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Teil IV – Allgemein Menschliches? in:

Gerrit Lange

Säfte und Kräfte, page 151 - 212

Körperflüssigkeiten als Metapher in altindischen Mythen und anderen Erzählungen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3873-4, ISBN online: 978-3-8288-6705-5, https://doi.org/10.5771/9783828867055-151

Tectum, Baden-Baden
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151 Teil IV – Allgemein Menschliches? 1. Blut und Vitalität Blut […] aus g[ermanisch] *blóda- ‚Blut’ […]. Ein nur germanisches Wort, das die alten indogermanischen Wörter für ‚Blut’ (vertreten durch lat. aser und lat. cruor) ersetzt hat […] als das, was den Körper straff hält und bei Verletzung hervorquillt.366 Blood may be a metonym for life, it may be a strengthener and a vitalizer, it may be a cooler, a healer, a cleanser, it may constitute food for spirits and ancestors, it ma represent the soul principle. Whatever its meaning [...] blood is clearly a prime vehicle for symbolizing.367 „Ach so, Säftetheorie!“368 mag dazu manchem in den Kopf schießen. Die europäischen (vgl. I.2.f und Anhang 8.g) und indischen (Anhang 8.a-b) Medizingeschichten haben tatsächlich viel dazu beigetragen, dass Menschen in mancher Verfassung nicht nur als „leblos“ oder „saft- und kraftlos“, sondern auch als „blutarm“ gelten. Sanguiniker sind seit der Antike lebhafte, flatterhafte Menschen – doch kann ebensosehr Wirkung wie Ursache alltäglicher Redeweisen sein. Blut war, laut KLUGEs etymologischem Wörterbuch, zunächst „das, was den Körper straff hält und bei Verletzung hervorquillt.“369 Auch außerhalb der indischen und europäischen Medizingeschichten liegt es nahe, das Blut mit Agilität, Körperspannung, Straffheit, oder dem „Lebenssaft“ zu verknüpfen. Auch ohne medizinische Informiertheit dürfte das Blut etwa mit dem Anschwellen von Klitoris oder Penis in Verbindung gebracht werden, einer überall auf der Welt möglichen und intensiven meist lustvollen Erfahrung des Am-Leben-Seins. Zwar waren und sind Säftelehren außerordentlich weit verbreitet und interagieren stets mit den jeweiligen Religionen und den Alltagssprachen, doch hat die Metapher auch außerhalb dieser dennoch speziell medizinischen Diskurse eine lange Geschichte. Der erste Beleg dafür, dass Blut direkt die Lebenskraft konnotiert, findet sich im Tenach, der hebräischen Version des alten Testamentes: 366 Kluge 1883, S. 121. Fettdruck i.O. 367 Howell 1996, S. 18. 368 Braun 1995, S. 55. 369 Kluge 1883, S. 121. 152 Die Lebenskraft des Fleisches sitzt nämlich im Blut. Dieses Blut habe ich euch gegeben, damit ihr auf dem Altar für euer Leben die Sühne vollzieht; denn das Blut ist es, das für ein Leben sühnt.370 Doch beherrsche dich und genieße kein Blut; denn Blut ist Lebenskraft und du sollst nicht zusammen mit dem Fleisch die Lebenskraft verzehren.371 Dieses „Leben“, näphäsch (vp,n), ist auch eine Art „Seele“, die Menschen mit Tieren gemeinsam haben.372 Daher ist es nicht ganz klar, ob diese Kraft oder unsichtbare Substanz, die mit dem Blut eines Tieres von einem frevelnden Menschen verzehrt würde, diesem unrechtmäßig zu viel Macht einflößen würde – oder ob es eher das Tierische der Tierseele sei, die die Menschenseele verunreinige.373 Beides könnte damals als Anlass zur Todesstrafe (Levitikus 7,27) angesehen worden sein; beide Auslegungen sind im jüdischen Denken und Streiten bis heute möglich. Als Mose in Exodus 24.4-8 einen Altar baut, der für jede der zwölf Stämme eine Säule trägt, lässt er darauf Brandopfer darbringen und besprengt mit der einen Hälfte des Blutes den Altar, mit der anderen das Volk. Somit stiftet er einen „Bund“, einerseits zwischen G’tt und den Menschen, andererseits zwischen den Menschen untereinander. Gemäß der Lebenskraftsymbolik dürfte dieser Bund einer Bluts- und „Seelen“verwandtschaft gleichkommen, denn ein Bund oder ein Testament „hat noch nicht Kraft, wenn der noch lebt, der es gemacht hat. Daher auch das erste [Testament] nicht ohne Blut gestiftet ward. Denn als Mose ausgeredet hatte von allen Geboten nach dem Gesetz zu allem Volk, nahm er Kälber- und Bocksblut mit Wasser und […] besprengte das Buch und alles Volk und sprach: „Das ist das Blut des Testaments, das Gott euch geboten hat.“ Und die Hüte und alle Geräte des Gottesdienstes besprengte er gleicherweise mit Blut. Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz; und ohne Blutvergie- ßen geschieht keine Vergebung.374 370 Levitikus (3. Buch Mose), Vers 17.11. Hier ziehe ich ausnahmsweise die Einheits- und nicht die Lutherübersetzung von 1999 heran, da letztere sieht im Blute dieses Verses nicht die Sühne, sondern „die Versöhnung, weil das Leben in ihm ist.“ 371 Deuteronomium (5. Buch Mose), Vers 12.23. 372 Ehrenberg 2007, S. 143. 373 Der im 13. Jhd. lebende Rabbi Nachmanides spricht von „Charakterschwächung“ (ebd.). 374 Hebräer 9.17-22. 153 Das Blut, das hier im gleichen Akt reinigt und mit dem Tod konfrontiert, trägt Erlösung und Vergebung über das Leben hinaus in sich – den Bund mit Gott, jenes neue „Testament“, das hier an das alte mit seinen Tieropfern anknüpft, um sich davon loszulösen und auf mit dem Blute eines einzelnen Gottmenschen eine neue Glaubensgemeinschaftzu verkitten (siehe II.2). Gerade das Universale der blutigen Lebensmetaphorik öffnet sie für eine Fülle verschiedenster, gar gegensätzlicher Bedeutungen: Verunreinigt oder reinigt das Blut beim Verzehr oder beim Körperkontakt? Ist es schwächend oder stärkend, ist sein Genuss aus einem dieser Gründe verboten wie im Tenach oder gar geboten, wie der berühmte Massai-Trunk saroi aus Rinderblut und Milch? Und was soll diese verstofflichte Lebenskraft eigentlich sein? IV.1.a) Vitalität als Substanz Vitality is a substance. She’s brimming with vim and vigor. She’s overflowing with vitality. He’s devoid of energy. I don’t have any energy left at the end of the day. I’m drained. That took a lot out of me.375 So charakterisieren LAKOFF und JOHNSON (siehe I.1) beiläufig eine Metapher, die nach all dem hier bereits Vorgestellten äußerst bedeutsam zu sein scheint, wenn nicht sogar im Sinne BLUMENBERGs „absolut“. Die sechs beispielhaften Redewendungen deuten auf Quantifizierbarkeit von „Leben“ hin, ob nun als Energie, Kraft oder Materie: Ein Mensch, der nicht „in vollem Saft steht“, wirkt ausgesaugt oder „ausgelaugt“; man erscheint schlapp, schlotternd und schlaff oder stramm, strotzend und straff vor strudelndem Blute.376 Entscheidet darüber die Menge oder die Bewegung der Säfte im Leibe? Sind Menge und Bewegung, letztendlich also das Leben selbst, quantifizierbar? 375 Johnson & Lakoff 1980, S. 51. 376 Das Zusammendenken der physischen Schlaffheit einer ausgesaugten Beere mit der psychischen Schlappheit einer unmotivierten Person scheint weit verbreitet zu sein. So meint das Sanskritwort वषाद, viṣād, bedeutet: „1) das Schlaffwerden, Erschlaffen. 2) Bestürzung, Niedergeschlagenheit, Kleinmuth, Verzagtheit, Verzweiflung. 3) Widerwille, Ekel“ (BÖHTLINGK). Das zugrunde liegende Verb vi-✓sad meint „zusammen-sinken“, „sich niedersetzen“ oder „verzagen“ – ein Zusammenhang, der durchaus universell sein könnte. Müdigkeit wie Antriebslosigkeit zeigen sich oft in verminderter Gegenwehr gegen die Schwerkraft, in hängenden Schultern, in sichtbarer „Niedergeschlagenheit“. 154 Ganz klar und eindimensional weiß es die alltägliche Rede sicherlich selbst nicht, die sich mal figurativ und mal direkt auf das pulsierende Blut in den Lebensadern bezieht. Keine Metapher, sondern Theorie und Annahme war und ist in der Humoralmedizin die Rede vom „heißblütigen“ Sanguiniker, dessen Flüssigkeit und daher er selbst stärker in Bewegung ist als etwa im schlammig-schleimigen „Phlegmatiker“. Auch die Rolle des Blutes für die Erektion dürfte metonymisch die Rede von der prallen oder strotzenden Lebenskraft illustrieren und begründen. Das Viel und Wenig präsentiert sich aber auch außerhalb der Wissenschaftsgeschichte oft als Gewissheit, insbesondere da, wo sich Ängste ausdrücken. Das leibliche Gefühl, auszutrocknen, gilt schon im Alten Testament als Symptom dafür, von Gott im Stich gelassen zu werden: 2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? […] 15. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; / mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. 16. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, / und du legst mich in des Todes Staub.377 Wenn ich empfinde, dass in mir zu wenig Saft und Kraft ist, wer hat mich ausgesaugt? Wenn ich in mir mein pralles Leben spüre, wer mag es mir neiden? Solche Sorgen sprechen aus den in der ganzen Welt zahlreichen Vampirgeschichten, ob sie nun über Bedrohungen von außen erzählen oder, wie in vielen modernen Romanen, über innere Mächte oder das „Unbewusste“. Wie Frauen, Männer und andere Wesen verschiedene Körperflüssigkeiten mit wirksamen Konnotationen haben, so wird auch „der“ Lebenssaft oder „die“ Lebenskraft geschlechtsspezifisch gedacht. Viel und Wenig, Neid und Üppigkeit bedeuten jeweils verschiedenes, wenn ein Geschlecht als Gegenpol zur Vernunft und Selbstbeherrschtheit entworfen wird. Dem blutsaugenden Vampirismus gefährlicher, höllischer, dämonischer Frauen, wie sie schon vor 2500 Jahren in Gestalt der Erinyen begegneten (vgl. II.3), mischen sich Phantasien eitrigen, „giftigen“ oder „schmutzigen“ Blutes unter, wie es auch durch Höllen zu fließen pflegt (vgl. Anhang 7.e). 377 Psalm 22. 155 Solche Imaginationen und Entwürfe kontaminierender Realitäten entwickeln sich im Zuge der Ideengeschichte. Dass „Parasit“ und „Blutsauger“ etwa zu antisemitischen Leitmotiven werden konnten, hatte seinen Vorlauf in der französischen Revolution. Damals verglich man zunächst den Adel mit „Gewächsen, die nur vom Saft anderer Pflanzen leben können“378 – ein gefährlicher und unheilsschwangerer Vergleich, wenn gängige Denkstile Saft mit Kraft gleichsetzen und letztere dadurch für erschöpflich, beneidet und bedroht erachten. IV.1.b) Saft und Kraft: die Geschichte einer Redewendung „Saft und Kraft“ steht als feststehende Redewendung für „Gesundheit und Frische“379. Diese Metapher überträgt sich spätestens seit LUTHER ins Religiöse oder Spirituelle, kann aber auch die in Sprache und Schrift enthaltene Kraft meinen.380 Im diesem Sinne verwendet Jacob GRIMM die Metapher selbst; ihm 378 „In seiner Verteidigung des dritten Standes von 1789 kritisierte Abbé Sieyès die aristokratischen Privilegien als ein System ‚parasitärer Gewächse, die nur von Saft anderer Pflanzen leben können, die sie aussaugen und erschöpfen’. […] Bald darauf wurde im Diskurs der radikalen Revolutionäre der Vorwurf, aristokratische Privilegien seien parasitär, mit Blutsauger- und Vampirmetaphern kombiniert“ (Musolff 2011, S.110). 379 „in abgeblaszterer bedeutung steht saft namentlich in verbindung mit kraft zur bezeichnung der gesundheit, frische u. dgl.: mit groszer mattigkeit so wol ausz schrecken als mangel krafts und safts. PHILANDER (1650) 2, 738; bis er an saft und kraft und geld und gewissen, und gutem namen bankrut wird. SCHILLER räuber 2, 3 schauspiel; dahin ist mein gesicht, mein hertz, muht, saft und krafft: hab ich sie aber noch, seind sie gantz mangelhafft. WECKHERLIN 152; allein die böse seuche kam / in meines staates glieder, die ihnen saft und kraft benahm; / und alles lag danieder. BLUMAUER Äneis 1, 98.“ (Grimms Wörterbuch, Hvh. und Formatierung von mir.) 380 „übertragen redet man auch von dem saft einer sache, als ihrem innersten kern, wert und gehalt; den übergang zu diesem sprachgebrauch vermittelnd: das (die schriftauslegung der sophisten) ist doch nit andersz, denn unsz die schalen von der nusz, die hulssen von den drawben, die kleyen von dem mel geben. es were besser, beydes miteynander, odder allein den kernen und safft unnd mel geben, wie sichs gepurt tzum newen testament. LUTHER 8, 346, 32 Weim. ausgabe. die quinta essentia wird verdeutscht als das fünfte wesen, der saft und kraft eines dings. KIRSCH 1, 910a. […] Christus gebe solchem seinem wort safft und krafft in ewer hertzen. LUTHER 6, 1b; wort .. die weder krafft noch safft haben. 170a; worte die in anderer (als der deutschen) sprache saft und kraft würden verlieren. SCHOTTEL 1111“ (Ebd., Spalte 1641 f.). 156 erscheint „die gegenwärtige rechtssprache […] ungesund und saftlos, mit römischer terminologie hart überladen.“381 Grimms Wörterbuch gibt bereits als erste Wortbedeutung den „saft der pflanzen [an], der das frische wachsthum begleitet und fördert.“382 Wie schon die ersten Beispiele dafür zeigen, die größtenteils der Lutherübersetzung der Bibel entstammen383, ist solcher Saft der Pflanzen und des fruchtbaren Bodens384 eng mit dem strotzenden Leben assoziiert. Das begründet wohl schon früh den metaphorischen Sprachgebrauch: in bildlicher anwendung: denn deine hand war tag und nacht schwer auff mir, das mein safft vertrocknete, wie es im sommer dürre wird (ps. 32, 4); die schlacht geht frisch, die schwerter stehn im saft. (UHLAND Ernst von Schwaben 106).385 Vielleicht ist die Medizin, die aus dem bereits metaphorisch aufgeladenen Wortfeld zehrt, wenn sie die lateinischen humores im Deutschen als „Säfte“ übersetzt. Die „Läuterung“ des Verzehrten und Verdauten, von GALEN als chylus bezeichnet, zu Säften des Körpers erinnert in einer Beschreibung sehr an die Weise, wie ein Baum seine Säfte aus der Erde nach oben zieht und dabei umwandelt.386 Ob also nun der medizinische aus dem üblichen Sprachgebrauch oder letzterer aus ersterem den Impuls empfangen hat, Körperflüssigkeiten als „Säfte“ zu bezeichnen – so oder so galten schon früh Blut, Milch und 381 Vorwort zu Band 1, Abschnitt 8, S. 32. 382 Bd. 14, Spalte 1639. Hier wie im Folgenden übernehme ich Kapitälchen (für Autorennamen) und Kursivdruck (für Ergänzungen und Bibelverweise) aus der Online-Version, füge aber der besseren Übersichtlichkeit halber Absätze ein. 383 „die dornen, so noch in einander wachsen, und im besten safft sind. Nahum 1, 10; das die beume des herrn vol saffts stehen. psalm 104, 16; (Ebd.) 384 „befruchtende […] feuchtigkeit des erdbodens: und etlichs fiel auff den fels, und da es aufgieng, verdorret es, darumb, das es nicht safft hatte. Luc. 8, 6; die felder alles ihres inhabenden saftes und kraftes berauben. HOHBERG 2, 22a.“ (Ebd., Sp. 1640). 385 Ebd. 386 „und wie kann da, wo man immer auf dem stuhle verdauet, und durch eine starke anstrengung der seele die rohen säfte (chylus) nach dem gehirn zieht, diese läuterung (des nahrungsgeistes) gehörig geschehen? MÖSER patr. phant. (1820) 3, 128“ (Ebd., Sp. 1641). 157 Tränen als ein ganz besonderer „roter Saft“387, als der „Lebenssaft“388 und der „Augensaft“389. IV.1.c) a “zaftig” blonde Ein Zeichen dafür, dass das Adjektiv „saftig“ über das Deskriptive hinaus viele weitere Bedeutungen und Konnotationen angenommen hat, ist sein Eingang ins American English, vermittelt über das jiddische zaftik oder zoftik („üppig, drall“390; „juicy, voluptuous, sensual and plump“391). Dass ein solches Wort überhaupt ins Amerikanische aufgenommen wurde, lässt mich vermuten, dass die Immigranten, die es benutzten, ein genau entsprechendes Wort in der neu erlernten Sprache nicht vorfanden, aber das Bedürfnis dazu hatten. Am Ausführlichsten gibt das Merriam-Webster-Dictionary Auskunft zu diesem Wort: zaf·tig. adjective \ˈzäf-tig, ˈzo ̇f-\ […] of a woman: slightly fat in an attractive way, having a full, rounded figure; pleasingly plump […]. Examples of ZAFTIG: 1) The actress playing the lead role was a zaftig blonde. Origin of ZAFTIG: Yiddish zaftik juicy, succulent, from zaft juice, sap, from Middle High German saf, saft, from Old High German saf. First Known Use: circa 1936.392 Im Spiegel einer anderen Sprache tritt eine der eindringlichsten Bedeutungen zu Tage, nämlich die erotische. 387 „soll ich hingehen, und diesem abgerichteten schäferhund die gurgel zusammen schnüren, dasz ihm der rothe saft aus allen schweis-löchern sprudelt? SCHILLER räuber 2, 3 schauspiel“ (Ebd.) 388 „so ruht doch er (der säugling) an meinem herzen, und trinkt den oft mit thränen vermischten saft des lebens aus meiner brust. KLINGER werke 4, 146“ (Ebd.). 389 „herzen jâmer ougen saf / gap maneger werden frouwen / die man weinde muose schouwen. Parz. 319, 16“ (Ebd.) 390 Christoph Gutknecht am 13.02.2014 unter der Rubrik „Sprachgeschichten“, in der er unregelmäßig Artikel für die Jüdische Allgemeine schreibt: http://www.juedischeallgemeine.de/article/view/id/18359. 391 Selbstbezeichnung eines gleichnamigen jiddischsprachigen Theatertrios aus Australien; Siehe http://zaftik.wordpress.com/ 392 http://www.merriam-webster.com/dictionary/zaftig. Herv. i.O. 158 Über das Stereotyp der „saftigen“, „drallen“ oder „überwältigenden“ Frau im Gegensatz zur „ausgezehrten“, „saftlosen“ oder „frigiden“ werden sowohl Keuschheit als auch sexuelle Aktivität zum Problem. Als blutsaugender vamp vereint die femme fatale vielleicht sogar beide Motive narrativ sublimierter Sexualangst in sich: Das Überflutende wie das Aussaugende.393 Vorgeblich liberale Sexualmoral stellt wiederum ganz eigene Anforderungen, zwingt geradezu zur Promiskuität. Seit diese Entwicklung alle Geschlechter betrifft, ist es kaum noch zu verstehen, was der Wert oder Reiz daran sein sollte, eine Jungfräulichkeit (siehe IV.3) bis nach der Ehe oder gar bis zum Tode zu bewahren. Im Gegenteil – wer sexuell nicht sehr umtriebig ist, empfindet oft die Angst, „auszutrocknen“, denn „vertrocknet“ ist ein verbreitetes Etikett sexueller Inaktivität.394 In einem Roman namens und über Bollywood395 bezeichnet die sexuell liberal eingestellte Schauspielerin Mehnaz ihre Kollegin Maya als „vertrocknete kleine Tussi“. Da letztere die Ehefrau ihres Geliebten ist und traditionelle Vorstellungen von Ehe hegt, meint auch hier die „Trockenheit“ ein weniger ausgeprägtes und weniger leidenschaftliches Sexualleben. Das feindselige Stereotyp der Blutsaugerin, ob es nun aus sexueller „Trockenheit“ oder im Gegenteil aus ihrer „Unersättlichkeit“ resultiert, ist nicht auf Frauen beschränkt.396 Was sich aus psychoanalytischer Sicht mit oralen Phantasien erklären lässt, ist bereits vom Worte her eng mit dem Saugen der Milch assoziiert. Außer Milch und Blut wird kaum etwas „gesaugt“ – nur in 393 „Die Frau, die ihre Reize ungezwungen einsetzt, ob Abenteurerin, Vamp oder femme fatale, bleibt ein beunruhigender Typus. In der schlechten Frau der Hollywoodfilme lebt die Gestalt der Circe weiter“ (de Beauvoir 1949, S. 250). 394 Einmal blätterte ich in einem Groschenroman, der auf einer Toilette herumlag. Darin schämt sich eine junge Frau dafür, noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht zu haben, und fühlt sich als „alte, vertrocknete Jungfer“. Dieser Auftakt einer Geschichte, die vermutlich in „leidenschaftlicher Entfesselung“ oder derartigem mündet, ist überaus erwartungskonform. Und während eines Jobs als Vorleser im Deutschen Verein für Blinde und Sehbehinderte fand ich diese Metapher auch ich in einem Ratgeber zur Paartherapie: "Hinter jeder vordergründigen Leblosigkeit und trockenen Routine verbirgt sich eine verschüttete Sinnlichkeit." (Phasen der Leidenschaft (Klöckner 2007), S. 151). 395 Tharoor 1991, S. 261. Tharoor wurde 1956 mit indischem Hintergrund in London geboren und arbeitet seit 1978 für die UNO. Er veröffentlichte zahlreiche belletristische und historisch/politische Bücher über Indien. 396 Im Handbuch des Deutschen Aberglaubens (Band 4, 1931) gibt es auch einen Eintrag zum „Juden“, wie zu einem Fabelwesen. Auch diesem wird „Blutentziehen als Fernzauber“ und überhaupt „vor allem schädigender Zauber zugeschrieben […]. J.n verhexen den Stall […], verschließen Gebärende“ (S. 813). 159 manchen Fällen Sexualsekrete (vgl. Anhang 5.b) oder gar „die Seele“. Zu dieser Situation ließe sich auch sagen: That sucks! (vgl. Anhang 3): schon seh' ich sie, zwo ungeheuere schlangen, / furcht und verdacht, an deiner seele saugen. (Schiller 51, 17); und die angst mit vampyrrüssel / saugt das blut aus meinen adern, / aus dem kopfe das gehirn. (Grillparzer 3, 37).397 Wie oben belegt, kann Milch wie das Blut als „Lebenssaft“ gelten, der zum Schaden der Menschen verschwinden oder verderben kann. Wie „tief emotional“ diese Flüssigkeit psychologisch oder kulturell „behaftet“ ist, soll das nächste Kapitel zeigen – ohne die sexuelle Komponente frühkindlicher Oralität überzustrapazieren. Nur liegt dabei oft der Verdacht nahe, dass in den paradiesischen, vorzeitlichen Szenerien, die vor Milch, Honig und Tau triefen, erwachsene Menschen sich eine „unbeschwerte“, „unschuldige“ Kindheit der Welt heraufbeschwören, die gerade wegen des asexuellen Vergnügens und der Abwesenheit von (sexueller) Mühsal, Gestank und Ekelmomenten erotisch aufgeladen ist. 397 Aus dem Eintrag in Grimms Wörterbuch zu „saugen“; Bd. 14, Sp. 1891. 160 161 IV.2 „Freude trinken alle Wesen / an den Brüsten der Natur“398 a) Die Zeit, als Milch und Honig flossen Ewiger Frühling war's, mit milden Lüften umspielte lieblicher Westwind die Blumen, die ohne Besamung geboren. [Da] quollen schon Ströme von Milch, schon wälzten sich Ströme von Nektar, rann der goldgelbe Honigsaft von der grünenden Eiche.399 So schwärmt OVID in seinen Metamorphosen vom „goldenen Zeitalter“. Für die alten Griechen und Römer lag das „Land, in dem Milch und Honig fließen“, noch in der Vergangenheit, denn zwischen zeitlicher und räumlicher Ferne besteht wohl kein so großer Unterschied mehr, wenn das Ersehnte weit genug entfernt liegt und sein bedauerlicher Verlust nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. „Wieso aber kommen römische Dichter dazu, das Paradiesesleben oder das goldene Zeitalter mit den Vorstellungen von Milchund Honigströmen auszustatten?“400 Und weshalb sind die Bilder indischer Dichter so ähnlich? Das Sanskritwort madhu bezeichnet gleich fünf Motive aus OVIDs kurzer Schilderung eines guten Ortes: den Frühling, die Süße, das Angenehme, Milch und Honig. Was „hinter“ solcher frühlingssüßen Labsal, den lieblichen und milden Winden, diesem ganzen Feld kulturübergreifend eng verwandter Vorstellungen steht, könnte in anderen Worten nichts anderes als das „Glück“ sein. Auch ohne die „ungepflügte“ Erde sexuell zu deuten, ist die Szene mit den ohne Besamung geborenen Blumen eigentümlich unberührt, unbefleckt und „jungfräulich“ wie der Morgentau. Unter König Pṛṭḥu, der in Kapitel II.1.a die Erdenkuh Pṛthivī gemolken hat, waren die Zustände ähnlich süß: 398 Friedrich Schiller (1765): An die Freude. Zeile 25f. 399 ver erat aeternum, placidique tepentibus auris / mulcebant zephyri natos sine semine flores. / mox etiam fruges tellus inarata ferebat, / nec renovatus ager gravidis canebat aristis; / flumina iam lactis, iam flumina nectaris ibant, / flavaque de viridi stillabant ilice mella (Ovid, Metamorphosen 107-112). 400 Wyß 1914, S. 45. Ebd. finden sich zahlreiche weitere Beispiele für diese Vorliebe. Eine mögliche Antwort hat der Verfasser aber selbst schon auf Seite 41 in drolligen Worten gegeben: „Jeder Trunk, Wein, Wasser, Milch oder Melikraton, ist im warmen Süden ein süßes, erquickendes Labsal der lechzenden Lippen“ (ebd., S. 41). 162 Ungepflügt trug die Erde (Pṛthivī) Früchte, gewährte dem Sohn des Venu (König Pṛthu) seine Wünsche, wie eine Kuh ihre Milch401 vergießt. Alle Kühe füllten Töpfe mit ihrer Milch, aus jeder Ritze quoll Honig. Die Gräser bestanden aus Gold, waren behaglich und wohlig zu berühren. Aus ihnen [machten sich] die Leute Kleider und zogen sie an. Die Früchte machten unsterblich und die Wurzeln schmeckten süß.402 Konkrete oder metaphorische Süße und abstraktes Glück haben auch eine unverblümt erotische Seite (vgl. Anhang 9.a). Ohne Sexualität wäre die Welt jedoch unkomplizierter, wie man sie sich gerne vor einem Sündenfall oder einer allmählichen Entwicklung der Unarten vorstellt: noch nicht so entfaltet, widrig und unübersichtlich wie die Welt, in der man leben muss, in der Tau und Milch nicht wirklich süß schmecken, in der es keine Milch regnet und in der eine Milch gebende Jungfrau als unnatürlich gelten muss. Solche Bilder erweckt auch Frida KAHLO auf ihrem Gemälde Meine Amme und Ich zu einem surrealistischen, zweideutigen Leben: “I am in my nurse’s arms, with the face of a grown up woman and the body of a little girl, while milk falls from her nipples as if from the heavens.”403 Eine große, ehrfurchtserbietende wie unnahbare Amme säugt ein Kind mit dem Kopf Fridas als erwachsener Frau, während auch vom Himmel herab Milch regnet – ein Bild aus den Worten ihrer tatsächlichen Amme, die den Regen als „Milch der Jungfrau“ zu bezeichnen pflegte. Mit der als makellos imaginierten Kindheit der Welt korrespondiert auch die stereotyp gütige, kosmisch gebärende und behütende Mütterlichkeit: Die Mutter ist die Wurzel, die in die Tiefen des Kosmos reicht und seine Säfte hervorholt, sie ist der Brunnen, aus dem Quellwasser sprudelt, das auch nährende Milch ist, eine heiße Quelle, ein Schlamm aus Erde und Wasser, reich an aufbauenden Kräften.404 401 kāma-duh = „Wünsche melkend, jeglichen Wunsch gewährend“ 402 769. akṛṣṭapacyā pṛthivī āsīd vainyasya kāmadhuk / 770. sarvāḥ kumbhaduho gāvaḥ puṭake puṭake madhu / 771. āsan hiraṇmayā darbhāḥ sukhasparśāḥ sukhāvahāḥ / 772. teṣāṃ cīrāṇi saṃvītāḥ prajās teṣv eva śerate / 773. phalāny amṛtakalpāni mūlāni ca madhūni ca (Mahābhārata 07,049.021d@008). 403 https://mydailyartdisplay.wordpress.com/2012/07/20/frida-kahlo-part-4/ 404 de Beauvoir 1949, S. 197. 163 Dieses Bild findet sich seltener in den alten Schöpfungsmythen als in wissenschaftlichen, neuzeitlichen Projektionen zivilisationskritischer Sehnsüchte in die Mutter Natur. Doch auch den „echten“ Göttern ist die unbeschwerte Welt nicht so fern wie den Menschen. Viele Gottheiten indischer Mythen werden ohne eine Geburt im engeren Sinne auf die Welt gebracht, ohne Zeugung, Schwangerschaft, Wehen und Hebamme (siehe Anhang 7.c). Vielleicht ist all dies zu mühevoll und zu schmerzhaft für Götter, die unberührt405 scheinen von den menschlich-alltäglichen Schmerzen, Plackereien, Vergänglichkeiten und Schmutzigkeiten: auch die Arbeit (engl. labour) der Geburt mag ihnen unzumutbar sein. Der Zustand hingegen, in dem sie sich befinden, heißt ananda („Wonne“), ihr Treiben līlā („Spiel“) – assoziative Stränge verweben sie mit Beweglichkeit, Unschuld, Reinheit und Gesundheit. In der Abbildung von Göttern wird oft ihre „süße“ Anmut, Kindlichkeit und Leichtigkeit betont. All diese angenehmen Aspekte, die im Leben der Menschen so selten sind, bündeln sich im göttlichen Leben. Gottheiten lassen sich, unter anderem, als Symbole verstehen, die diese Momente der Freude abstrahieren, inkarnieren und objektivieren. Ein solcher Prozess der Verdichtung stachelt auch die Worte anscheinend postmoderner und postreligiöser Denker manchmal zu religiös anmutenden Übermut an: Oh Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase […]. Singe nicht, du Gras-Geflügel, o meine Seele! Flüstere nicht einmal! Sieh doch – still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen Tropfen Glücks – einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es huscht über ihn hin, sein Glück lacht. […] O Himmel über mir […], wann trinkst du diesen Tropfen Taus, der auf alle Erden-Dinge niederfiel – wann trinkst du diese wunderliche Seele – wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund! wann trinkst du meine Seele in dich zurück?406 405 „Götter zwinkern nicht, ihre Girlanden welken nicht, sie schwitzen nicht (sic!), kein Staub lässt sich auf ihnen nieder, und ihre Füße berühren den Boden nicht vollständig“. Doniger 2009, S. 147. 406 Also sprach Zarathustra, S. 214 (4.Teil, Mittags). Ebd., S. 29 ff (1. Teil, Vom Lesen und Schreiben) verknüpft auf ebenso überschwängliche Weise quasireligiösen Enthusiasmus mit Assoziationen unbschwerter Leichtigkeit, dem „Drang nach oben“ und dem göttlichen Tanz. 164 Tau, Süße, Morgen, Frühling, Duft und Vogelsang: In einem ganz ähnlichen synästhetisch-dramaturgischen Geflecht aus blumigen, kindlichen Assoziationen tummeln sich Kṛṣṇa (vgl. III.1), die Frühlingsgöttinnen und geflügelten Säuglinge verschiedener Ikonographien und Religionen. Daraus kristallisieren sich nicht nur Gottheiten mit ihren Charakterzügen, Geschichten und Attributen, sondern auch abstrakte, entrückte Konzepte wie der śṛṅgāra-rasa, „Saft/Essenz/Geschmack der Liebe“ (vgl. III.5). Die Liebe gilt hier als “weiß, rein, leuchtend und schön”407. Das Adjektiv madhura408, mit madhu eng verwandt, wird dabei von GOSH einmal als „sweet“ und einmal als „graceful“ übersetzt: The erotic sentiment arises in connexion with favourable seasons, garlands, ornaments, enjoyment of the company of beloved ones, music and poetry, and going to the garden and roaming there. It should be represented on the stage by means of serenity of the eyes and the face, sweet and smiling words, satisfaction and delight, and graceful movements of the lips. 409 Die in Schauspiel und Tanz dargestellten Situationen, deren rasa diese „Liebe“ oder „Erotik“ ist, entrücken sich in jenes Land, in dem Honig (madhu) fließt. Süß und lieblich wie die Bewegungen und Worte, sind auch die übrigen Zutaten, die die beiden Strophen für das Zubereiten dieser Situation vorschreiben. Unter diesen Ingredienzien ist neben dem Lustwandeln im Garten die Poesie, eine in dieser heraufbeschworenen Situation zwar erotische, aber rein gefällige, süße und niemals „verbitterte“ Kunstform, die Honigsaft statt schwarze Milch der Frühe verströmt. Auch Honig ist ein Körpersekret, ein Saft, der sich auf Kraft nicht nur reimt410, sondern magisch die Gabe verleiht, „süße Worte“ zu bilden.411 Ma- 407 Gosh 1950, S. 108. 408 nach BÖHTLINGK „süss; lieblich, reizend, insbes. von Lauten und Worten; lieblich tönend“. 409 Gosh 1950, S. 109f. Ślokas 47 und 48. Hvhen von mir. 410 „auch vom honigsaft der blüten, der speise der bienen: unter des grünen / blühender kraft, / naschen die bienen / summend am saft. Göthe 1, 90“ (Grimms Wörterbuch Bd. 14, Sp. 1639). 411 „Darum muss die eine Stimme, zu der beider [Sirenen] Münder sich im Sang vereinen, süß wie Honig tönen. Sie schenkt nicht bloß den Ohren Freude, sondern auch dem Mund und Gaumen. Von anderen Sterblichen, die nur die Muttermilch als erste Gabe tranken, unterscheidet es die Sänger oder Seher, dass sich auch Bienen einst auf ihre Säuglingslippen niederließen. Wer Honig schlürft, wird Wissender. Als Bienen vom 165 gisch ist die Gabe weniger im ontologischen als im poetischen Sinn, insofern die Poesie von der Poesie selber schwärmt wie in der Geschichte von Kvasir (Anhang 7.a). Diese ist zwar voller Gewalt, geht aber um den Dichtermet, der ebenfalls die Poesie zu Honig und Süße gesellt. Assoziationen, die in einem Text Bilder miteinander verflechten, können ebenso gut individueller, kreativer Spielerei entspringen wie den kulturell verfestigten und verdichteten Konnotationen: Der Dichter [PINDAR] darf mit seinen Bildern wechseln, und, wenn er von den Gaben der göttlichen Musen spricht, nennt er sie mit gleichem Recht himmlischen Nektar, wie er die Poesie eines Menschen dem süßesten menschlichen Getränk gleich setzt, dem Melikraton [Milch mit Honig oder Met]. Von dieser poetischen Gleichsetzung ist auch das schöne Bild vom Absterben der Bäume, dem Verdorren der Blumen und dem Versiegen der Milch und des Honigs beim Tode des Dichters abhängig.412 In Anhang 9.a widme ich mich auch bittersüßen oder süß-sauren Motiven der Vergänglichkeit und der Erotik, die wie hier in die Rede von Milch und Honig, aus der sie so oft ausgespart werden, wieder einfließen. Doch bevor auf diese Weise die kindliche Blütensüße des metaphorischen Frühlings zur fruchtigen, zuweilen herben und markanteren Süße heranreift, die den erotischen „Sommer“ und den morbiden „Herbst“ des Lebens aromatisieren, möchte ich noch zwei andere Aspekte der Milch herausarbeiten: Metaphorisch kann Milch für spirituelle Nahrung stehen, während in der realen, gemolkenen, verarbeiteten und verzehrten Milch die Vorstellungen und Phantasien von Mütterlichkeit zusammenfließen und mit Ängsten und Wünschen aufladen. Hymethos auf Platons Säuglingslippen sanken, ging den erstaunten Eltern auf, seinen Worten werde dereinst Süße zugeflogen worden sein.“ Kittler 2006, S.53. 412 Wyß 1914, S. 51, 166 IV.2.b) Wahrheitsmilch So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.413 Die christliche Gemeinde ersetzt damit metaphorisch, als Milch trinkendes und sich stärkendes Kollektiv, das Volk von Zion, welchem Jesaja prophezeit: „daß du sollst Milch von den Heiden saugen, und der Könige Brust soll dich säugen.“414 Eine „Milch“ der Vernunft oder der Wahrheit, die die „Kinder im Geiste“ trinken, kommt auch in Indien vor (Vgl. III.1). Als Teil einer Aufforderung Petri an die Gemeinden dürfte diese Metapher kulturell jedoch noch deutlich wirkmächtiger gewesen sein. Christlichen Katechisten des 17. und 18. Jahrhunderts wollten durch ihr Werk ihre Kindlein und Schäflein diese geistliche Milch schmecken lassen; „Milch und starcke Speise“415, „lautere Milch des Evangelii“416, „vernünftige Milch des Wortes GOttes“ oder „Milch der Wahrheit“417 nannten sie ihre Katechismen und Lehrinhalte. Vorgeblich mund- und kindgerecht wird das Vermittelte in Fragen und Antworten aufgedröselt. In einer Sache stimmen mehrere dieser didaktischen Werke wortwörtlich überein: Die 1. Frage. Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Antwort. Daß ich mit Leib und Seel / […] meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin / der mit seinem theuren Blut für alle meine Sinne vollkömmlich bezahlet.418 Die von vornherein blutgetränkte Milch verhält sich ähnlich wie das vom Heiland vergossene Blut: Sie fließt für die Gemeinde, welche sich hinsichtlich Glauben, Zusammenhalt und Erlösung daran nährt und stärkt, um „nicht nur 413 1.Petrus 2, 1-3. 414 Jesaja 60,16. 415 Mejer 1684. 416 Karl 1620. 417 Lampe 1717 und 1722. 418 Mejer 1684, S. 1f. 167 den Verstand, sondern auch durch desselben Erleuchtung den Willen zu verbessern.“419 Milch fließt aus Hingabe und Demut, aus Liebe zu den hier nicht metaphorischen Kindern, für die sie die erste geistliche „Nahrung“sein soll, wie Milch die erste leibliche Nahrung ist. Zugrunde liegt bei MEJER der neutestamentarische Brief an die Hebräer420, in dem die geistige „Milch“ nicht wegen ihrer Reinheit und Heiligkeit, sondern wegen ihrer leichten Verdaulichkeit denjenigen verabreicht wird, die hochwertigere, geistlichere421 „Speise“ noch nicht verwerten können. Somit scheint die Konnotation der Milch als Wahrheitsträger doch nicht so unmittelbar zu bestehen wie in den indischen Beispielen. Andererseits aber bedeutet der Name des Kirchenvaters Laktanz „der Milchgebende“. In diesem Sinne sind der rechte Glaube, Liebe und Hoffnung etwas, was bereits „mit der Muttermilch aufgesogen“ werden soll, wie man es von Charakterzügen, vererbten Konflikten, Fähigkeiten und Kenntnissen oder ähnlichen personal traits sagen kann. Diese Metapher ist eine derjenigen, die auf den ersten Blick schlicht erscheinen, aber doch vieldeutig sind: magische und bestimmte psychologische Vorstellungen sind hier wörtlich zu nehmen (siehe Anhang 7.d.v). Wie in Indien gilt Milch unter Christen als nährend, aufpäppelnd, lecker und sogar heilig. Die Milchgrotte in Bethlehem, wo der Jungfrau Maria beim Säugen ein Spritzer Milch auf den Boden entglitten sein soll, wird von Christinnen wie Musliminnen besucht. Diese erhoffen sich Kindersegen davon, Stücke des seit dem Besuch der milchenden Maria weißen Kreidegesteins der 419 Lampe 1722, Vorrede. Den Willen zu verbessern, heißt nicht nur, ihn einem richtigen Christentum einzufügen, sondern ihn gegen falsche, d.h. die anderen Verständnisse vom Glauben zu stärken: Für den reformierten MEJER ist das Papsttum als Antichrist ein wesentliches Hindernis daran, „daß die Erde mit Erkantniß als mit Wasser des Meers solte bedecket werden“ (Mejer 1684, einleitende Zuschrift). Für den Lutheraner Johann ANDT bildeten eher diejenigen das Problem, das „falsche Heuchel-, Schein- und Spott- Christentum“, die sich zu Unrecht evangelisch nennen würden, also wohl auch Calvinisten. Um Milch geht es in seinen Herzens-Seuffzern indes nicht, nur um das Blut Jesu, das aber die Seelen „schneeweiß“ wasche (Arndt 1702, S. 5f.). Metaphern für das, worum es in der Lehre vor Allem gehen soll, sind hier statt der Milch „Kern, Mark und Safft“ (Vgl. IV.1.b). 420 „Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit“ (Hebräer 5,12-13). 421 Vgl. 1. Korinther 3,1-3. 168 Höhle mit nach Hause und zu sich zu nehmen (siehe Anhang 6.a). Hier hat die Maria Lactans mit nuckelndem Jesuskind auf einem Bild gar eine entblößte Brust – ein Motiv, in dessen Variation auch die Allgemeinheit (Abb. 10) oder der heilige Bernhard (Abb. 11) zum Säugling werden können. Statt der Maria treten auchder heilige Geist, Ecclesia, die personifizierte Kirche, oder Sophia, die Weisheitsmutter aus Gnosis und Alchemie, als Milchamme ausgewachsener Männer auf (Abb. 22. a-c) – wie auch Jesus selbst, als Blutender, die Pose einer milchenden Frau annehmen kann (Abb. 9). Wenn der Jung-Schüler Erich NEUMANN im „Taufgefäß ein Symbol der Wandlung“422 des Geistes erkennt, spricht daraus nicht nur seine reichlich obskure Gefäß-Metaphysik423, sondern auch durchaus die authentisch mittelalterliche Metaphorik von Taufwasser, Gnadenmilch und dem heiligen Geist als Trunk. Dies wird aus den Abbildungen 21 a-c ersichtlich, die ich seiner halbwissenschaftlichen Arbeit zur „großen Mutter“ entnahm. In den abgebildeten Szenen überwiegt die Metaphorik des Trinkens, meist in Verbindung mit einer weiblichen Brust: In der Begeisterung der Apostel durch den heiligen Geist (a), in der Hinwendung und Hingabe von Menschen verschiedener gesellschaftlicher Stände und Professionen zur „Mutter Kirche“ (b), in der lebenserhaltenden Kraft eines Brunnens (bzw. des Taufbeckens, bzw. des Glaubens, c) oder auch in der wortwörtlichen Milch der „Weisheit“, der allegorischen oder gar mythischen Sophia (d) fließt in erster Linie das weiße Drüsensekret, das „in sich“ jeweils Unsichtbares enthält: Intellektuelles wie Erkenntnis oder Weisheit, Emotionales wie die Kraft des Glaubens oder des Lebens. 422 Neumann 1956, S. 306 423 „Das weibliche Gefäß ist als wiedergebärendes Gefäß der oberen Wandlung das der Sophia und des heiligen Geistes. Es nimmt nicht nur das zu Wandelnde in sich auf, um es wie der Krater der Gnosis zu vergeisten und zu vergöttlichen, sondern es ist auch die nährende Kraft, von der das Gewandelte und Wiedergeborene lebt. So wie auf der unteren Elementarstufe der nährende Strom der Erde in das Tier und die phallische Kraft des Bruststroms in das empfangende Kind einströmt, so empfängt auf der Geist- Wandlungsstufe der erwachsene Mensch die ‚Jungfrauenmilch‘ der Sophia […]. Auf dieser höchsten Stufe erscheint ein neues Symbol, in dem der Elementar- und Wandlungscharakter der Nahrung seine höchste Geist-Stufe erreicht, der Herzquell der Sophia [Abb. 9.b], die geistnährende Weisheit des Gefühls und der Mitte“ (Ebd., S. 308). 169 Abb. 22 a-c: Geist trinken; Geist als Lebenskraft und als Intellekt. Bildtafeln aus Neumann 1956 zur „Geistwandlung“ (Aufgeführt als Primärquelle) a (Bildtafel 173): Ausgießung des heiligen Geistes. Miniatur aus Beatus‘ Kommentar über die Apokalypse (MS. Lat. nouv. acq. 1366, fol. 120), 12. Jh. Bibliothèque nationale, Paris. Photographie: Bibliotheque b (Bildtafel 175): Ecclesia. Einblattzeichnung aus einem deutschen Manuskript, 12. Jh. Sammlung Forrer, Straßburg. P: unbekannt. c (Bildtafel 174): Sophia-Sapienta. Detail aus italienischem Manuskript, Mittelalter. MS. Pal. Lat. 1066. Vatikan-Bibliothek. P: Bibliothek. a c b 170 Insbesondere für Nicht-Theologen ist die Milch als Symbol für geistliche „Nahrung“ nicht klar von manifester, von gnädigen heiligen oder übermenschlichen Frauen sekretierter Milch zu unterscheiden: Divine lactation as a metaphor for divine-human communication becomes incorporated into descriptions of the definition of deity and the dominance of the male savior figure in the formative period of early Christianity. The image of the baby Jesus suckling at his mother’s breast signified the spiritual nurturance of all Christians by Mater Ecclesia […]. The medieval Mechthild of Magdeburg made religular reference throughout her popular devotional text, The Flowing Light of the Godhead, to what I have termed a „spirituality of Mary’s Milk“ […]. According to pious tradition, the Virgin Mary expressed three drops of milk directly into the mouth of Bernard of Clairvoux [vgl. Abb. 11]. To the early Christians, Mary’s milk symbolized knowledge, new life, and paradise; and later was celebrated as a sign of her grace. A symbol of erudition, intercession and salvation, Mary’s milk signaled the the transfer of wisdom for she was Sophia and her son Logos.424 Dass auch Jesus nicht nur Blut spendet (vgl. II.1.b) und Milch trinkt, sondern dieselbe Milch auch von ihm kommt, feilt Ephräm der Syrer motivisch noch weiter aus. In den Worten dieser frühchristlichen Autorität aus dem 4. Jahrhundert geht es gleichzeitig um die Körperflüssigkeit als solche und um die darin verkörperte Weisheit, Lebens- und Schöpferkraft: 149. Er war der Höchste und trank die Milch Mariens, während alle Geschöpfe aus seinem Reichtum tranken. 150. Er ist die lebendige Brust des Lebenshauches. Es tranken von seinem Leben die Toten und lebten (wieder) auf. [...] 153. Während er also trank die Milch Mariens, tränkte er selber mit Leben das All.425 Die oben bereits viel besprochene Doppelnatur als Mensch und Gott, in der das Allegorische, auf anderes Verweisende, Transzendente seines Leibes wiederum transzendiert wird, ist das Hauptthema dieser Predigt. Die Milch fließt von ihm, dem Gott, zu ihm selbst, dem Menschen zurück; so ist er gleichzeitig das Allgemeine "hoch oben" und der Einzelne "hier unten": 424 Apostolos 2013, S. 46 f. Hvh. i.O. 425 Hymne IV, der Geburtstag des Herrn. Übersetzt in: Beck 1959.S. 24-38. 171 159. Ganz war er in der Tiefe und ganz in der Höhe. Ganz war er bei allen und ganz bei jedem Einzelnen. 160. Während sich formte sein Körper im Mutterleib, fügte seine (göttliche) Kraft alle Glieder. 161. Während sich formte der Foetus des Sohnes im Mutterleib, formte er selber die Kinder im Mutterleib. [...] 171. Als er tot war, öffnete er die Gräber. Als er im Mutterschoß war, öffnete er die Schoße. Gräber und Schöße in einem Schwung zu nennen, regt nicht nur bei Matriarchatstheoretikerinnen und Jungschülern wilde Phantasien an. Die Orte, wo der Leib der Menschen zusammengebraut wird bzw. sich am Ende auflösen, stellen durch ihre irdene, nackte Materialität die Subjektivität und Vergeistigung der Einzelnen seit jeher so eindrücklich in Frage wie die Mutterbrust, das im doppelten Sinne "naheliegende" Symbol der Nahrung und Lebenserhaltung. So kommt es dem spirituellen Anliegens der Christenheit zupass, das Körperlichste schlechthin als Symbol des Heiligen und des Geistes zu vereinnahmen: 179. Und da ihn salbte jene (Frau), die ihn salbte, hat er mit seinem Tau und Regen das All gesalbt [...]. 184. Sie gab ihm Milch von der (Milch), die er schuf, sie gab ihm Speise von der (Speise), die er werden ließ. 185. Er gab Marien die Milch als Gott. Er trank sie von ihr als Mensch [...]. 206. Er wandelte Wasser in Wein als Schöpfer, er trank davon als Armer. Hin und her spielen seine Worte, lassen Jesus-Gott-Menschensohn den Ball, den er wirft, stets selbst auffangen. Doch letztendlich ist er es, der allmächtig ist und seine Gnade und Liebe "ausgießt", während alle anderen Menschen danach "dürsten" und davon "trinken": 7. Bedürftig ist die Schöpfung deiner Quelle, und nach ihr dürstet sie ganz, wie nach dir, mein Herr! [...] 18. Und wenn schon, mein Herr, an jedem Tag dein Verzeihen ausgegossen ist, um wie viel mehr wird es überreich sein an diesem Tag! [...] 21. Dein Erbarmen, oh Herr, gieße uns aus an deinem Tag! [...] 27. DIe frühreife Traube ist dieser Tag, in der der Kelch des Heiles verborgen war [...]. 49. Wie viel kann schlürfen der dürstende Mund aus der Quelle der Gottheit! Zwar aus anderen Epochen und Gegenden stammend, illustrieren doch die Abbildungen 9-11 und 21 a-c trefflich das Schlürfen der spirituell dürstenden Christenmünder, ob ihr Durst nun von Maria oder ihrem Sohn gestillt wird. 172 Bis heute spielt Maria in mitteleuropäischer volkstümlich-katholischer Frömmigkeit eine prominente Rolle als Milchgeberin: Nach einer elsässischen Sage gibt es eine Quelle, die M. spendet; dahin bringt die Mutter Gottes alle Kinder, die keine Mutter haben, und lässt sie trinken; sie lächeln in der Wiege, und am Morgen haben sie Milchschnäuzchen.426 „Wie süß!“ bin ich verleitet auszurufen, sowohl über das Bild als auch über den Glauben – und genau das ist das Problem solcher Beispiele des „deutschen Aberglaubens“, über den von 1927 bis 1942 ein monumentales Handwörterbuch entstand, das allein der Milch über 50 Spalten widmet. Leider bestehen die Artikel durchweg aus knappen, kontextarmen Auflistungen von Bräuchen und Erzählungen, die in dieser Form die übliche Konnotation ländlicher, kirchlich nicht abgesegneter Religiösität mit Naivität oder Irrglauben nur untermauern. Dabei ist die „Mütterlichkeit“, über die solche kleinen Mythen nachdenken und mit denen kleine Rituale umgehen, ein gewichtiges, tief schürfendes und oft schmerzhaftes Thema. Wünsche und Ängste haften ihm an, die aus frühester Kindheit in das Zusammenleben der Erwachsenen überdauern. In christlichen Vorstellungen kristallisiert sich die verklärte Mütterlichkeit insbesondere in Maria, der allegorischen Mutter schlechthin – doch trotz deren offizieller Teilhabe an göttlicher Allmacht sind Milch, Mutterliebe und Miteinander in dieser „bodenständigen“ Welt stets bedroht. 426 Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band IV – im Folgenden Abgekürzt als HwdA IV –, Eintrag Milch, S. 248. 173 IV.2.c Milch geben, Milch verderben Im Mai sammelt die Hexe den Tau von den Wiesen und raubt damit den Besitzern M[ilch] und M[ilch]segen.427 Wie wertvoll Milch und Milchprodukte einmal waren, nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, zeigen viele Redensarten und „abergläubische“ Vorstellungen. Vom Buttern kommt die Metapher des „Absahnens“, eine Metapher für gesellschaftliche Ungerechtigkeit und größere oder bessere Anteile. Wenn die gehaltvollere Sahne vom Rest der Molke abgeschieden wird, ist es von Vorteil, das Abgesahnte (also die Sahne) zu erhalten und von Nachteil, mit dem Rest vorlieb nehmen zu müssen. Wieder wird von einer überschaubaren sozialen Situation ein Transfer auf die große, unüberschaubare Gesellschaft vollzogen, die überhaupt nur in Metaphern sagbar, vielleicht auch nur in Metaphern vorhanden ist. Kuhmilch ist Rohstoff vieler Produkte, die als Inbegriff der Kultur und des Herstellens gelten können. Bedeutsamer jedoch ist, dass Kuhmilch und die Milch menschlicher Frauen unmittelbar mit Mütterlichkeit verknüpft werden und diese ohne weiteres völlig symbolisieren können. Mütterlichkeit gilt in der europäischen wie in der indischen Geschichte und Gegenwart als ein nährendes, hegendes und pflegendes Prinzip. Da diese lebensnotwendigen Aufgaben und die entsprechenden emotionalen Bindungen stereotyp dem weibliche Geschlecht zugeteilt werden, wird dieses oft auf dieses Prinzip reduziert. So beladen mit Wünschen428 und Abhängigkeit die Muttermilch als erste Nahrung ist, so belastet ist sie mit Ängsten, sie könnte rar oder schlecht werden, oder verderblicher Einfluss könne sie rar oder schlecht machen. Als so wertvolle und für Kinder überlebenswichtige Sekrete müssen Kuhmilch und Menschenmilch besonders sorgfältig behütet werden. Bei den Baruya auf Neuguinea zeugen viele kleine Gesten und Praktiken des weiblichen Alltagslebens von dieser Sorgfalt. Dem liegt, laut GODELIER, ein Glaube an die „Gier 427 Ebd., S. 246, 428 So sei auch die antike „Verwendung von M. und Honig in den Mysterien der Trank der religiös Neugeborenen, wie die Nahrung des ersten Kindesalters M. und Honig war […] M. und Honig sind die Attribute des paradiesischen Götterdaseins und des Märchenlandes“ (HwdA IV, Eintrag Milch, S. 250. Hvh. i.O.). 174 der Frauen, seien sie tot oder lebendig, nach der Milch der anderen zugrunde“429: Der Strahl nämlich, den eine Mutter aus ihrer Brust drückt, bevor sie sie in den Mund ihres Babys steckt, ist dazu bestimmt, sie von den gefährlichen, tödlichen Spuren zu reinigen, die tote Frauen oder tote Babys möglicherweise zurückgelassen haben, als sie ihre Milch einsogen, ohne dass sie es merkte. Nachts trägt die Mutter ihr Kind vor sich her, nicht auf dem Rücken, weil sie fürchtet, dass tote Frauen, die Brüste voller Milch, sich auf das Baby stürzen und ihm ihre Milch zu trinken geben. Aus denselben Gründen setzt man ständig ein kleines Mädchen neben das Baby, damit seine Gegenwart die toten Frauen fernhält, die begierig sind, dem Kind ihre Milch zu geben.430 Viele Geschichten aus aller Welt erzählen von Attentaten mit vergifteter Milch oder giftigen Brüsten, wie im Falle der Kinderfresserin Pūtanā, die es auf Kṛṣṇa abgesehen hat. Statt von ihr vergiftet und verschlungen zu werden, saugt er sie jedoch aus, tötet sie (Anhang 7.d.iii). Eine ähnlich misogyne Sage aus Südtirol gibt ihrem Ungeheuer den deskriptiven Namen „Langtüttin: Diese laufe den Kindern nach und biete ihnen ihre Brüste an; die eine Brust sei mit Milch gefüllt, die andere mit Eiter.“431 Die mütterliche Brust ist wohl das nächstliegende und stärkste Symbol von „Mütterlichkeit“, da ein Mensch nach der Geburt wohl zunächst nicht differenziert, ob sie oder er sich nach der beschützenden Mutter, nach ihrer weichen Brust oder nach ihrer nährenden Milch sehnt und ein Symbol dann am stärksten ist, wenn die Konnotationen nicht erst konstruiert werden müssen.432 Eine Mutterbrust jedoch, die statt Milch Gift oder Eiter zu saugen gibt, versieht die imaginierte, verklärte und ersehnte Mutterfigur mit einer gefährlichen oder ekelhaften Seite – ganz gleich, ob diese nun für das „abergläubische“ Denken eine Realität oder eine Metapher darstellt. Für die Milch und ihre Säuglinge besonders gefährlich sind Gier und Neid, derer oft Frauen bezichtigt werden. Wären diese vorgeworfenen Gefühle real, wären sie als Konsequenz einer im Verhältnis zu den Männern entmachteten 429 Godelier 1982, S. 86. 430 Ebd. 431 HwdA IV, Eintrag Milch, S. 282. „Eiter“ könnte hier auch „Gift“ meinen (vgl. Anhang 3). 432 Vgl. Langer 1942, S. 150. 175 und enteigneten Position in vielen Kontexten recht nachvollziehbar. Verständlich wäre es auch, wenn die in ihre Rolle als hegende, schützende Mutter eingeengten Frauen nach den erlittenen Schmerzen und ohne sonst viel zu haben, woraus sich ein Lebenssinn ergeben könnte, ihre Kinder besonders ängstlich hüten und Gier und Neid auf die Außenwelt projizieren würden. die aber auch die Schaden stiftenden Agenten einer feindlichen Außen- oder Anderswelt motivieren. Das können nicht nur, wie bei den Baruya, die Toten sein; im Wörterbuch des deutschen Aberglaubens wird die Milch oft auch von der Hexerei Beschuldigten oder von „Juden“ vergiftet und verdorben. Manchmal halten auch die Wesen der Natur, die in anderen Zusammenhängen verehrt werden, als Schablone für misogyne Ängste her. So widerfuhr es bei rumänischen Roma den chtonisch-unterirdischen pçuvush-Frauen: Will das Kind die Brust nicht nehmen, so glauben die Z*innen, dass irgendein Phuvush-Weib433 dasselbe heimlich gesäugt habe. In solchen Fällen legt sich die Mutter zwischen die Brüste Bähungen aus Zwiebel, wobei sie den Spruch hersagt: Pçuvushi, Pçuvushi, Ac tu náshvályi! Tiro tçud ác yákhá, Andre pçuv tu pçabuvá! Thávda, thávda miro tçud, Thávda, thávda párno tçud, Thávda, thávda, sár kámáv; – M’re cáveske bokhále! Phuvush-Weib, Phuvush-Weib, Krankheit fresse deinen Leib! Deine Milch soll Feuer werden, Brennen sollst du in der Erden! Fliesse, fliesse meine Milch, Fliesse, fliesse weiße Milch, Fliess’ so lange als ich will, – Meines Kindes Hunger still! Dasselbe Mittel wird angewendet, wenn einer Mutter die Milch versiegt, wobei man eben des Glaubens ist, dass ein Phuvush-Weib heimlich ihr eigenes Kind habe aus der Brust der betreffenden Frau saugen lassen.434 433 „von pçuv = Erde, und manush abgekürzt in -ush = Mensch, also Erdmenschen“ (Wlislocki 1891, S. 29) 434 Wlislocki 1890, S. 100. Zu Wlislockis Ethnographie vergleiche Anhang 7.g. Mit meinen Hindi- und Sanskritkenntnissen kann ich mir einige Ausdrücke im Romanes erschließen: manush entstammt augenscheinlich dem Sanskrit-Wort manuṣya, das nicht nur „Mensch“ bedeutet, sondern dem deutschen Wort obendrein eng verwandt ist. pçuv erinnert an pṛthvī, die Erde, die in II.1.a bereits begegnet ist – sogar als milchgebende! In 176 Nachdem eine solche Erdfrau einem Kind die Brust gegeben hat, sodass dieses die Milch seiner Mutter verschmäht, trägt es vielleicht selbst etwas Dämonisches in sich. Ironischerweise wird auch der stereotype „Z*in“ in den Augen der meist feindseligen Umwelt, der gadzes oder gadsches435, etwas Anrüchiges, Verführerisches oder gar Dämonisches angedichtet. Auch die Milch selbst als mächtige Substanz kann zum Bösen verwendet werden; eine südindische Kurzgeschichte von Uday Prakash erzählt davon, dass Frauen, die sich mit Zauberei abgeben, manchmal eines ihrer Haare Kindern an den Körper heften. Wenn sie dann später dieses Haar zurückzaubern und es in einen mit Milch gefüllten Topf tun, verwandelt sich die ganze Milch in Blut – das Blut des Kindes, aus dessen Körper das Zauberhaar es gesaugt und das es mitgenommen hat. Davor hatte ich Angst. Wenn es mir womöglich auch so ginge, würde mein Körper weiß werden wie Papier.436 Ganz im Sinne von Mary DOUGLAS (Vgl. I.2.d) gilt oft vor allem das als verderblich, was den üblichen Erwartungen nicht entspricht oder nicht am richtigen Platz ist. Solche Substanzen können für Schadenszauber verwendet werden, zum Beispiel Muttermilch, die ein erwachsener Mann zu sich nimmt.437 In Mitteleuropa waren es stets vor allem Sinti, Roma und die Juden, denen man nicht erlaubte, einen „richtigen Platz“ überhaupt nur zu haben. Daher waren sie stets besonders üblen Zaubers verdächtig: in einer thüringer Hetzsage wird ein Jude beschuldigt, menschliche Muttermilch „in die Hirnschale eines Gehenkten [zu] gießen“, um „das Sterben unter die Goym zu bringen.“438 Eine strukturalistische Analyse könnte solche Erzählungen gewiss in eine stimmige Relation zu denen setzen, in denen die Milch das ist, was alle Lebenáshvályi glaube ich das Sanskrit-Verb ✓naś auszumachen, das „vergehen, dahinschwinden, untergehen“ bedeutet. Die chiastisch gegeneinander gesetzten Ausdrücke tiro tçud und miro tçud können nur „deine Milch“ und „meine Milch“ bedeuten – auf Hindi terā dūdh, merā dūdh. Weitere Reminiszenzen: Andre pçuv ~ pṛthvī ke andar (Hindi) = „in der Erde“; Als 1.Pers. Singular ergibt sich „kámáv ich will, liebe“(Ebd., S. 323) fast unverändert aus der Sanskritwurzel ✓kam („wünschen, begehren, lieben“). bokh hingegen wird jedes hindikundige Ohr direkt als bhūkh erkennen, ebenfalls „Hunger“. 435 Sg. m. gadzo, f. gadzi, ein Ausdruck aus den Romanes-Sprachen für „Bauer“. 436 Prakash 2007, S. 25 f. 437 „In Norwegen verschafft sich ein erwachsener Mann die Kraft, mit seinem bösen Blick alle Lebewesen zu töten, wenn er sich von einer Frau säugen lässt“ (HwdA IV, S. 271). 438 Ebd., S. 269. 177 wesen leben lässt,– mir genügt hingegen zu bemerken, dass das Lebensspendende im „falschen“ Munde sich in Schädliches verwandelt, so wie bei Quirlung des Milchozeans (siehe Anhang 7.d.1) das Gift aus der Milch entsteht. Aber nicht nur ein falscher Ort, auch Verfärbungen Beschmutzungen oder der „böse Blick“ pervertieren die Milch, machen sie gefährlich. Wie in zoroastrischen Vorstellungen (vgl. Anhang 7.f) wird dabei meist nicht zwischen physischer und metaphysischer Kontamination unterschieden439. Oft wirkt eine Beschädigung als eine automatische Übertragung von der Milch zur Kuh oder umgekehrt, da diese nicht nur als metaphorisch, sondern auch sympathetisch miteinander verbunden gelten440 – Konzepte, die in manchen „magischen“ oder homöopathischen Weltbildern als „Analogieprinzip“ entworfen werden. Die Milch wird in all diesen Fällen nicht in ihrer Reinheit, sondern in ihrer Ganzheit und Unversehrtheit gestört – welche sich daraus überhaupt erst ergibt, dass man sie metaphorisch mit der Kuh und der Mütterlichkeit verbindet. Die Vorstellungen von Kühen und Müttern erhalten dadurch, mal wieder über eine Interaktionsmetapher (vgl I.1.a), ihre Kontur, die viele Charakterzüge der Kühe und Mütter in Mythen bestimmt. Ohne die Verbindung wäre Milch vermutlich nichts, was verletzt oder geöffnet werden kann. So kann die Milch, die eigentlich keinen Körper hat, über eine Kuh, einen Euter oder eine Brust angegriffen und verletzt werden – sie schlägt leck (vgl. I.2.e). In diesem Sinne problematisch ist besonders die Menstruation441 (vgl. II.3 und Anhang 439 Einem Schweizer Jungen begegnen „drei geisterhafte käsende Sennen, die ihm dreierlei M. anbieten: rote M., die im Sommer verdorben und versudelt wurde, schwarze, die beweist, dass die Älpler geflucht haben, weiße, die zeigt, dass die Kühe recht gemolken wurden […] wer von der roten M. trinkt, muss zerbersten“ (ebd., S. 253). Diese beiden Arten, Milch zu verderben, unterscheiden sich voneinander: das Versudeln ist eine direktes physisches Vergehen an der Milch, das Fluchen eine Sünde – etwas Immaterielles, das auf indirektem Wege verschmutzt und bedroht, sich letztendlich aber doch befleckend „im Fleisch“ manifestiert, also im Konkreten und Leiblichen. 440 Von Siebenbürgen bis Frankreich „verbrennt [ins Feuer überlaufende Milch] den Kühen das Euter“, fügt ihnen „Ausschlag“, „Mütterlibrand“ oder „Blasen am Gesäß“(261) hinzu. „Rührt man mit einem spitzen Gegenstand in der Milch oder sticht man hinein, gibt man der Katze etwas davon, so sticht man der Kuh ins Euter, oder die Kuh gibt rote M., oder die M. scheidet sich“(259) 441 Wer, laut FRAZER, bei hier nicht benannten Ethnien Zentralafrikas „verwundet ist oder einen Feind getötet oder eine Leiche berührt hat, darf keine M. trinken“ (ebd., S.259), wie oft auch Menstruierende, die ebenfalls auf eine Weise „leck“ sind. Paracelsus zufolge schade nichts der Milch mehr als „unreine Weibspersonen / wann sie ihre Zeit haben. 178 8.b, d und g). Wenn – in der Welt der Metaphern und Imaginationen – eine mit Angst, Pubertät und Reife belastete Körperflüssigkeit die reine, unschuldige Milch der Kindheit besudelt oder wenn das süße Leben bitter wird (vgl. Anhang 9.a), dann wird der Leib selbst unbequem und zum Problem. Er entgleitet den Wünschen oder auch den ganz selbstverständlichen Erwartungen, die man selbst, von kulturellen Vorstellungen dazu verleitet, auf ihn richtet. Viel zu leicht wird vergessen, dass die Materie dem Wollen oder dem Geiste nicht zwangsläufig untertan ist und sich den alltäglichen, routinierten Abläufen nicht immer fügt; und dass das Ich selbst sich „in“ seinem Körper nicht immer wohl fühlt, sich nicht immer als mit ihm identisch empfindet. Solche Unstimmigkeiten und Dissonanzen greifen tief: Man ist mit sich selbst nicht „im Reinen“ und wünscht sich, das „Schmutzige“ am Körpers – oder auch an der Seele! – einfach abspalten oder abwaschen zu können. [Diese dürfen] zur selben Zeit keine Milchspeise handeln / oder umb dieselbige seyn. Ja sie sollten sie nicht ansehen / mit dem Atem anhauchen / oder sonst anrühren / dann … die Milch wird sauer und gerinnen“ (ebd., S.267). 179 IV.3 Seelenschlamm: Reinheit, Scham und Ekel Das Blut Jesu Christi […] waschet mich, dass ich schneeweiß werde. [Wann] meine Seele durch dieses Göttliche und kräfftige Blut ist gereinigt / so wird es dein heiliger Tempel und Wohnung […], je klarer dein heiliges Göttliches Bild in meine Seelen leuchtet […]. Und wenn ich meine Füße wiederum besudele mit Unreinigkeit, ach so wasche mich wiederum mit deinem heiligen / göttlichen / reinmachenden Blut.442 Reinheit und Licht, Milch und Morgentau, Frühling und Süße – dieser assoziative Knoten speist anscheinend sowohl im „Westen“ als auch in Indien eine kollektiv imaginierte Szenerie mit Bildern, synästhetisch und szenisch aneinander gekoppelt (vgl. III.1 und IV.2). Ihm haften Qualitäten der Reinheit, der unberührten In-sich-Geschlossenheit und manchmal auch der Jungfräulichkeit an, denn „ein jungfräulicher Körper besitzt die Frische verborgener Quellen, die morgendliche Zartheit einer geschlossenen Blüte, den Glanz der Perle, die noch kein Sonnenstrahl erreicht hat.“443 Dies ist einerseits eine positive, substantielle, wenn auch stereotype und hier ironisch gemeinte Qualität bindet jeweilige Gegenteile aneinander, wenn es welche gibt. Eine reine „Süße“ und „Unschuld“ setzt die Abwesenheit und damit einen Begriff von einem Gegenteil voraus, welches aus den aneinander gebundenen verschiedenen Gegenteilen der verschiedenen Metaphern für „Reinheit“ hervorgeht.444 Wie diese ist auch der „Schmutz“, sowohl psychisch-sozialerer als auch physischer Natur, ein metaphorisches Gebilde, dass durch das Gegeneinander der Vorstellungen erst Realität gewinnt. Dreckig sind aus fundamentalistisch-orthodoxintoleranter Sicht diejenigen, „die den Nektar der Geschichte des Unerschütterlichen [in diesem Fall Kṛṣṇa] verschmähen (√hā) und unwahre, schlechte Geschichten hören, so wie Kotfresser [Mistkäfer oder Schweine] die Kacke.“445 Als „dreckig“ gelten Gefühle wie Neid oder Scham, gelegentlich auch Zorn, Sexualität oder Begierde (vgl. I.2.d & e). Wer sich davon in den Augen anderer allzu sehr antreiben lässt, gilt als „befleckt“ oder ganz und gar als „Miststück“. 442 Arndt 1702, S. 5f. 443 De Beauvoir 1949, S. 209. 444 süß vs. „bitter“ wie Trauer, „sauer“ wie Zorn, „salzig“ wie Tränen; Sommer vs. Winter. 445 ye cācyuta-kathā-sudhām / hitvā śṛṇvanty asad-gāthāḥ purīṣam iva viḍ-bhujaḥ (Bhāgavata-Purāna III.32.19) 180 Zwar wird in manchen Kontexten auch anderen, weniger „fleischlichen“ Gefühlen eine beschmutzende Wirkung zugeschrieben446, zutiefst verstörend scheint jedoch die sinnliche Lust zu sein. So gleicht BAUDELAIRE das Aas in seinem Gedicht dieses Namens der als erotisch, anzüglich wie abstoßend erdachten Weiblichkeit an, die auf umgekehrtem Wege ebenfalls Züge eines verfaulenden Kadavers erhält: Die Beine in der Luft, wie liederliche Frauen Vom Strome glühnder Gifte voll, Ließ es voll Lässigkeit und ohne Scham uns schauen den Leib, dem ein Gestank entquoll.447 Ob die schwelenden Gifte nun aus den Leibern lustvoller Frauen oder aus demjenigen des verwesenden toten Tieres ausschwitzen, bleibt offen und verstärkt die Doppeldeutigkeit des Vergleiches. Die begehrenswerte und doch dem Begehren vorerst entzogene schöne Frau hat mehr als ein ebenso stereotypes Gegenteil. Mit ihr kontrastiert nicht nur die lustvolle, sexuell aktive, „genossene“ und daher wie die Jungfrau ebenfalls „süße“ Frau (wie die Frucht zur Blüte), sondern auch die nicht genossene oder gar „ungenießbare“, „bittere alte Jungfer“ – Schilderungen solcher „Süße“ und „Bitternis“, besonders von Salman RUSHDIE, versammeln sich in Anhang 9.a&c. Das Gewalthafte, Stigmatisierende dieser zugeschriebenen Bitternis wird wieder von Simone de Beauvoir erkannt, benannt und gebannt: Alte Jungfern werden nicht nur aus psychologischen Gründen als verbitterte, bösartige Matronen angesehen, sondern der Fluch steckt in ihrem Körper, diesem Körper, der für kein Subjekt Objekt ist, den kein Begehren begehrenswert 446 „Einst hielten sich die Roma an so strenge Regeln, dass zum Beispiel die Schwiegermutter ihre Schwiegertochter aus der Küche warf, wenn diese mürrisch oder schlechter Laune war oder gar weinte, damit ihr Ärger oder ihre Traurigkeit das Essen nicht verderben würde“ (Eintrag von Milena HÜBSCHMANNOVÁ zu žužo („rein“, „reinlich“) auf http://romani.uni-graz.at/rombase). 447 Les jambes en l'air, comme une femme lubrique (lüstern, lustvoll), / Brûlante (brennend) et suant (schwitzend) les poisons, / Ouvrait d'une façon nonchalante et cynique / Son ventre plein d'exhalaisons (Ausdünstung, Brodem, Hauch). Aus den Blumen der Bösen (Les fleurs du mal, 1855), Übersetzung von Wolf von Kalckreuth, 1907. 181 gemacht hat, der erblüht und verwelkt ist, ohne einen Platz in der Welt der Männer gefunden zu haben.448 In verblüffendem Widerspruch zum einleitenden Zitat, welches das Blut Christi zum reinigenden Elixier schlechthin erklärt, gelten „Fleisch und Blut“, also die Leiber und Lüste der Menschen, dem gleichen Katechisten als sündenvoll und verderblich: Sie seien „unser größter Feind […], soll man creuzigen […], sonst kann nichts geistliches im Menschen seyn.“449 Ebenfalls im 18. Jahrhundert verschiebt der französische Arzt TISSOT die Abscheu vor der Lust aus der Theologie ins medizinische Sprachspiel und warnt vor der Onanie, die abhängig mache und zur Wiederholung zwinge. Die Seele werde „durch die scharfen Feuchtigkeiten, welche die Zeugungstheile reizen, veranlasset, sich wieder in den vorigen Schlamm zu vertiefen.“450 Hundert Jahre später kehrt NIETZSCHE diese Schlammmetapher um, indem er das seelisch „beschmutzende“ auf die sexuelle Abstinenz zurückwirft: Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie nicht der Weg zur Hölle werde – das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.451 Das Paradies scheint diesem postmodernen Denken verloren – zumindest ist es nicht denkbar als ein himmlisch-goldenes Zeitalter, von Milch und Honig durchströmt, oder als der Milchozean (Vgl. Anhang 7.d.i), der Segen, Süße und Unsterblichkeit spendet und unabgedeckt steht, ohne je ranzig zu werden. Doch das Heil und das Heilsame bleiben NIETZSCHE wichtig, allerorts finden sich Verweise auf Gesundheit und Krankheit sowohl leiblicher als auch psychischer Art. Als Idealbild könnte er ein gesundes Körper- und Seelenflussystem vor Augen gehabt haben, durch das ausgewogene und dennoch freie Bäche harmonisch gluckern, sprudeln, kichern, perlen. Reines, kaltes, klares Kneippbeckenwasser, vom Lichte durchspielt, entschlackt die Körper wie Yogitee. 448 De Beauvoir 1949, S. 210. 449 Arndt 1702, Register. 450 Braun 1995, S. 48 f. Zu TISSOT vgl. Anhang 8.f.i. 451 Nietzsche 1885, S. 41 (1.Teil, Von der Keuschheit). Die Ähnlichkeit zu einem der Proverbs of Hell des William Blake ist augenfällig: „He who desires but acts not, breeds pestilence.“ (Siehe http://www.levity.com/alchemy/blake_ma.html ) 182 Zumindest wäre dies ein dem Zeitgeist entsprechendes Gegenbild zu NIETZ- SCHEs Alpträumen von degenerierten, höllisch-fauligen, ungesunden modernen Sümpfen der Großstadt, welches viel älteren Höllenbeschreibungen ähnelt (vgl. Anhang 7.e). Wo auch gedanklicher „Balsam“ für kollektive geistige „Krankheiten“ zu „giftigen“ Ideen entarten kann (vgl. Anhang 9.a.ii), da ertrinken die Menschen in ihren verwirrenden und gegeneinander eifernden Meinungen: Staat nenne ich’s, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selbst verlieren […]. Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!452 Bei allem, was licht und stark und gut in dir ist, o Zarathustra! Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um! Hier fließt alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern: speie auf die große Stadt, welche der große Abraum ist, wo aller Abschaum zusammenschäumt!453 Letztere Rede richtet ein „Narr“ zu NIETZSCHEs Prophetenfigur Zarathustra. Dieser „ekelt“ sich vor der Stadt, aber auch vor dem Narren, der seine Zeit in ihrer Nähe verbringt, obwohl – oder weil? – er sie verabscheut: Warum wohntest du so lange am Sumpf, dass du selber zum Frosch und zur Kröte werden musstest? Fließt dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?454 Als „licht und stark und gut“ gelten körperlich und seelisch gereinigte Menschen. Von den semantischen Komplexen des Reinigens und Veredelns leben auch der altindische Diskurs um die rasa-Säfte der Kunst (vgl. III.5) und das alttestamentarische Motiv der Unschuld, in der man „die Hände waschen“ kann455 – im Gegensatz zur Pechmarie aus dem Märchen, die durch das geschwärzte Baumharz umgekehrt getauft, Stigmatisierten und für immer befleckt wird (Zur Metaphorik des Pechs siehe Anhang 3). 452 Nietzsche 1885, S. 37 (1. Teil, Vom neuen Götzen). 453 Ebd. S. 135 f. (3. Teil, Vom Vorübergehen). 454 Ebd. 455 Psalmen 26.6 und 73.13. 183 Solche Ideen setzen Säfte mit Kräften, den Leib mit moralischen oder künstlerischen Ansprüchen in Eins und neigen zur Personifikation.456 Sie leben vom Kontrast der leiblich, psychisch und spirituell gesunden „Ganzheit“ mit dem Leckschlagen der leiblichen Identität. Ein „reines Gewissens“ hat keinen Kontakt zu Ekel erregenden Handlungen oder zu solchen Substanzen und Gedanken. Was allerdings als ekelhaft gilt, ist kulturspezifisch wandelbar und kann sich insbesondere in religiösen Sprachspielen drastisch umkehren, wie im Falle der in Hindu-Ritualen reinigenden Substanzen Kuhdung und Rinderurin. Manche, so genannte „linkshändige“ tantrische Praktiken motivieren sich fast vollständig aus Verkehrungen des Verschmähten ins Heilsame (siehe S. 125, 132 und 257). Doch auch unter europäischen Christen sind derart extreme Umkehrungen nicht selten. Julius KREBS zitiert den katholischen Publizisten Josef GÖRRES, der Anfang des 19. Jahrhunderts über Ölausflüsse aus den Leichen frisch verstorbener Heiliger schrieb. Dabei lieferte er zahlreiche Beispiele dafür, dass dieses Öl aus Heiligenkörpern, im Gegensatz zu den stinkenden Verwesungssekreten anderer Menschen, angenehm dufte. Dementsprechend verwundert das Wunder nicht, dass von der 1231 verstorbenen heiligen Elisabeth einige Tage später „ein köstlicher Duft“ ausging und „der Leib von Öle überfloss“, wie schon im vierten Jahrhundert, als der heilige MENAS gestorben war, „aus seinen ehrwürdigen Fußsohlen, als aus zwei Brunnquellen, eine wohlriechende Salbe floss.“457 All dies sei einfach zu erklären: Wie nämlich Übelgeruch Ausdruck eines krankhaft zum Missklang zerrissenen organischen Lebens ist, so wird die innere Harmonie desselben in dem von ihm ausgehenden Wohlgeruch sich zeigen.458 456 „Rachsucht wird aus irgendeinem giftigen Winkel ein ehrenrühriges Geschichtchen gegen dich verspritzen, das weder durch Unschuld des Herzens noch durch Untadeligkeit des Wandelns zu berichtigen sein wird. – Das Glück deines Hauses wird wanken, – dein guter Ruf, der es begründete, wird allenthalben bluten; – dein Wirken verleumdet; – dein Witz vergessen; – deine Gelehrsamkeit mit Füßen getreten. Und um dir den letzten Akt deiner Tragödie in Szene zu stellen, so werden darin GRAUSAMKEIT und FEIGHEIT, die Zwillingsschufte, als Mietlinge der BOSHEIT im Finstern auf dich angesetzt“ (Sterne 1759, S. I.68. Kapitälchen übernommen, Fettdruck von mir). 457 Krebs 1997, S. 88. 458 Görres, Josef: Die christliche Mystik, 2. Band. Regensburg 1837, S.49. Zitiert ebd. 184 Man beachte die Verbindung eines „Missklanges“ mit „Übelgeruch“! Ähnlich als „harmonisch“ oder „krank“ bewertete Eindrücke verschiedener Sinne bilden hier jeweils eine synästhetische Einheit, stehen metonymisch für das verdorbene oder heilige Ganze – nicht nur der ganze Körper ist gemeint, sondern ein ganzer, wenngleich der Sünde verfallener und daher verfallender Mensch. Das Gegenstück zu diesem, ein harmonisch erklingender und noch nach dem Tode wohlriechender Mensch mit vollkommener, reiner Seele, dürfte für GÖRRES ein ebenso synästhetisches Bild darstellen. Dessen Ähnlichkeit zu ananda, dem wonnevollen Zustand der Hindugötter (siehe IV.2.a), springt ins Auge, ins Ohr, in die Nase, in den Mund und auf die Haut. KREBS geht es aber nicht um diesen schlichten Gegensatz, sondern um seine völlige Aufhebung in der Ekellust, nach der er seinen Artikel benannt hat. Tatsächlich scheinen gerade christliche heilige Frauen gerne auf Befehl Jesu den Kontakt zu abscheulichen Substanzen zu suchen. „Die hl. Marguerite- Marie Alacoque, Bahnbrecherin der Herz-Jesu-Mystik im 17. Jahrhundert, die auch gern an eiternden Zehen saugte“459, finde letztendlich auf ganz ähnliche Weise Lust, wie es der Marquis de SADE ganz ohne religiöse Legitimation460 vermochte. Nur „galt eben eine Lust, die den Ekel überwindet, als normal, und ein Ekel, der Lust schaffte, als abnorm“461 – galt, wohlgemerkt, denn der heutigen Zeit diagnostiziert KREBS eine „große, alles schluckende Normalität“462. Dies ist auch mein Eindruck – wenn nicht normal, so ist das Obszöne in einer Welt, in der es häppchenweise zum Produkt gemacht und jedes in Porti- 459 Krebs 1997, S. 92. Auf ähnliche Weise erzählt (zitiert in de BEAUVOIR 1949, S. 837) die hl. Angela von FOLIGNO, „dass sie mit Wonne das Wasser trank, in dem sie den Aussätzigen Hände und Füße gewaschen hatte: Dieser Trank durchflutete uns mit solcher Lieblichkeit, dass die Freude uns folgte und uns das Geleit nach Hause gab. Nie hatte ich mit solcher Wonne getrunken. In meiner Kehle war ein Fetzen schorfiger Haut aus einer Wunde des Aussätzigen stecken geblieben. Statt es auszuspucken, gab ich mir große Mühe, es herunterzuschlucken, und es gelang mir.“ 460 „Der einzige wirkliche Unterschied [zwischen frommer Demut und „perverser Hoffart“ als Motivationen zur Ekellust] scheint darin zu bestehen, dass tendenziell der heilige Schmutz von Frauen, der teuflische hingegen von Männern begehrt wird, oder anders gesagt: daß die Frauen sich lieber unter dem Vorwand der Frömmigkeit, die Männer sich eher unter dem Vorwand der Verruchtheit am Ekel ergötzen“ (Ebd., S.91.) 461 Ebd., S. 96. 462 Ebd. 185 onen verpackte Bedürfnis ohne Umstände vermarktet werden kann, doch zumindest entzaubert. Doch war das Verabscheute jemals verzaubert? KREBS zufolge, der das „Perverse“ im Gegensatz zu FREUD eher als sakral denn als infantil charakterisiert, ist dem so.463 Als Objekt der Ekellust nennt er an dieser Stelle Körperflüssigkeiten, die auch FREUD und DOUGLAS als Problemsubstanzen aufgefallen sind. Ob deren Aufladung mit intensivem, zweischneidigem Empfinden nun einer verdrängten Lust, verbotener Stimulation bestimmter Körperzonen oder der Verbannung als „Schmutz“ aus den Wohnräumen entspringt – exotisch ist daran nichts. Auch in der „christlich-abendländischen Kultur“ nahmen sie ihre Rolle in offiziellen religiösen Akten ein. Selbst Martin LUTHER setzte sich nur halbherzig gegen zahlreiche leiblichen Nebenhandlungen ein, die zu seiner Zeit die Taufe begleiteten; in seinem Taufbüchlein von 1531 heißt es lediglich, „dass in dem Täufen diese äußerliche Stücke das geringste sind, als da ist: unter Augen blasen, Kreuze anstreichen, Salz in den Mund geben, Speichel und Kot [gemeint ist Erde] in die Ohren und Nasen tun, mit Öle auf der Brust und Schultern salben“. In anderen Kulturen, etwa bei den Batak auf Sumatra, sind Gesten des Einschmierens und Bespucken mit Körpersekret erst recht nichts Ungewöhnliches464 – und doch haben sie auch in solchen Zusammenhängen die Neigung, die Ausübenden solcher Praktiken als bedrohliche „Hexer“ zu markieren, bzw. im Zuge des unbeweisbaren Vorwurf eines Schadenszaubers jemandem bloß angelastet zu werden, ohne dass die Opfer einer Hexenjagd tatsächlich 463 „Ohne Zweifel hat die Fixierung auf ein Ereignis oder Objekt, einen Geruch oder Geschmack ihre Wurzeln in der frühen Kindheit, aber die Perversion entsteht erst durch deren Verzauberung zum Fetisch […] durch ein intimes Zeremoniell. Denn die Lust am Ekel in Bezug auf Kot, Urin, Schleim, Speichel, Samen, Blut, Eiter usw. erfordert einen quasi sakralen Rahmen, in welchem das entsprechende Sekret eine Art Transsubstantiation erfährt“ (Ebd., S. 97. Herv. von mir). 464 Tondi, die „Seelenkraft“, ist laut Warneck 1909 (S. 9) in allen Gliedern des Menschen gesondert vorhanden – im Blut, in Haaren und in Nägeln, die nur mit großer Sorgfalt entsorgt werden dürfen, sowie im Speichel. „Der Opfernde bespeit das Opfer und macht es so durch den damit übertragenen tondi der Gottheit oder den Ahnen wertvoll. Kranke lassen sich von Gesunden, Arme von reichen Leuten anspeien. Von Gewandten Rednern läßt sich der weniger Redegeschickte in den Mund spucken […]. Auch der Schweiß enthält tondi und macht die Gewänder sowie das Waschwasser angesehener und berühmter Männer wertvoll. Aber auch in den Zähnen, in den Tränen, im Urin und Kot ist tondi enthalten“. 186 derartiges taten.465 Faszinierend ist sie wohl stets, für Erwachsene ebenso wie für Kinder, jene "Welt des Kots, der Eingeweide, der stinkenden Säuren, der von Blut durchpumpten Schläuche, der zuckenden Nervenfasern, von ihr war ich erfüllt, dort lag ich im Schleim, im Schlamm".466 Ein komplementäres Gefühl zur Lust am Ekel ist der Ekel vor der Lust und dem Körper überhaupt. Dafür scheint Religion ein guter Nährboden zu sein: Die Taufe, mit der ihr eure Speisen tauft, hat keinen Wert: denn dieser Leib ist unrein und wurde in einer unreinen Schöpfung geformt. Seht (den Beweis): [Selbst] wenn jemand seine Nahrung gereinigt und zu sich genommen hat, nachdem sie bereits im Zustand der (rituellen) Reinheit war, dann entstehen, wie uns klar ist, aus ihr Blut, Galle, Winde, schändlicher Kot und die Unreinheit des Leibes.467 Mit diesen Worten griff der Religionsstifter MANI, der im dritten Jahrhundert in jüdisch-christlichen Mileus des Sassanidenreiches geboren wurde, die Praktiken bestimmter Täufergemeinschaften an. Die manichäische Religionsgemeinschaft, die sich von Spanien bis in die Mongolei ausbreitete, war hierarchisch organisiert. Dieser Hierarchie lag das Streben danach zugrunde, den Körper nicht durch Verzehr von Fleisch und anderen als unrein erachteten Substanzen sowie durch Arbeit zu beschmutzen, die „Lichtfunken“ in jedem Menschen nicht an die Dunkelheit in der Welt zu binden. Da ein solcher Lebenswandel nicht allen möglich war, gab es eine Schicht sogenannter Electi, „Auserwählter“, die sich von den Auditores, den 465 „Hexen essen Kot“, heißt es etwa bei den Simbu auf Neuguinea (STERLY, Joachim: Kumo. Hexer und Hexen in Neu Guinea. München: Kindler, 1987. S. 203-206). In persönlicher Kommunikation teilte mir Susanne Rodemeier mit, „wie ein Mensch in einen Hexer / Hexe (suangi) verwandelt wird. Und das kann u.a. durch Urinieren auf den schlafenden Körper geschehen. […] Bei Maure [Maure, Marten: Suanggi sebagai faktor Kriminolog. Kupang: Univeritas Nusa Cendana, Dissertation, 1995] steht auf S. 164, dass durch dreimaliges Furzen auf einen Essensrest dieser Geister- oder Hexermagie (Suangi) aufnimmt und einen Menschen, der die Speise isst, in einen Hexer verwandeln kann. [Im Hikayat Raja-Raja Pasai aus Nord-West Sumatra] wird erzählt, wie der Islam zu den Menschen auf Sumatra kam. Ein Islamgelehrter landete in einem Boot am Strand und spuckte dem lokalen Raja in den Mund. Ab sofort sprach dieser fließend Arabisch und konnte den Koran lesen“. 466 Weiss 1983, Bd. 3, S. 212. 467 Aus dem Kölner Mani-Kodex, S. 76 f. 187 „Hörern“, versorgen ließen, denen sie durch ihre eigene strenge Religionsaus- übung die Wiedergeburt als Electi ermöglichten.468 Die komplexe Mythologie des Mani konnte sich auch deshalb so weit ausbreiten, weil sie vor Ort vorliegende Mythologien übernahm, umdeutete und in sich integrierte. In einer Szene des manichäischen Schöpfungsmythos erregen Erlöserfiguren die bösartigen Archonten, Schöpfer und Gestalter der finsteren, materiellen Welt, sodass sie das in ihren Körpern gefangene Licht in Form von Sperma ausstoßen. Daraus entstehen dann die Tiere: Damit die Archonten, d.h. die Herrscher über die materielle Welt, die in ihnen verfangenen Leichtteile freigeben, verführen die Erlöser sie zu sexueller Begierde, was einen entsprechenden Ausstoß von Körperflüssigkeiten zur Folge hat. Die Lichtteile kommen kurz frei, vermischen sich dann aber erneut mit der Begierde. Aus diesem Prozess entstehen einerseits die Meeresungeheuer, andererseits die das Land bevölkernden Tiere und Pflanzen.469 Dieses für Erlöser untypische Vorgehen erinnert an zoroastrische Geschichten darüber, wie „das Ungeziefer durch den bösen Geist geschaffen wurde, als er seinen körperlichen Schmutz mit der urzeitlichen Dunkelheit vermischte.“470 Hier ist Ausgeschiedene oder am Körper Abgelagerte nicht etwas besonders Reines, was in einem schmutzigen Körper gefangen war, sondern dem Schlechten entwächst einfach Schlechtes. Wie sich an den Körpern des guten und des schlechten Schöpfers, an den Leibern der Menschen und Tiere und in den Materialien der Welt ein moralischer Kampf austrägt, zeigen im Anhang 7.f.ii einige besonders plastische Auszüge aus dem Bundahišn. „Ungeziefer“ bezieht sich auf Insekten, Schlangen, Gift- und Krabbeltiere aller Art, die man sich, vorwiegend in früheren Epochen dieser Weltreligion, als verkörperte „Dämonen“ oder „Lügen“ (druj) vom Leibe hielt. Hinsichtlich der drastischen und grausamen Konsequenzen des Wörtlichnehmens einer 468 Es ist gut möglich, dass der Kirchenvater Augustinus, der seine religiöse Laufbahn als manichäistischer Priester begann, bestimmte Ideen für die katholische Kirche aus dieser anderen Weltreligion übernahm. Beiden gemeinsam ist ja die Praxis, dass manche Menschen stellvertretend für andere religiöse „Arbeit“ tun können. 469 (Iwersen 2005, S. 109). 470 Übersetzt aus Lincoln 2009, S. 90. Da diese Geschichten sich nur ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, können sie also genauso gut auch manichäisch inspiriert sein wie anders herum. Einfluss aufeinander hatten die beiden Religionen die insbesondere im Iran und in Zentralasien sehr verbreitet waren, definitiv. 188 Metapher ist das Gerichtsurteil eines altpersischen Königs gegen den Soldaten Mithridates, über das Herodot berichtet, aber wohl ein Extremfall – insofern es überhaupt so vonstatten gegangen ist (vgl. Anhang 7.f.i). Statt als Abscheu vor Unreinheit lässt sich die zarathushtrische Reinheit auch als positives Etwas, als Anwesenheit der Göttlichen Güte statt als Abwesenheit des Abscheulichen verstehen: Purity is felt to be an intensely fecund state: the higher the state of purity, the more intense may be the impregnation by the creative forces of the divine beings […] of Ahura Mazda. Bodily purity, therefore, is directly linked to bodily vitality and creativity.471 Was die Mythen und Vorschriften dieser Religion unter „Reinheit“ oder „Vitalität“ verstehen, ergibt sich freilich – wie in anderen Kontexten – unter Anderem aus Verboten und disziplinierenden Eingriffen in Alltag und Gefühlsleben. Während einer Höllenreise oder –vision sieht etwa der Priester Arda VIRAF einen Fluss aus den Tränen, die um die Toten geweint werden (siehe Anhang 7.e) und die es diesen nun schwerer machen, die Welt der Lebenden zu verlassen. Dies ließe sich als eine poetische Metapher zur Veranschaulichung des schmerzhaften Nachwirkens der Verstorbenen verstehen, wäre der Tonfall der Erzählung nicht so belehrend und verbietend. Wie der „Schlamm der Seele“, der voller Ungeziefer in den „Abgründen“ und „Sümpfen“ erstickter oder gärender Triebe brodelt, ist auch dieser reißende Seelenstrom Beschwernis und Hindernis für die Wege, auf denen die Seele durch spirituelle oder jenseitige Landschaften zum Ort der Erlösung gelangt – ob nun in zoroastrischen, manichäischen oder christlichen Mythologien, in Heiligengeschichten oder den atheistischen und antiurbanen Pamphleten Nietzsches. Dass das Vergießen von Tränen so argwöhnisch gesehen wird, ist in den Religionen selten. Ambivalent wie die Gefühle, die sich in ihnen „ausdrücken“, sind sie zwar immer, doch gerade das Christentum mit seinen aus verkörperlichtem Mitleid weinenden, blutenden und milchenden Marien- und Christusgestalten sieht in ihnen gerne das Gute – wenngleich ihre Bedeutung sich auch in Westeuropa mehrmals stark gewandelt hat. 471 Williams 1997, S. 156. 189 IV.4 Tränen und Seelenfluten a) Tränenvielfalt Es gibt feuchte Tränen, die den Schmutz der Sünde fortwaschen und das Sakrament der Taufe wiederherstellen. Es gibt salzige und bittere Tränen, die die Schwäche des Fleisches in Schranken halten und die Süße der Glückseligkeit mäßigen. Es gibt die warmen Tränen, die sich gegen die Kälte der Treulosigkeit durchsetzen. Und es gibt die reinen Tränen, die jene stärken, die von vorangegangenen Sünden geläutert sind.472 ALKUIN, angelsächsischer Kirchenmann aus dem achten Jahrhundert, hat aus heutiger physiologischer Sicht nicht ganz Unrecht. Tatsächlich können Tränen bei verschiedenen Erregungs- und Gemütszuständen verschiedene Eigenschaften haben, da an ihrer chemischen Zusammensetzung viele Sorten Drüsen beteiligt sind, die wiederum von verschiedenerlei Hormonen angeregt werden.473 Ob die Kategorien Alkuins behaupten, biopsychologische Tatsachen zu sein, oder ob sie allegorisch gemeint sind, weiß ich nicht. Dass aber konkrete Körpererfahrungen mit einem Bezug zu Gott, Sünde und Frömmigkeit unterfüttert werden, macht diese Zuschreibungen zu Mikro-Mythen: kleine Details des Alltagslebens werden im Verhältnis zu Gott verstanden. 800 Jahre später, im 16. Jahrhundert, benetzen immer noch heilige Tränen die englische Literatur. Der Jesuit, katholische Märtyrer und daher Heilige Robert SOUTHWELL vermengt die Motive äußerst vielschichtig in seinem Gedicht Mary Magdalenes Funeral Teares: Die Engel müssen dennoch in den reinen Strömen deiner Augen baden und dein Gesicht wird dennoch mit dieser flüssigen Perle benetzt sein, sodass aus deinen Tränen das Öl bestehen könnte, welches seine Flamme nährt und füttert.474 In dieser Situation Maria Magdalenas, die um den Gekreuzigten weint, verknüpfen sich etliche Metaphern miteinander. Ihre Tränen sind so rein, dass sie sogar die Engel waschen könnten, als „flüssige Perle“ ist jede einzelne kostbar, 472 Zitiert in Lutz 1999, S. 44. 473 Lutz 1999, S. 72ff. Die der Nase zugewandten Tränenpünktchen, die ich bis vor Kurzem für „die“ Tränendrüsen hielt, sind jedoch eigentlich genau das Gegenteil: durch sie fließt überschüssige Flüssigkeit von den Augen in die Nase ab. 474 Zitiert ebd., S. 48. Tränen treten kurioserweise auch in der kṛṣṇaitischen Dichtung Indiens als flüssige „Perlen“ und reine „Tautropfen“ auf – vgl. III.5.b. 190 als „Öl“ speisen sie eine Flamme.475 Dabei handelt es sich dem Satzbau nach zu schließen um die „Flamme ihres Gesichtes“, in der vielleicht Gefühle wie Inbrunst oder Hingabe, vielleicht aber auch der Glaube oder der heilige Geist metaphorisch „brennen“. Gerade die Flamme, die brennt und weiter getragen wird, kann in christlichen Zusammenhängen so einiges verkörpern. Von solchen guten Tränen unterscheidet der ebenfalls heilige PETRUS DAMIANI, im 11. Jahrhundert Prior eines italienischen Klosters, schlechte und nur vorgetäuschte, die „ihren Ursprung nicht in himmlischen Tau haben, sondern aus der Bilge der Hölle hervorgebrochen sind.“476 Das sind äußerst kräftige Metaphern, die sich aus starken mythischen Bildern speisen: So verbreitet wie der Tau als Inbegriff der reinen, unschuldigen Labsal ist (vgl. IV.2), so unvermittelt erweckt die Bilge, das faulige Kielwasser, das sich tief im Rumpf eines Schiffes ansammelt, „tief verwurzelte“ Assoziationen zu Sündenpfuhl und Höllenplörre (vgl. Anhang 7.e). Wie das „Pech“ und der „Schlamm der Seele“ aus dem letzten Kapitel hemmt eine solche Bilge den Lauf der Säfte und Kräfte, des Nichtkörperlichen im Körper, wie das Phlegma, das Säftelehren zufolge die Sinne verstopfe und die Glieder erlahmen lasse. Paradoxerweise erwarten viele religiöse Rituale, etwa ein Besuch der Klagemauer in Jerusalem, gleichermaßen „Tränen wie auch große Aufrichtigkeit“. Wie aber kann ein Weinen gleichzeitig inszeniert und überwältigend sein? IV.4.b) Überwältigende und inszenierte Tränen Tränen fließen durch ein Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen unausgesprochenen sozialen Erwartungen und Verboten. Nicht immer überwältigen Tränen, man wird nicht immer „überflutet, verwirrt, besiegt, in die Flucht geschlagen, nieder-geschmettert, unterworfen“, denn „Weinen“ ist nicht gleichbedeutend mit „in Tränen ausbrechen, ertrinken in einer Flut von Tränen, ersticken.“477 Auf Deutsch begreift das Wort „Weinen“ alle Spielarten vom leisen oder lautlosen Schluchzen bis zum lauten, eindringlichen Heulen alles in sich. Letzte- 475 Als heilige Sünderin kann Maria Magdalena in der ost- und westchristlichen Kunstgeschichte das Haptische, Körperliche und Nonverbale in der religiösen Kommunikation verkörpern (Apostolos 2005, S. 207). 476 Lutz 1999, S. 56. 477 Lutz 1999, S. 111. 191 res, wie auch Ausdrücke wie „Flennen“ oder „Quengeln“478, ist eher umgangsprachlich. Die englische Sprache hingegen trennt recht deutlich lautes crying, das den ganzen Körper heftig bewegt, schnell und vernehmlich nach Luft schnappen lässt und sozial übliche, erlernte Haltungen zusammenbrechen lässt, vom leisen weeping, bei dem der Körper still in sich zusammensinkt und gleichmäßige Atemzüge sehr leise oder gar keine Geräusche tragen. Was beide gemeinsam haben: man „zerfließt“, zerläuft vor Tränen, sinkt zu Boden oder wird zumindest auf eigentümliche Weise schwer, fortgezogen von den Anderen, auf sich selbst beschränkt. Weinende kommunizieren nur teilweise bewusst, da sie das körperliche, flüssige Zeichen ihrer Trauer nicht unter Kontrolle haben.479 So zumindest wird es oft vorausgesetzt und dabei vergessen, dass es auch vielerlei kulturell kultivierte, erlernte Praktiken gibt und dass viele Rituale inszenierte und erwartete Tränen beinhalten. Selbst alltägliches Weinen unterliegt geschichtlichem Wandel; heutzutage würde es nicht mehr als normal angesehen werden, wenn ein Mädchen auf die Knie sinkt und die Füße ihres Vaters in Tränen badet. Manchmal steht richtiges rituelles Weinen sogar in einem Zusammenhang mit kosmischen Prozessen, Tränenfluss mit Regenguss: Tears flowed as many splendorous, sonorous, watery drops in the dry Mexica (Aztec) world of the pre-conquest Mexico. Both restrained and loudly they flowed. As controlled as elegant speech and as wild as bestial howling they flowed […]. To weep properly created communal, social, political, and cosmic orders; to weep improperly messed them up.480 478 Im Ostfriesischen Platt, für mich die Sprache der Verwandtschaftsbesuche, wird deutlicher zwischen akzeptiertem und störendem Weinen unterschieden. Das „nervende“ Quengeln von Kindern, „dej watt wullt“ heißt Jöseln oder Brueln – im Gegensatz zum angemessenen und Mitleid einflößenden Roarn. 479 „Tränen sind der grundlegendste und dennoch flüchtigste, der offensichtlichste und dennoch rätselhafteste Beweis für unser Gefühlsleben“ (Lutz 1999, S. 24). „Wir empfinden Weinen als Sieg unserer Gefühle über unser Denken, als Sieg einer Symbolsprache über unsere Artikulationsfähigkeit. Es überrascht nicht, dass durch Tränen ersetzte Artikulation schwer zu interpretieren ist […]. Tränen werden gelegentlich als angenehm oder tiefgründig, manchmal aber auch als gefährlich, geheimnisvoll oder irreführend empfungen“ (Ebd., S. 14). 480 Read 2005, S. 52 f. 192 Grenzen zwischen kulturell erwartetem, „menschlichem“, kontrolliertem und unkontrolliertem, „tierischem“, kulturell verpöntem Weinen werden wohl überall gezogen, nur eben überall anders.481 Jede Kultur, jedes menschliche Erziehungssystem dürfte auf irgendeine Weise danach trachten, den spontanen und impulsiven „Ausbruch“ und „Ausfluss“ der Gefühle zu begradigen, zu kanalisieren und zu formen, damit Unsagbares doch artikuliert und verständlich mitgeteilt werden kann. Eine Form solcher „Contenance“482 stellt zum Beispiel die streng formalisierte Struktur guter, tränenreicher Rede dar, die wichtige Momente aztekischer Kultur und Lebensphasen betonte. Trotz alledem schürte das Vorurteil, dass „Emotionen ein spontaner, natürlicher Erguss sind, dem keinerlei kulturell bedingte Fesseln auferlegt sind“483, schon in frühchristlicher Zeit die Feindseligkeit gegen professionelle Trauernde und mündete in anthropologische Überheblichkeiten. Nicht nur in kolonialer Zeit fiel es vielen Ausländern schwer, einheimische Weingewohnheiten ernst zu nehmen: etwa detaillierte koreanische Verordnungen, wie und wo zu trauern sei, oder zentralaustralische Aranda-Frauen, die sehr schnell und impulsiv vom Weinen ins Lachen und zurück wechseln.484 Gelegentlich wird Weinen mit Selbstverletzungen, Tränenfluss mit Blutfluss verbunden. So wird psychischer „Schmerz“ mit physischem zu einer Einheit gemacht, die Metapher endgültig aufgelöst – wie auch die damit einhergehende Empfindung von Bitternis kaum noch als Metapher oder Metonymie zu betrachten ist (vgl. Anhang 9.a). Wie die folgenden Beispiele aus der Religions- und Literaturgeschichte zeigen, ist der Geschmack von Tränen jedoch nicht immer bitter! 481 „Movies, plays. manga, and other forms of Japanese entertainment are often classified on a continuum between ‚dry’ and ‘wet’, with tears providing much of the moisture. Characters sched tears of sorrow, tears of joy, tears of frustration, tears of anger – but this is a good thing. The audience equates the ability to cry with the ability to feel deep emotion, and thus to be human“ (Drazen 2003, S.126). 482 von lat. con-tinere, „zusammenhalten, festhalten, zurückhalten,, zügeln, bei sich behalten“ 483 Lutz 1999, S. 241. 484 Ebd., S. 237 ff. 193 IV.4.c) Tränen trinken, Schmerz auskosten Im frühantiken Ugarit trauerte die Göttin Anat um ihren verstorbenen Bruder Ba’al, sie „sättigte sich an ihrem Weinen und trank Tränen wie Wein.“485 Zeitlich und räumlich nicht sehr weit entfernt klagt ein Namenloser im Psalm 42: „Meine Seele dürstet nach Gott […], meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht.“ Dieses Motiv findet sich auch in den Bestattungspoemen, die Wlislocki in den 1880er Jahren bei Roma in Transsylvanien aufzeichnete: „Der Sohn an seine Mutter. […] 3. Ich brauche keine Speise, Ich brauche keine Getränke; Mein Essen sind meine Seufzer, Mein Trank meine Thränen.“486 Der Lustaspekt der doch primär dem bitteren Leid entspringenden Tränen zieht sich aus dem alten Testament in die christliche Kirchenliteratur. „Von der Bitternis des Lebens als süße Frucht gepflückt wird das Seufzen und Weinen und Stöhnen und Klagen“487, behauptet etwa AUGUSTINUS im vierten Buch seine Confessiones, meint damit vielleicht die tröstende Wirkung, die der Leib durch solche expressive Formen entfalten kann. Nochmals fast tausend Jahre später, im Jahre 1375, greift der englische Mystiker Walter HILTON die Motive Frucht und Wein wieder auf: Wie Wasser in der Rebe durch die Hitze der Sonne in Wein verwandelt wird, so sollen auch bittere Tränen durch die Inbrunst der Barmherzigkeit zum Wein spiritueller Tröstung werden.488 Dieser Vergleich kann das Weinen verklären und die Lust daran erklären. Der heilige Ignatius von Loyola, der im 16. Jahrhundert den Jesuitenorden gründete, empfand beim Gebet unmittelber „viel Süße und innere Glut […] in reicher Fülle Tränen voll innerer Wärme und Wonne.“489 Im 18. Jahrhundert säkularisierte sich diese Lust an den Tränen zum Teil (in England, in Frank- 485 Ebd., S. 28. Wie auch bei anderen ägyptischen und mesopotamischen Götterpaaren wie Isis und Osiris, Inanna und Dumuzi spornt ihre Trauer und ihr Zorn die Göttin dazu an, ihren toten Gefährten aus dem Reich des Todes zu befreien. 486 Ná kámáv çáben, Ná kámáv piben; M’ro çáben hin m’re sohaytásá, M’ro piben hin mánge m’re ápsá. (Wlislocki 1890, S. 286). 487 Lutz 1999, S. 32. 488 Ebd., S. 34. 489 Ebd., S. 47. 194 reich und in Deutschland mit seinen Stürmern und Drängern490) um dann im Symbolismus des 19. Jahrhunderts wieder vermehrt in quasi-religiöser Sprache von „Seele“, „Geheimnis“ und „Zauber“ zu handeln: Ella Wheeler Wilcox nahm in ihre Gedichtsammlung Poems of Pleasure eines mir dem Titel „the Lady of Tears“ über eine „geheimnisvolle Herrin der Tränen“ auf, die gebrochene Herzen mit ihrem „bitter-süßen Trank der Erleichterung“ heilt.491 All diesem schöngeistigen Reden und Schwärmen vom Tränentrinken liegt eine anscheinend sehr alte Regel zugrunde, demnach Tränen im Gegensatz zu anderen Sekreten nicht nur nicht als unrein, sondern sogar als besonders rein zu gelten haben. Mögliche Gründe dafür eruiert Mary DOUGLAS492; die tröstende Wirkung des Weinens berücksichtigt sie dabei jedoch nicht. 490 Des Lebens dunkelrote Flut begann zu fließen in trägen Strömen durch jede aufgeregte Ader; trübe wurden meine schwimmenden Augen. WORDSWORTH 1786, zitiert ebd., S.36. „Indem [der leidende junge Werther] seinen Tränen freien Lauf lässt, leistet er den Geboten seines verliebten Körpers Folge der sich in einer flüssigen Ausbreitung befindet, ein gebadeter Körper ist: gemeinsam zu weinen, zusammen zu fließen, köstliche Tränen. Roland BARTHES über GOETHE, ebd. S. 35. Auch in der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts fließen „Tränen von unendlicher Süße“ (ebd., S. 37). 491 Ebd., S. 37. Im Originaltext: But in midnight, lone hearts that are breaking, / With the agonized numbness of grief, Are saved from the torture of breaking, / By her bittersweet draught of relief. Oh, then do all graces enfold her; / Like a goddess she looks and appears, And the eyes overflow that behold her-- / The beautiful Lady of Tears. 492 „Zunächst ist das Nasensekret nicht so klar wie Tränen. Es ist eher dem Sirup als dem Wasser vergleichbar. Trübe, dickflüssige Absonderungen des Auges eignen sich für poetische Betrachtungen ebenso wenig wie Nasenschleim. Klare, strömende Tränen hingegen sind […] der Gegenstand vieler romantischer Dichtungen: sie verunreinigen nicht. Das liegt teilweise daran, dass Tränen von vornherein ganz natürlich mit der Symbolik des Waschens in Zusammenhang gebracht werden; Tränen gleichen fließendem Wasser. Sie reinigen, säubern und baden das Auge, wie könnten sie also verunreinigen? Noch wichtiger jedoch ist, dass Tränen nicht zu den körperlichen Funktionen der Verdauung und Zeugung in Beziehung gesetzt werden“ (Douglas 1966, S. 165). Einzuwenden ist, dass auch reinigende Substanzen wie Spülwasser oder Zahnpasta nicht ohne Weiteres getrunken werden. 195 IV.4.d) Katharsis als Metapher für Theater und Therapie Tränen und Seufzer mildern natürlicherweise die Trauer. [Ergießt das im Inneren eingeschlossene Schädliche sich] nach außen, dann verteilt sich die seelische Spannung gewissermaßen nach außen.493 Aus diesem recht mechanischen Tröstungsvorgang klammert Thomas von AQUIN Gottes direktes Wirken aus. Auf die poetischen Bilder der Perlentränen für Kṛṣṇa (siehe III.5.b) und der Fruchttränen und Weintränen anderer christlicher Ideenspender wie AUGUSTINUS verzichtet er; stattdessen beruft er sich auf die Vorstellung des Arztes HIPPOKRATES, der im fünften und vierten Jahrhundert v.u.Z. den Begriff der Katharsis prägte. Diese „Reinigung“ war zunächst einmal sehr physisch gemeint: es seien zum Beispiel „Körpersäfte aus dem Gehirn, [die bei] Übermaß durch Weinen abgeführt werden“494 müssten. Erst ARISTOTELES erweiterte diese physisch heilsame Reinigung in seiner Abhandlung über die Poesie um die psychisch-therapeutische „Läuterung“. Ebenfalls ein Effekt des Theaters, verhält diese Katharsis sich zur medizinischen Bedeutung ungefähr so wie der rasa-„Saft“ in der altindischen Theaterwissenschaft (siehe III.5.a) zu den älteren Bedeutungen: Sowohl bei der Katharsis des Aristoteles wie bei den rasas geht es um eine künstlich erzeugte Kontrollierbarkeit des oft unkontrollierbaren menschlichen Gefühlslebens. Auf der Bühne stellt sich dieser Anspruch natürlich (meist) anders als in der Therapie, zielt auf ganz andere Ergebnisse ab. Was aber Theater und Therapie verbinden kann, ist eine ähnliche Redeweise über Katharsis – beide Sprachspiele ermöglichen „vermischte Metaphern, in denen es um ungeweinte Tränen geht, die Druck erzeugen, der sich dann sintflutartig entlädt.“495 493 Thomas VON AQUIN in seiner Summa Theologica, zitiert in Lutz 1999, S. 31. 494 Ebd., S. 78. Über die Jahrtausende änderten sich die Säftelehren (siehe Anhang 8.f), doch die Motive des Entladens von Aufgestautem oder der Exkretion von Überflüssigem blieben ähnlich. Dass Tränen letztendlich Exkrete des Hirnes seien, übernahmen im 10. Jhd. Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya AL-RAZI und im 16. Jhd. Laurent JOUBERT und Timothy BRIGHT. GALEN hingegen verortete ihre Produktion in eigenen Drüsen (Vgl. ebd., S. 78). 495 Ebd., S. 136. In der somatischen Psychologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts wird die Metapher aber auch wieder zur Metonymie, der übertragene wieder zum konkreten Sinn: man erforscht„die Rolle der Tränen bei der Beseitigung von Giften, die sonst möglicherweise Depressionen verursachten“ (Ebd., S. 135). 196 Josef BREUER und Sigmund FREUD arbeiteten in ihren Studien über Hysterie eng an diesem Begriff der Katharsis, der 1895 noch bahnbrechend für die entstehende Psychoanalyse war. FREUD bündelte die Metaphern des „sintflutartigen Entladens“ dabei zu der einen seelischen Antriebskraft, der Libido mit ihren Strömen, die gleichsam „zu Kopfe steigen“496, wenn sie von „unten“ hinauf ins Bewusstsein dringen: Das Es der Freudschen Psychoanalyse war die Seele der Romantik: jener unbestimmte und unbestimmbare Ort, an dem Gefühle entstehen, sich stauen und wieder Bahn brechen, versickern, ohne zu verschwinden, versinken und unerwartet wieder auftauchen.497 FREUD jedoch hütete sich schon früh davor, die Metaphern allzu wörtlich zu nehmen, und argwöhnte, „dass in Breuers kathartischer Therapie nicht die emotionale Entladung, sondern das Kleiden der Erfahrung in Worte von Bedeutung war.“498 Derart in Worte gekleidet, traten „Wünsche“ an die Stelle von Gefühlen. Ganz im Gegensatz dazu wandte sich FREUDs Schüler Wilhelm REICH gerade dem Unaussprechlichen zu, orientierte sich an inneren Dynamiken des Körpers, die er zu einem einzigen Prinzip namens Orgon zusammenfasste, welches insbesondere beim Orgasmus spürbar sei. Auch in den Vorstellungen Carl Gustav JUNGs und seines Anhängers Erich NEUMANN ist die „Urströmung des Unbewussten“, die bis heute in religionswissenschaftlichen und ethnologischen Ritualtheorien eine Rolle spielt, mehr als nur eine Metapher: 496 Damit wendet FREUD laut STAROBINSKI das Modell sich in den Körper „hinab“ ergießender Bewusstseinsströme um, wie es der schon vorher mit Hypnose arbeitende Arzt LIÉBEAULT vertrat: „Der Unterschied zwischen der Aufmerksamkeit, auf die sich Liébeault beruft, und der Libido bei Freud ist beträchtlich. Liébeault schöpft aus einer intellektualistischen Tradition und schreibt einer aus dem höheren Leben sich herleitenden Energie einen prinzipiellen Wert zu, wobei sich diese Energie gleichsam von oben nach unten mitteilt. Freud dagegen wählt das Bild einer Kraft, die sich aus den elementaren und ursprünglichen Schichten des Lebens herleitet; einer Kraft, deren Dynamik, die von unten nach oben wirkt, gleichzeitig einen Einbruch (irruption) darstellt und eine qualitative Veränderung: was nunmehr ‚von oben’ kommt, das sind die Verdrängungen und Abwehrmechanismen“ (Starobinski 1973, S. 40f.) 497 Sabin, Stefana: Eine neue Seele. Die Psychoanalyse als reformatorisches Projekt. In: Wolbert, Klaus (Hg.): Die Lebensreform. Darmstadt: Häusser, 2001. S.118. Diesem Kapitel geht es um den Umgang der Lebensreformer mit der Psychoanalyse, die dort nach einer Entkrampfung geltender Konventionen suchten, wo eigentlich „durchaus bürgerlich […] Triebverzicht und Sublimierung“ (ebd., S. 119) beabsichtigt wurden. 498 Ebd., S. 142. 197 Der sich durchsetzende Archetyp wird in einem Ordnungssystem [d. h. dem Ritual] aufgefangen, das nicht vom Bewusstsein gemacht, sondern vom Archetyp selbst kontrolliert wird, der, wie der Instinkt, seine eigene Ordnung mitbringt. In diesem Sinne gleicht das Ritual einem Bewässerungssystem, mit dessen Hilfe die Urströmung des Unbewussten der Persönlichkeit zugeleitet wird.499 Solcherlei „verrückte Überzeugungen“, wie LUTZ sie abtut, verzweigten in den 70er Jahren zu einer ganzen Bandbreite „energetischer“ Therapieformen wie der Bioenergetik des Alexander LOWEN. Dabei geht es um den Körper als Speicher zurückgehaltener Tränen, die sich „im Körper festgesetzt“ haben. Die Moderne habe die Erfahrungswelt der Menschen verengt in einer „Rüstung“, in der sie psychisch verarmen und verschiedenen Formen der Depression erliegen. Diese Depression wiederum drücke sich körperlich aus.500 Statt also all diese Lasten im Körper zu behalten, müsse man sie ausleben und zum Beispiel ein Sofa verprügeln, um „sich selbst wieder zu spüren“. An die Stelle des heilsamen Orgasmus tritt die abgeschwächte, auf unverfänglichere Körperflüssigkeiten verlagerte Lehre, „dass Personen, die in Schwierigkeiten sind, weinen müssen.“501 1976 trafen Bionenergetiker*innen mit Vertretern anderer Schulen zu einer Konferenz mit dem vielsagenden Titel Emotional Flooding zusammen, um sich miteinander auseinanderzusetzen.502 Persönlichen Erfahrungsberichten zufolge ermöglichen solche Therapien „Selbstfindung“, „Zugang zu sehr tief liegendem Material“ und erwecken „tief verschüttete Gefühle“503. So verbindet sich die Metapher emotionaler Fluten mit der ohnehin schon komplexen Metapher der „inneren Tiefe“ zu einem noch szenischeren Bild, in dem auch wieder eine Art „Seelenschlamm“ liegt. All das klingt an religiöse und von der 499 Erich Neumann, zitiert in Lang, Bernhard: Ritual / Ritus. Eintrag im HrwG 4, 1998.S. 454. 500 Ebd., S. 149 f. Symptome seien etwa „die hochgezogenen Schultern der Angst, die eingefallenen Schultern der Schuldgefühle, der steife, gerade Rücken des emotional Unflexiblen und Unnachgiebigen“. 501 Ebd., S. 150. 502 Anwesend waren Vertreter*innen der Urschreitherapie, die über „Schreien und Heulen“ (ebd., S. 147) darauf abzielt, „sich mit seinen tiefsten Gefühlen abzugeben, die nicht zu spüren [man] sich ein Leben lang abgemüht hat“ (Ebd., S. 146). Auch vertreten wurden das schmerzhafte Rolfing, wobei die Gelenke malträtiert werden, und eher praktischer, theatralischer Therapien, die mit Körperansatz Erinnerungen beleben möchten, wie Gestalt-Therapie, Psychodrama und Trauerarbeit. 503 Ebd., S. 149. 198 New-Age-Bewegung geprägte Jargons an und verrückt diese Therapieformen in einen Grenzbereich, der sie angreifbar für eine Art Religionskritik macht.504 IV.4.e) Tränen und Emotion: Zurück zur Hermeneutik des Leibes The attention shifted away from the intellect to the fused external and internal reality of her body while the multiplicity of emotions, feelings, and ideas is embodied within the […] visual metaphor of tears.505 Wenn Maria Magdalena, um die es im Zitat geht, oder der Gott Śiva Tränen vergießen (vgl. II.2), dann teilen sie nicht nur etwas über ihre Gefühle mit, sondern auch um ihre Körper und – insofern man das von einem Gott sagen kann – über ihre Menschlichkeit. Tränen kommunizieren etwas, provozieren verschiedenartige Reaktionen der anderen („empathy, sympathy, embarressment, helplessness, or disdain“506), legen aber nicht offen, was die weinende Person gerade selbst erlebt. Das ist einer der Hintergrunde von Metaphern der „Innerlichkeit“: Der Körper wird zum Gefäß, der etwas vor Blicken verbirgt. Wie dieses Bild sich sukzessive ausbildete, wird anhand der Geschichte der Tränen im christlichen Mittelalter ersichtlich, welche die Kunsthistorikerin Diane APOSTOLOS-CAPPADONA in ihrem Artikel zur Ikonologie der Tränen Magdalenas umreißt: Allem Anschein nach sind gerade Tränen eng mit der Geschichte der Innerlichkeit verflochten. Im vierten und fünften nachchristlichen Jahrhundert standen Tränen für die Dankbarkeit der Menschen und die gratia (Gunst, Gnade, Heiligkeit) Gottes. Die Konnotationen verschoben sich hin zu Vergänglichkeit und Verlust, worin sich die Bedeutungen von penthos („wehklagen“) im griechischsprachigen Osten und von compunctio („stechende Schuldgefühle“) im Westen ausdiffe- 504 Religionskritisch betätigt sich demnach auch LUTZ, wenn er in Argumentationen „tautologische Umschreibungen“ diagnostiziert und die Szene als „Populärpsychologie“ verschmäht (ebd., S. 150). Einen Angriff auf quasi-religiöse Redeweisen erachte ich zumindest als quasi-religionskritisch. Fragwürdig ist in Religionen wie in Therapieformen vor allem, wenn sich Machtstrukturen aus nicht hinterfragbaren Begriffen wie „Selbstfindung“ ableiten. Wie die – meiner Ansicht nach eigentlich deutungsoffenen – Religionen und Mythen können sich auch experimentelle Formen der Psychotherapie in Autorität und Gewalt äußern. Misstrauisch machen mich Degenerationsgeschichten der Moderne, wie sie etwa LOWEN in seinem Buch Die Verleugnung des wahren Selbst (1983) erzählt. 505 Apostolos 2005, S. 202. 506 Ebd., S. 205. 199 renzierten. Im sechsten Jahrhundert erklärte Benedikt von Nursia Tränen zum Gnadengeschenk Gottes (donum / gratia lacrimarum) und verlangte, vorwiegend von Mönchen, echte Tränen beim Beten.507 Im neunten Jahrhundert wurden Tränen auch für Laien zum Zeichen persönlicher Hingabe, im zwölfen verbunden mit dem Motiv der Imitatio Christi (vgl. II.1.b). Mechthild von Magdeburg assoziierte drei innige psychologische Phasen des Nacheiferns Jesu mit Tränen: Erkennen der eigenen Sünden, Buße und Verjüngung der Seele, also leid- wie freudvolle Erfahrungen. Im 15. Jahrhundert blieb das Interesse an Tränen der Hingabe bestehen, Bilder bezeugen jedoch einen spirituellen und künstlerischen Wandel in der Art und Weise zu weinen „from a Magdalena who cries to a Magdalena who weeps.“508 Das nun stille Weinen weist APOSTOLOS bei frühneuzeitlichen Malern wie Rogier VAN DER WEYDEN, TIZIAN und CARAVAGGIO nach.509 In diesem Inneren, von dem über Metaphern ein Begriff entsteht, siedeln sich nicht nur die Gefühle an, sondern auch Gedanken, Kognitionen und Träume. Hier strömt, mindestens seit dem 19. Jahrhundert, das Bewusstsein. 507 Ebd., S. 205 508 Ebd., S. 211. 509 Mir persönlich ist beim Betrachten mittelalterlicher Bilder und Skulpturen aufgefallen, dass Tränen oft die Farbe von Milch haben, wie auch in einem Bild Frida KAHLOs (siehe Abb. 20) und in einer Episode Salman Rushdies (siehe Anhang 9.c.vi). Im Kloster von Roncesvalles im spanischen Baskenland etwa steht Maria neben dem am ganzen Körper von dicken Blutstropfen bedeckten Gekreuzigten, während auf ihrem Gesicht genau so dicke, milchweiße Tränentropfen prangen. Darin könnte sich auch die dritte Flüssigkeit im Bunde (vgl. II.1.b) ins Bild schleichen, da Milchtropfen auf einer unbedeckten Brust wohl nicht zeigbar gewesen wären. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass die Farbe weiß einfach die Durchsichtigkeit der Tränen darstellt, die ja auch nicht blau sind, wie ich sie unwillkürlich malen würde. 200 201 IV.5 Bewusstseinsströme 19. [When someone sleeping] is in profound sleep, and knows nothing, there are the seventy-two thousand arteries called Hita, which from the heart spread through the body. Through them he moves forth and rests in the surrounding body. […] 20. As the spider comes out with its thread, or as small sparks come forth from fire, thus do all senses, all worlds, all Devas, all beings come forth from that Self. Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2.1510 Die Adern und Flüsse im Körperinneren der altindischen Philosophie verankern das Dasein im Traum, in dem es doch verkehrt wird: insofern das Schlie- ßen der Augen die Schlafenden von der Außenwelt abschneidet, kehrt sich das Innere nach Außen und Äußeres nach Innen. So kann das Ich in seinem Innern unbegrenzte Landschaften durchwandern und einen Bilderstrom durchschwimmen, der nicht aus der Welt ins Subjekt, sondern aus dem Geist in die Welt strömt. In diesem Kapitel werde ich mich vor der Wirrnis und dem Schwindelerregenden nicht scheuen, das schnell über jedem Kopf hereinbricht, der versucht, über das Denken „in ihm drin“ nachzudenken. Wo wie in den Upaniṣaden oder in der Lehre des Buddha das Leben in der Welt als Illusion und Imagination verstanden wird, ist die ganze Welt saṃsāra, ein „Zusammenfliessen, Umhergehen: aus einem Leben in's andere wandern und die damit verbundenen Leiden empfinden.“511 Thema dieses in einem Wort konzentrierten mythischen Bildes ist, neben kosmologischen und dem soziologischen Unabwägbarkeiten, die Psyche. Upaniṣaden, Buddhismus und die Stoa waren äußerst produktiv darin, beschreibende, zergliedernde und normative Begriffe für menschliche Subjektivitäten und das „Innenleben“ zu schmieden, sowie für das, was dem Bewusstsein gut tue. Für letzteres gibt es in der altgriechischen stoischen Philosophie den Begriff der εΰροια (euroia), des „Wohlflusses“512. Jede Tat setzt eine Kausalkette in Gang. Der „gute Fluss“ besagt, dass diese sich harmonisch dem eigenen Schicksal (heimarmene, εἱμαρμένη) und der kosmischen Vernunft (logos, 510 Müller 1879, S. 105 f. 511 Bedeutungen des zugrundeliegenden Verbs sam-sṛ, nach BOEHTLINGK. 512 Vgl. Sellmer 2005. 202 λόγος) einfügt. Das geschieht, wenn ein Mensch autonom ist, eine hegemoniale Instanz in sich entwickelt hat und in der Lage ist, unwillkürliche emotionale Triebe und Impulse (pathe, πάθε) zu unterdrücken, wenn sie unvernünftig sind. Was da durch das Subjekt „fließt“, sind also logos, physis bzw. natura, Triebe und das Schicksal, die als kosmische Prinzipien kaum voneinander zu unterscheiden sind. Zwar waren dafür Trieb- und Lustverzicht in einem gewissen Maße vonnöten, aber keinerlei Verleugnung oder Abspaltung des eigenen Körpers von einem eigentlichen „Selbst“. Dass „im“ Körper etwas von diesem völlig verschiedenes sei, sodass „innerliche“ Werte zuweilen das Gegenteil der „materiellen“ darstellen, war diesem Weltbild fremd. Diese Vorstellung ist wohl eher dem Neoplatonismus und dem frühen Christentum zuzurechnen, dessen frühe Einsiedler und Mönche einen „Rückzug in die Innerlichkeit“513 auslebten. Seit Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich (auch) in Europa (wieder) das „Bewusstsein als Strom gegen seinen Mißverstand als Behälter oder Tafel“514 durch; so wird „die Metapher des Stromes absolut für etwas, was wir uns, wegen seiner Nähe zu uns, seiner Identität mit uns selbst, am wenigsten begreifbar machen können.“515 Die Rede vom Bewusstseinsstrom ist ebenso nachhaltig von der Metapher der Innerlichkeit geprägt wie die pietistische Frömmigkeit oder die stille Einkehr und Versenkung, die Sinnsuchende in indischer Mystik zu finden glauben. „Innerlichkeit“, eine Leitmetapher der Neuzeit, mündet ideengeschichtlich nicht nur in den „Bewusstseinsstrom“, sondern löst sich darin auch auf: indem Bewusstseinsströme die Umgrenztheit des Subjektes infrage stellen, stülpen sie die Vorstellungen von dem, was in uns ist, teilweise um. Was über Metaphern des Behälters oder der Tafel konstruiert, entworfen, projiziert516 wird oder worden war, entspricht vielleicht ungefähr dem rätsel- 513 Braun 1995, S. 151. 514 Blumenberg 2012, S. 117. 515 Ebd., S.108. 516 Projektion im technischen Sinne meint eine maßstabsgetreue Abbildung von Ausschnitten der Wirklickkeit in Pläne, Skizzen, Querschnitte etc., oder auch die zweidimensionale Abbildung einer Kugeloberfläche, etwa als großformatige Landkarte. Die psychoanalytische und literaturwissenschaftliche Bedeutung, dass eigene Wünsche und Ängste anderen Personen oder auch Dingen zugeschrieben werden, ist primär metaphorisch, hat sich aber in der Umgangssprache verselbstständigt. 203 haften und vielleicht etwas antiquierten Begriff der Metaphysik. Sofern ihre theologischen und philosophischen Vertreter starre, letztgültige Gegebenheiten behaupten, ob nun als Jenseits oder als abstrakte Ideenwelt, haben sie kein Verständnis für „fließende Übergänge“517. Daher löst so eine Metaphysik sich im Bewusstseinsstrom auf – der allerdings, obgleich im Fluss, auch zum (nichtssagenden?) Grundbegriff werden kann. Laut BLUMENBERG war es HUS- SERL, der diese Strommetapher in Europa „absolut“ und unhinterfragbar gemacht hat... somit ist auch ein Mensch im Europa nach Descartes nicht mehr „Herr im eigenen Haus“, wenn dieses gar keine „festen Mauern“ hat… man kann sich selbst nicht „begreifen“, so wie sich auch eine noch so mächtige Hand auch nicht selber greifen und festhalten kann… und in der Belletristik breiteten sich Textformen wie der „Stream of Consciousness“ aus, der (wie hier) sich (unter anderem) dreier Punkte bedient, um ein Innehalten darzustellen oder auszulösen… ein Innehalten, welches über das Unfertige des Gedachten reflektieren lässt, über die Illusion, das Denken könnte je zum Zu-Ende- Gedachten oder zum druckreifen Text gerinnen… in einer textlichen Erscheinung, die die mentalen Prozesse und Flüsse darzustellen versucht, indem sie grammatisch in sich geschlossene Sätze und beschlossene Wahrheiten überwindet Ein Punkt wirkt da wie ein Gewaltakt. Der nun allerdings auch literarisch kalkuliert sein kann, um aus dem Nachsinnen herauszureißen, aus dem Fluss auftauchen zu lassen. Da das Untertauchen in Texte ohne Anfang und ohne Ende auf Dauer zu anstrengend oder banal wird, verhärten die meisten „Bewusstseinsströme“ sich bald wieder zu vertrauten Formen des Satz- und Gedankenbaus (was „gebaut“ wird, ist ja fest, und etwas fest Umrissenes lässt sich besser überschauen und einordnen – weswegen auch Fußnoten und in 517 Dieser Essay Blumenbergs möchte die Redeweise Husserls nachvollziehen, aber wohl auch ein bisschen bloßstellen. Dabei wird besonders das Motiv des Schwimmens im Strom pointiert herausgearbeitet, das zum Teil „etwas Rührendes“ (ebd., S. 121), Lächerliches und Verzweifeltes erhält, wenn etwa der „Schwimmer“ beim Schwimmen „mit offenen Armen“ etwas „Aufleuchtendes“ auffängt. Bewusstsein werde definiert als Intentionalität: „als noch leere Intentionen, bloße Vermeinungen, symbolische Repräsentationen einerseits, als erfüllte Intentionen […], Repräsentierte“s andererseits (repräsentierendes vs. repräsentiertes). Die Übergänge zwischen der ansetzenden und der erfüllten Intention (meinendes und gemeintes?) mögen freilich fließend sein – und insofern schon fließt das Bewusstsein kraft seiner elementaren Bestimmtheit“ (ebd., S. 115. Hervorhebungen i.O.). 204 Klammern Eingefügtes beim Lesen stören, weshalb der Umgang mit solchen Mitteln nur dann sinnvoll ist, wenn sich ein Gedankengewebe nicht entknoten lässt oder gerade das Verknotete und der Störeffekt vorgeführt werden sollen…). Die Hirnfunktion der Abstraktion lehrt uns, dass sich „Dinge“, „Gegenstände“ mit „fester“, stabiler Kontur besser einordnen lassen, weil sie uns Menschen518 eindeutig, oft im wahrsten Sinne „fassbar“, entgegen-stehen, sodass ihre Form sich bestimmen lässt. Wenn das Kontrollierbare als „fest“ gilt, begünstigt das wiederum die Metapher, gemäß der etwa Gefühle, die sich nicht ohne weiteres einschätzen oder kontrollieren lassen, „flüssig“ sind. Infolgedessen (und auch wieder rückverstärkend) nehme ich alles „in mir“, was ich einordnen und darüber verfügen, also es „erfassen“ kann, als „fest“ wahr – so wie ich ja auch feste Körper fassen kann. Feste Gewohnheiten, feste Wahrheiten, Überzeugungen, Entschlüsse, Beziehungen, Vertrauensmomente… all das wirkt verlässlich und rational… Warum dieser Exkurs? Die Gefühle, die metaphorisch-flüssig in mir, also in meinem Leibe, „sind“, sind keine Körperflüssigkeiten – können sich jedoch in solchen metonymisch „ausdrücken“, in Schweiß, Tränen, „Rotz und Wasser“, durch die sich zuweilen auch feste Charakter- oder Rollenmasken etwa von Männlichkeit oder Führungskraft verflüssigen.. Und, um nun endlich den mit Blacks Interaktionsthese abgezweigten Nebenarm meiner Argumentation wieder in den Hauptstrom einmünden zu lassen: Wenn das Thema „Flüssiges, Fließen und Flüsse“ so umfassend und tiefgehend auf das Thema „Denken und Fühlen“ übertragen wird, dann hat letzteres einen Einfluss auf ersteres – insbesondere auf die Rede über diejenigen Flüsse, die als Teil meines Leibes ohnehin schon untrennbar von meiner Subjektivität sind! Ein kurioses Beispiel dafür ist die Verdauung. 518 „Allen Menschen?“ Gilt das universal? Oder ist das zu kartesisch gedacht? 205 IV.5.a) Metabolische Metaphysik Geister wie Laktanz haben genügend „Saugfähigkeit“, um die Nährlösung des Geschichtsstromes aufzunehmen, und doch auch die Authentizität zu eben den neuen Kristallisationen, die im Sinnhorizont ihrer Zeit den Problemen und Bedürfnissen korrespondieren, also wiederum agierend in den Geschichtsstrom eintreten, ohne ihm eine Wendung zu geben.519 Vielleicht übertreibt BLUMENBERG es hier mit den metaphorischen Zugriffen auf Flüssig-Physisches („strömen“, „saugen“, „aufnehmen“, „nähren“, „aufgelöst sein“, „kristallisieren“, „eintreten“, „wenden“). Eigentlich geht es ihm hier um „Kraft“ und „Licht“ als Metaphern für Wahrheit in spätantiken und frühchristlichen Philosophien – nur lässt sich anscheinend über Metaphern am ehesten in Metaphern reden. Zumindest in solchen Fällen haben LAKOFF und JOHNSON Recht damit, dass über Metaphern vorzugsweise anhand empirisch vertrauter Vorstellungen über Unsichtbares, Abstraktes geredet werden kann. Wenn aber in einem metaphorischen Interaktionsprozess etwas Körperliches auf „Geist“, also „Nicht-Körper“, Unsicht- oder Unfühlbares, übertragen wird, dann sagt das, gemäß BLACK, rückwirkend auch etwas über den Körper aus. Auch dieser wird erst durch die Abgrenzung zum Geist definiert, gefasst und begriffen, genauso wie umgekehrt. Wenn nun „Geist“ mit Begriffen des Körperlichen begriffen wird, dann formen sich auch diese um – ein naheliegendes, weil direkt in diesem Satz vorkommendes Beispiel währe etwa die zupackende Metapher, die dem „Begriff“, dem „Begreifen“ und dem „Erfassen“ zugrunde liegt. Hat BLACK Recht, dann könnte es an dieser Metapher liegen, dass das In-die-Hand-Nehmen eines Gegenstandes bereits mit Aneignung und mentaler Einordnung konnotiert ist. Und, weiter gefasst, was wir im Mentalen oder auch im psychischen Bereich für „fest“ oder „gefestigt“ halten, sagt etwas darüber aus, was Festigkeit, Weichheit oder Flüssigkeit uns im „eigentlichen“, physischen Sinne überhaupt bedeuten. Als „hart“ gilt zum Beispiel das Wissen im Unterschied zum Denken oder Meinen. Eine Theorie oder ein Argument will daher „untermauert“ sein, braucht ein „Fundament“ – als müsste es einem Krieg standhalten.520 519 Blumenberg 1960, S. 50. 520 Vgl. Johnson & Lakoff 1980, S. 45ff. 206 „Weich“ ist dagegen das Nachgiebige oder Flexible im Denken wie im Verhalten, das sekundär an die Voraussetzungen anknüpft, wie weiche Flechten auf Felsen wachsen, oder aber sie „aufweicht“ und als Vorurteile entlarvt. „Flüssig“ wiederum sind die Ströme der Gedanken, zwar weicher als weich, aber umso stärker und umwälzender. Werden Bewusstsein und Verstand als Strom verstanden, macht das einen Paradigmenwechsel in der Konzeption des Geistes überhaupt aus – der nun als Teil des „ganzen“ Lebens- und Erlebensstromes mitsamt Körper und Organen in Auflösung und Bewegung gerät. Zumindest ist kaum etwas von so umfassender Wichtigkeit für das Denken wie seine „Nährlösung“, wenn es, wie Blumenberg es ausdrückt, auch „Kristallisation“ ist. Diese geschichtlichen, metaphorischen und metaphysischen Metamorphosen des Denkens klingen seit jeher gelegentlich an die Verdauung an, die ja auch „in uns brodelt“, auflöst, verwandelt, zersetzt, extrahiert, gleichsam analytisch Essenzen aus dem Gesamtbrei gewinnt. Manchmal ist das wandel- und lebhafte Sprudeln des Geistes erwünscht: Der gewitzte Geist soll prickeln, perlen und Esprit vesprühen, spritzig sein wie gewisse Spirituosen. Zumindest in der Werbung für ein solches Produkt lässt sich die Metaphorik beliebig auspressen, ausweiden, ausschlachten. So gibt es etwa einen Preis für Menschen, die in ihrem Geist dem Produkt für ähnlich befunden werden, insofern sie „eine gewisse Seelenverwandtschaft zum Champagne erkennen lassen, wenn sie genauso wie dieser edle spritzige Wein Geist und Sinne inspirieren, die Herzen ansprechen, Empfindungen wecken und vertiefen."521 An anderen Stellen, in anderen Fällen wird diese innere Alchemie des Denkens – ebenfalls mit einer alkoholischen Gärung verglischen – als betäubend, schmerzvoll, bauchzerreißend empfunden: 521 „Champagne, das sind auch die leisen Töne, ein überwältigende Vielzahl an Nuancen, für die man ein Sensorium entwickeln muss, um sie zu erkennen und zu schätzen. Mit anderen Worten: Champagne machen und genießen ist ein wenig wie große Schauspielkunst, ganz besonders von der Art, die Axel Milberg zelebriert“ (Dr. Peter Harry Carstensen in seiner Laudatio an den Preisträger 2014, Axel Milberg; http://www.champagnerwelt.com/sonstiges/wettbewerbeundauszeichnungen/champa gnepreisfuerlebensfreude.html) 207 18. Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt. 19. Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herauslässt und der die neuen Schläuche zerreißt!522 In einem Menschen ist wohl weniger Platz für drastische Veränderungen und das Fundament der Dinge unterspülende Gedanken als in einer ganzen Welt oder in Gott – ist es das, was die biblischen Worte sagen wollen? Denn wer war es denn, der das Meer in die Schranken wies, und wer zeigte uns, wie – in Ritualen – der ‚Strom‘ in Ufer gebettet werden kann, um uns davor zu bewahren, von der Endzeitflut unserer eigenen leiblichen und emotionalen Ergüsse und Fluten davongerissen zu werden?523 I.5.b) Metamorphe Metaphern i. kosmisches Chaos, eingedämmt Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore und sprach: ‚Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen’? Hiob 38, 8-11 Die ur- und endzeitlichen Metamorphosen, jene überwältigenden, chaotischen Wandlungsprozesse, die in kosmologischen Mythen der Ordnung der Welt vorangehen und diese ablösen, werden von der monotheistischen Schöpfergestalt eingedämmt, kanalisiert, begradigt – so wie Hindu-Rituale darauf abzielen, apokalyptischen und gleichzeitig psychologischen Fluten Abfluss zu schaffen, sie in geordnete Bahnen zu lenken und dabei ihre Kraft zu entladen. In seiner Nachlassschrift über Metaphern verschreibt sich Hans Blumenberg vorwiegend dieser – könnte man sagen, archetypischen? – „Gestaltlosigkeit und Gestaltfeindlichkeit des Strömens, Quellens und Spülens, Höhlens und 522 Hiob, 32. 523 Frei übersetzt sind dies die Worte Wendy DONIGERs, die ich in Kapitel III.6.b über „verstofflichte Kräfte” bereits zitiert habe: “[Hindu mythology] suggests that the stream can be shored up by ritual to keep us from being totally overwhelmed by the doomsday flood of our own physical and emotional currents” (Doniger O’Flaherty 1980, S.60 f). 208 Stürzens.“524 Indem er er auf diese Weise das Flüssige erst einmal „an sich“, „primär“ oder „eigentlich“ bestimmt, gestaltet er es um – ganz im Sinne Max BLACKs, für den eine Metapher ja immer beide verbundenen Bedeutungsfelder verändert. Ungeschminkt lyrisch bestimmt er das Nicht-Feste als gestaltlos und gestaltfeindlich. Ersteres lässt sich ohne Weiteres sagen, weil das Flüssige in der alltäglichen Wahrnehmung ohne Mikroskope und Messgeräte eben so erlebt wird; die animistisch dem Flüssigen zugeschriebene Formenfeindlichkeit hingegen gibt Rätsel auf, trotz aller Erosionswirkung von Flüssen in der Geographie. Denn dass die Flüssigkeit die Feindin der Gestalt sei, um die Metapher einmal anthropomorph zu überspitzen, übersteigt das zu Beobachtende. Woraus aber speist sich dessen Aufladung mit Hintersinn – oder gar Unsinn? Womöglich enstpringt dessen „Quelle“ in den ins Leiblich-Physische rückwirkenden Fließmetaphern, die Unsichtbares als „Ströme“ vorstellbar machen, in denen sich „Gegenstände“ verfestigen, treiben, aufsteigen, niedersinken und auflösen. Solche Bilder sind zwar höchst komplex und wandelber, doch in der Alltagsrede so üblich und konventionalisiert, dass sie unmittelbar verständlich wirken und selten hinterfragt werden. Besagte unsichtbare Kräfte, die von „innen“ und von „außen“ auf uns einwirken, sind vorwiegend kosmischer, sozialer, kognitiver und psychischer Natur. Um sie sicht- oder begreifbar zu machen, bedarf es metaphorischer Gebilde, wie es Mythen sind. ii. Kanalisierte Psychen, begradigte Denkflüsse Die geringste Bewegung prägt sich der See wie der Seele des Menschen ein; sie gibt allem nach, bei Windstille lässt der leiseste Hauch sie erschauern, und wenn eine Wolke die strahlende Sonne plötzlich verdunkelt, wird sie düster und drohend.525 Die komplexe Metapher fordert weitere: die ganze Szenerie möchte übertragen werden, denn wenn die Seele als Meer gilt, braucht sie auch ihre eigenen Winde und Wolken, eine Windstille und eine Sonne. Was jeweils darauf bezogen wird, bleibt aber hier offen, ist der Phantasie der Lesenden überlassen. Eigenschaften wie warm (sonnenbeschienen) und kalt, bewegt und unbewegt, 524 Blumenberg 2012, Seite 104. 525 Goldschmidt 1988, S. 15. 209 tief und flach werden üblicherweise durchaus oft bemüht, um ein bewegtes „Seelenleben“ zu beschreiben. In weniger Bewegte Gefühle wie stille Trauer oder Resignation kann man „eintauchen“ und „versinken“, wie auch in den Schlaf. Zwar bleiben die Bedeutungen dieser Ausdrücke vage und unscharf, wie das Fühlen überhaupt nie vollständig ins Verbale übersetzt werden kann; doch die Rede in und mit diesen Ausdrücken ist konventionell schnell verfügbar, ohne dass ein bewusster Interpretationsvorgang stattfinden muss. Genau das ist es, was ihr Hinterfragen, ihre Bewusstmachung so schwierig macht. Die Verbindung „der See“ mit „der Seele“ überträgt GOLDSCHMIDT auch in die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, als man gleichzeitig entdeckt habe, „dass das Sonnenlicht nur 250 bis 300 Meter unter die [Meeres]oberfläche dringt, und Freud erkannte, daß nur die Oberfläche der Seele bewusst [ist]. Man hielt die Tiefen des Ozeans für unbewohnt und wußte noch nichts vom Leben des Unbewußten.“526 Die letzte Teilaussage möchte ich gleich doppelt in Frage stellen: Erstens fallen Aussagen über ein „Leben des Unbewussten“ auch nach Freud meiner Ansicht nach noch nicht oft in den Bereich des „Wissens“, zweitens fand Reflektion über dieses Leben schon lange vorher, wenn nicht schon immer statt. Mythen über die Unterwelt (vgl. Anhang 7.e) setzen sich mit dem Unheimlichen, Unsagbaren, Unumgänglichen auseinander und verorten es teils ins Meer, teils unter die Erdoberfläche. Und wie es in diesen Unterwelten lebt! Es krabbelt, kriecht, wimmelt, wabert, saugt, bohrt, schmerzt, lockt, sehnt sich und strömt! Nicht zuletzt war die griechische Mythologie eine wesentliche Inspirationsquelle für die Psychoanalyse, deren Unterbewusstes sich „unter der Oberfläche“ bedrohlich regt wie das von Zeus unter dem Ätna begrabene und „verdrängte“ Ungetüm Typhon. In Aushandlung der typhonisch-proteisch-amorphen Triebe mit den bereits festen Formen in der „Realität“ und in der Ideenwelt, den Idealen des Über- Ich, nimmt man Gestalt und gesellschaftsfähige Rollen an. Das psychoanalytische Ichprinzip „gerinnt“ im Bewusstseins- oder Gefühlsstrom und löst sich wieder auf im Meer, dem Traumsymbol für das Träumen. Dessen Wellengang, die „Fluten der Sprache“527, deuten laut GOLDSCHMIDT in erster Line auf das 526 Ebd., S. 16. 527 Kapitelname in Goldschmidt 1988, S. 15. 210 Auf und Ab der Gefühle hin, die sich dem Meer so schön vergleichen lassen wie im Eingangszitat dieses Abschnitts. In den populären Ausformungen und vereinfachenden Umdeutungen der Psychoanalyse bekommen die Fluten dieser unbewussten oder emotionalen Unterströme des „Bewusstseinsstroms“ nochmals andere Formen, werden in andere Kanäle geleitet. Das Buch eines Gestalttherapeuthen über Phasen der Leidenschaft in Liebesbeziehungen enthält auch ein Kapitel über „kanalisierte Anarchie“528, was den Versuch bezeichnen soll, „Liebe und Gewohnheiten zu versammeln, Rauschhaftes in den geregelten Alltag zu integrieren."529 Nur selten aber „gerinnen aus dieser Politik der Leidenschaft überdauernde Haltungen und überdauernde Beziehungen."530 In einem Verweis auf den Anthropologen Victor TURNER und seine Theorie der Schwellenzustände überträgt er seine Diagnosen aus der Paarberatung auf Gesellschaft und zurück: Spontane, chaotische, unmittelbare "Wandlungen und die 'wilden' Anteile des Lebens werden auch in modernen Gesellschaften über archaische Inszenierungen kanalisiert."531 In einer solchen Kanalisation besteht KLÖCKNERs normativer Anspruch an funktionierende und interessant bleibende Liebesgeschichten. Mit diesem Beispiel sich zusammenklumpender Flüssigkeitsmetapher beabsichtige ich nicht mehr und nicht weniger als zu illustrieren, wie sehr „das Flüssige“ – anstelle bestimmter Körperflüssigkeiten und Organe – zur Metapher des Fühlens und in geringerem Maße des Denkens geworden ist. Die größere Abstraktion darin hat der Psychologie wesentliche Denkleistungen ermöglicht, aber das Bild und Ideal vom Innenleben auch bisweilen vereinheitlicht, wie KLÖCKNERs Apell und die in Kapitel IV.4.d ertönten Rufe nach „Katharsis“, „emotional flooding“ und „Selbstfindung“ in der Psychotherapie zeigen. Es tut not, die Grundsätzlichkeit der Metaphern in Psychologie, Philosophie und Wissenschaft zu betonen. Gerade die Metaphrik der Flüssigkeiten spielt eine entscheidende Rolle dabei, verschiedenste Theorien aufzustellen: 528 Klöckner 2007, S. 146. 529 Ebd., S. 150. 530 Ebd., S. 147. Hvh. G.L. 531 Ebd. 211 In vieler Hinsicht ist der Begriff ‚Strom‘ nur ein Bild, eine ‚symbolische Form‘, die erlaubt, ein bildhaftes Modell aufzustellen (das sich auf die unmittelbare Erfahrung stützt und auf die ‚anschaulichste‘, ursprünglichste Träumerei); die um eine Erklärung bemühte Spekulation wird sich immer dann dieses Bildes bedienen, wenn es darum geht, die Übermittlung, den Übergang (eines Reizes, einer ‚Idee‘, eines Willensimpulses, eines Gefühls, einer Kraft usw.) von einem Punkt des Nervensystems zum anderen vorstellbar zu machen. Das Bild vom Strom ist mithin zu vielgestaltig und zu sehr mit nicht recht fassbaren Bedeutungswerten beladen, als dass es die unzähligen Doppelsinnigkeiten hätte verhindern können. Das Pneuma der Stoiker ist auch ein kaum greifbarer Strom, der zugleich das Leben des Weltalls beseelt und das der einzelnen Individuen.532 Was ich dieser Analyse wissenschaftlicher Leitmetaphern hinzuzufügen habe, ist der vergleichende Blick in mythologische Weltbilder und Metaphern. Die Geschichten, die ich in dieser Arbeit untersucht habe, bedienen sich der Metapher des Strömens auf eine ganz ähnliche Weise: Ohne notwendigerweise „um eine Erklärung bemüht“ zu sein, ermöglichen auch sie Verknüpfungen und Assoziationen der „unmittelbaren Erfahrung“ mit eindrucksvollen „Träumereien „und der Frage nach „Ursprünglichkeit“. All das kaum „Fassbare“, das erst vorstellbar gemacht werden muss – die Empfindungen, Einfälle, Ambitionen, Gefühle und anderen Kräfte „in“ uns und „zwischen“ uns – kann, vermittelt durch „symbolische Formen“, bedacht werden. So muss man nicht mehr darüber schweigen. 532 Starobinski 1973, S. 28 f.; Hvh. G.L. 212

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References

Zusammenfassung

Milch geben, Blut spenden, Blut saugen: Immer wieder kommen verschiedenste Körperflüssigkeiten in Mythen und anderen religiösen Erzählungen zum Vorschein. Metaphorisch können sie für allerlei Themen stehen, etwa für Subjektivität, für Fremdheit und Bewegtheit der Gefühle oder für das Auflösen starrer Ordnungen. Besonderes Augenmerk verdienen dabei die Mythen: Wenn die Erde in Gestalt einer Kuh alle Wesen durch ihre Milch ernährt, wenn der Sohn Gottes sein Blut in Form des Weines einer weltweiten Glaubensgemeinschaft spendet, aber auch wenn altgriechische Rächerinnen einem Helden das Blut aus dem Körper saugen, erhält die Welt in ihrer Unbegreiflichkeit neue Deutungen. Natur, Gesellschaft und Innenleben werden so sichtbar und greifbar. Immaterielles und Religiöses drückt sich in den wandelbaren Metaphern nicht nur aus, sondern transformiert und erschafft sich dabei selbst auch neu.