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Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048

Tectum, Baden-Baden
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Alexander N iederm eier Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens Alexander Niedermeier Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen Tectum Verlag Alexander Niedermeier Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen © Tectum - ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 Zugl. Diss. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2016 elSBN: 978-3-8288-6704-8 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-3981-6 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: shutterstock.com © Panchenko Vladimir Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Gewidmet meinen Eltern in Liebe und Dankbarkeit. Mit herzlichem Dank an Prof. Dr. Roland Sturm und Prof. Dr. Heinrich Pehle. Die Entstehung dieser Arbeit wurde durch die Hanns-Seidel-Stiftung im Rahmen eines Promotionsstipendiums materiell und ideell gefördert. 5 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung...............................................................................................................11 2. Theorie und Methodik: Analytischer Eklektizismus und Interpretativer Realismus............................. 17 2.1 Theorielandschaft zwischen Pluralismus und Zersplitterung: Entwicklung, Aussagekraft, Grenzen und Potenziale bestehender Theorieansätze in den Internationalen Beziehungen..................................................... 17 2.2 Methodischer Ansatz: Der Modellorientierte Analytische Eklektizismus ......70 2.3 Grundlage der eklektischen Auswahl der Theorielemente: Die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen ......................................100 3. Komplexe Struktur: Das Internationale System und seine Konstellationen als Faktoren der Zwischenstaatlichen Entscheidung ....... 135 3.1 Internationale Struktur und traditionelles Strukturdenken.................................135 3.2 Logiken der Systemstruktur: Bestehende Ansätze und Integrationsmöglichkeiten.....................................................................................................175 4. Komplexer Akteur: Ebenen, Einheiten und Dynamiken Innerstaatlicher Prozesse als Faktoren der Zwischenstaatlichen Entscheidung................................................................... 183 4.1 Von der Philosophie zur Neurowissenschaft: Die Menschliche Natur ........ 183 4.2 Rationalität, Kognition und Em otion....................................................................... 198 4.3 Persönlichkeit, Führungsstil und Persönlichkeitsstörung..................................240 4.4 Berater und Bürokratie: Die Logik des Gruppen- und Institutionenkontexts ............................................................................................................ 266 4.5 Kollektive Identität: Wesen und Selbstverständnis von Gesellschaft und N ation .......................................................................................................285 5. Komplexes Nationales Sicherheitsinteresse: Motivation der Zwischenstaatlichen Entscheidung....................................... 305 5.1 Nationales Interesse und Nationale Sicherheit ..................................................... 305 5.2 Das Konzept des Komplexen Nationalen Sicherheitsinteresses .....................319 7 6. Der Theorieansatz des Interpretativen Realismus und das SPICDA-Analyseschema ......................................................................335 6.1 Der Theoretische Erklärungsansatz des Interpretativen Realismus ...............335 6.2 Vom Theoretischen Erklärungsansatz zum Analysemodell: Das SPICDA-Analyseschema.............................................................................................351 7. Resümee............................................................................................................... 363 Literaturverzeichnis................................................................................................373 8 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Paradigmenverständnisse................................................................................. 82 Abbildung 2: Fallorientierter vs. Modellorientierter Analytischer Eklektizismus.. ..96 Abbildung 3: Ansätze der Theorie- und Analysemodellentwicklung...........................99 Abbildung 4: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach David Lake.....................122 Abbildung 5: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach Katja W eber...................124 Abbildung 6: Modifiziertes Gefangenendilemma-Spiel..................................................155 Abbildung 7: Gefangenendilemma mit Reichweiten der Ratio-Level Gewinne... 157 Abbildung 8: Bewertung der Situation durch Staat A: Auswirkung der Veränderungen des Sensibilitätskoeffizienten K ..............................158 Abbildung 9: Strukturausprägungen nach Daniel Deudney..........................................173 Abbildung 10: Strukturausprägungen nach Charles Kupchan..................................... 176 Abbildung 11: Strukturausprägungen im Konstruktiven Realismus.......................... 177 Abbildung 12: Strukturausprägungen im Interpretativen Realismus......................... 181 Abbildung 13: Hierarchisierung des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses (Bedürfnispyramide)..........................................................................320 Abbildung 14: DerTheorieansatz des Interpretativen Realismus.............................. 350 Abbildung 15: Entscheidungsprozessanalyse: Überblick zum Gesamtansatz........ 352 Abbildung 16: Analyse der inneren Entscheidungslogiken auf Akteur-Seite..........355 Abbildung 17: Struktur- und Konstellationsanalyse........................................................356 Abbildung 18: Bedürfnisebenen des Komplexen Nationalen Sicherheitsinteresses: Gegenstand und Operationalisierung....................................... 358 9 1. Einleitung Im Chinesischen bedeutet f e A (w eijt) Krise. Das erste Schriftzeichen steht dabei für Gefahr, das zweite für Chance, Gelegenheit1. Auch die Internationalen Bezie hungen2 als Fach können als in einer Situation des f e A (weijt) befindlich beschrie ben werden. Die Krise hierbei besteht in zwei eng miteinander verbundenen Prob lemen: Einerseits ist die Aussagkraft der einzelnen Paradigmen angesichts der selbst gesetzten Beschränkungen begrenzt, andererseits lässt sich eine immer weiter zu nehmende Zahl an neuen Erklärungsansätzen und Theoriemodellen konstatieren. Dabei zeigt sich, dass nur in den wenigsten Fällen eine pradigmenübergreifende Kommunikation stattfindet; vielmehr ist das Verhältnis von wechselseitiger Igno ranz oder gar extremer Rivalität geprägt, welche nicht zuletzt auch das Fundament der Internationalen Beziehungen zu beschädigen geeignet ist. Dieser Zustand lässt sich als destruktive paradigmatische Zersplitterung umschreiben. Tatsächlich ist bereits seit einiger Zeit von einer Zersplitterung der Disziplin und einer Dauerkrise (vgl. Dunne/Cox/Booth 1999) die Rede. Ebenso wurde ein Scheitern der Interna tionalen Beziehungen als intellektuelles Projekt insgesamt prognostiziert, sollte sich für die Herausforderung der Paradigmenvielfalt und des destruktiven Umgangs damit keine Lösung finden (vgl. Buzan/Little 2001: 19). Sogar die generelle Unfä higkeit zur Analyse (Wang 2007: 191) wurde den Internationalen Beziehungen schon aus den eigenen Reihen unterstellt und dabei die Frage erhoben, ob die Dis ziplin nach all den Debatten und angesichts der Bruchlinien im Bereich der Theorie eigentlich noch als kohärente Disziplin angesehen werden könne (vgl. Schmidt 2008: 296). Auch über das Ende des Faches wurde angesichts der scheinbaren Un fähigkeit zur Lösung der genannten Probleme bereits verschiedentlich spekuliert (vgl. etwa Yang 2007 oder Sylvester 2007). Nicht zuletzt mit Blick auf die Bedeutung der Disziplin für die außenpolitische Praxis und die Politikberatung wurde vielfach eine Erhöhung der Erklärungskraft der Internationalen Beziehungen angemahnt (vgl. etwa George 1994; Galvin 1994; Kolodziej 1994; Kruzel 1994; Newsom 1995/96; Lepgold 1998: 43; Nincic/Lepgold/George 2000). Der Anspruch an die unmittelbare Tauglichkeit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den internationalen Beziehungen für die politische Praxis kann jedoch nicht gleichgesetzt werden mit einer Reduktion der Internationalen Beziehungen auf eine reine oder weitgehende Deskriptivität mit Blick auf das Empirische oder die Beschränkung der Analyse auf Minimalzusam menhänge. Das gilt auch und gerade, wenn theoretische Erkenntnisse bei den Akt euren der politischen Praxis häufig nicht oder nur marginal Gehör finden (vgl. etwa Walt 2005). Das W ort Chance selbst setzt sich aus den Zeichen (ji hui) zusammen. Im vorliegenden Text wird unterschieden zwischen Internationale Beziehungen als Bezeich nung für das akademische Fach und internationale Beziehungen als Bezeichnung für den Pro zess zwischenstaatlichen Handelns. 11 Da die Ergebnisse der Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen als „es sential tool o f statecraft“ (Walt 2005: 23) zu bewerten sind, muss vielmehr dafür geworben werden, dass diese ein höheres Maß an Berücksichtigung finden. Dies erscheint jedoch nur möglich, wenn die Internationalen Beziehungen das Problem der destruktiven paradigmatischen Zersplitterung überwinden. Walt (2005: 23) führt hierzu sehr pointiert und überzeugend aus: “M any policy debates ultimately rest on competing theoretical visions, and relying on a false or flawed theory can lead to major foreign policy disasters. Theory remains essential for diagnosing events, explaining their causes, prescribing responses, and evaluating the impact o f different policies“. Ein Weg aus der Paradigmenkrise der Internationalen Beziehungen lässt sich somit nur beschreiten, wenn eine grundsätzliche Wendung hin zum Überwinden der pa radigmatischen wie auch der disziplinären Grenzen bei der Ausgestaltung künftiger Analyseansätze realisiert wird. Das Aufbrechen und Überwinden der Grenzen der tradierten und neuen Paradigmen der Internationalen Beziehungen und darüber hinaus zugleich die Öffnung der dortigen Theoriebildung für Erkenntnisse benach barter Disziplinen, wird dabei als Gelegenheit betrachtet, die Diszipin weiterzuent wickeln. Mit anderen Worten soll die durch das Neben- und Gegeneinanders einer fast schon unüberschaubaren Zahl an Theorien, Argumenten und Paradigmen ver ursachten Krise als Chance genutzt werden, bei der die sich bietende Vielfalt kritisch auf ihre jeweilige Aussagekraft hin überprüft und miteinander in Einklang gebracht wird. Hierdurch kann das unübersichtliche Nebeneinander von Theorien geordnet und konstruktiv zusammenführt werden, um so das Spektrum der Analyse zwi schenstaatlichen Handelns zu erweitern. Auf diese Weise wird ein höheres Maß an Verständnis für die Ursachen, Strukturen und Prozesse zwischenstaatlichen Han delns geschaffen. Trotz der Bedeutung, welche primär empirisches Vorgehen bei der Analyse der internationalen Beziehungen heute besitzt, darf nicht vergessen werden, dass ein solches auf einem soliden Theoriefundament ruhen muss, möchte es empirische Phänomene zutreffend erklären. Angesichts dieser Tatsache ist es erforderlich, auch den Bereich der reinen Theo rieentwicklung in den Internationalen Beziehungen zu pflegen. Ohne die stetige kritische Weiterentwicklung auf diesem Gebiet wird auch die empirische Analyse notwendigerweise an ihre Grenzen stoßen. Der Kreis von der Auseinandersetzung mit teils sehr spezifischen Aspekten der Theorie einerseits und der Anwendung auf die empirische Realität andererseits wird mit der Entwicklung von Analyseansätzen, die auf den zuvor angestellten theoretischen Überlegungen basieren, geschlossen. Die Auseinandersetzung mit Fragen der Theorie lässt sich mit der Grundlagenfor schung in den Naturwissenschaften vergleichen. Nur hat Gott leider Fächern wie Physik die leichten Probleme zugewiesen und den Sozialwissenschaften die Bürde jener Weltprobleme auferlegt, welche sich einer leichten Zugänglichkeit wie auch Voraussagbarkeit entziehen, wie Bernstein et al. (2000) es gleichermaßen augen zwinkernd wie dennoch zutreffend auf den Punkt gebracht haben. Dass sich die 12 Sozialwissenschaften beziehungsweise in diesem Fall die Internationalen Beziehun gen trotz dieser besonderen Bürde dann noch rechtfertigen müssen, wenn sie For schung jenseits der jederzeitigen beziehungsweise sofortigen empirischen Umset zung und fallbezogenen Anwendung treiben, erscheint somit als ebenso unfair wie unangemessen — und vor allem der Sache des Faches abträglich. Denn woher kommen die Theorien denn, auf welche bei der empirischen Analyse wie selbstver ständlich zurückgegriffen wird? Auch die Physik steht nicht unter dem Druck, wenn sie ihre (vermeintlich) leichten Probleme löst, jederzeit auch sofort aufzuzei gen, welche praktische Anwendung in Industrie oder im Konsumgüterbereich sich hieraus unmittelbar ableiten lässt. Wäre dies so, hätten wir viele neue Küchenma schinen, aber vielleicht noch keine Erkenntnisse zur Quantentheorie. Selbstver ständlich soll an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit der Theorie in den Inter nationalen Beziehungen nicht damit verglichen werden; dennoch ist auch die Auf gabe, die eine tragfähige Theorie im Bereich der Internationalen Beziehungen zu leisten hat, bei näherer Betrachtung alles andere als gering, soll sie doch nichts we niger erklären als wie — beinahe schon im wahrsten Wortsinne — die Welt funktio niert. Dass es angesichts der damit verbundenen Komplexität erheblicher Anstren gungen bedarf, um überhaupt sinnstiftende theoretische Zugänge zu entwickeln, vermag nicht zu verwundern. Und dass diese große Herausforderung für die Dis ziplin und all ihre Forscher, die in der Regel weder ihren grundsätzlichen prakti schen Anspruch, an der Beisteuerung von Lösungen für die empirischen Proble men der internationalen Beziehungen mitzuwirken, noch ihr normatives Bestreben, dem Frieden zwischen den Staaten, Nationen und Menschen dieser Welt, die ihr Untersuchungsobjekt und so viel mehr ist, zu dienen, aufgegeben haben, auch dazu geführt hat, dass die gegenwärtige Situation theoretischer Unübersichtlichkeit ein getreten ist, kann und sollte dem Fach nicht unreflektiert vorgeworfen werden. An ders mag da schon die Ignoranz und teils sogar bösartige Rivalität zwischen den Denkrichtungen bewertet werden. So oder so, die Herausforderungen müssen auf gegriffen und das Problem der Paradigmenvielfalt auf konstruktive Weise in den Griff gebracht werden, um so einen Analysezugang zu entwickeln, der die vielen guten Argumente der unterschiedlichen Paradigmen wie auch die der benachbarten Disziplinen konstruktiv zusammenführt. Wie die Entwicklung eines derartigen Analysezugangs im Rahmen dieser Arbeit aussehen soll, wird an dieser Stelle kurz skizziert. Basierend auf dem einführenden Problemaufriss (Kapitel 1) wird im %weiten Kapitel die der Krise gleichfalls innewoh nende Chance näher ausgeführt. Hierbei wird zunächst darauf eingegangen, wie bislang mit Herausforderungen auf dem Gebiet der Theorieentwicklung in den In ternationalen Beziehungen umgegangen wurde. Hierzu werden die großen Theo riedebatten und bedeutenden Wenden kritisch nachgezeichnet, die Implikationen für die einzelnen Paradigmen aufgezeigt und die gewonnenen Erkenntnisse mit Blick auf eine paradigmenüberschreitende Theoriefortbildung beleuchtet (Kapitel 2.1). Hieran anknüpfend findet eine Auseinandersetzung mit dem methodischen Zugang (Kapitel 2.2) statt, welcher der im Rahmen dieser Arbeit unternommenen 13 Theoriefortbildung zugrunde gelegt werden soll. In Abgrenzung von innerparadig matischer Theoriefortbildung und selektiver Paradigmensynthese wird in dieser Arbeit auf die Methode des analytischen Eklektizismus zurückgegriffen, wobei eine Weiterentwicklung des bislang rein einzelfallbezogenen Ansatzes hin zu einem mo dellorientierten analytischen Eklektizismus vollzogen wird. Hierauf aufbauend er folgt die Darlegung der Grundlage, an der sich die analytisch eklektische Auswahl der Theorieargumente orientieren soll (Kapitel 2.3). Hierzu werden drei in den In ternationalen Beziehungen zentrale und für das Fach, sein Selbstverständnis und die Erklärungskraft aller Analyseansätze der Disziplin außerordentlich grundlegen de Fragen in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt: die Frage nach der richtigen Analyseebene, die Frage nach dem Verhältnis von Akteur und Struktur und die Frage nach Wirkung und Verhältnis von Anarchie und Hierarchie als Strukturbe dingung des internationalen Systems. Diese drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen sind Teil jeweils seit langer Zeit geführter Diskurse, von denen keiner bisher zu einem endgültigen Abschluss gelangt ist. Diese werden hier aufgegriffen und weiterentwickelt. Auf den Ergebnissen der Auseinandersetzung mit den drei Basisproblemen aufbauend werden der Akteur Staat und die Struktur des internati onalen Systems einer ausgiebigen Analyse hinsichtlich den ihnen innewohnenden Wirkmechanismen unterzogen. Zur Analyse des Einflusses der Strukturseite auf zwischenstaatliches Handeln wird im dritten Kapitel in der Auseinandersetzung mit bisherigen strukturbezogenen Er klärungsansätzen der Internationalen Beziehungen ein Anarchie-Hierarchie Kontinuum zur Erfassung der Gesamtstruktur des internationalen Systems entwi ckelt, welches die spezifischen Handlungslogiken unterschiedlicher Strukturausprä gungen im internationalen System, die von absoluter Anarchie über genau definier te weitere Anarchievarianten und Zwischenformen von Anarchie und Hierarchie, wie etwa die Negarchie, bis hin zur reinen Hierarchie in der Ausprägung des weberianischen Staatstypus reicht, nachvollziehbar machen soll. Auf Seiten des Akteurs wird ebenfalls eine Ausdifferenzierung vorgenommen, um den Staat als Akteur mit Blick auf das Zustandekommen zwischenstaatlichen Handelns umfassender und detaillierter beziehungsweise differenzierter erklären zu können. Hierzu wird im vierten Kapitel sowohl unter Anlehnung an den Diskurs um die Frage nach der richtigen Analyseebene als auch den Agent-Structure-Diskurs der Akteur Staat in die Analyseeinheiten Individuum, Gruppe, staatliche Institutionen und kol lektive Identität unterteilt. Ziel hierbei ist es, das Zustandekommen und die Wir kung der jeweils spezifischen Interpretation entscheidungserheblicher Sachverhalte und ihre Implikationen für den zwischenstaatlichen Entscheidungsprozess aufzu zeigen. Ausgehend von philosophischen Annahmen, welche bisher die Vorstellun gen vom Individuum in den Internationalen Beziehungen beeinflusst haben, wer den neuere Erkenntnisse bis hin zu den jüngsten Entwicklungen in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Hirnforschung herangezogen, um bisherige Vorstellungen durch naturwissenschaftlich-biologische Argumente zu bestätigen 14 oder zu modifizieren beziehungsweise erstmals gänzlich neue Erklärungsansätze mit in die hier unternommene Theoriefortbildung mit einzubeziehen. Konkretisiert wird dieser Ansatz in der Auseinandersetzung um Rationalität, Kognition und Emotion, aber ebenso um individuelle Persönlichkeitsfaktoren, psychische Erkran kungen sowie Prägung und Sozialisation als Einflussfaktoren auf zwischenstaatli ches Handeln. Zudem werden die Entscheidungsdynamiken kooperierender Indi viduen und sozialer Gruppen im Kontext der außenpolitischen Eliten analysiert und der Staat mit Blick auf seine kollektive Identität hin untersucht, wobei Aspekte wie kollektive Sozialisation und Erinnerung sowie soziales Gedächtnis wesentliche Gegenstände der Auseinandersetzung hinsichtlich eines möglichen Einflusses auf zwischenstaatliches Handeln darstellen. Nach der Analyse der Verhaltenslogiken im Kontext von Akteur und Struktur wer den im fünften Kapitel das nationale Interesse beziehungsweise die eng damit zu sammenhängende nationale Sicherheit als motivationaler Aspekt zwischenstaatli chen Handelns analysiert. Die Gewährleistung der nationalen Sicherheit und die Wahrung des nationalen Interesses gelten als grundlegende Motivationen von Staa ten. Vor diesem Hintergrund werden die bisherigen Diskurse um diese beiden Konzepte nachgezeichnet und herausgearbeitet, welche Gesichtspunkte aussage kräftig sind und wo noch Möglichkeiten bestehen, das Konzept tragfähiger zu ma chen. A uf dieser Grundlage wird unter Einbeziehung der Motivationspsychologie Maslows ein integratives Gesamtkonzept in Form des Komplexen Nationalen Si cherheitsinteresses entwickelt, welches als motivationale Verbindungsgröße zwi schen Akteur und Struktur steht. Das Konzept des Komplexen Nationalen Sicher heitsinteresses soll aufzeigen, welche staatlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Attribute zu einem spezifischen Zeitpunkt und im Kontext einer spezifischen Konstellation als Objekt der Bedrohung angesehen werden. Hierbei ist die Perzep tion, Interpretation und Konstruktion durch den differenzierten Akteur mit Blick auf Konstellation beziehungsweise Strukturausprägung der entscheidende Prozess. Hierbei findet der Abgleich mit dem nationalen Sicherheitsinteresse statt. Je nach historischer Lage und sozio-politischer beziehungsweise sozioökonomischer Ent wicklungsstufe wird so ein unterschiedliches staatliches Attribut als primäres Ob jekt der Gefährdung des nationalen Sicherheitsinteresses angesehen. Im sechsten Kapitel werden die Erkenntnisse betreffend den Komplexen Akteur, die Komplexe Struktur und die verbindende Motivation in Form des Komplexen Na tionalen Sicherheitsinteresses zusammengeführt, um den Theorieansatz des Inter pretativen Realismus abschließend darzulegen und auf dieser Grundlage ein Analy seschema zu skizzieren, das durch die sogenannte SPICDA-Formel charakterisiert ist, welche die Prozesskette von Sozialisation über Perzeption, Interpretation und Konstruktion zu Entscheidung und empirische erkennbarer zwischenstaatlicher Handlung aufzeigt. 15 Im abschließenden siebten Kapitel werden die erzielten Ergebnisse nochmals knapp zusammengefasst und mit der im einleitenden Teil dargelegten Ausgangsproblema tik in Verbindung gebracht. 16 2. Theorie und Methodik: Analytischer Eklektizismus und Interpretativer Realismus 2.1 Theorielandschaft zwischen Pluralismus und Zersplitterung: Entwick lung, Aussagekraft, Grenzen und Potenziale bestehender Theorieansätze in den Internationalen Beziehungen Um zunächst zu verstehen, wie sich die gegenwärtige Forschungslandschaft auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Beziehungen darstellt, sollen im nach folgenden Abschnitt die vorhandenen Ideen und Argumente aus ihrem Entwick lungszusammenhang heraus vorgestellt werden. Ziel hierbei ist es zu verdeutlichen, welche Diskurse die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen geprägt haben, welche Paradigmen hierbei hervorgebracht wurden und wo deren analyti sche Stärken aber ebenso ihre Grenzen liegen. Hierdurch soll festgestellt werden, welche möglichen Anknüpfungspunkte für ein modellorientiertes analytischekletisches Vorgehen bestehen. Der Bewertungsmaßstab ist dabei stets die von den Paradigmen selbst prognostizierte Analysefähigkeit sowie die Ergebnisse bereits erfolgter Anwendungen der jeweiligen Erklärungsansätze. Vor diesem Hintergrund wird im nachfolgenden Abschnitt im Rahmen der Darlegung der Debatten und Wenden, welche die Entwicklung der Disziplin der Internationalen Beziehungen charakterisiert haben, zugleich auch die jeweils hierbei in Erscheinung getretenen Theorien und Erklärungsansätze aufgezeigt und mit der in der Disziplin existieren den Kritik gegenübergestellt. Die ersten Großen Debatten und die Rivalität realistischerund liberalerOrthodoxien Zunächst einmal lässt sich festzustellen, dass die teils heftig geführten Debatten und die damit einhergehenden paradigmatischen Wenden bis in die Gegenwart hin ein ein definierendes Moment der Internationalen Beziehungen darstellen. Dieser Umstand kann auch als Ausdruck dafür gewertet werden, dass sich die Disziplin noch immer in einem Prozess der Selbstfindung befindet. In den 1970er Jahren wies Lijphart (1974: 11) zurecht daraufhin, dass in einer jungen Disziplin, mit der eine Vielzahl von Wissenschaftlern befasst sei, natürlicherweise auch viele unter schiedliche Sichtweisen und Kontroversen aufträten, was in den Internationalen Beziehungen in besonderem Maße erkennbar sei. Seither haben sich die Dinge nicht wesentlich verändert: „Almost a century after its birth, IR is still in the process o f defining itse lf’ (Benneyworth 2011). Auch die früheren Debatten haben nichts an ihrer Bedeutung verloren (vgl. etwa Navon 2001). An sich lässt sich gegen einen gesunden kompetitiven Diskurs nichts einwenden: Etablierte Ideen können sich im Wettbewerb behaupten oder neue, fortgeschrittene beziehungsweise über legene Ideen können sich etablieren oder zumindest Teil des Diskurses werden. 17 Auf diese Weise wird es zumindest dem Prinzip nach möglich, die in der immer mehr rein empirisch orientierten Politikwissenschaft, speziell auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen, vernachlässigte Grundlagenforschung zu betreiben (vgl. etwa Rytövuori-Apunen 2005). Allerdings haben die Debatten und Wenden in den Internationalen Beziehungen zur heute als zentrales Problem der Disziplin be stehenden destruktiven Fragmentierung der Theorielandschaft beigetragen. Diese Entwicklung nahm ihren Ausgang in der ersten großen substanziellen Debat te des Faches, der sogenannten First Debate, bei der es um die Grundpositionierung der Internationalen Beziehungen entweder in eine idealistische oder realistische Richtung, ging (vgl. etwa Angell 1910, Carr 1939, W oolf 1940, Herz 1950, Morgenthau 1954). Auch wenn es dabei nicht die eine Liberalismus-Theorie der Interna tionalen Beziehungen gibt (vgl. etwa Burchill 2001: 29-69, Czempiel 1998: 147-149, Doyle 1997: 226-312, Richardson 1997, Mac-Millan 1998: 10-16 und 2004: 472 493, sowie Zacher/Matthew 1995, Krell 2009: 175-232, Freud/Rittberger 2001, Schieder 2006 und Hasenclever 2010), verfügen die Vertreter dieser Richtung über einige verbindende Gemeinsamkeiten, welche den Grundstock des Liberalismus in den Internationalen Beziehungen bilden. Hierbei handelt es sich vor allem um das prinzipiell positive Bild vom Menschen als potenziell gutes, altruistisches Wesen, das zu gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit fähig ist. Ein vom Guten abweichendes Verhalten ist nicht der menschlichen Natur geschuldet, sondern schlechten Institutionen oder schlechten strukturellen Arrangements. Somit wird auch die anarchische Strukturbedingung des internationalen Systems als grundsätz lich überwindbares negatives Arrangement betrachtet, das in Form einer Weltge sellschaft besser strukturiert werden kann, etwa im Rahmen von Verrechtlichung beziehungsweise Institutionalisierung. Aus Sicht des damaligen Liberalismus hatten die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zu Überlegungen geführt, denen zufolge die bisherige Konstanten des Westfälischen Systems und der seit Jahrhunderten in Europa kultivierten Tradition des Austarierens der Mächte überwunden werden müssten, da sich die damit einhergehenden zwischenstaatlichen Praktiken, wie etwa Geheimdiplomatie, als fatal erwiesen hatten. Der Wunsch nach einer Umgestaltung des internationalen Systems hin zu mehr Transparenz, Offenheit, Fairness und Kooperation sowie die Ablösung des Prinzips des Gleichgewichts der Mächte durch ein System kollektiver Sicherheit, wie er beispielsweise in Wilsons Vierzehn Punkten zum Ausdruck kam, entsprach genau jenem liberalen Denken, das vom Optimismus geprägt war, dass die internationalen Beziehungen durch Institutionen, eine neue, transparente Diplomatie und ein allgemein verbindliches Völkerrecht geregelt werden könnten (vgl. etwa Knock 1992: 239). Diese liberale Vision sollte durch den Nichtbeitritt der USA zum Völkerbund so wie temporär begrenzten Mitgliedschaften anderer Großmächte wie Japan, der Sowjetunion und dem Deutschen Reich, rasch ihre ersten empfindlichen Rück schläge erleiden. Auch das Fehlen eines absoluten Kriegsverbotes, vor allem aber die Persistenz der Dominanz nationaler Eigeninteressen insbesondere seitens der 18 einflussreichsten Völkerbundmitglieder Frankreich und Großbritannien, führte letztlich auch zur Schwächung der liberalen Position in der Theorie der Internatio nalen Beziehungen. Die Realität des Völkerbundes wie auch der Blick auf die histo rischen Erfahrungen schienen dann doch mehr für den Realismus als Analyseansatz und zugleich politische Handlungsrichtschnur geeignet zu sein als der bald im pejo rativen Sinne als idealistisch gebrandmarkte Liberalismus. Institutionen, die den zentralen Kern des liberalen Ansatzes darstellten, konnten nationale Sicherheit nicht garantieren, so die seinerzeitig immer mehr dominierende Ansicht, allein der Staat sei dazu in der Lage, weswegen er auch stets das letzte Wort behalten müsse. Auf intellektueller Ebene beförderte vor allem E.H. Carr durch die im Rahmen sei nes Werkes The Twenty Years Crisis geführte Auseinandersetzung mit den beiden ri valisierenden Paradigmen, den Aufstieg des Realismus zur lange dominierenden Theorie in den Internationalen Beziehungen, wobei zu beachten ist, dass es den ein heitlichen, kohärenten Realismus so nicht gibt. Donnelly (2000: 9, in Guzzini 2004) etwa weist auf die Existenz zahlloser, nicht selten miteinander unvereinbaren Kon zeptionen und Definitionen innerhalb der Denkschule des Realismus in den Inter nationalen Beziehungen hin, welche bei genauerem Hinsehen bestenfalls grob einer theoretischen Richtung zuordenbar seien, sodass man realistische Argumente zwar grob erkennen könne, es jedoch unmöglich sei, eine eindeutige Definition zu ge ben. Die normative Beurteilung dieses Sachverhaltes driftet auseinander; häufig er scheint er als negativ (vgl. etwa Guzzini 2004), mitunter wird das breite Angebot, welches „der“ Realismus offeriert, durchaus als positiv bewertet (vgl. etwa Gilpin 1984). Obwohl realistisches Denken in den Internationalen Beziehungen auf eine Vielzahl gedanklicher Vorläufer zurückblicken kann (vgl. etwa Vincent 1981, Navari 1982, Hanson 1984, Williams 1989, Johnson Bagby 1994, Frankel 1996, Tellis 1996, Rahe 1996, Kauppi 1996, Johnson Bagby 1996, Johnson 1996, Fisher 1996, Williams 1996, Krell 2004: 146ff.), wird der Beginn der theoretisch fundierten realistischen Auseinandersetzung mit den internationalen Beziehungen auf Hans Morgenthau, nicht selten als ,,‘the Pope' of international relations“ (Griffith 1999: 36) bezeich net, zurückgeführt. Hierbei gründete sich Morgenthaus Realismus (vgl. für ausführ liche Darstellung des Paradigmas etwa Jacobs 2003 sowie Rohde 2004) auf einer Form der historischen Anthropologie (vgl. Kindermann 2010: 41). Dieser Umstand gibt bereits einen Hinweis auf die besondere Bedeutung des Akteurfaktors bei Morgenthau: So zielt die Analyse seiner Realismus-Variante auf die anthropogenen Ursachen zwischenstaatlichen Handelns, wobei Menschen und Staaten gleicherma ßen als „Träger und Betroffene geschichtsschaffender Prozesse“ (Kindermann 2010: 42) betrachtet werden. Für Morgenthau ist somit allein der Einzelmensch entscheidend (vgl. hierzu etwa auch Rohde 2004: 80), sodass zunächst die generelle menschliche Natur verstanden werden muss, um dann das Wesen der (internatio nalen) Politik zu begreifen. Zentraler Bestimmungsfaktor menschlichen Handelns ist für Morgenthau das Eigeninteresse des einzelnen Menschen, welches einzig 19 durch Macht realisiert werden kann. Selbsterhaltungs- und Machttrieb des Indivi duums sind somit die entscheidenden Determinanten auch zwischenstaatlichen Verhaltens. Politische Macht erscheint in diesem Zusammenhang nicht primär als materielle Größe im Sinne physischer Gewaltausübung, als „psychologische Bezie hung zwischen Inhabern öffentlicher Gewalt [...] und anderen, über die sie ausge übt wird“ (Morgenthau 1963: 71). Natürlich ist auch das Individuum bei Morgenthau und den anderen klassischen Realisten keine kontextungebundene Größe (vgl. etwa Spykman 1942: 25, Wolfers 1962: 90-125, Morgenthau 1967: 32, Meinecke 1998: 1f., Coby 1999 :102f. Vgl. zudem Aron 1985: 117 undjervis 2005: 93f.). Die globale Strukturbedingung der Anarchie, die Staaten als jeweils souveräne und einander gefährdende Aktionseinheiten gegenüberstellt, spielt eine wichtige Rolle, aber eben nur insoweit sie aufgrund der Defizite der menschlichen Natur erfordert, dass jeder Staat seine Macht zum eigenen Schutz maximiert. Denn sowohl der po tenziell unbegrenzte Trieb aller souveränen Staaten nach einem Überleben um je den Preis als auch die große Gefahr von Fehleinschätzungen von Situationen durch die staatstragenden Akteure machen dies erforderlich (vgl. hierzu etwa Morgenthau 1967: 201f, sowie Hertz 1962: 7). Die ebenfalls aus dem menschlichen Wesen ab leitbare Antwort sieht der klassische Realismus in einem natürlichen Streben nach Gleichgewicht, das sich auf dem Gebiet innerstaatlicher Politik beobachten lasse und welches somit gleichsam auch für die internationale Politik gelte (vgl. etwa Morgenthau 1963: 147f.). Obgleich wiederholt behauptet wurde, die Erste Große Debatte der Internationalen Beziehungen sei in der Entwicklungsgeschichte des Faches und seiner Theoriebildung zu vernachlässigen (vgl. etwa Wilson 1998, Ashworth 2006), erscheint die Berücksichtigung ihrer Ergebnisse gerade mit Blick auf die auch für die hier intendierte Modellbildung wichtige Agent-Structure-Debatte und die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Anarchiearten von be sonderer Bedeutung. Zudem ist mit Blick auf die in der Folge behandelten weiteren Debatten und die Turns bereits an dieser Stelle der Umstand von Interesse, dass Wesen und Dominanz von Paradigmen diskursiv konstruiert werden3, auch wenn diese Erkenntnis erst nach der Dritten Debatte beziehungsweise im Rahmen von konstruktivistischer/reflexiver Wende wissenschaftliche Anerkennung erfahren hat. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges konnte sich der realistische Ansatz schließlich zunächst als zentraler Analyseansatz in den Internationalen Beziehungen etablieren, der zwar angesichts der wachsenden Bedeutung von jenseits des Natio nalstaates angesiedelten internationalen Akteuren, internationalen Regimen und regionalen Integrationstendenzen von Pluralismus- und Globalismustheorien der Internationalen Beziehungen herausgefordert wurde (vgl. etwa Allison 1969, Gilpin 1971, Wallerstein 1974, Keohane/Nye 1977, Doyle 1983), jedoch bis zur Wende, 3 So wies etwa Thies (2002) darauf hin, dass die Debatte „“was framed by the realists, who constructed a unified ‘idealism ’ temporally located in the interwar period to be the straw man for the justification of their theories and the starting point for construction o f the re alist identity”. 20 die durch den sukzessiven Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks in den aus klingenden 1980er und frühen 1990er Jahren ausgelöst wurde, wichtigste Analyseund Referenzgröße blieb. Doch bereits hier zeichnete sich eine Pluralisierung der Theorielandschaft ab. Die große Ernüchterung und Herausforderung folgte ange sichts des Umstandes, dass keines jener Paradigmen, allen voran der dominierende Realismus, besagten Umbruch vorhersagen konnte. Lee Ryan Miller reflektiert das Gefühl jener Epoche sehr eindrucksvoll in der Einführung zu seinem Buch Confessions o f a Recovering Realist (2004: ix), wo er die allererste Politik-Vorlesung, die er im September 1990 als junger Doktorand an der University o f California in Los Ange les besuchte, beschreibt. Er zitiert den Professor jener Veranstaltung mit den Wor ten: „The Berlin Wall has fallen, and the Cold W ar has come to an end. None o f us foresaw these momentous events. Everything w e’ve been teaching for the past forty years has turned out to be wrong. Those among you who choose to specialize in international relations — it ’s up to you to build a new paradigm.” Genau diese Tendenz lässt sich dann auch in den Folgejahren sehr gut erkennen. Tatsächlich war es bereits kurz vor der großen Wende zu ersten Bemühungen ge kommen, die vorhandenen Paradigmen weiterzuentwickeln beziehungsweise in de ren Geiste neue Paradigmen zu erschaffen, so etwa den Neo-Realismus und den Neo-Liberalismus (vgl. etwa Axelrod/Keohane 1985, Putnam 1988, Grieco 1988, Waltz 1990, Snidal 1991, Krasner 1991, Mearsheimer 1994/95, Keohane/Martin 1995, Moravcsik 1997). Diesen Entwicklungen war jedoch in den 1960er Jahren eine weitere Debatte vorangegangen, die sogenannte Zweite Große Debatte der Inter nationalen Beziehungen. In dieser ging es um die Frage, wie ein Forscher im Be reich der Internationalen Beziehungen wissen könne, dass die Aussagen, die er formuliert, den untersuchten Gegenstand auch tatsächlich erfassen. Erstmals stellte sich somit formal die Frage nach der geeigneten Epistemologie zur Analyse zwi schenstaatlichen Verhaltens. In ihr standen sich die Vertreter eines an einem her meneutischen Zugang orientierten traditionellen Ansatz, wie er in Geschichte, Phi losophie und Rechtswissenschaften vorherrschte, denjenigen Wissenschaftlern ge genüber, welche die an strikten Kausalzusammenhängen ausgerichteten Methode der Naturwissenschaft auf den Bereich der Internationalen Beziehungen übertragen wollten. Aus deren Perspektive heraus sollten nur noch konkret messbare Größen eine Rolle bei der Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens spielen. Strikt an der Phi losophie von Comte’schen Positivismus, Empirismus und Behaviorismus orientiert, wurden Aspekte wie Wahrnehmung, Motivation oder Interpretation ebenso ausge blendet wie das Normative. Beeinflusst wurden die Anhänger des neuen Ansatzes dabei in besonderem Maße von der sogenannten behavioristischen Revolution, die in einer Reihe von Nachbardisziplinen seit den 1940ern stattgefunden hat und vor allem quantitative Zugänge zu ihrem jeweiligen Forschungsobjekt zur Anwendung brachte. Diesem Trend folgend nahm man als Prämisse, dass alle sozialwissen schaftlichen Probleme auf ein nach gleichsam mathematischen Gesetzmäßigkeiten ablaufendes menschliches Verhalten zurückgeführt werden könnten (vgl. hierzu 21 etwa das Werk Eastons, insbesondere Easton 1962, 1965, 1969; vgl. zur Debatte insgesamt zudem Falter 1982 und ferner Falter/Honolka/Ludz 1990). Vor diesem Hintergrund und bei wachsender Durchsetzungskraft dieser Philosophie standen somit eine quasi-experimentelle Modellbildung auch in den Internationalen Bezie hungen und damit einhergehend Fragen der Techniken präziser Erhebung, Mes sung und Präsentation von Daten im Vordergrund, was nicht zuletzt auch den Umgang der Theorie mit ihren empirischen Referenten prägte und die Auswahl der als analysierbar betrachteten Fälle erheblich einschränkte. Insgesamt hat der Umstand, dass behavioristisches Denken als Sieger aus der Zwei ten Debatte hervorging, dazu geführt, dass die Theoriebildung in den Internationa len Beziehungen lange Zeit von positivistischen Postulaten determiniert wurde. Konkret bedeutete dies die Annahme einer unabhängig vom Betrachter existieren den Welt, die auch als solche wahrzunehmen sei beziehungsweise entsprechend wahrgenommen werden müsse. Subjektive Aspekte wie Identitäten wurden ausge blendet um die Intersubjektivität des Untersuchungsgegenstandes zu gewährleisten. Ebenso galt dies für Aspekte wie Ort, Zeit, Kultur. Das Individuum wie auch die soziale Welt wurden als universell identisch angenommen, unabhängig von den ge nannten Größen. Dabei wurde dem handelnden Akteur eine allgemeingültige ge richtete Zweck- und Handlungsrationalität unterstellt, die stets zu einem vergleich baren instrumentellen Handeln führe. Die sich in diesem Zuge herausbildende do minierende Rolle behavioristisch geprägter Ansätze wirkte auch auf die liberale Denkschule innerhalb der Internationalen Beziehungen zurück und fand als Neoli beralismus Eingang in die Theoriebildung vor allem im Bereich der Rolle von Insti tutionen und deren Einfluss- und Interaktionspotenzialen im Kontext komplexer globaler Interdependenz (vgl. etwa Keohane/Nye 1972), was letztlich zu einer er neuten Auflage der Ersten Debatte zwischen Liberalismus und Realismus führte, nur eben in deren Neo-Ausprägungen, was dieser Dritten Debatte auch den Beina men Neo-Neo-Debatte einbrachte. Obwohl sich realistisches und liberales Denken vor diesem Hintergrund in gewisser Weise annäherten, weil auch der entstehende Neorealismus ehemalige, eher traditionalistische realistische Elemente philosophischer, historischer und anthropologi scher Provenienz über Bord warf, und so im positivistisch-behavioristischen Sinne wissenschaftlicher wurde, zeigten sich in drei Bereichen fundamentale Unterschie de, die schließlich zur sogenannten Dritten Großen Debatte in den Internationalen Beziehungen führte.4 Hierbei handelte es sich um das Problem relativer und abso luter Gewinne, das Spannungsverhältnis von Kooperation und Verteilung und ins besondere die Frage von Wesen und Wirkung von Anarchie im Weltsystem (vgl. etwa Axelrod/Keohane 1988, Grieco 1988 und 1999, Krasner 1991, Lipson 1984, Mastanduno 1991, Milner 1991, Powell 1991, Powell 1991, Snidal 1991, Stein 1982). Diese Dritte D ebatte wird auch als Inter-Paradigrn Debate bezeichnet 22 Im Detail zeigte sich das Trennende zwischen den beiden neuen Paradigmen in vielerlei Hinsicht. Während der Neorealismus weiterhin vom unitarischen Staat ausging und Themen wie Macht, Anarchie, ein objektiv existierendes nationales Interesse und das Sicherheitsdilemma eine zentrale Rolle spielten, ließ der Neolibe ralismus neben Staaten auch nichtstaatliche Akteure als relevante Analysegröße in den Internationalen Beziehungen zu, ging also von einem aus unterschiedlichen Analyseeinheiten bestehenden Staat aus. Er brachte folgerichtig auch einen dem Prinzip nach multizentrischen Ansatz zur Wirkung, der eine Vielzahl substaatlicher, transstaatlicher und nichtstaatlicher Akteure in die Analyse einbezog und der über die realistische Dichotomie von Krieg und (negativem) Frieden als Zustand zwi schenstaatlicher Beziehungen einen Ansatz ausgehandelter und international verrechtlichter Interdependenz annahm. Wirft man einen eingehenderen Blick auf das neorealistische Paradigma, so zeigt sich, dass einige der grundlegenden Aussagen und Thematiken des klassischen Rea lismus — etwa die Rolle von als rational angesehenen, nach dem eigenen Überleben strebenden Staaten als zentrale Akteure der Weltpolitik — auch im Rahmen der neo realistischen Theoriebildung aufgegriffen wurden. Dabei ging es jedoch vor allem darum, den klassischen Realismus, welcher zwar als bedeutsam angesehen, dessen unsystematische Vorgehensweise kritisiert wurde, zu systematisieren (vgl. insbe sondere Waltz 1979). Die Kritik am klassischen Realismus richtete sich dabei vor allem gegen das bei den klassischen Realisten untertheoretisierte Strukturargument und den darauf basierenden Reduktionismus (vgl. etwa Waltz 2005: 119). Zwar hät ten auch die Vertreter des klassischen Realismus, wie oben gezeigt, die Anarchie als wesentliche Randbedingung für Akteurshandeln in ihren Theorieansatz eingebun den, jedoch nicht erkannt, dass sich die im Laufe der Geschichte immer wieder er kennbaren gleichen Handlungsmuster nicht als Ausfluss subjektiv motivierten, in dividuellen menschlichen Handelns zu sehen seien, sondern als rein der (anarchi schen) Struktur des internationalen Systems geschuldet angesehen werden müssten. Die bei den klassischen Realisten erkennbare Bedeutung des individuell handelnden Individuums wird bei Waltz aufgehoben, der Akteur, dessen Binnendifferenzierung als teilweise nicht gegeben, auf jeden Fall aber als irrelevant betrachtet wird, wird zur reinen Funktion der Struktur. In ebendiesem Sinne ist auch die Souveränität der Akteure zu verstehen. Aufgrund der Vorgaben der Systemstruktur ist es einem Staat nicht möglich, anders zu handeln als auf eine bestimmte (rationale) Weise. Die durch die Souveränität implizierte Handlungsfreiheit beschränkt sich somit da rauf, selbst zu entscheiden, welche Reaktion auf externe Herausforderungen zur Wahrung des nationalen Interesses, insbesondere der Sicherstellung des eigenen Überlebens, rational und sinnvoll ist (vgl. etwa Waltz 1996, Löwenthal 1971: 11). Das kann etwa in Form der Entscheidung für oder wider die Teilnahme an einer Allianz erfolgen, um die Machtverteilung im globalen System im Gleichgewicht zu halten und so die Möglichkeiten einer Wahrung der eigenen nationalen Sicherheit zu erhöhen. Statt die Maximierung der Macht zu erstreben, geht es um die Maxi 23 mierung der relativen Sicherheit, welche gerade im Rahmen des Mächtegleichge wichts (sogenannte Balance o f Power) erzielt werden kann. Dieser die Theorie der Internationalen Beziehungen lange dominierende neorealis tische Theorieansatz wurde auch aus den Reihen des Neorealismus selbst mitunter kritisch bewertet. Gerade Stephen Walt (1985, 1997) widerspricht dem Balance-of- Power-Ansatz und argumentiert, dass es nicht der Umfang der Macht an sich, son dern vielmehr die Intensität der wahrgenommenen Bedrohung sei, welche für das Verhalten von Staaten ausschlaggebend sei. Der Fokus einer Analyse zwischen staatlicher Beziehungen dürfe sich somit nicht allein auf die Machtstärke eines Staa tes richten, sondern müsse auch das durch die Staaten wahrgenommene Bedro hungspotential einbeziehen (vgl. Walt 1997: 933). Die Bedrohung eines Staates wird von Walt anhand der Variablen Machtstärke (aggregated power), geographische Lage (proximity), militärische Stärke (offensive capability) und Expansionsdrang (offensive intentions) näher bestimmt. Somit setzt sich die Bedrohungsperzeption eines Staates aus den aggregierten Größen Erhöhung der relativen Machtstärke ei nes anderen Staates, räumliche Nähe zu potenziellen Aggressoren, Quantität bezie hungsweise Qualität der zur Verfügung stehenden Waffensysteme und Grad, in dem potenzielle Gegner eine offensive oder gar aggressive Außenpolitik verfolgen, zusammen (vgl. Walt 1985: 9ff.; vgl. ferner Ditzel/Hoegerle 2011: 20f.). In der Waltschen Variation des Neorealismus wird somit das System jenseits des reinen Strukturmerkmals Anarchie als Wirkfaktor im außenpolitischen Entscheidungspro zess ausdifferenziert. Der souveräne Akteur hat zudem nach der Ansicht Walts ne ben der Möglichkeit, still zu halten oder sich an einer Allianz gegen die Bedrohung zu beteiligen, zudem noch die Option, mit dem als Bedrohung angesehenen Staat selbst zu koalieren (sogenanntes Bandwagoning). Nichtsdestoweniger bleibt der Staat weiterhin eine Funktion der anarchischen Struktur und wie schon bei Waltz spielt die innere Verfasstheit der Staaten jenseits der zur Verfügung stehenden Machtmit tel für die neorealistische Analyse keine Rolle. Dem statischen Ansatz des Neorealismus, der konfliktiv-kompetitives internationa les Verhalten als gleichsam einem zeitlos gültigen Naturgesetz folgend betrachtete, stand das von der Entwicklungsfähigkeit ausgehende und von kooperationswilligen Staaten und sonstigen Akteuren ausgehende Modell des Neoliberalismus gegen über, das vor allem nach dem Ende des Kalten Krieges erheblich an Anklang ge wonnen hat (vgl. etwa Lebow 1994).5 In Anlehnung an frühere Argumente ist beim Mitunter findet sich eine erweiterte Darstellung der Dritten Großen Debatte, die neben Neorealismus und Neoliberalismus auch den Marxismus der Internationalen Beziehungen als Teil dieser Theorieauseinandersetzung betrachtet. Bei diesem stehen sich staatliche und nichtstaatliche Akteure gegenüber, welche jeweils unterschiedliche Klasseninteressen vertreten. Das Weltsystem wird als Zentrum-Peripherie-Struktur wahrgenommen, wobei ein strukturelles Ungleichgewicht (imperialistisches Ausbeutungsverhältnis der Zentren gegenüber den peripheren Gebieten) besteht, das solange existiert, bis es zu einem revolu tionär herbeigeführten Systemwandel kommt. 24 Neo-Liberalismus die Annahme zentral, dass eine Analogie der internationalen Be ziehungen zu den innerstaatlichen möglich ist, und der zwischenstaatliche Raum hin zu einer Weltgesellschaft entwickelt werden kann. Zugleich spielt der Blick in die zu analysierenden Staaten eine wesentliche Rolle, geht es dem Neoliberalismus vor allem doch darum, den Zusammenhang zwischen der Organisation von Herr schaft in den jeweiligen Gesellschaften eines Staates und dem darauf basierenden außenpolitischen Verhalten zu untersuchen. Dabei ruht der Fokus keineswegs auf der Untersuchung der Innenpolitik selbst, wie mitunter fälschlich angenommen, sondern auf der „Innenseite der Außenpolitik“ (Krell 190; Hervorhebung im Origi nal). Das Argument lautet dabei, dass die innerstaatliche Struktur das außenpoliti sche Handeln bestimmt, und nicht die Struktur des internationalen Systems, wobei insbesondere auch ökonomische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Der Fokus richtet sich daher auf Aspekte wie Partizipation, individuelles Streben und sozio- ökonomischen Wohlstand. Interessant dabei ist, dass derartige Aspekte einerseits als Analysegrößen herangezogen werden, andererseits aber auch einen normativen Anspruch erheben. Das zeigt sich etwa am Interesse an der Demokratisierung der Welt aufgrund der davon erwarteten pazifizierenden Wirkung auf die internationa len Beziehungen. Nicht ohne Grund geht mit dem normativen Anspruch liberalen Gedankenguts auch die Gefahr eines liberalen Imperialismus einher, der in der Vergangenheit sein Gesicht etwa in Form einer westlichen Mission Civilisatrice ebenso zeigte wie in der Gestalt des Freihandelsimperialismus, und welche auch heute noch latent vorhanden ist (vgl. etwa Barkawi/Laffey 1999, 2001; Buchan 2002; Richardson 2002; Smith 2002). Losgelöst von derartigen Ausprägungen geht die in diesem Zusammenhang betroffene These des Demokratischen Friedens da von aus, dass mit zunehmendem gesellschaftlichen Partizipationsgrad in einer Ge sellschaft die Gewalt sowohl in der Organisation des Herrschaftssystems als auch in den Außenbeziehungen abnimmt (vgl. etwa Russett 1993 und Maoz/Russett 1993, sowie Doyle 1983a und 1983b, Abadie 2004, Archibugi 2008, Babst 1964 und 1972). Allerdings sieht sich dieser Ansatz sieht teils erheblicher Kritik ausgesetzt (vgl. etwa Elman 1997, Gowa, Henderson 2002: 141ff., Mansfield/Snyder 1995 und 2002, Layne 1994, Risse-Kappen 1994, Spiro 1994, Gowa 1999, Small/Singer 1976, Gelpi/Griesdorf 2001, Ray 2003, Müller 2002, Nielebock 2004, Chan 1997, Geis 2001, Müller 2002, Mearsheimer 2001, Rosato 2003, Waltz 2000, Gowa 1999). Unabhängig von der tatsächlichen sachlichen oder normativen Zielerreichung geht es den Vertretern neoliberalen Denkens also darum, zu erklären, welchen Einfluss innerstaatliche und innergesellschaftliche Strukturen und Präferenzen auf zwi schenstaatliches Verhalten haben. Genau diese Öffnung des im Realismus als Blackbox angenommenen internationalen Akteurs Staat macht die Auseinanderset zung mit dem Liberalismus für die hier unternommene Theoriebildung so interes sant, weil auf diese Weise Erkenntnisse über Prozesse der außenpolitischen Präfe renzentstehung innerstaatlicher Akteure gewonnen werden können. Vordenker bei der Analyse der Rolle von Präferenzen gesellschaftlicher Akteure als Einflussgröße auf zwischenstaatliches Verhalten ist Andrew Moravcsik (1997, 2003, 2008; zur Re 25 zeption vgl. zudem Harnisch 2003, Hasenclever 2001, Risse-Kappen 1995a, Ritt berger 2001, Slaughter 1995 und W olf 2000). Auch er setzt sich mit der Frage aus einander, was Staaten zu spezifischem Handeln antreibt. Moravcsiks Argument ba siert auf der Annahme, dass die Antriebsmomente der internationalen Beziehungen aus den Präferenzen und den Prozessen der Konsensbildung in den einzelnen Ge sellschaften erwachsen und nicht aus der Struktur des Staatensystems herrühren. Das impliziert, dass die nationale Sicherheit nicht aufgrund einer bestimmten Mächtekonstellation per se oder vor dem Hintergrund von Mechanismen wie dem Sicherheitsdilemma als gefährdet erscheint, sondern wegen divergierender staatlich vermittelter gesellschaftlicher Präferenzen. Staaten haben also nicht einfach auf grund ihrer Eigenschaft als Akteure innerhalb einer spezifischen globalen Struktur feststehende, einheitliche Vorstellungen von ihren Zielen, wie vom Neo-Realismus angenommen; vielmehr wird der auf internationaler Ebene agierende Staat als „Transmissionsriemen dominanter gesellschaftlicher Präferenzen“ (Schieder 2006: 183) verstanden. Hierbei sind manche Akteure in den Präferenzbildungsprozessen zwischen Staat und Gesellschaft bezüglich der Interpretationen von Sicherheit, Wohlfahrt und Souveränität besser repräsentiert als andere. Was die konkrete Entwicklung spezifi scher gesellschaftlicher Präferenzen anbelangt, stützt sich Moravcsik auf Mancur Olsons Idee von der Logik des kollektiven Handelns und insbesondere dessen These vom Mobilisierungsgrad als maßgeblicher Determinante für den Einfluss eines gesellschaftlichen Akteurs. So haben es etwa große Gruppierungen schwerer, ihre weniger homogenen Interessen politisch durchzusetzen, als kleine Gruppie rungen mit enger umrissenen Zielvorstellungen. Bezüglich der Außenpolitik erwar tet Moravcsik vor diesem Hintergrund dann eher konfrontative als kooperative Außenpolitik, wenn der politische Einfluss auf wenige gesellschaftliche Gruppen konzentriert, die davon profitieren, auch wenn kein Netto-Gewinn für die Gesamt gesellschaft damit verbunden ist. Bei breiter politischer Repräsentation indes wird keine große Unterstützung für aggressive Außenpolitik erwartet, da die meisten in dividuellen und gesellschaftlichen Akteure zu risikoaversem Verhalten tendieren. Die Durchsetzungsmöglichkeit politischer Präferenzen ist die eine Sache, die ande re ist, woher die Präferenzen eigentlich zunächst einmal kommen. Auch hierauf versucht der Liberalismus eine Antwort zu geben. Grundannahme ist auch hierbei, dass vor allem Art und Ausgestaltung des politischen Systems zur Bildung be stimmter Präferenzen führt. Somit wird nicht nur die Fähigkeit, Präferenzen durch zusetzen, sondern auch deren Genese selbst mit der Polity-Dimension in Verbin dung gebracht. Begründet wird dieser Ansatz damit, dass durch das Herrschaftssys tem festgelegt ist, wer in welchem Maße und auf welche Weise von den Entschei dungen betroffen wird. Ausschlaggebend für den Zusammenhang zwischen Herr schaftssystem und zwischenstaatlichen Beziehungen ist dabei nicht so sehr die Staatsform per se, sondern vielmehr der Gewaltcharakter des Herrschaftssystems. Je mehr Partizipation ein Herrschaftssystem zulässt, desto größer wird die Vertei 26 lungsgerechtigkeit beziehungsweise desto höher der gesellschaftliche Konsens und desto niedriger der Gewaltgrad der Herrschaft und vice versa (vgl. Czempiel 1981: 148f. sowie Czempiel 2004: 218ff.). In einer Gesellschaft mit geringem Gewaltgrad wird zudem kein Repressionsinstrument benötigt, sodass etwa kein ausgedehnter Sicherheits- und Militärapparat besteht, welcher eine ausgeprägte außenpolitische wirksam werdende Eigendynamik entwickelt. In engem Zusammenhang mit der Gewaltausprägung eines Herrschaftsapparates steht auch die Legitimität eines poli tischen Systems. Bezogen etwa auf die Demokratie, wo es zentrale Aufgabe des politischen Systems ist, einen möglichst breiten Konsens herzustellen, hängt die Legitimität und somit die Stabilität des Systems davon ab, inwiefern die Bürger an der Politikgestaltung mitwirken und ihre Präferenzen einbringen können. Über ebendiese Legitimität der politischen Ordnung können aber auch Differenzen bestehen, welche zu unterschiedlichen Präferenzen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen führen können. Ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang ist aus Sicht des Neoliberalismus auch das Selbstverständnis der einzelnen sozialen Grup pen wie auch der Gesellschaft schlechthin. So kann die soziale Identität auf der Ebene der gesellschaftlichen Gruppen, welche im Kontext der neoliberalen Theo riebildung leider weder durch Erkenntnisse und Argumente der Sozialpsychologie noch des Konstruktivismus bereichert wird, obwohl beide Ansätze — namentlich in Kombination — hierzu geradezu prädestiniert wären, auch zu unterschiedlichen Prä ferenzen führen, welche dann wiederum im Rahmen des spezifisch gearteten politi schen Systems auf diese oder jene Weise in die kollektive außenpolitische Willens bildung eingingen. Auf der Ebene der kollektiven Identität, die im neoliberalen Pa radigma jedoch weitgehend untertheoretisiert ist, weil keine belastbare Operationa lisierung der Größe vorgenommen wird (etwa durch das Aufzeigen von kollektiven Sozialisationsprozessen, der Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses oder der Entstehung und Wirkung kollektiver Traumata), sondern diese lediglich als das durch die jeweilige Polity-Struktur gefilterte Aggregat der jeweiligen Präferenzen der einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen charakterisiert, wird ein gemeinsa mer Habitus der Gesamtbevölkerung unterstellt, der ebenfalls auf das Wesen des politischen Systems zurückgeführt wird. Vor diesem Hintergrund etwa wird erwar tet, dass der kollektivierte demokratische Habitus einer Gesellschaft, repräsentiert beispielsweise durch den innergesellschaftlichen Zwang zu Kompromiss oder die internalisierte Norm gewaltfreier Konfliktlösungen, Eingang in das zwischenstaatli che Verhalten erlangt. Der dieser Wirkungsweise zugrundeliegende Mechanismus wird wiederum am Vorhandensein beziehungsweise Fehlen spezifischer Ausprä gungen des politischen Systems festgemacht, so etwa im Falle der Demokratie am Vorhandensein einer pluralistischen öffentlichen Meinung, funktionierender, viel gestaltiger Kommunikationswege und freier (Massen-)Medien. Ein wichtiger Aspekt, welcher Neorealismus und Neoliberalismus verbindet, ist die Rationalität des Akteurs Staat. Das geschieht unabhängig davon, ob nun die Innen seite der Außenpolitik für das Zustandekommen einzelner Entscheidungen als re 27 levant angesehen wird oder nicht. Die Frage nach einer möglichen Relativität von Rationalität wird kaum gestellt. Staaten handeln um zu überleben, Bürger und Un ternehmen wollen keinen Krieg, weil er der ökonomischen Wohlfahrt schadet, Re gierungen wollen nicht abgewählt oder gestürzt werden; bei allem, was diese Akteu re tun, handeln sie stets gleichförmig rational. Selbst der demokratische Friede wird auf diese Weise begründet (vgl. etwa Bueno de Mesquita et. al. 1999). Nur wenige Vertreter aus dem liberalen Theoriespektrum der Internationalen Be ziehungen stehen dieser Vorstellung von Rationalität kritisch gegenüber. Graham Allison etwa ist der Überzeugung, dass die Annahme eines rationalen Akteurs nicht nur falsch, sondern auch gefährlich sei, weil diese zu falschen Beurteilungen mit potenziell fatalen Folgen führen könne. So sei die Fehleinschätzung des japani schen Handelns 1941 in Pearl Harbor nicht zuletzt dadurch zustande gekommen, da man von der Annahme ausgegangen sei, dass ein rational agierendes Japan die USA niemals angreifen würde, weil keine realistische Chance auf einen Sieg bestan den habe. Vor diesem Hintergrund sei die Annahme, dass die gegenseitige nukleare Abschreckung zum Erhalt von Frieden und Stabilität führe, weil in der Gewissheit, dass ein Angriff auf den Gegner zugleich notwendigerweise die eigene Zerstörung zur Folge hätte, jeden Akteur von einem Angriff abhalte. Doch wie der Fall Pearl Harbors gezeigt habe, gebe es hierfür eben keine Garantie. Allison (1971; vgl. zu dem Allison/Zelikow 1999) stellt daher — in zumindest partiellem Einklang mit dem neoliberalen Paradigma — fest, dass eine außenpolitische Entscheidung nicht durch ein Individuum zustande kommt, sondern als Konglomerat einer Vielzahl innerstaatlicher Akteure zu werten ist. Vor diesem Hintergrund jedoch könne keine einheitliche Rationalität des Staates angenommen werden. Hierbei geht Allison über die allgemeinen Grundannahmen des Neoliberalismus hinaus: Nicht nur die jeweiligen Präferenzen der gesellschaftlichen Akteure unterschieden sich, auch kä men diese durch unterschiedliche Logiken zustande. Als Alternative zum Rational- Choice-Ansatz entwickelte Allison zwei Modelle6, mit deren Hilfe er versuchte, die spezifischen Handlungslogiken von Bürokratien im weiteren Sinne zu erfassen. Ei nerseits handelt es sich um das Modell des Organisationsprozesses beziehungsweise auch Modell des Organisationsverhaltens (Organigational Process M odel bzw . Organigational Behavior Model), andererseits um das Modell der Regierungspolitik bezie hungsweise auch Bürokratiepolitikmodell (Governmental Politics M odel bzw. Bureaucratic Politics Model).1 Graham Allison publizierte zunächst 1971 sein W erk Essence ofE ecision : Explaining the Cuban M issile Crisis. Im Jahr 1999 folgte in Zusammenarbeit m it Phillip Zelikow eine zweite, stark veränderte Auflage, welche — auch auf neuen empirischen Grundlagen — einige der vorangegangenen Aussagen modifizierte. Das Organigational Process/Organigational Behavior M odel wird auch M odel I I genannt, das Governmental Politics/Bureaucratic Politics M odel trägt auch die Bezeichnung M odel III. Als M o del I wird indes das Rational Choice Modell bezeichnet. 28 Im Organisationsprozessmodell liegt der Analysefokus auf dem Routineverhalten von Organisationen, welches diese zur Steigerung ihrer Effizienz entwickeln, was jedoch zugleich zur Einschränkung der Handlungsflexibilität führt. Hierbei wird betrachtet, welchen Einfluss organisationsinterne Standardverfahren (Standard Operating Procedures) auf die Auswahl von Handlungsoptionen haben, inwieweit diese durch diese eingeschränkt werden und auf welche Weise die Ausführung von Ent scheidungen beeinträchtigt wird. Im Modell geht es also darum, die Umsetzung von Entscheidungen zu verstehen, nicht so sehr den Prozess der Entscheidungsfindung selbst, so wie in den zuvor dargestellten liberalen Ansätzen. Allison gelangte hierbei zu der Erkenntnis, dass die außenpolitische Entscheidungselite speziell im Krisen fall nicht mehr an der Betrachtung des Gesamtbildes einer Situation festhält, son dern die Bearbeitung einzelner Aspekte des Sachverhaltes bzw. der Krise an unter schiedliche untergeordnete Funktionsträger, abgibt. Diese agieren dann nach den ihnen eigenen Standardverfahren, was in Verbindung mit dem Umstand, dass sich die dort generierten Lösungsansätze nur auf einen Teilbereich des Gesamtproblems beziehen, zu Verzerrungen bei der Gesamtentscheidung führt.8 Hinzu treten weite re Parameter wie beschränkte zeitliche, materielle oder informationelle Ressourcen, welche ebenfalls das vom Rational-Choice-Modell postulierte Argument einer rei nen Handlungsrationalität hinfällig werden lassen. Dies gilt umso mehr, da eine un ter Handlungsdruck stehende Exekutive selbst regelmäßig primär an kurzfristiger Problemlösung und nicht an langfristig wirksamer Strategiebildung interessiert ist. Im Bureaucratic/Governmental Politics Modell9 geht Allison noch einen Schritt weiter, indem er First-Image-Faktoren10 auch in sein Analysemodell III einbringt. Hierbei gilt allerdings zu beachten, dass anders als im klassischen Realismus, wo die Charaktereigenschaften des Menschen schlechthin betrachtet werden (die mensch liche Natur), im Ansatz von Allison beziehungsweise Allison/Zelikow auf die indi viduelle Situation des Einzelnen abgestellt wird. Kohärent im Sinne des liberalen Paradigmas geht es um die Präferenzen der jeweiligen Akteure, die am außenpoliti schen Entscheidungsprozess beteiligt sind, etwa Minister, Regierungsangehörige, interne und externe Berater etc. Die jeweilige Zusammensetzung der außenpolitisch Im Kontext der Kubakrise hätte die Anwendung des Standardverfahrens beim Aufbau von Raketenbasen, welches die mit der Umsetzung beauftragte Abteilung der Rote Armee bislang nur innerhalb der Sowjetunion durchgeführt hatte, maßgeblich dazu beigetragen, dass die USA auf das Programm aufmerksam wurden. Auch die Reaktion der USA weise Rückgriffe auf Standard Operating Procedures auf, wie der Rückgriff der federführenden US-Navy auf die dort existierenden, ausgearbeiteten Pläne für eine Seeblockade zeige. Da es auf Seiten der Sowjetunion jedoch keine Standardverfahren gegeben habe, w ie politisch auf eine solche Seeblockade zu reagieren sei, habe Moskau eingelenkt. (vgl. hierzu Allison 1971 und Allison/Zelikow 1999) In der Erstauflage von 1971 wird Model III als Bureacratic Politics Modell bezeichnet, in der Zweitauflage von 1999 als Governmental Politics Model. Kenneth Waltz differenziert zwischen drei Erklärungsebenen bei der Analyse der Interna tionalen Beziehungen, nämlich dem Individuum (First Image), dem innerstaatlichen Sys tem (Second Image) und dem internationalen System (Third Image). 29 relevanten politischen Führung hat somit bei Allison bzw. Allison/Zelikow einen maßgeblichen Einfluss auf die zwischenstaatliche Entscheidung. Regierungsent scheidungen sind somit das Resultat interner Aushandlungs- und Kompromissbil dungsprozesse, nicht primär in der Gesellschaft, sondern vor allem in der Regie rung selbst (vgl. etwa auch Welsh 1996). Trotz dieser Variation hinsichtlich des klassischen liberalen Paradigmas bleibt Modell III grundlegenden liberalen Annah men verhaftet: So geht Allison davon aus, dass die jeweiligen Präferenzen abhängig von der Position des Akteurs im Bürokratiegefüge sind. Es ist also nicht die Person als Individuum an sich entscheidend, sondern deren Position und die damit ver bundene Rolle. Zwar klingt durchaus an, dass einzelne Entscheidungsträger unter schiedliche Machtniveaus haben, die auch mit Persönlichkeitseigenschaften ver bunden sind, jedoch verharrt dieser Aspekt im Allgemeinen, etwa dem Hinweis auf Charisma. Neorealismus und Neoliberalismus verband die Umsetzung der Essenz der behavioristisch-positivistischen Wende, welche nicht zu Unrecht auch als Ausdruck des Szientismus charakterisiert worden ist. Hiermit wird nicht nur die oben dargestellte Wegwendung von traditionellen Zugängen im Bereich Theorie und Methode der Internationalen Beziehungen angedeutet, sondern bewusst auch auf die Ideologisierung beziehungsweise Dogmatisierung des Rückgriffs auf naturwissenschaftliche Ansätze hingewiesen, welche zu verstehen ist als „abuse of reason that transforms a rational philosophy o f science into an irrational dogma“ (Ryder 2006). Speziell die se Verengung und Verabsolutierung der Methode durch die beiden „Neo“- Paradigmen war es dann auch, welche innerhalb der Theoriebildung der Internatio nalen Beziehungen eine Gegenbewegung hervorrief, insbesondere als der seitens jener Theorien nicht vorhergesehene Zusammenbruch der alten Weltordnung 1989/91 das Fach in eine Sinnkrise stürzte. Konstruktivistische Wende und Poststrukturalistiscbe Erklärungsansäße In diesem Zusammenhang ließ sich ein Rückgriff auf Aspekte des wissenschaftli chen Traditionalismus (vgl. hierzu etwa Bull 1966, Benneyworth 2011; zur kriti schen Bewertung des Traditionalismus vgl. etwa Kaplan 1966: 388 sowie Sanders 2002: 50) feststellen, jedoch in neuem Gewand und ausgereifteren, differenzierteren Formen. So lässt sich bei der Betrachtung der Vierten Großen Debatte, die nicht zu letzt aufgrund der gleichzeitig vollzogenen konstruktivistischen Wende (vgl. etwa Checkel 1998) in ih rer Bedeutungals „discipline-definingdebate“ (Lapid 1989: 236; vgl. zudem Linklater 1992) nicht zu unterschätzen ist, feststellen, dass der traditionalistische Ansatz des Verstehens, Aspekte wie Hermeneutik und Interpretation und die Berücksichtigung historischer, zeitlicher und kultureller Kontexte wieder als wesentliche Elemente der Theoriebildung aufgegriffen werden sollten. 30 Angesichts der zahlreichen neuen Herausforderungen für die internationale Staa tenwelt und damit auch für die theoretischen Erklärungsansätze (vgl. etwa Kissinger 1995; Maull 1995; Ferdowski 2002; Habermann 2003; Sakamoto 2007; Hansel 2010) etablierten sich also abermals weitere Paradigmen und damit einhergehend neue Grundsatzdebatten im Bereich der Theorie der Internationalen Beziehungen, allen voran die Auseinandersetzungen zwischen Positivismus und Post Positivismus (vgl. etwa Cox 1986, Asheley 1988, Tickner 1988, Neufeld 1993, Gaddis 1996, Nicholson 1996, Wendt 1999) einerseits und zwischen Rationalismus und Konstruktivismus (vgl. etwa Ruggie 1983, Snidal 1985, Kratchowil/Ruggie 1986, Keohane 1988, Wendt 1992, Finnemore/Sikkink 1998, March/Olsen 1998, Kratchowil 2000, Fearon/Wendt 2002) andererseits. Nicht zuletzt aufgrund der unerbittlich geführten Debatte — Wight (in Ruby 2009: 23) etwa spricht von „philosphical hand grenades“ und „artillery barrage“ — vertieften sich die Gräben zwi schen den Paradigmen weiter. Als wichtigstes hieraus neu erwachsendes Paradigma kann (unabhängig von der Frage, ob es sich bei diesem um eine substanzielle Theorie handelt oder nicht) der Konstruktivismus der Internationalen Beziehungen gesehen werden, der sowohl in epistemologischer als auch ontologischer Hinsicht neue Maßstäbe setzte (vgl. hier zu auch Aalberts/Munster 2008). Ebenfalls seit dem Ende der 1980er Jahre im Zu ge der Kritik am neorealistischen Paradigma von der Theoriebildung in den Inter nationalen Beziehungen aufgegriffen (vgl. etwa Ruggie 1989, Koslowski/Kratochwil 1995, Checkel 1998, Lebow/Risse-Kappen 1995, Keck/Sikkink 1998), hat sich der bereits in der Soziologie und den Kulturwissen schaften etablierte Denkansatz des Konstruktivismus auch in den Internationalen Beziehungen wie auch in deren Sub- und Nachbardisziplinen, etwa den Theorien der Europäischen Integration oder dem Bereich der Internationalen Sicherheitsstu dien, einen solch festen Platz erobern können (vgl. etwa Finnemore/Sikkink 2001, Risse 2004, Harnisch 2003). Repräsentativ für die neue Art, zwischenstaatliche Be ziehungen zu analysieren, waren seinerzeit vor allem drei Werke, die sich dabei mit der Rolle internationaler Institutionen und Organisationen (Finnemore 1996), in ternationalen Normen (Klotz 1995) und nationaler bzw. internationaler Sicherheit (Katzenstein 1996) befassten. Finnemore grenzt sich dabei bewusst vom neoliberalen Institutionalismus ab, wel cher Institutionen letztlich lediglich als Mittel nationaler Interessenerreichung be trachtet, jedoch sowohl das Zustandekommen des nationalen Interesses als auch Aspekte wie Identitäten im Kontext internationalen Institutionen gänzlich ausblen det (vgl. etwa Keohane 1994, Martins 1992, Simmons 1993). Katzenstein geht über das bis zu jener Zeit dominierende rationalistisch-realistische materielle Selbstver ständnis von Sicherheit hinaus, indem Aspekte wie Perzeption, Ideen und Kultur als Analysefaktoren integriert werden. Und Forschungsansätzen, welche die Effekte internationaler Normen zum Gegenstand haben, befassen sich vor allem mit den kognitiven Einflüssen von Regimen, und gehen somit über den seinerzeitigen For 31 schungsstand hinaus, der sich weitgehend auf die Rolle von Regimen als intervenie rende Variablen innerhalb der Mächtekonstellationen auf zwischenstaatlicher Ebe ne wirkte (vgl. etwa Rittberger/Hasenclever/Mayer 1996, Zacher 1996). Allerdings reichen die Quellen des konstruktivistischen Denkens dabei deutlich weiter zurück als in jene Jahre11; vielmehr liegen diese sowohl in der hermeneutischen Tradition der Geschichtswissenschaft mit ihrer sich von den Naturwissenschaften unter scheidenden Methode des Verstehens (im Unterschied zum Erklären rationalistischer Ansätze) als auch in der unter Einfluss von Wittgenstein und der mit seinem Den ken zusammenhängenden linguistischen Wende auf dem Feld der Philosophie (vgl. etwa Rorty 1967). Nicht zuletzt ist in diesem Zusammenhang auch auf die soge nannte Dritte Debatte auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen (vgl. zur Diskussion dieser Phase in der IB-Theoriebildung etwa George 1989, Lapid 1989, Neufeld 1991, Jarvis 2000, Navon 2001, Wight 2002, Aalberts/Munster 2008, But ler 2010) als weitere Quelle der konstruktivistischen Theoriebildung zu verweisen, die schließlich als konkrete Ausgangspunkt für mehrere spezifische Theorieansätze fungierte (vgl. etwa Adler 1997, Schaber/Ulbert 1994, Kratochwil/Ruggie 1986, Kratochwil 1989, Ruggie 1989, Wendt 1987,1992, Onuf 1989). Ein zentrales Konzept, welches die Konstruktivistische Wende in die Theoriebil dung der Internationalen Beziehungen einführte, war das der nicht mimetischen Idee der Repräsentation (vgl. etwa Ankersmith 1996). Die wichtige Erkenntnis hierbei lag darin, dass — anders als bei positivistischen Ansätzen mit mimetischen Repräsentationskonzepten — Realität hinsichtlich ihres Einflusses auf Akteure nicht als objektiv betrachtet wird, sondern immer nur als subjektiv wahrgenommene Re präsentation erscheinen kann. Elaine Scarrys (1994: 3) sprach in diesem Zusam menhang davon, dass “ [the] knowability o f the world depends on its susceptibility to representation”. Mit anderen Worten ist das, was ein Akteur als Realität bezeich net nichts weiter als die nicht unmittelbare, nicht unverfälschte und nicht unselekti ve Perzeption der objektiven Realität und darauf basierend deren Interpretation durch den Akteur, also letztlich die Idee eines empirischen Gegenstandes, seine spezifische Repräsentation in der Kognition des Akteurs (vgl. hierzu etwa Ulbert 1997; Jachtenfuchs 2002, Weller 2000). Andersherum besitzt das Materielle nur in soweit Bedeutung, wie es im Bewusstsein des Akteurs vorhanden ist beziehungs weise welche Bedeutung dem Materiellen von diesem beigemessen wird (vgl. etwa Ruggie 1998: 856; Krell: 349). Ob die Existenz von Nuklearwaffen in Frankreich oder im Iran etwa von Deutschland als Bedrohung interpretiert wird, hängt davon ab, welche Bedeutung diesen beiden Staaten beigemessen wird, ob sie als Freund oder Feind erscheinen. Und das wiederum hängt von Normen, Werten, Identitäten etc. ab, die zuvor auf dem Wege sozialer Vermittlung im Bewusstsein des Akteurs Einzug gehalten haben (vgl. etwa Jachtenfuchs 1995). Somit werden auch Interes 11 Manch einer, wie etwa Gert Krell (2004: 347), behauptet sogar, dass es „auch in den IB immer schon konstruktivistisches Denken gegeben [ ...] , nur hat man das früher nicht so genannt“. 32 sen nicht als grundsätzlich gegeben betrachtet, sondern als soziale Konstruktion angesehen, welche im Rahmen von Prozessen individueller kognitiver sowie kollek tiver, sozialer Prozesse, etwa im Rahmen von Diskursen, entstehen (vgl. etwa Finnemore/Sikkink 1998). An dieser Stelle etwa zeichnet sich eine Parallele zu Ideen des oben beschriebenen Waltschen Neorealismus und seinen Argumenten zum Bedrohungsgleichgewicht (Balance o f Threat) ab. Leider jedoch wurden diese Ideen — wie so viele andere — trotz ihrer konstruktiven Ergänzungspotenziale auf grund der Gegnerschaft der jeweiligen Paradigmen nie zusammengeführt. Doch mit der Betonung der Idee eines empirischen Gegenstandes als seine spezifi sche Repräsentation in der Kognition des Akteurs (vgl. hierzu etwa Ulbert 1997; Jachtenfuchs 2002, Weller 2000) wurde es möglich, auch den Machtbegriff neu zu bestimmen und um den Aspekt der Definitionsmacht zu erweitern. So stellt etwa für Michel Foucault, auf den sich regelmäßig berufen wird, jegliche Form der Re präsentation einen Machtakt dar, der dann seinen Höhepunkt erreicht, wenn eine spezifische Form der Repräsentation der Wirklichkeit in der Lage ist, die eigentliche Subjektivität der Realität so zu verbergen, dass der Anschein der Objektivität er weckt wird (vgl. etwa Foucault 1983: 19f.). Praktische Bedeutung für die Internati onalen Beziehungen erlangte dieser Ansatz im Kontext der Analyse der spezifi schen Reproduktion von Kulturen, Machtverhältnissen etc. (vgl. etwa Der Derian 1987, Bethke Elshtain 1987, Walker 1988, Der Derian/Shapiro 1989, Ashley/Walker 1990). Nicht zuletzt dieser Umstand verweist auf die besondere Bedeu tung der Interpretation, welche damit zu einer der zentralen Analysegrößen der IB- Theorie werden musste — mit der logischen Folge, dass die subjektive Wahrneh mung und die diese beeinflussenden beziehungsweise bestimmenden Faktoren und Prozesse ebenfalls zum festen Bestandteil der Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens werden müssen. Denn „representing the political is a form of interpretation that is, by its very nature, incomplete and bound up with the values o f the perceiver” (Bleiker 2001: 511; vgl. zudem Derrida 1967: 427). Ein solches Vorhaben setzt jedoch einen interdisziplinären Ansatz voraus, der strukturelle Aspekte wie etwa Kultur und Geschichte, durch welche die individuelle und kollektive Perzeption durch entsprechende Sozialisationserfahrungen und Lernprozesse geprägt werden, ebenso aufgreift wie die inneren Prozesse des Ak teurs (etwa neuro-kognitive Prozesse). Denn kein Akteur, sei er individuell oder kollektiv, verhält sich nur aus sich selbst heraus, sondern im Kontext der im Rah men vorausgegangener sozialer Prozesse und Diskurse erfolgter Zuschreibungen (vgl. etwa Kirste/Maull 1996 sowie Finnemore/Sikkink 1998). Akteursverhalten kann also weder einseitig auf strukturelle Zwänge reduziert werden wie in strukturalistischen Ansätzen, noch können Strukturen allein als Konsequenz von Akteurs verhalten gedeutet werden oder losgelöst von diesen betrachtet werden, wie in in dividualistischen Ansätzen geschieht (vgl. etwa Hurd 2008: 300ff.). 33 Beim konzeptuellen Erfassen der Idee als Analysegröße wird im Rahmen konstruk tivistischer Argumentationsmuster auf Konzepte wie Identität, Rolle, Nor men/Werte und außenpolitische/strategische Kulturen zurückgegriffen. Ideen werden dabei „nicht bloß als Ausdruck von Interessen oder als ein Filter für die Wahrnehmung von Interessen verstanden [...] sie ermöglichen und rechtfertigen Hand lungen, Handlungsspielräume und Strategien. Interessen werden mit Bezug auf Ideen definiert, ja Akteure konstituieren sich selbst und ihre Interessen erst mit und durch Ideen. Ideen kann man dabei als ein Wissen über die Wirklichkeit begreifen, das nicht nur ,harte Daten' einschließt, sondern auch Normen, ästhetische Urteile und Vorstellungen über die Identität eines Akteurs im Verhältnis zu anderen Akt euren.“ (Krell 348, Hervorhebungen im Original; vgl. zudem Jachtenfuchs 1995: 424ff.). Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist der Ansatz Ernst Haas', der die Lernprozesse der Entscheidungsträger zu erklären versucht. Hierbei geht er von der Annahme aus, dass die Art und Weise, in der Staaten ihre Interes sen definieren und Handlungsoptionen bestimmen, letztlich eine Funktion dessen ist, wie politische Entscheidungsträger die einem Sachverhalt zugrundeliegenden Probleme verstehen und wie sie von den Experten, von denen sich die Entschei dungsträger beraten lassen (den sogenannten Epistemic Communities), aufbereitet werden. Denn laut Haas sind es gerade jene Netzwerke von Experten, welche die Ursache-Wirkungszusammenhänge komplexer Probleme aufzeigen, Handlungs empfehlungen erarbeiten und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitgestalten. Die Diffusion neuer Ideen und Informationen, die vor alle durch die Epistemic Communities mitgetragen wird, bewirkt Veränderungen in politischen Verhaltens weisen und wird von Haas daher als zentrale Determinante im Bereich zwischen staatlicher Entscheidungsfindung angesehen. Von besonderer Bedeutung für den Konstruktivismus ist ferner das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, das auf methodischer Ebene auch eine Tendenz zu holistischen Ansätzen in Abgrenzung vom Individualismus rationalistischer Theorien aufweist. Denn das Verhalten des Individuums kann aus konstruktivistischer Sicht heraus nur vor dem Hintergrund sozial vermittelter Ideen, Werte und Normen ver standen werden und lässt sich nicht auf das Individuum alleine reduzieren. Ein Ak teur, individuell wie auch kollektiv, verhält sich somit nicht aus sich selbst heraus, sondern im Kontext ihm im Rahmen vorangegangener kollektiver sozialer Prozesse erfolgter Zuschreibungen (vgl. hierzu etwa Kirste/Maull 1996). Werte und Normen werden dabei als wichtige Elemente dieser „kognitiven Dimension“ (Harnisch 2010: 105) der internationalen Beziehungen angesehen, wobei Normen als in tersubjektiv akzeptierte Regeln verstanden werden, die ihrerseits auf allgemein an erkannten individuellen Werten beruhen. Normen wirken somit unmittelbar auf die Schaffung und Ausgestaltung sozialer Rollen und Identitäten ein (vgl. etwa Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 54), wobei der jeweilige regionale, soziale, kulturelle etc. Kontext der einwirkenden Normen von wesentlicher Bedeutung sein kann (vgl. Finnemore/Sikkink 1998). In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Heraus bildung einer spezifischen außenpolitischen Kultur erklären, welche als „Gesamt 34 heit aller kognitiven und handlungsleitenden Ideen einer Gesellschaft im Hinblick auf ihr Außenverhalten“ (Harnisch 2010: 105; vgl. hierzu ferner Katzenstein 1996, Gray 1999, Maull 2001) verstanden werden kann. Bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der der kollektiven Konstituierung sozialer Rollen ist zu beachten, dass auch eine Rückwirkung der Konstruktionen auf die Konstruierenden postu liert wird. Mit anderen Worten konstituieren sich Akteure und Strukturen wechsel seitig (vgl. etwa Adler 1997: 324f.). Akteursverhalten kann also nicht einseitig auf strukturelle Zwänge reduziert werden, wie im Strukturalismus, während Strukturen nicht (allein) als Konsequenz von Akteursverhalten zu deuten sind, wie durch indi vidualistische Ansätze behauptet (vgl. etwa Hurd 2008: 300ff). Die Struktur des internationalen Systems an sich, so die Annahme des Konstruktivismus, ist sozusa gen reizneutral. Ob eine anarchische Systemstruktur zu einem konkreten Sicher heitsdilemma führe, hänge von den Signalen der beteiligten Akteure ab, bezie hungsweise wie diese Signale jeweils interpretiert würden (vgl. hierzu Krell 2004: 359, Harnisch 2010: 103, sowie ferner Wendt 1995: 73). An dieser Stelle gilt es jedoch, einige wichtige Einschränkungen hinsichtlich des Konstruktivismus zu machen. So beinhaltet die Erkenntnis, gemäß welcher die Wirklichkeit im Bewusstsein der Akteure vor dem Hintergrund sozialer Prozesse konstruiert wird, noch keinen Hinweis darauf, „welche sozialen Konstruktionen welcher Akteure in den internationalen Beziehungen wirkungsmächtig und daher wichtig für den Forscher sind“ (Harnisch 2010: 103f.). Dabei stellt sich auch die Frage, ob sich der Konstruktivismus überhaupt auf dieselbe Stufe stellen lässt wie Realismus und Liberalismus oder ob eine grundsätzlichere Gegenüberstellung des Konstruktivismus mit dem Rationalismus als geeignetere Vergleichsebene angezeigt wäre (vgl. etwa Risse 2003: 101, Krell 2004: 346). Diese Frage ist auch insofern wichtig, da sie einen Hinweis auf die grundsätzliche Verbindbarkeit der hier behan delten Theorieansätze (und darüber hinaus) liefert. Häufig werden Realismus und Liberalismus als substanzielle Theorien der Interna tionalen Beziehungen bezeichnet, während Konstruktivismus wie auch Rationalis mus den sozialen Theorien zugerechnet werden (vgl. etwa Barnett 2006). Während substanzielle Theorien dabei konkrete Behauptungen und Hypothesen hinsichtlich der empirisch erkennbaren Funktions- und Verhaltensmuster in den internationa len Beziehungen anböten, gehe es sozialen Theorien primär darum die Beziehung zwischen Akteuren und Strukturen zu konzeptualisieren. Rational Choice geht da bei davon aus, dass Akteure feststehenden Präferenzen folgen, welche sie im Kon text bestehender Hindernisse, zu maximieren bestrebt sind. Hierbei ist das konkrete Wesen von Präferenzen und Hindernissen prinzipiell unbedeutend. Die Unter schiede innerhalb rationalistischer Ansätze liegen somit unterschiedlichen Annah men hinsichtlich der Wirkung der anarchischen Strukturbedingung des internatio nalen Systems zugrunde. Beim Konstruktivismus existieren keine a priori festgeleg ten Präferenzen; diese entwickeln sich, wie dargelegt, vielmehr in einem kontextab hängigen Prozess der Interaktion von Akteur und Struktur (vgl. etwa Barnett 2006: 35 258). Obgleich primär als soziale Theorie zu verstehen, lassen sich mittlerweile eine Vielzahl von Studien finden, welche konstruktivistische Annahmen als Kernbe standteil ihrer Analysen aufweisen und die auf diese Weise etwa die Bedeutung von Normen und kulturellen Aspekten als relevante Faktoren für konkretes außen- und sicherheitspolitisches Verhalten darlegen konnten (vgl. etwa Katzenstein et.al 1996, Adler/Barnett 1998, Legro 2005, Tannenwald 2007, Berger 1998, Bachoff 1999, Duffield 1999, Harnisch/Maull 2001, Longhurst 2004, Chafetz et.al. 1999, Joeri- ßen/Stahl 2003, Howorth 2004, Giegerich 2006, Hansen 2007, Stahl/Harnisch 2009, Johnston 1995, Alagappa 1998, Acharya 2001). Weitere Arbeiten befassen sich speziell mit den Aspekten Souveränität und nationales Interesse (Bartelson 1995; Biersteker/Weber 1996, Weldes 1996; Hall 1999) sowie von Normen im Kontext der Umsetzung von Menschenrechten (Klotz 1995, Finnemore 1996, Ris se et al. 1999a, Risse et al. 2002). Trotz dieser durchaus erfolgreichen Anwendung konstruktivistischer Ansätze zur Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens lassen sich noch weitere Defizite auf dem Gebiet der konstruktivistischen Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen erkennen. So bleibt zunächst unklar, „warum welche Ideen wann eine besondere Rolle spielen“ (Krell 2004: 366). Nichtsdesto weniger besteht in diesem Zusammenhang ein zentraler Kritikpunkt darin, dass — trotz der in konstruktivistisch orientierten Arbeiten oft geäußerten These, der zu folge sich Akteure und Strukturen wechselseitig konstituieren (vgl. oben) — Agency als eigenständige Größe zu wenig Beachtung findet, weil sie letztlich auf den sie aus konstruktivistischer Sicht determinierenden Strukturfaktor Normen reduziert (vgl. Checkel 1998: 342). Um die Aussagekraft konstruktivistischer Ansätze zu erhöhen, müsste zuallererst die Ko-Konstitution von Akteur und Struktur sowie das Zusammenspiel von ideel len und materiellen in die Argumentation integriert werden (vgl. hierzu etwa Burch 2002, insbes. 68, sowie Soysal 1994, Klotz 1995, Finnemore 1996a). Denn bislang bleiben wesentliche Fragen offen, so etwa, welche Rolle beispielsweise Akteure bei der Entstehung der Normen selbst spielen. Gründe für dieses Phänomen sind vor allem in der starken Bindung des Sozialkonstruktivismus in den IB an die Tradition des soziologischen Institutionalismus (vgl. etwa DiMaggio 1988, DiMaggio/Powell 1991 Kap 1, 4, Dobbin 1994 sowie ferner Meyer et.al 1987, Hall/Taylor 1996: 962ff.) und die damit einhergehende ausgeprägte Fokussierung auf kollektive Iden titäten, Werte und Normen zu sehen, welche die Vernachlässigung der individuel len Analyseebene mit sich bringt (vgl. Checkel 1998: 341). Besonders deutlich wird dies bei den Arbeiten von Alexander Wendt (etwa 1994, 1996), der vom Staat als unitarischem Akteur ausgeht, bei dem der individuelle Akteur im Kollektivgebilde Staat aufgeht. Eine zentrale Herausforderung an den Konstruktivismus besteht somit darin, die individuelle sowie innerstaatliche Analyseebene in ihr Analysekon zept einzubeziehen und darzulegen, auf welche Weise auch individuelle Identitäten zustande kommen (vgl. Checkel 1997: 489). 36 Hierzu gilt es vor allem das Problem zu adressieren, dass im Bereich des Sozialkon struktivismus in den Internationalen Beziehungen nicht in hinreichender Form eine tragfähige Theoriebildung stattfindet, ein Defizit, dass ebengerade auf der inner staatlichen Analyseebene signifikant zu Tage tritt (vgl. Checkel 1998: 342, Checkel 1997: 488 sowie ferner Donnelly 1994, Rittberger et al. 1996: 221 und Chayes/Chayes 1996). Vor diesem Hintergrund wird zugleich darauf verwiesen, dass zur Überwindung dieses Defizits der Entwurf beziehungsweise die Integration eines Modells erforderlich sei, welches die innerstaatliche Analyseebene kohärent erfasst. Entweder ist dieser Punkt im Konstruktivismus, wie dargelegt, gänzlich ausgeblendet, oder aber aufTeilaspekte beschränkt, wie etwa die Bürokratie als ein ziger Träger staatlicher Normen (vgl. Finnemore 1996: Kapitel 2, 4), oder aber das politische System oder Teile davon (vgl. Berger 1996, Herman 1996, Klotz 1995), wie politische oder akademische Eliten (Herman 1996) beziehungsweise spezifische staatliche Entscheidungsträger (Risse-Kappen 1996). Hinsichtlich des Problems, welche Rolle Akteure etwa bei der Formierung von Normen spielen, mangelt es bislang an der Einbeziehung bestehender Forschungs ergebnisse aus dem Bereich der Prozessanalyse (vgl. etwa Evans 1993, Haas 1990, Risse-Kappen 1995). Trotz der bereits in den frühen Jahren konstruktivistischer Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen angesprochenen Schwierigkei ten und Herausforderungen dauert bis heute eine intensive Kontroverse nicht nur dahingehend an, ob eine gehaltvolle Theoriebildung möglich, sondern auch, ob ei ne solche überhaupt wünschenswert sei (vgl. etwa Harnisch 2010: 111). Nichtsdes toweniger stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Konstruktivismus mit den anderen Paradigmen der Internationalen Beziehungen. Von besonderem Inte resse hierbei ist, ob der Umstand, dass es sich beim Konstruktivismus gerade nicht um eine substanzielle Theorie handelt, einer Brückenbildung über die Paradigmen hinweg eher förderlich ist, oder aber eine solche erschwert oder gar ausschließt. Wie dargelegt, haben wir es mit zwei augenscheinlich rivalisierenden sozialen Theo rien zu tun. Während der Rational-Choice-Ansatz Akteure als vor-sozial postuliert, unter allen Umständen feststehende Interessen annimmt und Struktur lediglich als Hindernis für den von sozialen Einflüssen freien, rationalen Akteur auf dessen We ge zur Erreichung seiner Ziele ansieht, geht der Konstruktivismus vom sozialen Akteur aus, dessen Interessen sich relativ vom sozialen Umfeld und der Interaktion von Akteur und Struktur entwickeln, dessen Identität fortlaufend prägen und sogar auf die Struktur zurückwirken. Die Frage, ob sich soziale Theorien grundsätzlich öffnen können, erinnert an die Frage, die sich auch im Kontext des analytischen Eklektizismus hinsichtlich der grundsätzlichen Vereinbarkeit unterschiedlicher Pa radigmen stellt. Und auch hier sind die Ansichten unterschiedlich und reichen von der prinzipiellen Inkommensurabilität bis hin zur positiv bewerten Möglichkeit ei nes Brückenbaus zwischen unterschiedlichen sozialen Theorien (vgl. etwa Barnett 2006, Krell 2004: 346). 37 Auch in normativer Hinsicht existieren unterschiedliche Ansichten über ein Zu sammenbringen von Rationalismus und Konstruktivismus: Während die eine Seite von der begrüßenswerten Möglichkeit ausgeht, neue pluralistische Ansätze mit hö herem Erklärungswert zu erhalten, geht die andere Seite davon aus, dass auf diesem Wege entweder problematische Theoriemutanten entstehen würden oder aber ei nem theoretischen Imperialismus Vorschub geleistet würde (vgl. Barnett 2006). Ungeachtet der letztgenannten Position spricht doch einiges für den Versuch, auch den Konstruktivismus in das hier unternommene Unterfangen einer analytisch eklektischen Theorie- und Modellbildung zu integrieren. Auf diese Weise ließen sich die Vorteile konstruktivistischen Denkens nutzen und etwa durch die Anrei cherung der bestehenden Argumente um solche der kognitiven Psychologie, der Lerntheorie oder auch des symbolischen Interaktionismus zugleich die kritisierten Lücken schließen. Einige erste Versuche einer Synthese von Ansätzen oder zumin dest eine Integration von Ideen, die zentrale Bestandteile eines benachbarten Para digmas sind, in das eigene, hat es bereits gegeben. Im Kontext der realistischen Schule schlug sich diese Entwicklung im sogenannten neoklassischen Realismus nieder. Dieser Ansatz greift gleichermaßen auf Annahmen des klassischen Realis mus und des Neorealismus zurück, welche er in einer neuen Theorie zu vereinigen sucht. Dabei geht es den neoklassischen Realisten darum, die systemischen Struk turargumente des Neorealismus mit den Argumenten des klassischen Realismus hinsichtlich der Rolle innerstaatlicher Faktoren zu verbinden. Allerdings bleibt der neoklassische Realismus dabei primär den Argumenten des Neorealismus verhaftet, die er als Kern der Theoriebildung betrachtet. Zielsetzung der Theorie ist es zu er klären, weshalb sich die Außenpolitik eines Staates trotz konstanter Systemfaktoren wandelt beziehungsweise weshalb unterschiedliche Staaten trotz gleicher Systembe dingungen unterschiedliche außenpolitische Entscheidungen treffen. Da auch das im Rahmen der hier unternommenen Modellbildung zu entwickelnde Modell diese Art von Fragen beantworten können soll, ist ein Blick auf die Argumente und bis herigen Anwendungen des neoklassischen Realismus unumgänglich. Der Staat im neoklassischen Realismus wird verstanden als die für dessen nationale Sicherheit verantwortliche Exekutivgewalt. Diese wiederum wird definiert als Re gierung und außen- und sicherheitspolitisch relevante Bürokratie. Diese hat Zugang zu den privilegierten Informationen des politisch-militärischen Apparats des Staates und ist somit in den Augen der neoklassischen Realisten am besten in der Lage, die systemischen Beschränkungen für staatliches Handeln zu beurteilen und das natio nale Interesse zu bestimmen. Hierbei spielt zudem eine Rolle, dass diese Elite sich an der Nahtstelle zwischen nationalem und internationalem System befindet. Zwar wird die für das zwischenstaatliche Handeln entscheidende Elite hinsichtlich ihrer Entscheidungsmöglichkeit als prinzipiell autonom von der Gesellschaft angenom men, dennoch findet in der Praxis ein Dialog zwischen Staat beziehungsweise re gierender Elite und Gesellschaft statt, welcher Eingang in die Definition des natio nalen Interesses durch den Staat erhält. Der entscheidende Unterschied zum Libe ralismus oder aber etwa marxistisch orientierten Theoriemodellen der Internationa 38 len Beziehungen, wo die Präferenzen der einzelnen Akteure als äußerst bedeutsame Variable angenommen werden, spielen beim neoklassischen Realismus nur die Inte ressen der Gesellschaft als Ganzes eine Rolle, und zwar nur so, wie sie in der Wahrnehmung der außenpolitischen Entscheidungselite im nationalen Interesse aggregiert werden. Hierbei wird allerdings nichts über die genauen Wirkungsweisen dieser Interaktionen gesagt, insbesondere die Beziehungen von Regierung und bü rokratischem Apparat bleibt gänzlich unbeleuchtet. Auch werden Praktiken inner staatlicher beziehungsweise gesellschaftlicher Größen nicht als relevant erachtet. Gleiches gilt für Sozialisationseffekte, die zwar nicht abgestritten werden, gleich wohl aber nicht in die Analyse eingehen. Gewinnbringend indes ist die durch die neoklassischen Variante bewirkte Öffnung des realistischen Paradigmas für die Wirkung von Perzeption bei Entscheidungs prozessen. So erscheinen neben innerstaatlichen Faktoren, welche trotz der soeben erwähnten Einschränkungen zumindest im Grundsatz überhaupt einmal Berück sichtigung im Rahmen einer realistischen Argumentation finden, auch die Wahr nehmung relativer Machtverhältnisse auf internationaler Ebene seitens der außen politischen Eliten als intervenierende Variablen (vgl. etwa Wohlforth 1993: 223-225 sowie Schweller/Wohlforth 2000: 86-89). Nicht unerwartet wird die Einbindung des Aspekts (potenziell unterschiedlicher) Wahrnehmungen des Systems durch die außenpolitischen Eliten von den traditionalistischen Anhängern des realistischen Paradigmas als Preisgabe realistischer wie neorealistischer Grundkonstanten verur teilt, etwa, weil sich so das Argument der Rationalität der Akteure nicht mehr auf rechterhalten lasse. Insgesamt geht die Kritik in die Richtung, dass die Einbindung von nicht-systemischen Variablen — trotz des beanspruchten neorealistischen Kerns — zu einer Vermischung des realistischen Paradigmas mit Denkschulen wie Libera lismus oder Institutionalismus führe, was strikt abgelehnt wird. Nichtsdestoweniger kann der neoklassische Realismus vom Ansatz her als wichtiger Beitrag bei der Entwicklung des hier anvisierten Theoriemodells betrachtet werden, erscheinen doch die bisherigen Veröffentlichungen dieser Variante des realistischen Paradig mas als Ausdruck eines einzelfallorientierten analytischen Eklektizismus, welcher seinerseits wie noch weiter unten in diesem Kapitel ausgeführt wird, ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Modellbildung spielt. Arbeiten, welche sich bisher auf der Basis neoklassischer Theorie mit Phänomen zwischenstaatlichen Handelns befasst haben, sind was die konkreten untersuchten Gegenstände anbelangt, breit gefä chert. So reicht das Spektrum von Fragen militärischer Intervention (etwa Taliaferro 2004) über die US-Außenpolitik unter George W. Bush (Layne 2006) und die Entwicklung der Währungspolitik der Vereinigten Staaten nach dem Ende von Bretton Woods (Sterling-Folker 2002) bis hin zum Barcelona-Prozess (Costalli 2009), der Analyse der Ursprünge revisionistischer Staaten (Davidson 2006) und schließlich der grundsätzlichen Frage nach dem Ende des Ost-West-Konflikts (Wolforth 1993). Dabei bleibt im neoklassischen Realismus die Gesellschaft als Entscheidungsvariable dem Strukturelement teils deutlich nachgeordnet. 39 Bei Schweller (2009) werden innerstaatliche Faktoren bestenfalls dann als Einfluss größen beachtet, wenn sich überraschende Abweichungen von dem ergeben, was laut Strukturargumenten eigentlich passieren müsste. Auch Dueck (2009) räumt die grundsätzliche Möglichkeit ein, dass gesellschaftliche Größen die Außenpolitik ei nes Staates beeinflussen können, jedoch geschehe dies nur bezüglich spezifischer Einzelentscheidungen, nicht aber hinsichtlich substanzieller Fragen und Entschei dungen. In den Arbeiten von Ripsman (2009), Taliaferro (2009) und Sterling-Folker (2009) wird innerstaatlichen Faktoren eine größere Bedeutung beigemessen. Alle drei entwickeln Ansätze, mit deren Hilfe in Einzelfallanalysen die Bedingungen festgestellt werden sollen, unter denen gesellschaftliche Größen Einfluss auf die Außenpolitik eines Staates haben können (vgl. hierzu auch Taliaferro et.al. 2009: 32). Speziell bei Ripsman (2009) tritt die mögliche Bedeutung innerer Faktoren zu tage: So fragt er nach dem relativen Einfluss innerer und systemischer Faktoren, und stellt dabei fest, dass je größer das Potenzial innenpolitischer Gruppen, die au ßenpolitischen Eliten zu beseitigen, sei es durch Wahl oder Staatsstreich, desto bes ser können diese als gegnerische Größe fungieren bzw. ihre Vorstellungen dessen, was das aktuelle nationale Interesse ausmacht, durchsetzen. An dieser Stelle scheint es sinnvoll, eine Differenzierung des nationalen Interesses vorzunehmen, wie dies auch im hier entwickelten Modell geschieht, und zwar in abstrakte Grundinteressen und konkrete Interessenausprägungen. Auch Dueck (2009) befasst sich mit dem nationalen Interesse. Hierbei geht es ihm darum, die Rolle der Elitewahrnehmung bei der Definition des nationalen Interes ses zu verstehen, um die Frage zu beantworten, weshalb Interventionen aus neorea listischer Sicht oft zu einem falschen Zeitpunkt anberaumt erscheinen. Duecks Er kenntnis dabei besagt, dass dies deswegen geschieht, weil die relevanten Eliten in nenpolitische Faktoren bei der Konstruktion des nationalen Interesses berücksich tigen. Auch Brawley (2009) kommt bei der Auseinandersetzung mit der Beurteilung von Bedrohungslagen speziell im Umfeld von Nachkriegsphasen mit ihrem hohen Maß an Ungewissheit hinsichtlich zukünftiger nationaler und internationaler Ent wicklungen zu dem Schluss, dass sich beachtliche Variationen hinsichtlich der je weiligen Definition des nationalen Sicherheitsinteresses erkennen lassen, was auf die Relativität des im realistischen Paradigma eigentlich fixen nationalen Interesses hindeutet. Sterling-Folker (2009), die sich mit der Frage auseinandersetzt, weshalb — anders als etwa von der Democratic Peace Theory (vgl. dazu den folgenden Ab schnitt zum Liberalismus) behauptet — Staaten weiterhin andere Staaten als Bedro hung für ihre Sicherheit wahrnehmen können, obwohl eine ausgeprägte ökonomi sche Interdependenz zwischen ihnen besteht. Den Grund hierfür sieht Sterling- Folker darin, dass liberale Theorien der Internationalen Beziehungen die Faktoren Nationalismus und Unilateralismus ignorieren oder als irrelevant für die Analyse erachten, weshalb diese unbedingt einen Eingang in die realistische Analyse finden müssten. In ihrem neoklassisch-realistischen Ansatz, mithilfe dessen sie sich mit den Beziehungen zwischen der Volksrepublik China, Taiwan und den Vereinigten Staaten von Amerika auseinandersetzt, argumentiert Sterling-Folker daher mit 40 Identität und gruppendynamischen Prozessen. Während Sterling-Folker auch mit Identitäten argumentiert und somit eine Schneise hin zum konstruktivistischen Pa radigma schlägt beziehungsweise Anknüpfungspunkte für den Realismus hin zur Sozialpsychologie schafft, unternimmt Lobeil (2009) den Versuch einer neoklas sisch-realistischen Modellentwicklung zur Bedrohungserkennung. Hierbei unter scheidet sich Lobells Argument dahingehend vom neorealistischen Ansatz der Mächtegleichgewichtstheorie, dass nicht nur die aggregierte Verschiebung von Macht auf der Ebene des internationalen Systems für staatliches Handeln aus schlaggebend ist, sondern vielmehr auch die Verschiebung spezifischer materieller Machtfaktoren (material capabilities) innerhalb von Staaten. Dabei können zudem unterschiedliche Sichtweisen innerhalb der außenpolitischen Exekutive bezie hungsweise der Eliten von gesellschaftlichen Schlüsselgrößen einen Einfluss auf die Bedrohungswahrnehmung eines Staates haben, was zu außenpolitischen Strategien und Entscheidungen führt, die aus Sicht neorealistischer Theorien des Mächte-, wie des Bedrohungsgleichgewichtes, abwegig anmuten. Das breite Spektrum an unterschiedlichen Elementen, welche Eingang in die jewei ligen Analysen erhalten haben, sei es Identitäten hier, Wahrnehmungen da oder innerstaatliche materielle Größen dort, zeigen, dass man im Zusammenhang mit den neoklassischen Realismus schwerlich von dem Paradigma sprechen kann, ebenso wenig existiert die neoklassische Theorie. Vielmehr handelt es sich beim Neoklassischen Realismus um eine Vielzahl einzelner Analyseansätze mit der Be mühung der Wahrung eines neorealistischen Kerns und einer auf den zu analysie renden Einzelfall bezogene eklektische Auswahl weiterer Argumente. Ähnlich wie im Zusammenhang mit dem Analytischen Eklektizismus nach Sil und Katzenstein, der noch weiter unten in diesem Kapitel behandelt wird, wird auch dem Neoklassi schen Realismus eine gewisse Beliebigkeit beim Rückgriff auf die das Paradigma des (Neo-) Realismus ergänzenden Elemente vorgeworfen. Kritik von anderer Seite am Neoklassischen Realismus geht dahin, dass die Einbindung paradigmenfremder Elemente nicht systematisch genug erfolgt und auch nicht weit genug geht. Eine außerordentlich systematische Vorgehensweise indes lässt sich zweifelsohne für den Ansatz der Münchener Schule des Realismus, den sogenannten Synopti schen Realismus, konstatieren. Seinem eigenen Anspruch nach möchte der Synop tische Realismus hierbei ein wertneutrales und zeitunabhängiges Modell zur Analy se außenpolitischer und internationaler Prozesse zur Verfügung stellen, welches systematisch Einzelaspekte untersucht, die dann zur endgültigen Analyse synop tisch zusammengetragen werden. Dem Modell liegt ein Außenpolitikverständnis zugrunde, das von einem situationsbedingten, interessenbezogenen und lernfähigen Entscheidungshandeln der Führungskräfte ausgeht, wobei die nationale Interes senwahrung bzw. -durchsetzung unter doppelseitiger Berücksichtigung sowohl in nerstaatlicher Prozesse der politischen Willensbildung als auch des Verhaltens an derer Staaten und Systeme vollzogen wird. Staaten treten anderen Staaten dabei als unitarische Einheiten gegenüber, wobei ihre Führungszentren als primäre Ent 41 scheidungsträger des Systems fungieren und dessen Verhalten sowohl im Inneren als auch nach außen bestimmen (Kindermann 1986: 27-28). Das synoptische Ana lyseverfahren dieser Realismusvariante beruht auf der sogenannten Konstellations analyse. Unter einer Konstellation wird hierbei die konkrete Beschaffenheit eines zeitlich wie regional abgrenzbaren Beziehungsgefüges zwischen Staaten oder weite ren Akteuren der Weltpolitik zum Zeitpunkt einer bestimmten historischen Situati on verstanden. Mit anderen Worten handelt es sich somit um ein multipolares Interaktionssystem, innerhalb welchen jedes System über eigene Interessen, Machtpotentiale, inner staatliche bzw. gesellschaftliche Strukturen und Wertesysteme verfügt. Da diese Strukturelemente der einzelnen Aktionssysteme für deren Verhalten innerhalb der Konstellation von entscheidender Bedeutung sind, müssen sie von System zu Sys tem zunächst einzeln und dann vor allen in ihrem Wirkungszusammenhang analy siert werden. Dies bedeutet eine kausal bewertende Korrelierung des Verhaltens aller Aktionssysteme, welche letztlich zu einem differenzierten Verständnis vom Gesamtzusammenhang der Strukturen, der Interaktionsprozesse und der Kausalitä ten einer Konstellation führt (Kindermann 1986: 133). Zur konkreten Durchfüh rung der Analyse wird zunächst die Vorgeschichte der Konstellation analysiert. In einem zweiten Schritt erfolgt die Systemanalyse. Hierbei wird das System in Teilbe reiche zerlegt und diese dann einzeln in ihrer Struktur sowie hinsichtlich ihres Zu sammenwirkens mit anderen Teilbereichen und ihrer jeweiligen Bedeutung für das Ganze untersucht. Die Wahl der Teilbereiche erfolgt durch Hypothesen über die Art und den Rang ihrer Bedeutsamkeit für das Ganze. Die Analyse einer regionalen Konstellation wird sowohl die Rahmenbedingungen der weltpolitischen Gesamt konstellation wie auch die außenpolitisch wichtigen Subsysteme innerhalb der an der Konstellation unmittelbar beteiligten Staaten zu berücksichtigen und somit makroanalytische ebenso wie mikroanalytische Ansätze zu verwenden und mitei nander zu verbinden haben (Kindermann 1986: 107f.). Auch die beteiligten Staaten selbst sind Teil der Konstellationsanalyse, wobei geo graphische, demographische, ökonomische, technologische und soziopolitische Faktoren ebenso berücksichtigt werden wie primär subsystemische Aspekte (wie parteipolitische, ethnische, religiöse Aspekte oder die innerstaatliche Struktur). Nicht zuletzt sind einzelne führende Persönlichkeiten zu berücksichtigen. Eine wei tere Analysegröße stellt das nationale Interesse dar, welches als außenpolitische In teressenlage bezeichnet wird. Dieser Begriff beinhaltet die Gesamtheit aller außen politischen Zielsetzungen, die sich abhängig von den Umständen ändern können. Der synoptische Realismus weicht somit von der Annahme des realistischen Para digmas ab, wonach es ein objektives Interesse im Sinne nur einer in jeder Situation bestmöglichen Wahl von Zielen und Mitteln staatlicher Politik gebe, die vom befä higten Staatsmann als Träger der sogenannten Staatsräson als das nationale Interes se rational erkannt werden könne (Kindermann 1986: 116f.) Ein weiterer Analyse schritt besteht in der Betrachtung von Quantität, Qualität, Reichweite und Ver 42 wundbarkeit der militärischen capabilities, den Kosten eines möglichen Einsatzes von Machtmitteln und der Glaubwürdigkeit von Bedrohungsszenarien, also der Projektionsfähigkeit von Macht (Kindermann 1986: 121f.). Ergänzend zur Analyse der internationalen Machtlage erfolgt zudem eine Normanalyse, welche die reale Situation zwischen normativem Anspruch und dem potenziellen Handeln nach Nützlichkeitserwägungen betrachtet. Nicht zuletzt sieht der Synoptische Realismus eine ergänzende Untersuchung der Perzeptionsstrukturen der beteiligten Akteure vor. Dies ist wichtig, da Ereignisabläufe und Wirkungszusammenhänge von den Beteiligten nicht völlig identisch wahrgenommen und beurteilt werden, sodass die objektive Wirklichkeit ein und derselben Ereignisstruktur von den Entscheidungs trägern daran beteiligter Aktionssysteme in subjektiven Vorstellungsbildern und Bewertungen erfasst wird, die inhaltlich voneinander abweichen, obwohl sie sich auf die gleiche Angelegenheit beziehen (Kindermann 1986: 125f.). Für die Praxis auswärtiger und zwischenstaatlicher Politik bedeutet das, dass die Vorstellungsbil der, die sich Entscheidungsträger von Sachverhalten und ihren Bedingtheiten ma chen, auch dann, wenn sie teilweise falsch sind, zu konkreten Aktionen und damit zur Schaffung neuer Wirklichkeitsstrukturen führen können. Bei der Analyse müs sen, so die Vertreter des Synoptischen Realismus, somit die hinsichtlich aller Akti onseinheiten einer Konstellation vorgenommenen Analysen ihrer jeweiligen Inte ressen- und Machtlagen durch die Untersuchung von konstellationsrelevanten Vor stellungsbildern der Akteure ergänzen. Auf ähnliche Weise ließen sich etwa Argumente des Liberalismus und des Kon struktivismus zusammenführen. So wäre etwa der konstruktivistische Analysean satz, welcher die diskursive Konstruktion beispielsweise auch der öffentlichen Mei nung aufzeigt, eine interessante Ergänzung zu den genannten liberalen Annahmen (vgl. hierzu etwa Tilly 2011: 182, sowie Haas 1999: 115 und Weller 2005a: 313ff.). Sowohl liberale als auch konstruktivistische Annahmen in diesem Punkt gehen et wa davon aus, dass sich die Dynamiken der innerstaatlichen und zwischenstaatli chen Ebene gleichen. So spricht der Liberalismus etwa von Weltöffentlichkeit und internationaler Gesellschaft, womit nicht zuletzt auch internationale Institutionen gemeint sind (vgl. etwa Czempiel 1998: 109-146; Rittberger 1993; Rittberger/Zangl 2003: 185-222), die bis hin zur Bildung eines „minimale[n] Weltstaat[s]“ (Höffe 1999) reichen können, der über die entsprechenden Mittel und Kompetenzen ver fügt, um die Einhaltung von internationalem Recht wie internationaler Sicherheit zu gewährleisten. Während der Realismus von der praktischen Persistenz einer anarchischen Struktur des Weltsystems ausgeht, gilt diese bei Liberalismus und Konstruktivismus als veränderbar. Obgleich bei beiden Ansätzen Perzeption eine zentrale Rolle spielt, werden in keinem der Paradigmen die zugrundeliegenden Wahrnehmungsmechanismen in hinreichender Form behandelt. Insbesondere fin det kein Rückgriff auf Erkenntnisse der sozialkognitiven Psychologie statt. Eine präzise Bestimmung dessen, was Wahrnehmung ist, wie sie funktioniert und welche Implikationen damit einhergehen, ist jedoch ein unverzichtbares Element bei der Durchführung der Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens. Dies gilt letztlich auch 43 für den Liberalismus, obwohl dieser, wie oben dargelegt, davon ausgeht, dass nur die innerstaatliche Systembeschaffenheit von Belang ist, nicht aber der Charakter der Systemstruktur auf internationaler Ebene. Doch lässt sich durchaus eine Bedeu tung der Systemstruktur erkennen, etwa im soziologischen ausgerichteten Libera lismus von Karl W. Deutsch und des von ihm begründeten Konzepts der Sicher heitsgemeinschaft (Deutsch 1954, 1961, 1969), welches nicht ohne Grund auch durch Vertreter des konstruktivistischen Paradigmas aufgegriffen wurde (vgl. etwa Adler 1997, Adler/Barnett 1998). Gleiches gilt mit Blick auf die für den Liberalis mus bedeutsamen ökonomischen Aspekte, wo Eigentumsrechte und Rechtssicher heit auf nationaler wie internationaler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Vor die sem Hintergrund lässt sich ein Zusammenhang von staatlichem Verhalten und Sys tembeschaffenheit erkennen, welche sich dahingehend differenzieren lässt, dass es neben der (ungezügelten) Anarchie des Realismus etwa noch eine durch Verrechtli chung gezähmte Anarchievariante gibt, die von (dem Sozialkonstruktivisten) Ale xander Wendt schließlich als Lockeanische Form der Anarchie bezeichnet wird. Zu dieser tritt schließlich noch eine Kantianische Variante (vgl. Wendt 2004 [1999], sowie Williams 2001) sowie die in verschiedene Integrationsstufen unterteilte Deutsch’sche Sicherheitsgemeinschaft hinzu. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig die Zusammenführung von bislang (weitgehend) getrennten Argumenten unter schiedlicher Paradigmen ist. Wie noch ausgeführt wird, lassen sich die Argumente der verschiedenen Paradig men sehr fruchtbar im Kontext dreier sehr grundlegender Fragestellungen zusam menführen, die ich als die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen be zeichnen möchte, und welche gleichsam als Kernelemente der hier vorgenomme nen Modellbildung fungieren. Hierbei handelt es sich um das Problem der Analyse ebenen, das Problem des Akteur-Struktur-Verhältnisses und das Anarchie Hierarchie-Problem. Greift man auf die bisher getätigten Ausführungen zurück, so zeigt sich, dass die im Rahmen unterschiedlichen Paradigmen und deren Binnendif ferenzierungen behandelten jeweils unterschiedliche Aspekte beleuchten, jedoch eine umfassende Analyse nur dann möglich wird, wenn die unterschiedlichen Per spektiven auf einem gemeinsamen Nenner zusammengeführt werden. Und dieser Nenner ist im Modell das jeweilige Basisproblem. In diesem Zusammenhang wird es somit auch möglich, Aspekte wie etwa Rationalität und deren Begrenztheit ein zubringen. So wertvoll die Öffnung des liberalen Paradigmas vom zweiten zum ersten Image auch ist, so bedauerlich ist die Reduktion der individuellen Akteure einzig auf ihre Funktion und das damit verbundene Ausblenden von Aspekten individueller Sozia lisation, Persönlichkeitstypologie etc. So werden bei der unter Anwendung von Modell III von Allison bzw. Allison/Zelikow durchgeführten Analyse der Kuba Krise die amerikanischen und sowjetischen Entscheidungen primär auf innere Mo tivationsfaktoren zurück: So habe der in seiner Eigenschaft als sowjetischer Führer sowohl seitens des ZK der KPdSU als auch der Führung der Roten Armee unter 44 Druck stehende Chrustschow entschieden, Raketen in Kuba zu stationieren, um so Führungsfähigkeit (vor allem auch) nach innen zu demonstrieren. Auch bei den von John F. Kennedy getragenen Entscheidungen seien die mit seinem Amt ver bundenen Interessen und die damit zusammenhängende Auseinandersetzung mit anderen am Entscheidungsprozess beteiligten Regierungsinstitutionen ausschlagge bend für das zwischenstaatliche Verhalten der USA gewesen. So habe Kennedy als Präsident und Führer der Demokratischen Partei darauf reagiert, dass die Republi kaner im Vorfeld der ebenfalls 1962 anstehenden Kongresswahlen die Kubapolitik zum zentralen Thema machten, wobei sie die gescheiterte Schweinebuchtinvasion als Scheitern des Präsidenten selbst darzustellen bemüht waren. Dadurch habe sich auch Kennedy genötigt gesehen, Handlungsfähigkeit und Härte (ebenfalls auch nach innen) zu demonstrieren. Die hierbei getroffene Entscheidung zugunsten ei ner Seeblockade sei nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der CIA gefallen, die Luftschläge empfohlen hatte. Gerade deswegen aber sei Kennedys Entscheidung in die andere Richtung gegangen, denn er habe seit dem Schweinebuchtfiasko der CIA misstraut. So wichtig und interessant die anhand des Modells III gewonnenen Erkenntnisse sind, werden doch zwei Dinge klar: Erstens kann das Modell nicht für sich alleine stehen und zweitens reicht bei der Integrati on von Argumenten des ersten Images in das Modell die Beschränkung rein auf Position und damit verbundener Rolle nicht aus. Letzteres wird allein schon daran deutlich, dass in der Analyse zwar mit dem persönlichen Misstrauen des Präsiden ten gegenüber einer Regierungsinstitution als wichtige Entscheidungsdeterminante argumentiert wird, dieses aber mit den Mitteln des Modells nicht begründet werden kann. Denn hierbei handelt es sich um einen Sozialisationsprozess, der jenseits der reinen Amtslogik liegt. Eine Erweiterung des Ansatzes um Identitäten sowie die Rolle individueller Sozialisation erscheint daher sinnvoll. Die erstgenannte Kritik schließt daran an, geht aber noch einen Schritt weiter. So wird bei der Lektüre von Essence of Decision deutlich, dass auch dort die Modelle II und III nicht völlig trennscharf verwendet werden. Vor diesem Hintergrund wäre zudem eine weitere Zusammenführung der Argumente beider Modelle mit zusätzlicher Ergänzung um Mechanismen und Wirkungsweisen kollektiver Sozialisation sinnvoll. Vor dem Hin tergrund der Auseinandersetzung mit den Dynamiken nicht nur großer Bürokratien per se, sondern auch von Kleingruppen innerhalb der Bürokratie aber auch im Be reich der unmittelbaren außenpolitischen Entscheidungsfindung erscheint zudem die Einbindung von Theorien aus dem Gebiet der Foreign Policy Analysis frucht bar, so etwa vor allem der Groupthink-Ansatz. Im Rahmen derartiger Erweiterun gen werden in den nachfolgenden Kapiteln dieser Arbeit auf analytisch-eklektische Weise auch die zentralen Argumente der Bürokratietheorie mit in das Modell ein gebracht. Eine derartige Weiterentwicklung beziehungsweise Einbindung der Ar gumente von Allison und Zelikow erscheinen dabei durchaus im Sinne der Auto ren. So räumten diese durchaus ein, dass die Aussagekraft der Modelle II und III eingeschränkt sei, dennoch böten diese einen Ansatz zur weiteren Erforschung von Alternativen zum klassischen Rational-Choice-Ansatz. 45 Beim Ansatz des Zwei-Ebenen-Spiels (Putnam 1988, Evans/Jacobson/Putnam 1993; vgl. ferner Milner 1992, Mayer 1992, Lehman/McCoy 1992; kritisch: Milne 2011) wird ein weiterer Aspekt des Zusammenhangs von innerstaatlicher und zwi schenstaatlicher Ebene beleuchtet. Konkret geht es um die Frage, inwiefern eine Regierung auf internationaler Ebene die nationalen Interessen durchsetzen kann. Als zentrale Determinante wird hierbei das politische System eines Landes ausge macht. Politische Eliten verhandeln auf zwischenstaatlicher Ebene, haben im inner staatlichen Bereich jedoch nur eine bestimmte Bandbreite zur Verfügung, innerhalb derer die Ergebnisse zwischenstaatlicher Verhandlungen auch realistischerweise ratifiziert werden. So benötigt die US-Regierung zur Ratifikation internationaler Abkommen etwa eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat, sodass dessen Präferenzen von den Verhandlungsführern auf internationaler Ebene berücksichtigt werden müssen. Hierbei wird diese Restriktion auch als Möglichkeit für die Regierung ge sehen, die Verhandlungen auf internationaler Ebene in ihrem Sinne zu beeinflus sen, nämlich indem sie die Beschränkungen auf der innerstaatlichen Ebene bewusst als Druckmittel auf der zwischenstaatlichen Ebene einsetzt. Durch diesen Zwei- Ebenen-Ansatz erhält das durch den Fokus auf nationaler Präferenzbildung subsys temisch ausgelegte liberale Paradigma eine systemische Komponente. Trotz der erfolgreichen empirischen Anwendung bei der Analyse so unterschiedlicher Berei che wie etwa den Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll (Tilly 2011) oder zum bra silianischen Schuldenabkommen von 1988 (Lehman/McCoy 1994), der Uruguay Runde (Paarlberg 1997), den Verhandlungen zur NAFTA (Valverde 1996), den Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern in Oslo 1993 (Lie berfeld 2008), den SII-Gesprächen zwischen den USA und Japan (Schoppa 1993), Verhandlungen zwischen IWF und Mexiko bzw. Argentinien (Barria 2000) ebenso wie den Gesprächen zwischen Taiwan und der Volksrepublik China (Yun Chen 2012) und den Unterschieden bei der Wirkung von präsidentiellen und parlamenta rischen Regierungssystemen (Pahre 1997), gab es seit Putnams Modellentwicklung immer wieder Vorschläge und Versuche, den Ansatz zu modifizieren beziehungs weise zu erweitern. Eine Richtung hierbei war, die öffentliche Meinung als Ein flussgröße näher zu untersuchen und das Modell um diese Größe zu ergänzen (vgl. etwa Trumbore 1998). Im Zusammenhang mit öffentlicher Meinung führten Shamir und Shikaki (2005) zudem die Größe der nationalen Identität in das Modell ein und verwiesen auf sowohl auf die Problematik der Vielgestaltigkeit der öffentlichen Meinung als auch auf ihrer Anfälligkeit für Framing. LeGrande (1998) behandelte den Zusammenhang von Lobbyismus und öffentli cher Meinung im Zwei-Ebenen-Spiel. Dabei zeigte er auf, wie Lobbyismus außen politische Entscheidungen, die drohende Krisen abwenden könnten, verhindern kann. Erst wenn in der bestehenden Krise der Druck der öffentlichen Meinung zu groß wird, kann der Einfluss der Lobby gebrochen werden. Mo (1994) postuliert eine höhere Eigenständigkeit und stärkere Interessendurchsetzung der Verhand lungsführer auch auf der innerstaatlichen Ebene. Mos Modell versucht dabei vor allem die innerstaatlichen Prozesse, Verhandlungen und Koalitionsbildungen of 46 fenzulegen. Krell und Shogren (2008) entwickeln vor dem Hintergrund der Frage, wie innerstaatliche Beschränkungen auf nationale Beiträge zu Abkommen über öf fentliche Güter wie etwa im Bereich Klimawandel wirken, ein auf Putnam basie rendes Modell um Komponenten eines zweidimensionalen Nicht-Nullsummen Konfliktmodells, und gelangen zur Erkenntnis, dass zwei Arten von Two-Level- Games zu unterscheiden sind. Während Ratifikationsspiele, die charakteristisch für präsidentielle Systeme sind, zu keinen höheren nationalen Beiträgen führen als in einem Vergleichsspiel ohne innerstaatliche Beeinträchtigungen, sind höhere Beiträ ge als im von innerstaatlichen Beeinträchtigungen freien Vergleichsspiel, bei Wahl spielen, wie sie für parlamentarische Regierungssysteme typisch sind, regelmäßig der Fall. Weitere Modifikationen wurden etwa von Iida (1993) im Bereich der Ana lyse von Informationsasymmetrien auch auf innerstaatlicher Ebene sowie von Damro (2006) hinsichtlich der Frage von nichtvertraglichen und somit nicht ratifi zierungspflichtigen internationalen Abkommen, vorgenommen. Vor Hintergrund der bisherigen Auseinandersetzung mit Putnams Theorie wird deutlich, wie wichtig nicht nur innerstaatliche Größen und ihr Zusammenspiel mit der internationalen Ebene bei der Analyse außenpolitischer Entscheidungen sind, und wie wichtig auch die Fortbildung bestehender theoretischer Ansätze ist. Wenn gleich die hier erwähnten Ansätze zur Modellmodifikation dazu beitragen, einzelne namentlich innerstaatliche Prozesse zu erhellen und das Zwei-Ebenen-Modell aus sagekräftiger zu machen, wird doch kritisiert, dass es noch immer an einer hinrei chenden Vernetzung der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Ebene mangelt. So verweist etwa Uriu (1998) im Kontext seiner Auseinandersetzung mit den Per spektiven japanischer Außen- und Sicherheitspolitik darauf, dass die beiden Ebenen aller Entwicklungen zum Trotz, nicht hinreichend verzahnt seien, und der Fokus nach wie vor zu sehr auf eine Analyseebene beschränkt sei. In seiner Arbeit über die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran weist Bakhtar (2003) zurecht daraufhin, dass die wesentliche Beschränkung von Putnams Ansatz derjenige sei, dass das Modell auf die Analyse von Verhandlungen beschränkt sei. Bakhtar unter nimmt daher den Versuch, Putnams Modell so umzugestalten, dass es auf jegliche staatliche Interaktion anwendbar wird. Eine weitere Herausforderung an Putnams Modell stellte sich angesichts der vielfachen Regionalisierungstendenzen in ver schiedenen Regionen der Welt. Namentlich die Entwicklungen im europäischen Integrationsprozess führten zu einer Erweiterung des Zwei-Ebenen-Ansatz hin zu einem Drei-Ebenen-Modell, welches die innerstaatliche, die zwischenstaatliche Ebene innerhalb eines regionalen Zusammenschlusses und schließlich die globale Ebene berücksichtigt (vgl. etwa. Patterson 1997, Falkner 2002, Bonvicini 2008). Die bisherigen Anwendungen analysieren verschiedene EU-Abkommen, wie etwa das Open-Skies mit den USA (Serar 2008), das Freihandelsabkommen mit Südko rea (Constatinou 2008), das Abkommen zwischen EU und MERCOSUR (Moix 2008), das Energy Charter Transit Protocol zwischen der EU und Russland (Gusacenko 2008), das Cartagena Protokoll zur Biosicherheit (Glaser 2008), den sogenannten Bra War zwischen der EU und China, bei dem es um den Textilhan 47 del ging (Marangoni 2008, Lundstedt 2009) und dem Handelsabkommen zwischen der EU und Südafrika von 1999 (Frennhof-Larsen 2007) sowie zwischen EU und der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (Hentz 2008). Auch Verhandlun gen zwischen EG/EU und WTO (Leon-Arcas 2004), der transatlantische Streit über staatliche Subventionen für Flugzeughersteller (Kosremelli 2008), Verhand lungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland um den amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Thule (Archer 2003) sowie der Fischereikonflikt zwischen Irland und Norwegen (Leaver 2008) wurden mit dem um eine Ebene erweiterten Modell analysiert. Die Erweiterung des Modells um eine regionale Analyseeinheit erscheint angesichts der realhistorischen Entwicklungen äußerst sinnvoll und er weist sich mit Blick auf die Auseinandersetzung der hier unternommenen Modell bildung als in hohem Maße kompatibel. Dies gilt nicht zuletzt hinsichtlich der be reits oben angesprochenen Basisprobleme. Denn nur durch ein Aufgreifen und Einbinden der regionalen Ebene und ihrer spezifischen Entscheidungslogiken kann eine zwischenstaatliche Analyse anhand der einzelnen Anarchievarianten erfolgen. Die in der wissenschaftlichen Literatur bereits erkennbare abermalige Weiterent wicklung des Modells von Putnam hin zu einer Vier-Ebenen-Analyse (vgl. etwa Wei 2008) weist genau in jene Richtung, welche im Rahmen der hier unternomme nen Modellbildung eingeschlagen wurde. Denn bei diesem Ansatz wird auch neben der Ebene innerstaatlicher Gruppen auch die individuelle Analyseebene wieder auf gegriffen. Neben der Frage um die Bedeutung des Disziplin Internationale Beziehungen als solche, stellt sich im Rahmen der Debatte aber auch die Frage nach dem bei Debat ten immer mehr in den Hintergrund getretenen Aspekt des Theorie-Empirie Konnexes (vgl. etwa Butler 2010). Der Ansatz, auf beide Fragen eine Antwort zu finden, würde in der Einbeziehung jener Aspekte liegen, welche von den etablierten Paradigmen bislang ausgeblendet worden waren (vgl. etwa Diez/Steans 2005, George 1989). Allerdings stellten auch die Vertreter des Reflektivismus in den In ternationalen Beziehungen keine kohärente unitarische Größe dar, sondern zerfie len in eine breite Spanne, die vom Post-Modernismus über den Feminismus und die Kritische Theorie bis hin zu radikal konstruktivistischen Ansätzen reichte (vgl. etwa Smith/Owens, 2008, Hobden/Wyn Jones 2008 151, Barnett 2008: 162f.). In dem die Bedeutung eines interpretativen Zugangs in besonderem Maße betont wurde, wurde regelmäßig auch die unbedingte Einbindung von Normativität in die Analyse der internationalen Beziehungen als notwendig erachtet (vgl. etwa Devetak 2001a: 198f, Kurki/Wight 2010: 24f.). Speziell in diesem Zusammenhang — aber keineswegs ausschließlich — ist dabei der Rückgriff auf Gedanken der Frankfurter Schule und speziell auf diejenigen von Jürgen Habermas erkennbar: Der normative Anspruch an die neue Theorieentwicklung in den Internationalen Beziehungen soll te bewusst einer erhöhten Autonomie dort dienen, wo der Szientismus zur erhöh ten Kontrolle des Menschen beigetragen hatte, indem das humanistische durch ein technologisiertes Menschenbild verdrängt worden war (vgl. zur Bedeutung der Frankfurter Schule und insbesondere Habermas etwa Hofmann 1987, Deitelhoff 48 2005, Dietz 2005, Haacke 2005, Hutchins 2005, Linklater 1998 und 2005, Weber 2005; hinsichtlich der primär rezipierten Werke vgl. etwa Habermas 1986a, 1986b, 1989, 1993). Neben Habermas Diskursethik dienten vor allem die Theorie des kommunikativen Handelns und seine Gedanken im Bereich der Kognition als wichtige Ausgangspunkte für eine kritische Theoriebildung im Bereich der Interna tionalen Beziehungen (vgl. etwa Ashley 1981: 207ff., Rengger 1988, 1990; vgl. fer ner Cox 1981, 1986: 206ff.). Indem Habermas dabei auch maßgeblich als Grundla ge für das aufkeimende sozialkonstruktivistische Denken in den Internationalen Beziehungen diente, leitete er die reflexive Wende direkt in die konstruktivistische Wende über (vgl. etwa Neufeld 1991, Risse 2000, Deitelhoff/Müller 2005; vgl. zur konstruktivistischen Wende selbst zudem Finnemore 1996, Klotz 1995, Katzen stein 1996 sowie Checkel 1998 und Hülsse/Spencer 2008). Zugleich wurde dieser Prozess begleitet von einer auf der schon deutlich früher vollzogenen linguistischen Wende in der Philosophie (etwa Rorty 1967) basierenden kommunikativen Wende (vgl. hierzu etwa Albert et.al. 2008). In diesem Zusammenhang wurde die Theorie der Internationalen Beziehungen ins gesamt angereichert durch die zumindest punktuelle Berücksichtigung von kultur spezifischen Aspekten, wobei Ethnizität und soziales Geschlecht — verstanden als soziale Konstrukte — in für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens nutzbar gemacht werden sollten. Daneben wurde insbesondere der Faktor Religion als Ein flussvariablen auf zwischenstaatliche Entscheidungsprozesse in den Diskurs einge bracht.12 Die sich vor diesem Hintergrund manifestierende kulturelle Wende (Cultural Turn) in den Internationalen Beziehungen war dabei vor allem charakterisiert durch eine Öffnung hin zu Ideen von Nachbardisziplinen wie Anthropologie, Kul turwissenschaften, Postkolonialismus, Soziologie und Mentalitätsgeschichte (vgl. etwa Burke 2004: 6, Mandler 2004: 95, Jackson 2008: 159; Alexander/Smith 2010). Kulturspezifische Ansätze im Bereich der Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen (vgl. etwa Lebow 2009, Oenen 2010) öffneten das Tor zu einem bes seren Verständnis der Rolle von Kultur als Werkzeug internationalen Handels, wo Kultur als Mittel zum Zwecke staatlicher Interessenpolitik eingesetzt wird (vgl. et wa Irye 2004, Gierow Hecht 2004), zur Analyse von Kultur außerhalb des Akteurs Staat (etwa in Form von Individuen oder NGOs; vgl. hierzu etwa Iriye 1997) und vor allem zum Einsatz von Kultur als gleichsam interpretatives Rahmenwerk und Analysewerkzeug zur Analyse internationalen Verhaltens (vgl. etwa Jackson 2008). Deutlich erkennbar tritt auch hier der Einfluss des Spät- und Poststrukturalismus zutage, wie ihn Michel Foucault, Richard Rorty oder Jacques Derrida vertreten, wie insbesondere der Fokus auf Diskurs und insbesondere auch Sprache (in einem wei ten Verständnis) als Ausdruck der Kultur zeigt. Kultur wird dabei gleichsam als Syntax oder Software für jegliche Interaktion verstanden — auch auf zwischenstaat licher Ebene (vgl. etwa Stephanson 1994, Hesse 2004, Trachtenberg 2006, Hunt 12 Zur in diesem Zusammenhang stehenden sog. Religiösen Wende in den IB vgl. Kubalkova (2009). 49 2004, Vaugham-Williams 2005). Aus Sicht eines kulturbasierten Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen ergibt sich somit folgende Erkenntnis: ,,[T]he international sphere springs from culturally constructed beliefs about the world“ (Jackson 2008: 157; vgl. ferner Brewer 2003). Aber die konstruktivistische Wende ging dabei nicht nur Hand in Hand mit einer kulturellen Wende, sondern wurde zudem von einer Neuorientierung auch der tra ditionell für die Internationalen Beziehungen bedeutenden Geschichtswissenschaf ten begleitet (vgl. etwa Appleman Williams 1959, 1969, Joll 1968, 1992, Watt 1965, 1987, Steiner 1969, Thorne 1978, 1988, Dower 1987, zudem Roberts 2006 und fer ner DiMuzio 2012). Auch dort entwickelte sich eine Denkrichtung, welche auf die Betrachtung des Diskurses bei der Konstruktion spezifischer Wirklichkeitsreprä sentationen abzielte. Mit Blick auf die Vertreter eines historisch orientierten Ansat zes der Diskursanalyse internationaler Beziehungen zeigt sich, dass etwa die Rolle von Akteuren bei der Schaffung historischer Fakten, das Konzept der Vergangen heit sowohl als Bereich der Contingency als auch der Volition und Notwendigkeit untersucht wird. Ferner spielen die Bedeutung von Chronologie, Sequenz und Dauer eine zentrale Rolle beim Versuch, Prozesse zu verstehen und zu erklären, weshalb eine Handlung wahrscheinlicher wurde als eine andere. Dabei wird das historische Narrativ stets als interpretativer Akt einer sozial konstruierten Reprä sentation verstanden (vgl. hierzu etwa Dunne 1998, Smith 1999, Schmidt 1999, Ashworth 1999, Molloy 2006). Die beschriebenen Wenden haben zu einer wichti gen Bereicherung der Analyseansätze in den Internationalen Beziehungen beigetra gen, etwa indem die Vielzahl von Verbindungen von Kultur, Geschichte und ande ren Komponenten der sozialen Welt auch für den zwischenstaatlichen Handlungs kontext hergestellt wurde (vgl. etwa Arnason 2010), wodurch zumindest eine wich tige Grundlage für eine Erweiterung und Vertiefung der Analysefähigkeit des Fa ches geschaffen wurde (vgl. etwajackson 2008, van Veeren 2009). Zugleich bleiben bis heute wichtige Fragen unbeantwortet. So erscheint Kultur in vielen Fällen als unzureichend operationalisiert und somit unscharf, auch wird nicht deutlich, wie genau Kultur als Variable oder Determinante auf individuelle beziehungsweise kol lektive Entscheidungsprozesses einwirkt. Nicht selten zeigt sich auch eine Überbe tonung von oder gar einseitige Beschränkung auf Kultur, Geschichte etc., je nach der Ausrichtung des einzelnen Wissenschaftlers an einer spezifischen Denkschule, was wieder auf eines der zentralen Grundprobleme der Internationalen Beziehun gen verweist, nämlich den Zerfall der dortigen Theorielandschaft in einen Hyper Pluralismus. Statt zu einer Konsolidierung kam es letztlich nur zu einem weiteren Anstieg der Zahl der Paradigmen und Erklärungsansätzen, die sich jedoch weiterhin zumeist streng voneinander abgrenzten und, wie schon zuvor, auf nur wenig konstruktive Weise miteinander konkurrierten. Angesichts der in diesem Kontext auftretenden allzu intensiven Nabelschau der einzelnen Paradigmen, der häufig zu erkennenden Selection Bias bei theorietestenden Arbeiten, bei denen weniger der Erkenntnisge 50 winn als die Bestätigung des eigenen Paradigmas um jeden Preis handlungsleitend war, und des Verstrickens in epistemologischen und ontologischen Dauerdebatten entstand etwa bei Owen (2002) nicht gänzlich unbegründet der Eindruck, dass sich die Internationalen Beziehungen immer mehr einem „threat o f theoreticism“ (653) gegenüber sehe, ein Trend der nicht zuletzt auch bewirkte, dass sich viele empirisch arbeitenden Forscher auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen weitgehend von Theorien verabschiedet haben und empirische Phänomene eher beschreibend erklärten als sie streng an konkrete Theorien zurückzubinden. Das wiederum führte jedoch zu einer zwar nicht das Feld dominierenden, doch aber verschiedentlich deutlich erkennbaren Dissoziation des Theorie-Empirie-Konnexes (vgl. etwa Bür ger 2008). Eigenständige Theorieentwicklung in den Regional-, Sub- und 'Nachbardisziplinen Die Entwicklung hin zu einer zunehmend heterogenen Theorielandschaft innerhalb der Internationalen Beziehungen wurde zudem durch einen weiteren Faktor ver stärkt: Ausgehend von der zusehends umstrittenen Dominanz von aus der USamerikanischen Forschung hervorgegangenen Theoriekonzepten (vgl. etwa Krip pendorf 1987; Smith 1987), hat sich eine vom Postkolonialismus beeinflusste, nicht selten anti-westlich geprägte Bewegung innerhalb der Internationalen Beziehungen gebildet, welche die vorherrschenden Erklärungsansätze, klassische wie auch kriti sche, als eurozentrisch und somit nicht nur ungeeignet zur Analyse nicht-westlicher Kontexte ablehnt (vgl. etwa Seth 2011), sondern zum Teil sogar als Instrument zur Festigung westlicher Hegemonie betrachtet (vgl. etwa Hobson 2008; Buzan 2007). Ihr emanzipatorischer Ansatz koinzidiert mit einem vergleichbaren Trend regiona ler Theoriebildung in nicht-westlichen Gesellschaften, insbesondere in Asien (vgl. etwa Choi 2008; Igonuchi 2007, 2008; Ong 2004; Qin 2007), welche nicht zuletzt durch die realhistorischen Veränderungen des internationalen Systems seit 1989 stimuliert wurde (vgl. Wtever 1998: 688, Snrensen 1998) und Hand in Hand mit wachsenden Dominanzansprüche aufstrebender Mächte geht (vgl. Qin 2007: 313). Daneben existieren aber auch solche Ansätze, welche die Rolle eines spezifischen Staates als so besonders einschätzen, dass ein eigener Theorieansatz als erforderlich postuliert wird, um die internationalen Beziehungen im Kontext jenes Staates — und nur dieses — erklären zu können (vgl. etwa Lennox 2010). Erkennbar ist hier also nicht so sehr eine Emanzipierung von traditionellen Theorieansätzen im Sinne ei ner durchaus begrüßenswerten kritischen Weiterentwicklung des bestehenden Wis sens, das dabei den prinzipiellen Anspruch nach universeller Erklärungskraft auf rechterhält, sondern vielmehr die Entwicklung von Theorien, welche nur noch die regionalen Gegebenheiten berücksichtigen. Das hierbei entstehende Problem ist eine Entgeneralisierung der Theorie der Internationalen Beziehungen und damit ihres (trotz der den einzelnen Paradigmen jeweils spezifischen epistemologischen und ontologischen Beschränktheit) Anspruchs, universelle Gesetzmäßigkeiten für 51 das internationale Staatensystem zu erkennen, welche ihrem Wesen nach auch überall, wo es zu zwischenstaatlichen Interaktionen kommt, Geltung besitzen sol len. So wünschenswert und notwendig es ist, etwa kulturräumliche Spezifika zu be rücksichtigen, so sehr erforderlich ist es zugleich, darauf zu achten, dass eine Theo rie — zumindest dem Prinzip nach — überall im internationalen System Erklärungs kraft entfalten kann. Dies ist aber nur möglich, wenn derartige Spezifika als Variab len in einem breiter angelegten Theorieansatz erscheinen und es nicht zu einer rein regionalisierten Theorie der Internationalen Beziehungen kommt. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass Theorien entwickelt werden, welche mate rielle wie ideelle Faktoren regionaler Diversität besser berücksichtigen, Ansätze der Regional- und Area-Studies mehr in die Kern-Theoriebildung im Bereich der IB integrieren und die Rolle, welche nicht-westlichen Ideen sowohl bezüglich konkre ter Akteure als auch im Kontext der grundsätzlichen Epistemologie der IB-Theorie mehr Gewicht beimessen. Nicht ohne Grund waren es gerade diese Punkte, die von Achariya (2011: 619) als künftige Gegenstände der Erforschung eingefordert wurden. Und auch die Einsicht von Seth weist in diese Richtung, wenn er hinsicht lich des Konflikts von konventionellem Universalismus und nicht-westlich emanzipatorischem Regionalismus der Theorieentwicklung zum Schluss gelangt, dass “ [t]he conclusion to be drawn is neither that a recalcitrant reality must be forced into these cate gories, nor that these categories are ‘merely’ Western and must be supplemented or replaced by an Indian social science, a Chinese one and so on. Postcolonial writings, working at the junction o f a keen awareness o f this empirical mismatch, on the one hand, and with a receptivity to the linguistic turn and to poststructuralist insights, on the other, have been especially open to the idea that knowledge may serve to constitute the worlds that they purportedly ‘represent’, ‘m irror’, ‘render’ or ‘portray’.” (Seth 2011: 181) In diesem Sinne muss es darum gehen, die bestehende Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen dahingehend weiterzuentwickeln, dass auch Faktoren wie Kultur berücksichtigt werden und speziell auf der Ebene der Akteursanalyse in die Bildung neuer Ansätze auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Bezie hungen eingehen. Dass ein solches Ansinnen nicht auf Grundlage nur eines Para digmas erfolgen kann, erscheint hierbei einleuchtend. Vielmehr gilt es, die Er kenntnisse etwa sowohl der kulturell-konstruktivistischen Wende als auch eher tra ditioneller Paradigmen pragmatisch auf ihre Kommensurabilität hin zu untersuchen und darauf basierend neue Analyseansätze zu entwickeln. Das ist umso bedeutsa mer als es weiteren Autonomisierungsbestrebungen auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Beziehungen entgegenzuwirken gilt, soll die Disziplin nicht ir gendwann Opfer eines Theoriepartikularismus werden. So wünschenswert es etwa ist, spezifische Aspekte mehr in die Theoriebildung einzubinden, so problematisch ist es auch, diese Faktoren gleichsam losgelöst von größeren theoretischen Zu sammenhängen zu betrachten. Bereits oben wurde darauf hingewiesen, dass die Einbindung eines adäquat und differenziert operationalisierten Kulturbegriffs eine signifikante und letztlich unumgängliche Bereicherung der Theorie der Internatio 52 nalen Beziehungen darstellen würde. Zugleich erscheint es wenig sinnvoll, Aspekte wie Kultur oder Religion als eigendynamische Prozesse darzustellen und dabei an dere zwischenstaatliche Dynamiken zu marginalisieren oder ganz außen vor zu las sen, wie dies etwa bei Lebow (2008) hinsichtlich des Faktors Kultur oder bei Snyder bezüglich des Aspekts Religion (vgl. Snyder 2011; Sandal 2011) geschieht, aber keineswegs auf diese Aspekte beschränkt ist (vgl. etwa S0rensen 1998). Analog trifft diese Erkenntnis ferner auf die zusehende Autonomisierung ganzer Subdisziplinen der Internationalen Beziehungen zu, wie sie etwa im Falle der Außenpolitikanalyse (Foreign Policy Analysis, FPA; vgl. hierzu etwa Ripley 1993) oder der Internationa len Politischen Ökonomie (IPÖ) zu erkennen ist. Hier zeigt sich nicht nur immer wieder eine teils dezidierte Abkehr von theoretischen Konzepten der traditionellen Theorien der Internationalen Beziehungen, sondern von der Disziplin selbst. Häu fig dominiert ein fachliches Selbstverständnis, das sich als nicht nur losgelöst von den Internationalen Beziehungen versteht, sondern sich diesen analytisch sogar als überlegen perzipiert, wie etwa die nachfolgende Aussage von Susan Strange (1994: 218) illustriert: „The whole point o f studying international political economy rather than international relations is to extend more widely the conventional limits o f the study o f politics, and the conventional concepts o f who engages in politics, and o f how and by whom power is exercised to influence outcomes. Far from being a subdiscipline o f international relations, IPE should claim that interna tional relations are a subdiscipline o fIPE .” Neben dieser sukzessiven Verselbständigung bestehender Subdisziplinen gibt es zudem eine verstärkte Herausbildung neuer Unterdisziplinen, wie etwa der Global Governance (vgl. etwa Rosenau 1995, Matthews 1997, Slaughter 1997, Keck/Sikkink 1998, Kraser 2001, Cutler 2002, W olf 2009) oder der Internationalen Sicherheitsstudien (ISS; vgl. etwa Krause/Williams 1997; Booth 2005; Buzan/Hansen 2009; Wibben 2011), welche zwar sehr wertvolle Einsichten in ein zelne Aspekte zentraler Größen der Internationalen Beziehungen hervorbringen, jedoch allzu oft und in steigendem Maße eine Rückbindung an die Theoriebildung im Kernbereich der Internationalen Beziehungen vermissen lassen. Dies führt zu Problemen sowohl im Bereich der Internationalen Beziehungen als auch der neuen Subdisziplinen selbst. Mit Blick auf die Internationalen Sicherheitsstudien etwa zeigt sich, dass beispielsweise als Folge des sogenannten Versicherheitlichungs- Ansatzes (Securiti^ation) potenziell jeder Gegenstandsbereich und jede Policy als re levant für die nationale Sicherheit und somit zum Objekt der Internationalen Be ziehungen gemacht werden kann, ohne aber, dass innerhalb der ISS dann eine sys tematische Vernetzung mit bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen vorgenommen würde. Zumeist bleibt der Hinweis auf entsprechende Möglichkei ten auf den Theorieteil einschlägiger Lehrbücher beschränkt. Andererseits versäu men es auch die theoriebildenden Akteure innerhalb der Internationalen Beziehun gen selbst, theorierelevante Erkenntnisse der ISS systematisch einzubinden, wie es sich etwa im Bereich der Operationalisierung so zentraler Begriffe wie nationale Sicherheit und nationales Interesse anböte. Ebenso blieb bislang die Frage unbe 53 antwortet, wie sich Konzepte wie Regime Security, Societal Security oder 'H.uman Security systematisch in Theorien und theoriebasierte Analysekonzepte einbinden lassen, um zu einer aussagekräftigeren Erklärung etwa für die Beziehung der Variablen nationale Sicherheit, nationales Interesse, Bedrohungswahrnehmung und konkretes nationales Handeln zu gelangen. Vor diesem Hintergrund erscheint es als geboten, etwa das sich immer weiter lösende und eigenständig entwickelnde Feld der ISS zumindest im Bereich der Theoriebildung stärker an die Kerndisziplin zurückzu binden, insbesondere um die Erklärungskraft künftiger Theorieansätzen zu stärken. Insgesamt ist es somit unumgänglich, auch die in den sich entwickelten an die In ternationalen Beziehungen angelehnten, sich jedoch zumindest in Teilen als au tonom wahrnehmenden Bereichen entwickelten Zugänge prinzipiell zu berücksichtigen. Das betrifft in besonderem Maße die Außenpolitikanalyse (For eign Policy Analysis, FPA), die sich als eigenständige Größe auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen etabliert hat und bemüht war, erste Ergebnisse der sogenannten kognitiven Revolution aufzugreifen und für die Analyse außen politischer Prozesse nutzbar zu Machen (vgl. etwa Hudson/Vore 1995: 209 ff.). Dabei sollten aber nicht nur die persönlichen Eigenschaften der Entscheidungsträ ger Berücksichtigung finden, sondern ebenso kontextbildende Diskurse, Problem repräsentationen und Lernprozesse sowie Bürokratie, Gesetzgebung, Opposition, innenpolitische Zwänge etc. (vgl. etwa Beasley/Ripley 1995; Simon 1985; Lane 1990: 927; Hudson/Vore 1995: 211). Anders als bei traditionellen Ansätzen der Theorie der Internationalen Beziehungen liegt — der Ekenntnis folgend, dass „decision-making processes determine the content o f foreign policy“ (Alden 2012: 31, Hervorhebung im Original) — der Fokus bei der Außenpolitikanalyse nicht auf den Ergebnissen des Politikprozesses, sondern auf dem Prozess der Politikentwicklung selbst. Zentral dabei ist der Analyseansatz des sogenannten Foreign Policy Decision Making (FPDM), welcher in Gestalt dreier Paradigmen auftritt (vgl. hierzu etwa Mintz et. al. 1994), und Elemente der kognitiven Psychologie ebenso aufgreift wie Linguistik und den Ansatz der historischen Analogie (vgl. etwa Shimko 1994). Das erste Paradigma basiert dabei auf dem klassischen bzw. rationalen Modell, das ursprünglich von Neumann und Morgenstern (vgl. etwa Neumann/Morgenstern 1944) zur Erklärung mikroökonomischer Entscheidungen entwickelt wurde. Das zweite Paradigma hingegen gründet auf einer kybernetischen Perspektive, deren Basis vor allem die frühen Arbeiten Herbert Simons (vgl. insbesondere 1957; 1959) zur Problematik der begrenzten Rationalität (Bounded Rationality; vgl. zu diesem Konzept zudem etwa Faber 1990; Kahnemann 2003; Klaes 2003; Grüne 2007) dar stellen. Die im Laufe der Zeit, insbesondere im Kontext von Entwicklungen auf den Gebieten der Psychologie und Neurologie gewonnenen Erkenntnisse machen den Ansatz der Bounded Rationality, wie weiter unten noch ausführlich dargelegt wird, für die hier vorgenommene Theoriebildung in besonderem Maße interessant. Mintz und Kollegen schließlich entwickelten bestehende Ansätze fort und entwar fen mit dem poliheuristischen Entscheidungsmodell schließlich einen dritten 54 grundlegenden Theorieansatz (vgl. Mintz et. al. 1994; Mintz/Geva 1997), der seit her etliche empirische Anwendungen erfahren hat (vgl. etwa Dacey/Carlson 2004; James 2005; Sandal 2011; etwa Mintz 1993, 2005; DeRouen 2001, 2003; Taylor- Robinson/Redd 2003; Redd 2005; Brule 2005; James/Zhang 2004; Kinne 2005; Astorino-Courtois/Trusty 2000; Sathasivam 2003; Maleki 2002; Clare 2003; Mintz/Mishal 2003) und auch Versuchen der Weiterentwicklung unterzogen wurde (etwa Dacey/Carlson 2004; vgl. ferner Stern 2004). Nicht zuletzt, weil die poliheuristische Analyse ihrem Selbstverständnis nach bestrebt ist, den Graben zwischen kognitiven und rationalen Entscheidungstheorien zu überwinden (vgl. Mintz 2004) gilt sie mittlerweile als bedeutendster Ansatz des FPDM. Konkret besteht der poliheuristische Analyseansatz aus einem zweistufigen Modell. Auf der ersten Stufe reduziert der Entscheidungsträger auf Grundlage spezifischer Heuristiken und ei nem nichtkompensatorischen Prinzip folgend alle offensichtlich unerwünschten Entscheidungen, ohne dass dabei bereits Trade-Offs, Opportunitätskosten oder dergleichen berücksichtigt würden (vgl. etwa Mintz, 1993, 2003, 2004a; Payne/Bettman/Johnson 1993; Mintz/Geva, 1997; Mintz/Geva/Redd/Carnes 1997; Kinne 2005; Redd 2005). Sobald die potenziellen Wahlmöglichkeiten auf jene prin zipiell akzeptable Auswahl verringert wurden, geht der Entscheidungsträger auf der zweiten Entscheidungsstufe zu einem Auswahlverfahren über, in welchem er auf rational-analytische Weise versucht, aus den verbliebenen Alternativen jene auszu wählen, bei der das Risiko minimiert und zugleich der Nutzen maximiert werden kann. Während also der erste Auswahlschritt kognitiven Entscheidungslogiken folgt, ist der zweite charakterisiert durch Prinzipen von Rational Choice bezie hungsweise Public Choice (Vgl. etwa Dacey/Carlson 2004; Mintz 2004; DeRouen/Sprecher 2004). Insgesamt zeigt sich beim poliheuristischen Ansatz allerdings, dass zwar kognitive wie rationale Faktoren sowie deren Interaktion berücksichtigt werden, der Ansatz jedoch zugleich auch unter der Verengung auf die Analyseebe ne des individuellen Entscheidungsträgers leidet. Die Bedeutung etwa innenpoliti scher Faktoren oder aber von Wesen und Struktur des internationalen Systems bleibt bei weitem zu wenig berücksichtigt. Dieser Umstand tritt nicht zuletzt in Kinnes Studie zur Entscheidungsfindung in autokratischen Regimen (Kinne 2005) sehr deutlich zutage, obwohl dieser durchaus bemüht ist, einige der aufgeführten Probleme zu heilen. In der angeführten Studie geht Kinne von der für die poliheuristische Entscheidungstheorie zentrale Annahme aus, dass die wichtigste Größe für die politische Führung eines Staates deren eigenes politisches Überleben ist. Al lein schon diese Annahme kann jedoch nicht ohne Kritik bleiben (vgl. hierzu Stern 2004 und weiterführend Walker 1995; Preston 2000; Hermann 2001; Jones 2002; Kowert 2002). Zudem mutet eine derartige Aussage angesichts der weitgehenden Beschränkung des poliheuristischen Ansatzes auf die individuelle Analyseebene als untertheoretisiert an, weil zu wenige weitere unabhängige beziehungsweise interve nierende Variablen berücksichtigt werden. Dennoch weist die Studie zumindest auf den wichtigen Aspekt hin, dass sich sowohl die Bedeutung dessen, was das Politische ausmacht als auch das, was die Bewertung der politischen Führung ausmacht, sich 55 signifikant von einem Land zum anderen unterscheidet, was mögliche Variationen im Verhalten politischer Führungen erklärt. Hieran werden zwei wichtige Erkenntnisse deutlich: Der Kontext spielt eine wich tige Rolle bei der Entscheidungsfindung und dieser variiert von Staat zu Staat. Kin ne beschränkt diese Variation dabei jedoch auf die verschiedenen Regimetypen, die den autokratischen Staat charakterisieren können, ohne dabei weitere mögliche Va riablen zu berücksichtigen. Zwar lässt sich eine Erweiterung der individuellen Ana lyseebene erkennen, indem gewisse Elemente der inneren Staatsstruktur Berück sichtigung finden, jedoch geht diese nicht weit genug, weil wichtige Variablen wie kulturelle Prägefaktoren nicht in die Analyse eingehen. Auch erfährt die zentrale individuelle Analyseebene dahingehend eine Beschränkung, dass auch dort wesent liche Sozialisationsfaktoren außen vor bleiben. Insgesamt lassen sich noch einige weitere Probleme des für die FPA so wichtigen Theorieansatzes ausmachen: So sagt das poliheuristische Paradigma etwa nichts darüber aus “how decision units are formed in real-world settings” (Stern 2004; vgl. hierzu zudem Stern 1999; Stern/Sundelius 2002; Hermann 2001). Ferner wird kontextualen und institutionel len Faktoren zu wenig Bedeutung beigemessen. Zu Recht kritisieren Alden und Aran (2012: 28), dass „poliheuristic theory leaves open issues such as the nature and impact o f a given decision-making structure, which essentially is depicted by Mintz as unitary“. Darüber hinaus wird die Entstehung von Präferenzen als gege ben betrachtet, sodass diese als losgelöst von historischen oder strukturellen Kon texten angenommen werden (vgl. Alden/Aran 2012: 29, 110f.). Zudem ist der po liheuristische Ansatz nicht darauf ausgerichtet, darzulegen, weshalb ein spezifischer Sachverhalt als Krise bewertet wird oder nicht, obwohl dieser Aspekt einen wesent lichen Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess hat (vgl. hierzu etwa Bre cher 1993; Stern 1999, 2004; Eriksson 2001). Dieser Aspekt gewinnt an Bedeutung, wenn die Frage weitergeführt wird, ob eine Situation als Bedrohung für das natio nale Interesse empfunden wird, ein Aspekt, der im poliheuristischen Paradigma ebenfalls fehlt. Und ebenso wenig vermag der Ansatz zu erklären, weshalb ein Ent scheidungsproblem vom Entscheidungsträger als möglicher Gewinn oder Verlust eingestuft wird (vgl. etwa Farnham 1997; McDermott 1998; Stern 2004). Genau hier zeigt sich das Problem der fehlenden theoretischen Breite des Ansatzes, ein Mangel, welcher nicht auch dazu führt, dass der so wichtige Kontext bei der Analy se von Entscheidungen weitgehend ausgeblendet wird (vgl. etwa Stern 2004, Keller/Young 2008). Die für das FPDM und insbesondere die poliheuristische Theorie beschriebene Problematik besteht in vielerlei Hinsicht auch für das Feld der FPA ganz allgemein. Dies gilt vor allem für jene Schwierigkeiten, die aus der für die FPA charakteristi sche Beschränkung auf die individuelle und die staatliche Analyseebene resultieren. So hat die FPA die systemische Analyseebene gleichsam völlig aus den Augen ver loren. Allerdings hat es die FPA vermocht, durch die Berücksichtigung kognitiver und psychologischer Wirkfaktoren und Beschränkungen, insbesondere etwa Be- 56 liefs, Images, Rollen, Schemata, kognitive Verzerrungen und Stereotypen (vgl. etwa Boulding 1956; Sprout/Sprout 1956;Jervis 1968, 1976) sowie die Einbeziehung der Persönlichkeit sowie emotionaler Aspekte (vgl. etwa Janis/Mann 1977; Winter 1992: 79; Renshon/Renshon 2008: 509-536) einen wesentlichen Beitrag zur Opera tionalisierung der individuellen Analyseebene zu leisten, welcher zur Grundlage weiterer Theoriebildung gemacht werden kann. Zudem befasst sich eine weitere Richtung der FPA mit dem Einfluss der Bürokra tie im außenpolitischen Entscheidungsprozess, was ebenfalls als große Bereiche rung für die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen angesehen werden kann, weil gerade die dortigen Strukturen und Prozesse von erheblichem Einfluss auf die Ergebnisse außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungsabläufe sind.13 Während die Auseinandersetzung mit der individuellen Analyseebene mit Hilfe der Einbindung von psychologischen und insbesondere kognitiven Argumenten in die Außenpolitikanalyse geschieht, erfolgt die Konzentration auf die Rolle bürokrati scher Strukturen im außenpolitischen Prozess unter Rückgriff auf soziologische und organisationstheoretische Argumente. Die grundsätzliche Einbeziehung der Bürokratie eines Staates in die Analyse außenpolitischen Verhaltens von Staaten ist in mehrfacher Hinsicht relevant (vgl. hierzu etwa Huntington 1961; Shilling/Hammond/Snyder 1962; Crozier 1964; Hill 2003: 85-96; Allison 2008). So konnte etwa gezeigt werden, dass die Strukturen, Prozesse und Ergebnisse des bü rokratischen Prozesses individuelle Entscheidungsträger beeinflussen können, etwa durch die Selektion beziehungsweise spezifische Aufbereitung von Informationen und ihre Verarbeitung zu konkreten Entscheidungsalternativen. Hierbei spielt nicht selten auch der Einfluss spezifischer standardisierter Prozesse (Standard Operating Procedures, SOP) eine wichtige Rolle. Neben jenem strukturellen Einflussfaktor ist auch die spezifische Identität unterschiedlicher Bürokratien von Bedeutung. Dank des Ansatzes des Bureaucratic Policy Making (BPM) konnte abermals aufgezeigt wer den, wie wichtig das Offnen der Black Box Staat ist und welche Dynamiken sich innerhalb des Akteurs Staat jenseits des letztendlichen Entscheidungsträgers ab spielen und diesen beeinflussen. Der interessante Ansatz der BPM liegt somit darin, ein konzeptuelles und analytisches Rahmenwerk für eine Beziehung zwischen der individuellen und der staatlichen Analyseebene herzustellen. Dabei weist der Ansatz aber zugleich auch einige Schwachstellen auf. Zentral hier bei ist die generelle Überbetonung des Faktors Bürokratie sowohl hinsichtlich sei ner Bedeutung für die Staatsstruktur als auch bezüglich des Einflusses auf individu elle Entscheidungsträger. So werden mögliche andere determinierende Variablen wie kognitive Aspekte individueller Akteure innerhalb und außerhalb der Bürokra tie, Regimetyp oder Staatsstruktur, innerhalb welcher eine Bürokratie agiert, aber auch kollektiv-identitäre Aspekte von Staat und Gesellschaft und nicht zuletzt der A uf diesen Aspekt wurde der Autor nicht zuletzt wiederholt bei Gesprächen mit Behör denvertretern explizit hingewiesen. 57 Einfluss des internationalen Systems nicht beziehungsweise nur unzureichend be rücksichtigt (vgl. etwa Freedman (1976); Caldwell (1977); Smith (1980); Alden/Aran 2012: 36). Mit anderen Worten heißt das auch, dass der Staat als Akteur auch hier unzureichend operationalisiert wird. Die potenzielle Stärke des Ansatzes, nämlich die Beziehung zwischen den genannten Analyseebenen zu erklären, wird dabei insbesondere durch die Abwertung der Rolle des Individuums, welches — von ganz wenigen gegenläufigen Versuchen (vgl. Hollis/Smith 1986) — im Ansatz des BPM zur Personifikation der Bürokratie, deren Interessen und SOPs degeneriert, konterkariert. Der Staat wird letztlich auf die inneren Handlungslogiken der (außen politisch relevanten Bürokratie reduziert. Nicht zuletzt angesichts der dargelegten Mängel der Ansätze im Bereich des BPM hat sich schon früh die bis heute gültige Erkenntnis entwickelt, dass „the models require substantial reformulation“ (Bender/Hammond 1992: 301; vgl. zudem Welch 1992; ‘t Hart/Rosenthal 1998). Ein weiterer bedeutender Ansatz der FPA befasst sich mit Gruppendynamiken in elitären Entscheidungszirkeln und ihren Implikationen für den (außen-) politischen Entscheidungsprozess. Wegweisend für diesen Theorieansatz ist das Groupthink- Modell (vgl. Janis 1972), wobei unter Groupthink (Gruppendenken) ein Phänomen verstanden wird, bei dem eine Gruppe an sich kompetenter Individuen problemati sche bzw. suboptimale Entscheidungen trifft, weil jede Person ihre eigene Meinung an die vermutete Gruppenmeinung anpasst. In der Folge kann es dazu kommen, dass die Gruppe Entscheidungen billigt, die jedes einzelne Gruppenmitglied, würde es allein entscheiden, nicht träfe. Empirische Anwendungen machten bald eine Vielzahl von Anpassungen und Erweiterungen an das Modell erforderlich (vgl. et wa Riggs Fuller/Aldag 1997; Metselaar/Verbeek 1997; Vertzberger 1997) und führ ten zum Teil zu weiterentwickelten eigenständigen Ansätzen wie dem New Group Syndrome Ansatz (vgl. Stern 1997). Aber trotz einiger Versuche, eine größere kontextuelle Einbindung der Gruppendynamiken zu modellieren (vgl. George 1997) oder Aspekte wie die Gruppenstruktur und auch die individuelle Analyseebene stärker einzubeziehen (vgl. Preston 1997; Schafer/Crichlow 2010), liegt — wie auch bei den anderen bislang behandelten Ansätzen der FPA — die zentrale Problematik der Groupthink-Theorie (wie auch verwandter Gruppentheorien der FPA) in der Verengung, ausschließlich ihren zentralen Untersuchungsgegenstand, problemati sche Gruppenprozesse, als einzig entscheidende Variable für außenpolitisches Handeln zu betrachten. Interessant zu beobachten ist, dass selbst über längere Zeit räume entwickelte und immer wieder angepasste Modelle, die sich nur auf Grup pendynamiken zur Erklärung außenpolitischer oder internationaler Prozesse stüt zen (vgl. etwa Bueno de Mesquita 1980,1981, 1984, 1985, 1994, 1997, 2009; Bueno de Mesquita/Lalman 1986; Feder 1995, Feder 2002) nach wie vor als unzureichend kritisiert werden müssen (vgl. Etwa Scholz/Calbert/Smith 2011). Auch wenn durch die Anwendung von Groupthink durchaus wertvolle Erkenntnisse gewonnen wer den können, welche durch traditionelle Analyseansätze bisher gänzlich unbeachtet geblieben waren (vgl. etwa Ahlstrom 2009), ist doch zu erkennen, dass auch hier nur die Öffnung für weitere Variablen einen wirklich sinnvollen Einsatz der An 58 nahmen des Modells ermöglichen kann. Hierauf verweist auch eine der jüngsten Studien, welche anhand des Groupthink-Modells die US-amerikanische Irakpolitik zu erklären versuchte. In der Diskussion der Ergebnisse gelangt Frederike Kuntz (2007: 183) zu folgendem Schluss: „Zwar spricht die Analyse des Falles m it aller gebotenen Vorsicht dafür, dass Groupthink im Verlauf der Entscheidungsfindungsprozesse der amerikanischen Regierung eine wichtige Rolle gespielt hat [ ...] . Doch scheint ein Einbeziehen anderer möglicher Sichtweise geboten.“ Die Erweiterung bzw. Ausdifferenzierung der Beeinflussung der außenpolitischen Entscheidungselite nicht nur durch Gruppen (und deren Dynamiken) schlechthin, sondern speziell um außenpolitische Berater (sei es individuell oder als Gruppen, aber auf jeden Fall unter Berücksichtigung individueller Aspekte), stellt hier einen wichtigen Ansatz dar, eine weitere Variable zu erfassen. Bislang lassen sich immer wieder derartige Versuche ausmachen (vgl. etwa Haney 1992; Hoyt/Garrison 1997; Garrison 2002; Strathman 2005; Eichbaum/Shaw 2007; Honig 2008). Dennoch hat sich bislang ein größeres kohärentes Konstrukt nicht ergeben. Nichtsdestoweniger bietet sich durch die Ergänzung der Gruppentheorien und darüber hinaus um die sen Ansatz eine interessante Möglichkeit, auch die aus diesem Bereich gewinnbaren Erkenntnisse in einen weiterführenden Ansatz einzubringen, gerade weil sich wie derholt die nicht unerhebliche Bedeutung des Einflusses von Beratern auf Ent scheidungsträger gezeigt hat (vgl. Redd 2002; Mitchell 2010). Einen weiteren Ansatz innerhalb der FPA stellt der Domestic-Structure-Approach dar, welcher versucht, außenpolitisches Verhalten eines Staates mit spezifischen Merkmalen des betrachteten Staates, etwa Größe, Lage, Wirtschaftskraft, aber ebenso institutionelle Ausprägungen, Regime-Typ oder Medien, um nur einige zu nennen, in Verbindung zu bringen (vgl. etwa Rosenau 1967; Katzenstein 1976; East 1978; Gourevitch 1978; Salmore/Salmore 1978; Risse-Kappen 1991; Hagan 1993; Neack 1995; Rummel 1995). Eine spezifische, nämlich marxistische/neo marxistische Ausprägung des Domestic-Structure-Ansatzes sieht außenpolitisches Verhalten maßgeblich von der ökonomischen Struktur eines Staates determiniert. Einen breiteren Erklärungsansatz wählt die pluralistische Domestic-Structure- Theorie, die prinzipiell jeden relevanten Akteur beim Entscheidungsprozess be rücksichtigen möchte. So wichtig diese Verbreiterung der Analysegrundlage ist, so sehr bleibt auch dieser Ansatz letztlich der reinen Prozessanalyse verhaftet. Zudem genügt auch die Erweiterung des Ansatzes selbst nicht, weil zwar die innerstaatli chen Strukturen und insbesondere Prozesse besser beleuchtet werden, aber eine Kontextualisierung etwa mit strukturtheoretischen Argumenten auf internationaler Systemebene findet nicht statt. Insgesamt lässt sich somit konstatieren, dass der Domestic-Structure-Approach in seiner Gesamtheit nicht nur die Analyseebene des Systems weitgehend ausblendet, sondern auch den Staat selbst — mit wenigen Aus nahmen — unzureichend konzeptualisiert: „the state is equated with the polity“ (Alden/Aran 2012: 9). Auf diese Weise erscheint der Staat eher als A rena für diverse Akteure denn als letztlich handelnder Akteur; die Analyse von Außenpolitik bezie 59 hungsweise zwischenstaatlichem Verhalten bleibt somit notwendigerweise unvoll ständig, weil diese lediglich als Ausfluss innenpolitischer Strukturen und Prozesse gedeutet werden (vgl. Alden/Aran 2012: 62f.). Eine große Schwäche dieses Ansat zes und seiner Beschränkung auf innerstaatliche Strukturen besteht zudem darin, dass ein möglicher Wandel der internationalen Struktur, wie sie etwa im Rahmen regionaler Integrationsprozesse auftreten können, und somit seiner Effekte auf au ßenpolitisch beziehungsweise zwischenstaatlich wirksame Entscheidungen, nicht erkannt werden können. Trotz der in allen wesentlichen FPA-Ansätzen vorherr schenden übermäßigen oder ausschließlichen Fokussierung auf die Agency-Seite beziehungsweise die dem Akteur zurechenbaren Analyseebenen, lässt sich auch im Bereich der FPA eine Auseinandersetzung mit Systemfragen finden. So wird inner halb des Public Choice Ansatzes der FPA auf die nicht zu gering zu schätzende Bedeutung auch der internationalen Struktur für die Außenpolitikanalyse hingewie sen und der Fokus auf Fragen des nationalen Interesses und der nationalen Sicher heit gerichtet. Leider basiert dieser Ansatz rein auf Annahmen der Rational Choice und insbesondere der Spieltheorie, während die in den anderen FPA-Ansätzen er kennbaren analytischen Differenzierungen etwa mit Bezug zu kognitiven Aspekten keine Rolle spielen (vgl. etwa Alden/Aran 2012: 16). Daneben existieren Ansätze, welche versuchen, mögliche Globalisierungseffekte mit in die Außenpolitikanalyse zu integrieren. Jedoch ist hierbei auffällig, dass we niger harte theoriebasierte Konzepte als vielmehr wenig eindeutig definierte und letztlich nicht-operationalisierte Größen vorgebracht werden. So wird etwa im Kontext der Transformationalistischen These von Prozessen wie transnationalen Flüssen von Netzwerken und Aktivitäten, Detertitotialisierungstendenzen bzw. Supraterritorialität sowie einem Wandel im Wesen des sozialen Raums gesprochen, wobei der Staat als solcher in adaptierter Form erhalten bleiben soll (vgl. hierzu et wa Held/McGrew/Goldblat/Perraton 1999: 16, 437; Scholte 2003: 46; Rosenberg 2005: 29; Alden/Aran 2012: 82ff.). Bei der gegenläufigen Hyperglobalisierungsthese der FPA, welche davon ausgeht, dass eine graduellen Ersetzung der einzelstaatlich geprägten Ordnung stattfinden werde, in deren Rahmen es neben einer Entstaatli chung von Ökonomien, Gesellschaften und Kulturen auch zu Prozessen eines se lektiven Zusammenführens von Souveränitätsrechten kommen werde, insbesonde re mit Blick auf den sicherheitspolitischen und militärischen Bereich, spricht vom Endzustand eines imperialen globalen Clusters (vgl. hierzu etwa Mann 1993: 504; Deudney/Ikenberry 1999: 182; Shaw 2001: 104; Bobit 2003: 144-205). Derartige Entwicklungen, wie auch eine hiermit möglicherweise einhergehende Friedenszone (vgl. Barkawi/Laffey: 1999) werden dabei zum Teil auch als Ausgangspunkt für einen künftigen Weltstaat interpretiert (vgl. etwa Shaw 2001: 244; Ougaard/Higgott 2002). Allerdings besteht die Crux dieser Ansätze darin, dass der Wandel nicht er klärt werden kann. Es wird weder konkret gezeigt, wie sich die Systemstruktur än dert, noch wie sich die Akteure ändern. Ein kohärentes Modell, das diese wichtigen Fragen beantwortet, existiert im Bereich der FPA nicht. Zusammenfassend lässt sich somit konstatieren, dass aller Spezifika und Eigenständigkeit der genannten 60 Ansätze zum Trotz, die Arbeiten eine erhebliche Wirkung auf die Entwicklung the oretischer Zugänge zu außenpolitischem Verhalten hatten. Die Richtung der künf tigen Forschung wurde dabei dahingehend festgelegt, dass die Kenntnis der Spezi fika von Entscheidungsträgern zentral für das Verständnis ihrer Entscheidungen ist; diese Spezifika galt es daher zu erforschen, wobei früh der Fokus auf den Pro zess (statt auf das Ergebnis) gelegt wurde (vgl. etwa Hudson/Vore 1995: 214). Die erste Generation der Vergleichenden Außenpolitikforschung war vor allem am Sammeln sogenannter Ereignisdaten interessiert, auf deren Grundlagen umfassende Datenbanken eingerichtet wurden. Auf Grundlage dieser Daten wurden große Si mulationen unternommen (vgl. etwa Guetzkow 1963, Brecher 1972, Rummel 1972, 1977, East/Salmore/Hermann 1978, Callahan/Brady/Hermann 1982, Wilkenfeld et al. 1980), in denen versucht wurde, die Interaktion von Variablen nicht nur auf der individuellen, sondern zugleich auch auf den inner- und zwischenstaatlichen Analyseebenen zu modellieren. Allerdings fehlten seinerzeit noch zu viele der heute vorliegenden Erkenntnisse namentlich aus Bereichen wie der Neurowissenschaft. Dennoch bieten diese Modelle eine Vielzahl interessanter Anknüpfungspunkte auch für die hier unternommene Modellbildung. Selbiges gilt auch für die Konzep te, die schon seitens der frühen FPDM-Forschung für die Untersuchung von Kleingruppendynamiken und Organisationsprozesseffekten entwickelt wurden (vgl. etwa Snyder/Paige 1958, Paige 1959, 1968, Janis 1972, Leana 1975, Semmel/Minix 1979, Tetlock 1979, Semmel 1982, Hermann 1978, Huntington 1960, Schilling/Hammond/Snyder 1962, Hilsman 1967, Neustadt 1970, Allison/Halperin 1972, Halperin/Kanter 1973, Halperin 1974, Allison 1971). Ebenso von besonderem Interesse für heutige Modellbildungsversuche wie er hier unternommen wird, sind die Überlegungen aus dem Bereich der außenpolitischen Kontextanalyse. Diese geht davon aus, dass das Gehirn eines außenpolitischen Entscheidungsträgers keineswegs eine tabula rasa darstellt, sondern vielmehr eine Vielzahl komplexer, miteinander verschränkter Muster und Informationen auf weist, etwa Einstellungen, Glaubenssätze, Werte, Erfahrungen und letztlich auch eigene Vorstellungen hinsichtlich seiner selbst und des von ihm repräsentierten Staates. Da Kultur, Geschichte, Geographie, Wirtschaft, politische Institutionen, Ideologien etc. das Sozialisationsumfeld des individuellen Entscheidungsträgers prägen, müssen auch und gerade diese Faktoren bei der Analyse des individuellen außenpolitischen Entscheidungsverhaltens Berücksichtigung erfahren (vgl. Hud son/Vore 1995: 217; vgl. ferner Brecher 1972, Jervis 1976, Hermann 1972, Hermann/Kegley 1995, Holsti 1977, 1989, de Rivera 1968). Vor diesem Hintergrund wurde auch die Einbeziehung kognitiver Aspekte, wie etwa Motivation (vgl. etwa Barber 1972, Winter 1973, Etheredge 1978), kognitive Karten, Skripte und Sche mas (vgl. etwa Shapiro/Bonham 1973, Axelrod 1976, Carbonell 1978) versucht. 61 Neben inhaltlichen Fragen verlagerte sich der Schwerpunkt der Diskussion inner halb der FPA-Forschung im Laufe der Zeit vor allem auf Fragen der Methodik, auf Aspekte von Ontologie und Epistemologie, auf Möglichkeiten der Quantifizierung der verschiedenen Ansätze und schließlich den Aspekt der Relevanz der Forschung für die praktische Außenpolitikgestaltung (vgl. Hudson/Vore 1995: 220ff.). Was die jüngere FPA-Forschung anbelangt, so zeigt sich, dass eine Vielzahl von Fragen in allen drei Forschungsrichtungen offen ist. Auf dem Gebiet der FPA stellen sich Fragen nach der Funktionsweise von Wahrnehmungs- und Interpretationsprozes sen innerhalb von Gruppen und Institutionen, dem Ablauf von Framing- und Re präsentationsprozessen oder dem Zusammenhang von Persönlichkeit und Grup pendynamik, um nur einige zu nennen (vgl. hierzu etwa Bill 1990, Breslauer/Tetlock 1991, Voss et al. 1991, Beasley 1994, Billings/Hermann 1994, Breuning 1994, Purkitt 1994, Young 1994). Im Bereich der außenpolitischen Kontextanalyse haben sich Fragen nach Wesen und Funktionen von Persönlichkeitsmerkmalen, Wahrnehmungsfragen und dem Einfluss der unterschiedlichen Analyseebenen er geben. Vor dem Hintergrund des bislang insgesamt erläuterten, können die bisherigen Überlegungen der FPA mit denjenigen, die im Kontext der Konzeptionsentwick lung der menschlichen Natur auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen un ternommen wurden, sehr erfolgversprechend zusammengeführt werden. Nicht nur können diese Zugänge den stark strukturlastigen und auf die Entwicklung von Third-Image-Ansätzen hin ausgerichtete Theorie der Internationalen Beziehungen bereichern, auch umgekehrt können die FPA-Ansätze mit den Überlegungen zum Homo Politicus, wie sie weiter oben ausgeführt wurden, an Validität gewinnen. Zudem wird es den FPA-Ansätzen so auch ermöglicht, ihr Spektrum zu erweitern. Wie sich zeigt, haben die Debatten und Wenden dazu geführt, dass die Lage im Bereich der Theoriebildung komplexer und unübersichtlicher wurde. Dieses wach sende Maß an Komplexität reflektiert aber nicht nur die eingangs geschilderte Su che der Disziplin nach sich selbst, sondern auch die tatsächliche Vielschichtigkeit und Komplexität ihres Untersuchungsgegenstandes, welche in der Analyse letztlich Einflussfaktoren vom Neuron bis zu den Weiten des Weltraums berücksichtigen muss. Vor diesem Hintergrund vermag es nicht zu überraschen, dass sowohl die wachsende Komplexität als auch die neuesten Erkenntnisse benachbarter Wissen schaften, insbesondere der Bio-, Neuro- und Psychowissenschaften, Eingang in den Diskurs der Theoriefortbildung in den Internationalen Beziehungen gehalten haben und dabei durchaus fruchtbar auf die vorausgegangenen Wenden aufbauten. Ein weiteres Paradigma, welches somit angesichts der Unübersichtlichkeit der Welt der Nach-Kalte-Kriegs-Ära Einzug in die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen zu halten begann, war das der Komplexität (zur Rechtfertigung des Komplexitätsansatzes als eigenständiges Paradigma vgl. etwa Albert and Hilkermeier 2004, Brown 1995, Geyer 2003b, Harrison 2006, Mathews et. al. 1999, Rihani 2002, Adler 2005: 32). Die ihm zugrundeliegende Komplexitätstheorie (vgl. etwa 62 Steinbrunner 2000: 11, Manson 2001, Provenzo Jr./Provenzo 2008, W arf 2010, sowie zur kritischen Auseinandersetzung Cioffi-Revilla 1998: 22, Manson 2003, Heinzen 2004: 4, und Reimtsma 2003), die in einem engen Zusammenhang zur all gemeinen Systemlehre steht (vgl. etwa Phelan 1999), jedoch mit der Untersuchung von Anpassungsprozessen an sich wandelnde Umgebungen, und der Analyse etwa von Fragen, wie mit Unsicherheit umgegangen wird, weit über diese hinausgeht, basiert auf neuronalen Netzwerktheorien und Kybernetik (vgl. twa Manson 2001: 406; zur Vorgeschichte allgemein vgl. etwa Geyer 2003a). Dieser grundlegende Ein schnitt mag auch als neuro-kognitive Wende verstanden. Als Konzept ist Komple xität dabei selbst nur bedingt operationalisiert und es existieren unterschiedliche Konzeptualisierungen (vgl. etwa Cederman 1997: 50, Manson 2001: 405, 409, Elhefnawy 2004: 153, Reitsma 2003: 13, Snyder/Jervis 1993: 9; für Darstellung und kritische Bewertung vgl. zudem Kavalski 2007: 438f.) Zunächst zur Anwendung gelangt in Bereichen wie Organisationslehre und strate gischem Management, wo Unternehmen im Zusammenspiel strategischer Akteure und komplexer, interagierender Strukturen analysiert werden, erfuhren Komplexi tätsansätze angesichts der Erkenntnis, dass die Welt zu komplex wird, um sie mit herkömmlichen Theoriezugängen zu erfassen (vgl. etwa Heinzen 2004: 4, Law/Urry 2004: 199), zuletzt vermehrt auch Eingang in die Sozialwissenschaften (vgl. Byrne 1998, Castellani/Hafferty 2009), die Governance-Forschung (vgl. etwa Morcül 2012), Public Health (vgl. etwa Delamothe 2008) und eben die Internatio nalen Beziehungen. Im Zusammenhang mit dem letztgenannten Bereich wird auch eine explizite Fünfte Debatte (vgl. Kavalski 2007) postuliert, die auf einer zwar parti ellen, jedoch durchaus signifikanten Abgrenzung von den Ergebnissen der kon struktivistischen Wende fußt. Hierbei wird dem Konstruktivismus vorgeworfen, dass trotz der dortigen Beto nung der Bedeutung von Kontextualität, der Zugang zur Wirklichkeit in jeweils spezifischen (politischen) Kulturen, Praktiken und Verhaltensweisen verharrt, wäh rend der innere Bereich der Akteure zu wenig Beachtung findet (vgl. etwa Smith/Janks 2006: 53). Dem aus der Fünften Debatte heraus erwachsende kom plexitätsorientierte Zugang geht es stattdessen um das prozessuale Zusammenspiel von strategischen Akteuren und komplexen, interagierenden Strukturen (vgl. etwa Cederman 1997: 214), bei dem sich individuelles und kollektives Verhalten auf selbst organisierte Weise an strukturelle Veränderungen anpassen (zur Selbstorgani sation vgl. etwa Mathews et. al. 1999: 447, Adler 2005: 32, Rihani 2002, Rosenau 1990: 174 und 2003: 216, Cilliers 1998: 106, sowie Walby 2007).14 Selbstorganisati on besteht dabei aus den zwei distinkten, jedoch sich ergänzenden Elementen Adaption und Koevolution (vgl. etwa Guastello 2002). Adaption bezeichnet dabei die Fähigkeit des Akteurs, zu lernen und sich Wandlungsprozessen in inneren und Im Fachjargon spricht man dabei von CAS (Complex Adaptive Systems). 63 äußeren Umgebungen anzupassen (vgl. etwa Axelrod 1997: 153; Cederman 1997), Koevolution die Fähigkeit eines Systems, auf Veränderungen der Umgebung zu reagieren (vgl. etwa Walby 2007). Weitere Annahmen der Komplexen Theorie mit Bezug auf die Internationalen Beziehungen sind das Dialogprinzip (etwa bezüglich des Agent-Structure-Problems, wo zwar beide Größen als per se existieren, aber in ihrer Dualität als notwendige Einheit betrachtet werden), Rekursivität (Folgen sind zugleich wieder Ursachen usw.), das Hologramm-Prinzip (ein Ganzes, das aus ver schiedenen Teilen besteht, ist selbst zugleich wieder Teil eines größeren Ganzen) und nicht zuletzt der Panarchie-Ansatz. Letzterer verweist auf die Verbindung menschlicher und natürlicher Systeme, integriert also sozio-politische und soziobiologische Zugänge (vgl. etwa Byrne 1998, Cilliers 1998, Urry 2002, Gunderson/Holling 2002: 21, Bell 2006, Rosenau 1997: 3f., Wendt 2003, und speziell be züglich der epistemologischen und ontologischen Implikationen Law/Urry 2004: 397). In diesem Zusammenhang ist auch auf die Integration kognitiver Aspekte und die respektive Bedeutung von Perzeption und Interpretation zu verweisen (vgl. etwa Feder 2002, Harcourt/Muliro 2004, Heinzen 2004: 4). Das Verstehen der Komplexität etwa im Bereich der Internationalen Beziehungen ist dabei abhängig von der Beziehung zwischen kognitiven Schemata und dem assoziativen Netzwerk, mit anderen Worten vom Verhältnis zwischen verfügbarem Wissen und der Akti vierung der Verbindungen zwischen verschiedenen Konzepten (vgl. etwa Bradfield 2004). Auch an dieser Stelle soll ein Umstand nicht unerwähnt bleiben: Wie schon bei früheren Wenden, Debatten und (vermeintlichen) Neuausrichtungen der Disziplin existiert nicht die eine zentrale Theorie; vielmehr gibt es eine Vielzahl von Theo rien, die sich mit der Materie im Bereich Komplexitätsforschung befassen. Ge meinsam ist diesen jedoch eine im Grunde holistische Orientierung und das Stre ben nach Interdisziplinarität, welche etwa Erkenntnisse der Wirtschaftswissen schaften, Verhaltenswissenschaften, Sozial- und Naturwissenschaften sowie der Philosophie aufgreift (vgl. etwa Thrift 1999) und dabei auch bemüht ist, spezifische Zugänge und Methoden anderer Disziplinen neu zusammenzubringen (vgl. etwa Horgan 1995, Lo Presti 1996). Das ist auf dem Gebiet der Internationalen Bezie hungen deutlich zu erkennen: So wurde nicht nur die direkte Auseinandersetzung mit den etablierten Paradigmen (vgl. etwa Axelrod 1997, Brown, 1995, Byrne 1998, Jervis 1997) gesucht, sondern auch mit den neueren Ansätzen wie Konstruktivis mus (vgl. etwa Adler 2005, Cederman 1997, Hoffman 2005) oder Postmodernis mus (vgl. etwa Cilliers 1998, Dillon 2005). Auf diese Weise konnten sich komplexi tätsorientierte Zugänge in verschiedenen Feldern des Faches etablieren (vgl. etwa Chesters 2004, Bell 2006, Coghill 2004, Davis 2004, Dekker et.al. 2011, Dillon/Wight 2006, Dunn 2007, Farrell 2004, Geyer 2003a, Grande/Pauly 2005, Parfitt 2006, Rosenau 2003, Urry 2003, Walby 2007, Whitman 2005). Für die hier un ternommene Modellbildung ist zudem äußerst interessant festzustellen, dass im Kontext der Komplexitätstheorie der Internationalen Beziehungen mitunter auch 64 bewusst eklektisch vorgegangen wurde, wobei es sich hierbei um einzelfallorientier te Ansätze handelt (vgl. etwa Geyer 2003b). Ferner bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Aussage Duncan Bells (2006: 493-496), der zufolge sich auch der Mainstream der Theorien der Internati onalen Beziehungen in absehbarer Zukunft verstärkt den Biowissenschaften zu wenden werde (vgl. hierzu auch Rengger 2000: 194ff). Und in der Tat lassen sich bereits jetzt Entwicklungen erkennen, welche auch eine neuro-biologische Wende im Bereich der Sozialwissenschaften hindeuten und welche auch ihren Nieder schlag in der Analyse internationaler Beziehungen ihren Niederschlag finden dürfte. Ungeachtet der großen Bedeutung, welche der sozio-neurologischen Auseinander setzung mit gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen seit geraumer Zeit bei gemessen wird (vgl. etwa Cohn 2010, Dumit 2004, Magina 2004, Martin 2009, Ortega 2009, Rose 2007, Singh/Rose 2009, Vrecko 2006), ließ sich noch bis vor weni gen Jahren feststellen, dass die Thematik in der breiten Öffentlichkeit — trotz der angenommenen immensen Implikationen — kaum Beachtung findet (vgl. etwa Abi- Rached 2008: 1158). Doch auch innerhalb der Wissenschaft selbst war die Einstel lung gegenüber den Sozialen Neurowissenschaften, „Science’s Newest Brain Child“ (Banaji 2006: VII), bis vor kurzem äußerst ambivalent.15 Einerseits gibt es zwar schon lange ein grundsätzliches Interesse daran, herauszufinden, wie biowis senschaftliche Variablen zu einer besseren Analyse sozialwissenschaftlicher Unter suchungsgegenstände beitragen können, andererseits wurden in diesem Zusam menhang oft der Vorwurf des Reduktionismus beziehungsweise mangelnder Über tragbarkeit erhoben. Nichtsdestoweniger gab es in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Durchbrüchen in den Bereichen Theorie, Methodik und Empirie, welche sich gleichermaßen positiv auf die substanzielle Forschung und ihre Ergeb nisse sowie die Wahrnehmung der Sozialen Neurowissenschaften16 innerhalb der 15 Zur historischen Entwicklung der Sozialen Neurowissenschaften beziehungsweise ihre Vorformen vgl. etwa Rankin/Campbell 1955, Vedulich/Krevanick 1966, Cacioppo/Berntson 1992, Klein/Kihlstrom 1998, Adolphs 1999 und 2003, Blascovich 2000, Ochsner/Lieberman 2001, Winkielman/Berntson/Cacioppo 2001, Valsiner 2001, Bell 2006, Rosa/Valsiner 1994, W ertsch/Ramirez 1994, Mercer/Coll 1994, Alvarez/del Rio 1994, Wertsch/del Rio/Alvarez 1995, Boesch 1989, 1991, Eckensberger 1995, 1997, Cole 1990, 1996, Rogoff 1990, 2003, Shweder 1990, Shweder/Sullivan 1990, Wertsch 1991, Cacioppo et.al. 2002, zur Entwicklung speziell des Konzepts des sogenannten Social Brain vgl. etwa Brothers 1997, Demasio 1994, Gazzaniga 1985), für Anwendungen im Bereich der Kulturwissenschaften vgl. etwa Richardson 2010, Spolsky 2010a und 2010b, Starr 2010, Crane 2010, Easterlin 2010, McConachie 2010, Herman 2010, Hogan 2010, Palmer 2010, Vermeule 2010, Zunshine 2010b und 2010c, für erste Versuche, biologisce bzw. neurowissenschaftliche Erkenntniss auf Fragen der Internationalen Beziehungen an zuwenden vgl. etwa Bonham/Shapiro 1982, Hopple 1980, 1982a, Semmel 1982, Walker 1982. vgl. etwa Zunshine 2010a: 5. 16 Für biologische Zugänge zu sozial-/kulturwissenschftlichen Phänomen werden unter schiedliche Bezeichnungen verwendet, neben Soziale Neurowissenschaften etwa Soziale Psychophysiologie, Soziale Neuropsychologie oder Sozialkognitive Neurowissenschaften. 65 betroffenen Wissenschaftsgebiete auswirkten (vgl. etwa Harmon- Jones/Winkielman 2007a, Abi-Rached 2008: 1158). Vor diesem Hintergrund wird nicht nur das anbrechende Zeitalter der sozio-kulturellen Psychologie (vgl. Valsiner/Rosa 2007a: 17) angekündigt, sondern die Sozialen Neurowissenschaften auch als neues Paradigma (vgl. Hatemi/McDermott 2011a: 4) beschrieben, das mensch liches Handeln in einem völlig neuartigen Licht erklären könne und somit signifi kante Implikationen für eine Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche ebenso wie für die Geistes- und Sozialwissenschaften mit sich bringe (vgl. Choudhury/Slaby 2012a: 9). Mit anderen Worten wird in bio-soziologischen Ansätzen zum Teil sogar seit ge raumer Zeit die Zukunft der sozialwissenschaftlichen Forschung gesehen (vgl. etwa Lepreato/Crippen 1999: 131). Hierzu trägt auch bei, dass es — anders als immer wieder angenommen — um weitaus mehr geht, als etwa sozialpsychologische Phä nomene bestimmten Hirnregionen zuzuordnen, zum Beispiel in Form von Aktivi tätsmessungen mithilfe bildgebender Verfahren, auch wenn derartige Forschungs ansätze natürlich auch verfolgt werden (vgl. zur politikwissenschaftlichen Anwen dung etwa Tingley 2006, Iacobini et.al. 2007, Berntson 2006, Bechara/Bar-On 2006, Gusnard 2006, Mitchell et.al. 2006, Saxe 2006, Nusbaum/Small 2006, Ito et.al. 2006, Beer 2006, Lieberman/Eisenberger 2006, sowie kritisch Aron et.al. 2007, Cacioppo et.al. 2003 und Wellingham/Dunn 2003, Vecchiato et.al. 2010). Die gewonnenen Erkenntnisse sind dabei vor allem nützlich, um Annahmen etwa der Sozialpsychologie, aber auch jene Annahmen, die im Kontext der oben genann ten Wenden in den Diskurs hineingetragen wurden, zu verifizieren oder zu falsifi zieren und so zur Theorieentwicklung der betroffenen Kernfächer ebenso wie in den benachbarten Disziplinen wie Politikwissenschaft beziehungsweise Internatio nalen Beziehungen beizutragen. So ist es etwa eine wichtige Fragestellung, ob sozia le Konstruktionen, Prozesse und Repräsentationen mit spezifischen neuronalen Orten in Verbindung gebracht werden können (vgl. etwa Cacioppo et al. 2010: 3). Gerade in der für die Bereiche Internationale Beziehungen beziehungsweise Au ßenpolitikanalyse so bedeutsamen Kognitionspsychologie haben Erkenntnisse der sozialen Neurowissenschaften zu wegweisenden neuen Erkenntnissen geführt, mit entsprechenden Möglichkeiten für die Theoriebildung auf dem Gebiet der Interna tionalen Beziehungen (vgl. etwa Amodio et.al. 2004, Carter et.al 1998, MacDonald et.al 2000). Vor diesem Hintergrund ist es auffällig, dass die Politikwissenschaft — anders als etwa die Ökonomie (vgl. etwa Cory 2004: 43-126, Peyrolor Adams 2004, Frey/Stutzer 2007, Herrmann-Pillath 2011), die Soziologie (vgl. etwa TenHouten 1997, Franks 2010) oder weitere sozial- beziehungsweise geisteswissenschaftlichen Bereiche (vgl. etwa Rosenberg 2000, Sewell 2004) — sich in nur unzureichender Hinsicht den Möglichkeiten der neuro-biologischen Wende geöffnet hat und des wegen Gefahr läuft, speziell in ihren Kernbereichen an wissenschaftlicher Autorität zu verlieren: 66 „|T]his is a critical time for the discipline. Many in our field remain unaware that our discipline’s topics have been co-opted to a great extent by other fields o f study. Just about every discipline except political science has been exploring the importance o f biological markers f o r po litica l phenotypes and making great strides in discovery and scholarship on topics [ ...] which have traditionally fallen under the purview o f political science scholarship. This is no longer the case. [...] Unfortunately, these scholars, having no training in our field, seldom if ever address the field of literature in political science on those very topics.” (Hatemi/McDermott 2011a: 5) Gerade die Politikwissenschaft und mit ihr die Internationalen Beziehungen sehen es als ihre Aufgabe an, zu erklären, weshalb sich Menschen, Gruppen, Institutio nen, Staaten oder Staatensysteme auf eine bestimmte Weise verhalten; einer solche Spannweite kann man letztlich nur gerecht werden, wenn auf theoretische Zugänge zur Wirklichkeit zurückgegriffen wird, die — wie die sozialen Neurowissenschaften — „from the gene to the cultures“ (Cacioppo et al. 2005) reichen. Denn wie die vo rangegangenen Wenden gezeigt haben, lässt sich der Einfluss von Struktur nur ver stehen, wenn deren Repräsentation und Bedeutungsbeimessung ebenfalls verstan den wird — und das wiederum funktioniert nur durch die Einbeziehung jener Er kenntnisse, welche auch die Prozesse erklären, welche innerhalb der ersten Analy seebene angesiedelt sind. Auch wenn es nicht primär darum gehen kann, in den Politikwissenschaften beziehungsweise den Internationalen Beziehungen allzu tief in die neuronalen oder endokrinen Systeme einzelner Akteure zu blicken, oder gar einem Biodeterminismus das Wort zu reden (vgl. hierzu etwa Cacioppo/Berntson 2005: 239ff.), so können die in den benachbarten Fachgebieten gewonnenen Er kenntnisse doch dazu beitragen, herauszufinden, wie und weshalb sich etwa neurale und soziale Prozesse jeweils gegenseitig beeinflussen, welche intervenierenden Va riablen möglicherweise eine Rolle spielen und welche Implikationen das für die Bewertung (außen-) politischer Entscheidungen hat (vgl. etwa Cacioppo/Berntson 2002, 2005; Choudhury/Slaby 2012a: 7ff.). Anders ausgedrückt soll die Öffnung des Denkens in den Internationalen Bezie hungen für derartige Ansätze ermöglichen, die Binnenanalyse der ersten Ebene dif ferenzierter zu durchführen zu können, um so zu Aussagen mit höherer Wahr scheinlichkeit zu gelangen. Hierzu ist beides nötig: ein Verständnis für Determinan ten und Prozesse der Sozialisierung einerseits und ein klares Verständnis über die damit zusammenspielenden intrinsischen Faktoren des Individuums (vgl. hierzu etwa Hatemi/McDermott 2011a: 7). Speziell der sogenannte Enaction-Ansatz, wel cher sich in der phänomenologischen Tradition Husserls, Heideggers und Merleau- Pontys stehend sieht, integriert basierend auf dem 4EA-Konzept17 diese Faktoren (vgl. Protevi 2009: 4, Choudhoury/Slaby 2012a: 11) und wendet sich somit gegen einen reinen Neuralismus wie er etwa bei Crick (1994) zu finden ist (vgl. hierzu zu dem Metzinger 2003, 2009 und Revonsuo 2005). Auch Gallagher (2005, 2012) be ziehungsweise Gallagher und Crisafi (2009) weisen explizit darauf hin, dass auch und gerade bei der Einbeziehung neurowissenschaftlicher und kognitiver Aspekte embodied, embedded, enacted, extended, affective 67 ein Bezug zum äußeren Kontext unabdingbar für die Analyse ist. Somit wird bei Analysen im Kontext der Sozialen Neurowissenschaften der Annahme eines auto matischen biodeterminierten Zusammenhangs von perzeptuellem Input und spezi fischem behavioralem Output dezidiert entgegengetreten (vgl. etwa Noe 2005, 2009, Thompson 2007). Dass ein derartig weit gefasster Ansatz fast notwendigerweise schon über die Gren zen einzelner Disziplinen herausgehen muss, vermag dabei nicht zu verwundern. Gibt es auf dem Gebiet der kognitiven Wissenschaften letztlich schon lange einen Rückgriff auf Argumente unterschiedlicher Disziplinen, so hat sich diese Tendenz in den letzten Jahren noch einmal deutlich intensiviert: Denn waren es in den tradi tionellen kognitiven Wissenschaften noch Rückbezüge zu den eng benachbarten Bereichen wie Neurowissenschaften, die Philosophie des Geistes, Linguistik, evolu tionäre Anthropologie, Kognitions-, Entwicklungs- und klinische Psychologie be ziehungsweise künstliche Intelligenz, so spielen heute zudem vergleichende Psycho logie, die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie diverse andere Naturwis senschaften eine wichtige Rolle (vgl. etwa Zunshine 2010: 3f. sowie ferner Cacioppo/Berntson 2005). Somit kann zu Recht behauptet werden, dass die ethischen, sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen der modernen Hirnfor schung zu Ecksteinen neuer interdisziplinärer Plattformen geworden sind, die Na tur- und Sozialwissenschaften gewinnbringend für beide Seiten zusammenführen (vgl. etwa Abi-Rached 2008: 1158; vgl. ferner Grafen/Ridley 2006) und in ihrem Zusammenspiel mehr an Ergebnis erbringen können als die jeweiligen Einzelteile. Soziale Neurowissenschaften sind somit ein „genuinely cross-disciplinary field of research. It has its own voice, but in cannot sing solo“ (Valsiner/Rosa 2007a: 17). Gerade in einem Feld, das als „hybrid o f hybrids“ (Abi Rached/Rose 2010) ver standen wird, ist ein analytisch-eklektisches Vorgehen von besonderer Bedeutung. Der auf diesem Gebiet tätige beziehungsweise der auf neurosoziologischen Grund lagen forschende Wissenschaftler kann dabei zu Recht verstanden werden als „bricoleur who reaches out for the best mix o f insights that cognitive theory as a whole has to offer without worrying about blurring lines between its various domains” (Zunshine 2010: 3). Die Bedeutung der neuro-kognitiver Ansätze für die Sozialwissenschaften und im vorliegenden Falle speziell für die Internationalen Beziehungen werden spätestens dann evident, wenn die Verbindung zu den Aussagen der konstruktivistischen Wende (und der diese begleitenden spezifischeren Wenden) hergestellt wird. Denn beim Blick auf die kognitive Neurowissenschaft zeigt sich etwa, dass die Fähigkei ten der Informationsverarbeitung, zu denen der menschliche neuro-kognitive Ap parat fähig ist, die Fülle an auf ihn einströmenden Informationen — seitens anderer Individuen, Gruppen, Staaten, Koalitionen, Institutionen, Kulturen etc. sowie die Entschlüsselung und Bewertung der von diesen ausgehenden Signalen — weder in ihrer Quantität noch in ihrer Komplexität vollständig aufnehmen und verarbeiten kann. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich neuro-kognitive Mechanismen, 68 welche die wahrgenommenen Informationen filtern. Dieser Filterungsprozess be wirkt, dass das, was ein Individuum als Realität wahrnimmt, niemals der objektiven Realität entsprechen kann, sondern beeinflusst wird durch neuro-kognitive Mecha nismen wie etwa Self Enhancement, SelfInterest und SelfProtection. Diese Erkenntnis ist auch geeignet, klassische Konzepte der Rationalität zu relati vieren, wie sie auch in einigen zentralen Theorieansätzen auf dem Gebiet der Inter nationalen Beziehungen zentral sind (vgl. etwa Green/Shapiro 1994, Shapiro 2005: Kapitel 2). So ermöglicht die Einbeziehung neuro-kognitiver/neurobiologischer Erkenntnisse die Zielsetzung von Rational-Choice-Theoretikern, nämlich herauszu finden, wie Präferenzen befriedigt werden können, dahingehend zu ergänzen, Ur sprung und Entstehung der Präferenzen zu erklären (vgl. etwa Bell 2006: 501). Ro sen (2004) bindet in seine Analyse von Kriegsursachen unter Rückgriff auf die Bi owissenschaften explizit Aspekte wie Emotionen, Genetik (vgl. etwa Boardman 2011, Fowler et.al. 2011, Smith/Hibbing 2011) oder den endokrinen Haushalt (vgl. etwa McDermott 2011, Apicella/Cesarini 2011) mit ein und bringt sie in Zusam menhang mit spezifischen institutionellen Kontexten. A uf diese Weise bietet er nicht nur einen fortschrittlichen Beitrag zur Akteur-Struktur-Debatte an, sondern modifiziert zugleich auch Rational-Actor-Modelle der Entscheidungstheorie (vgl. hierzu auch Bell 2006): ,,[D]ifferent social settings or institutions do not always randomly select people and give them political power. Instead, they preferentially select people with particular cognitive profiles for positions o f responsibility and then situate them in social environments that reinforce the decision-making tendencies that they have as individuals.” (Rosen 2004: 7) Vor diesem Hintergrund gelangt er zu der wichtigen Schlussfolgerung, dass Ratio nal-Actor-Modelle, die auf als stabil und konsistent angenommenen Präferenzen beruhen, modifiziert werden müssen, da sie nicht berücksichtigen, dass der menschliche Geist eben nicht einfach als eine unitarische, rational kalkulierende Maschine verstanden werden kann (vgl. Rosen 2004: 5; vgl. für weitere Aspekte des Zusammenhangs von biologischen Aspekten und politischen Präferenzen zudem Hatemi/McDermott 2011a). Dieser Umstand nähert letztlich Rational-Choice- Modelle wieder den Erkenntnissen der vorangegangenen Debatten und wenden an (vgl. hierzu etwa auch Diez und Steans 2005). Mit anderen Worten heißt dies, dass die Entwicklung eines diese Erkenntnisse nachzeichnenden Erklärungsansatzes die Relativierung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen etwa durch die Berück sichtigung kognitiver Beschränkungen oder einer nicht absolut-gültigen Rationalität des Handelnden berücksichtigen muss. 69 2.2 Methodischer Ansatz: Der Modellorientierte Analytische Eklektizismus Das Prinzip des Pragmatismus und derW eg gum Paradigmenverständnis von Paudan Was also nun anfangen mit der gegenwärtigen Lage: einem weitreichenden Ange bot an einer immensen Vielfalt an unterschiedlichen Theorieansätzen, die für einen bestimmten Bereich über teils sehr gute Erklärungskraft verfügen, deren wechsel seitige Kommunikation jedoch bislang in hohem Maße beschränkt war? An dieser Stelle gilt es, pragmatisch vorzugehen und sich damit einer jüngeren Entwicklung in den Internationalen Beziehungen anzuschließen, welche mitunter selbst bereits als Pragmatist Turn (vgl. etwa Rytövuori-Apunen: 2005, Franke/Weber 2011) verstan den wird. Der Mehrwert des Pragmatismus als Teil der Theoriefortbildung in den Internationalen Beziehungen liegt in seiner Eigenschaft als Kur gegen die paradig matische Zersplitterung der Disziplin, weil er mit seiner explizit „anti-,istic‘ disposi tion“ (Hellmann 2009: 639) dem noch immer zumindest in Teilen vorherrschenden Paradigmen-Dogmatismus entgegengerichtet ist (vgl. etwa Lapid 1989 und 2003, Hellmann 2009, Rytövuori-Apunen 2009). Vor diesem Hintergrund kann er als Ka talysator verbesserter Kommunikation zwischen den Paradigmen und Disziplinen wirken, und auf diese Weise das Fach der Internationalen Beziehungen interdiszip linärer und zugleich kohärenter machen (vgl. etwa Owen 2002). Das Prinzip des Pragmatismus kann somit als geistiger Wegbereiter und wissen schaftliche Legitimation einer analytisch eklektischen Vorgehensweise gesehen werden, zumal der Pragmatismus selbst an Rahmenwerken interessiert ist, inner halb derer der für die gegenwärtige Theorielandschaft der Internationalen Bezie hungen charakteristische Pluralismus eher agonistisch als antagonistisch verstanden wird (vgl. etwa Albert/Kopp-Malek 2002). Einen solchen Anspruch einzulösen wird sowohl durch das flexible Streben nach Theoriesynthese (vgl. etwa Rogers 1999, der im Kontext von Pragmatismus aufzeigt, dass die Argumente der Realisten und der kritischen Schule in einem konstruktiven Zusammenspiel benötig werden) als auch etwa durch die Anwendung von auf spezifische Weise verstandenen Kon zepten wie etwa „Objektivität“ oder „Erklärung“ im Sinne Deweys ermöglicht. Das wird dadurch möglich, weil hierdurch die Aufrechterhaltung einer Methode, die grundsätzlich derjenigen des wissenschaftlichen Rationalismus entspricht und des sen Vorteile und Möglichkeiten nutzt, zugleich aber die epistemologischen Beden ken berücksichtigt, die vor allem in post-positivistisch ausgerichteten Arbeiten be handelt werden (vgl. hierzu Cochran 2002). Mit anderen Worten ist der seinem Selbstverständnis nach holistisch ausgerichtete (vgl. etwa Festenstein 2002) und auf einem multiperspektivischen Theoriegerüst basierende Pragmatismus, der alle Di mensionen eines Sachverhaltes ins Kalkül ziehen und dabei zudem die Perspekti ven aller relevanten Akteure berücksichtigen möchte (vgl. etwa Bohman 2002), ein wichtiger gedanklicher Baustein bei der Entwicklung eines Analyseansatzes zur Er klärung zwischenstaatlichen Verhaltens. Dies zeigen auch die bisherigen wissen 70 schaftlichen Anwendungen, die als Vorformen eines fallorientierten analytischen Eklektizismus verstanden werden können (vgl. etwa Haas/Haas 2002). Diese rei chen von der Auseinandersetzung mit europäischer und globaler Governance (vgl. Albert/Kopp-Malek 2002), über Fragen der humanitären Intervention (vgl. Bellamy 2002) und die Auseinandersetzung mit dem Konzept der deliberativen De mokratie im Kontext von Globalisierungsprozessen (vgl. Brunkhorst 2002) bis hin zur Erklärung des Wandels der Norwegischen Diplomatie nach dem Kalten Krieg (vgl. Neumann 2002). Hierbei hat sich gezeigt, dass pragmatische Analysen auch hinsichtlich ihres Nutzen für die zwischenstaatliche politische Praxis von Nutzen sind, da, wie etwa John Ryder ausführt „a foreign policy built on pragmatist principles is neither naive nor dangerous. In fact, it is very much what both the US and the world are currently in need o f ’ (Ryder zit. nach Ralston 2010). Aber um auch und gerade diesem Anspruch gerecht zu werden, ist wie oben angedeutet, ebenfalls eine grundlegende Auseinandersetzung mit Theoriebildung und Theorieentwick lung im Sinne von Grundlagenforschung erforderlich; in diesem Sinne wirkt der Gedanke eines wissenschaftlich-philosophischen Pragmatismus auch auf die Theo riefortbildung selbst zurück indem er nicht zu einem neuen Paradigma der Interna tionalen Beziehungen heranwächst, sondern vielmehr ein pragmatisches Vorgehen für die Theoriebildung einfordert: „[B]eyond merely establishing the next paradigm, [...] pragamtism may also emphasize the practice o f theorizing“ (Franke/Weber 2011: ). Als ein wesentlicher Bestandteil der neuen Praxis der Theoriebildung ist auch das Überschreiten der disziplinären Grenzen selbst zu verstehen, und zwar nicht nur im multidisziplinären Sinne, wo es um die vergleichende Gegenüberstel lung einzelner Disziplinen mit dem Ziel zu einer Erweiterung von Einsichten in inhaltlicher wie methodologischer Hinsicht geht (Klein 2010: 17), sondern im theo retisch interdisziplinären beziehungsweise transdisziplinären Sinne. Hierbei geht es darum, durch proaktive Interaktion zwischen und Integration von Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen bewusst Zugänge zu entwickeln, welche wissens- und erkenntnisverschmelzend wirken (Burns 1999: 11 f.), wobei es zur teilweisen oder gar völligen Verschmelzung von Disziplinen oder signifikanten Teilen von ihnen kommen kann (Klein 2010: 18f.; Newell 1998: 544). Speziell bei transdisziplinärem Vorgehen steht ein gemeinsames System von Axiomen im Mittelpunkt des zu Er reichenden, durch welches die disziplinären Weltbilder und Grundwahrheiten durch eine umfassende neue, eigenständige Synthese aus den Ausgangsdisziplinen ersetzt werden soll (Klein 2010: 24). Die Bedeutung einer nicht nur paradigmen- übergreifenden, sondern auch transdisziplinären Herangehensweise an die Entwick lung eines umfassenden Analyseansatzes für die Internationalen Beziehungen inklu sive der Einbindung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse lässt sich am Beispiel der Neurowissenschaften verdeutlichen. Dabei gilt es gleich zu Beginn dem Eindruck entgegenzutreten, dass die Einbindung naturwissenschaftlicher Elemente in die So zialwissenschaften als das Non-plus-Ultra verstanden wird, so wie es dieser Art von disziplinübergreifenden Ansätzen etwa von Bell (2006) stellvertretend für viele an dere vorgeworfen wird: 71 “The history o f modern social and political thought can be partly written as a review o f the way specific images, metaphors and models from, say, physics or theories o f biological evolution have guided analyses o f social and political change. Every decade or so, a new prophet arises who promises to decode the currently advertised Rosetta Stone and thereby to enable each o f us not only to know who we truly are, but to use that knowledge for our individual and collective benefit.” Weder wird ein solch unrealistisch hohes Ziel verfolgt, noch soll einem blinden Szientismus beziehungsweise „scientific imperialism“ (Bell 2006: 510) das Wort geredet werden, wie er ja bereits schon einmal in der Theoriegeschichte der Inter nationalen Beziehungen erkennbar gewesen war. Allerdings wäre es verhängnisvoll, so weit zu gehen, den Naturwissenschaften gleichsam jegliche Art des Erkenntnis gewinns für die Sozialwissenschaften abzusprechen, wie Bell (2006: 509) das tut: “Science cannot answer many o f the most important questions about what it means to be human, and, the corollary o f this, what is the best way to live. Nor does it help us very much in comprehending the vast and dynamic complexity o f culture and politics.” Vielmehr sollen naturwissenschaftliche Ansätze, wie etwa aus dem Gebiet der Neu rologie, der Neubiologie oder der Verhaltensgenetik lediglich dazu genutzt werden, bestehende Argumente der Internationalen Beziehungen beziehungsweise der Au ßenpolitikanalyse kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen. Ein Re duktionismus dahingehend, dass alle Erklärungen empirisch beobachtbarer Phä nomene im zwischenstaatlichen Handeln auf neurologische oder darauf basierend psychologische Argumente reduziert werden, wie dies häufig bei Ansätzen aus dem Bereich der FPA geschieht, soll indessen im hier entwickelten Erklärungsansatz vermieden werden. Hierbei wird der kontextualisierenden Philosophie Goldgeiers und Tetlocks gefolgt: “Psychological arguments acquire explanatory force only when they are systematically assimilated into political frameworks that take into account the structural, economic, and cultural conditions within which policy makers work.” Mit anderen Worten geht es darum, durch diese Art naturwissenschaftlicher Er kenntnisse eine weitere Perspektive beziehungsweise eine weitere Dimension zu eröffnen (vgl. hierzu etwa auch Hatemi/McDermott 2012: 118). Diese Art des kri tischen Umganges mit (scheinbar) disziplinfremden Erkenntnissen lässt sich dabei sehr gut durch die kritische Herangehensweise ergänzen, welche der Nachbardis ziplin selbst innewohnt, wie etwa im Falle der kritischen Neurowissenschaften (Slaby/Choudhury 2012; Rose 2012; Hartmann 2012; Gallagher 2012). Wird dies be rücksichtigt, dann können insbesondere die Neurowissenschaften als möglicher Katalysator fungieren, welcher auf lange Sicht einen wichtigen Beitrag zur Wieder vereinigung der heute stark fragmentierten Sozialwissenschaften leistet. Durch Er kenntnisse der Neurowissenschaften ließen sich Gemeinsamkeiten etwa von Poli tik- und Wirtschaftswissenschaft ebenso ausmachen wie zwischen Betriebswirt schaftslehre und Verwaltungswissenschaften, etwa indem in den jeweiligen Berei chen bestehende Grundwahrheiten durch neurowissenschaftliche Erkenntnis in 72 Frage gestellt werden, was tatsächlich auch regelmäßig geschieht (Ha temi/McDermott 2012; Farmer 2007). So haben technologische und naturwissen schaftliche Fortschritte auch der sozialwissenschaftlichen Forschung Instrumente in die Hand gegeben, endogene Einflüsse auf Entscheiden und Verhalten in die Analyse miteinzubeziehen. Genetische, neurologische und neurochemische Analy sen haben zu zahlreichen neuen wichtigen Erkenntnissen im Bereich der Psycholo gie, Medizin und der Verhaltenswissenschaften geführt. Dennoch haben diese Er kenntnisse bislang kaum Eingang in die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens gefunden, obwohl es außer Frage steht, dass die Komplexität menschlichen Verhal tens etwa auch im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik ohne die Einbezie hung biologischer, neurologischer und genetischer Mechanismen nicht hinreichend verstanden werden kann (Hatemi/McDermott 2012: 113; vgl. ferner Kendler/Eaves 2005; Tingley 2006; Fowler/Schreiber 2008).18 Ein Blick auf den Aspekt der Kooperation zwischen Staaten kann die Bedeutung der Einbeziehung neurologischer Erkenntnisse demonstrieren; denn dort ließen sich mir Hilfe derartiger Erkenntnisse Fragen wie die folgenden beantworten, die Tingley (2006) in einem Artikel über die mögliche Bedeutung von bildgebenden Verfahren stellt: “W hat are the neurological substrates o f screening potential partners? As coalitions become more salient, are there changes in how the brain monitors possible disruptions or deviations? Is the decision by someone with political experience to join a coalition identical in process to what a political novice would use?” Tatsächlich sind erste Ansätze einer Berücksichtigung neurowissenschaftlicher und genetischer Erkenntnisse auch mit Blick auf die Politikwissenschaft erkennbar, wo bei sich die Spannbreite von evolutionsbiologischen Ansätzen (Ha temi/McDermott 2011; Smirnov/Johnson 2011) und der Primatenforschung (Proctor/Brosnan 2011) über Zwillingsforschung zur Untersuchung der Vererbbarkeit politischen Verhaltens (Eaves et al. 2011) bis hin zur Frage der Wirkung von Hor monen auf politisches Verhalten (McDermott 2011; Apicella/Cesarini 2011) er streckt. Dabei hat die bisherige Forschung gezeigt, dass viele Entscheidungen gleichsam automatisiert ablaufen, ohne dass eine bewusste Reflexion oder Berech nung der Lage stattfindet. Diese Erkenntnis ist für die Theoriebildung in den Inter nationalen Beziehungen insofern von Interesse, weil hierdurch die vielen Erklä rungsansätzen inhärente Annahme des auf Grundlagen des Rational-Choice- Modells handelnden Entscheidungsträgers in Frage gestellt wird. Zudem wurde die große Bedeutung von Emotionen im menschlichen Handeln wissenschaftlich un termauert, wobei aufgezeigt wurde, welche neurologischen Dynamiken mit diesen In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass sich in benachbarten Disziplinen wie den Wirtschaftswissenschaften oder der Philosophie bereits neurospezifische Richtungen wie etwa die Neuro-Ökonomie oder die Neuro-Philosophie etabliert haben (vgl. etwa Farmer 2007). 73 korrespondieren. Gleichzeitig konnten auch Erkenntnisse gewonnen werden, wel che die Interaktion zwischen automatisiert ablaufenden und affektiven Prozessen erklären, so etwa die Unterbrechung des automatisierten Agierens durch emotional wirksame Stimuli. Derartige Erkenntnisse werden bereits in einigen Erklärungsan sätzen für zwischenstaatliches Handeln reflektiert, etwa im oben dargestellten poliheuristischen Entscheidungsmodell der Außenpolitikanalyse. Allerdings tritt auch hier das Problem der nicht hinreichenden Berücksichtigung etwa von Strukturfak toren hinzu. Insgesamt gilt auch und gerade hier, dass das Gewinnen und Nutzen von Wissen um die Wirkung von Emotionen nur tragfähige Ergebnisse liefert, wenn die Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen und Subdisziplinen zusam mengeführt werden. So kann die Neurobiologie Beiträge zu den physiologischen Aspekten von Emotionen beisteuern, die Sozial- beziehungsweise die Kognitions psychologie entsprechend Erkenntnisse zu den kognitiven Aspekten von Affekt und die Ethologie schließlich zu den Verhaltensaspekten. Jede dieser Komponen ten ist relevant zur Untersuchung politischen Verhaltens und nur durch ein Integ rieren der Ergebnisse der unterschiedlichen Disziplinen lässt sich verstehen, wie unterschiedliche Kontexte die Interaktion von Emotion und Kognition und damit Entscheiden und Handeln beeinflussen (Way/Masters 1996). Mit anderen Worten: “ [S]cholars can optimise their ability to understand the politics o f emotions only by making full use o f the entire spectrum o f human perception and cognition, which requires more open-ended and active communication among different academic disciplines and fields of knowledge.”(Bleiker/Hutchinson 2008: 117f.). Auf diese Weise wird es dann etwa auch möglich und vertretbar, mehrere Analyse ebenen kausal miteinander zu verbinden (Tingley 2006). Um dies erfolgreich zu tun, ist ein interparadigmatisches und transdisziplinäres Vorgehen unumgänglich. Insgesamt zeigt sich, dass die Spannweite transdisziplinärer Forschung von der Be antwortung einer konkreten Forschungsfrage im Einzelfall bis hin zu einer grund legenden Entwicklung theoretischer Zugänge reichen (Bruun et al. 2005: 84), wodurch auch der hier zu leistende Entwicklungssprung von einem einzelfallorien tierten hin zu einem modellorientierten analytischen Eklektizismus wieder ins Blickfeld gerät. Eine Voraussetzung für ein solches analytisch-eklektisches Vorge hen ist allerdings ein Abrücken vom gängigen Paradigmenverständnis in der Theo rielandschaft der Internationalen Beziehungen, welches als zentrales Problem so wohl hinsichtlich der weitgehend getrennten Entwicklung der einzelnen Paradig men als auch mit Blick auf das zumeist von Ablehnung und Konfrontation gepräg te Verhältnis zwischen den Paradigmen verstanden werden kann. Traditionell — und sehr allgemein gesprochen — wird unter dem Begriff Paradigma19 eine wissen schaftliche Denkweise beziehungsweise Weltanschauung verstanden, die auch als Trotz zahlloser Ansätze, das Konzept des Paradigmas zu definieren beziehungsweise zu operationalisieren — allein Thomas Kuhn unternahm hierzu 34 verschiedene Versuche — existiert bisher keine allgemein anerkannte Festlegung des Begriffs (vgl. etwa Masterman 1970, Asendorpf 2009: 13). 74 Denkschule bezeichnet wird und repräsentativ für spezifische modellhafte Vorstel lungen der Realität ist. Konkret geht es dabei um den Gegenstand und die Art der Forschung, um Inhalt und Wesen des Forschungsobjektes und die Art der Inter pretation der Ergebnisse. Kuhn, einer der zentralen Wissenschaftstheoretiker, die sich mit dem Wesen von Paradigmen auseinandergesetzt haben, geht nur von nur einem zu einem spezifi schen Zeitpunkt gültigen, völlig einheitlichen, unitarischen Paradigma innerhalb einer Disziplin aus, das nach gewisser Zeit und unter bestimmten Umständen von einem anderen abgelöst wird. Hierbei bietet ein klar begrenztes Paradigma durch aus Vorteile (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2008: 115, Sil/Katzenstein 2010a: 8, Bennett 2010: 7, Dahl 2004: 117), wie etwa eine gemeinsame Basis für die Forscher der je weiligen Disziplin. Diese sprechen eine gemeinsame theoretische und methodologi sche Sprache, berufen sich auf eine gemeinsame metatheoretische Grundlage und interpretieren ihre Ergebnisse anhand der gleichen Bewertungsstandards. Dieser gemeinsame Grundstock ermöglicht es, spezifische Problemfelder einer Disziplin auf einheitliche und vergleichbare Weise zu untersuchen. Die gemeinsamen und innerhalb des Paradigmas allgemein akzeptierten festen Grundannahmen verhin dern, dass im Rahmen einer jeden wissenschaftlichen Arbeit das Rad gleichsam neu erfunden werden muss. Während in einer Ära der sogenannten normalen Wissen schaft die unbestrittene Dominanz eines im Bereich einer Disziplin generell aner kannten Paradigmas erkennen lässt, welches die zentralen Forschungsfragestellun gen determiniert, das Vokabular des anzuwendenden Theorierahmens ebenso wie Spektrum und Bereich der zu verwendenden Methoden festlegt und die Bewertung der Forschungsantworten vorgibt, kommt es in sogenannten Phasen revolutionärer Wissenschaft zur Infragestellung der Grundannahmen und darauf basierenden Wahrheiten des gültigen Paradigmas. Beschäftigen sich genügend viele Wissen schaftler mit den neuen Fragestellungen und entwickeln entsprechende For schungsansätze, kann es zum Paradigmenwechsel kommen. Das neue Paradigma verdrängt das alte vollständig, ein Nebeneinander von Paradigmen existiert nicht. Obwohl Kuhns Paradigmenverständnis als vorherrschend in der Wissenschaft gilt (vgl. etwa Elm/Elm 2003), repräsentiert es doch nicht die Situation in den Interna tionalen Beziehungen, wo eine Vielzahl grundsätzlich unterschiedlicher Paradigmen miteinander konkurrieren. Somit ist zunächst einmal das Paradigmenverständnis von Lakatos besser geeignet, die Situation der Disziplin zu charakterisieren. Für Lakatos können innerhalb einer Disziplin durchaus mehrere wissenschaftliche Strömungen mit jeweils eigenen Forschungsprogrammen koexistieren. Diese For schungsprogramme verfügen über eigene Kernbestandteile und spezifische Heuris tiken, welche die zentralen metatheoretischen Annahmen repräsentieren, wobei jedoch zugleich immer auch gemeinsame Grundannahmen der Disziplin insgesamt über die einzelnen Forschungsprogramme hinaus geteilt werden. Innerhalb jener für die Gesamtdisziplin gültigen Grundannahmen können sich die Forschungspro gramme prinzipiell weiterentwickeln, um auf neue Herausforderungen zu reagieren. 75 Forschungsprogramme, welche sich hierbei erfolgreich an solche Herausforderun gen anpassen, werden als progressiv verstanden, jene, denen das nicht gelingt, als degenerativ. Anders als bei Kuhn können im Verständnis von Lakatos also durch aus mehrere auch grundsätzlichere Erklärungsmodelle nebeneinander bestehen. Nichtsdestoweniger ist in seinem Paradigmenverständnis nicht vorgesehen, dass eine ganze Disziplin von fundamentalen Differenzen grundlegend rivalisierender Denkschulen charakterisiert ist, wie dies auf die Disziplin der Internationalen Be ziehungen zutrifft. Dort nämlich lässt sich konstatieren, dass „discrete strands of research that operate within their own ,hard cores‘“ (Sil/Katzenstein 2010a: 6). Insbesondere sei in diesem Zusammenhang auf grundlegend unterschiedliche Ver ständnisse von Objektivismus und Subjektivismus, von Universalismus und Parti kularismus, von Materialismus und Idealismus und von Akteur und Struktur ver wiesen, welche als dauerhafte „fractal distinctions“ (Sil/Katzenstein 2010: 6) dazu führen, dass die einzelnen Paradigmen der Internationalen Beziehungen letztlich zu eigenständigen (Quasi-) Disziplinen im Verständnis von Kuhn und Lakatos werden (vgl. etwa Abbott 2004: 162-170) und aus dieser Perspektive heraus die Internatio nalen Beziehungen selbst nicht mehr als kohärente Disziplin erscheinen. Dieser Vorwurf wiegt schwer, ist jedoch nicht unbegründet angesichts der deutlich das Fach charakterisierenden teils tiefen, mit einem ausgeprägten Uberlegenheitsgefühl verbundenen ideologischen Verhärtungen, welche innerhalb der Disziplin der In ternationalen Beziehungen existieren. Seit seiner Etablierung als wissenschaftliches Fach lässt sich in den Internationalen Beziehungen eine immer weiter zunehmende Pluralisierung auf dem Gebiet der Theoriebildung erkennen (vgl. etwa Schmidt 2008: 304). Aktuelle Grundlagenlehrbücher verzeichnen bis zu elf unterschiedliche theoretische Paradigmen (vgl. etwa Viotti/Kauppi 2009; Dunne et. al. 2007; Burchill et. al. 2009), sodass die Internationalen Beziehungen mittlerweile als durch „a multiple o f paradigms“ (Molthoff 2011; vgl. zudem Kurki/Wight 2007) charak terisiert wahrgenommen wird. Diese Pluralität wird zum Teil durchaus positiv (vgl. etwa Dunne/Kurki/Smith 2007; Smith 2004; Smith 2007) und mitunter sogar als Ausdruck der zunehmenden Reife des Faches (vgl. Snrensen 1998: 84) bewertet. Allerdings überwiegt der Teil der Forschung, welche die erkennbare „explosion of competing philosophical and theoretical debates“ (Owen 2002: 653) als problema tisch sowohl erachtet (vgl. etwa Owen 2002). Nicht zu Unrecht weist Palan (2007: 49) vor diesem Hintergrund daraufhin, dass „[t]he plethora o f schools o f thoughts, and the alarming rate o f expansion in the number o f theoretical approaches and methodological and epistemological debates, is characteristic o f a discipline in a turmoil, in search of an identity”. Der Paradigmenpluralismus in der Diziplin Inter nationale Beziehungen ist dabei gekennzeichnet von einem Mangel an interpara digmatischer Kommunikation und einem Chauvinismus der einzelnen Paradigmen, durch welchem, trotz teils sehr wertvoller Erkenntnisse seitens der einzelnen Para digmen, der Fortschritt der Wissenschaft insgesamt begrenzt wird. Ressourcen bleiben unausgeschöpft, statt Theoriebildung und -fortentwicklung lässt sich allzu oft ein Drehen im Kreise erkennen. Was hierbei das erwähnte Uberlegenheitsgefühl 76 der einzelnen Paradigmen anbelangt, so gab es innerhalb der Disziplin gleichsam seit deren Bestehen „many battles among contending approaches, each claming to offer a superior analytic framework“ (Sil/Katzenstein 2010a: 4; vgl. auch Bennett 2010: 6). Vor diesem Hintergrund verhärteten sich nicht selten die einzelnen Paradigmen dabei in Richtung einer Dogmatisierung, wie etwa auch T.V. Paul (2010: 17) auf zeigt: “most often they can degenerate into a sort o f dogmatic allegiance and ideological preference”. Hierbei wiegt die Rettung eines Paradigmas regelmäßig schwe rer als die problemorientierte Suche nach Lösungen, welche die Gefahr in sich trägt, das eigene Paradigma in Frage zu stellen, indem dessen Schwächen zutage treten (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2008: 109). Friedrich etwa weist in diesem Zu sammenhang darauf hin, dass „[t]he desire to win, to stand one’s ground [...] is most oft he times stronger than the genuine search for an acceptable solution to a problem“ (zitiert nach Kratchowil 2003: 125). Was eine solche Tendenz bedeutet, zeigt Ian Shapiro (2005: 184) auf: „[I]f a phenomenon is characterized as it is as to vindicate a particular theory rather than to illuminate a problem that has been independently specified, then it is unlikely to gain much purchase on what is actually going on”. Nicht selten werden solche Fragestellungen oder Untersuchungsaspekte, die das eigene Paradigma bedrohen könnten oder diesem zuwiderlaufen, vorsätzlich von der Forschungsagenda gestrichen (sogenanntes Blackboxing) oder bisweilen rivalisierende Paradigmen ganz bewusst diskreditiert. Aber selbst wenn keine be wusste Selektivität bei der Auswahl von Fragestellungen oder zu untersuchenden Fällen erfolgt, um die Gültigkeit der Annahmen eines spezifischen Paradigmas auf jeden Fall bestätigt zu sehen, ist eine a priori Beschränkung von Untersuchungs rahmen und Untersuchungsgegenstand systeminhärent. Denn durch die fixen me tatheoretischen Einschränkungen der jeweiligen Paradigmen verbunden mit der mangelnden Bereitschaft, diese zu transzendieren, wird eine Verengung der For schung auf bestimmte Themen, Forschungsprobleme, Methoden und Forschungs strategien determiniert (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2010a: 9, Shapiro 2005: 184). Hierdurch dreht sich die Forschung letztlich — aller Ausdifferenzierungen innerhalb der einzelnen Paradigmen, wie die wachsende Zahl an Präfixen und Adjektiven wie Neo-, neoklassisch etc. zeigt, zum Trotz — letztlich im Kreise, zumal zu berücksich tigen ist, dass durchaus erkennbare und wertvolle innerparadigmatische Entwick lungen keineswegs zugleich auch einen Fortschritt für die Gesamtdisziplin bedeu ten (vgl. etwa Elman/Elman 2003, Hellmann 2002: 3). In diesem Zusammenhang zeigt sich das von Sil und Katzenstein (2008: 116) angesprochene Risiko einer „excessive compertamentalization of knowledge“. Denn ein sich immer weiter dif ferenzierenden Theoriepluralismus in den Internationalen Beziehungen bei gleich zeitiger Beibehaltung der strikten Trennung der Paradigmen führt möglicherweise dahin, dass die Disziplin selbst immer weiter auseinanderdriftet und schließlich an den immer größer werdenden inneren Inkohärenzen zu zerfallen droht. Schmidt (2008: 298) vergleicht den gegenwärtigen Zustand der Theorielandschaft in den 77 Internationalen Beziehungen unter Anspielung auf die Metaphorik Gabriel Almonds (1990) mit einem Restaurant, in welchem die verschiedenen Tische für die einzelnen Paradigmen stehen. Zwar mögen an jedem der Tische durchaus fruchtba re Konversationen stattfinden, über die Tische hinweg herrscht jedoch bestenfalls Schweigen, im unschöneren, jedoch häufigeren Fall auch äußerste Abneigung. Auf jeden Fall ist es sehr schwer, eine gemeinsame Kohärenz auszumachen, welche die verschiedenen Tische und Konversationen zusammenführt. Aufgrund dieses letzt lich wenig fruchtbaren Parallelismus der Paradigmen trägt der Paradigmenpluralis mus paradoxerweise zu einer Verarmung der Disziplin der Internationalen Bezie hungen bei, die so eigentlich vermeidbar wäre. Doch müssten dazu die derzeit für die Disziplin charakteristischen Phänomene wie konfrontative, ablehnende oder ignorierende Wahrnehmung alternativer Paradigmen überwunden werden. Doch folgen derzeit die einzelnen Lager zumeist nur den eigenen Vordenkern, Texten und Schwerpunkten, während nicht selten die Diskurse und Publikationen anderer Denkschulen rundweg abgelehnt oder erst gar nicht wahrgenommen werden. D ie ser Umstand wird zudem noch dadurch verstärkt, dass immer mehr wissenschaftli che Fachzeitschriften auf dem Markt sind, welche nicht die Disziplin der Internati onalen Beziehungen als Ganzes vertreten, sondern nur jeweils einzelne Denkschule und deren spezifische Themen, Ansätze etc. So lässt sich etwa feststellen, dass im Journal o f Conflict Resolution ebenso wie in der Zeitschrift International Security, die je weils unterschiedlichen Paradigmen folgen, so gut wie nie auf die jeweils andere Zeitschrift verwiesen wird, obwohl die Artikel sehr häufig äußerst ähnliche Themen behandeln (vgl. Bennett/Barth/Rutherford 2003). Auf diese Weise trägt die Viel zahl der Paradigmen nicht nur zusehends zu einer schon bald befürchteten „hindrance to understanding“ (Hirschmann 1970), sondern sie bewirkt ferner, dass sich abgegrenzte „zones o f professional distinction“ (Sylvester 2007: 551) immer mehr verfestigen und zu den oben beschriebenen Quasi-Disziplinen werden, wie oben beschrieben.20 Angesichts dieser Lage lassen sich — wenig überraschend — Forderungen verneh men, den ausgeuferten Paradigmenpluralismus zu überwinden und eine Richtung einzuschlagen, die sich auf eine einheitlichere und somit wieder wissenschaftlichere Disziplin zubewegt (vgl. Schmidt 2008: 296). Ein anderer Ansatz besteht darin, den Paradigmenpluralismus als solchen zunächst einmal als gegeben hinzunehmen und stattdessen die dominierenden Konzeptionen dessen, was unter einem Paradigma Im Bereich der Psychologie, wo ähnliche Probleme existieren, lässt sich in Form der Fachzeitschrift A-dvances in Psychiatric Treatment ein von diesem Schema abweichender An satz finden. Dort wird bei der Auswahl der themenspezifischen Artikel Eklektizismus bewusst berücksichtigt, w ie die Aussage des Herausgebers aufzeigt: „I think it is vital that Advances does not privilege one theory, system or tradition over another or become a product champion o f any particular approach. So there was no prior intention to bring together the articles [ ...] in a themed way. They do neatly demonstrate our eclectic ap proach, however.” (Bouch 2009: 241) 78 verstanden wird, zu hinterfragen und durch eine alternative Konzeption zu erset zen, die weniger rigide und somit flexibler ist. Ein solcher Ansatz trägt dem Um stand Rechnung, dass es weniger der Pluralismus per se ist, sondern die Art und Weise, wie damit in der Disziplin der Internationalen Beziehungen verfahren wird. Und diese wiederum hängt eng mit dem dominierenden klassischen Paradigmen verständnis zusammen, welches eine stärkere Interaktion oder gar Integration un terschiedlicher Paradigmen verhindert. Angesichts der geschilderten Problematik wird der vorliegenden Arbeit — in Anleh nung an Sil und Katzenstein (2010) — das Paradigmenverständnis von Larry Laudan (vgl. etwa 1977, 1996) und insbesondere der darin enthaltenen Idee der For schungstradition zugrunde gelegt. Hierunter sind die Annahmen darüber zu verste hen, welche Strukturen, Akteure und Prozesse für eine Forschungsdisziplin als re levant erachtet werden, welche epistemologischen und methodologischen Normen für eine Disziplin maßgeblich sind und welche Untersuchungsgegenstände anhand welcher Theorien erforscht werden sollen (vgl. Laudan 1996: 83). Dabei geht Lau dan davon aus, dass zwar mehrere Forschungstraditionen nebeneinander existieren (können), diese jedoch nicht, wie dies in der Disziplin der Internationalen Bezie hungen der Fall ist, gleichsam isoliert nebeneinanderstehen (müssen), sondern im Gegenteil interagieren können (und sollten). Mit anderen Worten schließen sich unterschiedliche Forschungstraditionen im Paradigmenverständnis Laudans nicht gegenseitig aus, wenn es um die Analyse und Interpretation von Untersuchungsge genständen geht. Vielmehr kann und soll sich ein Wissenschaftler zur Erforschung ein und desselben Sachverhaltes durchaus gleichzeitig unterschiedlicher For schungstraditionen bedienen, selbst wenn der Mainstream der Forschung davon ausgeht, dass die Forschungstraditionen miteinander unvereinbar sind (vgl. Laudan 1977: 104-10). Laudans Paradigmenverständnis ermöglicht es der Forschung somit, auf verschiedene theoretische Rahmen zurückzugreifen und gegebenenfalls theore tische Konstrukte aus unterschiedlichen Forschungstraditionen bzw. Paradigmen miteinander zu verschmelzen (vgl. Bennett 2010: 6; Sil/Katzenstein 2010: 7), was zu einem „more realistic framing of the shifting controversies in the field than the more rigid conceptions [...] offered by Kuhn or Lakatos“ (Sil/Katzenstein 2010b: 21) beitragen kann. Obgleich auch Befürworter dieses Ansatzes einzelne Aspekte der Paradigmenkonzeption Laudans kritisieren (vgl. etwa Haas 2010: 11) und auf möglicherweise besser geeignete Alternativen (wie etwa Popper 1972; Toulmin 1972; Campbell 1988; Alker 1996 oder Rorty 1998) verweisen, lässt sich doch kon statieren, dass „Laudan’s concept o f ,re-search traditions' [...] better fits actual practices in political science than Kuhnian paradigms or Lakatosian research pro grams“ (Bennett 2010: 8). 79 Vom Vaudanschen Paradigmenverständnis gumAnalytischen Vklektigismus Durch das Laudansche Paradigmenverständnis wird der Weg zu einem methodi schen Ansatz eröffnet, der von seinem Grundverständnis bis in die Antike zurück reicht21, und welcher in Bereichen wie Musik, Kunst und Architektur, aber ebenso in Medizin und Psychologie vergleichsweise stark etabliert ist, sich in den Sozialwis senschaften aber bislang nicht nennenswert antreffen lässt und sich speziell in der Disziplin der Internationalen Beziehungen erst jüngst zu entwickeln begonnen hat: dem analytischen Eklektizismus. Dass eine Entwicklung in diese Richtung nicht eher eingesetzt hat und auch heute noch eher zögerlich vonstattengeht, mag dabei verwundern angesichts der — zumindest scheinbar — einfachen Formel, auf welche die in Berkeley lehrenden Wissenschaftler David Collier und Ron E. Hassner (2010) den Ansatz gebracht haben: “The question: How to overcome compartmentalization in international relations scholarship? The strategy: incorporate ideas and analytic tools from seemingly incommensurable research traditions. The reward: a richer interpretive and explanatory understanding o f today's world.” Doch so einfach ist es in der Praxis dann doch nicht. Die Herausforderung, welche sich hierbei für den vergleichsweise neuen methodischen Zugang zur Materie der Internationalen Beziehungen stellt, besteht darin, dass dieser einen mindestens ebenso nützlichen und anwendbaren Analyserahmen zur Verfügung stellen muss, und dabei zugleich Hindernisse im Bereich Forschung und Theoriebildung über wenden helfen muss, ohne neue solcher Hindernisse zu schaffen. Im folgenden Abschnitt soll der methodische Ansatz des analytischen Eklektizismus anhand von einigen konkreten Fragen dargestellt werden, nämlich: Was ist der Analytische Ek lektizismus, weshalb stellt er einen interessanten methodischen Ansatz dar, wie funktioniert die Methode im Wesentlichen, wo sehen Kritiker Probleme des Ansat zes und worin besteht ein möglicher Mehrwert bei der Verwendung des Analyti schen Eklektizismus? Nach einer einführenden Definition des Begriffs werden Vor- und Nachteile des Ansatzes speziell bezogen auf die Disziplin der Internationalen Beziehungen be trachtet und kritische gegeneinander abgewogen. Hierbei soll dargelegt werden, weshalb der Ansatz geeignet erscheint, auch im Bereich der reinen (Fort-) Entwick lung von Theorie angewandt zu werden. Darüber hinaus soll es darum gehen, zu erläutern, weshalb die begründete selektive Rekombination bestehender Theoriean- Soweit bekannt, wurde Eklektizismus zuerst von einer Gruppe antiker griechischer Philo sophen wie den Stoikern Panaetius oder Posidonius und den Angehörigen der Neuen Akademie wie Carneades oder Philo von Larissa praktiziert, die danach strebten, aus be stehenden philosophischen Denkweisen jene Ideen zu selektieren, die ihnen am sinnvolls ten bei der Behandlung spezifischer Probleme erschienen. A uf römischer Seite etwa sind Varro, Seneca oder Cicero zu nennen, der in seinem W erk gleichermaßen auf die peripatische, stoische und neuakademischen Schulen zurückgriff und versuchte, diese zusam menzuführen. 80 sätze als eigenständige wissenschaftliche Leistung zu bewerten ist, nicht zuletzt da eine solche dazu beitragen kann, die Tore der in Paradigmen zumindest teilweise gefangenen Wissenschaft zu öffnen und so neue Erkenntnismöglichkeiten zu er schließen, was im Sinne Robert Keohanes (2010) durchaus als Auftrag zu verstehen ist: “[T]he field o f international relations has been a prisoner o f the misconceived notion that good scholarship falls neatly into incompatible paradigms. [...] Our conceptual jail has no locks, and if we refuse to exit, we have only ourselves to blame.” Worum geht es also beim Analytischen Eklektizismus? Der Begriff des Eklektizismus geht zurück auf die Ausdrücke "sxXextixo?" (eklektikos), was so viel wie Auswählen der/des Besten heißt, sowie "sxXexto?" (eklektos), was auserwählt, auserlesen bedeutet. Als wissenschaftlicher Ansatz geht es also beim Eklektizismus darum, aus verschiedenen Theorien, Methoden, Doktrinen etc. das auszuwählen, was als das für einen spezifischen Zweck jeweils am besten Ge eignete erscheint. Eklektizismus kann somit als konzeptioneller Ansatz verstanden werden, der sich nicht starr an ein spezifisches Paradigma oder eine Reihe festge legter Annahmen hält, sondern stattdessen auf eine Vielzahl von Theorien etc. zu rückgreift, um komplementäre Einsichten in einen Untersuchungsgegenstand zu erhalten (vgl. etwa Shapiro/Wendt 2005: 50). Dabei werden analytische Elemente von Theorien oder Narrativen, die innerhalb getrennter Paradigmen entwickelt wurden, welche jedoch dabei ähnliche Aspekte eines Untersuchungsgegenstandes berühren, aus ihren paradigmatischen Kontexten gelöst, in andere, erweiterte Kon texte übertragen und selektiv in ein neues Argument integriert. Unter analytischen Elementen sind dabei etwa Konzepte, Logiken, Handlungsmechanismen und In terpretationen zu verstehen (vgl. hierzu etwa Sil/Katzenstein 2010a: 10). Auch wenn es nicht die Zielsetzung des analytischen Eklektizismus in seiner beste henden Form ist, Problemen und Inkohärenzen innerhalb einzelner Paradigmen zu lösen, stellen die Erkenntnisse der verschiedenen Paradigmen einen wichtigen Aus gangspunkt für die analytisch-eklektizistische Methode dar. Das Überschreiten pa radigmatischer Grenzen bedeutet nämlich keineswegs, die regelmäßig überaus wertvolle Arbeit, welche von den Vertretern jener Paradigmen geleistet worden sind, zu verwerfen oder zu ignorieren. Im Gegenteil geht es gerade darum, die in nerhalb spezifischer Paradigmen und somit in spezifischen Kontexten und unter unterschiedlichen Prämissen gewonnenen Erkenntnisse gewinnbringend zu kombi nieren und dabei die bislang verborgenen beziehungsweise nicht expliziten Verbin dungen einzelner Elemente oder Argumente von an unterschiedliche Paradigmen gebundene Theorien zu erkennen, um auf diese Weise neue Einblicke in und Er kenntnisse über spezifische Sachverhalte zu ermöglichen. In die Worte des in Georgetown wirkenden Andrew Bennetts (2010) gekleidet bedeutet das, dass „[d]rawing on an eclectic mix o f causal mechanisms provides stronger explanations, more policy-relevant scholarship, and closer connections to other disciplines.” Der analytische Eklektizismus stellt somit eine wichtige komplementäre Größe zu der bestehenden Paradigmenvielfalt in den Internationalen Beziehungen dar, die sich 81 im Denken jedoch von der klassischen paradigmengebundenen Forschung unter scheidet (Abbildung 1). Paradigmengebundene For schung Analytisch-eklektizistische Forschung Paradigmenverständnis Kuhnianisch, Lakatosianisch Laudanisch Metatheoretischer Rahmen Festlegung auf spezifische me tatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze Keine Festlegung auf spezifische metatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze Phänomenologie Annahme spezifischer ontologi scher und kausaler Phänomene, Mechanismen und Prozesse Keine Annahme spezifischer ontologischer und kausaler Phä nomene, M echanismen und Prozesse Verhältnis zu anderen Paradigmen Ablehnung und/oder Marginalisierung der Bedeutung alternati ver Ansätze Kein Interesse an Interaktion unterschiedlicher Paradigmen Bewusstes Aufgreifen und Kombinieren verschiedener An sätze Interesse an Interaktion unter schiedlicher Paradigmen Philosophie Separierend Integrierend Vorteile Rigorosität Reinheit Grenzüberschreitung Mögliche Entwicklung erweiter ter Analyseansätze Nachteile Beschränkung in analytischer Hinsicht Beschränkte Entwicklungsper spektiven Wagnis (kein schützender Rah men) Hoher Forschungs- und W is sensaufwand Abbildung 1: Paradigmenverständnisse So ist letztere durch eine Festlegung auf spezifische metatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze sowie bestimmte ontologische und kausale Phänomene charakterisiert. Die am Laudanschen Verständnis angelehnte analytische-eklektische Forschung ist dagegen weder an spezifische metatheoreti sche Annahmen noch an spezifische ontologische beziehungsweise kausale Phä nomene, Mechanismen und Prozesse gebunden. Ebenso werden in der analytisch eklektischen Forschung, wo ein explizites Interesse an der Interaktion von Para 82 digmen besteht, bewusst unterschiedliche Ansätze aufgegriffen und kombiniert, was im Bereich der paradigmengebundenen Forschung strikt abgelehnt wird. Somit steht der separierenden Philosophie der paradigmengebundenen Forschung mit dem analytischen Eklektizismus ein bewusst integrierender Ansatz gegenüber, der aufgrund des Potenzials, paradigmatische und disziplinäre Grenzen zu überschrei ten, die Möglichkeit zur Entwicklung erweiterter Analyseansätze bietet. Trotz dieses prinzipiell potenziell konstruktiven Verhältnisses von paradigmatischer und analytisch-eklektizistischer Wissenschaft, sieht sich auch der Ansatz des Analy tischen Eklektizismus fachlicher Kritik ausgesetzt (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2010a: 13f.). Hierbei reichen die Argumente von der Gefahr der Beliebigkeit bei der Re kombination unterschiedlicher paradigmatischer Inhalte, der Unschärfe des Ansat zes, den besonderen Herausforderung für die Forschenden, welche mithilfe der Methode des analytischen Eklektizismus arbeiten bis hin zur Annahme einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Paradigmen, welche jegliche Art der Kombination ausschließe. Derartige Vorbehalte sind in der Politikwissenschaft stark manifestiert und prägen das Fach schon seit Langem. So hat etwa Gunther Hellmann (2003: 149) darauf hingewiesen, dass speziell in der Disziplin der Internationalen Beziehungen eine stark ausgeprägte Tendenz besteht, jeden Ansatz, der vom reinen Schulendenken abweicht, zu stigmatisieren. Timothy Sinclair (2010: 124) spricht hierbei sogar von Eklektizismus als dem ultimativen Tabu jener Disziplin. Diese Perspektive steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten Inkommensurabilitätsthese. Diese geht von einer grundsätzlichen Un vereinbarkeit der Argumente unterschiedlicher Paradigmen im Sinne von Kuhn und Lakatos aus; weil nämlich die verschiedenen Konzepte, Begriffe, Standards etc. je nach Paradigma auf unterschiedlichen Ontologien und Epistemologien beruhten, sei es nicht möglich, sie in einen einzigen analytischen Ansatz einzubringen, etwa weil Begriffe, die in unterschiedlichen Paradigmen unterschiedlich besetzt seien, bewusst oder unbewusst unreflektiert nebeneinander gesetzt würden und so von einer Aussagekraft ausgingen, die so nicht gegeben sei, oder es zu einer Scheinho mogenisierung unterschiedlicher Konzepte kommen könne (vgl. etwa Johnson 2002, Harvey/Cobb 2003: 146). Vor diesem Hintergrund wird argumentiert, dass eine Übersetzung von Konzepten eines Paradigmas in die Sprache eines anderen letztlich unmöglich sei. Während gewiss einzuräumen ist, dass die Inkommensurabilitätsthese dann etwas für sich hat, wenn man von einheitlichen Kriterien bei der komparativen Bewer tung unterschiedlicher Theorieparadigmen in ihrer Gänze ausgeht, sieht es bei der Verbindung selektiver Kriterien nicht so problematisch aus (vgl. etwa Hattiangadi 1977; Wisdom 1974). Auf anschauliche Weise haben etwa Donaldson (1974) und Putnam (1981) aufgezeigt, dass eine Unvereinbarkeit nur dann gegeben ist, wenn es gänzlich unmöglich wäre, Ausdrücke aus der Sprache eines Theoriekonzepts in die eines anderen zu übersetzen. Dies jedoch ist nicht zutreffend, denn „if the thesis were really true, then we could not translate other languages — or even past stages 83 of our own language” (Putnam 1981: 115; vgl. ferner Oberheim 2006: 28). Hinzu kommt, dass auch innerhalb ein und desselben Paradigmas Begriffe verschieden konnotiert sind. Ferner haben Sil und Katzenstein (2010a: 14 f.) dargelegt, dass durch eine reflektierte Herangehensweise beim Umgang mit den substanziellen Faktoren der verwendeten Paradigmen eine Rekonzeptualisierung möglich ist, wel che wiederum eine (Re-)Kombination über Paradigmengrenzen hinweg zumindest prinzipiell ermöglicht. In diesem Kontext hat zudem Parsons (2007) deudich ge macht, dass es möglich ist, rivalisierende Erklärungslogiken so in einzelne Module aufzuspalten, dass grundlegende metatheoretische Annahmen von spezifischen substanziellen Argumenten oder Interpretationen getrennt werden können, um die se dann auf einem höheren Abstraktionsniveau wieder zusammenzuführen. In jedem Fall ist es von besonderer Bedeutung, eine gründliche und ausführliche Operationalisierung der verwendeten Variablen durchzuführen und dabei die jewei lige innerparadigmatische Bedeutung und die darauf im neuen transparadigmati schen Kontext entstehende Bedeutung genau herzuleiten und zu beleuchten. Auch wenn also die Methode des Analytischen Eklektizismus mit Herausforderungen verbunden ist, so sind diese nicht unüberwindbar „as long as proper care is taken to consider the premises upon which specific analytic components are operationalized“ (Sil/Katzenstein 2010a: 16). Mit dieser Vorgehensweise kann zugleich auch zwei weiteren Argumenten begegnet werden, welche gegen die Verwendung des Analytischen Eklektizismus in der Disziplin der Internationalen Beziehungen vor gebracht werden, nämlich dem der konzeptuellen Unklarheit des Ansatzes und dem der Beliebigkeit bei der Auswahl der zu synthetisierenden Argumente. Hinsichtlich des ersten Arguments wird auf die Gefahr konzeptioneller Unschärfe (vgl. etwa Johnson 2002: 223-248) beziehungsweise einer „coneptual muddiness“ (Sil/Katzenstein 2008: 125) verwiesen. Zudem wird der analytischeklektizistischen Methode vorgeworfen, dass Aspekte wie Beweisführung des Ar guments, Falsifizierbarkeit oder Generalisierbarkeit der Aussagen nur unzureichend ausgereift seien (vgl. etwa Haas 2010: 8). Dieser Vorwurf ist durchaus ernst zu nehmen; er wird weiter unten nochmals aufgegriffen, wenn die spezielle Variante eines analytischen Eklektizismus aufgezeigt wird, wie sie in der hier vorliegenden Arbeit zur Anwendung kommen soll. Bezogen auf das zweite Argument wird der Vorwurf einer „ad-hocery“ (Ba 2010: 14) erhoben, bei der beliebig und unreflek tiert Elemente irgendwelcher Theorien zusammengeschustert würden. Mit anderen Worten würden die etablierten Standards guter Wissenschaft zu Gunsten eines ,Alles-Geht‘-Ansatzes über Bord geworfen, sodass letztlich nur ein epistemologisch wie ontologisch inkohärentes Ergebnis zu erwarten sei (vgl. etwa Jabko 2010, Paul 2010, Barnett 2010). Diesem Vorwurf kann dahingehend begegnet werden, dass „[a]nalytic eclecticism does not offer a carte blanche to produce either idiosyncratic stories for each and every case or a never-ending laundry list o f factors that potentially influence each and every outcome” (Sil/Katzenstein 2010b: 23; vgl. ferner Sil/Katzenstein 2008: 111). Wie gesagt, das oben genannte Argument eines kritisch 84 reflektierten Vorgehens bei der Auswahl der Elemente der der darauf basierenden Operationalisierung der Variablen kann diesem Vorwurf gut entgegenwirken. Ein Problem, das eine ganz andere Dimension anspricht, betrifft den Forscher selbst. So stellt das Fehlen eines auf der Abgeschlossenheit eines spezifischen Para digmas beruhenden Schutzgürtels, der ja gerade aus anderen Paradigmen erwach sende kritische Einwände abzublocken vermag, eine mehrfache Schwierigkeit für die Forschenden dar. So ist nämlich die Flanke offen für Vorwürfe aus allen Denk schulen, während zugleich ein so gewonnener Erkenntnisgewinn nur schwerlich von den Vertretern eines spezifischen Paradigmas anerkannt werden könnte. Nicht zuletzt die weit verbreitete Auffassung, der zufolge „the ,discipline‘ expects (to quote Michael Barnett) ,a wrestling match' that will produce a clear winner“, was dazu führt, dass die analytisch eklektizistische Methode als „falling short when the wrestling match produces no clear winner and we conclude it is a combination of A and B“ (Ba 2010: 15) erscheint, trägt zu Befürchtungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei, die an der Anwendung der Methode interessiert sind.22 Auch Sil/Katzenstein (2010: 117) machen den Preis dieses Ansatzes deutlich, ver weisen aber auch auf den zu erzielenden Mehrwert: ,,[B]enefits o f embedding scholarship within research traditions— the cultivation o f a recognizable professional identity, efficient communication based on shared stocks o f knowledge and skills, a common set o f evaluative standards linked to explicit methodological assumptions, and the psychological and institutional support provided by fellow members— need to be sacrificed for the purpose o f recognizing and framing problems in ways that more closely approximate the complexity o f the social world and that can be explored through different permutations o f concepts, data, methods, and interpretative logics taken from separate research traditions” . Der zu erzielende Mehrwert rechtfertigt zugleich die zweite Hürde, die sich darauf bezieht, dass der Aufwand und die Anforderungen an die Forschenden ungleich höher sind, da diese sich wissenschaftliche Kompetenz in mehreren Paradigmen und gegebenenfalls darüber hinaus in mehreren benachbarten Disziplinen bzw. ausgewählten Teilbereichen von diesen aneignen müssen. Wird dies nicht ernstge nommen, besteht tatsächlich die von Cody (1996: 97) beschriebene Gefahr, dass der Forscher, welcher der Methode des analytischen Eklektizismus folgt, zum „jack- or jill-of-all-trade and master o f none“ entwickelt, also einem Hans-Dampfin-allen-Gassen, dessen relevante Expertise jedoch stets nur oberflächlich und bruchstückhaft bleibt. Wird dies indes ernst genommen, dann ist der Aufwand tatsächlich sehr hoch, da „trafficking in more than one research tradition typically takes considerable time and effort, requiring scholars not only to read widely but also to engage in shifting “multilingual” conversations with diverse scholarly com- Alice Ba (2010: 15) etwa verweist darauf, dass es im Bereich der Theorie der Internationa len Beziehungen stets darum gehe, wie die eigene Arbeit wahrgenommen und interpre tiert werde. Ihre spezielle Befürchtung bei der Anwendung des Interpretativen Realismus bestehe darin, dass sie es letztlich niemanden recht machen würde angesichts der stark ausgeprägten paradigmatischen Forschung. 85 munities, each confidently speaking a single theoretical language that its members have been wedded to for their entire careers” (Sil/Katzenstein 2008: 125). Dabei wird unter anderem kritisiert, dass Aufwand und Ertrag nicht in einem ausgewoge nen Verhältnis ständen (vgl. etwa Sanderson 1987: 321). Dieser Einwand erscheint jedoch nur bedingt zutreffend, führt man sich den Mehrwert des Ansatzes vor Au gen, der die Beschränktheit monokausaler und die Komplexität der Realität über Gebühr vereinfachender Logiken überwindet. Andrew Moravcsik (2003: 132) ver weist in diesem Zusammenhang zurecht darauf, dass “ [t]he complexity o f most large events in world politics precludes plausible unicausal explanations. The outbreak o f W orld Wars I and II, the emergence o f international human rights norms, and the evolution o f the European Union, for example, are surely important enough events to merit comprehensive explanation even at the expense o f theoretical parsimony.” Es geht also keineswegs darum, die Sachverhalte unnötig komplex zu machen, sondern nur der tatsächlich bestehenden Komplexität durch eine breitere instru mentelle Palette und ein dadurch bewirktes höheres analytisches Maß gerechter zu werden — auch mit Blick auf den Nutzen für die Praxis. Wie hilfreich ein analytischeklektizistischer Ansatz ist, zeigt etwa schon die Beobachtung Hirschmans (1970: 341) der zufolge jene politischen Akteure, die implizit die Annahmen unterschiedli cher Paradigmen berücksichtigen, erfolgreicher sind, als jene, deren Entscheidun gen bewusst auf den Annahmen einer Denkschule beruhen. Vor diesem Hinter grund erscheint die Suche nach einem eklektizistischen Theorie- und Analysemo dell mehr als gerechtfertigt. Nicht zuletzt deswegen ist es das Ansinnen der vorlie genden Arbeit gerechtfertigt, über die bisherigen analytisch-eklektizistischen Ansät ze hinauszugehen und statt nur auf den Einzelfall zu blicken und anhand der eklek tizistischen Methode ein kohärentes Theoriemodell mit soliden Operationalisierun gen zu entwickeln, auf dem schließlich ein konkret und für unterschiedliche Einzel fälle anwendbares Analysemodell beruht. Auf diesem Wege leistet die Annäherung der verschiedenen Denkschulen innerhalb der Internationalen Beziehungen einen ebenso wichtigen Beitrag wie die eine gemeinsame Betrachtung von Sachverhalten aus mehreren Teildisziplinen der Politischen Wissenschaft (vgl. etwa Caporaso 1997). Und nicht zuletzt besteht ein sehr wichtiger Beitrag dieses Ansatzes darin, bewusst relevante Erkenntnisse anderer Wissenschaftsbereiche wie Psychologie, Soziologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Geographie etc. einzubinden (vgl. etwa Wallerstein et.al. 1996, Sil/Doherty 2000, Bennett 2010: 6, Stubbs 2010: 146). In der hier vorgelegten Arbeit sollen zudem jüngste Erkenntnisse aus be nachbarten Disziplinen verwendet werden, die selbst schon erste eklektizistische Versuche unternommen haben, wie etwa Neuro-Soziologie oder soziale Neurowis senschaften (vgl. etwa Caccioppo et.al. 2007, Franks 2010, Harmon- Jones/Winkielman 2007, Hatemi/McDermott 2011). Gerade hiervon wird erwar tet, dass auch innerhalb einzelner Paradigmen bestehende Erkenntnisse neu bewer tet und im Zusammenspiel mit anderen Ansätzen weiterführend genutzt werden können. 86 Ein weiterer Vorteil der Verwendung eines analytisch-eklektizistischen Ansatzes ergibt sich im Bereich der weiter oben angesprochenen Gefahr einer regionalen Zersplitterung der Theorie der Internationalen Beziehungen. Hierbei geht es aber nicht nur um die Entwicklung spezifischer autochthoner Theorieansätze, sondern auch um die unterschiedliche regionale Verbreitung von Großtheorien. Während etwa in den USA der Fokus auf den traditionellen Großtheorien Realismus und Liberalismus und mit einigen Abstrichen auch Konstruktivismus liegt, spielen in anderen Regionen Paradigmen wie die English School, der Feminismus der Inter nationalen Beziehungen, der Postmodernismus oder der Marxismus eine bedeuten dere Rolle in der jeweiligen Wissenschaftspraxis (vgl. etwa Elman 2010: 1, Jordan et. al. 2009, Maliniak et. al. 2007, Acharya/Buzan 2010, Lemke 2003, Tickner 2003, Tickner/Waever 2009). Der größte Mehrwert freilich kann in der Tatsache gesehen werden, dass durch die Überwindung des paradigmatisch beschränkten Analy serahmens die oftmals damit einhergehende, (weitgehenden) Monokausalität der Argumente, überwunden wird, indem die Forschenden einen „multiperspectival mode of social inquiry“ (Bohman 2002: 502) einnehmen. Auf diese Weise wird es auch möglich, wieder näher an die Erwartungen von Forschenden wie auch von Konsumenten wissenschaftlicher Ergebnisse heranzukommen, wie auch Martha Finnemore (2010: 73) betont: „Good hypotheses are hard to find. As a graduate student I was trained to test hypotheses. The dirty secret no one told me was that most oft he dominant ,paradigms‘ o f our field are simply not fine grained enough to provide hypotheses about problems that analysts and citizens care about.“ Dass damit Reibungsverluste im Bereich der Rigorosität und Parsimonie entstehen können, erscheint vertretbar angesichts des erheblichen Mehrwerts, der die größere Spannweite alternativer Kombinationen von analytischen und empirischen Kom ponenten erzielt werden kann (vgl. hierzu etwa Ba 2010: 14, Bennett 2010: 6, Haas 2010: 5, Paul 2010: 17, Schiff 2010: 175). Denn internationale Phänomene sind hochgradig komplex und um sie zu verstehen, ist es unumgänglich, Aspekte wie den historischen Kontext, die spezifische Situation von Staaten, Gesellschaften, Systemen, Gruppen und Individuen und deren Interaktionen zu berücksichtigen. Hierbei geht das im Rahmen dieser Arbeit auf der Methode des analytischen Eklek tizismus entwickelte Modell des Interpretativen Realismus davon aus, dass Struk tur- und Akteurfaktoren anhand abstrakter Wirkungsmechanismen in spezifischen Kontexten auf eine spezifische Weise zusammenspielen, wobei zugleich verschie dene Analyseebenen und die Interaktion materieller und kognitiver Faktoren zu berücksichtigen sind. Um dies zu realisieren sind für Sil/Katzenstein (2010a: 37) zwei Dinge nötig: “This requires attention to two sets o f factors: first, the manner in which external environments shape actors' understandings o f their interests, the constraints and opportunities they face, and their capabilities; and second, the manner in which environments are reproduced or transformed as a result o f those actors' varying preferences and capacities. An eclectic approach also assumes the existence o f complex interactions among the distribution o f material capabilities (typically 87 emphasized in realism), the gains pursued by self-interested individual and collective actors (typically emphasized by liberals), and the role o f ideas, norms, and identities in framing actors' understanding o f the world and o f their roles within it (privileged by constructivists). Put differently, eclectic analysis seeks to cut across and draw connections between processes that are normally cast at different levels o f analysis, and are often confined to either material or ideational dimensions o f social reality.” Das bedeutet notwendigerweise zugleich eine Abkehr von bislang zu Teil allzu ver einfachenden Modellen innerhalb der Paradigmen, wie Sil und Katzenstein (2010a: 9) andernorts unterstreichen: “Simplifications based on a single theoretical lens involve trade-offs and can produce enduring blind spots unless accompanied by complementary, countervailing efforts to 'recomplexify' prob lems (Scott 1995). W ithout such efforts, academic discourse risks becoming little more than a cluster o f research activities addressing artificially segmented problems, with little thought to the implications of findings for real-world dilemmas facing political and social actors. This is where analytic eclecticism, despite its own limitations [...] makes its distinctive contribution as social scientists seek to contend with the complexity o f social phenomena that bear on the practical dilemmas and constraints faced by decision makers and other actors in the 'real' world.” (Sil/Katzenstein 2010a: 9) Was schließlich bedeutet das für das Verhältnis des analytischen Eklektizismus zu den Paradigmen? Es geht nicht darum, Paradigmen zu umgehen und die innerhalb von Paradigmen gewonnenen Erkenntnisse zu ignorieren oder zu ersetzen, oder, wie es Hochschild (110) nahegelegt hat, ganz auf Paradigmen zu verzichten und diese rigoros abzuschaffen. Ebenso wenig geht es darum, jeden nur erdenklichen Faktor in die Analyse einzubringen, und so entstehende Modelle zwar theoretisch umfassend, aber praktisch unbrauchbar zu machen, im Gegenteil (vgl. etwa Ba 2010: 14). Vielmehr liegt das Ziel darin, die Einsichten, die von der paradigmenge bundenen Forschung gewonnenen Einsichten zu erkennen, miteinander zu verbinden und die erst durch die Kombination der Einzelerkenntnisse gewonnene neue Signifikanz zu nutzen, wodurch letztlich auch die künstliche Trennung der Sozialwissenschaften überwunden wird (Sil/Katzenstein 2010a: 17). Die konkrete Methode dabei besteht in der Erweiterung des Repertoires an An nahmen, analytischen Werkzeugen, Theoriekonzepten, methodischen Hilfsmitteln und empirischen Daten, welche es dem Analytischen Eklektizismus ermöglicht, Erklärungen zu entwickeln, welche offenlegen, wie unterschiedliche Arten von Wirkmechanismen und Prozessen zusammenhängen (Sil/Katzenstein 2008: 117). Hierbei erweist sich als hilfreich, dass, wie Ted Hopf (2007) dargelegt hat, die ana lytischen Grundlagen vieler Paradigmen gar nicht so weit auseinanderliegen, wie regelmäßig behauptet wird. Insbesondere solange Klarheit herrscht, welche Ele mente vor welchem Hintergrund zu welchem Zweck aus spezifischen Paradigmen ausgewählt wurde, wie genau die Konzepte dabei operationalisiert sind und welche Bedeutungsinhalte den Begrifflichkeiten entsprechen, stellen auch Unterschiede bei metatheoretischen Postulaten nicht unbedingt Hindernisse für ein analytisch eklektizistisches Vorgehen dar (vgl. hierzu auch Sil 2000a, Sil 2004, Katzenstein/Sil 88 2004, Parsons 2007). Und nicht zuletzt gilt zu bedenken, was Hoffmann (2006: 11) bezüglich möglicher Defizite des analytischen Eklektizismus anmerkte: „Compared to the flaws o f clashing dogmatisms, the flaws of analytical eclecticism are small indeed and well worth the costs.“ Dennoch müssen diese ,flaws‘ ernst genommen werden und so erfordert ein neu in eine Disziplin eingebrachter methodischer An satz gegebenenfalls auch die grundsätzliche Anpassung des analytischen Rahmen werks. Vom Fallorientierten gum Modellorientierten Analytischen Fklektigismus Ausgehend von einem Symposium zur politikwissenschaftlichen Theoriebildung im Jahr 1995, auf dem die Grenzen der auf allzu großer Vereinfachung der komplexen Realität basierenden Modellbildung speziell auf dem Gebiet der vergleichenden Po litikwissenschaft behandelt und erstmals ernsthaft die Möglichkeiten eklektizistischer Herangehensweisen diskutiert wurden, ohne jedoch das Thema bedeutend voranzubringen (vgl. Kohli et.al. 1995), entwickelten in den folgenden Jahren vor allem Sil und Katzenstein unabhängig voneinander ein jeweils spezifisches, jedoch wie sich zeigen sollte, durchaus komplementäres Verständnis dessen, was Eklekti zismus im Bereich der Politikwissenschaft bedeutet (vgl. Sil 2000, Katzenstein/Okawara 2001/02), welches sie seit 2003 sukzessive gemeinsam weiterentwi ckelten. Hierbei ging es ihnen um Brückenbildung zwischen akademischen und policy-orientierten Studien, um Erklärungen mittlerer Reichweite im Kontext konkre ter Einzelfälle. Bewusst sollte kein „how-to“-Handbuch erarbeitet werden, sondern konkrete, einzelne Sachverhalte durch das Zusammenbringen von Erklärungsan sätzen aus unterschiedlichen Paradigmen besser erklärt werden, als dies mit dem Rückgriff auf nur eine Denkschule möglich gewesen wäre. Was jedoch von Sil und Katzenstein hierbei bewusst ausgespart wurde, war der Versuch, Argumente unterschiedlicher Paradigmen auf abstrakter Ebene zusam menzubringen, um auf eklektizistischem Wege ein neues, eigenständiges Theorieund Analysemodell zu entwickeln, das über den Einzelfall hinaus im Bereich der Internationalen Beziehungen Anwendung finden kann, etwa um zwischenstaatli ches Kooperationsverhalten differenzierter und fundierter analytisch erfassen zu können, als dies anhand nur eines Paradigmas möglich wäre. Auch von anderen Forscherinnen und Forschern wurde ein solcher Schritt trotz der wachsenden Zahl analytisch eklektischer Arbeiten bislang nicht unternommen. Zudem wurde die Me thode nicht auf Fragen des Gesamtfeldes der Internationalen Beziehungen ange wendet, sondern lediglich auf Subdisziplinen wie Internationale Sicherheitsstudien (ISS), Internationale Politische Ökonomie (IPÖ) und Global/Regional Governance, wobei auch hier lediglich Einzelfalluntersuchungen vorgenommen wurden. Dennoch ist es gleichermaßen interessant wie notwendig, die bisherigen Versuche analytisch eklektizistischen Arbeitens in den Internationalen Beziehungen näher zu betrachten, um zu sehen, welches Muster an Motivationen, Umsetzungen und Im 89 plikationen erkennbar sind, und darzulegen, wo der weitere Forschungsbedarf be steht, der im Rahmen der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und behandelt werden soll. Im Bereich der Internationalen Sicherheitsstudien haben sich vor allem Kang (2007), Jervis (2005), Finnemore (2002), Solingen (2007) und Paul (2009) als Vor reiter der analytisch eklektizistischen Methode hervorgetan. Jeder der genannten Autoren befasste sich mit einer konkreten Forschungsfrage beziehungsweise mit einem konkreten Forschungsproblem. Kang etwa setzte sich mit der Frage ausei nander, weshalb Chinas Aufstieg zu regionaler Dominanz ohne die vom Realismus erwarteten Balancing- und Bandwagoning-Effekte vonstattengeht. Um diese Frage zu analysieren geht er über die Argumente der realistischen Schule hinaus und be zieht Argumente von Liberalismus und Konstruktivismus mit ein. Indem er so As pekte wie Präfenzen und Belief-Strukturen der Akteure, Normen und Identitäten, aber auch capabilities und innerstaatliche Strukturen behandelt, gelangt er zu dem Schluss, dass ein Zusammenspiel spezifischer Identitäten, Interessen und materiel ler Faktoren bewirkt, dass China für die anderen asiatischen Staaten (mit Ausnahme Taiwans) nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Wie erwähnt, handelt es sich bei der Arbeit Kangs um die Suche nach der Beantwortung einer konkreten Frage. Zwar lassen sich durchaus einige allgemeinere und potenziell übertragbare Er kenntnisse aus Kangs fallspezifischen Ergebnissen ableiten, etwa, dass unterschied liche kulturraumspezifische Lesarten von Geschichte zu unterschiedlichen Bedro hungswahrnehmungen führen. Auch muss Kang zugutegehalten werden, dass er den Versuch einer Operationalisierung von nationaler Identität und nationalem In teresse unternimmt. Dieser jedoch bleibt vergleichsweise oberflächlich und unsys tematisch, auch wenn er einige interessante Variablen aufgreift. Ein über den Ein zelfall hinausreichender Versuch, die Rivalität regionaler Mächte beziehungsweise regionaler und überregionaler Großmächte auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse zu verallgemeinern, wird nicht unternommen und ist auch erklärtermaßen nicht intendiert. Ebenso wenig ist Kangs Arbeit darauf ausgerichtet, für sein Argument so zentrale Größen wie Wahrnehmung zu operationalisieren oder Ergebnisse der Kognitionspsychologie in sein Analysekonzept zu integrieren, obwohl diese Fakto ren sein Argument noch stichhaltiger werden ließen. Ähnliches gilt für psychobiografische und differenzialpsychologische Aspekte, bürokratietheoretische Erkennt nisse und Wissen um die Logiken von Kleingruppen und Beratern. Diese Anmer kung ist dabei weniger als Vorwurf an den Autoren gemeint, der sich um die Ent wicklung der analytisch eklektizistischen Methode, ebenso wie all die weiteren Au torinnen und Autoren in hohem Maße, verdient gemacht hat, denn als Hinweis da rauf, dass trotz umfassender eklektizistischer Herangehensweise die Betrachtung eines Einzelfalls sowohl hinsichtlich des Erkenntnisgewinns als auch hinsichtlich der Argumentationsgrundlagen notwendigerweise stark beschränkt bleiben muss. Diese Tatsache zeigt sich auch bei der Betrachtung weiterer Werke, die auf der ana lytisch eklektizistischen Methode basieren. 90 Jervis etwa wendet sich der Frage zu, wie die außenpolitisch verantwortlichen Eli ten der USA unter den internationalen Bedingungen der Nach-Kalte-Kriegs-Ära agieren sollten und gelangt zur politikberatenden Lösung, dass spezifische Punkte beim Umgang mit anderen Mitgliedern einer mittlerweile zwischen westlichen In dustriestaaten und Japan existierenden Sicherheitsgemeinschaft beachtet werden sollten, um den USA eine möglichst reibungsfreie Verfolgung nationaler Interessen zu gewährleisten. Zwar werden auch bei Jervis Argumente von Realismus, Libera lismus und Konstruktivismus auf durchaus überzeugende Weise zusammengetra gen, und verschiedene das Agent-Structure- sowie das Anarchie-Hierarchie Problem der internationalen Beziehungen betreffende Aspekte behandelt, jedoch kann auch hier kein Rückgriff auf eine allgemeinere analytisch-eklektizistische Aus einandersetzung mit den Grundlagen jener Basisprobleme der Internationalen Be ziehungen erfolgen, weil eine derartige Analyse bislang aussteht. Analog gilt dies auch für die Arbeiten von Solingen und Paul, die sich beide mit unterschiedlichen, ebenfalls konkreten Fragestellungen betreffend Nuklearpolitik und Proliferation auseinandersetzen und durch Rückgriff auf verschiedene IB-Theorien zu jeweils interessanten Schlüssen kommen. Dabei können teils sogar über den konkreten Fall hinausgehende Erkenntnisse gewonnen werden, so etwa zur Bedeutung ausgewähl ter innerstaatlicher Aspekte auf Entscheidungen, die für die internationalen Bezie hungen relevant sind, oder zum Zusammenspiel spezifischer Handlungslogiken bei der Entstehung politischer Traditionen und Tabus. Allerdings ist speziell bei Solin gen die Verallgemeinerbarkeit der gewonnenen Erkenntnis stark beschränkt, was nicht zuletzt in der Zielsetzung der Arbeit begründet liegt, Handlungsanweisungen für den Bereich der Entnuklearisierungspolitik zu erstellen. Bei Paul hingegen fällt auf, dass der für seine Argumentation so entscheidende Faktor des nationalen Inte resses nicht hinreichend operationalisiert wird, ein Defizit, das sich durch den Großteil der Literatur zieht und an dieser Stelle zeigt, wie wichtig eine analytisch eklektische Auseinandersetzung mit dem in so vielen Argumentationen entschei denden Faktor nationales Interesse wäre. Richtet man den Blick auf die Subdisziplin der Internationalen Politischen Öko nomie (IPÖ), dann ergibt sich ein ähnliches Bild. Der Forschung, welche sich der analytisch eklektizistischen Methode bedient, geht es um die Beantwortung konkre ter, teils sehr spezifischer Forschungsfragen. So untersucht etwa Seabrooke (2008), wie Staaten ihre finanziellen Kapazitäten erhöhen können und Sinclair (2005) setzt sich damit auseinander, woher die Macht und Legitimität von Rating-Agenturen rührt, Well (2008) widmet sich der Frage, weshalb europäische Unternehmen, die von protektionistischen Strukturen profitierten, innerhalb kurzer Zeit zum Befür worter einer Marktliberalisierung wurden, Jabko (2006) möchte losgelöst von alten Argumentationsmustern herausfinden, welche Faktoren im europäischen Integrati onsprozess die entscheidende Rolle gespielt haben, Stubbs (2005) analysiert den Zusammenhang von ausgeprägtem Wirtschaftswunder und verheerenden Kriegen in Ostasien und Abdelal (2001) wendet sich der Frage zu, weshalb die Nachfolge staaten der zerfallenen Sowjetunion höchst unterschiedliche politisch-ökonomische 91 Strategien gewählt haben. Alle genannten Autorinnen und Autoren greifen in ihren Arbeiten jeweils auf mehrere unterschiedliche Denkschulen innerhalb ihrer Diszip lin zurück oder arbeiten teilweise sogar interdisziplinär, wie etwa Seabrooke, der zur Untermauerung seiner These, dass neben der Hochfinanz die breiten Masse mit ihrem erheblichen Mobilisierungspotenzial bei der Formulierung von Finanzpolitik berücksichtigt werden muss, neben innerdisziplinären Ansätzen auf Argumente der Philosophie, Kulturanthropologie und Soziologie zurückgreift. Auch bei Seabrooke lassen sich Erkenntnisse ableiten, die über den reinen Einzelfall hinausgehen, der untersucht wird, so etwa, dass institutionelle Logiken ebenso zu berücksichtigen sind wie gesellschaftliche Bedürfnisse. Dennoch verbleiben andere Einflussfaktoren im Dunkeln, obgleich diese ebenfalls von nicht unerheblicher Bedeutung sein könnten. Auch Abdelal bindet wie Seabrooke und einige der anderen Autoren ausgewählte innerstaatliche Faktoren ein und beschränkt sich nicht nur auf die klassischen The orien der Internationalen Beziehungen. Doch so wichtig es ist, diesen blinden Fleck in der Analyse der internationalen Beziehungen zu erhellen, so problematisch ist der beliebig selektive Rückgriff auf gleichsam irgendwelche innerstaatlichen Faktoren. So werden mal Bürokratie, mal Staats- oder Regierungsform herangezogen. Zwar wird die Auswahl zumeist mit der mutmaßlichen Bedeutung des jeweils selektierten Faktors begründet, jedoch bedeutet dies nicht, dass nicht zugleich auch andere Fak toren in diesem Zusammenhang relevant wären, und wenn auch nur als intervenie rende Variablen, wie etwa Kleingruppen innerhalb der Bürokratie, welche ihrerseits nach eigenen Logiken funktionieren (wie etwa Groupthink), und so mit den Logi ken der Bürokratietheorie interagieren. Interessant etwa bei Stubbs, der seine Ar gumente auf eine so ausgedehnte Bandbreite theoretischer Grundlagen wie Ge schichtswissenschaft, Strategic Studies, Soziologie, Anthropologie, English School und neoklassische Ökonomie stützt und somit auch zu wichtigen tendenziell verall gemeinerbaren Erkenntnissen zur Bedeutung des Zusammenspiels von regionalen, kulturellen, geostrategischen und historischen Faktoren gelangt, ist der Versuch, regionale Spezifika und globalpolitische Dynamiken im Kontext einer politisch ökonomischen Analyse zusammenzubringen. Doch trotz dieses sowohl inhaltlich wie theoretisch breit gefächerten Ansatzes, wird im Rahmen der Arbeit keine ver allgemeinerbare Theorie über den Zusammenhang von Krieg und Ökonomie ent wickelt. Auch hier bleibt somit der Wert der ausgiebigen eklektizistischen Anstren gung im Wesentlichen auf die Analyse des konkreten Einzelfalls beschränkt. Noch deutlicher zeigt sich dieses Phänomen bei Jabko, der große Anstrengungen unternimmt, die Dynamiken der europäischen Integration anhand von institutionel len Spannungen zu erklären, und schließlich doch davor zurückschreckt, die ge wonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Praxis regionaler Integration oder der Theoriebildung im Kontext der von ihm verwendeten Ansätze Globalisierungsthe orie, Institutionalismus und Konstruktivismus zu generalisieren. Lediglich Woll (2008) und Finnemore (2008) sind bestrebt, bewusst über den Einzelfall hinausrei 92 chende, generalisierbare Erkenntnisse hervorzubringen, jedoch liegt auch ihren Be strebungen keine eigenständige Modellentwicklung zugrunde. Speziell in der Auseinandersetzung mit dem Themenbereich regionale beziehungs weise Global Governance taucht direkt oder implizit fast immer die Frage nach der Struktur der internationalen Beziehungen auf. Dabei geht es stets um die Frage nach dem Verhältnis von Anarchie und Hierarchie und dabei schließlich darum, ob es auf globaler oder zumindest regionaler Ebene Entwicklungen hin zu hierarchi schen Strukturen gibt. Sehr häufig findet diese Auseinandersetzung im Rahmen der Analyse internationaler Organisationen und internationaler Institutionen statt. So reichen die Fragen, welche auf Basis der analytisch eklektizistischen Methode von der Funktionsweise und Dynamik internationaler Institutionen (Barnett/Finnemore 2004) über die Bedeutung des Internationalen Strafgerichtshofs (Schiff 2008) über die Ursachen der Osterweitung von EU und NATO (Schimmelfennig 2003) und den Zusammenhang von Legitimität und Macht bei internationalen Organisationen (Hurd 2007) bis hin zu den Motivationen, welche die ASEAN tragen (Ba 2009). Auch im Kontext dieser weit gefächerten Auseinandersetzungen findet zur Beant wortung der jeweiligen Forschungsfrage ein breit angelegter Rückgriff auf vielfältige bestehende Theorieansätze zurück, sei es die Kerntheorien der Internationalen Be ziehungen wie Realismus, Liberalismus, Institutionalismus, aber ebenso auf mikro ökonomische und Bürokratietheorien sowie nicht zuletzt auf Argumente benach barter Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie. Und obwohl auch auf dem Gebiet der globalen und regionalen Governance einige über den Einzelfall hinaus reichende Erkenntnisse gewonnen werden können, sei es etwa bezüglich der Ei gendynamik von Bürokratien im Kontext von Macht und Regelwerken (Barnett/Fishmore) oder des Zusammenspiels von Macht und Legitimität im internati onalen staatlichen Verhalten (Hurd 2007), bleiben doch die Aussagen oft zu weit auf die Beantwortung der reinen Forschungsfrage beschränkt. Hierdurch kommt es zu einer zu weit gefassten konzeptionellen Reduktion komplexer Sachverhalte wie etwa des Anarchie-Hierarchie-Problems rein auf internationale Organisationen oder gar auf spezifische juristische Konstrukte. Zudem werden wichtige Themenberei che wie Anarchie-Hierarchie-Problem oder Agency-Structure-Problem der Interna tionalen Beziehungen völlig unsystematisch in den Kontext der konkreten For schungsfrage mit abgehandelt ohne deren eigene, grundsätzliche Dynamiken mit ins Kalkül der eigenen Argumentation einzubeziehen oder zumindest als Randfak toren zu berücksichtigen. Natürlich ist klar, dass all dies im Rahmen eines Fachaufsatzes oder einer Mono graphie, die der Problemlösung eines konkreten empirischen Sachverhaltes gewid met ist, nicht auch noch geleistet werden kann und soll. Dort geht es ja schließlich auch um Anderes. Aber gerade zur Fokussierung auf ein spezifisches Forschungs problem wäre es daher sinnvoll, ein Rahmenwerk anzubieten, welches grundlegen de und regelmäßig relevante Aspekte, Größen, Dynamiken etc. von Grund auf und auf analytisch eklektizistische Weise bereits aufgearbeitet hat, und in dessen Kon 93 text dann auf einer in sehr viel höherem Maße ausgefeilter Grundlage konkrete Fragestellungen beantwortet werden können. Die Auseinandersetzung mit der bis herigen Anwendung der analytisch eklektizistischen Methode im Bereich der Inter nationalen Beziehungen geht somit nicht darauf hinaus, die vorgelegten Arbeiten zu kritisieren, sondern nimmt das, was darin gemacht beziehungsweise nicht ge macht wurde, bewusst zum Anlass, das noch junge Konzept weiterzuentwickeln und in diesem Rahmen auf die bestehenden Probleme und Herausforderungen der Disziplin Internationale Beziehungen zu reagieren. Wirft man nämlich einen zu sammenfassenden Blick auf die bisher unter Anwendung des analytischen Eklekti zismus hervorgebrachten Arbeiten, so lassen sich Lücken erkennen, welche durch einen die reine Einzelfallbetrachtung transzendierenden Rückgriff auf die Methode des Analytischen Eklektizismus gefüllt werden können. Es hat sich gezeigt, dass in allen Bereichen der Internationalen Beziehungen, in denen auf die Methode des analytischen Eklektizismus zurückgegriffen worden ist, konkrete, einzelfallbezoge ne Fragestellungen behandelt wurden. Vor diesem Hintergrund kam es auch nahe zu ausschließlich zur Beantwortung einer spezifischen Frage oder zu einem Lö sungsvorschlag für ein konkretes Forschungsproblem. Da der Ausgangspunkt der jeweiligen Untersuchung regelmäßig einen politikprakti schen Bezug hatte und eine konkrete Policy betraf, war die Beantwortung der Fra gestellung nicht selten verbunden mit konkreten Ratschlägen beziehungsweise Handlungsanweisungen für die (außen-/sicherheits-) politischen Eliten in einer spezifischen Situation. Insgesamt lässt sich zudem konstatieren, dass die Beantwor tung der konkreten Fragestellungen durch das analytisch eklektizistische Vorgehen sehr aussagekräftig war und für den jeweiligen Einzelfall auch erheblichen Mehr wert mit sich brachte. Auf der anderen Seite wurde nur sehr vereinzelt der Versuch unternommen, mithilfe eines Rückgriffs auf den analytischen Eklektizismus auch eine weitergehende Hypothesenbildung oder Theoriefortentwicklung zu betreiben. Obwohl dennoch einige Erkenntnisse hervorgebracht wurden, welche über den jeweiligen Einzelfall hinausgingen, waren jeweils nur einzelne weiterführende Ele mente betroffen; eine umfassendere, vernetzte Betrachtungsweise fand weder zur Einbettung der Argumente noch im Rahmen der Ergebnisse beziehungsweisen von deren Diskussion statt. Nichtsdestoweniger zeigen sich bei der Auswertung des bisherigen Forschungstan des eine Reihe immer wieder auftretender Themen und Aspekte, deren systemati sche Aufarbeitung auf analytisch eklektizistischer Basis zwar dringend notwendig wäre, bislang jedoch auf sich warten lässt. Versucht man, diese Elemente zu sortie ren, so zeigen sich zunächst akteurrelevante Faktoren wie Beliefs, Präferenzen, So zialisationsaspekte, Wahrnehmung und Interpretation und damit zusammenhän gend etwa die Bewertung von Bedrohungslagen, spezifische Lesarten von Ge schichte, eine sich wandelnde Bewertung von Größen wie Legitimität oder Autori tät und nicht zuletzt eine Kontextgebundenheit auch von Rationalität. Diese primär individuellen Akteuren zurechenbaren Aspekte werden ergänzt um Größen, welche 94 im Bereich kollektiver Akteure (etwa Staaten als Ganzes) relevant sind. Hierbei handelt es sich etwa um innerstaatliche Strukturen wie politisches System, Staats beziehungsweise Regierungsform, Wesen und Stratifikation der Gesellschaft, Auf bau von administrativer Bürokratie und exekutivem Entscheidungsapparat etc. Ferner zeigt sich, dass immer wieder materielle und immaterielle Größen, teils ein zeln, teils in ihrer Interaktion, herangezogen wurden, um spezifische Forschungs fragen im Bereich der Internationalen Beziehungen zu analysieren. So waren, je nach Autor beziehungsweise Autorin, sogenannte Capabilities, Werte, Normen o der Identitäten von Belang und wurde das Zusammenspiel regionaler, kultureller, geostrategischer sowie historischer Faktoren oder jenes spezifischer Identitäten, Interessen und Capabilities auf Grundlage der analytisch eklektizistischen Methode untersucht. Auf die intensive Auseinandersetzung mit einzelnen akteurrelevanten Aspekten wurde oben schon verwiesen. Daneben ging es aber auch um Faktoren, welche die Struktur der internationalen Beziehungen betreffen, etwa die Frage nach Anarchie oder Hierarchie, Wesen und Wirkung von Security Communities und re gionaler Integration, etwa auch vor dem Hintergrund spezifischer historischer be ziehungsweise kultureller Kontexte, und damit zusammenhängende Dynamiken wie Abschreckung oder Kooperation. Es zeigt sich also, dass die substanzielle Forschung innerhalb der Paradigmen wich tige Beiträge leistet, welche bezogen auf Einzelfälle auch fruchtbar kombiniert wur den, jedoch findet die Forschung im Bereich der Internationalen Beziehungen jen seits der Einzelfallanwendung weiterhin noch allzu wenig vernetzt statt. Weshalb es noch nicht zur systematischen Aufarbeitung jener wichtigen Faktoren im Rahmen einer analytisch eklektizistisch basierten Theoriefortbildung gekommen ist, liegt im Verständnis jener Methode begründet, wie es von Sil und Katzenstein vertreten wird. Um vor diesem Hintergrund deutlich zu machen, wo sich die in der vorlie genden Arbeit angestrebte Variante eines analytischen Eklektizismus von der von Sil und Katzenstein entwickelten Variante, aber auch von anderen wissenschaftli chen Versuchen einer Synthese verschiedener Paradigmen zu unternehmen, unter scheidet, sollen im kommenden Abschnitt die bisherigen Ansätze denjenigen des hier zu entwickelnden modellorientierten Analytischen Eklektizismus vergleichend gegenübergestellt werden. Hierbei sollte auch noch einmal deutlich werden, wo ge nau diese Arbeit bestrebt ist, Lücken in der bestehenden Forschung zu schließen. Ein zentraler Unterschied eines modellorientierten analytischen Eklektizismus (MOAE) zu einem fallorientierten analytischen Eklektizismus (FOAE) besteht in der theoriebildenden Motivation, welche die modellorientierte Variante charakteri siert (Abbildung 2). 95 Fallorientierte Analytischer Ek lektizismus (FOAE) Modellorientierter Analytischer Eklektizismus (MOAE) Analyseanspruch Rein pragmatisch theorieanwendend Suche nach der bestmöglichen Antwort auf ein konkretes Prob lem zu einem spezifischen Zeit punkt Theoriebildend Suche nach einem Analyserahmen für einen weiteren Anwendungsbe reich ohne räumliche oder zeitliche Beschränkung Herangehensweise Prinzipiell unendlich viele Mög lichkeiten der Re-Kombination von Theorien Analytisch-eklektizistische Festle gung grundsätzlicher Logiken Rückkopplung der Erkenntnisse an Paradigmen Nicht darauf gerichtet, Paradigmen zu ergänzen oder weiterzuentwi ckeln Erkenntnisse können grundsätzlich zu Anpassungen bei bestehenden Paradigmen führen Systematisches Theoriemodell Nein, stets selektive ad-hoc Kom bination und Rekombination un terschiedlicher Theorieansätzen Analytisch-eklektizistisch hervor gebrachtes, eigenständiges Theo riemodell Systematisches Ana lysemodell Nein, Analytisch-eklektizistische Einzel fallanalyse > Brückenbildung Innerdisziplinär Innerdisziplinär Interdisziplinär Geeigneter Anwen dungsbereich Analyse spezieller Situationen Multidimensionale Analyse zwi schenstaatlichen Verhaltens von Staaten, Vielfältig nutzbar Bewertung Jeweils sehr hoher Aufwand bei Analyse Gefahr der Beliebigkeit Hohe Arbeitserleichterung durch vorgefertigten Analyserahmen Keine Beliebigkeit, da fundamental begründet Abbildung 2: Fallorientierter vs. Modellorientierter Analytischer Eklektizismus Somit weicht der MOAE in seinem Anspruch von der rein pragmatischen Theorie anwendung auf den spezifischen Fall ab, bei welcher der FOAE je nach zu analy sierender Situation jeweils auf andere Elemente und Argumente bestehender Theo rieansätze zurückgreift. Das Argument des FOAE besteht hierbei darin, das jeder Ansatz unbegrenzt mit jedem anderen selektiv kombiniert werden kann und somit ein endloses Potenzial an theoriebasierten Analysebausteinen zur Verfügung steht. 96 Der Nachteil dabei ist, wie dargelegt, dass für jede einzelne Fallanalyse prinzipiell das gesamte zur Verfügung stehende Instrumentarium der unterschiedlichen Para digmen und Schulen auf seine jeweiligen Argumente und deren fallspezifische Eig nung hin durchsucht beziehungsweise untersucht werden müsste. Die an sich sehr gute Idee theoretischer Offenheit und Flexibilität wird auf diese Weise erheblich konterkariert. Zudem erheben sich Fragen nach der wissenschaftlichen Stringenz und Aussagekraft, wenn jedes Mal aufs Neue unterschiedliche Theorieelemente aus ihren Kontexten entlehnt und rekombiniert werden, ohne dass das Gesamtbild der zur Verfügung stehenden Theorien berücksichtigt wird und ohne dass die gemein samen Grundstrukturen und Grundprobleme in die Theoriebildung einbezogen werden. Die zumindest potenzielle Gefahr der Beliebigkeit, die zwar nicht notwendiger weise, jedoch in der wissenschaftlichen wie analytischen Praxis aufgrund dort vor herrschender Bedingungen wie etwa knapper zeitlicher und materieller Ressourcen mit nicht zu unterschätzender Wahrscheinlichkeit beim FOAE somit gegeben sein kann, wird beim MOAE dadurch verringert, dass einmalig eine Untersuchung der Argumente einer Vielzahl von Theorien und Argumenten sowohl dem Kernbereich als auch aus Unter- und Nachbardisziplinen durchgeführt wird. Zugleich kommt es zu einer Auseinandersetzung mit ontologischen und epistemologischen Aspekten und sehr grundlegenden Fragen, die im Zusammenhang mit der Modellbildung stehen. An dieser Stelle wird daher auch erkennbar, weshalb ein modellorientiertes analytisch-eklektisches Vorgehen notwendigerweise zugleich auch theoriebildend sein muss und dass so entstehende Analysemodell zugleich auf den Prämissen des parallele entwickelten theoretischen Zuganges beruht. Das SPICDA-Modell, welches im Rahmen dieser Arbeit entwickelt wird, ist somit explizit als Analyseansatz des Interpretativen Realismus zu verstehen. Statt der se lektiven ad-hoc Kombination und Rekombination unterschiedlicher Theorieansätze zu Erklärung lediglich eines einzigen Falls beim FOAE bietet der MOAE somit ein grundsätzlich für alle möglichen Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens geeignetes allgemeines Erklärungsmodell, dessen Flexibilität zwar nicht unbegrenzt ist, wie beim Rückgriff auf die Methode des FOAE, aber in welchem aufgrund der Berück sichtigung einer Vielzahl von Aspekten im Modell selbst ebenfalls ein hoher Grad an inhärenter Flexibilität im Vergleich gerade zu bestehenden IB-Theorien und de ren Analyseansätzen gegeben ist. Dies gilt umso mehr, da im Kontext des MOAE nicht nur innerdisziplinäre Re kombinationen durchgeführt werden, sondern explizit auf inter- beziehungsweise transdisziplinär gewonnene Argumente zurückgegriffen wird. Zugleich aber ergibt sich hierdurch eine grundlegende Basierung der Argumente in den aufgearbeiteten Basisproblemen der Internationalen Beziehungen beziehungsweise intensiven Aus einandersetzungen mit grundlegenden Möglichkeiten und Defiziten einzelner Para digmen und Argumente unterschiedlicher Disziplinen, die weit über einen Einzel 97 fallbezug hinausgeht, sondern an Verallgemeinerbarkeit orientiert ist. Auf diese Weise wird eine hohe Arbeitserleichterung ermöglicht, da nicht für jeden Einzelfall aufs Neue alle möglichen Theorieansätze und Paradigmen auf ihre Geeignetheit hin überprüft werden müssen, wenn man sich argumentativ außerhalb der Grenzen eines festen Paradigmas bewegen möchte, sondern auch dem Vorwurf der Belie bigkeit bei der Auswahl von Theorieelementen und spezifischen Argumenten ent gegengewirkt. Nicht zuletzt bietet der MOAE in seinem Ergebnis dem Anwender einen fundierten Theorieansatz zur Erklärung zwischenstaatlichen Entscheidens und Agierens an, ohne dass dieser sich selbst wie im FOAE mit einer Vielzahl von Theorien auseinandersetzen muss. Zugleich bietet der MOAE dem Anwender dem anwendenden Forscher den gleichen leichten Zugang wie denjenigen Forschern, welche die Ergebnisse innerparadigmatischer Theoriebildung und einfacher selekti ver Paradigmensynthese offerieren. Dabei jedoch bietet er die genannten Mehrwer te, welche diese beiden Ansätze nicht aufweisen. Somit bietet sich der MOAE im Vergleich zu den alternativen Ansätzen in beson derer Weise an, ein weiterführendes theoretisches Verständnis von zwischenstaatli chem Verhalten zu erlangen wie auch einen praxisorientierten Analysezugang zu schaffen. Anders als etwa bei innerparadigmatischen Modifikationen oder Erweite rungen beziehungsweise beim einzelfallorientierten analytischen Eklektizismus ist die (teilweise) Synthese von Theorien möglich. Dabei werden im Rahmen des MOAE auch Ansätze aus anderen Disziplinen berücksichtigt. Die geschieht — an ders als bei innerparadigmatischen Entwicklungen und einfachen selektiven Para digmensynthesen — auch im fallorientierten analytischen Eklektizismus, jedoch be zieht sich letzterer nur auf Einzelfallanalysen und ist nicht auf die Entwicklung ei nes abstrakten beziehungsweise allgemein anwendbaren theoretischen Erklärungs ansatzes hin ausgerichtet. Grundsätzlich ist der Aufwand für den Forscher, welcher analytisch-eklektisch ar beitet zunächst einmal höher als für denjenigen, der nur innerhalb eines Paradigmas arbeitet oder der lediglich eine einfache selektive Paradigmensynthese vornimmt, und einige ausgewählte Aspekte zweier Theorien verbindet (Abbildung 3). Hierfür besteht bei diesen beiden Varianten eine nur geringe Wahrscheinlichkeit der Belie bigkeit in der Zusammenführung von Argumenten. Diese ist indessen vergleichs weise hoch, wenn für jeden Einzelfall passende Argumente gesucht werden müs sen, insbesondere dann, wenn aus Gründen fehlender zeitlicher und materieller Ressourcen nicht alle zur Verfügung stehenden Ansätze kritisch auf ihre Brauch barkeit hin untersucht werden. Die ausgiebige Auseinandersetzung mit einer Viel zahl von Theorieansätzen und Argumenten bei gleichzeitiger Rückbindung an die Auseinandersetzung um die Basisprobleme der Internationalen Beziehungen relati viert in deutlichem Maße die Gefahr der Beliebigkeit bei der modellorientierten Va riante des analytischen Eklektizismus. 98 Innerparadig matische Ent wicklungen Einfache Se lektive Para digmensynthe se (ESPS) Fallorientierter AE (FOAE) Modellorien tierter AE (MOAE) Theoriesynthese Nein Ja nein ja Einzelfallbe schränkung Nein Nein Ja Nein Inter-/ Transdisziplinarität Nein Nein Nein Ja Entwicklung von abstraktem Theo riezugang Ja Ja Nein Ja Gefahr der Belie bigkeit Gering Gering Hoch Gering Aufwand für Ana lysemodell gene rierenden For scher Gering Mittel Hoch Hoch Aufwand für den anwendenden Forscher Gering Gering Hoch Gering Zielsetzung neuer Theoriezugang Ja Ja Nein Ja Abbildung 3: Ansätze der Theorie- und Analysemodellentwicklung Nachdem nun dargelegt wurde, welcher methodische Ansatz der Theorieentwick lung beziehungsweise Modellbildung zugrunde gelegt ist, soll im nächsten Schritt auf die zentralen Grundparameter eingegangen werden, auf welchen die im weite ren Verlauf vorgebrachten Argumente basiert sind. Denn wie schon an anderer Stelle betont, ist es charakteristisch für den MOAE, dass er nicht nur fallbezogen und somit potenziell beliebig bestehende Argumente rekombiniert, sondern viel mehr eine Rückbindung an grundlegende Konzepte stattfindet. Im Kontext der hier verfolgten Aufgabe, einen theoretischen Zugang für die Analyse zwischenstaat lichen Verhaltens zu entwickeln, welcher begründet selektiv auf bestehende inner und außerdisziplinäre Argumente zurückgreift und diese zur Stützung einer erwei terten Argumentation zur Erzielung eines analytischen Mehrwertes zur Anwendung bringt, ist es erforderlich, sich mit drei sehr grundlegenden Problemstellungen der Internationalen Beziehungen zu befassen, die hier als die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen bezeichnet werden sollen. Konkret handelt sich ers tens um das Problem der Auswahl der geeigneten Analyseebene (L evel o f Analysis Problem), zweitens um das Problem von Rolle, Einfluss und wechselseitigem Ver hältnis von Akteur und Struktur auf internationaler Ebene (Agent-Structure-Problem) 99 und drittens um die Frage nach der Beschaffenheit des internationalen Systems selbst, dass traditionell als anarchisch beschrieben wird, um es von hierarchischen Systemen zu differenzieren (Anarchy-Hierarchy-Probkm). 2.3 Grundlage der eklektischen Auswahl der Theorieelemente: Die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen Dabei stellt sich zunächst die Frage, weshalb es genau diese drei genannten Basis probleme sind, mit welchen eine tiefergehende Auseinandersetzung erfolgen muss, um die hier vorgenommene Theoriefortbildung unternehmen zu können. Betrach tet man hierzu nochmals die konkrete Zielsetzung, nämlich die Begründung einer theoriebasierten Erklärung zwischenstaatlichen Verhaltens, dann zeigt sich, dass die genannten Problemkreise jeweils unmittelbar betroffen sind und nur eine umfas sende Auseinandersetzung mit diesen die Möglichkeit eröffnet, unterschiedliche Theorien und deren Argumente zielgerichtet auszuwählen und zielführend in den neuen, erweiterten Erklärungsansatz einzupassen. Wie eingangs dargelegt, versteht sich der hier näher zu bestimmende theoretische Erklärungsansatz als interpretativ realistisch, womit einerseits auf die Bedeutung der im Rahmen des strukturrealistischen Denkens zentralen Rolle von Struktur ausprägung und damit zusammenhängend nationaler Sicherheit und andererseits auf die Bedeutung, welche die spezifische Interpretation dieser Struktur durch den handelnden Akteur für das empirisch erkennbare zwischenstaatliche Verhalten hat, als die entscheidenden Komponenten verwiesen wird. Mit anderen Worten geht es um die Interpretation der internationalen Struktur durch den Akteur Staat, dessen international wirksamen Handlungen Gegenstand der Erklärung sein sollen. Allein diese einfachste mögliche Darstellung deutet darauf hin, dass sowohl Akteur als auch Struktur, sowie die wechselseitige Beziehung zwischen diesen beiden Größen näher zu bestimmen ist. Das gilt darüber hinaus auch für die Größen des nationa len Interesses und der nationalen Sicherheit. Möchte man also die Interaktion von Akteur und Struktur als Einflussgröße bei der Erklärung zwischenstaatlichen Ver haltens berücksichtigen, so kommt man nicht umhin, sich näher mit dem Diskurs um das Agent-Structure-Problem zu befassen. Zugleich ist es jedoch auch erforderlich, die beiden Größen als solche zu betrachten. In einigen der bestehenden Theoriansätzen der Internationalen Beziehungen erscheint der Staat als zentraler Akteur im internationalen System als unitarisch, als sogenannte Black Box, deren innere Struk tur für die Erklärung zwischenstaatlichen Handelns nicht relevant sei, da einzig die Struktur des globalen Systems entscheide. Somit gilt es nicht nur zu klären, welchen Einfluss die Struktur per se hat, sondern auch wie und vor allem weshalb sie beim Akteur diesen Effekt bewirkt. Auf diese Weise ist es erforderlich, die Black Box 100 Staat zu öffnen, ohne dabei, wie dies bei anderen Theorien der Internationalen Be ziehungen der Fall ist, die strukturbasierten Argumente aus dem Auge zu verlieren. Da es, wie weiter oben konstatiert, um die Interpretation der Struktur durch den Akteur geht, ist zu klären, wie genau der Akteur operationalisiert ist, wie, von wem und wo genau welche Art der Interpretation stattfinden und weshalb diese auf eben die beobachtete Weise erfolgt. Somit kann es nicht nur um die Interpretation per se gehen, da eine solche weder im luftleeren Raum geschieht noch ex nihilo zur An wendung kommt. Einer Interpretation muss zunächst einmal die Wahrnehmung der Struktur vorausgehen, und auch diese ist, wie noch detailliert aufgezeigt wird, notwendigerweise perspektivisch, da sie zumindest teilweise von grundlegenden wie auch nachfolgend erfolgten Sozialisationsprozessen abhängt. Eine weitere Einfluss komponente ist aber auch, vor allem wenn man auf Individuen im Entscheidungs prozess abzielt, die naturgegebene Veranlagung, also das, was wiederholt als menschliche Natur bezeichnet wurde, was sich aber unter Rückgriff auf Konzepte etwa der differenziellen Psychologie als individuelle Persönlichkeitsmerkmale oder Charaktereigenschaften beschreiben ließe. An dieser Stelle zeigt sich dann auch ein weiteres Problem: Auf wen oder was ge nau soll bei der Analyse des Akteurs abgestellt werden? Den Staat per se, das han delnde Individuum, die Ausgestaltung des politischen Systems? Eine eindeutige Entscheidung hierzu, welche in den unterschiedlichen bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen bewusst zugunsten der einen oder anderen dieser Al ternativen vorgenommen wird, hat sich als nur bedingt ergiebig erwiesen, weil so notwendigerweise wesentliche Logiken und Erklärungsgrundlagen außen vor blei ben mussten. So wurde bislang zwar auf Einzelaspekte wie die Effekte bürokrati scher Strukturen oder die psychosozialen Besonderheiten bei Kleingruppenent scheidungen eingegangen, allerdings wurde diese bislang nicht in einem übergeord neten theoretischen Erklärungsansatz vereint wie dies hier erfolgt. Allerdings ist, um unbedenklich und ohne Gefahr der Beliebigkeit mehrere Einheiten der Binnen struktur des Staates in die Theoriebildung mit einbeziehen zu können, eine Ausei nandersetzung mit dem bisherigen Diskurs um das Problem der richtigen und sinnvollen A uswahl der Analyseebene erforderlich. Hierbei wird aber nicht nur die Dimension des Akteurs, sondern ebenfalls die des Systems und damit gewisserma ßen der Struktur erfasst. Das bedeutet dann aber auch, dass die Systemstruktur selbst einer Analyse zu unterziehen ist, was das dritte der Basisprobleme tangiert, nämlich das Problem des Verhältnisses von Anarchie und Hierarchie im internatio nalen System. Da die Systemausprägung der Anarchie als potenziell bedrohlich für die Einschätzung des staatlichen Fortbestandes angesehen wird, ist die Frage der nationalen Sicherheit berührt. Allerdings stellt sich mit Blick auf die empirische Realität der internationalen Be ziehungen durchaus die Frage, ob das internationale System tatsächlich immer und überall als anarchisch anzusehen ist oder ob es nicht einer Ausdifferenzierung be darf, welche Anarchie und die mit ihr verbundenen zwischenstaatlichen Interakti 101 onslogik relativiert, um so zwischenstaatliches Handeln präziser erfassen und erklä ren zu können. Zwar existieren Ansätze zur Überwindung der Anarchie Hierarchie-Dichotomie, jedoch hat sich die bisherige wissenschaftliche Auseinan dersetzung in dieser Frage als nur bedingt systematisch und nur wenig integrativ mit Blick auf bestehende alternative Ansätze zum Anarchieverständnis des interna tionalen Systems herausgestellt. Eine entsprechend systematische Aufarbeitung, welche eine maßgebliche Erklärungskomponente innerhalb der Theorieentwicklung zum Interpretativen Realismus hervorbringen soll, wird unter Anwendung des mo dellorientierten analytischen Eklektizismus in Auseinandersetzung mit dem bisheri gen Diskurs um das Anarchie-Hierarchie-Problem vorgenommen. Auf diese Weise kann eine grundlegende, strukturinduzierte Bedrohungslage besser erfasst werden als es bislang möglich war. Ergänzt wird dieser strukturseitige Analyseansatz durch den akteurseitigen, welcher nicht nur die spezifische Perzeption und Interpretation der jeweiligen Strukturausprägung erklärt, sondern zudem weitere intervenierende Variablen einbezieht, welche die zwischenstaatliche Handlung so theoretisch fun dierter als nur unter Rückgriff auf eine der Theorien oder einen der bisherigen syn thetisierten Erklärungsansätze ermöglicht. Aufgrund der Komplexität von Entscheidungszusammenhängen ist es nachvoll ziehbar, dass der alleinige Rückgriff auf Einzelparadigmen und Denkschulen, wie weiter oben ausführlich dargelegt, nicht zum Ziel führt, und auch die bisherigen Debatten und Wenden letztlich diese Entwicklung nur bedingt vorangebracht ha ben. Insgesamt zeigt sich also, dass eine systematische, analytisch-eklektisch basier te Theoriefortbildung sinnvollerweise nur auf Grundlage einer systematischen und aufeinander abgestimmten Auseinandersetzung mit den drei genannten zentralen Problemen, die die Internationalen Beziehungen schon lange beschäftigen, erfolgen kann. Diese ist zudem erforderlich, um die Grundlage für das bereits angesproche ne Problem der Näherbestimmung des nationalen Interesses beziehungsweise der nationalen Sicherheit zu ermöglichen, der in Zusammenhang mit Strukturausprägung des inter nationalen Systems und akteurspezifischen Entscheidungsprozessen auf der Mikro , Meso- und Makroebene des Akteurs (also bei den entscheidungsrelevanten Indi viduen und Kleingruppen, den beteiligten Akteuren der Bürokratie und im Kontext der Grundstruktur des Staates selbst), welche zu spezifischen Interpretationen und somit spezifischen, entscheidungsrelevanten Interessenausprägungen führen. Dabei ist dann zu beachten, dass Struktur und Akteur nicht nur in abstracto zu betrachten sind, sondern jeweils auch als Repräsentationen einer spezifischen historischen geographischen Konstellation fungieren. Sicherheit ist somit ebenfalls als relatives Konzept zu betrachten, das zwar als absolute Größe mit Blick auf die staatliche Motivation wirkt, die nationale Sicherheit stets als oberstes Ziel zu wahren, zugleich aber in seiner konkreten Ausprägung sehr unterschiedliche Dinge meinen kann, also nicht nur das bloße territoriale Überleben des Staates als per se existierende Entität. 102 Neben der Operationalisierung von Akteur und Struktur und der Darlegung der Interaktionslogik zwischen diesen Größen ist insbesondere auch die nationale Si cherheit als zentraler Ausdruck des den Staat motivierenden nationalen Interesses zu operationalisieren. Auch hier reichen die bisherigen Konzeptionen nicht aus, sodass ein begründeter Rückgriff auf Ansätze der Motivationspsychologie sinnvoll erscheint, um im Zusammenspiel mit den Erkenntnissen aus der Auseinanderset zung mit den Basisproblemen der Internationalen Beziehungen aufzeigen zu kön nen, wie und weshalb sich das Bedürfnis nach Sicherheit entsteht, wie es sich unter unterschiedlichen Bedingungen ausdrückt und was genau innerhalb einer spezifi schen Konstellation, einer spezifischen Strukturausprägung beziehungsweise einem spezifischen Anarchie-Hierarchie-Kontext genau Sicherheit beziehungsweise Be drohung ist, oder um es genauer zu sagen, was durch die relevanten Entscheidungs träger als solche interpretiert wird und damit letztlich zur zu erklärenden welcher zwischenstaatlichen Handlung führt. Angesichts des Geschilderten ist deutlich geworden, von welch zentraler Bedeu tung die Auseinandersetzung mit den drei genannten Basisproblemen der Interna tionalen Beziehungen ist, deren Diskurse im nachfolgenden Abschnitt näher be trachtet und mit Blick auf die Theoriefortbildung zum Interpretativen Realismus analysiert werden. Das Problem der Analyseebene “fBJasic questions about levels o f analyysis in international relations remain either unanswered o r unexplored” (Buyan 1995: 206) Zunächst einmal gilt es, die außerordentliche Bedeutung des Konzepts der Analy seebene für die Internationalen Beziehungen hervorzuheben. Da sich dieses Kon zept explizit auch auf das globale System als eine mögliche Analysegröße bezieht, wird ihm mitunter sogar eine für das Selbstverständnis der Disziplin konstituieren de Bedeutung zugesprochen, wie Buzan (1995: 201) darlegt: “The system level [ ...] had the attraction that it increased the disünctiveness o f international rela tions as a field, and gave it some hope o f establishing a claim to be a discipline in its own right.” Aber auch auf praktischer Ebene hat sich das Konzept als von großer Bedeutung erwiesen, indem es die grundsätzliche Theoriedebatte auf dem Gebiet der Interna tionalen Beziehungen kanalisiert und vorangetrieben hat. Dabei war maßgeblich, dass es das Konzept ermöglichte, die Komplexität des Forschungsgegenstandes auf sinnvolle Weise zu untergliedern und so überhaupt es einmal eine Vorstellung da von zu gewinnen, was die Größe internationales System eigentlich bedeutet. Hierbei hat die Frage nach der Analyseebene die bis heute andauernde Auseinandersetzung mit den (noch immer) epistemologischen und ontologischen Aspekten der Diszip lin angeregt und immer wieder vorangetrieben, wobei die Frage nach dem geeigne 103 ten Erklärungsansatz ebenso Gegenstand der Diskussion war wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen ideellen und materiellen Faktoren. Insgesamt hat das Konzept dazu beigetragen, den Theoriediskurs in den Internationalen Beziehungen maßgeblich mitzubestimmen (Buzan 1995: 214 f.). Zentral in der ursprünglichen, jedoch bis heute grundsätzlich prägenden Strukturierung des Level-of-Analysis- Problems in den Internationalen Beziehungen sind vor allem drei Theoretiker: Kenneth Waltz, Morton Kaplan und J. David Singer (Hollis/Smith 1990: 97 ff.). Während Waltz die Systemebene zur Grundlage seiner Argumentation macht, liegt der Fokus von Kaplan auf der Ebene des Akteurs. Diese Polarität löste eine bis heute andauernde Debatte aus, welche zudem in engem Zusammenhang mit weite ren Basisproblem der Internationalen Beziehungen steht und sich letztlich darum dreht, welche Implikationen hinsichtlich zwischenstaatlichen Handelns die Beschaf fenheit beziehungsweise mögliche Ausprägungen des internationalen Systems auf weist. Um sich dieser weiterführenden Fragestellung zu nähern und zwischenstaat liches Verhalten erklären zu können, muss zunächst die geeignete Analyseebene gefunden werden. Basierend auf dem Diskurs von Waltz und Kaplan lenkte J. Da vid Singer (1969: 20; vgl. auch 1961) die Aufmerksamkeit der Disziplin auf dieses Problem und seine grundlegende Bedeutung: „Whether in the physical or social sciences, the observer may choose to focus upon the parts or upon the whole, upon the components or upon the system. [...] Whether he selects the micro- or macro-level o f analysis is ostensibly a mere matter o f methodological or conceptual convenience. Yet the choice often turns out to be quite difficult, and may well become a central issue within the discipline concerned“. Betrachtet man die Argumente Singers, so zeigt sich, dass zur Analyse zwischen staatlichen Handelns grundsätzlich drei unterschiedliche Analyseebenen zur Verfü gung stehen: das gesamte Weltstaatensystem, ein einzelner Staat oder das Individu um. Hierbei stellt das Weltsystem die am weitesten gespannte jedoch zugleich auch am wenigsten in die Tiefe reichende Analyseebene dar. Die Analysepotenziale, die aus der Fokussierung auf das Gesamtsystem erwachsen, liegen auf der Hand: „By focusing on the system, we are enabled to study the patterns o f interaction which the system reveals, and to generalize about such phenomena as the creation and dissolution o f coalitions, the frequency and duration o f specific power configurations, modifications in its stability, its responsiveness to changes in formal political institutions, and the norms and folklore which it manifests as a societal system. In other words, the systemic level o f analysis, and only this level, permits us to examine international relations in the whole, with a comprehensiveness that is o f necessity lost when our focus is shifted to a lower, and more partial level” (Singer 1969: 22). Obgleich das weltpolitische Geschehen durch den systemischen Ansatz in seiner zumindest oberflächlichen Gesamtschau erfasst werden kann besteht die Gefahr, dass der Einfluss des Systems auf die Akteure, sei es Staaten, Institutionen, Indivi duen etc., allzu leicht überschätzt und im Gegenzug die Möglichkeiten, welche die Akteure auf das System ausüben können, entsprechend allzu leicht unterschätzt werden könnten (vgl. etwa auch Singer 1969: 22). Hinzu kommt das Risiko, den 104 Akteuren eine allzu große Uniformität zuzuschreiben. Dies wird nicht nur bei Waltz' neorealistischer Annahme von Staaten als Like-Units deutlich, sondern ebenso in der Annahme des Klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau, wo nach alle Staatsmänner auf identische Weise unter der Prämisse eines in Machtkate gorien definierten nationalen Interesses dächten und handelten (Singer 1969: 23; vgl. zudem Morgenthau 1960: 5-7). Auf diese Weise kann die Wahl der systemi schen Analyseebene eine übermäßig vereinfachende Analysegrundlage bewirken. Eine ausschließliche Konzentration auf das System hat somit zur Folge, dass nicht nur alle Staaten als dem Prinzip nach gleich angesehen werden, sondern auch, dass die Vorgänge innerhalb von Staaten als irrelevant für deren Aktionen auf internati onaler Ebene erscheinen. Die hiermit zusammenhängende Vorstellung des Staates als sogenannte Black Box geht dabei auf behavioristische Reiz-Reaktions-Muster zurück, in denen der Beobachter vernachlässigt, was im beobachteten Individuum vor sich geht und sich stattdessen auf die Korrelation von Reiz und Reaktion be schränkt, da nur diese beiden Größen als empirisch verifizierbar angesehen werden. Kognition, Wahrnehmung und andere mentale Prozesse hingegen werden indessen ausgeblendet. Somit wird der Staat als zentraler Akteur nur nach seinen Reaktionen auf systemische Stimuli hin untersucht, während die Perzeptionen etc. des Staates beziehungsweise der für ihn handelnden Individuen und Gruppen außen vor blei ben (Singer 1969: 23,1960; Snyder 1961; Wolfers 1959). Zwar lässt sich kaum bestreiten, dass die Annahme hochgradig homogenisierter Akteure analytisch auf den ersten Blick durchaus Vorteile aufweist, indem, wie Sin ger (1969: 23) ausführt „it permits us to observe and measure correlations between certain forces or stimuli which seem to impinge upon the nation and the behavior patterns which are the apparent consequence o f these stimuli”. Allerdings wird be reits an dieser Stelle ein gewichtiges Problem erkennbar, wie auch Singer feststellt, wenn er betont, dass die Verhaltensmuster die ,apparent consequence' spezifischer Stimuli seien. So mag auf einen Reiz in einem bestimmten Fall durchaus eine spezi fische Reaktion folgen — ob der empirisch erkennbare Reiz dabei auch die tatsächli che Ursache der Reaktion ist, ist damit noch nicht gesagt. Trotz dieser Probleme ar gumentiert das die Disziplin lange dominierende neorealistische Paradigma syste misch — und steht damit keineswegs allein da. So betonen nämlich etwa auch Hollis und Smith (1990: 5; vgl. ferner Dunne 1995: 369) in ihrem sogenannten Holismus- Konzept die Bedeutung der Systemstruktur als determinierender Faktor zwischen staatlicher Beziehungen. Uber Singer hinausgehend weist Waltz dem System, wel ches er zur Analyseebene erwählt, eine spezifische ordnungsbestimmende Eigen schaft zu: Anarchie. Zugleich unterscheidet Waltz in seinem Argument explizit zwi schen permissive cause und ejjicient cause, was darauf hinweist, dass die (anarchische) Struktur zwar als ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die Funktionsweise der in ternationalen Beziehungen anzusehen ist, jedoch keineswegs notwendigerweise als einziger Erklärungsfaktor für außenpolitisches Verhalten. So erkennt Waltz die Dif ferenziertheit der Staaten als effektiven Faktor konkreter außenpolitischer Entschei dungen an, die jedoch letztendlich und dem Prinzip nach auf die anarchischen 105 Strukturbedingungen des Systems zurückzuführen sind. Da es Waltz lediglich um die — wie er es sieht — Prinzipien der Funktionsweise der internationalen Beziehun gen geht, beschränkt sich Waltz auf nur eine Analyseebene. Dieser Ansatz hat sich in seiner Analysekraft allerdings als beschränkt erwiesen. Statt dessen erscheint ein alternativer Ansatz, der eine synchronen Multiperspektivanalyse zum Gegenstand hat und bei dem somit nicht nur das Verhältnis von Akteur und System wie bei Singer oder das Verhältnis von Akteur und Strukturkomponente des Systems wie bei Waltz zugrunde gelegt wird, sondern das Verhältnis von Akteur und System in die multiperspektivische Analyse von Agent und Systemstruktur einerseits und Agent und Systemkonstellation andererseits zerlegt werden, wobei sowohl Agent als auch Struktur ihrerseits eine differenzierte Behandlung erfahren, um zwischen staatliches Verhalten zu erklären, als deutlich vielversprechender. Dabei wird davon ausgegangen, dass weder auf die Berücksichtigung des Gesamtsystems noch auf die Einbeziehungen des Innenlebens der Akteure verzichtet werden kann. Denn an hand der Wahl der letztgenannten Analyseebene kann die Differenziertheit der Einheiten aufgezeigt werden: „Its most obvious advantage is that it permits significant differentiation among our actors in the international system. Because it does not require the attribution o f great similarity to the national actors, it encourages the observer to examine them in greater detail. The favorable results o f such intensive analysis cannot be overlooked, as it is only when the actors are studied in some depth that we are able to make really valid generalizations o f a comparative nature. And though the systematic model does not necessarily preclude comparison and contrast among the national sub systems, it usually eventuates in rather gross comparisons based on relatively crude dimensions and characteristics” (Hollis/Smith 1990: 24). Allerdings ist der klassische Ansatz die Entscheidung zugunsten nur einer der mög lichen Analyseebenen, was auch bei der Wahl des Staates als Analyseebene Risiken birgt. Diese bestehen etwa in einer möglichen Uberdifferenzierung der Analyseein heit sowie der nicht hinreichenden Berücksichtigung strukturbedingter Einflussfak toren (Hollis/Smith 1990: 24). Die Fokussierung auf die innerstaatliche Ebene be wirkt, dass Außenpolitik ausschließlich als Determinante der politischen, ökonomi schen und sozialen Binnenverhältnisse des Akteurs erscheint (Waltz 2001: Kapitel 4, 5). Neben diesem sogenannten Trugschluss des Second Image führt eine über mäßige Differenzierung zwischen den Akteuren nicht nur zu einer möglichen Ver zerrung der Prozessanalyse, sondern auch zum Phänomen des „Ptolemaic patrochialism“ (Singer 1969: 24), einer verzerrten normativen Bewertung von Akteuren und Prozessen. Indem nämlich die Verschiedenheiten der unterschiedlichen Natio nalstaaten überbetont werden, besteht die Gefahr, dass Vieles von dem, was der Analyst (häufig unbewusst) als Tugenden erachtet, seiner eigenen Nation zuzu schreiben, wohingegen das, was als Untugenden angesehen wird, als Attribut der anderen Nationen, insbesondere solcher, die zu als Gegners gelten, herauszustellen. So wurde etwa zu Zeiten des Kalten Krieges die Welt in vielen Studien ausschließ lich aus Sicht westlicher, insbesondere US-amerikanischer Werte und Interessen, welche als normativ richtig und letztlich von universeller Gültigkeit dargestellt wur 106 den, repräsentiert, während der Sowjetunion in dieser Hinsicht eine einseitig nega tive Beurteilung zuteilwurde (Singer 1969: 24). Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur die Wissenschaft, sondern insbesondere auch die politischen Akteure selbst. Somit es geboten, dass der Analyst sich beider Aspekte bewusst sein muss: seiner eigenen selektiven Wahrnehmung wie auch der seines Analyseobjekts. Perzeption und Interpretation von positiven Strukturen seitens des betrachteten Akteurs wer den somit zu zentralen, jedoch bislang regelmäßig vernachlässigten Analysegrößen. Hierzu ist es erforderlich, etwa die kollektive wie individuelle Sozialisation des zu analysierenden Objektes sowie dessen Situation in der Systemkonstellation zu be rücksichtigen. Dies gilt umso mehr, weil die Wahl der Analyseebene Staat gleichsam zwangsläufig die Frage nach Motivation des Staates erhebt. Dieser Aspekt jedoch bleibt insbesondere seitens des klassischen Realismus regelmäßig unberücksichtigt. Beim Blick auf staatliche Motivation geht es lediglich um die Frage von Erwerb, Einsatz, Mehrung oder Verlust von Macht. Zwar geht es beim Neorealismus nicht mehr um Macht als Selbstzweck, sondern vielmehr von Machtmaximierung als Mit tel zum Zwecke der Maximierung von Sicherheit für den einzelnen Staat (auch wenn diese durch die absolute Akkumulation von Macht potenziell gefährdet wird, da sie zugleich von den anderen Akteuren als Bedrohung wahrgenommen wird). Doch auch hier gilt: Obwohl immer wieder versucht wurde, M acht sowohl konzep tuell wie auch quantitativ zu bestimmen — man denke an dieser Stelle etwa an Max Webers Machtbegriff oder die Darlegung des Konzepts der capabilities bei Waltz — ist es bislang doch unterblieben, das eng mit der für den Neorealismus zentralen Größe der nationalen Sicherheit zusammenhänge nationale Interesse als komplexe Einheit zu operationalisieren. Vielmehr lässt sie die bis heute gültige Argumentation so zusammenfassen: Aufgrund der anarchischen Struktur des internationalen Sys tems muss jeder Staat sein eigenes Überleben sicherstellen. Hierzu benötigt er aus reichend Macht. Ein Zuviel an Macht kann gefährlich werden. Um die Sicherheit des Staates zu gewährleisten, benötigt dieser die in einem Mächtegleichgewicht ma ximal mögliche Macht. Sicherheit ist hier letztlich Überleben beziehungsweise die Unversehrtheit der territorialen Grenzen. Macht wird verstanden als die hierzu nö tigen Kapazitäten, allen voran die Streitkräfte und den hierfür erforderlichen militä risch nutzbaren industriellen Komplex. Doch hat sich immer wieder gezeigt, dass auf diesem Konzept basierende Analysen von nur beschränkter Aussagekraft wa ren. Denn mag das außenpolitische Handeln eines Staates auch letztendlich an sei ner Sicherheit und in allerletzter Konsequenz auch an seinem tatsächlichen Überle ben orientiert sein, so ist bislang unterblieben, konzeptionell aufzuzeigen, was ein Staat zu einem bestimmten Zeitpunkt x tatsächlich als das zu verteidigende nationa le Interesse betrachtet. Gewiss existieren zahlreiche historische Beschreibungen, die Ursachenbündel aufzeigen, die etwa zu einem bestimmten Krieg geführt haben, jedoch sind dies stets Beschreibungen von Einzelfällen, welche von Seiten modell orientierter Analysten als Anomalien abgetan wurden oder völlig undifferenziert als das nationale Interesse zusammengefasst wurden, ohne sein Zustandekommen und 107 seine genaue Zusammensetzung näher zu bestimmen. Wenn Singer bei der Be trachtung des Staates als Analyseebene etwa nach der planvollen Zielgerichtetheit staatlichen Handelns fragt, weist er in eine richtige Richtung, da es nicht nur auf die Komplexität des nationalen Interesses selbst verweist, sondern zugleich die Prob lematik anklingen lässt, ob die dem nationalen Interesse zugrundeliegenden Ein flussfaktoren lediglich aus dem Staat erwachsen oder doch auch dem System, kon krete dessen Struktur geschuldet sind: „The question would seem to distill down to whether man and his societies pursue goals o f their own choosing or are moved toward those posed upon them by them by forces which are primarily beyond their control. Another way o f stating the dilemma would be to ask whether we are concerned with the end which men and nations strive for or the ends toward which they are impelled by the past and present characteristics o f their social and physical milieu. Obviously, we are using the terms ‘ends’, ‘goals’, and ‘purpose’ in two rather distinct ways; one refers to those which are consciously envisaged and more or less rationaüy pursued, and the other to those which the actor has little knowledge but toward which he is nevertheless propelled (Singer 1969: 25)”. Singer berührt hier letztlich die grundsätzliche Debatte, ob ein freier Wille existiert oder ob die Handlungen von Akteuren prinzipiell determiniert sind. Er selbst nimmt eine mittlere Position ein, wenn er darlegt, dass „nations move toward outcomes of which they have little knowledge and over which they have less control, but that they nevertheless do prefer, and therefore select, particular outcomes and attempt to realize them by conscious formulation of strategies” (Singer 1969: 25). Eine wesentliche Erkenntnis Singers ist somit, dass Staaten prinzipiell in der Lage sind, rational zu handeln und spezifische Ziele zu verfolgen. Zugleich kann er aber darlegen, dass es durchaus Faktoren gibt, die einen Einfluss auf staatliches Handeln ausüben können, ohne dass diese von den Staaten auch nur potenziell kontrolliert werden könnten. Zudem gilt es in diesem Zusammenhang, wie weiter unten noch gezeigt wird, Erkenntnisse aus dem Bereich der kognitiven Psychologie, das Kon zept der Bounded Rationality oder den Ansatz der poliheuristischen Entschei dungsfindung, zu berücksichtigen. Jene Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit sind von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, auch wenn Singer hierzu keine weiteren Ausführungen anstellt. Im hier entwickelten theoretischen Erklärungsansatz des Interpretativen Realismus jedoch geht es genau darum, sowohl die Aspekte zu be rücksichtigen, die in den Bereich vorsätzlichen, bewussten rationalen staatlichen Handelns fallen als auch auf diejenigen Aspekte einzugehen, welche staadiches Handeln (ko-)determinieren, ohne dass sie von den Staaten beziehungsweisen den sie repräsentierenden Akteuren beeinflussbar oder überhaupt bewusst sind. Die gleichzeitige Berücksichtigung muss dabei durch eine Methode der synchronen Multiperspektivanalyse, wie sie oben schon angedeutet wurde, realisiert werden. Damit das gelingen kann, ist es ebenfalls erforderlich, das oben beschriebene Defi zit des bislang nur unzureichend operationalisierbaren nationalen Interesses, auszu räumen. Hierfür wird in Anlehnung an die Motivationspsychologie Maslows eine staatliche Bedürfnispyramide oder auch Pyramide des erweiterten nationalen Si 108 cherheitsinteresses entwickelt, mit deren Hilfe das nationale Interesse in verschie dene Bestandteile aufgeschlüsselt und hierarchisiert wird. Auch Singer stellt die Frage, was Staaten motiviert, also wie und weshalb bestimmte Staaten bestimmte Ziele verfolgen. Für ihn ist es geradezu die zentrale Aufgabe der akteurzentrierten Analyseebene, die Prozesse zu verstehen, in denen nationale Ziel setzungen herausgearbeitet werden, und dabei zu erkennen, welche internen und externen Faktoren auf ebendiese Prozesse einwirken beziehungsweise welchem in stitutionellen Rahmenwerk sie erwachsen (Singer 1969: 25). Hierbei verweist er ausdrücklich darauf, dass sowohl Ziele als auch Motivationen gleichermaßen ab hängige und unabhängige Variablen sind, sodas wir, wenn wir das zwischenstaat liche Verhalten eines Staates erklären wollen, uns nicht nur auf die Analyse der Formulierung der staatlichen Ziele beschränken können, sondern vielmehr gez wungen sind, einen Schritt weiter zurück zu gehen und die Entstehung des außen politischen Prozesses selbst als zu untersuchende Variablen im Verstehen der interntionalen Beziehungen begreifen müssen (Singer 1969: 26). Was hierbei aller dings die Genese der Faktoren anbelangt, so ist keineswegs gesagt, ob diese allein im Bereich des Akteurs zu finden ist, oder aber ob nicht ebenso die Struktur eine Rolle spielt. Dies gilt umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass der Staat ein komplexes, mehrschichtiges Konstrukt darstellt, innerhalb dessen sich gleichsam zwei Analyseebenen begegnen, welche ihrerseits unterschieden werden müssen. Derartige Aspekte müssen bei der Theoriefortbildung und einer darauf basierenden Modellentwicklung berücksichtigt werden, damit der Interpretative Realismus der Forderung Singers gerecht werden und den erforderlichen Schritt gehen kann, auf zuzeigen, weshalb bestimmte Aspekte zu ausschlaggebenden Variablen im außen politischen Handeln von Staaten werden. Dies erfordert auch eine intensive Be rücksichtigung der individuellen Analyseebene und insbesondere der Einbeziehung jüngster Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften und ins besondere der Neuropsychologie. Das gilt auch und gerade vor dem Hintergrund des sogenannten „phenomenological issue“ (Singer 1969: 26), den Singer (1969: 26) unter Anspielung auf Edmund Husserl in diesem Zusammenhang thematisiert, in dem er die auch für die Überlegungen des Interpretativen Realismus zentrale Frage in den Raum stellt: „[D]o we examine our actor’s behavior in terms o f the objective factors which allegedly influence that behavior, or do we do so in terms o f the actor’s pen ep tion s o f these ‘objective factors’? [ . ] One view holds that individuals and groups respond in a quasi-deterministic fashion to the reali ties o f physical environment, the acts or power o f other individuals or groups, and similar ‘objec tive’ and ‘real’ forces and stimuli. An opposite view holds that individuals and groups are not influenced in their behavior by such objective forces, but by the fashion in which these forces are perceived and evaluated, however distorted or incomplete such perceptions may be.” Es soll und kann dies nicht der Ort sein, eine intensive Auseinandersetzung dieser zwei philosophischen Grundpositionen zu führen. Jedoch ist es durchaus von Be deutung, sich einen grundlegenden Zusammenhang von objektiver Realität und 109 deren Wahrnehmung bewusst zu machen. Singer vermag es, diesen Zusammen hang in eine gleichermaßen einfache wie eindrucksvoll Analogie zu kleiden: Ein Mensch, der aus einem Fenster der obersten Etage eines zehnstöckigen Gebäudes heraustritt, wird aufgrund der Gravitationskraft zu Boden stürzen — und zwar un abhängig von seiner Wahrnehmung. Andererseits ist die Wahrnehmung dieses Um standes ein gewichtiger Faktor bei der Entscheidung eines Menschen, ob er aus einem entsprechenden Fenster heraustritt oder nicht (Singer 1969: 26). Sowohl ob jektive Kräfte als auch deren subjektive Wahrnehmung spielen also eine jeweils ei genständige Rolle. Trotz der äußerst wichtigen Einsichten hat Singer — ebenso we nig wie Kaplan oder Waltz — die Debatte um die Wahl der geeigneten Analyseebene nicht zu einem Abschluss bringen können. Vielmehr dauert die Auseinanderset zung darum bis heute an und hat bereits eine Vielzahl von Diskursbeiträgen ge bracht, ohne dass es zu weiterreichenden Veränderungen gekommen wäre (Buzan 1995: 209; Ruggie 1986: 141-148; Keohane 1986a: 190-197; Keohane/Nye 1987: 746; Cox 1986: 220). Dabei lassen sich insbesondere zwei bislang nicht abschlie ßend gelöste Themenkomplexe ausmachen: Einerseits geht es um die Frage, wie viele und welche Analyseebenen es geben soll, andererseits geht es um die Frage, anhand welcher Kriterien genau diese Ebenen definiert und voneinander abge grenzt werden können (Buzan 1995: 201 f.). In engem Zusammenhang mit diesen beiden Komplexen steht ein dritter Aspekt, der von Relevanz ist, sobald ein Schema festgelegt ist, welches die Ebenen hinrei chend erfasst. Hierbei geht es um die Frage, wie die Ergebnisse der Untersuchun gen der einzelnen Ebenen wieder zusammengeführt werden können um ein umfas sendes, sozusagen ganzheitliches Verständnis zu erlangen, welches mehr ist als nur die Summe der Teile (Buzan 1995: 202). Betrachtet man sich den wissenschaftsthe oretischen Hintergrund der Diskurse, so stehen sich zwei epistemologische Positi onen gegenüber, die jeweils unterschiedliche Perspektiven repräsentieren. Einerseits handelt es sich um eine atomistische Auffassung, andererseits um eine holistische. Diese an sich im gesamten Feld der Sozialwissenschaften existierende Auseinander setzung hat auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen in Form der Gegen überstellung von Reduktionismus und Systemismus ihren Niederschlag gefunden. Während beim atomistischen Reduktionismus das Ganze zur Analyse in seine Teile zerlegt wird, wobei jedes Teil isoliert betrachtet und die Ergebnisse dann unter der Annahme zusammengetragen werden, dass das Verständnis des ganzen auf der Summe der Teilergebnisse beruht, wird beim holistischen Systemismus davon aus gegangen, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielmehr stehen die einzelnen Teile nicht für sich, sondern werden von den Strukturen, die das System ausmachen, beeinflusst beziehungsweise bestimmt. Aufgrund der strukturellen Komponente gilt im Systemismus ein reduktionistischer Ansatz als nicht hinrei chend. Die Vertreter des Reduktionismus indes gehen davon aus, dass alle struktu rellen Erklärungen letztlich auf individualistische Erklärungen reduzierbar sind (Buzan 1995: 199 f.). Im Kontext von epistemologischer Debatte um Holismus und Reduktionismus und der Frage nach der geeigneten Analyseebene stoßen so 110 mit zwei Erklärungsparadigmen für staatliches Handeln im internationalen System zusammen, nämlich die Systemanalyse der Internationalen Beziehungen und die an innerstaatlichen Prozessen und psychologischen Faktoren handelnder Individuen und Gruppen orientierte Außenpolitikanalyse. Das Problem beider Ansätze ist hierbei die jeweilige Ausschließlichkeit der zugrunde gelegten Erklärungsfaktoren. Der in dieser Arbeit verfolgte Ansatz soll beide Ansätze näher aneinander führen. Obwohl er das strukturelle Element stark betont, spielen Akteurfaktoren, sofern sie mit der Perzeption und Interpretation der Struktur zu tun haben, eine wichtige Rol le. In der heutigen Theorie der Internationalen Beziehungen weit verbreitet ist die Annahme der Existenz dreier Analyseebenen, nämlich die individuelle Ebene der Entscheidungsträger, die Ebene der staatlichen Einheit (oft auch als Unit bezeich net) und die Ebene des Gesamtsystems, wobei regelmäßig jeweils nur eine spezifi sche Ebene zur Analyse herangezogen wird (Yurdusev 1993: 80 ff.). Neben diesem Grundmodell existieren Ansätze, die weitere Unterteilungen vornehmen. Während einige Theoretiker noch eine Bürokratieebene zwischen individueller und Unit Ebene einführen, erweitern andere das Modell um eine Prozessebene zwischen Unit und System, um so zwischen Erklärungen, die auf dem Wesen der Units be ruhen und solchen, die auf den Interaktionen zwischen den Units basieren, unter scheiden zu können (Buzan 1995: 203; Buzan/Jones/Little 1993: Kap. 5; Jervis 1976: 15; Hollis/Smith 1990: 7 ff.). Zudem wird bei einigen Ansätzen die System ebene selbst ebenfalls weiter unterteilt wird, entweder in Struktur und Interaktionsfä higkeit im Sinne von Transport und Kommunikation oder in zwischenstaatliche Ver bindungen und Welt als Gesamtheit (Buzan 1995: 203; Buzan/Jones/Little: Kapitel 4; Yurdusev 1993: 82). Nicht zuletzt gibt es noch Theoretiker, welche völlig unter schiedliche Vorstellungen von Analyseebene haben, so etwa Rosenau (1966: 43), der eine idiosynkratrische Analyseebene, eine Rollenebene, eine Regierungsebene, eine Gesellschaftsebene und eine Systemebene einführt. Die genauen Differenzie rungen bei all diesen Erweiterungen sind allerdings weniger wichtig als der Um stand, dass es sich hierbei letztlich immer wieder um den Ausdruck eines ungelös ten Konfliktes zwischen ontologischen und epistemologischen Ansätzen handelt: Während der erste Ansatz davon ausgeht, dass Analyseebenen einfach nur ver schiedene Analyseeinheiten darstellen, versteht letzterer darunter Variablen, welche spezifisches Akteursverhalten erklären (Moul 1973: 495; Buzan 1995: 203). Im Falle des ontologischen Ansatzes werden die als Analyseeinheiten verstandenen Analyse ebenen gemäß ihrer räumlichen Gliederung vorgestellt, also etwa von der individu ellen Analyseeinheit zum Gesamtsystem, wobei, wie aufgezeigt, eine Vielzahl von Unterteilungsmöglichkeiten existiert. Analyseebenen stellen somit Orte da, wo so wohl die Ursachen als auch die Ergebnisse der Analyse verortet werden können. Somit lassen sich die Analyseebenen des ontologischen Ansatzes auch besser als „ontological referents rather than sources o f explanation in and of themselves“ (Buzan 1995: 204) beschreiben. Der epistemologische Ansatz indes versteht unter Erklärungsebenen verschiedene Erklärungsarten für empirisch beobachtete 111 Phänomene. Obwohl das Netz der Erklärungsarten dabei grundsätzlich sehr weit ausgeworfen werden kann — „[i]n principle, anything that can be established as a distinct source o f explanation can qualify (Buzan 1995: 204) — lassen sich in der relevanten Theorielandschaft der Internationalen Beziehungen drei zentrale Ursa chenbereiche ausmachen: erstens die Struktur, zweitens der Prozess und drittens die Interaktionsfähigkeit. Unter Struktur wird dabei das Prinzip verstanden, nach dem die Einheiten des Systems arrangiert sind, wobei ihr relatives Verhältnis zuei nander von großer Bedeutung ist. Prozesse sind die Interaktionen zwischen den Einheiten. Hierbei von Interesse sind vor allem stete oder sich wiederholende Mus ter, also, wie die Einheiten tatsächlich angesichts diverser intervenierender Faktoren miteinander interagieren. Dabei wird die Struktur ebenso als intervenierender Fak tor betrachtet wie auch die Interaktionskapazität. Letztere wird als Ebene von Kommunikation und Transport innerhalb des Systems bezeichnet. Gegenstand der diesbezüglichen Betrachtungen ist die Frage, wie viele Güter und Informationen über, wie schnell und zu welchen Kosten über welche Distanzen befördert werden können. Barry Buzan zeigt auf, dass die Größen des ontologischen und des epistemologischen Ansatzes prinzipiell als Komponenten einer einheitlichen Betrachtung zusammengeführt werden können. Somit ist es im Prinzip für alle räumlich defi nierten Analyseebenen — von der individuellen bis zum Gesamtsystem — möglich, die jeweiligen Ursachenfaktoren zur Anwendung zu bringen. Daher gilt, dass “structures, process and interaction capacity can be found as sources o f explanation in individuals, states and the international system” (Buzan 1995: 205). Zumindest theoretisch lässt sich somit auf diese Weise ein höheres Maß an konzeptioneller Klarheit erreichen. In der Forschungspraxis hingegen sieht vieles noch anders aus. Ein Aspekt, anhand dessen die bestehenden Defizite im Bereich der Analyseebene besonders deutlich zu Tage treten, ist die fehlende beziehungsweise ungenaue Dif ferenzierung zwischen den Aspekten System und Struktur, was insbesondere auch im Werk von Kenneth Waltz erkennbar ist, der die Begriffe System und Struktur sy nonym verwendet (Buzan 1995: 105, 208; Buzan/Jones/Little 1993: 22-28). Das mag aus seiner Sicht heraus schlüssig sein, da das internationale System stets eine anarchische Struktur aufweist, erscheint jedoch bei näherer Betrachtung der empiri schen Realität des internationalen Systems als zumindest fragwürdig. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Wesen von Struktur und dem Zusam menhang von Struktur und System. Buzan (1995: 210) versucht eine negativ abge grenzte Definition des Strukturbegriffs, indem er etwa konstatiert, dass „[i]nteraction capacity is about the technological capabilities, and the shared norms and organizations, on which the type and intensity o f interaction between units in the system, or within a unit, depend. These things clearly fall outside the meaning o f structure.” Buzan behauptet also, dass geteilte Normen und Institutionen nicht als Struktur merkmale anzusehen sind. Diese Aussage ist in doppelter Hinsicht problematisch. Zum einen zeigt sie nicht auf, was Strukturen sind, zum anderen ist fraglich, ob nicht doch ein Zusammenhang besteht zwischen geteilten Normen und Institutio 112 nen und der Art der Struktur. Bei der soeben geschilderten Auseinandersetzung mit dem Problem der Analyseebene ist deutlich geworden, dass nur ein Ansatz, der die verschiedenen Analyseebenen sinnvoll miteinander verbindet, in der Lage ist, der Komplexität der internationalen Beziehungen gerecht zu werden und besser als bisher, staatliches Handeln zu erklären. Einen solchen gilt es indes noch zu entwi ckeln. A uf beide Aspekte verweist etwa auch Buzan (1995: 212 f.): “The important issue in international relations theory is which units o f analysis and which sources o f explanation tell us most about any given event or phenomenon. No one level o f unit or source of explanation is always dominant in explaining international events. [ ...] In this per spective, the question o f which level is winning (or losing) is not a very interesting one except in relation to some specific phenomenon to be explained. In international relations generally, all the levels are powerfully in play. The important theoretical question is: i f two or more units and sources o f explanation are operating together, how are their different analyses to be assembled into a whole understanding? To this there is yet no clear answer.“ Auch andere Theoretiker der Internationalen Beziehungen — darunter Waltz — ver treten die Auffassung, dass die Erklärungen der verschiedenen Analyseebenen zu sammengeführt werden sollten. Allerdings wird nirgendwo klar dargelegt, auf wel che Weise dies praktisch beziehungsweise methodologisch geschehen soll (Buzan 1995 213; Moul 1973: 499; Hollis/Smith 1990: 6 f.). In diesem Kontext verweist Buzan (1995: 213; vgl. zudem Buzan/Jones/Little 1993: Kapitel 6, 7; Giddens 1984; Wendt 1987.) zudem auf die hiermit eng zusammenhänge Debatte um die Beziehung von den Akteuren und der Struktur. Somit stellt die Frage der Analyse ebene zugleich auch den Ausgangspunkt dar, von dem aus sich weitere, analytisch als eigenständig betrachtete, jedoch de facto eng miteinander verwobene Problem kreise entfalten. Hierbei handelt es sich einerseits um die Frage nach dem Zusam menhang und den Wechselbeziehungen von Akteur und Struktur (Agent-Structure- Debatte), sowie andererseits um die Frage nach dem Wesen des Systems und den sich daraus ergebenden Implikationen (Anarchy-Hierarchy-Diskussion). Geht man nun vom ersten Problemkreis, nämlich der Wahl der Analyseebene aus, so lässt sich im Falle der Auseinandersetzung mit zwischenstaatlichen Prozessen die Frage da hin gehend konkretisieren, ob sich die Betrachtungen auf das gesamte internationa le System konzentrieren sollen, oder aber sich der Fokus auf die einzelnen Akteure (als Untergrößen des Systems) richten soll, wobei sich hierbei wiederum die Frage stellt, wie genau der Akteur Staat jenseits einer Konzeptualisierung als Black Box beschaffen ist und wie die Unterteilung des Akteurs Staat in mehrere Analyseebe nen sich auswirkt, wenn letztlich alle vorhandenen Analyseebenen auch in einen Analyseansatz einbezogen würden. Während im ersten Fall die von der strukturel len Beschaffenheit des Systems hervorgerufenen Bedingungen und deren Auswir kungen als Triebkräfte staatlichen Handelns angesehen werden, spielen im zweiten Fall Wesen und Gestalt der Akteure selbst die ausschlaggebende Rolle. Ihr Zu stand, ihr Befinden, wie auch immer im konkreten Fall operationalisiert, gilt als we sentlicher Determinationsfaktor für das Verständnis staatlichen Handelns im globa len Kontext. Auch wenn es aus pragmatischen Gründen zunächst verlockend er 113 scheint, sich für die eine oder andere Ebene zu entscheiden, ist eine solche Wahl nicht unproblematisch. Wesentliche Gründe wurden oben dargelegt, jedoch lässt sich ebenso aus Sicht des zweiten Problemkreises argumentieren. So können agent und structure nicht als voneinander unabhängige Aspekte betrachtet werden. Viel mehr besteht ein komplexes Verhältnis und eine enge Wechselbeziehung dieser beiden Größen, wie gleich bei der Diskussion der Agency-Structure-Debate genauer dargelegt wird. Die Entscheidung zu Gunsten nur einer der Analyseebenen brächte zugleich ein Präferieren entweder des Agent- oder des Structure-Arguments mit sich, was not wendigerweise zu einer Verzerrung der Analyse führen würde. Dies gilt umso mehr, wenn man die Überlegungen berücksichtigt, welche charakteristisch für den dritten Problemkreis der Internationalen Beziehungen sind, nämlich die Anarchie Hierarchie-Diskussion, die sich explizit auf das Wesen der Struktur des internatio nalen Systems beziehungsweise die hieraus resultierenden Implikationen bezieht. Hierbei wird die spezifische Ausformung der Struktur wiederum wird als wesent lich für das Verhalten der Akteure betrachtet, jedoch gilt es Variationen im Verhal ten der Akteure innerhalb einer spezifischen Struktur zu erklären. Dies kann nicht mehr allein mit dem Strukturargument geschehen, sondern muss zugleich auch das Akteur-Argument berücksichtigen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund erscheint es geboten, eine synchrone Betrachtung der Analyseebenen anzustreben, was im hier entwickelten Modell vollzogen werden soll. Hierbei gilt es, wie dargestellt, ne ben der materiellen Struktur als solche zugleich auch deren Wahrnehmung und In terpretation durch die Akteure, die zugleich Teil jener Systemstruktur sind, zu be rücksichtigen. Antonietti und Ianello (2011) haben in ihrer Auseinandersetzung mit der Rolle neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in den Sozialwissenschaften genau hierfür ein schlagkräftiges Argument geliefert: So konnten sie zeigen, dass kollekti ve Phänomene immer auch durch die Akteure der individuellen Analyseebene be schrieben und erklärt werden können. Hierbei ist es vor allem die jeweilige Motiva tion, die wiederum auf spezifischen mentalen Prozessen auf Neuroebene beruht, welche das Zustandekommen kollektiver Phänomene maßgeblich erhellen kann. Mit anderen Worten lässt sich eine Reduktionskette darlegen, welche von kol lektiven Phänomenen über individuelles Verhalten und den diesem zugrundelie genden mentalen Prozessen bis hin zur Neuroebene des Gehirns reicht (Antoniette/Ianello 2011: 311). Kollektive Phänomene, die bislang nur bedingt befriedi gend etwa durch Erklärungsansätze der Geschichtswissenschaft oder Soziologie erklärt wurden, können nun verbunden werden mit Erkenntnissen der kognitiven Psychologie sowie der Neurowissenschaften. Derartige Erkenntnisse aber machen es erforderlich, die Ansätze und Argumente verschiedener bislang getrennter Theo rieschulen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen, der Außenpolitikana lyse und benachbarter Disziplinen auf analytisch-eklektischem Wege in Einklang zu bringen. Während zentrale Aussagen des strukturellen Realismus die Struktur des internationalen Systems beleuchten sollen, werden konstruktivistische, interpretive, historisch-soziologische und politisch-psychologische Argumente herangezogen, 114 um die Wahrnehmung der strukturellen Faktoren (inklusive der die Struktur maß geblich mitdefinierenden Akteure) zu analysieren, wobei explizit Erkenntnisse von Psychologie und Neurowissenschaften einbezogen werden. A uf diese Weise wer den strukturelle und akteurbezogene Faktoren in Einklang gebracht. Mit anderen Worten wird ein und derselbe Sachverhalt zum selben Zeitpunkt synchron aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven heraus analysiert. Dieser Ansatz bedeutet letztlich nichts anderes als die Verschmelzung der bislang analytisch getrennten Analyseebenen. Allerdings hat die Auseinandersetzung um die Analyseebene nur eine erste Grund lage auf dem Weg hin zur Theoriefortbildung und Modellentwicklung geliefert. Bis lang steht nur fest, dass es erforderlich ist, beide Analyseebenen in einer Weise in Einklang zu bringen, die es erlaubt, die Struktur des Systems (in den vom interpretativen Realismus unterstellten Ausprägungen in grundlegende Systemstruktur und spezifische Konstellationsstruktur) und Akteur (in seiner einfachen und komplexen Ausprägung) bei der Analyse gleichermaßen berücksichtigen zu können. Doch wel che Aspekte konkret gilt es zu berücksichtigen, welcher Aspekt spielt welche Rolle bei der Erklärung staatlichen Handelns und welche grundsätzlichen Probleme gilt es bei der Auseinandersetzung mit Agents und Structures zu beachten? Um diese Fragen zu klären, soll sich der kommende Abschnitt kritisch mit den Argumenten der bisherigen Agency-Structure-Debatte auseinandersetzen und dabei herausdestil lieren, welche Ansätze gewinnbringend für die hier angestrebte, weiterführende Modellbildung sind. Das Akteur-Struktur-Problem ‘D espite changing intellectual jashions, the agencg-structure debate remains central to theoretical discourse mithin IR.” (Roberts 2006) Während der erste Problemkreis die Frage zum Gegenstand hat, welches die geeig nete Analyseebene ist, bezieht sich die Agency-Structure-Debatte auf die Frage, ob der Akteur oder die Struktur für die Erklärung des konkreten Handelns eines Ak teurs entscheidend ist. Die erste nennenswerte direkte Auseinandersetzung mit die ser Frage innerhalb der Internationalen Beziehungen fand im European Journal o j International Relations statt und begann zunächst als „intellectually robust but highly cordial dialogue“ (Bieler/Morton 2001: 6) zwischen einigen wenigen Forschern, allen voran David Dessler (1989), Martin Hollis und Steve Smith (1990) sowie Ale xander Wendt (1987). An der Debatte waren zusehends weitere Wissenschaftler beteiligt, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen und dem Diskurs mehrfach einen Richtungswechsel verliehen, sodass mehrere Wellen23 erkennbar sind. Obwohl in Vgl. für die erste Runde der Auseinandersetzung in der Zweiten Welle der Debatte va. Doty 1997 und W ight 1999. Für die zweiten Runde sind D oty 1999 und W ight 2000 zent ral. 115 der Soziologie bereits seit langer Zeit Überlegungen zum Verhältnis von Akteur und Struktur angestellt worden waren (vgl. etwa Simmel 1903; Elias 1939; Parsons/Shils 2001 [1951]; Parsons 1991 [1951]; Esser 1984), standen sich auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen vor dem Aufkommen der Agent- Structure-Debatte die beiden Erklärungsansätze Strukturalismus und Intentiona lismus mit ihren jeweils monokausalen Ausrichtungen gleichsam isoliert gegenüber. Während der Strukturalismus idealtypisch dem Akteur in einem System jegliche Handlungsautonomie abspricht und ihn zum rein reaktiven Objekt der Struktur erklärt, sieht der Intentionalismus die Funktionsweise eines Systems rein auf dem Willen der Akteure begründet, welche sich keinerlei Einflüssen oder Beschränkun gen durch die Struktur ausgesetzt sehen müssen. Bezogen auf den Gegenstand der internationalen Beziehungen bedeutet das, dass beim Strukturalismus die Ursachen staatlichen Handelns in der Struktur des internationalen Systems gesehen werden, während die strukturellen Gegebenheiten beim Intentionalismus prinzipiell keine handlungsdeterminierende Rolle spielt. Diese jeweilige Auffassung fand ihren Nie derschlag in den unterschiedlichen Paradigmen und darauf basierenden Theoriean sätzen, die sich somit ebenfalls unversöhnlich gegenüberstanden. Lange Zeit als wegweisend wurde aus Sicht des Strukturalismus, wie er insbesonde re vom Neorealismus vertreten wurde das sogenannte Positional M odel v o n Kenneth Waltz (1979) angesehen, welches er in seinem Werk Therjry o f International Politics entwickelte. Die Ausgangsfrage, welche sich Waltz im Zusammenhang mit der Entwicklung des Positional Model stellt, lautet, ob die drei Kriterien, welche in nerstaatliche Strukturen definieren, auch auf die internationale Ebene anwendbar sind, und wie sie hierfür beschaffen sein müssen. Bei den drei Aspekten handelt es sich um die vorherrschenden Ordnungsprinzipien, die Eigenschaft der Akteure, die er auch als Einheiten (units) bezeichnet und die Verteilung der Kapazitäten (capabilities) innerhalb des Systems (Waltz 1979: 79-101), wobei ein System aus der Struktur und den interagierenden Einheiten besteht. Dessen Struktur wird als Ab straktion (vgl. Meyer Fortes 1949: 56, zitiert in Waltz 1979: 80) verstanden und kann daher nicht einfach dadurch bestimmt werden, dass die materiellen Charakter istika des Systems aufgezählt werden. Vielmehr muss die Struktur über das Ar rangement der einzelnen Teile des Systems beziehungsweise über das Prinzip ebendieses Arrangements definiert werden. Dieses ist für Waltz das Fehlen einer übergeordneten Ordnungsmacht, also Anarchie, welche jedoch ihrerseits — analog zum Markt in der ökonomischen Theorie24 (vgl. Hierzu Waltz 1979: 89 f.) — Waltz (1979: 89 ff.) führt zur Funktionsweise des ökonomischen Ordnungsprinzips und der Parallele in den Internationalen Beziehungen ausführlich aus: „Microeconomic theory describes how an order is spontaneously formed from the self-interest acts and interac tions o f individual units — in this case, persons and firms. The theory then turns upon the two central concepts o f the economic units and o f the market. [ ...] The market o f a decentralized economy is individualist in origin, spontaneously generated, and unintended. The market arises out o f the activities of separate units — persons and firms — whose aims and efforts are directed not toward creating an order but rather toward fulfühng their own 116 spezifische Handlungslogiken bei den Einheiten des Systems bewirkt. Das hat jedoch zur Folge, dass Struktur lediglich auf die spontan entstandenen, nicht wil lentlich beabsichtigten Handlungsbedingungen bezieht, die durch die Aktivitäten der einzelnen Einheiten entstanden sind (Dessler 1989: 449 f.; vgl. Zudem Nadel 1957: 8 ff.). Dabei ist Struktur nicht nur unintendiert, sondern zugleich auch un empfänglich für Versuche, sie zu verändern oder ihre Auswirkungen zu kontrol lieren, sodas auch ein Erkennen der Struktur und ihrer Bedingungen ein Entrinnen aus den durch sie generierten Implikationen nicht möglich ist (Waltz 1979: 107 111): Die „creators” (Waltz 1979: 90) dieser Struktur werden unweigerlich zu ihren „creatures“ (Waltz 1979: 90). Struktur beeinflusst aus der Sicht von Waltz also das Handeln der Akteure in einer Weise, dass bestimmtes Handeln als sinnvoller er scheint als anderes, sollen die grundlegenden nationalen Interessen jeder einzelnen Einheit erreicht oder zumindest nicht gefährdet werden. Staatliches Verhalten beruht zwar somit auf staatlichen Bedürfnissen, jedoch werden diese Bedürfnisse maßgeblich von der Struktur des Systems bestimmt. Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Struktur stellt nicht die unmittelbare Ursache für staatliche Entschei dungen dar, sondern wirkt als Rahmenbedingung auf alles staatliche Denken und Handeln.25 Allerdings gilt es diese rein strukturdeterminierte Argumentation dahingehend ein zuschränken, dass Struktur zwar durchaus als eigenständige Größe verstanden werden kann, es jedoch auf ihre Wahrnehmung und Interpretation ankommt. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die relevanten Argumente aus der Sozi ologie (etwa von Talcot Parsons, Pierre Bourdiue sowie Peter Berger und Thomas internally defined interests by whatever means they can muster. The individual unit acts for itself. From the coaction o f like units emerges a structure that affects and constrains all o f them. Once formed, a market becomes a force itself, and a force that the constitutive units acting singly or in small numbers cannot control. [ ...] If a laissez-faire economy is harmonious, it is so because the intentions o f actors do not correspond with the outcomes their actions produce. [ ...] International-political systems, like economic markets, are formed by the coalition o f self-regarding units. [ ...] No state intends to participate in the formation o f a structure by which it and others will be constrained. International political systems, like economic markets, are individualist in origin, spontaneously genera ted, and unintended”. 25 „[S]tructure designates a set o f constraining conditions. Such a structure acts as a selector, but it cannot be seen, examined, and observed as livers and income taxes can be. Freely formed economic markets and international political structures are selectors, but they are not agents. Because structures select by rewarding some behaviors and punishing others, outcomes cannot be inferred from intentions and behaviors. [ ...] W hat is not so simple is to say just what is politically that disjoins behavior and result. Structures are causes, but they are not causes in the sense meant by saying that A causes X and B causes Y. [ ...] Agents and agencies act; systems as wholes do not. But the actions o f agents and agencies are affected by the system’s structure. In itself a structure does not directly lead to one outcome rather than another. Structure affects behavior within the system, but does so indirectly. The effects are produced in two ways: through socialization o f the actors and through competition among them” (Waltz 1979: 73 f.). 117 Luckman), so zeigt sich, dass die Sozialisation des Akteurs bei der Bewertung (und letzlich auch der Konstruktion) der Struktur einemaßgebliche Rolle spielt. Parsons differenziert zwischen unterschiedlichen Systemen des Akteurs (Verhaltenssystem, persönliches System, soziales System und kulturelles System), welche zusammen wirken und so das Zusammenspiel von Bedürfnissen, sozialen Rollen, Werten und Handlungsmotiven bestimmen. Noch konkreter wird Pierre Bourdieu (1974; vgl. ferner Wacquant 1996; Schwingel 1995: Kapitel 2, 3; Fröhlich/Rehbein 2009; Lakomsky 1984; Nash 2003), welcher aufzeigt, dass die Sozialisation des Akteurs in einem spezifischen Umfeld stattfindet, das verstanden wird als Konglomerat von Rollenmustern und Beziehungen, bei denen es um das Verhältnis zum sogenannten Kapital geht, also materiellen Größen (und somit dem Wesen nach vergleichbar mit den Capabilities bei Waltz), die aber explizit ihren Ausdruck in nichtmateriellen As pekten wie sozialem Prestige finden können. Der Akteur findet sich im Rahmen seines Sozialisationsprozesses und vor dem Hintergrund seiner spezifischen Positi on in seinem Umfeld in seine Rollen und Beziehungen ein. Das Resultat jedes In ternalisierungsprozesses wird als Habitus eines Individuums verstanden. Externe Strukturen werden im Akteur internalisiert und als Habitus des Akteurs sichtbar. Zugleich wirkt der so sozialisierte Akteur durch seine Handlungen auf das System zurück. Interpretation der Sturktur und (Re-)Konstruktion derselben durch Hand lung gehen somit Hand in Hand. Ein ähnliches Verständnis des Verhältnisses von Akteur und Struktur findet sich auch bei Peter Berger und Thomas Luckmann (1967, insbesondere 129-184): Die Gesellschaft formt die Individuen, die ihrerseits wieder die Gesellschaft formen und so weiter. Dabei ist das Entscheidende die Dia lektik von ideellen und materiellen Prozessen, die im Zusammenspiel symbolische Sinnwelten ergeben und verändern. Im Kontext der Internationalen Beziehungen lassen sich derartige Überlegungen ebenfalls finden. So erweiterte Dessler (1989: 442; 464 f.) das Positional M odel v o n Waltz hin zum TransformationalModel. Die zwei Kernaussagen seines Modells lauten dabei: Erstens ermöglicht beziehungsweise beschränkt die Struktur das Handeln der Akteure. Zweitens wird die Struktur zugleich sowohl als das Medium als auch das Ergebnis des Handelns von Akteuren betrachtet (Dessler 1989: 452). Mit der Idee der Handlungsvermittlung durch die Struktur treten zu den capabilities, die bei Waltz ausschlaggebend sind, noch die rules, die Regeln, hinzu. Hinter letzteren ver birgt sich die mediale Funktion der Struktur, welche den Akteuren erst die Nutzung ihrer Kapazitäten ermöglicht, da diese durch sie erst als zielgerichtetes politisches Verhalten erkennbar wird (Dessler 1989: 454). Struktur als Vermittler staatlichen Handelns erschafft somit neue Verhaltensformen, indem einem spezifischen Ver halten in einem bestimmten Kontext über Definitionen spezifische Bedeutungszu schreibungen zugeordnet werden, sodass gilt: X bedeutet Y im Kontext Z. Sich nicht an diese Regeln zu halten kann daher spezifische Wahrnehmungen und Inter pretationen durch den Anderen im Sinne von Fehlwahrnehmungen und Fehlinter pretationen mit sich bringen. Noch deutlicher tritt dieser Aspekt im morphogenetischen Denken von Margaret Archer zutage bei dem davon ausgegangen wird, dass 118 das unablässige Handeln der Akteure das System permanent fortsetzt und weiter entwickelt, wobei jedoch das voluntaristische Moment nicht überbetont, sondern vielmehr die eigenständige Wirkweise der Struktur unterstrichen wird (Archer 1982: 458; Archer 1995: 89 ff.; vgl. hierzu auch Bieler/Morton 2001: 8) Die Bedeutung sowohl von Struktur als auch Akteur lässt sich auch in Alexander Wendts Theorie der Strukturierung finden, wobei er sich gleichermaßen auf Argu mente von Anthony Giddens als auch von Roy Bhaskar stützt. So argumentiert Wendt (1987: 359) zwar im Sinne von Giddens, dass die Tiefenstruktur des interna tionalen Systems lediglich als Resultat staatlicher Wahrnehmung und Praktiken be stehe, zugleich aber betrachtet er, ähnlich wie Bhaskar (1979, 1986), Struktur als real wirkende Beziehungsmuster. Hierbei bleibt bei Wendt allerdings die Frage nach dem genauen Wirkzusammenhang im Verhältnis von Wahrnehmung und gleichsam realer Existenz der Struktur letztlich ungelöst. W oraufW endt (1987: 364) jedoch eindringlich verweist, ist der soziale Charakter von Struktur und die damit verbundene prinzipielle Wandelbarkeit der Struktur bis hin zur Weltstaatlichkeit. In diesem Zusammenhang spielen Identitäten nunmehr eine ausschlaggebende Rolle (Wendt 1992, 1994, 2004 [1999]). Dem sozialen Charakter von Struktur entspre chend werden hierbei Identitäten — wie übrigens auch Interessen — nicht exogen, sondern als intersubjektiv konstituiert verstanden (vgl. kritisch Archer 1995: 137 49; Doty 1997: 370; Wight 1999: 117; Bieler und Morton 2001: 11). Hieraus leite Wendt einen der zentralen Leitsätze seiner Weltanschauung ab: Anarchie ist ledig lich das, was die Staaten als Akteure daraus machen („Anarchy is what states make of it“). Die potenzielle Veränderbarkeit der internationalen Struktur beginnt somit im Akteur selbst, wobei Wendt sich dezidiert im Sinne der Existenz einer grund sätzlichen Handlungsfreiheit des Akteurs äußert. Akteurshandeln wird hierbei, in Anlehnung an den symbolischen Interaktionismus, verstanden als Prozess des Aussendens von Signalen, des Interpretierens und des darauf Reagierens. Sowohl die Identitäten als auch die Interessen der einzelnen Akteure entstehen durch diese Be ziehung beziehungsweise werden durch sie verändert. (Wendt 1992: 381; 2005: 592; vgl. ferner Dessler 1989: 452; Carlsnaes 1992: 260). Sowohl aufbauend auf, aber durchaus auch in Abgrenzung von Wendt, entwickelte zunächst Doty und später Suganami Wendts Überlegungen weiter. Doty etwa konnte herausarbeiten, dass Strukturen auch wenn sie eng mit der Wahrnehmung des Akteurs verbunden sind, als ontologisch stark zu bewerten sind und somit eigendynamisch wirken können (Doty 1997). Suganami (1999) indessen betont die besondere Bedeutung von Nar rativen, wenn es um das Verstehen der Wechselwirkung von Akteur und Struktur geht. Die Bedeutung des historischen Narrativs findet sich auch in der neogramscianischen Weiterentwicklung der Agent-Structure-Debatte wieder. Hierbei geht es darum, in Anlehnung an Gramscis Konzept d e s precis o f tbe p a s t (1971: 34 f.; vgl. ferner 108 f., 201) historischen Strukturen aufzudecken, welche spezifische Zeitalter charakterisieren. Konkret bedeutet das, auf analytischem Wege Verbin dungen zwischen der materiellen Welt und dem mentalen Rahmen, durch diese wahrgenommen wird, herzustellen (Cox 1985, 1995, 1996; Bieler/Morton 2001: 119 18). Insgesamt zeigt sich also, dass Akteur und Struktur nicht als strikter Dualismus verstanden werden können. Ein Teil der Erklärung für zwischenstaatliches Han deln kann somit auf die materiellen Bedingungen der Struktur zurückgeführt wer den, jedoch nur insoweit diese von Akteuren reproduziert beziehungsweise auch transformiert werden. Für den Ansatz des Interpretativen Realismus ist diese Er kenntnis insofern relevant, wie in unterschiedlichen Kontexten entstandene Regeln und insbesondere Konventionen zu Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen führen können. Die etwa von Cox aufgezeigte Möglichkeit eines institutionellen und damit zusammenhängend strukturellen Wandels einerseits wie auch eines men talen Wandels andererseits zeigt auf, wie sowohl struktur- und konstellationsspezi fische Wandlungsprozesse als auch Veränderungen auf Akteur-Seite abgebildet werden können. DasAnarchie-Hierarchie-Problem “To understand worldpolitics one must recogniqe the importance o f em eg in g hierarchies-with nation-states as their constituentelem ents” (Katja. Weber) Tnterpretive approaches often begin from the insight that to understand actions, practices and institutions, we need tograsp the meanings, the beliefs, thepreferences, o fth ep eop le involved” (R>evir/Rodes) (134) ‘Theories o f interpretation are critical to understanding importantquestions in contemporary international relations f . . ] (They] should emerge to take their rightful p la ce in studying international relations, an area where values, norms, constructedmeanings, sharedcontext, and traditionplay importantroles." (Rogers 1996: 3) ‘P olitical Science w ill benefit from an interdisciplinary approach, a weaving o f hermeneutics and international relationswhich look sath erm eneu ticph ilosophyforpossib le theories. ” (Rogers 1996: 4) Wie die Auseinandersetzung sowohl mit der bestehenden Theorielandschaft im Allgemeinen als auch mit zwei der drei Basisprobleme der Internationalen Bezie hungen im Speziellen gezeigt hat, ist es nicht zielführend, den Fokus nur auf eine Analyseebene beziehungsweise nur auf Akteur oder Struktur zu beschränken. So ist es einerseits ist es das Zusammenspiel von Akteur und Struktur und somit eine wechselseitige Konstitution, welches das internationale System charakterisiert, zum anderen ist der Staat nicht als alleiniger Akteur der Internationalen Beziehungen zu verstehen, wenngleich dessen Handlungen nach außen auf diese Weise systemische Wirkung entfalten und empirisch erkennbar werden. Vielmehr gilt es in einem Modell, das die Logik internationaler Beziehungen mit dem Zustandekommen konkreter zwischenstaatlicher Entscheidungen in Verbin dung setzen will, die innere Konstitution des Akteurs Staat hinsichtlich seiner inne ren Verfasstheit wie auch der seiner ihn konstituierenden Sub-Akteure (staatliche und individuelle Analyseebene) zu berücksichtigen, wie dies mit jeweils unter schiedlichen Fokuspunkten in den Ansätzen des Liberalismus und der Außenpoli tikanalyse geschieht. Allerdings wird bei diesen Ansätzen die wechselseitige Konsti 120 tution von Akteur und Struktur nicht explizit berücksichtigt. Allerdings sollte diese nicht ausgeblendet werden, beinhaltet sie doch in diesem Zusammenhang die Wahrnehmung von real existierender Struktur seitens der Akteure auf den unter schiedlichen Analyseebenen. Zugleich hat sich bei der Auseinandersetzung mit den Argumenten zum Agent-Structure-Problem in den Internationalen Beziehungen gezeigt, dass die Sozialisation der Akteure bei der Interaktion mit der Struktur von wesentlicher Relevanz ist. Diese beeinflusst die Interpretation der Struktur indem sie ihr eine spezifische Bedeutung zuschreibt. Diese Bedeutungszuschreibung und das hierdurch bewirkte Verhalten verändert aber zugleich die Struktur, was von dritter Seite auf spezifische Weise perzipiert und interpretiert wird. Hierdurch er langt die Struktur aber zugleich auch eine eigenständige Bedeutung. Hieraus lässt sich ableiten, dass es grundsätzlich verschiedene Ausprägungen von Struktur geben kann, die jenseits einer fixierten absoluten Anarchie existieren. Diese Einsicht stellt einen wesentlichen Einschnitt in das orthodoxe Denken in den Internationalen Beziehungen dar, wo der definierende Charakter der Struktur des internationalen Systems regelmäßig als anarchisch beschrieben wird. Eine große Schwierigkeit in diesem Kontext ist, dass die wichtigsten Paradigmen Wesen und Zustandekommen von Hierarchien nicht hinreichend erklären können (Weber 1997: 321). Aufgrund der Bedeutung, welche die Strukturausprägung des internati onalen Systems für zwischenstaatliche Entscheidungen jedoch offenbar aufweist, ist es unbedingt erforderlich, nach Antworten auf das Anarchie-Hierarchie-Problem zu suchen. Dieses dritte Basisproblem der internationalen Beziehungen betrifft die Struktur des internationalen Systems. Dabei geht es aber letztlich auch darum, in welchem Verhältnis die Akteure zueinanderstehen. Unterstellt man, dass das Sys tem aus mehr als einem Akteur besteht, existieren zunächst einmal grundsätzlich zwei Arten der Struktur, nämlich anarchisch und hierarchisch. Während in einem idealtypischen hierarchischen System die Einordnung der Akteure, d.h. Über- bzw. Unterordnung der verschiedenen Akteure in ihrem Verhältnis zueinander, eindeutig festgelegt ist, wird eine anarchische Struktur idealtypisch durch die Gleichordnung der Akteure ohne eine zentrale übergeordnete Autorität bestimmt. Die Struktur eines Systems hat somit wesentliche Auswirkungen auf die Art und Weise des Ko operationsverhaltens der Akteure. Während im idealtypischen hierarchischen Sys tem die Kooperation der Akteure zentral geregelt wird, besteht diese Option im idealtypischen anarchischen System zunächst einmal nicht. Nichtsdestoweniger kommt es auch unter anarchischen Strukturbedingungen zur Kooperation der Ak teure. Diese weist jedoch unterschiedliche Qualität auf, was die Art und Weise der zwischenstaatlichen Entscheidungen beeinflussen kann. Ein wesentlicher konzeptueller Schritt, der vor diesem Hintergrund erfolgen muss, ist eine Überwindung der Anarchie-Hierarchie-Dichotomie und die Ausdifferenzie rung von Anarchie und Hierarchie in einer Weise, sodass letztlich ein Kontinuum zwischen diesen Polen aufgezeigt wird, das hinsichtlich spezifischer Effekte auf zwischenstaatliche Entscheidungen zwischenstaatlichen eindeutig definierte Berei 121 che aufweist. Dabei stößt man auf das Problem, dass zwar zur Systembedingung der (reinen) Anarchie zahlreiche Erkenntnisse insbesondere aus dem Bereich der strukturrealistischen Denkschule vorliegen, der Themenbereich der Hierarchie in den internationalen Beziehungen indessen nur wenig erforscht ist. Zudem stehen die wenigen Ansätze, die sich mit dieser Fragestellung befassen unverbunden ne beneinander. Das gilt ebenso für die Idee einer Weltgesellschaft, wie er sich bei der Englischen Schule findet, als auch für die Arbeiten von Lake, Weber oder Deutsch, die im Laufe der letzten Jahrzehnte auf sehr unterschiedliche Weise versucht haben, Hierarchie im internationalen System konzeptuell zu fassen. Betrachtet man die bestehenden Ansätze näher, so zeigt sich, dass diese jeweils nur Teilbereiche oder Teilaspekte eines möglichen Gesamtspektrums erfassen, das konzeptuell zwischen den Polen von Anarchie und Hierarchie liegt. Bei Lake (1996) etwa wird zwar seinem Verständnis nach das Gesamtkontinuum erfasst, je doch ist sein Modell stark an imperialismustheoretischen Vorstellungen und der empirisch erkennbaren Beschränkung der tatsächlichen Ausübbarkeit nationaler Souveränitätsrechte orientiert (Abbildung 4). Somit ergibt sich ein Anarchie Hierarchie-Kontinuum, das sich stufenweise von Allianzbeziehungen im Kontext stark ausgeprägter systemischer Anarchie über das Protektorat und das informelle Imperium hin zum formellen Imperium als Ausdruck der hierarchischen System bedingung führt. A narchie 4 --------- Inform elles Im perium H ierarchie ► Im perium Abbildung 4: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach David Lake (1996: 7) Während im Rahmen einer Allianz alle nationalen Souveränitätsrechte voll erhalten und tatsächlich ausgeübt werden können, werden diese im Kontext eines formellen Imperiums diese ganz oder zumindest weitestgehend von der Imperialmacht über nommen. Auf diese Weise entsteht im Denken Lakes die stärkste Ausprägung von Hierarchie im internationalen System. Ähnlich stark hierarchisiert wird das interna tionale System auch im Kontext informeller Imperienbildung, wo die Souveränität des betroffenen Staates letztlich nur noch nominell besteht, die faktische Macht jedoch bei der durchdringenden Imperialmacht liegt. Eine abgeschwächte Form der Kontrolle zentraler Funktionen und Souveränitätsrechte eines Staates durch einen 122 anderen liegt für Lake im Protektorat vor, was im Verhältnis dieser Staaten das strukturelle Verhältnis von rein anarchisch zu bedingt hierarchisch wandelt. So wichtig und interessant das Konzept Lakes ist, so sehr bleiben doch Fragen of fen. Ist es lediglich die ganze oder teilweise Kontrolle der Souveränitätsrechte eines Staates durch einen anderen, welche die Systembedingung der Anarchie zu über winden geeignet ist, oder gibt es andere Formen der Beschränkung, möglicherweise der wechselseitig vereinbarten Selbstbeschränkung, welche die Systembedingung der reinen Anarchie beschränkt? Und stellt eine Allianz nicht unter Umständen mehr dar als einen temporären losen Zusammenschluss zur Erreichen eines spezifi schen Zweckes? Bei Lake wird etwa auch die NATO im Innenverhältnis als rein anarchisch beschrieben. Doch wird das den Handlungslogiken innerhalb des Bündnisses gerecht? Ist das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA prinzipiell tatsächlich so zu bewerten wie das Verhältnis zwischen Großbritannien und Nordkorea? Als ein zu Lake alternativer Ansatz postulierte Weber (1997) ein Kontinuum, das sich von Allianz bis hin zu Konföderation erstreckt und als Zwi schenstufen informelle Sicherheitsarrangements wie Ententen und Nichtangriffs pakte, formale Allianzen und Konföderationen mit niedrigem bis hohem Zentrali sierungsgrad aufweist. Dabei lässt sich das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum sowohl hinsichtlich militäri scher als auch ökonomischer Aspekte konstatieren, wobei in erstgenannter Hin sicht die bereits erwähnten Formen von informellen Sicherheitsarrangements bis hin zur hochzentralisierten Konföderation zu nennen sind, während in letztgenann ter Hinsicht Freihandelszonen und Zollunionen Ausdruck von Hierarchie in den internationalen Beziehungen ist. Problematisch am Ansatz Katja Webers ist, dass nur letztlich nur abstrakt darauf verweist, dass derartige Arrangements irgendwo zwischen den beiden Extrempolen zu finden sind, ohne dabei die jeweilige Zwi schenstufe genau zu operationalisieren und ohne dabei klar zu definieren, wie die militärischen und die ökonomischen Elemente von Hierarchie zusammenwirken (müssen), um eine spezifische Wirkung zu erzielen. Es wird nicht einmal klar, wie genau das Neben- oder Miteinander von militärischer beziehungsweise ökonomi scher Hierarchie im Weltsystem genau aussehen soll. Als einziges wichtiges, alle Zwischenstufen verbindendes Kriterium ist die Beibehaltung der nationalen Souve ränität. Das gilt selbst für das äußerste Ende des Kontinuums auf Hierarchieseite. In Webers Verständnis der Anarchie-Hierarchie-Beziehungen (Abbildung 5) geht es letztlich um die Frage, wie lose oder eng die souveränen Nationalstaaten einan der verbunden sind, wobei sie, wie gesagt, keine eindeutige Operationalisierung einzelner Stufen oder Formen vornimmt. 123 A narchie ■*-------- H ierarchie ► Abbildung 5: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach Katja Weber (1997: 322) Vielmehr versucht sie das Kontinuum durch die Frage nach dem Grad der Bindung zwischen den jeweiligen Staaten zu bestimmen, wobei sie davon ausgeht, dass die Bindung dann umso höher ist, je größer die äußere Bedrohung und je höher die Transaktionskosten für die Aufrechterhaltung der eigenen nationalen Sicherheit sind (Weber 1997: 324 ff.). Als äußere Bedrohung werden die Capabilities anderer Staaten sowie deren geographische Nähe verstanden. Es sind somit materiell positive Aspekte, welche relevant sind. Aspekte wie Sprache und Kultur sind im Konzept Webers nur insoweit relevant, als sie innerhalb potenzieller Allianzen die Transaktionskosten erhöhen, weil sie etwa zu Verständigungsschwierigkeiten füh ren und somit eines höheren Grades an Formalisierung zur Koordination bedürfen (Weber 1997: 334). Was indessen völlig fehlt, ist die Frage von Wahrnehmung und Interpretation der Strukturen. Führt man sich vor Augen, was weiter oben im Kon text der Auseinandersetzung mit dem Agent-Structure-Problem diskutiert wurde, ist dieser Umstand fatal. Somit ist es entscheidend für einen weiterführenden Theo riezugang, nicht nur strukturalistische, sondern ebenso interpretive Argumente zu prüfen und der Logik des modellorientierten analytischen Eklektizismus folgend geeignete Argumente aufzugreifen und für die Analyse nutzbar zu machen. Wirft man dabei einen Blick auf das Angebot jüngeren strukturalistischen Denkens im Allgemeinen, so zeigt sich, dass diese Richtung verstanden als makroanalytische Großtheorie vergleichsweise breit aufgestellt ist (Katznelson 1997): So lässt sich Barrington Moores (1966) Standardwerk über die sozialen Ursprünge von Diktatur und Demokratie ebenso unter dem Dach des Strukturalismus finden wie Theda Skocpols (1979) grundlegende Revolutionsstudie. Im Laufe seiner Entwicklung namentlich in den 1970er Jahren rückte der komparative Strukturalismus immer mehr den Staat ins Zentrum seiner Analysen, was in den 1980er Jahren zu einer Staatstheorie führte, die den früheren gesellschafts- und interessengruppenzentrier ten Ansätzen entgegenlief. Dieser Entwicklung lag vor allem die Erkenntnis zu grunde, dass politische Prozesse vorrangig von den Präferenzen der jeweiligen staatlichen Bürokratien und Verwaltungen geleitet seien (vgl. etwa Skocpol/Finegold 1982). Dieser Umstand führte zu Forderungen, die spezifischen organisations-kulturellen Einflüsse auf politisches Entscheiden in der Analyse poli tischen Verhaltens zu berücksichtigen (vgl. hierzu etwa Meyer/Rowan 1977; 124 March/Olsen 1984). Obgleich sich diese Entwicklung nur auf die innerstaatliche Ebene bezog, können ausgewählte Aspekte dieser grundsätzlichen Erkenntnisse durchaus auf den zwischenstaatlichen Bereich übertragen werden. Gleichzeitig lässt sich das Wissen um die Wirkungsweisen innerstaatlicher Strukturen ebenfalls nutz bar machen, wenn es um die Berücksichtigung der Akteur-Seite geht beziehungs weise mit anderen Worten die Blackbox Staat geöffnet wird. Das gilt letztlich für alle relevanten strukturalistischen Denkschulen wie dem Ko-Konstitutionalismus, dem Konfigurationismus und der Lehre der Opportunitätsstruktur. Betrachten wir somit kurz auch deren Eignung für den Interpretativen Realismus. Die zentrale Aussage des Ko-Konstitutionalismus besteht darin, dass institutionelle Strukturen des Staates bestehende Akteure beeinflussen. In der konsequenten Wei terführung dieser Linie gelangt der Ko-Konstitutionalismus zum Argument, dass Institutionen Akteure schaffen können. Diese Akteure gelten dann als kokonstituiert. Obgleich der Ko-Konstitutionalismus nur wenig Verbreitung gefun den hat (vgl. Haggard 1988; Skocpol (1992); Weir/Skocpol 1985), ist der Ansatz durchaus von Relevanz für die im Kontext der in der vorliegenden Arbeit unter nommenen Bestrebungen der Modellbildung, da er verdeutlicht, dass aufgrund spezifischer innerstaatlicher Strukturen Akteure entstehen können, die dann als Einflussfaktoren auf die zwischenstaatliche Entscheidungsbildung ihre Wirkung zu entfalten in der Lage sind. Berücksichtigt man zudem weitere Entwicklung den Konfigurationismus, der sich ebenfalls mit Aspekten der Ko-Konstitution und der Agency-Structure-Problematik auseinandersetzt und in hohem Maße vom soziolo gischen Relationismus beeinflusst wird (Somers 1992, 1998), zeigt sich, dass auch kulturspezifische und historische Aspekte als Variablen in strukturorientierten eine Rolle spielen können und sollten. Dies zeigt sich etwa in den Arbeiten der bereits erwähnten Theda Skocpol: „Skocpol provides a wonderfully elaborate representation o f agent-structure-dynamics, plus interpretivist concerns with cultural elements such as policy cultures, worldviews and identities which are used to flesh out context and illuminate reasons for action” (Green 2002: 20). Den hieraus resultierenden Vorteil, der auch für den Ansatz des Interpretativen Realismus von erheblicher Bedeutung ist, wird von Somers (1994) auf den Punkt gebracht, welcher der konfigurationistischen Methode zu Recht bescheinigt, sie könne die ontologischen Narrative und Beziehungen zwischen den Akteuren, die kulturelle Narrative, welche diese beeinflussen, und die Interaktion zwischen eben diesen Narrativen über Zeit und Raum hinweg rekonstruieren. Dies gilt umso mehr, wenn zuletzt noch das Konzept der Opportunitätsstrukturen berücksichtigt wird. Hierbei handelt es sich um Strukturen, in deren Kontext die Gelegenheit spe zifischen politischen Handelns ausgemacht werden kann (Krieger 1999; Tarrow 1994). Obgleich dieser Ansatz nicht primär für den Einsatz im Kontext der Au ßenpolitikanalyse entwickelt wurde, sondern soziologischen Ursprungs ist, lässt er sich doch auch hierfür nutzbar machen. Dies gilt insbesondere, weil er in der Lage ist, die relevanten historischen Aspekte mit in die Analyse einzubeziehen, die so 125 entscheidend sind, Variationen im konkreten außenpolitischen handeln von Staaten zu beschreiben, die trotz konstanter Systemstruktur auftreten. Diese Argumente werden im Kontext der Historischen Soziologie der Internationa len Beziehungen — basierend auf ersten Überlegungen einer theoretischen Annähe rung von Soziologie und Internationalen Beziehungen bereits in den 1970er Jahren (etwa Wallerstein 1974; Tilly 1975; Bendix 1978; Poggi 1978; Skocpol 1979) — noch erweitert und konkretisiert. Diese Entwicklung wirkte sowohl auf die Soziologie (Giddens 1985; Mann 1986, 1995; Tilly 1990; Goldstone 1991) als auch insbeson dere die Internationalen Beziehungen (Ruggie 1983; Cox 1986; Halliday 1987, 1994, 1999; Jarvis 1989; Unklarer 1990, 1998; Scholte 1993; Buzan/Jones/Little 1993; Thomson 1994; Spruyt 1994; Rosenberg 1994; Ferguson/Mansbach 1996; Frank/Gills 1996; Hobson 1997, 1998; Hobden 1998, 1999a, 1999b; Reus-Smit 1999; Hall, M. 1999; Hall, R. 1999; vgl. hierzu auch Hobson 2002b: 3) zurück. Zwar sind die Theorieansätze der Historischen Soziologie der Internationalen Be ziehungen nie Teil des wissenschaftlichen Mainstreams geworden, dennoch weist die Historische Soziologie der Internationalen Beziehungen einige Argumente auf, die aufgegriffen und weiterverfolgt werden sollten. Das gilt vor allem für die Über windung zweier spezifischer Formen von Ahistorizität, nämlich „Tempozentris mus“ und „Chronofetischismus“, welche charakteristisch für alle Großparadigmen in den Internationalen Beziehungen sind (Hobson 2002b: 5-15). Während Chron ofetischismus die problematische Annahme bezeichnet, die Gegenwart stelle ein autonomes und in der vorliegenden Form gleichsam naturgegebenes System dar, das in der vorliegenden Form unveränderlich ist, wird unter Tempozentrismus die ebenfalls problematische Annahme verstanden, dass alle internationalen System isomorph seien, sich also über Zeit und Raum glichen (Ibid. 12). Was an dieser Stelle anklingt ist die Erkenntnis, dass der Analysefähigkeiten der genannten bestehenden Ansätze zum Trotz rein strukturorientierte Ansätze nicht ausreichen, um das Verhältnis von Anarchie und Hierarchie im Kontext der Agent- Structure-Debatte so zu fassen, dass es mit Blick auf die Analyse zwischenstaatli chen Handelns nutzbar gemacht werden kann. Vielmehr bedarf es der Ergänzung der Strukturseite um die Analyse der Rolle des Akteurs, genauer gesagt seiner Wahrnehmung und Interpretation der Struktur. Auf diesen Umstand hat nicht zu letzt auch die Historischen Soziologie der Internationalen Beziehungen wiederholt hingewiesen und die Notwendigkeit der Berücksichtigung funktional differenzierter Akteure, die in bewusster Abgrenzung von den Konzepten des Strukturrealismus als „unlike units“ (Hobson 2002b: 16) bezeichnet wurden, deutlich gemacht (vgl. neben Hobson 2002b: 16 ferner Ruggie 1983; Mann 1986; Tilly 1990; Buzan/Jones/Little 1993; Spruyt 1994). Insbesondere aber wurde auf das soziolo gische Argument der Sozialisierung hingewiesen: Gemäß der hierauf fußenden These könne das Interesse eines Staates von der Identität des Akteurs abgeleitet werden, welche wiederum in Zusammenhang mit einem Prozess normativer Sozia lisation steht (Hobson 2002b: 24). 126 Genau hieran lassen sich die Überlegungen des Interpretivismus anknüpfen, der in den vergangenen Jahren vorsichtig Einzug in die Theorielandschaft der Internatio nalen Beziehungen gehalten hat (Green 2002: 5). Hierbei handelt es sich im weites ten Sinne um postmoderne, kulturalistische und konstruktivistische Ansätze, die zunächst einmal vereint, dass sie die Methode des Rationalismus und die (neo-) po sitivistische Epistemologie in Frage stellen. Mit anderen Worten wird von den an gesprochenen Theorieansätzen eine alternative Herangehensweise hinsichtlich der Analysegegenstände und der Art und Weise, sich diesen zu nähren, verfolgt. Hier bei wird die traditionelle Kritik an der positivistischen Idee der Existenz einer ob jektiven Welt erneuert; ein solcher Ansatz mag, so die Sichtweise, vielleicht noch im Bereich der Naturwissenschaften ergiebig sein, für den Bereich der Sozialwissen schaften indes sei er nicht sinnvoll. Stattdessen betont der Interpretivismus die Zentralität von Kognition, Perzeption und Interpretation, wenn es darum geht, Handlungen zu erklären (vgl. etwa DiMaggio/Powell 1991: 11-27; Gibbons 1987; Giddens/Turner 1987; Hall 1993; Rosenau 1992: insbesondere Kapitel 1; Berger/Luckmann 1967). Vor diesem Hintergrund erweist sich der Interpretivismus als besonders gut geeignet, Antworten auf grundlegende sozialwissenschaftliche Fra gen zu geben, allen voran die Frage nach dem Ursprung von Ursachen, Präferen zen und Interessen, die konkretes Handeln beeinflussen. Daher sind Konzepte in der Tradition des Interpretivismus prädestiniert, etwa das nationale Interesse, das gemeinhin als handlungsleitend unterstellt wird, jedoch, wie oben erwähnt, regel mäßig unoperationalisiert bleibt, in seiner Entstehung näher zu bestimmen: „Actors have identities, worldviews and cognitive frames, informed by culture, that shape perceptions and interests” (Green 2002: 6). An dieser Stelle wird erkennbar, dass der Interpretivismus zudem als in besonderem Maße geeignet erscheint, zur Erklä rung der Entstehung konkreten, empirisch erkennbaren zwischenstaatlichen Han delns beizutragen. Allerdings ist dabei anzumerken, dass eine unkritische und direk te Übernahme interpretativer Ansätzen in den auf der prinzipiellen Anerkennung positiv-materieller Struktur basierenden Interpretativen Realismus hinein nicht un ternommen werden kann und soll. Zu Recht verweist etwa Daniel Green darauf, dass der Interpretivismus in gezielter Abgrenzung zu exogenen Erklärungsansätzen außenpolitischer Entscheidungsfindung steht. Er hält den Interpretivismus daher für „problematic for many political scientists, who typically hold preferences to be exogenous, fixed and probably material, as in most materialist (political economy, Marxist approaches) and utilitarian (rational choice) accounts o f action: Actors always seek material wealth; actors always seek political power. After interpretivism, many argue that rationalism is trumped by the need to first determine preferences and goals, which are contextual and socially constructed” (Green 2002: 6; vgl. ferner Grendstad/Selle 1995; Wildavsky 1987, 1994). Allerdings darf keineswegs der Fehler begangen werden, dass die Einbeziehung interpretiver Elemente automatisch jegliche exogene Ursache ausschließt. Wie un ter Bezug auf Waltz oben dargelegt werden konnte, spielt der Einfluss der Systemstuktur ja durchaus eine entscheidende Rolle auf die außenpolitische Entscheidung 127 der Akteure, wobei die Sichtweise Singers auf das Phänomenologieproblem in ho hem Maße zur Sinnstiftung beitragen kann. Der Akteur nimmt die objektiv existie rende Systemstruktur der Anarchie ebenso wahr wie der Mensch die Fallhöhe aus der 10. Etage — und handelt entsprechend gemäß rationaler Erwägungen. Perzepti on und rational choice sind somit im hier entwickelten Modell nur die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Um diese Aussage näher zu begründen, kommt man nicht umhin, auf einige grundsätzlichere Erkenntnisse hermeneutischen Denkens und ihrer Implikationen für die Analyse zwischenstaatlichen Handelns zu verwei sen. Mit anderen Worten: Um die prinzipielle Logik des interpretativen Argumen tes zu verstehen, ist es nötig, kurz auch auf Wesen und Prinzipen der Hermeneutik im Allgemeinen einzugehen. Dieser Zugang kann dabei gar nicht überschätzt wer den, da letztlich jedes menschliche Handeln eine spezifische Bedeutung aufweist und somit in den Kontext sozialer Praktiken gesetzt interpretiert werden muss. Mit anderen Worten kann Handeln nie wirklich verstanden werden, wenn nicht die re levanten Bedeutungen erfasst werden, in deren Rahmen es kontextualisiert ist (vgl. Bevir/Rhodes 2002: insbes. S. 131 und 151; Usher 1996: 18). Dabei ist der Interpretivismus für die Politikwissenschaft und letztlich auch die Lehre der Internationalen Beziehungen an sich ein natürlicher Verbündeter, allein schon, weil die Ursprünge des Faches in Disziplinen wie Philosophie, Geschichte und Recht liegen, wo Hermeneutik und Interpretation eine zentrale Rolle spielen, etwa um Motive, Überzeugungen oder Ideale aus spezifischen Äußerungen oder Handlungen herauszulesen. Als Sinnbild für die Bedeutung hermeneutischinterpretativer Ansätze mag prototypisch Platos Höhlengleichnis genannt werden, bei dem deutlich wird, dass Realitätskonzepte letztlich immer soziale Konstruktio nen sind, die auf der bewertenden Interpretation menschlicher Wahrnehmung be ruhen (vgl. hierzu auch O’Donoghue 2007: 23). Noch deutlicher wird dieser Aspekt im Denken Schleiermachers, der den Prozess der Interpretation von Realität als empathisches Verstehen der umgebenden Wirklichkeit deutet, wobei das Verstehen dadurch entsteht, dass die wahrgenommenen Aspekte der äußeren Wirklichkeit im Rahmen der Interpretation zum Gegenstand der inneren, mit den dort schon vor liegenden Konzepten kohärenten Realität wird. Der interpretierende Abgleich der äußeren mit der inneren Realität führt somit zur sinnstiftenden Konstruktion. Im nachfolgenden Kapitel, in welchem die Operationalisierung des Akteurs vorge nommen wird, kann gezeigt werden, dass diese philosophisch-phänomenologische Erkenntnis durch Ergebnisse der modernen Psychologie gestützt wird. Wie sehr sich bestehendes inneres Weltverständnis und Interpretation der äußeren Welt be ziehungsweise deren innere (Re-)Konstruktion gegenseitig bedingen, wird auch in Heideggers Denken deutlich, wo als Interpretieren verstandenes Verstehen die grundlegende Form der Erkenntnis des eigenen Daseins beziehungsweise des In- Der-Welt-Seins ist. Interpretation wird somit zur conditio humana, die letztlich das eigene Sein bestimmt. 128 Noch deutlicher wird die Idee des aktiven Konstruierens der Realität bei Edmund Husserl und darauf basierend bei Alfred Schultz sowie zudem bei Ansätzen, die insbesondere in den 1970er Jahren Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs fan den (wie etwa Atkinson 1988, Coser 1975, Douglas 1970, Gouldner 1970, Mehan/Wood 1976; vgl. hierzu ferner Holstein/Gubrium 1994). Vor allem aber lässt sich bei William Connolly (1987) erkennen, dass nur eine gleichzeitige Inter pretation von Akteur und Struktur überhaupt zu aussagekräftigen Ergebnissen füh ren kann, womit er über das, was er als ausschließlich auf dem Versuch einer Re konstruktion der absoluten und festen Selbstinterpretation des Akteurs beruhende reine Interpretation kritisiert, hinausgeht, mit welcher sich nicht die möglichen In konsistenzen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit erklären ließen. Vielmehr müssten die Einflüsse der Wahrnehmung auf das Selbst-Verständnis des Akteurs berücksichtigt werden, da ebendiese Selbstinterpretation des Akteurs veränderlich sei und somit hierdurch beeinflusst werde. Auch an dieser Stelle wird somit die intrinsische Verbindung der jeweiligen Ausprägung von Akteur und Struktur deut lich, welche es erfordert synchron beide Größen sowohl in ihrer jeweiligen Be schaffenheit als auch in ihrer Interaktion zu analysieren, um Entscheidungen und darauf basierende Handlungen verstehen zu können, was die grundsätzliche Aus richtung der hier vorgenommenen Modellbildung abermals unterstützt. Zieht man zudem noch das Argument Diltheys in Betracht, der basierend auf Kants Annah me, der zufolge a-priori-Konzepte auf Erfahrung beruhen, die Bedeutung speziell historischer Erfahrung von Ort und Zeit für die Interpretation und Konstruktion von Realität betont, dann zeigt sich die ebenfalls im Modell aufgegriffene Betonung ebendieses historischen Moments im Konzept der konkreten Systemkonstellation, welches das Konzept der Systemstruktur ergänzt. Hierbei stellt der Aspekt des Kontextes per se keine neue Größe für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens dar. Dies geschieht sogar in rein strukturbasierten Analyseansätzen, wo etwa die Capabilites eines Staates in den Kontext einerseits der anarchischen Systemstruktur und andererseits der Capabilites der anderen Staaten des globalen Systems gesetzt werden. Was jedoch unbedingt ergänzungsbedürftig ist, ist eben die systematische Integration des konkreten historischen Kontextes im weiteren Sinne, also eben nicht nur bezogen auf die Capabilities eines Staates im Sinne von militärischer Macht, sondern eben auch dahingehend, was ,weiche' Faktoren wie Kultur anbe langt. Eine derartige Berücksichtigung erfordert dann aber notwendigerweise die Einbeziehung von Erklärungsansätzen wie der interkulturellen Psychologie, die so ebenfalls noch nicht in einem Gesamtanalysemodell vorhanden ist. Auf diese Weise lassen sich auch die Prämissen des symbolischen Interaktionismus besser nutzbar machen für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens, wo postu liert wird, dass das Selbst-Konzept und eigene Handlungen in engem Zusammen hang damit stehen, wie die erwartete Wahrnehmung und Bewertung von Selbst und Handlung durch Dritte sind, wobei ein gemeinsam gültiges System von Zeichen und Symbolen unterstellt wird, denen jeweils übereinstimmende Bedeutungen zu geordnet sind. Im Rahmen interkultureller Interaktion, wie sie für internationales 129 Handeln fast schon konstitutiv ist, ist diese Prämisse jedoch nicht notwendiger weise gegeben. Dies gilt in umso höherem Maße, wie nicht nur in auswärtigen An gelegenheiten erfahrene Spitzenpolitiker an für zwischenstaatliche Entscheidungen relevanten Prozessen beteiligt sind, sondern auch andere Individuen und Institutio nen, die ihrerseits eigenen Regelwerken und Symboliken folgen. Eine Vielzahl von Missverständnissen kann die Folge sein, was sowohl bei den Akteuren selbst als auch bei den Analysten auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen zu unzu treffenden Interpretationen führen kann, wenn die zugrundeliegenden Zeichensys teme und ihre Bedeutung nicht kontextspezifisch entschlüsselt werden können. Die Bedeutung für die zwischenstaatliche Entscheidungspraxis kann dabei gar nicht überschätzt werden: So hat beispielsweise der Mangel an relevanter kulturspezifi scher Analysefähigkeit während des Kalten Krieges immer wieder dazu geführt, dass die Grundannahmen des eigenen kulturellen Kontextes gleichsam unreflektiert auf die zu analysierende Situation und die darin agierenden Akteure projiziert wur den, was dann etwa auf dem Wege der Politikberatung zu problematischen zwi schenstaatlichen Entscheidungen führen konnte (vgl. etwa McNamara 1995). An dererseits hat sich in der zwischenstaatlichen Praxis gezeigt, dass durch die Involvierung von Diplomatinnen und Diplomaten beziehungsweise Expertinnen und Experten, welche ein tief gründendes Verständnis von Sprache, Kultur und Tradi tionen des signifikanten Anderen mitbringen, regelmäßig problematischen Interpre tationen entgegengewirkt werden konnte. Dieser Aspekt gilt auch und gerade hin sichtlich der Bewertung von Rationalität, die ja gerade positivistischen Theorien der Internationalen Beziehungen regelmäßig als Konzept völliger Rationalität beim Ak teur zugrunde liegt. Winch (1987) etwa verwies darauf, dass wir die Praktiken ande re Kulturen nicht einfach als irrational bewerten könnten, indem man auf die Be wertungskriterien der eigenen Kultur verweist. Dieser Aspekt ist in höchstem Maße von Bedeutung für die Analyse zwischenstaatlichen Entscheidens, sowohl mit Blick auf den Analysten als auch für den außenpolitischen Praktiker. Denn indem von einer universellen Handlungsrationalität ausgegangen wird, sind Fehleinschätzun gen unvermeidlich. Gleiches gilt für die Annahme absoluter Rationalität. Auch die se existiert nicht in der Form, wie von vielen Theorieansätzen in den Internationa len Beziehungen postuliert. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, im hier entwickelten Theoriensatz nicht nur die kulturbedingte Relativität rationalen Han delns zu berücksichtigen und entsprechend analytisch zu fassen beziehungsweise zu operationalisieren, sondern ebenso die anderen Quellen entspringenden Beschrän kungen von Rationalität auszumachen und deren Wirkungsweise darzustellen, um sie zweckdienlich in das hier entwickelte Analysemodell zu integrieren. Beim Entstehen dieser sozialen Konstruktionen spielen explizite wie implizite Wahrnehmungsmechanismen eine Rolle. Um diese zu entschlüsseln ist es erforder lich, die neuesten Erkenntnisse der Psychologie und Neurologie zu berücksichtigen und gewissermaßen eine neurologische Wende auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen mit zu vollziehen und diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund der in den vorangegangenen Anschnitten dargelegten Argumente und Einsichten in Be- 130 ziehung zu den positiv-materiellen Aspekten der jeweils spezifischen Struktur des globalen Systems zu setzen. Die Integration einer interpretativen Komponente in den hier entwickelten Analyserahmen soll somit ermöglich aufzuzeigen bezie hungsweise zu rekonstruieren, wie Individuen die Realität wahrnehmen und deuten, und wie welche Wertvorstellungen und Überzeugungen dabei zum Tragen kom men (Chenitz/Swanson 1986: 4). Dabei wird bewusst Abstand genommen vom Selbstverständnis des Interpretivismus als scharf abgegrenzte Alternative zum Posi tivismus, welches auch die Dichotomie von Erklären und Verstehen aufrechterhält. Ferner werden im Rahmen der Theoriefortbildung die bestehenden Probleme auf gegriffen, welche gleichermaßen dem Verständnis des Interpretivismus als Aus druck der Aufdeckungshermeneutik (hermeneutics o f recovery) als auch als Ausdruck der Verdachtshermeneutik (hermeneutics o f suspicion) innewohnen. Denn während das erstgenannte Modell die konstitutive Rolle von Ideen und Beliefs der Akteure als zentral ansieht und dabei aber keine Erklärung aufweisen kann, wenn tatsächliche Handlungen und augenscheinlich bestehende Glaubenssätze eines Akteurs ausei nanderklaffen, zeigt sich bei Modellen, die auf dem letztgenannten Zugang beruhen das Problem ideologisch begründeter Erklärungsgrößen, wie etwa bei Marx oder Nietzsche, die auf Kapitalismus oder die Genealogie der Moderne rekurrieren (Gibbons 1987b). Hinzukommen intepretivistische Ansätze, welche rein auf nor mativer Ebene angesiedelt sind und die moralische Rolle der Sozialwissenschaften und den damit einhergehenden Auftrag der Beförderung zwischenmenschlicher Solidarität betonen, während ein dem Wesen nach analytisch naturwissenschaftliches Vorgehen abgelehnt wird (vgl. etwa Rorty 1987). Zudem lassen sich weitere Defizite ausmachen, welche einer unmittelbare Übernahme interpretiven Denkens in das hier entwickelte Modell entgegenstehen und für eine analytisch-eklektische Kombination mit weiteren Ansätzen sprechen. Hierbei ist vor allem anzuführen, dass mögliche zentrale kausale Erklärungsfaktoren systema tisch nicht erfasst werden, wie etwa technologische Entwicklungen, aber ebenso die Frage nach nicht-beabsichtigten Konsequenzen von Handlungen ausgeblendet wird, und nicht zuletzt die schon erwähnte Vernachlässigung der Struktur selbst (Fay 1987). Dieser auf diese Weise beschränkte Zugang lässt mehr oder weniger stark ausgeprägt in den bestehenden interpretiven Theorieansätzen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen erkennen (vgl. etwa Rogers 1996). Diese nicht nur analytisch-eklektisch mit strukturalistischen Ansätzen zusammenzuführen, sondern auch um ausgewählte Erkenntnisse der Kultur- und Identitätsforschung zu ergän zen, soll ebenfalls Gegenstand der hier vollzogenen Modellentwicklung sein. So existiert mit der (institutionalistischen) Kulturforschung auf dem Gebiet der ver gleichenden Politikwissenschaft ein eigener spezifischer Forschungsstrang. Hierbei ist zunächst zu konstatieren, dass kulturspezifische Ansätze auf eine keineswegs kurze Tradition zurückblicken können. Bereits Max Weber oder aber Montesquieu griffen auf Kultur als erklärender Faktor für spezifische politische Ergebnisse zu rück. Im jüngsten Neo-Kulturalismus betritt Kultur erneut die Bühne der Wissen schaft, und zwar bewusst als nicht-rationalistische, nicht-materialistische, und nicht 131 funktionale Erklärung. Obwohl die behandelten Analysegegenstände sehr breit an gelegt sind, erscheint hinsichtlich der Brauchbarkeit für den Interpretativen Realis mus vor allem die Literatur zur Themenbereich nationale Kultur als in besonderem Maße geeignet. Durch einen Rückgriff auf das dort vorhandene Denken kann die Wirkung nationaler Kulturen und deren Einfluss auf Identitäten, Perzeptionen etc. analysiert werden. Im Konzept des Interpretativen Realismus wird davon ausge gangen, wie weiter unten noch näher ausgeführt und begründet wird, dass spezifi sche kulturelle Aspekte einen wichtigen Faktor bei der Entstehung des erweiterten nationalen Interesses haben und somit wesentlich zur Entstehung spezifischer stra tegischer Kulturen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik beitragen. An die ser Stelle muss allerdings angemerkt werden, dass nicht so ohne weiteres von Kul tur als Faktor schlechthin gesprochen werden kann. Darüber, was unter dem Be griff Kultur zu verstehen sei, ist seit jeher trefflich gestritten worden, und diese Diskussion soll an dieser Stelle auch nicht vertiefend behandelt werden. Zudem gilt es an dieser Stelle auch die Schwierigkeiten zu thematisieren, die mit dem Ansatz des Kulturalismus verbunden sind. Zunächst einmal sehen sich kulturspezifische Studien mit dem Vorwurf konfrontiert, sehr vage und unbestimmt zu sein. Dies liegt daran, dass es nicht leicht ist, die konkrete kausale Wirkungsweise des Faktors Kultur zu beweisen. Als weiteres Problem kann schon oben erwähnte unklare be ziehungsweise variantenreiche Definition des Kulturbegriffes angeführt werden. Green (2002: 29) stellt daher nicht unberechtigt die Frage nach der Art der einer Analyse zugrunde gelegten Kultur und verweist in diesem Zusammenhang auf die erhebliche Spannweite des Kulturbegriffs: „Which culture is in question, in a given analysis? Culture is used to denote a spectrum from macroscale civilizational cultures to local cultures in a particular town or locality.” Das dritte Problem besteht darin, dass auch innerhalb einer als einheitlich erschei nenden Kultur eine Vielzahl von Variationen auftreten kann. Mit Blick auf die im Rahmen dieser Arbeit angestrebten Analyse bringt Green die diesbezügliche Prob lematik auf den Punkt: „Countries do not have monolithic cultures“ (Green 2002: 29). Dieser Aspekt betrifft auch und gerade die schon erwähnte und für die Inter nationalen Bezehungen wichtige Größe der strategischen Kultur. In diesem Zu sammenhang verweist Farrell allerdings in einem Aufsatz über den Zusammenhang von Kultur und militärischer Macht darauf, dass strategisch-kulturelle Faktoren zwar für spezifische Probleme vor allem auf der Ebene der lowpolitics herangezogen würden, bei der Erklärung von high politics Phänomenen indes fast ausschließlich traditionelle rationale Erklärungsansätze zum Tragen kämen (Farrell 1998). Dieser Hinweis ist auch für die Analyse konkreter Außenpolitiken im interpretativen Rea lismusmodell von Relevanz. Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass dort die An nahme vorliegt, dass auch und gerade h igh -politics-E ntscheidungen von kulturspezifi schen Faktoren beeinflusst werden, wobei freilich Johnston Recht zu geben ist, wenn er darauf hinweist, dass Kultur zwar ein wichtiger Faktor ist, jedoch neben kulturspezifischen Faktoren auch andere Faktoren zu berücksichtigen seien (Johns- 132 ton 1999). Dies gilt allen voran für das Konzept der Identität, das zugleich auch eng mit dem Konzept der Kultur verknüpft ist. Neben struktur- und kulturbezoge nen Ansätzen hat sich dabei auch der Bereich der Identitätsforschung als neues Forschungsgebiet im Bereich der komparativen Außenpolitikanalyse etablieren können. Hierbei sind Anknüpfungsstellen zu den bestehenden Bereichen freilich keineswegs zu übersehen; dies gilt namentlich für das Feld kulturspezifischer An sätze. Eine wesentliche Triebfeder für die Integration von Identitäten in klassische interpretative Ansätze war der Wunsch, Phänomene und Prozesse zu verstehen, von denen angenommen wurde, dass ihnen keine objektiven beziehungsweise ma teriellen Interessen zugrunde lägen. Mit anderen Worten ging es darum, die Idee des rationalen Akteurs, der auf Grundlage materieller Interessen handelt, zurück zuweisen (Green 2002: 31; Eisenstadt/Giesen 1995). Diese Sichtweise jedoch er scheint keineswegs unproblematisch. So wird es in der vorliegenden Arbeit als Feh ler betrachtet, materielle Interessen und ideelle Identitäten prinzipiell trennen zu wollen. Vielmehr wird im Interpretativen Realismus ein inhärenter Zusammenhang zwischen materiellen und ideellen Aspekten angenommen. Nichtsdestotrotz er scheinen gerade Identitäten wichtige Faktoren im Bereich der internationalen Poli tik darzustellen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, auf einige grundlegende Aspekte in Bezug auf kollektive nationale beziehungsweise staatliche Identitäten und ihre Bedeutung für den Bereich der vergleichenden Außenpolitikforschung einzugehen. Ohne an dieser Stelle die ohnehin kaum mehr zu überschauende Literatur zur Na tionalismusforschung aufrollen zu wollen, ist es aber unvermeidlich, einige Aspekte dieses Forschungsfeldes aufzugreifen. Während die Auseinandersetzung mit dem Wesen der Nation weit zurückreicht, sind es vor allem drei vergleichsweise junge Studien, die im hier behandelten Kontext von Relevanz sind, nämlich die Arbeiten von Ernest Gellner (1991), Benedict Anderson (2005; vgl. ferner Langewiesche 2005; Mergel 2005) und Eric Hobsbawm (2005). Alle drei Werke verfolgen einen historisch-sozialkonstruktivistischen Ansatz, in welchem Nationalismus als zeitspe zifisches Phänomen der Moderne betrachtet wird, das sich aus der Geschichte her aus entwickelt hat beziehungsweise gleichsam entwickelt wurde. Von diesen drei Ansätzen erscheint vor allem Andersons Konzept der imagined communities als am besten geeignet, Entstehung, Existenz und Wirkung unterschiedlicher nationaler Identitäten auch für den Kontext der internationalen Beziehungen aufzuzeigen. Andersons zentrales Argument geht dahin, dass die lokale Identität der Vormoder ne im Übergang zur Moderne durch eine supra-lokale Identität ersetzt werden musste. Zu diesem Zweck wurde laut Anderson eine Schicksalsgemeinschaft, die Nation, imaginiert, wobei auf materielle Größen zurückgegriffen wurde, welche für die Idee der Nation dienstbar gemacht wurden. Welche historischen Prozesse sich genau abspielten, kann an dieser Stelle vernachlässigt werden. Zugleich jedoch ist es erforderlich, den Zusammenhang des Faktors Kultur und der eigenen Identität auf zuzeigen. Denn gerade die gemeinsame Kultur wurde zum verbindenden Element einer nur mehr vorgestellten Gemeinschaft. Hierbei stellt ebendiese kulturelle 133 Grenze zugleich auch die Grenze der eigenen Identität dar. Dies wiederum bedeu tet, dass der Mensch Loyalität gegenüber seiner Kultur empfindet und deren Schutzbedürfnis letztlich als außenpolitische Forderung formuliert. Das kulturelle Schutzbedürfnis wird somit zum Teil des erweiterten nationalen Interesses, seine Realisierung eine Frage der nationalen Sicherheit und somit zugleich der Legitimität der politischen Führung. Es zeigt sich also, wie sehr die drei Problemkreise Analyseebene, Akteur-Struktur Verhältnis und Strukturausprägung des Systems miteinander wie auch mit der Fra ge nach dem nationalen Interesse und der nationalen Sicherheit als zentrale Motiva tionen für zwischenstaatliches Handeln zusammenhängen. Struktur stellt einen wichtigen Erklärungsfaktor für das Handeln von Akteuren dar. Hierbei erfolgt eine Interpretation der Struktur durch den Akteur, zugleich stellt aber die Struktur selbst eine eigenständig wirksame Größe dar. Um die Interaktion zu verstehen, müssen Struktur und Akteur zunächst einzeln erfasst werden und dann — unter Berücksich tigung des zentralen Motivationsfaktors des komplexen nationalen Sicherheitsinte resses — analytisch hinsichtlich ihrer Wechselwirkung zusammengeführt werden. Die Einzelbetrachtung der komplexen Struktur und des komplexen Akteurs ge schieht in den nun folgenden Kapiteln 3 und 4. 134 3. Die Komplexe Struktur: Das Internationale System und seine Konstellationen als Entscheidungsfaktoren 3.1 Internationale Struktur und traditionelles Strukturdenken In Kapitel 3 steht zunächst die Frage nach der Wirkung der internationalen Struktur auf zwischenstaatliches Handeln im Fokus der Analyse. Auch in diesem Zusammenhang werden dem Prinzip des modellorientierten analytischen Eklektizismus folgend ausgewählte Elemente bestehender Theorien, Analyseansätze und weiterer relevanter Überlegungen neu zusammengeführt. Um die Auswahl der entsprechenden Elemente ebenso wie deren spezifische Rekombination zu begründen und aufzuzeigen, wie und weshalb genau hierdurch eine erhöhte Aussagekraft erzielt werden kann, ist es auch hier geboten, das relevante bestehende Schrifttum darzulegen und zugleich kritisch zu kommentieren. Auf diese Weise kann aufgezeigt werden, wo Defizite gesehen werden, die nur durch die Integration anderer Ansätze kompensiert werden können, und wo andererseits die hierfür erforderlichen komplementären Elemente existieren. Somit werden im nun folgenden Abschnitt zunächst die klassischen Strukturargumente dargelegt, welche die Lehre der Internationalen Beziehungen lange dominiert haben und das zu nicht unwesentlichen Teilen auch heute noch tun. Hieran anschließend wird auf bestehende Modifikationen und alternative Ansätze hierzu eingegangen und aus dem bestehenden, bislang aber voneinander unabhängigen und nebeneinander bestehenden Schrifttum ein Gesamtbild möglicher Strukturausprägungen und deren jeweiliger Wirkungslogiken zu entwickeln. Auch hier soll die begründete selektive Fusion der einzelnen Argumente die Gesamtaussagekraft für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens erhöhen, weil hierdurch eine kohärente Analysegrundlage in Form eines Kontinuums struktureller Bedingungsfaktoren geschaffen wird, welche zwischen den Extrempolen absoluter Anarchie und absoluter Hierarchie liegen. Während die Dichotomie von Anarchie und Hierarchie einen Großteil der Forschung in den Internationalen Beziehungen dominiert, kam es in verschiedenen Kontexten zu Überlegungen, welche geeignet sind, diesen strikten Dualismus zu durchbrechen. So entwickelte etwa Alexander Wendt drei Unterkategorien der anarchischen Systembedingtheit. Während diese bewusst als Antwort auf Kenneth Waltz gedacht war, kam es im Rahmen des Versuchs von Karl Deutsch, das Verhältnis zwischen Nordamerika und Westeuropa zu Zeiten des Kalten Krieges theoretisch zu fassen, zur Herausbildung des Konzepts der Sicherheitsgemeinschaft, welches seinerseits die Systemstruktur der Anarchie relativierte. Das gilt etwa für das Konzept der Sicherheitsgemeinschaft von Karl Deutsch, das als Versuch gedacht war,. Hinzu kommen weitere Forchungsansätze wie etwa der geschichtswissenschaftliche Konstruktivismus etwa eines Benedict Anderson und seiner sozial konstruierten imagined communities sowie des schließlich 135 daran angelehnten Konzeptes imaginierter Sicherheitsgemeinschaften von Barnett und Adler. Spezifische Argumente dieser größtenteils unabhängig voneinander existierenden Konzepte gilt es zu betrachten und dem analytisch-eklektischen Ansatz folgend selektiv zusammenzuführen. Hierdurch wird es möglich, aufzuzeigen und zu begründen, aus welchen Elementen das Strukturkontinuum des internationalen Systems aufgebaut ist und welche für zwischenstaatliches Handeln relevante Wirkungslogik mit jedem dieser Strukturzustände verbunden ist. Das hier entwickelte Kontinuum beziehungsweise die darin enthaltenen einzelnen Strukturzustände stellen dann das strukturspezifische konzeptionelle Gegenstück zu den Akteurgrößen Perzeption und Interpretation dar. Betrachtet man hierfür zunächst den Diskurs um die Strukturbeschaffenheit in den Internationalen Beziehungen, dann lassen sich zwei Verständnisse ausmachen, nämlich ein materielles und ein ideelles. Diese Einteilung orientiert sich an zwei spezifischen Versionen sozialer Fakten, die sich beide im Werk Durkheims finden lassen. Die an der Vorstellung von Struktur verstanden als immaterielle Ideen ori entierte Schule der kontinentalen Tradition richtet sich dabei an Durkheims Idee der kollektiven Repräsentationen aus und neigt zu einer subjektivistischen und eher qualitativen Herangehensweise. Insbesondere spielen Aspekte wie Wahrnehmung und Interpretation bei der kognitiven Konstruktion von Struktur eine zentrale Rol le. Die Einflüsse freudianischer Psychologie, saussure’scher Sprachwissenschaft, heideggerianischer beziehungsweise husserlianischer phänomenologischer Philoso phie und nicht zuletzt des französischen Poststrukturalismus etwa in Gestalt von Maurice Merleau-Ponty sind unverkennbar. Materiell ausgerichtet ist indes die Denkschule der Strukturanalyse, deren zentrale Einflüsse auf Merton oder Talcott- Parsons zurückgehen (Wight 2006: 123-126). Im Kontext dieser beiden Denkrich tungen lassen sich mehrere Konzeptualisierungen von Struktur herausarbeiten, wie bereits oben bei der Darstellung des Agent-Structure-Problems angeklungen ist (Porpora 1989: 195; Wight 2006: 127). Struktur kann etwa als über längere Zeit räume hinweg erkennbare Verhaltensmuster gedeutet werden. Diesem Verständnis folgend ist Struktur der erkennbare Ausdruck des wiederholten Verhaltens von In dividuen. Größen wie Staat, Ökonomie oder Kultur werden somit nicht als eigen ständige Größen gewertet, sondern gelten ihrerseits letztlich als zurückführbar auf wiederholtes Verhalten von Individuen (Collins 1981: 988 ff.; Wight 2006: 127 f.; Homans 1974: 53-64; Kubalkova 2001: 22; Bull 1977: 3 ff.). Dieses Verständnis von Struktur ist jedoch insofern problematisch, da diese als Abstraktion verstanden nicht kausal wirken kann und somit nicht als unabhängige Variable zur Verfügung steht (vgl. hierzu etwa Popora 1989: 197; Wight 2006: 128). Ein weiteres Verständ nis von Struktur ist jenes der Verbundenheit spezifischer sozialer Gruppen durch gesetzesartige Muster (Wight 2006: 129; Popora 1989: 197; Nicholson 1996: 48 f.). Als Beispiel ließe sich die Verteilung der Capabilities als materiell-basiertes, soziales Faktum im Waltz’schen Strukturrealismus anführen, welches das Handeln anderer Akteure naturgesetzgleich beeinflusst. Trotz der scheinbaren Inkommensurabilität beider Perspektiven kann behauptet werden, dass diese vielmehr die zwei Seiten 136 derselben Medaille darstellen, wie ebenfalls bereits im Kontext des Agent- Structure-Problems gezeigt wurde. An dieser Stelle scheint es geboten, weitere zentrale Strukturansätze anzusprechen, die zwar in eine ähnliche Richtung gehen, jedoch in anderer Hinsicht Defizite auf weisen, und sich somit in ihrer bestehenden Form nicht zur Integration in das Mo dell eignen und somit tatsächlich die soeben beschriebene Form der analytisch ek lektisch basierten Fusion ausgewählter Aspekte der bestehenden, beschriebenen Ansätze erforderlich machen. Dies gilt insbesondere und durchaus stellvertretend für die prominente Strukturationstheorie von Anthony Giddens. Durch diese er folgte zwar in der Tat eine erste grundsätzliche Hinwendung zur Berücksichtigung beider Größen indem die wechselseitige Konstitution von Akteur und Struktur postuliert (Giddens 1981: 27) und Struktur somit zugleich als „medium and the outcome of the practices which constitute social systems” (Giddens 1979: 69) be schrieben wurde. Zugleich aber existieren signifikante Unterschiede: So erweist sich Giddens Ansatz in doppelter Hinsicht als nicht weitreichend genug, um vor dem Hintergrund des Akteur-Struktur-Verhältnisses die Struktur in ihrem vollen Um fang und somit ihrer gesamten Wirkungsmächtigkeit auf zwischenstaatliche Ent scheidungen zu erfassen: „[The] lack o f a link to the social system [...] makes it an entirely phenomenological process. He says little about how objective relations structure and motivate behaviour, or about how structured behaviour affects the system (Wight 2006: 141)”. Hinzu kommt, dass zwar der Aspekt der wechselseitigen Konstitution erfasst ist, die Struktur jedoch ausschließlich als soziales Konstrukt und letztlich als Akteur phänomen konzeptualisiert wird, weil die als Struktur betrachteten Beziehungsmus ter lediglich „epiphenomenal effects of agents’ knowledge, reasons and motivations“ (Wight 2006: 144) darstellen, womit Giddens sich in der Frage der Struktur des internationalen Systems dem gleichen Problem eines reinen Voluntarismus ge genüber sieht wie auch Wendt und Dessler, wo die Totalität sozialer Entität auf phänomenologische beziehungsweise psychologische Phänomene reduziert wird, ohne der positiv-materiellen Seite hinreichend Beachtung zu schenken (vgl. Wight 2006: 138, 144). Es ist also von entscheidender Bedeutung, dass das Zusammen spiel materieller Größen der Systemstruktur und ihrer Effekte mit den Aspekten der Perzeption und Interpretation durch die betroffenen Akteure in Einklang ge bracht werden. Als Ausgangspunkt soll an dieser Stelle das positiv-materiell basierte Verständnis des Strukturrealismus von Kenneth Waltz dienen. Dieser bietet nicht nur dem Grundsatz nach überzeugende Argumente dafür, dass materielle Aspekte in Fragen der Systemstruktur von Relevanz sind, sondern zeigt auch nachvollzieh bar auf, dass eine spezifische Struktur auch spezifische Effekte für das zwischen staatliche Handeln hat. Dem Prinzip des analytischen Eklektizismus folgend, wird nun dargelegt, welche Elemente der Waltz’schen Theorie als geeignet erscheinen, extrahiert und in einen erweiterten Erklärungszusammenhang gestellt zu werden. Dabei zeigt sich, dass der 3-Images-Ansatz, den Kenneth Waltz in seinem Werk 137 entwickelt, eine Vielzahl wichtiger Anknüpfungspunkte hierzu bietet. Mit einer knappen Aussage umreißt Kenneth Waltz (2001: 159) einen der zentralen Kern punkte des (struktur-)realistischen Denkens: „With many sovereign states, with no system o f law enforceable among them, with each state judging its grievances and ambitions according to the dictates o f its own reason or desire — conflict, sometimes leading to war, is bound to occur. To achieve a favorable outcome from such conflict a state has to rely on its own devices, the relative efficiency o f which must be its constant concern.” Waltz beschreibt eine Vielzahl von souveränen Staaten als Akteure in einem von Anarchie geprägten System, in welchem jeder einzelne Staat prinzipiell allein die Verantwortung für sein Überleben trägt. In dieser Situation herrscht eine perma nente potenzielle Gefahr von Konflikten. Um für diese gewappnet zu sein und so wiederum die Chancen für das eigene Überleben zu verbessern, strebt jeder Staat nach der Erhöhung seiner relativen Stärke. Diese Strategie der Staaten geht also letztlich auf die bestehende anarchische Struktur des globalen Systems zurück. Die systemstrukturelle Bedingtheit des Handelns der Akteure bezeichnet Waltz in sei nem Standardwerk Man, the State and War als das Third Image. Dieses dritte Bild, welches das außenpolitische Handeln der Staaten erstursächlich an die Struktur des Systems bindet, unterscheidet sich von den klassischen Erklärungsansätzen der Außenpolitik, welche Waltz als First- beziehungsweise Second-Image-Erklärungen be zeichnet. Während First-Image-Ansätze außenpolitisches Handeln rein auf Grundlage der menschlichen Natur erklären, liegt für Second-Image-Ansätze die Ursache für die se oder jene Außenpolitik ausschließlich in der inneren Verfasstheit der jeweiligen Staaten begründet. In diesem Kontext ist anzumerken, dass die Problematik der Erklärungsansätze des ersten beziehungsweise zweiten Bildes in deren jeweiligen Ausschließlichkeitsan sprüchen begründet liegt. Wie auch Waltz konzediert, spielen First- und Second- Image-Ansätze durchaus eine Rolle, jedoch können diese lediglich als zusätzliche Faktoren herangezogen werden. Sie sind lediglich als letztendliche, konkrete A uslö ser etwa eines Konfliktes zu werten, nicht aber als dessen eigentliche Ursache. Diese, und somit auch jegliches staatliche Handeln lässt sich für Waltz nur unter der un bedingten Berücksichtigung der Struktur des Weltsystems verstehen. Die Idee eines „Third-Image“ ist dabei weder besonders ungewöhnlich noch sonderlich neu, wie auch Waltz herausstellt Bereits der griechische Geschichtsschreiber Thukydides, von vielen als Vater des klassischen Realismus bezeichnet, verwies im fünften vor christlichen Jahrhundert in seinem Geschichtswerk über den Peloponnesischen Krieg darauf, dass es die Veränderung des Mächtegleichgewichtes zugunsten der Athener war, welches die Lakedämonier ängstigte und so in den Krieg trieb.26 Im 26 Vgl. hierzu Thukydides (1977): Der Peloponnesische Krieg. Auswahl. Übersetzt und her ausgegeben von Helmuth Vretska. Universalbibliothek Nr. 1807 <5>. Stuttgart. 1977. Philipp Reclam Jun. Verlag. Dort heißt es in Buch 1, 23, 6: „Den letzten und wahren Grund [...] sehe ich im Machtzuwachs der Athener, die den Spartanern Furcht einflößte 138 Juni 1798 warnte John Adams die Bürger von Petersburg in Virginia vor unziemli chen, da für die eigene Sicherheit gefährlichen allzu vertraulichen Annäherungen zwischen Staaten (vgl. Waltz 2001: 160). Die Beziehung, welche zwischen der hierin implizierten Weisheit, der zufolge Staaten keine Freunde kennen, und der von Thukydides angedeuteten Sorge von Akteuren hinsichtlich ihrer relativen Stärke im internationalen System, besteht, lässt sich für Waltz in äußerst treffender Weise in die Worte Frederick Dunns (1937; zitiert in Waltz 2001: 160) kleiden: „[S]o long as the notion of self-help persists, the aim of maintaining the power position of the nation is paramount to all other considerations”. Die Quintessenz jener Überlegun gen berücksichtigend gelangt Waltz (2001: 160) zu folgender Schlussfolgerung: „In anarchy there is no automatic harmony. [...] A state will use force to attain its goals if, after assessing the prospects for success, it values those goals more than it values the pleasures of peace. Because each state is the final judge o f its own cause, any state may at any time use force to implement its policies. Because any state may at any time use force, all states must constantly be ready either to counter force with force or pay the cost o f weakness. The requirements o f state action are, in this view, imposed by the circumstances in which all states exist” . Die Situation, welche Waltz beschreibt, erinnert an den Naturzustand in Hobbes Leviathan. Der Staat ist gleichsam des Staates W olf (lupus) und zugleich sein Ka ninchen (lepus), eine Situation, die eine zentrale Rolle im Konzept des Sicherheits dilemmas spielt. Weil jeder Staat zu jeder Zeit potenziell zum Angreifer eines ande ren Staates werden kann, muss jeder Staat stets dafür gerüstet sein, sich zu verteidi gen und so sein eigenes Überleben sicherzustellen. Nach Waltz gibt es für jeden einzelnen Staat, wie gezeigt, nur zwei Alternativen: “counter force with force or pay the cost o f weakness.” Grundsätzlich geht es für jeden Staat zunächst einmal um das Überleben. Um dieses Ziel sicherzustellen, benötigt ein Staat entsprechende Kapazitäten. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Morgenthau spricht von der Maximierung von Macht, Waltz betont die Maximierung von Sicherheit. Doch was ist Macht konkret, was Sicherheit? Zwar äußern sich beide Autoren zu diesem Problem, doch sind ihre Beschreibungen nur bedingt hinreichend. Eine echte Ope rationalisierung jener zentralen Begriffe des realistischen Forschungsprogramms bleiben beide — wie auch die meisten anderen — Theoretiker schuldig. Doch hiervon einmal abgesehen sind die grundsätzlichen Überlegungen, die Waltz zu seinen verschiedenen „Images“ und ihrem jeweiligen Verhältnis zueinander an stellt sehr hilfreich für die Modellentwicklung. Zur näheren Erläuterung des First Image greift Waltz (2001: 162) auf Spinoza zurück, während er Kant als repräsenta tiv für das Second Image erachtet. Für Spinoza (1951: 208) geht Gewalt ganz generell auf die Fehlerhaftigkeit des Menschen zurück, eine Idee, die sich auch im klassi schen Realismus wiederfindet. Staaten seien hierbei ebenso wie Menschen: Einer seits verfügten sie über einen Lebenstrieb, andererseits seien sie nicht in der Lage und sie zum Krieg zwang.“ (S. 57). Waltz selbst bezieht sich jeweils auf die Ausgabe Thucydides (1900): History o f the Peloponnesian War. Übersetzung B .Jow ett. 2. Auflage. London. 1900. Oxford UniversityPress. 139 ihre Angelegenheiten stets und konsequent an den Erfordernissen des Rationalen auszurichten. Dieser Gedanke findet eine zumindest relative Entsprechung im Konzept der sogenannten State Personhood (vgl. etwa Kustermanns 2011), was be reits wieder auf eine nicht zu vernachlässigende Rolle der Akteur-Seite auch im Kontext der Struktur verweist und die Bedeutung der obigen Ausführungen zum Agent-Structure-Problem nochmals unterstreicht. Zugleich geht Waltz in seinem Werk auch auf einen weiteren für die Internationalen Beziehungen wesentlichen Aspekt ein: die Frage nach der Rationalität von Akteuren. Hierbei ist zu beobach ten, dass er unter Rückgriff auf Jean-Jacques Rousseau die defizitäre Fähigkeit des Menschen zur Rationalität anhand des bekannten Rousseauschen Beispiels von fünf Hunger leidenden Individuen, welche über rudimentäre Kommunikationsfä higkeiten verfügen, illustriert. Der Hunger eines jeden Einzelnen könnte durch den jeweils fünften Teil eines erlegten Hirsches gestillt werden. Somit einigen sich die Fünf darauf, für die Jagd eines Hirsches zu kooperieren. Allerdings würde der Hunger eines einzelnen Beteiligten auch durch einen Hasen gestillt werden. Als ein Hase in Reichweite gelangt, lässt einer der Jäger von der gemeinsamen Hirschjagd ab und stürzt sich auf den Hasen. Auf diese Weise kann der Abtrünnige seinen Hunger stillen, jedoch entkommt der Hirsch, sodass die restlichen vier Personen weiter an Hunger leiden. Das unmittelbare, kurzfristige Eigeninteresse des einen Jagenden überwiegt somit über die Überlegungen vis-a-vis der Fremdinteressen. Obgleich die Geschichte einfach ist, sind für Waltz (2001: 167) die Implikationen gewaltig: „In cooperative action, even where all agree on the goal and have an equal interest in the project, one cannot rely on others“. Wie durch das von Waltz gewählte Beispiel der Hirschjagd deutlich wird, lässt sich die Logik zwischenstaatliches Verhaltens auch in Anlehnung an Vorstellungen der Spieltheorie umschreiben. Der Rückgriff auf diesen Ansatz ist nicht die einzige Möglichkeit, Logik und Möglichkeiten internationaler Kooperation zu modellieren. Zudem ist sie beschränkt auf ein spezifisches Verständnis von vollkommener Rati onalität, welches im Rahmen der hier vorgenommenen Theoriefortbildung als nicht hinreichend betrachtet wird. Dennoch ist ein Rückgriff auf die Spieltheorie an die ser Stelle hilfreich, um das grundlegende Verständnis der auf Rational-Choice- Denken beruhenden Erklärungsansätze zwischenstaatlichen Verhaltens unter Anarchiebedingungen in den Internationalen Beziehungen anschaulicher zu erläu tern. Die Argumente der Spieltheorie gilt es zugleich aber zu relativieren, indem sie mit der diesbezüglichen Kritik Alexander Wendts (etwa 2004: 247) in Verbindung gebracht werden, der in diesem Zusammenhang zwei Fragen stellt, die er als „varia tion question“ und „construction question“ bezeichnet. Während die Variation question hinterfragt, ob Anarchie im Kontext lediglich einer Struktur möglich ist, oder aber im Rahmen unterschiedlicher struktureller Varianten systembestimmend sein kann, geht es bei der construction question darum, ob eine anarchische Struktur des internationalen Systems nur gleichsam mechanisch das Akteursverhalten determi niert, oder aber auch die Identitäten und Interessen der Akteure beeinflusst, also das Wesen des Staates gleichsam erschafft, was die Vorstellung vollkommener Ra 140 tionalität infrage stellen würde. Hierbei ist es wichtig, zwischen den sogenannten — wie Wendt sie bezeichnet — Mikro- und Makroebenenstrukturen zu unterscheiden, wobei sich mit Mikroebene die innerstaatliche Ebene und Makroebene die zwi schenstaatliche Ebene gemeint ist (vgl. Wendt 2004: 247, 145-157). Eine vergleich bare Unterscheidung findet sich auch bei Waltz, welcher zwischen Außenpolitik (foreignpolicj) und internationalen Beziehungen (internationalpolitics) differenziert. Betrachtet man die beiden auf Rational Choice beruhenden Großparadigmen Neo realismus und Neoliberalismus, dann zeigt sich, dass bei beiden das prinzipielle Verständnis von Anarchie als Selbsthilfesystem vorherrscht, dem es an einer über geordneten ordnenden institutionellen Macht fehlt, was letztlich zu Furcht, Miss trauen, Täuschung und Betrug zwischen den beteiligten Akteuren auf internationale Ebene führt, um sich partikulare Vorteile zu verschaffen (Keohane, 1984: 7; Lipson, 1984: 1-2; Axelrod, 1984: 3-4; Stein, 1983: 116; Axelrod/Keohane 1985: 226). Gegen diese monistische Auffassung von Anarchie wendet sich Alexander Wendt unter Bezugnahme auf die Englische Schule der Internationalen Beziehungen, allen voran ihren prominenten Vertreter Martin Wight, mit dem Argument, dass Anar chie vielmehr drei verschiedene Manifestationen erfahren könne, nämlich hobbesianisch, lockeanisch und kantianisch (vgl. Wendt 2004: 247; Wight 1991). Zugleich wehrt sich Wendt (2004: 247) gegen die Sichtweise vieler rationalistischer Ansätze, welche lediglich das Verhalten der Staaten, nicht aber deren Wesen (also ihre Identi täten und Interessen) durch die Struktur des Systems beeinflusst sehen. Hiermit wendet sich Wendt explizit gegen die Sichtweise von Kenneth Waltz, der zufolge Anarchie schlechthin sogenannte like-units hervorbringe, also sich in Wesen und Verhalten gleichende Staaten, welche selbstbezogen seien und als oberstes Ziel ihre jeweilige nationale Sicherheit verfolgten. In den Augen von Alexander Wendt führt diese Annahme von Waltz dazu, dass eine mögliche Variation des nationalen Inte resses, welche die realistische Logik der Anarchie in Frage stellen würde, a priori ausgeschlossen wird. Wendt selbst versucht der erkannten Problematik in Waltz Argument dahingehend zu begegnen, dass er die Natur der internationalen Sys temstruktur als sozial darstellt, und nicht materiell auffasst. Im Gegensatz zur kon ventionellen Ansicht im Bereich der Theorie der Internationalen Beziehungen, wel che die Verteilung der capabilities als zentrales, die Akteurshandlung determinieren des Merkmal betrachtet, die Verteilung sich mit anderen Worten nur auf die konkrete Außenpolitik auswirke, behauptet Wendt (2004: 249; Hervorhebung im Original; vgl. zur Idee der stocks o f knowledge ferner Berger/Luckmann 1966 sowie Turner 1988), dass die Verteilung der capabilities zugleich auch die Struktur des internationalen Systems beeinflusse: “To say that a structure is ‘social’ is to say following Weber, that actors take each other ‘into ac count’ choosing their actions. This process is based on actors' ideas about the nature and roles of Self and Other, and as such social structures and ‘distributions o f ideas’ or ‘stocks of knowledge’” . 141 Diese Erkenntnis Wendts ist von so großer Bedeutung, weil sie die Möglichkeit einer Differenzierung von einfacher und komplexer Wahrnehmung eröffnet: Wäh rend Waltz stellvertretend für viele Denker der (struktur-)realistischen Schule die Bedeutung der materiellen Struktur bei der Wahrnehmung herausarbeitet, verweist Wendt auf die Möglichkeit, die soziale Struktur zu erfassen. In einer orthodoxen Herangehensweise stünden sich diese Ansätze unvereinbar gegenüber. Auf Grund lage von Laudans Paradigmenverständnis und einem analytisch-eklektischen Ansatz folgend, ist es möglich, parallel die doppelte Wahrnehmung von Systemstruktur und Systemkonstellation zu analysieren, wie weiter oben als Erfordernis postuliert. Eine solche doppelte Perzeptionsanalyse erscheint insofern notwendig, wie sie die Differenzierung des nationalen Interesses in ein allgemeines, grundlegendes Inte resse eines Staates und eine konkrete situative Interessenausprägung ermöglicht. Um dies zu realisieren, müssen Waltz und Wendt einander angenähert werden, denn während Waltz in seiner Analyse des internationalen Systems nur auf den ma teriellen Aspekt achtet, verharrt Wendt ausschließlich beim sozialen Aspekt. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Differenzierung der Struktur selbst. Aus Sicht von Waltz besteht Struktur nur aus Anarchie oder Hierarchie, in der interna tionalen Praxis somit aus (hierarchischem) Staat und (anarchischem) Staatensystem. Die Wahrnehmung fällt hier theoretisch leicht, da die Struktur stets als rein anar chisch angenommen wird. Allerdings kann Waltz hiermit die Variation im zwi schenstaatlichen Verhalten nicht hinreichend erklären. Wendt hat daher den Ver such unternommen, die Struktur des internationalen Systems in hobbesianisch, lockeanisch und kantianisch zu differenzieren. Hobbesianische Anarchie und zwischenstaatliche Handlungslogik: Kooperation als Allianz^potenzjellerFeinde gegen aktuelle Feinde Hierbei entspricht der hobbesianische Zustand des internationalen Systems den Anarchie-Annahmen von Waltz. Die Einheiten (d.h. Staaten) unter diesen Bedin gungen gelten als auf internationaler Ebene und abweichend von ihrer inneren Verfasstheit undifferenziert hinsichtlich ihrer Funktion, was diese Dimension für Waltz als irrelevant für die Analyse des internationalen Systems erscheinen lässt. Somit erlangt der Faktor der sogenannten capabilities, also der einem Staat zur Verfügung stehende Macht, genauer gesagt der relativen Verteilung dieser capabilities im inter nationalen System überragende Bedeutung. Diese Sichtweise findet ihren Ausdruck insbesondere in den zentralen Argumenten der neorealistischen Theoriebildung. Vor diesem Hintergrund gelangt Wendt zur Erkenntnis, dass für Waltz Muster von Freundschaft und Feindschaft, welche auf einem Vorhandensein beziehungsweise Fehlen von gemeinsamen Ideen beruhen und somit unit-level-Phänomene darstel len, für Waltz ohne Belang seien. Gerade in der hobbesianischen Variante der Anarchie spielt nach Ansicht Wendts (2004 [1999]: 260) aber die Rolle des soge nannten Anderen eine exponierte Rolle. Selbst., gegnerischer Akteur und befreundeter 142 Akteur werden hierbei als soziale Strukturen aufgefasst und als Repräsentationen konstruiert. Hierbei differenziert Wendt jedoch bereits zwischen Gegnern (enemies) und Feinden (rivals): Während der Feind als Akteur verstanden wird, der das Recht des Selbst auf Existenz als autonomer Akteur nicht anerkennt und somit nicht be reit ist, die potenzielle Gewaltbereitschaft gegenüber dem Selbst zu beschränken, erkennt der Rivale zwar das Recht des Anderen auf dessen Autonomie nicht an, jedoch dessen Recht auf Existenz (vgl. Wendt 2004: 260 f.; zur Rolle von Feinbil dern im Kontext von Selbst und Anderem vgl. zudem Wolfers 1962; Finley/Holsti/Fagen 1967; Volkan 1988; Herrmann/Fischerkeller 1995). Die Gewaltbereitschaft zwischen Feinden ist von der jeweiligen Akteursintention her unbeschränkt; diesbezügliche Grenzen entstehen nur durch unzureichende capabilities oder die Existenz eines externen Beschränkungsfaktors (etwa der Leviathan in der politischen Theorie von Thomas Hobbes). Aus der Sicht Wendts (2004: 262) ergeben sich aus der Repräsentation des Anderen als Feind vier wesentliche Impli kationen für die Außenpolitik eines Staates: Erstens wird ein Staat, der einen ande ren Staat als Feind wahrnimmt, versuchen, diesen zu zerstören, zweitens wird der gesamte Entscheidungsfindungsprozess des Staates auf Grundlage der wahrge nommenen existenziellen Bedrohung erfolgen, was jegliche Möglichkeit der Ko operation von vorneherein verhindert, drittens wird der Grad der eigenen existen ziellen Gefährdung aus dem Verhältnis der Machtmittel des Feindes zu den eigenen Machtmitteln abgeleitet und versucht, die eigenen Machtmittel entsprechend hoch zu halten und viertens wird im Kriegsfall die eigenen Gewalt unbeschränkt ausge übt, um beim Feind keine komparativen Vorteile entstehen zu lassen. Auch an die ser Stelle zeigt sich die Kongruenz der Waltschen Anarchievorstellung und die Wendtsche Charakterisierung der hobbesianischen Anarchie. Wendt (2004: 263; vgl. ferner 1992) erkennt hierin den Mechanismus einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: “ [W]hen the Other is an enemy the Self is forced to mirror back the representations it has attributed to the Other. Thus, unlike most roles in social life, which are constituted by functionally differentiated ‘counter’-roles (teacher-student, master-slave, patron-client), the role o f enemy is symmetric, constituted by actors being in the same position simultaneously. Self mirrors Other, becomes its enemy, in order to survive. This o f course will confirm whatever hostile intentions the Other had attributed to the Self, forcing it to engage in realpolitik o f its own, which will in turn reinforce the Selfs perception o f the Other, and so on. Realpolitik, in short, is a self-fulfilling prophecy: its beliefs generate actions that confirm those beliefs”. Wendt zeigt somit auf, dass völlig unabhängig davon, ob Staaten zu einem be stimmten Zeitpunkt tatsächlich füreinander eine existenzielle Bedrohung darstellen oder nicht, diese Staaten sich auf eine Weise verhalten, die sie tatsächlich zu einander existenziell gefährdenden Bedrohungen macht, sobald die Logik der Feindschaft in Kraft gesetzt ist. Mit anderen Worten wird das Verhalten der Akteure insofern zum Teil des Problems als die Wahrnehmungen und Interpretationen des Anderen eine „homeostatic quality that sustains the logic o f Hobbesian anarchies“ (Wendt 2004: 143 263) erhalten. In diesem Zusammenhang kommt schließlich die Wirkungslogik der hobbesianischen Anarchie zum Tragen. Vor diesem Hintergrund hängt das eigene Überleben gleichsam ausschließlich von der eigenen militärischen Leistungsfähig keit ab. Sicherheit ist ein hochgradig wettbewerbsorientiertes Nullsummenspiel; es besteht ein akutes Sicherheitsdilemma (Herz 1950; Jervis 1978; Glaser 1997). Diese Entsprechung des hobbesianischen Naturzustandes ist für Wendt jedoch nicht die einzige Möglichkeit, wie Anarchie ausgestaltet sein kann. Während es bei Waltz vor allem um die Analyse von Funktionsweise und Implikationen des anarchischen Sys tems selbst geht, ist es Wendts Bestreben, Perspektiven aufzuzeigen, wie dieses Sys tem überwunden werden kann. Daher ist Wendt bemüht, die Genese der hobbesi anischen Anarchie darzulegen. Hierbei greift er auf das Konzept der Internalisie rung zurück. Für Wendt teilen die Akteure in der Kultur der hobbesianischen Anarchie ein gemeinsames Wissen, das vor allem drei Aspekte tangiert: das Wissen darum, dass erstens die anderen Staaten funktional gleich sind, dass zweitens die anderen Staaten die eigene staatliche Existenz bedrohen und drittens die Art und Weise, wie darauf zu reagieren ist, etwa Abschreckung oder die Herstellung eines Mächtegleichgewichts. Die Herstellung eines Mächtegleichgewichts ist dabei im Neorealismus Waltzscher Prägung ein wünschenswerter Quasi-Automatismus: Wünschenswert ist die balance ofpower, weil sie zum Austarieren und somit zur Sta bilisierung des zwischenstaatlichen Systems beiträgt, als Quasi-Automatismus wird sie verstanden, weil jeder Staat aufgrund des ihm innewohnenden rationalen Strebens nach Sicherheit und Überleben sich gleichsam notwendigerweise jeder wach senden Bedrohung entgegenstellt: “Pursuing a balance-of-power policy is still a matter o f choice, but the alternatives are those of probable suicide on the one hand and the active playing o f the power-politics game on the other. [ ...] States [...] do not enjoy even an imperfect guarantee o f their security unless they set out to provide it for themselves. If security is something the state wants, then this desire, together with the conditions in which all states exist, imposes certain requirements on a foreign policy that pretends to be rational. The requirements are imposed by an automatic sanction: Departure from the rational model imperils the survival o f the state. The clue to the limitation o f policy imposed by the condition o f anarchy among states is contained in the maxim: ‘Everybody’s strategy depends on everybody else’s’” (Waltz 2001: 201-205). Die Herstellung eines Mächtegleichgewichts zur Sicherstellung des eigenen Überle bens erfolgt entweder durch die Erhöhung der eigenen Machtmittel oder eben im Verbund einer Mächteallianz, die zwar nicht geliebt wird, jedoch als das geringere und zugleich notwendige Übel hingenommen wird. Als Allianz ist dabei gleichsam ein Versprechen zu verstehen, das die von jedem Beteiligten erklärte Absicht zum Gegenstand hat, im Falle einer auf spezifische Weise definierten Bedrohungslage eine ebenfalls auf spezifische Weise definierte Beistandsleistung zu erbringen (Wolfers 1986: 268). Staaten schließen sich erwartungsgemäß gegen solche Staaten zu sammenschließen, die sie (aus ihrer jeweiligen Wahrnehmung heraus) bedrohen. Bei diesem als Balancing bezeichneten Verhalten geht also um den Versuch, Kräfte gegen eine perzipierte Bedrohung zu bündeln. Daneben kommt es aber durchaus 144 auch vor, dass Staaten sich mit solchen Staaten zusammenschließen, die sie bedro hen, um so einen potenziellen Gegner zu neutralisieren. Dieses Verhalten nennt Walt Bandwagoning. Im Vergleich zum Balancing tritt Bandwagoning jedoch selte ner auf, etwa dann, wenn ein schwacher Staat keinen Allianzpartner für ein balan cing findet oder aber, wenn ein Staat sich in der Phase eines absehbaren Kriegsen des dem mutmaßlichen Sieger zuwendet. Um diese Handlungslogiken konkreter zu erklären stellt Waltz unter Rückgriff auf John McDonalds stark vereinfachte Um schreibung des Kerngedankens der von John von Neumann und Oskar Morgen stern entwickelten Spieltheorie eine Verbindung zwischen der Systemstruktur und dem notwendigen Handeln der Systemakteure her. „One who wants to win a simple card game, in fact any game with two players, must follow a strategy that takes into consideration the strategies o f the other player(s). And if there are three or more players, he will, on occasion, have to form a coalition even though this may mean cooperating with his recent ‘enemy,’ one who still remains a potential enemy. Such a necessity arises most obviously where one man will win shortly unless his opponents help each other. There is of course nothing automatic about the forming o f the coalition. It may not be formed at all: because the two men we would expect to help each other are inveterate noncooperators, because they dislike each other too much to cooperate even for mutual advantage, because they are not intelli gent enough to do so, or because the game is one in which it is difficult to perceive the proper moment for cooperation.” (Waltz 2001: 201 f.). Diese Ausführungen von Waltz entsprechen einem sogenannten Nullsummenspiel. Bei einem solchen dreht es sich ausschließlich um Verteilungsaspekte, nicht hinge gen um solche der Produktion. Jedoch entsprechen, wie auch Waltz darlegt, die Aktivitäten, welche Staaten und Personen tangieren, nur selten einem solchen Mo dell. Da in der Praxis vielmehr regelmäßig beide Aspekte, also Verteilung und Pro duktion, betroffen sind, gelten die Handlungslogiken des allgemeinen Spiels. Vor diesem Hintergrund stellt Waltz (2001: 205) den Bezug zu den Internationalen Be ziehungen her: „The factors that distinguish international politics from other games are: (I) that the stakes o f the game are considered to be o f unusual importance and (2) that in international politics the use of force is not excluded as a means o f influencing the outcome. The cardinal rule o f the game is often taken to be: Do whatever you must in order to win it. If some states act on this rule, or are expected to act on it, other states must adjust their strategies accordingly. The opportunity and at times the necessity o f using force distinguishes the balance o f power in international politics from the balances o f power that form inside the state. In both cases we can define power, following Hobbes, as the capacity to produce an intended effect. In domestic politics one o f the possible capacities — the use o f physical force — is ordinarily monopolized by the state. In international politics there is no authority effectively able to prohibit the use o f force. The balance o f power among states becomes a balance o f the capacities, including physical force, that states choose to use in pursuing their goals.” In solch einem allgemeinen Spiel muss der Vorteil der einen Gruppe von Spielern nicht notwendigerweise dem Nachteil der anderen entsprechen. Es können sogar Schritte — verstanden als Strategien beziehungsweise Strategiewechsel — existieren, die beiden Gruppen gleichermaßen zum Vorteil gereichen können. Anders ausge- 145 drückt heißt das, dass die Möglichkeit für echte Produktivitätszuwächse gleichzeitig in allen Bereichen einer Gesellschaft besteht (Waltz 2001: 202 f.; Neumann/Morgenstern 1944: 540). In den Worten von Waltz bedeutet dies letzt lich, dass es nicht nur darum geht, einen Kuchen zu teilen, sondern auch noch da rum, wie viel Kuchen überhaupt gemacht werden kann. Unter diesen Bedingungen kann das sich Spiel in zwei extreme Richtungen bewegen. Beim einen Extrem geht es um die Maximierung, das heißt alle Spieler kooperieren, um den größtmöglichen Kuchen herzustellen. Dieses Vorgehen entspräche im Bereich der internationalen Beziehungen etwa dem Fall, wo alle Staaten sich gegen ein Naturereignis als ihren gemeinsamen Gegner zusammentun. Beim anderen Extrem sind die Spieler so da mit beschäftigt, wie der schon bestehende Kuchen verteilt werden soll, dass sie die Möglichkeit, den Kuchen zu durch gemeinsame Anstrengungen zu vergrößern, schlichtweg außer Acht lassen. Bezogen auf die internationalen Beziehungen ließe sich eine Entsprechung etwa in der bipolaren Konstellation des Kalten Krieges fin den, wo tatsächlich ein Vorteil für die eine Seite zugleich auch als Nachteil für die andere wahrgenommen wurde (Waltz 2001: 203; Neuman/Morgenstern 1944: 348, 517). Die Frage, welche sich für Waltz in diesem Kontext stellt, ist die nach der Möglichkeit für Staaten, zwischen diesen Optionen frei zu wählen, und welcher Zusammenhang mit den jeweiligen Zielen des Staates besteht: „To what extent do states have a choice among these [ ...] alternatives? A game must have an object. In poker, the object o f each player is to w in the largest possible amount o f money. States have many objects. Some states may aim at the conquest o f the world, other states may aim at a local hegemony, other states may aim at no hegemony at all but desire to be left alone. Common to the desires o f a ll states is the m sh f o r survival. Even the state that wants to conquer the world wants also, as a minimum, to continue its present existence. I f all states wanted simply to survive, then none would need to maintain military forces for use in either defensive o f offensive action. But whenever some states give the impression that survival does not exhaust their political ambitions, others are forced, logically, to look to their defenses” (Waltz 2001: 203; Hervorhebung AN). Wie dargelegt, geht es für den Staat wegen der Unsicherheit, welche durch die anar chische Struktur hervorgerufen ist, stets darum, seine Sicherheit zu erhöhen. Solan ge jeder Staat damit rechnen muss, dass nicht alle Staaten daran interessiert sind, ein Spiel zu spielen, in dem es darum geht, die Produktion zu erhöhen, ist es für jeden Staat sinnvoll mit anderen Staaten zu kooperieren. Da es unwahrscheinlich ist, dass alle Staaten kooperieren, wird es zur Zusammenarbeit bestmmter Staaten kom men, sodass die anderen Staaten sich einer wachsenden Konzentration von Macht in dem Sinne gegenübersehen, dass sich spezifische Interessenausprägungen und diverse Kapazitäten potenzieren und potenziell gegen die Interessen der anderen Staaten richten. Hierauf reagieren einige von ihnen, deren Interessenausprägung im erforderlichen Maße übereinstimmt, um ein Gegengewicht herzustellen, das geeig net ist, ihr Grundinteresse des Überlebens zumindest wieder auf das zuvor vorhan dene Niveau zu heben. 146 Auch wenn die jeweils unterstellte Macht des potenziellen beziehungsweise perzipierten Gegners eine wichtige Größe bei dessen Bewertung darstellt, hat die Empi rie doch gezeigt, dass nicht jeder mächtige Staat zugleich auch notwendigerweise und unbedingt als konkrete Bedrohung wahrgenommen wird beziehungsweise die Dimension der Bedrohung eines Staates seitens unterschiedlicher potenzieller Feinde von diesem Staat als unterschiedlich groß bewertet werde kann. Statt also rein auf den Aspekt der Macht abzustellen, geht etwa Stephen Walt (1987, 1995) einen Schritt weiter und rückt die wahrgenommene Bedrohung in den Mittelpunkt seiner Erklärung, wodurch er die traditionelle Theorie des Mächtegleichgewichts (balance o f power) hin zu einer Theorie des Bedrohungsgleichgewichts (balance o f threat) modifiziert. Walts Argument hierbei ist, dass Staaten sich nicht zusammenschlie ßen, um die Macht des Anderen an sich auszubalancieren, sondern um die von ihm ausgehende Bedrohung zu kompensieren. Der Unterschied für Walt besteht darin, dass das Bedrohungspotenzial, das von einem Staat ausgeht, nicht allein auf dessen Macht beruht, sondern zudem weitere Faktoren von Relevanz sind, so etwa die ge ografische Entfernung und die Offensivkraft. Von besonderer Bedeutung sind für Walt die perzipierten Intentionen des Anderen, die eine maßgebliche Rolle bei der Bewertung des Bedrohungspotenzials und somit bei der Entstehung von diesen entgegen gerichteten Allianzen bilden. An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig es ist, strukturelle und nicht-strukturelle Aspekte in einem theoretischen Ansatz zu vereinigen. Das gilt umso mehr, da sich gezeigt hat, dass insbesondere auch Ideolo gische Übereinstimmungen die Bildung von Allianzen erleichtern können (Walt 1987, 1995). Noch deutlicher tritt dieser Aspekt bei Snyder (1991: 123) zu Tage, der neben den zu erwartenden Unterschieden in den capabilities auch auf unterschiedliche konkrete Interessen und bestehende Interessenkonflikte sowie insbesondere auf die Bewer tung früherer Interaktionserfahrungen als Einflussfaktoren hinweist. Und selbst die Bestrebungen des ersten Staates können sehr unterschiedlich gedeutet werden. Die Schaffung etwa von Institutionen kann und soll gegebenenfalls durchaus den Ein druck erwecken, es gehe um ein erhöhtes gegenseitiges Vertrauen. Vielleicht aber sieht das Kalkül des in diese Richtung postulierenden Staates vor, mithilfe der Insti tution nur die eigene Position relativ gegenüber den anderen Staaten zu verbessern, etwa indem die Verbreitung einer bestimmten Waffe durch einen völkerrechtlichen Vertrag weltweit verboten wird, über die der das Regime vorantreibende Staat selbst verfügt. In diesem Falle würde er, falls erfolgreich, seinen relativen Vorteil durch Monopolisierung ausbauen. Es ist also wichtig, auch die Rolle von Instituti onen jenseits bloßer Allianzen zu berücksichtigen und die Betrachtung auf die dadurch entstehenden Handlungslogiken — ebenfalls in Anlehnung an spieltheoreti sche Überlegungen — auszudehnen. 147 Fockeanische Anarchie und zwischenstaatliche Handlungslogik: Institutionelle Kooperation zwi schen Gegnern zur Vermeidung relativer G ewinnefürD ritte Wie sich gezeigt hat, unterliegt dem Verständnis des internationalen Systems als hobbesianisch geprägte Anarchie eine Internalisierung der anderen Akteure als Feinde, denen nicht zu trauen ist, weil jeder in seinem Streben nach Überleben prinzipiell bereit ist, einen anderen Staat auch zu vernichten. Während es im Kon text einer Hobbesianischen Anarchie somit nur zu temporären und potenziell pre kären Allianzbildungen kommt, lassen sich in der empirischen Realität der interna tionalen Beziehungen neben Staaten auch Institutionen als Akteure finden. Wie nun sind diese zu bewerten? Aus realistischer Sicht heraus sind Institutionen als Ausdruck nationaler Interessen zu interpretieren und unterliegen einem instrumen tellen Verständnis. Nicht nur die Vereinten Nationen mit ihrem exklusiven und letztlich als einzigem wirklich gewichtigem Gremium des Sicherheitsrates, der eine spezifische globale Mächtekonstellation repräsentiert, können als Beispiel hierfür dienen. Staaten, welche sich internationalen institutionellen Arrangements anschlie ßen, erhoffen sich letztlich dadurch nichts anderes, als ihren Interessen zu dienen. Somit sind Institutionen für einen Staat nur so lange dienlich, solange sie die eige nen Kapazitäten relativ zu den Kapazitäten der anderen Staaten erhöhen. Vor die sem Hintergrund lässt sich auch erklären, weshalb institutionelle Arrangements be achtet oder missachtet werden: Ist die Angst vor einer Absenkung der Sicherheit durch einen Verstoß gegen das institutionelle Arrangement höher als der Nutzen, den die Befolgung von dessen Regulationen einbringt, so folgt man den Regeln. Erscheinen die Vorteile, die die Institution für die eigene Sicherheit bringt, so sehr in Frage gestellt, dass ein wie auch immer geartetes Ausscheren aus dem institutio nellen Rahmen der eigenen Sicherheit einen größeren Dienst erweist, so wird das Regelwerk der Institution missachtet. Aus dieser Perspektive heraus erscheinen In stitutionen noch immer als Teil einer als hobbesianisch verstandenen Anarchie. Doch müssen Institutionen nicht notwendigerweise nur instrumentell verstanden werden. Vielmehr bieten sie, folgt man der Argumentation Wendts, die Möglich keit, die hobbesianische Form der Anarchie zu überwinden und in eine, wie er es bezeichnet, lockeanische Form zu transformieren. Das zentrale Unterscheidungs merkmal zwischen den Anarchieformen hobbesianischer und lockeanischer Prä gung ist dabei die verschiedenartige Bewertung des Anderen durch das Selbst. Wäh rend in der ersten Variante der Andere, wie gezeigt, als Feind betrachtet wird, wird er dies bei der letztgenannten Variante als Gegner. Unter Beachtung der oben ausge führten Unterschiede zwischen Gegnerschaft und Feindschaft ergeben sich damit für die lockeanische Anarchieform diverse Implikationen. Grundsätzlich wird der Andere in einer Art und Weise perzipiert (beziehungsweise konstruiert), welche auf der Erwartungshaltung basiert, dass der Andere die grundsätzliche Souveränität des Selbst anerkennt. Konkret bedeutet dies primär die Anerkennung des staatlichen Territoriums, aber auch von darüberhinausgehenden Eigentumsrechten (vgl. Wendt 2004: 279, sowie Baldwin 1992; Kratchovil 1995; Reus-Smit 1997; Ruggie 148 1983). Wie aber kommt es konkret zu dieser Transformation? Auch hier argumen tiert Wendt mit der Internalisierung von Normen. Mit Blick auf die erste Internali sierungsstufe geht Wendt (2004: 286) davon aus, dass Souveränitätsrechte dann befolgt würden, wenn der Akteur durch (mindestens) einen anderen Akteur auf grund dessen Überlegenheit an Macht dazu gezwungen werde. Dieser Zwang kön ne direkt etwa im Rahmen einer militärischen Besatzung oder indirekt aufgrund des von der etwa militärischen, technologischen oder ökonomischen Überlegenheit ausstrahlenden Drohpotenzials erfolgen. Bei der zweiten Stufe der Internalisierung erkennen die Staaten die Souveränität anderer Staaten an, weil sie sich hiervon inte ressenspezifische Vorteile erwarten, etwa Sicherheit oder Handel (Wendt 2004: 287). Mit Blick auf die dritte Internalisierungsstufe im lockeanischen Kontext geht Wendt davon aus, dass eine aufrichtige, auf Einsicht beruhende Anerkennung einer Norm um ihrer selbst Willen und nicht aufgrund instrumenteller Erwägungen vor liegt. Als zentrale Größe in diesem Zusammenhang beschreibt Wendt die Identität des rechtschaffenen Akteurs, der sich völlig mit dem Normengeber identifiziert und dessen Eigeninteresse somit mit dem Interesse des Norm-/Gesetzgebers iden tisch wird. Diesen Schritt weg vom instrumentellen Charakter umschreibt Wendt (2004: 289) durch einen Rückgriff auf die Unterscheidung zwischen Interesse und Eigeninteresse: „The distinction between ‘interest’ and ‘self-interest’ is important here: our behavior is still interested in the sense that we are motivated to obey the law, but we do not treat the law as merely an object to be used for our own benefit.” Überzeugend an diese Feststellung ist grundsätzlich, dass das Eigeninteresse seine Erscheinungsformen wandeln kann. Indes ist nur schwer nachvollziehbar, weshalb ein Akteur sein eigenes fundamentales Interesse aufgeben sollte, wenn er nicht da zu gezwungen ist. Weshalb sollte ein Akteur bewusst gegen sein Eigeninteresse agieren, wenn er sich nicht auch einen eigenen Vorteil davon verspricht? Wendt (2004: 289 f.) versucht, seinen Punkt anhand eines Beispiels zu verdeutlichen: “As an example consider the question o f why the US does not conquer the Bahamas. Coercion does not seem to be the answer, since probably no state could prevent the US from taking them, nor is there any evidence that the US has a revisionist desire to do so in the first place. The selfinterest argument initially seems to do better: policymakers might calculate that conquest would not pay because the damage it would do to the US reputation as a law-abiding citizen and because the US can achieve most o f the benefits o f conquering through economic dominance anyway. Both o f these assumptions about the cost-benefit ratio are probably true, but there are three reasons to doubt that they explain US inaction. First, it is doubtful that US policymakers are making or even ever did make such calculations. It may be that respecting Bahamian sovereignty is in the self-interest o f the US, but if this does not figure in its thinking then in what sense does it ‘explain’ its behavior? Second, the definition o f what counts as ‘paying’ is shot through with cultural content. A state whose main goal was national or religious glory might not care very much about economic benefits or a reputation as law-abiding, and therefore define costs and benefits quite differently. Conquest ‘paid’ for Nazi-Germany and Imperial japan , at least initially, and the US was certainly willing to ‘pay’ to conquer the Native Americans. W hy would similar reasoning not apply to the Bahamas? The answer seems to be that the US has a status quo interest toward 149 the Bahamas, but order for this to be satisfying we also need to ask why it has the interest. My proposal is that it stems from having internalized sovereignty norms so deeply that the US defines its interests in terms o f the norms, and regulates its own behavior accordingly. The US perceives the norms as legitimate and therefore the Bahamas, as a party to those norms, has a right to life and liberty that the US would not even think o f violating.” Wie überzeugend ist Wendts Argument? Ist es tatsächlich (allein) die Internalisie rung der abstrakten Norm nationaler Souveränität, welche die USA davon abhält, die Bahamas anzugreifen? Gewiss ist es zutreffend, dass es nicht unmittelbarer Druck beziehungsweise Zwang durch Dritte ist, welcher die USA dazu veranlasst, ein solches Vorhaben zu unterlassen. Weder verfügen die Bahamas über ausrei chende Abschreckungskapazitäten noch existiert eine klar erkennbare Schutzmacht. Hierin ist mit Wendt übereinzustimmen. Als unverständlich indes erscheinen Wendts Zweifel am so genannten Self-Interest Argument, demzufolge eine Invasi on unterbleibt, da ein umfassend angelegtes Kosten-Nutzen-Verhältnis, das neben dem unmittelbar entstehenden Aufwand zugleich auch Opportunitätskosten, Kos ten aufgrund von Glaubwürdigkeitsverlusten, Kosten für resultierende Erschütte rungen auf den Finanzmärkten etc. einerseits, denen der Gewinn einer unbedeu tenden, wenig ertragreichen Inselgruppe gegenüber stünde, gegen eine solche spre chen würde. Wendt zweifelt dieses Argument an, indem er nicht nur grundsätzlich in Frage stellt, ob die US-Regierung derartig rationale Erwägungen anstellen würde, sondern auch darauf verweist, dass die Frage danach, was als gewinnbringend ange sehen werde, sehr stark kulturbedingt und somit variabel sei. Hierzu zwei Anmerkungen, die für das Modell des interpretativen Realismus von Bedeutung sind. Die Annahme, die US-Regierung folge internalisierten Normen und würde daher ihr nationales Interesse nicht aktiv und planvoll verfolgen, indem sie ihre Möglichkeiten mit den Erwartungen abwöge, erscheint absurd. Die Hand lung eines Akteurs erfolgt niemals, ohne dass ein Mindestmaß an gerichteten Erund Abwägungen stattgefunden hat. Dies gilt insbesondere für so weitreichende Entscheidungen von Staaten, die Krieg und Frieden betreffen. Vielmehr ist an die ser Stelle entscheidend, was in einer konkreten historischen Konstellation von ei nem Akteur als bedeutsam für die nationale Sicherheit erachtet wird. Hier erwähnt Wendt einen wichtigen Punkt, wenn auch darauf verweist, dass die Frage danach, was sich lohne, gesättigt sei mit kulturellen Vorstellungen. Man könnte noch wei tergehen und behaupten, dass die Handlung eines Staates in einer spezifischen his torischen Konstellation darauf beruht, wie er diese Konstellation wahrnimmt. Die Wahrnehmung hierbei ist abhängig von der Sozialisation des Staates, die konkreti siert werden kann als nationale historische Traditionslinien und konkrete Sozialisa tionserfahrungen der für den Staat handelnden Personen. Vor dem Hintergrund individueller und kollektiver Sozialisationen kommt es zu einer bestimmten Inter pretation einer Konstellation auf deren Grundlage eine Kosten-Nutzen-Analyse erfolgt, welche im Handeln des Staates letztlich empirisch erkennbar wird. An die ser Stelle deutet sich das Zusammenspiel von strukturellen und nicht-strukturellen Aspekten an, die von Kenneth Waltz (2001 [1954]) als die drei Images der Lehre 150 der Internationalen Beziehungen beschrieben werden. Die reine Internalisierung der Souveränitätsnorm erscheint nicht als überzeugendes Argument, um die Nicht Invasion der Bahamas durch die USA zu erklären. Die Antwort, welche als ein leuchtender erscheint, wäre dergestalt: Die USA greifen die Bahamas nicht an, weil die Bahamas in der gegenwärtigen Konstellation nicht als Bedrohung oder Heraus forderung für die nationale Sicherheit der USA angesehen werden. Die Bahamas verfügen weder über große Bestände an Öl oder anderen fossilen Energieträgern noch sitzt in Nassau ein US-feindliches Regime, das gerade dabei ist, nukleare Erst schlagwaffen zu entwickeln. Wäre dies der Fall, würde die Anerkennung der natio nalen Souveränität der Bahamas in den Überlegungen der US-Regierung gewiss eine Rolle spielen, jedoch eher eine nachgeordnete. Das Argument Wendts, dass die Bahamas deswegen nicht erobert werden, weil die USA deren Souveränitäts rechte berücksichtigen, ist also nur ein Teil der Erklärung. Die Anerkennung von Souveränität stellt ein wichtiges Hilfsmittel dar, die Anarchie berechenbarer zu ma chen. Jedoch stellt sie für keinen Staat jemals einen wirklichen Schutz dar. Das Ar gument der Souveränität kann sogar dazu benutzt werden, Kriege zu legitimieren. So war es in der Geschichte weniger die Aufrechterhaltung von Völkerrechtsprin zipien um deren Willen letztlich Kriege geführt wurden, auch wenn diese nicht sel ten als Grund genannt wurden, sondern die wie auch immer wahrgenommene Be drohung der nationalen Sicherheitsinteressen. Dies wird etwa im Falle des Befrei ungskrieges um Kuwait deutlich. Obwohl die Verletzung nationaler Souveränität eine Rolle spielte, war es doch erst die (wahrgenommene) Bedrohung nationaler Sicherheitsinteressen, welche zur Invasion führte. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die USA, wie viele andere Staaten auch, haben, obwohl sie selbst die Idee nationa ler Souveränität anerkennen und betonen, immer wieder Souveränitätsrechte ande rer Staaten verletzt, wenn es die eigenen Kapazitäten ermöglichten und es das Kal kül von Aufwand und Ertrag einen solchen Schritt als gerechtfertigt erscheinen ließ. Die entscheidende Frage ist somit nicht die der Internalisierung von Normen, sondern was wann warum als Bedrohung der nationalen Sicherheit wahrgenommen wird und aus welchen Komponenten dieses jeweils besteht. Es bedarf also einer weitergehenden Erklärung, weshalb und unter welchen Bedin gungen internationale Institutionen Anerkennung finden und funktionieren. Wie schon im Rahmen der Auseinandersetzung mit der hobbesianischen Anarchie er scheint auch hier ein Rückgriff auf Überlegungen der Spieltheorie sinnvoll, um die Problematik zu illustrieren. Die Ausgangslage ist hierbei zunächst die gleiche wie oben: Sowohl unter den Bedingungen der hobbesianischen als auch der lockeanischen Anarchie ist es das zentrale Ziel des Staates auf internationaler Ebene, relati ve Gewinne zu erzielen, um gegenüber anderen Staaten relativ an Vorteil zu gewin nen (Axelrod 1984: 7; Harsanyi 1969: 376; Brams/David/Straffin: 1979; Brams 1985a: 139-56; 1985b: 64-78, 86-115; Cioffi-Revilla 1978; Conybeare 1984, 1985; Cooper 1975: 82; Downs/Rocke/Siverson 1985: 127-32; Keohane 1984: 88 f., 103ff.; Laver 1977; Lipson 1984: 8-10; Schelling 1963: 213; Snyder 1971: 67 f., 1984; Snyder/Diesing 1977: 164-80; Stein 1983: 124; Russett 1983: 99-104; Zagare 151 1981: 152-56, 1983: 77-82). Somit ist zwischenstaatliche Kooperation grundsätzlich denkbar, aber nur dann, wenn ein beiderseitiger Gewinn von der Zusammenarbeit erwartet werden kann. Allerdings existieren vielfältige Kooperationshindernissen, insbesondere die Unsicherheit hinsichtlich des Verhaltens anderer Akteure, ein Umstand, der noch dadurch erschwert wird, dass letztlich keine Instrumente exis tierten, glaubhafte und zugleich durchsetzbare Verpflichtungen einzugehen. Zu gleich besteht aber auch keine Möglichkeit, sich der Interaktion mit anderen Staa ten zu entziehen. Unter diesen Bedingungen wächst den Handlungen selbst die zentrale Bedeutung zu, da angesichts der zentralen Unsicherheit Worte allein nur bedingt Gewicht haben. Da Staaten also zur Interaktion gezwungen sind, Interakti on zugleich aber auch stets die eigene existenzielle Bedrohung bedeuten kann, ha ben sich Kooperationsstrategien entwickelt, welche letztlich dazu dienen, die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Axelrod arbeitet vor diesem Hintergrund einige wesentliche Parameter heraus, die im Kontext der Kooperation unter Anarchiebedingungen wesentlich sind. Zu nächst einmal müssen die von den verschiedenen Seiten aus der Kooperation er langten Gewinne nicht einander entsprechen. Auch müssen sie nicht notwendiger weise symmetrisch sein. Allerdings werden die erzielten Gewinne eines Akteurs stets relativ zu den Gewinnen der anderen Akteure bewertet. Die Kooperation zwi schen einzelnen Staaten muss hierbei von dritten Akteuren nicht unbedingt als wünschenswert betrachtet werden. Auf wünschenswerte wie nicht-wünschenswerte Kooperationen können Staaten auf unterschiedliche Weise reagieren. Als zentrale Vorgehensweise unter den genannten Bedingungen hat sich die so genannte Zugum-Zug-Strategie (tit-for-tat) (Axelrod 1984; Walt 1987, 1995) herausgestellt Diese weist vier Hauptcharakteristika auf: 1.) Vermeidung unnötiger Konfrontation durch Kooperation solange der andere Akteur ebenfalls kooperiert, 2.) mögliche Provoka tion des Akteurs durch Abbruch der Kooperation durch die Gegenseite, 3.) Fähig keit zum Verzeihen nach erfolgter Provokation, 4.) Klarheit des Verhaltens, sodass sich der Andere anpassen kann. Gerade der letzte Punkt ist jedoch wiederum mit einer schon an anderer Stelle erwähnten Schwierigkeit behaftet, nämlich der Frage nach der Wahrnehmung und Interpretation von Signalen, die durch den Anderen in einer spezifischen Konstellationslage gesendet werden. Eine Schwierigkeit in Axelrods Ansatz liegt darin, dass er dazu verleiten könnte, den Fokus bei der Ana lyse zwischenstaatlicher Kooperation einzig auf das Problem des Betrügens (cheating) im ,Spiel‘ des Gefangenendilemmas zu legen, so wie es etwa der liberale Institutionalismus gerade in seiner jüngeren Form tut. Dieser nimmt an, dass die zentra le Zielsetzung des Staates als atomistischer Akteur die Erzielung des größtmögli chen individuellen Nutzens ist (Lipson 1984: 2-5; Keohane 1984: 27). 152 Der neorealistische Ansatz geht darüber hinaus, indem er sowohl absolute als auch relative Gewinne in die Analyse einbezieht. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich erklären, weshalb ein Staat, obgleich er absolut ausgedrückt von einer Kooperation profitiert, diese Zusammenarbeit beendet, weil der Andere relativ zum eigenen Staat betrachtet einen höheren Nutzen zieht (Grieco 1996: 152): “ [R]ealists find that the major goal o f states in any relationship is not to attain the highest possible individual gain or payoff. Instead, the fundam ental g o a l o f states in any relationship is to p reven t others from achieving advances in theirrelative capabilitied”(G ti e co 1996: 161; Hervorhebung im Original). Ähnliche Argumente lassen sich in einer Vielzahl realistischer Werke finden. So verweist etwa E. H. Carr (1946: 111) darauf, dass „the most serious wars are fought in order to make one's own country militarily stronger, or, more often, to prevent another from becoming militarily stronger” und Gilpin (1981: 87 f.) zeigt auf, dass das internationale System „stimulates, and may compel, a state to increase its pow er; at the least, it necessitates that the prudent state prevent relative increases in the power o f competitor states”. Staaten können also bewusst darauf verzichten, ihre absoluten Kapazitäten zu erhöhen, wenn dieser Verzicht dazu führt, dass andere Staaten dadurch davon abgehalten werden, selbst in noch höherem Maße durch die Prozesse zu profitieren, die auch die eigenen absoluten Kapazitäten erhöhen wür den. Die Entscheidung dagegen beruht also auf der Sorge vor einer relativen Ent wertung der eigenen Kapazitäten. Den Grund hierfür hat Waltz (1979: 126; vgl. zudem 1986: 334) treffend beschrieben, indem er konstatiert, dass “the first concern of the states is not to maximize power but to maintain their position in the system”. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund gelangt Grieco (1996: 161; vgl. zu dem Waltz 1979: 105) zur Erkenntnis, dass “state positionality may constrain the nillingness o f states to cooperate. States fear that their partners will achieve relatively greater gains; that, as a result, the partners will surge ahead o f them in relative capabilities; and, finally, that their increasingly powerful partners in the present could become all the more formidable foes at some point in the future” . Im neorealistischen Denken werden Staaten also als lagebezogen (positional) be trachtet, das heißt Staaten nehmen sich stets relativ zu anderen Staaten wahr, wobei Staaten Grieco zufolge regelmäßig die möglichen Gewinne im Auge haben, welche die anderen Staaten des Systems erlangen könnten (vgl. hierzu auch Galtung 1964; Rummel 1972; Wallace 1972; Organski/Kugler 1980; Schelling 1963: 89-118; Stein 1983: 125 ff.; Conybeare 1984; Snidal 1985: 931-936). Der Grund hierfür liegt in der von der anarchischen Systemstruktur ausgehenden Unsicherheit, was wiederum bedeutsame Auswirkungen auf das zwischenstaatliche Kooperationsverhalten hat. Zur Verdeutlichung soll dieses wichtige Argument an dieser Stelle formal nachvoll zogen werden (vgl. hierzu Grieco 1996): Ein Staat A erlangt einen spezifischen Mehrwert durch die Zusammenarbeit mit Staat B. Der absolute Nutzen U ergibt sich somit aus der Summe des Mehrwertes, den A selbst generiert (V) und dem, welcher der Kooperationspartner einbringt (W). Somit ergibt sich 153 U = V + W (0) Da jedoch, wie erwähnt, aus realistischer Sicht davon auszugehen ist, dass unter der Systemstrukturbedingung der Anarchie jeder Staat eher nach höheren als niedrige ren absoluten Gewinnen für sich strebt und zugleich eher kleinere als größere Ab stände zwischen dem eigenen Mehrwert und dem des Partners bevorzugt, wenn diese den Kooperationspartner begünstigen, wobei Lücken zum eigenen Vorteil gerne gesehen sind (wenngleich nicht notwendigerweise aktiv danach gestrebt wird), ist es erforderlich, die Formel entsprechend anzupassen, sodass sich U = V-k (W-V) mit k > 0 (1) ergibt. U steht hierbei für die Nützlichkeit (utilitj), mit welcher die Kooperation ei nes Staates A mit einem anderen Staat B durch A bewertet wird. Der individuelle Mehrwert aus der Kooperation für A wird durch V widergegeben und verweist auf die Annahme, dass Staaten zunächst einmal von absoluten Gewinnen motiviert werden. Berücksichtigt man nun den individuellen Mehrwert des Kooperations partners W, so kann gezeigt werden, dass Mehrwertunterschiede, die A favorisie ren, die Nützlichkeit erhöhen, wohingegen solche, welche B favorisieren, U von A reduzieren. Ein wichtiger Faktor ist hierbei k, der Koeffizient zur Darstellung der Sensitivität von A hinsichtlich der Mehrwertunterschiede vis-a-vis B. Wie erwähnt lässt sich nun das klassische Gefangenendilemma, das auf der Unkenntnis des Ver haltens des jeweils anderen Spielers bei mangelndem wechselseitigem Vertrauen unter den Systemstrukturbedingungen der Anarchie beruht, modifiziert werden. Die obige Gleichung (1) U = V-k (W-V) mit k > 0 (1) lässt sich als U = ( 1 + k ) V - k W mit k > 0 (2) umformulieren. Auf diese Weise wird das Gefangenendilemma so erweitert (Abbil dung 6), dass beide im realistischen Denken postulierten Aspekte, nämlich einer seits die spezifischen Präferenzen von Staaten in Situationen gemischten Interesses (mixed interest situationP-1') und andererseits das Problem relativer Gewinne für inter nationale Zusammenarbeit, zugleich Berücksichtigung finden. Wird nun diese all gemeine Formel (2) herangezogen und V und W durch die ihnen entsprechenden Werte aus einer 2x2-Matrix ersetzt, lässt sich die Matrix in Form des Gefangenendi lemmas in der nachfolgenden Grafik aufzeigen. Unter sogenannten mixed-interest situations werden solche Situationen verstanden, in denen die Struktur des Gewinns bei Spielern sowohl ein Interesse zugunsten kooperati ven und nicht-kooperativen Verhaltens mit sich bringt. 154 Staat B C* D* Staat A C (1 + k)R-kR*, (1 + k*)R*-k*R (1 + k)S-kT*, (1 + k*)T*-k*S D (1 + k)T-kS*, (1 + k*)S*-k*T (1 + k)P-kP*, (1 + k*)P*-k*P Annahmen: T>R>P>S; R>(T+S)/2 Abbildung 6: Modifiziertes Gefangenendilemma-Spiel, nach: Grieco (1988: 609) Dort sind R, S, T und P sowie R*, S*, T*und P* die klassischen Rapoport Gewinn Reichweiten für die Staaten A und B; k und k* sind dabei ihre jeweiligen Sensibili tätskoeffizienten hinsichtlich der entstehenden Lücke zwischen den Gewinnen von A und B. Zieht man die charakteristische Rangfolge von Ergebnissen heran, wie sie Spieler regelmäßig erstellen, und nimmt A als Beispiel, so lässt sich folgendes kon statieren: [(1 + k)T-kS*] > [(1 + k)R-kR*] > [(1 + k)P-kP*] > [(1 + k)S-kT*] (3) Diese Aussage (3) definiert die charakteristische Ungleichheit für ein erweitertes Gefangenendilemma-Modell, indem es die Bedenken des Staates A bezüglich der relativen Gewinnzuwächse bei seiner interdependenten Abwägung seiner Entschei dung zugunsten von Kooperation oder Nicht-Kooperation deutlich macht und be rücksichtigt. Zugleich gilt: Falls die Verteilung der Mehrwerte oder der Wert k oder eine Kombination aus beiden Staat A dazu veranlasst, dass kein Problem kol lektiven Handelns vorliegt, weil der Staat bei gegenseitiger Nicht-Kooperation bes ser dasteht als bei gegenseitiger Kooperation, dann sieht sich Staat A in einem Blo ckade-Zustand, der sich formal als [(1 + k)T-kS*] > [(1 + k)P-kP*] > [(1 + k)R-kR*] > [(1 + k)S-kT*] (4) fassen lässt. (4) stellt somit ein erweitertes Blockade-Spiel (Deadlock Game) dar. Vergleicht man (3) und (4), so zeigt sich, dass der wesentliche Unterschied in der Vertauschung der mittleren Terme der beiden Aussagen über Ungleichheit besteht. Die alles entscheidende Erkenntnis in diesem Zusammenhang ist, dass die Bewer tung seitens des Staates A, ob sich dieser in der Situation eines (modifizierten) Ge fangenendilemmas, wo Kooperation schwierig aber grundsätzlich möglich ist, oder einer (modifizierten) Blockade befindet, wo Kooperation nicht möglich ist, einer seits von der Sensibilität von A gegenüber den Mehrwertslücken (also k) und ande rerseits von der Differenz bei den R und P Gewinnen, die von A beziehungsweise B erzielt werden, abhängt (Grieco 1988: 609). 155 Durch eine Umformulierung des modifizierten Gefangenendilemmas beziehungs weise der modifizierten Blockade, tritt dieser Umstand deutlich zutage: [(1 + k)T-kS*] > (R + kAR] > (P+kAP] > [(1 + k)S-kT*] (5) und [(1 + k)T-kS*] > (P + kAP] > (R+kAR] > [(1 + k)S-kT*] (6) wobei AR = R- R* und AP = P-P*, was auf die Mehrwertlücken aus gegenseitiger Kooperation und Nicht-Kooperation verweist. Der unmittelbare Effekt des Fak tors relativer Gewinne auf zwischenstaatliche Kooperation kann schließlich genau dargestellt werden, indem beide Gleichungen, welche diese Ungleichheiten unter scheiden, nach k aufgelöst werden. Löst man beispielsweise (6) nach k auf, so zeigt sich, dass Staat A die Situation als modifizierte Blockade wahrnimmt, wenn k > (R-P) / (AP-AR) (7) Geht man davon aus, dass bei einem Staat ein spezifischer Grad an Sensibilität ge genüber Mehrwertlücken ebenso besteht wie ein Maximalwert für den Mehrwert, den Staat A bereit ist, einen Staat B im Zustand gegenseitiger Nicht-Kooperation erzielen zu lassen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass (7) zutrifft in dem Maße an, wie AR abnimmt. In diesem Fall nämlich wirkt sich die erwartete Mehrwertlü cke im Falle wechselseitiger Kooperation in wachsendem Maße gegen Staat A und zugunsten von Staat B aus. Wenn AR in hinreichendem Maß abnimmt, wird Staat A den Annahmen von (7) folgend sich als in einer Blockadesituation befindlich wahrnehmen und die Kooperation beenden. Mit anderen Worten können sich Ko operationen, deren Kooperationsgewinne eine Seite gegenüber der anderen bevor teilen, zum Ende der Kooperation führen. Ein Problem bei der genauen Bestimmung derartiger Bruchpunkte lag lange Zeit darin, dass der Koeffizient für die Sensibilität von Staaten gegenüber Mehrwertlü cken k als Konstante betrachtet wurde. Erst durch Grieco (1988) wurde diese Kon stante k als Variable K definiert. Dieser Sicht ist entscheidend, da Veränderungen in der Größe von K einen wesentlichen Einfluss auf die Bewertung einer internati onalen Situation als modifiziertes Gefangenendilemma oder aber als modifizierte Blockade haben können. Allgemein lässt sich daher feststellen, dass K ausdrückt, wie ein Staat den Effekt einer im Rahmen der Kooperation mit einem anderen Staat entstandene Mehrwertlücke hinsichtlich seiner eigenen relativen Kapazitäten (und somit letztlich für seine Sicherheit und sein Überleben im anarchischen inter nationalen System) bewertet. Beim Sensitivitätskoeffizienten K handelt es sich also um die Einschätzung eines Staates, welche Auswirkung hinsichtlich der eigenen Machtkapazitäten die im Rahmen von Kooperationen entstehenden Mehrwertun terschiede relativ zu den Kooperationspartnern haben (vgl. Lass well/Kaplan 1950: .83 ff.; Dahl 1957: 203; Baldwin 1971: 585; Waltz 1979: 191 f.). K kann sich also verändern, wobei stets gilt K > 0, da auch bei Verbündeten im Kontext von 156 Anarchie ein Risiko bestehen bleibt. Zugleich gilt: Je niedriger Vertrauen und Ko operation, desto höher wird der K-Wert. Dies ist aus Sicht des interpretativen Rea lismus von besonderer Bedeutung, denn gerade die Erkenntnis Griecos, dass der Sensibilitätskoeffizient eine Variable ist, zeigt die große Bedeutung des Faktors Wahrnehmung auf, die ein Staat innerhalb einer spezifischen Systemstruktur von dieser wie auch der konkreten Systemkonstellation hat. In diesem Zusammenhang ist es somit wichtig, jene Faktoren näher zu betrachten, welche den K-Wert beein flussen können. Zusammenfassend gesagt bewirken folgende Aspekte hohe K- Werte, also eine hohe Sensibilität für entstehende Mehrwertlücken: 1.) mit dem ko operierenden Staat B verbindet A eher eine Vergangenheit als Rivalen und weniger als Verbündete, zudem hat B den Ruf, kooperative Arrangements zu seinen Guns ten auszunutzen 2.) der Kooperationsgegenstand betrifft eher Fragen der militäri schen Sicherheit als der ökonomischen Wohlfahrt (Jervis 1983: 174 f.; Lipson 1984), 3.) durch die Kooperation verliert B relativ zu A an Macht, auch wenn A in absoluten Zahlen etwas dazu gewinnt, 4.) es entstehen durch die Kooperation neue Machtkapazitäten und 5.) diese lassen sich eher leicht als schwierig auf andere Be reiche als diejenige, welche die Kooperation betrifft, übertragen. Insbesondere im Laufe der Zeit können Staaten lernen, wie sie derartige Mehrwertunterschiede in reale Machtmittel überführen können; langfristige Zusammenarbeit selbst kann aus dieser Perspektive heraus somit wieder zum Risikofaktor werden (Grieco 1988: 610 ff., 1996). Staat B (1) Ohne Wiederholung (einmaliges Gefan^enendilemma) (2) Mit Wiederholung (w=95) (iteriertes Gefan^enendilemma) C* D* C* D* Staat A C 7-10,7-10 0-1 ,11-12 140-200, 140-200 0-20, 220-240 D 11-12,0-1 5-6, 5-6 220-240, 0-20 100-120,100-120 A bb ildung 7: G efangenend ilem m a m it R eichw eiten der R atio -L evel G ew inne, nach: G rieco (1998): 612 Um aufzuzeigen, wie sich eine Veränderung von K auswirkt, soll nochmals eine Situation gemischter Interessen angenommen werden, in der sich die Staaten A und B befinden. Die Tabelle in Abbildung 7 zeigt sowohl ein Spiel ohne Wiederholung (1) an als auch die Werte eines kompletten iterierten Spiels. Sowohl Staat A als auch Staat B können den minimalen oder maximalen Gewinn realisieren oder aber jed weden dazwischenliegenden Wert innerhalb der entsprechenden Zelle. Zugleich beeinflusst der erzielte Gewinn des einen Staates innerhalb einer Zelle nicht den Gewinn des anderen Staates innerhalb derselben Zelle. Aufgrund der anarchischen 157 Systemstruktur und der durch sie generierte Unsicherheit kann davon ausgegangen werden, dass jeder Staat sehr vorsichtig agieren wird und daher jeder Staat für sich den niedrigsten und zugleich für den Kooperationspartner den höchsten Wert an nimmt. Somit geht A davon aus, 140 Einheiten an Mehrwert durch die Kooperati on zu erzielen, während es bei B 200 sind. Zugleich nimmt A an, dass Nicht Kooperation zu 100 Einheiten an eigenem Mehrwert führt, während es bei B 120 sind. Fall Sensibilitätskoeffizient K des Staates A Für Modifiziertes Gefangen endilemma gilt: R + KAR > P + KAP gemäß (5) Bewertung der Si tuation durch Staat A (a) 2,0 Nein Mod. Blockade (b) 1,0 Ja Kein Spiel (c) 0,9 Ja Mod. Gefangenendi lemma Annahmen für iterierte Gewinne: R=140; R*=200; P=100; P*=120 Anmerkung: Fall (b) stellt den Grenzfall zwischen modifizierter Blockade und modifiziertem Gefangenendi lemma dar, wo gilt: K=(R-P)/(AP-AR) Abbildung 8: Bewertung der Situation durch Staat A: Auswirkung der Veränderungen des Sensibilitätskoeffizienten K, nach: Grieco (1988): 613 Dennoch ist die Situation aus Sicht von A eindeutig ein Gefangenendilemma und (ohne die Gewinne von B weiter zu berücksichtigen, also lediglich unter Beachtung des Vergleichs der Gewinne beim Vergleich der eigenen Zellen), liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass A sich im Rahmen eines wiederholten Spiels und einer zur Anwendung gebrachten Zug-um-Zug-Strategie (tit-fot-tat), zur Koopera tion entschließt. Berücksichtig man allerdings den Mehrwertlückensensibilitätskoef fizienten, dann kann sich die Lage anders darstellen. Je nachdem, wie dieser sich darstellt, kann sich die Bewertung der Lage von einem Gefangenendilemma hin zu einer Blockade verschieben. Wie Abbildung 8 zeigt, verursacht die spezifische Ver teilung von Gewinnen, die angenommen wird um das Spiel zu charakterisieren, ei nen Wert von K=1 als Grenzwert hinsichtlich der Sensibilität des Staates A gegen über Mehrwertlücken. Ist der Wert von K kleiner als 1, sieht sich A in der Situation eines modifizierten Gefangenendilemmas, sodass A unter Umständen zur Koope ration bereit ist. Liegt der K-Wert genau bei 1, ist der erwartete Nutzen der Koope ration genauso hoch wie der einer gegenseitigen Nicht-Kooperation; somit ist es schwierig, das Verhalten von A zu prognostizieren. Bei einem Wert von K, der 158 größer als 1 liegt, sieht sich A in einer Blockadesituation, was zu einer Entschei dung gegen Kooperation führt. Neben diesen Erkenntnissen hat sich ferner gezeigt, dass eine Herabsenkung inak zeptabler Abstände von relativen Gewinnen des anderen zu Lasten der absoluten Gewinne geht, die jeder der beteiligten Staaten machen könnte, durchaus als Lö sung für das Problem gesehen werden kann; mit anderen Worten bedeutet das, dass jeder der Kooperationspartner bereit sein, auf absoluten Gewinne in einer be stimmten Größenordnung zu verzichten, wenn er dafür die Möglichkeit erhält, den maximal möglichen Abstand der relativen Gewinnen zu reduzieren. Zwar wird die Kooperation auf diese Weise rechnerisch weniger effizient, jedoch gleicher. Aus realistischer Sicht heraus, also unter Annahme der hobbesianischen wie lockeanischen Anarchiebedingung, besteht die Gefahr eines Verlustes der staatlichen Exis tenz oder wenigstens der staatlichen Unabhängigkeit und Souveränität somit stets fort. Das gilt nicht nur trotz Kooperation, sondern unter Berücksichtigung speziell der relativen Gewinnproblematik, auch gerade wegen dieser. Denn ein durch die Kooperation im relativen Maße gestärkter Partner kann der Logik der Anarchie folgend auch zum dann starken Gegner werden. Dieser Gefahr entgegenzuwirken gelingt aus realistischer Sicht heraus dadurch, dass eine größere Anzahl von Koope rationspartnern eingebunden wird, da sich eventuell entstehende relative Vorteile anderer Staaten durch die permanente Konkurrenz eher klein halten (Grieco 1996: 167). Allerdings ist das Wesen der auf dieser Grundlage entstehenden institutionel len Arrangements differenziert zu betrachten. Dies gilt insbesondere, wenn man sich die Idee vor Augen führt, welche im Liberalen Institutionalismus damit ver bunden wird. Denn während im Realismus bereits in der Existenz von Kooperati on und damit verbundenen Institutionen eine zumindest potenzielle elementare existenzielle Gefahr gesehen wird, verbindet das (neo-)liberale Denken mit Institu tionen letztlich nur Vorteile; einzig das Fehlen derartiger Arrangements wird als problematisch empfunden. Folgerichtig sieht der Liberalismus Institutionen als auf Dauer angelegt an, um über die Erreichung vergleichbarer absoluter Gewinne auf beiden Seiten international Berechenbarkeit und Stabilität zu gewähren. Um diesen Effekt noch zu verstärken, sollen die Institutionen möglichst so angelegt sein, dass ein Austritt mit möglichst hohen Kosten verbunden ist. Auch werden institutionel le Verbindungen über möglichst viele Felder und Bereiche hinweg angestrebt. Je engmaschiger und dichter die wechselseitige Verflechtung und je dauerhafter die Institution, auf welcher die Verflechtungen basieren, desto weniger Misstrauen und desto intensiver die Kooperation und somit Stabilität im internationalen System. Dies gilt umso mehr, wenn die Institutionen reale und durchsetzbare Mechanismen von Compliance und Sanktionierung gegenüber Staaten aufweisen, die gegen die institutionellen Regeln verstoßen (Keohane, 1984: 91-92, 103-6; Axelrod and Keohane, 1985: 239-43). 159 Doch, wie gezeigt, reicht im Zustand der hobbesianischen und auch lockeanischen Anarchie das Vertrauen hierzu nicht aus. Die institutionellen Arrangements zur Kooperation sind nur lose, nicht auf Dauer angelegt und mit niedrigen Ausstiegs kosten verbunden. Um vor dem Hintergrund der Problematik relativer Gewinne Kooperation zu erklären, die trotz bestehender Hindernisse etwa in Form von Ge fangenendilemmata erkennbar ist, ist es erforderlich, den bereits oben eingeführten Koeffizienten in das Modell des Gefangenendilemmas einzubinden und dieses ent sprechend zu erweitern, wie Grieco (1988) das getan hat. Mit Blick auf die hier un ternommene Modellbildung ist eine Darlegung der Argumente Griecos erforder lich, um die Systemstruktur und die ihren Subvarianten jeweils innewohnende Lo gik zwischenstaatlichen Handelns weiter herleiten zu können. Wie aufgezeigt wer den internationale Institutionen aus realistischer Sicht als problematisch bewertet, weil durch die durch sie begünstigte Zusammenarbeit unterschiedliche relative Ge winne entstehen können und die hierbei auftretenden Abstände als Gefährdung für eigene nationale Interessen betrachtet werden. Sollen internationale Institutionen also unter ausgeprägten Anarchiebedingungen effizient funktionieren und die Logik der reinen Anarchie mäßigen, dann müssen sie in der Lage sein, möglichst hohe absolute Gewinne für alle Teilnehmerstaaten zu ermöglichen und gleichzeitig die Abstände zwischen den relativen individuellen Gewinnen so niedrig wie möglich halten. Nur auf diese Weise lässt sich Kooperation als vorteilhafte Option gegen über der Entscheidung zu Gunsten von Nicht-Kooperation darstellen. Institutio nen unter den genannten Bedingungen können somit eine Modifikation der Sys temstruktur ergeben, wie sie von Wendt in der Transformation von der hobbesianische zur lockeanischen Anarchieausprägung beschrieben wurde. Die Frage, welche sich nun stellt, ist ob eine weitere Transformation in einen Zustand möglich ist, welchen Wendt als Kantianische Anarchie bezeichnet. Kantianische Anarchie, Sicherheitsgemeinschaftund Hierarchie im Internationalen System Wie sich gezeigt hat, ist Selbsthilfe und das Streben nach relativen Gewinnen aus realistischer Sichtweise ein notwendigerweise aus der anarchischen Struktur der globalen Systems erwachsendes Konzept. Diese unbedingte Notwendigkeit wird jedoch von Theoretikern konkurrierender Denkrichtungen in den Internationalen Beziehungen nicht immer akzeptiert. So stellen Anhänger der kritischen Theorie der internationalen Beziehungen unter Berufung etwa auf das Konzept der staatli chen Identität die zentrale realistische Grundannahme, wonach es im internationa len System automatisch zu einem Selbsthilfeverhalten kommt, in Frage und be haupten, dass es vielmehr auch zu einer Verhaltensform kommen kann, welche Ausdruck von echter Freundschaft unter Staaten ist und somit die Logik der Anar chie durchbricht. 160 In diesem Zusammenhang drängt sich allerdings zunächst einmal die Frage auf, was — abseits der politischen Rhetorik auf Seiten von Medien oder Regierungsver tretern — unter zwischenstaatlicher Freundschaft zu verstehen ist. Hierbei lässt sich feststellen, dass dieses Thema insbesondere in konzeptueller Hinsicht bislang nur wenig tiefergehende Behandlung im Kontext von Theoriebildung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen erfahren hat (Berenskoetter 2007: 648, 650). Geht man davon aus, dass sich Freundschaft im weitesten Sinne als Beziehung beschrie ben lässt, welche kognitive und emotionale Bedürfnisse befriedigt und durch ge genseitiges Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit, Akzeptanz und Loyalität charakteri siert ist, dann zeigen sich bereits erste Schwierigkeiten für die Idee von Freund schaft zwischen Staaten. Dies gilt insbesondere, wenn man sich vor Augen führt, dass auf dieser Grundlage auch Authentizität, gegenseitiges Verständnis und auf rechter und selbstloser Einsatz für den anderen, den befreundeten Staat, basieren müssten (Allen 1989; Fehr 1996; Pahl 2000). Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist zudem die Bewertung des Konzepts der Freundschaft als Ge genentwurf zur kantianischen Ethik des Konsequentialismus und des Utilitarismus (Berenskoetter 2007: 648; vgl. ferner Blum 1993; Jollimore 2001), gerade auch weil Alexander Wendt die Manifestation zwischenstaatlicher Freundschaft gerade im Konzept Kantianischer Anarchie vermutet. Allerdings beruht auch diese Variante der Anarchie auf der Vorstellung von Staaten, welche im Prinzip das eigene Über leben als grundlegendes Ziel verfolgen (müssen) (Wendt 1999: 198, 209). Worin unterscheidet sich also die Kantianische Anarchie von der hobbesianischen und der lockeanischen Form? Welche Konsequenzen hat die dieser Variante innewohnende Logik für die gegenseitige Wahrnehmung beziehungsweise darauf basierend das gegenseitige Verhalten von Staaten? Und inwiefern kann sich die Idee der zwi schenstaatlichen Freundschaft dabei als tragfähige argumentative Größe behaup ten? Dass die Kantianische Kultur der Anarchie auf der Idee zwischenstaatlicher Freundschaft beruht, mutet nicht nur vor dem berühmten Diktum General de Gaulles, demzufolge Staaten nur Interessen, aber keine Freunde hätten, irritierend an. Was also ist aus Alexander Wendts Perspektive heraus unter Freundschaft zwi schen Staaten zu verstehen? Für Wendt stellt Freundschaft eine Rollenstruktur dar, die durch zwei grundlegende Annahmen charakterisiert ist: 1.) Auseinandersetzun gen werden ohne die Androhung oder Durchführung von Krieg gelöst und 2.) soll te die Sicherheit eines der sich als Freunde verstehenden Staaten durch eine dritte Partei bedroht werden, werden die befreundeten Staaten zusammenhalten, um die Sicherheit des bedrohten Staates zu gewährleisten. Diese beiden Aspekte lassen sich auch als Regeln des Umgangs unter Freunden begreifen, sozusagen als Regel des Gewaltverzichts sowie als Regel gegenseitigen Beistandes. Diese beiden Regeln werden von Wendt als unabhängig voneinander, jedoch dabei gleichermaßen be deutsam beschrieben. Denn theoretisch wäre es ja möglich, dass bestimmte Staaten untereinander auf Gewalt verzichten, ihnen das Schicksal des oder der jeweils ande ren nicht weiter tangiert. Ebenso wäre es denkbar, dass Staaten zwar gemeinsam 161 gegenüber Drittstaaten auftreten, innerhalb ihrer Beziehung jedoch einander durch aus gewaltbereit sind. Zwischenstaatliche Freundschaft im Sinne Wendts setzt so mit voraus, dass beide Aspekte gleichermaßen erfüllt sind. Hierbei ist anzumerken, dass Freundschaft laut Wendt lediglich den Bereich der nationalen Sicherheit be rührt (Wendt 2004: 198 f.). Der wohl wichtigste Hinweis, den Wendt bezüglich sei nes Konzepts der Freundschaft unter Staaten gibt, betrifft den Gegenstand der Freundschaft in Verbindung mit ihrem Zeithorizont. So wird Freundschaft als prinzipiell mit offenem Ende verstanden — bis hin zur möglichen Ewigkeit. Hierin liegt der fundamentale Unterschied zur Allianz. Zwar weisen auch Allianzpartner prinzipiell das gleiche grundlegende Rollenverhalten auf, jedoch ist die Lebensdauer einer Allianz an die Existenz eines konkreten Zwecks gebunden: “Allies engage in the same basic behavior as friends, but they do not expect their relationship to continue indefinitely. An alliance is a temporary, mutually expedient arrangement within rivalry, or perhaps enmity, and so allies expect to eventually revert to a condition in which war between them is an option - and will plan accordingly. Friends may o f course have a falling out, but their expectation up front is that the relationship will continue” (Wendt 2004: 199). Anders als im Selbsthilfesystem der Hobbesianischen Anarchie, wo jegliche Art von kooperativen Arrangement möglichst lose und mit niedrigen Ausstiegskosten verbunden sein soll und selbst Institutionen nur so lange als tragfähig und akzepta bel angesehen werden, wie die relativen Kooperationsgewinne nicht zu weit ausei nanderklaffen, beziehungsweise im System institutioneller Absicherung von Souve ränität, basiert die Kooperation im Bereich der Kantianischen Anarchie auf einer auf Dauer angelegten Internalisierung der beiden oben erwähnten Grundregeln zwischenstaatlicher Freundschaft durch die Akteure. Mit diesem Ansatz nähert sich Wendt stark dem Konzept der Security Community an, das zunächst in den 1950er Jahren von Richard van Wagenen umrissen und schließlich 1957 von Karl Deutsch erstmals auf grundlegende Weise theoretisch wie empirisch behandelt wurde. Hier bei gilt es allerdings zu beachten, dass das prinzipielle Konzept der Sicherheitsge meinschaft selbst in drei Varianten unterschiedlicher Kohäsionsgrade auftritt, die sich in wesentlichen Gesichtspunkten voneinander unterscheiden. Wendts Konzept der Kantianischen Anarchie entspricht hierbei nur einer der Ausprägungen der Si cherheitsgemeinschaft. Die anderen Varianten sind indessen geeignet, eigene Logi ken zu entfalten, weshalb sie einen eigenständigen Platz auf einem Kontinuum zwi schen vollkommener Anarchie und vollkommener Hierarchie einnehmen. Ausgehend von der Beobachtung, dass es schon immer Paare beziehungsweise Gruppen von Staaten gegeben habe, deren Beziehungen durch friedliche Konflikt beilegung gekennzeichnet gewesen seien, entwickelten Deutsch und seine Kollegen einen Ansatz, demzufolge nicht nur die Interaktion zwischen den Staaten im Sinne von black, boxes zur Analyse der internationalen Beziehungen herangezogen werden dürften, sondern auch deren „peoples, communities, or identitive groupings” (Puchala 1981: 151). Deutsch zufolge könnten internationale Beziehungen über haupt nur begriffen werden, wenn man verstünde „how peoples receive each other, 162 feel about each other and the degree to which they respect and trust each other” (Puchala 1981: 151). Ein wesentlicher Aspekt in Deutschs Theorie, die vor allem auf die „sentimental relations” (Puchala 1981: 151). zwischen den verschiedenen Staatsvölkern abzielte, war somit der Grad ihrer gegenseitigen Identifikation mitei nander. Doch was meinte Deutsch mit der gegenseitigen Identifikation von Staaten und ihren Bewohnern, und wie konnte eine solche überhaupt erst entstehen? Für Deutsch war die Kommunikation zwischen den einzelnen Staaten die entscheiden de Größe. Erst Kommunikation ermöglichte, dass stabile und friedliche Beziehun gen zwischen Staaten überhaupt entstehen konnten. Vor diesem Hintergrund ver band Deutsch die Entwicklung einer internationalen Gemeinschaft mit der Trans formation der Sicherheitspolitik. Um Deutschs Überlegungen richtig verstehen zu können, ist es zunächst erforder lich, sich mit seiner speziellen Terminologie vertraut zu machen. Zunächst einmal unterscheidet Deutsch (1961) zwischen den Begriffen Gemeinschaft im Allgemei nen (community), politischer Gemeinschaft (political community) und Sicherheitsge meinschaft (security community). Gemeinschaft im Allgemeinen ist für Deutsch cha rakterisiert durch die Existenz einer signifikanten Menge von Transaktionen sowie einer signifikanten Menge von Personen, die über spezifische Gemeinsamkeiten verfügen und sich ihrer selbst und des anderen als Gruppe bewusst sind. Politische und Sicherheitsgemeinschaften weisen zudem eine weitere Eigenschaft auf: In bei den besteht die Möglichkeit, Entscheidungen effektiv durchzusetzen. Während eine politische Gemeinschaft dabei grundsätzlich auch auf Instrumente wie Gewalt oder deren Androhung zurückgreifen kann, besteht diese Möglichkeit in einer als security community charakterisierten Gemeinschaft nicht. Vielmehr verbindet sich mit der Sicherheitsgemeinschaft die stabile Erwartung von Frieden zwischen den einge schlossenen Einheiten. Beim vor ebendiesem Hintergrund vorgenommenen Ver such, Sicherheitsgemeinschaft zu definieren, greift Deutsch auf Richard W. Van Wagenen (1952: 10 f.) zurück, der sich bereits einige Jahre zuvor mit dem Phäno men auseinandergesetzt hatte: “A security community is considered to be a group which has become integrated, where integra tion is defined as attainment o f a sense o f community, accompanied by formal or informal insti tutions or practices, sufficiently strong and widespread to assure peaceful change among members o f a group with ‘reasonable’ certainty over a ‘long’ period o f time”. Wie aber entstehen Sicherheitsgemeinschaften und welche Alternativen bestehen für Integrationsprozesse im internationalen System? Ein Ansatz, der von Deutsch beschrieben wird, ist das dem Bereich der (Sozial-)Psychologie entstammende Konzept des Kole Taking. Hierbei kommt es durch die sukzessive voranschreitende Verwendung gleicher Handlungs-, Denk- und Gefühlsmuster zwischen den einzel nen Akteuren und die dadurch gesteigerte Akzeptanz des Anderen allmählich zur Herausbildung einer gemeinsamen Identität. Ein alternativer Ansatz wäre die A ssi milation. Dieses Konzept beschreibt einen Prozess, in dem die teilnehmenden Ak teure, seien sie Individuen oder politische Kollektive mittels geteilten kulturellen 163 Lernens beziehungsweise Verlernens, also die Internalisierung gemeinsamer und die gleichzeitige Eliminierung differierender Verhaltensmuster, einander immer weiter annähern. Bei diesem Ansatz allerdings besteht, wie auch Deutsch einräumt, die Möglichkeit, dass sich regionalistische, nationalistische oder sezessionistische Tendenzen entwickeln. Eine solche Gefahr besteht auch bei einem weiteren Kon zept der Gemeinschaftsbildung, nämlich dem der gegenseitigen Abhängigkeit (mutual dependency). Dieses Konzept beschreibt ein Muster von wie auch immer gear teter (und keineswegs nur im ökonomischen Sinne zu verstehender) Arbeitsteilung zwischen politisch getrennten, jedoch hochgradig spezialisierten beziehungsweise diversifizierten Einheiten, wobei sich nicht selten ein Ungleichgewicht mit Blick auf die beteiligten Akteure feststellen lässt. In diesem Kontext treten die Annahmen der lockeanischen Anarchie und des dem (neo-)liberalen Institutionendenken ent stammende Interdependenzideals zu Tage. Dies gilt in ähnlicher Form für ein wei teres Konzept, wo weder Abhängigkeit noch Verschmelzung eine Rolle spielen, nämlich der M utual Kesponsiveness. Dieser Ansatz zielt auf das aktive und bewusste aufeinander eingehen zwischen den Akteuren ab. Es geht also darum, politische Gewohnheiten, Praktiken und Institutionen zu entwickeln oder anzunehmen, die geeignet sind, um Wesen und Handeln des Anderen richtig zu interpretieren, seine Empfindlichkeiten zu erkennen und seine Interessen zu verstehen. Die genannten Ansätze unterscheiden sich alle grundlegend von einer Strategie schlichter Befriedung (Simple Pacification). Zwar zielt auch dieses Konzept mit seinen Maßnahmen wie Abschwörung von Krieg, Abrüstung und nicht selten die zwangsweise Einführung einer pazifistischen Ideologie auf ein friedliches Mitei nander in der Staatenwelt ab. Die Schwierigkeit dabei freilich ist, dass nicht zuletzt aufgrund der ungleich verteilten Definitionsmacht viele Konflikte nicht wirklich gelöst und vor allem den eigentlichen Bedürfnissen der Akteure nicht Rechnung getragen wird. Unter Rückgriff auf die hier aufgeführten Ansätze entwickelte Deutsch sein Konzept der Security Community, wobei sich zwei Varianten unter scheiden lassen, nämlich die amalgamierte und die pluralistische Sicherheitsgemein schaft. Letztere wurde später durch Adler/Barnett (1998b) wiederum in eine lose und eine eng verknüpfte Variante unterteilt. Wie sich zeigt, entspricht lediglich die lose verbundene Sicherheitsgemeinschaft den Prämissen von Wendts Kantianischer Anarchie. Hierbei ist es zunächst wichtig zu konstatieren, dass die Souveränitäts rechte auch innerhalb einer pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft fortbestehen und ihre Wahrung zentral ist (Deutsch et al. 1957). Anders als unter den Bedingun gen Hobbesianischer und Lockeanischer Anarchie beruht die Sicherstellung des eigenen staatlichen Überlebens und die Wahrung der eigenen Souveränität nicht auf machtbasierter Abschreckung oder institutionellen Arrangements, sondern auf dem den Akteuren gemeinschaftlich innewohnenden Verständnis, dass es selbstver ständlich ist, den Anderen als unverletzlich zu respektieren (Deutsch 1953, 1954, 1964a, b, c, d, 1970; Deutsch et al. 1957). Adler und Barnett (1998a:) führen hierzu näher aus, dass 164 “ [t]hese states within a pluralistic security community possess a compatibility o f core values derived from common institutions, and mutual responsiveness - a matter o f mutual identity and loyalty, a sense o f ‘we-ness,’ and are integrated to the point that they entertain ‘dependable expectations o f peaceful change’.” Das Gefühl, voreinander sicher zu sein, geht also nicht von einer übergeordneten Zentralmacht aus, einer Art Leviathan des internationalen Systems, sondern es be ruht vielmehr auf der gemeinsam geteilten Annahme, dass der andere keine feindli chen Absichten hegt: “Real assurance here comes not from a Leviathan who enforces peace through centralized power (an ‘amalgamated’ security community), but from shared knowledge o f each other's peaceful intentions and behavior” (Wendt 2004: 299). Aufbauend auf der von Karl W. Deutsch seinerzeit hergeleiteten Charakterisierung einer pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft entwickeln Emanuel Adler und M i chael Barnett ein Rahmenwerk für die Untersuchung von pluralistischen Sicher heitsgemeinschaften unter heutigen Bedingungen (Adler/Barnett 1998 b). Sie defi nieren — unter Verweis auf Deutsch, aber auch mit einem Anklang an John Ruggie — eine pluralistische Sicherheitsgemeinschaft grundsätzlich als eine „transnational region comprised o f sovereign states whose people maintain dependable expectations of peaceful change. Pluralistic security communities can be categorized according to their depth of trust, the nature and degree o f institutionalization o f their governance system, and whether they reside in a formal anarchy or are on the verge o f transforming it. These categories provide the basis for distinguishing between two ideal types, loosely and tightly coupled plural istic security communities” (Adler/Barnett 1998b: 30; vgl. zudem Ruggie 1996: 81 f.). Zugleich führen Adler und Barnett (1998b: 30) eine weitere Differenzierungsstufe ein. So unterscheiden sie innerhalb von pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften noch zwischen einer lose (loosely-coupled security community) und einer eng verbunde nen (tighly coupled security community) Variante. Unter lose verbundenen Sicherheits gemeinschaften verstehen Adler und Barnett (1998b: 30) hierbei “a transnational region comprised o f sovereign states whose people maintain dependable expectations o f peaceful change. Owing to their shared structure o f meanings and identity, members o f loosely coupled security communities expect no bellicose activities from other members and, therefore, consistentlypractice self-restraint” (Adler/Barnett 1998b: 30). Lose verbundene Sicherheitsgemeinschaften erfüllen dabei die Mindestvorausset zungen an eine Sicherheitsgemeinschaft. Eng verbundene Sicherheitsgemeinschaf ten indes gehen in zwei entscheidenden Aspekten über diese Minimalanforderun gen hinaus: “First, they have a ‘mutual aid’ society in which they construct collective system arrangements. Secondly, they possess a system of rule that lies somewhere between a sovereign state and a re gional, centralized, government; that is, it is something o f a post-sovereign system, endowed with common supranational, transnational, and national institutions and some form o f a collective security system” (Adler/Barnett 1998b: 30). 165 Dieses Herrschaftssystem, welches aufgrund seiner teilweise staatenübergreifend zusammengeführte Souveränität an die mittelalterliche Heteronomie erinnert, ist eine eher neue Entwicklung in den internationalen Beziehungen. Die Differenzie rung zwischen lose und eng verbundenen Sicherheitsgemeinschaften ist dabei von besonderer Bedeutung. So ist es im Falle der loosely coupled security community vor al lem die gemeinsame soziale Identität, die eine positive Identifikation zwischen den Völkern derjenigen Staaten, die Teil der Sicherheitsgemeinschaft sind, bewirkt. Der Umstand, dass sich die Mitglieder einer lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft zu einer gemeinsamen sozialen Kategorie gehörig wahrnehmen, ermöglicht ihnen nicht nur ein gemeinschaftliches Selbstbild zu definieren, sondern auch direkt von diesem ableitend, die Handlungen des Anderen zu verstehen, da sie auf die gleiche Weise deutbar sind wie die eigenen Handlungen (Adler/Barnett 1998b: 47; Adler 1997b: 264; Tajfel 1982: 18). Mit anderen Worten haben wir es also mit (weitge henden) übereinstimmenden Verhaltensmustern zu tun, so dass die Interpretation von Handlungen des Anderen nur ein geringes Potenzial von Missdeutungen auf weist und die resultierenden Konstrukte zudem als unproblematisch hinsichtlich des eigenen nationalen Sicherheitsinteresses gedeutet werden. Dennoch ist noch eine klare Differenzierung von Selbst und Anderem auszumachen. Je mehr sich nun — hypothetisch — eine lose verbundene Sicherheitsgemeinschaft hin zu einer eng(er) verbundenen entwickelt, in einem desto höheren Maße verringert sich jene kognitive Distanz zwischen ihren Mitgliedern. Vor diesem Hintergrund entsteht sukzessive ein immer höheres Maß an ,identischer Identität'. Die eigene Identität wird nicht mehr aus der Abgrenzung vom Anderen gewonnen, sondern der bislang Andere wird zum Teil des identitären Selbst, wobei sowohl individuelle als auch kollektive Identitäten betroffen sind. Deutsch unterscheidet, wie erwähnt, nur zwischen pluralistischer und amalgamierter Sicherheitsgemeinschaft, zudem lassen sich weitere Defizite seines Ansatzes ausmachen: Einerseits fehlte es an präzisen Indikatoren, welche sich (messbar) ma chen und sich so für eine erkennbare Differenzierung zwischen Stufen auf dem Anarchie-Hierarchie-Kontinuum des internationalen Systems eignen könnten, an dererseits war Deutsch zwar in der Lage ein steigendes Maß an zwischenstaatlichen Transaktionen zu erkennen, das dann als Zunahme der Interdependenz definiert wurde, allerdings ließ sich — nicht zuletzt aufgrund der angesprochenen fehlenden Operationalisierung beziehungsweise Indikatorbildung — ein Zuwachs an zwischen staatlicher Kohäsion nicht weitergehend bestimmen (vgl. hierzu auch Ad ler/Barnett 1998b: 46 ff.). Da eine solche jedoch erforderlich ist, soll bei der Ent wicklung des SPICDA-Modells explizit auch auf die Erweiterungen des Security Community Ansatzes durch Adler und Barnett (1998b) eingegangen werden. Diese konstatieren unterschiedliche Stadien von Sicherheitsgemeinschaften und legen Kriterien für eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen lose und eng verbunde nen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften fest. Auf diese Basis wird es möglich, auch unter der Aufnahme der Argumente Alexander Wendts einen weiteren Be 166 reich des Anarchie-Hierarchie-Kontinuums der internationalen Systemstruktur zu erfassen und zu beschreiben. Hierbei ist zunächst einmal ist zu konstatieren, dass auch Sicherheitsgemeinschaf ten im Kontext anarchischer Systembedingungen entstehen. Der Ausdruck des Entstehens ist dabei wörtlich zu nehmen, denn Sicherheitsgemeinschaften werden nicht im eigentlichen Sinne gegründet, sondern sie entwickeln sich. Staaten, welche sich irgendwann als Teil einer Sicherheitsgemeinschaft wahrnehmen, beginnen den Prozess letztlich damit, dass sie anfangen Wege zu finden, wie sie gemeinsam ihre Sicherheit erhöhen, die Transaktionskosten ihrer wechselseitigen Beziehungen ver ringern und das gegenseitige Verhältnis weiter auf positive Weise vertiefen können. In dieser Phase befindet man sich letztlich noch im Kontext der lockeanischen Anarchie, wo im Rahmen bi- und multilateraler Vereinbarungen anarchiemildernde Maßnahmen institutionalisiert werden. Diese Institutionen sollen, wie oben aufge zeigt, bewirken, dass auch unter anarchischen Bedingungen die getroffenen Ver einbarungen von allen Beteiligten eingehalten werden (vgl. auch Barnett 1998). Darüber hinaus kann die Institutionalisierung aber auch ermöglichen, dass in diesen ein gemeinsamer Sinn und Zweck sowie die Idee gemeinschaftlichen Fortschritts verkörpert wird. Hierbei spielt jedoch auch Macht eine Rolle, wobei Macht zugleich zwingend gegenüber Dritten und vereinigend gegenüber Partner wirkt. Auf Grund lage dieser Kooperationsbasis können sich zusehends verdichtende Netzwerke entwickeln, die zur Entstehung weiterer institutioneller und organisatorischer Ar rangements speziell auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik führen kön nen, sodass abermals ein erhöhtes Maß an gegenseitig wahrgenommener Sicherheit durch die verminderte wechselseitige Bedrohungswahrnehmung entsteht. In diesem Kontext können kognitive Strukturen entstehen, welche eine identitäre Annähe rung zwischen den kooperierenden Staaten bewirken. Das wiederum beutet ein er höhtes Maß an gegenseitigem Vertrauen wie auch gemeinsamer Wahrnehmungen dritter Phänomene auf internationaler Ebene. Auf diese Weise kann sich die ge meinsame, geteilte Erwartung entwickeln, dass materieller Wohlstand ebenso wie die gemeinsam erreichte Sicherheit zwischen den beteiligten Staaten nur durch die se auch aufrechterhalten und weiter vertieft werden kann (53 f.). In dem Maße, wie sich diese Wahrnehmung im kollektiven und institutionellen Bewusstsein sowohl auf innerstaatlicher als auch auf supranationaler Ebene internalisiert, desto unwahr scheinlicher werden gewaltsam ausgetragene zwischenstaatliche Konflikte zwischen den „Mitgliedern“ der Sicherheitsgemeinschaft. Der maßgebliche Faktor hierbei ist die Identität: Je näher man an den Zustand eng verbundener Sicherheitsgemeinschaft herankommt, desto kürzer ist die kognitive Distanz zwischen ihren Mitgliedern. Auf diese Weise rückt auch der Zustand einer kollektiven Identität näher, da die Identität der Menschen, welche Teil dieser Aus prägung von Sicherheitsgemeinschaft sind, ihre Identitäten nicht mehr von der in ternationalen Umgebungsumwelt oder der eigenen Nation herleiten, sondern von der Sicherheitsgemeinschaft als Entität selbst. Ebenfalls ergeben sich dann Selbst 167 verständnis, Zweck und Funktion der jeweils beteiligten Staaten auch aus der Si cherheitsgemeinschaft. Letztlich verschmelzen Identität und Interesse der einzel nen Staaten mit denen der Sicherheitsgemeinschaft, sodass auch die noch beste henden Bestandteile der nationalen Außenpolitik völlig umdefiniert erscheinen (Adler/Barnett 1998b: 48). Dies zeigt sich auch in der Form der kooperativen Sicherheitsarrangements. Wäh rend, wie aufgezeigt, im Bereich der hobbesianischen Anarchie aufgrund des aus geprägten Selbsthilfecharakters, die dieser strukturelle Kontext mit sich bringt, Alli anzen als Kooperationsform gewählt werden, und die Lockeanische Anarchie von Institutionen gekennzeichnet ist, deren zentrales Charakteristikum die absolute Wahrung der jeweiligen staatlichen Souveränität geht, und somit Intergouvernementalität das Bild bestimmt, finden sich in der kantianischen Anarchieausprägung Arrangements kollektiver Sicherheit. Der wesentliche Unterschied hierbei ist, dass es bei Allianzen um kollektives Handeln zum Schutze des individuellen Staates im Kontext einer spezifischen Bedrohung geht, wohingegen kollektive Sicherheit we der zeit- noch bedrohungsspezifisch ist. Vielmehr beruht ein solches Arrangement darauf, weil die beteiligten Staaten sich als einheitliche Gemeinschaft verstehen, deren gemeinschaftliche Interessen wie auch die gemeinschaftliche Identität a priori als schützenswert erachtet werden — egal durch wen, wie, wann und weshalb auch immer die konkrete Bedrohungslage auch immer aussehen sollte. Allerdings ist es auch unter der Systembedingung der Kantianischen Anarchie, wie sie im Kontext der losen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft vorherrscht, noch immer das Ei geninteresse, das eine starke Rolle spielt. Das lässt sich mit einer Fortführung des Argumentes der Lockeanischen Anarchie erklären: So spielen die erwarteten Kos ten der Normverletzung für den am eigenen Wohl und Interesse orientierten Staat noch immer eine signifikante Rolle. Dabei muss letztlich das Problem kollektiven Handelns überwunden werden (vgl. etwa Keohane 1984; Lipson 1984; Oye 1986; Martin 1992; Downs 1994). Solange Normen kollektiver Sicherheit nur bis zum zweiten Grad im Sinne von Wendt internalisiert sind, ist zwischenstaatliche Freundschaft lediglich als Strategie zu ver stehen, welche Staaten anwenden, um individuelle Partikularinteressen zu wahren. Die Motivation ist instrumenteller Natur, eine tiefergehende beziehungsweise aus gedehnte Identifikation von Selbst und Anderem ist nicht gegeben, das nationale Interesse wird nicht als intrinsisch verbunden mit dem Kollektivinteresse der Si cherheitsgemeinschaft verstanden. Somit kann bestenfalls von einem sehr dünnen Konzept zwischenstaatlicher Freundschaft gesprochen werden, das so lange trägt, wie nicht die Kosten den Nutzen übersteigen. Gleichwohl verhalten sich die Staa ten zumindest solange als de-facto Freunde, was über die reine Institutionalisierung der lockeanischen Anarchievariante hinausgeht. Auf diese Weise zeigt sich auch innerhalb der Sicherheitsgemeinschaft für die Dauer ihrer Existenz eine de-facto Herrschaft von Recht auf zwischenstaatlicher Ebene. Auch wenn es keine zentrali sierten hierarchisierenden Sanktionsmechanismen gibt, haben die Staaten (auch) 168 einer losen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft die Normen und somit die Grenzen was Staaten legitimerweise tun können, um ihre Interessen zu verfolgen, hinreichend internalisiert. Mit anderen Worten entfaltet das kollektive Sicherheits arrangement seine Wirkung. Zudem lassen sich zentrale Charakteristika einer lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft ausmachen, die zugleich als Indikatoren her angezogen werden können. Basierend auf dem hohen Grad an gegenseitigem Vertrauen wie auch dem hohen Maß an gegenseitiger Interessenübereinstimmung (als wie temporär sich diese letzt lich auch erweisen mag), zeigt sich ein ausgeprägter Multilateralismus, der sich in transnational abgestimmten Entscheidungsverfahren und gemeinschaftlichen Kon fliktlösungsansätzen auf hohem konsensualen Niveau widerspiegelt. Dieser Effekt geht Hand in Hand mit einer ausgeprägten gemeinsamen Bedrohungswahrneh mung, die wiederum auf hinreichenden Übereinstimmungen (wenngleich nicht Verschmelzungen) auf identitäter Ebene beruht. Obwohl es primär das eigene nati onale Interesse ist, das als Motivationsfaktor fungiert, ist dies in höherem Maße deckungsgleich als wenn es lediglich auf eine spezifische Bedrohung bezogen wäre. Dieser Umstand zeigt sich dann auch darin, dass die militärische Planung auch in ihren Worst-Case-Szenarien die Staaten der Sicherheitsgemeinschaft nicht als po tenzielle Gegner einstuft. Hiermit hängt zudem eng die Sichtweise hinsichtlich na tionaler Grenzen zusammen. Grenzen wie auch deren hoheitlich durchgeführte Kontrolle besitzen zwar wie in den anderen Formen der Anarchie einen nach wie vor hohen und zentralen Stellenwert. Die Art und Weise der Grenzsicherung ist jedoch nicht darauf ausgerichtet, militärische Bedrohungen durch jene (Nachbar s ta a ten abzuwehren, welche Teil der Sicherheitsgemeinschaft sind, sondern sind vielmehr gegen andere Arten der äußeren Bedrohung gerichtet. Hierbei können sich unter Umständen sogar Arrangements finden lassen, welche eine relative per sonelle Freizügigkeit von Angehörigen der die Sicherheitsgemeinschaft formenden Staaten ermöglichen. In einem signifikanten, wenngleich nicht absoluten Maß, re flektieren die nationalen Diskurse und staatlichen Handlungen vielfach die gemein schaftlichen Normen der Sicherheitsgemeinschaft. Hierbei grenzen sie sich unwill kürlich und zugleich deutlich gegen jene Diskurse ab, welche sich außerhalb der Sicherheitsgemeinschaft erkennen lassen (Adler/Barnett 1998 b: 55 ff.). Trotz dieser deutlichen Unterschiede hin zur lockeanischen und vor allem zur hobbesianischen Anarchie bleiben im kantianischen Kontext die Grundprinzipien der Anarchie bestehen, wenngleich sie stark gezähmt sind. Dennoch bleibt die zwi schenstaatliche Freundschaft, wie aufgezeigt, nur eine relative. Oder um es mit den Worten Berenkoetters (2007: 30) zu sagen: „Contracting partners, whether Lockian or Kantian, do not qualify as friends“. Auch wenn Staaten nicht mehr als Billardku geln erscheinen, sondern durch Institutionen und Formen ökonomischer Interde pendenz verbunden sind, welche dazu beitragen, die Effekte der Anarchie zu mäßi gen, bleibt der Kontext doch anarchisch und grundlegende Logiken treffen weiter hin zu (Berenskoetter 2007: 28 f.). Diese und somit die systemische Strukturbedin 169 gung der Anarchie zu überwinden sei, so Berenskoetter (2007: 35), möglich, wenn die Angst, im anarchischen System möglicherweise nicht zu überleben, selbst überwunden werden könne. Hierzu müssten Staaten zu der Einsicht gelangen, dass Anarchie und damit verbunden die allzeit präsente Gefahr des eigenen durch Dritte herbeigeführten staatlichen Untergangs als ubiquitäre Systembedingung nicht Aus druck universell gültiger historischer Gesetzmäßigkeiten sei. Eine Möglichkeit, aus der anarchischen Falle auszubrechen bietet sich gerade in sehr engen Gemeinschaf ten (Odysseos 2002 a, b). Innerhalb dieser lassen sich, folgt man Giddens (1984), aufgrund dort ermöglichter angstkontrollierender Mechanismen Strukturen ontolo gischer Sicherheit oder anders ausgedrückt ein stabiles Selbst entwickeln, welches eine neue Form (zwischen-)staatlichen Urvertrauens bewirken kann. Derartige Strukturen angstkontrollierender Sicherheit lassen sich, folgt man den diversen Argumenten von Deutsch, Wendt und Adler/Barnett, in Formen interna tionaler Gemeinschaften finden, die mindestens die Eigenschaften einer eng ver bundenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft erfüllen. Die Lösung der Prob leme kollektiven Handelns geht somit Hand in Hand mit einer noch tiefer reichen den Internalisierung der Prinzipien, wie sie für die Kantianische Anarchie als cha rakteristische beschrieben wurden. In einer eng verflochtenen Sicherheitsgemein schaft wird das Prinzip der gegenseitigen Hilfe als internalisierte Norm zur Hand lungslogik wie auch zur Handlungsmaxime. Nationale Identität findet somit ihren Ausdruck im nicht-instrumentellen kollektiven Handeln. Mit anderen Worten nehmen sich Staaten gegenseitig als befreundet im wahren Wortsinne war und han deln nicht nur so aus partikularem Kalkül heraus wie in der Systemstruktur der lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft. Das freundschaftliche Verhalten wird zum auf der gemeinsamen Identität der Mitglieder der eng verflochtenen Sicherheitsge meinschaft beruhenden inneren Natur des einzelnen Staates, seiner Angehörigen beziehungsweise Repräsentantinnen und Repräsentanten. Aus sozial-kognitiver Sicht heraus betrachtet werden die kognitiven Grenzen des Selbst dahingehend ausgedehnt, dass sie den Anderen miteinschließen. Selbst und Anderer bilden damit eine sogenannte kognitive Region (Adler 1997 a). Die nationale Sicherheit des eige nen Staates beinhaltet dann diejenige der anderen Staaten der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft, allerdings nicht im Sinne von Selbstaufgabe, wo die eigene Sicherheit gegebenenfalls für den Anderen geopfert wird, um dessen Sicherheit zu wahren. Vielmehr überlagen sich die Kategorien von Selbst und Anderem in einer Weise, welche die Legitimität partikularer Interessen nur mehr als Ausdruck des Kollektivinteresses kennt. Mit anderen Worten sind in der Erscheinungsform nati onales Sicherheitsinteresse des einzelnen Mitgliedsstaates der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft und kollektives Sicherheitsinteresse identisch. Damit wird auch möglich und erscheint zugleich als folgerichtig, dass der institutionelle Kon text des Ausübens von (auch und gerade) militärischer Macht von der Einheit des einzelnen Nationalstaats innerhalb der Gemeinschaft auf diese, konkret auf deren hierfür geschaffene Institutionen, übergeht. Zugleich steht die Anwendung militäri scher Gewalt gegen Angehörige der Sicherheitsgemeinschaft außer Frage, und zwar 170 nicht, weil dies durch Zwang oder durch vertraglich vereinbarte institutionelle Ar rangements bewirkt wird, sondern weil es im kognitiven Rahmen der gemeinsamen Identität nicht gibt. Die Ausnahme hiervon stellt die Möglichkeit von Gewalt gegenüber solchen (bis herigen) Mitgliedern der Gemeinschaft dar, welche durch ihr Verhalten sich aus dem Rahmen der gemeinsamen Identität herauslösen. Das bestätigt jedoch lediglich die Logik der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft und steht mitnichten im Widerspruch zu dieser. Zugleich wird hierdurch deutlich, dass die Logik außerhalb einer eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft durchaus anderen Strukturausprä gungen entsprechen kann und dies regelmäßig auch tut. Ob sich die eng verfloch tene Sicherheitsgemeinschaft dann in einem Kontext Hobbesianischer, Lockeanischer oder Kantianischer Anarchie befindet, hängt wiederum von den wechselseiti gen Wahrnehmungen zwischen ihr und dritten Akteuren im internationalen System ab, was wiederum einen Einfluss auf die jeweiligen Identitäten hat. Kooperative und kollektive Sicherheit auf Grundlage einer gemeinsamen Identität, welche die innere Gewaltanwendung ausschließt, ist somit ein wesentliches Kriterium einer lose verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft. Diese findet ihren institutionellen Aus druck in einem hohen Maß an militärischer Integration, welche wiederum als Aus druck eines so hohen Maßes an wechselseitigem Vertrauen bewertet werden kann, wie es nur bei einer ausgeprägten Identitätskongruenz möglich ist. Diese führt je doch ebenso zu einer Koordinierung der Politiken gegen innere Bedrohungen. Dies ist ebenso folgerichtig, da aufgrund der Identitäts- und Interessenkongruenz, die einhergeht mit einem hohen Maß an strukturellen beziehungsweise institutionellen Parallelen im jeweiligen Innern der Mitglieder, die Bedrohungen wie auch insbe sondere die Bedrohungswahrnehmungen sich in einem solch hohem Maße angenä hert haben, dass die innere Bedrohung eines Mitglieds der eng verflochtenen Si cherheitsgemeinschaft automatisch als Bedrohung für die eigene innere Sicherheit und somit wiederum zugleich als Bedrohung der gesamten Sicherheitsgemeinschaft perzipiert wird. Werden im Kontext der Hobbesianischen Anarchie Fremde stets als potenzielle Bedrohung wahrgenommen, sind diese innerhalb der lockeanischen Anarchie hin sichtlich der Möglichkeit, sich über Staatsgrenzen hinwegzubewegen in hohem Ma ße institutionell reglementiert und beschränkt und werden Grenzen selbst zwischen den Mitgliedsstaaten einer lose verflochtenen pluralistischen Sicherheitsgemein schaft im Strukturkontext der kantianischen Anarchie noch klar als einzelstaatliche Grenzen erkennbar und aufrechterhalten, ist eine eng verflochtene pluralistische Sicherheitsgemeinschaft von der Möglichkeit charakterisiert, dass Staatsangehöri gen der Mitglieder dieser Variante der Sicherheitsgemeinschaft frei innerhalb aller Staaten bewegen können. Nach Innen sind die Grenzen somit durchlässig gewor den, was ebenfalls eine folgerichtige Konsequenz aus der gemeinschaftlichen Iden tität, den gemeinsamen Wahrnehmungen von Bedrohungen und auch Problemen im weiteren Sinne ist. 171 In vielfacher Hinsicht ähneln sich die beschränkte Hierarchie der eng verflochtenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft mit einer weiteren Ausprägung der interna tionalen Struktur: der Negarchie. Diese basiert auf Daniel Deudneys (insbesondere 2007) Arbeiten zur republikanischen Sicherheitstheorie, welche sich als grundle gende Kritik an den Großparadigmen Realismus und Liberalismus versteht und Negarchie als dritten Zustand des internationalen Systems zwischen Anarchie und Hierarchie einführt. Deudney sieht die analytischen Schwächen von Realismus und Liberalismus, also zweier zentraler Theoriestränge der Internationalen Beziehun gen, darin begründet, dass sich beide Ansätze von der ihnen zugrundeliegenden Tradition des Republikanismus abgespalten haben, welcher im westlichen politi schen Denken namentlich des 18. Jahrhunderts das beherrschende Konzept für Sicherheit und Regieren dargestellt hat. Durch die Loslösung von diesem Konzept haben sowohl der entstehende Liberalismus als auch der sich entwickelnde Realis mus wichtige Elemente eingebüßt, weshalb beide Großtheorien als fragmentarisch zu betrachten seien. Während sich Liberalismus auf die zentralen Ideen von demo kratischem und handelsbasiertem und somit interdependenzschaffenden Frieden sowie verschiedener Varianten internationaler institutioneller Arrangements gründe, basiere der Realismus einzig auf der Existenz des anarchisch geprägten internatio nalen Systems, welches zu quasi naturgesetzlichen Handlungsmustern wie dem Mächtegleichgewicht führe. Um die daraus resultierende analytische Schwäche zu überwinden, gehe es darum, diese Komponenten zurück in den ursprünglichen re publikanischen Kontext zu überführen. Dieser Ansatz hat aber auch unmittelbare Bedeutung für die Beschreibung der Systemstruktur. Für Deudney existieren drei Strukturvarianten des internationalen Systems, nämlich Anarchie, Hierarchie und ein Zwischenzustand (Abbildung 9). Somit findet sich auch in seinem Ansatz die Annahme, dass nicht überall im zwischenstaatlichen Verhältnis ein Zustand von Anarchie herrscht. Gleichzeitig sind aus Deudneys Sicht heraus weder Anarchie noch Hierarchie wünschenswerten Zustände des in ternationalen Systems, da es in beiden nicht möglich ist, einen adäquaten Wider stand zur Anwendung von Gewalt gegenüber spezifischen Gruppen von Menschen zu gewährleisten (Deudney, 2007:31). Somit müssen beide Zustände verhindert werden, um ein auf friedliche Weise stabiles System zu gewährleisten. Die traditio nelle Lösung des politischen Denkens liegt für Deudney in der Republik. Somit gilt es, auch die internationaler Ebene nach klassischen republikanischen Prinzipien zu gestalten. Die von ihm angestrebte Ausprägung des internationalen Systems be zeichnet Deudney als Negarchie. Diese wird charakterisiert durch eine verantwort liche Regierung, die einem allerdings strikt antihierarchisch organisierten Zusam menschluss einzelstaatlicher Entitäten vorsteht, sodass eine in vielerlei Hinsicht (fort-)bestehende Selbstherrschaft und Autonomie der einzelnen Entitäten charak teristisch für den Zustand der Negarchie ist. 172 Strukturausprägung des internationalen Systems Zwischenstaatliche Interak tionsmuster Zwischenstaatliches Orga nisationsprinzip Anarchie Balancing, Bandwagoning Allianz Hierarchie Subordination, Zwang, Band wagoning Hegemonie, Imperium Negarchie Intern Eingebettetes Balancing Konföderation Abbildung 9: Strukturausprägungen nach Daniel Deudney, nach: Zafra-Davies (2015): 8 Dies ändert sich schließlich im Kontext einer amalgamierten Sicherheitsgemein schaft. Auch wenn es nicht zu einer vollständigen Verschmelzung der Mitgliedstaa ten in ein neues, eigenständiges, souveränes staatliches Gebilde kommt und die ur sprünglichen Staaten als solche verschwinden, sind für die amalgamierte Sicher heitsgemeinschaft de facto doch die wesentlichen Prinzipien erkennbar, welche für ein eigenständiges souveränes Gebilde charakteristisch sind. Neben der gemein schaftlichen Identität und Institutionen, welche das Zusammenwirken auf Grund lage dieser Identität in klassischen wie erweiterten Sicherheitsbereichen (und dar über hinaus) etwa durch Gesetzesharmonisierungen ermöglichen, kommt es in der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft zur Schaffung gemeinschaftlicher legislati ver, exekutiver und judikativer institutioneller Arrangements. Amalgamation im Sinne von Deutsch et al. (1957: 6) ist somit der „formal merger o f two or more previously independent units into a single larger unit, with some type of common government after amalgamation”. Es handelt sich also um die Verschmelzung mehrerer politischer Einheiten in eine einzige, wobei es zur Ein richtung gemeinsamer Institutionen inklusiver zentraler Regierungsinstitutionen kommt (Puchala 1981: 152-155; Deutsch 1961). Eine mögliche Erscheinungsform wäre etwa eine Konföderation von Staaten. Hierbei sieht Deutsch den Prozess hin ter der Herausbildung amalgamierter Sicherheitsgemeinschaften als vergleichbar an mit anderen Staatenbildungsprozessen in der Geschichte: “Deutsch hypothesized that many o f the same processes that led to national integration and na- üonalism in domestic politics might be equally relevant for international politics and international community development” (Adler/Barnett 1998 a: 6 f.). 173 Die Entwicklung funktionaler Verbindungen auf verschiedenen Ebenen (etwa Handel, grenzüberschreitende Dienstleistungen, Migrationsbewegungen, internati onale militärische Zusammenarbeit) zwischen zunächst autonomen einfachen Ge meinschaften führten, so Deutsch, zu Transaktionsströmen zwischen diesen Ge meinschaften, was wiederum zur Folge habe, dass die Völker in die ihre jeweiligen Gemeinschaften überschreitende kommunikative Netzwerke eingebunden würden. Dieser Prozess würde Deutsch zufolge letztlich im Rahmen sozialpsychologischer Prozesse dazu führen, dass sich die Völker zusehends miteinander identifizierten und letztlich einander anglichen. Die sukzessive Identifikation der Menschen mit der wahrgenommenen neuen, gemeinsamen Gemeinschaft würde schließlich dazu führen, dass diese nach gemeinsamen Institutionen verlange, um die Integrität der Gemeinschaft nach außen zu schützen (Puchala 1981: 156). Mit anderen Worten geht Deutsch davon aus, dass vor dem Hintergrund wachsender Kooperation all mählich nicht nur eine kollektive Identität an sich, sondern explizit eine Art neues, auf die entstehende Gemeinschaft gerichtetes ,Nationalgefühl‘ entsteht, welches in letzter Konsequenz danach verlangt, das sich ebenfalls neu herausbildende gemein same ,nationale‘ Interesse der entstehenden Gemeinschaft (auch) militärisch zu ver teidigen. Es findet also eine Verlagerung des bisher auf die alte einfache Gemeinschaft ge richteten nationalen Interesses auf die neue Gemeinschaft statt mit all den Konse quenzen für das nationale Sicherheitsinteresse, das sich nunmehr einzig auf die neue Entität bezieht. Eines ist jedoch wichtig zu verstehen: Es handelt sich auch bei der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft (noch) nicht um einen neuen voll ausgeprägten Nationalstaat, allerdings fehlt nicht mehr viel. Erst mit einem solchen wäre dann die Stufe echter Hierarchie erreicht, womit zugleich aber auch das inter nationale Momentum letztlich an Bedeutung verlöre und notwendigerweise der Be reich des innerstaatlichen erreicht wäre. Hierbei allerdings ist anzumerken, dass in stark ausgeprägten föderalen Systemen auch in internationaler Hinsicht die subna tionalen Einheiten als eigenständige Akteure auftreten können. Hierbei tritt etwa neben die offizielle nationale Außenpolitik des Zentralstaates (Bundesaußenpolitik) eine spezifische Form zwischensufetaatlichen Handelns, das als Paradiplomatie be ziehungsweise Proto-, Mikro- oder Makrodiplomatie bezeichnet wird (etwa Duchacek 1986 a, b; 1988; 1990; Soldatos 1990; Aldecoa/Keating 1999; Keating 1999; Lecours 2002; für spezifische Fallstudien vgl. etwa Balthazar 1999; Kincaid 1999; Ravenhill 1999; Ugalde 1999; Vengroff/Rich 2004; Criekemans 2006). 174 3.2 Logiken der Systemstruktur: Bestehende Ansätze und Integrationsmöglichkeiten Zusammenfassend lässt sich hinsichtlich der Bedeutung für die Theorie des inter pretativen Realismus somit konstatieren, dass sich das internationale System als Kontinuum zwischen den Extrempolen reiner Anarchie und reiner Hierarchie dar stellen lässt. Dies stellt zunächst einmal eine Verfeinerung hinsichtlich der realisti schen Schule dar, welche das internationale System als durchgängig anarchisch be trachtet, sodass die obersten Einheiten die Staaten darstellen, die ihrerseits aller dings hierarchisch strukturiert sind. Staat und System unterscheiden sich somit di ametral und sind zudem eindeutig abgrenzbar. Jenseits dieser Perspektive existiert bereits seit den frühen 1990er Jahren die explizite Einsicht, dass die Größen Anar chie und Hierarchie bezogen auf das internationale System eher als Kontinuum denn als Dichotomie zu konzipieren seien, wobei als Kriterien die Zentralisierung von Herrschaft und die Verteilung (übereinstimmender) Ideen zugrunde gelegt werden (Milner 1991). Basierend auf der Annahme der Bedeutung von Identitäten und ihrer Wahrnehmung setzte sich schließlich die Konzeptualisierung des interna tionalen Systems als Dreiteilung mit den Varianten Hobbesianische, Lockeanische und Kantianische Anarchie durch, welche auf der jeweiligen Differenzierung in Feind, Rivale und Freund gründen. Bereits zuvor entwickelte sich ein zweiter Strang, welcher eine Durchbrechung der reinen Anarchie im internationalen System durch die Entstehung von Sicherheitsgemeinschaften (Deutsch) gegeben sah. Durch Wendt wurde eine Verbindung zwischen der Kantianischen Anarchievarian te und Deutschs Ansatz hergestellt. Gleichzeitig wurde Deutschs Konzept in einem dritten Strang konstruktivistisch erweitert und ausdifferenziert. Die grundsätzliche Dreiteilung blieb jedoch erhalten und diente als Grundlage auch für weitere Konzept- und Theorieentwicklungen. Kupchan (2006) etwa kam einer empirischen Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der atlantischen Ordnung folgend zu einer Kategorisierung des internationalen Systems, in welcher die Wendtschen Kategorien im Großen und Ganzen reflektiert werden (Abbildung 10): Entsprechend der Hobbesianischen Anarchie findet sich die Strukturvariante militärischer Rivalität, ähnlich der lockeanischen Anarchie die friedliche Koexistenz und implizit angelehnt an die kantianische Variante ebenso wie an Deutsch spricht Kupchan von der Sicherheitsgemeinschaft. Hierbei argumentiert er explizit mit un terschiedlichen Identitäten und Interessen, welche der jeweiligen Strukturausprä gung des internationalen Systems zugrunde liegen: Im Falle der militärischen Rivali tät sind die Identitäten der Staaten im internationalen System gegenläufig, die Inte ressen weisen entgegengesetzte Richtungen auf. Im Kontext der friedlichen Koexistenz stimmen die Identitäten zwar nicht überein, sind jedoch miteinander vereinbar; für die Interessen gilt, dass sie ebenfalls nicht übereinstimmen, jedoch einander nicht mehr völlig entgegengerichtet sind. Im Rahmen der Strukturausprä gung der Sicherheitsgemeinschaft schließlich stimmen Identität und Interessen überein. Die jeweilige Interaktionslogik der Staaten entspricht dabei dem Mäch 175 tegleichgewicht im Zustand der militarisierten Rivalität, dem Bedrohungsgleichge wicht im Strukturkontext der friedlichen Koexistenz und der kooperativen Sicher heit in der Strukturausprägung der Sicherheitsgemeinschaft, wobei auch in diesem Zustanden lediglich Allianzen als Kooperationsform auftreten. Strukturausprägung Militärische Rivalität Friedliche Koexis tenz Sicherheitsgemeinschaft Annähernde Ent sprechung Hobbesianisch Lockeanisch Kantianisch Identität Gegenläufig Kompatibel Übereinstimmend Interessen Verschieden und gegenläufig Verschieden aber sich annähernd Gemeinsam Abbildung 10: Strukturausprägungen nach Charles Kupchan (2006: 78) Ein weiterer Ansatz, der die Dreiteilung der internationalen Systemstruktur auf nimmt und dabei eine Verbindung zu parallel zueinander bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen herstellt, ist der Konstruktive Realismus (Constructive Kealism) von Huang (2003). Hierbei werden die Anarchien nochmals spezifisch definiert: Somit liegt eine Systemstruktur Hobbesianischer Anarchie vor, wenn sich Bestrebungen zur Aufrechterhaltung der Hegemonie des dominierenden Staates durch diesen erkennen lassen. Von Lockeanischer Anarchie wird gesprochen, wenn die Verteilung der Macht im internationalen System nicht die gegen den dominan ten Staat gerichteten Staaten begünstigt. Kantianisch schließlich ist die Systemstruk tur bei Huang (2003) dann, wenn der Hegemonialstaat die Weltordnung akzeptiert. Darauf basierend gelangt Huang zu dem Schluss, dass Realismus, Konstruktivismus und Rational Choice Theorie alle ihre Berechtigung hätten, jedoch jeweils nur unter bestimmten Systemstrukturbedingungen hinsichtlich ihrer Aussagekraft zuträfen. Im Kontext der hobbesianischen Anarchie könne der Realismus staatliches Verhal ten am besten erklären, unter den Bedingungen der lockeanischen Anarchie sei Ra tional Choice Theorie am erklärungsstärksten und im Bereich der kantianischen Anarchie folge staatliche Handlungslogik dem Konstruktivismus (Huang 2003: 49). 176 Strukturausprägung H o b b e s i a n i s c h L o c k e a n i s c h K a n t ia n i s c h Prinzipien Weder Anerkennung von Souveränität noch von bestehender Machtverteilung Anerkennung von Souveränität, jedoch Infragestellung beste hender Machtvertei lung Anerkennung von Souveränität und be stehender Machtver teilung Erscheinungsform Keine Regulierung des staatlichen W ettbe werbs im internatio nalen System Beschränkung des staatlichen W ettbe werbs im internatio nalen System durch Koordinierung Beschränkung des staatlichen W ettbe werbs im internationa len System durch Re gulierung Interaktionslogik Krieg; Friede als blo ße Abwesenheit von Krieg Internationale Regime Allgemeingültiges Internationales Recht Erklärungsansatz Realismus Rational Choice Konstruktivismus Abbildung 11: Strukturausprägungen im Konstruktiven Realismus nach Huang (2003: 22) Da in der empirisch messbaren Realität nicht nur eine Form erkennbar sei, sondern alle drei im internationalen System nebeneinander existierten, müsse jeder Versuch, Entwicklungen in den internationalen Beziehungen mit nur einem der bestehenden Ansätzen zu erklären, scheitern. Vor diesem Hintergrund entwickelt Huang seinen Ansatz des Konstruktiven Realismus, welcher Realismus, Rational Choice und Konstruktivismus integrieren soll (Abbildung 11). Die Integration bleibt allerdings nur oberflächlich; statt Grundprobleme wie das Anarchie-Hierarchie grundlegend aufzuarbeiten und bestehende Theoriezugänge zu einem kohärenten Erklärungsan satz zu verbinden, bleiben die Ansätze im Theoriekonzept des Konstruktiven Rea lismus lediglich nebeneinander bestehen. Zudem kommt in Huangs (2003: 35-49) Ansatz (wie auch bei Kupchan 2006) lediglich die Allianz als Kooperationsform vor, auch im kantianischen Strukturkontext (Huang 2003: 44). Auch das ist als problematisch zu werten, weil der Zustand Kantianischer Anarchie im Sinne Wendts, wie aufgezeigt, ja gerade durch die Überwindung lediglich instrumenteller Allianzen charakterisiert ist. Insgesamt bleibt somit die eingangs als zentrales Prob 177 lem der Internationalen Beziehungen dargelegte Herausforderung des Nebeneinan ders von Paradigmen erhalten, auch wenn die aufgezeigten Ansätze Schritte in die richtige Richtung sind und wichtige Einsichten und Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Gleichzeitig zeigt sich, dass eine echte Synthese der Argumente unter schiedlicher Theorien in einen einheitlichen und kohärenten übergeordneten An satz notwendigerweise den Aspekt der Strukturausprägung des internationalen Sys tems behandeln und insbesondere ein weitaus differenziertes Konzept des Anarchie-Hierarchie-Kontinuums aufweisen muss. Basierend auf der hierfür unvermeid lichen grundlegenden Auseinandersetzung mit den prinzipiellen Überlegungen zum Anarchie-Hierarchie-Problem wurde für den Interpretativen Realismus somit eine Typologie entwickelt, welche unterschiedlichen Strukturausprägungen des interna tionalen Systems spezifische zwischenstaatliche Verhaltenslogiken zuordnet (Ab bildung 12). Hierbei zeigt sich zunächst einmal, dass die Idee eines Anarchie Hierarchie-Kontinuums grundsätzlich aufgegriffen, jedoch im Vergleich zu den bestehenden Ansätzen deutlich ausdifferenziert wurde. Hierzu wurden nicht zuletzt unterschiedliche bestehende Stränge der Auseinandersetzung mit der Anarchie Hierarchie-Frage zusammengeführt. Somit ergibt sich zunächst eine Hauptuntertei lung in Anarchie, Trans-Anarchie und Hierarchie. Hierbei wird der Strukturausprä gung der Anarchie ausdifferenziert in die Formen reine, leicht gemäßigte, stark ge mäßigte und de-facto beschränkte Anarchie, die Strukturausprägung der Transanar chie erfährt eine Unterteilung in beschränkte Anarchie und Negarchie und die Strukturausprägung der Hierarchie wird unterteilt in einen Zustand der de-facto Hierarchie und einen Zustand der reinen Hierarchie. Reine Anarchie und reine Hie rarchie bilden somit die jeweiligen Endpunkte des Anarchie-Hierarchie Kontinu ums, das unterschiedliche Strukturausprägungen, welches das internationale System annehmen kann, möglichst realitätsgetreu repräsentieren soll. In den genannten Kategorien spiegeln sich teilweise bestehende Klassifikationen wieder. So findet in der reinen Anarchie die hobbesianische Anarchie in ihrer Reinform ihren Aus druck, Gleiches gilt für die stark gemäßigte Anarchievariante und die Lockeanische Anarchie in ihrer Reinform. Jedoch wird neu eine Abstufung eingeführt, welche einen Mischzustand aus hobbesianischen und lockeanischen Aspekten darstellt Auf diese Weise lassen sich drei Klassifikationen ausmachen, welche eine Struktur ausprägung des internationalen Systems beschreiben, die sich als internationale Monadenstruktur bezeichnen lässt. Das heißt, dass in sich abgeschlossene souverä ne Staaten (Monaden) die oberste Einheit innerhalb dieser Systemausprägung dar stellen. Ihre jeweiligen Interessen sind in allen drei Varianten strikt national, das heißt am eigenen Staat ausgerichtet. Das gilt auch für ihre jeweiligen Identitäten. Die Unterscheidung zwischen den drei genannten Strukturvarianten, liegt in dem Grade, wie Institutionen eine Rolle spielen, welche primär die Problematik relativer beziehungsweise absoluter Gewinne im Kooperationsfall beherrschbar machen sol len. In der hobbesianischen Anarchievariante, die als reines Selbsthilfesystem ver standen wird, wird Kooperation ausschließlich instrumentell betrachtet. 178 Die kooperativen Arrangements sind damit einhergehend lose. Institutionen im engeren Sinne existieren nicht. In den Strukturausprägungsvarianten der leicht und der stark gemäßigten Anarchie (also der hobbesianisch-lockeanischen und der rein lockeanischen Variante) sind indessen Institutionen vorhanden. Allerdings sind die se nur sehr schwach (Mischform) oder bestenfalls schwach (rein lockeanisch) aus geprägt und reflektieren stets das jeweils überragende nationale Interesse, dass je doch lediglich in der reinen Anarchie die Form von echter Feindschaft annimmt, während es in den beiden nachgelagerten Abstufungen zu einer Rivalität wird, wel che von starkem (Mischform) oder gemäßigtem (rein lockeanisch) Misstrauen (ab hängig von relativen oder absoluten Kooperationsgewinnen des Rivalen) charakte risiert wird. Auf der Ebene der Handlungslogik der Akteure zeigt sich jeweilige Strukturausprägung am vorherrschenden Prinzip des reinen Balancing im Bereich der reinen hobbesianischen Anarchie, sowie eines kaum (Mischform) beziehungs weise lediglich leicht beschränkten (reine Lockeanische Anarchie) Balancing. Eine deutliche Beschränkung der Balancing-Logik findet sich erst mit dem Übergang von der Monadenstruktur hin zu einer Strukturausprägung, welche sich am besten als internationale Gesellschaft bezeichnen lässt, weil bei ihr das feindlich rivalisierende Moment von einer zumindest dem Grundsatz nach freundschaftlich orientierten Prägung abgelöst wird. Vor einem echten freundschaftlichen Verhält nis zwischen Staaten existiert allerdings noch der Zustand einer Als-ob- Freundschaft, der charakteristisch ist für die Feinstruktur der de-facto beschränkten Anarchie und der Wendtschen Kultur der kantianischen Anarchie entspricht. Als Strukturtypus lässt sich diese Strukturausprägung somit als lose-pluralistische Si cherheitsgemeinschaft bezeichnen. Diese ist gekennzeichnet durch Staaten mit nicht oder nur minimal beschränkter Souveränität, weshalb die Zurechnung zur Anarchie noch gerechtfertigt ist, zugleich aber bestehen starke Institutionen, die ihrerseits jedoch nach wie vor eine instrumentelle Funktion für das jeweilige natio nale Interesse erfüllen. Bei diesen jedoch lässt sich jedoch eine ausgeprägte Über einstimmung feststellen, sodass sich ein institutionenbasiertes erkennbares kollekti ves Interesse ergibt. Dieses wird begleitet von einer Kongruenz bei den jeweiligen nationalen Identitäten. Allerdings sind gemeinsame Interessen und Identitäten prinzipiell fragil, auch besteht noch kein wirkliches Other-Help-System, auch wenn die reine Selbsthilfelogik bereits relativiert wurde. Durch die Strukturklassifikationen der beschränkten Anarchie der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft einerseits und der Negarchie, die ihre Aus drucksform der internationalen Republik findet, andererseits wird eine Übergangs strukturausprägung beschrieben, welche jenseits der anarchischen Ordnungsprinzi pien angesiedelt ist, aber noch keinen Zustand erreicht hat, der sich als hierarchisch charakterisieren ließe. Die Beschreibung als Trans-Anarchie gibt diesen Zustand treffend wieder. Dennoch lassen sich, wie erwähnt, zwei Subkategorien finden. Hierbei unterscheidet sich die internationale Republik von der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft, welche beide durch eine Kongruenz an Interessen und Identitäten und einer nicht instrumentellen Form der Kooperation 179 gekennzeichnet sind, letztlich durch den Grad der institutionellen Verschmelzung. Während die enge pluralistische Sicherheitsgemeinschaft sich aus — trotz aller Nähe — souveränen Staaten zusammensetzt, die einander in echter Freundschaft verbun den sind, versteht sich die internationale Republik als sehr eng verwobene Konfö deration, bei der sich das Other-Help-System der beschränkten Anarchie in der Negarchie zu einem integrierten System weiterentwickelt darstellt. Für die Hand lungslogik hat dies zur Folge, dass aus einem stark begrenzten Balancing, das sich noch innerhalb von eng verwobenen Sicherheitsgemeinschaften findet, ein in inter ne konföderale Strukturen eingebettetes und kanalisiertes Konfliktmanagementsys tem besteht. Dieses ist auch Ausdruck der nicht mehr nur echten Freundschaft un ter Freunden, sondern bereits einer Freundschaft mit gleichsam familiären Charak ter und wechselseitigem Vertrauen. Mit dem Erreichen einer Hauptstruktur der Anarchie wird ein Zustand erreicht, der letztlich dem eines souveränen, eigenen Staates entspricht, im maximalen Fall somit einem Weltstaat. Doch auch hier erscheint es sinnvoll, einen tatsächlich voll konso lidierten (Einheits-)Staat im weberianischen Sinne, der tatsächlich als reine Hierar chie charakterisiert werden kann, vom Zustand einer gleichsam protohierarchischen de-facto Hierarchie zu differenzieren. Ein solcher Schritt nicht zu letzt auch sinnvoll, um den Zustand echter Staatlichkeit vom Zustand lediglich auf engste ausgeprägter internationaler Gemeinschaft zu unterscheiden. Eine de-facto Hierarchie lässt sich im Strukturtypus einer amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft erkennen. Die Beziehungen der Staaten untereinander sind von engster familiärer Freundschaft gekennzeichnet. Die Souveränität besteht noch, ist aber eher formal als real und auch in formeller Hinsicht gleichsam Makulatur. Somit findet bei bei den Unterformen keine Form des Balancing mehr statt und die Identitäten sind völlig verschmolzen. Formal lässt sich noch bei den Interessen differenzieren: Während es im echten Staat weberianischer Prägung (idealtypisch) qua definitionem nur ein nationales Interesse geben kann, sind die einzelnen nationalen Interes sen in der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft zwar gegeben, aber vollkommen identisch und damit de facto ebenfalls eins. Vor dem Hintergrund der jeweiligen Strukturcharakteristika lässt sich dann auch die Art und Weise des Friedensbegriffs bestimmen, der mit der jeweils spezifischen Strukturausprägung korreliert. So lässt sich unter den drei Strukturausprägungen der rein hobbesianischen, hobbesianisch-lockeanischen und rein lockeanischen Anarchiekultur Frieden aufgrund der dominierenden Logik der Anarchie nur als Abwesenheit von Krieg begreifen, während ab einem Integrationsgrad der engen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft, ab der auch eine nicht-instrumentelle Ko operation festgestellt werden kann, Friede als Ausdruck der gemeinsamen Identität zu verstehen ist und somit als positiver Friede gewertet werden kann. Die kantianische Anarchiekultur weist Elemente sowohl eines negativen als auch eines positi ven Friedens auf und lässt sich daher als dritte, gleichsam neutrale Form des Frie dens charakterisieren. 180 Haupt struktur Anarchie Trans-Anarchie Hierarchie Fein struktur Reine Anarchie Leicht gemäßigte Anarchie Stark ge mäßigte Anarchie De-Facto beschränk te Anarchie Be schränkte Anarchie Negarchie De-Facto Hierarchie Reine Hierarchie Strukturausprä- Sunff Internationale Monadenstruktur Internationale Gesellschaft Echte Staatlich keit Klassifi kation der Struktur Rein Hobbesianisch Gemischt Hobbesianisch- Lockeanisch Rein Lockeanisch Kantianisch Trans- Kantianisch Negarchisch Proto- Hierar chisch Weberianisch Struktur typus Nicht- Gemein schaft Temporä re Institu tionengemein schaft Dauerhafte Institutio nengemein schaft Lose plura listische Sicherheits gemein schaft Enge pluralisti sche Sicherheitsgemein schaft Internati onale Republik Amalgamierte Sicherheitsgemein schaft Hierar chisch geglieder ter (Natio nal-) Staat Charakter der Struk tur Reines Selbsthil fe-system Stark ausgepräg tes Selbst hilfe system Gemäßigtes Selbsthilfe system Gemischtes Self-Other- Help Sys tem Other Help System Integrier tes Sys tem Integrier tes System Einheits systemzentral staatlich oder föde ral Verhältnis zwischen den Staa ten im internati onalen System Feind schaft Stark Misstrau ensgeleitete Rivalität (relative Gewinne) Schwach Misstrauens-geleitete Rivalität (absolute Gewinne) Als ob Freund schaft Echte Freund schaft Familiäre Freund schaft Familiäre Freund schaft Familie Interes sen Rein national Rein nati onal Rein natio nal National und kollek tiv im Grundsatz überein stimmend National und kol lektiv kongru ent National und kol lektiv identisch National und kol lektiv identisch Keine Trennung von natio nal und kollektiv Identitä ten Keine Kongru enz Keine Kongru enz Keine Kongruenz Kongruenz Kongru enz Kongru enz Verschmel zung Verschmel zung Staatliche Akteure und Insti tutionen im inter nationa len Sys tem Nur Nationalstaaten mit unbeding ter Souve ränität National staaten mit unbe schränkter Souveräni tät, sehr schwache Institutio nen National staaten mit unbe schränkter Souveräni tät, schwa che Institu tionen National staaten mit unbe schränkter oder kaum beschränk ter Souve ränität, starke Institutio nen National staaten mit teils bis stark beschränk ter Sou veränität, starke Instituti onen Konföde ration von Na tionalstaaten De-Facto Souverä ner Staat Souveräner Staat Wesen der Koopera tion Instrumentell Lose Arrange ments Instrumentell Institutio nelle Ver zahnung Instrumentell Institutio nelle Ver zahnung Instrumentell Institutio nalisierte Identität Nicht instrumentell Nicht instrumentell Nicht instrumentell Nicht instrumentell Handlungslo gik Pures Balancing Kaum beschränk tes Balancing Leicht beschränk tes Balancing Deutlich beschränk tes Balancing Stark be schränktes Ba lancing Intern eingebet tetes Balancing Kein Balancing Kein Ba lancing Friedens art Negativ Neutral Positiv Abbildung12: Strukturausprägungen im Interpretativen Realismus 181 Insgesamt zeigt sich somit, dass die Systemstruktur einen wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise staatlichen Handelns hat. Jede spezifische Ausprägung verfügt über ihre eigene Kooperations- und Handlungslogik. Die Strukturseite internatio nalen Handelns bildet daher auch die eine zentrale Säule des interpretativen Rea lismus. Allerdings lässt sich, wie die Auseinandersetzung mit der Agent-Structure- Debatte im vorausgegangenen Kapitel gezeigt hat, die Strukturseite, auch wenn als per se unabhängig und dem Wesen nach materiell angenommen, in ihrer tatsächli chen Wirkung nicht ohne die Akteur-Seite verstehen. Diesen gilt es — angelehnt an die Erkenntnisse der Betrachtungen des Level-of-Analysis-Diskurses in Kapitel 3 — zu differenzieren und dahingehend zu untersuchen, wie der Akteur Staat (bezie hungsweise die ihn repräsentierenden Subakteure) zu spezifischen Wahrnehmun gen, Interpretationen und Rekonstruktionen der jeweiligen Systemstruktur kom men. Hierzu wird im nun folgenden Kapitel der Akteur Staat in verschiedene Ana lyseebenen beziehungsweise Analyseeinheiten unterteilt und deren jeweilige Funktions- und Handlungslogiken untersucht. 182 4. Der Komplexe Akteur: Ebenen, Einheiten und Dynamiken Innerstaatlicher Prozesse in der Zwischenstaatlichen Entscheidung ‘l t i s extremely im portantforscholars o f worldpolitics to move b eyond [ . . . ] simple starüngproposiüons. The next step is to examine how our human natures’ influence world po litics and how our previous views o f human nature have shaped the world we live in. [ . . . ] T hepath to decreased tension, conflict resolution, and improved security lies in reexamining the relationship between human nature\ politicalpractices, and institutions and in devisingpolicies thatactually d ecrea sefea randenhance trust.” (Crawford2009) 4.1 Von der Philosophie zur Neurowissenschaft: Die Menschliche Natur Die Frage nach der Handlungslogik des Individuums bringt notwendigerweise die Auseinandersetzung mit einem der kontroversesten Konzepte der sozial- und ins besondere politikwissenschaftlichen Theoriebildung (vgl. Schuett 2010: 22) mit sich: der sogenannten menschlichen Natur. Unter dem Konzept der menschlichen Natur werden dabei die definierenden Charakteristika des Menschen hinsichtlich seines Denkens, Fühlens und Handelns verstanden, welche dieser unabhängig von sozialen und kulturellen Einflüssen aufweist. Fragen, welches genau diese Charakte ristika sind, was sie ausmacht und ob beziehungsweise wie veränderlich die menschliche Natur ist, gehören zur Grundthematik nicht nur der westlichen Philo sophie. Im Abendland haben sich Denker von Sokrates und Aristoteles über Hobbes, Rousseau und Hegel bis hin zu Marx, Kierkegaard oder Sartre mit der mensch lichen Natur befasst. Vor diesem Hintergrund vermag es nicht zu verwundern, dass ein erheblicher Korpus an Schrifttum zu Fragen der menschlichen Natur vorgelegt wurde, wobei sich neben der Philosophie zahlreiche relevante Arbeiten unter ande rem auch auf Seiten der Anthropologie, der Biologie, der Soziologie und der Psy chologie finden lassen (vgl. exemplarisch Abel 1992, Arnhart 1998, Benthall 1973, Berry 1986, Cantril 1961, Chomsky 1996, 2006, Coward 2008, Cumming 1969, Curti 1980, Davies 1963, Forbes/Smith 1981, Freud 1933, Freyberg-Inan 2004, Fruehwald 2011, Geras 1983, Habermas 2003, Hacker 2007, Heinze 2004, Hewitt 2000, Hume 2007 [1739], Jaggar 1983, Kaplan 1976, Loptson 2006, Low 2008, Mil ler 1988, Niebuhr 1941, Frankel Paul et.al. 1991, Pennock 1977, Pinker 2002, Pompa 2002, Rosen 2005, Sarles 1985, Sayers 1998, Schleidgen/Jungert 2011, Schuett 2010, Smith 2007, Stephens 2006, Stevenson 1999, Stevenson/Haberman 2004, Wells/McFadden 2006, Wilson 2004). Speziell im vergangenen Jahrhundert wurden die überlieferten philosophischen Modelle — je nach Lesart — ergänzt oder herausgefordert durch neue Denkrichtun gen wie etwa Behaviorismus, Determinismus und verschiedenen weiteren Ansätzen insbesondere der Psychologie, Medizin, Biologie und den Neurowissenschaften. Was den politikwissenschaftlichen Teilbereich der Internationalen Beziehungen anbelangt, so lassen sich auch dort prominente Theorieansätze finden, bei welchen die menschliche Natur einen vorrangigen Stellenwert einnimmt. Hierbei gilt es ins 183 besondere, wenn auch nicht ausschließlich, den klassischen Realismus sowie aus gewählte Ansätze der Außenpolitikanalyse (FPA) zu erwähnen. Im Bereich des klassischen Realismus ist allem voran Hans Morgenthau zu erwäh nen, dessen zu wesentlichen Teilen anthropozentrisch geprägtes realistisches Den ken schon früh im Rahmen seiner wissenschaftlichen Äußerungen zu Tage getreten ist. So weist bereits sein auf eine funktionale Jurisprudenz hin ausgerichtetes For schungsprogramm der 1920er und 1930er Jahre, welches eine realistische Alternati ve zu bestehenden Konzepten im internationalen Recht entwickeln sollte, neben positivistischen und funktionalistischen auch psychologische Elemente auf (vgl. etwa Morgenthau 1940; vgl. ferner Sheuerman 2008, Jütersonke 2012). Desillusioniert von den beschränkten Möglichkeiten, welche das internationales Recht in sei nen Augen bot, wandte sich Morgenthau nach dem Zweiten Weltkrieg von seinen bis zu jenem Zeitpunkt verfolgten Forschungen auf diesem Gebiet ab und widmete sich nun ausschließlich der Rolle politischer Macht im Kontext zwischenstaatlicher Beziehungen. Jene explizite Hinwendung zu einer maßgeblich auf der menschli chen Natur beruhenden Analyse der internationalen Beziehungen und der diesen innewohnenden, auf menschlichen Charaktereigenschaften beruhenden machtpoli tischen Ausprägung (vgl. insbesondere Morgenthau 1948) trug dabei auch maßgeb lich zu einer klaren Aufteilung der internationalen Analyse in den politikwissen schaftlichen Bereich der Internationalen Beziehungen und den juristischen Bereich des Völkerrechts und somit zu einer spezifischen Profilbildung und Etablierung der Internationalen Beziehungen auf dem Gebiet der Politikwissenschaft bei (vgl. etwa Boyle 1985: 9). Der von Morgenthau maßgeblich geprägte klassische Realismus28 folgte einer bi opsychologischen Argumentation (vgl. hierzu etwa Busser 2006, Crawford 2009), der zufolge Politik entsprechend spezifischer Gesetzmäßigkeiten erfolgt, die sich unmittelbar aus der Natur des Menschen ergeben. Dabei wurde das Menschenbild des klassischen Realismus stark von der politischen Philosophie von Thomas Hobbes beeinflusst. Von dieser wurde etwa die Vorstellung des individuellen Strebens nach Macht und des daraus resultierenden Kampfes aller gegen alle übernommen und auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen. In diesem Zusammenhang sind bei Morgenthau bereits Argumente erkennbar, wie sie später auf fundamentalerer Ebene durch die Sozialpsychologie und dort insbesondere in den Theorien der so zialen Identität formuliert wurden. So geht Morgenthau davon aus, dass die Essenz nationaler Macht in der individuellen Identifikation mit dem Staat begründet liegt; hierbei argumentiert er dahingehend, dass das individuelle Machtstreben aufgrund des gesellschaftlichen Kontextes nicht ausgelebt werden kann, weshalb sich das Individuum mit dem auf internationaler Ebene nach Macht strebenden Staat identi fiziert (vgl. Morgenthau 1985: 119). Dies führt letztlich dazu, dass internationale So gilt Hans Morgenthaus Opus Magnum Politics A-mong N ations als einer der begründen den Texte nicht nur des klassischen Realismus sondern des Teilbereichs Internationale Beziehungen schlechthin (vgl. hierzu etwa Busser 2006: 2) 184 Politik für Morgenthau ein natürlicher Kampf um Macht ist. Seine Vorstellungen eines politischen Realismus der Internationalen Beziehungen geht daher auch von folgender Prämisse aus: ,,[P]olitics, like society in general, is governed by objective laws that have their roots in human nature.” (Morgenthau 1978: 4). Wesentlich be einflusst wird diese an Größen wie Machttrieb und Dominanzwille orientierte Sichtweise zudem von der Philosophie Nietzsches (vgl. etwa Petersen 1999). Da die menschliche Natur zudem als unveränderlich negativ angenommen wird (vgl. Mor genthau 1985: 4) und Gesellschaft und Politik somit objektiven Gesetzmäßigkeiten gehorchen, deren Wurzeln im Wesen der menschlichen Natur begründet liegen, folgt auch die internationale Politik unabänderlichen Dynamiken, welche die menschliche Natur repräsentieren (vgl. Morgenthau 1985: 38ff). Diese Gesetze sind dem Zugriff menschlicher Einflussnahme entzogen; Versuche, sie zu ignorie ren oder zu verändern, resultieren notwendigerweise im Scheitern des Handelns (vgl. Morgenthau 1985: 4). Allerdings war Morgenthau nicht der einzige Vertreter eines derartig geprägten Ansatzes. So geht etwa auch Carr davon aus, dass das auf internationaler Ebene allgegenwärtige Streben nach Macht von Wesen der mensch lichen Natur getrieben wird. Neben ausgewählten Ideen von Hegel und Machiavelli lassen sich auch bei Carr starke Einflüsse der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes finden. Zudem sind deutliche Parallelen zum Werk Sigmund Freuds erkennbar (vgl. Carr 1951: 106, sowie ferner Schuett 2010: 36ff.). Der christlich orientierte Theoretiker der Internationalen Beziehungen Reinhold Niebuhr argumentiert fer ner, dass zwischen dem Willen zur Macht und dem Willen zum Leben keine klare Trennlinie gezogen werden könne. Für ihn, wie auch für Carr, spiegelt die Natur der Staatenwelt just dieses Phänomen wider (vgl. etwa Niebuhr 1960: 3), wobei ins besondere das menschliche Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zu einem um fassenden Gefühl der Unsicherheit führt, was sich in einem extremen Sicherheits und Verteidigungsbedürfnis niederschlägt (vgl. etwa Freyberg-Inan 2004: 68). Ge nau in diesem Zusammenhang kommt das unauflöslich mit dem Überlebenswillen verbundene Streben nach Macht zu tragen. Dieses wird dabei aufEbene von sozia len Gruppen beziehungsweise dann Staaten sogar noch vergrößert, weil Gruppen nicht über eine ebenso ausgeprägte Moralität verfügen wie Individuen. Diese Verbindung der zentralen Rolle des Individuums und der dessen negative menschliche Natur besonders zur Geltung bringenden Interaktion mit der Gruppe lässt sich auch im Werk des ebenfalls dem klassischen Realismus zurechenbaren George Kennan finden, welcher die Größen menschliche Natur und Nationalismus als entscheidend Faktoren zur Erklärung der Dynamik der internationalen Bezie hungen ansieht (vgl. etwa Kennan 1993: 17-36). Internationale Konflikte sind Ken nan zufolge maßgeblich das Produkt von nationalistischen Gefühlen zwischen un terschiedlichen politischen Gruppen, wobei diese Gefühle massenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die ihrerseits wiederum in der menschlichen Natur be gründet liegen. Ganz ähnlich wie George Kennan basiert auch Walter Lippmans Variante des klassischen Realismus auf den beiden zentralen Elementen Nationa lismus und menschliche Natur. Zudem lässt sich bei Lippman die Annahme finden, 185 dass (außen-)politische Dynamiken gruppenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, die ihren Ursprung in der menschlichen Natur haben (vgl. etwa Lippmann, 2005[1913], 2008[1915]). Gemein ist Kennan und Lippmann zudem ihr aus geprägtes Interesse an der Psychoanalyse. Insbesondere Lippmann gilt — gemein sam mit Harold D. Lasswell29 — als einer der Wissenschaftler schlechthin, die Sig mund Freuds Werk in das amerikanisch politische Denken eingebracht haben (vgl. etwa Schuett 2010: 31). Auch George Kennan hat sich sein gesamtes Wirken hin durch immer wieder mit Aspekten der Psychoanalyse auseinandergesetzt.30 Im Zweiten Weltkrieg etwa empfahl er etwa amerikanischen Regierungsvertretern, mithilfe der Methoden der Psychoanalyse die Sowjetunion zu analysieren. Insge samt hatte Kennans intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse einen nachhaltigen Einfluss darauf, wie er den Menschen konzeptualisiert hat; dies wird etwa an seinen Aussagen deutlich, die er in seinem Werk A round the Cragged Hill: A. Personal and Political Philosophy (1993) formuliert hat. In dieser Essenz seines poli tisch-philosophischen Denkens zu den internationalen Beziehungen lassen sich frappierende Übereinstimmungen mit Annahmen von Sigmund Freud ausmachen. So erscheint der Mensch bei Kennan als ein geborstenes Gefäß (cracked vessel), das von zwei Hauptimpulsen beherrscht wird und an zwei Fronten in tiefgreifende, existenzielle Kämpfe verwickelt ist: einerseits mit sich selbst und andererseits mit den anderen Menschen, der Gesellschaft: “Man, to the degree that he tries to shape his behavior to the requirements o f civilization, is unquestionably a cracked vessel. His nature is the scene o f a never-ending and never quite resolvable conflict between two very profound impulses” (Kennan 1993: 17). Die Metapher des Menschen als geborstenes Gefäß zeigt Kennans Nähe zu Sig mund Freuds Denken, wie es etwa in dessen Werk Unbehagen der Kultur (Freud 1930) zutage tritt, auf besonders deutliche Weise auf. Wie Freud stellt Kennan sehr deutlich das profunde Unwohlsein des Menschen als Mitglied einer sozialen bezie hungsweise politischen Gemeinschaft dar, die aus dem Zusammenspiel der Wider sprüche der Primitivität seiner angeborenen Instinkte und Impulse einerseits und den ausgefeilten Ansprüchen der Zivilisation andererseits herrührt. Diese Wider sprüche zerstören die Einheit und Kohärenz seines Denkens und Handelns, brin Lasswell, der nicht zuletzt durch seine wissenschaftlichen Arbeiten zur politischen Kom munikation und insbesondere auch über Propaganda Bekanntheit erlangt hat, wurde ebenfalls sehr stark von Sigmund Freuds Theorien beeinflusst. Praktische Bedeutung er langten seine psychoanalytisch geprägten Analysen während des Zweiten Weltkrieges, wo Lass well das Amt des C hief o f the Pxperim enta l Division f o r the Study o f W ar Time Communica tions an der Library o f Congress innehatte. In dieser Funktion analysierte er nationalsozia listische Propagandafilme, um heruszufinden, welche Mechanismen genutzt warden, um die Ergebenheit und die Unterstützung der deutschen Bevölkerung für Hitler und dessen Kriegsverbrechen zu gewinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten Lasswells Arbei ten schließlich einen maßgeblichen Beitrag bei der Entwicklung des Behavioralismus. Kennan pflegte auch persönliche Kontakte mit Anna Freud, wo er tiefe Einblicke in Le ben und W erk ihres Vaters erhielt (vgl. Costigliola 1997: 1323). 186 gen seine Anstrengungen durcheinander, beschränken die Möglichkeiten dessen, was er erreichen könnte und tragen letztlich dazu bei, dass unterschiedliche Teile der Persönlichkeit auseinanderfallen (vgl. Kennan 1993: 27). Derartige Vorstellungen wie auch die Annahme des klassischen Realismus insge samt, der zufolge Politik von Gesetzmäßigkeiten determiniert wird, die in der wie auch immer beschriebenen menschlichen Natur begründet liegen, blieben nicht frei von Kritik. Nicht zuletzt die Vorstellung von einer gleichermaßen negativen wie unveränderlichen menschlichen Natur führte zu kritischen und teils sogar feindseli gen Reaktionen, letztere vor allem auf Seiten von Vertretern kritischer, feministi scher und postmoderner Theorieansätze (vgl. etwa Schuett 2010: 23, sowie Frey berg-Inan 2004, 2006). Weitere Kritik ließ sich aber auch aus dem realistischen La ger selbst vernehmen, insbesondere nachdem der Neorealismus zusehends einen prominenten Platz einzunehmen begonnen hatte. Für Kenneth Waltz, den Vor denker des Neorealismus in den Internationalen Beziehungen sprachen zwei Ar gumente gegen die Rückführung von zwischenstaatlichem Verhalten auf das Indi viduum und seine Anlagen: Zum einen sei ein solcher Ansatz reduktionistisch (vgl. Waltz 1979: 18), zum anderen sei ein derartiges Vorgehen aber ohnehin unnötig, da die menschliche Natur, die den Vorstellungen des rational agierenden homo oeconomicus entspreche, konstant sei und somit Varianz in zwischenstaatlichen Bezie hungen per se nicht erklären könne, wie Waltz (1959: 27) weiterhin ausführt: ,,[T]he importance o f human nature as a factor in causal analysis o f social events is reduced by the fact that the same nature, however defined, has to explain an infinite variety o f social events” . Vor diesem Hintergrund gelangte Waltz zu der Ansicht, dass es, strukturelle Aspek te seien, welche — wie oben dargelegt — die Dynamik der internationalen Beziehun gen erklären. Als Waltz seiner Theorie zwischen den 1950er und 1970er zu entwi ckeln begann, und vermehrt naturwissenschaftliche Vorstellungen in die Politikwis senschaft Einzug zu halten begann, erwuchs zwar ein entsprechender Anspruch auch für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens, dem Waltz gerecht zu werden bestrebt war. Zugleich aber stand ihm ein geeignetes Instrumentarium für First Image-Analysen nicht zur Verfügung, sodass er konsequenterweise das Erste (und damit zusammenhängend auch das Zweite) Image ausblendete und sich auf die strukturelle dritte Analyseebene des internationalen Systems beschränkte. Einer der Gründe, weshalb naturwissenschaftlich begründete Fist-Image Erklärungen zunächst nicht zu finden waren, lag nicht zuletzt in der ideologisch missbräuchlichen Nutzung solcher Ansätze speziell im Kontext des Nationalsozia lismus (etwa Eugenik) begründet. Auch hatte die aus Darwins Evolutionstheorie abgeleitete Vorstellung einer auf sozialdarwinistischen Regeln beruhenden Gesell schaft biologische Erklärungen für sozialwissenschaftliche Ansätze zunächst dis kreditiert. Das galt zumindest für den Mainstream der Forschung. Vereinzelt wurde die aus den Lehren Darwins abgeleitete Erkenntnis, dass Menschen (wie auch an dere Spezies) zumindest einmal aus langfristiger Perspektive keineswegs über eine 187 unabänderliche Natur verfügen, weiterverfolgt. Diese Offenheit für eine Auseinan dersetzung mit Darwin ermöglichte es der modernen Biologie schließlich auch, neue Wege zum Verständnis der menschlichen Natur auch innerhalb der gewöhnli chen Lebensspanne des Menschen zu finden, welche dann auch allmählich auf das Gebiet der Sozialwissenschaften vordringen konnten. Insbesondere seit den 1970er Jahren lassen sich Versuche erkennen, evolutionäre Erklärungsansätze zu nutzen, um soziale Gegebenheiten und Dynamiken zu analysieren. Die dort entstehenden soziobiologischen beziehungsweise evolutionspsychologischen Wirklichkeitszugän ge zielten dabei etwa darauf ab, menschliches Verhalten auf Grundlage individueller genetischer Dispositionen erklären (vgl. hierzu etwa Busse 2006). Mit anderen Wor ten ging es um nichts Geringeres als “the systematic study o f the biological basis of all social behaviour”, wie es Edward Wilson (1975: 4), einer der Pioniere der Soziobiologie formulierte. Anders als die Ethnologie, die primär einen deskriptiven An satz verfolgt, geht es der Soziobiologie um das Nachvollziehen der Mechanismen, welche im Verlauf der Stammesgeschichte spezifische Verhaltensweisen hervorge bracht haben. Ein besonderer Fokus liegt auf dem adaptiven Wert des Sozialverhal tens als Bestandteil des Gesamtverhaltens. Dabei wird in Abgrenzung etwa von der Gruppenselektionstheorie angenommen, dass evolutionäre Selektion an den Genen des Individuums ansetzt, Evolution als individuell und nicht gruppen- oder artspe zifisch ist.31 In engem Zusammenhang mit der Soziobiologie steht die evolutionäre Psychologie32, welche menschliches Erleben und Verhalten mit Erkenntnissen über die Evolution erklärt. Von der Annahme ausgehend, dass das der Verstand aus ei ner Vielzahl interagierender emotionaler, motivationaler und kognitiver Adaptio nen, den sogenannten mentalen Modulen, besteht, ist die evolutionäre Psychologie bestrebt herauszufinden, welche psychologischen Merkmale des Individuums funk tionale Ergebnisse natürlicher Selektion sind, also der Idee einer unveränderlichen Zentrale Prämisse der Soziobiologie ist die unbegrenzte Replikationstendenz der Gene. DNS-Molekülketten fungieren als Träger der Gene und verfügen über die Fähigkeit, ständig Kopien von sich selbst herzustellen. Gene zeichnen sich dadurch aus, dass sie — anders als der sterbliche Körper — Generationen überdauern können und über unbe grenzte Rekombinaüonsmöglichkeiten verfügen. Die Ausdrucksform des Genotyps, der jeweils eine einmalige Verbindung von Genen darstellt, ist der Phänotyp, das heißt die sich aufgrund der im Genotyp enthaltenen Information ausprägenden Körper- und Ver haltensmerkmale des Individuums. Der Phänotyp — und als einer seiner Aspekte das Ver halten — bildet den unmittelbaren Ansatzpunkt für den Selektionsprozess. Gut angepasste Phänotypen zeichnen sich durch hohe Fortpflanzungsraten aus. Das heißt, ihre Gene können sich gegenüber den Genen weniger gut angepasster Phänotypen ausbreiten. Be günstigt werden Gene, die ihre Träger mit Verhaltensweisen ausstatten, mit denen sie die ihnen zur Verfügung stehende Zeit und Energie erfolgreicher im Kam pf um knappe Res sourcen einsetzen können als konkurrierende Individuen oder Artgenossen. Kurz: Sie si chern sich dadurch Überlebens- oder Ausbreitungsvorteile. Das Maß für die Eignung ei nes Gens ist folglich die Häufigkeit seiner Verbreitung in der nächsten Generation. Diese wird mitunter auch als Evolutionspsychologie bezeichnet; der Begriff „Evolutionary Psychology“ wurde von Ghiselin (1973) geprägt. 188 menschlichen Natur zuwiderlaufen. Die Evolutionspsychologie argumentiert somit dahingehend, dass ein Großteil menschlichen Verhaltens als Ausdruck psychologi scher Anpassungsprozesse an entwicklungsgeschichtlich immer wieder auftretende Probleme zu verstehen ist (vgl. etwa Buller 2005; Barkow et al. 1992; Buss 2005; Workman/Reader 2004; kritisch Laland/Brown 2002; für Verbindungen zwischen Soziobiologie und Evolutionsbiologie vgl. zudem Dupre 2001, Alcock 2001, kri tisch: Dawkins). Ihrem Anspruch nach stellt die evolutionäre Psychologie dem ge samten Fach neue Analyseansätze zur Verfügung (vgl. etwa Sell et.al. 2006). Seit den 1990er Jahren konnte sich die Evolutionspsychologie zu einem eigenständigen und einflussreichen Teilgebiet der Psychologie entwickeln (vgl. Barkow/Tooby/Cosmides 1992, Pinker 1997, 2002, Buss 2003, Badcock 2000, Buller 2005, Dunbar/Barrett 2007, Dupre 2003, Pinker 2002, Hoffrage/Vitouch 2007). Mittlerweile wird der Ansatz gemeinsam mit der kognitiven Neurowissenschaft als ein zentrales Element der zunehmend biologisch ausgerichteten Kognitionswissen schaft, der Sozialpsychologie und benachbarter sozialwissenschaftlicher Disziplinen begriffen. Auch die Politikwissenschaft hat angefangen, soziobiologische bezie hungsweise evolutionspsychologische Argumente im Bereich der Internationalen Beziehungen zu rezipieren. Dies geschah nicht zuletzt im Zusammenhang einer kritischen Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des klassischen Realismus. Hierbei konvenierte der Anspruch der Soziobiologie beziehungsweise evolutionä ren Biologie sehr gut mit den Zielsetzungen eines modifizierten Realismus in den Internationalen Beziehungen: “|T]he goal o f evolutionary theory is to understand the ultimate causes o f behaviour, and because these causes are testable they provide a solid foundation for a realist approach to the study of politics” (Busser 2006: 9). So wurde etwa versucht, Rational Choice Ansätze mit Konzepten der evolutionä ren Psychologie zusammenzubringen, um zu belegen, dass universelle biologische Impulse immer wieder ursächlich für zwischenstaatliche Konflikte und Kriege sind (vgl. etwa Thayer 2000). Trotz dieser erfolgreichen Entwicklung ist die evolutionäre Psychologie nicht gänzlich unumstritten (vgl. etwa Rose/Rose/Jencks 2000, Brewer/Caporael 1990, Lewontin 1980, Lewontin/Rose/Kamin 1986, Morsbach 2001, 2005, Allen et.al. 1976, Marche 1994, Myryanski 1994). Während von wissen schaftstheoretischer Seite vor allem die Methodik kritisiert wird (vgl. etwa Gould 1997), wird dem Ansatz auf inhaltlicher Ebene eine teils unzulässige Simplifizierung der Evolutionswissenschaften und insbesondere eine unzutreffende Darstellung des wissenschaftlichen Konsenses hinsichtlich der Soziobiologie innerhalb der Evolutionsforschung wie auch eine problematische Ausblendung der entwick lungspsychologischen Erkenntnisse vorgeworfen (vgl. etwa Bell/MacDonald 2001). Joshua Goldstein (1987) verweist zudem auf mögliche Probleme der Anwendung soziobiologischer Konzepte auf die Argumente der Politikwissenschaft. Grundsätz lich in Frage gestellt wird der Ansatz von Denkern wie Mary Clark (2002) oder Jason Edwards (2003), welche die Fragestellung letztlich umdrehen. Statt von einer spezifischen menschlichen Natur auszugehen, um Politik zu erklären, erscheint 189 ihnen es sinnvoller, danach zu fragen, wie soziale, kulturelle und politische Kräfte die Evolution beeinflusst und geprägt haben. Dies sei insofern von Bedeutung, da es die Art und Weise, wie eine Kultur die menschliche Natur wahrnimmt, sei, wel che menschliches Verhalten determiniere. Trotz dieser zum Teil fraglos berechtig ten Kritik zeigte sich dennoch, dass bereits zu jener Zeit auf dem Gebiet der poli tikwissenschaftlichen Internationalen Beziehungen, wie auch in benachbarten Sozi alwissenschaften, die menschliche Natur als ernstzunehmende Größe wissenschaft licher Untersuchung unter neuen Vorzeichen an Stellenwert gewonnen hat (vgl. Steiner 1980). Interessanterweise scheinen gerade einige neuere Ergebnisse der Soziobiologie die pessimistischen Annahmen des klassischen Realismus hinsichtlich der menschlichen Natur zu bestätigen (vgl. Busse 2006: 1), was eigentlich nicht oh ne Konsequenzen bleiben sollte: „Accepting the ‘scientific’ argument that human nature is naturally violent, ethnocentric, and competitive, human nature promises to further entrench a conception o f security which focuses on distinct, competitive groups defined by their differences and prone to war” (Busse 2006: 1) Angesichts der geschilderten Entwicklungen ist es umso erstaunlicher, dass sich diese Entwicklung ausgerechnet in den jüngeren Arbeiten des (neoklassischen) Rea lismus bislang nicht widerspiegelt — und das obwohl dieser Theorieansatz explizit den Anspruch erhebt, in besonderem Maße für Fragestellungen, wie sie für die Analyse der internationalen Beziehungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts relevant sind, geeignet zu sein (vgl. etwa Schuett 2010: 22). Trotz der tatsächlich erkennba ren Renaissance des klassischen Realismus wird die für jenen Theorieansatz charak teristische und letztlich zentrale anthropologische Komponente — von wenigen Ausnahmen (vgl. etwa Elshtain 2008) abgesehen — somit weitgehend ausgeblendet (vgl. etwa Williams 2005, 2007, Clinton 2007, Bell 2008). Schuett (2010: 23) spricht in diesem Zusammenhang sogar vom seltsamen Tod der menschlichen Natur in der Neuauflage des klassisch-realistischen Denkens in den Internationalen Bezie hungen. Die erwähnten, den klassisch-realistische Ansatz stützenden, Ergebnisse der Soziobiologie verweisen aber zugleich auf eine weitere Problematik der Erforschung menschlicher Natur als Entscheidungsfaktor zwischenstaatlichen Verhaltens. Denn damit wird potenziell eine Tendenz gefestigt, die sich aus der langen Dominanz des realistischen Bildes der menschlichen Natur in den Internationalen Beziehungen ergab. Diese bestand darin, die Suche nach alternativen Erklärungsmodellen zu vernachlässigen. Indem innerhalb der Wissenschaft weitgehend akzeptiert wurde, dass Macht- und Dominanzstreben sowie Misstrauen natürliche Attribute der menschlichen Natur seien, gab es — von wenigen Ausnahmen abgesehen (vgl. etwa Booth/Wheeler 2007, Fierke 2005) — kaum eine politikwissenschaftliche relevante Auseinandersetzung etwa zu Aspekten wie Empathie und Vertrauen auf dem Ge biet der Internationalen Beziehungen. Hinzu kommt eine hoch selektive und kon zeptionell problematische Herangehensweise (Gunnell 2007). Viele der seit langem als gültig angesehene und den Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik dominie 190 renden Annahmen der Abschreckungstheorie sind nicht nur falsch, sondern dies auch auf gefährliche Weise, wie Forschungen auf dem Gebiet der Politischen Psy chologie bereits vor geraumer Zeit ergeben haben (vgl. etwa Jervis/Lebow/Gross Stein 1985). So haben etwa jüngere Ergebnisse aus dem Bereich der Angstfor schung gezeigt, dann nicht davon ausgegangen werden kann, dass Entscheidungs träger auf akute Bedrohungen reagieren, indem sie eine rationale Kalkulation von Kosten, Risiken und möglichen Gewinnen durchführen; nichtsdestoweniger gehen die dominierenden Ansätze der Theorie der Internationalen Beziehungen nach wie vor von dieser Annahme aus, und die Politik wird noch so beraten, als sei diese Annahme zutreffend. Dass sie nicht zutrifft liegt aber nicht nur einfach daran, dass ausgesandte Signale der Gegenseite schwer zu entschlüsseln sind und daher mögli che Perzeptionsfehler auftreten. Vielmehr beeinflussen Angst, Wut oder das Ge fühl von Demütigung die Urteilsfähigkeit des Menschen und damit die Art und Weise auf Bedrohungen zu reagieren. Somit kann etwa Angst als wirkungsmächtige Ursache und auch als Verstärker sowohl kognitiver als auch motivierter Verzerrun gen fungieren, welche ihrerseits auf die Wahrnehmung der Abschreckungsmaß nahmen zurückwirkt. In dem Maße jedoch, in dem bestehende Theorien, welche die Ergebnisse etwa der Angstforschung oder aber andere, nicht minder bedeutsa me psychologische Erkenntnisse, nicht aufgegriffen haben, wurden auch außenund sicherheitspolitische Strategien in entsprechend problematische Richtungen entwickelt, was die Welt somit eher gefährlicher gemacht hat, also genau das Ge genteil dessen erreichte als das, was von der Abschreckungstheorie intendiert war. Vor diesem Hintergrund fordert etwa Crawford (2009) fordert dazu auf, ein neues Bild der menschlichen Natur zu entwerfen und dieses zur Grundlage neuer Theo riebildung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen zu machen: “It is extremely important for scholars o f world politics to move beyond these simple starting propositions. The next step is to examine how our ‘human natures’ influence world politics and how our previous views o f human nature have shaped the world we live in” (Crawford 2009: 277). Bezogen auf die vorangegangenen Ausführungen zur Rolle von Angst in der Au ßen- und Sicherheitspolitik bedeutet dies etwa das Bewusstsein darum, dass sich Angst und der Umgang damit zu einem institutionalisierten Schema innerhalb von Staaten entwickeln können. Das kann etwa in Form spezifischer Muster der Infor mationsgewinnung, spezifischer Wahrnehmungsmuster und verteidigungspoliti schen Plänen und Szenarien, welche Aktion und Reaktion auf bestimmte politische Entwicklungen festlegen, geschehen. Die institutionalisierte Angst kann auf diese Weise gleichermaßen als perzeptueller Filter wie auch als Auslöser wirken. Die sich in einer solchen Umgebung entwickelnde Eigendynamik wirkt dabei schließlich so stark, dass die ihr innewohnende Logik auch bei gegenläufigen Erkenntnissen nicht oder nur schwer in Frage gestellt wird. Andererseits kann anhand von Forschung, welche bestrebt ist, entsprechende psychologische Erkenntnisse aufzugreifen, ge zeigt werden, dass auch als unüberwindbar angenommene Größen in den internati onalen Beziehungen, wie etwa das Sicherheitsdilemma, überwunden oder zumin 191 dest doch abgemildert werden können (vgl. etwa Boothe/Wheeler 2008). Ange sichts solcher Einsichten fordert Crawford (2009: 286) ferner, relevante Erkennt nisse von Biologie, Neurobiologie, Neurowissenschaften in die Theoriebildung der Internationalen Beziehungen einzubringen: „The path to decreased tension, conflict resolution, and improved security lies in reexamining the relationship between ‘human nature’, political practices, and institutions and in devising policies that actually decrease fear and enhance trust.” In der Tat scheint es an der Zeit für einen interdisziplinären Ansatz, nicht nur zur Erforschung der menschlichen Natur, sondern auch der diesbezüglichen Implikati onen für die Politikwissenschaften und speziell die Internationalen Beziehungen. Wesentlich hierzu beitragen können die jüngeren Entwicklungen in der Neurowissenschaft, welche sich damit befasst, wie Wahrnehmungs- und Entscheidungspro zesse von physiologischen Prozessen innerhalb des Gehirns bestimmt werden. Zu gleich erklärt sie Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und neuronaler Ent wicklung. Kulturelle Einflussfaktoren wirken auf die Neuralaktivität innerhalb des anterioren rostralen Abschnitts des medialen präfrontalen Kortex (MPFC) und des posterioren cingulären Cortex (PCC) (Choudhury: 2009; Choudhury/Kirmayer: 2009; Turner/Whitehead: 2008; Dominguez et al. 2009, Wexler 2006). Konkret lassen sich beispielsweise Aktivitäten in spezifischen Hirnregionen, die mit Sympa thie oder Antipathie zu einem spezifischen Wahlkandidaten korrelieren, aber eben so mit der Wahrnehmung von Politikern mit Blick auf Vertrauenswürdigkeit etc. aufzeigen und deren Entstehung nachzeichnen (Vecchiato et al. 2010; Rule et al. 2005; Coan et al. 2006; Eisenberger et al. 2003). Durch ein auf diese Weise gestiegenes Verständnis der molekularen Funktionsweise des Gehirns haben sich somit auch neue Wege zur Analyse von Präferenzbildung und Handeln des Individuums eröffnet (Abi-Rached 2008). Über bildgebende Ver fahren wurde auch die Existenz von Spiegelneuronen (Gallese 1996; Iacoboni 2008, 2009; Rizzolatti/Sinigaglia, 2008) nachgewiesen, welche für Empathieverhal ten von zentraler Bedeutung sind. In diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass auch deren Entwicklung in Interaktion mit der Umgebung stattfindet (Dominguez 2006, Dominguez et al. 2009; Downey/Lende 2009; Chiao 2009; Chiao et al. 2009; Han/Northoff 2008), wobei insbesondere politische und religiöse Belief-Systems, aber ebenso die Prägung durch das sozioökonomische System, als besonders wirk sam angesehen werden (Iacoboni 2007, 2008, 2009). Im Laufe der Zeit filtert und beeinflusst die Kultur, wie sich Empathie entwickelt und ihren Ausdruck findet (de Waal 2007: 50). 192 Insgesamt konnte die lange Zeit bestehende strikte Dichotomie zwischen dem Na ture- und dem Nurture-Ansatz33 von menschlicher Natur und Verhalten relativiert und die Diskussion darum entschärft werden (vgl. etwa Stilles 2011, sowie ferner Rose 1997). Vielmehr setzt sich allmählich das Verständnis durch, dass beide Ebe nen, die biologische und die soziale, so sehr miteinander verzahnt sind, dass eine genaue Differenzierung weder möglich noch sinnvoll erscheint, und das Modell einer Ko-Konstitution von biologischen Anlagen und sozialen Institutionen die Realität am besten einzufangen scheint (vgl. Crawford 2009: 276ff.). Dass dies auf grund der hohen Komplexität der menschlichen Biologie wie auch der Gesellschaft kein leichtes Vorhaben ist, soll nicht bestritten werden, dennoch sollte dies kein Grund sein, wie auch Crawford (2009: 285) explizit betont, nicht zu versuchen, die komplexen Interaktionsprozesse von Biologie und sozialen Institutionen zu verste hen. Allzu einfache Argumente genetischer Determination menschlichen Handelns gilt es dabei, mit Skepsis zu betrachten. Auch wäre es nicht richtig, alles auf das Bi ologische reduzieren zu wollen. Fraglos kann die Neurowissenschaft viele grundle gende Erkenntnisse liefern, jedoch kann erst die Vernetzung mit den Sozialwissen schaften, der Psychologie und letztlich auch der Philosophie dazu führen, zu ver stehen, weshalb wir so handeln wie wir handeln: “Our biology matters but we are not prisoners o f it. Our biological natures and our institutions interact. Our cognitions, memories and emotions also interact. Moreover, because o f the human capacity for reflection and reason, we can understand and manipulate the forces that shape us. It is therefore important to attend to the complexities o f interaction. Specifically, we must attend the ways that institutions can reinforce aspects o f our ‘natures’ that promote conflict, but conversely how other institutions engender cooperation. Similarly, we must attend to the ways our cognitions and emotions interact, influencing not only the process and content (how and what) o f our cognitions, but how much and what we feel. In other words, while our amygdala might react nearly instantaneously to a perceived threat, our prefrontal cortex and hippocampus react nearly as quickly and can direct our behavior.” (Crawford 2009: 285) Ein entsprechender Untersuchungsansatz muss dabei zudem folgende Aspekte be rücksichtigen: Ein wesentlicher Baustein menschlicher Natur ist Neuroplastizität. Unter diesem Konzept, das bisherige Vorstellungen von Gehirn als statisches Or gan abgelöst hat, wird die Möglichkeit lebenslanger Veränderungen von Nerven- Die Nature oder Nurture Debatte betrifft die relative Bedeutung der angeborenen Eigen schaften eines Individuums einerseits (Nature) gegenüber den aus dessen Erfahrung her vorgegangenen Eigenschaften (Nurture) andererseits, wenn es darum geht, individuelle Unterschiede in W esen und Verhalten zu erklären. Die Nature-Seite argumentiert m it bio logischer Determination. Die Nurture-Seite indes argumentiert damit, dass alle oder zu mindest ein Großteil der Eigenschaften eines Individuums sozial erworben sind (tabula rasa-Argument). Mittlerweile hat sich weitgehend die Ansicht durchgesetzt, dass beide Aspekte eine Rolle spielen und bei der Herausbildung der Eigenschaften eines Individu ums zusammenwirken (vgl. etwa Dusheck 2002, Carlson et.al. 2005, Ridley 2003, Westen 2002, Meaney 2004, sowie ferner Rowe 1994, Neill 2004, Pinker 2004, Plomin/Fulker/Corley/DeFries 1997, Plomin/DeFries/McClearn/McGuffin 2001, Ridley 2003). 193 bahnen und Synapsen auf unterschiedlichen Ebenen von einzelnen zellulären Mo difikationen bis hin zu großflächigen Prozessen kortikaler Neuanordnungen (cortical remapping) aufgrund von Veränderungen im Verhalten oder in der Umwelt, durch Unfälle oder aufgrund anderer neuronalen Prozessen verstanden (vgl. etwa Rakic 2002, Pascual-Leone/Amedi/Fregni/Merabet, 2005, Pascual- Leone/Freitas/Oberman/Horvath/Halko/Eldaief et al. 2011; Chaney 2006, 2007, Ponti/Peretto/Bonfanti/Reh 2008; vgl. ferner Pinaud/Tremere 2006, Pinaud/Tremere/De Weerd 2006, Begley 2004, Donoghue 2002, Flor 2002, Mahncke et al. 2006, Stein/Hoffman 2003, Wieloch/Nikolich 2006). Zugleich gilt es, Er kenntnisse aus dem Bereich der Bounded Rationality zu berücksichtigen, um das irrige Konzept des Homo Oeconomicus zu überwinden und durch ein Modell des Homo Politicus zu ersetzen, der an den soeben geschilderten Prämissen zum Ver ständnis der menschlichen Natur orientiert ist: “Our biology, political cultures, and institutions interact and this interaction helps constitute (and reconstitute) homo politicus — the human being in the political context” (Crawford 2009: 277). In diesem Sinne soll die bei der im Rahmen der hier unternommenen Theoriefort bildung nachfolgend durchgeführten Operationalisierung das so geformte Konzept des Homo Politicus handlungsleitend sein. Möchte man sich vor diesem Hinter grund der zur Analyse unbedingt zu berücksichtigenden naturwissenschaftlichen Komponente (außen-)politischer beziehungsweise zwischenstaatlicher Entschei dungsfindung zuwenden, so ist es erforderlich, die Erkenntnisse von Kongnitions wissenschaften, Neurobiologie und Verhaltensgenetik aufzugreifen und zu integrie ren. Hierbei zeigt sich, dass die genannten Bereiche auf sinnvolle Weise zusam menwirken können. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass in den vergange nen Jahrzehnten eine weite Spanne psychokultureller Verschiedenheiten konstatiert wurde. So zeigte sich etwa, dass das Verhältnis von Ego und Alter im ostasiatischen Kulturkreis eher in Beziehung zur Gruppe beziehungsweise zum Kollektiv gesetzt wird, wohingegen in westlichen Kulturen das Ich mehr als einzigartige, stabile aus sich selbst heraus definierte Größe wahrgenommen wird (Markus/Kitayama 1991). Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, woraus derartige Unterschiede resul tieren, wurde offenbar, dass eindimensionale Erklärungen nicht ausreichen. Viel mehr ist es erforderlich, etwa soziologische, ökonomische, psychologische und nicht zuletzt biologische Aspekte in einen kultur-neurowissenschaftlichen Ansatz zu integrieren (Chiao/Ambady 2007). Die Verhaltensgenetik, welche einen Teilbereich der Genetik darstellt, in dem sich schon selbst Entwicklungsgenetik, Ethologie sowie Evolutions- und Entwicklungs psychologie überschneiden, stellt hierbei wichtige Einblicke zur Verfügung (Eaves et al. 2005; Kendler 2005; Carey 2003; Neale/Cardon 1992). Zwar ist sie primär bestrebt, sowohl durch quantitativ-genetische wie molekulargenetische Ansätze herauszufinden, wie stark und auf welche Weise individuelles Verhalten genetisch beeinflusst ist und wie sich genetisch Vererbtes mit Blick auf empirisch erkennba res Verhalten vom Einfluss durch Umgebungsfaktoren beeinflusst wird (Bazzett 194 2008), jedoch findet dies vor dem mittlerweile als erwiesen geltendem Umstand statt, dass endogene und exogene Faktoren gleichermaßen und in ihrem Zusam menspiel Einfluss auf das Handeln von Individuen nehmen. Gene determinieren dabei jedoch nicht unmittelbar Verhalten oder Charakterausprägungen. Vielmehr stellen sie die Plattform für die Proteinsynthese dar, welche eine Folge chemischer Prozesse auslösen, die ihrerseits neurologische, kognitive und affektive Auswirkun gen haben, je nachdem welche Umweltfaktoren auf welche Weise einwirken (Plomin et al. 2008; Fisher et al. 1999; Cardon et al. 1994; Loehlin 1989; Foley et al. 2004; Caspi et al. 2002; Gayän et al. 1999;Johnson et al. 2011; Spinath/Johnson 2011). Dieser Umstand lässt sich auch auf der Ebene der Hormone nachweisen. Für die Analyse zwischenstaatlicher Entscheidungsfindung ist dieser Aspekt durchaus rele vant, da bestimmte Hormone maßgeblich zur Regulation von Kognition und Emo tion beitragen. Gene in der der Glutamatfamilie und in den adrenischen Systemen, inklusive jener, welche den Dopamin- und Serotoninhaushalt steuern (etwa Mono aminoxidase MAOA) wirken etwa an offensiv-aggressiven Verhaltensausprägungen mit (Brodkin et al. 2002; Chen et al. 2005; Placidi et al. 2001; Reif et al. 2007; De- Boer et al. 2009; Noble et al. 1998; Bäckman et al. 2000; Reeves et al. 2005; Cropley et al. 2006; Hess et al. 2009; Harpending/Cochran 2002). Wenngleich die Annahme eines linearen Zusammenhangs von etwa Hormonmenge und beobachtbarem ver halten auszuschließen ist (Olivier/van Oorschot 2005), können Kenntnisse spezifi scher vorherrschender neuronaler Bedingungen und Messgrößen beziehungsweise genetischer Varianzen maßgeblich zur Erklärung individuellen politisch-relevanten Verhaltens beitragen (Volavka 1999; Lyons et al. 1995; Filley et al. 2001; Chen et al. 2005; Foley et al. 2004). Hierbei von nicht unerheblicher Bedeutung ist zudem das Faktum, dass genetische Traits regelmäßig kulturspezifische Charakteristika aufwei sen, was an kulturspezifischen Wahrnehmungs- und Verhaltensweise empirisch erkennbar wird (Way/Lieberman 2010). Individuelle Unterschiede existieren somit nicht in einem sozialen, politischen oder kulturellen Vakuum. Vielmehr versehen erst derartige Einflüsse, die von ökonomi schem Druck über politische Repression bis hin zur Sozialisation im Kontext einer Medrese reichen können, die individuellen genetischen Dispositionen mit Bedeu tung, was letztlich zu teils erheblichen Verhaltensunterschieden bei genetisch ähn lich veranlagten Individuen führen kann (Hatemi/McDermott 2012: 114, 121f.; Johnston/Edwards 2002). Einflüsse aus der Umgebung können biologische Dispo sitionen fördern oder ihrer Ausprägung hinderlich entgegenstehen. Dieser Um stand verdeutlicht somit auch, weshalb die Einbeziehung der Sozialisationserfah rungen eines Individuums in ein Modell zur Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens erforderlich ist. Durch Integration dieser Komponente in das Analysemodell wird es ermöglicht, den Einfluss endogener Faktoren sowie des Zusammenspiels endogener und exogener Faktoren auf den zwischenstaatlichen Entscheidungspro zess zu berücksichtigen: 195 “Small differences in some basic biological features, such as baseline levels in certain hormones or genetic tendencies, might be used to inform our under-standing o f cross-cultural differences in basic behaviors, such as risk-taking, aggression, or cooperation. W e remain only at the beginning o f such work, but if we take these arguments seriously, the deeper foreign policy implications remain profound as well. (Hatemi/McDermott 2012: 124). Basierend auf diesen Grundlagen können dann auch die Argumente der Kogniti onswissenschaften in das Analysemodell integriert werden. Unter Kognition wird im Rahmen dieser Arbeit allgemein die von einem verhaltenssteuernden System ausgeführte Informationsumgestaltung verstanden. Somit fallen unter diesen Ter minus im Wesentlichen Aspekte wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Problemlösen, Kreativität, Planen, Orientierung, Imagination, Argumenta tion, Introspektion, Wille und Glauben, wobei sowohl bewusste als auch unbe wusste Informationsverarbeitungsprozesse erfasst werden. Aber auch Emotionen haben einen wesentlichen kognitiven Anteil. Insgesamt kann bei diesem Komplex von der kognitiven Architektur eines Individuums gesprochen werden. Im Rahmen der kognitiven Architektur wird verarbeitet, was Individuen über sich selbst, ihre (soziale) Umwelt, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken bezie hungsweise als innere Repräsentation der Realität konstruieren. Um diese Zusam menhänge und Wirkmechanismen auch und gerade hinsichtlich individuellen Ent scheidungsverhaltens zu erklären, sind grundlegende Kenntnisse aus dem Bereich der Neurobiologie, etwa der biologischen Kommunikationsprinzipien des Zentra len Nervensystems erforderlich. Der interdisziplinäre Anspruch wird hierbei vor allem auf dem Gebiet der Kogniti onswissenschaft (science o f mind) erkennbar, welche zur Erforschung geistiger Pro zesse auf Erkenntnisse der Psychologie, Psychiatrie, Neurowissenschaft, Informa tik, künstlicher Intelligenzforschung, aber ebenso der Linguistik, Philosophie, Anthropologie und Soziologie zurückgreift. Zugleich ist ihr Forschungsbereich nicht auf Kognition eingeschränkt, sondern umfasst genauso Emotion, Motivation und Volition (Boden 2006: 10ff.). Die Entwicklung der Kognitionswissenschaft und damit zusammenhängend der kognitiven Psychologie hängt eng mit der soge nannten „kognitiven Wende“ und schließlich der Entwicklung bildgebender Ver fahren zusammen, auf deren Grundlage dem lange dominierenden Behaviorismus das alternative Analysemodell der kognitiven Neurowissenschaft entgegenstellt werden konnte, in welchem etwa ein wachsendes Verständnis für die Effekte neu ronaler Netze eine große Rolle spielen. Hierzu werden die neuronalen Mechanis men, welche kognitiven und psychischen Funktionen zugrunde liegen, etwa im Rahmen psychophysikalischer, neurophysiologischer und neuroinformatischer Me thoden, funktioneller Bildgebung, sowie der computergestützten Neurowissenschaften (computational neuroscience) untersucht. Das so gewonnene Wissen über die psychischen Vorgänge, die mit Wahrnehmung, Erkenntnis und Wissen zu tun ha ben, insbesondere die noch immer weitgehend unerforschten, auf komplexe Weise organisierten psychischen Mechanismen des menschlichen Denkens, fließt unmit telbar in politikwissenschaftlich nutzbare Analyseansätze ein und wird auch dem 196 hier verfolgten Analysemodell zugrunde gelegt. Hierbei von besonderer Bedeutung ist das Konzept der neuronalen Repräsentation, also der eindeutigen Zuordenbarkeit bestimmter Funktionsbereiche des Gehirns zu spezifischen Arealen der Hirn rinde, welche aus neurobiologischer Perspektive eine Koordination u.a. von Akti onspotentialen der Neuronen in bestimmten räumlich und zeitlich definierten Mus tern darstellt, bei der biochemische Vorgänge im Zentralnervensystem eine zentrale Rolle spielen. Diese können durch Differenzbilder relativ genau ausfindig gemacht werden. Auf diese Weise konnte die unter anderem gezeigt werden, dass individuel les Handeln nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig ist. Die Ontogenese des Verstandes beinhaltet durch Erleben gemachte Erfahrung, neuronal repräsentiert durch Wissen im Gedächtnis (Psychogenese). Zugleich zeigen sich die Grenzen kognitiver Leistungsfähigkeit: So werden nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen genutzt, vielmehr findet ein er heblicher Filterprozess statt, bei welchem die Information zudem integriert und auf viele andere Weisen transformiert werden, bevor sie ins Bewusstsein gelangen. Eine entsprechende Veränderung findet zudem statt, wenn Informationen vom Kurz zeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen werden, etwa durch Erwartungen oder neue Erfahrungswerte. Hinzu kommt nicht nur die teilweise Nichtabrufbarkeit von an sich vorhandenen Informationen in bestimmten Situationen (Retrieval-Problem), sowie die an sich relativ geringe Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, in welchem die mentale Bearbeitung von Informationen stattfindet. Ein Bereich, der auch und ge rade für die Analyse im Bereich der Politikwissenschaft von hoher Relevanz ist, ist die soziale Kognition, welche Aspekte wie soziale Wahrnehmung, soziales Lernen (etwa Lernen am Modell), sozial beeinflusste Gedächtnisprozesse, sozial beeinfluss te Emotionen beziehungsweise sozial beeinflusstes Denken (etwa Ursachenvermu tungen und Attributionen) sowie viele kognitive Verzerrungen, aber ebenso Mentalisierung, Empathie oder Moralität umfassen.34 Hinsichtlich der praktischen poli tikwissenschaftlichen Anwendung liegt der Blick vor allem auf den Versuchen von Individuen, sich ein möglichst genaues Wissen über ihre Umwelt zu verschaffen, eine konsistenten Ich-Identität und ein akzeptables Selbstwertgefühl aufrechtzuer halten beziehungsweise zu erlangen, welche bei empirisch erkennbaren Phänome nen wie der Bildung und Anwendung von Schemata und Stereotypen zum Tragen kommen (Fiske/Taylor 1991; Strack 1988). Diese Beschränkungen der individuel len Kognition stellen auch die Idee der vollkommenen Rationalität in Frage, welche den auf Rational Choice beruhenden Theorieansätzen in den Internationalen Be ziehungen zugrunde liegt. Vgl. Die Ontogenese der sozialen Kognition bei Menschen, Forschungspapier des M ax Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig 2010, auf Internetseite http://www.eva.mpg.de/psycho/child-social-cognition_de.php, Zugriff vom 5. August 2014, sowie das Forschungsprojekt Soziale Kognition, moralisches Denken und Gehirn, der Universität Gießen. 197 4.2 Rationalität, Kognition und Emotion Rationalität in der Modellierung außen- und sicherheitspolitischerEntscheidungen In Rational-Choice-Ansätzen, in deren Zentrum die Expected Utility Theorie steht, wird angenommen, dass sich die Präferenzen internationaler Akteure an den erwar teten Ergebnissen ihres Handelns orientieren und Entscheidungen so getroffen werden, dass die den höchsten Gewinn versprechende Alternative erreicht wird. Hierbei wird implizit unterstellt, dass die Ergebnisse eindeutig feststehen, unverän derlich und dem Akteur vollständig bekannt sind. Ein solches Verhalten wird als substanziell oder objektiv rational bezeichnet (vgl. Grüne-Yanoff 2007, sowie kri tisch Jones 1999; Selten 1999). Es setzt insbesondere voraus, dass dem Akteur alle relevanten Informationen bekannt sind, alle möglichen relevanten Handlungsschrit te vom Akteur identifiziert wurden, sich dieser zudem aller betroffenen Werte und damit verbundenen möglichen Trade-Offs bewusst ist und entsprechende komple xe Güterabwägungen vorgenommen hat (Palumbo 1975: 334; George et al. 1971: 4). Hinzu kommt, dass das Individuum über vollständiges und kohärente probabi listische Beliefs verfügt. Das bedeutet, dass diese den mathematischen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit entsprechen und jeder Handlungsmöglichkeit eine eindeutige Wahrscheinlichkeit zugeordnet wird, wobei neue Informationen vollständig be rücksichtigt und alle Wahrscheinlichkeitsannahmen sofort entsprechend angepasst werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass jeder Akteur zu jedem Sachverhalt zu jedem Zeitpunkt spezifische, auf perfekten Wahrscheinlichkeitsabgleichen basie rende, Beliefs aufweist. Ungewissheiten, mangelndes Wissen oder unvollständige Informationen sind a priori ausgeschlossen (Grüne-Yanoff 2007). Dieser Annah men zum Trotz zeigt sich in der Empirie regelmäßig, dass Akteure nicht gleicher maßen in der Lage sind, Situation einzuschätzen, selbst wenn diesen sogar diesel ben Informationen zur Verfügung stehen. Das lässt darauf schließen, dass die Un terschiede in der Situationsbewertung und der darauf basierenden Entwicklung ei ner Handlungsstrategie beziehungsweise deren Erfolg, auf unterschiedlichen Kapa zitäten des jeweiligen Akteurs zurückgeführt werden können (Rubinstein 1998). Während vollständige Rationalität unbegrenzte kognitive Kapazitäten eines Indivi duums voraussetzt, stellt sich die Realität anders dar, als seitens der Theorie postu liert: “Fully rational man is a mythical hero who knows the solutions o f all mathematical problems and can immediately perform all computations, regardless o f how difficult they are. Human beings are very different. Their cognitive capabilities are quite limited. For this reason alone the decision behavior o fhum an beings cannot conform to the ideal o f full rationality.” (Selten 1999: 3) Diese Erkenntnis deute sich bereits zu Beginn der 1980er Jahren im Bereich der Psychologie an (etwa Kahnemann et al. 1982) und wurde gerade in den letzten Jah ren in teils aufwändigen Experimenten vielfach bestätigt (Grüne-Yanov 2007: 537f.). Dies gilt ebenfalls für weitere Verletzungen der Prämissen absoluter Ratio 198 nalität, insbesondere mit Blick auf die Konsistenz- (Allais 1979; Tversky/Kahneman 1981), Transitivitäts- (Slovic/Lichtenstein 1983; Tversky et al. 1990), Dominanz- (Hershey/Schoemaker 1980; Tversky/Kahneman 1992) und Invarianz-Bedingung (Tversky/Kahneman 1982). So zeigte sich abweichend von den Erwartungen des Expected-Utility-Modells, dass regelmäßig Pseudogewissheits- und Framing-Effekte den Entscheidungsfindungsprozess eines Individuums beeinflussen (Milijkovic 2005: 630f.). So war etwa abweichend von der Annahme, dass unterschiedliche Repräsentationen desselben Entscheidungsproblems stets auch zur selben Entscheidung führen, festzustellen, dass Entscheidungen nicht un abhängig von der Art und Weise der Problemdarstellung sind. Ebenso zeigte sich abweichend vom Rational-Choice-Ansatz, dass Entscheidungen von erwarteten Gewinnen und Verlusten relativ zu anderen sehr viel wirkungsmächtiger hinsicht lich der individuellen Entscheidungsfindung sind, als der absolute Status. Insgesamt lässt sich erkennen, dass die spezifische kognitive Architektur des Menschen zu einer Vielzahl von Abweichungen von der im Sinne des Rational-Choice-Modells erwarteten Lösung führt. Die hierfür verantwortlichen Begrenzungen sind sowohl prozeduraler als auch in haltlicher Natur. Während prozedurale Beschränkungen sich auf die Beeinflussung von Rational-Choice-Entscheidungen insbesondere durch Aufmerksamkeitsprob leme oder affektive Aspekte beziehen, betreffen inhaltliche Beschränkungen etwa das Phänomen der Uberkooperation, also einer Kooperation welche über das Maß hinausgeht, welches das strikte Gebot der Rationalität erfordern würde (Jones 1999: 298). Hinzu kommen weitere empirisch erkennbare Verletzungen von Rational- Choice-Annahmen, wie etwa das Machen von Fehlern bei deduktiven Schlussfolge rungen, das Nichtwahrnehmen beziehungsweise Nichtverarbeiten entscheidungsre levanter Informationen oder das Auftreten von Overconfidence-Phänomenen bei Wahrscheinlichkeitsbeurteilungen (vgl. etwa Schwarz et al. 1991; Grüne-Yanoff 2007). Die Rational-Choice-Schule hat auf diese Erkenntnisse zumindest teilweise dahingehend reagiert, dass bestimmte Rationalitätsbedingungen variiert (Quiggin 1982, Luce/Narens 1985), abgemildert (Chew, 1983; Fishburn, 1983) oder ganz fallen gelassen wurden (Machina 1982). Dennoch konnten die grundsätzlichen Probleme des Rational-Choice-Ansatzes nicht gelöst werden (Camerer 1992; Fish burn 1988; Miljkovic 2005). Obwohl der Rational-Choice-Ansatz nach wie vor weit verbreitet ist, bildete sich eine alternative Sichtweise auf das Konzept von Rationa lität heraus (etwa Simon 2000; Klaes/Sent 2005), welche aufVorüberlegungen etwa in Form von Simons (1955, 1959) Konzept der Beschränkten Rationalität (bounded rationality) oder der Idee einer beschränkten Intelligenz (limited intelligence) von Edgeworth (1890) beruht. Insbesondere in den vergangenen Jahren lässt sich ein Be deutungsgewinn der Vorstellung von beschränkter Rationalität erkennen, wobei der Begriff häufig für sehr unterschiedliche Ansätze (Grüne-Yanoff 2007) und auch mit unterschiedlichem Erfolg (Grüne-Yanoff 2007; Williamson: 110; Selten 1999; Aumann/Sorin 1989) verwendet wird. 199 Grundlegender Ausgangspunkt der Vorstellung einer beschränkten Rationalität ist in jedem Fall, dass Individuen wie auch Organisationen unterschiedliche Ziele ver folgen können, welche regelmäßig auch in Konflikt miteinander stehen, sodass im Rahmen des Entscheidungsfindungsprozesses eine Hierarchisierung dieser Ziele erfolgen muss. Hierbei wirkt sich jedoch aus, dass der lediglich beschränkte kogni tive Apparat der im Entscheidungsfindungsprozess befindlichen Person mit einer zu komplexen Entscheidungsumgebung konfrontiert ist. Die kognitiven Beschrän kungen umfassen dabei ein grundsätzlich beschränktes Wissen um die Welt, die beschränkte Fähigkeit, vorhandenes Wissen stets umfassend abzurufen, die be schränkte Fähigkeit, alle Konsequenzen eigenen Handelns abzuschätzen bezie hungsweise zu bewerten sowie alle Möglichkeiten zu erkennen und auszuschöpfen, ferner die beschränkte Fähigkeit mit Unsicherheit umzugehen und nicht zuletzt die beschränkte Fähigkeit, zwischen konkurrierenden Bedürfnissen sachgerecht zu ent scheiden (Simon 1957: 270f.; Grüne-Yanoff 2007). Dies führt dazu, dass anstelle einer nach objektiven Maßstäben optimalen Strategie eine auf unmittelbare Befrie digung des eigenen wahrgenommenen Bedürfnisses hin ausgerichtete Strategie das Resultat des Entscheidungsfindungsprozesses darstellt (Simon 1996b: 30). Wäh rend Rationalität im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes davon ausgeht, dass Ak teure zielgerichtet handeln, nimmt der Bounded-Rationality-Ansatz zwar ebenfalls an, dass Akteure dies tun, berücksichtigt aber zugleich die kognitiven Beschränkun gen, welche beim Aufstellen der Zielsetzung sowie beim Versuch, diese zu errei chen, wirksam sind (Dequech 2001; Jones 1999: 299; Selten 1999; Simon 1957: xxiv; Simon 1985: 294; Palumbo 1975; Benn/Mortimore 1976; Hammond 1996; Funder 1987; Krueger 1998; Gigerenzer et al. 1999; Rosen 2004). Jede Entscheidung weist zwei Komponenten auf: Umwelterfordernisse (wahrge nommen durch das Individuum als positive oder negative Anreize) einerseits und Begrenzungen der Adaptabilität in einer spezifischen Entscheidungssituation ande rerseits. Der idealtypische Rational-Choice-Ansatz könnte zwar die Umweltanreize spezifizieren und die Entscheidungen, die darauf basieren, exakt vorhersagen; die im Individuum selbst liegenden Umgebung hingegen, die signifikant dazu beitragen kann, dass das Individuum im Rahmen seines Entscheidungsfindungsprozesses von den seitens des Rational-Choice-Ansatzes angenommenen idealtypischen Reakti onsverhaltens vis-a-vis den Umweltbedingungen abweicht, wird nicht erfasst (Jones 1999; Simon 19956b). Ohne die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Beliefs, de ren Fehlen für Rational-Choice-Modelie charakteristisch ist, kann jedoch nicht identifiziert werden, was als Anreiz wirkt (Mercer 2005: 83). Dieser Aspekt wurde insbesondere auch auf dem Gebiet der Verhaltensökonomik in ihrer Kritik ne oklassischer Ansätze der Wirtschaftswissenschaft beschrieben, wo das Phänomen des unvollkommenen Marktes explizit auf die kognitive Beschränktheit des Indivi duums zurückgeführt wurde (Shiller 2000; Tirole 2002). 200 In diesem Zusammenhang darf zudem nicht unerwähnt bleiben, dass biologische, sozialisationsspezifische und strukturelle Aspekte, welche die absolute Rationalität beeinflussen beziehungsweise beschränken, regelmäßig unberücksichtigt bleiben (Selten 1999; Grüner-Yanoff 2007: 553). Hiervon abweichend werden diese bei der hier unternommenen Theoriefortbildung explizit berücksichtigt. Speziell mit Blick auf die Beschränkung von Rationalität durch Umgebungseinflüsse wird im Modell auf die Logik der sogenannten Ecological Kationality und deren evolutionspsychologi sches Argument verwiesen, demzufolge evolutionsbedingt Menschen über eine Vielzahl spezifischer kognitiver und emotionaler Module verfügen, welche unbe wusst Entscheidungsfindungsprozesse beeinflussen. Mit anderen Worten ausge drückt kann man sagen, dass die Art und Weise auf welche Menschen in spezifi schen Situationen Entscheidungen treffen, auch mit ihrer Evolutionsgeschichte zu tun hat. Die Implikationen der evolutionären Interaktion zwischen Akteur und Struktur sind also auch heute wirksam (Gigerenzer 2002: 39). Dieser Umstand wird etwa am Beispiel der gerade für außenpolitisches Handeln relevanten bio kognitiven Effekten von Stress erkennbar. Stress tritt im Rahmen von Abläufen auf, die von der Routine abweichen, etwa in ambivalenten oder unerwarteten Situa tionen, die zudem etwa durch eine unklare Kenntnislage oder ein nur schwer zu überblickendes Maß an Informationen charakterisiert sind (Holsti 1979: 105; ONeal 1988: 612). In derartigen Situationen kommt es regelmäßig zu einer reduzierten Aufmerksamkeitsspanne sowie zu verzerrten Wahrnehmungen. Kognitive Prozesse werden starrer und weniger differenziert, wodurch das Individuum im Entschei dungsfindungsprozess in nur noch geringem Maße eine Bereitschaft aufweist, wahrgenommene Unsicherheiten zu tolerieren und alternative Perspektiven zu be rücksichtigen. Stattdessen findet ein verstärkter Rückgriff auf bestehende kognitive Muster und operationeile Codes statt. Dieser zur individuellen Überlebenssiche rung evolutionär entwickelte Mechanismus soll schnelles Handeln ermöglichen, um so zwischen Flucht oder Kampf entscheiden zu können. In einer außenpolitischen Krise kann er indes zu negativen Effekten führen. Dies gilt umso mehr, da es zum Phänomen der lokalen Rationalität kommt: Die Perspektive des Individuums ver engt sich, kurzfristig erreichbare Ziele dominieren über bislang verfolgte langfristi ge Ziele und übereilte Entscheidungen, bei denen wichtige Parameter gar nicht mehr berücksichtigt werden, nehmen zu. Diese dysfunktionalen Reaktionen führen dazu, dass das ursprüngliche Problem verschlimmert wird, was zu abermals erhöh ten Stressniveaus führt. Dies bewirkt, dass gerade in sich zuspitzenden außenpoliti schen Krisen, welche die ganze Aufmerksamkeit des Entscheidungsträgers fordern, dieser in sinkendem Maße effiziente Entscheidungen treffen kann. In der Literatur, die sich mit der Rationalität von sicherheitspolitischen Entscheidungen in Krisensi tuationen auseinandersetzt, wird die Rationalität solcher Entscheidungen regelmä ßig im Grundsatz in Frage gestellt (vgl. etwa Holsti 1972, 1985). Diese sind jedoch nicht per se irrational, vielmehr entsprechen sie einer Logik, die im Rahmen der Evolution entstanden ist und noch heute wirkt. Somit gilt es, diesem Umstand in einem Analysemodell Rechnung zu tragen. 201 Das gilt ebenso für das normative Argument. Einhergehend mit der Problematisierung der inhaltlichen Argumente des Rational-Choice-Ansatzes übt der Bounded- Rationality-Ansatz Kritik am normativen Anspruch von Rational-Choice. So legen Erklärungsansätze wie die Expected Utility Theorie oder Bayesianische Wahr scheinlichkeitsrechnung a priori fest, wie Entscheidungen richtigerweise aussehen müssen, um das Gütesiegel rational zu erhalten (Elster 1986, 1). Dem positivistisch normativen Konzept des Rational-Choice steht somit zunächst einmal ein zwar ebenfalls positivistisches, jedoch nicht-normatives psychologisches Konzept ge genüber. Dieser als Korrespondenzansatz auf dem Gebiet der Psychologie bekann te Ansatz ist insofern positivistisch, als er sich vor allem mit tatsächlichen Ent scheidungen und Entscheidungsfindungsprozessen befasst. Nicht-normativ ist er zudem, indem er keine Vorgaben macht, wie Denken aussehen muss, um nicht als irrational zu gelten. Vor diesem Hintergrund soll es nun darum gehen, die Beschränkung vollständiger Rationalität durch Heuristiken und die daraus resultierenden kognitiven Verzerrun gen aufzuzeigen und hinsichtlich ihres Effekts auf außenpolitisches Entscheiden beziehungsweise zwischenstaatliches Handeln zu analysieren. Hierbei ist zunächst erwähnenswert, dass die Auseinandersetzung mit Heuristiken als maßgeblicher Fak tor im individuellen Entscheidungsprozess in jüngster Zeit von einer Vielzahl wis senschaftlicher Disziplinen aufgegriffen wurde (vgl. Gigerenzer et al. 2011). Von wesentlichem Einfluss in diesem Zusammenhang ist die Aspiration Adaption Theory (Selten 1998, 1999), die davon ausgeht, dass beim Streben nach Zielerreichung bei Bedarf eine schrittweise Anpassung der Zielsetzung an die tatsächlich zur Ver fügung stehenden Handlungsoptionen erfolgt. Grundsätzlich besteht vor jeder Entscheidung ein spezifisches Erwartungsniveau hinsichtlich eines zu erreichenden Ziels. Wenn dieses aus Sicht des Individuums ohne weiteres befriedigt werden kann, wird eine entsprechende Entscheidung getroffen, ohne dass extensiv nach einer optimalen Handlungsstrategie gesucht wird. Ist indessen keine unmittelbar zugängliche Lösung vorhanden und stellt sich eine solche trotz Suche nicht zeitnah ein, wird sich das Niveau der Erwartungshaltung verringern. Eine Handlungsent scheidung erfolgt dann zwischen den Alternativen, die im Rahmen der bisherigen Lösungssuche gefunden wurden und somit geeignet sind, das dann geringere Er wartungsniveau zu befriedigen (vgl. Selten 1998, 2001, sowie Rosenfeld/Kraus 2012). Der Prozess individueller Entscheidungsfindung beinhaltet also eine Viel zahl von Grundmustern; diese sind am besten zu verstehen als Werkzeugkasten, dessen Instrumente selektiv und situativ zur Anwendung kommen können. Die bereits beschriebene beschränkte Rationalität wird aus dieser Perspektive heraus als Schritt-für-Schritt-Prozess betrachtet, welcher unter den Bedingungen beschränkter Information, beschränkten Wissens und beschränkter zeitlicher Ressourcen er kennbar ist (Selten 1999). Hierbei handelt es sich um hochspezialisierte und zu gleich schnell und einfach strukturierte {„fast and fru ga l') kognitive Mechanismen, die durch evolutionäre und sozialisationsbedingte Prozesse zustande gekommen 202 sind. Da sie situativ wirken, lässt sich eine allgemeingültige Verhaltensregel eben falls (nur) situationsspezifisch ableiten (Selten 1999; Todd/Gigerenzer 2003). Basierend auf diesen Erkenntnissen kognitiver Erklärungsansätze entwickelte sich die Theorie poliheuristischen Entscheidens, deren Ziel es ist, heuristische Erklä rungsansätze mit Ideen des Rational-Choice-Denkens zusammenzuführen (Mintz 1993, 2003, 2005; Mintz et al. 1994; Mintz/Geva 1997; Mintz et al. 1997; Payne et al. 1993; Sathasivam 2003: 57; Christensen/Redd 2004; James/Zhang 2005). Die sem Ansatz zufolge laufen individuelle Entscheidungen, insbesondere wenn es sich um strategische Entscheidungen handelt, wie sie im Bereich der Außen- und Si cherheitspolitik regelmäßig auftreten (Morrow 1997), in zwei Phasen ab, einer gleichsam automatisiert im Unterbewusstsein ablaufenden, an welche sich dann eine von gezielten Überlegungen und Abwägung charakterisierte Phase anschließt. In der ersten Phase sind somit zunächst sogenannte Heuristiken wirksam. Der An satz ähnelt somit der Schema-Theorie (Axelrod 1973) und anderen kognitiven Er klärungsansätzen (Simon, 1955; Tversky and Kahneman, 1981, 1986, and 1991) und bezieht insbesondere auch die Prospect Theorie mit ein, da das Vermeiden politisch relevanter Verluste von großer Bedeutung ist (Mintz, 1993, 1995; 2004a; Kinne, 2005; Redd, 2005). Obwohl es sich um Entscheidungsprozesse im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik handelt, spielen hierbei gerade die möglichen innenpolitischen Kosten im unterbewussten Abwägungsprozess eine wichtige Rolle (Russett and Barzilai 1992; Sathasivam 2003; Mintz 2004; Goertz 2004). So hat sich gezeigt, dass im Falle, dass die Öffentlichkeit ein Nicht-Handeln seitens der politi schen Führung deutlich ablehnt und ein starkes internationales Auftreten des eige nen Landes erwartet, tatsächlich außen- und sicherheitspolitisch keine Zurückhal tung geübt wird, sondern stattdessen proaktive Maßnahmen wie Sanktionen oder gar der Einsatz von Gewalt gewählt werden (Brule/Mintz 2004). An dieser Stelle zeigt sich, dass es sinnvoll ist, die Erkenntnisse kognitiver Entscheidungstheorie unmittelbar in einen Zusammenhang mit liberalen Theorien der Internationalen Beziehungen zu stellen, welche auf die innerstaatliche Analyseebene abheben und in der Weiterentwicklung etwa durch Putnam das Zwei-Ebenen-Spiel zwischen na tionaler und internationaler Ebene zu analysieren suchen, ohne allerdings die hier dargelegten Erkenntnisse (hinreichend) zu berücksichtigen. Hierdurch aber wird es erst möglich aufzuzeigen, auf welche Weise und mit welchem Effekt nicht kompensatorische und ungeeignete Handlungsalternativen eliminiert werden (Astorino-Courtois/Trusty 2000). Das Resultat dieser ersten kognitiven Phase des Ent scheidungsfindungsprozesses ist eine Art Entscheidungsmatrix, die folgende Ele mente aufweist: mögliche Handlungsalternativen (etwa Untätigkeit, Androhung oder Anwendung von Gewalt gegenüber dem Gegner, Anordnung von Sanktio nen), deren jeweilige Dimensionen (zum Beispiel bei der Entscheidung zur An wendung von Gewalt die Frage nach militärischer, politischer, diplomatischer, öko nomischer Gewalt; vgl. hierzu etwa James/Zhang 2004) und die jeweiligen Implika tionen. Als Bewertungsgrundlage wird unterbewusst einerseits eine Gewichtung der einzelnen Dimensionen (unwichtig bis sehr wichtig) sowie eine Wertung der Hand 203 lungsoptionen hinsichtlich des zu erreichenden Ziels (erwartetes Resultat sehr schlecht bis sehr gut) vorgenommen (Mintz 2004). Nachdem dieser grundlegende Entscheidungsprozess abgeschlossen ist, kommt es zur bewussten Bewertung der verbleibenden Handlungsoptionen im Sinne eines rational-choice-Vorgehens (Mintz 1993, 1997, 2003, 2004; Mintz et al. 1997; Mintz/Astorino-Courtois 2001;M intz /Geva 1997; Payne et al. 1993). In der gweiten Phase des Entschei dungsprozesses wird aus den verbleibenden Handlungsoptionen diejenige Alterna tive ausgewählt, welche den höchsten Gewinn auf allen relevanten entscheidungs beeinflussenden Dimensionen aufweist. Hierbei werden auf Basis von Expected- Utility-Erwägungen die Werte und Wahrscheinlichkeiten, die mit jeder Implikation innerhalb der Matrix einhergehen, um zu derjenigen Entscheidung zu gelangen, die den höchsten Gewinn verspricht. Die endgültige Entscheidung ist somit eine Ver bindung aus dem Verwerfen nicht gangbarer Alternativen in der ersten Phase und bewusster Auswahl der besten Alternative aus einem Subset der akzeptablen ver bliebenen Alternativen aus der ersten Phase in einer zweiten. In der Praxis lassen sich im Kontext poliheuristischer Entscheidungsfindung innerhalb der Phasen se quenzielle sowie interaktive Entscheidungen in stetigen oder dynamischen bezie hungsweise vertrauten oder fremden Kontexten sowie Bedingungen von Unsicher heit oder Ambiguität antreffen. In sequenziellen und interaktiven Situationen ist jede Entscheidung Teil einer Abfolge von Entscheidungen der an der strategischen Interaktion beteiligten Akteure, die jeweils poliheuristischer Logik folgt (Mintz 2004; Eisenband 2003). Obwohl der Ansatz, Argumente sowohl der vollkommenen als auch der beschränk ten Rationalität zusammenzuführen, sehr hilfreiche und weiterführende Erkennt nisse liefert, wurde verschiedentlich auf die nach wie vor bestehende begrenzte Aussagekraft verwiesen, weil andere zentrale Aspekte unberücksichtigt geblieben sind und somit eine weitere Öffnung des poliheuristischen Erklärungsansatzes für Argumente aus anderen Bereichen sinnvoll erscheine und aufgrund eines durchaus vorhandenen Synergiepotenzials in dieser Richtung machbar sei (etwa Keller/Yang 2008; Stern 2004). Die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens zeigt sich dabei vor allem, wenn man den Blick auf mögliche unabhängige Variablen (siehe hierzu etwa DeRouen/Sprecher 2004; Brecher/Wilkenfeld 1997) wirft, die im poliheuristi schen Entscheidungsansatz als relevant anzusehen sind, wie etwa die räumliche Nähe (etwa Bremer 1982), die sozio-politische Verfasstheit der entscheidungsaus übenden wie auch der durch diese wahrgenommenen Staaten (etwa Maoz/Russett ), die Konfliktkatalysatoren oder in Frage stehende kritische Themen (etwa Fearon 1995). So kann die Einbeziehung geopolitischer Argumente wie auch des im Rah men dieser Arbeit entwickelten Anarchie-Hierarchie-Kontinuums dazu beitragen, den Aspekt räumlicher Nähe zwischen möglicherweise in Konfliktsituationen gera tende Staaten im Kontext von Entscheidungsanalysen besser zu erklären. Das gilt analog auch für den Einfluss des sozio-politischen Systems. Hierbei kann etwa auf Argumente zurückgegriffen werden, wie sie im Kontext der liberalistisch- 204 institutionalistisch geprägten Theorie des Demokratischen Friedens entwickelt wurden. Grundsätzlich ist es aber erforderlich, auch darüber hinauszugehen und die Entscheidungslogiken nicht nur des sozio-politischen Systems in struktureller wie kollektiv-identitärer Hinsicht einzubeziehen, sondern auch etwaige Entschei dungsdynamiken systeminhärenter Akteure wie etwa der Bürokratien zu berück sichtigen, was im Rahmen der hier vorgenommenen Theoriefortbildung und Ana lyseschemaentwicklung explizit und gezielt gemacht wird. Betrachtet man die Bandbreite möglicher Konfliktkatalysatoren, die von solchen, die frei von physi scher Gewalt sind, wie etwa verbal geäußerter Protest, Vertragsverletzungen, Sank tionen, die Bildung von Allianzen durch potenzielle oder bestehende Gegner, das Zurückhalten von Hilfen oder das Einführen und Durchsetzen von Embargos, bis hin zur Demonstration physischer Stärke, die Durchführung von (möglicherweise grenznahen) Manövern bis hin zu Grenzscharmützeln und offenen Kriegshandlun gen reicht (DeRouen/Sprecher 2004), dann ist es ebenso erforderlich, konfliktpsy chologische Erkenntnisse zu berücksichtigen wie auch solche aus dem Bereich der Sicherheitsstudien selbst. Das gilt auch und gerade im Zusammenhang mit Frage nach dem, was als innenpolitischer Schaden einer originär zwischenstaatlichen An gelegenheit vom relevanten Entscheidungsträger perzipiert wird. Dass Innenpolitik im poliheuristischen Entscheidungsmodell von Bedeutung ist, ist bekannt (Hagan 2001; Hampson 1988; Mintz 1993; Mintz et al. 1997). Allerdings spielt bei der Wahl der Option, welche dem poliheuristischen Argument zufolge dahingehend orientiert ist, innenpolitisch am wenigsten Schaden zu verursachen, auch die Frage der sicherheitsspezifischen Beurteilung eine Rolle. Wenn also De- Rouen und Sprecher (2004) in diesem Zusammenhang aufzeigen, dass die Bedro hungslage, die von einer ökonomischen Bedrohung (etwa der Vergabe von Olförderlizenzen an ein konkurrierendes Land) über eine beschränkte militärische Be drohung oder eine ernst zu nehmende politische Bedrohung (etwa die Androhung eines extern betriebenen Regime-Change oder aber auch weniger gravierende Ein mischungen in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates) bis hin zu terri torialen (etwa Separatismus) oder gar grundlegend für den Staat existenziellen Si tuationen reichen kann, mit Blick auf den etwaigen innenpolitischen Schaden, der durch die Wahl einer spezifischen politischen Handlungsalternative entsteht, abge wogen wird, dann ist es unumgänglich, eine Bedrohungsperzeptionsanalyse durch zuführen, welche es ermöglicht, eine Bedürfnishierarchie der nationalen Sicherheit in ihrer ganzen Komplexität zu erstellen. Eine solche existierte bislang in geeigneter Form nicht, weswegen im Rahmen der hier unternommenen Theoriefortbildung eine solche entwickelt wird. Diese ermöglicht es dann, auch die im Kontext des poliheuristischen Ansatzes entwickelten Argumente und Erkenntnisse zu einer ver tieften Entscheidungsanalyse nutzen zu können. Aber auch die Differenz zwischen den Kapazitäten sowie das mögliche Vorliegen einer schon lange bestehenden Ri valität (Diehl/Goertz 2000) gilt es zu berücksichtigen (DeRouen/Sprecher 2004; Brecher/Wilkenfeld 1997: 177). 205 Auch an dieser Stelle erscheint es sinnvoll, diese Aspekte zu spezifizieren und dabei die Verbindung zur Akteur-Struktur- wie auch zur Anarchie-Hierarchie Problematik herzustellen, etwa um die entscheidungsrelevanten Implikationen einer relativen Veränderung von Kapazitäten durch Kooperation und deren Bewertung verstehen und beurteilen zu können. Dies kann etwa durch Berücksichtigung der Erkenntnisse relativer und absoluter Kooperationsgewinne geschehen, wie sie im vorangegangenen Kapitel beschrieben und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Systemstrukturausprägung dargelegt wurde, die ja wiederum einen maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung hat. Es zeigt sich also, wie wichtig die im Rahmen dieser Arbeit fortentwickelten Theorieansätze sind, da dieser Schritt hin zum inter pretativen Realismus und dem darauf basierenden Analyseschema auf diese Weise sogar einen so etablierten Ansatz wie den der poliheuristischen Entscheidungsfin dung noch bereichern und in ein weiterführendes Konzept integrieren kann. Ein weiterer Aspekt, der hierfür ganz wesentlich ist, ist die Persönlichkeit der ent scheidungstragenden Individuen (Mintz/Geva 1997; Mintz/Geva/Redd/Carnes 1997; Sathasivam 2003; Taylor-Robinson/Redd 2003; James/Zhang 2005). Die spezifische Persönlichkeitsstruktur interagiert, wie dargestellt, mit kognitiven Pro zessen, lässt sich jedoch durchaus davon differenzieren und dem Prinzip nach als eigenständige Größe fassen und analysieren. Vor diesem Hintergrund ist es eben falls wichtig, die Persönlichkeitsstruktur bei der Theoriefortbildung zu berücksich tigen, wobei hierzu nicht nur Persönlichkeitsmerkmale, sondern auch darauf basie rende unterschiedliche Führungsstile und ihr jeweiliger Einfluss im Kontext von Entscheidungsprozessen und nicht zuletzt psychische Erkrankungen und ihre Im plikationen eine Rolle spielen. Diese werden daher im nachfolgenden Gliederungs punkt behandelt. Zunächst jedoch soll der Blick darauf gelenkt werde, welche kon kreten Beschränkungen der vollkommenen Rationalität existieren und wie diese sich jeweils auf die zwischenstaatliche Entscheidungsfindung auswirken können. Konkrete Beschränkungen der vollkommenen Kationalitätund ihre Implikationen ‘The socia l world is [ . . . J a kaleidoscope o fpoten tia l realities, any o f which can be readily evoked by altering the ways in which observations a refram ed and categoriged.” (Edelman 1993,p. 232, in Entman 1993) Das menschliche Gehirn strebt grundsätzlich nach Kohärenz und Konsistenz (Festinger 1957; Heider 1944, 1977, 1983, 2005; Hummon/Doreian 2003; Newcomb 1968, 1979). Das führt dazu, dass im Rahmen des kognitiven Verarbeitungsprozes ses wahrgenommene Informationen regelmäßig so behandelt werden, dass im Ab gleich mit bestehenden kognitiven Strukturen ein stimmiges Gesamtbild hergestellt und die neue Information in den bestehenden Korpus aus Wissen und Erfahrun gen integriert wird (Lebow 1981: 103). Auf ebendieser Grundlage findet dann auch der Prozess konkreter Entscheidungsfindung statt, was zur Folge hat, dass zuvor in 206 bestehende spezifische Weltbilder und Glaubenssätze repräsentierende Denkstruk turen möglicherweise in mehr oder weniger ausgeprägtem Maß von der objektiven Realität abweichen. Dieser Umstand führt letztlich dazu, dass die Qualität des au ßenpolitischen beziehungsweise zwischenstaatlichen Entscheidungsprozesses nega tiv beeinflusst werden kann und suboptimale Problemlösungsstrategien verfolgt werden (George 1980: 61). Das natürliche Streben des Gehirns nach kognitiver Konsistenz dient vor allem dazu, den Prozess der Entscheidungsfindung zu beschleunigen, indem von vorne herein Entscheidungen ausgeschlossen werden, welche vom eigenen Selbst- und Weltverständnis, den eigenen Beliefs beziehungsweise der eigenen Identität abwei chen. Somit ist das sogenannte Consistency Seeking des Gehirns nicht per se negativ, insbesondere wenn Personen, die mit außenpolitischen Entscheidungen betraut sind, sich des Umstandes bewusst sind, dass sie die Informationen, welche sie im Begriff sind zu verarbeiten, automatisch rationalisieren, und sie somit versuchen können, auf diese Weise entstehende Verzerrungen auszugleichen. Es kann sich indes fatal auswirken, wenn dieses Korrektiv nicht greift, was regelmäßig der Fall ist, und außenpolitische Erwägungen beziehungsweise Entscheidungen auf einer logisch stark verzerrten Interpretation wahrgenommener Informationen beruhen, nachdem neue Informationen, welche dem bestehenden kognitiven System zuwi derlaufen, kognitiv aussortiert wurden, um einen Zustand kognitiver Dissonanz zu vermeiden (George 1980: 43, 57). Da die Implikationen kognitiver Einflüsse auch auf zwischenstaatliches Verhalten somit erheblich sein können, und die Fehlinter pretationen von anderen Akteuren wie auch von internationalen Strukturen und außenpolitisch relevanten Konstellationen im Wesentlichen durch kognitive M e chanismen verursacht werden, ist es wichtig, zu verstehen, wie diese im Individuum entstehen, wie sie mit biologisch determinierten Persönlichkeitsmerkmalen und so zialen Prägungen und Erfahrungen interagieren und wie sie auf diese Weise konkre te Situationen außenpolitische beziehungsweise zwischenstaatliche Entscheidungs prozesse maßgeblich beeinflussen können. Ein wesentlicher dieser kognitiven Mechanismen ist die kognitive Verzerrung (cognitive bias), worunter ein zwar unterbewusst, jedoch systematisch ablaufender kogniti ver Prozess bei Wahrnehmung, Erinnerung, Denken und Urteilen verstanden wird. Kognitive Verzerrungen sind Ausdruck und Ergebnis kognitiver Heuristiken. Will man die Wirkungsweise kognitiver Heuristiken verstehen, ist es sinnvoll, sich zu nächst vor Augen zu führen, was ganz allgemein unter Heuristik verstanden wird. Heuristik stellt eine Methode dar, mit unvollständigen Informationen einerseits und wenig Zeit andererseits einen adäquaten Problemlösungsansatz zu entwickeln. Mit anderen Worten handelt es sich um ein analytisches Vorgehen, bei welchem mit begrenztem Wissen über ein System mithilfe von mutmaßlichen Schlüssen Aussa gen über ebendieses System getroffen werden kann. Dieser Ansatz, bei dem die Schlussfolgerungen zumindest teilweise erheblich von der optimalen Lösung ab weichen können, ist auf Gebieten wie Mathematik und Informatik (Applegate et al. 207 1998, 2007, Cook 2011, Lawler et al. 1985, Domschke 1997, Grünert/Irnich 2005) ebenso wie Chemie (Graulich et al. 2010) ein gängiges wissenschaftliches Verfahren mit langer Tradition, wie etwa die intensive Auseinandersetzung von Euler bis Polyia (1975, 1998) zeigt. Als bewusste Methode des Erkenntnisgewinns lässt sich das heuristische Vorgehen bis ins erste nachchristliche Jahrtausend zurückverfol gen, wo sich etwa Pappos von Alexandria oder al-Chwarizmi ( ^ ü j 'j ^ ') mit dieser Technik auseinandersetzten (al-Daffa‘ 1977, Folkerts 1997, Goulet 2012, Sayili 1989, Vogel 1963), bis die Heuristik schließlich mit Schleiermacher als eigenständi ge philosophische Wissenschaft neben die Logik trat. Weiterentwicklungen etwa von Ramon Llull (Bonner 1985), Athanasius Kirchner (Findlen 2004, Godwin 1979, Reilly 1974, Schmidt 2001) und Leibniz waren ebenfalls bestrebt, eine syste matische Reduktion von Begriffen auf ihren elementaren Kern zu erreichen (Leh mann 1993, Liebezeit 2004, Mackensen 1969), und auch Descartes ging es darum, komplexe Probleme so zu zerlegen, dass deren Bestandteile (und somit das Ge samtproblem) sich unmittelbar erschließen lassen (Descartes 1870). Auf Bernard Bolzanos Systematisierung der Methoden basierend, um in der jeweilig gegebenen Erkenntnissituation die faktisch die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für die logische Inangriffnahme vorgegebener Problemstellungen herauszuarbeiten und zu begründen, spricht man in der Philosophie heute vor allem dann von einer heuristi schen Herangehensweise, wenn eine bekannte Einheit auf Grund ihrer Ähnlichkeit genutzt wird, um das Verständnis oder das Wissen über eine unbekannte Einheit zu erweitern beziehungsweise zu vertiefen. In diesem Sinne können etwa Gleichnisse oder Metaphern als heuristische Mittel angesehen werden, um den Erkenntnispro zess eines Menschen zu fördern. Während in den genannten Naturwissenschaften, der Philosophie, aber ebenso im Bereich der (behavioralen) Wirtschafts- und Finanzwissenschaften (Akerlof/Schiller 2009, Benartzi/Thaler 1995, Bogatzki 1998, Camerer et al. 2003, Daxhammer/Facsa 2012, Fehr/Schmidt 1999, Goldberg/Nitzsch 1999, Kitzmann 2009, Kottke 2005, Pompian 2006, Shefrin 2002, 2007; Shleifer 1999, Shriek 2009, Thaler 1993, 1994, 2005) ganz bewusst die Methode der Heuristik zur Anwendung gelangt, etwa wenn der Rechenaufwand im Entscheidungsfindungsprozess zu um fangreich ist, befasst sich die Kognitionspsychologie mit unbewusst und unwillkür lich ablaufenden heuristischen Prozessen, sogenannten Urteilsheuristiken. Hierbei werden Heuristiken — gleichsam analog zum vorher Geschilderten — als einfache, jedoch effiziente Regeln verstanden, welche lediglich dann unterbrochen und von kontrollierten Denkprozessen abgelöst werden, wenn der Gegenstand das Über schreiten einer spezifischen Aufmerksamkeitsschwelle bewirkt. Unabhängig davon ist es in zahlreichen Situationen sehr oder gar zu aufwändig, alle potenziell mögli chen Alternativen zu durchdenken und unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren abzuwägen. In solchen Situationen sind regelmäßig Urteilsheuristiken wirksam (Aronson et al. 2004, Chen/Chaiken 1999, Chaiken 1980, Gigerenzer 2008, Kahneman et al. 1982, Nisbett/Ross 1980, Strack/Deutsch 2002). Diese werden entweder erlernt oder haben sich im Rahmen der evolutionären Entwick 208 lung herausgebildet, um Lagebeurteilungen, Entscheidungsfindungen oder die Lö sung von Problemen in komplexen Situationen zu ermöglichen, die zudem nicht selten von unvollständigen Informationen, Stress oder Risiko geprägt sind. Dabei wirkt eine Heuristik regelmäßig so, dass auf einen bestimmten, dem kognitiven Sys tem auf eine spezifische Art vertrauten Aspekt (kognitive Konsistenz), fokussiert wird, während andere Aspekte systemisch ausgeblendet werden (Lewis 2008: 43). Dieser Prozess, der nicht zuletzt den zerebralen Beschränkungen im Bereich der Informationsverarbeitung geschuldet ist (Shah/Oppenheimer 2008), kann mitunter adäquate Resultate bewirken, etwa wenn der heuristische Rückgriff auf Vertrautes tatsächlich eher systematisch als zufällig erfolgt, wie dies seitens des Fast-and- Frugal-Forschungsprogramms verschiedentlich nachgewiesen wurde (Hardman 2009: 13-16; Gigerenzer et al. 1999, Goldstein/Gigerenzer 2002, Reimer/Katsikopoulos 2004, Rieskamp/Otto 2006). Zumeist jedoch besteht die be reits erwähnte Gefahr der Entstehung kognitiver Verzerrungen. Ein zentraler Me chanismus hierbei ist die Attributsubstitution. Attribution (auch Kausalattribution) bezeichnet dabei grundsätzlich den Prozess der Ursachenzuschreibung eigenen o der fremden Verhaltens, der dem Zweck dient, Ereignissen eine Bedeutung zu ge ben, deren Ursachen zu verstehen und künftige Ereignisse dadurch vorhersehbar und damit einhergehende Risiken kalkulierbar zu machen (Jones 1967; Weiner 1986). Hierbei findet die Attribution regelmäßig nicht unmittelbar statt, sondern auf dem Wege der Substitution. Auf Grundlage des Natural-Assessments-Ansatzes, demzufolge das Gehirn bei der Beurteilung bestimmter Sachverhalte auf bereits in anderen, vergleichbaren Kontexten geleistete kognitiven Prozesse, zurückgreift, entwickelte sich die zugehörige Theorie der Attributsubstitution. Diese besagt, dass beim Versuch, in einer komplexen Situation eine Entscheidung zu treffen, also eine spezifische Aufgabe zu lösen, unterbewusst eine andere, dem Prinzip nach ver gleichbare, jedoch einfachere Aufgabe gelöst wird. Hierzu kommt es, wenn einer seits das eigentliche Zielattribut kognitiv schwer zugänglich ist, da eine Beurteilung beziehungsweise Lösung nicht unmittelbar über vorhandenes Wissen generiert werden kann, und andererseits ein ähnliches Attribut zur Verfügung steht, das etwa aufgrund vorangegangener Priming-Prozesse bereits bekannt und somit kognitiv leichter zugänglich ist, weil die Beurteilung und Lösung des substituierten Attributs aus dem vorhandenem Erfahrungs-/Wissenskorpus möglich ist. Da diese Substitu tion vom reflexiven System nicht bemerkt und somit nicht korrigiert wird, wird statt der Beurteilung des Zielattributs das heuristische Attribut bewertet (Kahneman/Shane 2002; Newell et al. 2007). Dieser Umstand erklärt auch, weshalb sich Menschen regelmäßig ihrer kognitiven Verzerrungen und den darauf beruhenden Einstellungen nicht bewusst sind, und auch, weshalb diese Verzerrungen auch dann fortbestehen können, wenn man die betroffene Person darauf aufmerksam macht. Um diesen Umstand zu illustrieren, sei an dieser Stelle auf die Wahrnehmungspsychologie verwiesen, wo analog wir kende Heuristiken im Bereich der visuellen Perzeption und der Objektwahrneh 209 mung existieren. Diese ermöglichen etwa die Rekonstruktion von zweidimensiona len Bildern auf der Netzhaut zu dreidimensionalen Objekten in der Wahrnehmung, wobei fehlende Bildinformationen aus dem Gedächtnis ergänzt werden. Diese Heuristiken wirken im Prinzip genauso wie Urteilsheuristiken. Somit lässt sich auch die eingangs erwähnte Fehleranfälligkeit auch gut illustrieren: Vergleichbar mit den kognitiven Verzerrungen, die durch das Konsistenzstreben des Gehirns bei der Be urteilung von Situationen hervorgerufen werden, sind bei der visuellen Wahrneh mung etwa optische Täuschungen. Somit wird verständlich, weshalb die Beurtei lung eines für die internationalen Beziehungen relevanten Sachverhaltes und eine darauf basierende außenpolitische Entscheidung möglicherweise nicht oder nur in bedingtem Maß der tatsächlichen Herausforderung gerecht wird (Kahneman/Shane 2002, Kahneman 2003, Newell et al. 2007). Ein solcher Effekt kann allein schon dadurch entstehen, dass die Rolle der eigenen Person aufgrund der durch Heuristiken bedingten Rationalitätsbeschränkung unzutreffend wahrge nommen wird. Hierbei steht die Selbstwahrnehmung eines Individuums (Mead 1934, Ryle 1949, Skinner 1957), welche als ein auf sich selbst bezogener Attributi onsprozess zu verstehen ist (Bem 1967), in enger Verbindung mit dem Phänomen der kognitiven Dissonanz (Andersen 1984; Andersen/Ross 1984, Bern 1972). Hierbei erlebt ein Mensch, sobald er mit zwei Kognitionen — Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünschen oder Absichten — konfrontiert ist, welche im individuellen Empfinden miteinander nicht vereinbar sind, einen als unangenehm empfundenen Zustand averser Motivation (Festinger 1957). Für die Analyse außenpolitischen Verhaltens sind vier Anwendungsbereiche der Dissonanztheorie von besonderer Bedeutung: Dissonanz vor und nach Entschei dungen (pre-lpost decisional dissonance), Dissonanz nach einstellungsdiskrepantem Verhalten (forced compliance), Dissonanz und selektive Informationssuche (selective exposure) sowie Dissonanz und soziale Unterstützung (social support). Diese zeigen auf, weshalb es jeweils zur Entstehung kognitiver Dissonanz kommen kann. Die grundlegendste Ursache ist in der Konfrontation mit einer Situation zu sehen, in der eine potenzielle Gefährdung des eigenen Selbstkonzepts als möglich oder wahr scheinlich empfunden wird (Aronson 1968: 23). Hiermit in engem Zusammenhang stehend tritt eine kognitive Dissonanz regelmäßig im Kontext von Entscheidungen auf, bei denen vielversprechende Alternativen zur Verfügung stehen, gegen welche man sich dann aber entscheidet, und sich dann herausstellt, dass sich die getroffene Entscheidungim Nachhinein als problematisch beziehungsweise falsch herausstellt. Das kann etwas der Fall sein, wenn ein außenpolitischer Entscheidungsträger sich gewahr wird, dass ein eingeleiteter Prozess, etwa diplomatische Verhandlungen zur Beilegung einer Konfliktsituation, deutlich schwieriger, unangenehmer oder mit höheren (Opportunitäts-) Kosten verbunden ist, als ursprünglich erwartet, oder er feststellt, dass ein außenpolitisches Ziel, in dessen Erreichung sehr viele Mühen investiert wurden, nicht erreicht worden ist beziehungsweise werden kann. Eben falls kann es zu kognitiver Dissonanz kommen, wenn in einem entscheidungsver antwortlichen Individuum die Erkenntnis heranreift, inkompetent oder unmora 210 lisch gehandelt zu haben. In solchen Situationen korrigiert das Gehirn Wahrneh mungen oder Beurteilungen in Richtung einer Rationalisierung der Situation. Spezi ell der letztgenannte Umstand kann im Falle des sogenannten Forced Compliance Paradigmas auftreten. Die entsprechende Dissonanz entsteht dadurch, dass sich das Individuum konträr zu seinen inneren Überzeugungen verhält, ohne dass dafür ein externer Rechtfertigungsgrund etwa in Form eines besonderen Nutzens vorliegt (Festinger/Carlsmith 1959). Im Kontext der internationalen Beziehungen kann man beispielsweise an eine einem anderen Staatsvertreter gegenüber geäußerte Lü ge denken, zu welcher dieser gedrängt wird. Sind die beiden Repräsentanten be freundet und läuft das vorsätzliche Belügen von Freunden dem eigenen Selbstbild und Werteverständnis entgegen, kann die moralisch fragwürdige Handlung zu kog nitiver Dissonanz führen. Anders sieht es aus, wenn die Lüge als in der subjektiven Wahrnehmung des Handelnden als einem höheren Zweck dienliche, politisch ge rechtfertigte Tat erscheint. Damit tatsächlich kognitive Dissonanz entsteht, müssen das (in der Regel freiwillig erfolgte) Verhalten und die eigene Einstellung als widersprüchlich empfunden wer den und hierdurch ein physiologischer Erregungszustand ausgelöst werden (Croyle/Cooper 1983; Fazio/Cooper1983; Losch/Cacioppo 1990; McMillen/Geiselmann 1974; Zanna/Cooper 1974, 1976). Da diese Art von Dissonanz dann als unangenehmer Spannungszustand erlebt wird und auf die betroffene Per son einen nicht unerheblichen Druck ausüben kann, stellt das Vorhandensein von kognitiver Dissonanz einen motivationalen Anreiz dar, diesen Zustand zu beseiti gen, wobei sich die Stärke des Drucks zur Dissonanzreduktion aus der empfunde nen Stärke der Dissonanz ergibt (Festinger 1957, Elliot 1994). Ist die Dissonanz stark genug, kann ihre Bekämpfung zu einer dauerhaften Änderung von Einstel lungen oder Verhalten führen: Entweder wird das Verhalten so geändert, sodass es zur Überzeugung passt, oder die Überzeugung so geändert, dass sie zum Verhalten passt, wobei dieser Prozess dann über temporäre Rationalisierungen weit hinaus geht. Letztere spielen allerdings durchaus ebenfalls eine Rolle, so etwa wenn der Wider spruch zwischen Verhalten und Einstellung heruntergespielt (Selbstbetrug) oder das Verhalten sich gegenüber als erzwungen dargestellt („Ich musste so handeln“) wird. Ebenfalls kann eine Strategie selektiver Auswahl und Interpretation von In formationen in dissonanzreduzierender Weise zur Anwendung kommen. Diese Art der kognitiv ablaufenden Rechtfertigung von Entscheidungen kann zu spezifischen kognitiven Verzerrungen wie etwa dem Bestätigungsfehler (confirmation bias) führen, bei dem zur Wahrung der kognitiven Konsistenz beziehungsweise Überwindung von kognitiver Dissonanz alle neuen Informationen, die zu der getroffenen Ent scheidung in Widerspruch stehen, tendenziell abgewertet und alle konsonanten In formationen tendenziell aufgewertet werden. Informationen werden dabei unter bewusst so gesucht, ausgewählt und interpretiert, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen, während Informationen, welche die eigenen Erwartungen widerlegen (dis- 211 confirming evidence), ausgeblendet werden, was zu einer Selbsttäuschung führt. Zudem kommt es im Zusammenhang mit dieser kognitiven Verzerrung auch zum Phäno men des selektiven Erinnerns: Ein Individuum, dessen Meinung zu einem Thema bereits feststeht, erinnert sich nach einer Diskussion darüber selektiv an die plau siblen Argumente für die eigene Position einerseits und an die unsinnigen Argu mente für die gegnerische Position andererseits (Jones/Kohler 1959; Wason 1960/1968; Edwards/Smith 1996). Zudem wirkt die Erfahrung kognitiver Dissonanz auch in die Zukunft. Da Men schen konsonante Kognitionen als angenehm empfinden und diese daher aktiv su chen, werden dissonante Informationen bei künftigen sich anbahnenden Konflik ten bereits a priori vermieden (Seeking-and-Avoiding-Hypothese). Die Folge ist eine fest gebahnte selektive Wahrnehmung etwa außenpolitisch entscheidungsrele vanter Informationen. Unterstrichen werden diese Erkenntnisse auch durch andere Konsonanztheorien, welche auf der ursprünglichen Balance-Theorie von Fritz Heider (1944), deren Weiterentwicklung durch Newcomb (1953) oder der Kongruitätstheorie von Osgood und Tannenbaum (1955) beruhen, auch wenn deren Schwerpunktsetzung zum Teil in eine andere Richtung geht. Dennoch stimmen die Konsonanzmodelle in ihren Grundannahmen im Wesentlichen überein. Allerdings lassen sich die bislang dargelegten Erkenntnisse nur dann wirklich befriedigend nutzen, wenn sie mit anderen Aspekten individueller Persönlichkeit und deren Entwicklung in Zusammenhang gebracht werden. Auf diese Weise nämlich lassen sich neben den vor allem situativ wirkenden, auf Heuristiken basierenden Verzer rungen auch solche Beschränkungen der absoluten Rationalität feststellen, welche mit grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen oder nachhaltig wirkenden Sozialisa tionsprozessen zu tun haben. Denn auch die durch grundständige Sozialisation und Erfahrung entstandenen komplexen Vorstellungen eines Individuums zu sich selbst, zu bestimmten Themen und zur Welt, welche in engem Zusammenhang mit Wertvorstellungen und Einstellungen stehen und somit die kognitiven inneren Landkarten eines jeden Menschen bilden, sind, wie weiter unten noch ausführlich dargelegt wird, dem zerebralen Streben nach Kohärenz und Konsistenz unterwor fen, sodass gerade solche Informationen auf unterbewusstem Wege selektiv aus gewählt, verarbeitet und erinnert werden, welche konsonant sind und sich problem los in die bestehende kognitive Landkarte einfügen lassen, während inkongruente beziehungsweise dissonante Informationen ignoriert, vergessen oder kongruent umgedeutet (Rechtfertigungen), um kognitive Dissonanz zu vermeiden — mit den entsprechenden Folgen für außenpolitisches Entscheiden. Bevor jedoch die genetisch bedingten sowie durch grundständige Sozialisation her vorgerufenen langfristig wirkenden Ursachen für Beschränkungen rationalen Erle bens und Handelns vorgestellt und hinsichtlich ihrer Wirkung im Bereich der inter nationalen Beziehungen analysiert werden, sollen zunächst noch einige ausgewählte spezifische Heuristiken, die zum Verständnis von Entstehung und Wirkung kogni tiver Verzerrungen im Bereich der außenpolitischen Entscheidungsfindung beson 212 ders relevant sind, behandelt werden. Oben wurde bereits beschrieben, wie der Prozess der Attributionssubstitution zu außenpolitischen Fehleinschätzungen füh ren kann. Aber auch eine nicht-substituierte Kausalattributierung kann Fehlurteile und darauf basierende Fehlentscheidungen auf dem Gebiet der internationalen Po litik bewirken oder wenigstens begünstigen (Gilbert/Malone 1995; Ross 1977). Um dies zu verstehen, ist es zunächst erforderlich, die beiden Arten der Kausalattribu tion zu betrachten: Eine internale (auch dispositionsbezogene) Kausalattribuierung liegt vor, wenn eine Person die Ursache eines Ereignisses bei sich sieht, während sie im Falle der externalen (auch situationsbezogenen) Kausalattribuierung dessen Ursache bei anderen Personen oder einem externen Faktor sieht (Lilienfeld et al. 2010: 380). In der Praxis zeigt sich, dass aus der Perspektive des Beobachters eines Ereignisses die situativen Aspekte des Verhaltens der am Ereignis beteiligten Dritten vernach lässigt werden und stattdessen seitens des Beobachters eine dispositionale Attribu tion vorgenommen wird, und das trotz der bekannten Tatsache, dass situative As pekte einen erheblichen Anteil beim Zustandekommen von Verhaltensvarianz ausmachen (Jones/Nisbett 1971, 1972; Sanderson 2010: 118; Schwarz 2006). Bei diesem sogenannten fundamentalen Attributionsfehler (fundamental attribution error) lässt sich deutlich die sogenannte Korrespondenzverzerrung (correspondence bias) er kennen, bei welcher das Verhalten eines Menschen regelmäßig unwillkürlich eher als seiner Person und nicht der Situation geschuldet wahrgenommen wird. Nicht zuletzt weil die Aufmerksamkeit, die etwa ein unter zeitlichem Druck stehender außenpolitischer Entscheider einem Ereignis widmet, eine beschränkte Ressource darstellt, und dieser etwa bestrebt ist, das Verhalten eines für seine Beurteilung der Lage relevanten Menschen (etwa eines anderen Staatsmannes) zu verstehen, wird die meiste Aufmerksamkeit automatisch auf diesen Menschen gerichtet. Hierbei neigt man dazu, dispositionale Erklärungen zu überschätzen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die (eigentlich relevanten) externen Ursachen zum Zeitpunkt des zu bewertenden Verhaltens des Dritten nicht mehr vorhanden oder nicht (mehr) er kennbar sind (Aronson et al. 2008: 109; Graham/Folkes 1990). Die Art der Kausalattribuierung ändert sich je nach Standpunkt der Person. Wäh rend der Beobachter eines Ereignisses diesem eher innere Ursachen zuschreibt (dispositionale Attribution), schreibt der Handelnde selbst diesem eher äußere Ur sachen zu (externale Attribution). Das hängt nicht zuletzt auch mit der Erfahrung zusammen, eine Aufgabe normalerweise bewältigen zu können, was die Tendenz verstärkt, eigene Erfolge auf innere, eigenes Versagen indes auf äußere Faktoren zurückzuführen (Nisbett/Ross 1980). Häufig treten Attribuierungsfehler bezie hungsweise darauf basierende kognitive Verzerrungen zudem dann auf, wenn sich eine Person in einer Notlage befindet. Auch wenn die in Not befindliche Person ihre Notsituation nicht selbst verschuldet hat, kommt der Beobachtende regelmä ßig zu dem Ergebnis, dass sie selbst daran Schuld habe und diese somit auch selbst zu ändern in der Lage sei, während vom Betroffenen selbst zumeist die äußeren 213 Umstände als ursächlich wahrgenommen werden. Dieser unwillkürliche Prozess lässt sich damit erklären, dass sowohl dem Beobachter als auch dem Betroffenen diese kognitiven Mechanismen der Aufrechterhaltung eines positiven Selbst- und Weltbildes dienen. Während der Betroffene durch die unbewusste externale Attribuierung sein Selbstwertgefühl wahren kann, ermöglicht es die internale Attribuierung dem Beobachter, seinen Glauben nicht nur an das Ideal einer gerechten Welt, sondern auch an die prinzipielle Kontrollierbarkeit von Situationen aufrechtzuer halten. Erlebnisse oder Berichte von schrecklichen internationalen Ereignissen, fa talen Folgen außenpolitischen Handelns etc., aber ebenso Ereignisse, die den au ßenpolitisch Handelnden an die eigene politische wie auch reale Vergänglichkeit erinnern, können auf diese Weise durch sogenannte Defensivattributionen abge mildert werden. Indem etwa das zum außenpolitischen Handeln in einer akuten Krise geforderte Individuum von der unterbewusst generierten Illusion geleitet wird, dass entsprechendes Unbill oder Tragödien nur Menschen zustoßen, die selbst dazu beitragen, etwa weil sie schlecht, unvorsichtig oder dumm sind, nimmt es sich selbst (fälschlicherweise) in einer Position wahr, das Auftreten derartiger Ereignisse stets beeinflussen zu können (Lerner 1980; Shaver 1970). Die geschilderte Attributionslogik geht aber noch weiter: Wie gezeigt ist die unbe wusste Attribution eines eigenen Unglücks situativ, während diejenige fremden Un glücks dispositionaler Natur ist. Betrachtet man die Attribution eigenen Erfolges, so geschieht diese nun — anders als die Attribution eigenen Unglücks oder Misser folges — dispositional. Diese Tendenz, eigene Erfolge im Innern liegenden und ei gene Misserfolge eher äußeren Faktoren zuzuschreiben, stellt eine selbstwertdienli che kognitive Verzerrung (self-serving bias) dar. Eng damit in Zusammenhang ste hend ist der sogenannte Lake-Wobegon-Effekt, der besagt, dass Mehrheit der Men schen bestimmte eigene Fähigkeiten für überdurchschnittlich hält (Smith/Mackie 2000: 117). Eine besondere Ausprägung erfährt dieses Phänomen im sogenannten Dunning-Krüger-Effekt. Damit wird eine kognitive Verzerrung dergestalt bezeich net, dass Unwissenheit häufig zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. Weniger kompetente Personen weisen eine Tendenz auf, ihre eigenen Fähigkeiten zu über schätzen und eigene Defizite nicht zu realisieren, während sie überlegene Fähigkei ten bei anderen nicht erkennen (Campbell/Miller 2011: 400; Cheng et al. 2009; Dunning/Heath/Suls 2004; Dunning et al. 2003; Ehrlinger et al. 2008; Ehrlinger/Dunning 2003; Hermanns 2012: 15ff.; Kraler/Schratz 2007: 45ff.; Kruger/Dunning 1999; Lawrence 2008: 37). Grundsätzlich dienen alle selbstwertdienli chen kognitiven Verzerrungen dem Ziel, ein positives, konsistentes Selbstbild auf rechtzuerhalten und für sich und andere in einem guten Licht zu erscheinen (Aronson et al. 2008: 116; Carver et al. 1980; McAllister 1996; Miller/Ross 1975; Greenberg et al. 1982; Goffman 1959; Tetlock 1981). Rufen derartige Attributionen posi tive Emotionen hervor, etwa indem kognitive Dissonanz vermieden wird, findet ein entsprechender Lernprozess statt: Die Handlungen des Akteurs werden in ver gleichbaren Situationen mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder von ebendenselben Heuristiken und Verzerrungen beeinflusst werden (Munton et al. 1999; Weiner 214 1992). Das gilt im gleichen Maße für die objektbezogenen kognitiven Verzerrun gen, welche nun näher beleuchtet werden. Ein wesentlicher Wirkmechanismus auch bei den objektbezogenen kognitiven Verzerrungen ist die selektive Wahrneh mung, welche unmittelbar auf den Meinungsbildung- und Entscheidungsfindungs prozess eines Individuums einwirkt. Hierbei handelt es sich um ein Phänomen, bei welchem lediglich spezifische Umweltreize perzipiert werden, während andere aus geblendet werden. Diese basiert auf der Funktionsweise des Gehirns, Muster zu erkennen und diese mit bereits vorhandenen Strukturen abzugleichen. Wie oben dargelegt, führt dies etwa dazu, dass so Argumente, die das eigene positive Selbst bild stützen, stärker wahrgenommen als solche, die es schwächen. Meinungen ent stehen dabei basierend auf den im Gehirn gespeicherten und verfügbaren Beliefs, wobei in jeder beliebigen Situation stets nur eine begrenzte Zahl spezifischer Be liefs abgerufen werden kann. Von den grundsätzlich zur Verfügung stehenden Be liefs ist nur eine bestimmte Menge stark genug, um vom Gehirn als relevant zur Entscheidungsfindung herangezogen zu werden. Die spezifische Entstehung der konkreten Ausprägung von selektiver Wahrnehmung kommt durch Mechanismen wie etwa Priming oder Framing zustande, die mit den Erfahrungen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen des betroffenen Individuums interagieren. Priming und Framing haben gemeinsame Grundlagen. Beide Effekte können ent weder gemeinsam oder getrennt voneinander auftreten. Während Framing dabei als der bewusste Akt der Beeinflussung Dritter verstanden wird, ist Priming der Vor gang, der bei einer Person abläuft, welche einem beeinflussenden Vorgang ausge setzt ist, welcher zu einer spezifischen Form selektiver Wahrnehmung führt. Ein politischer Führer etwa kann eine außenpolitisch relevante Situation beispielsweise dahingehend framen, dass er ausgewählte Informationen in einen spezifischen Rahmen setzt — so etwa George H. W. Bushs Vergleich von Saddam Hussein mit Adolf Hitler — womit er bewusst einen spezifischen Effekt zu erzielen erhofft, ohne dass jedoch ein gerichteter Primingeffekt notwendigerweise die Folge ist, während ein Individuum durch eine bestimmte Handlung, die jedoch nicht zielgerichtet auf die Person, bei der tatsächlich eine Beeinflussung stattfindet, einen handlungsbeein flussenden Effekt bei ebendieser Person bewirkt; diese Person wird geprimt ohne dass bewusst ein spezifischer Frame gesetzt wird. Wenn beide Größen zusammen wirken, wird ein gerichteter Primingeffekt durch gezieltes Framing beim Zielobjekt bewirkt. Hierbei wird auch die Diskursentwicklung reflektiert: Bislang auf eine spe zifische Weise interpretierte Themen können auf dem Wege von Framing bezie hungsweise Reframing in neu interpretierte Themen transformiert werden (vgl. et wa Chong/Druckman 2007). Primingprozesse beeinflussen hierbei die Aufmerk samkeit eines Individuums; indem diese auf spezifische Aspekte gelenkt wird wäh rend gleichzeitig andere vernachlässigt werden, können bestimmte Konnotationen aktiviert werden, während andere unterdrückt bleiben, was zur Folge hat, dass sich ganz spezifische Sichtweisen und darauf basierend Entscheidungen herausbilden (Jones 1994; Fiske/Taylor 1991: 257; Feldman 1995). Dies betrifft Entscheidungen auf höchster politischer Ebene mit außen- und sicherheitspolitischer Relevanz 215 ebenso wie Beurteilungen und Entscheidungen auf breiter politischer Ebene, wie etwa bei Wahlen oder der Beurteilung von Regierungen, Parteien, politischen Pro grammen etc., wobei die entsprechenden Primings vor allem massenmedial indu ziert werden (Iyengar/Kinder 1987: 63; Iyengar et al. 1984). Eine entsprechende analytische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen ist insofern von besonderer Bedeutung, weil sich so auch erklären lässt, weshalb Struktur und Konstellation des internationalen Systems auf eine ganz spezifische Weise beim Akteur erscheinen, was wiederum etwa die Wahrnehmung der anderen bezüglich der eigenen Sicher heit angeht und für die weiter unten behandelten Größen Sicherheitspyramide und Anarchiearten zentral ist Somit vermag es nicht zu verwundern, dass sich neben der stetig wachsenden Bedeutung der Erforschung von Frames beziehungsweise Framingprozessen im Allgemeinen das Augenmerk insbesondere auch auf die Wirkun gen in der Sphäre des Politischen und speziell auf dem Gebiet der außenpolitischen Entscheidungsfindung gerichtet wird, wo nicht zuletzt auch Versuche eines expe rimentellen Nachweise derartiger Effekte unternommen wurden (vgl. Hierzu etwa Chong/Druckman 2007; Lindenberg 2000) Framing gilt es dabei vom Akt der Überredung zu differenzieren: Während beim Überreden der Inhalt einer spezifischen Überzeugung geändert wird, verschiebt sich beim Framing die Gewichtung unterschiedlicher Beliefs in der Gesamteinstel lung eines Menschen (Chong/Druckman 2007). Der Prozess des Framings entfaltet dabei auf drei Ebenen seine Wirksamkeit: erstens indem neue Beliefs zu einem Sachverhalt zur Verfügung gestellt werden, zweitens indem existierende Beliefs zu einem Sachverhalt zugänglich gemacht werden und drittens indem bestehende und bereits zugängliche Beliefs anwendbar gemacht beziehungsweise verstärkt werden (Higgins 1996; Eagly/Chaiken 1993: 330; vgl. ferner Stapel et al. 1998, Druckman 2004, Kuklinski et al. 2001 zur detaillierten Erklärung und Diskussion der relevan ten psychologischen Prozesse). Frames beeinflussen also die Wahrnehmung der objektiven Realität und führen zu subjektiven Repräsentationen derselben. Da das Handeln unmittelbar davon beeinflusst wird, ist auch die Frage der Handlungsrati onalität direkt betroffen. Es zeigt sich deutlich, wie der seitens der Rational Choice Theorie angenommene rein am zu erreichenden Ziel ausgerichtete Rahmen (gain frame) von anderen Frames überlagert beziehungsweise verdrängt werden kann. So kann das Bestreben, ein sozial erwünschtes, angemessenes Verhalten an den Tag zu legen, das von einem normativen Rahmen induziert wird, Entscheidungen, wie ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, ebenfalls beeinflussen (Lindenberg 1992). Auch kann das überragende Bedürfnis eines Individuums, sich gut zu fühlen (hedonic frame), ebenfalls handlungsleitend sein, wobei dieser Rahmen weit über das nor male Maß, kognitive Dissonanzen zu vermeiden hinausgeht und insbesondere in Zusammenhang mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen gebracht werden kann, welche gerade im Bereich von Führungskräften sowohl auf ökonomischem als auch politischem Gebiet überdurchschnittlich oft auftritt. Frames werden als Erweiterung der Annahme absoluter Rationalität verstanden (Lindenberg 2000) und wirken somit ebenfalls entsprechend der Prämissen beschränkter Rationalität. 216 Eine wichtige Rolle bei Priming- beziehungsweise Framing-Prozessen spielen so genannte Anker, die daher bei der Analyse außen- und sicherheitspolitischer Ent scheidungen ebenfalls besonders zu berücksichtigen sind. Es wurde bereits darge legt, dass der Attributionsfehler als Urteilsheuristik schnell und unbewusst abläuft; erst beim Vorliegen freier Ressourcen und gerichteter Motivation kann durch ge richtetes Denken die Attribution in Frage gestellt werden. Allerdings wirkt auch dann eine weitere Urteilsverzerrung wirken, die sogenannte Ankerheuristik (anchoring effect). Diese führt dazu, dass die erste Fehleinschätzung zwar verschoben wird, die Wahrnehmung jedoch weiterhin verzerrt ist, weil es zu einer systematischen Verzerrung in Richtung des Ankers kommt. Der Anker ist dabei als spezifische In formation zu verstehen, die das betroffene Individuum selbst aus dem Kontext bil det oder von einem Dritten erhält. Ebenfalls kann die Information auch gleichsam zufällig vorhanden sein. Auf jeden Fall ist diese Information beim Einschätzen ei ner Situation und beim Fällen einer Entscheidung ausschlaggebend. Der Anker wirkt so, dass Individuen von gegenwärtig vorhandenen Umgebungsinformationen beeinflusst werden, ohne dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. Zudem entfalten sie ihren Einfluss unabhängig von tatsächlicher Relevanz oder Nutzen für die Ent scheidung (basic anchoring effect, Tversky/Kahneman; Brewer/Chapman; Wilson et al.). In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass auch Fachleute wie Außen-/Sicherheitspolitikexperten beziehungsweise politische Psychologen diesem Effekt unterliegen (Northcraft/Neale 1987; Englich 2006a, 2006b; Englich/Mussweiler 2001; Englich et al. 2006; Mussweiler/Strack 1999; Kahnemann 2012b: 119-128). Dies ist umso von Relevanz, da Anker auch in außen- und sicher heitspolitisch Verhandlungssituationen von entscheidender Bedeutung sein kön nen. So hängt etwa die subjektiv empfundene Gewinn- oder Verlustsituation häufig vom ersten Angebot ab, das dann den weiteren Gang der Gespräche nachhaltig prägen kann. (Kristensen/Gärling 1997; Moran/Ritov 2002; Ritov 1996). Auch kann derjenige Verhandlungspartner für sich vorteilhaftere erzielen, wenn das erste Angebot von seiner Seite vorgelegt wurde, da der gesetzte Anker unbewusst eine suggestive Wirkung entfaltet (Locke/Latham; Hinsz/Kalnbach/Lorentz). Während etwa die Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde forderten, dass jegliche künftigen Friedenverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern die Zuge ständnisse beinhalten müssten, welche während der Gespräche von Taba von Israel angeboten worden seien, versuchte der seinerzeitige israelische Ministerpräsident Ariel Sharon als quantifizierbaren Anker einen Referenzpunkt von 42% Prozent des betroffenen Gebietes zu setzen (Mintz/Redd 2003: 196). Anker können somit auf zwei verschiedene Weisen wirken: Der Anker bildet in Form einer Anpas sungsheuristik den Ausgangspunkt für einen bewussten Gedankengang, der zu ei nem rational begründeten Urteil führen soll. Als unbewusste Suggestion löst der Anker zu ihm passende Assoziationen, welche in der Folge durch Priming die Ur teilsfindung beeinflussen. Hierbei erfolgt die unbewusste Beeinflussung der Kogni tion dadurch, dass ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert, entsprechende Assoziationen auslöst und so etwa den Gemütszustand und nach 217 folgendes Verhalten beeinflusst (Myers 2008: 961; Mayr/Buchner 2007; Bargh et al 1996; Kahnemann 2012b: 55f.; Bargh/Pietromonaco 1982; Strack et al. 1988). Hierdurch kann eine einmal getroffene Aussage sich letztlich auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auswachsen. Grundsätzlich ist zu konstatieren, dass menschliches Handeln nicht ohne kognitive Rahmen funktioniert, da erst diese dem Individuum eine Bedeutungszumessung zu einer Situation oder einem Sachverhalt ermöglichen (Gamson/Modigliani 1987, p. 143; 1989) und dadurch dazu beitragen, dessen Alltag zu organisieren (Tuchman 1978: 193). Hierbei wirkt Kultur bereits als wichtige Größe im Kontext von Framingprozessen. Kultur wird dabei als das innerhalb einer sozialen (Groß-)Gruppe existierende Reservoir kollektiv verinnerlichter Rahmen verstanden (Entman 1993: 52f.). Diese sind gleichsam immer vorhanden und wirken primend. Zugleich kön nen Frames, wie bereits angedeutet, ganz bewusst verwendet werden, um Dritte ohne deren Bewusstsein zu manipulieren und spezifische Konzeptualisierungen und Bewertungen von Sachverhalten in deren Bewusstsein zu generieren (Chong/Druckman 2007) und auf diese Weise innerhalb von Diskursen bewusst Bedeutung zu schaffen (Gamson 1992: 68-71; Benford/Snow 2000). Dabei kann auch auf die kulturspezifisch vorhandenen Frames zurückgegriffen werden (Gam son/Modigliani 1987: 169f.; Chong 2000), wie etwa im Kontext des Nationalismus, wo regelmäßig auch ein dichotomisierendes Framing im Sinne eines Wir gegen sie zum Tragen kommt (Neuman et al. 1992). Da der Einfluss eines Objekts umso größeren Einfluss bei der Bewertung eines Sachverhaltes und dem nachfolgenden Entscheidungsfindungsprozess hat (Taylor/Fiske 1975, 1991; Feldman 1995: 267f; Mintz/Redd 2003), werden beim bewussten Framen dieses Sachverhaltes ein oder mehrere spezifische Aspekte dahingehend betont, dass dessen Bewertung durch ausgewählte Dritte hinsichtlich des Erkennens und Bewertens in eine bestimmte Richtung beeinflusst wird (Gamson 1992; Entman 1993). Von herausragender Be deutung hierbei ist die Präsentationswirkung (presentation effect). Dieser besagt, dass die Art und Weise der Darstellung eines Sachverhaltes Einfluss auf die Bewertung des Sachverhaltes hat. Mit anderen Worten: Wird ein Sachverhalt unterschiedlich präsentiert, dann fallen Bewertung und Entscheidung durch das Individuum, das sich an der Präsentation orientiert, entsprechend unterschiedlich aus, obwohl je weils inhaltlich ein und dieselben Fakten aufgezeigt wurden. Es gibt verschiedene Varianten, Sachverhalte auf unterschiedliche Art und Weise zu präsentieren (Kahneman and Tversky 1984; Taylor-Robinson and Redd 2002). So können In formationen sowohl inhaltlich identisch und logisch äquivalent dargestellt werden indem sie entweder mit dem Fokus auf ihrer positiven oder negativen Seite präsen tiert werden (Tversky/Kahneman 1987; Druckman 2004: 671). Erwähnenswert ist hier etwa die Präsentationsform der positiv konnotierten Beschäftigungsrate von 90% gegenüber der negativ behafteten Arbeitslosenquote von 10%. Noch stärker wirkt das an sich analoge evaluative Framing, bei welchem der normative Bezugs punkt, an dem eine Entscheidung gemessen werden soll, entsprechend auf diese oder jene Weise dargestellt wird (Mintz/Geva 1997). 218 Auch hat sich gezeigt, dass das ledigliche Framen von Entscheidungsalternativen unter Betonung der möglichen Verluste anstelle der möglichen Gewinnen dazu führt, dass darauf beruhende Entscheidungen Resultat eines risikobereiteren Ver haltens sind (Farnham 1992; Jervis 1992; Levy 1996b; McDermott 1992; Stein 1993; Tversky and Kahneman 1986), eine Erkenntnis, die auch mit den Grundan nahmen der Prospect Theory konsistent sind, mit deren Hilfe erklärt werden kann, wie Individuen erwartete Gewinne beziehungsweise Verluste bewerten und wie ihre entsprechenden Entscheidungen insbesondere in Situationen, die von Unsicherheit und unwägbare Risiken gekennzeichnet sind, dadurch beeinflusst werden (Harless/Camerer; Camerer; Grüne-Yanoff 2007: 551). Dabei geht die Prospect Theory von einem zweiphasigen Entscheidungsprozess aus. Zunächst werden in der Bearbeitungsphase (editing) die möglichen Resultate heuristisch geordnet. Dabei werden Ähnlichkeiten und Referenzpunkte festgelegt, sodass niedrige Ergebnisse als Verluste, höhere als Gewinne angesehen werden. Danach werden, ausgehend von den potenziellen Resultaten und ihren Eintrittswahrscheinlichkeiten, diesen Punkten Werte entsprechend dem erwarteten Nutzen zugeordnet (Bearbeitungs phase; Editing). Die Alternative mit dem höchsten Nutzen wird dann gewählt. Da bei wird das Erzielen von Gewinnen dem Vermeiden von Verlusten nachgeordnet (Easterlin 1974; Frank 1977; Kahneman/Tversky 1979; Tversky/Kahneman 1981; Lynn 1999; McDermott et al.2008; Post et al. 2008; Kahneman 2011a: 278-288). Es hat also einen unterschiedlichen Effekt für die Entscheidung eines Individuums, ob ein Sachverhalt als Gewinn oder Verlust geframet wird. Wird ein und derselbe Sachverhalt als potenzieller Verlust dargestellt, so steigt regelmäßig die Hand lungsmotivation des Betroffenen. Beim positiven Framing eines Dilemmas ist mit einer konservativen Handlungsstrategie zu rechnen, beim negativen Framing hin gegen ist eine von einer höheren Risikobereitschaft charakterisierte Strategie wahr scheinlich (Grüne-Yanoff 2007: 551; Miljkovic 2005). Dieser Erkenntnis entspricht auch die ebenfalls handlungsbeeinflussende Tendenz zum Status-Quo, dessen Auf rechterhaltung regelmäßig gegenüber Veränderungen im Entscheidungsfindungs prozess der Vorzug eingeräumt wird (Samuelson/Zeckhauser 1988; Kahneman et al. 1991; Johnson et al. 1993). In der außen- und sicherheitspolitischen Praxis kann somit etwa bei der Bewertung eines Militäreinsatzes über den ein Staatschef zu ent scheiden hat, das 10%-ige Risiko eines völligen Fehlschlages oder die 90%-ige Er folgschance betont werden, während die jeweils andere Information unerwähnt bleibt, je nachdem, welcher Zweck verfolgt wird. In diesem Zusammenhang kann zudem die Scarcity Heuristik wirken, durch die der Wert, der einer Sache beigemessen wird, desto höher ist, je leichter man ihrer ver lustig gehen kann. Das gilt insbesondere für Dinge, deren Erwerb aufwändig oder schwierig ist (Gigerenzer 1991; Lynn 1992) und wird abermals verstärkt, wenn ein Gegner dadurch profitiert (AN: absolute und relative Verluste). Vier Parameter sind bei der Beurteilung relevant: Menge, Seltenheit, Zeit und Zensur (Cialdini 2001; Zellinger et al. 1974). Im außen- und sicherheitspolitischen Bereich kann sich diese Heuristik etwa dann als Einflussfaktor auf einen Entscheidungsfindungspro 219 zess erweisen, wenn der Erstzugriff auf eine Ressource in der eigenen Wahrneh mung durch Dritte infrage gestellt wird. Dann wird — erklärt durch die Reak tanztheorie - das Verlangen, diese Ressource unter die eigene Kontrolle zu be kommen, sehr viel stärker als zuvor und wirkt sich so entsprechend auf nachfol gende Entscheidungen aus (Brehm 1981). Ebenso kann der Zeitfaktor ganz be wusst als Instrument verwendet werden, etwa um politische Entscheidungsträger zu bestimmten Entscheidungen zu bewegen, etwa indem einem Staatschef durch den Generalstab suggeriert wird, dass nur zu diesem Zeitpunkt die Gelegenheit günstig sei, einen Schlag gegen einen bestimmten Gegner zu führen, dieses Gele genheitsfenster jedoch in Kürze wieder geschlossen sei. In ähnlicher Form lassen sich zudem spezifische gesellschaftlich relevante Güter in der Präsentation eines relevanten Sachverhaltes betonen beziehungsweise unterschlagen, etwa wenn bei der Darstellung ein- und derselben politischen Maßnahmen zur Terrorismusbe kämpfung die massive Einschränkung von Grundrechten oder die spürbare Erhö hung der Sicherheit und des Wohlbefindens der Bürger betont wird. Wurde die Frage danach, ob etwa eine politisch-extreme Gruppierung das Recht zur öffentli chen Demonstration wahrnehmen können solle mit dem Hinweis auf die dadurch ausgehende Gefährdung eingeleitet, so sprachen sich 55% der Befragten dagegen aus. Enthielt die Einleitung indes den Hinweis auf Grundrechte wie das Recht der freien Meinungsäußerung, wollten nur 15%, dass die Veranstaltung untersagt wer den solle (Sniderman & Theriault 2004; für vergleichbare Effekte in anderen politi schen Kontexten vgl. zudem Rasinski 1989: 391). Ein weiterer Effekt, der durch eine spezifische Art und Weise der Präsentation von Informationen erzielt werden kann und somit bei der Analyse Berücksichtigung finden muss, ist der sogenannte Kontrast-Effekt. Bei diesem handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, bei welcher eine Information umso intensiver wahrge nommen wird, je mehr sie im Kontrast zu einer gleichzeitig präsentierten Informa tion steht. Kontrast-Effekte lassen sich vor allem dann auf, wenn eine negative Be ziehung zwischen den Implikationen der Kontextinformation und dem Urteil be steht Die Attraktivität einer Alternative kann deutlich erhöht werden, wenn sie be wusst einer ähnlichen aber schlechteren Alternative gegenübergestellt wird und umgekehrt. Im Entscheidungsfindungsprozess bewirken auf diese Weise positive Kontextinformationen negativere Bewertungen und negative Kontextinformatio nen entsprechend positivere Bewertungen. Zudem kann die Bildung von Urteilen im Kontext sozialer Vergleiche gezielt beeinflusst werden, da ein Objekt, welches bei isolierter Betrachtung nur eine mittelmäßige Bewertung erhält, positiver gese hen wird, wenn ihm ein negativ beurteiltes Objekt vorangeht (positiver Kontrastef fekt), beziehungsweise negativer, wenn es sich indes um ein positiv bewertetes Ob jekt handelt. Auch hier kann die Wirkung dann verstärkt werden, wenn zugleich Repräsentationen des Selbst angesprochen werden, da diese, wie erläutert, leichter verfügbar sind. Bei diesen kommt es zu einer deutlichen identitären Abgrenzung zwischen Selbst und signifikantem Anderen, welche sich sowohl auf die Person(en) selbst, als auch auf Werte beziehungsweise Handlungen beziehen kann. 220 Eine weitere Möglichkeit des Framing ist die Präsentation von Informationen in einer bestimmten Rang- oder Reihenfolge. Welch erheblichen Effekte dies haben kann, wurde etwa mit Blick auf die Entscheidungsprozesse im Kontext der Kubak rise aufgezeigt (Anderson 1983; ferner Mintz/Redd 2003). Insgesamt hat sich ge zeigt, dass bereits kleine Änderungen in der Art und Weise der Darstellung von Sachverhalten zu erheblichen Änderungen in der Bewertung und somit Meinungs bildung führen können (Chong/Duckman 2007; Redd and Geva 2001; Frisch 1993). Dies tritt besonders deutlich zu Tage, wenn man sich als Beispiel die Her ausforderung für die sicherheitspolitische Entscheidungselite eines Staates vor Au gen führt, welche mit dem Ausbruch einer Epidemie konfrontiert ist, welche vo raussichtlich etwa 600 Todesopfer fordern wird. Die Berater informieren die Elite, dass zwei Strategien zur Verfügung stünden, auf die Krise zu reagieren, die wie folgt dargelegt werden. Durch die erste Strategie (A) können 200 Menschen gerettet werden, bei Entscheidung zugunsten der alternativen Strategie (B) besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass alle Menschen gerettet werden und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass niemand gerettet wird. Es hat sich ge zeigt, dass sich 72% der Entscheidungsträger für Strategie A und nur 28% für Stra tegie B entscheiden. Werden die Optionen bei gleichen Bedingungen mit anderen Frames präsentiert, kommt es zu gänzlich anderen Entscheidungsmustern. Bei Wahl der ersten Strategie C sterben 400 Menschen, bei Entscheidung zugunsten der alternativen Strategie D besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass kein Mensch stirbt und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass alle Men schen sterben. Die Optionen A und C beziehungsweise B und D sind inhaltlich absolut identisch, dennoch entscheiden sich bei dieser Präsentation nur 22% der Entscheidungsträger für Option C (statt wie zuvor 72% für die identische Option A), aber 78% für Option D (statt wie zuvor 28% für identische Option B) (Kahneman/Tversky 1984: 243 oder 343). Allein das unterschiedliche Framing in haltlich völlig identischer Vorschläge bewirkt eine Umkehrung der Entscheidungs muster. Dies wiegt umso schwerer, da Framing bei einem Großteil der Menschen seine Wirkung entfaltet. Daher vermag es auch nicht zu verwundern, dass dieser Mechanismus speziell auf dem Feld des Politischen von besonderer Bedeutung ist (Shah et al. 2002, p. 343) (Chong/Druckman 2007). Tatsächlich lässt sich feststel len, dass Framing auf allen politisch relevanten Gebieten als Strategie gezielter Be einflussung zur Anwendung gelangt. Hierbei ist die Beeinflussung der eigenen und fremden Bevölkerung (Mintz/Geva 1997; Mintz/Redd 2003) etwa auf dem Wege der Propaganda oder Public Diplomacy, fremder Staatschef, der Weltöffentlichkeit, aber ebenso der eigenen außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsträger etwa durch Berater, das Militär oder die Ministerialbürokratie, um etwa eigene Ziel setzungen zu erreichen, von Relevanz (Mintz/Redd 2003; Hoyt/Garrison 1997; Jacoby 2000: 751; Chong/Druckman 2007). Daher können Priming- und Framingeffekte auch und gerade bei der Analyse von Prozessen im Bereich der internatio nalen Beziehungen keinesfalls unberücksichtigt bleiben. 221 Als Beispiel der Wirkung von Framing lässt sich etwa der seitens der USA initiierte Staatsstreich in Guatemala anführen, wo es der United Fruit Company gelang, die Situation gegenüber den politischen Entscheidungsträgern in den Vereinigten Staa ten so zu framen, dass die intendierte Handlung der US-Regierung herbeigeführt wurde (Chapman 2007; Cullather 2006; Gleijeses 1992; Immermann 1990; Schlesinger/Kinzer 2005; Taylor-Robinson/Reed 2002). Da sich die United Fruit Com pany durch die sozialistisch-orientierte, gewerkschaftsfreundliche Politik von Juan Jose Arevalo (1945—1951) und insbesondere von dessen Nachfolger im Amt Jacobo Arbenz (1951—1954) bedroht sah, fing man seitens der United Fruit Company an, die Entwicklungen in Guatemala als Ausdruck kommunistischer Herrschaft darzustellen. Truman konnte trotz seinem 1947 erklärten Ziel, Kommunismus und Totalitarismus weltweit einzudämmen und freien Völkern beizustehen, die sich ei ner versuchten Unterwerfung widersetzen (Truman-Doktrin), nicht zu einer Inter vention bewegt werden. Mit der Wahl Eisenhowers zum Präsidenten der Vereinig ten Staaten und dem damit einhergehenden außenpolitischen Leitgedanken der Dominotheorie, der zufolge Staaten, die sich im Umkreis eines kommunistischen Landes befänden, durch dessen Einflussnahme ebenfalls kommunistisch würden und somit peu-a-peu alle Länder einer Region wie bei einer Kette von Dominostei nen umfallen und der westlichen Welt den Rücken kehren würden, änderte sich die Situation. Dies galt umso mehr, da die United Fruit Company über zahlreiche Be ziehungen zu hochrangigen Mitgliedern der Eisenhower-Regierung verfügte. Auf diese Weise gelang es der United Fruit Company, Guatemala als kritischen Domi nostein darzustellen und so den gewünschten politischen Effekt, nämlich einen Re gimewechsel hin zu für das Unternehmen günstigeren Machthabern, zu erzielen: „Framing by United Fruit constrained Eisenhower’s choice set such that politically infeasible options were rejected and ultimately the decision made was guided by Cold War considerations” (Taylor-Robinson/Redd 2002: 96). Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden kurz auf Framingstrategien und -effekte eingegangen werden, welche speziell für die Analyse zwischenstaatlich wirksamen Entscheidungsverhaltens von Relevanz sind. So wird Framing auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen in der Form von Reframing und Counterframing re gelmäßig als politisches Instrument zum Einsatz gebracht. Häufig sind derartige Maßnahmen im Zusammenhang mit den bereits angesprochenen Two-Level- Games zu verstehen, bei welchem politische Strategien gleichzeitig die inner- und die zwischenstaatliche Ebene berücksichtigen. Durch die hier entwickelte Analyse wird die individuelle Analyseebene jeweils noch mit der nationalen und der interna tionalen verwoben. Wie dargelegt, wird von verschiedener Seite versucht, die Öf fentlichkeit wie auch politische Entscheidungseliten durch das Setzen spezifischer Frames zu beeinflussen. Dies ist aber keine Einbahnstraße: Unliebsamen Frames kann von Individuen oder Gruppen, welche andere Ziele verfolgen durch das Set zen alternativer Frames entgegengewirkt werden, etwa dadurch, dass er seitens der Gegner initiierte Verlust-Frames durch Gewinn-Frames zu ersetzen sucht, oder umgekehrt. Wenn sich etwa eine Nation bereits in einem Umfeld befindet, dass 222 von einer erkennbaren Nichterreichung außen- bzw. sicherheitspolitischer Interes sen gekennzeichnet ist, kann auf diese Weise eine Bereitschaft zu höherem Risiko verhalten seitens des Entscheidungsträgers wie auch innerhalb der Bevölkerung bewirkt werden. Auch kann ein Verlust-Frame im Rahmen schwieriger Verhand lungen gezielt genutzt werden, um den Verhandlungsführern der Gegenseite zu signalisieren, dass nur wenig Spielraum besteht, auf internationaler Ebene erzielte Verhandlungsergebnisse auch innenpolitisch durchzusetzen, was aber etwa für die völkerrechtliche Ratifizierung erforderlich ist (Levy 1996b). Das Setzen von Frames selbst kann dabei sowohl revolvierend als auch sequenziell erfolgen. Beim revolvierenden Framing werden über einen längeren Zeitraum ver schiedene Frames gesetzt, um die Zielperson oder -gruppe zu beeinflussen. Dies lässt sich etwa am Vorgehen von George H. W. Bush im Falle des Kuwait-Irak Konflikts erkennen, wo es zum Aufbau verschiedener, zusammenhängender Fra mes kam, welche ihren Bezugspunkt in der Doktrin der Neuen Weltordnung hatten (Mintz/Redd 2003: 202; Drew 1991: 181). Anfänglich wurde Saddam Husseins Vorgehen gegen Kuwait als Bedrohung vitaler Interessen der USA dargestellt (vgl. etwa Freedman/Karsh 1993). In der Folge wurde dazu übergegangen, das Handeln Husseins dahingehend zu framen, dass es die falschen Standards für die anzustre bende Ordnung für die neu angebrochene Ära nach dem Ende des Kalten Krieges setze, und somit auch die vitalen Interessen aller anderen Staaten bedrohe. Wäh rend bei der diesbezüglichen Argumentation noch explizit auf materielle Aspekte wie die globale Ölversorgung Bezug genommen wurde, erfolgte im weiteren Ver lauf ein Framing der Aktionen Saddam Husseins als humanitäres Problem. Die primäre Betonung der humanitären Kosten, welche das Vorgehen des Iraks für die Menschen in Kuwait, aber auch für die eigene Bevölkerung bringe, welche unter dem Joch des explizit mit Hitler gleichgesetzten Diktators zu leiden habe, sodass ein auch gewaltsames Eingreifen alternativlos sei, sollte schließlich die Legitimation für die nachfolgenden Militäraktionen liefern. Um hierbei letzte Zweifler zu über zeugen, wurde außerdem noch ein Frame entwickelt, das den Irak als potenzielle nukleare Bedrohung darstellte, welcher dann schließlich als Diktator die gesamte Welt so bedrohe und unterdrücke, wie jetzt gerade die Iraker und Kuwaiter (Mintz/Redd 2003: 202). Beim sequenziellen Framing hingegen wird derselbe Frame in unterschiedlichen Situationen gesetzt, wobei jeweils unterschiedliche Aspekte betont werden. Es geht dabei also um die Schaffung eines umfassender interpretativen Rahmenwerks kog nitiver Repräsentationen (Gannon 1998; ferner Gamson 1989). Auch lassen sich unterschiedliche Zeitpunkte des Setzens spezifischer Frames feststellen, etwa vor, während und nach kritischen Entscheidungen (Geva/Mintz/True 1994: 8; Mintz/Redd 2003). Als sehr effizient hat sich dabei die sogenannte Salamitaktik (Maoz 1990: 90; Mintz/Redd 2003) erwiesen, welche als adäquates Mittel verstan den wird, Individuen im Kontext auch radikal neuer Ideen zu beeinflussen: Durch die stufenweise Präsentation immer wieder leicht in die Richtung der eigentlich ge 223 wünschten Entscheidung hin abgewandelten kleineren Frames wird schließlich das eigentliche Ziel erreicht. So zeigte sich etwa im Jahr 2001, dass der Hardliner Ariel Sharon vor dem Hintergrund der Vorbehalte europäischer Staats- und Regierungs chefs, der politischen Führung der USA und letztlich auch in signifikanten Teilen der israelischen Bevölkerung gegen übertrieben harte Maßnahmen gegen die paläs tinensische Seite, sukzessive die Palästinenser mit leicht veränderten Rahmen prä sentierte, um sie schließlich als Feindbild und unmittelbare Bedrohung in der euro päischen, amerikanischen und israelischen Wahrnehmung erscheinen zu lassen. In diesem Kontext zeigt sich abermals ein Effekt, welcher das analytische Zusam menspiel der drei Analyseebenen Staat, Individuum und Weltsystem deutlich macht. So wirkt auch die innere Verfasstheit eines Staates, also etwa ob dieser einen demokratischen oder autokratischen Charakter aufweist, auf die Wahrscheinlichkeit aus, mit der Framing den beabsichtigten Effekt erreicht. Diesen Effekt konnte sich auch Sharon zunutze machen. Da das spezifische Staats- und Gesellschaftsver ständnis gleichsam als kulturelle Komponente zu verstehen ist und somit als sol ches seine Wirkung entfaltet, konnte Sharon die Handlungen der Palästinenser als vom Werteverständnis westlicher rechtsstaatlicher Demokratien abweichend und sich selbst als Verteidiger ebendieser Vorstellungen framen. Ähnliches zeigte sich beim Framing kommunistischer Staaten beziehungsweise des Ostblocks als Reich des Bösen, welchem auf zivilreligiöser Mission basierende Frames der eigenen glo balen Verteidigung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten gegenüberge stellt wurden — unabhängig von den Realien der jeweils tatsächlich betriebenen Au ßen- und Sicherheitspolitik. So lässt sich unschwer Ronald Reagans Framing der Sowjetunion beziehungsweise des Ostblocks als Reich des Bösen, gegen welches die USA als Hort von Freiheit und den rechten Werten stünden, erkennen. Dabei handelt es sich um einen Manichäismus, von welchem das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten von Anbeginn an charakterisiert war (vgl. etwa Junker), und der sich jüngst auch in George W. Bushs Framing etwa des afghanischen Taliban Re gimes zeigte. Bei diesen Framings ging es der US-Regierung stets darum, den Fra me so zu setzen, dass er nicht als Kulturkampf, sondern als Kampf gegen den Ter rorismus erschien, wobei die Zuspitzung auf eine eindeutige Identifikation mit oder gegen das Gute, Richtige auf Seiten des Adressaten bewirkt werden sollte, indem als einzige Handlungsalternative offeriert wurde, entweder sei man auf Seiten der USA oder auf Seiten der Terroristen. Wie bereits im Kontext der irakischen Invasi on von Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg, wurde auch der Afghanistan feldzug durch einen humanitären wie auch einen spezifischen gender-orientierten Frame präsentiert. So sprach George W. Bush etwa davon, dass die unterdrückten Menschen Afghanistans die Großzügigkeit Amerikas und seiner Verbündeten er kennen würden, und insbesondere die Frauen Afghanistans durch amerikanische Siege aus ihrer Unterdrückung befreit würden (vgl. Mintz/Redd 2003: 205). So groß die manipulativen Möglichkeiten sind, welche durch Priming und Framing eröffnet werden, sind ihnen doch auch Grenzen gesetzt, die es ebenfalls bei der 224 Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens zu berücksichtigen gilt. Hierbei gilt es ins besondere, moderierende Variablen zu berücksichtigen, welche ihrerseits Einfluss auf Framing-Effekte entfalten. Allen voran sind ihr die individuellen Ausrichtungen des einzelnen Menschen etwa in Form seiner spezifischen Wertvorstellungen zu nennen (vgl. etwa Druckman 2001c: 241; Haider-Markel/Joslyn 2001; Edwards 2003; Barker 2005; Lau/Schlesinger 2005; Shen/Edwards 2005). Diese sind — ins besondere wenn sie stark ausgeprägt sind — geeignet, Framing-Effekten entgegen zuwirken, indem sie von der Erwartung abweichenden Informationen einen kogni tiven Widerstand entgegenbringen. Dies liegt am oben geschilderten Mechanismus der Vermeidung kognitiver Dissonanzen. Ist ein Individuum mit unterschiedlichen Sichtweisen eines thematischen Gegenstandes konfrontiert, so entscheidet es sich für die Alternative, welche konsistent mit den eigenen Werten oder Prinzipien ist (Sniderman/Theriault 2004: 147, sowie ferner Brewer/Gross 2005). Allerdings gilt es auch hier einzuräumen, dass sogar Menschen mit stark ausgeprägten spezifi schen Werthaltungen Framing-Versuchen gegenüber empfänglich sind, wenn es sich um ihnen neue Themenbereiche handelt, zu welchen sie noch nicht über ein abgeschlossenes Meinungsbild verfügen. Andererseits kann sich auch erfolgreiches Framing auf längere Sicht als kontraproduktiv erweisen, nämlich dann, wenn die durch das Framing generierten Erwartungen nicht erfüllt werden. Als Beispiel hier für kann die Appeasement-Analogie angeführt werden, mit welcher George H. W. Bush das seiner Ansicht nach erforderliche Handeln im Kontext der Kuwait-Krise gegen den Irak zu framen versuchte (Freedman and Karsh 1993; Hilsman 1992; Mueller 1994). Ein mögliches Nichteingreifen in den Konflikt werde ähnliche Auswirkungen haben wie das Münchener Abkommen und somit den Weg in einen neuen Weltkrieg ebnen. Dem abzusehenden Versuch eines Gegenframing durch Kritiker einer militärischen Intervention, welche bestrebt waren, ein- und dieselbe Situation nicht mit dem Angriff Nazi-Deutschlands im Osten zu vergleichen, son dern im Rahmen einer Analogie mit dem Eingreifen und tragischen Scheitern der USA in Vietnam zu framen, konnte Bush zwar erfolgreich entgegenwirken, jedoch führte das gelungene Framing eines Verhinderns eines zweiten München dazu, dass die Situation am Golf sich in einem absehbaren Zeitraum stabilisiere. Stattdessen blieb ein Regimewechsel in Richtung Demokratie aus, der dämonisierte Hussein an der Macht und die Gesamtsituation in der Region verschlechterte sich sogar, was maßgeblich zum Niedergang der Bush-Administration beitrug (Mintz/Redd 2003: 201). Insgesamt ausschlaggebend für den Erfolg von Framings ist neben den vorhande nen Wertvorstellungen zudem die Glaubwürdigkeit der Person oder Institution, welche versucht, mit entsprechenden Frames Manipulationen am Entscheidungs verhalten Dritter vorzunehmen (Druckman 2001b), sowie das bei diesem bezie hungsweise diesen Dritten bestehende Wissen (Kinder & Sanders 1990, Haider- Markel & Joslyn 2001) (112) beziehungsweise die damit zusammenhängende Ver fügbarkeit dieser Informationen (Price/Na 2000). Diese Erkenntnisse tragen letzt lich auch dazu bei, die einzelnen Heuristiken zu verstehen und entsprechend bei 225 der Analyse zur Erklärung außen-und sicherheitspolitischen Verhaltens zur An wendung zu bringen. Der eben erwähnte Aspekt der Verfügbarkeit, der anzeigt, wie leicht eine im Gehirn gespeicherte Information zugänglich ist (Srull/Wyer 1979), ist insofern relevant für den Erfolg von Framing, weil Priming- und Framingprozesse den Grad der Abrufbarkeit erhöhen können (Sherman et al. 1990: 405). Da das Gehirn der Logik folgt, dass allein der Umstand, dass man sich einer Sache erinnert bereits als Indikator für die Wichtigkeit des Erinnerten interpretiert wird (Schwarz et al. 1991), kommt es dabei zur Überschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis, dessen Verfügbarkeit durch Priming/Framing erhöht wurde, auftritt. So wird etwa die Gefahr des Todes in einem nicht alltäglichen dramati schen Ereignis (Naturkatastrophe, Terroranschlag, Flugzeugunglück) im Vergleich zu einem alltäglichen (Autounfall, Unfall im Haushalt) überschätzt. Grund für das Auftreten dieser sogenannten Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic) ist der höhere Grad an Verfügbarkeit erstgenannter Informationen, da sie größere mediale Publizität erfahren. Das gilt vor allem für neuere Informationen, die besonders stark gewichtet werden (Phung 2009). Die praktische Folge ist das Unterschätzen alltäglicher Gefahren. Das gilt umso mehr, wenn die Information nicht nur abstrakt sondern im Rahmen anschaulicher, persönlicher Erfahrungsberichte beziehungsweise Anekdoten zur Verfügung ge stellt wird. Auf diese Weise ist der Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess umso höher (Tversky/Kahnemann 1973; Sutherland 2007: 16f.; Carroll 1978; Plous 1993; Matlin 2009: 413). Dann nämlich wirkt zusätzlich die anekdotische Verzer rung, welche vor allem im Bereich der Kommunikationswissenschaften, Psycholin guistik und Entscheidungstheorie erforscht wurde, und welche bei entsprechender von der Verfügbarkeit abhängigen Eingängigkeit der Anekdote unabhängig vom tatsächlichen Wahrheitsgehalt ihre Wirkung auf die Entscheidungsfindung entfaltet. Der Gesamteffekt der Verfügbarkeitsheuristik ist somit, dass es zu einer verzerrten Wahrnehmung und Bewertung der Häufigkeit beziehungsweise der Wahrschein lichkeit von Ereignissen kommt, was wiederum zu Fehlentscheidungen führen kann. Ebenso kann es zu systematischen Fehleinschätzungen von Zusammenhän gen kommen, wenn Zusammenhänge zwischen voneinander unabhängigen Ereig nissen wahrgenommen werden (illusorische Korrelation). Das Zustandekommen einer solchen von der objektiven (Nicht-)Korrelation abweichenden subjektiven Korrelation ist ebenfalls im Kontext der Verfügbarkeitsheuristik beziehungsweise der bestehenden Salienz zu sehen. So entstehen etwa erwartungsbasierte Illusionen, wenn erwartete Ereignisse stärker gewichtet oder kognitiv tiefer elaboriert werden als unerwartete, ein Mechanismus, der auch sozialen Stereotypen zu Grunde liegt (Fiedler 2000). Ebenso werden vorhandene Merkmale bei einem Sachverhalt anders verarbeitet als fehlende, ein Umstand, der im Prinzip nach genauso wirkt, wie die gezielte spezifische Präsentation von Ereignissen. Treten bei einer ohnehin schon salienten sozialen Gruppe (etwa Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshinter grund) saliente Ereignisse (etwa Verbrechen) auf, dann wirken diese besonders stark, auch wenn diese in der Realität nur einen sehr kleinen Teil dieser sozialen 226 Gruppe betreffen und der große Teil anders handelt und gegebenenfalls sogar Sta tistiken das Gegenteil besagen. Doch die nicht negativ auffällige Mehrheit ist weni ger salient und wird somit in Entscheidungsfindungsprozessen vernachlässigt (Ward/J enkins 1965; Fiedler 2000; Fiedler/Plessner 2006: 298; Aronson/Wilson/Akert 2008: 439) Ebenfalls eng verwandt mit der Verfügbarkeitsheuristik ist die Simulationsheuristik. Diese basiert darauf, dass die Annahme der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses davon abhängt, wie gut sich das Ereignis mental vorstellen lässt (Kahneman/Tversky 1998). Praktische Bedeutung kommt dieser Heuristik vor al len in Entscheidungskontexten zu, in welchen das Verhalten eines Gegners oder sonstigen Gegenübers in einer bestimmten Situation unter Zuhilfenahme kontra faktischer Überlegungen verstanden beziehungsweise vorhergesagt werden soll. Dabei werden auf mentaler Ebene bereits stattgefundene Ereignisse zurückge drängt und dieselben Ereignisse mit alternativen Größen simuliert. Die Verzerrung entsteht dann dadurch, da besser vorstellbare Ereignisse als wahrscheinlicher ange sehen werden. Treten diese dann nicht ein, schlägt sich das umso gravierender nie der. Dies gilt vor allem dann, wenn in der Wahrnehmung zwischen Simulation und tatsächlichem Ablauf nur minimale Fehleinschätzungen bestehen. Aufgrund des hohen Grades der Verfügbarkeit wird der Verlust fast so stark empfunden wie ein realer Verlust — mit dem entsprechenden Effekt. Sie ist besonders ausgeprägt bei Individuen, welche ohnehin zu einer erhöhten Erwartung negativer künftiger Er eignisse neigen (Bouts et al. 1992; Fiedler 1996; Gilovich et al. 2002: 374f.; Raune et al. 2005; Goldman 2006). Die Verfügbarkeit von Informationen wird auch im Rahmen der Ähnlichkeitsheuristik vom Gehirn genutzt, indem unbewusst von der relativen Ähnlichkeit einer vergangenen Situation mit der akuten auf die Wahr scheinlichkeit geschlossen wird, mit der bestimmte Handlungsalternativen erfolg versprechend hinsichtlich der aktuellen Zielsetzung sind. Die hierbei auftretende Verzerrung führt zu Fehlbewertungen der Situation (Russell 1988; Read/Grushka- Cockayne 2007; Rosin/Nemeroff 2007). Ein ähnlicher Effekt lässt sich bei der auf der Verfügbarkeitsheuristik basierenden Vertrautheitsheuristik (familiarity heuristic) feststellen. Bei dieser werden Ereignisse als häufiger oder bedeutsamer wahrgenommen, weil sie vertrauter im Gedächtnis sind. Das Vertraute wird dabei gegenüber dem Neuem bevorzugt beziehungsweise werden unbekannte Größen (Situationen, Personen) so mit Vertrautem, etwa in Form kognitiver Schemata, welche weiter unten noch ausführlicher behandelt wer den, abgeglichen, dass bei signifikanten Übereinstimmungen das Hirn auf einen kognitiven Modus schaltet, der dem einer entsprechenden früheren Vergleichssitua tion entspricht. Beim darauf aufbauenden Entscheidungsprozess wird unterbewusst angenommen, dass das vorangegangene Verhalten in der vermeintlich identischen neuen Situation gleiche Resultate wie damals hervorbringt, was ebenfalls zu Fehl beurteilungen und -handlungen führen kann. Der Effekt jener Heuristik wird dabei noch dadurch verstärkt, dass im Gehirn abrufbare Aspekte aus der Vergangenheit 227 schneller verarbeitet werden können (Jacoby/Dallas 1981). Bei schnellerer Verar beitung einer Information jedoch wird dieser unterbewusst vom Gehirn ein höhe rer Stellenwert für den aktuellen Entscheidungsbildungsprozess zugemessen (Jacoby/Brooks 1984; Jacoby/Dallas 1981; Hertwig et al. 2008; Volz et al. 2010). Da zudem auch andere Ursachen zu einer erhöhten Reizverarbeitungsgeschwindigkeit führen können, suggeriert ein schneller verarbeiteter Reiz neben gesteigerten posi tiven Affekten (Reber et al. 1998) ein Gefühl erhöhter Vertrautheit mit dem Ge genstand, was wiederum zu einem potenziell falschen Abgleich mit Mustern der Vergangenheit und eine entsprechende Beeinflussung von Wahrnehmung, Inter pretation und Entscheidung führen kann (Whittlesea 1993; Whittlesea 1993; vgl. ferner Rugg/Curran 2007; Leynes/Zisch 2012; hinsichtlich der neurobiologischen Vorgänge und ihrer Implikationen siehe Winkielman/Cacioppo 2001; Reber et al. 2004; Rubin et al. 2010). In einem engen Zusammenhang hiermit steht auch die Rückschauverzerrung (hindsight bias), welche besagt, dass die häufig selektive und somit verzerrte Rekon struktion vergangener Ereignisse eine falsche Vertrautheit erzeugt, die aktuell be wertete Ereignisse als vorhersagbar und somit kontrollierbar erscheinen lässt, was jedoch nicht der Fall ist (Corneille et al. 2004). Systematisch verfälschte Erinnerun gen an eigene Vorhersagen hinsichtlich eines Ereignisses nach dessen tatsächlichem Eintreten, bekannt als Rückschaufehler (Fischhoff 1975), können ebenfalls Ent scheidungen beeinflussen. Hierbei werden unterbewusst retrospektiv ursprüngli chen (ggf. ganz oder teilweise unzutreffenden) Schätzungen in Richtung der tat sächlichen Ausgänge angepasst. Der Effekt führt dazu, dass Menschen nach einem (wichtigen) Ereignis nicht mehr in der Lage sind, die Umstände und Gründe, die zum Ereignis führten, so zu beurteilen, wie sie es vor dem Bekanntwerden des Er eignisses getan haben. Sie überschätzen im Rückblick viel mehr systematisch die Möglichkeit, dass man das Ereignis hätte voraussehen können, indem sie vorher vorhandene Informationen unter dem Einfluss des Ereignisses neu betrachten und dabei zu einer Überschätzung der Vorhersagbarkeit des Ereignisses kommen. Dies wird nicht selten Beratern, die angeblich anders als der Entscheidungsträger selbst, die Dinge falsch bewertet hätten, vorgeworfen, auch wenn dies faktisch nicht zu trifft. Bei der Analyse der Effekte dieser Verzerrung gilt zudem zu beachten, dass auch Experten davon betroffen sind und Sachkenntnis diesen Einfluss nicht we sentlich relativieren kann. Das liegt darin begründet, dass die Kenntnis des Ereig nisses die Deutung und Wertung aller damit zusammenhängenden Sachverhalte verändert und somit das gesamte kognitive Koordinatensystem in Richtung mut maßlicher Vertrautheit verschiebt. (Fischhoff 1975; Fischhoff/Beyth 1975; Roberto/Grechenig 2011; Blank et al. 2003; Blank et al. 2007; Bradfield/Wells 2005; Hoffrage/Pohl 2003; Pohl 2004). Losgelöst von diesem Phänomen wird ein maximales Gefühl der Vertrautheit in der Regel erreicht, wenn ein signifikanter Bezug zum Selbstkonzept eines Individu ums hergestellt wird (Selbstreferenzeffekt). In diesem Zustand kognitiver Konso 228 nanz wirken auch folgende Priming- und Framing-Effekte besonders effizient. Ver festigte Primes tragen zur Beeinflussung des Bewertens von Menschen und Situati onen in Stereotypen bei, was wiederum Entscheidungsfindungsprozesse entspre chend beeinflusst (Bargh et al. 1996; Bargh/Williams 2006; Williams/Bargh 2008; Cox et al. 2012; kritisch: Bower 2012; Doyen et al. 2012). Hinzukommen weitere kognitive Verzerrungen, welche aufPrim ing basieren. Neben der Deformation Pro fessionelle, bei welcher eine fachspezifische Methode, Perspektive oder Denkweise über ihren eigentlichen Geltungsbereich hinauswirkt und auf andere Themen und Situationen angewandt wird, was zu beschränkten Sichtweisen und Fehlurteilen führen kann, ist etwa auch der sogenannte Halo-Effekt (Thorndike 1920) wirksam, bei welchem faktisch unabhängige oder nur bedingt korrelierte Eigenschaften von Personen, Dingen oder Sachverhalten fälschlicherweise als zusammenhängend perzipiert werden. Auf diese Weise erzeugen spezifische Eigenschaften einen posi tiven oder negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung und Beurteilung der Person, des Sachverhaltes oder einer Situation gleichsam überstrahlt und so den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst. Durch den Halo-Effekt induzierte Verzerrungen wirken umso stärker, je höheres Gewicht der Beurteilende auf das überstrahlende Merkmal legt und dieses im Entscheidungsfindungsprozess entspre chend unangemessen überbewertet (Forgas 1999: 61ff., Kahnemann 2012b: 82). Die verzerrende Wirkung des Halo-Effekts auf die Beurteilung von Situationen zeigt sich etwa darin, dass sowohl Erfolg als auch Misserfolg ein- und demselben Faktor zugeschrieben werden können, etwa wenn bezogen auf eine spezifische Or ganisationsstruktur der Erfolg zunächst mit den flachen Hierarchien, der Entschei dungsfreiheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der daraus erwachsenden Effizienz begründet wird, spätere Misserfolge der Organisation ebenso damit be gründet werden, nur eben mit negativen Konnotationen. Ein- und dieselbe Struktur wird dann als unkontrollierte Laissez-Faire Kultur bezeichnet, welche ursächlich für die Ineffizienz sei. Weitere Faktoren werden indes aufgrund der in der Wahrneh mung überstrahlenden Bedeutung spezifischer Organisationsmerkmale im Bewertungs- und Entscheidungsprozess ignoriert (Rosenzweig 2008). In diesem Zusam menhang lässt sich darüber hinaus eine regelmäßig auftretende Tendenz erkennen, von bekannten Eigenschaften einer Person auf deren unbekannte Eigenschaften zu schließen, auch wenn hierfür keinerlei konkrete Erfahrungswerte vorliegen. Eine ebenfalls bei der Analyse nicht zu vernachlässigende Größe gerade im Bereich außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungseliten ist die auf der Selbstüber schätzung von Individuen beruhende Kontrollillusion. Während ein grundsätzlich positives und optimistisches Selbstbild, wie oben beschrieben, durchaus Vorteile mit sich bringen kann, indem sie etwa Motivation und Ausdauer des Individuums erhöhen (Bandura 1989: 1177; Taylor/Brown 1988), führt ein übersteigertes Selbstbild zur falschen Annahme, Vorgänge und Ereignisse durch das eigene Ver halten kontrollieren zu können, auch wenn diese nachweislich nicht beeinflussbar sind (Langer 1975, 1982). Das kann den Entscheidungsfindungsprozess negatv 229 beeinflussen, nicht nur, weil derartige Illusionen gegen Rückmeldungen immunisie ren und Lernvorgänge hemmen, sondern durch ein Absinken der subjektiven Risi koeinschätzung zu größerer objektiver Risikobereitschaft führen (Whyte et al. 1997; Fenton-O’Creevy et al. 2003, 2004; Gollwitzer/Kinney 1989). Dies gilt auch und gerade für Situationen, in denen aufgrund von Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und hoher Stressbelastung die tatsächliche Kontrolle verlorengegangen ist und nun durch eine Scheinkontrolle ersetzt wird (Fenton-O’Creevy et al. 2003). Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt, der zu Wahrnehmungsverzerrungen führen kann, ist der Einfluss kulturspezifischer Sozialisation. In diesem Zusammenhang konnten die Neurowissenschaften nachweisen, dass sogar bei grundlegenden kog nitiven Wahrnehmungsprozessen interkulturelle Unterschiede ihre Wirkung entfal te, was die lange Zeit gültige Annahme, der zufolge die grundlegenden Denk- und Wahrnehmungsprozesse bei allen Menschen gleich verliefen, relativiert wurden. Vielmehr beeinflusst der jeweilige kulturelle Hintergrund nicht nur, worüber wir nachdenken, sondern auch wie (Kühnen 2005). Dieser Unterschied tritt deutlich zutage, wenn man Menschen aus individualisti schen und kollektivistischen Kulturen miteinander vergleicht. Grundsätzlich zeigt sich, dass Menschen in individualistisch geprägten Gesellschaften, wie sie in Nord amerika und Westeuropa typischerweise auftreten, das Individuum und damit ver bunden Werte wie individuelle Freiheit und die Verwirklichung persönlicher Ziele als leitende Werte anerkennen. In kollektivistisch geprägten Gesellschaften, wie man sie etwa in Asien, Afrika und dem Nahen Osten findet, wird das Individuum nicht individuell, sondern als Teil eines spezifischen Gruppenkontexts wahrge nommen, etwa als Teil einer bestimmten Familie, eines bestimmten Stammes oder aber als Angehöriger eines spezifischen Unternehmens oder einer gewissen Ar beitseinheit. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen abhängig von ihrer kulturspezi fischen Sozialisation Attributionen vornehmen (Wang 1993). Dieser Effekt zeigt sich somit auch beim Attributionsfehler. So machen Personen aus individualisti schen kulturellen Kontexten eher fundamentale Attributionsfehler, da es innerhalb individualistischer Kulturen üblich ist, das Verhalten einer Person auf seine inneren Faktoren zurückzuführen, wohingegen dies in kollektivistischen Gesellschaften die Bewertung anhand der externen Faktoren einer Person erfolgt. Menschen in eher kollektivistischen Kulturen machen den Attributionsfehler seltener, falls situative Faktoren klar erkennbar sind (Choi/Nesbitt 1998; Krull et al. 1999). Interessant ist auch die Auswirkung kultureller Prägung auf den Self-Serving-Bias: Individualisti sche Kulturen neigen dazu, Erfolge inneren und Misserfolge äußeren Attributen zuzuschreiben. In kollektivistischen Gesellschaften findet sich genau das Gegenteil. Angesichts dieser Erkenntnisse sind die kulturspezifischen Einflüsse um Entschei dungsprozess unbedingt zu berücksichtigen. 230 Ebenfalls zu berücksichtigen sind neben Verzerrungen die sogenannten Abwehr mechanismen, welche ebenfalls Wirkung im Entscheidungsprozess entfalten kön nen. Diese stellen eine Ichfunktion dar wie etwa Impulskontrolle oder Affekttole ranz (Bellak et al. 1973; Heigl-Evers et al. 1993). Ihre primäre Funktion ist die Ent lastung des seelischen Innenlebens einer Person. Anders als etwa bewusst entwi ckelte Anpassungsstrategien erfolgt die Auswahl von Abwehr- und Anpassungsme chanismen unbewusst; zugleich bedeutet das, dass Abwehrverhalten willentlich un terdrückt werden kann, was bei Abwehrmechanismen nicht möglich ist (König 1996: 11-15, 75). Mit Blick auf die Modellbildung ist zu beachten, dass Abwehrme chanismen einzeln oder gemeinsam mit anderen Ich-Funktionen auftreten können und dann eine sogenannte Abwehrformation (Hoffmann 1987) bilden. Unabhängig davon, ob sie einzeln oder als Formation auftreten, kann es zu Beurteilungsverzer rungen kommen (König 1006: 12). Dabei ist zudem zu berücksichtigen, dass Ab wehrmechanismen von jedem Menschen zu jeder Zeit eingesetzt werden. Dabei steht eine Vielzahl von Abwehrmechanismen zur Verfügung, welche je nach Situa tion und individueller Prägung zum Einsatz gelangen und dabei Wahrnehmungs und Entscheidungsprozesse nachhaltig beeinflussen können. Wie weiter oben dar gestellt wirkt das Gedächtnis selektiv, wenn es um das Abspeichern und Abrufen von Informationen geht. Auch geraten nicht mehr benötigte Gedächtnisinhalte ins Vergessen. Diese Funktion reicht aber noch weiter: in bestimmten Situationen kommt es zur bewussten Verdrängung von Gedächtnisinhalten im Sinne einer Schutzfunktion, etwa wenn unbewusst erkannt wird, dass die Aktivierung bestimm ter im Gedächtnis gespeicherter Informationen negative Gefühle heraufbeschwo ren würden. Nicht selten hängen die einmal mit negativen Emotionen verknüpften Erfahrungen mit sehr frühen individuellen traumatischen Erlebnissen zusammen, an die keine aktive Erinnerung mehr bestehen. Die eigentlich zur Entscheidungs findung nötigen Informationen können somit nicht abgerufen werden, es kommt zu Verzerrungen und einem Effekt hinsichtlich der Lagebeurteilung. Allerdings bewirken nicht alle Traumatisierungen den Abwehrmechanismus der Verdrängung, vielmehr werden die mit traumatische Erfahrungen verbundenen Emotionen und Kognitionen aktiviert. Doch auch auf diese Weise kommt es zur Beeinflussung von Wahrnehmung und Beurteilung einer Situation. Weitere Verzerrungen entstehen durch veränderte Wahrnehmung anderer Perso nen. Dies kann aufgrund dysfunktionaler Objektrepräsentanzen (Introjektion) oder etwa auf dem Wege der Identifizierung (König 1996: 24ff.) geschehen. Dieser an sich auf die Fähigkeit unterschiedliche (gesellschaftliche) Rollen zu übernehmen abzielende Mechanismus führt als Abwehrmechanismus zur Herausbildung von sogenannten Als-Ob-Persönlichkeiten, welche sich mit der (vermeintlichen oder tatsächlichen) Erwartung Dritter identifizieren. Dieses Phänomen beruht auf einem Identitätsvakuum der betroffenen Personen, welches bei Bedarf auch schnell mit der Erwartung anderer gefüllt werden kann. Für Berater und Entscheidungsträger im außen- und sicherheitspolitischen Bereich bedeutet dies, dass diese sich stark an 231 den Erwartungen von Vorgesetzten oder Verhandlungspartnern orientieren, durch aus oszillierend in jeweiliger Abhängigkeit von Ort und Zusammensetzung der Verhandlungsgruppe. Die Kompensation innerer Defizite wiegt dabei schwerer als ein unverstellter, klarer Blick auf die Situation, was wiederum zu Fehlurteilen füh ren kann. Dies wird besonders deutlich beim Blick auf das Phänomen der Identifi kation mit dem Angreifer, wo mit der Übernahme gegnerischer Positionen das ei gene Gefühl von Schwäche oder Kränkung neutralisiert werden soll. Unter anderen Umständen können erfahrene Kränkungen dazu führen, dass man diese, wiederum zur Kompensation der eigenen negativen Gefühle, an Dritte weitergibt (König 1996: 67f.). Auch ein solches Verhalten kann etwa die Außen- und Sicherheitspoli tik gegenüber schwächeren Staaten oder anderweitigen Partnern beziehungsweise Gegnern prägen. Besteht die Gefahr, dass ein Ziel nicht erreicht werden kann, kommt es regelmäßig zum Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung, bei dem das Ziel abgewertet wird, um die Nichterreichung als weniger schmerzhaft erschei nen zu lassen. In schärferer Form kann es auch zu einer Verneinung kommen, bei welcher ein al schmerzvoll empfundener Sachverhalt negiert und Gegenteiliges zum Teil mit Nachdruck behauptet wird. Auch dieses Phänomen kann gerade Verhand lungen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik auf problematische Weise be einflussen. Weitere derartige verzerrende Effekte können durch die Abwehrmecha nismen Verschiebung, Isolierung aus dem Zusammenhang und Leugnung hervor gerufen werden, wobei es auch hier jeweils darum geht, eigene emotionale Verlet zungen zu vermeiden. So werden bei der Verschiebung spezifische Aspekte, die mit einem Objekt verknüpft waren aus dem bisherigen Zusammenhang ausgeblendet, in einen neuen Zusammenhang übertragen und schließlich auf ein neues Objekt übertragen (König 1996: 35). Bei der Isolierung aus dem Zusammenhang wird das betroffene Objekt ersatzlos aus dem alten Kontext entfernt (König 1996: 56). Bei der Leugnung schließlich wird Geschehenes auf faktischer Ebene akzeptiert und auch im bestehenden Kontext belassen. Allerdings ändert sich mit diesem Ab wehrmechanismus die Bedeutungszuschreibung des Objekts; es kommt zu einer „selektivefn] Störung des Interpretierens“ (König 1996: 40). Diese Wahrneh mungsverzerrung bezieht sich nur auf bestimmte Inhalte eines Sachverhaltes oder einer Situation; dabei werden Ereignis und Bedeutungszusammenhang nicht richtig zusammengebracht, um unangenehme Gefühle (etwa einer drohenden Niederlage) zu vermeiden (König 1996: 123f.), was im außen- und sicherheitspolitischen Be reich leicht zu falschen Risikoeinschätzungen führen kann. Für den Beteiligten wie den Analysten sieht das Auftreten dieses Abwehrmechanismus so aus, als wolle der Betreffende einen Sachverhalt nicht zugeben, aber tatsächlich liegt das nicht in des sen Macht. Häufig tritt Leugnung im Zusammenspiel mit Rationalisierung (König 1996: 60ff.) auf, unter welcher der ebenfalls unbewusst ablaufende Versuch zu ver stehen ist, eigenes, oft problematisches Handeln durch logische, konsistente Erklä rungen zu legitimieren. 232 Ein auf höherer Abstraktionsebene ablaufendes Instrument der Selbstrechtferti gung ist der Abwehrmechanismus der Intellektualisierung. Hierbei verlässt der Be troffene mental die Ebene der praktischen Aktion, bleibt dort jedoch zunächst überzeugend. Im Laufe der Zeit besteht jedoch zunehmend die Gefahr, dass die Realitäten aus den Augen verloren werden und nur noch die eigenen intellektuellen Sandkastenspiele und Scheinwelten als Entscheidungsgrundlage im zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess dienen. In Situationen, welche emotional wie auch möglicherweise intellektuell oder kognitiv überfordernd erscheinen und somit ebenfalls wieder die Gefahr von Kränkung oder emotionaler Verletzung in sich bergen, kommt es häufig zu Vermeidungsverhalten. Zwar lässt sich hierdurch ver meintlich der eigene Ruf bewahren etwa indem sich Zeichen von Schwäche ver meiden lassen, langfristig jedoch ist die Wirkung eher schädlich, weil zusehends die außen- und sicherheitspolitische Führungsschwäche zu Tage tritt Da das psychi sche System auch diese Gefährdung erkennen kann, wirkt auch noch der Abwehr mechanismus der Projektion, welcher regelmäßig auch mit den Mechanismen der Idealisierung und Entwertung zusammenspielt. Bei der Projektion werden eigene psychische Inhalte, insbesondere Affekte, Stimmungen und Impulse, sowie ferner Bewertungen anderen Personen zugeschrieben. Auf diese Weise sollen problemati sche Bestandteile des Ich entfernt werden, da sie für Konflikte mitverantwortlich gemacht wird (König 1996: 47f.). Zugleich wird der Zielperson die Verantwortung beziehungsweise Schuld für diese Konflikte übertragen, was etwa Verhandlungen nicht erleichtert. In diesem Zusammenhang spielen auch Idealisierung und Entwer tung eine wichtige Rolle. Funktioniert diese Strategie nämlich nicht, kommt es nicht selten zur Entwertung oder gar Dämonisierung des Gegenübers, der als uneinsich tig und bösartig hingestellt wird, während das eigene Ich noch eine Überhöhung erfährt, der im Falle des Scheiterns auf üble Weise mitgespielt wurde, ohne dass man selbst etwas hätte dagegen tun können. Zugleich lässt sich in anderen Kontex ten die andere Ausprägung dieses Phänomens feststellen: die zweckgebundene Ide alisierung einer anderen Person. Diese Idealisierung wird aber auch nur aufrecht erhalten, solange sie der eigenen Erhöhung dienlich ist; sobald das nicht mehr in dieser Form wahrgenommen wird, erfolgt die völlige Entwertung (König 1996: 82). Jenseits des reinen Wirkens als Abwehrmechanismus tritt ein derartiges Verhalten regelmäßig auch im Bereich der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf, welche im Bereich politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Führungskräfte über durchschnittlich oft anzutreffen ist. Die Auseinandersetzung spezifischer psychi scher Erkrankungen als Einflussfaktoren auf zwischenstaatliches Handeln und ent sprechende Einbeziehung in die Modellbildung erfolgt weiter unten. Zunächst je doch ist es noch erforderlich, die Aspekte Emotion und Persönlichkeitsmerkmale und ihre Bedeutung im Bereich der Analyse zwischenstaatliches Handeln zu be trachten. 233 Ebenso wie kognitive Verzerrungen und Abwehrmechanismen entfalten auch Emotionen selbst ihren Einfluss auf Perzeption und Kognition und wirken sich somit auf den Entscheidungsfindungsprozess und das zwischenstaatliche Handeln aus. Es wurde bereits weiter oben dargelegt, dass die Annahme absolute Rationali tät zu erheblichen Fehlern bei der Analyse außen- und sicherheitspolitischen Han delns führt. Dennoch ist genau das Festhalten an jenem Paradigma (etwa Keohane/Nye 1987: 728; Fearon 1995: 382, 393, Walt 1999) einer der Gründe, weswegen Emotionalität nur sehr langsam Einzug in die Analyse der internationalen Bezie hungen hält. Hinzu kommt die methodologische Beschränktheit der dominieren den Großparadigmen Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus, welche sich schwer damit taten, dass Emotionen nur schwer qualitativ und insbesondere quan titativ mess- und darstellbar sind, was einer Auseinandersetzung mit Emotionen als Einflussfaktor in den internationalen Beziehungen leicht den Vorwurf der reinen Spekulation einbringen konnte (Ruggie 1998; Price/Reus-Smit 1998; Zehfuss 2002; Weber 1999; Bleiker/Hutchinson 2008). Selbst jene konstruktivistischen Ansätze, welche prinzipiell bereit waren, Emotionen in der Analyse zuzulassen, taten sich in der Praxis schwer, dies umzusetzen (Crawford 2000: 155; Balzac/Jervis 2004; Lebow 2006; Bleiker/Hutchinson 2008). Nicht zuletzt hat aber auch der traditionell nahezu rein auf Kognition ausgerichtete Ansatz der Außenpolitikanalyse dazu beigetragen, dass emotionale Aspekte ver nachlässigt wurden (Welch Larson 1985; Jervis et al. 1985). Obwohl Emotionen35 einen wesentlichen Einfluss auf die kognitiven Prozesse, auf die (politische) Präfe renzbildung und den Entscheidungsfindungsprozess eines jeden Individuums aus üben, werden sie erst seit wenigen Jahren systematisch mit Blick auf Prozesse in den internationalen Beziehungen untersucht (Hill 2003; Linklater 2004; Blei ker/Hutchinson 2008: 116; Sirin et al. 2011: 35). Hinsichtlich Definition und W esen von Emotionen herrscht mitnichten Einigkeit. Paul Ekman (1988, 2004) etwa geht von sieben Basisemotionen aus, welche er empirisch nachgewiesen hat: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Zum Grundgefühl zählen weiterhin Liebe, Hass und Vertrauen. Nach Carroll Izard (1981) existieren zehn Formen von Emotionen, die in jeder Kultur vorkommen: Interes se, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verach tung und Schuldgefühl. Ältere Theorien teilen Emotionen in vier Hauptgruppen ein: Angst und Verzweiflung, Ärger und Wut, Freude, Trauer. Weitere Formen sind Enttäu schung, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Verliebtheit (Otto et al. 2000). Weitgehend unstrittig indes ist, dass Emotionen in phylogenetisch älteren Gehirnteilen, insbesondere im Limbischen System, entstehen und mit ihren neuralen und neuroendokrinen Prozes sen eine Schlüsselstellung für Verhalten haben. H ierauf basierende biologische Emotions theorien haben das psychologische Denken stark beeinflusst, sodass dortige Annahmen durch Untersuchungen physischer Hirnstrukturen (etwa Hypothalamus, Amygdala) und neurochemischer Prozesse in den Zellen (Aminosäuren, Hormone, Neuromodulatoren) validiert sind. 234 Zwar spielen Motive wie Furcht oder Leidenschaft eine wichtige Rolle in Arbeiten in der Tradition des klassischen Realismus (Wright 1965: 1222, 1562; Vagts 1959: 17; Posen 1993; Van Evera 1994) beziehungsweise seinen intellektuellen Vorläufern wie Thukydides oder Hobbes und sehr vereinzelt haben sich Theoretiker mit der Rolle von Emotionen in der Weltpolitik auseinandergesetzt (Lasswell 1965), insge samt lässt sich jedoch konstatieren, dass mit der Durchsetzung des Paradigmas des rationalen Akteurs in der Mitte des 20. Jahrhunderts Emotionen gleichsam voll ständig vom Radarschirm der IB-Theorie verschwunden sind (Crawford 2000: 122). Erst durch die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Hirnforschung konn ten lange Zeit als gültig angesehene Annahme zu Rationalität, Emotion und Kogni tion widerlegt werden, was zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Rolle von Emotionen im Bereich des zwischenstaatlichen Entscheidens geführt hat (Mercer 2010: 1). Dabei trat deutlich zu Tage, dass Rationalität und Emotion Hand in Hand gehen. Handeln ohne eine emotionale Einflusskomponente wäre irrational und würde auf eine Pathologie hindeuten (Mercer 2010: 1f.; Cohen 2005: 12ff.). Um zudem überhaupt nach einem (zumindest gedacht) rationalem Entscheidungspro zess überhaupt erst Handeln zu können, ist die emotionale Komponente als Impuls erforderlich (Frijda et al. 2008). Zur Analyse des Zusammenwirkens von Kognition, Emotion, Rationalität und Handlung kann auch auf Erkenntnisse zurückgegriffen werden, die bereits zuvor auf dem Gebiet der Emotionssoziologie gewonnen wurden, so etwa, dass Emotio nen eine wesentliche individuelle wie kollektive identitäre Funktion erfüllen (Ah med 2003; Berlant 2000; Berezin 2001, 2002; Nash 2003; Fierke 2004). Emotionen können beim Individuum einerseits aus der gegenwärtigen Einschätzung von Er eignissen heraus (Ortony et al. 1998) und andererseits durch eine Wiederherstellung einer früheren emotionalen Bedeutung entstehen. Für die Aktivierung der früheren Emotionen sind regelmäßig ein ähnliches Ereignis oder eine fragmentarische Erin nerung ausreichend (Mees 2006). Hierbei fließen in den Entstehungsprozess von Emotionen bestehende Vorstellungen und Glaubenssätze mit ein (Lazarus 1991). Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass trotz der starken biologischen Komponente bei der Entstehung von Emotionen kulturspezifische sowie kontextuelle Varianz erklärbar wird (Crawford 2000: 129f.; Sundar 2012).36 Diese wirkt sich schließlich auf das spezifsche Selbstbild und Selbstverständnis außenpoliti scher Entscheidungsträger, deren Wahrnehmung und Beurteilung von für zwi schenstaatliches Handeln relevanter Situationen und schließlich das Treffen von außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen aus (Butler 2007; Gabrielli 2008; Gazzaniga 2005; Butler 2007; Chiao, et al., 2010; 2009; Chiao, et al., 2008), Die kulturdeterminierte Varianz von Emotionen konnte auch durch transkulturelle Stu dien m it bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. Ihre Effekte werden vor allem auf dem jungen Gebiet der kulturellen Neurowissenschaften untersucht (Malafouris 2010; Hedden et al. 2008; Han/Northoff 2008). 235 Choudhury/Kirmayer, 2009; Molnar-Szakacs, et al., 2007a, 2007b and Lieberman, 2007; all in Olson 2014) (Kitayama et al., 2004; Mauss et al., 2008; Sherman et al., 2009). Mit Blick auf die analytische Berücksichtigung der emotionalen Komponente im außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozess ist es wichtig zu erwäh nen, dass Emotionen eine kognitive, eine motivationale, eine expressive und eine physiologische Komponente aufweisen (Maas 2006). Kognitive Prozesse wie In formationsaufnahme, Informationsverarbeitung, Risikokalkulation sowie Kosten Nutzen-Abwägungen werden dabei stark von Emotionen beeinflusst (Crawford 2000: 137; Janis/Mann 1977; Vertzberger 1990: 178; Way/Masters 1996). Das Zu sammenspiel von Perzeption, Emotion und Kognition leitet den Prozess der Situa tionsbeurteilung und Entscheidungsfindung ein, wobei die Intensität der gefühlten Emotion mit der Stärke des damit einhergehenden physiologischen Reizes korre liert (Nummenmaa et al. 2013). Die emotionale Intelligenz eines Individuums er möglicht es diesem, die eigenen Gefühle wie auch die Gefühle Dritter wahrzuneh men, zu interpretieren und zu beeinflussen. Dem Erkennen der Beziehung zwi schen Selbst, Anderem und Situation folgt die Bewertung, welche motivational hin sichtlich der sich anschließenden Handlung wirkt. Wie dargestellt, bewirkt die kul turspezifische Sozialisation emotionale Varianz (Mesquita/Frijda 1992, Bonta 1997). Dennoch konnten die psychologische wie auch die kulturvergleichende So zialforschung zeigen, dass elementare Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer unabhängig von der jeweiligen Kultur auftreten (Ekman 2004). Allerdings kommt es dabei regelmäßig zu einer mangelnden Kongruenz von empfundenem Gefühl und empirisch erkennbarer Emotion, da kulturspezifische Normen einen unter schiedlichen Umgang mit dem Empfundenen vorschreiben. Umstände wie diese erschweren es mitunter Akteuren, Situationen richtig einzuschätzen und können somit zu Fehlwahrnehmungen und suboptimalen Entscheidungen führen (Pittam et al. 1995). Dennoch werden Entscheidungen stark durch eigene wie fremde Emo tionen stark beeinflusst. Insbesondere spielen Emotionen eine prominente Rolle bei der richtigen Umsetzung vormals erlernten Verhaltens in vergleichbaren neuen Situationen sowie der Wahrnehmung von Bedrohungen und Risiken (Mann 1992; Nygren 1998: insbesondere 87; Crawford 2000). Gleichzeitig wirken Emotionen als wichtige Indikatoren beim Knüpfen sozialer Bande beziehungsweise bei Prozessen sozialer Abgrenzung (Marcus 1991: 223). Somit ist es äußerst wichtig, sich in der Analyse neben den originären Emotionen des außen- und sicherheitspolitischen Akteurs auch jenen seiner Mitstreiter und Gegner sowie der Wahrnehmung vor deren Emotionen durch den Akteur selbst bewusst zu sein. Eigene wie fremde Emotionen wirken für das kognitive System als wichtige Informationsquelle (Keltner/Haidt 1999; Glimcher 2003, Van Kleef 2009). Die Entschlüsselung frem der Emotionen kann es einem Akteur etwa ermöglichen, zu erkennen, wenn der Gegner Nachteiliges im Schilde führt (De Dreu et al. 2007; DePaulo, 1992; De Dreu 2004; Arnes/Johar 2009; Van Kleef et al 2004a). Die Wirkung ist real mess 236 bar und wichtig für das hier entwickelte Analysemodell. Dem modellorientierten analytisch-eklektizistischen Anspruch folgend, werden sowohl Erkenntnisse des EASI-Modells (insbesondere Kleef et al. 2010) als auch des Cognitive Calculus- Modells (CC-Modell; Sirin et al. 2010) aufgegriffen, synthetisiert und in das hier entwickelte Modell integriert. Während das Cognitive Calculus Modell die Auswir kungen spezifischer Emotionen auf außen- und sicherheitspolitisches Entscheiden behandelt, greift das EASI-Modell die soziale Rolle von Emotionen insbesondere in kritischen beziehungsweise mehrdeutigen Situationen auf und erklärt ihre Effek te bezogen auf unterschiedliche Handlungskontexte. Die jeweiligen Ergebnisse beider Modelle lassen sich auf dahingehend gewinnbrin gende Weise verbinden, dass die Auswirkungen kooperativer und kompetitiver Entscheidungskontexte mit positiven und negativen Einstellungen der Entschei dungsträger in Verbindung gebracht werden. Dabei zeigt sich, dass kooperative zwischenstaatliche Kontexte, wie sie etwa im Idealfall bei Allianzpartnern und der gleichen37 vorliegen, zu einem hohen Maß an gegenseitigem Vertrauen und einer hohen Motivation zu Kooperation und zum gegenseitigen Austausch strategisch wichtiger Informationen führt. Dieses Handlungsmuster wird im Wesentlichen durch affektive Reaktionen wie emotionale Ansteckung, Affektinfusion (Forgas 1995) und Stimmungsübertragung getragen (Van Kleef 2010: 56ff.). Die hierdurch generierte positive Grundatmosphäre dieser Art von zwischenstaatlichen Bezie hungen zeigt in der außenpolitischen Praxis jedoch ambivalente Auswirkungen: Während die Kooperation zwischen den Staaten einerseits getragen ist von einem höheren Maß an Kreativität bei Entscheidungen und Projekten, besteht zugleich die Gefahr, dass Handlungsstrategien allzu sehr auf einfachen Heuristiken beruhen und somit der logischen Konsistenz wie auch der Aufmerksamkeit fürs nötige De tail entbehren (Schwarz/Bless 1991: 56; Crawford 2000: 138). Der Vorteil, nicht unter den knappen Zeitressourcen in Krisensituationen zu arbeiten, wird häufig durch ein allzu entspanntes Herangehen aufgebraucht. Betrachtet man Entschei dungssituationen, in welchen ein hohes Maß an Gefahrenpotenzial eine Rolle spielt, so können auch diese zu einem erheblich eingeschränkten Maß an Informationsbe schaffung und -verarbeitung im Rahmen des Entscheidungsprozesses führen; ins besondere kann es zu einem Effekt kommen, bei welchem selektiv Informationen vernachlässigt oder ausgeblendet werden, welche den (an sich richtigen) Eindruck verstärken könnten, die Situation verschlimmere sich, beziehungsweise ebenso se lektiv Informationen ausgewählt werden, die eine gegenteilige Einschätzung forcie ren (Lebow 1981: 115ff.; Crawford 2000: 138). Die überragende Bedeutung von Furcht als emotionaler Motivationsfaktor in den internationalen Beziehungen wird auch im Konzept des Sicherheitsdilemmas re flektiert, wo das Handeln eines anderen Staates unter gewissen Umständen zur In- Eine Detailanalyse verschiedener Kooperationsformen vor dem Hintergrund unterschied licher Strukturausprägungen des internationalen Systems erfolgt in Kapitel 5. 237 terpretation führt, der eigene Staat könne hierdurch existenziell bedroht werden (etwa Posen 1993; Snyder/Jervis 1999). Die zuvor geschilderte Entspanntheit lässt sich in einem solchen Kontext nicht erkennen. Die negativen Emotionen führen zu einer geminderten kognitiven Verarbeitungsrate, zu entsprechenden Rückgriffen auf Heuristiken und letztlich zu aggressiveren außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen (Geva/Skorick 2006). Dies gilt in besonderem Maße für kompeti tive Kontexte im Sinne des EASI-Modells, bei welchen das auf positiven Emotio nen basierende konstruktive Verhältnis gegenseitigem Misstrauen und dem Streben nach dem eigenen strategischen Vorteil gewichen ist, der durchaus auch mit Ag gressivität erreicht werden kann (De Dreu et al. 2007). Das weitere Verhalten lässt sich zudem unter Einbindung des CC-Modells erklären: Wut setzt die Entschei dungsschwelle zugunsten aggressiver Politik herab, indem die zu Verfügung ste henden relevanten Informationen selektiv in diese Richtung wahrgenommen und interpretiert werden (Sirin et al. 2010: 42, 51; vgl. zudem Bodenhausen et al. 1994; DeSteno et al. 2000; Huddy et al. 2007; Lerner/Keltner 2000; Sadler et al. 2005). Eine entscheidende intervenierende Variable in diesem Zusammenhang ist jedoch auch die Kenntnis um die Folgen der sich entfaltenden aggressiv geprägten Außenund Sicherheitspolitik. Während die Entscheidungsverantwortlichen am Vorabend des Ersten Weltkrieges sich des Ausmaßes der Folgen jenes Krieges nicht bewusst gewesen sein dürften, war die Vorstellung um die apokalyptischen Konsequenzen eines nuklear geführten globalen Krieges den politischen Führern im Kalten Krieg durchaus präsent, ein sogenannter Kristallkugeleffekt, der die Welt fraglos vor Schlimmerem bewahrt hat (Blight 1990). Andererseits können Entscheidungsträger geradezu überwältigt sein von Angst angesichts der immensen Verantwortung, wel che auf ihren Schultern lastet, aber ebenso vom Erwartungsdruck etwa seitens der Öffentlichkeit, was ebenfalls zu emotional induzierten unangemessen harten Ent scheidungen führen kann; angemessene gemäßigte Maßnahmen werden etwa ver worfen, um nicht den Eindruck der Schwäche zu erwecken, führen jedoch in der Praxis regelmäßig zu fatalen Fehlentwicklungen und Eskalationen, wie etwa im Fal le der Entscheidung Carters zu Gunsten der Operation Eagle Claw im Kontext der Iranischen Botschaftsgeiselkrise (Brule/Mintz 2006). Sowohl bestehende Emotionen als auch das emotionale Verhältnis zwischen Ver handlungspartnern auf außen- und sicherheitspolitischer Ebene haben einen Effekt auf Verlauf und Ausgang von Verhandlungen. Das Aussenden von Emotionen führt dabei regelmäßig zu reziproken beziehungsweise komplementären Emotio nen auf Seiten des Gegenübers (Van Kleefet et al. 2008). Grundsätzlich ermöglicht Empathiefähigkeit auf beiden Seiten eine größere Flexibilität in den Verhandlun gen, wohingegen Feindseligkeit oder gar eine Dämonisierung des Gegenübers die Spielräume deutlich einschränkt (Ross 1993: 107f.; Welch Larson 1997; Wright et al. 1997; Staub 1989). Emotionen wirken somit auch als positive oder negative Ver stärker für Handeln und Entscheiden: Positive emotionale Signale führen dazu, dass die Gegenseite ihren Kurs beibehält, wohingegen negative Signale dazu füh 238 ren, dass über Verhaltensänderungen nachgedacht wird (Cacioppo 85 Gardner, 1999; Fischer/Roseman, 2007). Dies führt bei außen- und sicherheitspolitischen Verhandlungen dazu, dass bei einem hohen Maß an wahrgenommener aggressiver Kommunikation aufgrund der Annahme, dass der Partner hohe Limits hat, diesem mehr Zugeständnisse zugebilligt werden. Allerdings zu dem Preis, dass mehr Ver suche unternommen werden, die Kooperation auf einem so niedrigen Niveau wie möglich zu halten beziehungsweise den Partner zu hintergehen, sobald sich eine Gelegenheit hierzu bietet (Van Dijk et al. 2008). Laufen Verhandlungen indes freundlich und kooperativ ab, besteht eine sehr viel höhere Chance, dass nachhalti gere und tragfähigere Ergebnisse erreicht werden. Allerdings auch nur dann, wenn die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden; bei Anzeichen von Appeasement kommt es eher zur Stimulierung kompetitiven Handelns (Van Kleef et al. 2006a). Unabhängig von diesen Mechanismen lassen sich Emotionen auch bewusst zu Zwecken der Manipulation von Verhandlungspartnern beziehungsweise Entschei dungsträgern nutzen. So kann Furcht geschürt oder an patriotische Gefühle appel liert werden (Posen 1993: 81), ebenso können Schuldgefühle und Mitgefühl genutzt werden, um etwa Interessen im Bereich humanitärer Einsätze, humanitärer Inter ventionen oder Entwicklungs- beziehungsweise Katastrophenhilfe zu vertreten (Frank 1986: 220ff.). Ein besonderes emotionales Manipulationspotenzial besteht zudem, wenn ethnische oder andere stark identitäre Aspekte sowie bereits beste hende Gefühle oder Beliefs vis-a-vis involvierter Outgroups betroffen sind (Crawford 2000: 149). Als besonders effizientes Instrument hat sich der Rückgriff auf Analogien, Metaphern und Symbole erwiesen, um die damit verbundenen Emotionen zu aktivieren und somit entsprechende Implikationen bei den relevan ten kognitiven Schemata zu bewirken. Doch wirken diese auch ohne, dass sie be wusst manipulativ in einen Diskurs eingebracht werden. Die emotional-kognitive Verarbeitung von Analogien dient dem Individuum dazu, die aktuelle Situation zu erfassen, die Bedrohungen und Chancen zu erkennen, Erfolgsaussichten unter schiedlicher Entscheidungsalternativen zu bewerten und so zur Wahl der geeigne ten Handlungsoption beizutragen (Foomg Khong 1992: 10; Mefford 1987; Crawford 2000). Historische Analogien entfalten dabei sowohl emotional als auch kognitiv ihre Wirkung (Rosselli et al. 1995: 167). Dies gilt insbesondere auch für individuelle und kollektive Traumata. Die Erwähnung etwa von München 1938, Pearl Harbor oder 9/11 im westlichen Kulturkreis, an-Nakbah (^AiH) in der ara bisch-islamischen Welt oder Nanking in Asien führt zu spezifischen Gefühlen und Gedanken. Emotionen können ebenfalls die Beurteilung vergangener Entscheidun gen beeinflussen, was auf gegenwärtige Entscheidungen zurückwirkt (Bower 1981; Mineka/Nugent 1995; Hamann et al. 1999). Das kann dazu führen, dass unabhän gig davon, ob eine vergleichbare Situation der gegenwärtigen Situation, auf welche die Analogie angewandt wird, beim Vorliegen positiver emotionaler Konnotationen eine Entscheidung getroffen wird, die der damaligen vergleichbar ist. Andersherum kann sich ein politischer Führer auch intuitiv gegen eine Entscheidung stellen, weil 239 diese mit negativen Gefühlen verknüpft ist, die von einer analogen Entscheidung in der Vergangenheit herrühren (Taylor et al. 1994: 219). In diesem Zusammenhang gilt es bei der Analyse außenpolitischer Entscheidungen die kognitive Verzerrung der emotionalen Beweisführung zu beachten, bei der eine empfundene Emotion als Beweis für die Richtigkeit einer Annahme wahrgenommen und entsprechend wei terverarbeitet wird. Ganz ähnlich wie Analogien wirken auch emotional aufgeladene Symbole im Ent scheidungsprozess (Sears 2001). Hierbei werden bestehende Dispositionen durch politische Symbole aktiviert und in die Beurteilung des aktuellen informationellen Umfeldes eingebracht. Dieser als Symbolic Processing bezeichnete Prozess beinhal tet das schnelle, reflexive, automatische Auslösen einer als geeignet erscheinenden Prädisposition durch ein spezifisches Symbol, wobei ein innerer Drang auf emotio nale und kognitive Konsonanz hinwirkt (Sears/Funk 1991). Die Konnotation von Begriffen und Konzepten hängt dabei nicht selten mit erlittenen individuellen oder kollektiven Traumata zusammen. 4.3 Persönlichkeit, Führungsstil und Persönlichkeitsstörung Persönlichkeit Neben den genannten Einflussgrößen Kognition und Emotion kann auch die spe zifische Persönlichkeitsausprägung eines Individuums als entscheidungsbeeinflus sende Größe angesehen werden, da diese sich etwa auf die jeweiligen Präferenzen des Individuums auswirken kann (Hermann 1984; Winter 1987, 1993; Winter et al. 1991; Swansbrough 1994; Blanton 1996; Crichlow 1998, 2005; Walker et al. 1998, 1999; Marfleet 2000; Schafer/Crichlow 2000; Walker/Schafer, 2000). In diesem Zusammenhang ist gerade die Feststellung Crichlows (2005), der zufolge die Perzeption entscheidend für ein Verständnis politischer Entscheidungen sei, für die hier unternommene Theoriefortbildung und Analyseschemaentwicklung von be sonderer Bedeutung. Wie auch de Rivera (1968: 31) konstatiert, reagieren Entschei dungsträger nicht auf die realen Ereignisse per se, sondern deren eigene Sicht da von, mit anderen Worten ihre Interpretation. Vor diesem Hintergrund formulierte er die Forderung, dass es notwendig sei, jeder Analyse zugrunde zu legen, wie diese einzelnen Individuen jeweils die Welt sehen; hierzu, so de Rivera, müssten aber zu nächst die betroffenen Individuen selbst in ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit verstanden werden (vgl. hierzu ferner Neustadt/May 1986). Für eine Auseinandersetzung mit der individuellen Analyseebene beziehungsweise der Analyseeinheit individueller Entscheidungsträger bieten sich die Konzepte Psychobiografie beziehungsweise Psychohistorie an, weil durch diese Ansätze ei 240 nerseits sowohl individuelle Persönlichkeitsfaktoren als auch sozialisationsspezifi sche Einflüsse erfasst werden, welche eine der Grundlagen für die Analyse von Perzeption, Interpretation und darauf basierende Wirklichkeitsrekonstruktion bil den, als auch deren Effekte auf die Umgebung. Die Idee, eine Verbindung zwi schen psychologischer Motivation und historischen Prozessen herzustellen, lässt sich etwa bereits in den Werken von Wilhelm Reich (1933), Erich Fromm (1941) oder Theodor Adorno et al. (1950) finden, wurde jedoch vor allem durch Erik Erikson (insbesondere 1958) als Ansatz unter dem Namen Psychohistorie initiiert und in den Arbeiten von Lloyd de Mause (etwa 1982) formalisiert und zu einem eigenständigen Sub-Feld entwickelt, das Deskription und Narrativ der Geschichts wissenschaft und anderer Sozialwissenschaften aufgreift, jedoch mit individuellen psychologischen Motivationen kombiniert und so historische Ereignisse zu erklären versucht (vgl. hierzu etwa. McFarland 2000; Lawton 1978; Godwin 1998; Duffy 2000; Binion (1978); Emery 1999; Kurth 1999; Byman 1978; Beisel 1999; Dervin 2000; Campbell 2009). Eine zentrale These der Psychohistorie hierbei ist, dass sozi ales Verhalten wie etwa Krieg als selbstzerstörerische Wiederholung individueller Erziehungserfahrungen früherer Jahre, bei denen insbesondere Vernachlässigung und Missbrauch eine Rolle gespielt haben, zu verstehen ist. Hierbei kommt es zu einem unbewussten Rückfall in Zustände früher Ängste durch destruktiver Erfah rungen (Milburn 1996). Auf dieser Grundlage entwickelt de Mause das Konzept der Psychoklasse, die aus einer bestimmten Art und Weise der kulturbasierten Kin dererziehung hervorgeht und Staat und Gesellschaft auf eine spezifische Weise be einflusst (vgl. etwa Dervin 2005; de Mause 1982; 2008). Die sogenannte Gruppen phantasie wird hierbei als vermittelnde Größe zwischen den kollektiv wirkenden individuellen Erziehungserfahrungen der Mitglieder einer Psychoklasse und ihrem jeweils spezifischen sozio-politischen Verhalten angesehen (de Mause 2002: insbe sondere 104-109, 391, 430 ff.). Hierbei ist der psychohistorische Ansatz jedoch explizit von grundlegenden Ansät zen Sigmund Freunds zu unterscheiden, wie er sie etwa in seinem 1929 erschiene nen Werk Civilization and ist Discontents (dt. Das Unbehagen in der Kultur, erst mals 1930) vertritt, wo eine Geschichtsanalyse enthalten ist, die auf seiner Theorie der Psychoanalyse basiert. Hierbei allerdings geht es um den Effekt, den die Struk turen der Zivilisation auf die Psyche des Individuums haben. Im Selbstverständnis von de Mause und anderen Psychohistorikern liegt deren Analyseschwerpunkt je doch gerade auf den Einflüssen des Individuums mitsamt seinen individuellen psy chischen Störungen auf die zivilisatorische Struktur. Problematisch ist in diesem Kontext, dass die jeweils rückwirkenden Effekte nicht anerkannt werden. Wie die Auseinandersetzung mit der Akteur-Struktur-Debatte weiter oben gezeigt hat, lässt sich das Verhältnis von Akteur und Struktur als ko-konstitutiv darstellen. Während das Individuum durch sein Handeln potenziell auf die Struktur des internationalen Systems einwirken kann, so wird das Individuum auch durch das Einwirken von Strukturfaktoren in seiner Sozialisation beeinflusst. De Mause beschränkt diesen Einfluss aber lediglich auf den Zeitraum der Kindheit und den unmittelbaren So 241 zialisationskontext, insbesondere die Familie. Hirnentwicklung und somit Beein flussung durch Sozialisationsfaktoren findet, wie Arbeiten über neuronale Plastizi tät gezeigt haben (etwa Meyer et al. 2014), jedoch ein Leben lang statt, sodass eine Begrenzung auf die Kindheit und somit auch auf den dortigen Kontext nicht aus reicht, um Handlungen anhand der Persönlichkeitsstruktur zu erklären (Specht et al. 2011). Allerdings soll dies nicht bedeuten, dass derartige Erfahrungen nicht in eine Analyse einbezogen werden sollten. Im Gegenteil: Wie de Mause aufzeigt, ha ben räumlich wie zeitlich erkennbare Unterschiede in der kulturspezifischen, über individuell normierten Art und Weise der Kindererziehung, die zunächst auf indivi dueller Ebene Wirkung entfaltete, sich letztlich auch als kollektiv wirksame Form kräfte der Geschichte herausgestellt. Insgesamt gilt es somit, die (scheinbar) kont roversen Perspektiven der Psychohistorie und der Psychobiografie zu vereinigen, um das Gesamtbild widerzuspiegeln. Der Ansatz der Psychobiografie versucht dabei, diese Dynamiken mit Blick auf ausgewählte Individuen nachzuzeichnen. Ein wichtiger Fokus liegt auf der frühen Entwicklungsgeschichte einzelner Individuen, was zu einem gerade in den frühen Phasen psychobiografischer Forschung großen Einfluss psychoanalytischen Den kens führte. Neben Rückgriffen auf Freuds unmittelbares Werk lassen sich mich Winnicott (etwa 1965) und Kohut (etwa 1984) durchaus eigenständige psychoanaly tisch basierte psychobiografische Zugänge erkennen (vgl. hierzu auch Anderson 2003). Insbesondere Winnicotts (1965: 140-152) Konzept des wahren und des fal schen Selbst hat sich dabei als hilfreich erwiesen. In der sozialen Interaktion fühlen sich Menschen regelmäßig genötigt, den Erwartungen Dritter zu entsprechen. Werden dabei in allzu hohem Maße eigene Bedürfnisse ignoriert, kann der Ein druck entstehen, das eigentliche Selbst sei verloren gegangen und durch ein im Rahmen der Interaktion mit Dritten und die dabei aufoktroyierten Zwänge gene riertes falsches Selbst ersetzt worden ist. Die hieraus resultierende Suche nach dem wahren Selbst beeinflusst Denken und Handeln und kann somit politisch wirksam werden. Das gilt insbesondere, wenn Winnicotts (1971: 1-25; 65-71) Annahmen transitionaler Räume mitberücksichtigt werden, welche er aus der Vorstellung des transitionalen Objektes heraus entwickelt hat. Diesen Annahmen zufolge strebt jedes Individuum danach, die es umgebende Welt nach den dem Individuum in dessen Tiefen innewohnenden Bedürfnissen neu zu erschaffen. Die Suche nach dem wahren Selbst und die Schaffung der zu dessen Entfaltung optimalen Um weltbedingungen sind somit starke motivationale Triebkräfte politischen Entscheidens und Handelns. Durch psychobiografisches Arbeiten ist es somit möglich, zu erkunden, wie sich etwa im Laufe der Entwicklung eines im außen- und sicher heitspolitischen Kontext entscheidungstragenden Individuums die Dissonanz von wahrem und falschem Selbst ergeben und weiterentwickelt hat und welche Implika tionen die hierbei auftretenden transitionalen Bestrebungen haben. Auch Kohut (1984) rückt die Analyse des Selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Hierbei argumentiert er, dass sich das Selbst aus der Interaktion mit sogenannten 242 Selbstobjekten heraus entwickelt. Selbstobjekte sind hierbei die Personen, mit de nen das fragliche Individuum in Beziehung steht und die von erheblicher Bedeu tung für dieses sind. Dabei wird der signifikante Andere als Teil des Selbst perzipiert, wobei er zwischen drei unterschiedlichen Selbstobjekten differenziert: dem widerspiegelnden, dem idealisierten und dem Alter Ego. Das Bewusstsein des Selbst entsteht hierbei in der Spiegelung des Selbst durch den signifikanten Ande ren. Im Kindheitsalter ist der Versuch, die Bewunderung des signifikanten Anderen zu erlangen, um so die Bedürfnisse eines dann grandios ausgeprägten Selbst zu be friedigen, Teil der normalen Entwicklung. Im Laufe der Zeit führen die verschie denen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit signifikanten Anderen zu einer spezifischen Ausprägung des Selbst. Sofern diese das Selbst bestätigt und dabei gleichzeitig mit der Realität in ein rechtes Verhältnis zu setzen vermag, kommt es zur Ausprägung eines gesunden Selbst, das von einem angemessenen Maß an Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Ehrgeiz und positivem Lebensgefühl charakte risiert ist Kohut 1971: 105-199). Bleiben diese Erfahrungen aus, kommt es regel mäßig zu Persönlichkeitsstörungen. Auf der einen Seite bleibt ein Teil der infantilen Gefühle übertriebener Größe und Bedeutung bestehen, was zu einem Selbstbild der Überlegenheit und Höherwertigkeit gegenüber Dritten und damit einhergehend unangemessenen Erwartungen und einem entsprechenden Verhalten im Erwach senenalter führt, etwa in Form übertriebener bis hin zu maßlosen Ansprüchen mit Blick auf die eigene Person oder das, was dieser in beruflicher, materieller oder sonstiger Hinsicht zusteht. Zugleich weist die Persönlichkeit betroffener Personen eine zweite Seite auf, in welcher das an sich niedrige, da nie wirklich entwickelte Selbstbewusstsein der reifen Person zum Tragen kommt, was — speziell angesichts der genannten unmäßigen Erwartungshaltung — zu Niedergeschlagenheit, Schamund Minderwertigkeitsgefühlen und Hypochondrie führt (Kohut 1971: 185). Beide Aspekte sind in den betroffenen Individuen vorhanden und beeinflussen Entschei den und Handeln dieser Menschen. Im Bereich der psychobiografischen Analyse speziell von politischen Entscheidungsträgern lassen sich derartige Entwicklungen nicht selten als Manifestationen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen ausmachen, welche weiter unten noch ausführlicher hinsichtlich ihrer Beeinflussung des zwi schenstaatlichen Entscheidungsprozesses behandelt werden. Trotz nicht ausbleibender Kritik an psychohistorischen und psychobiografischen Ansätzen (Hoffmann 1984: 341; Stannard 1982; Eysenck 2005; Pomper 1973; Hunt 2002; Paul 1982; Godwin 1998) und tatsächlich bestehender Fehlentwicklungen des Faches (vgl. Kohut 1986), kam es insbesondere durch die sogenannte narrative Wende in der Psychologie (Laszlo, 2008) zu einem Bedeutungsgewinn der Psychobiografie und Personologie ab den 1980er Jahren, wobei ein wesentlicher Erfolgs faktor auch im Abrücken von der bis dahin starken Ausrichtung des Fachs an Freudianischen Annahmen war (Anderson 2003).38 Auch in anderer Hinsicht wur- Im Jahr 1988 veröffentlichte das Journal o f Personality ein Themenheft zur Psychobiografie, das unter anderem Beiträgen von McAdams, Elms, Anderson, Runyan, Irving Ale- 243 de die Beschränktheit früherer Ansätze überwunden: Erste Arbeiten untersuchten die inneren Motivationen von Künstlern anhand der Interpretation von Symbolen in derem Werk; erst allmählich wandten sich die Psychobiografen den zu analysiernden Personen selbst zu und mit der Aufgabe strenger freudianischer Prinzipien wurde auch der strikte Fokus auf die Kindheitserfahrungen zugunsten einer Lebenszeitbetrachtung aufgegeben oder zumindest relativiert. Das zeigt sich sowohl in modifizierten Ansätzen der Psychoanalyse selbst, als auch und gerade mit Blick auf Ansätze, die außerhalb der Psychoanalyse angesiedelt sind und sich zum Teil explizit und intendiert von dieser abgrenzen. Insbesondere die Anwendung klinischer Kriterien beziehungsweise einer klinischen Methodologie führte zu einem deutlich gestiegenen Maß an Vailidität und Reliabilität (Gronn 1993). Insbesondere sind mit der Professionalisierung der Psychobiografie viele der ehe mals mit diesem Bereich verbundenen Probleme wie die Tendenz zur Pathografie, die Monokausalität von Erklärungen und der Reduktionismus sowie die nur be dingte Bindung an ein breiteres Theoriespektrum innerhalb der Psychologie bezie hungsweise benachbarter relevanter Sozialwissenschaften zugunsten einer breiteren theoretischen Aufstellung, einer zwingenderen Argumentation, einem höheren Maß an Kohärenz und Konsistenz gewichen. So positiv die Hinwendung vom Objekt zu Person als Gegenstand der Analyse auch ist, so sehr stellte er die Psychobiografie auch vor die Herausforderung, die betrachteten Individuen gleichsam aus der Ferne zu analysieren. Anders als ein Psychiater oder Psychologe, welcher den Patienten oder die Patientin unmittelbar befragen kann, steht der Psychohistoriker vor dem Problem, dass die infrage ste hende Person entweder bereits verstorben ist oder aber für eine relevante Befra gung nicht zur Verfügung steht. Somit stellt sich die Frage, ob ein solches Vorge hen zielführend möglich ist und die erwarteten Ergebnisse auch liefern kann. Dabei ist interessant, dass sich auch aus Sicht der Psychiatrie die Herangehensweise des aktiven psychiatrischen Mediziners und eines psychologisch-analytisch (nicht psy choanalytisch!) arbeitenden Historiker letztlich nicht unterscheidet, sofern sich letz terer wie ersterer auch an auf naturwissenschaftlich-medizinischen Grundsätzen beruhenden Kriterien orientiert, wobei vier in der Psychiatrie anerkannte spezifi sche Erkenntnislinien als besonders relevant auch und gerade im Kontext einer se riösen psychobiografischen Analyse angesehen werden können. Hierbei handelt es sich um eindeutig diagnostizierbare Symptome, die zugrundeliegende genetische xander, Rae Carlson, David Winter und Richard Ochberg enthielt und später auch als Buch unter dem Titel Psychobiography and Life Narratives veröffentlicht wurde. 1997 fand erstmals ein Aufsatz zu Psychobiografie Eingang in das prestigeträchtige Handbook o f Personality Psychology der American Academic Press (Runyan 1997). 2007 wurde schlißlich ein Kapitel zur Methodik der Psychobiografie im ebenfalls renommierten Handbook o f Research Methods in Personality Psychology, das bei Guilford Press er schien, aufgenommen (Ems 2007). Zugleich erschien mit dem von William Todd Schultz (2005a) herausgegebenen Handbook o f Psychbiography erstmals ein eigenständiges Handbuch aus dem Bereich. 244 Disposition, den empirisch erkennbaren Krankheitsverlauf und die Form der Be handlung (Ghaemi 2011: 6-8). Es zeigt sich also, dass nicht notwendigerweise die Abhängigkeit von einem unmittelbaren Zugang zur infrage stehenden Person be stehen muss. Auch ist die Analyse nicht auf Individuen beschränkt, deren Kran kengeschichte vorliegt. Auch andere Menschen können analysiert werden, und auch dann, wenn hinsichtlich früher Entwicklungsphasen keine hinreichenden Daten vorliegen. In derartigen Fällen können Thesen auf Grundlage bestehenden Wissens erstellt werden, das auf Tausenden von Fallstudien basiert. Auf diese Weise werden sowohl in der historisch-biografischen als auch in der psychiatrisch-klinischen For schung mithilfe der Methode der sogenannten Spiralanalyse Fakten betreffend das spezifische Verhalten von Erwachsenen höchst wahrscheinlich zutreffenden Ent wicklungskonstrukten gegenübergestellt, die zu zusätzlichen Untersuchungs- bezie hungsweise Erklärungslinien der Persönlichkeitsdynamik des untersuchten Indivi duums führen (Marvick 1996: 944; vgl. ferner Marvick 1983: 22-25, Marvick 1986). Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass Psychobiografie einige Ähnlichkeiten mit qualitativen Forschungsansätzen wie fallstudienbasierter Textanalyse aufweist und somit ein hermeneutischer Zugang sinnvoll ist (Szokolkszky 2004). Zugleich gilt es zu beachten, dass im Rahmen einer psychobiografischen Analyse der Autor des Textes nicht als Funktion des Textes betrachtet wird, wie etwa in der klassi schen Diskursanalyse, sondern gleichsam als der „Text“ selbst, der unmittelbar psychologisch untersucht und interpretiert werden kann (Schultz 2005 b), sodass an dieser Stelle ein deutlicher Bezug zum grundsätzlichen Zugang des interpretativen Realismus über Sozialisation, Perzeption und Interpretation als Grundlage der Wirklichkeitsrekonstruktion und dem darauf basierenden Handeln hergestellt wird. Zugleich wird aber auch erkennbar, dass das Konzept der Persönlichkeit selbst noch näher zu bestimmen ist, um es als hinreichende Analysegröße nutzen zu kön nen. Insbesondere einige Konzepte der differenziellen Psychologie bieten sich in diesem Zusammenhang an. Mit Blick auf konkrete Auswirkungen auf zwischenstaatliches Handeln wurde der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und außenpolitischen Präfe renzen etwa bei Crichlow (2005) anhand zahlreicher Fallstudien untersucht, in de ren Rahmen die Außenminister Dean Rusk, Cyrus Vance, George Schultz, James Baker, Warren Christopher, Yitzhak Shamir, Francis Pym und Geoffrey Howe un tersucht wurden. Hierfür wurde durch Crichlow (2005: 188 ff.) eine Auswahl an Persönlichkeitsmerkmalen festgelegt, bei deren Selektion er sich einerseits an den quantitativen Inhaltsanalysen zur Bestimmung von Persönlichkeitsmerkmalen nach Hermann (1980, 1987 b) orientierte und andererseits auf ausgewählte Charakteristi ka der Operational Codes Analyse (Walker et al. 1998) zurückgriff. Unter den so gewonnenen Persönlichkeitsmerkmalen befinden sich neben Machtstreben und Misstrauen auch konzeptuelle Komplexität, Optimismus und Risikoorientierung. Trotz interessanter Ergebnisse scheint es doch geboten, einen noch systematische ren Zugang zur Definition und Operationalisierung von Persönlichkeitsmerkmalen 245 zu wählen, indem unmittelbar auf die Erkenntnisse der differenziellen Psychologie und dort wiederum auf die Persönlichkeitsforschung zurückgegriffen wird. Beim Blick auf die differenzielle Psychologie zeigt sich dabei allerdings schnell, dass das Konzept der Persönlichkeit ebenfalls nicht ohne weiteres zu erfassen ist und sich mindestens drei Persönlichkeitsaspekte ausmachen lassen, nämlich genetische Disposition, charakterliche Anpassungen und Prägung durch Lebensereignisse. Diese können wiederum nur durch Rückgriff auf unterschiedliche differenzialpsy chologische Zugänge analysiert werden. Neben klassischen (etwa Sigmund Freud) und modernen (etwa Erik Erikson) Ansätzen der Psychoanalyse beziehungsweise Ansätzen der analytischen Psychologie (auch Neoanalyse; etwa C. G. Jung) und der interpersonalen Dynamik (etwa Alfred Adler, Karen Horney, Erich Fromm, Harry S. Sullivan), welche als psychodynamische Ansätze gelten (vgl. Hall/Lindzey 1985), existieren noch Ansätze, die auf das Erfahrungsspektrum des Individuums ausge richtet sind (etwa die holistisch-humanistischen Ansätze von Maslow oder Rogers, die Existenzpsychologie von Binswanger und Boss, die Feldtheorie von Kurt Le win oder George Kellys Theory o f Personal Constructs), sowie solche, die auf dau erhafte Charaktereigenschaften fokussieren (etwa die Personologie nach Henry Murray, Gordon Allports Einzigartigkeitshypothese des Individuums oder die Fak toranalyse etwa nach Cattell oder Eysenck), und schließlich Lerntheorien der Per sönlichkeit (etwa Skinner, Miller/Donnard, Bandura mit ihren jeweiligen Ansätzen des Behaviorismus, der Reiz-Reaktions-Theorie und des sozialen Lernens). Im Kontext der psychobiografischen Analyse sind für eine an Entscheidungspro zessen und Handlungsanalysen orientierte Theoriefortbildung und Analyseschema entwicklung vor allem auch die Konzepte von Persönlichkeit und ihre prozessspe zifischen Implikationen von Relevanz. Solche lassen sich etwa durch die Auswer tung von renommierten Persönlichkeitsinventaren zusammenstellen. Besonders bedeutsam sind hierbei das Fünf-Faktoren-Modell (FFM), das Neo-FFI, das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP), das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FIP) und das Minnesota Multiphasic Personali ty Inventory (MMPI; vgl. Hathaway/McKinley 1943, 2000; Butcher 1996; Butcher/Graham 1990; Spreen 1963; Ben-Porath/Sherwood 1993; Tellegen et al. 2003; Angleitner 1997; Greene 2000; Graham 2005; Nichols 2001) zurückgegriffen. Hierbei stellt das FFM, das auch unter dem Namen Big 5 bekannt ist, den wohl bekanntesten Ansatz in diesem Zusammenhang dar und gilt nicht zuletzt auch in ternational als eines der Standardmodelle in der psychologischen Persönlichkeits forschung (John et al. 2008; vgl. ferner Allport/Odbert 1936; De Raad 1998; John et al. 2008; Saum-Aldehoff 2007). Es basiert auf dem lexikalischen Ansatz, mit dem bereits in den 1930er Jahren Gordon Allport, Louis Leon Thurstone und Henry Sebastian Odbert arbeiteten. Ausgehend von Listen mit mehr als 18.000 Begriffen wurden diese durch Faktorenanalyse auf 35 Variablencluster reduziert und schließ lich hin zu fünf überaus stabilen und unabhängigen Faktoren entwickelt, die zudem 246 ein relatives Maß an Kulturstabilität aufweisen (Asendorpf/Neyer 2012). Auf Grundlage des FFM wurde später das NEO-Fünffaktoren Inventar (NEO FFI) entwickelt (Borkenau/Ostendorf 1993). Anders als FFM und NEO FFI fokussiert das BIP auf berufsrelevante Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere Arbeitsverhal ten, soziale Kompetenzen und psychische Konstitution, welche anhand von 17 Skalen mit insgesamt 251 Items gemessen werden; ergänzend kann zudem mit dem zusätzlichen BIP-FI (Fremdbeschreibungsinventar) das Fremdbild einer Person erfasst werden, um so zu noch differenzierten Aussagen zur arbeitsspezifischen Ausprägung der Persönlichkeitsstruktur eines Individuums zu gelangen (Brähler et al. 2002; Heimann 1999; Hossiep/Paschen 2003; Marcus 2004). Das ebenfalls be rücksichtigte FPI setzt sich von den vorgenannten Inventaren durch eine explizite eigenschaftstheoretische Ausrichtung ab, und bezieht insbesondere solche Persön lichkeitsmerkmale eine, welche in der klinischen Psychologie von besonderer Rele vanz sind (Fahrenberg/Selg 1970; Fahrenberg/Hampel/Selg 2010). Sogar noch stärker an der klinischen Psychologie und Psychiatrie ausgerichtet ist das MMPI, das vor allem im Kontext von psychischen Störungsbildern eingesetzt wird und daher auch — anders als etwa das theoriebasierte FFM — auf eine Weise empirisch konstruiert wurde, bei welcher die Items aufgrund der gemessenen Antwortwahr scheinlichkeiten ausgewählter Patientengruppen zu entsprechenden Skalen zusam mengefasst wurden. Diese atheoretische, auf die klinische Diagnose hin ausgestalte te Konstruktion ermöglicht es somit, spezifische, empirisch abgrenzbare psychopathologische Syndrome unabhängig vom Wechsel der theoretischen Bezugssysteme zu erfassen. Wirft man einen Blick auf die einzelnen Aspekte, welche innerhalb der verschiede nen Persönlichkeitsinventare als persönlichkeitskonstituierend angesehen werden, so lassen sich etwa Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Sozialverträglichkeit (jeweils bei FFM und NEO FFI) aus machen. Beim sogenannten HEXACO-Inventar, einem der bedeutenden Alterna tivmodelle zum FFM tritt zu diesen Merkmalen noch der Aspekt Ehrlich keit/Bescheidenheit hinzu. Das BIP weist als relevante Persönlichkeitsfacetten Be rufsorientierung im Sinne von Leistungs-, Gestaltungs- und Führungsmotivation, Arbeitsverhalten (operationalisiert durch Gewissenhaftigkeit, Flexibilität und Hand lungsorientierung) und soziale Kompetenz verstanden als Sensitivität, Kontaktfä higkeit, Soziabilität, Teamorientierung und Durchsetzungsstärke, auf. Der FPI be rücksichtigt zur Charakterisierung der Persönlichkeit eines Individuums ebenfalls Aspekte wie soziale und Leistungsorientierung, aber ebenso Offenheit, Gehemmt heit, Extraversion, Emotionalität, Erregbarkeit, Aggressivität und nicht zuletzt ge sundheitsspezifische Aspekte wie Lebenszufriedenheit, Beanspruchung, körperliche Beschwerden und Gesundheitssorgen. Mit Blick auf die Bewertung von individuel lem Entscheidungsverhalten können die unterschiedlichen Ausprägungen einzelner Persönlichkeitsmerkmale hilfreiche Anhaltspunkte für Erklärungen liefern. So spie gelt der Faktor Neurotizität etwa individuelle Unterschiede im Erleben von negati ven Emotionen wider und indiziert emotionale Labilität oder Stabilität. Mit ausge 247 prägter emotionaler Labilität werden etwa ein überdurchschnittliches Angsterleben, Nervosität, Anspannung, Trauer, Unsicherheit oder Verlegenheit assoziiert. Zu gleich zeigt sich bei den betroffenen Personen eine Neigung zu unrealistischen Ideen und einen nur niedrig ausgeprägte Stress-Resilienz. Zudem treten bei diesem Personenkreis Reizbarkeit, Depression, soziale Befangenheit, Impulsivität und Ver letzlichkeit auf. Der Persönlichkeitsfaktor Extraversion verweist auf Aspekte wie Geselligkeit, Aufgeschlossenheit für Aktivität, Personenorientierung und die Fähig keit, Gespräche zu führen. In seiner inversen Ausprägung verweist der Faktor, dann Introversion genannt, auf Zurückhaltung oder Hemmung mit Blick auf sozia le Interaktionen, zugleich aber auf alleiniges und unabhängiges Entscheidungsver halten. Der Faktor Offenheit beschreibt das Interesse und das Ausmaß der Be schäftigung mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken. Individuen, die hohen Offenheitswerte aufweisen, haben ein intensives affektives Erleben und zei gen sich regelmäßig an privaten wie öffentlichen Vorgängen interessiert. Sie sind in der Regel wissbegierig, experimentierfreudig und künstlerisch interessiert, zudem intellektuell und nicht zuletzt fantasievoll. Vor diesem Hintergrund besteht eine erhöhte Bereitschaft, Normen kritisch zu hinterfragen und sich mit neuen Wertvor stellungen auf sozialer, politischer oder ethischer Ebene auseinanderzusetzen. Indi viduen, die niedrige Offenheitswerte aufweisen, zeichnen sich eher durch konven tionelles Verhalten und konservative Einstellungen aus. Somit bevorzugen sie Ver trautes gegenüber Neuem, was auch Präferenzen und darauf beruhende Entschei dungen beeinflusst. Der Persönlichkeitsfaktor Gewissenhaftigkeit verweist auf den Grad an Eigendisziplin, Selbstkontrolle, Ordentlichkeit, Pflichtbewusstsein, Leis tungsstreben, aber auch Genauigkeit, Besonnenheit und Zielstrebigkeit, der die in Frage stehende Person charakterisiert. Hohe Gewissenhaftigkeitswerte verweisen darauf, dass Individuen organisiert handeln, sorgfältig vorgehen. Sie zeichnen sich etwa durch Effizienz und Verantwortungsbewusstsein aus. Niedrige Werte verwei sen auf unsorgfältiges, ungenaues und teils planloses Verhalten. Ein weiterer wich tiger Persönlichkeitsaspekt ist die Verträglichkeit. Hohe Werte verweisen auf Altru ismus, Empathiefähigkeit und Kooperationsbereitschaft während niedrige Werte von Egozentrismus zeugen und auf argwöhnisches, wenig kooperatives und wider streitendes Verhalten verweisen. Fokussiert man zudem auf berufsbezogene Aspekte, was mit Blick auf die Analyse entscheidungstragender Individuen einen durchaus realistischen Analysekontext darstellt, dann verweisen etwa hohe Werte auf der Führungsmotivationsskala da rauf, dass diese andere Personen überzeugen und für ihre Auffassung gewinnen können, was zum Beispiel im Kontext von Gruppenentscheidungskontexten eine wichtige Rolle spielen kann. Auch eine hohe Skalenausprägung bei der Gestal tungsmotivation ist eine wichtige Analysegröße, da hierdurch charakterisierte Per sonen über einen starken Willen verfügen, gestaltend in Prozesse einzugreifen und dabei ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. Aber auch Persönlichkeitsmerkmale wie Handlungsorientierung sind von Bedeutung, beginnen doch Personen mit ho hen Werten in diesem Bereich regelmäßig unverzüglich mit der Umsetzung ihrer 248 Entscheidung, wobei sie sehr zielorientiert vorgehen und sich durch Ablenkungen und Schwierigkeiten bei der Arbeitsausführung nicht beeinträchtigen lassen. Da in der Regel keine Testbögen vorliegen, welche von den zu analysierenden Personen ausgefüllt wurden, besteht doch die Möglichkeit, sich bei der psychobiografischen Analyse an den bestehenden Skalen und Items und den hierzu gehörigen bestehen den Interpretationen zu orientieren. Wie bereits weiter oben dargelegt ist dabei eine Analyse gleichsam aus der Ferne ein im Rahmen der Psychobiografie bewährter und gleichermaßen reliabler wie valider Ansatz. Führungsstil In engem Zusammenhang mit der Persönlichkeitsstruktur steht der Führungsstil als entscheidungsbeeinflussende Größe. Aus psychobiografischer Perspektive heraus lassen sich vier Phasen der Entwicklung eines bestimmten Führungsstils ausma chen (Gronn 1993: 346-348). Zunächst entwickelt der Entscheidungsträger Grund züge seines Führungsstils. Dieser Prozess ist für den psychobiografisch arbeitenden Analysten nur retrospektiv zugänglich. Von höchster Relevanz sind bei diesem Prozess Familie, Schule und individuell wahrgenommene Vergleichsgruppen, durch welche die elterlich generierte Prägung entweder unterstützt wird, was zu einer starken Prägung in Richtung einer Weiterentwicklung von Sozialkapital führt, oder in Frage gestellt wird, was zu etwaigen Konflikten, gespaltenen Wertvorstellungen führen kann. Nach dieser grundlegenden Prägungsphase folgt eine Phase der Fort bildung von Führungseigenschaften, welche zumindest teilweise gezielt beeinflusst werden kann. Auf dem Höhepunkt ist eine ausgereifte Führungspersönlichkeit in der Lage, Autorität zu projizieren. Nicht selten gehen Wunsch und Fähigkeit zu Führen dabei Hand in Hand mit einem ausgeprägten Machtstreben. Die letzte Pha se ist gekennzeichnet von einem Abschied aus dem Führungskontext. Hierbei zeigt sich, dass die Persönlichkeitsentwicklung und damit zusammenhängend die Ent wicklung von Persönlichkeitsmerkmalen, welche sich schließlich auch im Füh rungsstil niederschlagen sowohl vom kulturellen als auch vom gesellschaftlichen Kontext mitbeeinflusst werden (Gronn 1993: 349). Die sich so herausbildenden Persönlichkeitsmerkmale wie auch der jeweils spezifische Führungsstil spielen eine maßgebliche Rolle bei der Erklärung des Zustandekommens zwischenstaatliche Entscheidungen, etwa weil sie die Dynamiken im Kontexten wie politischer Bera tung oder bürokratischer Administration auf eine spezifische Weise beeinflussen. Wie wichtig Führung in Gruppenkontexten dabei ist, ist spätestens seit den soge nannten Iowa-Studien aus den 1930er Jahren bekannt, wo sich zeigte, dass Grup pen, die gänzlich ohne Führung sind, in Bezug auf das Aufgabeninteresse, die Gruppenzugehörigkeit und die Zufriedenheit nur sehr schlechte Resultate erzielen und es innerhalb solcher Gruppen sogar zu aggressivem Verhalten zwischen den Gruppenmitgliedern kommen kann. Das Vorhandensein irgendeiner Führung ist 249 somit offenbar besser als das Fehlen jeglicher Führung.39 Im Rahmen dieser Arbeit stellt sich die Frage, welchen Einfluss der Führungsstil im Bereich zwischenstaatli cher Entscheidungsprozesse hat. Hierbei lassen sich mehrere Typologien unter scheiden (vgl. etwa Hentze et al. 2005; Lewin et al. 1939; Rahn 2015; Seidel et al. 1988; Wunderer 2009; zur praktischen Anwendung vgl. Crabb/Mulcahy 1986; Hermann/Preston 1994; Kowert 2002; Mitchell 2005a, b; Orbovich/Molnar 1992; Pika 1988; Preston 2001). George (1980; vgl. zudem George/George 1998; John son 1974) geht davon aus, dass sich politische Entscheidungsträger in Abhängigkeit von den sie charakterisierenden Persönlichkeitsmerkmalen auch entsprechend für einen bestimmten Führungsstil entscheiden. Führungsstile lassen sich dabei in Ty pologien einteilen. Eine der bekanntesten Typologien ist diejenige der sogenannten drei klassischen Führungsstile, die der als Begründer der modernen Sozialpsycholo gie geltende Kurt Lewin auf Grundlage von im Rahmen empirischer Untersuchun gen gewonnenen Ergebnissen entwickelt hat. Hierbei unterscheidet er zwischen einem autoritären, einem kooperativen und einem Laisser-faire Führungsstil. Der autoritäre Führungsstil ist von einer strikten Trennung zwischen Entschei dungsträger und Untergebenen gekennzeichnet. George (1983) charakterisiert einen ähnlich beschriebenen Führungsstil als formalistisch; dieser ist dadurch gekenn zeichnet, dass der Entscheidungsträger nicht nur die Letztendscheidungskompe tenz innehaben möchte, sondern zudem auch die Diskurshoheit nicht aus der Hand geben will. Zu diesem Zweck schafft er ein Beratersystem, das klar ausge prägte Hierarchien aufweist und einem strikten Prozedere folgt. Die Kanäle des Kommunikationsflusses beziehungsweise der Informationsweitergabe sind klar strukturiert, die Berater fungieren auf unterschiedlichen, klar festgelegten Ebenen beziehungsweise innerhalb ebensolcher Bereiche. Eine Aushandlung von Entschei dungsoptionen ist dezidiert nicht vorgesehen, vielmehr werden Handlungsalternati ven auf unteren Ebenen entwickelt, auf höherer Ebene begutachtet und bewertet und die verbleibenden und gegebenenfalls modifizierten Alternativen dem Ent scheidungsträger zur Entscheidung vorgelegt. Die dem Entscheidungsträger unter stellten Mitarbeiter und Institutionen erfüllen primär den Zweck, die Entscheidun gen umzusetzen, nicht jedoch, an der Entwicklung möglicher Entscheidungsalter nativen gestaltend mitzuwirken. Zwar lassen sich durchaus Vorteile dieses Füh rungsstils erkennen, so etwa eine klare Zuordenbarkeit von Verantwortlichkeiten. Die hierarchische Struktur führt somit zu einer Vorsortierung und Vorstrukturie rung der für den Entscheidungsprozess relevanten Informationen, zugleich aber kommt es hierdurch zu möglichen Verzerrungen der Information bis diese schließ lich den Entscheidungsträger erreicht. Insgesamt ist der Ansatz darauf angelegt, offene Konflikte im Beratungsprozess sowie ein Bargaining zwischen den Beratern zu vermeiden (Johnson 1974: 3-5; George 1980 150-157). Allerdings führt diese Einbahnstraßen-Struktur aber auch zu einem distanzierten Verhältnis und hat etwa zur Folge, dass kritische Gedanken zur Entscheidung nicht oder allenfalls sehr be AufInternetseite http://www.ibim.de/management/3-2.htm, Zugriff vom 8.12.2015. 250 dingt geäußert werden (können). Diese Distanzierung ist somit nicht nur struktu rell, sondern auch psychologisch. Mitarbeiter werden demotiviert und sehen letzt lich keine Notwendigkeit mehr, sich die Mühe eigene Gedanken zu machen oder gar selbst in itiatv zu werden, da eine Belohnung nicht zu erwarten ist und man stattdessen (nur) Gefahr läuft, Nachteile zu erleiden. Als problematisch erweist sich der autoritäre Führungsstil vor allem dann, wenn der Entscheidungsträger nicht (mehr) in der Lage ist, die Vielzahl an wichtigen Entscheidungen alleine zu tragen, etwa aufgrund individueller psychischer Probleme, ein durchaus nicht zu vernach lässigendes Problem, oder weil er schlichtweg etwa mit Blick auf die zur Verfügung stehenden zeitlichen Ressourcen damit überfordert ist, letztlich jede Entscheidung selbst treffen zu müssen. Im schlimmsten Fall trifft somit im Kontext des autorita tiven Führungsstils ein unter Kontrollzwang leidender Entscheidungsträger, wel cher zusehends unter Überforderung leidet, mit einem Mitarbeiterstab zusammen, dem aberzogen wurde, problemlösend und entscheidungs- beziehungsweise zielori entiert zu arbeiten, wesentliche zwischenstaatliche Entscheidungen. Diese über mächtige Rolle des Entscheidungsträgers kann insbesondere bei einem tatsächli chen oder de-facto Ausfall des Entscheidungsträgers zumindest kurzfristig fatale Folgen haben. Hinsichtlich der Bedeutung für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens gilt es im Kontext autoritärer Führungsstile vor allem auf die Führungs persönlichkeit abzustellen und aufzuzeigen, wie sich welche Persönlichkeitseigen schaften und die diesen jeweils zugrundeliegenden Sozialisationseffekte hinsichtlich der Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der entscheidungserheblichen Situationen auswirkt. Das gilt letztlich auch für Fälle, in denen ein kooperativer Führungsstil diagnosti ziert wird. Hierbei jedoch reicht der Blick auf den Entscheidungsträger allein nicht aus. Vielmehr muss zudem die Struktur und die diese ausmachenden Akteure mit berücksichtigt werden. Hierdurch können gruppendynamische Effekte, zwischen bürokratische Rivalitäten und Effekte anderer, ebenfalls entscheidungsbeeinflus sender Individuen, etwa besonders charismatischer außen- und sicherheitspoliti scher Berater, synchron erfasst und in die Analyse miteinbezogen werden. Dies ist insofern erforderlich, da die Mitarbeiter unter einem kooperativen Führungsstil — in unterschiedlichem Grad — in den Entscheidungsprozess eingebunden sind. Indem hierdurch etwa Fremdkontrolle zumindest teilweise durch Eigenkontrollmechanismen ersetzt wird, entwickelt sich auch innerhalb des Mitarbeiterstabes ein größeres Verständnis für entscheidungsrelevante Zusammenhänge. Dieses erhöhte Maß an Kompetenz und Delegation führt zu einer Entlastung des Entscheidungsträgers, der sich intensiver mit den Vorarbeiten der Mitarbeiter befassen kann, ohne von diesen Arbeiten selbst „aufgefressen“ zu werden. Das bietet Möglichkeiten, weil die Zahl der Entscheidungsalternativen zunimmt, zugleich besteht aber die Gefahr, dass in den Entscheidungsprozess auch Aspekte einfließen, deren Motivation von anderen Ursachen herrührt als denen der unmittelbaren Problemlage, um deren Lösung es geht. Individuelle Motive, Gruppendynamiken oder Ressortegoismen können auf diese Weise Einfluss auf zwischenstaatliche Entscheidungen erhalten. 251 Auch diese gilt es aber zu berücksichtigen, wenn eine zwischenstaatliche Entschei dung adäquat analysiert werden soll. Zwar ist dieser Führungsstil darauf ausgerich tet, sowohl die informationellen Verzerrungen als auch die Engstirnigkeit und Ein seitigkeit zu vermeiden, welche ein allzu intensives gegenseitiges Konkurrieren der Berater mit sich bringt. Auch werden unterschiedliche Kanäle genutzt und ein of fenes Diskussionsklima geschaffen, wobei offene Konflikte tunlichst vermieden werden sollen. Hierbei besteht allerdings die Gefahr, dass der Teamwork-Gedanke sich hin zu einem geschlossenen System gegenseitiger Unterstützung entwickelt (Johnson 1974: 238; George 1980: 165), was sich wiederum negativ auf eine mög lichst objektive Beratung auswirken kann, weil es zwischen den Beratern zu Ab sprachen kommt, welche eher im Sinne der ihnen vertretenen Institutionen liegen als im Interesse des Entscheidungsträgers beziehungsweise der Sache selbst. Zu gleich kann es vorkommen, dass dem Entscheidungsträger zwar ein Konsens hin sichtlich einer zu wählenden Strategie präsentiert wird, dem Entscheidungsträger aber nicht bekannt ist, wie dieser Konsens zustande kam, d.h. welche Kompromis se geschlossen wurden, die eher als Bargaining zwischen Beratern und/oder Ministerialbürokratien zu verstehen sind, als die Suche nach der optimalen Strategie zur Wahrung des nationalen Sicherheitsinteresses in der fraglichen Situation (George 1980: 122-132). Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang ist es möglich, dass die Berater zwar wissen, dass eine spezifische Option die sinnvollste wäre, weil diese aber unpopulär ist, schlägt keiner der Berater sie vor, um den eigenen Ruf beim Entscheidungsträger nicht zu gefährden Der Grad der Entscheidungsautonomie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des endgültigen Entscheidungsträgers erreicht im sogenannten Laisser-Faire Führungs stil seinen Höhepunkt. Zugleich zeigt sich die Problematik mangelnder Führung, da — auch ohne bewusst einen Entscheidungsprozess zur Erreichung partikularer Inte ressen beeinflussen zu wollen — nicht jeder Mitarbeiter oder jede Handlungseinheit mit einem nahezu unbegrenzten Maß an Freiheit im Entscheidungsprozess umge hen kann. Ein weiteres Problem ist die zumindest potenzielle Gefahr eines gleich sam ungeregelten Informationsflusses, was die Entscheidungsbasis nicht nur anfäl lig für Manipulationen, sondern in noch allgemeinerem Maße für Beliebigkeit oder gar Willkür macht. Zudem kann dieser Führungsstil eine kompetitive Ausprägung erfahren. Hierbei geht es darum, die Unterschiedlichkeit der beteiligten Akteure und deren Wettbewerb etwa im bürokratisch-institutionellen Gefüge auszunutzen. Dabei kann sogar eine ganz gezielte Konfrontation unterschiedlicher Berater zum Mittel der Wahl werden, um durch den erzeugten kompetitiven Diskurs eine mög lichst hohe Zahl an Entscheidungsalternativen hervorzubringen. Diese unterschied lichen Mechanismen gilt es, bei der Analyse des unmittelbaren Umfeldes des Ent scheidungsträgers zu berücksichtigen und letztlich in die Erklärung einer spezifi schen zwischenstaatlichen Handlung einzubeziehen. Insgesamt stellt der Führungs stil somit eine wichtige Komponente im zwischenstaatlich relevanten Entschei dungsprozess dar, weil hiervon etwa die Art und Weise, wie sich der politische Ent scheidungsträger in den Prozess einbringt, ebenso beeinflusst wird wie die Fragen, 252 wer überhaupt in den Entscheidungsprozess einbezogen wird, welche Informatio nen wie zum Tragen kommen und auf welche Weise entstehende Problemlagen angegangen werden (vgl. hierzu auch Mitchell 2010: 631). Bei der Analyse ist ferner zu beachten, dass sich in der empirischen Praxis häufig Mischformen antreffen lassen. So zeigten sich etwa unter der Regierung von US- Präsident Dwight D. Eisenhower sowohl Elemente eines formalistischen als auch eines kompetitiven Stils in der Organisation seiner Berater, wobei das formalisti sche Modell dominierte und es Eisenhower sehr geschickt Verstand, spezifische Aspekte des Wettbewerbs unter den Beratern zu nutzen. Dieser Ansatz wird be sonders deutlich im Kontext der französischen Krise in Indochina als es um den erwarteten Fall von DienBienPhu ging. Aufgrund der Schwächung der französi schen Position in Indochina in den Jahren 1952 und 1953 war absehbar geworden, dass der Kommunismus in einer Phase, wo die USA gerade dabei waren, ihr Enga gement in Korea zu deintensivieren, einen weiteren Sieg erringen würde. Vor die sem Hintergrund stellte sich für Eisenhower die Frage, ob die USA in das Macht vakuum eintreten sollten, das nach der absehbaren Niederlage Frankreichs in Indo china zwangsläufig entstehen würde. Diese Frage wurde besonders akut, nachdem Frankreich im Jahre 1965 mehrfach um eine direkte Militärintervention seitens der USA gebeten hatte. In dieser Situation zeigten sich die diversen Berater Eisenhowers uneins hinsichtlich einer möglichen amerikanischen Intervention. Insbesondere trafen die Sichtweisen der Berater, die primär vom Geist des Antikommunismus geleitet waren, auf jene, welche vor allem anti-kolonialistisch eingestellt waren (Kalicki 1975: 91-120). In dieser Situation trat der hybride Strukturansatz bei Eisenhowers Beratungsfüh rung besonders deutlich zu Tage. Eisenhower stand unbestritten an der Spitze einer klar strukturierten, hierarchisch organisierten Gruppe, die zur Entscheidungsfin dung beitragen sollte, und übernahm selbst die Verantwortung für die endgültige Entscheidung (anders als bei einem kollegialen Führungsstil wo die endgültige Ent scheidung geteilt wird). Dieser Stil kann als das Ergebnis seiner militärischen Prä gung und Erfahrung gewertet werden (Hess 1988: 63). Bereits von Beginn an machte Eisenhower stets seine Präferenzen deutlich, so auch im Falle von Indochi na, wo er darlegte, dass er keine Intervention wolle. Diese Überzeugung setzte er jedoch nicht unreflektiert um, sondern nahm die Expertise, die durch den bürokra tischen Apparat entwickelt wurde, durchaus ernst. An dieser Stelle zeigen sich dann auch die kompetitiven Elemente in Eisenhowers Ansatz: Er ermöglichte nicht nur, sondern erbat die offene Diskussion seiner Berater, und zwar auch nachdem er sei ne Präferenzen klargelegt hatte (Kalicki 1975: 91-120; Gelb/Betts 1979: 50-63). Al lerdings war Eisenhower auch ein starker Präsident, der selbst über viel Erfahrung und Expertise im Bereich von Sicherheit und Krisenmanagement verfügte und sich somit zwar gerne Ratschläge anhörte aber dennoch in seinen eigenen Überzeugun gen nicht leicht zu erschüttern war. 253 Es zeigt sich also, dass je mehr ein Entscheidungsträger eigene kognitive Anstren gungen unternimmt, sich mit den vielfältigen Aspekten eines spezifischen außenund sicherheitspolitischen Sachverhalts oder einer entsprechenden Herausforde rung, die nach einer Entscheidung verlangt, auseinanderzusetzen, desto weniger kann er mit (allzu) einseitigen Vorschlägen beeindruckt werden, insbesondere wenn diese aufgrund einer Wettbewerbssituation unter Beratern signifikant verzerrt sind. Andererseits hat sich ebenfalls gezeigt, dass wenn ein Entscheidungsträger nicht über die notwendige Expertise verfügt, entweder zu einem bestimmten Sachverhalt oder gar grundsätzlich in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik, dann ist die Wahrscheinlichkeit, von Beratern beeinflusst zu werden, umso größer. Das gilt ins besondere dann, wenn der Entscheidungsträger zudem über einen eher intuitiven denn analytischen Stil verfügt und/oder der Sachverhalt selbst vielleicht auch noch eine eher geringe strategische Bedeutung aufweist Dann nämlich können vor allem die auf persönlicher Ebene mit dem Entscheidungsträger verbundenen Berater sehr viel leichter psychologische Instrumente der Überzeugung zur Anwendung bringen, welche auf Kernüberzeugungen und Emotionen ausgerichtet sind, und somit auch und gerade die technokratischeren Hinweise der Ministerialbürokratie in ihrem po tenziellen Einfluss entwerten. Für die Analyse ist somit stets zu beachten, welchen kognitiven Stil der Entscheidungsträger aufweist, wie genau seine Beratergruppe organisiert ist und aus welcher Art von Beratern diese besteht. Hierbei ist auch und gerade der historische wie strukturelle Kontext zu berücksichtigen. Im Falle Eisenhowers hatten es seine Berater mit einem starken und kundigen Ent scheidungsträger zu tun. Die oben geschilderten Gefahren einer kompetitiven Or ganisation der Berater wurden dadurch relativiert. Vielmehr griff Eisenhower aktiv in die Diskussionen der Berater ein und taktierte bei Bedarf auf eine Weise gegen jene Berater, die Vorschläge verfolgten, die Eisenhowers Überzeugungen zuwider liefen, sodass diese sich bald in einer isolierten Position befanden (Randle 1969; Haney 1992: 84f.). Eisenhower ging aber noch weiter. Aufgrund seiner wachsenden Unzufriedenheit mit den Vorschlägen seiner ständigen Berater richtete Eisenhower eine zusätzliche Gruppe von Beratern, die sogenannte Smith-Group ein, die eigen ständig („self-contained“; Eisenhower in Burke/Greenstein 1989: 37) Lösungsan sätze für das Indochina-Problem erarbeiten sollte (87). Auf diese Weise gelang es Eisenhower, eine gute und auch bei unklarer beziehungsweise widersprüchlicher Informationslage eine differenzierte und effiziente Beratungsleistung zu generieren, die nicht von den sonst in kompetitiven Umfeldern üblichen Verzerrungen ge kennzeichnet war und schließlich dazu führte, dass die USA sich im Kontext von DienBienPhu aus Indochina heraushielten (Haney 1992: 115-120). Präsident John son wollte sich prinzipiell an diesem sehr erfolgreichen Ansatz der Beraterstruktur orientieren. Allerdings übernahm er letztlich nur den formalistischen Teil des Mo dells mit seinen klar zugewiesenen Zuständigkeiten, bei dem der Präsident nicht nur zentral an der Spitze stand, sondern den Entscheidungsfindungsprozess auch aktiv zu gestalten beabsichtigte. Da vor allem der Nationale Sicherheitsrat Johnson als Beratungsgremium zu groß und ihm vor allem seine Experten nach den 254 schlechten Erfahrungen mit diesen im Kontext der gescheiterten Schweinebuchtin vasion nicht vertrauenswürdig erschienen (Austin 1971: 32; Halberstam 1972; Prados 1991), schuf auch Johnson eine kleiner Beraterspitze, die sogar über noch we niger Mitglieder verfügte als diejenige bei Eisenhower. So gehörten zum als Tuesday Lunch Gruppe bekannt gewordenen Kreis unter Johnson nur Mc George Bundy, sein Sonderberater für Fragen der Nationalen Sicherheit, Außenminister Dean Rusk und Verteidigungsminister Robert McNamara, ferner bei Bedarf der Vorsitzende der Joint Chiefs o f Staff Earl Wheeler sowie gegebenenfalls CIA- Direktor John McCone. Als noch wesentlicherer Unterschied jedoch ist zu bemer ken, dass Johnson eine kollegiale Struktur anstatt der bei Eisenhower vorherr schenden kompetitiven Variante wählte, um das formalistische Grundmodell zu ergänzen. Dieser Ansatz sollte sich jedoch nicht auszahlen. Zwar konnte Johnson aufgrund seines — trotz der grundsätzlich formalistischen Struktur — nicht restrikti ven Führungsstils gegenüber den Beratern im kleinen, kollegial geführten Zirkel die, wie oben detailliert geschildert, beim kollegialen Ansatz bestehende Gefahr vermeiden, dass die Berater zwar wissen, dass eine spezifische Handlungsalternative die sinnvollste wäre, diese aber nicht empfohlen wird, da sie beim Entscheidungs träger mutmaßlich unpopulär ist, und jeder einzelne Berater den eigenen Ruf beim Entscheidungsträger nicht gefährden möchte. Allerdings gelang es Johnson nicht, das Problem, bei dem der Teamwork-Gedanke allmählich zu einem geschlossenen System der Selbstreferenzialität und gegenseitiger Unterstützung degeneriert, zu überwinden, was sich, wie ebenfalls oben dargelegt, negativ auf eine objektive Bera tung auswirken kann. Speziell dieser Aspekt kann die deutlich schlechtere Leistung der Johnson-Berater im Vergleich zu denen bei Eisenhower erklären. Das trifft ins besondere auf die Ausarbeitung alternativer außen- und sicherheitspolitischer Stra tegien zu (Goulden 1969: 135; Gravel 1971; Haney 1992: 123). Als besonders gra vierend sollte sich allerdings erweisen, dass aufgrund der kollegialen Struktur auf oberster Beraterebene einerseits Informationen und Erkenntnisse, die ambivalent waren oder nicht in das Konzept passten, ignoriert wurden und andererseits eine selektive Suche nach Argumenten erkennbar war, welche die bereits bestehenden eigenen Annahmen und Argumente der Berater unterstützten (Austin 1971: 300, 343; Haney 1992: 124). Dies führte nicht nur zu erheblichen Verzerrungen in Ent scheidungsfindungsprozessen, sondern ebenfalls zu einer wiederholt fehlerhaften Abschätzung von Kosten, Risiken und Implikationen (Haney 1992: 124). Ähnliche Verzerrungen lassen sich auch im Beratungsumfeld von US-Präsident Richard Nixon feststellen, obwohl Nixon sich nicht zu Gunsten einer kollegialen Ergänzung seines formalistischen Modells entschied. Allerdings lässt sich im außenund sicherheitspolitisch relevanten Beratersystem Nixons eine Monostruktur er kennen, welche ihrerseits zu Verzerrungen führte. Wie oben dargelegt ist der Ein fluss eines Beraters umso größer je bedeutsamer dieser ist. Im Falle Nixons fungier te dessen Außenminister Henry Kissinger, der selbst als bedeutender Wissenschaft ler langjährige Erfahrung im Bereich der Analyse der Internationalen Beziehungen vor allem aus historischer Perspektive aufzuweisen hatte, als der zentrale außen- 255 und sicherheitspolitische Berater. Dabei füllte Kissinger sein Amt so dominant aus, dass der in außen- und sicherheitspolitischer Expertise weit unterlegene Nixon ihm in weiten Teilen die Entscheidungsfindung übertrug (Evans/Novak 1971: 260-265; Kissinger 1979: 603-625). Das deckt sich im Prinzip mit der oben aufgeführten Er kenntnis, der zufolge bei der Beratung des Entscheidungsträgers durch wichtigere Berater ein weniger kritischer Umgang mit dessen Informationen und Ratschlägen durch den Entscheidungsträger an den Tag gelegt und nicht selten sogar auf das Einholen weiterer Ratschläge durch dritte Berater gänzlich verzichtet wird. Im Verhältnis zwischen Nixon und Kissinger wurde diese Dynamik maximiert. Das Zustandekommen außenpolitischer Entscheidungen lässt sich — wenn man an die ser Stelle lediglich den Fokus auf den Aspekt der politischen Beratung rückt, wobei klar sein muss, dass dies im Sinne des hier angestrebten Modells keinesfalls ausrei chen würde, das Verhalten umfassend zu erklären — somit (auch!) damit erklären, dass Kissinger weitgehend freie Hand hatte und Nixon ihm gleichsam unhinterfragt folgte. Insofern ist die Prägung und Erfahrung Kissingers, mit anderen Worten sein Mind Frame und seine Core Beliefs, einer der ausschlaggebenden Faktoren, die bei der Analyse keinesfalls vernachlässigt werden dürfen. Im Gegenteil zeigt sich näm lich etwa bei der Betrachtung der Krise, die der Jordanische Bürgerkrieg im Jahre 1970 ausgelöst hatte, ebenso wie im Angesicht des Yom-Kippur-Krieges 1973, dass Kissinger und seine Expertengruppe, die Washington Special Actions Group, sehr erfolgreich in der analysebasierten Definition der amerikanischen Interessen waren (Haney 1992: 130). Zugleich aber machte sich bei der Bewertung der empirischen Entwicklungen und der darauf basierenden Ausarbeitung konkreter Handlungsstra tegien ein extrem einseitiger Bias bemerkbar, der sich auch zwischen 1970 und 1973 als konstant erwies, sodass deutlich wird, dass kein politischer Lernprozess stattgefunden hat. Insgesamt wurden neue Informationen nicht oder nur sehr zö gerlich und hoch selektiv wahrgenommen und in die Politikgestaltungsentwürfe integriert (Quandt 1977: 168 ff.; Ambrose 1991). Der Umgang mit Ägypten im Yom-Kippur-Krieg vermag dieses Problem zu illustrieren: So konnten sich die Be rater keinen Reim auf das ägyptische Verhalten machen als Ägypten nicht willens war einen frühen Waffenstillstand zu akzeptieren. Nixons Beraterstab unter Kissin ger war vielmehr davon ausgegangen, dass Ägypten den Krieg schnell verlieren würde und somit einen umgehenden Waffenstillstand einfach akzeptieren müsse. Doch als Ägypten dabei war, den Krieg zu gewinnen, vermochte es die Berater gruppe nicht, sich in angemessener Zeit von den alten Mindframes zu lösen und sich auf die neue Situation einzustellen, um auf der neuen Bewertungsgrundlage adäquate Handlungsalternativen vorzulegen (Quandt 1977: 165-206; Dowty 1984: 303-319; Haney 1992: 135). Dementsprechende systematische Verzerrungen gab es auch bei der Ausarbeitung grundsätzlicher Strategien; so wurden insbesondere et waige direkte Gespräche mit der Sowjetunion oder Syrien erst gar nicht ins Kalkül gezogen, ebenso gilt dies für eine Einbeziehung der Vereinten Nationen (Dowty 1978: 176 ff., 182, 195). Darüber hinaus wurden auch diplomatische Lösungen nicht als Option diskutiert; stattdessen standen dem spezifischen realistischen 256 Denkmodell Kissingers folgend nur militärische Alternativen zur Disposition (Dowty 1978: 186; 1984: 182-195). Eine wesentliche Erklärung für den durchgängig erkennbaren verengten Analysefokus ist nicht zuletzt in der Wahrnehmung der USA als Weltmacht zu sehen, der zufolge auch alle Herausforderungen, denen sich die Vereinigten Staaten ausgesetzt sahen, einzig und allein aus diesem Blickwinkel heraus verstanden und angegangen werden dürften. Somit wurden sämtliche Be wertungen ausschließlich mit dem Fokus der Weltmacht und globalen Rivalität zwi schen den USA und der Sowjetunion vorgenommen und dann auf dieser Grundla ge Handlungsalternativen erarbeitet. Eine Berücksichtigung der regionalen Ebene, wie sei seinerzeit gerade im Nahen Osten dringend erforderlich gewesen wäre, wurde indes gänzlich vernachlässigt, was das zumindest teilweise Scheitern der Poli tik Nixons in der Region zumindest teilweise erklärt (Quandt 1977: 123-127; 1978: 285-288). Störungen derPersönlichkeit Während ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und Sozialisationserfah rung, die im Rahmen einer psychobiografischen Analyse auch mit Blick auf ihre jeweiligen Implikationen, analysiert werden kann, die Persönlichkeit des Individu ums entsteht und etwa in einem spezifischen Führungsstil erkennbar wird, der sei nerseits zwischenstaatliche Entscheidungsprozesse auf bestimmte Weise beein flusst, darf nicht übersehen werden, dass Störungen der Persönlichkeit etwa in Form von psychischen Erkrankungen ebenfalls Wirkung auf Prozess und Ergebnis zwischenstaatlicher Entscheidungen haben können. Daher ist es erforderlich, auch diesen Aspekt bei der Analyse als Teil der individuellen Psychobiografie einzube ziehen. Die Auseinandersetzung mit der psychischen Erkrankung bedeutender poli tischer Entscheidungsträger ist dabei nicht neu. Allerdings der systematische Zu griff auf dieses Phänomen erst ein Konstrukt jüngerer Forschung ist. Ein wichtiger Ansatz in diesem Zusammengang ist die sogenannte Pathografie, unter der eine historische Biografie verstanden wird, welche aus einer medizinischen, psychologi schen und psychiatrischen Perspektive heraus verfasst wird. Im Rahmen einer Pa thografie sollen das biologische Erbe, die individuelle Entwicklung, die Persönlich keit, die Lebensgeschichte sowie psychische und physische Pathologien betrachtet werden, wobei auch der soziokulturelle Kontext Berücksichtigung finden soll, um so die Auswirkung jener Aspekte auf Entscheidungsprozesse zu erklären (Schioldann 2003: 303). Allerdings zeigt sich auch hier die Dominanz klassischer Konzepte der Psychoana lyse (Kovary 2011: 747), die es, wie weiter oben geschildert, zu überwinden gilt. Statt sich auf teils fragwürdige Weise allein den Kindheitserlebnissen zu widmen, ist die Analyse von Symptomen, genetischer Disposition, der Krankheitsgeschichte und nicht zuletzt der Art der Behandlung sehr viel aufschlussreicher, wenn es da rum geht, herauszufinden, von welchen mentalen Problemen ein Entscheidungs 257 träger betroffen war und wie sich diese auf den Entscheidungsprozess ausgewirkt haben. Hierbei ist die Betrachtung der Symptome der erste Schritt. Allerdings gilt es, hier Vorsicht walten zu lassen, da die Analyse keinesfalls darauf reduziert wer den darf. Aus der (vielleicht nur scheinbar) erkennbaren Traurigkeit eines Führers gleich auf das Vorliegen einer Depression zu schließen, ist nicht möglich. Derartige, durchaus wiederholt erkennbare Erklärungsversuche sind als unseriös und unhalt bar zu werten und haben nicht unmaßgeblich zum teils problematischen Ansehen der psychobiografischen Methode (im Allgemeinen wie speziell in ihrer pathografischen Ausprägung) geführt. Daher ist die Einbeziehung der weiteren oben genann ten Faktoren unabdingbar. Der Blick auf die genetische Disposition etwa kann Anhaltspunkte auf das Vorlie gen bestimmter Krankheitsbilder liefern, da häufig eine Veranlagung für bestimmte Erkrankungen innerhalb der Verwandtschaft erkennbar ist. So ist etwa die bipolare Persönlichkeitsstörung zu etwa 85 % genetisch bedingt. Falls möglich sollten im Rahmen einer Analyse auch Daten über Verwandte erhoben werden. Andererseits müssen jedoch auch hier Einschränkungen bei der Aussagekraft dieses Parameters gemacht werden: So sind etwa die Hälfte aller diagnostizierten depressiven Erkran kungen primär sozial bedingt. Der Blick auf genetische Prädispositionen kann so mit hilfreich sein, reicht allein aber nicht aus. Daher sollte auch die jeweilige Kran kengeschichte des Entscheidungsträgers mit in die Analyse einbezogen werden. Auch wenn dieser Ansatz in der Praxis nicht zuletzt aufgrund des hohen Aufwan des, der mit ihm verbunden ist, da ja letztlich die gesamte Lebensgeschichte in die Analyse einbezogen werden muss, am wenigsten geschätzt wird, ist die Berücksich tigung der Pathogenese mit am aufschlussreichsten. Denn nur so lassen sich Krankheitsbilder richtig erfassen, welche, wie etwa die bipolare Störung, zumeist schon im frühen Lebensalter beginnen und durch ein episodenhaftes Auftreten charakterisiert sind. Ohne die Analyse des Krankheitsverlaufs ist es kaum möglich, die spezifischen Muster des Verlaufs bestimmter Erkrankungen über die Lebens spanne hinweg auszumachen. Flankierend kann zudem ein Blick auf die Behand lung, die einem Entscheidungsträger zu Teil wurde, einen Erkenntnisgewinn mit sich bringen, wobei zu beachten ist, dass dieser Ansatz in der Regel am wenigsten Aussagekraft aufweist, da nicht selten trotz einer vorliegenden Krankheit keine Be handlung durchgeführt wird. Dass das hier skizzierte Vorgehen nicht nur sinnvoll, sondern auch auf seriöse Weise möglich ist, wurde ebenfalls von Ghaemi (2011: 8) dargelegt: So zeigt er auf, dass die Methode von Psychiater und Historiker einander durchaus entsprechen. In beiden Disziplinen spielt die Verwendung von Fallanaly sen eine zentrale Rolle. Mit deren Hilfe ist eine Bewertung der Vergangenheit eines Individuums basierend auf eigenen Aussagen sowie Aussagen Dritter möglich. Ein wichtiger Unterschied kann darin gesehen werden, dass der Psychiater unmittelbar auf die Aussagen lebender Personen zugreifen kann, wohingegen dem retrospektiv arbeitenden Sozialwissenschaftler lediglich die dokumentierten Aussagen verstor bener oder zumindest nicht persönlich verfügbarer Personen zur Verfügung ste hen. Dieser Umstand ist allerdings nur bedingt problematisch, wenn man sich das 258 generelle Problem des Selbstberichts vor Augen hält, dem auch und gerade der Psychiater im unmittelbaren Kontakt mit der Patientin oder dem Patienten ausge setzt ist. Dieses Problem besteht darin, dass manche Krankheitsbilder Verdrängung als Symptom aufweisen und somit jegliche Selbstbeschreibung per se kritisch zu bewerten ist. Somit sind auch und gerade die Aussagen Dritter sowohl für den Psy chiater als auch den Historiker von hohem Wert, wenn nicht mitunter gar wertvol ler (Ghaemi 2011: 8 f.). Die Anwendung eines wissenschaftlich fundierten Zuganges ist umso bedeutender, wenn man sich vor Augen führt, wie groß die Prävalenz psychischer und psycho somatischer Erkrankungen unter hochrangigen Politikern ist, wie etwa die Zahlen von 41 % depressiver Erkrankungen, 22 % Angststörungen und 33 % somatoforme Störungen nahelegen (Post 1994). Auch Davidson et al (2006) konnten nach weisen, dass 49 % aller US-Präsidenten in irgendeiner Phase ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen waren, was in etwa dem nationalen Prävalenz durchschnitt entspricht, wobei allerdings die Rate für depressive Erkrankungen deutlich über dem Durchschnitt liegt (Kessler et al. 1994; Davidson et al. 2006). In zahlreichen Studien wurde bereits aufgezeigt, wie sich Paranoia, Borderline- Störungen oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen bei politischen Entschei dungsträgern in problematischer Weise auch und gerade auf zwischenstaatlich rele vantes Entscheiden auswirken können. Allerdings wäre es verfehlt anzunehmen, dass der Effekt psychischer Erkrankungen sich stets negativ auf den zwischenstaat lichen Entscheidungsprozess auswirkt. Vielmehr ist es erforderlich, der Analyse ein differenziertes Bild der Implikationen des Vorliegens psychischer Erkrankungen zugrunde zu legen. Denn Nassir Ghaemi (2011) etwa konnte nachweisen, dass in unterschiedlichen Entscheidungskontexten unterschiedliche Stati psychischer Ge sundheit hilfreich sein können. In einem nichtkrisenhaften Kontext erweisen sich vor allem Entscheidungsträger als erfolgreich, die nicht von psychischen Proble men betroffen sind. In krisenhaften Situation indessen kann sich die Betroffenheit von spezifischen psychischen Erkrankungen als vorteilhaft erweisen. Ghaemi (2011: 3) spricht in diesem Zusammenhang vom inversen Gesetz der Gesundheit, das er wie folgt umschreibt: ,,[W]hen times are good, when peace reigns, and the ship o f state only needs to sail straight, mentally healthy people function well as our leaders. When our world is in tumult, mentally ill leaders function best.” Insgesamt, so legt Ghaemi (2011: 18) untermauert durch klinische Studien dar, dass „more often than not, those mental illnesses enhance or promote those qualities more frequently than is the case in the absence of those mental illnesses”. Hierbei spielen Aspekte wie Realismus, Empathiefähigkeit, Resilienz und Kreativität eine maßgebliche Rolle. Insbesondere die sogenannte Hypothese des sogenannten De pressiven Realismus, welche der Hypothese der erlernten Hilflosigkeit entgegengestellt wird, ist hier zu erwähnen. Dabei ist das Argument, dass eine depressive Erkran kung beim betroffenen Entscheidungsträger dazu führen kann, die eigenen Mög 259 lichkeiten korrekt einzuschätzen, während Personen, welche ein solches Krank heitsbild nicht aufweisen, regelmäßig ihre Möglichkeiten überschätzen. Mit anderen Worten kann das Vorliegen einer Depression zu einer realistischeren Einschätzung von Situationen führen. Die Aussagen der Depressive-Realism-Hypothese deckt sich mit den Erkenntnissen, welche Ellen Langer und Jane Roth im Bereich der Kontrollillusion sowie Shelley Taylor mit Blick auf das Konzept der positiven Illu sion gemacht haben. Hierbei zeigte sich, dass die psychologisch gesündesten Pati enten am unrealistischsten in der Einschätzung der Realität waren. Eine Erklärung hierfür liegt etwa darin, dass Realismus in der gesunden Psyche zu Gunsten des individuellen Wohlbefindens reduziert wird. Unter Normalbedingungen über schätzt sich der gesunde Mensch; viele Menschen verbessern sich zugleich durch die Erfahrung von Niederlagen, weil hierdurch die Illusion verringert wird, wäh rend zugleich die stetige Erfahrung von Erfolg zu einem so hohen Maß an Selbst überschätzung führen kann, dass am Ende der individuelle Niedergang stehen kann (Ghaemi 2011: 54f.).40 In diesem Zusammenhang spielt auch der Aspekt der Empathie eine wichtige Rol le. Empathie kann hierbei unterschiedliche Ausprägungen annehmen: Auf kogniti ver Ebene bedeutet Empathiefähigkeit das Vermögen des Individuums, das denken zu können, was ein anderer Mensch denkt. Mit Blick auf die affektive Seite bedeu tet Empathie, das zu fühlen, was ein anderer fühlt und in sensorischer Hinsicht heißt die Fähigkeit zur Empathie, das Körpergefühl eines anderen gleichsam selbst wahrnehmen zu können (Ghaemi 2011: 82 f.). Dabei ist zu konstatieren, dass Em pathie ein neuro-biologisches Faktum darstellt, welches etwa durch die Existenz von Spiegelneuronen und eine hohe Zahl an vorhandenen Oxytocin-Rezeptoren nachweisen lässt. Die Messung erfolgt anhand unterschiedlicher Skalen, so etwa des Interpersonal Reactivity Index. Mit Blick auf das Krankheitsbild der Depression konnte in Studien eine hohe Korrelation von Depressivität und dem Grad an (ins besondere affektiver) Empathie nachgewiesen werden (Ghaemi 2011: 83 f.). Be merkenswert in diesem Zusammenhang ist das Phänomen der Verstetigung der Empathie. So hat sich gezeigt, dass die während einer depressiven Episode beson dere Offenheit für affektive Empathie auch nach deren Abklingen anhält und sich sogar noch intensivieren beziehungsweise verstetigen kann. Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass die relevanten neuronalen Strukturen sich als so stabil erwiesen haben, dass „the intense experience o f emoitional identification with others might leave a lasting mental legacy“ (Ghaemi 2011: 84). Mit anderen Worten führt die Das Phänomen des Depressiven Realismus lässt sich mithilfe des sogenannten Goldilocks-Prinzips erklären, bei dem eine umgedrehte U-Kurve das gibt Optimum angibt. Das gilt gleichermaßen für Angst und Illusion. Dabei sind ein zu viel wie ein zu wenig schlecht, ein rechtes Maß ist perfekt. Bezogen auf Illusion bedeutet das: Zu viel Realismus führt zu Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit, während ein zu hohes Maß an Illusion zu einer unrealistischen Interpretation von entscheidungserheblichen Sachverhalten führt und gegebenenfalls in der Unfähigkeit mündet, mit Situationen umzugehen beziehungs weise m it der Umwelt angemessen zu interagieren (vgl. Ghaemi 2011: 55 f.). 260 affektive Empathie, welche im Rahmen einer schweren depressiven Episode ent standen ist, dazu, dass das Gehirn Strukturen ausprägt, die dazu führen, dass auch auf lange Sicht den Ansichten des Gegenüber Wertschätzung und ein gewisses Maß an Verständnis entgegengebracht werden kann (Ghaemi 2011: 83 f.). Depressive Erkrankungen sorgen also dafür, dass die natürlich vorhandene Empathiefähigkeit des Betroffenen sich verstärkt, und so bewirkt, dass die Interdependenz zwischen den Individuen keine abstrakte Größe bleibt, sondern subjektiv erfahrbar wird (Ghaemi 2011: 85). Dieses als depressiver Aktivismus bezeichnete Phänomen lässt sich etwa anhand der Beispiele von Gandhi und Martin Luther King gut erkennen. Der dritte Aspekt in Zusammenhang mit dem inversen Gesetz der Gesundheit ist die Resilienz. Der positive Effekt in Krisenkontexten ist das Erzielen positiver Er gebnisse trotz immanenter Bedrohungslagen (Ghaemi 2011: 118). Die Herausbil dung von Resilienz wird vor allem in der Interaktion unterschiedlicher Faktoren gesehen, so etwa dem Zusammentreffen einer hyperthermischen Persönlichkeit mit kritischen Lebensereignissen wie etwa einer schweren Krankheitserfahrung. Durch die positive Bewältigung eines persönlichen kritischen Lebensereignisses kommt es regelmäßig zur Stärkung der Psyche. Gleichzeitig kommt es zur Entwicklung geeig neter Coping Strategien für andere krisenhafte Entwicklungen, mit denen der be troffene Entscheidungsträger konfrontiert wird. Resilienz lässt sich somit bildhaft als eine Art Impfschutz der Seele verstehen. Allerdings ist auch zu beachten, dass bestimmte Persönlichkeitstypen genetisch bessere Voraussetzung für erfolgreiche Resilienz aufweisen, wie etwa die bereits erwähnte hyperthermische Persönlichkeit. Über eine solche verfügten etwa Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy, was sich auch entsprechend auf ihr Entscheidungsverhalten auswirkte. Zudem erweist sich die Existenz eines stabilen Netzwerks aus Freunden oder Familie als resilienzförderlich. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf den Effekt der manischen Persönlichkeitsstörung verwiesen, welcher nicht nur ebenfalls zur Resilienzbildung beitragen kann, sondern unter Umständen auch die Kreativität und Problemlösungsfähigkeit eines Entscheidungsträgers positiv beeinflussen kann. Ein Krankheitsbild, wo kritische Lebensereignisse und die Wirkung des Entstehens oder Ausbleibens von Resilienz in besonderer Weise an Bedeutung erlangt, ist die Traumafolgestörung, insbesondere die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; vgl. hierzu etwa Breslau 2002; Morris/Rao 2013; Maercker et al. 2008). Anders als etwa Narzissmus oder Paranoia ist die Untersuchung dieser Problematik mit Blick auf zwischenstaatliches Entscheiden bislang so gut wie nicht erforscht. Gerade deshalb soll dieses Krankheitsbild hier aufgegriffen werden.41 Ausgangspunkt hier Die in diesem Abschnitt vorgelegten Inhalte wurden in ähnlicher, jedoch sehr viel aus führlicherer Form als Vortrag und Research-Paper vom Autor dieser Arbeit gemeinsam mit Wolfram Ridder unter dem Titel „The Making and Breaking o f Traumatized Leaders: Origins and Foreign Policy Effects o f PTSD — The Case o f Calvin Coolidge“ verfasst und im Rahmen des Panels „Cognitive and Psychological Approaches o f Foreign Policy Decision M aking“ auf der ISA Annual Convention am 21.2.2015 in New Orleans, vorgetra- 261 bei ist der Umstand, dass Menschen in ihrem Leben mit Ereignissen konfrontiert werden können, die fernab ihrer alltäglichen Erfahrung liegen und welche sie als existenziell bedrohlich erleben. Diese sogenannten traumatischen Ereignisse wer den nach dem WHO-Klassifikationssystem ICD-10 als „belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung her vorrufen würde“ (DIMDI) definiert42. Zudem wird die Traumatisierung von Fi scher/Riedesser (2009: 84) als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Ge fühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauer hafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ beschrieben (vgl. zudem Grittner 2010). Die Symptomatik der PTBS weist eine spezifische Kombi nation der Symptomgruppen Intrusion/Wiedererleben (Nachhallerinnerungen), Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit (numbing) und Ubererregung (hyperarousa)) auf. Diese Symptome zeigten sich alle auch bei US-Präsident Coolidge, nachdem dieser seinen Sohn verloren hatte (zur psychobiografisch relevanten Ent wicklung von Coolidge vgl. Gilbert 2005: 87; vgl. auch Fuess 1940: 25; White 1938: 7, 18; McCoy 1967: 7). Lynch/Kilmartin 1999: 44; (Nader 1997: 19; Rosen 1986; Krupnick 1984; Davidson/Connor 2008; Sanders 1999: 180; Elmswiler/Elmswiler 2000: 168; Moody/Moody 1991; Steinberg 1997: 123). Dieses Ereignis traf Cooldige nicht ohne, dass eine Interaktion mit seiner spezifischen Persönlichkeitsausprä gung sowie seinen Sozialisationserfahrungen stattfand. Aufgrund bestehender Min derwertigkeitskomplexe war Coolidge bereits beim Tod seiner Mutter sowie dem seiner Schwester unfähig gewesen, adäquate Trauerarbeit zu leisten. Konkret bedeutet dies, dass trotz der extremen psychischen Folgen, welche der Verlust seiner Mutter und seiner Schwester für Coolidge mit sich brachten, dieser als Schutzreaktion seine Emotionalität stark unterdrückte, was wiederum einer gesunden psychische Weiterentwicklung entgegenwirkte. Während Coolidge auf diese Weise zwar in der Außenwirkung durchaus erwachsenen Verhaltensmustern gerecht wurde und die Rolle einnehmen konnte, die erforderlich war, um seinen gen. Zudem sind einige der Informationen zum Krankheitsbild PTSD bereits im Konfe renzpaper unter dem Titel „Psychotrauma, Public Health und politikfeldübergreifende, themengeleitete Policyanalyse: Herausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wissen schaft“ verarbeitet worden, das gemeinsam mit Wolfram Ridder, Nico Kunz und Annika Clarner verfasst und im Rahmen derjahrestagung der DVPW Sektion Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft am 18.3.2014 in Bremen vorgestellt worden. Noch konkreter beschreibt das US-amerikanische Diagnosemanual DSM-V diese Ereig nisse als das Erleben oder Beobachten von Tod, Todesbedrohung, tatsächlicher oder drohender schwerer Körperverletzung, tatsächlicher oder angedrohte sexuelle Gewalt, welche einmalig oder mehrmalig auftreten können, sowie der indirekten Mitteilung oder indirekten beruflichen Beteiligung daran. Hierbei spricht man vom A1-Kriterium. Das vormals existierende zusätzliche A2-Kriterium, das im Vorläufermanual DSM-IV als notwendige Furchtreaktion einer Person enthalten war, wurde aufgrund fehlender empiri scher Bestätigung zur Ausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung gestrichen. 262 politische Ambitionen zu folgen, entsprachen seine innere Emotionaliät und damit zusammenhängend seine empfundenen emotionalen Reaktionen einem deutlich jüngerem Entwicklungsstand. Dieser Umstand manifestierte sich etwa in Form von persistenten kindlichen Gefühlen von Verlorenheit und Verlassensein sowie einer weiterhin vorhandenen ausgeprägten Einsamkeit, die durch als komorbide Erscheinung auftretende Angststörung und damit zusammenhängend innere Wut und Verzweiflung begleitet wurde. Diese Kombination aus Erfahrung und Persönlichkeitsausprägung sollte sich später begünstigend auf die Entwicklung von Coolidges Depressivität auswirken (Sanders 128; Warwick et al 1993: 52). Seine inneren Konflikte kehrte Cooldige nicht nach außen; dort konnte vielmehr nach Abschluss des College, was ihm endlich wieder Lebenskraft und Motivation einflößte, sein ambitioniertes, durchdachtes Handeln als aufstrebender Politiker wahrgenommen werden (Buckely 2003). Er arbeitete hart und effizient, war durchsetzungsstark und hatte einen ausgeprägten Sinn für relevante politische Themen (Glert 2005: 100f.). Seine Empfindsamkeit und Neigung zur Depressivität halfen ihm dabei sogar, zwischen den Zeilen seiner Gegner wie Mitstreiter zu lesen und besonders sensitiv auf die Belange seiner Mitmenschen zu reagieren, ein Phänomen, das bereits weiter oben im Kontext der Hypothese des depressiven Realismus (Ghaemi 2012) ausführlich vorgestellt wurde. Auf diese Weise gelang es Coolidge etwa, sehr gut mit den Medien zusammenzuarbeiten und diese für seine Zwecke zu gewinnen (Blair 1973: 504) — und somit auch die breite Öffentlichkeit (Buckley 2003: 595f.). Speziell auch auf dem Gebiet der Außenpolitik beeindruckte Coolidge immer wieder mit seiner Sorgfalt bei gleichzeitiger Entschiedenheit. Hierfür erfuhr er nicht nur Lob von Volk und politischer Elite, sondern explizit auch vom Kongress, wo wiederholt sein Scharfsinn und seine Entschlossenheit positiv hervorgehoben wurden (Gilbert 2005: 101). Eines seiner Ziele war es, die Republikanische Partei zu liberalisieren. Mit Blick auf seine Außenpolitik sollte sich dies darin niederschlagen, dass er einerseits die Macht des internationalen Finanzwesens im Bereich der internationalen Beziehungen brechen wollte, zum anderen strebte er eine Anerkennung der Sowjetunion an (Maddox 1967: 774; Appleman Williams 1952: 205). Der überraschende Tod seines sechzehnjährigen Sohnes 1924 sollte jedoch ein solche gravierendes kritisches Lebensereignis im Leben von Präsident Coolidge darstellen, dass die sich hieraus entwickelende Traumafolgeerkrankung nicht nur sein persönliches Leben, sondern ebenso seine Amtsgeschäfte und (außen-) politischen Entscheidungen nachhaltig beeinflussen sollte. Zwar ist bekannt, dass der Verlust eines Kindes zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Erfahrungen gehört, die man als erwachsener Mensch erleben kann (Gilbert 1997: 101 ff.). Im Falle von Calvin Coolidge jedoch gingen sein Schmerz und seine Trauer über den plötzlichen Tod seines Sohnes weit über das Maß hinaus, was in der Regel in sol chen Fällen als Reaktion festzustellen ist (Gilbert 2005: 93). Coolidges Reaktion lässt sich als abnormale Trauerreaktion charakterisieren, die einher ging mit einer schweren Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Ebenso kann eine 263 schwere klinische Depression konstatiert werden (Gilbert 2003, 2005: 94). Coolidge wies in diesem Zusammenhang ein deutlich verändertes Ess- und Schlafverhalten auf. Ursprünglich ein schwacher Esser, begann er, übermäßig viel Nahrung aufzu nehmen. Lag sein durchschnittliches Schlafpensum vor dem Tod seines Sohnes noch bei ca. 8-9 Stunden Schlaf pro Nacht, gegebenenfalls ergänzt durch ein kurzes Nickerchen am Nachmittag, lässt sich für die Zeit nach dem kritischen Lebenser eignis eine schwere Hypersomnie diagnostizieren: Neben nunmehr mindestens 11 Stunden Schlaf pro Nacht, die häufig zwischen Frühstück und Mittagessen um wei tere Stunden der Bettruhe ergänzt wurden, trat ein täglicher Mittagsschlaf von re gelmäßig bis zu vier Stunden Dauer. Coolidge, der dafür bekannt gewesen war, ausdauernd und effizient seiner vielen Arbeit nachzugehen, war nach dem Tod sei nes Sohnes nicht mehr in der Lage, mehr als vier bis fünf Stunden am Tag seiner Arbeit als Präsident der USA nachzugehen. Und sogar hier ist er bisweilen am Schreibtisch eingeschlafen. Diese Flucht in den Schlaf, um der unerträglichen Reali tät zu entkommen, wurde ergänzt durch Zustände andauernder Müdigkeit und Er schöpfung, tiefer Versunkenheit in sich selbst und perpetuierende Gedanken an den Tod. Hinzu kamen psychosomatische Beschwerden und ein auffällig verändertes psychomotorischen Verhalten (Gilbert 1988: 95f.; Gilbert 2005: 94). Ferner traten schwere Schuldgefühle hinzu, nicht nur, weil er weil er sich vorwarf, dass die Sportverletzung, welche zur Blutvergiftung und somit zum raschen und unerwarte ten Tod des Sohnes führte, damit zusammenhing, dass er ihn vernachlässigt habe, weil sich die Verletzung ereignete als der Sohn auf dem Gelände des Weißen Hau ses Tennis spielte, statt mit dem Vater etwas zu unternehmen, sondern auch, weil er sich durch sein eigenes Verhalten als karriereorientierter Mann, der kaum Zeit für seine Familie aufbringen konnte, Parallelen zwischen seine eigenen von Ein samkeit und Verzweiflung charakterisierten Kindheit ohne Vater und der Situation seines Sohnes erkannte. Aufgrund seiner zwanghaft gewissenhaften Persönlich keitsstruktur wogen diese Gewissensbisse umso schwerwiegender (Gilbert 2005: 97f.). Deutlich wird erkennbar, wie sich das Verhalten Coolidges von und nach dem Tod des Sohnes 1924 unterschied. Er war von andauernder Antriebslosigkeit gekenn zeichnet, unternahm keine weiteren Reisen mehr und setzte sich nur noch Altbekanntem aus (Schenker 1988: 421ff.). Seinen Umgang mit anderen Menschen schränkte er weitestmöglich ein, er wurde wieder wie in seiner Kindheit sehr still und nach innen gekehrt. Den direkten Kontakt mit den Medien, öffentliche Auftritte und Wahlkampf, Übungen die er bislang so gut beherrscht hatte, mied er nahezu vollständig. Aber auch seine politische Arbeit selbst ruhte seit jenem Ereignis fast vollständig — und das keineswegs nur vorübergehend (Gilbert 2005: 94f.; Lathem 1968: 62f., 216; McCoy 1967: 390). Die bis dahin rege und intensive Interktion zwischen Coolidge und dem Kongress riss nahezu vollständig ab, nicht einmal seine State o f the Union Ansprachen hielt er noch selbst, statt dessen 264 wurden diese von Mitarbeitern der jeweiligen Kammer verlesen. Neue Initiativen seitens des Präsidenten unterblieben gleichsam gänzlich (Gilbert 2005: 102). Als besonders gravierend sollte sich erweisen, dass Collidge de facto nicht mehr in der Lage war, politische Entscheidungen zu treffen, geschweige denn politische Führung auszuüben (Gilbert 2005: 103). Regierungsmitglieder und andere Mitarbeiter konnten nicht mehr darauf zählen, angehört zu werden oder sich mit dem Präsidenten zu beratschlagen, um Entscheidungen vorzubereiten oder abzustimmen. Coolidges Überforderung vom Regierungsalltag tritt hierbei deutlich zutage. Wie von der Theorie erwartet, zeigt sich in diesem Zusammenhang deutlich der Verlust von Affektkontrolle in Form von Wutausbrüchen sowie Demütigungen und gar Bedrohungen von Mitarbeiterinnen (und sogar enger Verwandter, nicht selten auch in der Öffentlichkeit), wie es sie zuvor von Coolidges Seite nie gegeben hatte; vielmehr war dieser zuvor als ein sehr höflicher und umgänglicher Mensch und Vorgesetzter bekannt gewesen (Fuess: 198, 406; Hoover 1934: 323). Als Coolidges Arbeitsminister diesen eines Tages hinichtich eines zentralen Sachverhalts nach seiner Sichtweise fragte, geriet Coolidge in Rage, und ließ diesen wissen, dass er doch der Minister sei, und wenn er nicht in der Lage sei, eigenständig Entscheidungen zu treffen, werde er ihn unverzüglich ablösen lassen (Gilbert 2005: 102). Diese Auswirkungen seiner posttraumatischen Erkrankung an PTBS blieb auch nicht ohne Effekt für Coolidges außenpolitisches Handeln. Auch auf dieses Terrain wirkte sich seine Antriebslosigkeit und Unfähigkeit, Entscheidungen zu fällen, aus: So ließ Coolidge etwa seinem Außenminister Frank Kellog im Juni 1925, als dieser mit dem Präsidenten drängende außenpolitische Probleme besprechen wollte, lediglich wissen, dass er alle Entscheidungen nach seinem eigenen Urteil fällen möge. Ähnlich erging es etwas später dem Acting Secretary of State Joseph Grew, als er sich hinsichtlich einer äußerst wichtigen Problematik, der sich das Außenamt gegenübersah. Auch ihm gegenüber äußerte Coolidge nur, er solle einfach so handeln, wie er es richtig finde, er werde bei allem, was er tut, hinter ihm stehen. Als es im Senat zu Abstimmung über den Internationalen Strafgerichtshof kam, ein Projekt, das Coolidge vor den Ereignissen von 1924 sehr am Herzen gelegen hatte, und dem sein ganzes Engagement galt, nahm er dies mit Gleichmut wahr. Weder unterstützte er seine eigenen Repräsentanten, sei es fachlich oder moralisch, noch versuchte er, auf die Senatsentscheidung Einfluss zu nehmen, so wie er es zuvor vehement getan hatte (Gilbert 2005: 106; Gilbert 1988: 91). Ähnliche Effekte lassen sich auch mit Blick auf die amerikanische Chinapolitik jener Zeit ausmachen, welche trotz der Unruhen, von denen das asiatische Land gezeichnet war, auf eine Annäherung hin ausgerichtet war. Obgleich auch diese Politik einst von Coolidge intensiv verfolgt worden war, verfolgte er die Entwicklungen nur noch teilnahmslos. Er selbst traf de facto keine relevante Entscheidung mehr; ebensowenig unterstützte er in erkennbarer Form Außenminister Kellog, der letztlich und keineswegs freiwillig zum alleinigen maßgeblichen Gestalter der amerikanischen Politik in Fernost in der späteren Amtszeit Coolidges avancierte 265 (Gilbert 2005: 106). Wie sich anhand der Kasuistik Calvin Cooldiges gezeigt hat, ist die Klassifizierung eines Krankheitsbildes ein wichtiges Element der Analyse auch hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf entscheidungsspezifische Prozesse. Somit sollte neben den bereits oben erwähnten Aspekten stets auch der Blick darauf ge richtet sein, ob Symptomatiken dauerhaft oder wiederholt auftreten. Zudem ist streng darauf zu achten, ob die Kriterien gemäß einem geeigneten Diagnosehand buch (etwa ICD-10 oder DSM-V) in der dort spezifisch geforderten Weise erfüllt sind. Zudem sollte der analytische Blick darauf gerichtet sein, ob sich Veränderun gen in der Persönlichkeit, den Beziehungen oder der Herangehensweise an die Ar beit hinsichtlich des Entscheidungsträgers empirisch erkennen lassen (Davidson et al. 2006). 4.4 Berater und Bürokratie: Die Logik des Gruppen-und Institutionenkontexts Im vorausgegangenen Abschnitt wurden Einflussfaktoren auf den zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess betrachtet, welche den individuellen Entscheidungsträ ger betreffen. Zusammenfassend lässt sich dabei sagen, dass der psychobiografische Zugang aufzeigt, wie die Persönlichkeit sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen entwickelt hat. Der Rückgriff auf Persönlichkeitsinventare ermöglicht die Kategorisierung der Persönlichkeit, was Aussagen über Hand lungswahrscheinlichkeiten zulässt. Die Analyse des Führungsstils eines entschei dungstragenden Individuums als Ausdruck einer spezifischen Persönlichkeit lässt zudem weitere Rückschlüsse auf konkretes Entscheidungshandeln zu. Hierbei sind dann noch zwei wesentliche weitere Faktoren mit in die Entscheidungsprozessana lyse miteinzubeziehen, nämlich einerseits kognitive, emotionale und abwehrmecha nismusbedingte Größen und andererseits gesundheitsbedingte Einschränkungen und insbesondere psychische Erkrankungen. Obwohl die Betrachtung der individuellen Analyseebene und die damit verbundene Öffnung der Black-Box Mensch unverzichtbar ist, um die Handlungslogiken des einzelnen Entscheidungsträgers zu verstehen und gegebenenfalls prognostizieren zu können, kann die Theoriefortbildung nicht an dieser Stelle verharren. Denn au ßen- und sicherheitspolitische Entscheidungen kommen nicht in einem sozialen Vakuum zustande; vielmehr entstehen sie in mehr oder weniger organisierten Gruppenkontexten, wo im- und explizite soziale Regeln das Verhalten der an dem Zustandekommen einer Entscheidung mitwirkenden Personen beeinflussen (Tetlock 1979). Somit gilt es, nicht nur die Funktionslogik des einzelnen Individuums als Entscheidungsträger zu analysieren, sondern vielmehr muss zugleich auch die entscheidungsbildende Gruppe mit in die Erklärung des Entscheidungsfindungs prozesses beziehungsweise der daraus resultierenden zwischenstaatlichen Handlung 266 eingebunden werden. Neben positiven Effekten von Gruppenarbeit (Hackman/O’Connor 2004; Johnston 2005; Medina 2008; Smith 2008; Sunstein 2006) existieren Dynamiken, welche die Erreichung einer adäquaten oder gar optimalen Entscheidung beeinträchtigen können, wie etwa Produktivitätseinbußen beim Brainstorming, den Gemeinwisseneffekt (common knowledge effect), das Phänomen der Gruppenpolarisierung, die Bestätigungs-Verzerrung (confirmation bias), das Problem der Overconfidence und der Konformitätsdruck (Strauss et al. 2009). Gerade in zwischenstaatlich relevanten Entscheidungsprozessen vertrauen Grup pen auf die Methode des Brainstormings um Ideen zu generieren. Dabei wird re gelmäßig davon ausgegangen, dass dieser Ansatz gerade innerhalb von Gruppen zu besseren Ergebnissen führt als ein individuelles Entwickeln von Ideen (Paulus/Dzindolet 1993; Paulus/Dzindolet/Poletes/Camacho 1993). Allerdings hat sich vielfach gezeigt, dass gerade das Gegenteil der Fall ist und insbesondere mit steigender Zahl an Gruppenmitgliedern auch das Maß an Produktivität hinsichtlich der Hervorbringung gleichermaßen geeigneter wie kreativer Ideen signifikant ab nimmt (Diehl/Stroebe, 1987; Mullen/Johnson/Salas, 1991; Nijstad/Stroebe/Lodewijkx 1999). Dieses Defizit, das auch als Illusion der Produk tivität (Paulus et al. 1993) oder Illusion der Gruppeneffizienz (Stroebe/Diehl/Abakoumkin 1992) bezeichnet wird, wird durch sogenannte Produkti onsblockaden hervorgerufen. Diese entstehen in einem Kontext, in welchem man anderen zuzuhören und darauf zu warten muss, bis man selbst an der Reihe ist, um seine Idee vorzustellen. Nijstad, Stroebe und Lodewijkx (2003) konnten aufzeigen, dass unter diesen Bedingungen die Fähigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, neue Ideen hervorzubringen, deutlich verringert ist. Zwar ist einzuräumen, dass es kognitiv durchaus stimulierend wirken kann, der Präsentation von Ideen durch Dritte zuzuhören (Dugosh/Paulus/Roland/Yang 2000; Nijstad/Stroebe/Lodewijkx 2002) und spezifische Formate des Brainstormings tatsächlich geeignet sind, einen Produktivitätszuwachs beim Erzeugen von Ideen zu bewirken, so etwa beim elektronische Brainstorming (Dennis/Valacich 1993; Gallupe/Cooper/Grisse/Bastianutti 1994; Straus/McGrath 1994), insgesamt je doch überwiegen die Effekte der Produktionsblockaden deutlich (Strauss et al. 2009), was auch mit Bezug auf empirische Kontexte, etwa im Bereich der nachrich tendienstlichen Leistungen von Pearl Harbor über den Yom-Kippur-Krieg bis 9/11 nachgewiesen wurde (Bruce 2008). Ein weiteres Problem, das sich ebenfalls negativ speziell im Kontext außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung auswirken kann, ist der sogenannte Gemeinwissen-Effekt. Hierbei geht es um die Frage des Austauschs von Informa tionen. Gerade im Bereich zwischenstaatlicher Entscheidungsfindung erfordert die regelmäßig hohe Komplexität der Herausforderungen, denen sich die Entschei dungsträger gegenübersehen, dass die Mitwirkenden nicht nur über ein breites Spektrum an Wissen und Kenntnissen verfügen, sondern dieses auch in den Ent scheidungsprozess einbringen können (Gigone/Hastie 1993). Der gruppeninterne 267 Entscheidungsfindungsprozess kann im hohen Maße von Wissen und Kenntnissen aus unterschiedlichen Bereichen und dessen Bewertung aus einer Vielzahl von Per spektiven heraus profitieren; in der Praxis jedoch werden entscheidungsrelevante Informationen, über die möglicherweise tatsächlich nur eines der Gruppenmitglie der verfügt, häufig erst gar nicht in die Diskussion eingebracht oder — selbst wenn das der Fall ist — dann oft nicht aufgegriffen. Die Erklärung hierfür liefert ein mitt lerweile gut beschriebenes Phänomen, bei dem Gruppen regelmäßig nur die Infor mationen und das Wissen behandeln, über das alle Gruppenmitglieder bereits ver fügen. Auf diese Weise werden Lagebeurteilungen und Entscheidungen auf Grund lage verzerrter Informationen getroffen, die eigentlich zutreffendere alternative Be urteilung, das sogenannte „hidden profile“ (Stasser 1988) kann somit nicht als Ent scheidungsgrundlage herangezogen werden. Es wurde sogar nachgewiesen, dass auch wenn Wissen eingebracht wird, das nur einem oder wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekannt ist, vorrangig (oder teilweise sogar ausschließlich) die Informationen zur Entscheidungsgrundlage gemacht werden, die von Anfang an allen bekannt sind (Gigone/Hastie 1993; Greitemeyer/Schulz-Hardt 2003). Be gründen lässt sich dieses Phänomen etwa damit, dass das von allen geteilte Wissen zunächst einmal schon aus Gründen der statistischen Wahrscheinlichkeit eine grö ßere Chance hat, in eine Diskussion eingebracht zu werde, weil nun einmal einfach mehr Personen darüber verfügen (Stasser/Titus 1985, 1987; Larson/Foster- Fishman/Keys 1994). Hinzu kommt, dass die Diskussion über Informationen, die allseits bekannt sind, einen Effekt sozialer Wertschätzung erzeugt; mit anderen Worten erfährt derjenige, der Informationen einbringt, die anderen vertraut ist oder mit der sich andere identifizieren, ein höheres Maß an Wertschätzung und Zu stimmung erhält als derjenige, der Unbekanntes in die Diskussion einbringt, wie wertvoll und wichtig dieses Wissen auch immer sein mag (Wittenbaum, Hubbell/Zuckerman 1999). Nicht zuletzt kann auch der Umstand eine Rolle spielen, dass die individuellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Diskussion bereits eigene spezifische Präferenzen hinsichtlich der Bewertung der Lage und der Prob lemlösungsstrategie aufweisen, was ebenfalls zu Verzerrungen der Diskussion weg von einer hinsichtlich der Problemlösung optimalen Entscheidungsfindung führen kann (Gigone/Hastie 1993, 1997; Greitemeyer/Schulz-Hardt 2003; Greitemeyer/Schulz-Hardt/Brodbeck/Frey 2006). Dieser Effekt wird noch dadurch ver stärkt, dass einmal erlangte Einsichten, Annahmen und Überzeugungen selbst durch neue Erkenntnisse, die in eine Diskussion eingebracht werden, nur sehr zö gerlich verändert werden (Hogarth/Einhorn 1992; Wright/Drinkwater, 1997; (Betsch/Haberstroh/Glöckner/Haar/Fiedler 2001; Brockner/Rubin 1985). In diesem Zusammenhang entfaltet auch die sogenannten Bestätigungsverzerrung (Confirmation Bias) ihre Wirkung, die besagt, dass Individuen wie auch Gruppen eine hohe Tendenz aufweisen, (durchaus auch unbewusst) selektiv solche Informatio nen auszuwählen und zu überbewerten, welche sich in bereits bestehende kognitive Muster einpassen, beziehungsweise diesen widersprechender Informationen zu ig norieren oder in ihrer Bedeutung abzuwerten (Heuer 1999; Klayman/Ha 1987; 268 Schulz-Hardt/Frey/Luthgens/Moscovici 2000; Skov/Sherman, 1986). An dieser Stelle sei nochmals auf die oben ausgeführte starke Wirkung der Suche nach kogni tiver Konsistenz beziehungsweise des Vermeidens oder Uberwindens kognitiver Dissonanz verwiesen. Zugleich wirkt sich der Effekt der übermäßigen Selbstsicher heit (Overconfidence) negativ aus, bei dem speziell bei größeren, in sich geschlossenen und homogenen Gruppen ein unangemessen hohes Vertrauen in das eigene Wis sen, die eigenen Informationen und die eigenen Fähigkeiten, diese korrekt und der Entscheidungssituation angemessen zu bewerten (Straus et al. 2009). Zugleich kann ein weiterer Effekt hinzutreten und seine Wirkung entfalten: die Gruppenpolarisie rung. Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine Tendenz zur Zuspitzung der Einstellungen, welche von den einzelnen Gruppenmitgliedern innegehabt werden; weist das einzelne Individuum etwa eine moderate Tendenz zur Risikobereitschaft auf, so wird es im Rahmen des gruppeninternen Entscheidungsfindungsprozesses regelmäßig ausgeprägt risikoorientierte Positionen einnehmen (Myers/Lamm 1976; Isenberg 1986). Einer der stärksten und wirkungsmächtigsten Effekte schließlich ist noch der Druck innerhalb von Gruppen hin zu Uniformität. Janis (1972; 1982; vgl. ferner Janis/Mann 1977) umschreibt dieses Phänomen als Groupthink. Dieses wird als wesentliche Ursache für eine Vielzahl von Fällen nachrichtendienstlichen Versa gens (intelligence failure) und außenpolitischer Fiaskos angesehen (etwa Janis 1982). Groupthink tritt insbesondere bei Gruppen mit einem hohen Kohäsionsgrad auf, deren Mitglieder unter spezifischen situativen Bedingungen zusammenarbeiten. Hierbei begünstigende Faktoren sind ein hohes vorherrschendes Stressniveau, ein Gruppenleiter mit einem autoritativen Führungsstil, eine relative Ferne von Sicht weisen außenstehender Experten, das Fehlen von klaren Vorgaben zur Suche und Bewertung von Informationen und ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein bei den Gruppenmitgliedern. Diese Aspekte müssen nicht alle gleichzeitig erfüllt be ziehungsweise jeweils voll ausgeprägt sein, doch je mehr und je intensiver sie vor liegen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe dem Phänomen des Groupthink unterliegt. Die Symptome dieses Phänomens sind etwa ein Gefühl der Unverwundbarkeit der Gruppe und der Glaube an die moralische Überlegenheit, welche der Gruppe und ihren Entscheidungen innewohnt. Daneben ist die Gruppe von einer starken Ingroup-Outgroup-Dichotomie gekennzeichnet, die zudem stark an Stereotypen hinsichtlich der Outgroup orientiert ist. Damit einher gehen eine ausgeprägte kollektive Rationalisierung etwaiger kollektiver kognitiver Dissonan zen, der auch die Ausübung von Druck auf gruppeninterne Abweichler vom Mainstream-Denken nicht ausschließt, wobei nicht zuletzt selbst ernannte Gedan kenwächter eine maßgebliche Rolle spielen. Neben der kollektiven Rationalisierung können zudem weitere psychologische Abwehrmechanismen auftreten, welche kognitiven Dissonanzen entgegenwirken (Chapman 2006). Auf dem Wege einer Art Selbstzensur, die durch die Gedankenwächter aktiv unterstützt wird, kommt es zu einer umfassenden Abschirmung der Gruppe von dissonanten Informationen, was letztlich zu einem hochgradig problematischen Effekt auf den Entscheidungs 269 prozess führt. Im Laufe der Zeit werden auch anfangs eher kritische Gruppenmit glieder aufgrund des gruppensozialen Drucks immer mehr in die Uniformität der Gruppe eingepasst, um keine Rückweisung durch die Gruppe zu erfahren (Willi ams, 2007). Das gilt insbesondere für Mitglieder mit eher niedrigem Status, denen soziale Akzeptanz besonders wichtig ist (Humphreys & Berger 1981; Wittenbaum, 1998). Dieser Aspekt kann sich besonders dann fatal auswirken, wenn Individuen aus dieser Ebene über entscheidungskritische Informationen verfügen, diese aber aufgrund der Groupthink-Dynamik lieber zurückhalten. Gruppen entwickeln also eigene Dynamiken, die sich auf spezifische Weise auf den Entscheidungsprozess innerhalb des komplexen Akteurs Staat auswirken können. Auf diese Weise kann es zu veränderten Perzeptionen, Interpretationen und Wirklichkeitsrekonstruktionen sowohl bei den Gruppenmitgliedern als auch bei denjenigen Entscheidungsträgern kommen, für welche die Gruppe entscheidungserhebliche Informationen aufberei tet, die dann zur Entscheidungsgrundlage werden. Weiter spezifiziert, jedoch auch kompliziert wird die Analyse, wenn man zudem die spezifische Rolle entschei dungserheblicher Politikberater einbezieht, welche sowohl individuell als auch kol lektiv auftreten können. Aufgrund ihrer exponierten Position und in der Regel aus geprägt entwickelten Persönlichkeitsstruktur gilt es bei diesen, synchron sowohl individuelle als auch gruppenspezifische Dynamiken zu berücksichtigen und diese zugleich unter Einbeziehung der individuellen Persönlichkeitsdynamiken des bera tenen Endentscheidungsträgers zu analysieren. Präsident Bush zeigte sich einmal irritiert darüber, dass während des Golfkrieges die Informationen und Ratschläge, die er in jeweils spezifischen Situationen von politischen Beratern erhielt, sich teils eklatant voneinander unterschieden. Ihm schien, als gebe es höchst unterschiedliche Wege, auf welchen Informationen von Beratern eingeholt und bewertet würden (Redd 2002: 335). Nicht zuletzt vor die sem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Einfluss Berater auf den Prozess der zwischenstaatlichen Entscheidungsfindung ausüben und unter welchen Bedingun gen dieser variiert. Bereits an anderer Stelle wurde der Effekt von Framing analy siert. Obgleich sehr wichtig, kann die vollständige Bedeutung der Rolle politischer Berater nur analytisch erfasst und in das Modell integriert werden, wenn noch wei tere Dynamiken Berücksichtigung finden, so etwa die Abhängigkeit der Interaktion mit dem zu beratenden Entscheidungsträger von dessen Persönlichkeitscharakteris tik oder dessen Führungsstil. Auch auf dem Gebiet der Analyse des Einflusses von Beratern auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess wird an dieser Stelle kein völliges Neuland betreten (Walker 1987; Orbovich/Molnar 1992; Russett/Starr 1996). Vielmehr kommt auch hier das analytisch-eklektische Vorgehen zum Tragen. Das erscheint angesichts der Erkenntnis von Honig (2008: 225) durchaus gerecht fertigt, der konstatiert, dass bislang kein Modell existiert, welches auf umfassende Weise den Einfluss von Beratern auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess und somit auf die Gestaltung der internationalen Beziehungen erfasst. Zwar wür den immer wieder einzelne Aspekte wie ,,‘political bargaining', ‘psychological per suasion' or ‘strategic game“‘ (Honig 2008: 225) behandelt, jedoch fehlt es bislang an 270 einem komprehensiven Ansatz. Dabei existieren durchaus Ansätze, die versuchen interdisziplinär Erkenntnisse zusammenzutragen und zu synthetisieren. Allerdings findet dies im Rahmen einer dezidierten Verengung des Untersuchungsgegenstan des etwa auf das präsidentielle Entscheiden im (außen-)politischen System der Ver einigten Staaten von Amerika (Stratham 2005: iii) oder dergleichen statt. Zugleich zeigt sich, dass zwar ein stillschweigendes Einvernehmen darüber besteht, dass Be rater grundsätzlich eine bedeutsame Rolle bei der Gestaltung der internationalen Beziehungen spielen (Eichbaum/Shaw 2007: 453) und nicht selten sogar den au ßenpolitischen Kurs diktieren (Stratham 2005: ii), zugleich aber nur wenige Versu che existieren, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie genau dieser Einfluss aus sieht beziehungsweise auf welche Weise sich dieser faktisch wie normativ auswirkt. Nicht selten wird der Einfluss von Beratern als negativ dargestellt, etwa weil sich außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsträger den korrodierenden Effekten von politischen Beratern nicht bewusst seien und sich daher in einer von ihnen nicht beabsichtigte, problematische Richtung treiben ließen (Rhodes/Weller 2005: 7) oder weil sie den Einfluss des öffentlichen Dienstes und der Ministerialbürokratie unterminierten (Edwards 2002; Holland 2002; Keating 2003; King 2003; Maley 2000, 2002; Mountfield 2002; Phillipps 2002; Senate o f Australia 2002; Tiernan 2004, 2007; Walter 1986; Weller 2002; Eichbaum/Shaw 2007). Als besonders nega tiv wird hierbei der asymmetrische Vorteil bewertet, den politische Berater auf grund ihres unmittelbaren und dauerhaften Zugangs zu den politischen Entschei dungsträgern gegenüber anderen Akteuren der öffentlichen Verwaltung besitzen; dieser wird letztlich als ernsthaftes Risiko für eine Marginalisierung des öffentlichen Dienstes und seines Einflusses auf die politische Gestaltung angesehen (Eich baum/Shaw 2007: 455f.). Hierbei wird das Umfeld politischer Entscheidungspro zesse nicht selten als eine Art Feudalsystem (Honig 2008: 223) angesehen, wo Bera ter autonom kleine Entscheidungen innerhalb ihrer abgesteckten Bereiche treffen und die eigentlichen Entscheidungsträger statt sie neutral zu beraten vielmehr mit einem „fait accompli“ (Honig 2008: 223) konfrontieren und so — nicht zuletzt mo tiviert durch Streben nach Erhalt beziehungsweise Ausdehnung der eigenen Auto nomie — den politischen Entscheidungsprozess in (zu) hohem Maße auf problema tische Weise beeinflussen. Das gilt umso mehr, wenn die Beratung des Entschei dungsträgers durch Techniken wie dem Aussprechen von Drohungen, dem aktiven Verhindern alternativer Beratungsvorschläge durch Dritte, oder das hoch selektive Vereinbaren politischer Termine für den Entscheidungsträger gekennzeichnet ist (Allison/Zelikow 1998: 143-254; Neustadt 1986: 26-43; Hoyt/Garrison 1977: 252). Gleichzeitig gilt es, zwei Einschränkungen hinsichtlich des Einflusses von Beratern zu machen: Einerseits wirken weitere Mechanismen, wie etwa der spezifische Füh rungsstil des beratenen Entscheidungsträgers, unter Umständen der (willentlichen oder unwillkürlichen) Einflussnahme des Beraters entgegen, andererseits mag zwar aus Sicht der Ministerialbürokratie ein Bedeutungsverlust entstehen, dieser jedoch muss sich mit Blick auf die konkrete außen- und sicherheitspolitische Entscheidung nicht notwendigerweise negativ auswirken. So können durch die Präsenz eines je 271 weiligen Gegengewichtes auch etwaige Versuche der Verwaltung, einseitig ihre ei genen Vorstellungen und Interessen in den Entscheidungsfindungsprozess einzu bringen, ausbalanciert werden (Eichbaum/Shaw 2007: 460). Zudem ist auch ein konstruktiver Dialog zwischen Beratern und Ministerialbürokratie denkbar, bei dem die relevanten Verwaltungsakteure die Tragfähigkeit und Umsetzbarkeit ihrer Ideen mit den Beratern der politischen Entscheidungseliten überprüfen können, bevor sie der jeweiligen Ministerialspitze ihre Vorschläge unterbreiten, was zu einer erhöhten Effizienz der Regierungsleistung auf dem Gebiet der Außen und Sicher heitspolitik führen kann. Letztlich kann, wenn konstruktiv genutzt, durch eine er weiterte Beratungsgrundlage der Wissensstand der außen- und sicherheitspoliti schen Entscheidungsträger vergrößert werden (Eichbaum/Shaw 2007: 457). Unab hängig davon, ob ein — im oben ausgeführten Sinne — negativer oder positiver Ein fluss von Beratern vorliegt, es handelt sich in jedem Fall um potenzielle Verzerrun gen von Informationen, die je nach Setting und Beteiligten zu unterschiedlichen Bewertungen und somit unterschiedlichen außen- und sicherheitspolitischen Reak tionen im Kontext ein und desselben Sachverhaltes führen. Daher kommt man nicht umhin, auch die Dynamiken, welche beratende Akteure im zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess entfalten, bei der Analyse desselben zu berücksichti gen. W orauf hierbei neben den bisherigen Ausführungen konkret zu achten ist, wird nun aufgezeigt. Zunächst gilt es, die Hierarchie der beratenden Akteure zu beachten, denn regel mäßig finden sich in Beratungskontexten formelle wie informelle Hierarchien, in nerhalb derer spezifische Personen, die auch repräsentativ für eine Institution ste hen können, einen höheren oder niedrigeren Status hinsichtlich der Einflussmög lichkeiten auf den zentralen politischen Entscheidungsträger einnehmen als andere (Smith 1988; Prados 1991; Gaenslen 1992; Stern 1996; Stern/Sundelius 1997). Da bei ist der Einfluss eines Beraters umso größer, als je bedeutsamer er vom Ent scheidungsträger angesehen wird. Hierbei ist zudem zu beachten, dass bei der Bera tung des Entscheidungsträgers durch einen relativ gesehen wichtigeren Berater zu gleich auch dessen Informationen und Ratschläge von vornherein weniger kritisch durch den Entscheidungsträger begegnet wird. Nicht selten wird sogar ganz auf das Einholen weiterer Expertise durch dritte Berater verzichtet (Redd 2003: 343). Fer ner gilt es zu berücksichtigen, dass nicht zuletzt aufgrund der Logik der kognitiven Konsistenz Berater grundsätzlich Vorschläge unterbreiten, welche mit ihren Beliefs und Überzeugungen in Einklang stehen. Sie nehmen an, dass ihre Empfehlungen am besten dem nationalen Sicherheitsinteresse eines Staates im Kontext einer an stehenden außen- und sicherheitspolitischen Entscheidung dienen (Honig 2008: 224). Somit kommt es bereits an dieser Stelle zu einer Verzerrung. Gleichzeitig spielen aber auch Selbstwahrnehmung des Beraters sowie die Perzepti on seiner Positionierung innerhalb der möglichen anderen Berater sowie vis-a-vis dem Entscheidungsträger selbst innerhalb einer spezifischen Konstellation eine weitere wichtige Rolle. So beeinflusst die Selbstwahrnehmung der Berater deren 272 Grad an Flexibilität hinsichtlich der Wahl der Instrumente. Solange sie davon aus gehen können, dass sie hinsichtlich fachlicher Expertise, bürokratischem Einfluss oder tatsächlicher Macht über klare Vorteile verfügen, führt diese Überzeugung regelmäßig zur Annahme beim Berater, er könne den Entscheidungsträger damit zur vorgeschlagenen Entscheidung bringen, ohne echte Überzeugungsarbeit leisten oder ihn gar manipulieren zu müssen. Wenn allerdings diese (Macht-)Ressourcen nicht bestehen, wird regelmäßig auf Instrumente wie proaktive Überzeugungsarbeit oder gar bewusste Manipulation zurückgegriffen (Honig 2008: 237). Hierbei wird dann weniger die Sachfrage betont, sondern vor allem an die zentralen Überzeu gungen und Schemata des Entscheidungsträgers appelliert, wobei die Argumente so präsentiert werden, dass ganz spezifische kognitive Heuristiken ausgelöst werden (Jervis 1976: 304; Larson 1994). Zur Zielsetzung einer möglichst adäquaten Bera tung des Regierenden tritt zugleich auch die Zielsetzung des Erhalts des eigenen Einflusses hinzu (Calvert 1985; Maoz 1990; Honig 2008). Dies hat zur Folge, dass im Rahmen dieser konkurrierenden Motivationen auch die dargestellten psycholo gischen Mechanismen um solche aus dem Bereich der Rational Choice ergänzt werden. Dadurch werden die Beratungspositionen einerseits flexibler, andererseits zeigt sich dabei aber regelmäßig eine Tendenz hin zu weniger differenzierten und zugleich extremeren Positionen. Nicht selten wird dabei der unmittelbare eigene Erhalt von Einfluss höher bewertet als eine der Lage angemessene Beratung. Die kognitive Dissonanz in der Sachfrage ist somit geringer als die kognitive Dis sonanz hinsichtlich des Selbst und der für das Selbst zugedachten Rolle. Dies er klärt abweichend von Maoz (1990) oder Honig (2008) weshalb sich psychologi sches und Rational-Choice-Handeln nicht ausschließen, sondern situationsspezi fisch nebeneinander beziehungsweise ergänzend voneinander wirken. Wenn etwa der oben dargelegte Appell an das Belief System des Entscheidungsträgers etwa aufgrund der Konkurrenzsituation innerhalb des Beratungsstabes nicht möglich ist, wird der gezielte Aufbau von Informationsasymmetrien als Alternativstrategie ge wählt. In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls wichtig zu berücksichtigen, welche Faktoren genau zu einer Intensivierung der kompetitiven Dynamik innerhalb von Beraterstäben führen können. Ein wesentlicher Grund sind strukturelle Spannun gen zwischen solchen Beratern, die qua Funktion etwa an der Spitze der Ministerialbürokratie und solchen, die aufgrund von persönlichen Beziehungen zum Ent scheidungsträger als Berater fungieren. Eine solche Konstellation ist besonders problematisch, wenn Berater, die persönlich mit dem Entscheidungsträger verbun den sind, in die außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsdomäne eindringen, die eigentlich als die Domäne von professionellen Beratern betrachtet wird und möglicherweise bis zur Berufung der auf persönlicher Ebene mit dem Entschei dungsträger verbundenen Berater von den professionellen Beratern dominiert war. Das gilt insbesondere dann, wenn die persönlichen Berater nicht über eine ver gleichbare formale Autorität oder gar über keine adäquate außen- und sicherheits politische Expertise verfügen (Honig 2008: 238). Ferner ist zu beachten, dass sich auch die Art der konkreten außen- beziehungsweise sicherheitspolitischen Frage 273 stellung selbst auf die Intensität des beschriebenen Wettbewerbs auswirken kann. Das trifft vor allem dann zu, wenn eine spezifische außenpolitische Fragestellung sehr unterschiedliche Implikationen auf den Gebieten der Innen- und der Außen politik aufweist. Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es zu sehr unter schiedlichen Handlungsempfehlungen der jeweils betroffenen Berater kommt, wo bei der Nutzen für die von ihnen repräsentierten Institutionen an erster Stelle ran giert und nicht notwendigerweise ein hiervon abweichendes nationales Sicherheits interesse und schon gar nicht das Interesse einer konkurrierende Institution, auch — und letztlich gerade dann — wenn deren Interesse dem nationalen Sicherheitsinte resse näher kommen sollte als die eigene Position (Honig 2008: 238). Dem Umstand, dass Berater insbesondere auch das Interesse der von ihnen reprä sentierten Institution vertreten, macht es zudem erforderlich, die grundsätzliche Dynamik des bürokratischen Apparates eines Landes bei der Analyse der zwischen staatlich relevanten Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Einen zu diesem Teilaspekt bietet das sogenannte Bureaucratic Policy Making Modell dar. Diese kann als Weiterentwicklung erster Überlegungen aus den 1950er und 1960er Jahren gesehen werden, welche darum bemüht waren, administrative Strukturen und Pro zesse als Faktor des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozesses zu berücksichtigen. Diese wurden von Politikwissenschaftlern wie Allison (1969, 1971, 1973, 1974, 1975 a, b) und Halperin (insbesondere 1974) aufgegriffen und zu einer zweiten Generation bürokratisch orientierter Erklärungsansätze für außen- und si cherheitspolitische Entscheidungen weiterentwickelt. Hierbei zielt das Bureaucratic Policy Making Modell darauf ab, die Präferenzen des bürokratischen Akteurs, seine Interaktion und die hierdurch erzielten Ergebnisse analytisch zu erfassen und zu bewerten. Dabei wird argumentiert, dass die Position eines Akteurs im bürokrati schen Gefüge maßgeblich dessen Präferenzen bestimmt (Allison/Zelikow 1999). Nimmt die die weiter oben dargelegten Erkenntnisse hinsichtlich Sozialisationser fahrungen und darauf basierenden Interpretationen von Struktur und Anderem hinzu, so lässt sich auf dem Argument des Bureaucratic Policy Making Modells ar gumentieren, dass die bürokratische Positionierung Wahrnehmung, Interpretation und Rekonstruktion beeinflusst. Präferenzen entstehen somit aus der Sozialisation und der darauf basierenden Interpretation der Position relativ zu anderen Akteuren im Kontext einer auf spezifische Weise bewerten Struktur. Die auf diese Weise in der Interaktion von individuellen Akteuren als Teil bürokratischer Strukturen wie auch dieser Strukturen als gleichsam eigenständig wirkende Akteure selbst entwi ckelten kollektiven Präferenzen treffen im Kontext des zwischenstaatlichen Ent scheidungsprozesses mit solchen aufeinander, welche andere an diesem Prozess beteiligten bürokratischen Akteure, etwa ein anderes Ministerium, entwickelt ha ben. Hierbei kommt es zu Aushandlungsprozessen, welche die letztlich erkennbare zwischenstaatliche Handlung ebenfalls beeinflussen. Beide sind bei der Analyse des Zustandekommens empirisch erkennbarer zwischenstaatlicher Entscheidungen zu berücksichtigen. Neben der Untersuchung der jeweiligen Identitäten in der oben dargelegten Weise, welche die Interpretation wie die Interessen zu erhellen vermö 274 gen, gilt es ferner den Aspekt der jeweiligen Verhandlungsmacht einzubeziehen, welche den einzelnen Akteuren auf formeller wie informeller Ebene zugebilligt wird. An dieser Stelle zeigt sich, dass formale Strukturen und formale Überlegen heit unter Umständen durch die Persönlichkeitsausprägungen des Repräsentanten einer eigentlich formal schwächeren konkurrierenden bürokratischen Einheit kom pensiert und somit konterkariert werden kann. Bei der Analyse des Einflusses, der seitens des bürokratischen Gefüges auf den zwischenstaatlichen Entscheidungsfin dungsprozess ausgeht, gilt es sowohl die jeweiligen Strukturen, Zuständigkeiten und formalen Machtverhältnisse mit den tatsächlichen Kompetenzen abzugleichen, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. Präzisieren lassen sich die Überlegun gen von Allison und Zelikow durch die von Whitford (2007: 222 f.) dargelegten Erklärungsansätze zur Entstehung bürokratischer Präferenzen. Dieser verweist et wa auf die Effekte der spezifischen (Verwaltungs-) Kultur, welche jeder bürokrati schen Organisation zu eigen ist, und die ihren Ausdruck in spezifischen Wertorien tierung, Tradition etc. findet, ferner mögliche führungsbezogenen Einschränkun gen, sowie nicht zuletzt die Zusammensetzung und Kompetenzen der Bedienste ten. Daneben sind aber auch Hierarchieausprägungen und in diesem Zusammen hang wiederum die einzelnen Führungsstile zu berücksichtigen. Das Zusammenwirkens von Entscheidungsträger, Berater und Bürokratie kann grob am Beispiel der US-amerikanischen China-Politik unter Präsident Bill Clinton illustriert werden. Dabei soll der Blick auf die Auseinandersetzung um die Frage, inwiefern die Entwicklung der chinesisch-amerikanischen Handelsbeziehungen an einen Fortschritt auf dem Gebiet der Menschenrechte in der Volksrepublik China gebunden werden müsse, gelenkt werden. Hintergrund der Entwicklung war die Entscheidung der damaligen Regierung unter George H.W. Bush., trotz dem Mas saker am Platz des Himmlischen Friedens in Beijing und dem davon ausgelösten politischen Druck im eigenen Land namentlich seitens des Kongresses, den Most- Favored-Nation-Status43 Chinas nicht an die Entwicklung der Menschenrechtssitu ation in China zu binden. 43 Nach dem Meistbegünstigungsprinzip oder der Meistbegünstigtenklausel (sogenanntes Most Favored Nation Prinzip, kurz MFN-Prinzip) müssen Handelsvorteile, die einem Vertragspartner gewährt werden, im Zuge der Gleichberechtigung allen Vertragspartnern gewährt werden. So soll es unmöglich werden, Handelsvergünstigungen nur einzelnen oder wenigen Staaten zu gewähren. Dieses Prinzip ist zusammen mit der so genannten Inländerbehandlung die wichtigste Grundlage aller Vertragswerke der Welthandelsorganisation WTO, worunter das Allgemeine Zoll- und Han delsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade, kurz GATT), das Dienstleistungsab kommen (General Agreement on Trade in Services, kurz GATS) sowie das Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums (Agreement on Trade-Related Aspects o f Intellectual Property Rights, kurz TRIPS) fallen. Zusammen m it der Reziprozitätsklausel bildet die Meistbegünsti gungsklausel das Grundprinzip des WTO-Rechts und ist somit das Kernelement der weltweiten Handelsliberalisierung. Die Bezeichnung Meistbegünstigungsklausel ist dabei ein wenig irrefüh rend. Sie gewährt keine besonderen Vorteile, sondern gewährt dem betreffenden Land nur die Behandlung nach den gleichen Zollvorschriften, die auch für alle anderen Länder gelten, mit de- 275 In seinem Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft kündigte Bill Clinton an, dies bei einer erfolgreichen Wahl tun zu wollen. Als gewählter Präsident indes war Bill Clinton schließlich der Ansicht, die Beziehungen zu China seien zu wichtig, um sie wegen der Menschenrechtsfrage zu gefährden (Dietrich 1999; Hyland 1999). Wie kam es zu diesem Wandel? Eine (Teil-)Erklärung kann auch hier mit Blick auf die Rolle der Berater Clintons gegeben werden (wobei zu beachten ist, dass die an deren Aspekte des Analysemodels an dieser Stelle hintangestellt werden, bei genau er Analyse jedoch der Logik der hier entwickelten Modells folgend unbedingt zu berücksichtigen sind). Zunächst einmal gilt es zu konstatieren, dass die scharfe Menschenrechtsrhetorik in Clintons Wahlkampf weniger eine tief sitzende Über zeugung Clintons reflektierte als einem wahltaktischen Kalkül geschuldet war. Das zeigt sich allein schon daran, dass Clinton unmittelbar nach seinem Amtsantritt die Frage des Handels mit China und die damit zusammenhängende Menschenrechts frage an nachgeordnete Ebenen der Ministerialbürokratie delegierte, ohne sich selbst weitergehend damit zu befassen (Hargrove 2008; Mitchell 2010: 644). Für Clinton die Thematik vor allem deswegen nach den Wahlen keine Rolle mehr, da er davon ausging, innenpolitisch damit keine Vorteile mehr erzielen zu können (Lampton 2001). Die Delegierung der Themen in die zuständigen Bereiche der M i nisterialbürokratie ohne eine signifikante Einmischung durch den Präsidenten als Letztentscheidungsträger in diesen Fragen führte — anders als von Clinton beab sichtigt (Rothkopf 2005) — zu einer Eigendynamik zunächst innerhalb zweier zent raler Ministerien, nämlich dem Außenamt und dem Handelsministerium. Eine ver gleichbare Entwicklung zeichnete sich vor dem Hintergrund des mangelnden Inte resses und der daraus resultierenden Einflussnahme des Präsidenten auch im Kon gress ab. Die Inaktivität Clintons in dieser Frage führte bei den jeweiligen Ministerialbürokratien wie auch den jeweiligen Interessenvertretern, die entweder für bedingungs lose oder aber durch an Menschenrechte gebundene Handelsbeziehungen mit Chi na eintraten, zur Überzeugung, dass die ihnen zugehörigen Berater auf unproble matische Weise und ohne Widerstände ihre Politik bei Clinton durchsetzen könn ten. Hierin folgten sie der oben dargelegten Logik des Bureaucratic Politics Models. Dieser zufolge sind Berater, welche spezifische Institutionen der Ministerialbüro kratie repräsentieren, darauf aus, den Entscheidungsträger von Beginn an zur Übernahme der auf der Weltsicht und den Interessen der eigenen Organisation be ruhenden Empfehlungen zu übernehmen. Eine frühe Fesdegung des Entschei dungsträgers in diese Richtung führt nämlich dazu, dass er zu späteren Zeitpunkten nicht mehr so ohne weiteres seinen eingeschlagenen Weg revidieren wird, insbe sondere dann, wenn er weiterhin intensiv den Argumenten ausgesetzt ist, diese also hoch salient sind. Da jeder der durch Clinton mit der Sachfrage betrauten Berater zunächst annahm, neben der überzeugenden fachlichen Expertise und dem eigenen nen normale Handelsbeziehungen unterhalten werden. Deswegen bedeutet die Verweigerung der Meistbegünstigung die Benachteiligung eines Landes. 276 bürokratischen Einfluss über die durch den Präsidenten delegierte Macht zu verfü gen, ging jedes Ministerium davon aus, Clinton zur vorgeschlagenen Entscheidung bringen, ohne echte Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Allerdings stellte sich heraus, dass die Experten des Außenministeriums andere Präferenzen hatten als diejenigen des Handelsministeriums, wobei jede Seite willens war, ihre Präferenzen auch durch den Präsidenten außenpolitisch verwirklicht zu sehen. Aus Sicht des von Warren Christopher geführten Außenministeriums sollte es Handel mit China nur geben, wenn die Menschenrechtssituation im Land nachhaltig verbessert würde (Harding 1994). Damit vertraten sie auch gewichtige Stimmen im Kongress, wie etwa die von Pelosi oder Mitchell. Der Nationale Wirtschaftsrat wie auch die Nati onalen Wirtschaftsberater Robert Rubin, Laura Tyson, Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater, Lloyd Bentsen vom Finanzministerium und schließlich Han delsminister Ron Brown indessen präferierten chinesisch-amerikanische Handels beziehungen unabhängig von der Frage der Menschenrechte (Dietrich 1999). Wie oben dargelegt, kann eine solche Konstellation zu einem gesteigerten Wettbewerb zwischen den Beratern oder Beratergruppen der Ministerialbürokratie und den dar aus erwachsenden Implikationen für den politischen Entscheidungsfindungspro zess führen, wobei der Nutzen für die von ihnen repräsentierten Institutionen an erster Stelle rangiert und nicht notwendigerweise ein hiervon abweichendes natio nales Sicherheitsinteresse und schon gar nicht das Interesse einer konkurrierende Institution, auch — und letztlich gerade dann — wenn deren Interesse dem nationa len Sicherheitsinteresse näher kommen sollte als die eigene Position. Dies tritt auch im betrachteten Fall deutlich zu Tage. Auf Seiten des Außenministe riums agierten neben Warren Christopher vor allem Sandy Berger, stellvertretende Nationale Sicherheitsberaterin, Winston Lord, einer der wenigen China Experten in der Clinton Regierung, und vor allem Anthony Lake, der sehr selbstsicher und ei genständig die Interessen des Außenministeriums vorantrieb, ohne den Dialog oder gar Kompromisse mit dem Nationalen Wirtschaftsrat oder dem Handelsministeri um zu suchen. In einer solchen Situation gestiegenen Wettbewerbs kommt es re gelmäßig zu Rückgriffen auf psychologische Instrumente, so etwa den Versuch, eine Handlungsalternative so zu formulieren, dass sie den grundlegenden Werthal tungen und Überzeugungen des Entscheidungsträgers entspricht. Dies geschah auch im vorliegenden Fall, wo die Vertreter der Forderung eines von Menschen rechtsfragen entkoppelten Handels sich bemühten, ihre Präferenz Clinton gegen über als einzige Möglichkeit der von Clinton als Herzenssache verfolgten globalen Ausdehnung von Handel und ökonomischer Interdependenz („It’s the Economy, Stupid“) zu präsentieren. Diese im Sinne des strategischen Framing präsentierte Darstellung des Sachverhaltes konnte Clinton in der Tat positiv für diese Sichtweise beeinflussen, was zur Verschiebung der Verhandlungsmacht im Wettbewerb der Berater zu Lasten der Vertrete des Außenministeriums führte (Mann 1999). Das allein hätte aber möglicherweise nicht gereicht, Clinton zu einer endgültigen Ent scheidung zu bewegen. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig der Blick auch über die Betrachtung von Einzelargumenten und spezifischer Faktoren hinaus ist. 277 So spielte etwa der Faktor eines sich verändernden Aspekts der strukturellen Kons tellation eine wichtige Rolle, nämlich die wachsende Atomkrise in Nordkorea. Vor diesem Hintergrund veränderte sich die strategische Bedeutung Chinas, sodass ins besondere das US-Verteidigungsministerium darauf verwies, dass eine Entkoppe lung des Handels von der Menschenrechtsfrage eine Möglichkeit sei, China in der angespannten Situation in der Region nicht gegen sich aufzubringen (Garrison 2005). An dieser Stelle tritt auch deutlich die Bedeutung der auf Maslow basieren den Hierarchie des nationalen Sicherheitsbedürfnisses zutage, das in Kapitel 6 aus führlich behandelt wird. Dort nämlich zeigt sich, dass die vom Pentagon angespro chene grundlegender Bedürfnisebene von Sicherheit im Konkurrenzfall schwerer wiegt als die höher stehende ideelle Ebene. Doch nicht nur dieser konstellations spezifische Faktor sollte entscheidungsbeeinflussend werden. Auch die gescheiterte diplomatische Mission Warren Christophers nach China, wo er für seine Idee wer ben wollte, sollte sich als gescheitert erweisen, einerseits, weil China das Ansinnen als unbotmäßige Einmischung in innere Angelegenheiten betrachtete und zum an deren weil ihm in den USA seitens der Wirtschaft vorgeworfen wurde, durch über triebene Menschenrechtsanstrengungen die amerikanische Ökonomie zu gefähr den, ohne dass die Menschenrechtsfrage in irgendeiner Form befördert würde. Hierdurch kam es zu einer Desillusionierung der Menschenrechtsbefürworter und damit einhergehend einer weiteren Schwächung der Position des Außenministeri ums. In dieser Situation nutzten die Berater, welche den bedingungslosen Handel mit China anstrebten im Sinne einer Rational-Choice-Entscheidung, die Gunst der Stunde uns gingen eine Allianz mit dem Verteidigungsministerium ein. Das grund legendste Argument der physischen Sicherheit der Vereinigten Staaten wurde somit mit dem nahezu ebenso grundlegenden Argument der materiell-ökonomischen Si cherheit zusammengebracht, sodass — abermals aus Sicht der Logik der Sicher heitshierarchie (siehe Kapitel 5) die Ebene der ideationalen Sicherheit als weichste Ebene nun gänzlich ohne Chance auf Realisierung war. Gänzlich besiegelt wurde deren Schicksal schließlich, als sich Clinton, der sich, nachdem er bei diesem The ma gleichsam durchgängig auf ein starkes Führungsmodell gegenüber seinen Bera tern verzichtet hatte, zwischen den Fronten seiner Berater sah, mit Henry Kissinger und Jimmy Carter auf zwei sehr namhafte Experten außerhalb der Regierung zu rückgriff. In diesem Zusammenhang sei nochmals an die bereits im vorangegange nen Fallbeispiel erwähnten Logik namhafter Berater erinnert, deren Präsenz regel mäßig zu einer nahezu unbesehenen Übernahme ihrer Vorschläge führt. Nachdem sich beide Berater zugunsten einer Entkoppelung von Handel und Menschen rechtsfrage ausgesprochen hatten, stand die Entscheidung Clintons fest. Ein weiteres sehr gut zur Illustration spezifischer Aspekte der Dynamiken, die sich zwischen Beratern, Ministerialbürokratie und Entscheidungsträger abspielen, geeig netes Beispiel kann im Prozess der Politikformulierung seitens der Truman- Regierung in der Palästinafrage zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 gesehen werden. Hierbei lassen sich Ablauf, Strategien und Implikation der Auseinandersetzung von Beratern in 278 einem sehr konkurrenzbetonten Beratungsumfeld bei nahezu idealen Bedingungen aufzeigen, etwa, weil Präsident Truman sich noch für keine bereits feststehende Richtung, in die eine Politikentscheidung gehen sollte, entschieden hatte und dem zufolge offen sowohl für eine tendenziell pro-zionistische wie auch pro-arabische Ausrichtung seiner Palästinapolitik war (Honig 2008). Dieser Umstand hat aus ana lytischer Sicht den Vorteil, dass die Wirkung spezifischer Strategien leichter er kennbar wird. Dies gilt umso mehr, da die Frage der Palästina-Politik als von eher geringer Bedeutung im Gesamtbild des nationalen Sicherheitsinteresses der Verei nigten Staaten angesehen wurde, sodass die Entscheidungen, die Truman schließ lich traf, nicht primär durch den strategischen Kontext, also die spezifische histori sche Konstellation, beeinflusst wurden, sondern tatsächlich durch die Beratung, welche sich, wie gleich gezeigt wird, auf eine sehr spezifische Weise gestaltete. Da es sich bei der Entwicklung der US-amerikanischen Palästinapolitik unter Truman um einen sequentiellen Entscheidungsfindungsprozess handelte, der sich als eine Vielzahl von kleinen, spezifischen Entscheidungen darstellte, lässt sich besonders gut erkennen, wie die oben theoretisch dargelegten Aspekte in der Praxis funktio nieren und wie genau die Berater ihre Strategien reaktiv innerhalb der unterschiedli chen Runden der Auseinandersetzungen zwischen den Beratern anpassen. Insgesamt lassen sich dabei vier aufeinanderfolgende Phasen der Auseinanderset zung der Berater um die richtige Politik der USA in der Palästina-Frage feststellen: Während es zunächst um den grundsätzlichen Umgang mit Palästina und damit verbunden die Frage der Immigration jüdischer Flüchtlinge ging, schloss sich bald die Diskussion um die geeignete politische Strategie in der Region in Reaktion auf den UNSCOP44-Bericht an. Diese Debatte wurde gefolgt von einer Phase der Aus einandersetzung um die Abkehr von der Unterstützung der Teilung Palästinas, der sich schließlich der Diskurs um eine sofortige Anerkennung des Staates Israels an schloss. Welche politischen Entscheidungen entwickelten sich konkret aus diesen kompetitiven Auseinandersetzungen der Berater und wie genau ging diese Entwick lung vonstatten? Wie angedeutet, ging es zunächst um die Immigration jüdischer Flüchtlinge aus Europa nach Palästina und die Frage, wie damit mit Blick auf einen Gesamtplan für die Region mit diesen verfahren werden solle. Aus Sicht des USamerikanischen Außenministeriums musste Truman von jeglichem Kurs abge bracht werden, der gegen die Interessen der arabischen Seite gerichtet sein würde. Die Handlungsempfehlung seitens des Außenamtes an Truman ging somit in die Richtung, sich gegen eine Massenimmigration von Juden nach Palästina einzuset zen, da eine solche aus Sicht des State Department zu einem Anstieg der Gewalt in der Region führen würde, was nicht im langfristigen Interesse Washingtons sei (Acheson 1969: 169). Aus Sicht des US-Außenministeriums war die Gefährdung amerikanischer Sicherheitsinteressen durch die erwartete arabische Reaktion auf eine jüdische Masseneinwanderung höher einzuschätzen als durch Juden, die nicht in einem einheitlichen jüdischen Land untergebracht werden könnten (Honig 2008: United Nations Special Commission on Palestine 279 228; Truman 1956: 140). Die Darbringung der Argumente gegenüber dem ameri kanischen Präsidenten als Entscheidungsträger erfolgte innerhalb der Logik des Bureaucratic Policy Making. Die auf persönlicher Ebene mit dem Präsidenten verbundenen Berater im Weißen Haus vertraten indessen eine alternative Sicht hinsichtlich der jüdischen Einwande rung nach Palästina. Anders als den Vertretern des Außenamtes, denen die regiona len und internationalen Turbulenzen, welche aus der Palästinafrage erwachsen könnten, bewusst waren, und welche die Nachkriegsrolle der USA nicht gefährdet sehen wollten, fokussierten die Berater im Weißen Haus vor allem auf innenpoliti sche Aspekte und die nationale Stärkung des Präsidenten beziehungsweise der De mokratischen Partei. Für die Berater im Weißen Haus stellte sich daher die Frage, wie sie die auf die unbestrittene außen- und sicherheitspolitische Kompetenz des Außenamtes überwinden könnten. Entsprechend der oben dargelegten theoreti schen Überlegungen hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Strategien wählten auch die Berater im Weißen Haus psychologische Argumente, welche genau auf die Beliefs und Mind Frames des Präsidenten zielten, um die Empfehlungen der Bera ter des State Department zu neutralisieren. Zudem folgten sie dem Ansatz, das bü rokratische Fachwissen des Außenamtes durch die Hinzuziehung von Fachkompe tenz von Komitees außerhalb der Regierung zu relativieren und so die eigene Posi tion zu verbessern. Vor diesem Hintergrund wurde der Rechtsprofessor Earl Harrison als Experte eingeladen, die Bedingungen der jüdischen Flüchtlinge in Europa zu untersuchen. Dieser legte das erwünschte Ergebnis vor, indem er empfahl, dass 100.000 Juden unverzüglich die Zuwanderung nach Palästina ermöglicht werden müsse. Die Berater legten dabei nicht nur Zahlen vor, sondern illustrierten diese — ebenfalls einem psychologisch orientierten Ansatz folgend — mit plastischen Be richten des Holocaust und seiner Folgen für die Flüchtenden sowie deren aktuelle Lebensbedingungen, was Präsident Truman plangemäß tief bewegte (Honig 2008: 227 f.). Diesen durch den Einsatz psychologischer Strategien errungene Sieg ge genüber dem Außenministerium wussten die Berater im Weißen Haus zudem ge schickt auszubauen, indem sie aufzeigten, dass diese emotionale Bewegtheit, die Truman für das Thema der jüdischen Flüchtenden empfunden habe, sich auch zu gunsten der im Wahlkampf befindlichen Senatoren und Kongressabgeordneten der eigenen Demokratischen Partei nutzbar machen lassen könne (Honig 2008: 229 f.). Ein geplanter Auftritt des New Yorker Gouverneurs Thomas Dewey und zugleich prominenten Führers der Republikanischen Partei, auf dem dieser Sich zugunsten der jüdischen Sache aussprechen wollte, wurde von den Beratern im Weißen Haus genutzt, um Truman tiefer in ihren Plan einzubinden. Unter dem emotionalen Ein druck der im strategischen Frame der tragischen Situation der Holocaust Uberlebenden präsentierten Palästina-Frage verbunden mit dem aufgebauten Druck, dem politischen Konkurrenten Dewey beim Werben um die wichtigen jüdi schen Wähler in New York zuvorzukommen, sprach sich Truman schließlich am 4. Oktober 1946, dem Vorabend von Yom Kippur, zu Gunsten der Zuwanderung von 100.000 Juden nach Palästina aus. 280 Die gegen die Berater des Weißen Hauses gerichtete Strategie erwies sich somit zu nächst als erfolgreich. Allerdings konnte die Stellungnahme zugunsten der jüdi schen Einwanderung das innenpolitische Ziel der Berater im Weißen Haus nicht erreichen: John Dewey fuhr in New York einen Erdrutschsieg ein. Doch nicht nur diese Niederlage schwächte die Position der Berater im Weißen Haus gegenüber denen im Außenministerium. Ein wichtiger Grund ist auch hier wieder jenseits der unmittelbaren Logiken von Bürokratie und Beraterwesen zu suchen. Vielmehr wa ren es, wie in anderen zuvor geschilderten Beispielen, Veränderungen in der glo balhistorischen Konstellation. Spätestens im Herbst 1947 wurde das Anbrechen der Ära eines Kalten Krieges manifest. Aus Sicht des US-Außenministeriums wurde es somit unumgänglich, alles daran zu setzen, sich nicht auch noch in Ereignisse jen seits Europas hineinziehen zu lassen. Just in dieser Situation erschien der UN- SCOP-Bericht, welcher empfahl, dass das Mandat Großbritanniens in Palästina un verzüglich beendet und Palästina in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabi schen, geteilt werden solle. Dieser Vorschlag wurde von jüdischer Seite unterstützt, während die arabische Seite ihn ablehnte. Sollte der Plan dennoch realisiert werden, so war abzusehen, dass es von arabischer Seite erheblichen gewaltsamen Wider stand geben würde, was ein tatsächliches Durchsetzen der Teilung zu einem sehr aufwändigen militärischen Unterfangen machen würde, gegen welches sich das Au ßenministerium entschieden positionierte. Aus Sicht der Berater des Weißen Hauses, welche als konsequente Fortsetzung der Immigrationspolitik die Schaffung eines jüdischen Staates aus einem geteilten Paläs tina heraus realisiert wissen wollten, stellte sich die Lage somit als erneute schwieri ge Herausforderung im Kampf der Berater um den Einfluss auf den amerikani schen Präsidenten dar. Dies gilt umso mehr, da sich bereits im Sommer 1947 ab zeichnete, dass Truman selbst eher der Idee eines geeinten Palästina gewogen war und somit den Argumenten des State Department folgte. Da klar war, dass die ent scheidenden Diskussionen in der Frage der Teilung Palästinas in den Vereinten Na tionen geführt werden würden, waren die Vertreter beider Sichtweisen bestrebt, so viele Vertreter ihrer jeweiligen Richtung in die Reihen der US-Delegation bei den Vereinten Nationen einzuführen. Da die Delegation naturgemäß vom Außenamt und somit einer kritischen Haltung gegenüber einer Teilung Palästinas dominiert wurde, da eine solche Ruf und Einfluss der USA in der arabischen Welt nachhaltig beschädigt würden, zumal absehbar war, dass zu Umsetzung des Teilungsplans die USA gleichsam automatisch von der UN herangezogen würden, verlegten sich die Berater des Weißen Hauses erneut auf eine psychologische Strategie, indem sie Ge neral John Hildring als Delegierten auserwählten, der bereits im Vorfeld seine über aus wohlwollende Haltung für die jüdische Sache unter Beweis gestellt hatte, und diesen Truman gegenüber als unbedingt notwendige Wahl vermittelten, wenn er in irgendeiner Form vermeiden wollte als Feind der Juden dazustehen, was durch eine weiterhin nicht ausbalancierte Haltung des Außenamtes gleichsam unvermeidlich werde. 281 Die psychologische Strategie auf einer Rational-Choice-Basis weiterführend, gelang es den Beratern des Weißen Hauses schließlich, die gegen eine Schwächung der USA in der arabischen Welt gerichtete Strategie als anti-zionistisch und antisemi tisch zu framen und, um einen leichteren konkreten Angriffspunkt in Form eines individualisierten Feindbildes zu schaffen, in Form des Delegationsmitglieds Henderson vom State Department zu personalisieren. Da Henderson, der als wich tigster Konkurrent bei der Einflussnahme auf die Entscheidungen Trumans galt, angesichts der regional- und globalpolitischen Konstellation nur bedingt mit Sachargumenten entgegenzutreten war, setzten die Berater des Weißen Hauses darauf, ihn auf persönlicher Ebene durch besagt Antisemitismus- und Antizionismus Vorwürfe zu diskreditieren. Auch diese auf emotionaler statt auf sachlicher Ebene angelegte Strategie erwies sich bei Truman, der selbst weitestgehend kenntnislos in Frage des Nahen Ostens und der für die Region und darüber hinaus relevanten in ternationalen Beziehungen war, als wirkungsvoll: Er unterstützte den Teilungsplan. Entgegen der sachlichen Empfehlungen und Warnungen der Experten des Au ßenministeriums folgte Truman den emotional aufgeladenen ,Argumenten‘ und setzte auf fast schon naive Weise seine Hoffnungen darauf, dass der UNSCOP Tei lungsplan dazu führen werde, dass es zu keinen Gewalttätigkeiten kommen und sich gleichsam umgehend eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Arabern einstellen werde, sodass für die USA keine Notwendigkeit bestehe, in irgendeiner Form in diesem Zusammenhang tätig zu werden (Truman 1956: 156). Wie trügerisch diese Einschätzung Trumans war, sollte sich spätestens dann zeigen, als die arabische Seite erfuhr, dass der Teilungsplan vorsah, dass der künftige jüdi sche Staat die Negev zugeschlagen bekommen sollte und entsprechend aggressiv reagierte. Um die erwarteten und im Vorfeld ja hinlänglich prognostizierten Folgen, welche die Entscheidung Trumans, der sich nicht an den Empfehlungen des Au ßenamtes orientiert hatte, haben würde, wenigstens im Sinne des amerikanischen nationalen Sicherheitsinteresses abzumildern, schlug die vom State Department dominierte US-Delegation vor, die gesamte Negev statt dem künftigen jüdischen dem künftigen arabischen Staat zuzuschlagen. Weder Truman und schon gar nicht die Berater im Weißen Haus, die Truman in Richtung Teilungsplan beeinflussten, waren von diesem Alleingang des US-Außenministeriums, der ganz in der Logik des Bureaucratic Policy Making stand, sehr angetan. Getrieben von diesen Beratern, nahm Truman ein Treffen mit Chaim Weizmann, dem Führer der Zionistischen Bewegung, wahr, das von den Beratern im Weißen Haus organisiert worden war, um abermals die emotionale Zugänglichkeit Trumans politisch für ihre Zwecke zu nutzen. An dieser Stelle zeigt sich nicht nur der abermalige Erfolg des psychologi schen Ansatzes bei der Beeinflussung eines politischen Führers mit der Persönlich keitsstruktur eines Truman, sondern zudem der ebenfalls oben geschilderte Effekt der großen Bedeutung des Einflusses, den der vor einer Entscheidung letzte Bera ter auf das Handeln des Entscheidungsträgers ausübt. Denn unmittelbar nach dem Gespräch mit Weizmann stand die Abstimmung über die Frage der Negev an, und Truman ordnete an, dass die Delegation ihre Position ändern und für die Zuschla- 282 gung der Negev zum jüdischen Staat stimmen müsse (Honig 2008: 231 f.). Mit der von ihnen gewählten Strategie gelang es den Beratern des Weißen Hauses, zentrale außenpolitische Entscheidungen von Präsident Truman in eine spezifische, von ihnen vorgegebene Richtung, zu bewegen. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass es schließlich zu einer Revision der Unterstützung des Teilungsplanes durch die Truman-Regierung kam und das US-Außenministerium Truman zu zwei zentralen außenpolitischen Ent scheidungen in die vom State Department empfohlene Richtung bewegen konnte. Hierbei handelt es sich einerseits um die Forderung nach einem Waffenembargo und andererseits um die Idee einer Treuhandverwaltung (trusteeshiß) Palästinas. An gesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, wie es den Beratern des Außenminis teriums gelingen konnte, nach zwei Niederlagen gegenüber den Beratern des Wei ßen Hauses Truman nun von einer Entscheidung zugunsten einer gegenteiligen Politikausrichtung zu überzeugen. Die Antwort hierauf lautet: Im Prinzip auf die gleiche Weise, die zuvor erfolgreich von den Beratern des Weißen Hauses ange wendet worden ist, nämlich durch die Anwendung einer psychologischen Strategie in Verbindung mit einem prominenten externen Experten in Form von General Marshall, der die Palästina Problematik im strategischen Frame einer humanitären Katastrophe schilderte und dabei sowohl die emotionale Seite als auch die Kernbeliefs Trumans traf. Der konkrete Sachverhalt um den es ging war der Vorschlag eines Exportverbotes für US-Waffen in den Nahen Osten, der allein dazu geeignet sei, den sich abzeichnenden Bürgerkrieg in der Region zum Wohle der Menschen in der Region zu entschärfen und zugleich zu verhindern, dass amerikanische Truppen in diesen eingreifen müssten, ein Szenario vor dem Truman sichtlich Angst hatte. Mit der Entscheidung Trumans zugunsten des Embargos wurde zu gleich das vom Außenamt anvisierte Ziel einer neutralen Haltung der USA im Pa lästina-Konflikt erreicht, welches die Gefahr, in einen Konflikt im Nahen Osten hineingezogen zu werden, deutlich verringerte (Honig 2008 233). Als geeignete Al ternative zu einem US-amerikanischen Engagement im Nahen Osten wie auch zur Teilung Palästinas generell sah das Außenministerium und insbesondere dessen Repräsentant Henderson die Möglichkeit einer temporären treuhänderischen Ver waltung Palästinas durch die bisherige Mandatsmacht Großbritannien. Dieser stand jedoch noch die offizielle Politik Trumans zugunsten einer Teilung Palästinas ent gegen. Allerdings war sich Henderson bewusst, dass die Entscheidung zugunsten einer Teilung vom 29. November zu erheblichen Zusammenstößen zwischenjuden und Arabern führen würde, sodass die geplante Teilung, wie vom Außenministeri um prognostiziert, nicht ohne weiteres durchzuführen war. Hinzu trat ein weiterer Faktor, der eine Argumentation im Sinne der amerikanischen nationalen Sicher heitsinteressen plausibel machte. So war im Winter 1947/1948 vor dem Hinter grund des Marshall-Plans die Bedeutung von Ol aus dem Nahen Ostens für den europäischen Wiederaufbau signifikant gewachsen (Spiegel 1985: 30). 283 Zu jener Zeit war die Beratergruppe im Weißen Haus aufgrund diverser Faktoren, allen voran der längerfristigen Erkrankung der wichtigsten Beraters Niles sowie weiterer personeller Einschränkungen, erheblich geschwächt, was es den Beratern aus dem amerikanischen Außenministerium leichter machte, Truman zu beeinflus sen (Honig 2008: 235). Aufgrund der zunächst weggefallenen Konkurrenz seitens der Berater im Weißen Haus konnte das State Department völlig den Erwartungen des Bureaucratic Policy Making entsprechend seine Expertise voll ausspielen und den Präsidenten mit komplexen legalistischen Argumenten des aus dem Bereich des internationalen Rechts ,überzeugen‘, wobei es eher die dramatisierende Darstel lung des auf diese Weise geframeten Sachverhaltes war als die tatsächliche Kraft des materiellen Gehaltes. Dennoch gelang es den Beratern des State Departments, dass Truman schließlich der Überzeugung war, dass eine Treuhandverwaltung nicht zugleich auch das Ende des Plans zu einer Teilung Palästinas sei (Honig 2008: 233 f.). Wenig überraschend zeigten sich die Berater im Weißen Haus über diese Ent wicklung verärgert und in der Folge verhärteten sich die Fronten zwischen diesen und den Beratern des Außenministeriums in einer Form, die sich zunehmend auch auf der persönlichen Ebene entluden. Zugleich setzten die Berater alles daran, den aus ihrer Sicht entstandenen Schaden gut zu machen und insbesondere Truman klar zu machen, dass seine Entscheidung letztlich nichts Anderes bedeute als das Ende des Teilungsplanes und somit eines eigenständigen jüdischen Staates. Truman sah sich hin- und hergerissen zwischen den Empfehlungen der Berater. Clifford als Vertreter der Beratergruppe des Weißen Hauses versuchte Truman dazu zu bewe gen, öffentlich zu verkünden, dass die USA den jüdischen Staat am 13. Mai aner kennen würden, also dem Tag bevor das Britische Mandat beendet werden sollte. Truman war dieser Idee zwar nicht grundsätzlich abgeneigt, wandte sich jedoch an Marshall, den zentralen Berater auf Seiten des State Department, um dessen Sicht weise zu erfahren. Clifford glaubte zunächst, sich auf seinen direkten und informel len Zugang zum Präsidenten als hinreichend zu dessen Beeinflussung verlassen zu können, und so das Ziel zu erreichen, das Außenministerium auszuschalten, jedoch unterschätzte er Marshalls Einfluss auf Truman. Als er diesen erkannte, war er be müht, erneut mithilfe der psychologischen Strategie die Kern-Beliefs und Emotio nen von Truman und Marshall zu treffen; allerdings funktionierte das bei Marshall nicht und dieser setzte seine volle fachliche Expertise in einer Art und Weise dage gen, bei der Clifford nicht mithalten konnte. Insbesondere konnte Marshall als ehemaliger General seine militärische Erfahrung und sein sicherheitspolitisches Knowhow voll ausspielen und gegen das Teilungsargument anbringen, dass der jüdische Staat von den deutlich stärkeren arabischen Nachbarn überwältigt werden würde, was letztlich zwangsläufig zur militärischen Involvierung der Vereinigten Staaten im Nahen Osten führen werde, die es um jeden Preis zu vermeiden gelte, was auch an Trumans Überzeugung appellierte (Honig 2008: 235; Clifford 1991: 10-12). Auch wenn Truman sich diesem Argument nicht verschließen konnte, blieb ihm schließlich nichts Anderes übrig, als die Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 zu akzeptieren (McCullough 1992: 595-598). Speziell die Erklärung für 284 dieses Handeln lässt sich nicht mehr unter alleinigen Rückgriff auf die Logiken von Verwaltungsbürokratie und Beraterstäbe machen. Vielmehr ist hier das Zusammen spiel an Erklärungsfaktoren erforderlich, wie sie im hier erarbeiteten Analysemodell angestrebt wird. Nichtsdestoweniger hat sich gezeigt, dass auch die Betrachtung sowohl der speziellen individuellen und Kleingruppendynamiken der Berater wie auch der des bürokratischen Apparates, sei es des spezifisch für die Außen- und Sicherheitspolitik zuständigen als auch derjenigen, die anderen Ressorts zugeordnet sind, aufgrund ihres erheblichen potenziellen Einflusses auf zwischenstaatliche Entscheidungen, ein wesentliche Element eines Modells zur Analyse zwischenstaat lichen Handelns sein muss, wobei stets die Interaktion sowohl innerhalb dieser Ak teure (inklusive des Entscheidungsträgers und dessen spezifischer psychologischer Binnenstruktur) als auch weiterer Faktoren (etwa konstellationsspezifischer Aspek te) erfolgen muss. Nicht zuletzt aber gilt es, auch die kollektive Identität des kom plexen Akteurs Staat als Einflussgröße bei der Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens zu berücksichtigen. 4.5 Kollektive Identität: Wesen und Selbstverständnis von Gesellschaft und Nation Möchte man sich mit der Wirkung kollektiver Identität als Faktor im zwischenstaat lichen Entscheidungsprozess auseinandersetzen, ist es zunächst erforderlich, sich mit Entstehung und Wesen des kollektiven Gedächtnisses45 auseinanderzusetzen. Hierbei lassen sich zwei unterschiedliche Konzepte ausmachen, nämlich einerseits die kollektive Erinnerung als sozialer Rahmen der einzelnen individuellen Ge dächtnisse, was auf Aspekte wie Identitäten, und Zugehörigkeiten verweist, die beim Individuum dazu beitragen, bestimmte Erinnerungen und Erfahrungen auf eine bestimmte Weise festzuhalten, und andererseits ein kollektives Gedächtnis sui generis im Sinne von Repräsentationen, die speziell dem Kollektiv zu eigen sind. Trotz erkennbarem Bedeutungsgewinn der individuellen wie kollektiven Erinne rungsforschung in den Sozialwissenschaften (etwa Soziologie, siehe etwa Schuman Statt der Bezeichnung kollektives Gedächtnis lassen sich auch folgende Bezeichnungen im Schrifttum finden: Soziales Gedächtnis (social memory; Fentress/Wickham 1992), kol lektive Erinnerung (collective remembrance; Winter/Sivan); popular history making (Rosenzweig/Thelen 1998) sowie nationales Gedächtnis, öffentliches Gedächtnis, öffnentliche Erinnerung (etwa Gedi/Elam 1996); vgl hierzu auch Kantsteiner 2000. Zur Nach zeichnung des Diskurses sind zudem folgende Werke interessant: Baker 1985, Davis/Starn 1989, Fentress/Wickham 1992, Funkenstein 1989, Hamilton 1993, Healy 1993, Irwin-Zarecka 1994, Kammen 1991, Nora (1984-1992), Lowenthal 1985, Samuel 1994, Butler 1989, Connerton 1989, Cohen 1994. Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept siehe zudem Glick/Robbins 1998, Thelen 1989, Kammen 1995 Zelizer 1995; Olick 1999. 285 et al. 2005; Geschichte, siehe etwa Novick 1999; Anthropologie, siehe etwa Cole 2001; Psychologie (siehe etwa Pennebaker et al. 1997) — Kantsteiner (2002: 179) spricht sogar von einer „memory wave in the humanities“ — existieren bislang nur sehr bedingt hinreichende Konzeptualisierungen, um kollektive Erinnerung sauber von individueller zu unterscheiden. Ferner mangelt es häufig an der kritischen Re flexion und Analyse der Einflüsse der soziologischen Basis der Entstehung kollek tiver Erinnerungen, und vor allem fehlt eine Darlegung des Prozesses der Perzepti on und Konstruktion der Repräsentation bislang nahezu vollständig. Zwar existie ren zu einzelnen Aspekten wissenschaftliche Untersuchungen (etwa Buck-Morss 1989, Olick/Robins 1998; Bakhurst 1990; Schwartz 1996), jedoch geht von diesen regelmäßig nicht der Versuch aus, einen weiterführenden Gesamtansatz zu entwi ckeln. Was die Internationalen Beziehungen anbelangt, so existiert dort nur eine begrenzte Zahl an Studien, welche sich detailliert mit der Sozialisation von Staaten befasst (etwa Ikenberry/Kupchan 1990; Armstrong 1996; Resende-Santos 1996; Finnemore/Sikkink 1998; Schimmelfennig 2000; Johnston 2001; Thies 2003; Wendt 2004), sodass es sich anbietet, für einen Ansatz der Entscheidungsanalyse entsprechend geeignete Konzepte der Psychologie in die Internationalen Beziehun gen zu integrieren. Dort wurde von Lazarus sowie Steinthal und Wundt ausgehend die sogenannte Völkerpsychologie entwickelt (Jahoda 1992), die nach einer un rühmlichen Phase des rassisch-ideologischen Missbrauchs, als Kollektive Psycholo gie moderne, ideologieferne Ansätze entwickeln konnte, um auf kollektive Phäno mene innerhalb von Großgruppen wie Staaten, Nationen und Gesellschaften zu analysieren (Cole 1996; Castro-Tejerina/Rosa 2007). Somit stellt die Kollektive Psychologie heute den Forschungsbereich der Psycholo gie dar, welcher auf interdisziplinäre Weise bestrebt ist, Psyche und Kultur als Ein heit zu untersuchen. Somit bietet es sich an, Erkenntnisse der Psychologie mit grundlegenden Einsichten der Soziologie und insbesondere des Symbolischen In teraktionismus zusammenzuführen, um Prozess und Wirkung kollektiver Sozialisa tion in Hinblick auf die Theoriefortbildung und Analyseschemaentwicklung zu fas sen (vgl. hierzu etwa Checkel 2005). Auf diese Weise lässt sich insbesondere der Internalisierungsprozess von Normen nachzeichnen, der etwa einen Wandel in den inneren Handlungslogiken von konsequenzgeleitet hin zu angepasst erklärt (Che ckel 2005). In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung zwischen der Typ-I-Internalisierung (beziehungsweise auch Typ-I-Sozialisierung) und der Typ-II- Sozialisierung (beziehungsweise auch Typ-II-Sozialisierung) hilfreich, welche insbe sondere auch mit Blick auf die Wahrnehmung und Interpretation der Systemstruk tur und ihrer spezifischen Ausprägung eine Rolle spielt. Während die Typ-I- Internalisierung lediglich auf die Internalisierung einer Rolle verweist, mit deren Hilfe die Anpassung an die Normen erfolgt, reflektiert die Typ-II-Internalisierung zudem eine grundlegende Übereinstimmung mit den Normen, sodass die resultie rende soziale Rolle weniger eine gespielte Notwendigkeit als vielmehr ein tatsäch lich gelebter Ausdruck innerer Überzeugung ist (vgl. etwa Checkel 2005). Die Internalisierungvon Normen auf kollektiver Ebene findet sich auch bei Wendt (2004: 286 269-278) in ähnlicher Form. Dieser differenziert zwischen drei Internalisierungsstu fen kultureller Normen, was sich jeweils nachhaltig auf das Wesen und die Wir kungslogik der von ihm postulierten Anarchiearten (hobbesianisch, lockeanisch, kantianisch) auswirkt. Werde eine kulturelle Norm bis zum ersten Grad internalisiert, so wisse der Akteur zwar, was die Norm besage, jedoch befolge er sie nur, weil er durch exogene Gründe dazu gezwungen werde. Indes habe er keinerlei Motivation aus sich selbst heraus, sein Handeln an der Norm zu orientieren. Insbesondere denke er nicht, dass das Befolgen der Norm in seinem eigenen Interesse liege, was beim %weiten Grad der Internalisierung der Fall ist. Erst im dritten Grad befolge der Akteur eine kulturelle Norm auf Grundlage ihrer Anerkennung als legitim. Hierbei überwinde der Akteur die Dichotomie von Selbst und Anderem und integriert den Anderen gleichsam in das eigene Selbst “In the Third Degree case actors identify with others' expectations, relating to them as a part of themselves. The Other is now inside the cognitive boundary o f the Self, constituting who it sees itself as in relation to the Other, its ‘M e.’” (Wendt 2004: 272f.). Kollektive Identität leitet sich aber regelmäßig auch aus der Abgrenzung vom signi fikanten Anderen ab, wie sich anhand sozialpsychologische Konzepte wie der Ingroup-Solidarität und des Ingroup-Favoritism aufzeigen lässt (Campbell 1992). Wendt (2004 [1999]: 276), der in seiner Argumentation ebenfalls auch Mercer (1995) zu rückgreift, beschreibt die Wirkung jenes Mechanismus: “ [T]he members o f states tend to compare their group favorably to other states in order to enhance their self-esteem, and [ ...] this predisposes states to define their interests in egoistic terms. It is important to emphasize that this ‘in-group bias’ does not in itself imply aggression or enmity but it does provide a cognitive resource for such behavior. I f a shared understanding exists that this is how states are going to constitute each other, in turn, then states may find that enmity has value in itself, since by mobilizing in-group/outgroup dynamics it can significantly bolster group self-esteem.” Als gleichermaßen relevant verweist Wendt zudem auf d ie projective identification thesis, der zufolge der A.ndere zur Projektionsfläche der negativen beziehungsweise uner wünschten Charakteristika des S e lb s tg em a ch t wird: “According to this idea, individuals who, because o f personal pathologies, cannot control potentially destructive unconscious fantasies, like feelings o f rage, I aggression, or self-hatred, will sometimes attribute or "project'' them on to an Other, and then through their behavior pressure that Other to "identify" with or "act out" those feelings so that the Self can then control or destroy them by controlling or destroying the Other. As in social identity theory this serves a selfesteem function, but here self-esteem needs are met not simply by making favorable comparisons with an Other but by trying to destroy him. [...] This can in turn be a basis for the cultural con stitution o f enmity, since the split Self needs the Other to identify with its ejected elements, to collude with the Self, in order to justify destroying them via the Other.”46 Wendt (2004), S. 276f. Wendt stützt sich bei diesem Versuch, psychologische Argumente in einen soziologischen Kontext auf der Ebene der internationalen Beziehungen zu integ- 287 Aufgrund der Internalisierung von gesellschaftlichen Normen auf der individuellen Ebene stellen die Resultate individueller Sozialisationsprozesse eine wichtige Größe auch für die kollektive Sozialisation dar. Hierbei spielen die weiter oben dargelegten kognitiven Mechanismen eine entscheidende Rolle, wie etwa seitens der Außenpoli tikanalyse durchaus frühzeitig erkannt und aufgegriffen wurde (etwa Welch Larson 1994). Allerdings blieb der Mainstream der Theorielandschaft in den Internationa len Beziehungen hiervon für lange Zeit weitgehend unberührt. Neben der Interna lisierung von Normen auf individueller Ebene findet eine entsprechende Internali sierung auf Ebene der inneren Strukturen eines Staates statt, also etwa im Rahmen seiner Bürokratie, wo es etwa zu Modifikationen im Bereich von Selbstverständnis und Kultur einer Organisation kommen kann. Eine solche kann etwa durch spezifi sche Gruppen innerhalb der Organisation, aber ebenso von außerhalb, sowohl von offizieller Seite, aber ebenso durch Impulse aus der breiten Öffentlichkeit erfolgen, etwa durch das Ausüben öffentlichen Drucks auf eine Regierung, damit diese be stimmte internationale Normen innerstaatlich umsetzt (vgl. etwa Coleman 1990: insbesondere 293 und 513). Sofern das geschieht, folgt eine Inkorporierung inter nationaler Normen in das innerstaatliche Rechtssystem inklusive der Folgen für Rechtsauslegung. Gleichzeitig entwickelt sich im Laufe der Zeit ebenso auf infor meller Ebene als Habitus eine Internalisierung und Diffusion der Normen in das Gesellschaftssystem hinein, womit sie wieder beim Individuum ankommt und nicht zuletzt auf en kognitiven Apparat des Einzelnen einwirkt (DiMaggio/Powell 1983; Tolbert/Zucker 1983; Douglas 1987). Dabei müssen jedoch wiederum weitere Aspekte berücksichtigt werden, da ver schiedene Gruppen innerhalb einer Gesellschaft historischen Ereignissen unter schiedliche Bedeutung beimessen können, wobei Klasse, Ethnie, Geschlecht oder auch Generationenzugehörigkeit (Schuman/Scott 1989) eine Rolle spielen können. Je nachdem, welche Gruppen in welchem Maße betroffen sind, entwickeln sich somit geteilte Narrative, die zu essenziellen Bestandteilen der kollektiven Identität werden und maßgeblich zur Aufrechterhaltung der Kohäsion der Gruppe beitra gen. Hierbei spielt die selektive Auswahl von Erinnerungen auf individueller Ebene eine besondere Rolle, sofern sie sich in der kollektiven Identität manifestiert; insbe sondere lässt sich in diesem Zusammenhang eine Dekontextualisierung spezifischer historischer Ereignisse feststellen, auf deren Grundlage sich neue, eigenständige Referenzgrößen für die Gruppe, die regelmäßig den Staat und seine Gesellschaft umfasst, entwickeln, welche losgelöst von ursprünglichen, kontextspezifischen Be deutungszuschreibungen ihre neue Bedeutung in anderen Situationen entfalten rieren auf eine Vielzahl bestehender sozialpsychologischer wie auch psychoanalytischer Studien. Vgl. in diesem Zusammenhang daher etwa auch Alford, C. Fred (1989): Melanie Klein and Critical Social Theory. New Haven. 1989. Yale University Press, sowie Golding, Robert (1982): Freud, Psychoanalysis, and Sociology: Some Observations on the Sociological Analysis o f the Individual. In: british Journa l o f Sociology. 33. S. 545-562, sowie Kaye, Howard (1991): A False Convergence: Freud and the Hobbesian Problem o f Or der. In: SociologicalTheory. 9. S. 87-105. 288 (Tallentire, Fentress/Wickham 1992: ix, Gillis 1994). Dieser Mechanismus spielt gerade im Kontext kollektiver Traumatisierungen eine zentrale Rolle. Das Phänomen der kollektiven Traumatisierung ist somit ebenfalls eine wichtige Größe bei der Herausbildung von nationaler Identität sowie der damit in Zusam menhang stehenden und für die außenpolitische Analyse besonders relevanten sozio-politischen und strategischen Kultur eines Staates. Bisherige Versuche, kollekti ve Traumatisierung zu erfassen, waren charakterisiert von zwei unterschiedlichen Ansätzen, einerseits dem medizinisch-biopsychologischen und andererseits dem sozialen (Abramovitz 2005: 2106). Während bei erstgenannten Ansätzen der Fokus auf individuellem posttraumatischem Stress lag (De Jong et al. 2001; Mollica et al. 1987; Eisenbruch 1991, Momartin et al. 2001, Goenjian et al. 2003, Zayfert et al. 2002, Redgrave, 2003), waren letztgenannte Ansätze bemüht, soziales Leid rein im Kontext politischer Instabilität, ökologischem und ökonomischem Niedergang und sozialer Unruhe zu erklären (Young 1995, Das et al. 1997, Summerfield 1999, Pedersen 2002). Nicht zu Unrecht wird die fehlende Interaktion zwischen sozialwis senschaftlichen Argumenten der kollektiven Ebene und psycho-biologischen Ar gumenten der individuellen Ebene kritisiert (Abramovitz 2005: 2116). Für die Ana lyse gilt es somit auf beide Ansätze zurückzugreifen und gleichzeitig einen Zusam menhang zwischen der individuellen und der kollektiven Ebene herzustellen. Auf individueller medizinischer beziehungsweise differenzialpsychologischer Ebene be deutet Trauma physische oder psychische Verletzung. Bezogen auf Sozialwissen schaften bezeichnet Trauma den häufig mit Anomie (Merton) und Risiko (Gid dens) verbundenen Zustand einer Gesellschaft, der von traumatogenem Wandel herbeigeführt wurde und schließlich zum Wandel im nationalen Selbstverständnis der betroffenen Gesellschaft führt (Sztompka 2004). Es geht also um eine in der individuellen Psyche auftretende Reaktion, die jedoch auf kollektiver Ebene eine eigendynamische Wirkung entfaltet. Individuelle und kollektive Ebene spielen dabei nicht nur dahingehend zusammen, dass die spezifische Pathologie des individuellen Akteurs im kollektiven Akteur ihren Ausdruck findet, der als solcher zur Selbst wandlung fähig ist (Sztompka 1991), sondern auch, dass Strukturen und Akteure im Rahmen psychophysiologischer Prozesse dahingehend interagieren, dass ein neues, eigenständiges Konstrukt entsteht (Kleinman 1995: 97, Abramowitz 2005). Dieses nimmt auf der Ebene des Individuums beziehungsweise der individuellen Trauma tisierung seinen Ausgang. Daher gilt es, den Prozess von Traumagenese und Traumaentwicklung zu verstehen. Bei Traumatisierung handelt es sich um eine starke psychische Erschütterung des Individuums, welche durch ein traumatisierendes Erlebnis hervorgerufen wird (vgl. etwa Brewin, Dalgleish, & Joseph, 1996; Suedfeld, 1997, Raviv/Sadeh et al 2000: 300) und geeignet ist psychische Folgestörungen auszulösen, wie etwa Naturkata strophen. Durch derartige Ereignisse werden betroffene Individuen in extremen Stress versetzt und bei diesen durch „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen be drohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, 289 das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht [...] eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ (Fi scher/Riedesser 1998: 79; vgl. hierzu auch die relevanten Passagen des ICD-10 und DSM-IV-TR und DSM V). Mit anderen Worten führt die Erschütterung durch ein Ereignis, das so heftig und plötzlich ist, das es die Abwehrmechanismen durch bricht, sodass diese das Ereignis nicht abwehren können, zu einem Zusammen bruch zentraler Aspekte des Selbst (vgl. Alexander et al. 2011, Wirth 2004) und schließlich zu dessen dauerhaften Veränderung, was sich auch neuroanatomisch nachweisen lässt (Hausmann 2006; Smelser 2004a: 41; van der Kolk 1996: 5; Bremner 2002). Unabhängig von der tatsächlichen, objektiv messbaren Schwere des Ereignisses ist vor allem dessen subjektive Wahrnehmung durch das betroffene Individuum entscheidend für die Entwicklung und Ausprägung von Traumafolge störungen. Diese hängt zwar stark von der spezifischen Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen ab, aber genauso in nicht unerheblichem Maße von dessen sozialen Um feld (Smelser 2004a: 41, Antonowsky 1987, Fiske & Taylor 1991, Markus/Zajonc 1985, Riley/Pettigrew 1976). Doch die Beziehung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Wirkung geht noch weiter. Das liegt etwa an dem Umstand, dass weder das unmittelbare Erleben eines traumatogenen Ereignisses noch die unmit telbare Betroffenheit als konkretes Opfer eines solchen Ereignisses erforderlich sind. So kann allein das Beobachten des gewaltsamen Todes eines Dritten zu Traumatisierung führen; dabei kann sogar eine mediale Darstellung ausreichen (DSM VI, ICD-10). Somit können etwa auch die Medienberichte über Ereignisse wie die vom 11. September 2001 und das unmittelbare oder medial vermittelte Be obachten des Zusammensturzes des World Trade Centers mit den damit verbun denen Opfern traumatisierend wirken (vgl. etwa Wirth 2004). Neben der mittelba ren individuellen Betroffenheit etwa durch Verwandtschaft mit Opfern wirkt auch die persönliche soziale Betroffenheit, die in Zusammenhang mit der sozialen Identi tät steht, welche mit den unmittelbaren Opfern des traumatischen Ereignisses ge teilt wird (Ayalon and Lahad 1995, Milgram et al. 1988, Pynoos 1993). Somit kann es sich bei dem potenziell traumatogenen Ereignis sowohl um eines im unmittelba ren Umfeld und mit auf das Individuum und sein unmittelbares Umfeld begrenzte Bedeutung handeln, als auch um ein solches, dem Bedeutung für sozialen Gruppen bis hin zur nationalen, kulturell definierten oder globalen Gemeinschaft zukommt. Letztgenannter Aspekt ist bei der Herausbildung kollektiver Traumatisierung von besonderer Bedeutung. In diesem Zusammenhang spielt gleichzeitig auch die individuell empfundene Sicherheit eine Rolle, die es daher ebenfalls zu beachten gilt. Diese beruht zu wesentlichen Teilen auf kalkulierbaren kollektiven Strukturen. Die individuellen Erwartungen an Stabilität und Kontinuität der Kollektive, deren Teil die jeweiligen Individuen sind, beziehen sich dabei zwar auch auf materielle und verhaltensbezogene Aspekte, insbesondere aber auf Identität. Diese weist stets einen kulturellen Bezug auf; wenn die vertrauten Muster kollektiver Identität plötzlich ins Wanken geraten, kann das verursachende Ereignis als traumatisch angesehen werden (Abramovitz 2005: 2107). 290 Analog gilt das auch für den Umgang mit der traumatischen Erfahrung (Coping). Dieses findet ebenfalls auf individueller Ebene statt, auch wenn die unmittelbare individuelle Betroffenheit bei kollektiv traumatisierenden Ereignissen wie sie etwa Pearl Harbor, Hiroshima, Holocaust, Stalinismus oder Sklaverei und ethnische D is kriminierung in den USA darstellen, nicht vorhanden ist. Jedoch führt der Um stand, dass das Ereignis eine soziale Erfahrung darstellt, die alle Mitglieder einer sozialen Gruppe betrifft und durch welche die gemeinsame Gruppenidentität wie auch ein kollektiver Narzissmus grundlegend erschüttert wird (Wirth 2004), dazu, dass beim größten Teil der betroffenen sozialen Gruppe, häufig einer ganzen Nati on, die auf individueller Ebene ablaufenden psychischen Dynamiken (Verteidi gungsmechanismen, Anpassung, Coping etc.) auf kollektiver Ebene erkennbar und kulturell wirksam werden (Smelser 2004a: 38f., 48-53). Die Bewusstmachung der Betroffenheit durch das traumatogene Ereignis und der Zugehörigkeit des Indivi duums zur durch die Traumatisierung entstandenen Schicksalsgemeinschaft ist also ein zentraler Vorgang (Erikson 1978: 154), der trotz der Plötzlichkeit des Ereignis ses durchaus längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Bereits bei Adorno (1986 [1959]) wurde auf kollektive Syndrome unbewältigter kollektiver beziehungsweise nationaler Vergangenheitserfahrungen verwiesen, die zwar auf individueller Ebene angesiedelt sind, jedoch auch und gerade auf kollektiver Ebene ihre Wirkung entfal ten. Ähnlich argumentierten Alexander und Margarete Mitscherlich (1967), als sie die Unfähigkeit zu trauern, welche sie bei den Deutschen der Nachkriegszeit diag nostizierten, als kollektiven Effekt verfehlter individueller Bewältigung eines kol lektiven Traumas erklärten (vgl. hierzu auch Olick 1999: 344). Ebenfalls gilt es zu berücksichtigen, dass nicht nur kein unmittelbares Erleben des traumatogenen Ereignisses erforderlich ist, um von der Traumatisierung erfasst zu werden, sondern ebenso wenig ein unmittelbares Erleben der Epoche vonnöten ist. So werden Personen mit schwarzer Hautfarbe in den USA unabhängig davon, ob sie in den USA unmittelbar Sklaverei erlebt haben oder ihre Verwandten diese er dulden mussten, oder nicht, generell mit Sklaverei identifiziert beziehungsweise identifizieren sich häufig auch selbst damit, weil das historische Gedächtnis diese Epoche der US-amerikanischen Geschichte immer wieder rekonstruiert und so zur entsprechenden kollektiven Identitätsbildung sowohl auf nationaler als auch auf subnationaler Ebene beigetragen hat. Die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Schicksalsgemeinschaft wirkt somit auch intergenrationell (Eyerman 2004: 74f.). Abstrakt ausgedrückt haben kollektive Erfahrungen wie Gruppennarrative Einfluss auf die Psyche des Individuums (Eisenbruch, 1991; Das et al., 1997, Abramovitz 2005). Gleichzeitig handeln einzelne Individuen (Sztompka 1991, 1993, Alexander 1987, 2004). Aufgrund der Objektivierung, Kollektivierung und Narrativisierung der individuellen traumatischen Erfahrungen wird die rein differenzialpsychologi sche Ebene transzendiert (Bauman 1989: 345). Zwar gab es etwa viele durch die Erfahrung des Vietnamkrieges traumatisierte Individuen. Jedoch beschränkte sich dieses Phänomen nicht allein auf die Entwicklung von Traumafolgeerkrankungen 291 wie PTBS auf der Ebene von Einzelpersonen, sondern hatte ebenfalls erheblichen Einfluss auf das kollektive Narrativ. Ähnlich gilt dies für das kollektive Trauma Ho locaust. Dieses wird auch dann fortbestehen, wenn die letzten Opfer und Täter das Zeitliche gesegnet haben. Auch wird es nicht nur durch die Verwandten der Über lebenden aufrechterhalten. Vielmehr wird Auschwitz als Symbol jenes multiplen kollektiven Traumas Holocaust weiterhin die nationalen und darüber hinaus rei chende kollektive Narrative und somit die ausfließende Politik mitbestimmen (Bauman 1989). Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu verstehen, wie genau sich die Entstehung und Entwicklung kollektiver Traumata abspielt. Sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene wird Trauma gegenwärtig als Prozess verstanden (Fischer/Riedesser 2009, Sztompka 2004). Angelehnt an Smelsers (1962) Konzept der sogenannten Value A dded Dynamics beschreibt Sztompka (2004) das Traumasequenzmodell, welches einen sechsphasigen Verlauf kollektiver Traumatisierung annimmt. Der Eintritt eines traumatogenen Ereignisses (Phase 1) führt zur grundlegenden Erschütterung oder gar Auflösung der Organisa tionsstruktur der betroffenen sozialen Gruppe und damit einhergehend einer tief gehenden Desorientierung ihrer Mitglieder (Phase 2). Der auf sozialer Ebene einge tretene traumatogene Wandel ergreift schließlich die unmittelbare Lebensrealität der Individuen des betroffenen Kollektivs (Phase 3), was im weiteren zeitlichen Verlauf dazu führt, dass sich auf mentaler Ebene Traumatisierungssymptome zei gen; zugleich schlagen sich die traumatischen Erfahrungen in Verhaltensänderun gen (etwa Wahlverhalten, Hinwendung zu Nationalismus) im Kollektiv nieder (Phase 4). Hierbei setzt auch die Suche nach neuen Werten, neuer generalisierbarer Beliefs und neuer Wege gesellschaftlich akzeptierter Verhaltensweisen ein, welche in der darauffolgenden Phase, wo sich posttraumatische Strategien der Anpassung (Adaption) an und des Umgangs (Coping) mit dem Trauma herausbilden und zu manifestieren beginnen (Phase 5), bis das Trauma schließlich elementarer Bestand teil der nun mit einem neuen Identitätskern ausgestatteten sozialen Gruppe gewor den ist (Phase 6). Entwicklungen im Kontext traumatogenen Wandels werden schließlich zu „societal facts sui generis“ (Sztompka 2004: 160). Ein kollektives Trauma ist somit zunächst einmal zu verstehen als soziales Trauma, da es durch den teilweisen oder völligen Zusammenbruch von zentralen Elementen der Gesellschaftsordnung wie etwa des ökonomischen, politischen oder Rechtssystems, zu massiven Störungen und Brü chen des organisierten sozialen Lebens kommt (Smelser 2004: 37). Eine derartige Erschütterung der Grundlagen des sozialen Lebens einer Gesellschaft und des die Mitglieder der Gesellschaft verbindenden Bandes, welche das bis zu dem traumati schen Ereignis bestehende Gemeinschaftsgefühl innerhalb der betroffenen Gesell schaft charakterisiert hat, führt dabei zu Beschädigung, Zerstörung oder Verlust des sozialen Selbst (Erikson 1978: 154, Smelser 2004: 32-35, Abramowitz 2005: 2107). Konkrete Auswirkungen der kollektiven Traumatisierung können sich sowohl un mittelbar auf die Mitglieder der sozialen Gemeinschaft erstrecken als auch auf die 292 Organisationsstruktur einer Gesellschaft. Im schlimmsten Fall zieht das traumati sche Ereignis die physische Vernichtung einer Vielzahl der Mitglieder der betroffe nen sozialen Gruppe nach sich (etwa durch Krieg, Hungersnot, Epidemie), aber auch ohne diese Gravität können sich Folgen wie sinkende Lebenserwartung und erhöhte Suizidraten einstellen (vgl. etwa Sorokin 1967 [1928], Sztompka 2004: 161). Zugleich ist das organisatorische Tragwerk der Gesellschaft in Form sozialer Netzwerke, Gruppen, Zusammenschlüsse, formaler Organisationen, Hierarchien etc. von der Traumatisierung betroffen, indem es zu Auflösungserscheinungen oder nachhaltigen Verschiebungen innerhalb der Strukturen kommt (Sztompka 2004: 161). Allerdings wirkt nicht jede Art tiefgreifenden Wandels traumatogen. Soziale Syste me sind, im Gegenteil, durch permanenten Wandel charakterisiert. Sztompka (2004: 155) spricht sogar davon, dass Wandel die einzige Konstante sozialer Syste me sei und diese niemals in einem Zustand verharrten, sondern sich stets im Zu stand der Entwicklung befänden. Wenn in einem System, dessen Ontologie somit Wandel ist, durch sozialen Wandel grundlegend erschüttert werden soll, müssen sich dessen Mitglieder im Wesentlichen in ihrer Gesamtheit innerhalb eines sehr beschränkten Zeitrahmens gravierenden Ereignissen ausgesetzt sehen, welche die Fundamente der sozialen Welt so nachhaltig erschüttern, dass diese unauslöschliche Spuren auf dem Gruppenbewusstsein hinterlassen, sodass sich die künftige Grup penidentität nachhaltig und dauerhaft aufgrund der gewandelten Erinnerung verän dert (Neal 1998: ix, 9f., Alexander 2004: 1 ff., 9f.). Mit anderen Worten weist ein traumatogenes Ereignis folgende Aspekte auf: Es tritt plötzlich und unerwartet auf und wirkt grundlegend, umfassend und nachhaltig (Sztompka 2000: 453). Die Plötzlichkeit und Rapidität kann sich dabei entweder auf den Eintritt des traumatogenen Ereignisses selbst (shock ofsudden event) beziehen, etwa im Falle des Ausbruchs einer Revolution, eines Marktzusammenbruchs oder eines terroristischen Anschla ges beziehungsweise politischen Mordes, oder darauf, dass die Erkenntnis der er heblichen Problematik eines schon seit längerer Zeit Wirkung entfaltenden Ereig nisses oder schwelenden Prozesses plötzlich zu Tage tritt (shock o f sudden awareness). Letztere entwickeln sich im Vorfeld langsam, erreichen schließlich die Staurations schwelle, bei der die bislang ignorierte Situation anfängt, unerträglich zu werden (etwa im Falle des Euro, wenn dieser tatsächlich zusammenbrechen sollte, aber auch ökologischer Niedergang oder wachsende Schere von Arm und Reich) und wirken dann traumatogen. Für beide Varianten gilt dabei, dass zunächst ein Ereig nis plötzlich auf- oder ins Bewusstsein tritt, dann aber über einen längeren Zeit raum seine Wirkung entfaltet und schließlich das soziale Gefüge nachhaltig verän dert und so die kollektive Identität beeinflusst. Das traumatogene Ereignis muss jedoch nicht nur plötzlich hereinbrechen, es muss zugleich radikal in seiner Bedeu tung sein, weit und tief in das Innerste einer sozialen Gemeinschaft hineinreichen und ihre Identität treffen. Dadurch tangiert es viele Aspekte der individuellen wie sozialen Lebensrealität und somit auch zahlreiche Individuen und deren Aktivitäten 293 innerhalb der sozialen Gruppe beziehungsweise Gesellschaft. Auf diese Weise wird nicht nur die sozio-politische Domäne betroffen, sondern zugleich auch Recht und Gesetz, Wirtschaft sowie etwa Kunst- und Kulturschaffen. Als weiterer Aspekt kommt hinzu, dass ein traumatogenes Ereignis als von außerhalb der eigenen sozia len Gruppe generiert beziehungsweise als extern aufoktroyiert perzipiert wird. Durch das Erleiden beziehungsweise Erfahren von Traumatisierung nimmt sich die Gesellschaft als Ganzes in einer viktimisierten Rolle wahr. Mit dem Oktroi der traumatogenen Erfahrung gehen nicht selten von außen bewusst herbeigeführte Verschiebungen im Bereich bislang dominierender Werte, Übertragung von Macht und Verschiebungen sozialer Schichten oder Hierarchien einher, wie etwa im Falle des Imperialismus. Vor dem Hintergrund der Rapidität, Profundität und Überwäl tigung, die mit der kollektiven Traumatisierung einhergehen, kommt es zu einer Beschädigung oder Auflösung des mentalen Rahmens einer Gesellschaft, innerhalb dessen die Gesellschaft bislang Personen, Verhalten, Strukturen und Prozesse wahrgenommen und bewertet hat (Sztompka 2004: 158f.). Mit anderen Worten muss sich das Ereignis unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis eingraben, ohne dass eine Rückkehr in altes Fahrwasser möglich ist (Smelser 2004a: 41). Ein solch nachhaltiger Effekt tritt nur dann ein, wenn tatsächlich die Kernelemente des kulturbasierten Selbstverständnisses einer Gesellschaft oder gar eines Zivilisati onsraumes, das sich auf ein gemeinsames kulturelles Fundament beruft, von dem potenziell traumatischen Ereignis betroffen sind. Insofern ist ein kollektives Trau ma nicht nur als soziales sondern zugleich auch als kulturelles Trauma zu begreifen, wobei unter Kultur Aspekte wie Werte, Normen, Perspektiven, Beliefs, Ideologien und Wissen verstanden werden, welche in ihrem Zusammenspiel ein geteiltes Be deutungssystem (logico-meaningful connections nach Sorokin) ergeben (Smelser 2004: 37). Diese Qualifikation hilft nicht nur, das Traumakonzept weiter zu konkretisie ren, was für den Analyseprozess wichtig ist, sondern verweist zugleich auf eine wei tere Schwelle der potenziellen Traumatisierung eines Kollektivs. Denn wie auch beim sozialen Wandel führen nicht alle krisenhaften Manifestationen einer Gesell schaft zu einem Trauma beziehungsweise sind Ausdruck eines solchen. Das Versa gen einzelner Institutionen oder die Nichtzurverfügungstellung ausgewählter Staatsaufgaben sind für sich genommen nicht notwendigerweise traumatogen, ebenso wenig wie der Legitimationsverlust von Regierungen. Vielmehr tangiert ein kollektives Trauma im Sinne eines kulturellen Traumas die axio-normativen und symbolischen Belief-Systeme einer Gesellschaft, sodass die traumatogenen Ereignisse zur Erschütterung grundlegender Werte, Normen, Verhaltensmuster, Regeln, Rollen, tradierter Narrative, etablierter Symboliken, feststehender Situationsdefinitionen und bestehender Diskursrahmen etwa im Sinne Durkheim'scher Anomie oder des normativen Chaos im Sinne Robert Mertons führen (Sztompka 2004: 161). Trauma ist in diesem Sinne somit weniger zu verstehen als Reaktion auf den empfundenen Schmerz einer sozialen Gruppe, sondern vor allem darauf, dass diesem Schmerz eine grundlegende und nachhaltige 294 negative Bedeutung für die eigene kollektive Identität beigemessen wird (Alexander et al. 2002: 15f.). Als potenzielle Auslöser kultureller Traumata können etwa Revo lutionen und Staatsstreiche, ethnische Säuberungen, Völkermord, Deportation, Terrorismus und andere groß angelegte Gewaltakte, aber auch politische Morde und radikale ökonomische Veränderungen fungieren. Zu Letzterem gehören zum Beispiel auch weitreichende institutionelle Reformen, die einer Gesellschaft etwa im Rahmen einer „imposed forced modernization“ (Sztompka 2004: 163) entgegen bestehender Traditionen aufoktroyiert werden. Als ebenso traumatogen kann sich zudem das Offnen von Archiven erweisen, durch das ein bisheriges Vergangen heitsbild und darauf fußendes kollektives Selbstverständnis eingerissen wird, indem es zur Revision bisheriger nationaler Basiserzählungen kommt. Hierdurch erleiden bislang gültige Belief Structures, Glaubensüberzeugen, Doktrinen und Ideologien fundamentale Erschütterungen. Seinerzeit stellte etwa die Reformation eine exis tenzielle Herausforderung für das die auf dem katholischen Weltbild fußende vor herrschende Kultur und die auf ihr basierenden sozio-politischen Systeme dar, und auch der Kolonialismus bewirkte nicht zuletzt durch das gewaltsame Aufoktroyie ren spezifischer Welt- und Wertvorstellungen kulturelle Traumatisierungen in den betroffenen Gesellschaften (Smelser 2004: 38). Ob und wann ein potenziell traumatisches Ereignis sich zum Trauma entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So spielt etwa die kulturelle Sozialisation eine wesentliche Rolle, denn sie erschafft das sogenannte ethnische Unbewusste, was bedeutet, dass in einer spezifischen Kultur den meisten Mitgliedern gemeinsamen Manifestationen des Psychischen, etwa Konflikte, Tabus, Normen zu eigen sind (Haag/Mei 2004). Somit ist bereits vor einem potenziellen traumatogenen Ereignis eine Auswahl an möglichen Interpretationen vorhanden, welche bei der Perzeption, Interpretation und Reaktion im Kontext des traumatischen Ereignisses zum Tragen kommen. Je nach kultureller Vorprägung ein ein Ereignis als bedrohlich wahrgenommen werden oder nicht (Sztompka 2004: 165f.). Ein weiterer Faktor ist der Zustand einer Gesellschaft zum Zeitpunkt des traumatogenen Ereignisses. Ein bereits geschwächtes Gemeinwesen ist entspre chend anfälliger (Smelser 2004: 36f.). Dies gilt insbesondere zu Zeiten intensiver interkultureller Kontakte, da die Konfrontation unterschiedlicher Kulturen häufig in Spannungen, Zusammenstößen und Konflikten resultiert und im Rahmen von Migration und Flucht die Aufnahmegesellschaften in besonderem Maße materiell, kulturell und identitär herausgefordert werden. Besonders ausgeprägt ist das Trau matisierungspotenzial, wenn die Dominanz einer Kultur über die andere mit Ge walt sichergestellt wird (Imperialismus, Kolonialismus, religiöse Mission). Aber auch weniger gewaltsame Formen der Ausbreitung kulturspezifischer Größen etwa in Form ökonomischer Durchdringung, technologischer Dominanz oder kultureller Omnipräsenz (Kulturimperialismus, kulturelle Aggression, McDonaldisierung, Amerikanisierung, Islamisierung etc.), tragen regelmäßig zur Schwächung bezie hungsweise zum Bruch kultureller Stabilität, Kontinuität und Identität bei 295 (Sztompka 2004: 162). In derartigen Fällen weist der betroffene kulturelle Kontext regelmäßig einen spezifischen nationalen und politischen Bezug auf. Findet ein Traumatisierungsprozess in einem klar begrenzten nationalen Rahmen statt, inner halb dessen ein hinreichendes Maß an spezifischer kultureller Kohärenz und ein entsprechender diesbezüglicher nationaler Konsens darüber herrscht, wobei Sub kulturen, Gegenkulturen und kulturimmanente Konflikte bereits als Teil der natio nalkulturellen Hauptströmung berücksichtigt sind, lässt sich das kollektive Trauma auch als nationales Trauma umschreiben (Witztum/Malkinson 1998: 119, Smelser 2004: 48, Smelser 2004a: 44, Nytagodien/Neal 2004). Eine spezifische Variante des nationalen Traumas ist dabei das politische Trauma. Bei diesem stehen der politi sche Kontext beziehungsweise die politischen Effekte im Vordergrund. Exempla risch kann an dieser Stelle etwa der gewaltsame Tod eines politischen Führers ge wertet werden, der in besonderem Maße repräsentativ für bestimmte Ideen und somit potenziell epochenprägend ist, wie etwa im Falle John F. Kennedys oder Jitzchak Rabins (vgl. etwa Raviv et al. 2000: 300). An dieser Stelle kann neben der sozi alen Identität zudem die politische Identität traumaverstärkend wirken. Die Wir kung des Traumatisierungsprozesses ist demnach umso intensiver, je näher das traumatisierte Individuum dem Opfer stand (Raviv et al. 2000). Als letztes stellt sich die Frage, wie genau es zur Umbildung der sozio-politischen und kulturellen Identität einer traumatisierten Gesellschaft kommt und was das für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens bedeutet. Grundsätzlich geht es bei die sem Prozess um eine Rekonstruktion der sozialen Verbindungen auf einer neuen Basis, die das kollektive Trauma beinhaltet und im Rahmen einer neu entwickelten Basiserzählung in die Nationalgeschichte einarbeitet (Giesen 2004: 113f.; ferner: Caruth 1995, Smelser 1998, Eyerman 2004). Ganz entscheidend bei der Manifesta tion eines traumatogenen Ereignisses als kollektives Trauma und damit Vorausset zung für den Prozess der Neugestaltung der kollektiven Identität einer Gesellschaft in diesem Kontext ist die Erlangung kultureller Relevanz durch Prozesse der Re präsentation und sozialen Konstruktion. Eine wesentliche Größe ist dabei die kol lektive Erinnerung, deren Teil das traumatische Ereignis selbst wie auch der an schließende Prozess des Traumas werden muss. Das ist insofern entscheidend, da die neu aufgefüllte kollektive Erinnerung wieder die Vorstellung von sozialer Stabi lität und Kontinuität erschafft (Giesen 2004: 112). In diesem Rahmen wirken nati onale Traumata wie auch nationale Triumphe als „mythomoteurs“ (Barthes 1996) zur sozialen Konstruktion einer neuen kollektiven Identität. Kollektives Gedächtnis und nationale Identität lassen sich als kollektives Narrativ umschreiben. In diesem Sinne lassen sich kollektive Traumata dann auch als Reaktion auf Ereignisse verste hen, welche nicht kohärent in das bestehende Narrativ integriert werden können, sondern dieses durchbrechen. Die Traumaerfahrung, die eine schmerzvolle Erfah rung eines Kollektivs beschreibt, ein Opfer definiert, Verantwortlichkeit zuweist und Folgen auf ideeller und materieller Ebene beschreibt, führt somit zu einer grundlegenden Revision der kollektiven Identität (Alexander 2004: 22). 296 Die Entwicklung des Traumas als Narrativ lässt sich somit am besten aus konstruk tivistischer Perspektive beschreiben. Ebenso wie die nationale Gemeinschaft im Sinne Benedict Andersons (1991) als vorgestellt gilt, so kann auch das kollektive Trauma als durch Interpretation und Konstruktion imaginiert gelten. Das Ereignis ist also die eine Sache, seine spezifische Repräsentation und der darauf basierende Einfluss auf die Entwicklung eines neuen nationalen Narrativs, die andere. Indem der sozialen Krise, welche durch ein traumatogenes Ereignis hervorgerufen wurde, die Bedeutung einer kulturellen beziehungsweise nationalen Krise beigemessen wird, kommt es zur sozial konstruierten Entstehung des kollektiven Traumas. Hierbei kommt es zur breiten öffentlichen Anerkenntnis eines Ereignisses als unauslöschliche fundamentale Bedrohung der Gesellschaft als solche im Rahmen eines die relevanten gesellschaftlichen Gruppen umspannenden Konsenses (Smelser 2004 a: 41-44). Dieser Weg der Ereignisfolgen als kollektives Trauma in das kollektive nationale Gedächtnis ist in der Praxis jedoch ein komplexer, mehrwertiger symbolischer Prozess, der selbst kontingent, hochgradig umkämpft und nicht selten außerordentlich polarisierend ist (Alexander 2004: 12, Giesen 2004: 112). Denn trotz der gemeinsamen identitären Basis, die nun grundlegend in Frage gestellt ist, ist keine Gesellschaft eine perfekte monolithische Einheit, sodass eine kollektive Traumatisierung zunächst vor allem durch die Träger der gemeinsamen national-kulturellen Identität (etwa Priester, Intellektuelle, Politiker, Journalisten, Träger der nationalen Moral, Führer sozialer Bewegungen etc.) thematisiert beziehungsweise in den relevanten Diskurs eingebracht wird (Austin 1962, Searle 1969, Harbermas 1984, Lara 1999, Alexander 2004, Smelser 2004a: 38f., Sztompka 2004: 157ff.). Eine wichtige Größe in diesem Zusammenhang ist der Zugang zu kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Ressourcen. Je höher beispielsweise der Bildungsgrad eines Individuums in einer potenziell kollektiv-traumatischen Situation ist, desto anfälliger ist dieses für die Wahrnehmung von Ereignissen als kulturelles Trauma; zugleich ist es aber auch besser für die Konfrontation mit dem Trauma gewappnet. Somit sind es regelmäßig Philosophen, Intellektuelle oder Sozialwissenschaftler, welche als erste die Signale sich abzeichnender traumatogener Wirkungen von Ereignissen erkennen und thematisieren. Dabei stellen sie den betroffenen Gesellschaften Repräsentationen zur Verfügung und wirken so an der posttraumatischen Neukalibrierung der Gesellschaft mit (Sztompka 2004: 166). Nach dieser ersten diskursiven Phase innerhalb und außerhalb der medialen Öffentlichkeit, sowie in Kunst und Kultur und nicht zuletzt im Rahmen der Wissenschaft entwickelt sich auch durch das gemeinsame Formulieren von Diagnosen, Mutmaßen über Ursachen, Mythen, Schuldige und Verschwörungstheorien eine von der Mehrheit anerkannte gemeinsame Deutung der Ereignisse als spezifisches kollektives Trauma. Nach der grundlegenden Rekon struktion der kollektiven Identität folgt eine Beruhigungsphase, in welcher die neue kollektive Identität zum Normalzustand wird; hierbei wird die neue kollektive Iden 297 tität einerseits in rituellen Routinen repräsentiert und die Traumaerfahrung etwa in Form von Monumenten, Museen, historischen Artefakten etc. objektiviert (Ale xander 2004: 23). Andererseits sieht sie sich manifestiert in greifbareren sozialen Phänomenen wie Gruppenbildung, sozialen Bewegungen, Organisationen oder po litischen Parteien. Mit diesen Manifestationen der neuen Identität geht ein Prozess der Sinnstiftung des Traumas einher, welcher sich nicht zuletzt um die Frage nach der richtigen Form des Erinnerns dreht (Smelser 2004a: 48-53). Im Rahmen dieses Diskurses werden zudem einige zentrale Aspekte definiert beziehungsweise umdefiniert, welche für die Herausbildung des ergänzten kollektiven Gedächtnisses beziehungsweise der neuen kollektiven Identität von besonderer Bedeutung sind: Neben der Frage nach der Art des Ereignisses und seiner traumatogenen Wirkung und dem Wesen des Opfers stellt sich auch die Frage nach der Beziehung von Opfer und Gesellschaft und schließlich die Frage nach der Verantworlichkeit für das Trauma (Alexander 2004: 12f.). So ging etwa mit Blick auf den Jugoslawien Krieg in den 1990er Jahren in das kollektive Gedächtnis der Kosovo-Albaner ein, dass Hunderttausende Mitgieder dieser Volksgruppe vorsätzlich von Serben getötet wurden, während im kollektiven Gedächtnis Serbiens nur einige Hundert Kosovo Albaner ums Leben gekommen sind, und das nicht im Rahmen gezielter Tötungen, sondern durch Hunger und Vertreibung. Ähnlich sieht es mit dem Eingang der Ereignisse von Nanking in das jeweilige nationale Gedächtnis von China beziehungsweise Japan aus: Während im kollektiven Gedächtnis Japans Nanking eine reguläre Kriegshandlung darstellt, die mit nur einer Handvoll Opfern sogar ein vergleichsweise bescheidenes Maß an Blutzoll gefordert hat, ging dieser Ort als Stätte eines vorsätzlichen Massakers ins kollektive Gedächtnis Chinas ein, dem mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen sind. Vergleichbare Unterschiede lassen sich zudem im Falle des Nordirland-Konfliktes ausmachen, wo sich die Wahrnehmung der Ereignisse als ziviler Ungehorsam und Terrorismus, wie sie im englischen kollektiven Gedächtnis Einzug gehalten hat, der die kollektivmemorialen Verortung als imperialistischer Krieg auf der relevanten nordirischen Seite gegenüber steht. Die Kenntnis derartiger Fakten und das Bewusstsein der damit verbundenen nationalen Empfindlichkeiten, die zugleich als Motivation eigenen politischen Handelns wirken, ist für die politische Praxis wie politikwissenschaftliche Analyse gleichermaßen relevant. Das gilt auch für weitere Aspekte, die mit der kollektiven Traumatisierung in Zusammenhang stehen. Denn ebenso wichtig wie die Interpretation des traumatogenen Ereignisses und seine Überführung ins kollektive Gedächtnis ist die soziale Konstruktion der Opfergruppe: Waren es einzelne Individuen, spezifische soziale Gruppen oder gar eine ganze Ethnie, Nation oder Kultur, die von dem traumatischen Ereignis erfasst wurde? Auch dieser Aspekt ist für das nationale Selbstverständnis wie für die spätere Analyse sehr wichtig. Denn es macht in vielfacher Hinsicht einen Unterschied, ob etwa beim Holocaust ausschließlich deutsche oder europäische Juden als Opfer anerkannt werden, oder aber das Judentum schlechthin, und auch 298 ob Unterschiede zwischen den verschiedenen Opfergruppen wie Juden, Sinti und Roma, sexuell Andersorientierte, geistig Behinderte, nichtjüdische Polen, Kommunisten etc. gemacht werden. Gleiches gilt etwa für die Frage, ob in den unterschiedlichen kollektiven Gedächtnissen etwa nur die Kosovo-Albaner als Opfer erscheinen, oder eben (auch) die kosovarischen Serben. Die politische Relevanz der Art und Weise, wie diese Fragen in das jeweilige kollektive Selbstverständnis der betroffenen Gruppen und Nationen eingegangen ist, zeigt sich gerade im Bereich der internationalen Beziehungen, wo es nicht nur um konkrete Fragen wie Entschädigungen oder die künftige Gestaltung von Außenpolitik, insbesondere Außenkultupolitik und Public beziehungsweise Cultural Diplomacy, geht, sondern wo Missverständnisse leicht zu Krisen und Konflikten führen können, weil von jedem Staat sehr unterschiedliche Interpratationen als selbstverständliche, einzig zutreffende und daher erst gar nicht hinterfragte Grundlage der jeweiligen Außen- und Sicherheitspolitik genommen werden können, obgleich diese einzelnen Interpretation einander unter Umständen diametral entgegenlaufen. Hierbei ist nicht zuletzt auch relevant, welche Beziehungen zwischen Gesellschaft und Opfergruppe des Traumas diskursiv entwickeln. Bei der Analyse der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik (und nicht nur in diesem Policy-Feld) stellt sich etwa die Frage, welche Rolle der Holocaust einerseits für die Nahostpolitik der Bundesrepublik und speziell den Beziehungen zu Israel und andererseits gegenüber der Volksgruppe der Sinti und Roma und den sie beherbergenden Ländern spielt. Derartige Fragen lassen sich nur analysieren, wenn die Rolle dieser beider Gruppen im kollektiven Gedächtnis und nationalen Selbstverständnis der Deutschen verstanden wird. Nicht zuletzt erlangt im posttraumatischen Diskurs die Zuweisung der Verantwortlichkeit hohe Relevanz. So ist es für die Politik von erheblicher Bedeutung, ob und inwiefern in den unterschiedlichen kollektiven Gedächtnissen spezifische Gruppen als Schuldige für ein Träume manifestiert werden. War es das deutsche Volk oder das Nazi-Regime, welches für den Holocaust verantwortlich zeichnete, waren es nur spezielle SS- Verbände oder auch die Wehrmacht, welche die besonderen Gräuel jener Epoche beging? In nationalen Selbstverständnissen manifestierte unterschiedliche Antworten auf derartige Fragen führen auch zu Unterschieden in den erwarteten Policy-Outcomes der betroffenen Staaten. Daher gilt es, sich stets auch diese Größen bei der Analyse außenpolitischen Verhaltens ein Einflussfaktor bewusst zu machen. Dabei nicht unwichtig ist zudem die Frage, welche sozialen Akteure die jeweilige mediale, religiöse, politische oder sonstige Definitionsmacht hinsichtlich nationaler Traumata und der daraus erwachsenden Neuinterpretation des nationa len Narrativs innehaben (Alexander 2004, Sztompka 2004). Denn dementspre chend finden die Repräsentationen traumatischer und posttraumatischer Phänome ne ihren Niederschlag in allen Bereichen der Gesellschaft, wo etwa ansonsten hehre Rechtssätze wie freie Meinungsäußerung beschnitten werden, wie etwa im Falle der 299 Holocaustleugnung in der Bundesrepublik, oder selektive, normativ-geleitete und irritierende Interpretationen von Recht gesetzt werden, wo die Leugnung des einen Völkermordes unter Strafe steht, die eines anderen jedoch nicht. Die augenscheinli che Inkonsequenz derartiger politischer, legislativer oder juristischer Entscheidun gen lässt sich abermals nur als Konsequenz einer spezifischen kollektiven Erinne rungsarchitektur verstehen. Zugleich zeigen sich im genannten Fall zugleich die außen- und sicherheitspolitische Relevanz wie auch Problematik. Denn anders als der Holocaust im Falle der Bundesrepublik Deutschland hat der Völkermord an den Armeniern im Rahmen einer gänzlich anderen Repräsentation Eingang ins kol lektive Gedächtnis und nationale Selbstverständnis der Türkei genommen. Span nungen auf internationaler Ebene haben sich jüngst genau in dieser Frage gezeigt. Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass im Falle einer kollektiven Traumati sierung ein traumatogenes Ereignis mit Relevanz für ein Kollektiv dazu führt, dass ein Individuum auch dann erschüttert wird, wenn es nicht direkt und unmittelbar davon betroffen ist. Dies liegt darin begründet, dass es Teil einer sozialen Gruppe, die von Ereignis auf spezifische Weise betroffen ist. Alle oder zumindest ein Groß teil der Angehörigen der sozialen Gruppe entwickelt Traumafolgeerscheinungen, die entweder erfolgreich angegangen werden können oder sich pathologisch mani festieren. In beiden Fällen wirkt dies zurück auf Identität und politisch wirksames Verhalten der sozialen Gruppe. Das Phänomen kollektiver Traumatisierung steht somit in einem engen Zusammenhang mit einem Konzept erweiterter nationaler Sicherheit, das explizit die Wahrung nationaler Identität als Teil des nationalen In teresses einschließt. Konkret lässt sich im Konzept des kollektiven Traumas eine spezifische Versicherheitlichung der kollektiven Identität eines Gemeinwesens, ins besondere eines Nationalstaates, erkennen. So lässt sich Bedrohung der kollektiven Identität, d.h. des nationalen Selbstverständnisses beziehungsweise der nationalen Kultur als Bedrohung der nationalen Sicherheit verstehen. Es geht um nichts Ge ringeres als um das soziale und identitäre Überleben, wenn Gesellschafts-, Wirt schafts- und Rechtsordnung oder gar der vertraute Lebensstil per se, der als der allgemeingültigste Ausdruck des eigenen kollektiven Selbstverständnisses gilt, fun damental bedroht wird. Zwar ist es in der Regel schwieriger, die Bedrohung auf dem Wege des sozialen Diskurses als kollektives Trauma zu konstruieren, als im Falle eines kriegerischen Angriffs auf das eigene Territorium durch gegnerische Streitkräfte, bei dem im Sinne Maslows die fundamentalste Stufe der Bedürfnispy ramide tangiert wird, nämlich das physische Überleben, und somit die Interpretati onsspielräume deutlich geringer sind, als bei rhetorischen oder symbolischen Atta cken — selbst wenn letztere terroristischer Natur sind — oder etwa bei kultureller Unterwanderung oder ökonomischer Durchdringung. Dennoch sind auch kulturel le Traumatisierungen als bedeutsame Variablen und Einflussfaktoren für die Analy se der Internationalen Beziehungen beziehungsweise konkreter außen- und sicher heitspolitischer Entscheidungen zu werten. Weil Naturkatastrophen, technische Großschadensereignisse und menschlich induzierte traumatogene Ereignisse über 300 das traumatisierte Individuum hinausgehen und große Kollektive betreffen, kann die nachhaltige Erschütterung oder grundsätzliche Infragestellung bisheriger gesell schaftliche Funktionen, Prozesse und Dynamiken zu Misstrauen, Argwohn, Schweigen, Brutalisierung, Niedergang von Werten, von Moral, Führungsschwäche, Abhängigkeiten, Passivität, Verzweiflung führen, welche den grundlegenden Cha rakter einer Gesellschaft zu bestimmen beginnen. Die Einbeziehung der nationalen Identität und der drauf basierenden politischen und strategischen Kultur in die Analyse der internationalen Beziehungen im Allge meinen beziehungsweise konkreter außenpolitischer Entscheidungsprozesse im Besonderen ist somit unabdingbar. Auf der Ebene der außenpolitischen Praxis gilt dies, um politische Fehler, Fehlkalkulationen und Missverständnisse zu vermeiden, nicht nur, weil dies zu unnötigen und vermeidbaren Konflikten führen kann, son dern auch, weil Kränkungen im Bereich kulturell-basierter Identität besonders schwerwiegend und nachhaltig wirken können. Die Einbeziehung der politisch kulturellen Komponente beziehungsweise der nationalen Identität, zu deren Ent wicklung kollektive Traumatisierungen, wie gezeigt, in besonderem Maße beitragen können, ermöglicht somit die Herausbildung nicht nur einer weniger fehleranfälli gen Außen- und Sicherheitspolitik, sondern zugleich auch einer Diplomatie mit bewusstem kulturellen Fingerspitzengefühl. Doch auch zur Ausgestaltung konkre ter Maßnahmen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik, etwa im Bereich der Rekonstruktion von Gesellschaften nach Kriegen und Bürgerkriegen, welche mili tärischen Interventionen regelmäßig folgt, ist das Verständnis von Wirkung und Manifestation kollektiver kultureller Traumatisierung maßgeblich für den Erfolg entsprechender Missionen (Abramowitz 2005, Somasundaram 2007). Auch auf wissenschaftlicher Ebene kann die Berücksichtigung kollektiver Traumatisierungs prozesse zu einem besseren Verständnis politisch-historischer Entwicklungen bei tragen. Durch sie lässt sich nachvollziehen, warum etwa Missverständnisse im zwi schenstaatlichen Bereich aufgetreten sind, weshalb durch Fehlinterpretationen traumatisierter Gesellschaften Konflikte entstanden sind oder auf welche Weise diplomatische Verstimmungen durch Mangel an Sensibilität für unbewältigte kultu relle Traumata verursacht wurden. Zugleich lässt sich nachvollziehen, welchen Ein fluss Manifestationen kultureller Traumata auf die Entstehung grundlegender au ßen- und sicherheitspolitischer Orientierungen (grand strategies) wie auch konkreter Entscheidungen einzeln und im Zusammenspiel mit den anderen im Rahmen des Modells behandelten Variablen haben. Hierzu gilt es etwa im konkreten Fall, auf hermeneutischem Wege die symbolischen Repräsentationen vor dem Hintergrund der Entwicklung von kulturellem Gedächtnis beziehungsweise kollektiver Identität einer Nation zu interpretieren. Betrachtet man die Akteur-Seite im Interpretativen Realismus, so spielt das Indivi duum eine zentrale Rolle innerhalb der Analyse. Auch wenn zwischenstaatliches Handeln Staatshandeln ist und der Staat als erkennbarer Akteur auf internationale Ebene in Erscheinung tritt, liegt diesem Handeln eine Vielzahl von Dynamiken und 301 Einzelentscheidungen zugrunde, die sowohl bei ihrem Zustandekommen per se als auch im weiteren Zusammenspiel spezifischen Logiken folgen. Diese Logiken wur den im fünften Kapitel aufgezeigt. Hierbei stellt das Individuum den zentralen Fo kus der Analyse dar. Ein entscheidender Aspekt dabei ist, dass das menschliche In dividuum ein Wesen ist, welches — anders als in vielen Theorien postuliert — einer in vielfacher Hinsicht begrenzten Rationalität folgt. Das heißt nicht, dass menschli ches Entscheiden irrational wäre; vielmehr folgt es konsequent einer Logik, die auf systematischen Verzerrungen beruht, was einen nachhaltigen Einfluss auf die As pekte Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der so auf spezifische Weise verzerrt wahrgenommenen empirischen Realität und folgerichtig den weiteren Ent scheidungsprozess und die empirisch erkennbare Handlung hat. Mit anderen Wor ten: Perzeptionen werden aufgrund kognitiver Prozesse gefiltert beziehungsweise verzerrt, sodass es gleichsam zu Fehlwahrnehmungen, Fehlinterpretation und Wirklichkeitsrekonstruktionen kommt, welche diese systematischen Verzerrungen reflektieren. Bei der Analyse sind somit zunächst die kognitiven Prozesse bezie hungsweise die jeweiligen Heuristiken ebenso wie etwaige sozialisationsbedingte und insbesondere kulturspezifische Verzerrungen zu berücksichtigen, welche in bestimmten Kontexten entscheidungsbeeinflussend wirken können. Daneben gilt es, eine psychobiografische Analyse durchzuführen, um so ebenfalls den Einfluss spezifischer Persönlichkeitsmerkmale, Charakterausprägungen und etwaiger mentaler Erkrankungen berücksichtigen zu können. Wie dargelegt, sind alle dieser Aspekte potenziell entscheidungserheblich und erst ihre synchrone Ana lyse ermöglicht eine wirklichkeitsnahe Rekonstruktion beziehungsweise Erklärung zwischenstaatlichen Handelns. Dabei zeigt sich, dass die so gewonnenen Erkenntnisse nicht nur für die Analyse auf der individuellen Ebene per se von Relevanz sind, sondern diese Logiken auch bei der Betrachtung der übergeordneten Analyseeinheiten der Analyseebene Staat zum Tragen kommen. Allerdings sind in diesen Zusammenhängen zusätzliche Wirkmechanismen zu berücksichtigen, so die beschriebenen gruppendynamischen Prozesse, wie etwa Groupthink, oder die Effekte bürokratischer Strukturen, Res sortegosimen und Rivalitäten und dergleichen. Auf diese Weise wird deutlich, dass, um zwischenstaatliches Handeln zu verstehen, die auf jeweils spezifischen Soziali sationserfahrungen und partikularen Identitäten beruhenden Perzeptionen sowohl der eigenen Rolle als auch der nationalen und internationalen Struktur und Kons tellation allesamt Elemente des zwischenstaatlichen Entscheidungsprozesses sind. Alle genannten Analyseeinheiten bewegen sich dabei auf der Grundlage einer ge meinsamen Matrix, welche als kollektive Identität verstanden werden kann. Sie bil det einen wesentlichen Bestandteil der individuellen Identitäten und ist zugleich als kollektiver Ausdruck ebendieser zu verstehen. Die kollektive Identität determiniert dabei die zentralen Werte und ist dabei Ausdruck kollektiver Erfahrungen, was sich letztlich in einer spezifischen nationalen Identität und strategischen Kultur manifes tiert. Gerade hier tritt die intrinsische Verbundenheit zwischen kollektiver und in 302 dividueller Ebene deutlich zutage. Genau dieses komplexe Zusammenspiel der Analyseebenen und der darin enthaltenen Analyseeinheiten machen den Akteur Staat aus, dessen zwischenstaatliches Handeln nach außen empirisch erkennbar wird. Fügt man diese Erkenntnis mit der Erkenntnis aus dem vorangegangenen Kapitel zusammen, das sich mit der Strukturseite befasst hat, so wird deutlich, was in der Auseinandersetzung mit den Basisproblemen der Internationalen Beziehun gen diskutiert und postuliert wurde, nämlich das eine synchrone Analyse aller drei Analyseebenen erforderlich ist, um das notwendigerweise untrennbare Zusam menwirken der sich auf die dargelegte Weise wechselseitig konstituierenden Grö ßen Akteur und Struktur verstehen zu können Dieses Verständnis ist grundlegend und notwendig für die Erklärung zwischenstaatlichen Entscheidens und Agierens. Im Rahmen der Darlegung des Strukturverständnisses des Interpretativen Realis mus wurde ein Anarchie-Hierarchie-Kontinuum entwickelt und die den einzelnen Systemstrukturausprägenden innenwohnenden Logiken detailliert aufgezeigt. Im Rahmen der Darlegung des Akteurverständnisses des interpretativen Realismus wurde aufgezeigt, wie Perzeption, Interpretation und Wirklichkeitsrekonstuktion unter Berücksichtigung kognitiver, affektiver, persönlichkeits-, gruppen- und bin nenstrukturspezifischer Mechanismen im konkreten Fall funktionieren und sich entsprechend auswirken. Somit wurde die in Kapitel 3 begründete Grundlage der Theoriefortbildung hinsichtlich der akteur- und strukturspezifischen Funktionslo giken konkretisiert und operationalisiert. Als letztes Element gilt es nun, die motivationale Seite zu betrachten, die das Bin deglied im Akteur-Struktur-Verhältnis darstellt und erst eine sinnstiftende Bewer tung der Perzeption und Interpretation hinsichtlich der jeweiligen Bedürfnisse er möglicht. 303 304 5. Das Komplexe Nationale Sicherheitsinteresse: Die Motivation der Zwischenstaatlichen Entscheidung 5.1 Nationales Interesse und Nationale Sicherheit »U Jfw e cannotnam e security, how can we everhope to achieve i t? “ (Booth 2007: 99) “Today foreign ministers, military strategists and academicians discuss the vital interests o f their countries in ways suggesting that everyone understandspreäsey what they mean and w ill draw correct in ferencesfrom their use o f the term. Nothing could b e fu rth erfrom reality. In truth, the study o f internationalpolitics as w ell as the art o f diplomacy su jfer from widespread ambiguity about the meaning o f national interest.” (David Nuechterlein 1976: 246) „[E s liegt] in der N atur der Sache, daß sich die meisten Untersuchungen über Politik a u f das nationale Interesse beziehen. A llerdings w ird dieses Interesse meistens gefordert oder a ls gegeben akzeptiert, anstatt daß man es tat sächlich analysiert.“ ( J o s e p h Frankel 1971: 51) “[T]he con cep to fna tiona l interest still ha su tility .” (Koskin 1994: 1) “I t is almost no longer controversial to say that traditional conceptions o f security were (and in many m inds still are) too narrowy founded. That: advance does not, however, mean that a consensus exists on what a more broadly constructed conception should look like.” (Barry Bu^an 1991: 14) „W e remain reluctant in this community to accept a broader definition o f national security even when th efa cts cry ou tfo rsu ch a definition.“ (Atwood 1995) „One cannotuse the designation ofsecurity a sa n essentially contested concep tas an ex cu se fo rn o tfo rm u la tin gon e’s own conception ofsecurity as clearly andpreäsely aspossible. “ (Baldwin 1997: 12) „Security, fo r su re , is a simple concept, n o td ifß cu ltto define, but how it is conceptuali^ed and operationalised [ . . . ] is n o t .” (Ken Booth 2007: 101) Das Überleben des eigenen Staates gilt in der orthodoxen Sicht der Internationalen Beziehungen als zentrales Ziel zwischenstaatlichen Handelns. Es wird mit nationa ler Sicherheit gleichgesetzt und stellt somit das Kernstück des nationalen Interesses dar. Kenneth Waltz gilt als einer derVertreter dieser Sichtweise. Als Ration-Choice- Theoretiker hat er diese Logik, wie oben dargelegt, in den Zusammenhang der Spieltheorie gebracht. Allerdings zeigte sich auch ihm bei näherer Betrachtung ein Problem: „If there is an advantage in forming coalitions, then logically the players will pursue the advantage until all o f them are divided into two blocs. Yet the game o f power politics does not often eventuate in two blocs unalterably opposed and using whatever means come to hand in order to weaken each other. This is explained still in terms o f game theory, by the fact that all states are playing more than one game. The aim o f every game is ‘a set o f rules for each participant which tell him how to behave in every situation which may conceivably arise.’ But no set o f rules can specify how important the game should be considered! If, for example, survival were the only goal o f the United States it would be irrational for us to neglect any means o f strengthening our- 305 selves vis-a-vis possible attackers. I f adopting a Spartan regimen would make us stronger, then clearly we should adopt it. However, at the same time that we play the game o f power politics, a game that we are forced to play so long as survival remains a goal, we pursue a number o f other goals — in a sense we play other games — such as the maximization o f economic welfare or, in the most general terms, the maintenance o f a way o f life.” Er stellt dar, dass die Annahme, dass es bei der Bewertung von nationaler Sicher heit und somit von nationalem Interesse um mehr geht, als das den reinen existen ziellen Erhalt des Staates. Doch wenn das nationale Interesse beziehungsweise die nationale Sicherheit komplexe gestaltet ist, dann ist es erforderlich, die Komplexität auch konzeptuell einzufangen. Das heißt einerseits die beiden Termini nationales Interesse beziehungsweise nationale Sicherheit klar zu differenzieren und zugleich den Zusammenhang zwischen den beiden Größen aufzuzeigen. Andererseits be deutet es vor allem die Größe der nationalen Sicherheit näher zu bestimmen und zu erklären, was wann weshalb als Bestandteil der nationalen Sicherheitserwägungen eines Staates gilt. Im Viktorianischen Zeitalter verkündete der britische Politiker, Premierminister und Dritte Viscount Palmerston, dass Großbritannien weder ewige Verbündete noch ewige Feinde habe. Lediglich die Interessen des Landes seien ewig, und die sen zu entsprechen sei unumgänglich.47 Ein Jahrhundert später wies der französi sche Staatschef Charles de Gaulle in ähnlicher Form Clementine Churchill darauf hin, nachdem sie ihn ermahnt hatte, er solle seine Freunde nicht mehr hassen als seine Feinde, dass Frankreich keine Freunde habe, sondern ausschließlich Interes sen. Natürlich werden Politikerworte nicht selten von einem überhöhten Pathos getragen, vor allem wenn es um Staat und Nation geht, aber leider bleibt regelmä ßig unklar, was mit dem für das staatliche Selbstverständnis so zentralen nationalen Interesse konkret gemeint ist. Folgt man den Aussagen der beiden zitierten Staats männer, so wird zumindest aber deutlich, dass eine wesentliche Größe in engem Zusammenhang mit dem Begriff des nationalen Interesses steht, welche auch in der vorliegenden Arbeit von zentraler Bedeutung ist: die zwischenstaatliche Kooperati on. Dieser Aspekt ist sowohl in theoretischer wie praktischer Hinsicht von Rele vanz. Auf theoretischer Ebene steht er in engem Zusammenhang mit dem Anarchie-Hierarchie-Verhältnis, also dem dritten Basisproblem der IB-Lehre, und in praktischer Hinsicht ergibt sich genau vor dem Hintergrund jenes theoretischen Kontextes die Möglichkeit, regionale Systeme wie etwa das der Europäischen Uni on auf ihre Struktur hin zu überprüfen. Was Kooperationen auf zwischenstaatlicher Ebene anbelangt, so sind, folgt man etwa Palmerston, lediglich die Interessen ewig, Verbündete und Feinde indes seien austauschbar. Doch weshalb sollten diese ge ändert werden, weshalb sollte man sich neue Verbündete suchen? Kann dies nicht gerade auch an gewandelten Interessen liegen, an einer sich entwickelnden Abwei chung einer einstigen Interessenkongruenz? Woher aber sollte eine solche rühren? Speech to the House o f Commons (1 March 1948). Hansard’s Parliamentary Debates. 3rd Series. Vol. 97. Col. 122. 306 Sind Interessen etwa doch nicht von solch unendlicher Dauer wie suggeriert? Oder gilt es, das nationale Interesse nicht länger als unitarische Größe aufzufassen, son dern es vielmehr zu differenzieren? Doch wie sollte dies geschehen? Wie lässt sich das nationale Interesse konzeptionell operationalisieren und für die theoriegeleitete Analyse staatlichen Handelns im internationalen System nutzbar machen? Der Umstand, dass diese Fragen in der Forschung bislang weitestgehend unbeant wortet geblieben sind, mag seltsam anmuten angesichts der Selbstverständlichkeit und Häufigkeit mit welcher dieser Begriff zur Anwendung kommt. Und doch man gelt es eklatant an Versuchen, das nationale Interesse konzeptionell umfassend zu beschreiben. Die Brookings Institution, ein konservativ geprägter, amerikanischer Think Tank, definierte das nationale Interesse in der Mitte des 20. Jahrhunderts als das allgemeine und fortwährende Ziel, für das die Nation handelt (Brookings Insti tution 1955: 373 ff.). Eine nähere Spezifikation findet sich in diesem Zusammen hang nicht. Doch auch aktuelle Definitionen lassen an Aussagekraft vermissen. So erklärt etwa Jack Donelly (2008: 156) im Oxford Handbook o f International Kelations, dass das nationale Interesse „is what the term manifestly indicates — namely, those interests/values that are held by the nation“. Auch diese Definition erweist sich trotz ihrer Erweiterung um den Wertgedanken aufgrund ihrer letztlich doch er kennbaren Tautologie nicht als sonderlich hilfreich. Somit hat Joseph Frankel (1971: 24) vollkommen Recht, wenn er auf die Paradoxie verweist, dass das natio nale Interesse einerseits „die umfassendste Beschreibung des gesamten Wertkom plexes der Außenpolitik“ darstelle, ihr Gegenstand andererseits jedoch zugleich „außergewöhnlich unklar“ sei. So wird dem Terminus des nationalen Interesses in der Tat eine Vielzahl von Begriffsinhalten zugeschrieben, auch wird er in einer gan zen Reihe verschiedenartiger Kontexte verwendet. Somit ist die Aussagekraft nicht nur äußerst vage, sondern dadurch auch missverständlich, zumal nicht einmal Ei nigkeit darüber besteht, ob das nationale Interesse von Ort, Zeit und Umständen abhängt oder grundsätzlich losgelöst von derartigen intervenierenden Variablen ist. Erschwert wird eine klare Eingrenzung zudem dadurch, dass sich der Begriff so wohl auf die Nation als gesellschaftliche Einheit als auch auf den Staat als politische Organisation jener Gemeinschaft beziehen kann (Frankel 1971: 11; Woyke 1992: 589 f.). Allerdings ist auch dabei umstritten, ob der Staat als nach außen abge schlossene und in sich differenzierte Einheit mit klar getrennten innen- und außen politischen Sphären vorgestellt werden soll (Evans/Newnham 1998: 345; Woyke 1992: 590). Häufig lässt sich zudem eine normativ-legitimatorische Funktion des nationalen Interesses ausmachen, die nicht zuletzt die Kohäsion der Nation stärken soll. Frankel (1971) zufolge werde das nationale Interesse von den jeweils Herr schenden bestimmt, um die Gesellschaft im Innern zu integrieren. Rosenau wie auch Woyke gehen in diesem Zusammenhang sogar soweit, zu behaupten, dass es in der aktiven Politik dazu diene, politische Verhaltensweisen zu rechtfertigen, zu verurteilen oder anzubieten (Rosenau 1968; Woyke 1992: 590). Interessant ist in diesem Kontext vor allem die intentional-instrumentelle Auffassung des nationalen Interesses, welche die so oft behauptete Ewigkeit und Objektivität jener Größe in 307 Frage stellt. Woyke spricht diesen Punkt sehr deutlich an, wenn er schreibt, dass das nationale Interesse keine objektive Größe sei, die sich beobachten oder messen lasse (Woyke 1992: 590). Vielmehr könne es nur ein subjektivistisches Konzept sein, wobei das nationale Interesse als ein sich „ständig ändernde[r], pluralistische[r] Katalog von subjektiven Wünschen“ zu verstehen sei (Frankel 1997: 13). In eine ähnliche Richtung, jedoch präzisierend, argumentiert David Neuchterlein (1976: 247), indem er behauptet, dass „[i]n its simplest form, the national interest is the perceived needs and desires o f one sovereign state in relation to other sovereign states comprising the external environment“. Die Idee der Subjektivität des nationalen Interesses wird da hingehend präzisiert, dass ihr Ursprung im wahrgenommenen Verhältnis von Selbst und Anderem steht, um etwa auf die Terminologie Alexander Wendts zu rückzugreifen. Noch weiter gehen Evans und Newnham (1998: 345), welche die innenpolitische Komponente noch mit einbeziehen und unter dem nationalen Inte resse “a diverse, pluralistic set o f subjective preferences that change periodically, both in response to the domestic political process itself and in response to shifts in the international environment” verstehen. Hierbei schließen sie allerdings wieder, dass das nationale Interesse wieder nur instrumentell zu sehen sei. Angesichts die ses immer wieder geäußerten Gedankens stellt sich die Frage, ob es tatsächlich zu trifft, dass das nationale Interesse vorrangig als Vorwand für partikulare Interessen dient, also bewusst entsprechend konstruiert wird, oder ob sich nicht (auch) ein nationales Interesse ausmachen lässt, welches sich notwendigerweise aus dem Zu sammenspiel objektiver Aspekte, wie etwa grundlegenden Strukturfaktoren oder spezifischen Konstellationen des internationalen Systems, ergibt? Diese Frage ist insofern von Relevanz, da neben der erwähnten Ansicht, dass das nationale Inte resse als Deckmantel zur Legitimation partikularer Interessen innerhalb des Staates dient, ebenso die Annahme vertreten wird, dass Staaten in ihrer Gesamtheit als „inherently self-interested or egoistic“ (Wendt 2004 [1999]: 239) beziehungsweise „intrinsically, self-regarding‘“ (Waltz 1979: 91) zu betrachten seien, weshalb das nationale Interesse letztlich als Synonym for „national egoism“ (Sondermann 1977: 123) aufzufassen sei. George und Keohane (1980) kommen in diesem Zusammen hang ebenfalls zum Schluss, dass das staatliche Eigeninteresse den Kern des natio nalen Interesses darstelle. Doch auch diese Erkenntnis hilft nur begrenzt weiter, erhebt sich doch die Frage, was den wiederum das staatliche Eigeninteresse ist. Nichtsdestotrotz ist die sich in diesem Zusammenhang ergebende weiterführende Frage Alexander Wendts (2004 [1999]: 239) von Bedeutung, welche darauf gerich tet ist, ob Staaten grundsätzlich über Eigeninteressen verfügen (können): „|T]he question is not whether states are self-interested sometimes, or even most o f the time, but whether they are by nature. A metaphysical question perhaps, but all theories o f international poli tics contain answers to it that affect their choice o f methods and substantive conclusions. If states are self-interested by nature, then we can take self-interest as given and use rationalist theory to analyze its behavioral implications. I f they are "Realists" only contingently, by nurture, however, then investigating the processes by which state interests are formed becomes a high priority-” 308 Die hier gestellte Frage nach der Objektivität beziehungsweise Subjektivität des nationalen Interesses ist wesentlich, jedoch letztlich falsch gestellt. Gerade die ihr innewohnende Dichotomie von gegebenem und erworbenem Eigeninteresse er scheint für eine adäquate Abbildung der Realität als problematisch. Denn folgt man dieser Logik, so erfasst man stets nur einen Aspekt der Herausbildung des nationa len Interesses. Nimmt man an, dass ein naturgegebenes, gleichsam objektives nati onales (Eigen-)Interesse besteht, so wird die Möglichkeit einer situationsspezifi schen Ausprägung des nationalen Interesses grundsätzlich ausgeschlossen. Geht man indes von einem grundsätzlich erworbenen nationalen Eigeninteresse der Staa ten aus, dann wäre das nationale Interesse als subjektive, völlig beliebige und jeder zeit in jede Form konstruierbare Größe anzusehen. Mit Blick auf das nationale In teresse ergibt sich also eine doppelte Herausforderung. Erstens: Wie lässt sich das nationale Interesse konzeptionell fassen, das heißt anhand welcher Faktoren lässt es sich operationalisieren? Und zweitens: Lässt sich das nationale Interesse objektiv oder subjektiv begreifen? Bezüglich des zweiten Problems, sollte die Frage, wie oben schon angeklungen, umformuliert werden: Statt zu fragen, ob das nationale Interesse objektiv oder subjektiv sei, erscheint es als zielführender, die Frage zu stellen, welche Komponente des nationalen Interesses gleichsam naturgegeben be ziehungsweise (eher) objektiv ist und wo situationsspezifische Aspekte Berücksich tigung finden müssen, also eine (eher) subjektive Interessenkomponente vorliegt. Im SPICDA-Modell des interpretativen Realismus wird daher von einer Aufspal tung des nationalen Interesses in ein gleichsam naturgegebenes Grundinteresse und eine situative konkrete Interessenausprägung ausgegangen. Während sich das Grundinteresse aus der Strukturperzeption beziehungsweise -interpretation ergibt, leitet sich die konkrete Interessenausprägung aus Perzeption und Interpretation der Konstellation ab. Das vom Realismus angenommene, aus der anarchischen Bedin gung des zwischenstaatlichen Systems erwachsende nationale Ziel unbedingten Überlebens wird auf diese Weise ebenso abgebildet wie das, was in einer bestimm ten historischen Situation von einem Akteur mit einer ganz spezifischen Sozialisati onsgeschichte, als überlebensrelevant erachtet wird. Hierbei wird der Begriff des staatlichen Überlebens weit gefasst. Es geht stets um die Sicherheit des Staates, so dass das nationale Interesse eines Staates stets als dessen Sicherheitsinteresse zu verstehen ist. Das Grundinteresse besteht immer darin, die Sicherheit des Staates unter den jeweils gegebenen Strukturausprägungen des internationalen Systems zu gewährleisten, was regelmäßig die unbedingte Sorge um die physische Existenz be inhaltet. Hierbei wird dem Denkansatz des Realismus gefolgt. Was als Ergebnis einer konkreten Bedrohungsperzeption im Einzelfall als sicherheitsrelevant perzipiert wird und weshalb, zeigt sich anhand der konkreten Interessenausprägung. Dieser doppelte Ansatz ist aber auch in anderer Hinsicht sehr hilfreich. So ist es etwa möglich, wie oben bereits kurz erwähnt, anhand der Deutung des Kooperati onsverhaltens eines Staates vor dem Hintergrund eines auf die beschriebene Weise erweiterten nationalen Sicherheitsinteresses Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des internationalen Systems beziehungsweise eines seiner Subsysteme zu ziehen. 309 Für die Betrachtung der Akteure eines regionalen Subsystems wie der Europäi schen Union lässt sich somit überprüfen, ob der gemeinsame europäische Kontext nach wie vor als anarchisch wahrgenommen wird oder aber als vorangeschrittene Sicherheitsgemeinschaft. Bei Betrachtungen längerer Zeiträume lässt sich auch eine diesbezügliche Entwicklung des Wandels von Anarchie beziehungsweise Anarchie arten aufzeigen. Ein solches Vorgehen ermöglicht es, Rückschlüsse über den Zu stand und mögliche Tendenzen künftiger Entwicklungen eines Konstrukts wie der EU in Richtung Beibehaltung der intergouvernementalen Grundstruktur oder Entwicklung im Sinne einer Supranationalisierung zu tätigen. Doch auch wenn hier grob angedeutet werden konnte, dass das nationale Interesse für spezifisches außenpolitisches Handeln, wie etwa das Kooperationsverhalten eines Staates, von Bedeutung ist und die (als doppelt vorgestellte) staatliche Identi tät durch ihren Einfluss auf Perzeption und Interpretation einen Einfluss auf die Herausbildung der konkreten Interessenausbildung hat, ist an dieser Stelle noch immer die grundlegende Frage offen, was unter dem Begriff des nationalen Interes ses konkret zu verstehen ist. Da, wie bereits angedeutet, ein enger Zusammenhang zwischen nationalem Interesse und der Sicherheit des sie repräsentierenden Staates angenommen wird, ist es erforderlich, beide Begriffe näher zu bestimmen und ins besondere ihr Verhältnis zueinander zu klären. Daher ist es erforderlich, das Kon zept des nationalen Interesses näher auszuführen und mit dem Begriff der ebenfalls näher zu bestimmenden nationalen Sicherheit in Verbindung zu bringen. A uf diese Weise soll das Gesamtkonzept des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses entwickelt werden, das bestehende Überlegungen zu nationalem Interesse bezie hungsweise Sicherheit dem Prinzip des analytischen Eklektizismus folgend aufgreift und zugleich die in den vorangegangenen Kapiteln gewonnenen Erkenntnisse be rücksichtigt und beides aufeinander abstimmt. Die analytisch eklektische Auswahl bezieht sich dabei sowohl auf unterschiedliche Theorieansätze der Internationalen Beziehungen als auch der Internationalen Sicherheitsstudien. Eine nähere Bestim mung des nationalen Interesses ist alleine schon aufgrund der großen Bedeutung wichtig, welche dieser Größe im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik zuge schrieben wird: National interest lies at the very heart o f the military and diplomatic professions and leads to the formulation o f a national strategy and o f the calculation o f the power necessary to support that strategy. (Roskin 1994: 1). Vor diesem Hintergrund erweist sich die oft vorhandene, jedoch fälschliche An nahme, das nationale Interesse sei „crisp, clear, objective: what's good for the nati on as a whole in international affairs“ (Roskin 1994: 1), als fatal. Frankel (1971: 15) etwa verweist auf ständig wiederkehrende Fehler bei der Handhabung der Außen politik, welche gemacht würden, weil das nationale Interesse, das in einem spezifi schen Zusammenhang formuliert worden ist, unreflektiert auf andere Kontexte übertragen werde. Nicht zuletzt vor Hintergründen wie diesen müsse eine Konzep tion des nationalen Interesses entwickelt werden, welche die Defizite der bisherigen 310 Ansätze und die daraus für die internationalen Akteure erwachsenden Unsicher heitsfaktoren, wie „verschwommene Intentionen und Mangel an eindeutigen Prio ritäten“, „lückenhaftes Wissen um die internationalen Zusammenhänge“ und schließlich „Unsicherheit gegenüber dem Verhalten anderer Staaten und gegenüber der internationalen Entwicklung“ in den Griff zu bekommen in der Lage ist (Fran kel 1971: 15). Dabei verweist Frankel allerdings auf die Schwierigkeit, ein wie auch immer geartetes nationales Interesse mit konkreten zwischenstaatlichen Entschei dungen in Zusammenhang zu setzen, da eine tiefe Kluft zwischen solch ver schwommenen allgemeinen Werten wie Souveränität, Unabhängigkeit oder Freiheit und einer konkreten politischen Zielsetzung bestehe. Empirisch erfahrbare, kon krete Außenpolitik stellt für Frankel (1971: 20) nichts Anderes dar als „eine Reakti on; man folgt den wirklichen oder auch nur in der Einbildung existierenden Reizen der Umwelt; viel seltener kommt es vor, daß in der Außenpolitik aktiv Ziele ver folgt werden, die auf gesicherten Werten beruhen.“ An dieser Stelle gilt es zunächst einmal zu hinterfragen, ob die von Frankel aufge stellt Behauptung als sinnvoll erscheint. Denn fraglos ist außenpolitisches Handeln wie jegliches anderes Handeln auch reaktiv. Kein Individuum und kein Staat agie ren in einem leeren Raum ohne Vorgeschichte. In jede Handlung, welche zu einem Zeitpunkt x stattfindet, fließen zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Grad die grundlegenden und aktuellen Sozialisationserfahrungen des Individuums oder Kol lektivs mit ein, auf deren Grundlage dann eine spezifische Interpretation der Wahr nehmungen durch den Akteur erfolgt. Die Aktion des Akteurs berücksichtigt dabei die aktuelle Konstellation und versucht vor diesem Hintergrund, das nationale Inte resse bestmöglich sicher zu stellen. Durch seine reaktive Handlungsweise, welche jedoch keinesfalls beliebig, sondern im Gegenteil, gleichermaßen gerichtet wie komplex ist, wirkt der Akteur auf das System ein, indem er die Konstellation ver ändert und sei dies noch so marginal. Somit stellt jede Reaktion zugleich eine Akti on dar. Zwar stellt Frankel zutreffend fest, dass hierbei die Wahrnehmung externer Reize eine zentrale Rolle spielt, er versäumt es jedoch, die Reaktion auf diese Reize mit den bisherigen Sozialisationserfahrungen in Verbindung zu setzen. Diese je doch sind ausschlaggebend für die Interpretation der Wahrnehmung. Da die Sozia lisationserfahrungen auch das Werteverständnis eines Akteurs beeinflussen, erfolgt die Interpretation der wahrgenommenen Information notwendigerweise auch vor dem Hintergrund bestimmter Werte. Inwieweit diese bei der konkreten außenpoli tischen Entscheidung des Akteurs dann schließlich zum Teil der gewählten Strate gie werden, hängt davon ab, welche nationale Interessenausprägung handlungslei tend ist. Doch wie lässt sich eine solche feststellen, wie das nationale Interesse operationalisieren und differenzieren? Frankel selbst versucht sich dieser Herausforderung zu stellen, indem er das natio nale Interesse in die Kategorien erwünscht, durchführbar, erklärend und polemisch ausdifferenziert. Unter erwünscht wird hierbei die normativ-idealistische Kompo nente des nationalen Interesses verstanden. Es geht Frankel dabei um die idealen 311 Ziele, die der Staat gerne verwirklichen würde. Hierbei schränkt Frankel ein, dass das nationale Interesse, falls es nur auf dieser Ebene ausgedrückt werde, nicht aktiv verfolgt werde. Das allerdings bedeute keineswegs, dass es politisch irrelevant sei. Es zeige nämlich die erwünschte Richtung an und könne, sollte sich aufgrund güns tiger Veränderungen in der Umwelt oder in Bezug auf die Fähigkeiten die Möglich keit ergeben, zumindest partiell realisiert werden. Für Frankel geht es mit dieser Komponente letztlich um die Aufzeigung langfristiger Interessen, welche auf Ideo logien beziehungsweise historischen Erfahrungen begründet sind und welche ei nem Staat grundlegende identitäre Perspektiven eröffnen können. Diesen steht die durchführbare Komponente des nationalen Interesses gegenüber. Hiermit ist die realistische Komponente gemeint. Es geht hierbei um kurzfristig zu erreichende Interessen, wobei Überlegungen der Ratsamkeit und Notwendigkeit (politische Sachzwänge) eine Rolle spielen. Eine wichtige Größe in diesem Zusammenhang ist die Macht, da es um die Frage geht, ob und wie das so verstandene nationale Inte resse in konkrete, auf internationaler Ebene Wirkung entfaltende politische Maß nahmen umgesetzt werden kann. Der erklärende Aspekt des nationalen Interesses schließlich verweist auf die legitimierende Komponente des nationalen Interesses im Sinne einer Erläuterung beziehungsweise rationalen Begründung außenpoliti scher Maßnahmen, wohingegen polemisch sich auf das Argument des nationalen Interesses zur Kritik an der Außenpolitik bezieht. Die grundsätzliche Einteilung des nationalen Interesses in langfristig wünschenswert und in Zusammenhang mit dem ideationalen Selbstverständnis des Staates stehend einerseits und unter den aktuellen Gegebenheiten kurzfristig realisierbar andererseits verweist bereits auf wichtige Differenzierungen bei der Bestimmung des Konzepts. So wird eine identi tätsbezogene Komponente angedeutet, welche sich von anderen, materiellen Ziel setzungen unterscheidet. Zugleich verweist Frankel auf grundständige und situati onsspezifische Komponenten des nationalen Interesses. Bereits vor ihm wurden einzelne Komponenten als Gegenstand des nationalen In teresses ausgemacht, so etwa Macht (Morgenthau 1947), Sicherheit (Waltz 1979) oder Wohlstand (Gilpin 1981). Speziell der Ansatz von Morgenthau ist dabei aus differenzierter als mitunter behauptet. So lässt sich bei Morgenthau (1958: 54-87) ein Zusammenspiel historisch-situativer und transepochaler Aspekte ausmachen. Während sich der historisch-situative Interessenbegriff auf konkrete Motivationen und Zielsetzungen spezifischer außenpolitischer Akteure zu einem bestimmten his torischen Zeitpunkt bezieht, existieren transepochal vorhandene Interessen, zu de nen Morgenthau Selbsterhaltung, Selbstbestimmung, Sicherheit, den Zugewinn an Macht und Wohlstand sowie Erwerb und Erhaltung von Einfluss und Prestige zählt. Hierbei verweist Morgenthau zudem darauf, dass Priorität und Wirkungs macht nationaler Interessen durch die Identifizierung der Einzelnen mit dem Kol lektiv der Nation, mit ihrem Prestige, mit ihrer Sicherheit und mit ihrer Macht zu sammenhängen (Kindermann 1963: 27-28). Bei George und Keohane (1980) fin den sich die Aspekte physisches Überleben, Autonomie und ökonomischer Wohl stand als Hauptkomponenten des nationalen Interesses vereint. Alexander Wendt 312 (2004 [1999]: 235) nimmt diese drei Größen auf, fügt jedoch mit kollektivem Selbstbewusstsein (collective self-esteem) eine vierte hinzu, wobei Wendt betont, dass diese vier Interessenkomponenten gleichermaßen erfüllt sein müssen, wenn die Si cherheit von Staat und Gesellschaft gewährleistet sein sollen. Auch Stolberg (2007) identifiziert vier Kernelemente des nationalen Interesses, nämlich Sicherheit, öko nomisches Wohlergehen, demokratische Werte sowie eine sichere und stabile Weltordnung. Bei Neuchterlein (1973, 1976) findet zudem eine Hierarchisierung von Interessen in überlebenswichtig, vital, wichtig und peripher statt. Berücksich tigt man zudem noch die teilweise vorgenommene Unterscheidung des nationalen Interesses in die Komponenten Ideologie einerseits und Pragmatismus andererseits, dann lassen sich einige zusammenfassende Bewertungen vornehmen. Nimmt man die Entwicklungen ernst, so erscheint eine Dichotomisierung in prag matisch versus ideologisch per se nicht hilfreich. Vielmehr erscheint es erforderlich darzulegen, wie beide Elemente gemeinsam das nationale Interesse formen und weshalb es in einer bestimmten Situation zum Tragen kommt. Hierbei erweisen sich zwei Ideen, die im Rahmen der bisherigen theoretischen Auseinandersetzung mit dem nationalen Interesse in den Diskurs eingebracht wurden, als hilfreich, nämlich die Ausdifferenzierung des nationalen Interesses in mehrere Komponen ten auf der einen und die Idee der Hierarchisierung des nationalen Interesses auf der anderen Seite. Leider sind beide Strömungen bislang nicht im Rahmen eines kohärenten Erklärungsansatzes vereinigt worden. Eine solche integrative Beschrei bung des nationalen Interesses ist jedoch bei der Entwicklung eines Erklärungsan satzes für zwischenstaatliches Verhalten unumgänglich, weil nur so die bisher vor genommenen Ausdifferenzierungen von Akteur- und Strukturkomponente sinnvoll zusammengeführt werden können. Da das nationale Interesse als ausschlaggebende Größe für Handeln betrachtet wird, Handeln aber als sozialisations-, perzeptions und interpretationsbasierte Reaktion des binnendifferenzierten Akteurs Staat im Kontext einer spezifischen Strukturausprägung des internationalen Systems ver standen wird, stellt das nationale Interesse das verbindende Glied dar. Dabei ist aber als dritte wichtige Komponente unbedingt die Rolle von Sicherheit als zentrale Größe zu berücksichtigen. Denn anders als es oft den Anschein hat und anders als es auch in den angeführten Versuchen, nationales Interesse näher zu bestimmen erkennbar ist, kann Sicherheit nicht losgelöst von den anderen Komponenten be trachtet werden, welche als konstituierend für ein Staatswesen im Sinne einer diffe renzierten Gesellschaft angesehen werden. Daher soll im nachfolgenden Abschnitt eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der nationalen Sicherheit erfolgen, wo bei insbesondere der Zusammenhang zu klären ist, wie sich nationale Sicherheit konzeptuell erfassen lässt und wie nationales Interesse und nationale Sicherheit zu sammenspielen. Auf dieser Grundlage wird dann ein umfassender Ansatz des hierarchisierten nationalen Sicherheitsinteresses entwickelt. 313 Wie auch im Falle des nationalen Interesses sind Gegenstand und Reichweite des Begriffs nationale Sicherheit umstritten. Und ebenso wie im Falle des nationalen Interesses mangelt es auch an überzeugenden Operationalisierungen von nationaler Sicherheit, insbesondere wenn diese in einen Zusammenhang mit dem nationalen Interesse aus einer breiten Perspektive herausgestellt werden soll. Insgesamt er scheint das Konzept als so unterentwickelt, dass es für analytische Zwecke weitge hend unbrauchbar ist (Buzan 2007: Kapitel 1). Insbesondere der Hinweis auf Si cherheit als staatliches Überleben greift zu kurz. Denn wie sich bereits mit Blick auf das nationale Interesse gezeigt hat, ist Überleben nur eine Komponente des natio nalen Interesses. Daher erhebt sich zu Recht die Frage, ob es nicht auch um das Überleben etwa von Wohlstand oder ideellem Selbstverständnis geht. Solche Fra gen gilt es aus Gründen theoretisch-konzeptioneller Sauberkeit und analytischer Erklärungskraft ebenso aufzugreifen wie auch aus politisch-praktischen Erwägun gen heraus. Denn nicht zu Unrecht konstatierte Arnold Wolfers bereits im Jahre 1952, dass nationale Sicherheit ein gleichermaßen zweischneidiges wie auch poten ziell gefährliches Konzept sei und vor allem mehr einem rhetorischen Mittel gleiche als einem realen, konkreten Attribut eines Staatswesens. Die Ambiguität wie auch die Gefahren solcher Konzepte wie dem einer so verstandenen nationalen Sicher heit sah Wolfers in deren Unbestimmtheit: „They may not mean the same thing to different people. They may not have any precise meaning at all.” Auch wenn Wol fers hierbei vor allem auf den bewusst instrumentellen Gebrauch der Idee der nati onalen Sicherheit für spezifische politische Zwecke anspielt, ist doch die Überle gung, der zufolge das Konzept der nationalen Sicherheit mit verschiedenen Inhal ten angefüllt sein kann, sehr interessant. Denn Wolfers gelingt es auf diese Weise, den Zusammenhang von nationalem Interesse und nationaler Sicherheit herzustel len. Unter Bezugnahme auf Charles Beards Studie The Idea o f National Interest., wel che dieser zur Zeit des New Deal veröffentlicht hatte, zeigt Wolfers auf, dass unter den damaligen Bedingungen, wo die US-Außenpolitik vor allem ökonomisch orien tiert war, auch das nationale Interesse eher wirtschaftlich verstanden worden sei. Einige Jahrzehnte später hatte sich die Situation gewandelt. Nicht mehr die Welt wirtschaftskrise bestimmte die Agenda der amerikanischen Außenpolitik, sondern der beginnende Kalte Krieg. Damit einher sei auch ein Wandel des nationalen Inte resses gegangen. Wolfers spricht hierbei von einem „change from a welfare to a security interpretation of the symbol ,national interest'”. Wie schon angedeutet ist sowohl der Begriff des nationalen Interesses als auch der jenige der nationalen Sicherheit gleichermaßen unklar wie umstritten. Gleiches gilt für das Verhältnis zwischen beiden Größen. Nicht selten wurde versucht, die eine Größe mithilfe der anderen zu beschreiben, ohne den jeweils anderen Begriff im Vorfeld selbst definiert zu haben. Exemplarisch kann an dieser Stelle etwa die Er klärung Penelope Hartland-Thunbergs angeführt werden, für welche die nationale Sicherheit die Fähigkeit einer Nation darstellt, überall auf der Welt ihre nationalen Interessen zu vertreten. Allerdings zeigt sich, dass auf dem Gebiet der Sicherheits forschung gerade in den vergangenen zwei bis drei Dekaden intensive Auseinan 314 dersetzungen um das Konzept der (nationalen) Sicherheit geführt wurden (Roth schild 1995). Im Kontext dieser Debatte lassen sich im Wesentlichen drei Ansätze ausmachen: die am militärischen Begriff orientierten traditionellen Sicherheitsstu dien, die um eine Ausdehnung des Konzepts über das rein militärische Verständnis hinaus bemühten sogenannten Erweiterten Sicherheitsstudien und die Kritischen Sicherheitsstudien (Buzan 1997). Hierbei fällt auf, dass sich die neueren Ansätze zwar durchaus etablieren konnten, ein fruchtbarer Dialog zwischen den traditionel len und den alternativen Denkschulen bislang ausgeblieben ist, wie Knudsen (2001: 355) zu Recht konstatiert: “New, or critical, security studies has firmly established itself and its research agendas, while traditional, or classical, security studies continues as i f little has changed. Communication between the two sides has dwindled to a trickle” Betrachtet man die traditionellen Sicherheitsstudien, so fällt auf, dass diese eng mit der realistischen Theorie der Internationalen Beziehungen verbunden sind. Eine zentrale Größe dieser Denktradition ist das zuerst von john Herz beschriebene und so benannte Sicherheitsdilemma, welches im Kern bedeutet, dass Staaten, indem sie nach Sicherheit streben, durch ihre Handlungen ein internationales Umfeld schaf fen, in welchem die relative Sicherheit aller Beteiligten ebenso wie die des Systems an sich geringer wird. Über die konkrete Ursache hierfür herrscht allerdings Unei nigkeit: Einerseits wird das Sicherheitsdilemma auf die Anreizstrukturen der anar chischen Struktur des internationalen Systems zurückgeführt, andererseits werden (Fehl-)Wahrnehmungen durch die Akteure verantwortlich gemacht, welche die De fensivmaßnahmen anderer Akteure als (potenziell) offensiv auffassen. Die Ansätze der erweiterten ebenso wie diejenigen der kritischen Sicherheitsstudien können als Reaktion auf die etablierte traditionelle Sicherheitsschule gesehen werden. Neben Uneinigkeit bei konkreten Aspekten stellt auch die grundsätzlich erkennbare man gelnde Konzeptualisierung Gegenstand von Kritik dar. So ist Arnold Wolfers be reits vor mehr als einem halben Jahrhundert formulierter Ruf nach einer besseren theoretischen Fundierung des Konzepts der nationalen Sicherheit bis weit in die Gegenwart hinein weitestgehend ohne Widerklang verhallt, sodass David Baldwin (1997: 8) auch nach einem guten halben Jahrhundert noch desillusioniert konstatie ren musste: „It would be an exaggeration to say that conceptual analysis o f security began and ended with W olfers’ article in 1952 — but not much o f one.” Baldwin verweist in diesem Zusammenhang darauf dass es seither zwar immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitsbegriff gegeben habe, derartige Studien jedoch mehr mit konkreten Politikagenden befasst gewesen seien als mit dem Konzept der (nationalen) Sicherheit an sich. Hierbei hätten sich die Studien vor allem mit normativen und empirischen Sachverhalten auseinandergesetzt, ohne diese an konzeptionelle Fragestellungen zurückzubinden (Baldwin 1997: 5; Booth 1991; Brown 1977; Romm 1993; Tickner 1995; Tuchman Matthews 1989; Ullman 315 1983). Mit seiner Kritik steht Baldwin dabei keineswegs allein da. In zahlreichen Studien wird das Fehlen einer klaren Definition beziehungsweise Operationalisie rung der nationalen Sicherheit bemängelt: So verwiesen Bock und Berkowitz be reits in den 1960er Jahren darauf, dass es überhaupt nur sehr wenige Versuche ge be, nationale Sicherheit zu definieren, eine Auffassung, der sich auch in den nach folgenden Jahrzehnten immer wieder angeschlossen wurde (Bock/Berkowitz 1966: 124; Smoke 1975: 259; Buzan 1991: 3 f.). Diese Tendenz spiegelt sich auch in Ver suchen wider, sich der Problematik einer Operationalisierung bewusst zu entziehen, wie etwa Klaus Knorr (1973: 5), dessen Studie von dem Ansatz getragen war, „[to] deliberately bypass the semantic and definitional problems generated by the term ,National Security'“. Manche Wissenschaftler gelangten gar zu dem Schluss, dass Sicherheit letztlich kein geeignetes Konzept sei, Prozesse in den internationalen Beziehungen zu erklären. Aber auch in jüngeren Studien lassen sich derartige Defi zite ausmachen. So findet sich weder in der relevanten Arbeit von Stephen Walt noch in derjenigen von Nye und Lynn-Jones eine Definition oder Operationalisie rung des Begriffs nationale Sicherheit (Walt 1999; Nye/Lynn-Jones 1988). Dieser Umstand ist umso erstaunlicher, weil gerade Joseph Nye, wie übrigens auch Krau se, die nicht hinreichende Konzeptualisierung von (nationaler) Sicherheit anderswo explizit beklagt. Angesichts der geschilderten Problematik gelangt David Baldwin (1997: 9) nicht zu Unrecht zu folgendem Schluss: „Security has not received the serious attention accorded to the concepts o f justice, freedom, equality, obligation, representation and power. [ ...] Paradoxically as it may seem, security has not been an important analytical concept for most security studies scholars. [ . ] Security has been a banner to be flown, a label to be applied, but not a concept to be used.” In ebendiesem Zusammenhang weist Baldwin (1997: 7 ff.) auf ein weiteres Prob lem hin: Statt sich mit Sicherheit in einem weiteren Kontext zu befassen, sei es zu einer Reduktion der nationalen Sicherheit einzig auf den Aspekt der militärischen Stärke gekommen, worauf nicht zuletzt auch die synonyme Verwendung von securi ty studies, military studies und war studies verweise. Dabei muss und soll es keineswegs darum gehen, die dem Realismus entlehnte Grundannahmen der traditionellen Si cherheitsstudien grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr erscheint es als sinnvoll, wie auch im Ansatz des Interpretativen Realismus verfolgt, das staatliche Streben nach Überleben als Ausgangspunkt zu nehmen und von diesem grundlegenden In teresse ausgehend die die Komplexität des aus Akteur und Struktur und ihrer Inter aktion bestehenden Systems berücksichtigende konkrete Interessenausprägung zu analysieren. Barry Buzan (1991: 19) hat dieses Verständnis von nationalem Interes se — wenngleich in anderem Kontext — treffend auf den Punkt gebracht: „Its bottom line is about survival, but it also reasonably includes a substantial range o f concerns about the conditions o f existence“. 316 Diese Idee einer Erweiterung der traditionellen Sicherheitsstudien wurde in der Tat auch anderswo verfolgt — und das durchaus intensiv, wie Baldwin (1997: 5) an merkt: „Redefining 'security' has recently become something of a cottage industry.“ Allerdings gingen auch diese Versuche der Erweiterung selten einher mit dem Bestreben einer echten Konzeptualisierung des Sicherheitsbegriffs, sodass Ken Booth (2007: 97) in einer der jüngsten wegweisenden Studien zum Thema Sicher heit noch immer feststellen musste: „Although scholars from within mainstream international relations have written extensively about security, they have sometimes been remarkably coy about the concept they were at the same time arguing was so important”. Zwar wurde regelmäßig in verschiedenen Werken schlaglichtartig eingeworfen, welche Aspekte als zur nationalen Sicherheit zugehörig angesehen werden könnten oder sollten, aber eine Erklärung, wie die entsprechenden Relationen aussehen soll ten, blieb aus. Somit lassen sich bisherigen Auseinandersetzungen allenfalls Frag mente gewinnen. Diese können dabei allerdings nützliche Anhaltspunkte für die Entwicklung eines umfassenderen, an Multi-Dimensionalität orientierten Konzepts nationaler Sicherheit liefern. Während ein Teil von Forschern neben der militäri schen auch die nicht-militärische Komponente nationaler Sicherheit anspricht, fo kussieren andere auf immaterielle Aspekte des Staatswesens, etwa spezifische nati onale Werte. Vom kanadischen National Defence College werden zudem erstmals ex plizit Punkte wie die Bewahrung eines eigenen Lebensstils, die Freiheit von Zwän gen und die Abwesenheit von der Erosion politischer, ökonomischer und sozialer Werte genannt. Denker wie Robert Jervis oder Leonard Beaton indes eröffnen die Perspektive, den Fokus der nationalen Sicherheit weg von der rein staatlichen auf die Analyseebene des internationalen Systems zu richten. Baldwin (1997: 13) greift unter Bezugnahme auf Wolfers (1952: 485) die Charakterisierungvon Sicherheit als Abwesenheit von Bedrohung für erworbene Werte auf. Hierbei wird der Begriff Werte von ihm weit definiert. So versteht er unter durch den Staat erworbene Wer te physische Sicherheit, wirtschaftlichen Wohlstand und Autonomie. Nationale Si cherheit umfasst somit territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit, worun ter auch ökonomische Aspekte wie etwa die Möglichkeit, eigenständig Handel zu treiben, fallen. Doch leider wird auch an dieser Stelle das Argument nicht weiter vertieft. Dennoch lässt sich eine wichtige Neuerung erkennen. So verweist Baldwin explizit darauf, dass nicht nur der Staat als solcher Gegenstand der nationalen Sicherheit ist, sondern explizit auch Individuen und Gruppen von Individuen, aber ebenso ande re Staaten oder das Staatensystem als Ganzes gegebenenfalls als Teil der nationalen Sicherheit zu berücksichtigen seien. Wenn auch nicht weiter exemplifiziert, so hat sich doch in den vorangegangenen Kapiteln und insbesondere bei der Ausarbeitung der Systemstrukturausprägung gezeigt, dass Baldwins Argument in eine richtige Richtung weist. Allerdings hat Baldwin letztlich „nur“ der Bedrohungsbegriff er weitert und ausdifferenziert, eine Erweiterung, Vertiefung und entsprechende Ope 317 rationalisierung des Konzepts der nationalen Sicherheit fand nicht statt, obgleich die Erkenntnisse Baldwins für einen solchen Schritt überaus hilfreich sind. Eine erste umfassendere Ausdifferenzierung für von nationaler Sicherheit wurde durch Buzan, W ^ver und de Wilde (1998) vorgenommen. Diese nahmen eine Einteilung von Staat und Gesellschaft vor und ordneten jedem so zugeteilten Sektor eine spe zifische Sicherheitsagenda zu. Beim militärischen Sektor stehen die militärische Be drohung von Staat und dessen institutionelle Repräsentationen im Vordergrund, während beim politischen Sektor die Stabilität der sozialen Ordnung etwa durch Souveränitätsverletzungen als gefährdet gilt. Der ökonomische Sektor wird in dem Maße als sicherheitsrelevant angesehen, wie er die Bedürfnisse von Staat und Ge sellschaft befriedigen kann. Sicherheit im Kontext des gesellschaftlichen Sektors zielt auf die Werte, welche als identitärer Kernbestandteil von Staat und Gesell schaft wahrge