (der Abhängigkeit von der Geist-Natur-Einheit) zubilligt, aber ihr die Qualität der Freiheit zu (r) (Konkretion der inneren und äußeren Geist-Natur-Einheit) abspricht: „Das moralische Individuum (als das Kierkegaard Sokrates versteht – A.d.V.) ist nun das negativ freie Individuum. Es ist frei, weil es durch etwas Anderes nicht gebunden ist; es ist jedoch negativ frei, eben weil es nicht begrenzt ist in etwas Anderem. Erst dann nämlich, wenn das Individuum, sofern es in seinem Andern ist, in seinem Eigenen ist, erst dann ist es in Wahrheit, d.h. positiv frei, affirmativ frei“ (ebd., S.234). Dieses „Andere“ ist für uns im Rahmen unserer Interpretation die Ganzheit der Selbstorganisation, die wir im Spiel der Vermögen als Mimesis des Spiels des Aion der Selbstorganisation als Variation unserer eigenen Ganzheit erschlie- ßen. 173 Der Holismus-Ansatz und die Idee der Integration der Ganzheit – deren Preisgabe wir der Philosophie der Postmoderne im Allgemeinen unterstellen – bezieht sich immer auf eine Ganzheit, die sich auf Grundlage der weitestmöglich einbeziehbaren Daten und Wirklichkeits-Interpretationen und deren Integration ergibt und selbst konstruiert ist, d.h. relativ angesichts der unerkennbaren Wirklichkeit-ansich ist und selbst nur eine Möglichkeit ihrer Interpretation darstellt. Ihr Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass wir als Teil eines uns umgreifenden Ganzheits- Zusammenhangs selbst von ihm abhängig sind und dass wir – ignorieren wir diese Abhängigkeit – sie schmerzlich und unerwartet zu spüren bekommen, indem dieser Ganzheits-Zusammenhang die Ungleichgewichte, die wir durch unser ignorantes Denken und Handeln verursachen, wiederum ausgleicht. Mit der Preisgabe der Idee der Integration der Ganzheit läuft die Philosophie der Postmoderne Gefahr, die Selbst- und Naturentfremdung, wie sie das Zeitalter der Sentimentalität auszeichnet und im Zuge des Selbstbewussten Begehrens (vgl. Abs. XI) zu unübersehbaren ökologischen und sozialen Problemen geführt hat, fortzuschreiben.209 Das ganzheitliche Selbst- und Wirklichkeitsverstehen – wie wir es hier mit Hilfe von Begriffen und Konstruktionen wie „Selbstorganisation als Auseinanderlegung der Gegensätze zum Zweck ihrer (höheren) Integration“, „Geist- Natur-Einheit“ und „Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins“ und der Aufnahme des binären System des Geschlechter-Gegensatzes ausprobieren – stellt einen Versuch dar, dieser von uns angenommenen Inbegriffenheit im Ganzheits-Zusammenhang gerecht zu werden. Das Ziel der Emanzipation und Freiheit von vorgegebenen Denk- und Handlungsmustern teilt es mit der Philosophie der Postmoderne – nur dass wir davon ausgehen, dass diesen Denk- und Handlungsmuster nicht dadurch zu entkommen ist, dass man sie dekonstruiert, sondern nur dadurch, dass man sie rekonstruierend zuende denkt. Im Zuende-Denken schließt sich nach unserer Interpretation sowohl der Kreis der Determination durch den Ganzheits-Natur-Zusammenhang wie durch die Wirkmacht der kulturellen Konstruktion des binären Systems des Geschlechter-Gegensatzes. Ihn schließend, wird im Zentrum des Kreises gleichsam die Freiheit umkreist und beschwört, die wir im Spiel des Selbstverhältnisses der Medialität zu leben und zu verwirklichen trachten. Die Selbstbewusstseins-Formationen des matriarchalen und patriarcha- 209 Die Preisgabe der Idee der Integration der Ganzheit stellt nicht nur eine Preisgabe der Idee der Integration der Leiblichkeit des Menschen im Zeichen des Hermaphroditismus des Kindes und eine Preisgabe des Glücks dar, sich als Teil in einem Geborgenheit und Freude schenkenden Resonanz-Verhältnis mit der Ganzheit des Universums zu empfinden und im Spiel des Menschen eine Variation des Spiels des Aion zu verwirklichen. Sie birgt auch die Gefahr, durch Ignoranz und Nicht-Berücksichtigung des Ganzheits-Zusammenhangs, in dem wir aller Wahrscheinlichkeit nach stehen, zum Opfer seiner auf unser ignorantes Handeln antwortenden Selbstregulationen oder zum Spielball unserer durch ihn bedingten Determinationen zu werden. 174 len Selbstbewusstseins wie des Selbstbewussten Begehrens verschärfen die Systemtrennung zwischen der Kultur-Sphäre und der Natur-Sphäre zur Systemspaltung, mit der sich die genannten Selbstbewusstseins-Formationen – das (schillersche) Zeitalter der Sentimentalität als zweiten Schritt der Dialektik erzeugend vom Spiel der Geist-Natur-Einheit entfremden.210 Das Selbstverhältnis der Medialität nun stellt ein Selbstverhältnis dar, das die sich im Zuge der schillerschen Selbstorganisation auseinanderlegenden Gegensätze und ihre Zurichtung und Zuordnung zum binären System, demzufolge sich der Geist des Gegensatzes von Geist und Natur nochmal in den Gegensatz von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein aufspaltet, zu integrieren und damit das (schillersche) Zeitalter der Idylle zu erschließen erlaubt. Das Selbstsein im Zeitalter der Sentimentalität ist in seiner doppelten Selbst- und Naturentfremdung und in seiner doppelten Spiel- und Ganzheitsentfremdung als Entfremdung von der Geist-Natur-Einheit und als Entfremdung von der Ganzheit des Hermaphroditismus zu rekonstruieren, um es im Selbstverhältnis der Medialität des ausstehenden Zeitalters der Idylle annehmen und integrierend überwinden zu können. Zur inhaltlichen Gliederung des weiteren Verlaufs der Arbeit ist zu sagen: Die Interpretation der Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit erfolgt in drei Varianten: einer mythentheoretischen, einer organismustheoretischen und einer spieltheoretischen Interpretation. Alle drei Interpretations-Ansätze zielen je auf ihre Art und Weise nach ihrer Analyse der Natur- und Kulturgeschichte darauf, die Momente und Ansätze zur Überwindung des Zeitalters der Sentimentalität – wie es sich im matri- und patriarchalen Selbstbewusstsein ausdrückt – im Sinne der Integration ihrer Gegensätzlichkeit mitzudenken: Die mythentheoretische Interpretation versucht, die im Mythologem der Heiligen Hochzeit vorweggenommene Integration zu verdeutlichen, die organismustheoretische Interpretation den 210 Die Kultur-Sphäre und die Natur-Sphäre beeinflussen sich aber weiter: Das matriarchale bzw. patriarchale Selbstbewusstsein – weit davon entfernt, sich in ihrer Selbstherrlichkeit unabhängig von der Natur-Sphäre in der Kultur-Sphäre selbst begründen zu können – werden einerseits von der Natur-Sphäre eingeholt, insofern die zwischen ihnen und in ihnen als jeweils einseitige Realisationen der Ganzheit auftretenden Spannungen im Sinne der Auseinanderlegung und Integration der Gegensätze der Natur integriert werden wollen. Andererseits werden beide Selbstbewusstseins-Formationen von der Natur-Sphäre eingeholt, insofern sie durch die Selbstorganisationskraft der Natur – die vormals im kindlichen Stadium der Naivität im Spiel organisch anverwandelt werden konnte – energetisch unter Spannung geraten. Anders herum wird aber auch die Natur-Sphäre von der Kultur-Sphäre der Selbstbewusstseins-Formationen beeinflusst, indem sie der Interpretation durch die Kultur-Sphäre unterliegt und als jeweils spezifisch Interpretierte einer spezifischen einseitigen und ihre Ganzheit nicht würdigenden Bearbeitung und Überformung unterworfen wird, die die Natur ihrerseits im Sinne der Selbstregulation der Natur zu entsprechenden Kompensationen zwingt. 175 Selbsttransformations-Prozess hin zum Integrierten Selbstbewusstsein vorzuführen und die spieltheoretische Interpretation das Integrierte Selbstbewusstsein selbst in seinem Energie- und Formaspekt zu veranschaulichen.211 Wie sich dann zeigen wird, stellt dieses Integrierte Selbstbewusstsein allerdings keine lebbare Alternative für den Menschen dar. Seine Analyse und der Selbsttransformations- Prozess zum Integrierten Selbstbewusstsein hin wird aber zur Voraussetzung, Grundlage und zum Horizont dessen, was wir als Alternative zur Selbst- und Naturentfremdung aller Selbstbewusstseins-Formationen des Zeitalters der Sentimentalität entwickeln wollen – nämlich das Selbstverhältnis der Medialität. Bevor dieses Selbstverhältnis der Medialität im Abschnitt XII veranschaulicht wird, müssen wir uns im Abschnitt XI noch dem Selbstbewussten Begehren als weiterer Form der Selbst- und Naturentfremdung im Zeitalter der Sentimentalität zuwenden, von der wir behaupten, dass sie das Selbstsein des Menschen seit 1800 wesentlich bestimmt. Tiefer noch als die vorangegangenen Selbst- und Naturentfremdungsformen verstrickt das seit 1800 und aktuell herrschende Paradigma des Begehrens die Menschheit in Schwierigkeiten, die wir im Selbstverhältnis der Medialität ihrer Lösung entgegenzubringen hoffen. Die von uns im Folgenden interpretierten (Selbst-)Bewusstseins-Formen (Kindliches Spielbewusstsein, Matriarchales Selbstbewusstsein, Patriarchales Selbstbewusstsein, Integriertes Selbstbewusstsein und Selbstbewusstes Begehren) sind nur ein Teil der möglichen und in der vielfältigen und uneinheitlichen Geschichte der Menschheit aus Variationen des Spiels entstandenen (Selbst-)Bewusstseins- Formen. Sie scheinen uns aber die zentralen Grundformationen des (Selbst-)Bewusstseins zu repräsentieren, aus deren Mischung, Wechsel und Variationen sich die überwiegende Mehrzahl der weiteren möglichen, unterschiedlichen Formationen erklären lassen müssten. Wichtig ist uns nicht, die Grundformationen abschließend zu entschlüsseln, sondern im Versuch ihrer Interpretation als Hervorbringungen der Selbstorganisation aus dem Spiel der Vermögen heraus exemplarisch zu verdeutlichen, dass dies prinzipiell möglich ist. Diese Interpretation kann in allem aber nicht mehr als eine grobe Skizze in Umrissen sein, die im Detail viele Abweichungen, Variationen, usw. übergeht und der Darstellbarkeit halber übergehen muss. Sie könnte – was die Natur- und Kulturgeschichte der Mensch- 211 Die mythentheoretische Interpretation veranschaulicht also die phylogenetische und die organismustheoretische Interpretation die ontogenetische Auseinanderlegung und Integration des Geschlechter-Gegensatzes, während die spieltheoretische Interpretation die sich zu Paradigmata verdichtenden Denk- und Handlungsweisen der matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins-Formationen analysiert, um sie im Integrierten Selbstbewusstsein einer Integration zuzuführen, die das neue Paradigma spielgegründeten Selbstseins in Form des Selbstverhältnisses der Medialität vorbereitet. 176 heit angeht – allenfalls einzig eine Natur- und Kulturgeschichte ihres Mainstreams sein. Dass wir in unserer Rekonstruktion der Natur- und Kulturgeschichte einzig auf die Matrix der Heterosexualität und die ihr entsprechenden Geschlechts-Identitäten von „Mann“ und „Frau“ zuwenden und alle anderen Formen geschlechtlicher Identitäten und ihre Geschichte ausblenden, ist der zentralen Stellung und der alles dominierenden, sozialen und kulturellen Wirkmacht dieses binären Systems geschuldet. Die hiermit abgeschlossene Selbstpositionierung innerhalb des Diskurses der Postmoderne und der Philosophie Butlers bildet den Ausgangspunkt, auf den wir im Abschnitt XII zum Selbstverhältnis der Medialität als Zielpunkt wieder zurückkommen werden. Schiller hat (vielleicht mit Goethe) als eigentlicher Begründer der Ästhetischen Moderne nicht nur wesentliche (implizite und bis heute von der akademischen Wissenschaft kaum entschlüsselte) Impulse zur Entwicklung des Selbstverhältnisses der Medialität gegeben, sondern auch ihr Ziel in seiner Vision der Idylle vorweggenommen. Abgesehen von Anknüpfungen in den Werken Schellings, Hegels, Schopenhauers, Kierkegaards, Nietzsches und Heideggers, die aber allesamt in wesentlichen Punkten die Intentionen Schillers verfälschen und damit die Lösung der Widersprüche des Zeitalters des Sentimentalität – wie sie in Schillers Idylle-Konzeption angedacht ist – verfehlen, findet die wahrhafte Wiederanknüpfung an und die Weiterentwicklung der schillerschen Visionen unserer Ansicht nach erst im 20. Jahrhundert in der Analytischen Psychologie Jungs (1875-1961) und Neumanns (1905-1960) statt. Ihre zentralen Anknüpfungspunkte sind der schillersche Spieltrieb-Begriff, den sie mit der „transzendenten Funktion“ (Jung212) bzw. mit der „Zentroversion“ (Neumann 2004, S.47, 290f.) wiederaufnehmen, wie der schillersche Begriff der „lebende(n) Gestalt“ (1995, 15. Brief, S.59), den sie als Zielpunkt der Individuation bzw. Selbst-Werdung in der Ganzheit des Menschen anstreben.213 Auch Schillers dialektische Natur- und Kulturgeschichte wird bei Jung und Neumann wieder aufgenommen: Sein Zeitalter der Naivität entspricht Jung und Neumanns phylo- und ontogenetischem Stadium des Hermaphroditismus des Kindes, sein Zeitalter der Sentimentalität ihrer Selbstund Naturentfremdung, wie sie sich in ihrem Ansatz einer Systemspaltung von 212 Vgl. gleichnamigen Aufsatz von Jung: Die transzendente Funktion – in: 1995d, S.79ff.. 213 Schon in Anmut und Würde hatte Schiller die Ganzheit des Menschen als Ziel allen Strebens ausgesprochen: „Es ist dem Menschen zwar aufgegeben, eine innige Übereinstimmung zwischen seinen beiden Naturen zu stiften, immer ein harmonisierendes Ganze zu sein und mit seiner vollstimmigen ganzen Menschheit zu handeln. Aber diese Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gemäß zu werden er mit anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann“ (2003b, S.113). 177 Selbstbewusstsein und Unbewusstem, Geist und Natur ausdrückt, und seine Vision der Idylle ihrer Annahme eines Individuationsweges, der die Integration der Ganzheit anzielt. Jung und Neumann müssen als die eigentlichen Fortführer der philosophischen Tradition der Ästhetischen Moderne für die philosophische Frage nach dem Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis fruchtbar gemacht werden, in der es um eine Alternative zum instrumentellen Denken in der Tradition Kants und zum postmodernen Tod des Menschen geht.214 Jungs durch Schiller inspirierte, vielleicht wesentlichste Leistung stellt seine gegenüber seinem Lehrer Freud völlig neu konzipierte Metapsychologie auf Grundlage einer Neu-Interpretation der Libido dar, in der er das die freudsche Psychologie prägende Paradigma des Zeitalters der Sentimentalität überwindet. Neumanns zentraler, an Jung anknüpfender Beitrag besteht in der Ausarbeitung der konkreten, aus den Mythen der Menschheit destillierten Archetypen. Die Archetypen stellen Formen dar, in denen das zentrale Trieb-Umwelt-Problem, d.h. die konflikthafte, individuelle Entwicklung zwischen dem Gegensatz von Trieb(-Natur) und den Restriktionen der Gemeinschaft, sich ausdrückt. In den Archetypen kommt das gegenüber den Vereinseitigungen des Ich kompensatorische Streben des Unbewussten nach Ganzheit zur Anschauung (vgl. Jung 1995d, S.85). Neumann ist – wie wir sehen werden – außerdem der Pionier auf dem Gebiet der Psychologie des Weiblichen, die für Freud noch ein „dunkler Kontinent“ (1966ff., S.241) war, während ihr Einbezug Neumann eine ganzheitlichere Konzeption des Archetypen-Feldes ermöglichte. Mit unserer Arbeit hoffen wir, Neumann im wissenschaftlichen Diskurs unserer Zeit neue Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm momentan unverständlicherweise nicht zuteil wird.215 Während die Analytische Psychotherapie 214 Vgl. Foucaults prominente These vom „anthropologischen Schlummer“ und seine Behauptung, dass man „in unserer heutigen Zeit (…) nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken“ könne (1974, S.412). 215 Neumanns Werk hat – wiewohl er innerhalb der Schule der Analytischen Psychologie als „der eine wirklich originelle Psychologe der zweiten Generation unter Jungs Schülern“ (Adler zitiert nach Evers 1987, S.109) galt, unverständlicherweise nahezu keine Rezeption erfahren (vgl. Evers ebd., S.109). Soweit wir die Forschungsliteratur zu Neumann überblicken, sind im Wesentlichen nur drei ältere Monographien neben der Auseinandersetzung mit Jung auch seinem Werk und Wirken gewidmet: Evers 1987; Weiler 1985; Walch 2010. Darüberhinaus einzig folgender Sammelband: Dieckmann/ Meier/ Wilke (Hrsg.) 1980. Jungs Werk hat zwar eine gewisse Rezeption und kritische Auseinandersetzung erfahren, die allerdings – was sich negativ auf die weitere Rezeption ausgewirkt hat – gerade in ihren Anfängen von der problematischen Verstrickung Jungs im Nationalsozialismus überschattet war. Darüberhinaus wurden Jung und Neumann aufgrund der Verdrängung aller geisteswissenschaftlichen und psychotherapeutischen Ansätze aus der akademischen Psychologie, die sich bedauerlicherweise auf die experimentelle Psychologie verengt hat, kaum von der akademischen Wissenschaft rezipiert. Hier liegt eine Chance der akademischen Philosophie, verloren gegangenes Terrain betreffs der Selbstverständigung über den Menschen, d.h. im 178 einen Weg zur seelischen Integration kennt, ist dieser unseres Wissens in der Sprache der Philosophie noch nicht umfassend expliziert worden. Um ihn hier zu erarbeiten, werden wir uns in unserer Natur- und Kulturgeschichte des Selbstbewusstseins, die phylogenetisch entwickelt, was wir ontogenetisch auf dem Weg zur Integration wiederholen, an den Wegbahnungen der Analytischen Psychologie Jungs und Neumanns orientieren. Sein eigenes sentimentales Leiden als abstrahierender und analysierender, philosophischer Schriftsteller ausdrückend, der sein Schaffen seinem schlechten Gesundheitszustand abtrotzen musste und dem damit Zeit für seine künstlerisch-literarische Produktion verloren ging, zu der er am Ende seines Lebens hastig zurückkehrte, schreibt Schiller: „Die Natur (der Sinn) vereinigt überall, der Verstand scheidet überall, aber die Vernunft vereinigt wieder; daher ist der Mensch, ehe er anfängt zu philosophieren, der Wahrheit näher als der Philosoph, der seine Untersuchung noch nicht geendigt hat.“ (1995, 18. Brief, S74). Diesen Schmerz der Analysis haben wir nicht nur uns als Schriftsteller dieser Arbeit zugemutet, sondern muten wir auch unseren Lesern zu, die einzig mit dem Versprechen zu vertrösten sind, dass dieses Leid im finalen Abschnitt zum Selbstverhältnis der Medialität in die Lust finaler Synthesis sich verwandelt. Zur Begründung der Sinnhaftigkeit des Schmerzes der Analysis und damit unseres Ansinnens ist zu sagen, dass erst die klare Trennung und Scheidung dessen, was zusammengehört, ermöglicht, das Getrennte und Geschiedene wahrhaft zu verstehen und zu integrieren.216 Die analytische Scheidung in den Gegensatz der Geschlechter trennt, was geschichtlich wesentlich nur in Mischformen existiert, in dieser Vermischtheit sich aber beiderseitig im Charakter jeweiliger Instrumentalität verstärkt und die diesen instrumentellen Charakter aufhebende Möglichkeit zur Integration und damit ihr Problem-Lösungs-Potential angesichts der aktuellen Schwierigkeiten der Menschheit verspielt. Die zentrale Motivation für die (schmerzhafte) Analysis des Geschlechter-Gegensatz ist, seine wahrhafte Synthesis und Integration im Individuum und die von Schiller angezielte „(E)inig(keit) mit sich selbst“ (2003b, S.102) zu ermöglichen und damit individuell eine höhere, erlösende Selbst- und Wirklichkeitsverstehens-Ebene zu erschließen. weiteren Feld einer Integralen Anthropologie, die für die Selbstverständigung des Menschen unabdingbar ist, zurückzugewinnen. 216 Die Analysis als Vorbereitung der Synthesis verfolgt dabei noch den weiteren Zweck des Verstehens dessen, was uns umtreibt. Dem Kantischen Grundsatz gemäß, dass man nur vollständig einsieht, „als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande bringen kann“ (Kant- Zitat nach Gamm 1999, S.342), setzt das Verstehen der Synthesis des Wirklichen immer die begriffliche Analysis ihrer zentralen Elemente und die eigentätige Rekonstruktion und Synthesis des Wirklichen voraus. 179 VI Der Mythos als Matrix möglichen Selbst- und Wirklichkeitsverstehens. Die Phylogenese und ihr Zielpunkt der Heiligen Hochzeit (mythentheoretische Interpretation) VI.1 Matriarchale und patriarchale Opferkulturen und die Introversion des Opfers Das Transparent-Machen des Selbstverhältnisses der Medialität als Lösungs-Ansatz für die Probleme unserer Zeit und die ihm inhärente Arbeit am Mythos verdankt Wesentliches den Psychologen und Psychotherapeuten Jung und Neumann, dem bedeutendsten Schüler Jungs, die mit Hilfe der Anverwandlung der Spiel- Philosophie Schillers wie keine anderen die hier zu entfaltende Ästhetik der Medialität, wenn auch im Rahmen der analytischen Psychologie, vorweggenommen haben. Neumann geht in seiner Ursprungsgeschichte des Bewusstseins (2004) zur männlichen Bewusstseins-Entwicklung wie in seinen bahnbrechenden Studien zur Psychologie des Weiblichen (Die große Mutter. Die weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, 2003; Zur Psychologie des Weiblichen, 1975) zur weiblichen Bewusstseins-Entwicklung davon aus, dass sich die Phylogenese der Menschheit – wie sie sich in den Mythen dieser Welt spiegelt und aus ihnen zu rekonstruieren ist – in der Ontogenese jedes Individuums wiederholt. Die Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstsein verläuft über eine zunehmende Verselbständigung und Emanzipation des Selbstbewusstseins vom uroboruschem Unbewussten in der doppelten Gestalt eines matriarchalen und eines patriarchalen Selbstbewusstseins bis zur „Systemtrennung“ zwischen Unbewusstem und Ich-Bewusstsein (Neumann 2004, S.371), wie sie für unsere aktuelle bewusstseinsgeschichtliche Situation im Zeitalter der Sentimentalität charakteristisch ist, die es in einer seelischen Integration neu zu vermitteln gilt. Die Natur- und Kulturgeschichte soll im Folgenden mit Hilfe einer sich an Jungs und Neumanns Wegbahnungen orientierenden Arbeit am Mythos rekonstruiert werden. VI.1.1 Das Zeitalter der Naivität Die Entwicklungs- oder Natur- und Kulturgeschichte des (Selbst-)Bewusstseins hat ihren Anfang – wie sich den frühesten Mythen der unterschiedlichsten Kulturkreise entnehmen lässt – in dem symbolisch den Gegensatz beider Geschlechter umfassenden und integrierenden Uroborus, der Kreisschlange, die „sich in den Schwanz beißt“ und „in sich selbst zeugt“ (Neumann 2004, S.22), bzw. bspw. im

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References

Zusammenfassung

Im „Spiel der Vermögen“ überwindet Schiller den kantischen Dualismus von Geist und Natur, den er maßgeblich für die Entfremdungs-Symptome der Moderne verantwortlich macht. Aus diesem integrativen Ansatz Schillers entwirft Malte Hölzel ein ganzheitliches Selbst- und Wirklichkeitsverständnis, aus dem er das Selbstverhältnis der Medialität als eine Alternative zum instrumentellen Denken unserer Tage entwickelt.

In Hölzels Selbstverhältnis der Medialität wird der Mensch zum Medium der Selbstorganisation, die über die Auseinanderlegung der Gegensätze zu neuen Integrationen drängt. Angesichts der Krisen-Symptome unserer Zeit stellt es eine Selbstzurücknahme in die Immanenz der spiel- bzw. selbstorganisierten Wirklichkeit der Natur dar, anstatt sie wie im instrumentellen Denken äußerlich beherrschen zu wollen. Der Mensch, im aussichtslosen Versuch befangen, sich aus sich selbst heraus zu begründen, feiert sein erlösendes Versöhnungsfest mit der Natur – eine Wandlung, durch die nicht zuletzt auch klassische Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung näher gebracht werden.