4. SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 49 - 60

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-49

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 49 4. SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 4.1 „Das Dilemma“, beauftragt zu sein Professionelle Soziale Arbeit in ihren verschiedenen Formen richtet sich an die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Die Aufgabe von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen ist es, Menschen zu befähigen, ihre gesamten Möglichkeiten zu entwickeln, ihr Leben zu bereichern und Dysfunktionen vorzubeugen (vgl. IFSW 2007). Als fachlich fundierte Dienstleistung übt Soziale Arbeit sozialstaatlich, gesetzlich legitimierte Verantwortung in Form von Unterstützung und Kontrolle aus (vgl. Lutz 2011, S. 7) und versucht als „gesellschaftliches Allgemeinangebot […] die Verschärfung von materiellen, kulturellen und sozialen Problemlagen bei denjenigen gesellschaftlichen Teilgruppen abzufedern […], die unter den kapitalistischen Reproduktionsbedingungen aufgrund ihrer Marginalisierung leiden“ (Thole 2006, S. 446). Sie ist bemüht, Armut zu lindern, verletzte, ausgeschlossene und unterdrückte Menschen zu befreien sowie die Stärken der Menschen zu erkennen und Integration zu fördern. „Freiheit in der Lebensgestaltung“ (Kessl/Otto 2006, S. 443) ist dabei seit den 1970er Jahren zum erstrebenswerten Ideal geworden und „Prozesse der aktiven Unterstützung von Subjektivierungsweisen in Fällen sozialer Problemlagen“ (ebd., S. 442) haben zentralen Stellenwert in der Sozialen Arbeit erreicht.16 16 Aktivierung von Selbsttätigkeit und Bereitstellung von dafür notwendigen Freiräumen gelten als politisches Konzept in der „neosozialen Neugestal- NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 50 Personenorientierte beziehungsweise adressatenzentrierte Interventions-techniken standen dabei in den frühen 1970er Jahren unter einem Vorwurf, der auf ein generelles Dilemma von Sozialer Arbeit aufmerksam macht: Sozialpädagogische Dienstleistungsangebote werden – neben Sozialversicherungssystemen und sozialpolitischen Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen – als wohlfahrtsstaatliches Arrangement bereitgestellt und verpflichten Soziale Arbeit, die Bedingungen für das Funktionieren des kapitalistischen Systems zu kontrollieren. Dies soll neben der Verpflichtung gegenüber den Bedürfnissen des Individuums auf freiheitliche Willensbekundung geschehen und Soziale Arbeit geriet immer wieder in den Verdacht, „lediglich als Palliativum des entwickelten Kapitalismus [zu wirken], weil sie nicht in der Lage sei, die strukturellen Verursachungsmechanismen der Entstehung von gesellschaftlichem Elend und personalem Leid zu beseitigen, sondern sie bearbeite lediglich individuell die Folgen dieses Prozesses und vereinzele auf diese Weise die Individuen. Gerade dadurch, dass sie einerseits um die gesellschaftlichen Verursachungsbedingungen wisse, aber andererseits die Klienten […] individualisiere, wirke sie der Bildung eines revolutionären Subjektes entgegen und perpetuiere gerade dadurch die ungleichheitsgenerierenden Bedingungen. Sie stabilisiere auf diese Weise letztendlich die Ausbeutungs- und Herrschaftsbedingungen.“ (Merten 2001a, S. 7f.) Der genannte Vorwurf, Soziale Arbeit „helfe“ bei der Individualisierung und Personalisierung gesellschaftlicher Problemlagen, widerspricht den zentralen Aufgaben einer Sozialen Arbeit, der es um die Entfaltung der Lebensmöglichkeiten konkreter Individuen und Gruppen geht. Diese „radikale Antithese zum ahistorischen Hilfeverständnis“ (Galuske 2002, S. 129), im Rahmen derer Soziale Arbeit als Erfüllungsgehilfe des kapitalistischen Systems „enttung des Sozialen“ (Kessl/Otto 2006, S. 443). Unter politischen Forderungen, wie sie soziale Bewegungen und Vertreter Sozialer Arbeit in der 1970er und 1980er Jahren formulierten, rückt die Freiheit zur subjektiven Lebensgestaltung aber in spezifischer Weise in den Mittelpunkt: „Die Einlösung von Freiheitsrechten wird mit gesonderten Pflichten verbunden, mit dem Nachweis der Übernahme der Lebensgestaltungsverantwortung durch die betroffenen Akteure und Akteursgruppen selbst. Die Subjekte sollen sich als rational handelnde Unternehmer ihrer selbst begreifen. Verweigern sie diese Aufforderung, sehen sie sich mit Sanktionierungen wie der Ablehnung weiterer öffentlicher Unterstützung konfrontiert.“ (ebd., S. 444) KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 51 larvt“ werden sollte, wurde schon ab Mitte der 1970er Jahre in eine gesellschaftstheoretisch aufgeklärtere Theoriedebatte überführt, in der ein sozialstaatliches Verständnis Sozialer Arbeit entwickelt wurde (vgl. ebd., S. 129f.). Innerhalb dieser Debatte wurde die Sozialpädagogik nicht im ökonomisch-politischen Zentrum der Staatstätigkeit, sondern in den Lebensbereichen der Adressaten lokalisiert. Sie bearbeitet soziale Konflikte und ihre psychosozialen Auswirkungen aus der Perspektive und im Mikrokosmos der individuellen Lebensbereiche (vgl. Böhnisch 1982, S. 67). Gerade deshalb ist sie aber nicht autonom, sondern auch den sozialstaatlichen Mechanismen ausgesetzt, nur nicht primär im Funktionskontext des ökonomisch-politischen Systems. Trotzdem behält Soziale Arbeit eine Doppelfunktion: Sie soll zwar zuvorderst Lebenswelten stützen, zugleich aber dadurch auch den Staat von konflikthaften und politisch riskanten Auswirkungen aus diesen Lebenswelten entlasten und soweit wie möglich abschirmen. Soziale Arbeit hat ihre Wurzeln im System, so Michael Galuske, gleichwohl verlangt die Aufgabe der Stützung der Lebenswelt, sich auf ihre „Orte, Verkehrs- und Steuerungsformen“ einzulassen, wenn man so will: die Seite zu wechseln, und zwar um den Preis der eigenen Funktionalität (vgl. Galuske 2002, S. 137). Rauschenbach konstatiert die Funktionalität Sozialer Arbeit folgendermaßen: „Sozialpädagogisches Handeln […] ist im Kontext von gesellschaftstheoretisch zwischen lebensweltlicher und systemischer Rationalität gefassten Widersprüchen durch die professionelle Notwendigkeit charakterisiert, in spezifischer Weise zwischen Verständigungsorientierung und strategischer Orientierung, zwischen zweckrationaler und kommunikativer Vernunft, zwischen manipulativen und illokutionären Akten interessengeleitet zu oszillieren.“ (Rauschenbach 1999, S. 118) Es wird sichtbar, dass der Auftrag professioneller Sozialen Arbeit komplex ist. Neben der Förderung von Adressaten in ihren Wünschen und Interessen – an der Tradition der Gemeinwesenarbeit anknüpfende Autoren würden sagen: neben der Orientierung am Willen (vgl. u.a. Hinte 2005) – gehören auch Interventionen zur sozialarbeiterischen Auftragslage, die der erklärten Willensbekundung des einzelnen Menschen zuwiderlaufen (können). Auf der Mikroebene der individuellen Lebensbereiche der Adressaten spielt das „Hilfeparadox“ (Wolff 1990) der modernen Gesellschaft NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 52 zusätzlich eine Rolle: Wie kann ich Hilfe so organisieren, dass sie nicht in Abhängigkeit endet, sondern die selbsthelfenden Kräfte sowie die Eigeninitiative gestützt werden (vgl. Bestmann 2007)? Soziale Arbeit sieht sich gezwungenermaßen in einem „Spagat“ zwischen Hilfe und Kontrolle (vgl. Böhnisch/Lösch 1973), in der komplizierten Auftragslage, einerseits als „Normalisierungsagentur“ (Galuske/Thole 2006) zu agieren und andererseits die „Freiheit zur subjektiven Selbstbestimmung“ (IFSW 2007) zu fokussieren. Die Ausübung von Sanktionen, Aufsichtspflichten oder der Entzug von (persönlichen) Rechten spielen genau wie erzieherische Absichten, indem sich am Verhalten oder sogar am Charakter des Gegenübers abgearbeitet wird, nicht selten eine feste Rolle in sozialarbeiterischer Praxis. Diese Eingriffe implizieren bei Adressaten oftmals eine weitere Erfahrung des Gezwungenseins, die viele von ihnen allzu gut kennen, und konterkarieren damit das Ziel der Selbsthilfe, der Autonomie und der Mündigkeit. Auf dieses „Dilemma“ Sozialer Arbeit, „zwischen den Stühlen des Individuums und der aktuellen Sozialpolitik zu sitzen“, wird im nächsten Kapitel 4.2 näher eingegangen, um daran anschließend in Kapitel 5 spezifische Perspektiven aufzuzeigen, damit das berufsethische Prinzip der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung nicht konterkariert wird. 4.2 Die Auftragslage Sozialer Arbeit 4.2.1 Soziale Arbeit als intermediäre Instanz Das zentrale Strukturmerkmal von Hilfe und Kontrolle der Dienstleistungsfunktion von Sozialer Arbeit wird unter verschiedenen Chiffren wie „Hilfe-Kontroll-Paradigma“ oder auch „doppeltes Mandat“ diskutiert (Böhnisch/Lösch 1973, S. 27ff.): In dieser Funktion ist der professionell Handelnde dazu angehalten, „ein stets gefährdetes Gleichgewicht zwischen den Rechtsansprüchen, Bedürfnissen und Interessen des Klienten einerseits und den jeweils verfolgten sozialen Kontrollinteressen seitens öffentlicher Steuerungsagenturen andererseits aufrechtzuerhalten“ (ebd., S. 27). KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 53 Im Begriff der Intermediarität ist diese Ambivalenz aufgehoben. Soziale Arbeit bewegt sich somit zwischen den Welten (System und Lebenswelt) und ist „Diener vieler Herren“ (Galuske 2002, S. 137). Um den Preis ihrer Funktionalität ist professionell angebotene Soziale Arbeit darauf angewiesen, sich auf die Strukturen der Lebenswelt einzulassen (Verpflichtung gegenüber der Adressaten), ohne dabei aber die „Leine“ des systemischen Auftrags (Verpflichtung gegenüber Geldgeber und [Fach-]Öffentlichkeit) der „Bewahrung und Reproduktion von Normalzuständen beziehungsweise Normalverläufen“ (Olk 1986, S. 6) ablegen zu können, die den eigenen Handlungsradius strukturell begrenzen (vgl. Skizze 2, S. 55). Historisch betrachtet ist Soziale Arbeit das Produkt eines gesellschaftlichen Prozesses der „sozialen Verfügbarmachung als Kontroll- und Disziplinierungsinstitution unterprivilegierter gesellschaftlicher Gruppen“ (Böhnisch/Lösch 1973, S. 22). Mit Kontrolle ist also meistens – in sozialkritischer Lesart – Herrschaft und Repression, genauer: Hilfe als Kontrolle gemeint. Dies wird im berühmten Armenpflegesystem der Stadt Elberfeld aus dem Jahr 1853 sichtbar, an dem sich zu der Zeit durchweg alle Gemeinden und Städte in ihren Fürsorgebestrebungen orientierten. Die Armenpfleger „sollten den jeweiligen Unterstützungsfall intensiv prüfen und überwachen, aber die Hilfsbedürftigen auch beraten und betreuen. Sie sollten Freunde und Helfer der Armen sein, zugleich aber ihnen gegenüber auch die finanziellen Interessen der Stadt vertreten. […] Im Armenbesuch, im persönlichen Kontakt des Armenpflegers mit dem Betreuten, ist jene Form der beratend-betreuenden, aber auch kontrollierenden Dienstleistung schon angelegt, die für die soziale Arbeit kennzeichnend sein wird“ (Sachße 2005, S. 671). Es wird sichtbar, dass der Kontrollaspekt sozialpädagogischen Handelns strukturell angelegt ist und, wie Galuske es ausdrückt, „weder mittels ethischem Appell und per Akklamation noch durch die subtilsten Management-, Organisations- und Beratungstechniken aufzulösen“ (Galuske 2002, S. 137) ist. Die strukturelle Qualität des Doppelcharakters Sozialer Arbeit wird von Lothar Böhnisch auch im Prozess ihrer Modernisierung hervorgehoben: NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 54 „Sozialarbeit als strafende und kontrollierende Fürsorge vornehmlich für die Arbeiterbevölkerung tritt in den Hintergrund, und es bildet sich ein allgemeiner gesellschaftlicher Bereich ‚öffentlicher Erziehung’. Damit ist auch ein historischer Funktionswandel verbunden. Die klassische Doppelfunktion von ‚Hilfe und Kontrolle’, welche die historische Grundstruktur der Sozialpädagogik/Sozialarbeit kennzeichnet, ist zwar nicht verschwunden. Sie hat aber eine neue – den Strukturproblemen des Sozialstaates angemessene – historische Qualität erhalten. Die ‚alte Funktion’ der Repression und Kontrolle sozial und politisch abweichender Bevölkerungsgruppen ist – nun historisch gewandelt – in die heutigen Funktionen der ‚Sozialintegration’ und der ‚sozialpädagogischen Verwaltung sozialer Probleme’ eingegangen.“ (vgl. Böhnisch 1982, S. 24) Galuske stellt resümierend fest: „Soziale Arbeit kann sich ihrer kontrollierenden Anteile nicht entledigen, sie kann sie allenfalls ‚kontrollieren’, indem sie sie reflektiert.“ (Galuske 2002, S. 138) „Diener mehrerer Herren“ und als „Normalitätsrepräsentation und -kontrolle systemisch beauftragt“ zu sein (ebd., S. 135), macht es Sozialer Arbeit und ihren professionell tätigen Akteuren schwer, auf der Seite der Hilfsfunktion Menschen zu befähigen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten (vgl. IFSW 2007). KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 55 „Soziale Arbeit als intermediäre Instanz“ (Abbildung 2 nach: Galuske 2002, S. 135) Dies wird auch in der direkten Beziehungsarbeit der Handlungsfelder Sozialer Arbeit, im „Hilfeparadox“ (Wolff 1990), sichtbar. Hilfe stärkt nicht in jeder Situation, sondern sie macht auch abhängig und schafft schiefe Ebenen, die eine Selbstbestimmung der Adressaten konterkarieren kann. Insofern schwächen die vielfältig entwickelten Hilfesysteme in der modernen Gesellschaft möglicherweise die selbsthelfenden Kräfte sowie die Eigeninitiative, die sie eigentlich stützen wollen (ebd., S. 22). In den SGB-VIII-Reformen, die aufgrund von zahlreichen Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder stattgefunden haben, lässt sich beispielhaft die staatliche Auftragslage der Kontrolle von Bürgern durch die Soziale Arbeit aufzeigen. Zwischen die Verantwortung der Eltern für die Erziehung (Art. 6 Abs. 2 S. 1 GG) und das Eingriffsrecht des Staates bei Kindeswohlgefährdung (§ 1666 BGB) wurde der Auftrag der Jugendhilfe zur Risikoabschätzung (§ 8a SGB VIII) geschoben. Der freiheitliche Verantwortungsbereich der NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 56 Eltern schrumpft und die allgemeine Problematik von Sozialer Arbeit in ihrem doppelten Mandat wird deutlich: Wo die Verantwortung und Kontrollfunktion von professionellen Akteuren der Sozialen Arbeit zunimmt, nimmt die Verantwortung von Adressaten ab. Der Diskurs um die persönliche Sicherheit von Bürgern – in diesem Falle von Kindern – kann Freiheitspotenziale stärken, birgt aber immer in sich auch die Gefahr, diese Potenziale zu reduzieren. Soziale Arbeit steht mitten in diesem Dilemma (vgl. Weber 2006, S. 8). 4.2.2 Die Orientierung an den Menschenrechten als Basis für den „Selbstbestimmungsauftrag“ In der Verpflichtung gegenüber den Bedürfnissen, Interessen und dem Willen des Individuums einerseits sowie der Mikrosysteme, den Bedingungen des staatlichen Rechtssystems und der aktuellen Sozialpolitik andererseits wird das widersprüchliche Feld von Einflussnahme und Einflussmöglichkeiten Sozialer Arbeit gegen- über ihren Adressaten sichtbar. Silvia Staub-Bernasconi fügt dem noch eine dritte Komponente hinzu: das eigene Professionsverständnis. Dies setzt sich aus der wissenschaftlichen Beschreibungs- und Erklärungsbasis, den wissenschaftsbegründeten Arbeitsweisen und Methoden, dem ethischen Berufskodex sowie den Menschenrechten als regulative Idee zusammen (vgl. Staub- Bernasconi 2007a, S. 200f.). Sie sieht die Menschenrechte und die wissenschaftliche Fundierung ihrer Methoden als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit (Staub-Bernasconi 2007, S. 6f.): „Zum einen besteht [das dritte Mandat] […] aus der wissenschaftlichen Fundierung ihrer Methoden – speziellen Handlungstheorien –, von denen man annehmen kann, dass sie im Fall der Sozialen Arbeit soziale Probleme lindern oder auch vorbeugend wirken; wissenschaftliche Fundierung heißt Rückbezug auf transdisziplinäre Situationsund Problembeschreibungen und die sie erzeugenden Gesetzmäßigkeiten. Sie bedeutet zudem die Übersetzung von wissenschaftlichem Wissen in Handlungsleitlinien und birgt schließlich immer das Risiko, dass man den sogenannten ‚gesunden Menschenverstand’, seine Alltagstheorien, Intuitionen, Werte und Methoden korrigieren muss. KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 57 Zum anderen besteht das dritte Mandat aus dem Ethikkodex, den sich die Profession unabhängig von externen Einflüssen gibt und auch seine Einhaltung kontrolliert, kontrollieren sollte. […] Im Ethikkodex der SozialarbeiterInnen, aber auch in der internationalen konsensualen Definition Sozialer Arbeit sind im Besonderen Menschenrechte und Gerechtigkeit als ethische Leitlinien der Profession festgehalten. Sie sind die regulativen Ideen, nach welcher Problemdefinitionen, -erklärungen, -bewertungen und Veränderungsprozesse seitens der Adressat- Innen wie der Träger beurteilt werden müssen. Aufgrund ihres Bezuges auf die Menschenwürde als Begründungsbasis verhindert sie zugleich die Abwertung der Hilfe an Individuen zugunsten struktureller oder fachpolitischer Arbeit.“ Aus dieser Begründungsbasis heraus hat Staub-Bernasconi die „Menschenrechtsprofession“ für die Soziale Arbeit entwickelt, die dahingehend kritisiert wird, dass dieses Etikett „lediglich einer akademischen Diskussion entspringt“ und den „Berufsstand völlig überfordert“ (Hinte 2016, S. 37f.). „Die akademisch induzierte Überhöhung sozialarbeiterischer Tätigkeit im Rahmen der Menschenrechtsprofessionsdebatte lenkt ab von den konkreten, täglich auftauchenden Herausforderungen im Rahmen der jeweiligen beruflichen Tätigkeit und konstituiert zudem einen geradezu erschlagenden Anspruch.“ (ebd., S. 48) Natürlich unterscheiden sich professionelle Akteure in der Sozialen Arbeit nicht von anderen Berufsgruppen, die „ebenfalls in vielerlei Hinsicht zur Unterstützung von gelingendem Leben bis hin zur gerechten Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen beitragen“ (ebd.). Neben der wohlplatzierten und auch durchaus berechtigten Kritik am „Menschenrechtswolkenkuckucksheim“ (ebd., S. 38) sowie der formulierten Sorge, dass die Menschenrechte nicht exklusiv ein Profil für die Soziale Arbeit sind, kann der Menschenrechtsdiskurs aber den Zielfokus Selbstbestimmung innerhalb der Sozialen Arbeit unterstützen. Theoretisch wie praktisch kann die Orientierung an diesen als übergeordnete Legitimationsbasis für die Annahme oder Verweigerung von Aufträgen dienen und damit für die Formulierung eigener Aufträge fungieren. Das heißt, die Orientierung an den Menschenrechten (ohne daraus gleich eine „überhöhte Menschenrechtsprofession“ zu stricken) kann helfen, das in den Menschenrechten verankerte Recht auf Selbstbestimmung und somit das Mandat von Hilfe und Willensorientierung ins Zentrum des eige- NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 58 nen Handelns zu rücken, da ein „eigenes, wissenschaftlich und ethisch begründetes Referenzsystem“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 7) gegeben ist, das der Sozialen Arbeit eine kritische und reflexive Distanz gegenüber den Adressaten einerseits und den Auftraggebern andererseits ermöglicht (vgl. Müller 2001, S. 146). Mit dem Bezug auf die Menschenrechte kann die Soziale Arbeit die Möglichkeit theoretischer wie ethischer Gesellschaftskritik erhalten und somit ein „spezielles“ politisches Mandat.17 Sie ist in dieser Lesart auch „ohne direktes politisches Mandat politikfähig“ (ebd., S. 148), da die zentrale Voraussetzung für die Politikfähigkeit der Sozialen Arbeit die Entkoppelung von der „Politik“ und ihrer Repräsentanten ist (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 7). Mit dieser reflexiven Distanz verschaffen die Wissenschaftsbasierung und der Berufskodex mit seinen vergleichbaren Inhalten wie die der Menschenrechtserklärung der Sozialen Arbeit eine Legitimationsbasis für unabhängige Urteile und für eigenbestimmte, professionelle Aufträge (vgl. ebd.). Soziale Arbeit bekommt die Möglichkeit, sich politisch einzumischen, auf Missstände aufmerksam zu machen und diese aktiv zum Wohle der Menschen zu verändern (vgl. Kapitel 5.1). In den Menschenrechten ist das Recht auf Selbstbestimmung grundlegend verankert und da „Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit konstitutiv sein sollten für das Handeln in zahlreichen Berufen“ (Hinte 2016, S. 46), haben die Vertreter Sozialer Arbeit in Profession und Disziplin Selbstbestimmung als (einen) zentralen Auftrag zu formulieren. Dafür ist es nicht notwendig, die Soziale Arbeit gleich als Menschenrechtsprofession zu definieren und die Menschenrechtsverantwortung ausschließlich oder besonders dieser einen Berufsgruppe aufzuer- 17 An dieser Stelle kann nicht vertieft die Diskussion wiedergegeben werden, ob die Soziale Arbeit ein „politisches Mandat“ innehat. Die intensiv geführte und emotional aufgeladene Debatte macht deutlich, dass beide Positionen – Befürworter sowie Gegner einer Sozialen Arbeit mit einem politischen Selbstverständnis – mit plausiblen Argumenten ihre Sichtweise untermauern (vgl. dazu exemplarisch Merten 2001). In diesem Buch wird eine Soziale Arbeit gezeichnet, die sich – neben dem Verhalten der Adressaten – als an den Verhältnissen des Sozialen Raumes und als an der Schaffung von Verwirklichungschancen arbeitende Profession versteht und somit „Gesellschaft“ aktiv mitgestaltet (vgl. Bestmann 2008, S. 79; Kapitel 5.1 der vorliegenden Arbeit). Dies gibt ihr das „Politische“ und somit ein „spezielles politisches Mandat“. KAPITEL 4 – SOZIALE ARBEIT „ZWISCHEN DEN STÜHLEN“ 59 legen (vgl. ebd.). Aber mit der Orientierung an diesen und der Möglichkeit zur kritisch-reflexiven Distanz gegenüber der Auftragslage „Normalisierungsarbeit“ sind der Sozialen Arbeit die Türen zu einem willensorientierten Arbeiten geöffnet. Die Abwertung einer Auftragslage mit dem Fokus, „Menschen zu befähigen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten“ (vgl. IFSW 2007) zugunsten von „Anleitung zur Anpassung“ (Lutz 2011, S. 15), wird verhindert. Es entsteht die Möglichkeit, die „Orientierung an den Interessen und dem je eigenen Willen der Adressaten“ zu fokussieren und somit eine Bevormundung und Fremdbestimmung „des eigenen Willens des Gegenüber“ (Bestmann 2012, S. 3) zu verhindern.

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.