5. SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 61 - 72

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-61

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 61 5. SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 5.1 Zentrale Verantwortung: Menschen bei der Aktivierung ihrer subjektiven Kräfte unterstützen und Verwirklichungschancen hierfür schaffen In Kapitel 4.1 wird das komplexe Verhältnis von Sozialer Arbeit zu einem freien Willen des Gegenübers deutlich. Sozialintegration durch die Schaffung von Normalität herzustellen, bedeutet im strengen Sinne eine Kanalisation von freien Willensbekundungen der Adressaten. Um dem Auftrag, „Menschen zu befähigen, in freier Entscheidung ihr Leben besser gestalten zu können“ (vgl. IFSW 2007), und den Menschenrechten, in denen das Recht auf Selbstbestimmung grundlegend verankert ist (vgl. Punkt 4.2.2), gerecht zu werden, muss die Soziale Arbeit ihre Auftragslage als Verpflichtung gegenüber den Adressaten verstehen, sie bei dem Erreichen eines eigenständigen und selbstbestimmten Lebens zu unterstützen. Dabei gilt es, die systemische Auftragslage der „Normalisierung“ zu überwinden. Die somit formulierte Verantwortung kann auf den folgenden beiden Ebenen konkretisiert werden: 1. Den einzelnen Menschen individuell zu unterstützen und ihm Räume zu eröffnen, indem seine subjektiven Kräfte und seine „innere Freiheit“ entfaltet werden können, um ein Leben in der Moderne selbstverantwortlich führen zu können. Grundlegend gilt hier, die je „eigene Normalität der Subjekte“ (Lutz 2011, S. 76) zu akzeptieren und aus professionsethischer Verpflich- NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 62 tung die Orientierung am (freien) Willen der Adressaten zu fokussieren (vgl. Kapitel 5.2). 2. Raum mitzugestalten, der von Freiheit und Verwirklichung gekennzeichnet ist und in dem die individuellen Fähigkeiten der Adressaten in den gesellschaftlichen Kontexten entfaltet werden können. Die Erweiterung von „Verwirklichungschancen“ (Sen 2000) ermöglicht den Menschen die (äußere) Freiheit, „sich selbst zu helfen“ (vgl. Kapitel 5.3). In der Orientierung an dieser zentralen Verantwortung – Menschen bei der Aktivierung ihrer subjektiven Kräfte zu unterstützen und Verwirklichungschancen hierfür zu schaffen – würde der Kontrollaspekt, der zugespitzt auch als Anpassung interpretiert werden kann (vgl. Lutz 2011, S. 15), seine Polarisation zur Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Adressaten verlieren. Soziale Arbeit würde zwar den Aspekt von Kontrolle nicht vollends verlassen, diesen aber in eine Richtung verändern, der einen bemächtigenden Anspruch hat. Unterstützungs- und Interventionsmechanismen der Sozialen Arbeit wären so zu sehen, dass Menschen sich durch die Gestaltung ihrer Lebensführung anpassen (normalisieren im Sinne der erlebten Umweltanforderungen und normativen Regeln), „indem sie sich Neues aneignen, dies in den eigenen Lebensentwurf einbauen und sich damit auch weiterhin in der Welt orientieren und sich entwickeln“ (ebd., S. 15f.). Die je eigene Normalität und den freien Willen der Subjekte zu akzeptieren stößt – im Vergleich zur „Wächter- und Kontrollfunktion“ (Galuske 2002, S. 136) – an erweiterte Grenzen, die aber nicht vollends aufgehoben sind. Denn: Eine Lebensführung muss in einer gewissen Übereinstimmung mit der kulturellen Umwelt erfolgen. Dies ist für jeden Menschen notwendig, um überhaupt in sozialen Gemeinschaften leben zu können. „Eine jede persönliche Veränderung und Neuausrichtung, die zugleich neue Handlungspotenziale erschließen, erproben und umsetzen soll, was ja das originäre Ziel der Sozialen Arbeit beinhaltet, erfordert immer eine Neuausrichtung an die Verhältnisse und deren normative Ordnungen“ (Lutz 2011, S. 15). KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 63 Eine Soziale Arbeit, die sich so versteht, verliert die harte Intermediarität und das Mandat Auffälligkeiten zu überwachen und die Adressaten an Normalisierungsstandards anzupassen. Die Chancen menschlicher Entwicklung steigen, wenn sie nicht mehr durch scheinbar generell gültige Normalisierungsstandards eingeengt werden, sondern von den Menschen und deren Sorgen und der Suche nach Optionen für einen selbstbestimmteren und gelingenderen Alltag (vgl. Thiersch 2003) ausgehen. Das Bemühen, herauszufinden, was der jeweilige Gegenüber will, und somit die Suche nach dem Willen ist im Fachkonzept Sozialraumorientierung fest verankert und eine konzeptionelle Leitlinie, die die Individualität von Menschen ins Zentrum der Aktivität stellt (vgl. Kapitel 6). Alice Salomon (1872–1948), eine Vorreiterin der Verberuflichung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit, hat bereits 1926 formuliert: „[…] jeder Versuch zu helfen, der nicht auf eine Bereitschaft des Hilfsbedürftigen stößt, ist zum Scheitern verurteilt“ (Salomon 1926, S. 56). Deshalb hat Soziale Arbeit die eine zentrale Verantwortung (Lutz 2011, S. 16): „Menschen bei der Aktivierung ihrer Kräfte unterstützen, die zeitweise oder auf Dauer nicht ohne Hilfe in der Lage sind, sich in ihrer Umwelt einzurichten, ihren Verpflichtungen nachzukommen, sich zu verwirklichen und dabei Sinn, Identität und Wohlbefinden zu finden. Aktivierung ist dabei nicht im Sinne zu verstehen, Menschen in ihren Versuchen, dem Labyrinth18 zu entkommen, zu zwingen oder sie gar alleine zu lassen, wenn es ihnen nicht gelingt, und dies ihnen dann als persönliches Versagen anzukreiden. Vielmehr ist Bemächtigung und Begleitung gemeint, um die eigengestaltete Lebensführung neu zu entwerfen und sie auch zu meistern. Dafür muss Soziale Arbeit sich an den Menschen und an den gesellschaftlichen Verhältnissen orientieren (sozial, kulturell, politisch, ökonomisch und rechtlich).“ Soziale Arbeit muss sich also – neben der Unterstützung zur Ermächtigung der Adressaten – politisch, strukturell einmischen, wenn gesellschaftliche Bedingungen und Hindernisse die Menschen so nachhaltig erschöpfen, dass Wege hin zu Selbstbestimmung und Handeln nach dem eigenen Willen für die Adressaten nicht zu ermöglichen sind. Dabei geht es nicht darum, den politi- 18 Labyrinth ist hier gemeint als „Verflechtung in soziale und ökonomische Verhältnisse“, bei der Menschen ohne ausreichendes ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital „verloren gehen“ (Lutz 2011, S. 11). NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 64 schen Auftrag als Normalitätsrepräsentation und -kontrolle zu definieren, sondern Soziale Arbeit als Mitgestalterin von Verwirklichungschancen zu zeichnen. An den Verhältnissen des Sozialen Raumes zu arbeiten, bedeutet, „Gesellschaft“ aktiv mitzugestalten und Beeinträchtigungen, die die Adressaten daran hindern, einen gelingenden Alltag zu leben, zu beschreiben und zu skandalisieren (vgl. Bestmann 2008, S. 92f.). Dies gibt ihr das „Politische“ und somit ein „spezielles politisches Mandat“. Diese Möglichkeit des eigenbestimmten Auftrags zu unabhängigen Urteilen kann in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ihre Legitimationsbasis finden (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 7; Kapitel 4.2.2). Soziale Arbeit kann zur Hilfe im Prozess hin zu einem selbstbestimmteren und freieren Leben werden, und zwar in Bezug auf die individuelle wie gesellschaftliche Dimension (Befreiung zu sich selbst, Befreiung zur Gesellschaft), indem sie für die Einzelnen und Gruppen reflexive Räume eröffnet, in denen individuelle Anliegen, Interessen und Bedürfnisse der Adressaten verhandelt und artikuliert werden können (innere Dimension der Freiheit), und gleichzeitig zur Schaffung von Öffentlichkeit beiträgt (äußere Dimension der Freiheit). Im Folgenden wird dieser zentrale Auftrag Sozialer Arbeit auf den beiden Ebenen der „inneren Freiheit“ (Kapitel 5.2) und der „äußeren Freiheit“ (Kapitel 5.3) konkretisiert. 5.2 Soziale Arbeit und die innere Freiheit Freiheit zu etwas, also genau genommen das Vermögen, das positive Freiheit ermöglicht, setzt menschliche Kompetenzen der Reflexion, also die Fähigkeit, seinen Willen in Abhängigkeit von seinem Urteil verändern zu können, voraus (vgl. Kapitel 2.2 und 3). Die innere Freiheit (Willensfreiheit), braucht Raum zur Ausprägung und Entwicklung dieser reflexiven Fähigkeit und ein anerkennendes, akzeptierendes Gegenüber, genau wie eine Umgebung, die von der Akzeptanz für die „je eigene Normalität des Individuums“ (Lutz 2011, S. 76) geprägt ist. Um den Menschen „frei zu nennen“, muss er aber nicht nur „Selbstbild und Wirklichkeit in Einklang bringen“ (Bieri 2011), sondern er benötigt auch eine gesellschaftliche Ordnung und Rahmenbedingungen, die von KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 65 Freiheit gekennzeichnet sind (Verwirklichungschancen bieten), so dass ein Fähigkeitsraum zur Umsetzung des Willens ermöglicht wird (vgl. Kapitel 2.4 und 5.3). Das professionsethische Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung, welches für eine hier gezeichnete emanzipatorische Sozialpädagogik Geltung findet (vgl. Kapitel 4), spricht den Menschen eine Würde zu, die ihrer Umwelt jede manipulative Fremdbestimmung verbietet (vgl. Oster 2005, S. 39; vgl. Punkt 2.1).19 Diese grundlegende Anforderung bestimmt Soziale Arbeit, die sich in der direkten unterstützenden Beziehungsarbeit mit dem Menschen befindet, in besonderer Weise: Für den mit dem Adressaten im direkten Kontakt stehenden Professionellen entsteht ein Rollenverständnis, welches keine Abhängigkeit durch Hilfe schafft, sondern auf die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung des Adressaten fokussiert ist (vgl. Wolff 1990, S. 22). Die Verantwortung liegt darin, den Menschen zu einem selbstbestimmteren und gelingenderen Alltag zu verhelfen. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Adressaten als Ziel setzt eine bestimmte Beziehungskonstellation zwischen Sozialpädagogen und Adressaten voraus. Eine nicht-urteilende Haltung und nicht die normierende Einwirkung auf die Welt der Adressaten (vgl. Kapitel 4.1 und 4.2) stehen als Prinzip, sondern die Unterstützung des Gegenübers bei der Entwicklung eigener Lösungsideen. Die fallspezifische Arbeit in diesem Kontext hat zum Ziel, das eigene Handeln direkt an den Interessen und dem Willen der Menschen auszurichten, die als „Experten für ihre Lebenswelt“ 19 An dieser Stelle stellt sich die Frage nach ethisch vertretbarer Bevormundung und Paternalisierung bei Kindern und Jugendlichen. Wann und inwieweit kann ich – vor dem Hintergrund des professionsethischen Prinzips der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung – einen Minderjährigen (also einen gesetzlich noch nicht mündigen Bürger unserer Gesellschaft) zulasten seines eigenen Willens, aber seinem persönlichen Wohl dienend, bevormunden? Diese Frage kann in diesem Buch nicht abschließend beantwortet werden, da hier die idealtypische Zielrichtung Sozialer Arbeit von Selbstbestimmung und freier Willensentwicklung und -umsetzung thematisiert ist und die Ausführungen sich zuvorderst auf „zur Mündigkeit fähige Erwachsene“ beziehen (vgl. Punkt 2.2). Sicher scheint allerdings, dass für die Entwicklung des eigenen freien Willens von Kindern und Jugendlichen der oben angesprochene Raum zur Ausprägung und Entwicklung dieser reflexiven Fähigkeit und die Anerkennung und Akzeptanz der Individualität ebenfalls von zentraler Bedeutung sind. NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 66 verstanden werden (Grunwald/Thiersch 2005, S. 1137). Der Adressat muss hierbei in seiner Subjektstellung gesehen werden und ist nicht Objekt sozialarbeiterischer Behandlung. Damit werden die selbsthelfenden Kräfte sowie die Eigeninitiative der Adressaten im Sinne einer nachhaltig stabilisierenden „Hilfe zur Selbsthilfe“ gefördert (vgl. Bestmann 2007). Nicht der ganze Mensch wird als Fall angesehen, sondern die problematische Lebenssituation, in welcher er steht und die es zu bewältigen gilt. Sofern der einzelne Mensch selbst als Fall gesehen wird, ist dies eine „Missachtung der Selbstsorge dieser Person und ihrer mündigen Wirkung wie auch ein Verstoß gegen die persönliche Autonomie“ (ebd.). Der Adressat gewinnt dadurch, dass die Lebenssituation und nicht er selbst als Fall gesehen wird, an Mündigkeit. Er hat die Möglichkeit, seinen eigenen Fall zu sehen, sich hierzu seine eigene Meinung zu bilden und zu bestimmen, was zu einer Veränderung nötig ist. Der Experte für „seinen Fall“ ist und bleibt der Adressat selbst. Der Sozialarbeiter muss verstehen, was das Problem aus Sicht des Adressaten ist: Sein Rollenverständnis ist in der Entwicklung und Beschreibung der eigenen Ziele des Adressaten unterstützend, genau wie in dem Prozess des Lösungsweges. Diese Herangehensweise ermöglicht eine größere optionale Vielfalt und Freiheit für den Adressaten, da der Sozialarbeiter nicht mit einem normativen Blick im Sinne einer sittlichen Persönlichkeitsentwicklung den Weg und das Ziel bestimmt, sondern individuell unterstützend hilft, die subjektiven Kräfte des Gegenübers zu entfalten (vgl. Hinte/Treeß 2007, S. 46). Diese Herangehensweise ist eine offene – offen in ihrer Entwicklung und keinem vordefinierten Plan folgend – und verlangt von dem Professionellen die Fähigkeit und Bereitschaft, „Ungewissheitsstrukturen“ zu erdulden und zu ertragen (vgl. Lutz 2011, S. 77). Bei dieser prinzipiellen Zielsetzung der Entwicklung von mehr innerer Freiheit ist es von zentraler Wichtigkeit, eine ehrliche Wertschätzung für die Werte der Adressaten aufzubringen und der „anerkennende, akzeptierende Andere“ (Bieri 2011, S. 30) zu sein (vgl. Kapitel 3). Das erfordert Demut vor den Werten des einzelnen Menschen und das Sich-Einlassen auf den Dialog als Methode, der auf gegenseitigem Vertrauen aufbaut. KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 67 Das eigene Handeln direkt an den Interessen und dem Willen der Menschen auszurichten, bedeutet aber auch, um die Grenzen und Schwierigkeit der Entwicklung eines eigenen Willens Bescheid zu wissen (vgl. Kapitel 2.2 und 3). Frei ist, wer sich in seinem Handeln an seinen Präferenzen auszurichten und somit selbst zu bestimmen vermag, auf welche Weise er sein Leben verbringen will (vgl. Pauen 2004, S. 15). Es reicht nicht aus, im existenzphilosophischen Sinne vorauszusetzen, dass der Mensch seinen freien Willen stets entwickeln und äußern kann und ich als Sozialarbeiter mein Handeln daran orientiere (vgl. 2.3). Es ist sozialarbeiterischer Auftrag, den Menschen, „dort wo ihm das Leben nur zustößt und von dessen Erleben er wehrlos überwältigt ist, so dass anstatt von einem Subjekt nur von einem Schauplatz des Erlebens die Rede sein kann“ (Bieri 2011, S. 11), bei der Entwicklung und Ausprägung des freien Willens zu unterstützen, damit dieser einen „individuellen Entwurf der Freiheit“ (Sartre 1946) schaffen kann. Nimmt man das Ziel, den Menschen ein Leben in Selbstbestimmung zu ermöglichen, wirklich ernst, muss es auch Aufgabe sein, Menschen bei der (Wieder-)Entdeckung des eigenen Willens spezielle „Schonräume“ (Galuske/Thole 2006) zur Entwicklung dieser reflexiven Fähigkeit zu gewähren. Diese Schonräume müssen so eingerichtet werden, „dass jedem geholfen wird, zu seiner eigenen Stimme zu finden“ (Bieri 2011, S. 34). Nicht nur die oben aufgezeigte Anerkennung der „je eigenen Normalität“ des Adressaten (bis hin zur Toleranz von Lebensentwürfen, die gesamtgesellschaftliche Normalitätsvorstellungen gänzlich konterkarieren20) spielt hier eine zentrale Rolle, sondern auch die Bereitstellung von Instrumenten („Das Handwerk der Freiheit“; vgl. Kapitel 3), die die „Kategorie des Möglichen“ erweitern: die Spiegelung von Selbstbild und Wirklichkeit des Adressaten im dialogischen Prozess, das gedankliche Eröffnen eines großen Spektrums an Lebensentwürfen, Identitäten und Spielarten menschlicher Beziehungen. Dies kann beispielsweise durch den Zugang zu Literatur und das vielfältige Ausdrücken und das Erzählen von eigenen Geschichten (z.B. durch theaterpädagogische Settings) geschehen. Aber auch die Vernetzung von Personen und Institutionen und 20 Grenzen dieser Toleranz sind dort zu ziehen, wo geltendes Recht überschritten wird und/oder die Freiheit von anderen Menschen und Menschengruppen eingeschränkt wird. NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 68 die Aktivierung zu Fragen der Bewertung und des Erkennens des eigenen Lebens unterstützen die Adressaten aktiv in der (Wieder-)Entdeckung, „der zu sein, der man wirklich sein möchte“ (ebd., S. 13). Diese vielfältigen Unterstützungsformen sollen nicht außerhalb der Lebenswelt passieren, indem Soziale Arbeit die Menschen wie in einem therapeutischen Setting aus ihrer Lebenswelt und ihrem Sozialen Raum herausnimmt. Mit „Schonräumen“ sind Situationen, sind Umgebungen und Momente in der Beziehungsarbeit gemeint, die im Alltag von der anerkennenden und aktivierenden Kultur geprägt sind, in denen die Adressaten die „Autorenschaft für ihr je eigenes Leben“ wieder zurückgewinnen können (ebd., S. 11). Die Arbeit an der inneren Freiheit der Adressaten – gerade auch in dieser komplexen Form des Findens der eigenen Stimme – ist ein zentraler Auftrag für eine Soziale Arbeit, die durch das professionsethische Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung geprägt ist. Neben diesen personenbezogenen, fallspezifischen Aufgaben, sind aber auch Ziele, die die Veränderung von äußeren Verhältnissen und die Erweiterung von Verwirklichungschancen fokussieren, als zentrale sozialarbeiterische Aufgabe formuliert (vgl. Kapitel 5.1). Denn das Ziel, den Menschen ein Leben in Selbstbestimmung zu ermöglichen, ist erst dann wirklich erreicht, wenn sich der tatsächliche freie Wille entwickeln konnte und Raum zur Umsetzung gefunden hat. 5.3 Soziale Arbeit und die äußere Freiheit Freiheit von etwas (Handlungsfreiheit) ist die „Freiheit, zu tun, was man will, das heißt, nicht an der Verwirklichung seines Willens gehindert zu werden“ (Keil 2009, S. 133). Keine „äußere Tyrannei“ (Bieri 2011, S. 7f.) ist dann gegeben, wenn die äußere Ordnung von Wahlmöglichkeiten geprägt ist und gesellschaftliche Faktoren, die als Hindernis zur Verwirklichung des eigenen Willens aufzufassen sind und Menschen daran hindern, einen gelingenden Alltag zu leben, in Verhältnisse der Handlungsfreiheit transformiert werden. KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 69 Ich kann nur dann tun, was ich will, wenn ich es wirklich tun kann. Bei der Frage um ein praktisches Leben in möglichst hoher Selbstbestimmung, muss es, neben der Orientierung am Subjekt und seinem freien Willen, auch darum gehen, ob Handlungen des Einzelnen Raum zur Realisierung finden (vgl. Kapitel 2.3). „Soziale Arbeit als personenbezogene Dienstleistung ist stets auch eine am ‚Gesellschaftlichen‘ arbeitende Profession, am Verhalten der Adressatinnen und zugleich an den Verhältnissen des Sozialen Raums.“ (Bestmann 2008, S. 93) Die Soziale Arbeit wird in der Öffentlichkeit häufig als eine Fachprofession verstanden, die das Hauptaugenmerk auf die individual-persönlichen Faktoren legt (vgl. ebd., S. 80). Auch für viele in Profession und Disziplin tätige Akteure ist die einzelfallbezogene Hilfe, die wirksame und nachhaltige Unterstützung für den Einzelnen, der primäre Fokus, auf den sich die Soziale Arbeit konzentrieren sollte (vgl. Merten 2001). Sieht sich die Soziale Arbeit aber als Profession, der es darum geht, „Menschen zu befähigen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten“ (IFSW 2007), dann ist die Fokussierung auf die individual-persönliche Ebene eine Verkürzung des Auftrages. Die sozialpädagogische Zielsetzung des selbstbestimmteren und gelingenderen Alltags, der sich am (freien) Willen der Adressaten orientiert, bedarf eben auch der Ermöglichung von Handlungsfreiheit (vgl. Kapitel 2.3): Willensfreiheit bedeutet die Fähigkeit zur überlegten hindernisüberwindenden Willensbildung und Willensumsetzung (vgl. Keil 2009, S. 33). Soziale Arbeit muss sich demnach in der Pflicht sehen – dort, wo individuelle Verwirklichungschancen nicht in ausreichendem Maße gegeben sind und die Willensbildung durch äußere Umstände unmöglich wird –, die ursächlichen sozialstrukturellen Phänomene zu benennen und im Ideal zu verändern. Die Beseitigung dieser „Phänomene der Unfreiheit“ ist grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen, „sich selbst zu helfen und auf seine Umgebung einzuwirken“, so Amartya Sens zentrale These zur Entwicklung der Gesellschaft (vgl. Sen 2000, S. 335ff.). Für ihn spielen vor allem die Funktionen und Verflechtungen bestimmter instrumenteller Grundrechte, etwa der ökonomischen Chancen, der politischen Freiheiten, der sozialen Einrichtungen, der Gewährleistung von Transparenz und der sozialen Sicherheiten, eine zentrale Rolle (vgl. Kapitel 2.3). Nicht nur der NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 70 Staat ist für die Gewährleistung dieser im Rechtssystem verankerten Werte (vgl. Kapitel 2.1) zuständig, sondern eine Vielzahl von sozial, wirtschaftlich und politisch tätigen Institutionen sind laut Sen notwendig (vgl. Sen 2000, S. 10f.), um Lebenswelten zu gestalten und Verhältnisse zu schaffen, die es Menschen ermöglichen, in schwierigen Lebenslagen selbstbestimmter zurechtzukommen (vgl. Hinte/Treeß 2007, S. 10). Hier ist (auch) die professionelle Soziale Arbeit angesprochen. Diese ist in den Lebensbereichen der Adressaten lokalisiert. Sie arbeitet im „Mikrokosmos der individuellen Lebensbereiche“ (Böhnisch 1982, S. 67) und nimmt die Perspektive der Adressaten ein (vgl. Kapitel 4.1). Soziale Arbeit hat sich deshalb beim Anspruch, äußere Freiheiten zu realisieren, mit den gesellschaftspolitischen – vor allem auch lokalen politischen – Entwicklungen zu konfrontieren und sich an den Verhältnissen des kommunalen Sozialen Raums zu orientieren (vgl. Grunwald/Thiersch 2005, S. 1142). Dabei sind die Möglichkeiten und die Kräfteverhältnisse der Sozialen Arbeit zu konkretisieren. Das „Aufmerksammachen“ auf verwehrte Teilhabechancen und auf eine ungleiche „Verteilung sozialer, symbolischer, ökonomischer und sonstiger Kapitalien“ (Bestmann 2008, S. 91) sollte sozialpädagogischer Anspruch sein. Die Akteure der Sozialen Arbeit können auch versuchen, dort im Ideal Verhältnisse zu verändern, wo es möglich ist, allerdings besteht die Gefahr, dass sich einzelne Sozialarbeiter „übernehmen, da der Ausgleich bzw. Nichtausgleich maßgeblich in der Sozialpolitik verankert ist“ (ebd.). Soziale Arbeit hat ihre zu reflektierende Praxis also an den Lebenswelten der Menschen auszurichten und muss sich auf dieser Grundlage an politischen Debatten beteiligen, muss dort auf Missstände aufmerksam machen und die „Phänomene der Unfreiheit“ auf der lokalen Ebene anfechten. Es muss bei der Ermöglichung von Entwicklungsräumen um „politische Einmischung“ gehen (vgl. Lutz 2011, S. 99). „Die Perspektive der Sozialen Arbeit liegt […] darin, neue Fragen aufzuwerfen, sie einzubringen und neue Antworten zu fordern und sie selber einzubringen. (..). Hierfür muss sich Soziale Arbeit konstruktiv und kritisch einmischen, Position beziehen, anklagen und einfordern. […] Es ist ein Fordern in öffentlichen Debatten (aufdecken und einmischen) und ein fördern, unterstützen, aktivieren und begleiten der [Adressaten]. […] Einmischen meint auch, den Wohlfahrtsstaat weiter zu entwickeln. […] Dabei ist immer wieder zu verdeutlichen, dass […] der Wohl- KAPITEL 5 – SOZIALE ARBEIT UND DER (FREIE) WILLE 71 fahrtsstaat selbst, in welcher Form auch immer, die Voraussetzung für die individuellen Freiheits-, Gestaltungs- und Handlungsspielräume der Lebensführung schafft.“ (ebd.) Eine Soziale Arbeit, die also für die Erweiterung und/oder (Wieder-)Herstellung von Verwirklichungschancen der Adressaten eintritt, also indirekt oder direkt an instrumentellen Freiheiten arbeitet, hat die Lebenswelt und auch den sozialräumlichen Bezug der jeweiligen Personen somit nicht nur im Blick, sondern auch im aktiven Handeln. Diese sozialräumliche Dimension wird als „fallunspezifische Arbeit“ beschrieben (vgl. Hinte/Treeß 2007), da die sozialräumlichen Ressourcen zunächst nicht konkret in der Arbeit mit dem einzelnen Adressaten eingesetzt werden, sondern entdeckt, gefördert und – mit Hilfe von politischer Einmischung – aufgebaut werden (vgl. ebd.). Die Fachkraft erschließt sich Kenntnisse in einem Sozialraum, ohne bereits zu wissen, ob diese Ressourcen für die zukünftige Arbeit wirklich benötigt werden (vgl. Bestmann 2014, S. 88). Fallunspezifische Arbeit ist folglich eine sozialräumlich orientierte Netzwerk- und Strukturarbeit, die dazu beiträgt, die äußeren Strukturen im Sozialen Raum zum Ziel einer selbstbestimmten und selbstbefähigten Lebensführung der Adressaten zu verbessern. Lebenswelten sollen dem Ideal nach so gestaltet und Verhältnisse so geschaffen werden, dass Menschen Handlungsfreiheit ermöglicht wird, besser und selbstbestimmter in schwierigen Lebenslagen zurechtzukommen. Sozialraumorientierung (SRO) ist die Bezeichnung für die konzeptionelle Ausrichtung Sozialer Arbeit, bei der es nicht (primär) darum geht, Einzelpersonen mit pädagogischen Maßnahmen zu verändern, sondern die äußeren Strukturen nutzbar und freiheitlich zugänglich zu machen. Den „inneren Kern“ (vgl. Hinte/Treeß 2007, S. 108) dieses Handlungskonzeptes Sozialraumorientierung bildet der konsequente Bezug auf die Interessen und den Willen der Menschen, „dem Aspekte wie der geografische Bezug, die Ressourcenorientierung, die Suche nach Selbsthilfekräften und der über den Fall hinausreichende Feldblick logisch folgen“ (Hinte 2008). Da das Fachkonzept Sozialraumorientierung einen starken Bezug des Willens des Individuums zugrunde legt und eine Sozialpädagogik stark macht, die „Mitgestalterin von Verwirklichungsstrukturen“ (Lutz 2011, S. 76) ist, wird folgend die SRO als Beispiel für NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 72 eine Soziale Arbeit mit dem Fokus auf Selbstbestimmung und Willensorientierung vorgestellt (Kapitel 6).

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.