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7. Resümee in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 363 - 372

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-363

Tectum, Baden-Baden
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7. Resümee Den Ausgangspunkt dieser Arbeit stellten die Herausforderungen dar, denen sich die Disziplin der Internationalen Beziehungen mit Blick auf den Bereich der Theo rielandschaft des Faches derzeit konfrontiert sieht. Obgleich vielfach als krisenhaft bewertet, birgt die gegenwärtige Situation auch Chancen, die Vielfalt an Paradig men, Theorien und Erklärungsansätzen konstruktiv zu nutzen, anstatt wir bislang zumeist, die bestehenden Rivalitäten und Trennlinien zu forcieren. Tatsächlich ha ben sich nach Jahrzehnten bedingungsloser Paradigmentrennung seit kurzer Zeit erstmals Tendenzen gezeigt, theorieerweiternde beziehungsweise grenzüberschrei tende Erklärungszugänge zu entwickeln beziehungsweise überhaupt erst einmal als akzeptabel zu bewerten. Derartige Bestrebungen gingen bislang in drei Richtungen: Zunächst einmal sind die Ansätze zu nennen, welche innerhalb der einzelnen Para digmen bestrebt sind, Argumente unterschiedlicher Theorieströmungen ganz oder teilweise zusammenzuführen und so die allzu engen Parameter des Ursprungspara digmas zu erweitern. Daneben lassen sich zwei Ansätze erkennen, deren Ziel es ist, tatsächlich bestehende Paradigmen zu überschreiten und einzelne ihrer Elemente beziehungsweise Argumente zu vereinen. Zum einen handelt es sich um die selek tive Paradigmensynthese, bei der zwei Großtheorien in einzelnen wichtigen Aspek ten so aufeinander abgestimmt werden, dass ein eigenständiger Theorieansatz ent steht, der eine Antwort auf eine spezifische Problematik offeriert, welche die je weils zugrundeliegenden Theorien einzeln nicht erklären konnten. In der Regel handelt es sich hierbei um die selektive Erweiterung einer bestehenden Großtheo rie um einzelne Aspekte eines anderen Paradigmas, so etwa in Fällen wie dem rea listischen Konstruktivismus oder dem konstruktiven Realismus. Zum anderen ist der analytische Eklektizismus zu nennen, der sich die große Auswahl an Paradig men und Theorieansätzen zu Nutze zu macht. Diese Methode ist charakterisiert durch einen selektiven Rückgriff auf alle zur Verfügung stehenden Paradigmen, Theorieansätze und Modelle, in der Regel innerhalb einer Disziplin, gegebenenfalls aber auch über die Grenzen der Disziplin hinaus. In seiner bislang üblichen Aus prägung findet der analytische Eklektizismus dort Verwendung, wo ein konkretes empirisches Problem zu lösen ist. Die hierfür als geeignet scheinenden Elemente werden aus dem bestehenden Theorieangebot herausgelöst und bezogen auf den zu erklärenden Einzelfall zur analytischen Anwendung gebracht. Während somit bei innerparadigmatischen Theorieverbindungen zwar möglicher weise die Aussagekraft des Paradigmas erhöht werden kann, bleiben die grundsätz lichen paradigmatischen Grenzen bestehen. Gleiches gilt für das Nebeneinander der Paradigmen und somit auch potenziell deren Rivalität. Was die selektive Para digmensynthese anbelangt, so gelingt es ihr zwar grundsätzlich, die Grenzen zwi schen den Paradigmen zu überschreiten, und somit die Aussagekraft von Paradig men zu erhöhen. Allerdings bewirkt der Umstand, dass in der Regel Anleihen aus 363 einer Denkschule genommen werden, um ein anderes Paradigma damit zu retten. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, denn letztlich soll es ja gerade darum gehen, zur bestmöglichen Erklärung zu gelangen, egal welchen Namen diese am Ende trägt. In der Praxis jedoch hat sich gezeigt, dass die Paradigmentrennung noch untermauert wird, weil das primäre Ziel häufig die Rettung des eigenen Para digmas ist, welches zwar um ausgewählte Elemente angereichert wird, die grundle gende paradigmatische Orthodoxie aber nicht kritisch genug hinterfragt, um sie gegebenenfalls tatsächlich in Frage zu stellen und grundsätzlich zu modifizieren. Und auch die Methode des analytischen Eklektizismus in ihrer bislang zur Anwen dung gelangenden Form mit reinem Einzelfallbezug stellt letztlich keine umfassen de Lösung für die Herausforderungen der Internationalen Beziehungen dar. Zwar kann sich ein fallorientierter analytischer Eklektizismus in bestimmten Situationen und bezogen auf ausgewählte Fälle als äußerst hilfreiches Instrument erweisen, al lerdings ist der Aufwand, wenn die fragliche Einzelfallanalyse wirklich wohl fun diert und tragfähig sein soll, außerordentlich hoch, und zwar in doppelter Hinsicht. Denn es müssen nicht nur die bestehenden Theoriezugänge, Argumente und Erklä rungsangebote innerhalb und gegebenenfalls außerhalb des Faches auf ihre Geeig netheit hin überprüft werden, sondern im Anschluss daran auch noch die eigentli che empirische Arbeit geleistet werden, um die erforderlichen Daten für den Ein zelfall zu generieren. Hieraus ergeben sich zwei Probleme: Zum einen werden jedes Mal, wenn ein Sachverhalt analysiert werden soll, erst einmal immense Ressourcen in die Suche nach geeigneten Elementen im bestehenden Theorieangebot und die darauf basierende Schaffung eines Erklärungsansatzes investiert, der dann in dieser Form nur für die Behandlung der einen spezifischen Frage in dem einen konkreten Fall genutzt werden kann. Gewiss ist die Erklärungskraft dann auch erheblich hö her als bei der Anwendung eines der vorgefertigten Modelle, die auf der Orthodo xie spezifischer Paradigmen gründen. Das gilt zumindest dann, wenn ein solcher Einzelfallerklärungsansatz wirklich mit der größten gebotenen Sorgfalt entwickelt wurde. Das ist jedoch nicht notwendigerweise garantiert, insbesondere wenn man die für den Bereich der wissenschaftlichen Praxis namentlich in den Sozial- und Geisteswissenschaften charakteristischen beschränkten zeitlichen, personellen und materiellen Ressourcen und den gleichzeitigen Veröffentlichungsdruck berücksich tig t Angesichts der Gesamtproblematik, einerseits der Beschränktheit der rein paradig mengebundenen Forschung zu entgehen und dabei insgesamt die Internationalen Beziehungen von der hierdurch verursachten Krise zu befreien, wie ja bereits als einsetzender vorsichtiger Trend erkennbar ist, und andererseits dennoch einen vom Einzelfall losgelöste theoretischen Erklärungsansatz und einen darauf basierenden Analyserahmen zu gewinnen, bestand der logische nächste Schritt darin, den me thodischen Ansatz des analytischen Eklektizismus dahingehend weiterzuentwi ckeln, dass er nicht mehr nur allein auf konkrete Einzelfälle bezogen wird, sondern zur Theoriefortbildung selbst herangezogen wird. Auf diese Weise wurde im Rah men dieser Arbeit zunächst der methodische Ansatz des modellorientierten analyti 364 schen Eklektizismus entwickelt. Hierdurch wurde die methodische Grundlage ge schaffen, die bestehende Paradigmen- und Theorienvielfalt konstruktiv und weiter führend nutzen zu können. Das ermöglichte es, sowohl lösungsorientiert an eine der zentralen Herausforderungen des Faches anzuknüpfen als auch an den aktuel len Forschungsstand anzuschließen, und das sogar in doppelter Hinsicht. Denn einerseits galt es, an die neuesten Forschungsergebnisse innerhalb und außerhalb des Faches anzuschließen, nicht zuletzt um Aussagen einzelner Paradigmen ver bindbar zu machen, etwa durch neurowissenschaftliche Argumente, und zum ande ren kann sich die Arbeit als Teil jener Richtung in den Internationalen Beziehungen sehen, welche ihrerseits das Problem der überbordenden Theorievielfalt in Kombi nation mit der Paradigmenorthodoxie und der wechselseitigen Ignoranz bezie hungsweise Rivalität der einzelnen Denkschulen erkannt und darauf mit unter schiedlichen Versuchen reagiert hat, diese durch Paradigmenüberschreitungen und Theoriezusammenführungen in konstruktive Bahnen zu lenken. Auf dieser Grund lage konnte sich die Arbeit dem nächsten Schritt widmen. In dem Wissen darum, nun prinzipiell auf alle Paradigmen, Theorieansätze und Erklärungsmodelle zu rückgreifen zu können, mussten die grundlegende Erklärungsbasis für die Theorie gelegt und die Auswahl der geeigneten Theorieelemente begründet werden. Da es um die Erklärung zwischenstaatlichen Handels geht, war es naheliegend, den Staat als Akteur des internationalen Systems wie auch das System selbst aufzugreifen. Die Ausgangsprämisse sah somit sehr simpel aus, nämlich so, wie sie auch bereits im Realismus beschrieben worden ist. Der Staat ist Teil des internationalen Systems und agiert mit anderen Staaten und der vom System, konkret von dessen Struktur, vorgegebenen Bedingungen. Genau dieses staatliche Handeln galt es nun zu verste hen, um es dann erklären zu können. Um das zu ermöglichen, mussten aber so wohl der Staat als auch das System einzeln und mit Blick auf ihre wechselseitige Interaktion verstanden werden. Diese Begründung der Auswahl der geeigneten Theorieelemente fand durch den Rückgriff auf drei relevante und für die Disziplin Internationale Beziehungen, ihr Selbstverständnis und die Erklärungskraft all ihrer Analyseansätze außerordentlich grundlegende Fragen statt: die Frage nach der geeigneten Analyseebene, die Frage nach dem Verhältnis von Akteur und Struktur und die Frage nach Wirkung und Verhältnis von Anarchie und Hierarchie als Systembedingungen des internationalen Systems. Diese drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen sind Teil je weils seit langer Zeit geführter Diskurse, von denen keiner bisher zu einem endgül tigen Abschluss gelangt ist. Auch in dieser Hinsicht knüpft diese Arbeit somit an die offenen relevanten Fragen des Faches an. Im Rahmen einer ausführlichen Aus einandersetzung mit den drei Diskursen wurde dabei eine weitere wichtige Grund lage für die im Rahmen dieser Arbeit unternommenen Theoriefortbildung gelegt. Die hierbei entwickelten zentralen Argumente mit Blick auf die Analyse zwischen staatlichen Verhaltens lassen sich wie folgt zusammenfassen. Die Auseinanderset zung mit den unterschiedlichen Argumenten des Schrifttums zum Analyseebenen 365 problem ergab, dass grundsätzlich die synchrone Betrachtung mehrerer Analyse ebenen sowohl per se als auch in ihrem Zusammenspiel erforderlich ist. Die Be trachtung nur einer Analyseebene reicht ebenso wenig aus wie die isolierte Betrach tung mehrerer Analyseebenen. Hierbei ist es erforderlich, die die jeweilige Analyse ebene konstituierenden beziehungsweise determinierenden Analyseeinheiten aus zumachen und deren jeweilige Verhaltenslogik zu verstehen, da nur so gewährleis tet ist, dass alle relevanten Faktoren erfasst und in die Analyse miteinbezogen wer den. Da es sich hierbei sowohl um akteur- als auch strukturspezifische Faktoren handelt und es ja gerade auf die Interaktion zwischen diesen ankommt, muss dabei zugleich auch die grundsätzliche Interaktionslogik von Akteur und Struktur ver standen werden. Die diesbezügliche Auswertung des Akteur-Struktur-Problems ergab, dass von einer wechselseitigen Konstitution dieser Größen in der Gestalt ausgegangen werden muss, dass die Struktur des internationalen Systems zwar ei genständige Wirkungslogiken aufweist, die Struktur jedoch erst durch den perzipierenden Akteur als Repräsentation kognitiv konstruiert werden muss. Diese Erkenntnis machte es erforderlich, dass sowohl der Akteur Staat als auch das internationalen System und insbesondere dessen Struktur eine konzeptuelle Ausdif ferenzierung erfahren mussten, welche in Form einer einheitlichen, kohärenten Theorie bislang ebenfalls nicht vorlag, sondern vielmehr auf Grundlage des mo dellorientierten analytischen Eklektizismus im Rahmen dieser Arbeit entwickelt werden musste. Auf diese Weise wurde mit Blick auf die Strukturseite zwischen staatlichen Handelns die klassische Strukturausprägung des internationalen Sys tems, die Anarchie, in Untervarianten ausdifferenziert, um spezifisches zwischen staatliches Akteurshandeln mit spezifischen Charakteristika des internationalen Sys tems in Verbindung zu bringen. Hierzu wurde die bisherige Forschung zum Anarchie-Hierarchie-Verhältnis in den Internationalen Beziehungen ausgewertet. Hier bei konnte die Erkenntnis generiert werden, dass nicht nur die beiden Strukturzu stände Anarchie und Hierarchie existieren, sondern es eine Vielzahl von Stukturphänomenen gibt, die als Abstufungen auf einem Anarchie-Hierarchie-Kontinuum gedeutet werden können. Auf dieser Grundlage wurde zur Erfassung der Ge samtstruktur des internationalen Systems ein spezielles Anarchie-Hierarchie Schema entwickelt, das in seiner Ausdifferenziertheit bislang ebenfalls nicht in der Forschung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen vorlag. In diesem werden die spezifischen Handlungslogiken von Akteuren innerhalb der jeweils un terschiedlichen Strukturausprägung im internationalen System, die von absoluter Anarchie über genau definierte weitere Anarchievarianten und Zwischenformen von Anarchie und Hierarchie, wie etwa die Negarchie, bis hin zur reinen Hierarchie in der Ausprägung des weberianischen Staatstypus reicht, aufgeführt und erläutert. Wie bei der Struktur musste auch auf Seiten des Akteurs eine Ausdifferenzierung vorgenommen werden. Dies erfolgte durch die Auswertung des relevanten Schrift tums zunächst innerhalb der Internationalen Beziehungen und dann aufbauend aus den hieraus erwachsenden Erkenntnissen um die dort bestehenden Lücken auch 366 unter Rückgriff auf Nachbardisziplinen, insbesondere Psychologie und Neurologie, aber ebenso Soziologie und Organisationslehre. Hierbei wurde sowohl unter An lehnung an den Diskurs um die Frage nach der richtigen Analyseebene als auch den Agent-Structure-Diskurs eine Ausdifferenzierung des Akteurs in entscheidungsre levante Individuen, entscheidungsrelevante elitäre Kleingruppen, die Effekte der entscheidungsrelevanten Verwaltungsstruktur und die kollektive Identität als Aus druck des Selbstverständnisses einer Gesellschaft. Nachdem basierend auf den Ba sisproblemen der Internationalen Beziehungen und der hierdurch vorgegebenen umfassenden analytisch ekletischen Auswertung des hierzu vorliegenden Schrift tums sowohl die Akteur- als auch die Strukturseite und ihre wechselseitige Konsti tution und grundsätzliche Interaktionslogik beschrieben waren, musste nunmehr der zentrale Trieb- beziehungsweise Motivationsfaktor für zwischenstaatliches Handeln isoliert und analytisch hinsichtlich seiner Rolle im auf zwischenstaatliches Handeln hin ausgerichteten Entscheidungsprozess beschrieben werden. Die Aus wertung des Schrifttums ergab, dass das nationale Interesse als grundlegende Grö ße der staatlichen Handlungsmotivation angesehen. Allerdings zeigte die Betrach tung des diesbezüglichen Diskurses deutlich, dass dieser Begriff zwar häufig Ver wendung findet, jedoch zumeist konzeptuell sehr unbestimmt ist. Immerhin wird nationale Sicherheit regelmäßig als elementarer Bestandteil des nationalen Interes ses gesehen. Doch auch hier lässt sich keine eindeutige Operationalisierung des Be griffs ausmachen. Somit musste im Rahmen der hier vorgenommenen Theoriefort bildung auch eine Konzeptualisierung der handlungsmotivierenden Größe unter nommen werden. Dies geschah in Form einer Auseinandersetzung mit den bisheri gen Diskursen sowohl um das Konzept des nationalen Interesses als auch den der nationalen Sicherheit, wobei nicht nur das engere Schrifttum der Internationalen Beziehungen, sondern auch etwa das der Internationalen Sicherheitsstudien ausge wertet wurde. Da es sich um die Herausarbeitung der Motivation des Akteurs han delte, erschien es zudem erforderlich auf den wissenschaftlichen Diskurs um Moti vation zurückzugreifen, der sich auf dem Gebiet der Motivationspsychologie findet. Vor diesem Hintergrund wurden die Konzepte nationale Sicherheit und nationales Interesse zum neuen Konzept Komplexes Nationales Sicherheitsinteresse zusam mengeführt und unter Rückgriff auf die motivationspsychologische Theorie Maslows näher beschrieben, was zu einer bedürfnisgeleiteten Hierarchisierung führte. Auf dieser Grundlage schließlich konnte der Gesamtprozess zwischenstaatlich rele vanten Entscheidens beschrieben werden. Hierbei wurde die Interpretation der ob jektiven Realität und deren Implikationen als von ausschlaggebender Bedeutung bei der Erklärung zwischenstaatlichen Verhaltens herausgearbeitet. Im Zusammenhang mit der Erklärung des Prozesses der Interpretation erwiesen sich vor allem die As pekte der Perzeption und der subjektiven (Re-)Konstruktion der objektiven Realität von Bedeutung. Hierbei hängen diese drei Prozesse aufs Engste mit der Sozialisati on des jeweils relevanten Akteurs zusammen, wobei Sozialisation grundlegende Prägungen wie auch laufende Erfahrungen beinhaltet, die jeweils — gerade wenn 367 von Individuen die Rede ist — mit bestehenden Persönlichkeitsstrukturmerkmalen, interagieren und somit nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. Eine konkrete Entscheidung, welche als zwischenstaatliche Aktion auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen empirisch beobachtbar wird, lässt sich somit als Pro zesskette begreifen, die in der Sozialisation ihre Grundlage und somit ihren Aus gangspunkt hat. Diese Prägung beeinflusst zunächst einmal die Perzeption der ob jektiven Realität, aber ebenso den Interpretationsprozess dieser Perzeption, die notwendigerweise stets schon selektiv ist, und führt somit zu einer höchst subjekti ven Rekonstruktion dessen, was als selektiver Teil einer objektiv bestehenden Reali tät in den kognitiven Prozess Eingang erhalten hat. Die so entstandene Konstrukti on stellt die maßgebliche Entscheidungsgrundlage dar, welche der hierfür zentrale Prozess der Interpretation lieferte. Ein weiterer der Interpretation inhärenter Pro zess ist der des Abgleichs der potenziellen Bedrohung des aktuell konstruierten na tionalen Sicherheitsinteresses. A uf dieser Grundlage kommt es schließlich zur Ent scheidung, welche in Handeln umgesetzt wird. Kurz gefasst lautet die Prozesskette somit Sozialisation-Perzeption-Interpretation-Konstruktion-Entscheidung- Handlung. Diese wird unter Rückgriff auf die englischen Begrifflichkeiten (Socialization-Perception-Interpretation-Construction-Decision-Action) zur SPICDA- Formel zusammengefasst. Diese SPICDA-Formel wird zum zentralen Bestandteil des auf dem Interpretativen Realismus beruhenden Analyseschemas, das im Kon text der Theoriefortbildung als mögliche Überführung der Theorie in den empiri schen Kontext skizziert wird. Durch die auf den Diskursen um die drei zentralen Basisprobleme der Internatio nalen Beziehung basierende Weiterentwicklung der zentralen Analysegrößen Ak teur, Struktur und nationales Interesse beziehungsweise nationale Sicherheit im Rahmen einer paradigmen- und disziplinüberschreitenden Ausdifferenzierung wur de es somit möglich, einen eigenständigen theoretischen Erklärungsansatz für zwi schenstaatliches Handeln, den Interpretativen Realismus, zu entwickeln und auf diesem gründend ein Analyseschema zu skizzieren, das die Quintessenz des Inter pretativen Realismus für eine mögliche Anwendung zur Analyse empirischer Sach verhalte aufzeigt. Auf diese Weise ist ein alternativ hergeleiteter und somit neuartig basierter theoretischer Erklärungsansatz entstanden, was der Zielsetzung der Arbeit entsprach. Zugleich gilt es, an dieser Stelle den Bezug zur Ausgangssituation des irritierenden und nicht immer hilfreichen Überangebotes an unterschiedlichen Theorien, Modellen etc., herzustellen. Denn es mag möglicherweise paradox anmu ten, dass als Antwort hierauf ausgerechnet ein weiterer Theorieansatz angeboten wird. Die Frage mag sich erheben, ob das nicht gerade in die Richtung wirkt, der eigentlich entgegengewirkt werden soll. Doch gilt es an dieser Stelle den zweiten As pekt zu bedenken, der in diesem Zusammenhang angesprochen wurde. Nicht allein das hohe quantitative Angebot an Theorien per se wurde kritisiert und als Teil einer Krise bewertet, sondern insbesondere der Umgang damit, das unversöhnliche Ne beneinander, die destruktive Rivalität. Genau hiergegen sind diese Arbeit und damit der Theorieansatz des Interpretativen Realismus gerichtet. Der Name verweist 368 hierbei insbesondere darauf, dass es um eine subjektive Interpretation der objekti ven Realität geht, welche ihrerseits eine eigenständige, materielle Gestalt hat, ob wohl ihre Interpretation — in Form der jeweiligen Strukturausprägung wie auch synchron dazu ihrer jeweiligen Konstellation — ebenfalls maßgeblich ist. Das ist zu gleich Ausdruck eines erweiterten Agent-Struktur-Verhältnisses, da beide Größen ihre Eigenständigkeit haben, aber diese Eigenständigkeit als solche nicht wir kungsmächtig werden kann. Die Idee der wechselseitigen Konstitution ist dabei nicht neu, wohl aber ihre Interpretation beziehungsweise ihre Operationalisierung. Dass es hierbei nicht den Akteur und nicht die eine Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der objektiven Realität, also von Systemstruktur und Systemkons tellation, gibt, führte dazu, dass — diesmal den Diskurs um das Level o f Analysis Problem aufnehmend und erweiternd — der Akteur Staat in seiner Vielgestaltigkeit auf mehreren Analyseebenen und in Form mehrerer Analyseeinheiten operationalisiert wurde, wobei die jeweiligen spezifischen Handlungslogiken und die diesen je weils zugrundeliegenden Erklärungen (welche ihrerseits analytisch eklektisch aus unterschiedlichen bestehenden Erklärungsansätzen zu einer neuen zusammenge fügt wurden) genau aufgezeigt wurden. Selbiges wurde für die Strukturseite durch geführt und damit der Diskurs um das Anarchy-Hierarchy-Problem in der Gestalt erweitert, dass auch hier unterschiedliche Ontologien und Epistemologien zusam mengeführt wurden, um eine kohärente und umfassende Operationalisierung der internationalen Systemstruktur zu entwickeln, welche ihrerseits Aspekte wie Ko operationslogik, gegenseitige Wahrnehmung und darauf basierend spezifische Ver haltenslogiken umschreibt, um sie schließlich in Form einer integrierten synchro nen Betrachtung des ausdifferenzierten Akteurs zur theoretischen Erklärung des staatlichen Handlungsprozesses zusammenzuführen. Durch die Einbindung so zahlreicher Aspekte, Argumente und theoretischer Wirklichkeitszugänge aus unter schiedlichen Denkschulen und Forschungsrichtungen innerhalb und außerhalb der Internationalen Beziehungen war es möglich, einen konstruktiven Umgang mit der Paradigmenvielfalt zu entwickeln und somit zugleich einen Schritt gegen die de struktive Paradigmentrennung zu unternehmen. Die Zielsetzung dieser Arbeit kann somit auch in dieser Hinsicht als erreicht betrachtet werden. Dass die Arbeit ihrem Selbstverständnis nach auf eine Theoriefortbildung hin aus gerichtet war, führte dazu, dass in erster Linie ein theoretischer Erklärungsansatz entwickelt wurde. Um dennoch eine Brücke zur Empirie zu schlagen, wurde ein auf diesem theoretischen Erklärungsansatz beruhendes Analyseschema skizziert, auf dessen Grundlage sich theorietestende empirische Studien aufbauen lassen. An die ser Stelle erhebt sich die Frage, ob der Rückgriff auf einen solch ausdifferenzierten theoretischen Erklärungsansatz für die analytische Praxis überhaupt lohnt und der erforderliche Aufwand, der im Vergleich zu bestehenden Theorieansätzen deutlich höher sein kann, gerechtfertigt ist. Hierbei muss sich nicht nur diese Arbeit diese Frage gefallen lassen. Ähnlichen kritischen Kommentaren sah sich etwa auch Gott fried Kindermanns theoretischer Erklärungsansatz des synoptischen Realismus mit seinem Analyseschema der Konstellationsanalyse ausgesetzt. Doch ist der Aufwand 369 nur die eine Seite und er kann letztlich nur als nicht zu rechtfertigen bewertet wer den, wenn der Ertrag dem investierten Aufwand nicht gerecht wird. Mit anderen Worten rechtfertigt ein im Vergleich zu weniger aufwendigen theoretischen Erklä rungsansätzen höherer Aufwand bei Ansätzen wie dem synoptischen oder dem In terpretativen Realismus nur ein deutlich aussagekräftiges Ergebnis. Die Güte bemisst sich dabei daran, wie genau der theoretische Rahmen in der Lage ist, die em pirische Realität abzubilden und somit zur Exaktheit der Erklärung beizutragen. Wie sich immer wieder gezeigt hat, leisten die meisten der bestehenden dünnen Modelle das nicht, sodass es lediglich zu Scheinerklärungen kommt, die nur äußerst bedingt tragfähig sind. Schlanke Theorien und dünne Modelle mögen mitunter auf dem Papier gut aussehen, aber es gilt zu beachten, dass bei diesen eine Vielzahl er klärungserheblicher Faktoren unberücksichtigt bleiben, eben gerade weil sie als zu kompliziert zu erheben oder zu komplex gelten. Doch diese durchaus als Ausdruck heutigen gesellschaftlichen Denkens gewünsch te Schlankheit und Einfachheit in Theorie und Modell kann nur sehr bedingt und sehr selektiv die empirische Realität abbilden und ist somit letztlich deutlich welt fremder als eine Theorie beziehungsweise ein Modell, dass sich mit erheblichem Mehraufwand der tatsächlichen Komplexität der sozialen Welt annimmt, die gerade mit Blick auf die Internationalen Beziehungen besonders ausgeprägt ist. Wie außer ordentlich problematisch die begehrten und verehrten schlanken Modelle sind, wenn es tatsächlich darauf ankommt, zeigt ein Blick in die Nachbardisziplin der Volkswirtschaftslehre: In diesem mit Vorliebe modellierenden Fach konnte keines der gepriesenen schlanken Modelle die großen Krisen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte voraussagen, weil die diesen Modellen zugrunde gelegten Annahmen schlichtweg mit der empirischen Wirklichkeit zu wenig gemein hatten, einfach nur um berechenbar zu sein. Mit der Entwicklung schlanker und einfacher Theorien wurde versucht, komplexe Realität in leicht zu handhabende Modelle zu zwingen in der irrigen Annahme, dadurch werde die Realität genauso einfach. Doch an sich wenig überraschend ist die Komplexität geblieben, vielleicht sogar noch gewachsen. Das führt letztlich zur grundsätzlicheren Frage danach, welche Art von Wissen schaft gewünscht wird und was diese leisten soll. Die Reduktion wissenschaftlichen Anspruchs einerseits, und zugleich der Anspruch, dass mit minimalem Aufwand an Ressourcen ein Maximum an Output erzielt werden soll mag hierbei nicht zuletzt auch als Ausdruck eines gewandelten gesellschaftlichen Selbstverständnisses gese hen werden. Manchmal scheint es so, so müsse alles einfach sein, Komplexität ist per se schlecht und wenn ein Sachverhalt nicht in wenigen Worten erklärt werden kann ist der Erklärende schlecht und nicht der Sachverhalt einfach so kompliziert, dass er weiterer Ausführungen bedarf. Wie gefährlich derartige in den Medien, aber leider ebenso in der Wissenschaft, existierenden Vereinfachungen sind, zeigt sich etwa beim Umgang mit der Terror gefahr im Kontext des Islam. Betrachtet man Analysen, die auf diesem Gebiet durchgeführt werden, ist von dem Islam, dem Terror, dem Krieg gegen den Terror 370 die Rede, ohne dabei in theoretischen Erklärungsansätzen die Vielschichtigkeit is lamischen Denkens über die Jahrhunderte hinweg zu beachten, die zahllosen Aus prägungsformen und Entstehungszusammenhänge für Terrorismus und Krieg so wie deren Differenzierung zu berücksichtigen. Es scheint so, als müsse alles in schnellen, leichten und einfach zu konsumierenden Häppchen serviert werden — in der Gesellschaft, in der Wissenschaft und eben auch auf dem Gebiet der Internati onalen Beziehungen. Dabei ist das zentrale Problem, dass man damit eben gerade nicht die Realität und die mit ihr einhergehenden Herausforderungen abbildet, sondern lediglich die Illusion von Realität schafft, ebenso wie mit ein paar Worten und ein paar Maßnahmen die Illusion von Sicherheit geschaffen wird. Und schon beim nächsten Zwischenfall wird eigentlich offenkundig, wohin derartige Scheinan sätze und Scheinlösungen führen. Auch die komplexe Realität der Internationalen Beziehungen, bei deren Verständnis es um mehr geht als akademische (Selbst zufriedenheit, sollte sich daher entschieden gegen das Schaffen oder die billigende Inkaufnahme derartiger Realitätsillusionen wenden und gerade nicht auf diese Wei se vorgaukeln, die Wirklichkeit zu verstehen und somit kontrollierbar zu halten. Spätestens der nächste Lackmustest wird, wie schon mittlerweile so oft in der Ge schichte der Theorie der Internationalen Beziehungen, allzu dünne Theorien und Modelle der Lüge strafen. Nicht umsonst war die Enttäuschung so groß, dass kei nes der bestehenden Paradigmen den fundamentalen Wandel der Jahre 1989-1991 vorausgesagt hat. Seither hat sich einiges getan und die Diskurse um ausdifferen ziertere Konzepte und aussagekräftigere Theorieansätze sind zahlreicher geworden. Das hat, wie gesagt, zur Erhöhung der Unübersichtlichkeit beigetragen. Aber, wie eingangs erwähnt, ist diese Krise auch als Chance in vielerlei Hinsicht zu werten: ^ ^ (wei ji) trägt das (ji hui) in sich. Und erste Entwicklungen in diese Rich tung sind etwa in Form interparadigmatischer Ansätze ja durchaus erkennbar. In diesen Kontext hat sich auch diese Arbeit eingereiht. Sie versteht sich damit explizit als Beitrag gegen eine als gefährlich und somit illegitim empfundene Pseudo Vereinfachung der Welt, die ihrer Natur gemäß aus sozialwissenschaftlicher Per spektive heraus komplex ist. Hierbei soll keineswegs vergessen werden, dass Wis senschaft dem Menschen und der Gesellschaft dienen soll. Im Gegenteil, auch und gerade die Sozialwissenschaften müssen sich an dieser Latte messen lassen. Aber dieser Dienst ist ein Bärendienst, wenn er seine Modelle, Erklärungen und Empfeh lungen auf sandigen Illusionen eines scheinbar leichten Weltzugangs gibt und nicht alle Kraft daransetzt, der Komplexität gerecht zu werden — auch und gerade auf dem Gebiet der Theoriefortbildung und Modellentwicklung. Vielleicht ist es auch das, warum die Physik und nicht die Sozialwissenschaften, die Politikwissenschaft und die Internationalen Beziehungen die leichten Aufgaben bekommen haben. Ko chendes Wasser oder fallende Objekte lassen sich leichter erklären, derartige Vor gänge sich unter Laborbedingungen endlos unter perfekt kontrollierbaren Bedin gungen replizieren. Millionen, ja Milliarden von Menschen lassen sich indessen nicht in Labore stecken, Kriege und Terroranschläge sich nicht unter der Lupe rep lizieren. Die Untersuchungsobjekte der Internationalen Beziehungen sind zu groß 371 und zu komplex, um ihnen nicht auch mit entsprechend umfassenden Ansätzen zu begegnen, um auch nur annähernd eine Chance zu haben, sie zu verstehen. Und zugleich sind sie zu bedeutend und zu imminent, um hierauf zu verzichten. 372

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Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.