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5. Das Komplexe Nationale Sicherheitsinteresse: Die Motivation der Zwischenstaatlichen Entscheidung in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 305 - 334

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-305

Tectum, Baden-Baden
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5. Das Komplexe Nationale Sicherheitsinteresse: Die Motivation der Zwischenstaatlichen Entscheidung 5.1 Nationales Interesse und Nationale Sicherheit »U Jfw e cannotnam e security, how can we everhope to achieve i t? “ (Booth 2007: 99) “Today foreign ministers, military strategists and academicians discuss the vital interests o f their countries in ways suggesting that everyone understandspreäsey what they mean and w ill draw correct in ferencesfrom their use o f the term. Nothing could b e fu rth erfrom reality. In truth, the study o f internationalpolitics as w ell as the art o f diplomacy su jfer from widespread ambiguity about the meaning o f national interest.” (David Nuechterlein 1976: 246) „[E s liegt] in der N atur der Sache, daß sich die meisten Untersuchungen über Politik a u f das nationale Interesse beziehen. A llerdings w ird dieses Interesse meistens gefordert oder a ls gegeben akzeptiert, anstatt daß man es tat sächlich analysiert.“ ( J o s e p h Frankel 1971: 51) “[T]he con cep to fna tiona l interest still ha su tility .” (Koskin 1994: 1) “I t is almost no longer controversial to say that traditional conceptions o f security were (and in many m inds still are) too narrowy founded. That: advance does not, however, mean that a consensus exists on what a more broadly constructed conception should look like.” (Barry Bu^an 1991: 14) „W e remain reluctant in this community to accept a broader definition o f national security even when th efa cts cry ou tfo rsu ch a definition.“ (Atwood 1995) „One cannotuse the designation ofsecurity a sa n essentially contested concep tas an ex cu se fo rn o tfo rm u la tin gon e’s own conception ofsecurity as clearly andpreäsely aspossible. “ (Baldwin 1997: 12) „Security, fo r su re , is a simple concept, n o td ifß cu ltto define, but how it is conceptuali^ed and operationalised [ . . . ] is n o t .” (Ken Booth 2007: 101) Das Überleben des eigenen Staates gilt in der orthodoxen Sicht der Internationalen Beziehungen als zentrales Ziel zwischenstaatlichen Handelns. Es wird mit nationa ler Sicherheit gleichgesetzt und stellt somit das Kernstück des nationalen Interesses dar. Kenneth Waltz gilt als einer derVertreter dieser Sichtweise. Als Ration-Choice- Theoretiker hat er diese Logik, wie oben dargelegt, in den Zusammenhang der Spieltheorie gebracht. Allerdings zeigte sich auch ihm bei näherer Betrachtung ein Problem: „If there is an advantage in forming coalitions, then logically the players will pursue the advantage until all o f them are divided into two blocs. Yet the game o f power politics does not often eventuate in two blocs unalterably opposed and using whatever means come to hand in order to weaken each other. This is explained still in terms o f game theory, by the fact that all states are playing more than one game. The aim o f every game is ‘a set o f rules for each participant which tell him how to behave in every situation which may conceivably arise.’ But no set o f rules can specify how important the game should be considered! If, for example, survival were the only goal o f the United States it would be irrational for us to neglect any means o f strengthening our- 305 selves vis-a-vis possible attackers. I f adopting a Spartan regimen would make us stronger, then clearly we should adopt it. However, at the same time that we play the game o f power politics, a game that we are forced to play so long as survival remains a goal, we pursue a number o f other goals — in a sense we play other games — such as the maximization o f economic welfare or, in the most general terms, the maintenance o f a way o f life.” Er stellt dar, dass die Annahme, dass es bei der Bewertung von nationaler Sicher heit und somit von nationalem Interesse um mehr geht, als das den reinen existen ziellen Erhalt des Staates. Doch wenn das nationale Interesse beziehungsweise die nationale Sicherheit komplexe gestaltet ist, dann ist es erforderlich, die Komplexität auch konzeptuell einzufangen. Das heißt einerseits die beiden Termini nationales Interesse beziehungsweise nationale Sicherheit klar zu differenzieren und zugleich den Zusammenhang zwischen den beiden Größen aufzuzeigen. Andererseits be deutet es vor allem die Größe der nationalen Sicherheit näher zu bestimmen und zu erklären, was wann weshalb als Bestandteil der nationalen Sicherheitserwägungen eines Staates gilt. Im Viktorianischen Zeitalter verkündete der britische Politiker, Premierminister und Dritte Viscount Palmerston, dass Großbritannien weder ewige Verbündete noch ewige Feinde habe. Lediglich die Interessen des Landes seien ewig, und die sen zu entsprechen sei unumgänglich.47 Ein Jahrhundert später wies der französi sche Staatschef Charles de Gaulle in ähnlicher Form Clementine Churchill darauf hin, nachdem sie ihn ermahnt hatte, er solle seine Freunde nicht mehr hassen als seine Feinde, dass Frankreich keine Freunde habe, sondern ausschließlich Interes sen. Natürlich werden Politikerworte nicht selten von einem überhöhten Pathos getragen, vor allem wenn es um Staat und Nation geht, aber leider bleibt regelmä ßig unklar, was mit dem für das staatliche Selbstverständnis so zentralen nationalen Interesse konkret gemeint ist. Folgt man den Aussagen der beiden zitierten Staats männer, so wird zumindest aber deutlich, dass eine wesentliche Größe in engem Zusammenhang mit dem Begriff des nationalen Interesses steht, welche auch in der vorliegenden Arbeit von zentraler Bedeutung ist: die zwischenstaatliche Kooperati on. Dieser Aspekt ist sowohl in theoretischer wie praktischer Hinsicht von Rele vanz. Auf theoretischer Ebene steht er in engem Zusammenhang mit dem Anarchie-Hierarchie-Verhältnis, also dem dritten Basisproblem der IB-Lehre, und in praktischer Hinsicht ergibt sich genau vor dem Hintergrund jenes theoretischen Kontextes die Möglichkeit, regionale Systeme wie etwa das der Europäischen Uni on auf ihre Struktur hin zu überprüfen. Was Kooperationen auf zwischenstaatlicher Ebene anbelangt, so sind, folgt man etwa Palmerston, lediglich die Interessen ewig, Verbündete und Feinde indes seien austauschbar. Doch weshalb sollten diese ge ändert werden, weshalb sollte man sich neue Verbündete suchen? Kann dies nicht gerade auch an gewandelten Interessen liegen, an einer sich entwickelnden Abwei chung einer einstigen Interessenkongruenz? Woher aber sollte eine solche rühren? Speech to the House o f Commons (1 March 1948). Hansard’s Parliamentary Debates. 3rd Series. Vol. 97. Col. 122. 306 Sind Interessen etwa doch nicht von solch unendlicher Dauer wie suggeriert? Oder gilt es, das nationale Interesse nicht länger als unitarische Größe aufzufassen, son dern es vielmehr zu differenzieren? Doch wie sollte dies geschehen? Wie lässt sich das nationale Interesse konzeptionell operationalisieren und für die theoriegeleitete Analyse staatlichen Handelns im internationalen System nutzbar machen? Der Umstand, dass diese Fragen in der Forschung bislang weitestgehend unbeant wortet geblieben sind, mag seltsam anmuten angesichts der Selbstverständlichkeit und Häufigkeit mit welcher dieser Begriff zur Anwendung kommt. Und doch man gelt es eklatant an Versuchen, das nationale Interesse konzeptionell umfassend zu beschreiben. Die Brookings Institution, ein konservativ geprägter, amerikanischer Think Tank, definierte das nationale Interesse in der Mitte des 20. Jahrhunderts als das allgemeine und fortwährende Ziel, für das die Nation handelt (Brookings Insti tution 1955: 373 ff.). Eine nähere Spezifikation findet sich in diesem Zusammen hang nicht. Doch auch aktuelle Definitionen lassen an Aussagekraft vermissen. So erklärt etwa Jack Donelly (2008: 156) im Oxford Handbook o f International Kelations, dass das nationale Interesse „is what the term manifestly indicates — namely, those interests/values that are held by the nation“. Auch diese Definition erweist sich trotz ihrer Erweiterung um den Wertgedanken aufgrund ihrer letztlich doch er kennbaren Tautologie nicht als sonderlich hilfreich. Somit hat Joseph Frankel (1971: 24) vollkommen Recht, wenn er auf die Paradoxie verweist, dass das natio nale Interesse einerseits „die umfassendste Beschreibung des gesamten Wertkom plexes der Außenpolitik“ darstelle, ihr Gegenstand andererseits jedoch zugleich „außergewöhnlich unklar“ sei. So wird dem Terminus des nationalen Interesses in der Tat eine Vielzahl von Begriffsinhalten zugeschrieben, auch wird er in einer gan zen Reihe verschiedenartiger Kontexte verwendet. Somit ist die Aussagekraft nicht nur äußerst vage, sondern dadurch auch missverständlich, zumal nicht einmal Ei nigkeit darüber besteht, ob das nationale Interesse von Ort, Zeit und Umständen abhängt oder grundsätzlich losgelöst von derartigen intervenierenden Variablen ist. Erschwert wird eine klare Eingrenzung zudem dadurch, dass sich der Begriff so wohl auf die Nation als gesellschaftliche Einheit als auch auf den Staat als politische Organisation jener Gemeinschaft beziehen kann (Frankel 1971: 11; Woyke 1992: 589 f.). Allerdings ist auch dabei umstritten, ob der Staat als nach außen abge schlossene und in sich differenzierte Einheit mit klar getrennten innen- und außen politischen Sphären vorgestellt werden soll (Evans/Newnham 1998: 345; Woyke 1992: 590). Häufig lässt sich zudem eine normativ-legitimatorische Funktion des nationalen Interesses ausmachen, die nicht zuletzt die Kohäsion der Nation stärken soll. Frankel (1971) zufolge werde das nationale Interesse von den jeweils Herr schenden bestimmt, um die Gesellschaft im Innern zu integrieren. Rosenau wie auch Woyke gehen in diesem Zusammenhang sogar soweit, zu behaupten, dass es in der aktiven Politik dazu diene, politische Verhaltensweisen zu rechtfertigen, zu verurteilen oder anzubieten (Rosenau 1968; Woyke 1992: 590). Interessant ist in diesem Kontext vor allem die intentional-instrumentelle Auffassung des nationalen Interesses, welche die so oft behauptete Ewigkeit und Objektivität jener Größe in 307 Frage stellt. Woyke spricht diesen Punkt sehr deutlich an, wenn er schreibt, dass das nationale Interesse keine objektive Größe sei, die sich beobachten oder messen lasse (Woyke 1992: 590). Vielmehr könne es nur ein subjektivistisches Konzept sein, wobei das nationale Interesse als ein sich „ständig ändernde[r], pluralistische[r] Katalog von subjektiven Wünschen“ zu verstehen sei (Frankel 1997: 13). In eine ähnliche Richtung, jedoch präzisierend, argumentiert David Neuchterlein (1976: 247), indem er behauptet, dass „[i]n its simplest form, the national interest is the perceived needs and desires o f one sovereign state in relation to other sovereign states comprising the external environment“. Die Idee der Subjektivität des nationalen Interesses wird da hingehend präzisiert, dass ihr Ursprung im wahrgenommenen Verhältnis von Selbst und Anderem steht, um etwa auf die Terminologie Alexander Wendts zu rückzugreifen. Noch weiter gehen Evans und Newnham (1998: 345), welche die innenpolitische Komponente noch mit einbeziehen und unter dem nationalen Inte resse “a diverse, pluralistic set o f subjective preferences that change periodically, both in response to the domestic political process itself and in response to shifts in the international environment” verstehen. Hierbei schließen sie allerdings wieder, dass das nationale Interesse wieder nur instrumentell zu sehen sei. Angesichts die ses immer wieder geäußerten Gedankens stellt sich die Frage, ob es tatsächlich zu trifft, dass das nationale Interesse vorrangig als Vorwand für partikulare Interessen dient, also bewusst entsprechend konstruiert wird, oder ob sich nicht (auch) ein nationales Interesse ausmachen lässt, welches sich notwendigerweise aus dem Zu sammenspiel objektiver Aspekte, wie etwa grundlegenden Strukturfaktoren oder spezifischen Konstellationen des internationalen Systems, ergibt? Diese Frage ist insofern von Relevanz, da neben der erwähnten Ansicht, dass das nationale Inte resse als Deckmantel zur Legitimation partikularer Interessen innerhalb des Staates dient, ebenso die Annahme vertreten wird, dass Staaten in ihrer Gesamtheit als „inherently self-interested or egoistic“ (Wendt 2004 [1999]: 239) beziehungsweise „intrinsically, self-regarding‘“ (Waltz 1979: 91) zu betrachten seien, weshalb das nationale Interesse letztlich als Synonym for „national egoism“ (Sondermann 1977: 123) aufzufassen sei. George und Keohane (1980) kommen in diesem Zusammen hang ebenfalls zum Schluss, dass das staatliche Eigeninteresse den Kern des natio nalen Interesses darstelle. Doch auch diese Erkenntnis hilft nur begrenzt weiter, erhebt sich doch die Frage, was den wiederum das staatliche Eigeninteresse ist. Nichtsdestotrotz ist die sich in diesem Zusammenhang ergebende weiterführende Frage Alexander Wendts (2004 [1999]: 239) von Bedeutung, welche darauf gerich tet ist, ob Staaten grundsätzlich über Eigeninteressen verfügen (können): „|T]he question is not whether states are self-interested sometimes, or even most o f the time, but whether they are by nature. A metaphysical question perhaps, but all theories o f international poli tics contain answers to it that affect their choice o f methods and substantive conclusions. If states are self-interested by nature, then we can take self-interest as given and use rationalist theory to analyze its behavioral implications. I f they are "Realists" only contingently, by nurture, however, then investigating the processes by which state interests are formed becomes a high priority-” 308 Die hier gestellte Frage nach der Objektivität beziehungsweise Subjektivität des nationalen Interesses ist wesentlich, jedoch letztlich falsch gestellt. Gerade die ihr innewohnende Dichotomie von gegebenem und erworbenem Eigeninteresse er scheint für eine adäquate Abbildung der Realität als problematisch. Denn folgt man dieser Logik, so erfasst man stets nur einen Aspekt der Herausbildung des nationa len Interesses. Nimmt man an, dass ein naturgegebenes, gleichsam objektives nati onales (Eigen-)Interesse besteht, so wird die Möglichkeit einer situationsspezifi schen Ausprägung des nationalen Interesses grundsätzlich ausgeschlossen. Geht man indes von einem grundsätzlich erworbenen nationalen Eigeninteresse der Staa ten aus, dann wäre das nationale Interesse als subjektive, völlig beliebige und jeder zeit in jede Form konstruierbare Größe anzusehen. Mit Blick auf das nationale In teresse ergibt sich also eine doppelte Herausforderung. Erstens: Wie lässt sich das nationale Interesse konzeptionell fassen, das heißt anhand welcher Faktoren lässt es sich operationalisieren? Und zweitens: Lässt sich das nationale Interesse objektiv oder subjektiv begreifen? Bezüglich des zweiten Problems, sollte die Frage, wie oben schon angeklungen, umformuliert werden: Statt zu fragen, ob das nationale Interesse objektiv oder subjektiv sei, erscheint es als zielführender, die Frage zu stellen, welche Komponente des nationalen Interesses gleichsam naturgegeben be ziehungsweise (eher) objektiv ist und wo situationsspezifische Aspekte Berücksich tigung finden müssen, also eine (eher) subjektive Interessenkomponente vorliegt. Im SPICDA-Modell des interpretativen Realismus wird daher von einer Aufspal tung des nationalen Interesses in ein gleichsam naturgegebenes Grundinteresse und eine situative konkrete Interessenausprägung ausgegangen. Während sich das Grundinteresse aus der Strukturperzeption beziehungsweise -interpretation ergibt, leitet sich die konkrete Interessenausprägung aus Perzeption und Interpretation der Konstellation ab. Das vom Realismus angenommene, aus der anarchischen Bedin gung des zwischenstaatlichen Systems erwachsende nationale Ziel unbedingten Überlebens wird auf diese Weise ebenso abgebildet wie das, was in einer bestimm ten historischen Situation von einem Akteur mit einer ganz spezifischen Sozialisati onsgeschichte, als überlebensrelevant erachtet wird. Hierbei wird der Begriff des staatlichen Überlebens weit gefasst. Es geht stets um die Sicherheit des Staates, so dass das nationale Interesse eines Staates stets als dessen Sicherheitsinteresse zu verstehen ist. Das Grundinteresse besteht immer darin, die Sicherheit des Staates unter den jeweils gegebenen Strukturausprägungen des internationalen Systems zu gewährleisten, was regelmäßig die unbedingte Sorge um die physische Existenz be inhaltet. Hierbei wird dem Denkansatz des Realismus gefolgt. Was als Ergebnis einer konkreten Bedrohungsperzeption im Einzelfall als sicherheitsrelevant perzipiert wird und weshalb, zeigt sich anhand der konkreten Interessenausprägung. Dieser doppelte Ansatz ist aber auch in anderer Hinsicht sehr hilfreich. So ist es etwa möglich, wie oben bereits kurz erwähnt, anhand der Deutung des Kooperati onsverhaltens eines Staates vor dem Hintergrund eines auf die beschriebene Weise erweiterten nationalen Sicherheitsinteresses Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des internationalen Systems beziehungsweise eines seiner Subsysteme zu ziehen. 309 Für die Betrachtung der Akteure eines regionalen Subsystems wie der Europäi schen Union lässt sich somit überprüfen, ob der gemeinsame europäische Kontext nach wie vor als anarchisch wahrgenommen wird oder aber als vorangeschrittene Sicherheitsgemeinschaft. Bei Betrachtungen längerer Zeiträume lässt sich auch eine diesbezügliche Entwicklung des Wandels von Anarchie beziehungsweise Anarchie arten aufzeigen. Ein solches Vorgehen ermöglicht es, Rückschlüsse über den Zu stand und mögliche Tendenzen künftiger Entwicklungen eines Konstrukts wie der EU in Richtung Beibehaltung der intergouvernementalen Grundstruktur oder Entwicklung im Sinne einer Supranationalisierung zu tätigen. Doch auch wenn hier grob angedeutet werden konnte, dass das nationale Interesse für spezifisches außenpolitisches Handeln, wie etwa das Kooperationsverhalten eines Staates, von Bedeutung ist und die (als doppelt vorgestellte) staatliche Identi tät durch ihren Einfluss auf Perzeption und Interpretation einen Einfluss auf die Herausbildung der konkreten Interessenausbildung hat, ist an dieser Stelle noch immer die grundlegende Frage offen, was unter dem Begriff des nationalen Interes ses konkret zu verstehen ist. Da, wie bereits angedeutet, ein enger Zusammenhang zwischen nationalem Interesse und der Sicherheit des sie repräsentierenden Staates angenommen wird, ist es erforderlich, beide Begriffe näher zu bestimmen und ins besondere ihr Verhältnis zueinander zu klären. Daher ist es erforderlich, das Kon zept des nationalen Interesses näher auszuführen und mit dem Begriff der ebenfalls näher zu bestimmenden nationalen Sicherheit in Verbindung zu bringen. A uf diese Weise soll das Gesamtkonzept des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses entwickelt werden, das bestehende Überlegungen zu nationalem Interesse bezie hungsweise Sicherheit dem Prinzip des analytischen Eklektizismus folgend aufgreift und zugleich die in den vorangegangenen Kapiteln gewonnenen Erkenntnisse be rücksichtigt und beides aufeinander abstimmt. Die analytisch eklektische Auswahl bezieht sich dabei sowohl auf unterschiedliche Theorieansätze der Internationalen Beziehungen als auch der Internationalen Sicherheitsstudien. Eine nähere Bestim mung des nationalen Interesses ist alleine schon aufgrund der großen Bedeutung wichtig, welche dieser Größe im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik zuge schrieben wird: National interest lies at the very heart o f the military and diplomatic professions and leads to the formulation o f a national strategy and o f the calculation o f the power necessary to support that strategy. (Roskin 1994: 1). Vor diesem Hintergrund erweist sich die oft vorhandene, jedoch fälschliche An nahme, das nationale Interesse sei „crisp, clear, objective: what's good for the nati on as a whole in international affairs“ (Roskin 1994: 1), als fatal. Frankel (1971: 15) etwa verweist auf ständig wiederkehrende Fehler bei der Handhabung der Außen politik, welche gemacht würden, weil das nationale Interesse, das in einem spezifi schen Zusammenhang formuliert worden ist, unreflektiert auf andere Kontexte übertragen werde. Nicht zuletzt vor Hintergründen wie diesen müsse eine Konzep tion des nationalen Interesses entwickelt werden, welche die Defizite der bisherigen 310 Ansätze und die daraus für die internationalen Akteure erwachsenden Unsicher heitsfaktoren, wie „verschwommene Intentionen und Mangel an eindeutigen Prio ritäten“, „lückenhaftes Wissen um die internationalen Zusammenhänge“ und schließlich „Unsicherheit gegenüber dem Verhalten anderer Staaten und gegenüber der internationalen Entwicklung“ in den Griff zu bekommen in der Lage ist (Fran kel 1971: 15). Dabei verweist Frankel allerdings auf die Schwierigkeit, ein wie auch immer geartetes nationales Interesse mit konkreten zwischenstaatlichen Entschei dungen in Zusammenhang zu setzen, da eine tiefe Kluft zwischen solch ver schwommenen allgemeinen Werten wie Souveränität, Unabhängigkeit oder Freiheit und einer konkreten politischen Zielsetzung bestehe. Empirisch erfahrbare, kon krete Außenpolitik stellt für Frankel (1971: 20) nichts Anderes dar als „eine Reakti on; man folgt den wirklichen oder auch nur in der Einbildung existierenden Reizen der Umwelt; viel seltener kommt es vor, daß in der Außenpolitik aktiv Ziele ver folgt werden, die auf gesicherten Werten beruhen.“ An dieser Stelle gilt es zunächst einmal zu hinterfragen, ob die von Frankel aufge stellt Behauptung als sinnvoll erscheint. Denn fraglos ist außenpolitisches Handeln wie jegliches anderes Handeln auch reaktiv. Kein Individuum und kein Staat agie ren in einem leeren Raum ohne Vorgeschichte. In jede Handlung, welche zu einem Zeitpunkt x stattfindet, fließen zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Grad die grundlegenden und aktuellen Sozialisationserfahrungen des Individuums oder Kol lektivs mit ein, auf deren Grundlage dann eine spezifische Interpretation der Wahr nehmungen durch den Akteur erfolgt. Die Aktion des Akteurs berücksichtigt dabei die aktuelle Konstellation und versucht vor diesem Hintergrund, das nationale Inte resse bestmöglich sicher zu stellen. Durch seine reaktive Handlungsweise, welche jedoch keinesfalls beliebig, sondern im Gegenteil, gleichermaßen gerichtet wie komplex ist, wirkt der Akteur auf das System ein, indem er die Konstellation ver ändert und sei dies noch so marginal. Somit stellt jede Reaktion zugleich eine Akti on dar. Zwar stellt Frankel zutreffend fest, dass hierbei die Wahrnehmung externer Reize eine zentrale Rolle spielt, er versäumt es jedoch, die Reaktion auf diese Reize mit den bisherigen Sozialisationserfahrungen in Verbindung zu setzen. Diese je doch sind ausschlaggebend für die Interpretation der Wahrnehmung. Da die Sozia lisationserfahrungen auch das Werteverständnis eines Akteurs beeinflussen, erfolgt die Interpretation der wahrgenommenen Information notwendigerweise auch vor dem Hintergrund bestimmter Werte. Inwieweit diese bei der konkreten außenpoli tischen Entscheidung des Akteurs dann schließlich zum Teil der gewählten Strate gie werden, hängt davon ab, welche nationale Interessenausprägung handlungslei tend ist. Doch wie lässt sich eine solche feststellen, wie das nationale Interesse operationalisieren und differenzieren? Frankel selbst versucht sich dieser Herausforderung zu stellen, indem er das natio nale Interesse in die Kategorien erwünscht, durchführbar, erklärend und polemisch ausdifferenziert. Unter erwünscht wird hierbei die normativ-idealistische Kompo nente des nationalen Interesses verstanden. Es geht Frankel dabei um die idealen 311 Ziele, die der Staat gerne verwirklichen würde. Hierbei schränkt Frankel ein, dass das nationale Interesse, falls es nur auf dieser Ebene ausgedrückt werde, nicht aktiv verfolgt werde. Das allerdings bedeute keineswegs, dass es politisch irrelevant sei. Es zeige nämlich die erwünschte Richtung an und könne, sollte sich aufgrund güns tiger Veränderungen in der Umwelt oder in Bezug auf die Fähigkeiten die Möglich keit ergeben, zumindest partiell realisiert werden. Für Frankel geht es mit dieser Komponente letztlich um die Aufzeigung langfristiger Interessen, welche auf Ideo logien beziehungsweise historischen Erfahrungen begründet sind und welche ei nem Staat grundlegende identitäre Perspektiven eröffnen können. Diesen steht die durchführbare Komponente des nationalen Interesses gegenüber. Hiermit ist die realistische Komponente gemeint. Es geht hierbei um kurzfristig zu erreichende Interessen, wobei Überlegungen der Ratsamkeit und Notwendigkeit (politische Sachzwänge) eine Rolle spielen. Eine wichtige Größe in diesem Zusammenhang ist die Macht, da es um die Frage geht, ob und wie das so verstandene nationale Inte resse in konkrete, auf internationaler Ebene Wirkung entfaltende politische Maß nahmen umgesetzt werden kann. Der erklärende Aspekt des nationalen Interesses schließlich verweist auf die legitimierende Komponente des nationalen Interesses im Sinne einer Erläuterung beziehungsweise rationalen Begründung außenpoliti scher Maßnahmen, wohingegen polemisch sich auf das Argument des nationalen Interesses zur Kritik an der Außenpolitik bezieht. Die grundsätzliche Einteilung des nationalen Interesses in langfristig wünschenswert und in Zusammenhang mit dem ideationalen Selbstverständnis des Staates stehend einerseits und unter den aktuellen Gegebenheiten kurzfristig realisierbar andererseits verweist bereits auf wichtige Differenzierungen bei der Bestimmung des Konzepts. So wird eine identi tätsbezogene Komponente angedeutet, welche sich von anderen, materiellen Ziel setzungen unterscheidet. Zugleich verweist Frankel auf grundständige und situati onsspezifische Komponenten des nationalen Interesses. Bereits vor ihm wurden einzelne Komponenten als Gegenstand des nationalen In teresses ausgemacht, so etwa Macht (Morgenthau 1947), Sicherheit (Waltz 1979) oder Wohlstand (Gilpin 1981). Speziell der Ansatz von Morgenthau ist dabei aus differenzierter als mitunter behauptet. So lässt sich bei Morgenthau (1958: 54-87) ein Zusammenspiel historisch-situativer und transepochaler Aspekte ausmachen. Während sich der historisch-situative Interessenbegriff auf konkrete Motivationen und Zielsetzungen spezifischer außenpolitischer Akteure zu einem bestimmten his torischen Zeitpunkt bezieht, existieren transepochal vorhandene Interessen, zu de nen Morgenthau Selbsterhaltung, Selbstbestimmung, Sicherheit, den Zugewinn an Macht und Wohlstand sowie Erwerb und Erhaltung von Einfluss und Prestige zählt. Hierbei verweist Morgenthau zudem darauf, dass Priorität und Wirkungs macht nationaler Interessen durch die Identifizierung der Einzelnen mit dem Kol lektiv der Nation, mit ihrem Prestige, mit ihrer Sicherheit und mit ihrer Macht zu sammenhängen (Kindermann 1963: 27-28). Bei George und Keohane (1980) fin den sich die Aspekte physisches Überleben, Autonomie und ökonomischer Wohl stand als Hauptkomponenten des nationalen Interesses vereint. Alexander Wendt 312 (2004 [1999]: 235) nimmt diese drei Größen auf, fügt jedoch mit kollektivem Selbstbewusstsein (collective self-esteem) eine vierte hinzu, wobei Wendt betont, dass diese vier Interessenkomponenten gleichermaßen erfüllt sein müssen, wenn die Si cherheit von Staat und Gesellschaft gewährleistet sein sollen. Auch Stolberg (2007) identifiziert vier Kernelemente des nationalen Interesses, nämlich Sicherheit, öko nomisches Wohlergehen, demokratische Werte sowie eine sichere und stabile Weltordnung. Bei Neuchterlein (1973, 1976) findet zudem eine Hierarchisierung von Interessen in überlebenswichtig, vital, wichtig und peripher statt. Berücksich tigt man zudem noch die teilweise vorgenommene Unterscheidung des nationalen Interesses in die Komponenten Ideologie einerseits und Pragmatismus andererseits, dann lassen sich einige zusammenfassende Bewertungen vornehmen. Nimmt man die Entwicklungen ernst, so erscheint eine Dichotomisierung in prag matisch versus ideologisch per se nicht hilfreich. Vielmehr erscheint es erforderlich darzulegen, wie beide Elemente gemeinsam das nationale Interesse formen und weshalb es in einer bestimmten Situation zum Tragen kommt. Hierbei erweisen sich zwei Ideen, die im Rahmen der bisherigen theoretischen Auseinandersetzung mit dem nationalen Interesse in den Diskurs eingebracht wurden, als hilfreich, nämlich die Ausdifferenzierung des nationalen Interesses in mehrere Komponen ten auf der einen und die Idee der Hierarchisierung des nationalen Interesses auf der anderen Seite. Leider sind beide Strömungen bislang nicht im Rahmen eines kohärenten Erklärungsansatzes vereinigt worden. Eine solche integrative Beschrei bung des nationalen Interesses ist jedoch bei der Entwicklung eines Erklärungsan satzes für zwischenstaatliches Verhalten unumgänglich, weil nur so die bisher vor genommenen Ausdifferenzierungen von Akteur- und Strukturkomponente sinnvoll zusammengeführt werden können. Da das nationale Interesse als ausschlaggebende Größe für Handeln betrachtet wird, Handeln aber als sozialisations-, perzeptions und interpretationsbasierte Reaktion des binnendifferenzierten Akteurs Staat im Kontext einer spezifischen Strukturausprägung des internationalen Systems ver standen wird, stellt das nationale Interesse das verbindende Glied dar. Dabei ist aber als dritte wichtige Komponente unbedingt die Rolle von Sicherheit als zentrale Größe zu berücksichtigen. Denn anders als es oft den Anschein hat und anders als es auch in den angeführten Versuchen, nationales Interesse näher zu bestimmen erkennbar ist, kann Sicherheit nicht losgelöst von den anderen Komponenten be trachtet werden, welche als konstituierend für ein Staatswesen im Sinne einer diffe renzierten Gesellschaft angesehen werden. Daher soll im nachfolgenden Abschnitt eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der nationalen Sicherheit erfolgen, wo bei insbesondere der Zusammenhang zu klären ist, wie sich nationale Sicherheit konzeptuell erfassen lässt und wie nationales Interesse und nationale Sicherheit zu sammenspielen. Auf dieser Grundlage wird dann ein umfassender Ansatz des hierarchisierten nationalen Sicherheitsinteresses entwickelt. 313 Wie auch im Falle des nationalen Interesses sind Gegenstand und Reichweite des Begriffs nationale Sicherheit umstritten. Und ebenso wie im Falle des nationalen Interesses mangelt es auch an überzeugenden Operationalisierungen von nationaler Sicherheit, insbesondere wenn diese in einen Zusammenhang mit dem nationalen Interesse aus einer breiten Perspektive herausgestellt werden soll. Insgesamt er scheint das Konzept als so unterentwickelt, dass es für analytische Zwecke weitge hend unbrauchbar ist (Buzan 2007: Kapitel 1). Insbesondere der Hinweis auf Si cherheit als staatliches Überleben greift zu kurz. Denn wie sich bereits mit Blick auf das nationale Interesse gezeigt hat, ist Überleben nur eine Komponente des natio nalen Interesses. Daher erhebt sich zu Recht die Frage, ob es nicht auch um das Überleben etwa von Wohlstand oder ideellem Selbstverständnis geht. Solche Fra gen gilt es aus Gründen theoretisch-konzeptioneller Sauberkeit und analytischer Erklärungskraft ebenso aufzugreifen wie auch aus politisch-praktischen Erwägun gen heraus. Denn nicht zu Unrecht konstatierte Arnold Wolfers bereits im Jahre 1952, dass nationale Sicherheit ein gleichermaßen zweischneidiges wie auch poten ziell gefährliches Konzept sei und vor allem mehr einem rhetorischen Mittel gleiche als einem realen, konkreten Attribut eines Staatswesens. Die Ambiguität wie auch die Gefahren solcher Konzepte wie dem einer so verstandenen nationalen Sicher heit sah Wolfers in deren Unbestimmtheit: „They may not mean the same thing to different people. They may not have any precise meaning at all.” Auch wenn Wol fers hierbei vor allem auf den bewusst instrumentellen Gebrauch der Idee der nati onalen Sicherheit für spezifische politische Zwecke anspielt, ist doch die Überle gung, der zufolge das Konzept der nationalen Sicherheit mit verschiedenen Inhal ten angefüllt sein kann, sehr interessant. Denn Wolfers gelingt es auf diese Weise, den Zusammenhang von nationalem Interesse und nationaler Sicherheit herzustel len. Unter Bezugnahme auf Charles Beards Studie The Idea o f National Interest., wel che dieser zur Zeit des New Deal veröffentlicht hatte, zeigt Wolfers auf, dass unter den damaligen Bedingungen, wo die US-Außenpolitik vor allem ökonomisch orien tiert war, auch das nationale Interesse eher wirtschaftlich verstanden worden sei. Einige Jahrzehnte später hatte sich die Situation gewandelt. Nicht mehr die Welt wirtschaftskrise bestimmte die Agenda der amerikanischen Außenpolitik, sondern der beginnende Kalte Krieg. Damit einher sei auch ein Wandel des nationalen Inte resses gegangen. Wolfers spricht hierbei von einem „change from a welfare to a security interpretation of the symbol ,national interest'”. Wie schon angedeutet ist sowohl der Begriff des nationalen Interesses als auch der jenige der nationalen Sicherheit gleichermaßen unklar wie umstritten. Gleiches gilt für das Verhältnis zwischen beiden Größen. Nicht selten wurde versucht, die eine Größe mithilfe der anderen zu beschreiben, ohne den jeweils anderen Begriff im Vorfeld selbst definiert zu haben. Exemplarisch kann an dieser Stelle etwa die Er klärung Penelope Hartland-Thunbergs angeführt werden, für welche die nationale Sicherheit die Fähigkeit einer Nation darstellt, überall auf der Welt ihre nationalen Interessen zu vertreten. Allerdings zeigt sich, dass auf dem Gebiet der Sicherheits forschung gerade in den vergangenen zwei bis drei Dekaden intensive Auseinan 314 dersetzungen um das Konzept der (nationalen) Sicherheit geführt wurden (Roth schild 1995). Im Kontext dieser Debatte lassen sich im Wesentlichen drei Ansätze ausmachen: die am militärischen Begriff orientierten traditionellen Sicherheitsstu dien, die um eine Ausdehnung des Konzepts über das rein militärische Verständnis hinaus bemühten sogenannten Erweiterten Sicherheitsstudien und die Kritischen Sicherheitsstudien (Buzan 1997). Hierbei fällt auf, dass sich die neueren Ansätze zwar durchaus etablieren konnten, ein fruchtbarer Dialog zwischen den traditionel len und den alternativen Denkschulen bislang ausgeblieben ist, wie Knudsen (2001: 355) zu Recht konstatiert: “New, or critical, security studies has firmly established itself and its research agendas, while traditional, or classical, security studies continues as i f little has changed. Communication between the two sides has dwindled to a trickle” Betrachtet man die traditionellen Sicherheitsstudien, so fällt auf, dass diese eng mit der realistischen Theorie der Internationalen Beziehungen verbunden sind. Eine zentrale Größe dieser Denktradition ist das zuerst von john Herz beschriebene und so benannte Sicherheitsdilemma, welches im Kern bedeutet, dass Staaten, indem sie nach Sicherheit streben, durch ihre Handlungen ein internationales Umfeld schaf fen, in welchem die relative Sicherheit aller Beteiligten ebenso wie die des Systems an sich geringer wird. Über die konkrete Ursache hierfür herrscht allerdings Unei nigkeit: Einerseits wird das Sicherheitsdilemma auf die Anreizstrukturen der anar chischen Struktur des internationalen Systems zurückgeführt, andererseits werden (Fehl-)Wahrnehmungen durch die Akteure verantwortlich gemacht, welche die De fensivmaßnahmen anderer Akteure als (potenziell) offensiv auffassen. Die Ansätze der erweiterten ebenso wie diejenigen der kritischen Sicherheitsstudien können als Reaktion auf die etablierte traditionelle Sicherheitsschule gesehen werden. Neben Uneinigkeit bei konkreten Aspekten stellt auch die grundsätzlich erkennbare man gelnde Konzeptualisierung Gegenstand von Kritik dar. So ist Arnold Wolfers be reits vor mehr als einem halben Jahrhundert formulierter Ruf nach einer besseren theoretischen Fundierung des Konzepts der nationalen Sicherheit bis weit in die Gegenwart hinein weitestgehend ohne Widerklang verhallt, sodass David Baldwin (1997: 8) auch nach einem guten halben Jahrhundert noch desillusioniert konstatie ren musste: „It would be an exaggeration to say that conceptual analysis o f security began and ended with W olfers’ article in 1952 — but not much o f one.” Baldwin verweist in diesem Zusammenhang darauf dass es seither zwar immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitsbegriff gegeben habe, derartige Studien jedoch mehr mit konkreten Politikagenden befasst gewesen seien als mit dem Konzept der (nationalen) Sicherheit an sich. Hierbei hätten sich die Studien vor allem mit normativen und empirischen Sachverhalten auseinandergesetzt, ohne diese an konzeptionelle Fragestellungen zurückzubinden (Baldwin 1997: 5; Booth 1991; Brown 1977; Romm 1993; Tickner 1995; Tuchman Matthews 1989; Ullman 315 1983). Mit seiner Kritik steht Baldwin dabei keineswegs allein da. In zahlreichen Studien wird das Fehlen einer klaren Definition beziehungsweise Operationalisie rung der nationalen Sicherheit bemängelt: So verwiesen Bock und Berkowitz be reits in den 1960er Jahren darauf, dass es überhaupt nur sehr wenige Versuche ge be, nationale Sicherheit zu definieren, eine Auffassung, der sich auch in den nach folgenden Jahrzehnten immer wieder angeschlossen wurde (Bock/Berkowitz 1966: 124; Smoke 1975: 259; Buzan 1991: 3 f.). Diese Tendenz spiegelt sich auch in Ver suchen wider, sich der Problematik einer Operationalisierung bewusst zu entziehen, wie etwa Klaus Knorr (1973: 5), dessen Studie von dem Ansatz getragen war, „[to] deliberately bypass the semantic and definitional problems generated by the term ,National Security'“. Manche Wissenschaftler gelangten gar zu dem Schluss, dass Sicherheit letztlich kein geeignetes Konzept sei, Prozesse in den internationalen Beziehungen zu erklären. Aber auch in jüngeren Studien lassen sich derartige Defi zite ausmachen. So findet sich weder in der relevanten Arbeit von Stephen Walt noch in derjenigen von Nye und Lynn-Jones eine Definition oder Operationalisie rung des Begriffs nationale Sicherheit (Walt 1999; Nye/Lynn-Jones 1988). Dieser Umstand ist umso erstaunlicher, weil gerade Joseph Nye, wie übrigens auch Krau se, die nicht hinreichende Konzeptualisierung von (nationaler) Sicherheit anderswo explizit beklagt. Angesichts der geschilderten Problematik gelangt David Baldwin (1997: 9) nicht zu Unrecht zu folgendem Schluss: „Security has not received the serious attention accorded to the concepts o f justice, freedom, equality, obligation, representation and power. [ ...] Paradoxically as it may seem, security has not been an important analytical concept for most security studies scholars. [ . ] Security has been a banner to be flown, a label to be applied, but not a concept to be used.” In ebendiesem Zusammenhang weist Baldwin (1997: 7 ff.) auf ein weiteres Prob lem hin: Statt sich mit Sicherheit in einem weiteren Kontext zu befassen, sei es zu einer Reduktion der nationalen Sicherheit einzig auf den Aspekt der militärischen Stärke gekommen, worauf nicht zuletzt auch die synonyme Verwendung von securi ty studies, military studies und war studies verweise. Dabei muss und soll es keineswegs darum gehen, die dem Realismus entlehnte Grundannahmen der traditionellen Si cherheitsstudien grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr erscheint es als sinnvoll, wie auch im Ansatz des Interpretativen Realismus verfolgt, das staatliche Streben nach Überleben als Ausgangspunkt zu nehmen und von diesem grundlegenden In teresse ausgehend die die Komplexität des aus Akteur und Struktur und ihrer Inter aktion bestehenden Systems berücksichtigende konkrete Interessenausprägung zu analysieren. Barry Buzan (1991: 19) hat dieses Verständnis von nationalem Interes se — wenngleich in anderem Kontext — treffend auf den Punkt gebracht: „Its bottom line is about survival, but it also reasonably includes a substantial range o f concerns about the conditions o f existence“. 316 Diese Idee einer Erweiterung der traditionellen Sicherheitsstudien wurde in der Tat auch anderswo verfolgt — und das durchaus intensiv, wie Baldwin (1997: 5) an merkt: „Redefining 'security' has recently become something of a cottage industry.“ Allerdings gingen auch diese Versuche der Erweiterung selten einher mit dem Bestreben einer echten Konzeptualisierung des Sicherheitsbegriffs, sodass Ken Booth (2007: 97) in einer der jüngsten wegweisenden Studien zum Thema Sicher heit noch immer feststellen musste: „Although scholars from within mainstream international relations have written extensively about security, they have sometimes been remarkably coy about the concept they were at the same time arguing was so important”. Zwar wurde regelmäßig in verschiedenen Werken schlaglichtartig eingeworfen, welche Aspekte als zur nationalen Sicherheit zugehörig angesehen werden könnten oder sollten, aber eine Erklärung, wie die entsprechenden Relationen aussehen soll ten, blieb aus. Somit lassen sich bisherigen Auseinandersetzungen allenfalls Frag mente gewinnen. Diese können dabei allerdings nützliche Anhaltspunkte für die Entwicklung eines umfassenderen, an Multi-Dimensionalität orientierten Konzepts nationaler Sicherheit liefern. Während ein Teil von Forschern neben der militäri schen auch die nicht-militärische Komponente nationaler Sicherheit anspricht, fo kussieren andere auf immaterielle Aspekte des Staatswesens, etwa spezifische nati onale Werte. Vom kanadischen National Defence College werden zudem erstmals ex plizit Punkte wie die Bewahrung eines eigenen Lebensstils, die Freiheit von Zwän gen und die Abwesenheit von der Erosion politischer, ökonomischer und sozialer Werte genannt. Denker wie Robert Jervis oder Leonard Beaton indes eröffnen die Perspektive, den Fokus der nationalen Sicherheit weg von der rein staatlichen auf die Analyseebene des internationalen Systems zu richten. Baldwin (1997: 13) greift unter Bezugnahme auf Wolfers (1952: 485) die Charakterisierungvon Sicherheit als Abwesenheit von Bedrohung für erworbene Werte auf. Hierbei wird der Begriff Werte von ihm weit definiert. So versteht er unter durch den Staat erworbene Wer te physische Sicherheit, wirtschaftlichen Wohlstand und Autonomie. Nationale Si cherheit umfasst somit territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit, worun ter auch ökonomische Aspekte wie etwa die Möglichkeit, eigenständig Handel zu treiben, fallen. Doch leider wird auch an dieser Stelle das Argument nicht weiter vertieft. Dennoch lässt sich eine wichtige Neuerung erkennen. So verweist Baldwin explizit darauf, dass nicht nur der Staat als solcher Gegenstand der nationalen Sicherheit ist, sondern explizit auch Individuen und Gruppen von Individuen, aber ebenso ande re Staaten oder das Staatensystem als Ganzes gegebenenfalls als Teil der nationalen Sicherheit zu berücksichtigen seien. Wenn auch nicht weiter exemplifiziert, so hat sich doch in den vorangegangenen Kapiteln und insbesondere bei der Ausarbeitung der Systemstrukturausprägung gezeigt, dass Baldwins Argument in eine richtige Richtung weist. Allerdings hat Baldwin letztlich „nur“ der Bedrohungsbegriff er weitert und ausdifferenziert, eine Erweiterung, Vertiefung und entsprechende Ope 317 rationalisierung des Konzepts der nationalen Sicherheit fand nicht statt, obgleich die Erkenntnisse Baldwins für einen solchen Schritt überaus hilfreich sind. Eine erste umfassendere Ausdifferenzierung für von nationaler Sicherheit wurde durch Buzan, W ^ver und de Wilde (1998) vorgenommen. Diese nahmen eine Einteilung von Staat und Gesellschaft vor und ordneten jedem so zugeteilten Sektor eine spe zifische Sicherheitsagenda zu. Beim militärischen Sektor stehen die militärische Be drohung von Staat und dessen institutionelle Repräsentationen im Vordergrund, während beim politischen Sektor die Stabilität der sozialen Ordnung etwa durch Souveränitätsverletzungen als gefährdet gilt. Der ökonomische Sektor wird in dem Maße als sicherheitsrelevant angesehen, wie er die Bedürfnisse von Staat und Ge sellschaft befriedigen kann. Sicherheit im Kontext des gesellschaftlichen Sektors zielt auf die Werte, welche als identitärer Kernbestandteil von Staat und Gesell schaft wahrgenommen werden. Nicht zuletzt existiert ein spezifischer Umweltsek tor, der Gefahren aus der Umwelt für Staat und Gesellschaft abbildet. Diese Unter teilung ist insofern wegweisend, indem sie die Komplexität nationaler Sicherheit erstmals im Rahmen eines Konzepts sehr gut einfängt. Will man die Situation ins gesamt zusammenfassen, lässt sich konstatieren: So hilfreich diese Ansätze auch sind, so sehr lassen sich auch weiterhin Probleme erkennen, wie Baldwin (1997: 5) aufzeigt: “M ost such efforts, however, are more concerned with redefining the policy agendas o f nationstates than with the concept o f security itself. Often, this takes the form o f proposals for giving high priority to such issues as human rights, economics, the environment, drug traffic, epidemics, crime, or social injustice, in addition to the traditional concern with security from external mili tary threats. Such proposals are usually buttressed with a mixture o f normative arguments about which values o f which people or groups o f people should be protected, and empirical arguments as to the nature and magnitude o f threats to those values. Relatively little attention is devoted to conceptual issues as such.” Dieser Umstand wird auch bei den aktuellsten Studien noch deutlich. So entwickelt etwa Booth (2007: 110-133) im Rahmen seiner internationalen Sicherheitstheorie zugleich auch eine Politikagenda einer an den Werten der Aufklärung und dem Ide al moralischen Fortschritts angelehnten globalen Emanzipation. Sicherheit und Emanzipation stellten zwei Seiten derselben Medaille dar, da „security would only extend through world society when emanicpatory politics made progress in eradicating structural and contingent oppressions” (Booth 2007: 114). Unter expliziter Berufung auf Gandhis Konzept der Verbindung von Gewaltlosigkeit und Wahrheit als nichtdualistisches Prinzip, geht Booth (2007: 115) davon aus, dass „the non-dualistic relationship between security and emancipation means that to practise security (freeing people from the life-determining conditions o f insecurity) is to promote emancipator space (freedom from oppression, and so some opportunity to explore being human), and to realise emancipation (becoming more fully human) is to practise security (not against others but with them). Such a conceptualization fits well with [...] the later definition o f emancipation as the po litical discourse for inventing humanity.” 318 Doch nicht nur die allzu große Betonung normativer und empirischer Komponen ten stehen einer effizienten Konzeptualisierung der nationalen Sicherheit entgegen. Auch eine blindlings durchgeführte Erweiterung des Sicherheitsbegriffs, wo Si cherheit gleichsam verstanden wird als “combined defence policy for each need category, the totality o f defence endeavours o f the entire human-societal organiza tion” (Oberg zitiert nach W aver 2007: 67) kann dazu führen, dass das Konzept letztlich ohne Aussagekraft bleibt, da alles zum Sicherheitsproblem wird: “Although the dimensions o f security can be specified very broadly, the utility o f the concept does not necessarily increase when this is done” (Baldwin 1997: 17 f.). Es kommt also darauf an, zu sehen, wie viel Spezifikation ausreicht und was genau als Referenzobjekt der nationalen Sicherheit verstanden werden soll. Ein diese Prämissen berücksichtigender Versuch, das nationale Interesse als komplexes nati onales Sicherheitsinteresse zu konzeptualisieren soll Aufgabe des nächsten Ab schnitts sein. Dass dies nicht auch ohne einen ausgeprägten Rückgriff auf abstrakte Überlegungen möglich ist, vermag nicht zu verwundern, wie auch schon Barry Buzan (1991: 15) bei seinen Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitsbegriff fest stellen musste: „The character o f this exercise is as much philosophical as empirical.“ 5.2 Das Konzept des Komplexen Nationalen Sicherheitsinteresses ‘ln anarchy, security is the h igh estend .O nly ifsu rv iva l is assured can states seek such othergoa ls as tranquility, profit, a n dp ow er“(Waltgg Theory: 126). Das Modell einer Hierarchisierung nationaler Interessen basiert auf Überlegungen, welche Maslow (1943) in seiner Studie zur Motivationstheorie auf individueller Ebene angestellt hat. Im Folgenden sollen die zentralen Punkte von Maslows Ar gument vorgestellt und zugleich die Bedeutung von Maslows Ideen für einen neu konzipierten Ansatz der Motivationsanalyse staatlichen Handelns im außen- und sicherheitspolitischen Bereich aufgezeigt werden (Abbildung 13). Gleich zu Beginn seiner Ausführungen stellt Maslow (1943: 370) die große Bedeu tung einer holistischen Betrachtung des zu untersuchenden Systems heraus. Dieser Ansatz entspricht grundsätzlich der Sichtweise des interpretativen Realismus und findet sich auch in dem Unterfangen wieder, das komplexe nationale Sicherheitsin teresse eines Staates zu differenzieren und zu hierarchisieren, etwa indem Aspekte verschiedener Analyseebenen in ihrem Zusammenspiel berücksichtigt werden, wie weiter unten noch detaillierter aufgezeigt wird. Hierbei spielen sowohl bei Maslow als auch im hier fortentwickelten Ansatz Bedürfnisse und das Streben nach ihrer Befriedigung eine entscheidende Rolle. 319 A bb ildung 13: H ierarch isierung des kom plexen nationalen S icherheitsinteresses (Bedürf nispyram ide) Ebene I - D asgmndlegende existentielle Sicherheitsbedürfnis: Eberleben Maslow geht in seinem Modell von Grundbedürfnissen als unterste Stufe der von ihm entwickelten Bedürfnispyramide aus. Diese als physische Bedürfnisse verstan denen Grundbedürfnisse sind elementar und stellen den Ausgangspunkt der Moti vationstheorie dar. Der Drang nach physischem Überleben wird als der Dreh- und Angelpunkt menschlicher Existenz angesehen; ihm sind alle anderen Bedürfnisse nachgeordnet: “If all the needs are unsatisfied, and the organism is then dominated by the physiological needs, all other needs may become simply non-existent or be pushed into the background” (Maslow 1943: 373). Diese Sichtweise findet sich in vergleichbarer Form auch im Bereich der Theorie der internationalen Beziehungen wieder: „When a state or a nation lives in a condition o f war or threatened war, survival — normally taken for granted — then becomes the priority consideration in all dimensions o f national life. Secondorder political and social ideals are put on hold, such as public welfare and cultural pursuits. Even some first-order values are subordinated to the demands o f survival” (Booth 2007: 101 f.). 320 Diese unterste, rein auf die existenzielle Frage des Überlebens abzielende Hierar chiestufe stellte lange Zeit die einzige relevante Ebene zur Analyse von Fragen des nationalen Sicherheitsinteresses dar, da die bis heute das Feld dominierenden klas sischen Sicherheitsstudien rein einem engen, ausschließlich militärischen Sicher heitsbegriff verpflichtet sind (Glaser 2010). Kenneth Waltz Annahme, der zufolge Überleben das einzige nationale Interesse eines Staates sei, kann für eine solche Sichtweise als exemplarisch angeführt werden (Waltz 1979). Obgleich zumindest von Teilen der Forschung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen bezie hungsweise der Internationalen Sicherheitsstudien die Notwendigkeit erkannt wur de, Verständnis und Konzeption von nationaler Sicherheit zu erweitern, wird Über leben nach wie vor regelmäßig als zentrales Motiv außen- und sicherheitspoliti schen Handelns von Staaten betrachtet (Baldwin 1997: 13; Frankel 1971: 140). So stellen etwa Buzan, W ^ver und de Wilde bei ihrem Versuch, ein alternatives Rah menwerk für die Analyse von Sicherheit im internationalen Kontext zu entwerfen, ganz klar fest, dass es bei nationaler Sicherheit vor allem ums Überleben des Staates im anarchischen Weltsystem geht. Kurz gesagt: „security is about survival“ (Buzan/W^ver/de Wilde 1998: 21) oder wie W ^ver (2007: 71) es etwas um fassender zum Ausdruck bringt: „Survival might sound overly dramatic but it is, in fact, the survival o f the unit as a basic political unit — a sovereign state — that is the key.” Diese Sichtweise wird auch in jüngeren Studien noch vertreten und im Konzept des Interpretativen Realismus nicht grundsätzlich in Frage gestellt. In der Tat wird auch hier davon ausgegangen, dass das Bewusstsein um den stetigen, durch die Sys temstruktur bedingten steten latenten existenziellen Bedrohungspotenzials ein permanentes Grundinteresse bezüglich staatlichen Überlebens besteht. Hier exis tiert auch die größte Ähnlichkeit zwischen den Staaten, welche an dieser Stelle tat sächlich analog zum Billardballmodell (vgl. hierzu etwa Keohane/Nye 1972; Wag ner 1974; Wolfers 1962) gesehen werden können: „In contrast to the ideas and institutions o f the state, the basic quality o f territory and population as objects o f security does not vary much from state to state. Although population and territory vary enormously among states in terms o f extent, configuration, level o f development and resources, the threats to the state’s physical base are common in type to all states because o f the sim ilarphysicalquality o f the objects involved” (Buzan 1991: 91). Eine der zentralen Größen in diesem Zusammenhang stellt aus realistischer Sicht das Sicherheitsdilemma dar (Herz 2003; Booth/Wheeler 2008). Die Präsenz eines Sicherheitsproblems kann hierbei als permanenter Zustand aufgefasst werden, so dass Sicherheit grundsätzlich zu verstehen ist als die Existenz eines Sicherheits problems und entsprechender Maßnahmen dagegen, während Unsicherheit die bloße Existenz eines Sicherheitsproblems ohne entsprechende Maßnahmen dage gen bedeutet (W^ver 2007: 74). Wird hierbei von staatlichem Überleben gespro chen, geht es letztlich um die grundlegende physische Sicherheit des Staatswesens. 321 Vor diesem Hintergrund ist man geneigt, jener Umschreibung des Konzepts der nationalen Sicherheit zuzustimmen: “The core elements o f security [ ...] reveal security to be a simple concept at heart, as Hobbes understood four centuries ago” (Booth 2007: 100). Doch existiert, wie im Modell angenommen, nicht nur diese eine, einfach Perspek tive der Strukturwahrnehmung, sondern auch die komplexere Konstellations perzeption. Die oben erwähnte Aussage Buzans und seiner Kollegen, wonach es bei Sicherheit um Überleben gehe, ist also nicht falsch, jedoch unvollständig — oder wie Ken Booth (2007: 106) es ausdrückt: “|I]n one simple sense this statement is true, but it is a trivial point because everything in life at some level is ,about' survival“. Und in der Tat hat letztlich alles mit der Frage nach Überleben zu tun, wie auch in Maslows Ansatz sehr deutlich geworden ist. Zugleich aber hat sich dort gezeigt, dass auch wenn letztlich alles um Sicherheit dreht, Sicherheit und Überleben nicht identisch sind. Vielmehr geht es darum, das nationale Sicherheitsinteresse in seiner Komplexität zu erfassen, mit anderen Worten es weiter auszudifferenzieren und gleichsam zu hierarchisieren. Einen hilfreichen Ansatz auf diesem Weg liefert Booth (2007: 102 f.) mit seinen Ausführungen zur Differenzierung von der Sicher heit zu Überleben und der Sicherung anderer Bedürfnisse: „Survival is an existential condition: it means continuing to exist. Survival is not synonymous with living tolerably well, and less still with having the conditions to pursue cherished political and social ambitions. For the latter, security is required, and not just survival. In this sense securi ty is equivalent to survival-plus (the plus being some freedom from life-determining threats, and therefore space to make choices). To confuse the existential condition o f survival with the politi cal and social instrumentality o f security is a category error in security studies, but a common one. Here, critical security theory can appeal to the authority o f Hobbes. Having declared that 'the safety o f the peop le is the supreme law\ Hobbes wrote: 'By safety one should understand not mere sur vival in any condition, but a happy life so far that is possible.’” Ebene II — Das erweiterte existentielle Sicherheitsbedürfnis: Staatliche Souveränitätim Sinne von Autonomie undAutarkie Booth (2007: 106) spricht im Kontext internationaler Sicherheitsstudien davon, dass Überleben die Existenz betreffe, während Sicherheit als Überleben-Plus anzu sehen sei, wobei „[t]he plus here is the choice that comes from (relative) freedom from existential threats, and it is this freedom that gives security its instrumental value. Survival does not guarantee security, because it does not eliminate threats.” Mit anderen Worten ermöglicht es Sicherheit, eine Wahl zu treffen, wobei wiede rum der Aspekt der spezifischen Wahrnehmung und Interpretation einer bestimm ten Konstellation nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Selbstwahrnehmung 322 dazu führen kann, dass seitens der den Staat repräsentierenden Akteure Entschei dungen getroffen werden, welche den Staat nachhaltig gefährden können: „Security allows choice, and some choices (the result o f security rather than insecurity) may be life-threatening. Elective danger is a privilege o f the secure; direct and unavoidable danger is the determining condition o f the world’s insecure” (Booth 2007: 104). Allerdings wird Überleben als ein Element eines hier zu entwickelnden komplexen Begriffs nationaler Sicherheit verstanden, der auf einer Differenzierung und Hierarchisierung des nationalen Sicherheitsinteresses beruht, wobei die diesbezügliche Orientierung an Maslows Hierarchisierung der Bedürfnisse erfolgt. Es wird somit davon ausgegangen, dass das nationale Sicherheitsinteresse des Staates ebenfalls seine Gestalt ändert, sobald das staatliche Überleben im Sinne der Wahrung des Grundbestandes von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt grundsätzlich gesi chert ist. Bezogen auf individuelle Bedürfnisse konstatiert Maslow (1943: 375) für die Situation der Befriedigung der elementaren Bedürfnisse: “It is quite true that man lives by bread alone— when there is no bread. But what happens to man's desires when there is plenty o f bread and when his belly is chronically flled? A-t once other (and 'higher') needs emerge and these, rather than physiological hungers, dominate the organism. And when these in turn are satisfied, again new (and still 'higher1) needs emerge and so on. This is what we mean by saying that the basic human needs are organized into a hierarchy o f relative prepotency.” Eine ebensolche Bedürfnishierarchie lässt sich auch für die nationale Sicherheit konstruieren. So stellt etwa Kenn Booth (2007: 103) einen genau in diesen Zusam menhang passenden strukturellen Konnex zwischen individuellen und staatlichen Bedürfnissen her: “W hat is true o f states is also true o f individuals and families. Just as a condition o f war determines the behaviour o f states, so poverty determines the lives o f individuals and families. When the daily round o f people is entirely dominated by the search for basic means to survive, they are deprived o f the opportunity to develop more fully as human beings.” Dies gilt umso mehr, da nationale Sicherheit als Größe verstanden werden kann, welche nie zu einhundert Prozent realisierbar ist. Hierbei spielt zudem eine Rolle, dass Menschen wie Staaten nicht nur ihr Verhalten an unbefriedigten Bedürfnissen ausrichten, sondern sich auch ihrer künftig potenziell unbefriedigten Bedürfnisse bewusst sind (Maslow 1943: 375). Hierauf basiert dann auch die nächste Stufe in Maslows Bedürfnishierarchie, nämlich die Sicherheitsbedürfnisse. Hierzu führt Maslow (1943: 379) aus: “Again, as in the hungry man, we find that the dominating goal is a strong determinant not only o f his current world-outlook and philosophy but also o f his philosophy o f the future. PracticaUy everything looks less important than safety, (even sometimes the physiological needs which being satisfied, are now underestimated). A man, in this state, i f it is extreme enough and chronic enough, may be characterized as living almost for safety alone.” 323 Ebendiesem Bild dominierender nationaler Sicherheit entspricht auch das Staatsbild der Perspektive des klassischen Realismus, wie weiter oben schon ausführlicher dargestellt wurde. Im hier vorliegenden Verständnis eines komplexen Sicherheits begriffs wird diese Stufe, welche jenseits der reinen Überlebens von Staatlichkeit im Sinne der klassischen Trias der Staatselemente liegt, verstanden als Sicherheit für die staatliche Souveränität in Form ihrer tatsächlichen Ausübbarkeit (vgl. hierzu etwa Pfeffer/Salancik 1978). Eine Analogie zu einer solchen Hierarchisierung im Sinne Maslows findet sich im Bereich der Internationalen Beziehungen etwa auch inAlexander Wendts (2004 [1999]: 235) SocialTheory ofInternationalPolitics: “In order to reproduce its identity it is not enough for a state-society complex to merely survive, it must also retain its ‘liberty.’ This follows from the fact o f state sovereignty” . Hierunter fallen insbesondere die in ihrer politischen und ökonomischen Ordnung verkörperten Prinzipien staatlicher Autonomie und Autarkie, welche wiederum in spezifischen Institutionen, Strukturen und Prozessen ihren Ausdruck finden (vgl. hierzu etwa Baldwin 1997: 13). Äußerst wichtig mit Bezug auf die Analyse von Prozessen internationaler Kooperation, gerade wenn sie solch intensive Formen annimmt wie im Bereich der europäischen Integration auf dem Gebiet der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, ist eine andere Beobachtung Wendts (2004 [1999]: 235 f; vgl. ferner: George/Keohane 1980) zum Thema staatliche Autono mie und nationales Sicherheitsinteresse: “ [A]utonomy is always a matter o f degree and can be traded away when the benefits o f dependence outweigh the costs.” Diese Erkenntnis trifft ins Mark der Frage danach, ob der europäische Integrati onsprozess nicht vor allem einen instrumentellen Charakter trägt und Entwicklun gen hin zu GASP und ESVP nicht letztlich doch ausschließlich dem partikularem nationalen Interesse einzelner Mitgliedstaaten dienen (sollen) als einem echten ge samteuropäischen Interesse. Sind die in diesem sowie im vorangegangenen Ab schnitt dargelegten als akut beziehungsweise grundlegend existenziell verstandenen (Sicherheits-)Bedürfnisse erfüllt, tritt eine weitere Ebene von Bedürfnissen in den Vordergrund der Wahrnehmung. Ebene III — Das materielle Sicherheitsbedürfnis von S taatund Gesellschaft Im Bereich der individuellen Bedürfnisse bei Maslow handelt es sich hierbei um die Love beziehungsweise die Esteem Needs, bei denen es um das Bedürfnis nach Zu neigung, Anerkennung, Respekt und Achtung durch Dritte und damit verbunden dann auch Selbstachtung geht. Was das auf individueller Ebene bedeutet, ist nicht schwer zu verstehen. Doch wie lassen sich das Bedürfnis nach Liebe und Achtung auf staatlicher Ebene darstellen? Ruft man sich ins Gedächtnis, dass es um die Hie rarchie des staatlichen S icherheitsbedürfn isses geht, dann stellt sich die Frage, welche 324 staatliche Sicherheitssorge Liebe und Achtung betrifft. Im hier entwickelten Ansatz soll darunter das Streben nach dem Schutz des Lebensstandards der Bevölkerung angesehen werden. Während es bei den vorangegangenen Stufen des staatlichen Sicherheitsbedürfnisses letztlich um die grundlegenden kollektiven Überlebens und existenziellen Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung nach Sicherheit für Leib und Leben sowie einen gesellschaftlichen Ordnungsrahmen ging, welcher durch die Unversehrtheit staatlicher Souveränität erst gewährleistet werden kann, geht es auf dieser Ebene um die darüberhinausgehende Liebe und Achtung der Bevölkerung. Diese wird verkörpert durch die sozioökonomische Ordnung. Diese zielt zwar de facto auf materielle Sicherheitsinteressen ab, jedoch ist das Materielle nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern dient eben der erwähnten Befriedigung eines Lebensstils jenseits der Grundbedürfnisbefriedigung. Dieser Hinweis erscheint geboten, weil eine Parallelsetzung von immateriellen As pekten wie love und esteem einerseits und materieller Sicherheit andererseits zunächst erklärungsbedürftig ist. Zudem ist zu beachten, dass zweierlei Arten materieller Si cherheitsinteressen angenommen werden, diese Ebene der Pyramide also gleichsam mittig geteilt wird und die obere Hälfte eine starke Tendenz Richtung nichtmateri elle Sicherheitsbedürfnisse aufweist, also jener Stufe, welche, wie noch zu zeigen ist, der Ebene der Selbstverwirklichung in Maslows Theorie entspricht, während die untere Hälfte eine Verbindung zu den existenziellen Sicherheitsbedürfnissen des Staates aufweist, indem sie gleichsam die materielle Grundlage hierfür darstellt. Ei ne ähnliche Differenzierung findet sich auch bei Barry Buzan (1991: 237), der von ökonomischer Sicherheit auf verschiedenen Bedürfnisebenen spricht, wobei er konkret auf die Bandbreite der Aspekte von Überleben bis hin zur umfassenden Versorgung andererseits verweist. Dass derartige Aspekte durchaus zusammenhängen können und in Praxis wie Ana lyse nicht immer messerscharf zu trennen sind, zeigt sich etwa daran, dass Wirt schaftswachstum gegenwärtig in modernen Industriegesellschaften fast zwangsläu fig beide Ebenen berührt, und nicht zuletzt deswegen in den vergangenen Jahr zehnten einen immer wichtigeren Platz auf der politischen Agenda der westlichen Industriestaaten eingenommen hat (Buzan 1991: 234 f.). So geht es etwa um die Versorgungssicherheit der Industrie mit für das staatliche Überleben wie die Auf rechterhaltung der Souveränität relevanten Produktionsgütern sowie der Bevölke rung mit elementaren Konsumgütern, aber ebenso um die Versorgung von Indust rie und Bevölkerung mit Gütern, welche der Bedürfnisbefriedigung einer höheren Ebene (love und esteem needs) dienen (Buzan 1991: 243). Die historische Relativität, die bestimmte Faktoren, wie etwa Wirtschaftswachstum, für das nationale Sicher heitsinteresse spielen, und welche Berücksichtigung in der P-II-Analyse des inter pretativen Realismus findet, wird dabei von Alexander Wendt (Wendt 2004 [1999]: 236) betont: 325 “ [I]t may be a mistake to assume that growth is an essential interest o f states. Growth is essential in those modes o f production that need it for their reproduction, like capitalism. [..] It seems more reasonable to conclude that the interest in economic well-being only becomes a need for growth in particular state form s, and as such is a function o f historically contingent type identities rather than o f states' corporate identity.” Eine Differenzierung innerhalb der Hierarchiepyramide der staatlichen Sicherheits bedürfnisse wird also deswegen vorgenommen, um Verwirrung zu vermeiden be ziehungsweise auch um dem möglichen Vorwurf entgegenzutreten, zur Sicherung der existenziellen Bedürfnisse seien die materiellen Voraussetzungen unabdingbar. Diese Annahme, welche auch in Buzans (1991: 242) sicherheitspolitischem Ansatz Berücksichtigung findet — er spricht im Zusammenhang der materiellen Vorausset zungen zur Sicherung der staatlichen Existenz vom „national equivalent of ,basic human needs'“— wird voll unterstützt. Nicht ohne Grund wurde etwa staatliche Souveränität auch bewusst durch die Aspekte Autonomie und Autarkie beschrie ben, beziehungsweise auf die politische und die Wirtschaftsordnung als Gegenstand des Sicherheitsstrebens verwiesen, was automatisch die materielle Seite impliziert. Dieses Verständnis der unterschiedlichen Bedürfnisebenen entspricht dabei auch insoweit Maslows Ansatz als dass dieser selbst explizit auf die Verbindung der ver schiedenen Ebenen untereinander verweist (Maslow 1943: 386 ff.). Dieser Aspekt wird nicht zuletzt daran deutlich, dass auch die Legitimität der staat lichen Führung seitens der Bevölkerung auf jeder Ebene entsprechend dem jeweili gen Sicherheitsbedürfnis bemessen wird. Befindet sich ein Staat im existenziellen Überlebenskampf, erscheint eine Regierung als legitim, wenn sie jene existenziellen Bedrohungen abwehrt. Sind jene Bedürfnisse erfüllt, muss eine den Staat als inter nationalen Akteur repräsentierende Regierung den über die Grundbedürfnisse hin ausreichende Lebensbedingungen der Bevölkerung vor Bedrohungen absichern, um Legitimität zu erwerben. Hierbei gilt es zu beachten, dass wir uns im Bereich der außen- und sicherheitspolitischen Analyse befinden. Es geht somit nicht um Legitimität, welche die Regierung durch Einrichtung beziehungsweise Verbesse rung des sozioökonomischen Systems an sich erwirbt, sondern um die Abwehr von Bedrohungen für das System durch außen. Somit ist der Analysefokus beispielsweise nicht auf die Sozialpolitik gerichtet, son dern vielmehr auf Politikbereiche wie die Außenwirtschaftspolitik, welche in extre men Fällen durchaus auch militärische Komponenten aufweisen kann. Und nicht zuletzt Aspekte wie die Ablehnung des ausländischen Besitzes heimischer, sicher heitsrelevanter Schlüsselindustrien, kann in diesem Zusammenhang gesehen wer den (Buzan 1991: 245). 326 Doch sind es eben nicht nur existenzielle Fragen staatlichen Überlebens schlecht hin oder aber des Verteidigens seiner grundlegenden Ordnungsmuster. Ebenso wenig betrifft das nationale Sicherheitsinteresse nur materielle Bedürfnisse im weit verstandenen, oben erörterten Sinne. Auch Maslow (1943: 379) verweist in seiner Theorie bereits auf eine noch höherstehende Bedürfnisebene: The tendency to have some religion or world-philosophy that organizes the universe and the men in it into some sort o f satisfactorily coherent, meaningful whole is also in part motivated by safety-seeking. Interessant ist hierbei die Reihenfolge, die Maslow wählt. Er argumentiert, dass Re ligion und Philosophie Subjekte des Strebens nach Sicherheit sind. Zugleich aber stellen sie Objekte dessen dar, was Maslow als Bedürfnis nach Selbstverwirklichung aufzeigt. Vor diesem Hintergrund ist das Bewusstsein um jene oberste Stufe der Bedürfnishierarchie, welche bezogen auf den Staat als Hierarchie nationalen Si cherheitsbedürfnisses verstanden wird, von besonderem Interesse, wie auch in Buzans (1991: 64) Suche nach einem Sicherheitskonzept deutlich wird: „Tracing the essence of the state to the socio-political level gives us a major clue about how to approach the idea o f national security. I f the heart o f the state resides in the idea o f it held in the minds o f the population, then that idea itself becomes a major object o f national security.” Letzteres gilt freilich auch für die Verteidigung der obersten Stufe des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses, welche in Maslows Theorie der Ebene der Selbst verwirklichung entspricht. In Anlehnung an Maslows (1943: 382) Formel „What a man can be, he must be“, könnte man also behaupten „What a state can be, it must be“. Auf dieser Ebene geht es um die Realisierung beziehungsweise Verteidigung von Ideen beziehungsweise auch Ideologien, welche aufs Engste mit nationalen Werten verbunden sind. Deren Verteidigung kann auf äußerst defensive Weise — etwa isolationistisch — aber ebenso proaktiv bis hin zu einzelnen militärischen Maßnahmen oder einem systematischen Imperialismus hin erfolgen. Vor dem Hin tergrund einer solchen Bandbreite sei exemplarisch etwa auf Konzepte wie Woodrow Wilsons Making the World Safe f o r Democracy oder aber auch (ideologisch motivierte und gegebenenfalls auch militärisch durchgesetzte) Regimewechsel hin gewiesen (Kinzer 2006). In diese Richtung zielt auch Donald Neuchterleins (1976: 247) werteorientierte De finition ideologischer Interessen im Kontext des nationalen Sicherheitsgedankens, in der er darauf verweist, dass es um „the protection and furtherance of a set of values which the people o f a nation-state share and believe to be universally good” geht. Interessant auch an dieser Stelle ist der Aspekt der spezifischen Konstellati onsperzeption und entsprechenden Interpretation von dem Hintergrund der spezi fischen Sozialisationserfahrungen des Akteurs. Als besonderen Ausdruck ideologi schen Interesses kann das von Neuchterlein beschriebene Weltordnungsinteresse Ebene IV — Das Ideationale Sicherheitsbedürfnis von S taatund Gesellschaft 327 sein, bei welchem es zum Schutz der eigenen nationalen Sicherheit darum geht, die eigenen spezifischen Weltordnungsvorstellungen auf globaler oder zumindest regi onaler Ebene umzusetzen. Obgleich dieses Interesse Ausdruck des Schutzes auch unterer Ebenen darstellt, wird es selbst wiederum als eigene Staatsidee Gegenstand der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Es ist wichtig, diesen doppelten Charakter zu erfassen, um nicht dem eingeschränk ten Sicherheitsbegriff der nach wie vor dominierenden klassischen Sicherheitsstu dien zum Opfer zu fallen. Denn während Waltz zurecht konstatiert, dass unter der Systembedingung der Anarchie Sicherheit im Sinne von Überleben das oberste Ziel sei, schränkt er die Spannweite der Sicherheit zugleich doch ein, indem er zwar sagt, dass diese erforderlich für die Gewährleistung weiterer Ziele wie Ruhe, Profit oder Macht sei. Er versäumt es jedoch, diese Errungenschaften selbst wieder zum Gegenstand eines dann erweiterten Sicherheitsbegriffs zu machen. Die Problematik einer Beschränkung auf Überleben an sich wird von jüngeren, alternativen Ansät zen im Bereich der internationalen Sicherheitsstudien kritisiert. So versucht Bald win (1997: 21) etwa den Aspekt staatlichen Überlebens auf das Überleben nationa ler Werte zu übertragen: „The equation o f security with survival provides little or no guidance with respect to how to an swer the question: ,Survival o f which values?’ To say that states strive to ensure their own surviv al does not tell one very much. This is especially true for Waltz, who defined states in terms of the functions they perform. [ ...] I f all o f these functions are included as part o f the acquired val ues that define security, the concept becomes so broad that it loses its utility for distinguishing among policy goals.” Den Ausgangspunkt von Baldwins Suche nach einem Sicherheitskonzept stellt hierbei Arnold Wolfers (1952: 485) klassische Charakterisierung von Sicherheit als „absence o f threats to acquired values“ dar. Baldwin (1997: 13) modifiziert diesen Ansatz dahingehend, dass unter Sicherheit eine „low probability o f damage to ac quired values“. Diese Auffassung zielt auf die Bewahrung erworbener Werte ab statt auf die Anwesenheit oder Abwesenheit von Bedrohung, was Baldwin (1997: 17 f.) so begründet: “|I]f [national] security is specified in terms o f threats to all acquired values o f a state, it becomes almost synonymous with national welfare or national interest and is virtually useless for distin guishing among policy objectives.” Genau vor diesem Hintergrund zeigt sich, wie wichtig die Differenzierung und Hierarchisierung des nationalen Sicherheitsinteresses ist. Dies gilt umso mehr, wenn, wie beim interpretativen Realismus ein traditionell bedrohungsorientierter Ansatz verfolgt wird. Dies geschieht allerdings in einer Weise, in welcher die spezifischen Bedrohungen für die verschiedenen Stufen des nationalen Sicherheitsinteresses konzeptualisiert werden.48 Angesichts der großen Bedeutung der obersten Hierar 48 Da die Herleitung einer solchen Konzeptualisierung umfangreich ist und den Rahmen dieses Beitrages bei weitem übersteigen würde, muss an dieser Stelle darauf verzichtet 328 chiestufe für das Verständnis des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses, gilt es, das Konzept staatlicher Identität näher zu spezifizieren, welches gleichermaßen der abstrakteste, am wenigsten leicht zu greifende Bestandteil von Staatlichkeit ist, zugleich aber der zentralste (Buzan 1991: 69). Versucht man, die Idee eines Staates im Sinne seiner Identität zu greifen, so erwiest sich ein Rückgriff auf grundlegende Regierungsfunktionen, kollektive Güter etc. nur als bedingt hilfreich (Buzan 1991: 70). Stattdessen schlägt Buzan (1991: 79) einen Ansatz vor, welcher dem komplexe ren Charakter des Begriffes gerecht werden soll und von dem einige Aspekte be reits oben angeklungen sind: “The idea o f the state can take many forms [ ...] Organizing ideologies are perhaps the most obvious type o f higher idea o f the state. These can take the form o f identification with some fairly general principle, like Islam, or democracy, or some more specific political doctrine, like republicanism or communism. M any varieties o f political, economic, religious and social ideology can serve as an idea o f the state, and will be closely connected to the state’s institutional structures. In some cases an organizational ideology will be so deeply ingrained into the state that change would have transformational, or perhaps fatal, implications. Pluralist democracy and capitalism, for example, are so basic to the construction o f the United States that it is hard to imagine the United States without them. Similarly for Saudi Arabia and Islam, and Israel and Zionism.” Vor dem Hintergrund jenes Verständnisses staatlicher Identität entwickelt Buzan das Konzept der societal security, welches später von W ^ver et al. (2007) aufgegriffen und in modifizierter Form weiterentwickelt wird. Hierbei bestimmen W ^ver et al. (2007: 83) den Begriff der Gesellschaft dahingehend näher, dass „society is about identity, the self-conception o f communities, and those individuals who identify themselves as members o f a particular community”. Bei Societal Security geht es somit um die Wahrung des “essential character“ (W^ver et al. 2007: 21) einer Nation. McSweeny (1996:82) zeigt in diesem Zusammenhang die enorme Bedeutung des staatlichen Identitätsfaktors für das das nationale Sicherheitsinteresse auf, stellt er doch „societal identity as the core variable vulnerable to threats and in need of security“ dar. Zusammenfassend lässt sich somit feststellen: Während es in den vorangegangenen Stufen also um die Sicherheit der politischen Ordnung bzw. der Wirtschaftsord nung sowie der sozioökonomischen Ordnung ging, betrifft die Ebene der kol lektiven gesellschaftlichen Selbstverwirklichung letztlich die Frage der soziokulturellen Ordnung. Hierunter fallen konkret Aspekte wie nationale Identität, nationale Werte und der einer Nation eigene way o f life als Ausdruck jener Ideen und Werte verstanden, wobei an dieser Stelle etwa kulturelle, historische und religiöse Aspekte eine Rolle spielen. Auch die Frage einer spezifischen Wirtschafts- und Gesell schaftsordnung kann unter diesen Aspekt fallen, insofern sie nicht nur der elemenwerden. Da es im Beitrag aber vor allem darum geht, das Grundkonzept Maslows in den Bereich der internationalen Sicherheitsbeziehungen zu übertragen und die Bedrohungs analyse lediglich eine horizontale Erweiterung der Hierarchisierung darstellt, erscheint dieser Schritt vertretbar. 329 taren Bedürfnisbefriedigung oder der Aufrechterhaltung des Lebensstandards dient, sondern als sinnstiftendes Element im Selbstverständnis eines Staates und seiner Gesellschaft zu verstehen ist, wie etwa der Colbertismus lange Zeit in Frankreich oder das langjährige bundesdeutsche Selbstverständnis als Wirtschaftsmacht in Ab grenzung zur Identität einer klassische politisch-militärischen Macht. Hat man er kannt, welch entscheidende Rolle die nationale Identität im Kontext des komplexen nationalen Sicherheitsinteresses spielt, dann wird deutlich, dass auch Versuche etwa durch andere Staaten oder nicht unmittelbar zu bestimmten Staaten zuordenbare spezifische Ideologien verbreitende Akteure wie etwa al-Quaida, abweichende soziokulturelle Ordnungsvorstellungen zu verbreiten, als Bedrohung des nationalen Sicherheitsinteresses gesehen werden muss (Buzan 1991: 79). Wie schon angeklun gen stellt das komplexe staatliche Sicherheitsbedürfnis die Interpretation seitens des oder der den Staat als Akteur repräsentierenden Handelnden dar, welche Ebene der Bedürfnishierarchie für den Staat gerade in für das nationale Sicherheitsinteresse relevanter Weise betroffen ist. Um dies sinnvoll abbilden zu können, ist sowohl die Struktur- als auch die Akteur Seite zu berücksichtigen. Während die Strukturseite darüber Aufschluss bietet, in welchem Stadium der Strukturausprägung der Staat sich relativ zu einem anderen, unter Sicherheits- beziehungsweise Bedrohungsgesichtspunkten relevanten Staat befindet und wie davon ausgehend die objektive systembedingte Gefährdungslage aus Sicht des Staates einzuschätzen ist, liefert die Akteur-Seite Einsichten hinsicht lich der konkreten Perzeption und Interpretation von Struktur und Konstellation. Auf diese Weise lassen sich die zwei Interessenkomponenten, in die das nationale Sicherheitsinteresse sinnvollerweise differenziert werden kann, nämlich existenziel les Grundinteresse (bezogen auf die Struktur) und das jeweils konstellationsspezifi sche situative Interesse. Das Fehlen der zentralen Akteurskomponente in Form der Interpretationsfähigkeit beziehungsweise konkreter Interpretation von Struktur und Konstellation durch den Akteur ist gewiss eine der größten Schwachstellen auch und gerade des realistischen Paradigmas in den Internationalen Beziehungen. Ohne die Einbeziehung der interpretativen Komponente aber erweist sich die Theorie letztlich als ungeeignet, konkretes zwischenstaatliches Verhalten zu erklären, wie Weldes (1996: 278) in ihrer Kritik gut auf den Punkt bringt: “The traditional realist conception o f the national interest therefore cannot help us to explain the adoption by a state o f particular policies over alternative means for achieving security. That is, it cannot tell us about the historically contingent content o f the national interest as identifled and pursued by state officials. 'The injunction to "pursue the national interest" ', it seems, 'has no substantive content' (Rosenberg, 1990: 291) and so is not very helpful for understanding the concrete actions o f states in the international system.” Hinzu kommt, dass die großen traditionellen Paradigmen auf der Annahme beru hen, dass die autonom existierende Realität jedermann unmittelbar zugänglich sei, also mit anderen Worten eine identische Wahrnehmung und Interpretation in je dem Akteur stattfinde. Im realistischen Kontext hieße das etwa, dass die Verteilung 330 der Capabilities für jeden Akteur gleichermaßen wahrnehmbar und bewertbar sei und eine akkurate Bedrohungseinschätzung hierauf begründet werden könne, die für jeden Akteur prinzipiell gleich ausfalle und notwendigerweise auch gleich ausfal len müsse. Genau auf dieser Prämisse basierend stellte Morgenthau (1951: 7) die Forderung an die Staatslenker dieser Welt, ihre Abneigung zu überkommen, die Probleme der internationalen Politik so zu sehen, wie sie sind. Wie aber in den vo rangegangenen Kapiteln aufgezeigt wurde, erschließt sich die objektive Realität nicht für jedes Individuum auf gleiche Weise; vielmehr entsteht eine subjektive Re präsentation dieser objektiven Realität vor dem Hintergrund individueller Anlagen, Sozialisationserfahrungen und letztlich struktureller Kontexte (welche ihrerseits der Wahrnehmung und Interpretation bedürfen). Diese so entstehenden individuellen Realitätsrepräsentationen können zwischen Individuen in hohem Maße kongruent sein oder aber grundsätzlich oder zumindest in einzelnen, möglicherweise aus schlaggebenden Punkten, voneinander abweichen. Bezogen auf die motivationale Seite zwischenstaatlichen Entscheidens bedeutet dies, dass die Interpretation erschlossen werden muss, was nur durch das Berück sichtigen von Aspekten wie Sozialisationserfahrungen und relevanten strukturellen Kontexten (wie etwa Kleingruppendynamiken oder bürokratische Dynamiken) möglich ist. Weldes (1996: 279) hat diese Problematik bereits vor längerer Zeit formuliert: “The difficulty, o f course, is that objects and events do not present themselves unproblematically to the observer, however 'realistic' he or she may be. Determining what the particular situation faced by a state is, what if any threat a state faces, and what the 'correct' national interest with respect to that situation or threat is, always requires interpretation. Rather than being self-evident, that is, threats, and states' national interests in the face o f threats, are fundamentally matters of interpretation.” Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die objektive Wirklichkeit ein und dersel ben Ereignisstruktur von den Entscheidungsträgern daran beteiligter Aktionssys teme in subjektiven Vorstellungsbildern und Bewertungen erfasst wird, die inhalt lich voneinander abweichen, obwohl sie sich auf die gleiche Angelegenheit bezie hen (Kindermann 1986c: 126). Als Konsequenz kann das dazu führen, dass die Vorstellungen, welche sich Entscheidungsträger Sachverhalten und ihren Bedingt heiten machen, nicht nur zu bestimmten damit korrespondieren Handlungen füh ren können, sondern letztlich auch zur Schaffung neuer Wirklichkeitsstrukturen. Grundsätzlich gilt somit: Bevor der Staat handeln kann, finden auf unterschiedli chen Ebenen und durch unterschiedliche Akteure jeweils eigenständige Perzeptio nen und darauf aufbauende Interpretationsprozesse statt, die zu ganz spezifischen Repräsentationen führen. Diese gehen in den innerstaatlichen Entscheidungspro zess ein, der schließlich zu empirisch erkennbaren zwischenstaatlichen Aktionen führt. Die hierbei ablaufenden Logiken und Dynamiken wurden im vorangegange nen Kapitel erläutert. Auch Maslow weist in seiner Theorie auf die Bedeutung der Wahrnehmung der äußeren Umstände durch den Akteur hin und tangiert damit 331 genau die beiden Aspekte der (abstrakten) Strukturausprägung sowie der konkreten Konstellationsgestaltung. Die jeweilige Wahrnehmung kann hierbei durch Aspekte wie spezifische historische Erfahrungen beeinflusst werden, sowie auf kulturspezi fischen Sozialisationsprägungen basieren (Maslow 1943: 388 f.). Gerade letztge nannter Aspekt wird auch in Maslows Theorie (Maslow 1943: 389) reflektiert, wie seine Ausführungen zum Verhältnis von Universalität und kultureller Spezifizität von Bedürfnissen zeigen: “This classification o f basic needs makes some attempt to take account o f the relative unity behind the superficial differences in specific desires from one culture to another. Certainly in any particular culture an individual's conscious motivational content will usually be extremely differ ent from the conscious motivational content o f an individual in another society. However, it is the common experience o f anthropologists that people, even in different societies, are much more alike than we would think from our first contact with them.” Genau dieser Aspekt von simultan auftretender prinzipieller Gleichheit und sozialisations- wie situationsbedingter Differenz muss in einem Erklärungsansatz für zwi schenstaatliches Handeln berücksichtigt werden, wo von prinzipieller Gleichheit im Bereich der einfachen Wahrnehmung der Systemstruktur beziehungsweise des dar aus resultierenden grundlegenden nationalen Sicherheitsinteresses einerseits und der komplexen, konstellationsspezifischen Wahrnehmung beziehungsweise des ent sprechenden Sicherheitsinteresses nunmehr in seiner Hierarchisierung ausgegangen wird. Vor diesem Hintergrund lassen sich nunmehr auch Aussagen wie die von Wendt (2004 [1999]: 236) besser analysieren und verstehen: „As with survival what counts as securing autonomy will vary from case to case.“ Im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von konkreten Bedrohungen für das nationale Sicherheitsinte resse ist zudem interessant, was Maslow (1943: 387) mit Hinblick auf den Grad der Nähe zu den Grundbedürfnissen auf individueller Ebene aufzeigt: “ [W]e have already pointed out that any conscious desires (partial goals) are more or less im portant as they are more or less close to the basic needs. The same statement may be made for various behavior acts. An act is psychologically important if it contributes directly to satisfaction o f basic needs. The less directly it so contributes, or the weaker this contribution is, the less im portant this act must be conceived to be from the point o f view o f dynamic psychology. A similar statement may be made for the various defense or coping mechanisms. Some are very directly related to the protection or attainment o f the basic needs, others are only weakly and distantly related. Indeed if we wished, we could speak o f more basic and less basic defense mechanisms, and then affirm that danger to, the more basic defenses is more threatening than danger to less basic defenses (always remembering that this is so only because o f their relationship to the basic needs). Ferner legt Maslow weitere Punkte dar, die auch für die Analyse staatlichen Han delns im internationalen Kontext von Relevanz sind. So zeigt er etwa auf, dass eine ganze Reihe von Randbedingungen existiert, welche von so erheblichem Einfluss auf die Bedürfnisbefriedigung sein können, dass sie selbst zum Teil des Bedürfnis ses werden: 332 „There are certain conditions which are immediate prerequisites for the basic need satisfactions. Danger to these is reacted to almost as if it were a direct danger to the basic needs themselves. [ ...] Thwarting in these freedoms will be reacted to with a threat or emergency response. These conditions are not ends in themselves but they are almost so since they are so closely related to the basic needs, which are apparently the only ends in themselves. These conditions are defended because without them the basic satisfactions are quite impossible, or at least, very severely endangered” (Maslow 1943: 383). Analog lässt sich also für den Staat annehmen, dass bei der Realisierung der Vertei digung einer bestimmten Komponente des nationalen Sicherheitsinteresses eben falls Randbedingungen bestehen, welche ebenfalls in der Wahrnehmung der Akteu re zum intrinsischen Bestandteil des nationalen Sicherheitsinteresses werden. In diesem Zusammenhang kann es auch passieren, dass die Bedürfnisebenen sich auch jenseits der oben angedeuteten bloßen Verbundenheit untereinander deutlich überschneiden, wie oben schon angedeutet. Doch auch das lässt sich anhand der Theorie Maslows (1943: 386) nachvollziehen: “We have spoken so far as if this hierarchy were a fixed order but actually it is not nearly as rigid as we may have im plied.” Abweichungen von der regulären Hierarchieordnung können zudem auftre ten, wenn ein Bedürfnis schon sehr lange Zeit erfüllt ist; dann nämlich besteht die Gefahr, dass es unterbewertet wird (Maslow 1943: 387). Und nicht zuletzt kann es gerade auf der obersten Ebene der Bedürfnispyramide, wo es um Werte, Ideen, Ideologien etc. geht, dazu kommen, dass es zum Phänomen von Märtyrertum kommt, also der grundlegende Wert des eigenen physischen Überlebens dem Über leben einer Idee gewidmet wird: “Perhaps more important than all these exceptions are the ones that involve ideals, high social standards, high values and the like. W ith such values people become martyrs; they will give up everything for the sake o f a particular ideal, or value” (Maslow 1943: 387). Bezogen auf die staatliche Ebene ist eine unmittelbare Analogie nur schwer mög lich, obwohl Verzweiflungsaktionen wie etwa der Ruf nach dem totalen Krieg im Angesicht einer sich bereits deutlich abzeichnenden Niederlage durchaus in diese Kategorie fallen könnten. Abstrakter gesprochen jedoch könnte man von einer Si tuation sprechen, in welcher ein Staat bereit ist, eine unverhältnismäßig hohe An zahl von Menschen und Material zu opfern, um einer bestimmten Ideologie Genü ge zu tun, ohne dass eine realistische Chance auf Wahrung oder Realisierung be steht. Nicht zuletzt gilt es noch zwei Aspekte zu nennen, welche ebenfalls in der Analyse von Staatshandeln bedeutsam sind. Aufgrund des ausgeprägten Modellcharakters in Form der Bedürfnispyramide kann leicht der Eindruck entstehen, dass sobald ein (nationales Sicherheits-) Bedürfnis befriedigt ist, augenblicklich ein höherstehendes auf den Plan tritt. Umgekehrt könnte man annehmen, dass jedes Bedürfnis zu ein hundert Prozent gewährleistet sein muss, bevor es zum Wirksamwerden anderer, das heißt in der Hierarchie höherstehender Bedürfnisse kommen kann. Vielmehr ist aus realistischen Erwägungen jedoch davon auszugehen, dass zu keinem Zeitpunkt 333 alle Grundbedürfnisse vollkommen befriedigt sind. Mit anderen Worten und bezo gen auf den Staat spiegelt sich dieser Umstand in der trivialen Erkenntnis wider, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann. Letztlich geht es also um die Analyse relativer Sicherheit auf verschiedenen Ebenen, wobei Maslow (1943. 388) darauf verweist, dass „[a] more realistic description of the hierarchy would be in terms of decreasing percentages of satisfaction as we go up the hierarchy of prepotency”. Hand in Hand hiermit geht die Erkenntnis, dass Verhalten regelmäßig von ver schiedenen Motiven angetrieben wird, sodass durch die Analyse des Grades der relativen Bedürfnisbefriedigung der relative Einfluss der Bedürfnisse der verschie denen Ebenen auf das empirisch beobachtbare Staatshandeln erkennbar wird (Maslow 1943: 390 f.). In der politischen Praxis spielen hierbei zudem weitere Aspekte eine Rolle, welche nicht unerwähnt bleiben dürfen, aber letztlich bereits implizit Berücksichtigung ge funden haben. So spielen auf allen Ebenen des Sicherheitsbedürfnisses bei der Be wertung der Bedrohungslage durch den Akteur Aspekte wie die räumliche bezie hungsweise geographische Nähe der Bedrohung, deren konkrete Ausprägung, aber ebenso die Kosten, die mit unterschiedlichen Reaktionen auf die Bedrohung antizi piert werden, eine Rolle (Drew/Snow 2006). Dies gilt ebenso für die Bedrohungs intensität, die von einer existenziellen über eine vitale und ernst zu nehmende Be drohung bis hin zu einem nur peripheren Bedrohungsgrad reichen kann. Während es bei existenziellen Bedrohungslagen um die tatsächliche Existenz des durch die jeweilige Bedürfnisstufe verkörperten Sicherheitsaspekts bis hin zur tatsächlichen physischen Existenz des Staates geht, kann unter vitalen Bedrohungslagen eine starke Gefährdung verstanden werden, welcher nur unter Aufbietung starker Ge genkräfte und -mittel abgewendet werden kann. Bei ernst zu nehmenden Bedro hungslagen kann es zu signifikanten, jedoch nicht grundlegenden Gefährdungen kommen; deren Abwehr erfordert nicht unerheblichen Einsatz, jedoch sind die Auswirkungen auf die alltäglichen Gesellschaftsabläufe nur beschränkt bis marginal. Periphere Bedrohungslagen stellen keine größere Herausforderung für die Abwehr fähigkeit des Staates auf den unterschiedlichen Bedürfnisebenen dar. Dennoch handelt es sich um Abweichungen von Zielvorstellungen, die materielle wie imma terielle Kosten verursachen können. 334

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References

Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.