6. „SOZIALRAUMORIENTIERUNG“: DER WILLE DER ADRESSATEN ALS BEZUGSPUNKT in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 73 - 82

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-73

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL 6 – SOZIALRAUMORIENTIERUNG 73 6. „SOZIALRAUMORIENTIERUNG“: DER WILLE DER ADRESSATEN ALS BEZUGSPUNKT Die sozialpädagogische Unterstützung von Adressaten auf dem Weg hin zu einem selbstbestimmteren und gelingenderen Alltag muss sich direkt am Menschen (vgl. Kapitel 5.2) und zugleich an den Verhältnissen des Sozialen Raums (vgl. Kapitel 5.3) orientieren. Dabei gilt es als Maxime, den Menschen in seiner je eigenen Normalität zu akzeptieren, ihn nicht mit normierendem Interventionshandeln in eine Normalitätsvorstellung zu „(er)ziehen“ (Überwindung des „doppelten Mandats“; vgl. Kapitel 4), sondern auf seinen Kräften und seinem (freien) Willen aufbauend ihn dabei zu unterstützen, individuelle Lösungswege zu entwickeln. Erziehungskritische, am Willen und den Interessen der Adressaten orientierte Positionen sind seit der Debatte um antipädagogische und non-direktive Konzepte und Ansätze in der Sozialen Arbeit salonfähig geworden. Ob als „Kraftquelle“ (z. B. Fehren/ Hinte 2013, S. 14), „Zugkraft zur Veränderung“ (Lüttringhaus/ Streich 2007, S. 137) oder „potenziell subversiv“ (Hinte 2014, S. 13) definiert – der Wille ist Ausdruck eigensinniger Individualität, die nicht durch Expertenwissen („Ich weiß, was für dich gut ist, und das tun wir jetzt“) und bevormundende, erzieherische Prozesse verschüttet werden soll.21 Die Vorstellung vom Willen22 als inne- 21 In der Fachliteratur gibt es eine wachsende Zahl an Vertretern, die behaupten, eine Soziale Arbeit mit einer (radikalen) Willensorientierung verliere ihren emanzipatorischen Ansatz, da der Wille letztendlich Produkt der jeweiligen sozialen Lage ist und gesellschaftliche Ungleichheiten hierdurch reproduziert werden (vgl. z.B. Landhäußer 2009, Oelkers/Schrödter 2010, Kessl 2011). Diese Argumentationslinie widerspricht implizit der Mündig- NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 74 rer Kern jeglicher Handlungen und die Orientierung an der inneren sowie an der äußeren Freiheit findet sich in der konzeptionellen Ausrichtung „Sozialraumorientierung“ wieder. Sozialraumorientierung hat sich in den vergangenen Jahren „zu einer der schillerndsten Etikette in der Sozialen Arbeit“ entwickelt (Fehren/Hinte 2013, S. 7). Sozialraumorientierte Soziale Arbeit ist laut Wolfgang Hinte, ein „hochgradig personenbezogenes“ Konzept sowie gleichzeitig eines mit sozialökologischen und auf die Veränderung von Verhältnissen angelegten Zielen. Sozialraumorientierte Soziale Arbeit ist keine neue Theorie, „sondern eine unter Nutzung und Weiterentwicklung verschiedener theoretischer und methodischer Blickrichtungen entwickelte Perspektive, die als konzeptioneller Hintergrund (Fachkonzept) für das Handeln in zahlreichen Feldern sozialer Arbeit dient“ (ebd.). Man kann die SRO als Erweiterung der Gemeinwesenarbeit (GWA) verstehen, welche „präzisiert, ergänzt und erweitert wurde“ (Hinte 2005, S. 539f.) und die an den Lebensweltbezug (Lebensweltorientierung) von Hans Thiersch anknüpft (vgl. ebd., S. 540). Dabei sind aus der Tradition der GWA zwei Aspekte bis heute von besonderer Bedeutung, die wesentliche Grundlagen für das in den 1990er Jahren entwickelte Fachkonzept SRO geworden sind (vgl. Hinte 2005, S. 537, Hinte 2014, S. 12): Die Orientierung an den Interessen der Wohnbevölkerung. Mit der Einführung des Begriffs des Willens wurde der Versuch gestartet, den Subjekt-Bezug zu konkretisieren. keit eines Subjekts, weil davon ausgegangen wird, der Wille wird ausschließlich von außen determiniert. 22 In den unterschiedlichen Ausführungen (vgl. Hinte 2005, 2007, 2008, 2014; Hinte/Treeß 2007; Fehren/Hinte 2013; Bestmann 2007 und 2012) ist durchgehend vom Willen der Adressaten als Bezugspunkt die Rede. Dies wird in dieser Arbeit als die Orientierung am freien Willen der Adressaten verstanden. Ob und wo die Autoren zwischen dem Willen und dem hier ausgearbeiteten freien Willen unterscheiden, ist an dieser Stelle nicht abschließend festzustellen. Dieser Frage widmet sich der Autor dieses Buches in seiner Dissertation, die als Vergleichsarbeit angelegt ist. KAPITEL 6 – SOZIALRAUMORIENTIERUNG 75 Die sozialökologische Sichtweise, die sich vornehmlich in der territorialen Ausrichtung aktivierender und organisierender Tätigkeiten ausdrückt und nach wie vor als Verständnis, dass räumliche Bedingungen durch die Aktivität betroffener Menschen im Sinne dieser Menschen zu ändern sind, Geltung findet. Neben der Tradition der GWA und der Anknüpfung an das Lebensweltkonzept speist sich das Fachkonzept SRO auch aus erziehungskritischen und humanistischen Theorien (vgl. Fehren/Hinte 2013, S. 12). Die zentrale Formulierung der Sichtweise, dass der Wille, die Interessen und die Ressourcen in den Vordergrund gerückt werden, gehen nicht zuletzt auf den US-amerikanischen Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers (1902–1987) zurück. In den theoretischen Grundlagen der „non-direktiven Pädagogik“ (vgl. Hinte 1990), wurden die Gedanken des „unverwechselbaren Individuums“ (ebb, S. 58) aufgegriffen. Das optimistische Menschenbild der Humanistischen Psychologie ist grundlegend für die non-direktive Pädagogik, die wiederum als Basis für die methodischen Handlungsprinzipien des Fachkonzeptes SRO dient. Rogers hielt nichts von Diagnose und vertraute sich konsequent der Führung seines Gegenübers an. Dabei vertraute er in idealistischer Weise darauf, dass der Mensch einen konstruktiven Kern hat, vertrauenswürdig ist und alle Ressourcen besitzt, um ein Leben in der ihm gemäßen Art und Weise zu gestalten (vgl. Fehren/Hinte 2013, S. 13). In Anlehnung an den österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl und die Existenzphilosophie des Dänen Sören Kierkegaards (s. Kapitel 2.3) entwickelte Rogers ein Menschenbild, in dem jedes Individuum seine „eigene Einstellung innerhalb jeder gegebenen Anordnung von Umständen wählen kann“ (Trein 2010, S. 55). Dies führte konsequenterweise dazu, dass Rogers „systematische Lenkung, dominantes Therapeutenverhalten und expertokratisches Auftreten“ vermied und Achtung, Wertschätzung und emotionale Wärme zu wesentlichen Bestandteilen der von ihm propagierten Haltung wurden (Fehren/Hinte 2013, S. 12). SRO wagt einen Brückenschlag zwischen der angeführten Humanistischen Psychologie Rogers‘ und der Gemeinwesenarbeit und verknüpft diesen „Personenbezug“ mit dem Ziel, dazu beizutragen, „Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Menschen dort NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 76 entsprechend ihren Bedürfnissen zufrieden(er) leben können“ (ebd., S. 13). Ins Zentrum des Fachkonzeptes Sozialraumorientierung wurden konsequenterweise die Lebensthemen und der Wille der Menschen, ihr Alltag und ihre Lebensweltbezüge und damit einhergehend der soziale Raum gesetzt (vgl. Bestmann 2007). Das heißt, dass als Grundlage für die Vorgehensweise der Fachkräfte eine entsprechend reflektierte Haltung dient, die durch das Bemühen gekennzeichnet ist, herauszufinden, was der jeweilige Gegenüber will. Die Konsequenz für professionelles Handeln heißt entsprechend, dass die Menschen, mit denen gearbeitet wird, nicht zu etwas motiviert werden, was der Sozialarbeiter oder der Hilfeplan vorsieht, etwa nach dem Motto „Wo mein Wille ist, ist dein Weg“ (vgl. Lüttringhaus/Streich 2007, S. 137), sondern die Suche nach den eigenen Motivationen der Menschen ist zentraler Ansatzpunkt. Als Professioneller ist man darauf angewiesen zu erfahren, welche Sichtweisen und Deutungen die Betroffenen haben. Dies ist der Kern der Arbeit, der Ansatz am Willen. „Ich will alles dafür tun, alle meine Möglichkeiten einsetzen und ausschöpfen, um eine Veränderung herbeizuführen. Im Willen steckt die eigene Motivation und damit die Zugkraft zur Veränderung“ (ebd.). Die Suche nach dem Willen führt zu einem aktiven Subjekt mit eigener Weltsicht und der Möglichkeit auf einen eigenen, freiheitlichen Lebensentwurf, trotz aller Einbindungen in Milieu und Lebenswelt (vgl. hierzu die Ausführung in Punkt 5.2). Nicht immer ist dieser Wille im klassischen Sinne reflexiv bewusst, kann aber im Kontakt mit den Professionellen (wieder)entdeckt und formuliert werden (Hinte 2014, S. 13; Nuss 2013, S. 222ff.). Weil der Adressatenwille „potenziell subversiv […], [für den Sozialarbeiter] nicht berechenbar, gelegentlich lästig, störrisch und nicht domestizierbar [ist] und […] keinem pädagogischen Plan [folgt]“ (Fehren/Hinte 2013, S. 14), ist er „Ausdruck eigensinniger Individualität und führt oft zu den psychischen Kraftquellen des Menschen, aus denen er Energie und Würde schöpft“ (ebd.). Die Suche nach den Zielen, die Menschen in ihrem Leben erreichen wollen, und den darauf bezogenen, „lebensgeschichtlich ausgebildeten Kompetenzen“ (ebd., S. 15) zu unterstützen, gehört zum Professionsverständnis eines sozialraumorientierten Sozialarbeiters. Das Kreieren von passgenauer Unterstützung KAPITEL 6 – SOZIALRAUMORIENTIERUNG 77 „fördert dabei die Selbsttätigkeit der Menschen in einer Art und Weise, dass die professionelle Fachkraft nicht klassisch als ‚Hilfe‘ fungiert, sondern als Unterstützer/in von Eigenaktivität und geschickte Gestalter/in von Hilfsarrangements, die die Betroffenen gezielt, passgenau und effizient dabei unterstützen, ihr Leben selbst zu bestimmen und ein von professioneller Hilfe unabhängiges Leben zu führen“ (ebd., S. 15f.). Es geht also im Verständnis der SRO nicht darum, den Menschen normierend zu verändern, sondern darum, unter aktiver Beteiligung der betroffenen Menschen Situationen zur Verbesserung ihrer persönlichen Lebenssituation zu gestalten und dabei in der Orientierung am Willen ein selbstbestimmteres Leben des Gegen- übers zu ermöglichen. Dabei ist zu beachten, dass eine willensorientierte Arbeit die Adressaten gerade nicht im neoliberalen Verständnis alleine lässt („Die Leute können ja, wenn sie nur wollen“) und Schuldzuweisungen für prekäre Lebenssituationen gibt (vgl. Noack 2015, S. 109). Insofern ist es von hoher Bedeutung, dass ein Wille sich auf Zustände (Ziele) bezieht, die die Adressaten nach eigener Kraft und eigener Einschätzung auch wirklich erreichen können (vgl. ebd.). Das Fachkonzept Sozialraumorientierung sieht sich fünf Prinzipien verpflichtet: (1.) Der Orientierung am Willen des Menschen, (2.) Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe, (3.) Konzentration auf die Ressourcen (der Menschen und des Sozialraumes), (4.) einer zielgruppen- und bereichsübergreifende Sichtweise, sowie (5.) der Kooperation und Koordination. (1.) Der Wille der Adressaten wird also der Bezugspunkt der Arbeit, um den sich die Handlungen der Sozialen Arbeit aufbauen. Dies impliziert einen starken eigenen Bezug des Individuums und setzt ein damit verbundenes Einbringen des selbigen voraus. Deshalb muss zu Beginn einer jeden Zusammenarbeit erst einmal geklärt werden, ob der Mensch überhaupt etwas verändern möchte (vgl. Bestmann 2012). In der Sozialraumorientierung wird – wie oben bereits erwähnt – davon ausgegangen, dass der Wille des Menschen „eine wesentliche Kraftquel- NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 78 le“ für Aktivitäten zur Gestaltung des eigenen Lebens und des Wohnumfeldes darstellt (vgl. Hinte 2008, S. 3). „Der Wille ist eine Haltung, aus der heraus ich selbst nachdrücklich Aktivitäten an den Tag lege, die mich dem Erreichen eines von mir erstrebten Zustandes näher bringen.“ (ebd.) Dabei hat der Mensch seine Ressourcen zur Verwirklichung des Zustandes selbst in der Hand, was für den professionellen Akteur eine bestimmte Handlungsrichtung vorgibt und sein Rollenverständnis und seinen Arbeitsansatz stark beeinflusst. Der Mensch wird nicht zum Objekt sozialarbeiterischer Handlungen. Keine „Vorab-Definition“ eines wünschenswerten Willens“ (ebd.) soll erfolgen, bei der der Sozialarbeiter als Experte schon weiß, was für den Adressaten das Richtige ist. Der einzelne Mensch soll in seinem Status eines selbst aktiven Subjektes verbleiben, das in seiner je eigenen Wahrnehmung und Gestaltungsfähigkeit ernst genommen wird. Der Mensch selbst ist derjenige, der definiert, was für ihn einen gelingenderen Alltag darstellen kann, ob er diesen überhaupt erreichen will und wie der Weg dorthin möglicherweise gestaltet werden kann (vgl. Bestmann 2012). Bei der Suche nach dem Willen konzentriert sich der professionelle Akteur auf solche Inhalte und Situationen, die nach Einschätzung der Betroffenen vorrangig durch eigene Kraftanstrengungen, aber auch unter Nutzung sozialarbeiterischer Unterstützung realistisch erscheinen. Der Respekt vor dem Eigensinn der Menschen, der die Grundlage für eine Haltung ist, aus der heraus die jeweils subjektiven Entscheidungen der Menschen nicht bewertet oder verurteilt werden, sondern als Ausgangspunkt für Kooperation, Abstimmung oder auch Auseinandersetzung genommen werden, ist zentraler Baustein des sozialräumlichen Konzepts (vgl. Hinte 2008, S. 3). (2.) Die Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe als zweites Prinzip der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit fokussiert die Aktivierung der eigenen Kräfte der Adressaten, damit diese rückblickend sagen können: „Das habe ich selbst geschafft“ (vgl. ebd., S. 5). Eigene Aktivität hat grundsätzlich Vorrang vor betreuender Tätigkeit durch den professionellen Akteur. Wer KAPITEL 6 – SOZIALRAUMORIENTIERUNG 79 aus eigenen Kräften etwas gibt und für sich selber tut, wird daraus mehr Selbstwertgefühl entwickeln als derjenige, der ausschließlich empfängt und von dem nichts erwartet wird, so das Prinzip. Auf der Grundlage einer aufmerksamen Erkundung des Willens des Menschen, wird mit diesem gemeinsam ein Plan entwickelt, bei dem der Beteiligte im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Gelingen der jeweiligen Situation beiträgt. Es geht also insbesondere darum, herauszuarbeiten, was der Adressat selbst tun kann, um seinen eigenen Vorstellung und seiner Willensbekundung im konkreten Alltag durch eine folgende Willensumsetzung ein Stück näher zu kommen. (3.) Dabei wird darauf geachtet, dass die vorhandenen Ressourcen der Menschen und des Sozialraums genutzt werden. Sozialraumorientierte Ansätze richten ihr Augenmerk immer auf die Ressourcen/Stärken der Menschen, die selbst bestimmen, was eine Ressource sein kann und was nicht (vgl. Bestmann 2012). Dies bezieht sich ebenfalls auf die Ressourcen des Sozialraums, „die in ihrer Nutzbarkeit abhängig von der individuellen Betrachtungsweise sind“ (ebd.). Das Vertrauen in die Fähigkeiten eines Menschen spielt hier eine entscheidende Rolle im Wissen, dass jeder einzelne Mensch etwas kann. Der Hinweis auf die Ressourcen von Menschen ist als Handlungsmaxime Sozialer Arbeit eine wirksame Möglichkeit, Menschen dabei zu unterstützen, „unabhängig zu werden von sozialstaatlicher Alimentierung und in Würde eigenständig ihre Belange auch in prekären Situationen selbst in die Hand zu nehmen“ (Hinte 2008, S. 9). Hinte weist darauf hin, dass das Prinzip „Orientierung an den Ressourcen“ sich ins Gegenteil verkehrt, wenn es als sozialpolitische Maxime missbraucht wird und auf den Ausgleich von Arm und Reich und politische Umverteilungsprozesse verzichtet wird (vgl. ebd.). Wenn benachteiligte Wohnquartiere sich nach der Devise „Die sollen mal auf ihre eigenen Ressourcen zurückgreifen“ selbst überlassen bleiben, ist damit die oben angesprochene Gefahr formuliert, dass eine willens- und ressourcenorientierte Arbeit die Adressaten im neoliberalen Verständnis alleine lässt. Soziale Arbeit hat sensibel darauf zu achten, dass „das selbst in die Hand nehmen“ nicht als sozialpolitische Möglichkeit interpretiert wird, keinen Ausgleich zu schaffen. Der Auftrag, aktiv an der Verbesserung der äußeren NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 80 Gegebenheiten zu arbeiten, geht durch den Hinweis auf die Ressourcen nicht verloren (vgl. ebd.). (4.) Die zielgruppen- und bereichsübergreifende Sichtweise kennzeichnet das vierte Prinzip des sozialraumorientierten Konzepts. Damit wird „ein schablonenhafter Blick“ (ebd.) auf vorab definierte Zielgruppen vermieden. Stattdessen werden alle in einem Stadtteil lebenden Menschen – egal ob jung oder alt, weiblich oder männlich, mit viel oder wenig ökonomischen Kapital ausgestattet – in den Fokus gesetzt und aktiv einbezogen. Ein solcher Zugang schließt zielgruppenspezifische Aktionen nicht gänzlich aus, doch er vermeidet vorab definierte Stigmatisierungen (vgl. ebd., S. 10). Der übergreifende, kontextbezogenen Blick zeigt sich auch in dem ständigen Bemühen, Sektoren außerhalb des engen sozialen Bereichs in die unterstützende und gestaltende Arbeit einzubeziehen und somit äußere Chancen für die Menschen zu erhalten oder (wieder)herzustellen. Die materielle Wirklichkeit der Menschen in einem Wohngebiet wird durch Tätigkeiten im sozialen Bereich nur marginal beeinflusst. Bedeutsam sind hier beispielsweise die Politik von Wohnungsbauunternehmen, die Schulpolitik, die Stadtplanung und Wirtschaftsförderung (vgl. Hinte 2008, S. 11), bei denen die bereichsübergreifende Arbeit ansetzen sollte und worin Chancen zur Verbesserung der Lebenssituation des Gegenübers liegen (vgl. Hinte/Treeß 2007, S. 112). (5.) Das Konzept lebt von der Bereitschaft, mit allen Akteuren im Sozialraum zu kooperieren. Die dargestellten Prinzipien bedingen nun geradezu eine kooperative Zusammenarbeit der verschiedenen Träger, Dienste, Einrichtungen et cetera und verbieten eine Einengung auf Zuständigkeitsbereiche von Institutionen (vgl. Hinte 2008, S. 11). Dieses fünfte Prinzip der Kooperation und Koordination befördert eine „ganzheitliche Sichtweise“ (Hinte/Treeß 2007, S. 75) auf die Lebenssituation der Menschen und auf die Zusammenhänge des Sozialen Raums. KAPITEL 6 – SOZIALRAUMORIENTIERUNG 81 Die konzeptionelle Ausrichtung Sozialraumorientierung mit den fünf dargestellten Prinzipien kann der Sozialen Arbeit in zahlreichen Praxisfeldern als Hintergrund für die Arbeit mit dem Zielhorizont Selbstbestimmung dienen. Die stetige Orientierung am Willen der Menschen als Kern des Fachkonzeptes ermöglicht den Menschen eine selbstbestimmtere Lebensführung. Sozialräumliche Soziale Arbeit agiert nicht mit dem Anspruch der normativen Veränderung der Individuen, was dem oben dargestellten, idealtypisch gezeichneten Handeln mit dem Fokus Selbstbestimmung ähnlich ist. Die Fokussierung am Menschen zielt auf eine Entwicklung der inneren Freiheit ab, indem herausgearbeitet wird, was der Adressat selbst tun kann, um seinen eigenen Vorstellungen und seiner Willensbekundung im konkreten Alltag durch eine folgende Willensumsetzung ein Stück näher zu kommen. Die Schwierigkeit, erst einmal überhaupt einen eigenen Willen entwickeln zu können, wird in dem Fachkonzept allerdings nur selten explizit betont (vgl. Raspel 2014). In der idealtypischen Herangehensweise dieses Buches wird dies konkret erweitert. Soziale Arbeit hat sich auch der Unterstützung der Entwicklung und Ausprägung des eigenen Willens der Adressaten verpflichtet zu fühlen, damit der tatsächliche Wille – die Übereinstimmung von Wunsch und Willenshandlung – als Basis für weitere Handlungen dienen kann. Die Sozialraumorientierung fokussiert neben den Menschen auch die beeinflussende Außenwelt. In dem Fachkonzept wird die Wichtigkeit der Vergrößerung der äußeren Chancen zur Verbesserung der Lebenssituation der Adressaten herausgestellt, was hohe Schnittmengen mit der idealtypischen Darstellung an äußeren Freiheiten in Kapitel 5.3 aufweist. Auch hier ist vor allem die Tätigkeit an lokalen politischen Entwicklungen zur Vergrößerung von Verwirklichungschancen formuliert, was in den Prinzipien der „bereichsübergreifenden Sichtweise“ und „Kooperation und Koordination“ sichtbar wird.

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.