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Schluss und Ausblick in:

Gerrit Lange

Säfte und Kräfte, page 213 - 217

Körperflüssigkeiten als Metapher in altindischen Mythen und anderen Erzählungen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3873-4, ISBN online: 978-3-8288-6705-5, https://doi.org/10.5771/9783828867055-213

Tectum, Baden-Baden
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213 Schluss und Ausblick In Mythen werden unvorstellbar große oder ungemein bedeutsame Formen und Gestalten erschaffen (etwa im Milchozean), vergehen in Sintfluten, öffnen sich und „bluten“ (wie Jesus). Schöpfung und Zerstörung sind dabei selten klar voneinander unterschieden und gleichermaßen ambivalent, denn Starre ohne Bewegung schadet den Weltbewohnern ebenso sehr wie eine apokalyptische, totale Entfesselung von Fluten und Flammen. In der nordischen Mythologie etwa muss ein lebensfeindlicher Eispanzer erst tauen und schmelzen, um die ersten Wesen hervorzubringen – den Anstoß dabei gibt Audumbla, eine Kuh (vgl. Anhang 7.d.ii). Somit muss etwas bewegt, Ereignisse „losgetreten“ und „der Stein ins Rollen gebracht“ werden, bis etwas „im Fluss“ ist – genauso wichtig ist es aber natürlich, diesen einzudämmen. Die Ordner, insbesondere Kulturheroen, haben aber zuweilen selbst sehr chaotische und unberechenbare Charakterzüge und spielen doppeldeutige Spiele inmitten den sich bildenden, auflockernden und auflösenden „festen“ Weltordnungen. Die Fülle des indischen und europäischen Mythenmaterials, die ich in dieser Arbeit zusammengetragen habe und dabei vergleichbar Üppiges aus anderen Teilen der Welt aussparen musste, zeigt eines bereits ganz deutlich: „Was im Zwischenreich zwischen Starre und Wolke geschieht, die Gestaltlosigkeit und Gestaltfeindlichkeit des Strömens, Quellens und Spülens, Höhlens und Stürzens“533, hat Menschen schon immer und überall zu phantasievollsten Grübeleien und Spekulationen über sich, ihre Körper und die Welt angeregt. Wie ich mir das vorstellen kann, habe ich in Anhang 1 schematisch dargestellt, der mir bei der Gliederung meiner Arbeit und beim Ordnen, Erzählen und vorsichtigen Deuten der Mythen von großem Nutzen war. Metaphern lassen sich weder eindeutig von Metonymien unterscheiden noch können sie diese ersetzen, ebenso wenig wie sie durch logisch eindeutige Formulierungen ersetzt werden können. In „Neuzeit“ und „Moderne“ mag die Abstraktion alles in allem zugenommen haben; dennoch aber hören die Erzählungen davon, was der Mensch, seine Psyche oder sein Körper sei, nicht auf, mythisch zu sein. Nach wie vor werden Landschaften der Seele gezeichnet und „innere“ Akteure in Beziehungsgeflechte, Konstellationen und Geschichten gebracht. 533 Blumenberg 2012, Seite 104. 214 Beim Reifen dieser Arbeit wurde mir klar, dass diesen überquellend vielen Aspekten der meisten Mythen auch ein noch so weiter und ambitionierter Metaphernbegriff, für den die Metapher nicht einfach einen Begriff durch einen anderen ersetzt, überhaupt nicht gerecht werden kann. Wenn die Erde als Kuh und dadurch als Mutter auftritt, wenn „die“ (idealisierte) Mutter dadurch zur Kuh und alle Wesen zu „Kindern“ der Erde erklärt werden (II.1.a), geht über metaphorische Beziehungen zwischen Begriffen weit hinaus – eher wächst da ein assoziativer Knoten zusammen, der immer mehr Motive, immer mehr auch emotionalen Gehalt in einer Geschichte zusammenbinden kann, die erzählt, wie Aspekte der ganzen Welt so geworden sind, wie sie sind. Das macht für mich Mythologie aus: dass die Erzählenden (Tanzenden, Malenden, Filmenden, Gestikulierenden etc.) und die Hörenden (Sehenden, Schmeckenden, Riechenden etc.) sich selbst nicht nur durch Übertragung, sondern durch direkte, physische Bezüge in der Geschichte wiederfinden. Nicht einzugrenzen ist die Vieldeutigkeit der Mythen über Śiva, der seinen Samen oder auch Schweiß und Tränen vergießt (II.2), über die blutschlürfende Kālī (Abb. 18) oder über eine Dämonin, die Kṛṣṇa ihre vergiftete Milch zu trinken gibt und dabei von ihm ausgesaugt wird, bis sie stirbt (Anhang 7.d.iii). Zu behaupten, hier fließe eine Flüssigkeit „bloß“ als Metapher für irgendein metaphysisches Prinzip, für gesellschaftliche Verhältnisse oder für psychische Bedrohungen, würde die Geschichten radikal verkürzen. Noch radikaler, als es meine Übersetzungen ausgewählter Versionen aus den meist sehr vielen Variationen einer Geschichte ohnehin tun, die es in den epischen und purāṇischen Texten gibt und dort natürlich überall in Vor- und Nachgeschichten eingebettet sind. Die üppige Vegetation der Erzählungen muss in jedem Fall stark beschnitten und zurechtgestutzt werden, um überhaupt ein Motiv, eine Geschichte exponieren zu können. In den scheinbar grundverschiedenen Erzählungen aus Wissenschaft und Literatur der Neuzeit kamen Metaphern um psychologische Fluten, Nervenund „Bewusstseinsströme“ auf (vgl. IV.5). Diese formten die Vorstellungen einer Seele rapide um, wie sie sich seit dem frühen Christentum verhärtet und verabsolutiert hatte: Mit dem „Rückzug in die Innerlichkeit“, den frühe Einsiedler und Mönche auslebten, war„nicht mehr die weltlich-heitere stoische Askese [gemeint], sondern der Rückzug ins weltliche Abseits der Wüsteneien 215 als erster Schritt hin auf ein himmlisches Jenseits“.534 Somit floss mythen- und ideengeschichtlich auch mit der Ausbreitung dieser Weltreligion die Sorge um sich, um den eigenen Körper und um die Körperflüssigkeiten in andere Bahnen als bisher und gewann ein neues Verhältnis zu Ekel und Lust (vgl. IV.3).535 Die Mythen und Metaphern für das Selbst konzentrierten sich nun auf Milch, Blut und Tränen, also auf sexuell eher neutrale Flüssigkeiten. Andere ebenfalls weniger empirisch denn philosophisch-religiös begründete Psychologien schöpfen ebenso aus der Metaphorik des Flüssigen, beziehen sich aber weniger auf bestimmte Flüssigkeiten als auf Abstraktes. Schon in der stoischen Philosophie hatte es das Konzept eines abstrakten, schicksalhaften Flusses durch Welt und Menschen gegeben, im besten Falle euroia, den „Wohlfluss“ (vgl. IV.5). In der modernen Psychologie indes lässt sich erneut eine Tendenz zur Verallgemeinerung und Abstraktion beobachten. Über Gefühle wird nicht mehr nur metonymisch gesprochen, durch Schweiß und Tränen, sondern auch über immaterielle, metaphorische Flüssigkeiten: Einerseits lässt die aus der Physis in die Psyche gesickerte „schwarze Galle“ nach wie vor die Lebensgeister verdunkeln, belasten, verstopfen und erschlaffen (vgl. I.2.f.ii und Anhang 8.f.ii). Andererseits gelten Menschen als durchströmt und angetrieben von ganz und gar allgemeinen Kräften oder Energien: FREUDS Libido, JUNGs „Urströmung des Unbewussten“ oder REICHs Orgon (vgl. IV.4.d). Dazu gesellt sich die schiere poetische Kreativität, wenn Walter Walter MOERS sie in seinen Zamonien-Romanen verdichtet und verstofflicht zum Orm, das die Begeisterten und Inspirierten „durchströmt“ (siehe Anhang 9.e). Gibt es also, wie in der Einleitung schon vermutet, eine ideengeschichtliche Entwicklung von einzelnen, konkreten Flüssigkeiten, die besondere Gemütszustände stehen, hin zu „dem Gefühl an sich“, symbolisiert durch eine unbestimmte oder metaphorische Flüssigkeit „im“ Körper? Leider weiß ich auf diese Frage noch keine Antwort; dafür müsst ich mich noch tiefer in die Archäologie des Wissens und der Konzepte eingraben. Die zivilisatorische, fortschreitende „Abstraktion“ könnte sich als zunehmende Sublimierung oder Rationalisierung körperlichen Lustempfindens und Ekels entlarven, als Aus- 534 Braun 1995, S. 151. 535 „Abtötung der Fleischeslust, der concupiscentio, rückt für die weltflüchtigen Eremiten und Mönche ins Zentrum ihres Kampfes um Reinheit und Jungfräulichkeit“ (ebd.). Ob das auch für die weiterhin weltlich lebenden Menschen zutraf, ist mir unklar. 216 geburt viktorianischer oder biedermeierlicher Prüderie. So durften die „artigen“, „braven“ und „wohlerzogenen“ Kinder aus antiquierten Kinderbüchern ein Wort wie „Popel“ nicht in den Mund nehmen. Da ihnen aber ein anderer Ausdruck für das Bezeichnete fehlte, konnte darüber einfach gar nicht geredet werden – zumindest nicht außerhalb der Medizin, deren Begriffe mucus und „Borke“ nur für Eingeweihte verständlich sind. Bildung und Aufklärung hin zur „Autonomie“ kategorischer Imperative hatte also manchmal zur Folge, dass man sich die Freiheit entzog, über bestimmte Dinge offen zu sprechen. Dies ist nun allerdings in der Weltgeschichte der Eliten und Aristokratien nichts Ungewöhnliches: mehr gesellschaftliche Macht geht oft mit verstärkter Disziplin und Kontrolle des eigenen Körpers einher. Auch die retentio seminis als Ideal indischer Asketentraditionen (III.4) passt, angesichts der Deutungshoheit und Einflüsse dieser Männer auf die indische Philosophie, Geschichte und aktuelle Politik, in dieses Bild. Ich gedenke mich weiterhin mit Sanskritmythen, aber auch mit modernen Mythen auseinanderzusetzen und an diese Arbeit anzuknüpfen. Insbesondere das Verhältnis metaphorischer Landschaften, wie sie etwa FOUCAULT (vgl. Anhang 8.f.ii) skizziert, zu den mythischen und realen Landschaften, durch die sich Menschen und andere Wesen mit ihren Körpern bewegen, interessiert mich. Mythen stellen oft Bezüge her zwischen den Flüssen und Strömen durch die äußere Landschaft und den Flüssen und Adern durch den Körper – wie verhält sich aber diese Beziehung zur Rede von äußerer und innerer Natur? In beiden Fällen gilt „Natur“ als das (noch) Unkontrollierte oder Unkontrollierbare, das nicht „Kultur“ ist – letzteres bedeutet im lateinischen Sinne „Pflege, Bildung, Ackerbau oder Verehrung.“536 Auch heutige Bedeutungen verstehen Kultur oft noch als „Pflege“ von Körperfunktionen, Landschaften, Manieren, Sprachen und Identitäten. Ungestüme Säfte und Kräfte werden in ordentliche Kanäle umgeleitet, die aber mit der Zeit erodieren und erneuert werden müssen. Eine „innere Natur“ mit ihren physisch-psychischen Triebkräften, Flüssen und Sickergruben muss mitbedacht werden, wenn „die Natur“ im Allgemeinen behandelt wird. Aussagen, denen es scheinbar nur um die äußere Natur geht, sollten auf „innere“ Implikationen abgeklopft werden. Für Simone DE BEAUVOIR etwa ist 536 Nach Langenscheids große[m] Schulwörterbuch Lateinisch – Deutsch von 2001. 217 Natur der Gegenentwurf zu Mensch- und Männlichkeit und wird daher der „ungezähmten“ Frau gleichgesetzt. So leiste sie entweder „abstrakten Widerstand“ oder werde passiv-hingebungsvoll „verbraucht, das heißt zerstört.“537 Da mithilfe dieser Projektion das „feindselige Schweigen der Natur“538 ertragen oder wie eine Mitteilung erfasst werden kann, leiten diese Gedanken ein Kapitel zum Mythos ein. Somit ist ihr Begriff von Mythos anscheinend dem BLUMENBERGs recht nahe, der Mythen ebenfalls als Vermittler sieht, die das Unsagbare nennbar, das Unsichtbare sichtbar machen. Ohne solche Vermittlung würden unabwendbare und „unfassbare“ physische Drangsale und Notwendigkeiten die Menschen mitreißen wie ein Strudel. 537 de Beauvoir 1949, S. 190. 538 Ebd., S. 192.

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Zusammenfassung

Milch geben, Blut spenden, Blut saugen: Immer wieder kommen verschiedenste Körperflüssigkeiten in Mythen und anderen religiösen Erzählungen zum Vorschein. Metaphorisch können sie für allerlei Themen stehen, etwa für Subjektivität, für Fremdheit und Bewegtheit der Gefühle oder für das Auflösen starrer Ordnungen. Besonderes Augenmerk verdienen dabei die Mythen: Wenn die Erde in Gestalt einer Kuh alle Wesen durch ihre Milch ernährt, wenn der Sohn Gottes sein Blut in Form des Weines einer weltweiten Glaubensgemeinschaft spendet, aber auch wenn altgriechische Rächerinnen einem Helden das Blut aus dem Körper saugen, erhält die Welt in ihrer Unbegreiflichkeit neue Deutungen. Natur, Gesellschaft und Innenleben werden so sichtbar und greifbar. Immaterielles und Religiöses drückt sich in den wandelbaren Metaphern nicht nur aus, sondern transformiert und erschafft sich dabei selbst auch neu.