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Vorwort von Edith Franke in:

Gerrit Lange

Säfte und Kräfte, page 11 - 14

Körperflüssigkeiten als Metapher in altindischen Mythen und anderen Erzählungen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3873-4, ISBN online: 978-3-8288-6705-5, https://doi.org/10.5771/9783828867055-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Vorwort von Edith Franke Es sind die in der Religionsgeschichte zahlreichen Erzählungen und ikonographischen Belege von Körperflüssigkeiten, die Gerrit Lange als Metaphern für das Selbst des Menschen, als Ausdruck der Bewegung gegen die festen Ordnungen, des Fließens der Gefühle und der Natur oder, mit Bezug auf Blumenberg (2012), als Ausdruck des „Zwischenreiches zwischen Starre und Wolke“ interessieren und die er als Zeugnisse des phantasievollen Nachdenkens der Menschen über sich, ihre Körper und die Welt versteht. Das hier vorliegende, außerordentlich materialreiche, in bestem Sinne intellektuell kreative und zugleich religionsgeschichtlich hervorragend fundierte Buch ist aus der Masterarbeit von Herrn Lange hervorgegangen. Mit seiner Analyse der Bedeutung von „Säften und Kräften“, von „Milch geben, Blut spenden und Blut saugen“ in Mythen aus dem altindischen Kontext sowie der neutestamentlichen und griechischen Tradition legt der Verfasser einerseits eine klassische, vergleichend-religionswissenschaftliche Studie vor, gibt ihr andererseits jedoch eine besondere Note, indem er im Grunde eine Hermeneutik des Leibes erarbeitet. Der Verfasser zeigt eine ausgezeichnete Kenntnis nicht nur altindischer Mythologie und eine fast nicht enden wollende Bereitschaft und Begeisterung, seine Thematik nicht nur an einem kleinen, begrenzten Ausschnitt zu bearbeiten, sondern sie anhand sehr verschiedener Quellen und regionaler Kontexte sowie mit einem breit angelegten theoretischen Instrumentarium zu beleuchten. Gerrit Lange geht es dabei weniger um eine reine religionshistorische Einordnung mythologischer Bilder und Sprechakte, sondern vor allem um ein Nachspüren und eine religionsphilosophische, -psychologische und hermeneutische Annäherung an die Wirkkraft der Metaphern als wandelbare und verwandelnde Elemente. Die vielfältigen Bedeutungsfelder, die sich an Körperflüssigkeiten und -säfte anknüpfen, verweisen, so Lange, nicht nur auf Gefühle und Lebenskräfte, sondern in ihrer Unsichtbarkeit auch auf das immaterielle Religiöse. Für seine eigene „Arbeit am Mythos“ knüpft der Verfasser eng an die Philosophie von Hans Blumenberg an und folgt diesem in der Auffassung, dass Mythen als vieldeutige, in der Wirklichkeit orientierende Denkweisen verstanden werden können. Entsprechend grenzt Lange religiöse Erzählungen nicht streng von anderen literarischen Genres ab und bezieht 12 auch diese in seine Arbeit ein. Im Grunde thematisiert der Verfasser damit auch die in der Religionswissenschaft vielfach diskutierte Frage der schwierigen bzw. vermutlich nicht sinnvollen Abgrenzung von Religion gegenüber Kultur. Statt einer stringenten Interpretation der bearbeiteten Mythen nimmt Gerrit Lange eine Bündelung von „assoziativen Strängen und Motivkomplexen“ vor und knüpft für seine hermeneutische Arbeit auch an die theoretischen Überlegungen von Clifford Geertz an, um den Zusammenhang von Körperinneren und innerem Erleben aufzuspüren. Die Arbeit umspannt mit ihren Exkursen in moderne, „westliche“ Ideen- und Metaphern-Geschichte (z.B. Kulturgeschichte der Tränen und der Melancholie) einen breiten Bogen möglicher Annäherungen an die Thematik. Selbstkritisch und zugleich selbstbewusst setzt sich Gerrit Lange mit dem eigenen „metaphorischen, poetischen, imaginativen“ Schreibstil auseinander und propagiert damit eine Schreib- und Denkweise, die sich sowohl auf einer metaphorischen, assoziativen als auch wissenschaftlich-präzisen Ebene bewegt. Entsprechend weit geraten Umfang, Zugangsweise und Reflexion – mit allen Stärken, aber auch allen Herausforderungen, einer komplexen, schillernden Thematik gerecht zu werden. So wie es sich in der Auffassung von Mythen und Metaphern als facettenreich und vieldeutig anlegt, geht es Gerrit Lange auch nicht um eine Interpretation oder Interpretationslinie, der von ihm behandelten Quellen. So sind es dann auch ihrerseits Metaphern, wie das Strömen und Fließen, die für den Verfasser als Hinweise und Schlüssel auf den Zusammenhang von materiellen Zeugnissen (wie der rituellen Verwendung von Körperflüssigkeiten wie Blut, Milch, Samen, Schweiß, Tränen) der Körperlichkeit und religiösen Vorstellungen der Innerlichkeit, sich verändernde Bewusstseinszuständen und innerpsychischen Prozessen dienen. Gerrit Lange veranschaulicht seine These zu der Bedeutung von Körperflüssigkeiten in religiösen Erzählungen und Mythen als Ausdruck des menschlichen Nachdenkens über das „unsichtbare Innenleben“, Emotionen und Geist in eigenen Grafiken (im Anhang der Arbeit), die ihrerseits Ausdruck des kreativen, interdisziplinären, religionsphilosophischen Denkens des Autors sind. Mit seiner Arbeit lädt Gerrit Lange zu einer religionswissenschaftlich wie ideengeschichtlich spannenden Reise ein. Marburg, August 2016 Edith Franke 13 Danksagungen Zunächst danke ich Frau Prof. Edith Franke und Herrn Prof. Karl Braun, die sich so freudig und bereitwillig darauf eingelassen haben, eine Arbeit mit einem so seltsamen Thema zu betreuen und mir seitdem nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite stehen. Großartig, „einflussreich“ und unverzichtbar für mich und meine Arbeit sind all jene, die Blicke hineingeworfen und Korrekturen, Verbesserungsvorschläge und Assoziationen zurückgemeldet haben – vor allem meine Mutter, Hilde Lange. Weiterhin danke ich sehr Benjamin Rassbach für sein Einfühlungsvermögen in meine Begeisterung, Valentin Neubert für seine Strenge, Bob Ross für seine liebevolle Gründlichkeit. Nicolas Becker bin ich dankbar für das gemeinsame Assoziieren und Mindmapping, das mir im Endspurt noch mal die Augen für das Ganze öffnete, die entschlummerte Begeisterung neu weckte und mich das Gefüge des Textes noch einmal umkrempeln ließ. Und Julie Kever, die zu Eingeweiden in südamerikanischen Mythen und Ritualen schrieb, verdanke ich zündende Ideenfunken und zu guter Letzt auch noch den Einfall, eine Danksagung voranzustellen. Abkürzungen und Formalien Ich verwende die Abkürzungen v. u. Z. für „vor unserer Zeitrechnung“, Hvh. (i. O.) für „Hervorhebungen“ von mir oder „im Original“, Abb. für „Abbildungen“ und für Verweise vgl. („vergleiche“). Begriffe aus dem Sanskrit oder aus anderen Fremdsprechen schreibe ich kursiv und klein, Eigennamen von Menschen, mythischen Wesen und Orten groß und nicht kursiv, Namen von Texten und Büchern wie dem Māhābhārata groß und kursiv. 14

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Zusammenfassung

Milch geben, Blut spenden, Blut saugen: Immer wieder kommen verschiedenste Körperflüssigkeiten in Mythen und anderen religiösen Erzählungen zum Vorschein. Metaphorisch können sie für allerlei Themen stehen, etwa für Subjektivität, für Fremdheit und Bewegtheit der Gefühle oder für das Auflösen starrer Ordnungen. Besonderes Augenmerk verdienen dabei die Mythen: Wenn die Erde in Gestalt einer Kuh alle Wesen durch ihre Milch ernährt, wenn der Sohn Gottes sein Blut in Form des Weines einer weltweiten Glaubensgemeinschaft spendet, aber auch wenn altgriechische Rächerinnen einem Helden das Blut aus dem Körper saugen, erhält die Welt in ihrer Unbegreiflichkeit neue Deutungen. Natur, Gesellschaft und Innenleben werden so sichtbar und greifbar. Immaterielles und Religiöses drückt sich in den wandelbaren Metaphern nicht nur aus, sondern transformiert und erschafft sich dabei selbst auch neu.