3. „AUTOR SEINES EIGENEN LEBENS WERDEN – FREIHEIT ALS HANDWERK“ in:

Felix Manuel Nuss

Wie viel Wille ist gewollt?, page 43 - 48

Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3896-3, ISBN online: 978-3-8288-6706-2, https://doi.org/10.5771/9783828867062-43

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 75

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL 3 – „AUTOR SEINES EIGENEN LEBENS WERDEN“ 43 3. „AUTOR SEINES EIGENEN LEBENS WERDEN – FREIHEIT ALS HANDWERK“ Wie in Kapitel 2.2 herausgestellt, unterscheidet sich das Handeln nach dem Willen vom zwanghaft-determinierten wie vom zufälligen Verhalten. Wir können trotz naturgesetzlicher Determination und kausalen Bedingtheiten, denen wir „ausgeliefert“ sind, einen freien Willen entwickeln (vgl. Keil 2009, S. 25f.). Für Peter Bieri ist die Freiheit so etwas wie ein Handwerk – eine Begabung, eine Fähigkeit, eine Kunst – sich trotz Eingebundenheit in ein System von Bedingungen ein Urteil zu bilden und einen eigenen Willen anzueignen (vgl. Bieri 2005). Die Frage nach der Natur dieses Vermögens und der Neubesinnung steht im Zentrum der in der akademischen Philosophie geführten Willensfreiheitsdebatte. Viele unserer Wünsche und Neigungen haben wir uns nicht selbst ausgesucht. Es ist unmöglich, dies zu leugnen. Deshalb muss es bei der Frage um Selbstbestimmung und innere Freiheit darum gehen, was mit den Wünschen und Neigungen, die wir durch die Bestimmungen der Außenwelt in uns vorfinden, weiter geschieht. Setzen sich Wünsche und Neigungen, gleichsam automatisch in Handlungen um oder haben wir die Möglichkeit (das Vermögen), innezuhalten, sie zu prüfen und uns gegebenenfalls von ihnen zu distanzieren (vgl. Keil 2009, S. 23f.)? John Locke und Rene Descartes haben im subjektiven Vermögen, innezuhalten und die eigenen Wünsche noch einmal zu prüfen, den wesentlichen Zug der menschlichen Willensfreiheit gesehen. Dabei ist nicht das Vermögen gemeint, das aktuell nicht Gewollte handlungswirksam zu machen, also wider seinen Willen zu handeln, sondern vielmehr die Fähigkeit, eine gegebene Motivlage nicht NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 44 unmittelbar handlungswirksam werden zu lassen. Vorhandene Wünsche oder Antriebe setzt ein Mensch nicht natur- oder vernunftnotwendig in die Tat um, vielmehr bleibt er weiteren vernünftigen Gründen zugänglich und hat die Fähigkeit, weiter zu überlegen und sich gegebenenfalls anders zu entscheiden (vgl. Keil 2009, S. 24). Der Unterschied zwischen einem Leben, in dem die Wünsche und Neigungen automatisch zu Handlungen werden und in dem sich jemand um sein „Denken, Fühlen und Wollen“ (Bieri 2011, S. 11) kümmert, ist auch von Bieri als für die Willensfreiheitsdebatte zentral markiert. Selbstbestimmung zu verstehen heißt für ihn, den Unterschied von einem Leben, „das der Person nur zustößt und von dessen Erleben sie wehrlos überwältigt wird“, und von einem Leben, in dem der Mensch „sein Autor und sein Subjekt“ ist, herauszustellen (ebd.). Aber was kennzeichnet es, „Autor seines eigenen Lebens“ zu sein und die Fähigkeit zu besitzen, „sich um sich selbst zu kümmern“? Bieris Überlegungen sind kongruent mit denen der populären positiven Freiheitslehre in der Philosophie. Die fragliche Fähigkeit besteht darin, praktische Überlegungen anzustellen, bestehende eigene Wünsche zu prüfen und gegebenenfalls zu suspendieren und das Ergebnis dieses Abwägungsprozesses handlungswirksam werden zu lassen (vgl. Beckermann 2011, S. 305; Keil 2009, S. 27). Bieri konkretisiert diese Ausführungen in seinen Werken „Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens“, welches im Jahr 2005 erschienen ist, in seiner Kolumne in der „Zeit“: „Wie wollen wir leben?“ aus dem Jahr 2007 und in seiner im Frühjahr 2011 in der Akademie in Graz gehaltenen Vorlesungsreihe „Wie wollen wir leben?“, welche unter gleichnamigem Titel im selben Jahr publiziert wurde. Der Philosoph stellt dabei das Vermögen des reflektieren Könnens über das eigene Leben als „Handwerk zur Freiheit“ heraus (vgl. Bieri 2005; Bieri 2007; Bieri 2011): Bieri formuliert in seinen Ausführungen Selbstbestimmung durchweg im Konjunktiv: „Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?“, ist seine Leitfrage. Damit will er verdeutlichen, dass Selbstbestimmung keine feststehende Tatsache ist, sondern ein erstrebenswertes Ideal darstellt, das nicht in jeder Phase unseres Lebens zu uns gehört, und dass es Kraftanstrengungen bedarf, dieses Ide- KAPITEL 3 – „AUTOR SEINES EIGENEN LEBENS WERDEN“ 45 al zu erreichen. Für Bieri bedeutet die Fähigkeit der positiven Freiheit, „seinen eigenen Überzeugungen gemäß handeln zu können“ (Bieri 2005, S. 120) und „einen Schritt hinter sich selbst zurückzutreten, einen inneren Abstand zum eigenen Erleben aufzubauen“ (Bieri 2011, S. 12). Diese Distanz bedeutet Erkennen und geht einher mit den Fragen: Was ist es eigentlich, was ich denke, fühle und will? Und wie ist es zu diesen Gefühlen, Gedanken und Wünschen gekommen (vgl. ebd.)? Somit ist der erste Schritt zur Selbstbestimmung die Fähigkeit, unsere eigenen Überzeugungen (unser „Selbstbild“) herauszufinden. Die „Kategorie des Möglichen“ ist ein wichtiger Gedanke: „Für Wesen wie uns, denen es um Selbstbestimmung gehen kann, ist die Kategorie des Möglichen von großer Bedeutung. […] Selbstbestimmung verlangt einen Sinn für das Mögliche, also Einbildungskraft, Phantasie.“ (ebd.) Neben dem Erkennen stellt Bieri als zweite Variante der inneren Distanz die Bewertung des eigenen Lebens heraus (vgl. ebd.): Bin ich eigentlich zufrieden mit meiner gewohnten gedanklichen Sicht auf die Dinge – meinen Überzeugungen –, oder überzeugen sie mich nicht mehr (vgl. ebd., S. 12)? Dazu gehört die Fähigkeit, „Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, die sich auf diejenigen erster Ordnung richten“ (ebd., S. 13). Die Selbsterkenntnis steht im Mittelpunkt und die Frage, wer wir sein wollen. Selbstbestimmt in diesem Sinne ist jemand, dem es gelingt, so zu sein wie er sich gerne sieht (vgl. Bieri 2007), und hat sehr viel damit zu tun, dass wir uns selbst verstehen. Was aber passiert, wenn ich herausfinde, dass diese Überzeugungen gar nicht meine eigenen Überzeugungen sind? Wenn ich merke, dass ich gar nicht der bin, der ich sein möchte? „Selbstbestimmt wäre unser Leben, wenn es uns gelingen würde, es innen und außen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten. Und umgekehrt: Die Selbstbestimmung gerät an ihre Grenzen oder scheitert ganz, wenn zwischen Selbstbild und Wirklichkeit eine Kluft entsteht.“ (Bieri 2011, S. 13) Um Selbstbestimmung zu erlangen, bedarf es also nicht nur der Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, sondern als zweiten Schritt (nach dem Erkennen des Selbstbildes) der Fähigkeit, einen Prozess NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 46 einzuläuten, durch den ich „mit mir selbst zur Deckung komme“ (Bieri 2011, S. 14). Wie aber hat man sich diese Schritte, dieses Vermögen, das von Bieri als das „Handwerk zur Freiheit“ (vgl. Bieri 2005) bezeichnet wird, praktisch vorzustellen? Wie schaffe ich es, eine innere Stimme zu entwickeln, die „die Lebenszeit zur Zeit des eigenen Lebens macht“ (ebd., S. 63)? Selbstbestimmung hat viel mit „kritischer Distanz“ und „Wachheit“ zu tun (Bieri 2005, S. 416f.). Das oben beschriebene Erkennen, Bewerten und Überwinden muss erlernt werden und ist einem nicht von Geburt an automatisch mitgegeben. Innerhalb seines Lebens, das ja von der Außenwelt mitbestimmt wird (vgl. Punkt 2.2), muss der Mensch die Fähigkeit des „bewussten Reflektierens“ und der „bewussten Entscheidung“ entwickeln. Für diese Entwicklung des Vermögens bedarf es eines Erfahrungs-, Lern- und Bildungsraums. „Die innere Umgestaltung kann nicht einfach beschlossen und durch seelische Alchemie verwirklicht werden.“ (Bieri 2011, S. 11) Es sind äußere Umwege und Kulissenwechsel notwendig: Neue Erfahrungen, neue Beziehungen, die Arbeit mit Trainern und Anreize von etwas, was bisher unbekannt gewesen ist (Bieri 2005, S. 280; Bieri 2011, S. 14). Der ganze Prozess ist ein Kampf gegen die innere Monotonie, gegen eine „Starrheit des Erlebens und Wollens“ (ebd.). Der Mensch muss erlernen, sich über sich selbst bewusst zu werden und in ständiger Reflexion des eigenen Handelns zu sein. Bildung bedeutet für Bieri den Versuch, darüber nachzudenken, wer man sein möchte (Bieri 2005b). Zwei Fragen spielen dabei eine wichtige Rolle: Was genau bedeutet das? Und: Woher eigentlich weiß ich das? „Es gehört zu einem selbstbestimmten Leben, dass einem diese Fragen zur zweiten Natur werden.“ (Bieri 2011, S. 17) Wie oben bereits angedeutet, ist es wichtig, über ein Spektrum an Möglichkeiten Bescheid zu wissen. Die Kategorie des „Möglichen“ ist ein wichtiger Gedanke. Was wir zum Beispiel in literarischen Texten lesen, eröffnet uns ein Spektrum an Möglichkeiten: Wir erfahren, wie vielfältig und unterschiedlich es sein kann, ein Leben zu leben. „Das hätten wir uns vorher nicht gedacht, und nun ist der Radius unserer Phantasie größer geworden.“ (Bieri 2011, S. 25) Sartre geht noch ein Stück weiter und stellt das „eigene Erzählen“ (Möbus 2000, S. 19) ins Zentrum der Ent- KAPITEL 3 – „AUTOR SEINES EIGENEN LEBENS WERDEN“ 47 wicklung der Kategorie des Möglichen. In der Erzählung, so Sartre, entwickeln sich unbekannte Perspektiven, Neues. „Wenn man das Leben erzählt, verändert sich alles. […]. Es geht um die Differenz von gelebter und erzählter Wirklichkeit“ (ebd.). Man kann nur herausfinden, was einem wichtig ist und was man sein möchte, wenn man sich gedanklich in einem weiten Spielraum von Möglichkeiten situieren kann und weiß, was es alles gibt (vgl. Bieri 2011, S. 25). Dabei ist die Auseinandersetzung mit der Welt und bisher unbekannten Perspektiven, Lebenskonzepten und Meinungen „der Anderen“ (ebd., S. 27) von zentraler Wichtigkeit. Selbstbestimmt zu leben, kann nicht heißen, von „den Anderen“ überhaupt nicht beeinflusst zu werden. Wir können uns unter den gegebenen Bedingtheiten, also auch unter der Beeinflussung „der Anderen“, als frei verstehen. Was wir denken und meinen, hat viel mit den Anderen zu tun: Wir teilen die Sprache und eine Lebensform, wir werden unterrichtet, erzogen und verlassen uns auf Autoritäten. Wir sind keine gedanklichen Inseln. „Auch als Fühlende und Wünschende sind wir keine Inseln: Unsere Gefühle und Wünsche gelten oft den Anderen und hängen davon ab, was sie tun.“ (ebd., S. 28) Begegnen sich Menschen, die die Erfahrung des Begegnens „als in sich wertvoll“ betrachten, wo Emotionen die Reflexion überschatten, so besteht schnell die Gefahr, zum Spielball der Situation zu werden, in der die eigene „Stimme ausgelöscht“ ist. In solchen Fällen werden wir als selbstständige Personen übergangen und sind fernab von Selbstbestimmung. Es gibt keine Identität, die in ihrem Entstehen und ihrer Gültigkeit ganz von „den Anderen“ unabhängig ist. Eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber muss darin bestehen, sich stets von neuem zu vergewissern, wer man ist (vgl. ebd., S. 31). Der Blick muss in diesem Sinn geschärft werden, dass ich mich nicht abhängig mache von dem fremden Urteil, sondern die „fremde Perspektive“ als Möglichkeit der Spiegelung sehe: „Was an mir sehen die Anderen, was ich nicht sehe? Was für Selbsttäuschungen deckt der fremde Blick auf? Auf diese Weise kann ich den fremden Blick zum Anlass nehmen, mein Selbstbild zu überprüfen und meiner Selbsterkenntnis eine neue Wendung zu geben“ (ebd.). NUSS: WIE VIEL WILLE IST GEWOLLT? 48 Bieri führt somit die Wichtigkeit von der „Rolle der Anderen“ (ebd., S. 30ff.) an und spricht dem Gegenüber einen wichtigen Part bei der Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens zu. Der Mensch, mit dem wir in sozialer Interaktion stehen, kann mich zu bevormunden versuchen, indem Manipulation und Täuschung hinter seiner planvollen Handlung steht. Auch ein beurteilender und vernichtender Blick behindert das Finden „einer eigenen Stimme“. Andererseits ist die Interaktion mit „dem Anderen“ der Selbstbestimmung förderlich, wenn dieser Andere meinen Möglichkeitshorizont erweitert (vgl. Kapitel 2.4) und ein „befreiender, anerkennender Blick“ mir die Möglichkeit zur Spiegelung meines Selbstbildes gibt (Bieri 2005, S. 280ff.). Dies ist für die spezielle Beziehung von Sozialarbeiter und Adressat als besonders wichtig zu markieren (vgl. Kapitel 5.2). Bieri bleibt in seinen Vorstellungen von der Erlangung von Selbstbestimmung auf einer philosophisch-theoretischen Ebene, die sich auf das Subjekt und seine individuellen Möglichkeiten, ein Leben in Übereinstimmung von Urteil und Wollen, bezieht. Der einzelne Mensch steht im Fokus und die entsprechende gesellschaftliche Ordnung, die mir den Rahmen ermöglicht, einen Großteil meines Willens zu verwirklichen, wird lediglich in den Überlegungen über „die Anderen“ angedeutet. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass innere Freiheit nach Bieri mit den Fähigkeiten des Erkennens und der Bewertung des eigenen Lebens und schließlich mit der Überwindung der „Kluft“, „wenn wir eine hartnäckige Zerrissenheit erleben, weil wir so ganz anders sind, als wir gerne sein möchten“ (Bieri 2011, S. 14), verbunden ist. Dies ist als lebenslanger Prozess zu verstehen und der Mensch muss erlernen, sich über sich selbst bewusst zu werden und in ständiger Reflexion des eigenen Handelns zu sein. Bieri fokussiert das Subjekt, bei dem er die primäre Verantwortung für ein freies oder unfreies Leben verortet. Eine Soziale Arbeit mit dem professionsethischen Prinzip der Selbstbestimmung ist in spezieller Weise verpflichtet, die reflexiven Fähigkeiten der Adressaten zu fördern, damit deren tatsächlicher Wille – die Übereinstimmung von Wunsch und Willenshandlung – zur Basis sozialarbeiterischen Handelns wird (vgl. Kapitel 5.2).

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Zusammenfassung

Selbstbestimmung ist in der Sozialen Arbeit ein allgegenwärtiger Begriff. Für professionelle Kräfte ergibt sich jedoch ein Dilemma: Sie sollen einerseits normalisierend auf ihren Gegenüber einwirken und ihn zugleich nach aller Möglichkeit dabei unterstützen, sein Leben selbstbestimmt und nach seinem eigenen, freien Willen zu gestalten.

Mithilfe eines einführenden philosophischen Diskurses zu Willensfreiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen zeigt Felix Manuel Nuss, welches Vermögen und welche Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten Lebens notwendig sind und welche Potenziale sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Den Menschen als ein zur Freiheit fähiges Individuum begreifend, wird ein Brückenschlag zur Philosophie des Existenzialismus gewagt und ein emanzipatorischer Konzeptansatz gezeichnet, der den freien Willen des Menschen als den zentralen Ausgangspunkt Sozialer Arbeit definiert.