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6. Der Theorieansatz des Interpretativen Realismus und das SPICDA-Analyseschema in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 335 - 362

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-335

Tectum, Baden-Baden
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6. Der Theorieansatz des Interpretativen Realismus und das SPICDA-Analyseschema 6.1 Der Theoretische Erklärungsansatz des Interpretativen Realismus Wie eingangs dargelegt, ist es das Ziel dieser Arbeit, das unverbundene Nebenei nander bestehender Denkmodelle und Theorieansätze zu nutzen, um einen neuen theoretischen Erklärungsansatz zu entwickeln und darauf basierend die Grundle gung für ein Analysemodell zu skizzieren (Abbildung 14). Die Bezeichnung dieses theoretischen Erklärungsansatzes als Interpretativer Realismus verweist nicht nur auf einen Rückgriff auf grundlegende Parameter, wie sie der Realismus in die Theo riebildung eingebracht hat, sondern auch und gerade darauf, dass das materielle Denken und das Festhalten an der Wirkungsmacht einer auch materiell verstande nen Struktur nicht aufgegeben werden. Zugleich liegt der zentrale Schlüssel des Theorieansatzes in der Interpretation von Struktur durch den Akteur. Hierbei wird aber, wie aufgezeigt, weder die Struktur ihrer Eigenständigkeit beraubt noch dem Akteur eine beliebige Rekonstruierbarkeit der materiellen, objektiven Wirklichkeit, die als solche prinzipiell als existent betrachtet wird, zugebilligt, wie etwa der radi kale Konstruktivismus das tut. Auch wird das Konzept durch die Anerkenntnis der jeweiligen Eigenständigkeit von Akteur und einer absoluten wechselseitigen Konsti tution von Akteur und Struktur relativiert, die jedoch nur insoweit relevant ist, wie es nicht um die Erklärung von staatlichem Handeln geht. Denn dieses wiederum kann nur analysiert werden, wenn die wechselseitigen Beziehungen, die auf den je weils auf der Akteur- und der Strukturseite wirkenden inhärenten Logiken syn chron in ihrem Zusammenspiel berücksichtigt werden. Es geht somit um die Perzeption, Interpretation und Konstruktion der objektiven Realität des internatio nalen Systems. Das internationale System ist dabei in doppelter Hinsicht zu erfassen, nämlich in Form seiner spezifischen Strukturausprägung und in Form seiner spezifischen Konstellationsgestalt. Beide Aspekte werden auf allen Analyseebenen und von allen Analyseeinheiten, in welche sich der Akteur Staat differenzieren lässt, synchron wahrgenommen, interpretiert und entscheidungsbezogen rekonstruiert. Die Ausei nandersetzung mit dem Diskurs um das Level-of-Analysis-Problem, das die Frage behandelt, welche Analyseebene sinnvollerweise zu wählen ist, um zwischenstaatli ches Verhalten bestmöglich zu untersuchen, hat diverse Herausforderungen zutage gefördert. Obgleich in verschiedenen Ansätzen unterschiedliche Ebenen vorge schlagen werden, geht es letztlich stets um die Frage, ob man bei der Untersuchung den Blick auf das Gesamtsystem oder dessen einzelne Einheit, d.h. den Staat bezie hungsweise die für ihn handelnden Akteure, richten soll. Legt man hierbei das Ge samtsystem als Analyseeinheit zugrunde, so werden durch den auf die Gesamtheit gerichteten Fokus Divergenzen innerhalb der Systemteile ausgeblendet. Somit be steht die Gefahr eines Strukturdeterminismus (vgl. Singer 1961: 23). Dieser Effekt 335 wird verstärkt durch den in der klassischen Theorie der Internationalen Beziehun gen verbreiteten behavioristischen Ansatz, die Systemeinheit Staat als Black Box zu betrachten, bei der nur die empirisch messbaren Größen Reiz und Reaktion be rücksichtigt werden, nicht aber kognitive Effekte. Somit wird der Staat nur nach seinen Reaktionen auf systemische Stimuli hin untersucht, während Perzeptionen etc. außen vor bleiben. Kenneth Waltz etwa betrachtet die als anarchisch ange nommene Struktur des internationalen Systems als zentralen Erklärungsfaktor für außenpolitisches Handeln (vgl. Waltz 1954). Die Struktur des internationalen Sys tems galt schon für Rousseau als letztendliche Ursache staatlichen Handels, da sie anders als innerstaatliche Faktoren oder gar der Mensch dem Wesen nach nicht irrational sein kann, und so sieht das auch Waltz (1954): “The third image, as reflected in the writings o f Rousseau, is based on an analysis o f the consequences arising from the framework o f state action. Rousseau’s explanation o f the origin o f war among states is, in broader outline, the final one so long as we operate within a nation-state sys tem. It is a final explanation because it does not hinge on accidental causes — irrationalities in men, defects in states — but upon the theory o f the framework within which any accident can bring about war.” Wie einleuchtend auch immer diese Erkenntnis sein mag — für die Erklärung kon kreter zwischenstaatlicher Beziehungen reicht sie nicht aus, sind es doch, wie aus führlich dargestellt, gerade die Irrationalitäten der Menschen und die Defekte be ziehungsweise allgemeiner gesagt die Sozialisation der Staaten, die eine entschei dende Rolle bei der Erklärung spezifischer Handlungsausprägungen spielen. Waltz (1954: 232) erkennt das letztlich zumindest im Prinzip selbst, wenn der Struktur einerseits und den Akteuren — seien es die Staaten als Kollektiv oder aber einzelne Individuen — eine jeweils unterschiedliche Ursachenqualität zuweist: „That state A wants certain things that it can get only by war does not explain war. Such a desire may or may not lead to war. M y wanting a million dollars does not cause me to rob a bank, but if it were easier to rob banks, such desires would lead to much more bank robbing. This does not alter the fact that some people will and some people will not attempt to rob banks no matter what the law enforcement situation is. We still have to look to motivation and circumstances in order to explain individual acts. Nevertheless one can predict that, other things being equal, a weakening o f law enforcement agencies will lead to an increase in crime. From this point o f view it is social structure — institutionalized restraints and institutionalized methods o f altering and adjusting interests — that counts. And it counts in a way different from the ways usually associat ed with the word 'cause’. W hat causes a man to rob a bank are such things as the desire for money, a disrespect for social properties, a certain boldness. But if obstacles to the operation o f these causes are built sufficiently high, nine out o f ten would-be bank robbers will live their lives peacefully plying their legitimate trades. If the framework is to be called cause at all, it had best be specified that it is a permissive or underlying cause o f war. [ ...] But the structure o f the state sys tem does not directly cause state A to attack state B. Whether or not that attack occurs will depend on a number o f special circumstances — location, size, power, interest, type o f government, past history and tradition — each o f which will influence the actions o f both states. If they fight against each other it w ill be for reasons especially defined for the occasion by each o f them. The special reasons become the immediate, or efficient, causes o f war. These immediate causes of war are contained in the first and second images. States are motivated to attack each other and to 336 defend themselves by the reason and/or passion o f the comparatively few who make policies for states and o f the many who influence the few. Some states, by virtue o f their internal conditions, are both more proficient in war and more inclined to put their proficiency to the test” . Welche Erkenntnisse lassen sich aus dieser zentralen Passage von Man, the State and War gewinnen? Betrachtet man den ersten Abschnitt, so verweist Waltz darauf, dass der Umstand allein, dass der Staat A etwas in seinen Besitz bringen möchte, das er aber nur auf kriegerische Weise in seinen Besitz bringen kann, nicht das Zu standekommen von Krieg erklärt. In diesem Zusammenhang gelangt Waltz zu drei grundlegenden Erkenntnissen, die sich losgelöst von seiner konkreten Analogie allgemein etwa so ausdrücken lassen: 1.) Allein derW unsch führtn ichtautom atisch zu einer Handlung. 2.) Intervenierende externe Faktoren beeinflussen die Entscheidung zurHandlung. 3.) Heben äußeren Faktoren istauch die individuelle Motivation zu berücksichtigen. Bezogen auf und ausgedrückt in der Terminologie des interpretativen Realismus lassen sich diese Erkenntnisse so zusammenfassen: 1.) Obgleich ein Staat es als einen Teil seiner Interessenausprägung ansieht, einen be stimmten Aspekt seiner Kapazitäten zu vergrößern, trifft er nicht automatisch die po liti sche Entscheidung, die fü r die Kapazitätssteigerung erforderliche außenpolitische M aß nahme (Krieg) auch durchzuführen. 2.) Die äußeren Gegebenheiten stellen einen Faktor dar, welcher das diesbezügliche Han deln eines Staates beeinflusst. M it anderen Worten: Bei einer gegebenen Motivation be rücksichtigt der Staat vor seinem Handeln Systemstruktur und Systemkonstellation und wägt diese in Hinblick au f sein nationales Sicherheitsinteresse m it derperzipierten Bedro hung ab. Entsprechend dieser Einschätzung fä llt seine Entscheidung aus, die als konkrete Außenpolitik, erkennbar wird. Wie aber kommt der Staat zu dieser Entscheidung? Die Antwort hierauf liefert die dritte Erkenntnis: 337 3 ) Der Staat schätzt System Struktur und Systemkonstellation au f Grundlage seiner konkreten Pergeption ein und bewertet sie vor dem Hintergrund seiner kollektiven wie in dividuellen historischen Sogialisation. Genau hierin unterscheiden sich die Staaten gusätglich gu den tatsächlich vorhandenen Kapagitäten voneinander. Zwar lässt sich aus etwa auch aus Waltz’ Unterscheidung von permissive cause und efficient cause ableiten, dass es nicht nur die Strukturbedingungen zu berücksichti gen gilt (vgl. Waltz 1954: 233 ff.). Allerdings gelingt es Waltz nicht, die Fixierung auf seine eindimensionale, strukturbezogene Betrachtung zu überwinden. Hierauf reagiert der Interpretative Realismus, indem er für die Analyse nicht nur das Ver hältnis von Akteur und Strukturkomponente des Systems wie bei Waltz oder das Verhältnis von Systemeinheit und System, wie es Singer in noch allgemeinerer Form getan hat, der Untersuchung zugrunde legt, sondern statt dessen das Ver hältnis von Akteur und System in die dualperspektivische Analyse von Agent und Systemstruktur einerseits und Agent und Systemkonstellation andererseits zerlegt und die so gewonnenen Ergebnisse anschließend wieder synthetisiert, wobei stets ein dritter Prozess, nämlich der der Selbstreflexion mitabläuft. Auf diese Weise tritt der Interpretative Realismus nicht nur einem Strukturdeterminismus entgegen, sondern wendet zugleich auch die Gefahr einer Überdifferenzierung der systemi schen Einheiten ab. Dieses bei der FPA häufig anzutreffendes Phänomen des so genannten Trugschlusses des Second Image liegt in der ausschließlichen Begrün dung staatlichen Handelns durch Binnenfaktoren begründet, das zudem häufig ein hergeht mit dem Risiko normativer Verzerrungen. Auf Singers Frage, ob objektive Faktoren oder deren subjektive Interpretation aus schlaggebend für die Erklärung zwischenstaatlichen Handelns sind, gibt der Inter pretative Realismus also zur Antwort, dass es beide Faktoren in ihrem Zusammen spiel sind. Das macht es, wie im Rahmen dieser Arbeit aufgezeigt, erforderlich, An sätze und Argumente bislang getrennter Theorieschulen in Einklang zu bringen. Während etwa zentrale Aussagen des Strukturrealismus die Effekte der Struktur des internationalen Systems beleuchten, werden konstruktivistische, interpretative, his torisch-soziologische und politisch psychologische Argumente herangezogen, um die Wahrnehmung der strukturellen Faktoren (inklusive der die Struktur maßgeb lich mitdefinierenden Akteure) durch die Akteure zu analysieren. Auf diese Weise werden strukturelle und akteurbezogene Faktoren vereint und so ein und derselbe Sachverhalt zum selben Zeitpunkt synchron aus zwei unterschiedlichen Perspekti ven heraus analysiert. Dieser Ansatz bedeutet also die Verschmelzung der bislang analytisch getrennten Analyseebenen und eine Neuinterpretation des Agent- Structure-Verhältnisses. 338 Der Interpretative Realismus geht, wie erwähnt, davon aus, dass in jedem Akteur ein dreifacher Perzeptionsprozess stattfindet: die Wahrnehmung der Struktur (Strukturpergeption), die Wahrnehmung der Konstellation (Konstellationspergeption) und die Selbstwahrnehmung des Akteurs (Selbspergeption). Die Wahrnehmung des Ak teurs wird somit beeinflusst von Akteur-, Struktur- und Konstellationsfaktoren. Während Struktur- und Konstellationsfaktoren die Systembeschaffenheit reflektie ren, spiegeln die Akteurfaktoren die Identität des Akteurs wider, die ihrerseits durch spezifische Faktoren determiniert wird. Aus der synchronen Analyse des dreifachen Perzeptionsprozesses ergibt sich die doppelte Systeminterpretation des Akteurs, die schließlich zu dessen konkreter Interessenausprägung führt. Diese setzt sich dabei aus den Komponenten Grundinteresse und konstellationsspezifi sches Interesse zusammen und reflektiert somit sowohl die grundlegende abstrakte Strukturlogik als auch deren situationsspezifische konkrete Ausprägung und führt schließlich zum spezifischen, empirisch erkennbaren zwischenstaatlichen Akteurs verhalten, das letztlich wiederum einen Einfluss auf die Struktur- und Konstellati onsfaktoren ausübt und entsprechend das Verhalten anderer Akteure auf eben die geschilderte Weise potenziell ko-determiniert. Durch diesen Prozess erlangt das real existierende System in seiner doppelten Ausprägung von Struktur und Konstellati on erst subjektive und somit handlungsrelevante Bedeutung. Die Größe, an der die Handlungsnotwendigkeit gemessen wird, ist das nationale Sicherheitsinteresse. Je nach spezifischer Struktur- und Konstellationsinterpretation durch den differen zierten Akteur ergibt sich eine spezifische Bedrohungswahrnehmung, zunächst in nerhalb der einzelnen Einheiten des differenzierten Akteurs und dann durch deren Zusammenwirken der letztentscheidungsrelevanten Akteurseinheit, welche sich schließlich empirisch als zwischenstaatliches Handeln beobachten lässt. Wie aber ist das nationale Sicherheitsinteresse konzeptualisiert und wie genau wirkt es auf die Entscheidungsfindung ein?49 K ongeptund Wirkungsweise des Komplexen Nationalen Sicherheitsinteresses Grundsätzlich geht der Interpretative Realismus wie das Paradigma des Realismus davon aus, dass jeder Staat nach der unbedingten Fortdauer seiner Existenz strebt. Um dieses Ziel zu erreichen, versucht der Staat, seine Sicherheit zu maximieren. Überleben im anarchischen Weltsystem wurde daher oft mit dem Streben nach Macht gleichgesetzt, da nur diese es dem einzelnen, notwendigerweise (letztlich immer) auf sich gestellten Akteur ermöglicht, das eigene Überleben zu sichern (Selbsthilfesystem). Betrachtet man die Realität, so ist die unmittelbare Überlebens sicherung im wirklich existenziellen Sinne jedoch nur ein Aspekt im Agieren eines Staates. Sicherheit ist zentral, jedoch stellt sich die Frage nach der jeweiligen Mani festation von Sicherheit jenseits der unmittelbaren territorial-existenziellen Bedro Einige zentrale Aussagen der nachfolgenden Abschnitte wurden — teilweise einen frühe ren Forschungsstand reflektierend — bereits bei N iedermeier (2011) veröffentlicht. 339 hung. Mit anderen Worten geht es zwar stets um das Überleben des Staates als on tologisches Gebilde, aber zugleich auch um das Überleben spezifischer den Staat definierenden Attribute. Hieraus leitet sich das nationale Sicherheitsinteresse ab, welches zur konkreten Entscheidungsgrundlage wird, es um die Perzeption, Inter pretation und bewertende Rekonstruktion von Systemstruktur und Systemkonstel lation geht. Entscheidend für das Begreifen zwischenstaatlichen Handelns ist somit ein grundlegendes Verständnis dessen, was nationales Interesse ist und in welchem Verhältnis es zur nationalen Sicherheit steht. Denn nur wenn das Wesen des natio nalen Interesses und die intrinsisch damit verbundene Größe der nationalen Si cherheit in ihrer Komplexität verstanden wird, ist es möglich, staatliches Handeln im internationalen System zu erklären. Vor diesem Hintergrund geht der Interpretative Realismus von einer Konzeption aus, die das nationale Interesse als Aus druck eines komplexen, hierarchisierten Verständnisses nationaler Sicherheit be trachtet. Der Ansatz des interpretativen Realismus ist an Maslows Motivationstheo rie angelehnt und postuliert ein vierstufiges nationales Sicherheitsbedürfnis, wobei das grundlegende existenzielle Sicherheitsbedürfnis der Logik der oben erläuterten, an der Grundstruktur orientierten einfachen Fremdperzeption entspricht, während die darüber liegenden Bedürfnisstufen sich primär aus Perzeption und Interpretati on der Konstellation ergeben und mithilfe der poststrukturalistischen Analysekom ponenten erklärt werden. Die vier Stufen der Pyramide verweisen auf das potenziell bedrohte, spezifische A ttribut der nationalen Sicherheit, wobei bei Gewährleistung der jeweils einen Bedürfnisstufe die Sicherstellung des nächsthöheren nationalen Si cherheitsinteresses in den Vordergrund tritt. Die unterste Hierarchiestufe zielt rein auf die existenzielle Frage des Überlebens des Staates als ontologische Größe ab. Obgleich in zunehmendem Maße die Notwendigkeit erkannt wurde, Verständnis und Konzeption von nationaler Sicherheit zu erweitern, wird Überleben nach wie vor regelmäßig als zentrales Motiv außen- und sicherheitspolitischen Handelns von Staaten betrachtet (vgl. etwa Buzan et al. 1998: 21; W ^ver 2007). Dies gilt auch für den Interpretativen Realismus. Anders als für weite Teile der Internationalen Be ziehungen, insbesondere im bisherigen Verständnis des Realismus (vgl. etwa Glaser 2010), stellt diese Ebene nicht die einzige relevante Ebene zur Analyse von Fragen des nationalen Sicherheitsinteresses dar. Vielmehr geht der Interpretative Realismus davon aus, dass nationale Sicherheit als Größe verstanden werden muss, die nie zu einhundert Prozent realisierbar ist und dass Menschen wie Staaten ihr Verhalten nicht nur an akut unbefriedigten Bedürfnissen ausrichten, sondern sich auch ihrer künftig potenziell unbefriedigten Bedürfnisse bewusst sind. Hierauf basiert auch die nächste Stufe der Bedürfnishierarchie, nämlich die der Sicherheitsbedürfnisse. In diesem Zusammenhang teilt der Interpretative Realismus die Auffassung von Booth (2007: 106), wonach Überleben die Existenz betreffe, während Sicherheit als Überleben-Plus anzusehen sei, wobei „[t]he plus here is the choice that comes from (relative) freedom from existential threats, and it is this freedom that gives security its instrumental value. Survival does not guarantee security, because it does not eliminate threats”. Es wird somit davon ausgegangen, dass das nationale Sicher 340 heitsinteresse des Staates ebenfalls seine Gestalt ändert, sobald das staatliche Über leben im Sinne der Wahrung des Grundbestandes von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt grundsätzlich gesichert ist. Im hier vorliegenden Verständnis eines komplexen Sicherheitsbegriffs wird diese Stufe, die jenseits der des reinen Überle bens von Staatlichkeit im Sinne der klassischen Trias der Staatselemente liegt, ver standen als Sicherheit für die staatliche Souveränität in Form ihrer tatsächlichen Ausübbarkeit. Hierunter fallen insbesondere die in ihrer politischen und ökonomi schen Ordnung verkörperten Prinzipien staatlicher Autonomie und Autarkie, die wiederum in spezifischen Institutionen, Strukturen und Prozessen ihren Ausdruck finden. Die nächste Stufe betrifft den Schutz des Lebensstandards der Bevölkerung und fokussiert somit auf die sozioökonomische Ordnung. Hierbei wird somit zwar de facto auf materielle Sicherheitsinteressen abgestellt, jedoch ist das Materielle nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern dient eben der erwähnten Befriedigung eines Lebensstils jenseits der Grundbedürfnisbefriedigung. A uf der obersten Ebene geht es um die Realisierung bzw. Verteidigung von Ideen bzw. auch Ideologien, die aufs Engste mit nationalen Werten verbunden sind (Neuchterlein 1976: 247). Von besonderer Bedeutung an dieser Stelle ist der in P II berücksichtigte Aspekt der spezifischen Konstellationsperzeption und entsprechenden Interpretation von dem Hintergrund der spezifischen Sozialisationserfahrungen des Akteurs: “|I]deological interest refers to the values which a nation-state believes to be important. Obviously, states differ widely regarding the values they feel are important and the extent to which they are willing to defend or compromise them” (Neucherlein 1976: 248). In diesem Kontext kommt das Konzept der societal security zum Tragen wo „society is about identity, the self-conception o f communities, and those individuals who identify themselves as members o f a particular community” (W^ver 2007: 83). Bei Societal Security geht es somit um die Wahrung des essentiellen Characters einer Nation, da „societal identity as the core variable vulnerable to threats and in need of securi ty“ (McSweeny 1996: 82). Zusammenfassend zeigt sich: Während es in den voran gegangenen Stufen um die Sicherheit der politischen, ökonomischen und sozio- ökonomischen Ordnung geht, betrifft die Ebene der kollektiven gesellschaftlichen Selbstverwirklichung die Frage der soziokulturellen Ordnung. Hierunter fallen As pekte wie nationale Identität, nationale Werte und der einer Nation eigene way o f life als Ausdruck jener Ideen und Werte verstanden, wobei an dieser Stelle etwa kultu relle, historische und religiöse Aspekte eine Rolle spielen. Die Intensität einer Bedro hung ist zu einem wesentlichen Grad durch die Struktur des globalen beziehungs weise regionalen Systems determiniert, das heißt sie hängt auch davon ab, in wel chem strukturellen Umfeld der weiter unten dargelegten Systemstrukturtypolologie sich ein Staat befindet. Um zu verstehen, wie die diesbezügliche Wahrnehmung abläuft, ist der Blick nun der Akteur-Seite zuzuwenden. 341 Betrachtet man den Akteur, so stellt dessen Identität eine zentrale Größe dar. Im interpretativen Realismus wird Identität als duale Größe verstanden. Sie setzt sich zusammen aus der einfachen und der komplexen Identität. Während die einfache Identität das abstrakte Selbstverständnis eines Staates als unitarische Like Unit re flektiert, die primär reaktives Objekt der spezifischen Strukturbedingungen ist, spiegelt die komplexe Identität diesen Sachverhalt bezogen auf konkrete Umstände, das heißt die Konstellationsbedingungen zu einem spezifischen Zeitpunkt, wider. Während also die einfache Identität lediglich auf das grundsätzlich gegnerische Grundverhältnis von Selbst und Anderem verweist, kommen bei der komplexen Identität die Akteurfaktoren voll zum Tragen. Die komplexe Identität wird somit determiniert durch materielle, immaterielle und binnenstrukturelle Faktoren. Materielle Faktoren sind hierbei die Input- und Output-Capabilities eines Staates (Eder/Mangott/Senn: 2007), unter immateriellen Faktoren werden grundlegende und laufende Sozialisationsprozesse auf individuel ler wie kollektiver Ebene verstanden (vgl. Hobden/Hobson; Vertzberger 1990). Zudem wird die Polity-Dimension, also die binnenstrukturellen Aspekte des Ak teurs, berücksichtigt. Die erwähnten Faktoren tragen maßgeblich zum Selbstver ständnis und somit zur Selbstwahrnehmung des Akteurs bei und spielen daher maßgeblich mit den beiden anderen Wahrnehmungen zusammen, wenn es zum nächsten kognitiven Schritt, nämlich der Interpretation der Systembeschaffenheit kommt. In diesem Zusammenhang sind für die Analyse auch die Erkenntnisse der stark kognitionspsychologisch geprägten außenpolitischen Entscheidungstheorie von großer Bedeutung, da diese mit Konzepten wie Bounded Rationality, poliheuristischen Erklärungsansätzen und motivierten wie nicht motivierten kognitiven Biases (etwa cognitive consistency error, anchoring fallacy, fundamental attribution error, actor-observerdiscrepancy, availability heuristic etc.) einen wesentlichen Beitrag leisten, Wahrnehmun gen und Fehlwahrnehmungen auf internationaler Ebene zu erklären (Sears et al. 2003: Kapitel 8-10; Hudson 2007; Mintz/de Rouen 2010). Diese sind auch um neue Kenntnisse der Neurowissenschaften ergänzt und ent sprechend modifiziert worden. Somit stellen sie einen zentralen Bestandteil der drei vom interpretativen Realismus erkannten Perzeptionsprozesse dar. Neben der Selbstwahrnehmung sind dies die beiden Perzeptionsperspektiven der Struktur perzeption (P I) und der Konstellationsperzeption (P II). Akteurfaktoren und der Prozess derSelbstperzeption (PIII) 342 P I betrachtet dabei den Prozess der Strukturperzeption. Hierbei geht es um das Verhältnis von Akteur als Like Unit und reiner Grundstruktur des internationalen Systems. In diesem Zusammenhang spielt die Annahme des klassischen Realismus, der zufolge politisches Verhalten von objektiven Gesetzen bestimmt wird, die ihre Wurzel in der Natur des Menschen haben, eine wichtige Rolle (Morgenthau 1960). So bewirkt ein der menschlichen Natur geschuldeter, instinktiver Grundreflex des für den Staat repräsentativen prototypischen Akteurs eine spezifische Reaktionslo gik im Kontext der Struktur, mit der er sich konfrontiert sieht. Ganz im Hobbesianischen Sinne löst das Bewusstsein um Anarchie ein spezifisches Grundinteresse aus, nämlich das Streben nach der Maximierung der eigenen Sicherheit, um das ei gene Überleben zu gewährleisten (Logik des Selbsthilfesystems). Aus der Strukturperzeption des Akteurs gehen — im Zusammenwirken mit dessen auf dessen einfacher Identität beruhender Selbstwahrnehmung — somit dessen fun damentale nationale Interessen hervor, die in den realistischen IB-Theorien regel mäßig mit dem Erhalt der als staatliches Überleben definierten nationalen Sicher heit und dazu konkret dem Streben nach militärischer Stärke und Überlegenheit in den eigenen Capabilities gleichgesetzt wird, wobei Unterschiede allenfalls darin lie gen, ob es um relative oder absolute Gewinne an Macht gehen soll. Obgleich der selbe Wirkmechanismus vorliegt, stellt sich die Situation in nicht-anarchischen Strukturkontexten anders dar. Im Interpretativen Realismus wird eine Typologie des internationalen Systems eingeführt, die es ermöglicht, dieses in Kategorien von unbedingter Anarchie bis hin zum hierarchisch gegliederten (globalen) National staat einzuteilen. Jedem Strukturtypus, welcher übergeordneten Großstrukturen zugeordnet ist, entspricht ein spezifischer Strukturcharakter, der vom reinen Selbsthilfesystem über etwa ein Other-Help-System bis hin zum hierarchischen Einheitssystem reicht und welcher mit entsprechenden Verhaltenslogiken der Ak teure korreliert. Als quasi Like Unit nimmt der Akteur in P I diese Struktur wahr und interpretiert diese unter gleichzeitigem Einfluss seiner Selbstwahrnehmung, woraus sich sein Grundinteresse ergibt, also etwa bloßes Überleben im Falle der reinen Anarchie. Dabei setzt sich die handlungsleitende konkrete Interessenausprägung jedoch ne ben dem Grundinteresse noch aus einer weiteren Komponente zusammen, nämlich dem konstellationsspezifischen Interesse. In diesem Kontext ist anzumerken, dass auch im Interpretativen Realismus die nationale Sicherheit die zentrale Größe au ßenpolitischen Handelns darstellt. Hierzu soll an dieser Stelle nochmals auf die ent sprechende Funktionslogik rekurriert werden. So findet in der reinen Anarchie die hobbesianische Anarchie in ihrer Reinform ihren Ausdruck, Gleiches gilt für die stark gemäßigte Anarchievariante und die Lockeanische Anarchie in ihrer Rein form. Jedoch wird neu eine Abstufung eingeführt, welche einen Mischzustand aus hobbesianischen und lockeanischen Aspekten darstellt. Auf diese Weise lassen sich Systemstrukturund Prozess der Strukturper^eption (P I) 343 drei Klassifikationen ausmachen, welche eine Strukturausprägung des internationa len Systems beschreiben, die sich als internationale Monadenstruktur bezeichnen lässt. Das heißt, dass in sich abgeschlossene souveräne Staaten (Monaden) die oberste Einheit innerhalb dieser Systemausprägung darstellen. Ihre jeweiligen Inte ressen sind in allen drei Varianten strikt national, das heißt am eigenen Staat ausge richtet. Das gilt auch für ihre jeweiligen Identitäten. Die Unterscheidung zwischen den drei genannten Strukturvarianten, liegt in dem Grade, wie Institutionen eine Rolle spielen, welche primär die Problematik relativer beziehungsweise absoluter Gewinne im Kooperationsfall beherrschbar machen sol len. In der hobbesianischen Anarchievariante, die als reines Selbsthilfesystem ver standen wird, wird Kooperation ausschließlich instrumentell betrachtet. Die koope rativen Arrangements sind damit einhergehend lose. Institutionen im engeren Sinne existieren nicht. In den Strukturausprägungsvarianten der leicht und der stark ge mäßigten Anarchie (also der hobbesianisch-lockeanischen und der rein lockeani schen Variante) sind indessen Institutionen vorhanden. Allerdings sind diese nur sehr schwach (Mischform) oder bestenfalls schwach (rein lockeanisch) ausgeprägt und reflektieren stets das jeweils überragende nationale Interesse, dass jedoch ledig lich in der reinen Anarchie die Form von echter Feindschaft annimmt, während es in den beiden nachgelagerten Abstufungen zu einer Rivalität wird, welche von star kem (Mischform) oder gemäßigtem (rein lockeanisch) Misstrauen (abhängig von relativen oder absoluten Kooperationsgewinnen des Rivalen) charakterisiert wird. Auf der Ebene der Handlungslogik der Akteure zeigt sich jeweilige Strukturausprä gung am vorherrschenden Prinzip des reinen Balancing im Bereich der reinen hob besianischen Anarchie, sowie eines kaum (Mischform) beziehungsweise lediglich leicht beschränkten (reine Lockeanische Anarchie) Balancing. Eine deutliche Be schränkung der Balancing-Logik findet sich erst mit dem Übergang von der Mona denstruktur hin zu einer Strukturausprägung, welche sich am besten als internatio nale Gesellschaft bezeichnen lässt, weil bei ihr das feindlich-rivalisierende Moment von einer zumindest dem Grundsatz nach freundschaftlich orientierten Prägung abgelöst wird. Vor einem echten freundschaftlichen Verhältnis zwischen Staaten existiert allerdings noch der Zustand einer Als-ob-Freundschaft, der charakteris tisch ist für die Feinstruktur der de-facto beschränkten Anarchie und der Wendtschen Kultur der kantianischen Anarchie entspricht. Als Strukturtypus lässt sich diese Strukturausprägung somit als lose-pluralistische Sicherheitsgemeinschaft be zeichnen. Diese ist gekennzeichnet durch Staaten mit nicht oder nur minimal be schränkter Souveränität, weshalb die Zurechnung zur Anarchie noch gerechtfertigt ist, zugleich aber bestehen starke Institutionen, die ihrerseits jedoch nach wie vor eine instrumentelle Funktion für das jeweilige nationale Interesse erfüllen. Bei die sen jedoch lässt sich jedoch eine ausgeprägte Übereinstimmung feststellen, sodass sich ein institutionenbasiertes erkennbares kollektives Interesse ergibt. Dieses wird begleitet von einer Kongruenz bei den jeweiligen nationalen Identitäten. Allerdings sind gemeinsame Interessen und Identitäten prinzipiell fragil, auch besteht noch 344 kein wirkliches Other-Help-System, auch wenn die reine Selbsthilfelogik bereits relativiert wurde. Durch die Strukturklassifikationen der beschränkten Anarchie der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft einerseits und der Negarchie, die ihre Aus drucksform der internationalen Republik findet, andererseits wird eine Übergangs strukturausprägung beschrieben, welche jenseits der anarchischen Ordnungsprinzi pien angesiedelt ist, aber noch keinen Zustand erreicht hat, der sich als hierarchisch charakterisieren ließe. Die Beschreibung als Trans-Anarchie gibt diesen Zustand treffend wieder. Dennoch lassen sich, wie erwähnt, zwei Subkategorien finden. Hierbei unterscheidet sich die internationale Republik von der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft, welche beide durch eine Kongruenz an Interessen und Identitäten und einer nicht instrumentellen Form der Kooperation gekennzeichnet sind, letztlich durch den Grad der institutionellen Verschmelzung. Während die enge pluralistische Sicherheitsgemeinschaft sich aus — trotz aller Nähe — souveränen Staaten zusammensetzt, die einander in echter Freundschaft verbun den sind, versteht sich die internationale Republik als sehr eng verwobene Konfö deration, bei der sich das Other-Help-System der beschränkten Anarchie in der Negarchie zu einem integrierten System weiterentwickelt darstellt. Für die Hand lungslogik hat dies zur Folge, dass aus einem stark begrenzten Balancing, dass sich noch innerhalb von eng verwobenen Sicherheitsgemeinschaften findet, ein in inter ne konföderale Strukturen eingebettes und kanalisiertes Konfliktmanagementsys tem besteht. Dieses ist auch Ausdruck der nicht mehr nur echten Freundschaft un ter Freunden, sondern bereits einer Freundschaft mit gleichsam familiären Charak ter und wechselseitigem Vertrauen. Mit dem Erreichen einer Hauptstruktur der Anarchie wird ein Zustand erreicht, der letztlich dem eines souveränen, eigenen Staates entspricht, im maximalen Fall somit einem Weltstaat. Doch auch hier erscheint es sinnvoll, einen tatsächlich voll konso lidierten (Einheits-)Staat im weberianischen Sinne, der tatsächlich als reine Hierar chie charakterisiert werden kann, vom Zustand einer gleichsam protohierarchischen de-facto Hierarchie zu differenzieren. Ein solcher Schritt nicht zu letzt auch sinnvoll, um den Zustand echter Staatlichkeit vom Zustand lediglich auf engste ausgeprägter internationaler Gemeinschaft zu unterscheiden. Eine de-facto Hierarchie lässt sich im Strukturtypus einer amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft erkennen. Die Beziehungen der Staaten untereinander sind von engster familiärer Freundschaft gekennzeichnet. Die Souveränität besteht noch, ist aber eher formal als real und auch in formeller Hinsicht gleichsam Makulatur. Somit findet bei bei den Unterformen keine Form des Balancing mehr statt und die Identitäten sind völlig verschmolzen. Formal lässt sich noch bei den Interessen differenzieren: Während es im echten Staat weberianischer Prägung (idealtypisch) qua definitionem nur ein nationales Interesse geben kann, sind die einzelnen nationalen Interes sen in der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft zwar gegeben, aber vollkommen identisch und damit de facto ebenfalls eins. 345 Die Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der spezifischen Struktur ausprägung liefert somit einen wesentlichen das zwischenstaatliche Handeln beein flussenden Erklärungsfaktor. Doch ist es allein mit dem Abgleich von abstrakter Struktur und Sicherheitsinteresse nicht getan; vielmehr ist die die Struktur ausma chende und transzendierende Systemkonstellation ebenfalls synchron zu berück sichtigen. Dies geschieht im Kontext der Analyse der Systemperzeption (P II). Systemkonstellation und Prozess derSystemperzeption (PII) Diese liefert sozusagen die zweite Komponente der sich in diesem Kontext erhe benden Frage, was in einem konkreten Fall unter der Größe nationale Sicherheit zu verstehen ist, bzw. weshalb ein Staat zu einem spezifischen historischen Zeitpunkt seine nationale Sicherheit bzw. sein nationales Interesse auf eine ganz bestimmte Weise definiert. Eine Antwort auf diese Frage ist fundamental, um Varianzen im außenpolitischen Handeln von Staaten zu erklären. Daher wird im Interpretativen Realismus das Konzept eines differenzierten und hierarchisierten nationalen Si cherheitsinteresses eingeführt. Bevor dieses Konzept jedoch im nächsten Abschnitt vorgestellt werden kann, ist es erforderlich, noch näher auf den Prozess der kom plexen/konkreten Fremdperzeption einzugehen. Zusätzlich zu bereits im realistischen Denken dem Prinzip nach vorhanden Per spektive der abstrakten Fremdperzeption hat der Interpretative Realismus eine zweite Perspektive (P II) eingeführt, die sowohl Staat als auch System weiter ausdif ferenziert. Verweist P I auf die grundlegende, der Struktur und der menschlichen Natur geschuldeten Verhaltenslogik und das entsprechend resultierende Grundinte resse, so betrifft P II das, was ein Staat in einer bestimmten Situation konkret als Gefährdung seiner Existenz, Souveränität oder Identität betrachtet und weshalb er dies tut. Um diese Fragen zu beantworten, ist es einerseits erforderlich, den Staat als nicht nur als monolithische Like Unit, sondern auch als differenzierte Einheit zu betrachten (komplexe staatlichen Identität), und andererseits die systemische Kons tellation zu berücksichtigen, was bedeutet, die Verteilung und Beschaffenheit der anderen Akteure im System auszumachen. Letztlich geht es um die umfassende Bestimmung von Selbst, Anderem und Beziehung zwischen beiden zu einem Zeit punkt x. Es soll sich zeigen, wie sich das Weltsystem und dessen Einheiten aus Sicht eines Akteurs darstellen, wobei bei der konkreten Bewertung der politisch-geografischen Situation die Akteurfaktoren des jeweils anderen Akteurs der Konstellation eine wesentliche Rolle spielen.50 So führt das Zusammenwirken von auf einer komple xen Identität beruhender Selbstperzeption des Akteurs einerseits und dessen diffe 50 Hierbei orientiert sich der Interpretative Realismus zum Teil am Konzept der Konstella tionsanalyse der Münchner Schule. 346 renzierter Konstellationsperzeption andererseits zu einer spezifischen Interpretati on dieser Konstellation und somit zu einem konstellationsspezifischen Interesse. Im theoretischen Erklärungsansatz des Interpretativen Realismus spielt daher die gleichzeitige Berücksichtigung zweier Perspektiven (Dualperspektivenanalyse) eine entscheidende Rolle. Die Notwendigkeit hierzu klingt auch bei Waltz schon an, wenn er darauf verweist, dass eine Schwächung der Rechts- und Strafbehörden zu einem Anstieg der Kriminalität führen würde. Waltz beschreibt einen solchen Wandel als Veränderung in der sozialen Struktur einer Gesellschaft. Im Kontext der Perspektive I erkennt der Akteur, dass er sich nach wie vor in einem hierarchi schen System befindet, sich dieses jedoch auf eine anarchische Struktur hin zube wegt hat. Dies führt automatisch nur zu einer Neubewertung der anderen Akteure des Systems und des eigenen Verhältnisses zu diesen — sowohl grundsätzlich als auch vor dem Hintergrund der konkreten Situation (Perspektive II). Denn die Schwächung des übergeordneten bisherigen Garanten der eigenen Sicherheit ver langt nach Maßnahmen, diese individuell zu gewährleisten (Argument der struktur bedingten Außenpolitik, die auf die Gewährleistung der eigenen Sicherheit gerichtet ist, Perspektive I). Hierbei spielt neben den eigenen (defensiven wie offensiven) Verteidigungskapazi täten auch die eigene (perzipierte) Gefährdungslage eine Rolle (Argument der Ein schätzung der konkreten Lage, Perspektive II). Die beiden Perspektiven finden sich zugleich auch im Kontext der Waltz’schen Ausdifferenzierung der Ursachen für konfliktorientiertes staatliches Handeln. Waltz legt dar, dass aus der anarchischen Struktur des internationalen Systems das Streben der Akteure nach ihrem Überle ben als Staaten mit ihrem erweiterten nationalen Interesse resultiert. Somit ist es die Struktur, die den Wunsch von Staaten, ihre eigene Sicherheit zu garantieren und hierfür falls nötig auch Krieg zu führen, überhaupt erst hervorruft und ermöglicht, auch wenn sie keinen Krieg unmittelbar auslöst. Die Struktur als „permissive or underlying cause o f war“ (Waltz 1954) wird in der Perspektive I reflektiert, welche das Verhältnis von Agent und Systemstruktur analysiert. In der Perspektive II wird das Verhältnis von Agent und konkreter Systemkonstellation thematisiert. Unter stetiger Berücksichtigung von Perspektive I bewertet der Staat die aktuellen Mög lichkeiten, sein erweitertes nationales Interesse bestmöglich zu realisieren. Er scheint vor dem Hintergrund von Selbst- und Fremdeinschätzung, welche wiede rum auf Sozialisation, Perzeption etc. beruhen die Wahrung des erweiterten natio nalen Interesses als am besten durch Krieg zu erreichen, handelt der Staat entspre chend. Die Perspektive II erklärt somit die „immediate, or efficient, causes o f war“ (Waltz 1954). Dass die Methode der Multiperspektivanalyse auch für die politische Praxis von Relevanz ist, deutet sich ebenfalls schon bei Waltz (1954: 233) an: 347 „If every war is preceded by acts that we can identify (or at least try to identify) as cause, then why can we not eliminate wars by modifying individual or state behavior? This is the line of thinking followed by those who say: To end war, improve men; or: To end war, improve states. But in such prescriptions the role o f the international environment is easily distorted. How can some o f the acting units improve while others continue to follow their old and often predatory ways? The simplistic assumption o f many liberals, that history moves relentlessly toward the mülennium, is refuted if the international environment makes it difficult almost to the point o f impossibility for states to behave in ways that are progressively more moral. Two points are omitted from the prescriptions we considered under the first and second images: (1) I f an effect is produced by two or more causes, the effect is not permanently eliminated by removing one o f them. [ ...] (2) An endeavor launched against one cause to the neglect o f others may make the situation worse than better.” Hinsichtlich der Multiperspektivanalyse lassen sich somit folgende Erkenntnisse gewinnen: Ersteny. Das Verhältnis Agent-Systemstruktur (Perspektive I) muss bei einer Analyse der internationalen Beziehungen stets berücksichtigt werden. Die Analyse des „First“ beziehungsweise „Second Image“ reicht zur Erklärung nicht aus. Was bedeutet das für einen möglichen Ausweg aus dem Kriegsdilemma? Waltz sagt es: Eine Verbesserung des Menschen etwa durch höhere moralische Ansprü che an die politischen Akteure oder entsprechende Selbstbeschränkungen bezie hungsweise der Staaten etwa im Sinne der Democratic Peace Theory ist nicht genügend. Zweiteny. Auch das Verhältnis Agent-Systemkonstellation (Perspektive II) muss bei einer Analyse der internationalen Beziehungen stets berücksichtigt werden. Aller dings setzt dies eine Operationalisierung der ersten beiden Images voraus, welche im Rahmen dieser Arbeit vollzogen wurde. Hieraus resultiert dann jedoch auch eine verbesserte Möglichkeit, mit den Folgen der Anarchie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen im jeweils konkreten Fall umzugehen. Die Anarchie selbst und ihre Folgen können nicht immer überwunden werden, jedoch besteht die Möglichkeit, Missverständnisse zu vermeiden. Wenn also auch die Unsicherheit fortdauert, kann sie durch eine bessere Einschätzung in konkreten Situationen verringert werden. Diese Erkenntnis gilt auch und gerade dann, wenn es nicht um die Frage von Krieg geht. Freilich bezieht sich Waltz Analyse bezieht stets auf den internationalen Kon flikt. Aus diesem Grund beschränkt er sich in seiner Analyse auf das strukturelle Argument, ohne die Theorie zu einer echten Außenpolitiktheorie zu erweitern. Nichtsdestoweniger lassen sich seine Erkenntnisse in eine allgemeine Betrachtung des internationalen Systems integrieren. Obgleich Anarchie das internationale Sys tem charakterisiert, ist der akute Kriegszustand nicht die permanente Form zwi schenstaatlichen Verkehrs. Dies konnte auch und gerade im Kontext der Entwick lung des Anarchie-Hierarchie-Kontinuums aufgezeigt werden. Auch nicht auf Kon flikt hin ausgerichtetes Handeln lässt sich mit der Strukturtheorie von Waltz zu mindest dem Prinzip nach erklären. Denn letztlich ist es stets der potenzielle Kriegszustand, der als letztes handlungsleitendes Motiv eines jeden Staates zu se hen ist. Vor diesem Hintergrund ist also letztlich jedes staatliche Handeln zu ver stehen: 348 „W ar may result because state A has something that state B wants. The efficient cause o f the war is the desire o f state B; the permissive cause is the fact that there is nothing to prevent state B from undertaking the risks o f war. In a different circumstance, the interrelation o f efficient and permissive causes becomes still closer. State A may fear that if it does not cut state B down a peg now, it may be unable to do so ten years from now. State A becomes the aggressor in the present because it fears what state B may be able to do in the future. The efficient cause o f such a war is derived from the cause that we have labeled permissive.” (Waltz 1954: 235). Das Zusammenspiel der Images beziehungsweise der Perspektiven wird hier nochmals sehr deutlich: Die anarchische Struktur macht Krieg prinzipiell möglich und nötigt so jeden Staat nach seiner eigenen Sicherheit zu streben — und zwar vorbeugend. Dieser Aspekt jedoch hat erheblichen Konsequenzen, denn die Tatsa che, dass ein Staat vorbeugend und komparativ andere Staaten einschätzt, zeigt, dass es mit einem Verständnis allein der strukturinduzierten Konsequenzen allein nicht getan ist. Staaten nehmen als Akteure die Struktur und die Systemkonstellati on wahr. Der Perzeption folgt eine Interpretation, die wiederum auf der individuel len und kollektiven Sozialisation des Akteurs beruht. Diese nachzuzeichnen kann jedoch nur von konstruktivistischen, interpretativen und historisch-soziologischen Ansätzen geleistet werden. Dies wird umso klarer, wenn man bedenkt, dass es in einem Staatensystem, das aus solch hoch entwickelten und ausdifferenzierten Akt euren besteht, in der Regel um sehr komplexe erweiterte nationale Interessen geht, welche ihrerseits auf sehr komplexen staatlichen Bedürfnispyramiden basieren. 349 SYSTEM: Systembeschaffenheit Spezifisches (Kooperations-) Verhalten des Akteurs Strukturfaktoren des Systems (3rd Image) Anarchie Hierarchie Zwischenzustände ßMKS&rffr. fjnLvfjiStf/.QkikBktsji. F/zmduuia/tim, lejiJtosat&ittmiüuliiJitl Konkrete Interessenausprägung I N T E R E S S E Komplexes / \ T t Nationales [_____ \ Grundinteresse Konstellationsspezifisches Interesse Sicherheitsinteresse Struktur-Interpretation (P I) Konstell.-Interpretation (P li) I N T E R P R E T A T I O N t t t t Struktur- Selbst- Konstellations- Perzeption des Perzeption des Perzeption des P E R Z E P T I O N Akteurs Akteurs Akteurs PMi(}}.stsrJtdh}iüefisßtiaa.IRJllilttUa:aasatl Konstellationsfaktoren des Systems Verteilung und Beschaffenheit der Akteure im System zu bestimmtem historischem Zeitpunkt (P II: Agent-Systemkonstellation) Akteurfaktoren (lst/2nd Image) Materiell: Capabilities (input - output) Immateriell:Sozialisation (indiv vs koll; Grund vs. lfd.) Strukturell: innerer Staatsaufbau AKTEUR: Akteurbeschaffenheit Einfache Identität (like-unit) (P I) Komplexe Identität (differentiated unit) (Pli) I D E N T I T Ä T Ab bi ld un g 14 : D er Th eo rie ns at z de s In te rp re tat iv en Re ali sm us 6.2 Vom Theoretischen Erklärungsansatz zum Analyseansatz: Das SPICDA- Analyseschema Interpretativer Realismus steht somit für die Interpretation der objektiven Realität und deren Implikationen. Die für ein auf diesem theoretischen Erklärungsansatz basierendes Analyseschema sind somit vor allem die Aspekte der Perzeption, der Interpretation und der subjektiven (Re-)Konstruktion der objektiven Realität von Bedeutung. Wie sich im Rahmen der Theoriebildung zeigt hängen diese drei Pro zesse aufs Engste mit der Sozialisation des jeweils relevanten Akteurs zusammen, wobei Sozialisation grundlegende Prägungen wie auch laufende Erfahrungen bein haltet, die jeweils — vor allem, wenn von Individuen die Rede ist — mit bestehenden Persönlichkeitsstrukturmerkmalen, interagieren und somit nicht losgelöst vonei nander betrachtet werden können. Eine konkrete Entscheidung, welche als zwischenstaatliche Aktion auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen empirisch beobachtbar wird, lässt sich somit als Prozesskette begreifen, die in der Sozialisation ihre Grundlage und somit ihren Ausgangspunkt hat. Diese Prägung beeinflusst zunächst einmal die Perzeption der objektiven Realität, aber ebenso den Interpretationsprozess dieser Perzeption, die notwendigerweise stets schon selektiv ist, und führt somit zu einer höchst subjekti ven Rekonstruktion dessen, was als selektiver Teil einer objektiv bestehenden Reali tät in den kognitiven Prozess Eingang erhalten hat. Die so entstandene Konstrukti on stellt die maßgebliche Entscheidungsgrundlage dar, welche der hierfür zentrale Prozess der Interpretation lieferte. Ein weiterer der Interpretation inhärenter Prozess ist der des Abgleichs der poten ziellen Bedrohung des aktuell konstruierten nationalen Sicherheitsinteresses. Auf dieser Grundlage kommt es schließlich zur Entscheidung, welche in Handeln um gesetzt wird. Kurz gefasst lautet die Prozesskette somit Sozialisation-Perzeption- Interpretation-Konstruktion-Entscheidung-Handlung. Diese wird unter Rückgriff auf die englischen Begrifflichkeiten (Socialization-Perception-Interpretation- Construction-Decision-Action) zur SPICDA-Formel zusammengefasst. Diese SPICDA-Formel wird zum zentralen Bestandteil des auf dem Interpretativen Rea lismus beruhenden Analyseschemas, das im Kontext der Theoriefortbildung als mögliche Überführung der Theorie in den empirischen Kontext skizziert wird. 351 Die Entscheidungsprozessanalyse: Gesamtansaty^ Mit Blick auf eine empiriebezogene Anwendung des Interpretativen Realismus lässt sich somit grundsätzlich konstatieren, dass es die jeweilige inneren Handlungslogi ken der an der empirisch erkennbaren Entscheidung beteiligten Analyseebenen und Analyseeinheiten zu betrachten gilt. Die hierzu erforderlichen Argumente wurden in den vorangegangenen Kapiteln dargelegt. Zunächst lassen sich dabei die einzel nen Ebenen und Einheiten prinzipiell isoliert betrachten, jedoch zeigt sich während der Analyse gleichsam unwillkürlich, dass die Ebenen und Einheiten aufs Engste zusammenhängen. Um die getroffenen Entscheidung, die zur zwischenstaatlichen Handlung führt, nachzeichnen zu können, ist es somit erforderlich die theoretisch dargelegte innere Handlungslogik jeder Ebene und Einheit mit der empirischen Realität in Verbindung zu bringen und dabei letztlich die dem differenzierten Ak teur inhärente Interaktion herauszuarbeiten. Als Hilfsmittel kann eine Tabelle ge nutzt werden (Abbildung 15). Analyseebene / einheit Innere Handlungs logik SPICDA Zusammenwirken der Ebenen Individuum Gruppe Bürokratie Staats- und Gesell schaft: Struktur und Identität A bb ildung 15: E ntscheidungsprozessanalyse: Ü berb lick zum G esam tansatz Insgesamt ist es erforderlich, die einzelnen Elemente des Entscheidungsprozesses hinsichtlich der ihnen jeweils zugrundeliegenden Dynamiken zu analysieren. Dieser Schritt erfolgt auf Grundlage der sogenannten SPICDA-Formel. Schematisch ergibt sich somit folgende Vorgehensweise bei der Entscheidungsprozessanalyse. 1. Identifikation der relevanten Analyseebenen und Einheiten 2. Analyse derjeweiligen inneren Dandlungslogiken im konkreten Fall 3. Anwendung des SPICDA-Schemas a u f alle Analyseebenen beziehungsweise Analyseein heiten 4. Berücksichtigung des Zusammenwirkens derEbenen Die einzelnen Schritte werden im Folgenden näher ausgeführt. 352 Im ersten Schritt sind die für die Analyse des Entscheidungsprozesses relevanten Analyseebene und -einheiten zu identifizieren und insbesondere zu konkretisieren. Auf allgemeiner Ebene sind stets alle drei Images im Sinne von Kenneth Waltz zu berücksichtigen, also das Individuum, der Staat und das internationale System. Wie basierend auf der Auseinandersetzung mit dem Agent-Structure-Problem dargelegt lassen sich hierbei Individuum und Staat als Akteur und internationales System als Struktur nur zu analytischen Zwecken trennen, sind jedoch im Rahmen der Erklä rungsfindung stets als interagierende Einheit zu verstehen. Wie dargelegt lassen sich innerhalb des Akteurs Staat die Analyseebenen Individuum und Staat differenzie ren, welche aus analytischen Gesichtspunkten in die Analyseeinheiten Individuum, elitäre Kleingruppe, Entscheidungsbürokratie und sozio-politische Staatsidentität aufgeteilt werden. Bei der Betrachtung eines empirischen Sachverhaltes sind die genannten Analy seeinheiten mit den empirischen Entsprechungen auszufüllen. Hierzu ist das soziopolitische System des betrachteten Staates zu betrachten. Wer sind die entschei dungstragenden Individuen mit Blick auf die zu analysierende empirisch erkennbare zwischenstaatliche Handlung, wie ist die Struktur politikberatender Kleingruppen beschaffen, wo genau sind diese im entscheidungsspezifischen Kontext formal wie real angesiedelt und welches Verhältnis haben diese oder einzelne ihrer Mitglieder einerseits zu entscheidungsrelevanten Individuen und andererseits zur ebenfalls miteinzubeziehenden entscheidungserheblichen Bürokratie? Auch ist zu klären, welche Elemente der Bürokratie wie auf den Entscheidungsprozess Einfluss haben und welche inter-bürokratischen Rivalitäten möglicherweise systembedingt oder aufgrund persönlicher Faktoren beteiligter Individuen eine Rolle spielen. Dies zeigt nicht nur, welch große Rolle Relation und Interaktion zwischen den einzelnen Ana lyseeinheiten spielt, sondern auch und gerade, dass auch bei der Auseinanderset zung mit der nicht-individuellen Analyseebene des Staates stets auch die individu enspezifischen Logiken mit einzubeziehen sind, da ohne diese nur ein Teil der Ent scheidungsdynamik identifiziert werden kann. Schritt 1:Identifikation derrelevantenAnalyseebenen und Einheiten Schritt 2:A nalyse derjeweiligen inneren Aandlungslogiken im konkreten Fall Im zweiten Schritt sind diese den einzelnen Analyseeinheiten innewohnenden inne ren Handlungslogiken zu konkretisieren. Die folgenden Analyseeinheiten sind da bei, wie in den Ausführungen zu Schritt 1 bereits angedeutet, anhand spezifischer Leitgrößen näher zu bestimmen. Hinsichtlich der entscheidungstragenden Individuen gilt es letztlich ein psychohistorisch basiertes Psychogramm zu erstellen, welches Aspekte wie die Persönlich keitsstruktur im Sinne der oben dargestellten sogenannten Big 5 beinhaltet, aber ebenso signifikante prägende Erfahrungen, etwaige Persönlichkeitsstörungen wie 353 etwa Narzissmus oder Traumafolgestörungen und dergleichen aufgreift. Ferner ist es erforderlich, mögliche Implikationen physischer Erkrankungen zu berücksichti gen. Die so gewonnenen Erkenntnisse tragen dazu bei, die konkrete Auswirkung psychologischer Prozesse auf Perzeption, Interpretation und Wirklichkeitskon struktion zu erklären, welche sich wiederum in höchstem Maße entscheidungsrele vant auswirkt. Für die entscheidungsrelevante Erklärung sind die hier genannten Größen unter Berücksichtigung ihrer oben beschriebenen jeweiligen Funktionswei sen und Wirkungen bezogen auf das empirisch vorhandene zu untersuchende Ob jekt zu beziehen. Systemeinheit (Staat) Staatswesen Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Staatsverständnis: demokratisch, autokratisch etc. Regierungssystem: präsidentiell, parla mentarisch etc. Gesellschaftsausprägung: freiheitlich, autoritär Bürokratie Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Hierarchien Aufteilung der Geschäftsbereiche, Zu ständigkeiten Zugang zu Entscheidungselite Rivalität zwischen Zweigen und/oder Individuen Kleingruppe Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Zuständigkeiten Zugang zu Entscheidungselite Zentrale Individuen Rivalitäten Advocatus Diaboli Entscheidungs tragendes Indi viduum Individuum Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Persönlichkeitsstruktur: z.B. Big 5 Prägende Erfahrungen Persönlichkeitsstörungen: Narzissmus, Traumafolgen etc. Physische Erkrankungen A bb ildung 16: A nalyse der inneren E ntscheidungslogiken au f A kteur-Se ite Dies gilt analog für die ebenfalls noch zu betrachtenden Analyseeinheiten. Bei den beratenden Zirkeln sind die innerhalb von (Klein-) Gruppen wirkenden Logiken zu berücksichtigen. Diese sind in Verbindung mit Aspekten wie den konkreten Zu ständigkeiten des beratenden Zirkels zu setzen: Wer wird zu welchen Themen bera ten, wer kann auf die Gruppe Einfluss nehmen, welcher Führungsstil herrscht in nerhalb der Gruppe vor und welche Rolle spielt die zu beratende Position inner halb der Gruppe? Auch Aspekte wie der generelle Zugang zur Entscheidungselite, mögliche Rivalitäten in diesem Kontext und insbesondere auch das Verhältnis zu 354 anderen entscheidungsrelevanten Individuen wie auch das Verhältnis zu entschei dungserheblichen Teilen der relevanten Bürokratien sind in die Analyse mit einzu beziehen. Hinzu kommt die Bürokratie selbst als Analyseeinheit, wobei bestehende Hierarchien, Aufteilung der Geschäftsbereiche, spezifische oder überlappende Zu ständigkeiten und der Zugang zu Entscheidungseliten. Ferner ist auf Rivalität zwi schen Zweigen und/oder Individuen zu achten (Abbildung 16). Schritt 3:A nwendung des SPICDA-Schemas au f alleAnalyseebenen und -einheiten Hat man sich der jeweiligen inneren Entscheidungslogik und der funktionalen Zu sammenhänge zwischen den einzelnen Analyseeinheiten versichert, kommt es zur Anwendung der SPICDA-Formel auf alle Analyseeinheiten. Beim SPICDA- Analyseschema wird für jede Analyseeinheit eine auf den konkreten empirischen Entscheidungskotext bezogene Analyse der Analyseelemente Sozialisation (Socialis;ation), Perzeption (Perception), Interpretation (Interpretation) und Konstruktion (Construction) durchgeführt und die entsprechenden Einzelanalyseergebnisse in Ver bindung zueinander gesetzt, sodass die hieraus resultierende Entscheidung (Decision) und die entsprechend erfolgende Handlung (Action) erklärt werden können. In nerhalb der Analyse im Rahmen des SPICDA-Schemas lassen sich somit fünf ana lytische Teilschritte differenzieren. Teilschritt3 a:A nalyse derSoyialisation Der erste Teilschritt erklärt dabei, weshalb Perzeptionen, Interpretationen und Konstruktionen auf Seiten der einzelnen Analyseeinheiten auf die jeweils spezifi sche, empirisch erkennbare Weise entstehen. Im Rahmen grundlegender Prägungen ebenso wie auf laufenden Erfahrungen basierender Sozialisationsprozesse entsteht das für die jeweilige Einheit charakterisierende, vom konkreten Entscheidungsfall losgelöste Selbstverständnis. Die so entstehende Identität beeinflusst dabei die Selbstwahrnehmung wie auch die Wahrnehmung des signifikanten Anderen, der als Teil der Struktur zu verstehen ist und somit auch in die Strukturwahrnehmung ein geht. Der bei der Analyse durchzuführende Schritt ist somit eine Untersuchung der Sozialisationsgeschichte zur Feststellung der Auswirkung grundlegender Prägungen und laufender Sozialisation durch weitere signifikante Erfahrungen auf individueller und kollektiver Ebene, so wie es in den relevanten vorangegangenen Abschnitten aufgezeigt wurde. Darauf aufbauend können nun die drei relevanten und eng mit einander verschränkten Aspekte Perzeption, Interpretation und Konstruktion des Wirklichkeitsabbildes analysiert werden. 355 Teilschritt3 b:Analyse derPeryeption Die Analyse der Perzeption erklärt hierbei spezifische Wahrnehmung von Sys temstruktur und Systemkonstellation vor dem Hintergrund der Sozialisation (Ab bildung 17). Hierzu wird konkret der Abgleich mit den Strukturausprägungen im Anarchie-Hierarchie-Kontinuum (unter Berücksichtigung des spezifischen histo risch-geografischen Kontextes durch den jeweiligen Akteur untersucht. Konkret kann durch vorrangig quantitative Ansätze die Anzahl der Einheiten, deren Capabi lities sowie das Ausmaß relativer und absoluter Kooperationsgewinne analysiert werden, außerdem auf vorwiegend qualitativem Wege institutionelle Verbindungen, die Kongruenz bestehender Identitäten, aber auch Wesen und Grad der Instrumentalität, um etwa den Grad und damit die Güte der Internalisierung von Normen herauszuarbeiten. Analyseebene Analyseein heit Analyseansatz Analyseobjekt System Struktur Qualitativ Institutionelle Verbindungen Kongruenz der Identität Grad der Instrumentalität Quantitativ Anzahl der Einheiten Capabilities Relative und absolute Kooperationsge winne Konstellation Qualitativ Historische Beziehungen Kulturelle Kongruenz (Religion, Spra che etc.) Quantitativ Räumliche Nähe Capabilities A bb ildung 17: Struktur- und K onste llationsanalyse Diese Strukturanalyse, welche Rückschlüsse auf die Systemstrukturausprägung und die mit ihr einhergehenden Implikationen zulässt, wird ergänzt um eine synchrone Analyse der Systemkonstellation. Hierdurch werden die Aussagen zur Struktur prä zisiert, was eine genauere Beurteilung der Wahrnehmung der Situation durch den relevanten Akteur zulässt. Hierbei spielen qualitative Aspekte wie die Art und Wei se der historischen Beziehungen zum signifikanten Anderen eine Rolle, ebenso wie die genauen Inhalte der kulturellen Kongruenz, wie etwa Sprache, Religion, Ethnie sowie deren jeweilige Qualität. Hinzu kommen noch Aspekte wie etwa die geogra- 356 phische Distanz zum signifikanten Anderen sowie die konkrete Ausgestaltung sei ner Capabilities. Teilschritt3 c.A nalyse derlnterpretation Die Ergebnisse der synchronen Analyse von Systemstrukturausprägung und Sys temkonstellation stellen die Interpretationsgrundlage der Situation dar. Der Prozess der Interpretation selbst ist als Abgleich der Wahrnehmung mit dem Komplexen Nationalen Sicherheitsinteresse zu verstehen. Mit anderen Worten erfolgt in diesem Schritt eine Untersuchung des Abgleichs mit staatlicher Bedürfnispyramide des Na tionalen Sicherheitsinteresses durch den jeweiligen entscheidungserheblichen Ak teur. Je nachdem welcher Ebene der Bedürfnishierarchie bereits erfüllt ist, wird das Verständnis des nationalen Sicherheitsinteresses im Kontext der spezifischen Perzeption von Systemstruktur und Systemkonstellation unterschiedlich beein flusst. Sind die Grundbedürfnisse des Staates gesichert, die als territoriales Überle ben verstanden werden können, bei dem es letztlich um den Bestand von Staats volk, Staatsgebiet und Staatsgewalt geht und somit vor allem das nationale Interesse beziehungsweise die nationale Sicherheit im klassischen Verständnis betroffen ist, aber ebenso die Regime-Sicherheit, dann erscheinen nun auch die übergeordneten Bedürfnisse als Teil des zu schützenden nationalen Sicherheitsinteresses (Abbil dung 18). Dies sind beim Staat Autonomie und Autarkie, also letztlich die Fähigkeit ohne Einfluss oder Wohlwollen von dritter Seite eine eigene politisch-administrative Ordnung zu gestalten, bei welche eine eigenständige Regierung existiert, welche das Gewaltmonopol nach Innen und Außen innehat und innerhalb der prinzipiell un abhängige politische, administrative und ökonomische Institutionen existieren. Ne ben der bloßen, möglicherweise nur nominellen Existenz ist auf dieser Ebene die staatliche Souveränität das zu verteidigende Gut. Ist diese Ebene ebenfalls gewährleistet tritt zu den Grundbedürfnissen sowie den persönlichen Sicherheitsbedürfnissen im Maslowschen Sinne nun das Bedürfnis nach Geborgenheit hinzu. Im staatlichen Kontext wird diese der Existenz und Souveränität nachgelagerte Stufe als Sicherstellung der materiellen Sicherheit des Staates verstanden. Die Geborgenheit der Gesellschaft wird durch die Wahrung eines spezifischen Lebensstandards gesichert, der Fokus rückt von der Sicherheit des Regimes immer weiter durch gesellschaftlichen und ökonomischen Sicherheit. Neben dem Dasein und der Sicherung der politisch-administrativen Ordnung geht es nun auch um die Sicherung der ökonomischen Ordnung mit ihren Aspekten wie Volkseinkommen, Wirtschaftswachstum oder Streben nach Vollbeschäftigung. Sind diese drei Bedürfnisebenen im Prinzip erfüllt, so rücken auch nicht-materielle Aspekte zusehends in sicherheitsspezifischen Fokus. 357 Bedürf nisebene Sicherheits bedürfnis Entsprechung Maslow Staatliches Attribut Konkre tes Ob jekt Bereiche Operationali sierung 4 Identität, Ideationales Selbstver ständnis Bedürfnis nach Selbstverwirkli chung Gesellschaft liche Entfal tung Soziale Ordnung Sozietal Human Zivilisato risch Nationale Werte, Way of Life Religiöses, kultu relles, histori sches, soziales Selbstverständ nis (z.B. Sozialstaat, Umweltschutz) 3 Materieller Wohlstand Bedürfnis nach Geborgenheit Lebensstan dard Ökonomi sche Ord nung Sozietal Ökono misch Volkseinkom men Wirtschafts wachstum Vollbeschäfti gung 2 Autonomie und Autarkie Persönliche Sicherheits bedürfnisse Souveränität Politischadminist rative Ordnung Regime Ökono misch Eigene Regie rung, Gewaltmonopol nach Innen und Außen, Eigene Politi sche und öko nomische Insti tutionen 1 Territoriales Überleben Persönliche Grundbedürf nisse Existenz Dasein National, Regime Bestand von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt A bb ildung 18: Bedürfn isebenen des K om plexen N ationalen Sicherheitsinteresses: G egenstand und O perationalisierung Dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entspricht auf staatlicher Ebene die ge sellschaftliche Entfaltung entsprechend ihrem ideationalen beziehungsweise identitären Selbstverständnis. Zu verteidigen gilt es nunmehr auch und gerade den eige nen W ay of Life, der sich in einem spezifischen religiösen, kulturellen, sozialen und historischen Selbstverständnis äußert. Werte wie Gerechtigkeit, welche etwa im So zialstaat oder der Asylgesetzgebung ihren normativen Ausdruck finden, werden nun versicherheitlicht. Zu diesen spezifisch gesellschaftsbezogenen Werten treten nun aber auch noch trans-sozietale Werte wie globaler Umweltschutz oder der in ternationale Kampf gegen Krankheit oder Hunger hinzu, der zwar dem eigenen gesellschaftlichen Selbstverständnis entspricht, aber über die eigene Gesellschaft hinaus Wirkung entfaltet. Zur sozietalen Sicherheit tritt nun auch noch die Kom ponente der humanen wie auch der zivilisatorischen Sicherheit hinzu. 358 Auf den so gewonnenen Erkenntnissen zur Interpretation erfolgt nun die Analyse der resultierenden Rekonstruktion der empirischen Wirklichkeit durch den Akteur. Somit gilt es die Zusammenführung der Ergebnisse der Analyse der Abgleiche von Perzeption und Interpretation zu untersuchen, um so zur Manifestation der spezifi schen Interpretation als Entscheidungsgrundlage der jeweiligen Ebene / Einheit zu gelangen. Hierbei ist die Relation zwischen den einzelnen Analyseebenen beziehungsweise Analyseeinheiten einzubeziehen. Auf diese Weise zeigen sich die Effekte von Ge nese, Wandel und Kontinuität im historischen Verhältnis zwischen dem jeweiligen Selbst und dem jeweiligen signifikanten Anderen sowie der Anderen untereinander bezüglich der jeweiligen Bedeutung für den Entscheidungsprozess. Teilschritt3 d: Analyse derKonstruktion Schritte 4 und 5: Erklärung von Entscheidung und Handlung Auf dieser Grundlage können nun die Einzelentscheidungsansätze zusammenge führt und in die Gesamtentscheidungslogik des zu analysierenden Staates einge bunden werden. Durch diesen Schritt lässt sich zusammenfassend eine erklärende Beschreibung der empirisch erkennbaren Handlung geben (Abbildung 21) 359 A spekt des SPICDA- Schem as E rk lärung Prozess S o z ia l i s a t i o n ( S o c i a iz a t i o n ) Erklärt, weshalb Perzeption, Inter pretation und Konstruktion auf bestimmte W eise entstehen => erklärt somit allgemeine, vom kon kreten Entscheidungsfall losgelös tes Selbstverständnis / Interesse (Identität) Schritt 1: Untersuchung der Sozialisationsge schichte zur Feststellung der Auswir kung grundlegender Prägungen und laufender Sozialisation durch weitere signifikante Erfahrungen auf indivi dueller und kollektiver Ebene P e r z e p t i o n ( P e r c e p t i o n ) Erklärt spezifische Wahrnehmung von Systemstruktur und System konstellation vor dem Hintergrund der Sozialisation. Schritt 2 Untersuchung des Abgleichs mit Strukturausprägungen im A-H-Kontinuum unter Berücksichti gung des spezifischen historisch geografischen Kontextes durch den jeweiligen Akteur I n t e r p r e t a t i o n ( I n t e r p r e t a t i o n ) Spezifische Interpretation von Sys temstruktur und Systemkonstellati on durch Abgleich m it erweitertem nationalen Sicherheitsinteresse vor dem Hintergrund von Perzeption und Sozialisation. Schritt 3: Untersuchung des Abgleichs mit staatlicher Bedürfnispyramide des Nationalen Sicherheitsinteresses durch den jeweiligen Akteur K o n s t r u k t io n ( C o n s t r u c t i o n ) M anifestation der spezifischen In terpretation als Entscheidungs grundlage der jeweiligen Ebene / Einheit Schritt 4: Untersuchung der Zusammenführung der Ergebnisse der Analyse der Ab gleiche von Perzeption und Interpre tation E n t s c h e i d u n g ( D e c i s i o n ) Staatssysteminhärentes Zusammen führen der Einzelentscheidungsan sätze Schritt 5 Untersuchung der sich aus Gesam tentscheidungslogik des zu analysie renden Staates ergebenden wirksamen Entscheidung H a n d lu n g (A ct io n ) Tatsächliche Durchführung der empirisch erkennbaren zwischen staatlichen Handlung durch den Staat Schritt 6 Erklärende Beschreibung der empi risch erkennbaren Handlung A bb ildung 21: D ie Schritte des SPIC D A -A nalyseschem as 360 Abschließend liefert die nachfolgende Abbildung (Abbildung 22) einen zusammen fassenden Überblick über Analyseebene und zugehörige Analyseeinheiten, den an zuwendenden Analyseansatz und die jeweiligen konkreten Analyseobjekte, so wie sie in diesem Abschnitt als Elemente eines Analyseschemas beschrieben wurden. Analyseebene Analyseein heit Analyseansatz Analyseobjekt System Struktur Qualitativ Institutionelle Verbindungen Kongruenz der Identität Grad der Instrumentalität Quantitativ Anzahl der Einheiten Capabilities Relative und absolute Kooperationsge winne Konstellation Qualitativ Historische Beziehungen Kulturelle Kongruenz (Religion, Spra che etc.) Quantitativ Räumliche Nähe Capabilities Systemeinheit (Staat) Staatswesen Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Staatsverständnis: demokratisch, autokratisch etc. Regierungssystem: präsidentiell, parla mentarisch etc. Gesellschaftsausprägung: freiheitlich, autoritär Bürokratie Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Hierarchien Aufteilung der Geschäftsbereiche, Zu ständigkeiten Zugang zu Entscheidungselite Kleingruppe Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Groupthink-Phänomene, gruppendy namische Prozesse Entscheidungs tragendes Indi viduum Individuum Qualitativ, ggf. er gänzend quantitativ Persönlichkeitsstruktur: z.B. Big 5 Prägende Erfahrungen Persönlichkeitsstörungen: Narzissmus, Traumafolgen etc. Physische Erkrankungen Relation zwi schen den Ebenen / Ein heiten Qualitativ, Histo risch-relational Genese, Wandel und Kontinuität im historischen Verhältnis zwischen jewei ligem Selbst und jeweiligem Anderen sowie der Anderen untereinander Abbildung 22: Operationalisierungsansätze 361 Hierbei soll das auf Grundlage des Interpretativen Realismus entwickelte Analyse schema nicht der Endpunkt einer Entwicklung hin zu einer paradigmen- und disziplinübergreifenden Analyse sein, sondern vielmehr als Ausgangspunkt für eine durch den empirischen Einsatz weiterführende Modellentwicklung dienen. Der Interpretative Realismus als theoretischer Erklärungsansatz sowie das hieraus abgelei tete SPICDA-Analyseschema sollten hierfür eine kohärente Grundlage darstellen. 362

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Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.