7. RESÜMEE in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 83 - 86

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-83

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
KAPITEL 7 – RESÜMEE 83 7. RESÜMEE Das professionsethische Prinzip der Selbstbestimmung verpflichtet Soziale Arbeit, ihre primäre Verantwortung bei ihrem Gegen- über zu suchen und diesen dabei zu unterstützen, sein Leben in freier Entscheidung gelingender zu gestalten. Dabei gilt es, das traditionelle Strukturmerkmal von Hilfe und Kontrolle zu überwinden und, anstatt normierend und normalisierend auf die Welt der Adressaten einzuwirken, eine Perspektive einzunehmen, in der die eigene Tätigkeit als Begleitung, Aktivierung und Unterstützung von Menschen angesehen wird, damit diese ihre Kräfte und ihr Vermögen (wieder)entdecken können. Hilfe muss so angelegt sein, dass aus Abhängigkeit Unabhängigkeit werden kann. Es muss auf die Entwicklung des freien Willens der Subjekte abgezielt werden, um ihnen hierdurch die Möglichkeit zu eröffnen, ihr Leben (wieder) selbstverantwortlich(er) führen zu können. Diese eine zentrale Verantwortung bedeutet für die Soziale Arbeit, sich an den Menschen und an den gesellschaftlichen Verhältnissen zu orientieren. Denn Selbstbestimmung im Ideal ist nicht nur die Fähigkeit zur überlegten, hindernisüberwindenden Willensbildung, was die subjektive Ebene der inneren Freiheit betrifft, sondern auch zur Willensumsetzung, was sich auf die äußere, gesellschaftliche Ebene bezieht. Aller Eingebundenheit in Welt, aller determinierender Faktoren zum Trotz, hat der Mensch die Möglichkeit der Entwicklung eines freien Willens, so die Perspektive des agnostischen Kompatibilismus. Das setzt eine reflexive Fähigkeit voraus und verpflichtet die professionellen Akteure in der fallspezifischen Arbeit, ihre Handlungsschritte auf die Entwicklung und das (Wieder-)Finden NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 84 dieses Vermögens auszurichten. Eine Kultur der Anerkennung und Akzeptanz, jenseits von direkt normierender Einwirkung auf die Welt der Adressaten, spielt dabei in der Beziehungskonstellation ebenso ein zentrale Rolle wie die Schaffung von Orten, an denen die Ausprägung und Entwicklung des Vermögens der inneren Freiheit Bedeutung findet. Die fallspezifische Arbeit, die die komplexen, reflexiven Formen von Selbstbestimmung auf der subjektiven Ebene fokussiert, ist durch fallunspezifische Netzwerk- und Strukturarbeit zu erweitern, in der die Rahmen für die Willensumsetzung eröffnet werden. Die Schaffung von größeren Verwirklichungs- und Teilhabechancen im Sozialen Raum und den Lebenswelten der Menschen durch das Wahrnehmen und Aufmerksammachen auf Missstände durch die politische Einmischung und durch die sozialstrukturelle Veränderung und den Aufbau von Fähigkeitsräumen geben der Sozialen Arbeit das „Politische“ und den Menschen die erweiterte Chance auf Willensumsetzung. Soziale Arbeit muss sich im Zielhorizont Selbstbestimmung folglich als Profession verstehen, die direkt mit den Adressaten arbeitet und zugleich auch an den Verhältnissen des Sozialen Raums. Die Philosophie des Existenzialismus kann hilfreiche Impulse liefern, einen Gedankenraum zu öffnen, in dem das philosophisch-anthropologische Grundverständnis einer optimistischen, auf die Selbstbestimmungspotenziale der Adressaten und am Willen der Menschen ausgerichteten Sozialen Arbeit reflektiert wird. Das Freiheitsverständnis des französischen Existenzialismus verdeutlicht auf zuweilen radikale Art und Weise, dass ein Mensch in jeglichen Situationen des Lebens, egal wie verstrickt die momentane Lage auch sein mag, die Chance hat, Autor seiner Geschichte und seines Lebensentwurfes zu sein. Keinem Mensch kann diesem Verständnis zufolge die Möglichkeit auf Selbstbestimmung abgesprochen werden. Die Orientierung an den Menschenrechten, in denen das Recht auf Selbstbestimmung zentral formuliert ist, kann die Legitimationsbasis für unabhängige Urteile und für eigenbestimmte, professionelle Aufträge liefern. Hierdurch kann Soziale Arbeit die Auftragslage „Normalisierung“ überwinden und ihre Handlun- KAPITEL 7 – RESÜMEE 85 gen auf Selbstbestimmung und Selbstermächtigung der Adressaten konzentrieren. Die konzeptionelle Ausrichtung „Sozialraumorientierung“ stellt den Willen der Menschen in den Mittelpunkt und bietet der Sozialen Arbeit mit dem professionsethischen Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung einen greifbaren Orientierungsrahmen. Dieser konzeptionelle Hintergrund kann für die Herangehensweise in zahlreichen Feldern Sozialer Arbeit dienen und den in diesem Buch idealtypisch aufgezeigten Inhalt der professionellen Leistung, dass die Menschen ihre (je eigenen) Fähigkeiten für ein selbstbestimmtes Leben ausprägen und umsetzen können, fokussieren. Selbstbestimmung – dieses hoch gesteckte Ideal, nach freiem Willen über sein Leben entscheiden zu können – bedeutet, „äußerem Zwang entfliehen, einem befreienden Selbstbild Einfluss verschaffen, Manipulation abwehren, zu einer eigenen Stimme finden“ (Bieri 2007). All das gehört zum Kampf um Selbstbestimmung und all das setzt die Entwicklung von inneren Fähigkeiten und die Erweiterung von äußeren Möglichkeiten voraus. Soziale Arbeit kann hier unterstützend wirken. Sie muss sich den Adressaten und ihren je eigenen Stärken verpflichtet fühlen und die freiheitsorientierte Grundformel, dass alle Menschen darin gleich sind, ungleich zu sein, ins gedankliche Zentrum jeglicher Handlungen setzen. Selbstbestimmung und die Freiheit des Willens ist etwas Graduelles, was immer wieder verloren gehen kann. Es ist ein Ideal, welches zu erreichen Kraftanstrengungen benötigt. Nur mit dem Vertrauen in das subjektive Vermögen des einzelnen Menschen ist die Erreichung dieses Ideals möglich. „Um das Mögliche zu erreichen, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ (Hermann Hesse) Dies gilt auch für den Zielhorizont „Selbstbestimmung“, wozu Soziale Arbeit ihren unterstützenden Beitrag leisten kann.

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.