1. EINLEITUNG in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 9 - 14

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
KAPITEL 1 – EINLEITUNG 9 1. EINLEITUNG Professionelle Soziale Arbeit1, wie es sie seit ihrem Beginn vor einem Jahrhundert gibt, basiert auf humanitären und demokratischen Idealen. Diese Werte resultieren aus dem Respekt vor der Gleichheit und Würde aller Menschen. Soziale Arbeit konzentriert sich auf die menschlichen Bedürfnisse und unterstützt vorrangig die Entwicklung ihrer Stärken. Dabei dienen soziale Gerechtigkeit und die Orientierung an den Menschenrechten als Motivation für sozialarbeiterische Handlungen und sind Grundlage für jegliches Handeln von Sozialer Arbeit als Beruf. „The social work profession promotes social change, problem-solving in human relationships and the empowerment and liberation of people to enhance well-being. (…)” (vgl. IFSW 2007). Hier wird herausgestellt, dass professionelle Soziale Arbeit – neben der Förderung des sozialen Wandels und der Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen – Menschen befähigt, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Nach freiem Willen über sein Leben entscheiden zu können, bedeutet Selbstbestimmung. Nur in wenigen konzeptionellen Grundlagen – und da scheint es egal zu sein, in welchem sozialpädagogischen Handlungsfeld man sich bewegt – wird auf den „Konjunkturbegriff“ Selbstbe- 1 Soziale Arbeit meint heute fast durchgängig jeweils Sozialarbeit und Sozialpädagogik, auch wenn die historischen Wurzeln different betrachtet werden müssen (vgl. Schilling/ Zeller 2007, S. 113ff.; Thole 2005, S. 16). Im Folgenden wird zuweilen dennoch von Sozialarbeit oder Sozialpädagogik gesprochen. Dies hat sprachpragmatische, keineswegs abgrenzende oder inhaltliche Gründe. NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 10 stimmung verzichtet. Trotz der Allgegenwärtigkeit des Begriffs wird dieser allerdings häufig unscharf und zuweilen schlicht und ergreifend falsch als das, was mit dem „Ich“ zu tun hat, genutzt. Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein zentrales Recht für alle Wesen auf der Erde, insbesondere für alle mündigen Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität oder Religion. Es kann direkt von der „Grundlage des Seins“ abgeleitet werden und findet seinen Ausdruck in den Prinzipien der Menschenrechte, die heute fast weltweit Geltung finden und die von einer zunehmenden Zahl an Akteuren in der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit als leitend angesehen werden (vgl. Narr 2005; Staub-Bernasconi 1995, 2015). Nicht immer war es ein Selbstverständnis in der Menschheitsgeschichte, von einem „dem Menschen von Haus aus zukommenden Rechtsanspruch auf Freiheit2 und Freiheiten“ (Ruhloff 1979, S. 107) auszugehen. Bezugspunkt ist die Vorstellung vom Menschen als vernunftbegabtes und grundsätzlich zur Selbstbestimmung ausgestattetes Wesen, was in der Zeit der Aufklärung seine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat und gegen tradierte Herrschaftsformen von Kirche und Staat gestellt wurde. Immanuel Kant (1724–1804), der zentrale Repräsentant der Epoche der Aufklärung in Deutschland, bezeichnet die Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und setzt mit seiner zentralen Parole „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ den Beginn in der deutschen Geschichte, dass jeder3 (s)einen Prozess der Selbstbefreiung einleiten und realisieren soll und kann (vgl. Kant 1784, S. 481f.). Sichtbar wird, dass das Paradigma Selbstbestimmung eine Errungenschaft der durch die Aufklärung ausgelösten Moderne ist, wobei die Selbstbestimmung als Recht Geltung für alle Menschen findet und zum Grundbestand der westlichen Zivilisation gehört. Nach Kant werden jedem Subjekt eine Eigen- 2 Im Folgenden wird der Begriff „Freiheit“ als alleinstehende Bezeichnung für eine äußere Freiheit – Freiheit des Handelns (Handlungsfreiheit) – verwendet. Geht es um die Freiheit des Willens, so wird von der inneren Freiheit des Individuums oder Willensfreiheit gesprochen (vgl. Kapitel 2.1). 3 Wenn hier die Rede von „jeder“ ist, ist gleichermaßen auch „jede“ gemeint. In den Ausführungen dieses Buches wird aus stilistisch-sprachlichen Gründen auf die explizite Ausführung der weiblichen Form verzichtet. KAPITEL 1 – EINLEITUNG 11 verantwortung, die Möglichkeit „der Bestimmung des Willens durch die individuelle Vernunft“ und die „Ausstattung mit grundsätzlichen Fähigkeiten“, zugeschrieben, die der Umwelt jede manipulative Fremdbestimmung – den Gebrauch ihrer Person als „bloßes Mittel“ und nicht auch als „Zweck an sich“ – verbietet (vgl. ebd.). Diese grundlegende Haltung kann als „Befreiung aus Abhängigkeiten aller Art“ (Maurer 2005, S. 373) gelesen werden und verpflichtet Akteure im Handlungsfeld Sozialer Arbeit, ihr Handeln direkt an den Interessen und dem Willen des Gegen- übers auszurichten und so die selbsthelfenden Kräfte sowie die Eigeninitiative im Sinne einer nachhaltig stabilisierenden Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern (vgl. Bestmann 2008, S. 85). Jegliche „manipulativen, technizistischen oder auch fürsorglich belagernden Handlungsstrategien“ (Weber 2006, S. 7) verbieten sich durch das professionsethische Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung von selbst (vgl. Nuss 2013). In der modernen Gesellschaft, die durch „Individualisierung“ und „Pluralisierung“ geprägt ist (Beck 2007), trägt der einzelne Mensch persönliche Verantwortung für die Ausgestaltung der eigenen Lebensbiografie. Nicht mehr nur Armut, Verwahrlosung und unmittelbare Bedürftigkeit rufen einen Bedarf nach Unterstützung hervor, sondern auch – und gerade – allgemeine Desintegration und „vorenthaltene Partizipations- und Selbstentfaltungsbedürfnisse“ (Thole 2006, S. 446). Soziale Arbeit hat somit den Auftrag, sich in ihren Handlungen sowohl auf den einzelnen Menschen als auch auf dessen Umwelt und die beeinflussenden Strukturen zu konzentrieren, und findet ihr Wesen in der aktiven Unterstützung von Subjektivierungsweisen in Fällen sozialer Problemlagen (vgl. Kessl/Otto 2006, S. 442). Dabei sind die Anerkennung des „in Beziehung Stehens“ des Menschen mit seiner Umgebung und die wechselseitige Einflussnahme von und auf die Umwelt grundlegend. „Selbstbestimmter und gelingender“ (Thiersch 2003) kann der Alltag nur werden, wenn neben dem Fokus auf die Stärkung des Subjektes auch die beeinflussenden Rahmenbedingungen und Teilhabechancen aktiv beeinflusst werden. Es müssen „Verwirklichungschancen“ (Sen 2000) vorhanden sein, um eine Willensumsetzung zu realisieren. Der Fokus auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spielt für eine Soziale NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 12 Arbeit, die sich am Willen der Adressaten4 ausrichtet, aus noch einem weiteren Grund eine wichtige Rolle: Der menschliche Wille ist eingebettet in eine Lebensgeschichte und durch die äußeren Rahmen und sozialen Strukturen bedingt. Hat der Mensch demnach aber überhaupt die Möglichkeit, einen freien Willen zu entwickeln, wenn dieser doch durch die äußeren Einflüsse (mit)bestimmt ist? Wie sieht sozialarbeiterischer Umgang mit dem möglichen oder nicht möglichen freien Willen folglich aus? Können Selbstbestimmung und Willensfreiheit vor dem Hintergrund des Kontrollmandats überhaupt ins Zentrum des eigenen Handelns gerückt werden? Und, wenn Soziale Arbeit „Selbstbestimmung“ wirklich fokussieren kann, wie kann sozialpädagogische Unterstützung im Zielhorizont der „Befähigung von Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten“ demnach aussehen? In dem vorliegenden Buch wird auf idealtypische Art und Weise das emanzipatorische Wesen der professionellen Sozialen Arbeit mit der Orientierung an Selbstbestimmung und subjektiver Willensfreiheit herausgestellt. Dabei werden in einem ersten Schritt die Begrifflichkeit Selbstbestimmung und die Utopie einer totalen Willensfreiheit beleuchtet (Kapitel 2). Es geht um eine historisch-philosophische Herangehensweise, die eine innere Selbstständigkeit des Subjektes fokussiert (Kapitel 2.1) und dabei die komplexe Problematik eines totalen Determinismus der totalen Willensfreiheit gegenüberstellt (Kapitel 2.2). Die existenzphilosophischen Ausführungen der französischen Tradition und das vorrangig von Jean-Paul Sartre formulierte Ideal des stets möglichen Entwurfs zur individuellen 4 Die Bezeichnung „Adressat“ scheint dem Autor für die folgenden Ausführungen eines emanzipatorischen Konzeptansatzes Sozialer Arbeit am treffendsten, um die Asymmetrie des Verhältnisses zwischen Sozialarbeiter und seinem Gegenüber möglichst aufzuheben. Während die Positionen in der Klientenbeziehung nicht getauscht werden können („Klient sucht Schutz beim Patron“), ist dies zwischen Absender und Adressat prinzipiell möglich (Es kann „von Gleich zu Gleich versendet“ werden und das nicht nur in eine Richtung) (vgl. Großmaß 2011, S. 3). Gerade in Bezug auf Selbstbestimmung und willensorientiertes Arbeiten gilt es, nicht Experte für die Welt des Gegenübers zu sein, sondern im diskursiven Prozess auf Augenhöhe zugleich Sender und Adressat sein zu können. KAPITEL 1 – EINLEITUNG 13 Freiheit werden in einem Exkurs besonders beleuchtet (Kapitel 2.3). Diese Perspektive der inneren Freiheit wird dadurch, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und für ein Leben in Freiheit auch eine entsprechende gesellschaftliche Ordnung benötigt, durch die Ebene der äußeren Freiheit erweitert. „Was sind die äußeren Faktoren für ein selbstbestimmtes Leben?“, ist die Kernfrage dieses Kapitels (Kapitel 2.4). Folgen wird ein Freiheitsbegriff des Philosophen Peter Bieri, der Freiheit als ein „Handwerk“ versteht, sich trotz Eingebundensein in ein System von Bedingungen ein Urteil bilden und einen eigenen Willen aneignen zu können (Kapitel 3). Dieses Verständnis von Willensfreiheit wird in dieser Arbeit als leitender Selbstbestimmungsbegriff der inneren Freiheit markiert und in einem später folgenden Kapitel auf das emanzipatorische Wesen Sozialer Arbeit bezogen und ausgeführt (Kapitel 5.2). In Kapitel 4. wird das Wesen der Sozialen Arbeit als sozialpolitisches Instrument beleuchtet (Kapitel 4.1). In der Verpflichtung gegenüber den Bedürfnissen des Individuums sowie der Mikrosysteme, den Bedingungen des staatlichen Rechtssystems und der aktuellen Sozialpolitik und als Drittes der Orientierung an der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wird das widersprüchliche Feld von Einflussnahme und Einflussmöglichkeiten angesprochen (Kapitel 4.2). Hier wird sichtbar, wie paradox sich der Auftrag Sozialer Arbeit zwischen „Normalisierung“ und Fokussierung auf die „Freiheit zur subjektiven Selbstbestimmung“ verhält (Kapitel 4.2.1) und dass die Orientierung an den Menschenrechten der Sozialen Arbeit eine Legitimation bieten kann, das Prinzip der Selbstbestimmung zu fokussieren (Kapitel 4.2.2). Im Folgenden wird der Sozialen Arbeit ein zentraler Auftrag gegeben: Menschen bei der Aktivierung ihrer subjektiven Kräfte zu unterstützen und Verwirklichungschancen hierfür zu schaffen, mit denen das professionsethische Prinzip der Selbstbestimmung wachsen kann (Kapitel 5.1). Dieser Auftrag wird auf den Ebenen der inneren Freiheit (Kapitel 5.2) und der äußeren Freiheit (Kapitel 5.3) konkretisiert. Anschließend, in Kapitel 6., folgt ein Bezug zum Fachkonzept Sozialraumorientierung und ihrem zentral verankerten Prinzip der „Orientierung am Willen der Menschen“. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse mit einer Reflexion auf die einleitend gestellten Fragen (Kapitel 7).

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.