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4. Der Komplexe Akteur: Ebenen, Einheiten und Dynamiken Innerstaatlicher Prozesse in der Zwischenstaatlichen Entscheidung in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 183 - 304

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-183

Tectum, Baden-Baden
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4. Der Komplexe Akteur: Ebenen, Einheiten und Dynamiken Innerstaatlicher Prozesse in der Zwischenstaatlichen Entscheidung ‘l t i s extremely im portantforscholars o f worldpolitics to move b eyond [ . . . ] simple starüngproposiüons. The next step is to examine how our human natures’ influence world po litics and how our previous views o f human nature have shaped the world we live in. [ . . . ] T hepath to decreased tension, conflict resolution, and improved security lies in reexamining the relationship between human nature\ politicalpractices, and institutions and in devisingpolicies thatactually d ecrea sefea randenhance trust.” (Crawford2009) 4.1 Von der Philosophie zur Neurowissenschaft: Die Menschliche Natur Die Frage nach der Handlungslogik des Individuums bringt notwendigerweise die Auseinandersetzung mit einem der kontroversesten Konzepte der sozial- und ins besondere politikwissenschaftlichen Theoriebildung (vgl. Schuett 2010: 22) mit sich: der sogenannten menschlichen Natur. Unter dem Konzept der menschlichen Natur werden dabei die definierenden Charakteristika des Menschen hinsichtlich seines Denkens, Fühlens und Handelns verstanden, welche dieser unabhängig von sozialen und kulturellen Einflüssen aufweist. Fragen, welches genau diese Charakte ristika sind, was sie ausmacht und ob beziehungsweise wie veränderlich die menschliche Natur ist, gehören zur Grundthematik nicht nur der westlichen Philo sophie. Im Abendland haben sich Denker von Sokrates und Aristoteles über Hobbes, Rousseau und Hegel bis hin zu Marx, Kierkegaard oder Sartre mit der mensch lichen Natur befasst. Vor diesem Hintergrund vermag es nicht zu verwundern, dass ein erheblicher Korpus an Schrifttum zu Fragen der menschlichen Natur vorgelegt wurde, wobei sich neben der Philosophie zahlreiche relevante Arbeiten unter ande rem auch auf Seiten der Anthropologie, der Biologie, der Soziologie und der Psy chologie finden lassen (vgl. exemplarisch Abel 1992, Arnhart 1998, Benthall 1973, Berry 1986, Cantril 1961, Chomsky 1996, 2006, Coward 2008, Cumming 1969, Curti 1980, Davies 1963, Forbes/Smith 1981, Freud 1933, Freyberg-Inan 2004, Fruehwald 2011, Geras 1983, Habermas 2003, Hacker 2007, Heinze 2004, Hewitt 2000, Hume 2007 [1739], Jaggar 1983, Kaplan 1976, Loptson 2006, Low 2008, Mil ler 1988, Niebuhr 1941, Frankel Paul et.al. 1991, Pennock 1977, Pinker 2002, Pompa 2002, Rosen 2005, Sarles 1985, Sayers 1998, Schleidgen/Jungert 2011, Schuett 2010, Smith 2007, Stephens 2006, Stevenson 1999, Stevenson/Haberman 2004, Wells/McFadden 2006, Wilson 2004). Speziell im vergangenen Jahrhundert wurden die überlieferten philosophischen Modelle — je nach Lesart — ergänzt oder herausgefordert durch neue Denkrichtun gen wie etwa Behaviorismus, Determinismus und verschiedenen weiteren Ansätzen insbesondere der Psychologie, Medizin, Biologie und den Neurowissenschaften. Was den politikwissenschaftlichen Teilbereich der Internationalen Beziehungen anbelangt, so lassen sich auch dort prominente Theorieansätze finden, bei welchen die menschliche Natur einen vorrangigen Stellenwert einnimmt. Hierbei gilt es ins 183 besondere, wenn auch nicht ausschließlich, den klassischen Realismus sowie aus gewählte Ansätze der Außenpolitikanalyse (FPA) zu erwähnen. Im Bereich des klassischen Realismus ist allem voran Hans Morgenthau zu erwäh nen, dessen zu wesentlichen Teilen anthropozentrisch geprägtes realistisches Den ken schon früh im Rahmen seiner wissenschaftlichen Äußerungen zu Tage getreten ist. So weist bereits sein auf eine funktionale Jurisprudenz hin ausgerichtetes For schungsprogramm der 1920er und 1930er Jahre, welches eine realistische Alternati ve zu bestehenden Konzepten im internationalen Recht entwickeln sollte, neben positivistischen und funktionalistischen auch psychologische Elemente auf (vgl. etwa Morgenthau 1940; vgl. ferner Sheuerman 2008, Jütersonke 2012). Desillusioniert von den beschränkten Möglichkeiten, welche das internationales Recht in sei nen Augen bot, wandte sich Morgenthau nach dem Zweiten Weltkrieg von seinen bis zu jenem Zeitpunkt verfolgten Forschungen auf diesem Gebiet ab und widmete sich nun ausschließlich der Rolle politischer Macht im Kontext zwischenstaatlicher Beziehungen. Jene explizite Hinwendung zu einer maßgeblich auf der menschli chen Natur beruhenden Analyse der internationalen Beziehungen und der diesen innewohnenden, auf menschlichen Charaktereigenschaften beruhenden machtpoli tischen Ausprägung (vgl. insbesondere Morgenthau 1948) trug dabei auch maßgeb lich zu einer klaren Aufteilung der internationalen Analyse in den politikwissen schaftlichen Bereich der Internationalen Beziehungen und den juristischen Bereich des Völkerrechts und somit zu einer spezifischen Profilbildung und Etablierung der Internationalen Beziehungen auf dem Gebiet der Politikwissenschaft bei (vgl. etwa Boyle 1985: 9). Der von Morgenthau maßgeblich geprägte klassische Realismus28 folgte einer bi opsychologischen Argumentation (vgl. hierzu etwa Busser 2006, Crawford 2009), der zufolge Politik entsprechend spezifischer Gesetzmäßigkeiten erfolgt, die sich unmittelbar aus der Natur des Menschen ergeben. Dabei wurde das Menschenbild des klassischen Realismus stark von der politischen Philosophie von Thomas Hobbes beeinflusst. Von dieser wurde etwa die Vorstellung des individuellen Strebens nach Macht und des daraus resultierenden Kampfes aller gegen alle übernommen und auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen. In diesem Zusammenhang sind bei Morgenthau bereits Argumente erkennbar, wie sie später auf fundamentalerer Ebene durch die Sozialpsychologie und dort insbesondere in den Theorien der so zialen Identität formuliert wurden. So geht Morgenthau davon aus, dass die Essenz nationaler Macht in der individuellen Identifikation mit dem Staat begründet liegt; hierbei argumentiert er dahingehend, dass das individuelle Machtstreben aufgrund des gesellschaftlichen Kontextes nicht ausgelebt werden kann, weshalb sich das Individuum mit dem auf internationaler Ebene nach Macht strebenden Staat identi fiziert (vgl. Morgenthau 1985: 119). Dies führt letztlich dazu, dass internationale So gilt Hans Morgenthaus Opus Magnum Politics A-mong N ations als einer der begründen den Texte nicht nur des klassischen Realismus sondern des Teilbereichs Internationale Beziehungen schlechthin (vgl. hierzu etwa Busser 2006: 2) 184 Politik für Morgenthau ein natürlicher Kampf um Macht ist. Seine Vorstellungen eines politischen Realismus der Internationalen Beziehungen geht daher auch von folgender Prämisse aus: ,,[P]olitics, like society in general, is governed by objective laws that have their roots in human nature.” (Morgenthau 1978: 4). Wesentlich be einflusst wird diese an Größen wie Machttrieb und Dominanzwille orientierte Sichtweise zudem von der Philosophie Nietzsches (vgl. etwa Petersen 1999). Da die menschliche Natur zudem als unveränderlich negativ angenommen wird (vgl. Mor genthau 1985: 4) und Gesellschaft und Politik somit objektiven Gesetzmäßigkeiten gehorchen, deren Wurzeln im Wesen der menschlichen Natur begründet liegen, folgt auch die internationale Politik unabänderlichen Dynamiken, welche die menschliche Natur repräsentieren (vgl. Morgenthau 1985: 38ff). Diese Gesetze sind dem Zugriff menschlicher Einflussnahme entzogen; Versuche, sie zu ignorie ren oder zu verändern, resultieren notwendigerweise im Scheitern des Handelns (vgl. Morgenthau 1985: 4). Allerdings war Morgenthau nicht der einzige Vertreter eines derartig geprägten Ansatzes. So geht etwa auch Carr davon aus, dass das auf internationaler Ebene allgegenwärtige Streben nach Macht von Wesen der mensch lichen Natur getrieben wird. Neben ausgewählten Ideen von Hegel und Machiavelli lassen sich auch bei Carr starke Einflüsse der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes finden. Zudem sind deutliche Parallelen zum Werk Sigmund Freuds erkennbar (vgl. Carr 1951: 106, sowie ferner Schuett 2010: 36ff.). Der christlich orientierte Theoretiker der Internationalen Beziehungen Reinhold Niebuhr argumentiert fer ner, dass zwischen dem Willen zur Macht und dem Willen zum Leben keine klare Trennlinie gezogen werden könne. Für ihn, wie auch für Carr, spiegelt die Natur der Staatenwelt just dieses Phänomen wider (vgl. etwa Niebuhr 1960: 3), wobei ins besondere das menschliche Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zu einem um fassenden Gefühl der Unsicherheit führt, was sich in einem extremen Sicherheits und Verteidigungsbedürfnis niederschlägt (vgl. etwa Freyberg-Inan 2004: 68). Ge nau in diesem Zusammenhang kommt das unauflöslich mit dem Überlebenswillen verbundene Streben nach Macht zu tragen. Dieses wird dabei aufEbene von sozia len Gruppen beziehungsweise dann Staaten sogar noch vergrößert, weil Gruppen nicht über eine ebenso ausgeprägte Moralität verfügen wie Individuen. Diese Verbindung der zentralen Rolle des Individuums und der dessen negative menschliche Natur besonders zur Geltung bringenden Interaktion mit der Gruppe lässt sich auch im Werk des ebenfalls dem klassischen Realismus zurechenbaren George Kennan finden, welcher die Größen menschliche Natur und Nationalismus als entscheidend Faktoren zur Erklärung der Dynamik der internationalen Bezie hungen ansieht (vgl. etwa Kennan 1993: 17-36). Internationale Konflikte sind Ken nan zufolge maßgeblich das Produkt von nationalistischen Gefühlen zwischen un terschiedlichen politischen Gruppen, wobei diese Gefühle massenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die ihrerseits wiederum in der menschlichen Natur be gründet liegen. Ganz ähnlich wie George Kennan basiert auch Walter Lippmans Variante des klassischen Realismus auf den beiden zentralen Elementen Nationa lismus und menschliche Natur. Zudem lässt sich bei Lippman die Annahme finden, 185 dass (außen-)politische Dynamiken gruppenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, die ihren Ursprung in der menschlichen Natur haben (vgl. etwa Lippmann, 2005[1913], 2008[1915]). Gemein ist Kennan und Lippmann zudem ihr aus geprägtes Interesse an der Psychoanalyse. Insbesondere Lippmann gilt — gemein sam mit Harold D. Lasswell29 — als einer der Wissenschaftler schlechthin, die Sig mund Freuds Werk in das amerikanisch politische Denken eingebracht haben (vgl. etwa Schuett 2010: 31). Auch George Kennan hat sich sein gesamtes Wirken hin durch immer wieder mit Aspekten der Psychoanalyse auseinandergesetzt.30 Im Zweiten Weltkrieg etwa empfahl er etwa amerikanischen Regierungsvertretern, mithilfe der Methoden der Psychoanalyse die Sowjetunion zu analysieren. Insge samt hatte Kennans intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse einen nachhaltigen Einfluss darauf, wie er den Menschen konzeptualisiert hat; dies wird etwa an seinen Aussagen deutlich, die er in seinem Werk A round the Cragged Hill: A. Personal and Political Philosophy (1993) formuliert hat. In dieser Essenz seines poli tisch-philosophischen Denkens zu den internationalen Beziehungen lassen sich frappierende Übereinstimmungen mit Annahmen von Sigmund Freud ausmachen. So erscheint der Mensch bei Kennan als ein geborstenes Gefäß (cracked vessel), das von zwei Hauptimpulsen beherrscht wird und an zwei Fronten in tiefgreifende, existenzielle Kämpfe verwickelt ist: einerseits mit sich selbst und andererseits mit den anderen Menschen, der Gesellschaft: “Man, to the degree that he tries to shape his behavior to the requirements o f civilization, is unquestionably a cracked vessel. His nature is the scene o f a never-ending and never quite resolvable conflict between two very profound impulses” (Kennan 1993: 17). Die Metapher des Menschen als geborstenes Gefäß zeigt Kennans Nähe zu Sig mund Freuds Denken, wie es etwa in dessen Werk Unbehagen der Kultur (Freud 1930) zutage tritt, auf besonders deutliche Weise auf. Wie Freud stellt Kennan sehr deutlich das profunde Unwohlsein des Menschen als Mitglied einer sozialen bezie hungsweise politischen Gemeinschaft dar, die aus dem Zusammenspiel der Wider sprüche der Primitivität seiner angeborenen Instinkte und Impulse einerseits und den ausgefeilten Ansprüchen der Zivilisation andererseits herrührt. Diese Wider sprüche zerstören die Einheit und Kohärenz seines Denkens und Handelns, brin Lasswell, der nicht zuletzt durch seine wissenschaftlichen Arbeiten zur politischen Kom munikation und insbesondere auch über Propaganda Bekanntheit erlangt hat, wurde ebenfalls sehr stark von Sigmund Freuds Theorien beeinflusst. Praktische Bedeutung er langten seine psychoanalytisch geprägten Analysen während des Zweiten Weltkrieges, wo Lass well das Amt des C hief o f the Pxperim enta l Division f o r the Study o f W ar Time Communica tions an der Library o f Congress innehatte. In dieser Funktion analysierte er nationalsozia listische Propagandafilme, um heruszufinden, welche Mechanismen genutzt warden, um die Ergebenheit und die Unterstützung der deutschen Bevölkerung für Hitler und dessen Kriegsverbrechen zu gewinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten Lasswells Arbei ten schließlich einen maßgeblichen Beitrag bei der Entwicklung des Behavioralismus. Kennan pflegte auch persönliche Kontakte mit Anna Freud, wo er tiefe Einblicke in Le ben und W erk ihres Vaters erhielt (vgl. Costigliola 1997: 1323). 186 gen seine Anstrengungen durcheinander, beschränken die Möglichkeiten dessen, was er erreichen könnte und tragen letztlich dazu bei, dass unterschiedliche Teile der Persönlichkeit auseinanderfallen (vgl. Kennan 1993: 27). Derartige Vorstellungen wie auch die Annahme des klassischen Realismus insge samt, der zufolge Politik von Gesetzmäßigkeiten determiniert wird, die in der wie auch immer beschriebenen menschlichen Natur begründet liegen, blieben nicht frei von Kritik. Nicht zuletzt die Vorstellung von einer gleichermaßen negativen wie unveränderlichen menschlichen Natur führte zu kritischen und teils sogar feindseli gen Reaktionen, letztere vor allem auf Seiten von Vertretern kritischer, feministi scher und postmoderner Theorieansätze (vgl. etwa Schuett 2010: 23, sowie Frey berg-Inan 2004, 2006). Weitere Kritik ließ sich aber auch aus dem realistischen La ger selbst vernehmen, insbesondere nachdem der Neorealismus zusehends einen prominenten Platz einzunehmen begonnen hatte. Für Kenneth Waltz, den Vor denker des Neorealismus in den Internationalen Beziehungen sprachen zwei Ar gumente gegen die Rückführung von zwischenstaatlichem Verhalten auf das Indi viduum und seine Anlagen: Zum einen sei ein solcher Ansatz reduktionistisch (vgl. Waltz 1979: 18), zum anderen sei ein derartiges Vorgehen aber ohnehin unnötig, da die menschliche Natur, die den Vorstellungen des rational agierenden homo oeconomicus entspreche, konstant sei und somit Varianz in zwischenstaatlichen Bezie hungen per se nicht erklären könne, wie Waltz (1959: 27) weiterhin ausführt: ,,[T]he importance o f human nature as a factor in causal analysis o f social events is reduced by the fact that the same nature, however defined, has to explain an infinite variety o f social events” . Vor diesem Hintergrund gelangte Waltz zu der Ansicht, dass es, strukturelle Aspek te seien, welche — wie oben dargelegt — die Dynamik der internationalen Beziehun gen erklären. Als Waltz seiner Theorie zwischen den 1950er und 1970er zu entwi ckeln begann, und vermehrt naturwissenschaftliche Vorstellungen in die Politikwis senschaft Einzug zu halten begann, erwuchs zwar ein entsprechender Anspruch auch für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens, dem Waltz gerecht zu werden bestrebt war. Zugleich aber stand ihm ein geeignetes Instrumentarium für First Image-Analysen nicht zur Verfügung, sodass er konsequenterweise das Erste (und damit zusammenhängend auch das Zweite) Image ausblendete und sich auf die strukturelle dritte Analyseebene des internationalen Systems beschränkte. Einer der Gründe, weshalb naturwissenschaftlich begründete Fist-Image Erklärungen zunächst nicht zu finden waren, lag nicht zuletzt in der ideologisch missbräuchlichen Nutzung solcher Ansätze speziell im Kontext des Nationalsozia lismus (etwa Eugenik) begründet. Auch hatte die aus Darwins Evolutionstheorie abgeleitete Vorstellung einer auf sozialdarwinistischen Regeln beruhenden Gesell schaft biologische Erklärungen für sozialwissenschaftliche Ansätze zunächst dis kreditiert. Das galt zumindest für den Mainstream der Forschung. Vereinzelt wurde die aus den Lehren Darwins abgeleitete Erkenntnis, dass Menschen (wie auch an dere Spezies) zumindest einmal aus langfristiger Perspektive keineswegs über eine 187 unabänderliche Natur verfügen, weiterverfolgt. Diese Offenheit für eine Auseinan dersetzung mit Darwin ermöglichte es der modernen Biologie schließlich auch, neue Wege zum Verständnis der menschlichen Natur auch innerhalb der gewöhnli chen Lebensspanne des Menschen zu finden, welche dann auch allmählich auf das Gebiet der Sozialwissenschaften vordringen konnten. Insbesondere seit den 1970er Jahren lassen sich Versuche erkennen, evolutionäre Erklärungsansätze zu nutzen, um soziale Gegebenheiten und Dynamiken zu analysieren. Die dort entstehenden soziobiologischen beziehungsweise evolutionspsychologischen Wirklichkeitszugän ge zielten dabei etwa darauf ab, menschliches Verhalten auf Grundlage individueller genetischer Dispositionen erklären (vgl. hierzu etwa Busse 2006). Mit anderen Wor ten ging es um nichts Geringeres als “the systematic study o f the biological basis of all social behaviour”, wie es Edward Wilson (1975: 4), einer der Pioniere der Soziobiologie formulierte. Anders als die Ethnologie, die primär einen deskriptiven An satz verfolgt, geht es der Soziobiologie um das Nachvollziehen der Mechanismen, welche im Verlauf der Stammesgeschichte spezifische Verhaltensweisen hervorge bracht haben. Ein besonderer Fokus liegt auf dem adaptiven Wert des Sozialverhal tens als Bestandteil des Gesamtverhaltens. Dabei wird in Abgrenzung etwa von der Gruppenselektionstheorie angenommen, dass evolutionäre Selektion an den Genen des Individuums ansetzt, Evolution als individuell und nicht gruppen- oder artspe zifisch ist.31 In engem Zusammenhang mit der Soziobiologie steht die evolutionäre Psychologie32, welche menschliches Erleben und Verhalten mit Erkenntnissen über die Evolution erklärt. Von der Annahme ausgehend, dass das der Verstand aus ei ner Vielzahl interagierender emotionaler, motivationaler und kognitiver Adaptio nen, den sogenannten mentalen Modulen, besteht, ist die evolutionäre Psychologie bestrebt herauszufinden, welche psychologischen Merkmale des Individuums funk tionale Ergebnisse natürlicher Selektion sind, also der Idee einer unveränderlichen Zentrale Prämisse der Soziobiologie ist die unbegrenzte Replikationstendenz der Gene. DNS-Molekülketten fungieren als Träger der Gene und verfügen über die Fähigkeit, ständig Kopien von sich selbst herzustellen. Gene zeichnen sich dadurch aus, dass sie — anders als der sterbliche Körper — Generationen überdauern können und über unbe grenzte Rekombinaüonsmöglichkeiten verfügen. Die Ausdrucksform des Genotyps, der jeweils eine einmalige Verbindung von Genen darstellt, ist der Phänotyp, das heißt die sich aufgrund der im Genotyp enthaltenen Information ausprägenden Körper- und Ver haltensmerkmale des Individuums. Der Phänotyp — und als einer seiner Aspekte das Ver halten — bildet den unmittelbaren Ansatzpunkt für den Selektionsprozess. Gut angepasste Phänotypen zeichnen sich durch hohe Fortpflanzungsraten aus. Das heißt, ihre Gene können sich gegenüber den Genen weniger gut angepasster Phänotypen ausbreiten. Be günstigt werden Gene, die ihre Träger mit Verhaltensweisen ausstatten, mit denen sie die ihnen zur Verfügung stehende Zeit und Energie erfolgreicher im Kam pf um knappe Res sourcen einsetzen können als konkurrierende Individuen oder Artgenossen. Kurz: Sie si chern sich dadurch Überlebens- oder Ausbreitungsvorteile. Das Maß für die Eignung ei nes Gens ist folglich die Häufigkeit seiner Verbreitung in der nächsten Generation. Diese wird mitunter auch als Evolutionspsychologie bezeichnet; der Begriff „Evolutionary Psychology“ wurde von Ghiselin (1973) geprägt. 188 menschlichen Natur zuwiderlaufen. Die Evolutionspsychologie argumentiert somit dahingehend, dass ein Großteil menschlichen Verhaltens als Ausdruck psychologi scher Anpassungsprozesse an entwicklungsgeschichtlich immer wieder auftretende Probleme zu verstehen ist (vgl. etwa Buller 2005; Barkow et al. 1992; Buss 2005; Workman/Reader 2004; kritisch Laland/Brown 2002; für Verbindungen zwischen Soziobiologie und Evolutionsbiologie vgl. zudem Dupre 2001, Alcock 2001, kri tisch: Dawkins). Ihrem Anspruch nach stellt die evolutionäre Psychologie dem ge samten Fach neue Analyseansätze zur Verfügung (vgl. etwa Sell et.al. 2006). Seit den 1990er Jahren konnte sich die Evolutionspsychologie zu einem eigenständigen und einflussreichen Teilgebiet der Psychologie entwickeln (vgl. Barkow/Tooby/Cosmides 1992, Pinker 1997, 2002, Buss 2003, Badcock 2000, Buller 2005, Dunbar/Barrett 2007, Dupre 2003, Pinker 2002, Hoffrage/Vitouch 2007). Mittlerweile wird der Ansatz gemeinsam mit der kognitiven Neurowissenschaft als ein zentrales Element der zunehmend biologisch ausgerichteten Kognitionswissen schaft, der Sozialpsychologie und benachbarter sozialwissenschaftlicher Disziplinen begriffen. Auch die Politikwissenschaft hat angefangen, soziobiologische bezie hungsweise evolutionspsychologische Argumente im Bereich der Internationalen Beziehungen zu rezipieren. Dies geschah nicht zuletzt im Zusammenhang einer kritischen Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des klassischen Realismus. Hierbei konvenierte der Anspruch der Soziobiologie beziehungsweise evolutionä ren Biologie sehr gut mit den Zielsetzungen eines modifizierten Realismus in den Internationalen Beziehungen: “|T]he goal o f evolutionary theory is to understand the ultimate causes o f behaviour, and because these causes are testable they provide a solid foundation for a realist approach to the study of politics” (Busser 2006: 9). So wurde etwa versucht, Rational Choice Ansätze mit Konzepten der evolutionä ren Psychologie zusammenzubringen, um zu belegen, dass universelle biologische Impulse immer wieder ursächlich für zwischenstaatliche Konflikte und Kriege sind (vgl. etwa Thayer 2000). Trotz dieser erfolgreichen Entwicklung ist die evolutionäre Psychologie nicht gänzlich unumstritten (vgl. etwa Rose/Rose/Jencks 2000, Brewer/Caporael 1990, Lewontin 1980, Lewontin/Rose/Kamin 1986, Morsbach 2001, 2005, Allen et.al. 1976, Marche 1994, Myryanski 1994). Während von wissen schaftstheoretischer Seite vor allem die Methodik kritisiert wird (vgl. etwa Gould 1997), wird dem Ansatz auf inhaltlicher Ebene eine teils unzulässige Simplifizierung der Evolutionswissenschaften und insbesondere eine unzutreffende Darstellung des wissenschaftlichen Konsenses hinsichtlich der Soziobiologie innerhalb der Evolutionsforschung wie auch eine problematische Ausblendung der entwick lungspsychologischen Erkenntnisse vorgeworfen (vgl. etwa Bell/MacDonald 2001). Joshua Goldstein (1987) verweist zudem auf mögliche Probleme der Anwendung soziobiologischer Konzepte auf die Argumente der Politikwissenschaft. Grundsätz lich in Frage gestellt wird der Ansatz von Denkern wie Mary Clark (2002) oder Jason Edwards (2003), welche die Fragestellung letztlich umdrehen. Statt von einer spezifischen menschlichen Natur auszugehen, um Politik zu erklären, erscheint 189 ihnen es sinnvoller, danach zu fragen, wie soziale, kulturelle und politische Kräfte die Evolution beeinflusst und geprägt haben. Dies sei insofern von Bedeutung, da es die Art und Weise, wie eine Kultur die menschliche Natur wahrnimmt, sei, wel che menschliches Verhalten determiniere. Trotz dieser zum Teil fraglos berechtig ten Kritik zeigte sich dennoch, dass bereits zu jener Zeit auf dem Gebiet der poli tikwissenschaftlichen Internationalen Beziehungen, wie auch in benachbarten Sozi alwissenschaften, die menschliche Natur als ernstzunehmende Größe wissenschaft licher Untersuchung unter neuen Vorzeichen an Stellenwert gewonnen hat (vgl. Steiner 1980). Interessanterweise scheinen gerade einige neuere Ergebnisse der Soziobiologie die pessimistischen Annahmen des klassischen Realismus hinsichtlich der menschlichen Natur zu bestätigen (vgl. Busse 2006: 1), was eigentlich nicht oh ne Konsequenzen bleiben sollte: „Accepting the ‘scientific’ argument that human nature is naturally violent, ethnocentric, and competitive, human nature promises to further entrench a conception o f security which focuses on distinct, competitive groups defined by their differences and prone to war” (Busse 2006: 1) Angesichts der geschilderten Entwicklungen ist es umso erstaunlicher, dass sich diese Entwicklung ausgerechnet in den jüngeren Arbeiten des (neoklassischen) Rea lismus bislang nicht widerspiegelt — und das obwohl dieser Theorieansatz explizit den Anspruch erhebt, in besonderem Maße für Fragestellungen, wie sie für die Analyse der internationalen Beziehungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts relevant sind, geeignet zu sein (vgl. etwa Schuett 2010: 22). Trotz der tatsächlich erkennba ren Renaissance des klassischen Realismus wird die für jenen Theorieansatz charak teristische und letztlich zentrale anthropologische Komponente — von wenigen Ausnahmen (vgl. etwa Elshtain 2008) abgesehen — somit weitgehend ausgeblendet (vgl. etwa Williams 2005, 2007, Clinton 2007, Bell 2008). Schuett (2010: 23) spricht in diesem Zusammenhang sogar vom seltsamen Tod der menschlichen Natur in der Neuauflage des klassisch-realistischen Denkens in den Internationalen Bezie hungen. Die erwähnten, den klassisch-realistische Ansatz stützenden, Ergebnisse der Soziobiologie verweisen aber zugleich auf eine weitere Problematik der Erforschung menschlicher Natur als Entscheidungsfaktor zwischenstaatlichen Verhaltens. Denn damit wird potenziell eine Tendenz gefestigt, die sich aus der langen Dominanz des realistischen Bildes der menschlichen Natur in den Internationalen Beziehungen ergab. Diese bestand darin, die Suche nach alternativen Erklärungsmodellen zu vernachlässigen. Indem innerhalb der Wissenschaft weitgehend akzeptiert wurde, dass Macht- und Dominanzstreben sowie Misstrauen natürliche Attribute der menschlichen Natur seien, gab es — von wenigen Ausnahmen abgesehen (vgl. etwa Booth/Wheeler 2007, Fierke 2005) — kaum eine politikwissenschaftliche relevante Auseinandersetzung etwa zu Aspekten wie Empathie und Vertrauen auf dem Ge biet der Internationalen Beziehungen. Hinzu kommt eine hoch selektive und kon zeptionell problematische Herangehensweise (Gunnell 2007). Viele der seit langem als gültig angesehene und den Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik dominie 190 renden Annahmen der Abschreckungstheorie sind nicht nur falsch, sondern dies auch auf gefährliche Weise, wie Forschungen auf dem Gebiet der Politischen Psy chologie bereits vor geraumer Zeit ergeben haben (vgl. etwa Jervis/Lebow/Gross Stein 1985). So haben etwa jüngere Ergebnisse aus dem Bereich der Angstfor schung gezeigt, dann nicht davon ausgegangen werden kann, dass Entscheidungs träger auf akute Bedrohungen reagieren, indem sie eine rationale Kalkulation von Kosten, Risiken und möglichen Gewinnen durchführen; nichtsdestoweniger gehen die dominierenden Ansätze der Theorie der Internationalen Beziehungen nach wie vor von dieser Annahme aus, und die Politik wird noch so beraten, als sei diese Annahme zutreffend. Dass sie nicht zutrifft liegt aber nicht nur einfach daran, dass ausgesandte Signale der Gegenseite schwer zu entschlüsseln sind und daher mögli che Perzeptionsfehler auftreten. Vielmehr beeinflussen Angst, Wut oder das Ge fühl von Demütigung die Urteilsfähigkeit des Menschen und damit die Art und Weise auf Bedrohungen zu reagieren. Somit kann etwa Angst als wirkungsmächtige Ursache und auch als Verstärker sowohl kognitiver als auch motivierter Verzerrun gen fungieren, welche ihrerseits auf die Wahrnehmung der Abschreckungsmaß nahmen zurückwirkt. In dem Maße jedoch, in dem bestehende Theorien, welche die Ergebnisse etwa der Angstforschung oder aber andere, nicht minder bedeutsa me psychologische Erkenntnisse, nicht aufgegriffen haben, wurden auch außenund sicherheitspolitische Strategien in entsprechend problematische Richtungen entwickelt, was die Welt somit eher gefährlicher gemacht hat, also genau das Ge genteil dessen erreichte als das, was von der Abschreckungstheorie intendiert war. Vor diesem Hintergrund fordert etwa Crawford (2009) fordert dazu auf, ein neues Bild der menschlichen Natur zu entwerfen und dieses zur Grundlage neuer Theo riebildung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen zu machen: “It is extremely important for scholars o f world politics to move beyond these simple starting propositions. The next step is to examine how our ‘human natures’ influence world politics and how our previous views o f human nature have shaped the world we live in” (Crawford 2009: 277). Bezogen auf die vorangegangenen Ausführungen zur Rolle von Angst in der Au ßen- und Sicherheitspolitik bedeutet dies etwa das Bewusstsein darum, dass sich Angst und der Umgang damit zu einem institutionalisierten Schema innerhalb von Staaten entwickeln können. Das kann etwa in Form spezifischer Muster der Infor mationsgewinnung, spezifischer Wahrnehmungsmuster und verteidigungspoliti schen Plänen und Szenarien, welche Aktion und Reaktion auf bestimmte politische Entwicklungen festlegen, geschehen. Die institutionalisierte Angst kann auf diese Weise gleichermaßen als perzeptueller Filter wie auch als Auslöser wirken. Die sich in einer solchen Umgebung entwickelnde Eigendynamik wirkt dabei schließlich so stark, dass die ihr innewohnende Logik auch bei gegenläufigen Erkenntnissen nicht oder nur schwer in Frage gestellt wird. Andererseits kann anhand von Forschung, welche bestrebt ist, entsprechende psychologische Erkenntnisse aufzugreifen, ge zeigt werden, dass auch als unüberwindbar angenommene Größen in den internati onalen Beziehungen, wie etwa das Sicherheitsdilemma, überwunden oder zumin 191 dest doch abgemildert werden können (vgl. etwa Boothe/Wheeler 2008). Ange sichts solcher Einsichten fordert Crawford (2009: 286) ferner, relevante Erkennt nisse von Biologie, Neurobiologie, Neurowissenschaften in die Theoriebildung der Internationalen Beziehungen einzubringen: „The path to decreased tension, conflict resolution, and improved security lies in reexamining the relationship between ‘human nature’, political practices, and institutions and in devising policies that actually decrease fear and enhance trust.” In der Tat scheint es an der Zeit für einen interdisziplinären Ansatz, nicht nur zur Erforschung der menschlichen Natur, sondern auch der diesbezüglichen Implikati onen für die Politikwissenschaften und speziell die Internationalen Beziehungen. Wesentlich hierzu beitragen können die jüngeren Entwicklungen in der Neurowissenschaft, welche sich damit befasst, wie Wahrnehmungs- und Entscheidungspro zesse von physiologischen Prozessen innerhalb des Gehirns bestimmt werden. Zu gleich erklärt sie Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und neuronaler Ent wicklung. Kulturelle Einflussfaktoren wirken auf die Neuralaktivität innerhalb des anterioren rostralen Abschnitts des medialen präfrontalen Kortex (MPFC) und des posterioren cingulären Cortex (PCC) (Choudhury: 2009; Choudhury/Kirmayer: 2009; Turner/Whitehead: 2008; Dominguez et al. 2009, Wexler 2006). Konkret lassen sich beispielsweise Aktivitäten in spezifischen Hirnregionen, die mit Sympa thie oder Antipathie zu einem spezifischen Wahlkandidaten korrelieren, aber eben so mit der Wahrnehmung von Politikern mit Blick auf Vertrauenswürdigkeit etc. aufzeigen und deren Entstehung nachzeichnen (Vecchiato et al. 2010; Rule et al. 2005; Coan et al. 2006; Eisenberger et al. 2003). Durch ein auf diese Weise gestiegenes Verständnis der molekularen Funktionsweise des Gehirns haben sich somit auch neue Wege zur Analyse von Präferenzbildung und Handeln des Individuums eröffnet (Abi-Rached 2008). Über bildgebende Ver fahren wurde auch die Existenz von Spiegelneuronen (Gallese 1996; Iacoboni 2008, 2009; Rizzolatti/Sinigaglia, 2008) nachgewiesen, welche für Empathieverhal ten von zentraler Bedeutung sind. In diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass auch deren Entwicklung in Interaktion mit der Umgebung stattfindet (Dominguez 2006, Dominguez et al. 2009; Downey/Lende 2009; Chiao 2009; Chiao et al. 2009; Han/Northoff 2008), wobei insbesondere politische und religiöse Belief-Systems, aber ebenso die Prägung durch das sozioökonomische System, als besonders wirk sam angesehen werden (Iacoboni 2007, 2008, 2009). Im Laufe der Zeit filtert und beeinflusst die Kultur, wie sich Empathie entwickelt und ihren Ausdruck findet (de Waal 2007: 50). 192 Insgesamt konnte die lange Zeit bestehende strikte Dichotomie zwischen dem Na ture- und dem Nurture-Ansatz33 von menschlicher Natur und Verhalten relativiert und die Diskussion darum entschärft werden (vgl. etwa Stilles 2011, sowie ferner Rose 1997). Vielmehr setzt sich allmählich das Verständnis durch, dass beide Ebe nen, die biologische und die soziale, so sehr miteinander verzahnt sind, dass eine genaue Differenzierung weder möglich noch sinnvoll erscheint, und das Modell einer Ko-Konstitution von biologischen Anlagen und sozialen Institutionen die Realität am besten einzufangen scheint (vgl. Crawford 2009: 276ff.). Dass dies auf grund der hohen Komplexität der menschlichen Biologie wie auch der Gesellschaft kein leichtes Vorhaben ist, soll nicht bestritten werden, dennoch sollte dies kein Grund sein, wie auch Crawford (2009: 285) explizit betont, nicht zu versuchen, die komplexen Interaktionsprozesse von Biologie und sozialen Institutionen zu verste hen. Allzu einfache Argumente genetischer Determination menschlichen Handelns gilt es dabei, mit Skepsis zu betrachten. Auch wäre es nicht richtig, alles auf das Bi ologische reduzieren zu wollen. Fraglos kann die Neurowissenschaft viele grundle gende Erkenntnisse liefern, jedoch kann erst die Vernetzung mit den Sozialwissen schaften, der Psychologie und letztlich auch der Philosophie dazu führen, zu ver stehen, weshalb wir so handeln wie wir handeln: “Our biology matters but we are not prisoners o f it. Our biological natures and our institutions interact. Our cognitions, memories and emotions also interact. Moreover, because o f the human capacity for reflection and reason, we can understand and manipulate the forces that shape us. It is therefore important to attend to the complexities o f interaction. Specifically, we must attend the ways that institutions can reinforce aspects o f our ‘natures’ that promote conflict, but conversely how other institutions engender cooperation. Similarly, we must attend to the ways our cognitions and emotions interact, influencing not only the process and content (how and what) o f our cognitions, but how much and what we feel. In other words, while our amygdala might react nearly instantaneously to a perceived threat, our prefrontal cortex and hippocampus react nearly as quickly and can direct our behavior.” (Crawford 2009: 285) Ein entsprechender Untersuchungsansatz muss dabei zudem folgende Aspekte be rücksichtigen: Ein wesentlicher Baustein menschlicher Natur ist Neuroplastizität. Unter diesem Konzept, das bisherige Vorstellungen von Gehirn als statisches Or gan abgelöst hat, wird die Möglichkeit lebenslanger Veränderungen von Nerven- Die Nature oder Nurture Debatte betrifft die relative Bedeutung der angeborenen Eigen schaften eines Individuums einerseits (Nature) gegenüber den aus dessen Erfahrung her vorgegangenen Eigenschaften (Nurture) andererseits, wenn es darum geht, individuelle Unterschiede in W esen und Verhalten zu erklären. Die Nature-Seite argumentiert m it bio logischer Determination. Die Nurture-Seite indes argumentiert damit, dass alle oder zu mindest ein Großteil der Eigenschaften eines Individuums sozial erworben sind (tabula rasa-Argument). Mittlerweile hat sich weitgehend die Ansicht durchgesetzt, dass beide Aspekte eine Rolle spielen und bei der Herausbildung der Eigenschaften eines Individu ums zusammenwirken (vgl. etwa Dusheck 2002, Carlson et.al. 2005, Ridley 2003, Westen 2002, Meaney 2004, sowie ferner Rowe 1994, Neill 2004, Pinker 2004, Plomin/Fulker/Corley/DeFries 1997, Plomin/DeFries/McClearn/McGuffin 2001, Ridley 2003). 193 bahnen und Synapsen auf unterschiedlichen Ebenen von einzelnen zellulären Mo difikationen bis hin zu großflächigen Prozessen kortikaler Neuanordnungen (cortical remapping) aufgrund von Veränderungen im Verhalten oder in der Umwelt, durch Unfälle oder aufgrund anderer neuronalen Prozessen verstanden (vgl. etwa Rakic 2002, Pascual-Leone/Amedi/Fregni/Merabet, 2005, Pascual- Leone/Freitas/Oberman/Horvath/Halko/Eldaief et al. 2011; Chaney 2006, 2007, Ponti/Peretto/Bonfanti/Reh 2008; vgl. ferner Pinaud/Tremere 2006, Pinaud/Tremere/De Weerd 2006, Begley 2004, Donoghue 2002, Flor 2002, Mahncke et al. 2006, Stein/Hoffman 2003, Wieloch/Nikolich 2006). Zugleich gilt es, Er kenntnisse aus dem Bereich der Bounded Rationality zu berücksichtigen, um das irrige Konzept des Homo Oeconomicus zu überwinden und durch ein Modell des Homo Politicus zu ersetzen, der an den soeben geschilderten Prämissen zum Ver ständnis der menschlichen Natur orientiert ist: “Our biology, political cultures, and institutions interact and this interaction helps constitute (and reconstitute) homo politicus — the human being in the political context” (Crawford 2009: 277). In diesem Sinne soll die bei der im Rahmen der hier unternommenen Theoriefort bildung nachfolgend durchgeführten Operationalisierung das so geformte Konzept des Homo Politicus handlungsleitend sein. Möchte man sich vor diesem Hinter grund der zur Analyse unbedingt zu berücksichtigenden naturwissenschaftlichen Komponente (außen-)politischer beziehungsweise zwischenstaatlicher Entschei dungsfindung zuwenden, so ist es erforderlich, die Erkenntnisse von Kongnitions wissenschaften, Neurobiologie und Verhaltensgenetik aufzugreifen und zu integrie ren. Hierbei zeigt sich, dass die genannten Bereiche auf sinnvolle Weise zusam menwirken können. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass in den vergange nen Jahrzehnten eine weite Spanne psychokultureller Verschiedenheiten konstatiert wurde. So zeigte sich etwa, dass das Verhältnis von Ego und Alter im ostasiatischen Kulturkreis eher in Beziehung zur Gruppe beziehungsweise zum Kollektiv gesetzt wird, wohingegen in westlichen Kulturen das Ich mehr als einzigartige, stabile aus sich selbst heraus definierte Größe wahrgenommen wird (Markus/Kitayama 1991). Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, woraus derartige Unterschiede resul tieren, wurde offenbar, dass eindimensionale Erklärungen nicht ausreichen. Viel mehr ist es erforderlich, etwa soziologische, ökonomische, psychologische und nicht zuletzt biologische Aspekte in einen kultur-neurowissenschaftlichen Ansatz zu integrieren (Chiao/Ambady 2007). Die Verhaltensgenetik, welche einen Teilbereich der Genetik darstellt, in dem sich schon selbst Entwicklungsgenetik, Ethologie sowie Evolutions- und Entwicklungs psychologie überschneiden, stellt hierbei wichtige Einblicke zur Verfügung (Eaves et al. 2005; Kendler 2005; Carey 2003; Neale/Cardon 1992). Zwar ist sie primär bestrebt, sowohl durch quantitativ-genetische wie molekulargenetische Ansätze herauszufinden, wie stark und auf welche Weise individuelles Verhalten genetisch beeinflusst ist und wie sich genetisch Vererbtes mit Blick auf empirisch erkennba res Verhalten vom Einfluss durch Umgebungsfaktoren beeinflusst wird (Bazzett 194 2008), jedoch findet dies vor dem mittlerweile als erwiesen geltendem Umstand statt, dass endogene und exogene Faktoren gleichermaßen und in ihrem Zusam menspiel Einfluss auf das Handeln von Individuen nehmen. Gene determinieren dabei jedoch nicht unmittelbar Verhalten oder Charakterausprägungen. Vielmehr stellen sie die Plattform für die Proteinsynthese dar, welche eine Folge chemischer Prozesse auslösen, die ihrerseits neurologische, kognitive und affektive Auswirkun gen haben, je nachdem welche Umweltfaktoren auf welche Weise einwirken (Plomin et al. 2008; Fisher et al. 1999; Cardon et al. 1994; Loehlin 1989; Foley et al. 2004; Caspi et al. 2002; Gayän et al. 1999;Johnson et al. 2011; Spinath/Johnson 2011). Dieser Umstand lässt sich auch auf der Ebene der Hormone nachweisen. Für die Analyse zwischenstaatlicher Entscheidungsfindung ist dieser Aspekt durchaus rele vant, da bestimmte Hormone maßgeblich zur Regulation von Kognition und Emo tion beitragen. Gene in der der Glutamatfamilie und in den adrenischen Systemen, inklusive jener, welche den Dopamin- und Serotoninhaushalt steuern (etwa Mono aminoxidase MAOA) wirken etwa an offensiv-aggressiven Verhaltensausprägungen mit (Brodkin et al. 2002; Chen et al. 2005; Placidi et al. 2001; Reif et al. 2007; De- Boer et al. 2009; Noble et al. 1998; Bäckman et al. 2000; Reeves et al. 2005; Cropley et al. 2006; Hess et al. 2009; Harpending/Cochran 2002). Wenngleich die Annahme eines linearen Zusammenhangs von etwa Hormonmenge und beobachtbarem ver halten auszuschließen ist (Olivier/van Oorschot 2005), können Kenntnisse spezifi scher vorherrschender neuronaler Bedingungen und Messgrößen beziehungsweise genetischer Varianzen maßgeblich zur Erklärung individuellen politisch-relevanten Verhaltens beitragen (Volavka 1999; Lyons et al. 1995; Filley et al. 2001; Chen et al. 2005; Foley et al. 2004). Hierbei von nicht unerheblicher Bedeutung ist zudem das Faktum, dass genetische Traits regelmäßig kulturspezifische Charakteristika aufwei sen, was an kulturspezifischen Wahrnehmungs- und Verhaltensweise empirisch erkennbar wird (Way/Lieberman 2010). Individuelle Unterschiede existieren somit nicht in einem sozialen, politischen oder kulturellen Vakuum. Vielmehr versehen erst derartige Einflüsse, die von ökonomi schem Druck über politische Repression bis hin zur Sozialisation im Kontext einer Medrese reichen können, die individuellen genetischen Dispositionen mit Bedeu tung, was letztlich zu teils erheblichen Verhaltensunterschieden bei genetisch ähn lich veranlagten Individuen führen kann (Hatemi/McDermott 2012: 114, 121f.; Johnston/Edwards 2002). Einflüsse aus der Umgebung können biologische Dispo sitionen fördern oder ihrer Ausprägung hinderlich entgegenstehen. Dieser Um stand verdeutlicht somit auch, weshalb die Einbeziehung der Sozialisationserfah rungen eines Individuums in ein Modell zur Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens erforderlich ist. Durch Integration dieser Komponente in das Analysemodell wird es ermöglicht, den Einfluss endogener Faktoren sowie des Zusammenspiels endogener und exogener Faktoren auf den zwischenstaatlichen Entscheidungspro zess zu berücksichtigen: 195 “Small differences in some basic biological features, such as baseline levels in certain hormones or genetic tendencies, might be used to inform our under-standing o f cross-cultural differences in basic behaviors, such as risk-taking, aggression, or cooperation. W e remain only at the beginning o f such work, but if we take these arguments seriously, the deeper foreign policy implications remain profound as well. (Hatemi/McDermott 2012: 124). Basierend auf diesen Grundlagen können dann auch die Argumente der Kogniti onswissenschaften in das Analysemodell integriert werden. Unter Kognition wird im Rahmen dieser Arbeit allgemein die von einem verhaltenssteuernden System ausgeführte Informationsumgestaltung verstanden. Somit fallen unter diesen Ter minus im Wesentlichen Aspekte wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Problemlösen, Kreativität, Planen, Orientierung, Imagination, Argumenta tion, Introspektion, Wille und Glauben, wobei sowohl bewusste als auch unbe wusste Informationsverarbeitungsprozesse erfasst werden. Aber auch Emotionen haben einen wesentlichen kognitiven Anteil. Insgesamt kann bei diesem Komplex von der kognitiven Architektur eines Individuums gesprochen werden. Im Rahmen der kognitiven Architektur wird verarbeitet, was Individuen über sich selbst, ihre (soziale) Umwelt, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken bezie hungsweise als innere Repräsentation der Realität konstruieren. Um diese Zusam menhänge und Wirkmechanismen auch und gerade hinsichtlich individuellen Ent scheidungsverhaltens zu erklären, sind grundlegende Kenntnisse aus dem Bereich der Neurobiologie, etwa der biologischen Kommunikationsprinzipien des Zentra len Nervensystems erforderlich. Der interdisziplinäre Anspruch wird hierbei vor allem auf dem Gebiet der Kogniti onswissenschaft (science o f mind) erkennbar, welche zur Erforschung geistiger Pro zesse auf Erkenntnisse der Psychologie, Psychiatrie, Neurowissenschaft, Informa tik, künstlicher Intelligenzforschung, aber ebenso der Linguistik, Philosophie, Anthropologie und Soziologie zurückgreift. Zugleich ist ihr Forschungsbereich nicht auf Kognition eingeschränkt, sondern umfasst genauso Emotion, Motivation und Volition (Boden 2006: 10ff.). Die Entwicklung der Kognitionswissenschaft und damit zusammenhängend der kognitiven Psychologie hängt eng mit der soge nannten „kognitiven Wende“ und schließlich der Entwicklung bildgebender Ver fahren zusammen, auf deren Grundlage dem lange dominierenden Behaviorismus das alternative Analysemodell der kognitiven Neurowissenschaft entgegenstellt werden konnte, in welchem etwa ein wachsendes Verständnis für die Effekte neu ronaler Netze eine große Rolle spielen. Hierzu werden die neuronalen Mechanis men, welche kognitiven und psychischen Funktionen zugrunde liegen, etwa im Rahmen psychophysikalischer, neurophysiologischer und neuroinformatischer Me thoden, funktioneller Bildgebung, sowie der computergestützten Neurowissenschaften (computational neuroscience) untersucht. Das so gewonnene Wissen über die psychischen Vorgänge, die mit Wahrnehmung, Erkenntnis und Wissen zu tun ha ben, insbesondere die noch immer weitgehend unerforschten, auf komplexe Weise organisierten psychischen Mechanismen des menschlichen Denkens, fließt unmit telbar in politikwissenschaftlich nutzbare Analyseansätze ein und wird auch dem 196 hier verfolgten Analysemodell zugrunde gelegt. Hierbei von besonderer Bedeutung ist das Konzept der neuronalen Repräsentation, also der eindeutigen Zuordenbarkeit bestimmter Funktionsbereiche des Gehirns zu spezifischen Arealen der Hirn rinde, welche aus neurobiologischer Perspektive eine Koordination u.a. von Akti onspotentialen der Neuronen in bestimmten räumlich und zeitlich definierten Mus tern darstellt, bei der biochemische Vorgänge im Zentralnervensystem eine zentrale Rolle spielen. Diese können durch Differenzbilder relativ genau ausfindig gemacht werden. Auf diese Weise konnte die unter anderem gezeigt werden, dass individuel les Handeln nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig ist. Die Ontogenese des Verstandes beinhaltet durch Erleben gemachte Erfahrung, neuronal repräsentiert durch Wissen im Gedächtnis (Psychogenese). Zugleich zeigen sich die Grenzen kognitiver Leistungsfähigkeit: So werden nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen genutzt, vielmehr findet ein er heblicher Filterprozess statt, bei welchem die Information zudem integriert und auf viele andere Weisen transformiert werden, bevor sie ins Bewusstsein gelangen. Eine entsprechende Veränderung findet zudem statt, wenn Informationen vom Kurz zeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen werden, etwa durch Erwartungen oder neue Erfahrungswerte. Hinzu kommt nicht nur die teilweise Nichtabrufbarkeit von an sich vorhandenen Informationen in bestimmten Situationen (Retrieval-Problem), sowie die an sich relativ geringe Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, in welchem die mentale Bearbeitung von Informationen stattfindet. Ein Bereich, der auch und ge rade für die Analyse im Bereich der Politikwissenschaft von hoher Relevanz ist, ist die soziale Kognition, welche Aspekte wie soziale Wahrnehmung, soziales Lernen (etwa Lernen am Modell), sozial beeinflusste Gedächtnisprozesse, sozial beeinfluss te Emotionen beziehungsweise sozial beeinflusstes Denken (etwa Ursachenvermu tungen und Attributionen) sowie viele kognitive Verzerrungen, aber ebenso Mentalisierung, Empathie oder Moralität umfassen.34 Hinsichtlich der praktischen poli tikwissenschaftlichen Anwendung liegt der Blick vor allem auf den Versuchen von Individuen, sich ein möglichst genaues Wissen über ihre Umwelt zu verschaffen, eine konsistenten Ich-Identität und ein akzeptables Selbstwertgefühl aufrechtzuer halten beziehungsweise zu erlangen, welche bei empirisch erkennbaren Phänome nen wie der Bildung und Anwendung von Schemata und Stereotypen zum Tragen kommen (Fiske/Taylor 1991; Strack 1988). Diese Beschränkungen der individuel len Kognition stellen auch die Idee der vollkommenen Rationalität in Frage, welche den auf Rational Choice beruhenden Theorieansätzen in den Internationalen Be ziehungen zugrunde liegt. Vgl. Die Ontogenese der sozialen Kognition bei Menschen, Forschungspapier des M ax Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig 2010, auf Internetseite http://www.eva.mpg.de/psycho/child-social-cognition_de.php, Zugriff vom 5. August 2014, sowie das Forschungsprojekt Soziale Kognition, moralisches Denken und Gehirn, der Universität Gießen. 197 4.2 Rationalität, Kognition und Emotion Rationalität in der Modellierung außen- und sicherheitspolitischerEntscheidungen In Rational-Choice-Ansätzen, in deren Zentrum die Expected Utility Theorie steht, wird angenommen, dass sich die Präferenzen internationaler Akteure an den erwar teten Ergebnissen ihres Handelns orientieren und Entscheidungen so getroffen werden, dass die den höchsten Gewinn versprechende Alternative erreicht wird. Hierbei wird implizit unterstellt, dass die Ergebnisse eindeutig feststehen, unverän derlich und dem Akteur vollständig bekannt sind. Ein solches Verhalten wird als substanziell oder objektiv rational bezeichnet (vgl. Grüne-Yanoff 2007, sowie kri tisch Jones 1999; Selten 1999). Es setzt insbesondere voraus, dass dem Akteur alle relevanten Informationen bekannt sind, alle möglichen relevanten Handlungsschrit te vom Akteur identifiziert wurden, sich dieser zudem aller betroffenen Werte und damit verbundenen möglichen Trade-Offs bewusst ist und entsprechende komple xe Güterabwägungen vorgenommen hat (Palumbo 1975: 334; George et al. 1971: 4). Hinzu kommt, dass das Individuum über vollständiges und kohärente probabi listische Beliefs verfügt. Das bedeutet, dass diese den mathematischen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit entsprechen und jeder Handlungsmöglichkeit eine eindeutige Wahrscheinlichkeit zugeordnet wird, wobei neue Informationen vollständig be rücksichtigt und alle Wahrscheinlichkeitsannahmen sofort entsprechend angepasst werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass jeder Akteur zu jedem Sachverhalt zu jedem Zeitpunkt spezifische, auf perfekten Wahrscheinlichkeitsabgleichen basie rende, Beliefs aufweist. Ungewissheiten, mangelndes Wissen oder unvollständige Informationen sind a priori ausgeschlossen (Grüne-Yanoff 2007). Dieser Annah men zum Trotz zeigt sich in der Empirie regelmäßig, dass Akteure nicht gleicher maßen in der Lage sind, Situation einzuschätzen, selbst wenn diesen sogar diesel ben Informationen zur Verfügung stehen. Das lässt darauf schließen, dass die Un terschiede in der Situationsbewertung und der darauf basierenden Entwicklung ei ner Handlungsstrategie beziehungsweise deren Erfolg, auf unterschiedlichen Kapa zitäten des jeweiligen Akteurs zurückgeführt werden können (Rubinstein 1998). Während vollständige Rationalität unbegrenzte kognitive Kapazitäten eines Indivi duums voraussetzt, stellt sich die Realität anders dar, als seitens der Theorie postu liert: “Fully rational man is a mythical hero who knows the solutions o f all mathematical problems and can immediately perform all computations, regardless o f how difficult they are. Human beings are very different. Their cognitive capabilities are quite limited. For this reason alone the decision behavior o fhum an beings cannot conform to the ideal o f full rationality.” (Selten 1999: 3) Diese Erkenntnis deute sich bereits zu Beginn der 1980er Jahren im Bereich der Psychologie an (etwa Kahnemann et al. 1982) und wurde gerade in den letzten Jah ren in teils aufwändigen Experimenten vielfach bestätigt (Grüne-Yanov 2007: 537f.). Dies gilt ebenfalls für weitere Verletzungen der Prämissen absoluter Ratio 198 nalität, insbesondere mit Blick auf die Konsistenz- (Allais 1979; Tversky/Kahneman 1981), Transitivitäts- (Slovic/Lichtenstein 1983; Tversky et al. 1990), Dominanz- (Hershey/Schoemaker 1980; Tversky/Kahneman 1992) und Invarianz-Bedingung (Tversky/Kahneman 1982). So zeigte sich abweichend von den Erwartungen des Expected-Utility-Modells, dass regelmäßig Pseudogewissheits- und Framing-Effekte den Entscheidungsfindungsprozess eines Individuums beeinflussen (Milijkovic 2005: 630f.). So war etwa abweichend von der Annahme, dass unterschiedliche Repräsentationen desselben Entscheidungsproblems stets auch zur selben Entscheidung führen, festzustellen, dass Entscheidungen nicht un abhängig von der Art und Weise der Problemdarstellung sind. Ebenso zeigte sich abweichend vom Rational-Choice-Ansatz, dass Entscheidungen von erwarteten Gewinnen und Verlusten relativ zu anderen sehr viel wirkungsmächtiger hinsicht lich der individuellen Entscheidungsfindung sind, als der absolute Status. Insgesamt lässt sich erkennen, dass die spezifische kognitive Architektur des Menschen zu einer Vielzahl von Abweichungen von der im Sinne des Rational-Choice-Modells erwarteten Lösung führt. Die hierfür verantwortlichen Begrenzungen sind sowohl prozeduraler als auch in haltlicher Natur. Während prozedurale Beschränkungen sich auf die Beeinflussung von Rational-Choice-Entscheidungen insbesondere durch Aufmerksamkeitsprob leme oder affektive Aspekte beziehen, betreffen inhaltliche Beschränkungen etwa das Phänomen der Uberkooperation, also einer Kooperation welche über das Maß hinausgeht, welches das strikte Gebot der Rationalität erfordern würde (Jones 1999: 298). Hinzu kommen weitere empirisch erkennbare Verletzungen von Rational- Choice-Annahmen, wie etwa das Machen von Fehlern bei deduktiven Schlussfolge rungen, das Nichtwahrnehmen beziehungsweise Nichtverarbeiten entscheidungsre levanter Informationen oder das Auftreten von Overconfidence-Phänomenen bei Wahrscheinlichkeitsbeurteilungen (vgl. etwa Schwarz et al. 1991; Grüne-Yanoff 2007). Die Rational-Choice-Schule hat auf diese Erkenntnisse zumindest teilweise dahingehend reagiert, dass bestimmte Rationalitätsbedingungen variiert (Quiggin 1982, Luce/Narens 1985), abgemildert (Chew, 1983; Fishburn, 1983) oder ganz fallen gelassen wurden (Machina 1982). Dennoch konnten die grundsätzlichen Probleme des Rational-Choice-Ansatzes nicht gelöst werden (Camerer 1992; Fish burn 1988; Miljkovic 2005). Obwohl der Rational-Choice-Ansatz nach wie vor weit verbreitet ist, bildete sich eine alternative Sichtweise auf das Konzept von Rationa lität heraus (etwa Simon 2000; Klaes/Sent 2005), welche aufVorüberlegungen etwa in Form von Simons (1955, 1959) Konzept der Beschränkten Rationalität (bounded rationality) oder der Idee einer beschränkten Intelligenz (limited intelligence) von Edgeworth (1890) beruht. Insbesondere in den vergangenen Jahren lässt sich ein Be deutungsgewinn der Vorstellung von beschränkter Rationalität erkennen, wobei der Begriff häufig für sehr unterschiedliche Ansätze (Grüne-Yanoff 2007) und auch mit unterschiedlichem Erfolg (Grüne-Yanoff 2007; Williamson: 110; Selten 1999; Aumann/Sorin 1989) verwendet wird. 199 Grundlegender Ausgangspunkt der Vorstellung einer beschränkten Rationalität ist in jedem Fall, dass Individuen wie auch Organisationen unterschiedliche Ziele ver folgen können, welche regelmäßig auch in Konflikt miteinander stehen, sodass im Rahmen des Entscheidungsfindungsprozesses eine Hierarchisierung dieser Ziele erfolgen muss. Hierbei wirkt sich jedoch aus, dass der lediglich beschränkte kogni tive Apparat der im Entscheidungsfindungsprozess befindlichen Person mit einer zu komplexen Entscheidungsumgebung konfrontiert ist. Die kognitiven Beschrän kungen umfassen dabei ein grundsätzlich beschränktes Wissen um die Welt, die beschränkte Fähigkeit, vorhandenes Wissen stets umfassend abzurufen, die be schränkte Fähigkeit, alle Konsequenzen eigenen Handelns abzuschätzen bezie hungsweise zu bewerten sowie alle Möglichkeiten zu erkennen und auszuschöpfen, ferner die beschränkte Fähigkeit mit Unsicherheit umzugehen und nicht zuletzt die beschränkte Fähigkeit, zwischen konkurrierenden Bedürfnissen sachgerecht zu ent scheiden (Simon 1957: 270f.; Grüne-Yanoff 2007). Dies führt dazu, dass anstelle einer nach objektiven Maßstäben optimalen Strategie eine auf unmittelbare Befrie digung des eigenen wahrgenommenen Bedürfnisses hin ausgerichtete Strategie das Resultat des Entscheidungsfindungsprozesses darstellt (Simon 1996b: 30). Wäh rend Rationalität im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes davon ausgeht, dass Ak teure zielgerichtet handeln, nimmt der Bounded-Rationality-Ansatz zwar ebenfalls an, dass Akteure dies tun, berücksichtigt aber zugleich die kognitiven Beschränkun gen, welche beim Aufstellen der Zielsetzung sowie beim Versuch, diese zu errei chen, wirksam sind (Dequech 2001; Jones 1999: 299; Selten 1999; Simon 1957: xxiv; Simon 1985: 294; Palumbo 1975; Benn/Mortimore 1976; Hammond 1996; Funder 1987; Krueger 1998; Gigerenzer et al. 1999; Rosen 2004). Jede Entscheidung weist zwei Komponenten auf: Umwelterfordernisse (wahrge nommen durch das Individuum als positive oder negative Anreize) einerseits und Begrenzungen der Adaptabilität in einer spezifischen Entscheidungssituation ande rerseits. Der idealtypische Rational-Choice-Ansatz könnte zwar die Umweltanreize spezifizieren und die Entscheidungen, die darauf basieren, exakt vorhersagen; die im Individuum selbst liegenden Umgebung hingegen, die signifikant dazu beitragen kann, dass das Individuum im Rahmen seines Entscheidungsfindungsprozesses von den seitens des Rational-Choice-Ansatzes angenommenen idealtypischen Reakti onsverhaltens vis-a-vis den Umweltbedingungen abweicht, wird nicht erfasst (Jones 1999; Simon 19956b). Ohne die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Beliefs, de ren Fehlen für Rational-Choice-Modelie charakteristisch ist, kann jedoch nicht identifiziert werden, was als Anreiz wirkt (Mercer 2005: 83). Dieser Aspekt wurde insbesondere auch auf dem Gebiet der Verhaltensökonomik in ihrer Kritik ne oklassischer Ansätze der Wirtschaftswissenschaft beschrieben, wo das Phänomen des unvollkommenen Marktes explizit auf die kognitive Beschränktheit des Indivi duums zurückgeführt wurde (Shiller 2000; Tirole 2002). 200 In diesem Zusammenhang darf zudem nicht unerwähnt bleiben, dass biologische, sozialisationsspezifische und strukturelle Aspekte, welche die absolute Rationalität beeinflussen beziehungsweise beschränken, regelmäßig unberücksichtigt bleiben (Selten 1999; Grüner-Yanoff 2007: 553). Hiervon abweichend werden diese bei der hier unternommenen Theoriefortbildung explizit berücksichtigt. Speziell mit Blick auf die Beschränkung von Rationalität durch Umgebungseinflüsse wird im Modell auf die Logik der sogenannten Ecological Kationality und deren evolutionspsychologi sches Argument verwiesen, demzufolge evolutionsbedingt Menschen über eine Vielzahl spezifischer kognitiver und emotionaler Module verfügen, welche unbe wusst Entscheidungsfindungsprozesse beeinflussen. Mit anderen Worten ausge drückt kann man sagen, dass die Art und Weise auf welche Menschen in spezifi schen Situationen Entscheidungen treffen, auch mit ihrer Evolutionsgeschichte zu tun hat. Die Implikationen der evolutionären Interaktion zwischen Akteur und Struktur sind also auch heute wirksam (Gigerenzer 2002: 39). Dieser Umstand wird etwa am Beispiel der gerade für außenpolitisches Handeln relevanten bio kognitiven Effekten von Stress erkennbar. Stress tritt im Rahmen von Abläufen auf, die von der Routine abweichen, etwa in ambivalenten oder unerwarteten Situa tionen, die zudem etwa durch eine unklare Kenntnislage oder ein nur schwer zu überblickendes Maß an Informationen charakterisiert sind (Holsti 1979: 105; ONeal 1988: 612). In derartigen Situationen kommt es regelmäßig zu einer reduzierten Aufmerksamkeitsspanne sowie zu verzerrten Wahrnehmungen. Kognitive Prozesse werden starrer und weniger differenziert, wodurch das Individuum im Entschei dungsfindungsprozess in nur noch geringem Maße eine Bereitschaft aufweist, wahrgenommene Unsicherheiten zu tolerieren und alternative Perspektiven zu be rücksichtigen. Stattdessen findet ein verstärkter Rückgriff auf bestehende kognitive Muster und operationeile Codes statt. Dieser zur individuellen Überlebenssiche rung evolutionär entwickelte Mechanismus soll schnelles Handeln ermöglichen, um so zwischen Flucht oder Kampf entscheiden zu können. In einer außenpolitischen Krise kann er indes zu negativen Effekten führen. Dies gilt umso mehr, da es zum Phänomen der lokalen Rationalität kommt: Die Perspektive des Individuums ver engt sich, kurzfristig erreichbare Ziele dominieren über bislang verfolgte langfristi ge Ziele und übereilte Entscheidungen, bei denen wichtige Parameter gar nicht mehr berücksichtigt werden, nehmen zu. Diese dysfunktionalen Reaktionen führen dazu, dass das ursprüngliche Problem verschlimmert wird, was zu abermals erhöh ten Stressniveaus führt. Dies bewirkt, dass gerade in sich zuspitzenden außenpoliti schen Krisen, welche die ganze Aufmerksamkeit des Entscheidungsträgers fordern, dieser in sinkendem Maße effiziente Entscheidungen treffen kann. In der Literatur, die sich mit der Rationalität von sicherheitspolitischen Entscheidungen in Krisensi tuationen auseinandersetzt, wird die Rationalität solcher Entscheidungen regelmä ßig im Grundsatz in Frage gestellt (vgl. etwa Holsti 1972, 1985). Diese sind jedoch nicht per se irrational, vielmehr entsprechen sie einer Logik, die im Rahmen der Evolution entstanden ist und noch heute wirkt. Somit gilt es, diesem Umstand in einem Analysemodell Rechnung zu tragen. 201 Das gilt ebenso für das normative Argument. Einhergehend mit der Problematisierung der inhaltlichen Argumente des Rational-Choice-Ansatzes übt der Bounded- Rationality-Ansatz Kritik am normativen Anspruch von Rational-Choice. So legen Erklärungsansätze wie die Expected Utility Theorie oder Bayesianische Wahr scheinlichkeitsrechnung a priori fest, wie Entscheidungen richtigerweise aussehen müssen, um das Gütesiegel rational zu erhalten (Elster 1986, 1). Dem positivistisch normativen Konzept des Rational-Choice steht somit zunächst einmal ein zwar ebenfalls positivistisches, jedoch nicht-normatives psychologisches Konzept ge genüber. Dieser als Korrespondenzansatz auf dem Gebiet der Psychologie bekann te Ansatz ist insofern positivistisch, als er sich vor allem mit tatsächlichen Ent scheidungen und Entscheidungsfindungsprozessen befasst. Nicht-normativ ist er zudem, indem er keine Vorgaben macht, wie Denken aussehen muss, um nicht als irrational zu gelten. Vor diesem Hintergrund soll es nun darum gehen, die Beschränkung vollständiger Rationalität durch Heuristiken und die daraus resultierenden kognitiven Verzerrun gen aufzuzeigen und hinsichtlich ihres Effekts auf außenpolitisches Entscheiden beziehungsweise zwischenstaatliches Handeln zu analysieren. Hierbei ist zunächst erwähnenswert, dass die Auseinandersetzung mit Heuristiken als maßgeblicher Fak tor im individuellen Entscheidungsprozess in jüngster Zeit von einer Vielzahl wis senschaftlicher Disziplinen aufgegriffen wurde (vgl. Gigerenzer et al. 2011). Von wesentlichem Einfluss in diesem Zusammenhang ist die Aspiration Adaption Theory (Selten 1998, 1999), die davon ausgeht, dass beim Streben nach Zielerreichung bei Bedarf eine schrittweise Anpassung der Zielsetzung an die tatsächlich zur Ver fügung stehenden Handlungsoptionen erfolgt. Grundsätzlich besteht vor jeder Entscheidung ein spezifisches Erwartungsniveau hinsichtlich eines zu erreichenden Ziels. Wenn dieses aus Sicht des Individuums ohne weiteres befriedigt werden kann, wird eine entsprechende Entscheidung getroffen, ohne dass extensiv nach einer optimalen Handlungsstrategie gesucht wird. Ist indessen keine unmittelbar zugängliche Lösung vorhanden und stellt sich eine solche trotz Suche nicht zeitnah ein, wird sich das Niveau der Erwartungshaltung verringern. Eine Handlungsent scheidung erfolgt dann zwischen den Alternativen, die im Rahmen der bisherigen Lösungssuche gefunden wurden und somit geeignet sind, das dann geringere Er wartungsniveau zu befriedigen (vgl. Selten 1998, 2001, sowie Rosenfeld/Kraus 2012). Der Prozess individueller Entscheidungsfindung beinhaltet also eine Viel zahl von Grundmustern; diese sind am besten zu verstehen als Werkzeugkasten, dessen Instrumente selektiv und situativ zur Anwendung kommen können. Die bereits beschriebene beschränkte Rationalität wird aus dieser Perspektive heraus als Schritt-für-Schritt-Prozess betrachtet, welcher unter den Bedingungen beschränkter Information, beschränkten Wissens und beschränkter zeitlicher Ressourcen er kennbar ist (Selten 1999). Hierbei handelt es sich um hochspezialisierte und zu gleich schnell und einfach strukturierte {„fast and fru ga l') kognitive Mechanismen, die durch evolutionäre und sozialisationsbedingte Prozesse zustande gekommen 202 sind. Da sie situativ wirken, lässt sich eine allgemeingültige Verhaltensregel eben falls (nur) situationsspezifisch ableiten (Selten 1999; Todd/Gigerenzer 2003). Basierend auf diesen Erkenntnissen kognitiver Erklärungsansätze entwickelte sich die Theorie poliheuristischen Entscheidens, deren Ziel es ist, heuristische Erklä rungsansätze mit Ideen des Rational-Choice-Denkens zusammenzuführen (Mintz 1993, 2003, 2005; Mintz et al. 1994; Mintz/Geva 1997; Mintz et al. 1997; Payne et al. 1993; Sathasivam 2003: 57; Christensen/Redd 2004; James/Zhang 2005). Die sem Ansatz zufolge laufen individuelle Entscheidungen, insbesondere wenn es sich um strategische Entscheidungen handelt, wie sie im Bereich der Außen- und Si cherheitspolitik regelmäßig auftreten (Morrow 1997), in zwei Phasen ab, einer gleichsam automatisiert im Unterbewusstsein ablaufenden, an welche sich dann eine von gezielten Überlegungen und Abwägung charakterisierte Phase anschließt. In der ersten Phase sind somit zunächst sogenannte Heuristiken wirksam. Der An satz ähnelt somit der Schema-Theorie (Axelrod 1973) und anderen kognitiven Er klärungsansätzen (Simon, 1955; Tversky and Kahneman, 1981, 1986, and 1991) und bezieht insbesondere auch die Prospect Theorie mit ein, da das Vermeiden politisch relevanter Verluste von großer Bedeutung ist (Mintz, 1993, 1995; 2004a; Kinne, 2005; Redd, 2005). Obwohl es sich um Entscheidungsprozesse im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik handelt, spielen hierbei gerade die möglichen innenpolitischen Kosten im unterbewussten Abwägungsprozess eine wichtige Rolle (Russett and Barzilai 1992; Sathasivam 2003; Mintz 2004; Goertz 2004). So hat sich gezeigt, dass im Falle, dass die Öffentlichkeit ein Nicht-Handeln seitens der politi schen Führung deutlich ablehnt und ein starkes internationales Auftreten des eige nen Landes erwartet, tatsächlich außen- und sicherheitspolitisch keine Zurückhal tung geübt wird, sondern stattdessen proaktive Maßnahmen wie Sanktionen oder gar der Einsatz von Gewalt gewählt werden (Brule/Mintz 2004). An dieser Stelle zeigt sich, dass es sinnvoll ist, die Erkenntnisse kognitiver Entscheidungstheorie unmittelbar in einen Zusammenhang mit liberalen Theorien der Internationalen Beziehungen zu stellen, welche auf die innerstaatliche Analyseebene abheben und in der Weiterentwicklung etwa durch Putnam das Zwei-Ebenen-Spiel zwischen na tionaler und internationaler Ebene zu analysieren suchen, ohne allerdings die hier dargelegten Erkenntnisse (hinreichend) zu berücksichtigen. Hierdurch aber wird es erst möglich aufzuzeigen, auf welche Weise und mit welchem Effekt nicht kompensatorische und ungeeignete Handlungsalternativen eliminiert werden (Astorino-Courtois/Trusty 2000). Das Resultat dieser ersten kognitiven Phase des Ent scheidungsfindungsprozesses ist eine Art Entscheidungsmatrix, die folgende Ele mente aufweist: mögliche Handlungsalternativen (etwa Untätigkeit, Androhung oder Anwendung von Gewalt gegenüber dem Gegner, Anordnung von Sanktio nen), deren jeweilige Dimensionen (zum Beispiel bei der Entscheidung zur An wendung von Gewalt die Frage nach militärischer, politischer, diplomatischer, öko nomischer Gewalt; vgl. hierzu etwa James/Zhang 2004) und die jeweiligen Implika tionen. Als Bewertungsgrundlage wird unterbewusst einerseits eine Gewichtung der einzelnen Dimensionen (unwichtig bis sehr wichtig) sowie eine Wertung der Hand 203 lungsoptionen hinsichtlich des zu erreichenden Ziels (erwartetes Resultat sehr schlecht bis sehr gut) vorgenommen (Mintz 2004). Nachdem dieser grundlegende Entscheidungsprozess abgeschlossen ist, kommt es zur bewussten Bewertung der verbleibenden Handlungsoptionen im Sinne eines rational-choice-Vorgehens (Mintz 1993, 1997, 2003, 2004; Mintz et al. 1997; Mintz/Astorino-Courtois 2001;M intz /Geva 1997; Payne et al. 1993). In der gweiten Phase des Entschei dungsprozesses wird aus den verbleibenden Handlungsoptionen diejenige Alterna tive ausgewählt, welche den höchsten Gewinn auf allen relevanten entscheidungs beeinflussenden Dimensionen aufweist. Hierbei werden auf Basis von Expected- Utility-Erwägungen die Werte und Wahrscheinlichkeiten, die mit jeder Implikation innerhalb der Matrix einhergehen, um zu derjenigen Entscheidung zu gelangen, die den höchsten Gewinn verspricht. Die endgültige Entscheidung ist somit eine Ver bindung aus dem Verwerfen nicht gangbarer Alternativen in der ersten Phase und bewusster Auswahl der besten Alternative aus einem Subset der akzeptablen ver bliebenen Alternativen aus der ersten Phase in einer zweiten. In der Praxis lassen sich im Kontext poliheuristischer Entscheidungsfindung innerhalb der Phasen se quenzielle sowie interaktive Entscheidungen in stetigen oder dynamischen bezie hungsweise vertrauten oder fremden Kontexten sowie Bedingungen von Unsicher heit oder Ambiguität antreffen. In sequenziellen und interaktiven Situationen ist jede Entscheidung Teil einer Abfolge von Entscheidungen der an der strategischen Interaktion beteiligten Akteure, die jeweils poliheuristischer Logik folgt (Mintz 2004; Eisenband 2003). Obwohl der Ansatz, Argumente sowohl der vollkommenen als auch der beschränk ten Rationalität zusammenzuführen, sehr hilfreiche und weiterführende Erkennt nisse liefert, wurde verschiedentlich auf die nach wie vor bestehende begrenzte Aussagekraft verwiesen, weil andere zentrale Aspekte unberücksichtigt geblieben sind und somit eine weitere Öffnung des poliheuristischen Erklärungsansatzes für Argumente aus anderen Bereichen sinnvoll erscheine und aufgrund eines durchaus vorhandenen Synergiepotenzials in dieser Richtung machbar sei (etwa Keller/Yang 2008; Stern 2004). Die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens zeigt sich dabei vor allem, wenn man den Blick auf mögliche unabhängige Variablen (siehe hierzu etwa DeRouen/Sprecher 2004; Brecher/Wilkenfeld 1997) wirft, die im poliheuristi schen Entscheidungsansatz als relevant anzusehen sind, wie etwa die räumliche Nähe (etwa Bremer 1982), die sozio-politische Verfasstheit der entscheidungsaus übenden wie auch der durch diese wahrgenommenen Staaten (etwa Maoz/Russett ), die Konfliktkatalysatoren oder in Frage stehende kritische Themen (etwa Fearon 1995). So kann die Einbeziehung geopolitischer Argumente wie auch des im Rah men dieser Arbeit entwickelten Anarchie-Hierarchie-Kontinuums dazu beitragen, den Aspekt räumlicher Nähe zwischen möglicherweise in Konfliktsituationen gera tende Staaten im Kontext von Entscheidungsanalysen besser zu erklären. Das gilt analog auch für den Einfluss des sozio-politischen Systems. Hierbei kann etwa auf Argumente zurückgegriffen werden, wie sie im Kontext der liberalistisch- 204 institutionalistisch geprägten Theorie des Demokratischen Friedens entwickelt wurden. Grundsätzlich ist es aber erforderlich, auch darüber hinauszugehen und die Entscheidungslogiken nicht nur des sozio-politischen Systems in struktureller wie kollektiv-identitärer Hinsicht einzubeziehen, sondern auch etwaige Entschei dungsdynamiken systeminhärenter Akteure wie etwa der Bürokratien zu berück sichtigen, was im Rahmen der hier vorgenommenen Theoriefortbildung und Ana lyseschemaentwicklung explizit und gezielt gemacht wird. Betrachtet man die Bandbreite möglicher Konfliktkatalysatoren, die von solchen, die frei von physi scher Gewalt sind, wie etwa verbal geäußerter Protest, Vertragsverletzungen, Sank tionen, die Bildung von Allianzen durch potenzielle oder bestehende Gegner, das Zurückhalten von Hilfen oder das Einführen und Durchsetzen von Embargos, bis hin zur Demonstration physischer Stärke, die Durchführung von (möglicherweise grenznahen) Manövern bis hin zu Grenzscharmützeln und offenen Kriegshandlun gen reicht (DeRouen/Sprecher 2004), dann ist es ebenso erforderlich, konfliktpsy chologische Erkenntnisse zu berücksichtigen wie auch solche aus dem Bereich der Sicherheitsstudien selbst. Das gilt auch und gerade im Zusammenhang mit Frage nach dem, was als innenpolitischer Schaden einer originär zwischenstaatlichen An gelegenheit vom relevanten Entscheidungsträger perzipiert wird. Dass Innenpolitik im poliheuristischen Entscheidungsmodell von Bedeutung ist, ist bekannt (Hagan 2001; Hampson 1988; Mintz 1993; Mintz et al. 1997). Allerdings spielt bei der Wahl der Option, welche dem poliheuristischen Argument zufolge dahingehend orientiert ist, innenpolitisch am wenigsten Schaden zu verursachen, auch die Frage der sicherheitsspezifischen Beurteilung eine Rolle. Wenn also De- Rouen und Sprecher (2004) in diesem Zusammenhang aufzeigen, dass die Bedro hungslage, die von einer ökonomischen Bedrohung (etwa der Vergabe von Olförderlizenzen an ein konkurrierendes Land) über eine beschränkte militärische Be drohung oder eine ernst zu nehmende politische Bedrohung (etwa die Androhung eines extern betriebenen Regime-Change oder aber auch weniger gravierende Ein mischungen in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates) bis hin zu terri torialen (etwa Separatismus) oder gar grundlegend für den Staat existenziellen Si tuationen reichen kann, mit Blick auf den etwaigen innenpolitischen Schaden, der durch die Wahl einer spezifischen politischen Handlungsalternative entsteht, abge wogen wird, dann ist es unumgänglich, eine Bedrohungsperzeptionsanalyse durch zuführen, welche es ermöglicht, eine Bedürfnishierarchie der nationalen Sicherheit in ihrer ganzen Komplexität zu erstellen. Eine solche existierte bislang in geeigneter Form nicht, weswegen im Rahmen der hier unternommenen Theoriefortbildung eine solche entwickelt wird. Diese ermöglicht es dann, auch die im Kontext des poliheuristischen Ansatzes entwickelten Argumente und Erkenntnisse zu einer ver tieften Entscheidungsanalyse nutzen zu können. Aber auch die Differenz zwischen den Kapazitäten sowie das mögliche Vorliegen einer schon lange bestehenden Ri valität (Diehl/Goertz 2000) gilt es zu berücksichtigen (DeRouen/Sprecher 2004; Brecher/Wilkenfeld 1997: 177). 205 Auch an dieser Stelle erscheint es sinnvoll, diese Aspekte zu spezifizieren und dabei die Verbindung zur Akteur-Struktur- wie auch zur Anarchie-Hierarchie Problematik herzustellen, etwa um die entscheidungsrelevanten Implikationen einer relativen Veränderung von Kapazitäten durch Kooperation und deren Bewertung verstehen und beurteilen zu können. Dies kann etwa durch Berücksichtigung der Erkenntnisse relativer und absoluter Kooperationsgewinne geschehen, wie sie im vorangegangenen Kapitel beschrieben und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Systemstrukturausprägung dargelegt wurde, die ja wiederum einen maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung hat. Es zeigt sich also, wie wichtig die im Rahmen dieser Arbeit fortentwickelten Theorieansätze sind, da dieser Schritt hin zum inter pretativen Realismus und dem darauf basierenden Analyseschema auf diese Weise sogar einen so etablierten Ansatz wie den der poliheuristischen Entscheidungsfin dung noch bereichern und in ein weiterführendes Konzept integrieren kann. Ein weiterer Aspekt, der hierfür ganz wesentlich ist, ist die Persönlichkeit der ent scheidungstragenden Individuen (Mintz/Geva 1997; Mintz/Geva/Redd/Carnes 1997; Sathasivam 2003; Taylor-Robinson/Redd 2003; James/Zhang 2005). Die spezifische Persönlichkeitsstruktur interagiert, wie dargestellt, mit kognitiven Pro zessen, lässt sich jedoch durchaus davon differenzieren und dem Prinzip nach als eigenständige Größe fassen und analysieren. Vor diesem Hintergrund ist es eben falls wichtig, die Persönlichkeitsstruktur bei der Theoriefortbildung zu berücksich tigen, wobei hierzu nicht nur Persönlichkeitsmerkmale, sondern auch darauf basie rende unterschiedliche Führungsstile und ihr jeweiliger Einfluss im Kontext von Entscheidungsprozessen und nicht zuletzt psychische Erkrankungen und ihre Im plikationen eine Rolle spielen. Diese werden daher im nachfolgenden Gliederungs punkt behandelt. Zunächst jedoch soll der Blick darauf gelenkt werde, welche kon kreten Beschränkungen der vollkommenen Rationalität existieren und wie diese sich jeweils auf die zwischenstaatliche Entscheidungsfindung auswirken können. Konkrete Beschränkungen der vollkommenen Kationalitätund ihre Implikationen ‘The socia l world is [ . . . J a kaleidoscope o fpoten tia l realities, any o f which can be readily evoked by altering the ways in which observations a refram ed and categoriged.” (Edelman 1993,p. 232, in Entman 1993) Das menschliche Gehirn strebt grundsätzlich nach Kohärenz und Konsistenz (Festinger 1957; Heider 1944, 1977, 1983, 2005; Hummon/Doreian 2003; Newcomb 1968, 1979). Das führt dazu, dass im Rahmen des kognitiven Verarbeitungsprozes ses wahrgenommene Informationen regelmäßig so behandelt werden, dass im Ab gleich mit bestehenden kognitiven Strukturen ein stimmiges Gesamtbild hergestellt und die neue Information in den bestehenden Korpus aus Wissen und Erfahrun gen integriert wird (Lebow 1981: 103). Auf ebendieser Grundlage findet dann auch der Prozess konkreter Entscheidungsfindung statt, was zur Folge hat, dass zuvor in 206 bestehende spezifische Weltbilder und Glaubenssätze repräsentierende Denkstruk turen möglicherweise in mehr oder weniger ausgeprägtem Maß von der objektiven Realität abweichen. Dieser Umstand führt letztlich dazu, dass die Qualität des au ßenpolitischen beziehungsweise zwischenstaatlichen Entscheidungsprozesses nega tiv beeinflusst werden kann und suboptimale Problemlösungsstrategien verfolgt werden (George 1980: 61). Das natürliche Streben des Gehirns nach kognitiver Konsistenz dient vor allem dazu, den Prozess der Entscheidungsfindung zu beschleunigen, indem von vorne herein Entscheidungen ausgeschlossen werden, welche vom eigenen Selbst- und Weltverständnis, den eigenen Beliefs beziehungsweise der eigenen Identität abwei chen. Somit ist das sogenannte Consistency Seeking des Gehirns nicht per se negativ, insbesondere wenn Personen, die mit außenpolitischen Entscheidungen betraut sind, sich des Umstandes bewusst sind, dass sie die Informationen, welche sie im Begriff sind zu verarbeiten, automatisch rationalisieren, und sie somit versuchen können, auf diese Weise entstehende Verzerrungen auszugleichen. Es kann sich indes fatal auswirken, wenn dieses Korrektiv nicht greift, was regelmäßig der Fall ist, und außenpolitische Erwägungen beziehungsweise Entscheidungen auf einer logisch stark verzerrten Interpretation wahrgenommener Informationen beruhen, nachdem neue Informationen, welche dem bestehenden kognitiven System zuwi derlaufen, kognitiv aussortiert wurden, um einen Zustand kognitiver Dissonanz zu vermeiden (George 1980: 43, 57). Da die Implikationen kognitiver Einflüsse auch auf zwischenstaatliches Verhalten somit erheblich sein können, und die Fehlinter pretationen von anderen Akteuren wie auch von internationalen Strukturen und außenpolitisch relevanten Konstellationen im Wesentlichen durch kognitive M e chanismen verursacht werden, ist es wichtig, zu verstehen, wie diese im Individuum entstehen, wie sie mit biologisch determinierten Persönlichkeitsmerkmalen und so zialen Prägungen und Erfahrungen interagieren und wie sie auf diese Weise konkre te Situationen außenpolitische beziehungsweise zwischenstaatliche Entscheidungs prozesse maßgeblich beeinflussen können. Ein wesentlicher dieser kognitiven Mechanismen ist die kognitive Verzerrung (cognitive bias), worunter ein zwar unterbewusst, jedoch systematisch ablaufender kogniti ver Prozess bei Wahrnehmung, Erinnerung, Denken und Urteilen verstanden wird. Kognitive Verzerrungen sind Ausdruck und Ergebnis kognitiver Heuristiken. Will man die Wirkungsweise kognitiver Heuristiken verstehen, ist es sinnvoll, sich zu nächst vor Augen zu führen, was ganz allgemein unter Heuristik verstanden wird. Heuristik stellt eine Methode dar, mit unvollständigen Informationen einerseits und wenig Zeit andererseits einen adäquaten Problemlösungsansatz zu entwickeln. Mit anderen Worten handelt es sich um ein analytisches Vorgehen, bei welchem mit begrenztem Wissen über ein System mithilfe von mutmaßlichen Schlüssen Aussa gen über ebendieses System getroffen werden kann. Dieser Ansatz, bei dem die Schlussfolgerungen zumindest teilweise erheblich von der optimalen Lösung ab weichen können, ist auf Gebieten wie Mathematik und Informatik (Applegate et al. 207 1998, 2007, Cook 2011, Lawler et al. 1985, Domschke 1997, Grünert/Irnich 2005) ebenso wie Chemie (Graulich et al. 2010) ein gängiges wissenschaftliches Verfahren mit langer Tradition, wie etwa die intensive Auseinandersetzung von Euler bis Polyia (1975, 1998) zeigt. Als bewusste Methode des Erkenntnisgewinns lässt sich das heuristische Vorgehen bis ins erste nachchristliche Jahrtausend zurückverfol gen, wo sich etwa Pappos von Alexandria oder al-Chwarizmi ( ^ ü j 'j ^ ') mit dieser Technik auseinandersetzten (al-Daffa‘ 1977, Folkerts 1997, Goulet 2012, Sayili 1989, Vogel 1963), bis die Heuristik schließlich mit Schleiermacher als eigenständi ge philosophische Wissenschaft neben die Logik trat. Weiterentwicklungen etwa von Ramon Llull (Bonner 1985), Athanasius Kirchner (Findlen 2004, Godwin 1979, Reilly 1974, Schmidt 2001) und Leibniz waren ebenfalls bestrebt, eine syste matische Reduktion von Begriffen auf ihren elementaren Kern zu erreichen (Leh mann 1993, Liebezeit 2004, Mackensen 1969), und auch Descartes ging es darum, komplexe Probleme so zu zerlegen, dass deren Bestandteile (und somit das Ge samtproblem) sich unmittelbar erschließen lassen (Descartes 1870). Auf Bernard Bolzanos Systematisierung der Methoden basierend, um in der jeweilig gegebenen Erkenntnissituation die faktisch die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für die logische Inangriffnahme vorgegebener Problemstellungen herauszuarbeiten und zu begründen, spricht man in der Philosophie heute vor allem dann von einer heuristi schen Herangehensweise, wenn eine bekannte Einheit auf Grund ihrer Ähnlichkeit genutzt wird, um das Verständnis oder das Wissen über eine unbekannte Einheit zu erweitern beziehungsweise zu vertiefen. In diesem Sinne können etwa Gleichnisse oder Metaphern als heuristische Mittel angesehen werden, um den Erkenntnispro zess eines Menschen zu fördern. Während in den genannten Naturwissenschaften, der Philosophie, aber ebenso im Bereich der (behavioralen) Wirtschafts- und Finanzwissenschaften (Akerlof/Schiller 2009, Benartzi/Thaler 1995, Bogatzki 1998, Camerer et al. 2003, Daxhammer/Facsa 2012, Fehr/Schmidt 1999, Goldberg/Nitzsch 1999, Kitzmann 2009, Kottke 2005, Pompian 2006, Shefrin 2002, 2007; Shleifer 1999, Shriek 2009, Thaler 1993, 1994, 2005) ganz bewusst die Methode der Heuristik zur Anwendung gelangt, etwa wenn der Rechenaufwand im Entscheidungsfindungsprozess zu um fangreich ist, befasst sich die Kognitionspsychologie mit unbewusst und unwillkür lich ablaufenden heuristischen Prozessen, sogenannten Urteilsheuristiken. Hierbei werden Heuristiken — gleichsam analog zum vorher Geschilderten — als einfache, jedoch effiziente Regeln verstanden, welche lediglich dann unterbrochen und von kontrollierten Denkprozessen abgelöst werden, wenn der Gegenstand das Über schreiten einer spezifischen Aufmerksamkeitsschwelle bewirkt. Unabhängig davon ist es in zahlreichen Situationen sehr oder gar zu aufwändig, alle potenziell mögli chen Alternativen zu durchdenken und unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren abzuwägen. In solchen Situationen sind regelmäßig Urteilsheuristiken wirksam (Aronson et al. 2004, Chen/Chaiken 1999, Chaiken 1980, Gigerenzer 2008, Kahneman et al. 1982, Nisbett/Ross 1980, Strack/Deutsch 2002). Diese werden entweder erlernt oder haben sich im Rahmen der evolutionären Entwick 208 lung herausgebildet, um Lagebeurteilungen, Entscheidungsfindungen oder die Lö sung von Problemen in komplexen Situationen zu ermöglichen, die zudem nicht selten von unvollständigen Informationen, Stress oder Risiko geprägt sind. Dabei wirkt eine Heuristik regelmäßig so, dass auf einen bestimmten, dem kognitiven Sys tem auf eine spezifische Art vertrauten Aspekt (kognitive Konsistenz), fokussiert wird, während andere Aspekte systemisch ausgeblendet werden (Lewis 2008: 43). Dieser Prozess, der nicht zuletzt den zerebralen Beschränkungen im Bereich der Informationsverarbeitung geschuldet ist (Shah/Oppenheimer 2008), kann mitunter adäquate Resultate bewirken, etwa wenn der heuristische Rückgriff auf Vertrautes tatsächlich eher systematisch als zufällig erfolgt, wie dies seitens des Fast-and- Frugal-Forschungsprogramms verschiedentlich nachgewiesen wurde (Hardman 2009: 13-16; Gigerenzer et al. 1999, Goldstein/Gigerenzer 2002, Reimer/Katsikopoulos 2004, Rieskamp/Otto 2006). Zumeist jedoch besteht die be reits erwähnte Gefahr der Entstehung kognitiver Verzerrungen. Ein zentraler Me chanismus hierbei ist die Attributsubstitution. Attribution (auch Kausalattribution) bezeichnet dabei grundsätzlich den Prozess der Ursachenzuschreibung eigenen o der fremden Verhaltens, der dem Zweck dient, Ereignissen eine Bedeutung zu ge ben, deren Ursachen zu verstehen und künftige Ereignisse dadurch vorhersehbar und damit einhergehende Risiken kalkulierbar zu machen (Jones 1967; Weiner 1986). Hierbei findet die Attribution regelmäßig nicht unmittelbar statt, sondern auf dem Wege der Substitution. Auf Grundlage des Natural-Assessments-Ansatzes, demzufolge das Gehirn bei der Beurteilung bestimmter Sachverhalte auf bereits in anderen, vergleichbaren Kontexten geleistete kognitiven Prozesse, zurückgreift, entwickelte sich die zugehörige Theorie der Attributsubstitution. Diese besagt, dass beim Versuch, in einer komplexen Situation eine Entscheidung zu treffen, also eine spezifische Aufgabe zu lösen, unterbewusst eine andere, dem Prinzip nach ver gleichbare, jedoch einfachere Aufgabe gelöst wird. Hierzu kommt es, wenn einer seits das eigentliche Zielattribut kognitiv schwer zugänglich ist, da eine Beurteilung beziehungsweise Lösung nicht unmittelbar über vorhandenes Wissen generiert werden kann, und andererseits ein ähnliches Attribut zur Verfügung steht, das etwa aufgrund vorangegangener Priming-Prozesse bereits bekannt und somit kognitiv leichter zugänglich ist, weil die Beurteilung und Lösung des substituierten Attributs aus dem vorhandenem Erfahrungs-/Wissenskorpus möglich ist. Da diese Substitu tion vom reflexiven System nicht bemerkt und somit nicht korrigiert wird, wird statt der Beurteilung des Zielattributs das heuristische Attribut bewertet (Kahneman/Shane 2002; Newell et al. 2007). Dieser Umstand erklärt auch, weshalb sich Menschen regelmäßig ihrer kognitiven Verzerrungen und den darauf beruhenden Einstellungen nicht bewusst sind, und auch, weshalb diese Verzerrungen auch dann fortbestehen können, wenn man die betroffene Person darauf aufmerksam macht. Um diesen Umstand zu illustrieren, sei an dieser Stelle auf die Wahrnehmungspsychologie verwiesen, wo analog wir kende Heuristiken im Bereich der visuellen Perzeption und der Objektwahrneh 209 mung existieren. Diese ermöglichen etwa die Rekonstruktion von zweidimensiona len Bildern auf der Netzhaut zu dreidimensionalen Objekten in der Wahrnehmung, wobei fehlende Bildinformationen aus dem Gedächtnis ergänzt werden. Diese Heuristiken wirken im Prinzip genauso wie Urteilsheuristiken. Somit lässt sich auch die eingangs erwähnte Fehleranfälligkeit auch gut illustrieren: Vergleichbar mit den kognitiven Verzerrungen, die durch das Konsistenzstreben des Gehirns bei der Be urteilung von Situationen hervorgerufen werden, sind bei der visuellen Wahrneh mung etwa optische Täuschungen. Somit wird verständlich, weshalb die Beurtei lung eines für die internationalen Beziehungen relevanten Sachverhaltes und eine darauf basierende außenpolitische Entscheidung möglicherweise nicht oder nur in bedingtem Maß der tatsächlichen Herausforderung gerecht wird (Kahneman/Shane 2002, Kahneman 2003, Newell et al. 2007). Ein solcher Effekt kann allein schon dadurch entstehen, dass die Rolle der eigenen Person aufgrund der durch Heuristiken bedingten Rationalitätsbeschränkung unzutreffend wahrge nommen wird. Hierbei steht die Selbstwahrnehmung eines Individuums (Mead 1934, Ryle 1949, Skinner 1957), welche als ein auf sich selbst bezogener Attributi onsprozess zu verstehen ist (Bem 1967), in enger Verbindung mit dem Phänomen der kognitiven Dissonanz (Andersen 1984; Andersen/Ross 1984, Bern 1972). Hierbei erlebt ein Mensch, sobald er mit zwei Kognitionen — Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünschen oder Absichten — konfrontiert ist, welche im individuellen Empfinden miteinander nicht vereinbar sind, einen als unangenehm empfundenen Zustand averser Motivation (Festinger 1957). Für die Analyse außenpolitischen Verhaltens sind vier Anwendungsbereiche der Dissonanztheorie von besonderer Bedeutung: Dissonanz vor und nach Entschei dungen (pre-lpost decisional dissonance), Dissonanz nach einstellungsdiskrepantem Verhalten (forced compliance), Dissonanz und selektive Informationssuche (selective exposure) sowie Dissonanz und soziale Unterstützung (social support). Diese zeigen auf, weshalb es jeweils zur Entstehung kognitiver Dissonanz kommen kann. Die grundlegendste Ursache ist in der Konfrontation mit einer Situation zu sehen, in der eine potenzielle Gefährdung des eigenen Selbstkonzepts als möglich oder wahr scheinlich empfunden wird (Aronson 1968: 23). Hiermit in engem Zusammenhang stehend tritt eine kognitive Dissonanz regelmäßig im Kontext von Entscheidungen auf, bei denen vielversprechende Alternativen zur Verfügung stehen, gegen welche man sich dann aber entscheidet, und sich dann herausstellt, dass sich die getroffene Entscheidungim Nachhinein als problematisch beziehungsweise falsch herausstellt. Das kann etwas der Fall sein, wenn ein außenpolitischer Entscheidungsträger sich gewahr wird, dass ein eingeleiteter Prozess, etwa diplomatische Verhandlungen zur Beilegung einer Konfliktsituation, deutlich schwieriger, unangenehmer oder mit höheren (Opportunitäts-) Kosten verbunden ist, als ursprünglich erwartet, oder er feststellt, dass ein außenpolitisches Ziel, in dessen Erreichung sehr viele Mühen investiert wurden, nicht erreicht worden ist beziehungsweise werden kann. Eben falls kann es zu kognitiver Dissonanz kommen, wenn in einem entscheidungsver antwortlichen Individuum die Erkenntnis heranreift, inkompetent oder unmora 210 lisch gehandelt zu haben. In solchen Situationen korrigiert das Gehirn Wahrneh mungen oder Beurteilungen in Richtung einer Rationalisierung der Situation. Spezi ell der letztgenannte Umstand kann im Falle des sogenannten Forced Compliance Paradigmas auftreten. Die entsprechende Dissonanz entsteht dadurch, dass sich das Individuum konträr zu seinen inneren Überzeugungen verhält, ohne dass dafür ein externer Rechtfertigungsgrund etwa in Form eines besonderen Nutzens vorliegt (Festinger/Carlsmith 1959). Im Kontext der internationalen Beziehungen kann man beispielsweise an eine einem anderen Staatsvertreter gegenüber geäußerte Lü ge denken, zu welcher dieser gedrängt wird. Sind die beiden Repräsentanten be freundet und läuft das vorsätzliche Belügen von Freunden dem eigenen Selbstbild und Werteverständnis entgegen, kann die moralisch fragwürdige Handlung zu kog nitiver Dissonanz führen. Anders sieht es aus, wenn die Lüge als in der subjektiven Wahrnehmung des Handelnden als einem höheren Zweck dienliche, politisch ge rechtfertigte Tat erscheint. Damit tatsächlich kognitive Dissonanz entsteht, müssen das (in der Regel freiwillig erfolgte) Verhalten und die eigene Einstellung als widersprüchlich empfunden wer den und hierdurch ein physiologischer Erregungszustand ausgelöst werden (Croyle/Cooper 1983; Fazio/Cooper1983; Losch/Cacioppo 1990; McMillen/Geiselmann 1974; Zanna/Cooper 1974, 1976). Da diese Art von Dissonanz dann als unangenehmer Spannungszustand erlebt wird und auf die betroffene Per son einen nicht unerheblichen Druck ausüben kann, stellt das Vorhandensein von kognitiver Dissonanz einen motivationalen Anreiz dar, diesen Zustand zu beseiti gen, wobei sich die Stärke des Drucks zur Dissonanzreduktion aus der empfunde nen Stärke der Dissonanz ergibt (Festinger 1957, Elliot 1994). Ist die Dissonanz stark genug, kann ihre Bekämpfung zu einer dauerhaften Änderung von Einstel lungen oder Verhalten führen: Entweder wird das Verhalten so geändert, sodass es zur Überzeugung passt, oder die Überzeugung so geändert, dass sie zum Verhalten passt, wobei dieser Prozess dann über temporäre Rationalisierungen weit hinaus geht. Letztere spielen allerdings durchaus ebenfalls eine Rolle, so etwa wenn der Wider spruch zwischen Verhalten und Einstellung heruntergespielt (Selbstbetrug) oder das Verhalten sich gegenüber als erzwungen dargestellt („Ich musste so handeln“) wird. Ebenfalls kann eine Strategie selektiver Auswahl und Interpretation von In formationen in dissonanzreduzierender Weise zur Anwendung kommen. Diese Art der kognitiv ablaufenden Rechtfertigung von Entscheidungen kann zu spezifischen kognitiven Verzerrungen wie etwa dem Bestätigungsfehler (confirmation bias) führen, bei dem zur Wahrung der kognitiven Konsistenz beziehungsweise Überwindung von kognitiver Dissonanz alle neuen Informationen, die zu der getroffenen Ent scheidung in Widerspruch stehen, tendenziell abgewertet und alle konsonanten In formationen tendenziell aufgewertet werden. Informationen werden dabei unter bewusst so gesucht, ausgewählt und interpretiert, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen, während Informationen, welche die eigenen Erwartungen widerlegen (dis- 211 confirming evidence), ausgeblendet werden, was zu einer Selbsttäuschung führt. Zudem kommt es im Zusammenhang mit dieser kognitiven Verzerrung auch zum Phäno men des selektiven Erinnerns: Ein Individuum, dessen Meinung zu einem Thema bereits feststeht, erinnert sich nach einer Diskussion darüber selektiv an die plau siblen Argumente für die eigene Position einerseits und an die unsinnigen Argu mente für die gegnerische Position andererseits (Jones/Kohler 1959; Wason 1960/1968; Edwards/Smith 1996). Zudem wirkt die Erfahrung kognitiver Dissonanz auch in die Zukunft. Da Men schen konsonante Kognitionen als angenehm empfinden und diese daher aktiv su chen, werden dissonante Informationen bei künftigen sich anbahnenden Konflik ten bereits a priori vermieden (Seeking-and-Avoiding-Hypothese). Die Folge ist eine fest gebahnte selektive Wahrnehmung etwa außenpolitisch entscheidungsrele vanter Informationen. Unterstrichen werden diese Erkenntnisse auch durch andere Konsonanztheorien, welche auf der ursprünglichen Balance-Theorie von Fritz Heider (1944), deren Weiterentwicklung durch Newcomb (1953) oder der Kongruitätstheorie von Osgood und Tannenbaum (1955) beruhen, auch wenn deren Schwerpunktsetzung zum Teil in eine andere Richtung geht. Dennoch stimmen die Konsonanzmodelle in ihren Grundannahmen im Wesentlichen überein. Allerdings lassen sich die bislang dargelegten Erkenntnisse nur dann wirklich befriedigend nutzen, wenn sie mit anderen Aspekten individueller Persönlichkeit und deren Entwicklung in Zusammenhang gebracht werden. Auf diese Weise nämlich lassen sich neben den vor allem situativ wirkenden, auf Heuristiken basierenden Verzer rungen auch solche Beschränkungen der absoluten Rationalität feststellen, welche mit grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen oder nachhaltig wirkenden Sozialisa tionsprozessen zu tun haben. Denn auch die durch grundständige Sozialisation und Erfahrung entstandenen komplexen Vorstellungen eines Individuums zu sich selbst, zu bestimmten Themen und zur Welt, welche in engem Zusammenhang mit Wertvorstellungen und Einstellungen stehen und somit die kognitiven inneren Landkarten eines jeden Menschen bilden, sind, wie weiter unten noch ausführlich dargelegt wird, dem zerebralen Streben nach Kohärenz und Konsistenz unterwor fen, sodass gerade solche Informationen auf unterbewusstem Wege selektiv aus gewählt, verarbeitet und erinnert werden, welche konsonant sind und sich problem los in die bestehende kognitive Landkarte einfügen lassen, während inkongruente beziehungsweise dissonante Informationen ignoriert, vergessen oder kongruent umgedeutet (Rechtfertigungen), um kognitive Dissonanz zu vermeiden — mit den entsprechenden Folgen für außenpolitisches Entscheiden. Bevor jedoch die genetisch bedingten sowie durch grundständige Sozialisation her vorgerufenen langfristig wirkenden Ursachen für Beschränkungen rationalen Erle bens und Handelns vorgestellt und hinsichtlich ihrer Wirkung im Bereich der inter nationalen Beziehungen analysiert werden, sollen zunächst noch einige ausgewählte spezifische Heuristiken, die zum Verständnis von Entstehung und Wirkung kogni tiver Verzerrungen im Bereich der außenpolitischen Entscheidungsfindung beson 212 ders relevant sind, behandelt werden. Oben wurde bereits beschrieben, wie der Prozess der Attributionssubstitution zu außenpolitischen Fehleinschätzungen füh ren kann. Aber auch eine nicht-substituierte Kausalattributierung kann Fehlurteile und darauf basierende Fehlentscheidungen auf dem Gebiet der internationalen Po litik bewirken oder wenigstens begünstigen (Gilbert/Malone 1995; Ross 1977). Um dies zu verstehen, ist es zunächst erforderlich, die beiden Arten der Kausalattribu tion zu betrachten: Eine internale (auch dispositionsbezogene) Kausalattribuierung liegt vor, wenn eine Person die Ursache eines Ereignisses bei sich sieht, während sie im Falle der externalen (auch situationsbezogenen) Kausalattribuierung dessen Ursache bei anderen Personen oder einem externen Faktor sieht (Lilienfeld et al. 2010: 380). In der Praxis zeigt sich, dass aus der Perspektive des Beobachters eines Ereignisses die situativen Aspekte des Verhaltens der am Ereignis beteiligten Dritten vernach lässigt werden und stattdessen seitens des Beobachters eine dispositionale Attribu tion vorgenommen wird, und das trotz der bekannten Tatsache, dass situative As pekte einen erheblichen Anteil beim Zustandekommen von Verhaltensvarianz ausmachen (Jones/Nisbett 1971, 1972; Sanderson 2010: 118; Schwarz 2006). Bei diesem sogenannten fundamentalen Attributionsfehler (fundamental attribution error) lässt sich deutlich die sogenannte Korrespondenzverzerrung (correspondence bias) er kennen, bei welcher das Verhalten eines Menschen regelmäßig unwillkürlich eher als seiner Person und nicht der Situation geschuldet wahrgenommen wird. Nicht zuletzt weil die Aufmerksamkeit, die etwa ein unter zeitlichem Druck stehender außenpolitischer Entscheider einem Ereignis widmet, eine beschränkte Ressource darstellt, und dieser etwa bestrebt ist, das Verhalten eines für seine Beurteilung der Lage relevanten Menschen (etwa eines anderen Staatsmannes) zu verstehen, wird die meiste Aufmerksamkeit automatisch auf diesen Menschen gerichtet. Hierbei neigt man dazu, dispositionale Erklärungen zu überschätzen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die (eigentlich relevanten) externen Ursachen zum Zeitpunkt des zu bewertenden Verhaltens des Dritten nicht mehr vorhanden oder nicht (mehr) er kennbar sind (Aronson et al. 2008: 109; Graham/Folkes 1990). Die Art der Kausalattribuierung ändert sich je nach Standpunkt der Person. Wäh rend der Beobachter eines Ereignisses diesem eher innere Ursachen zuschreibt (dispositionale Attribution), schreibt der Handelnde selbst diesem eher äußere Ur sachen zu (externale Attribution). Das hängt nicht zuletzt auch mit der Erfahrung zusammen, eine Aufgabe normalerweise bewältigen zu können, was die Tendenz verstärkt, eigene Erfolge auf innere, eigenes Versagen indes auf äußere Faktoren zurückzuführen (Nisbett/Ross 1980). Häufig treten Attribuierungsfehler bezie hungsweise darauf basierende kognitive Verzerrungen zudem dann auf, wenn sich eine Person in einer Notlage befindet. Auch wenn die in Not befindliche Person ihre Notsituation nicht selbst verschuldet hat, kommt der Beobachtende regelmä ßig zu dem Ergebnis, dass sie selbst daran Schuld habe und diese somit auch selbst zu ändern in der Lage sei, während vom Betroffenen selbst zumeist die äußeren 213 Umstände als ursächlich wahrgenommen werden. Dieser unwillkürliche Prozess lässt sich damit erklären, dass sowohl dem Beobachter als auch dem Betroffenen diese kognitiven Mechanismen der Aufrechterhaltung eines positiven Selbst- und Weltbildes dienen. Während der Betroffene durch die unbewusste externale Attribuierung sein Selbstwertgefühl wahren kann, ermöglicht es die internale Attribuierung dem Beobachter, seinen Glauben nicht nur an das Ideal einer gerechten Welt, sondern auch an die prinzipielle Kontrollierbarkeit von Situationen aufrechtzuer halten. Erlebnisse oder Berichte von schrecklichen internationalen Ereignissen, fa talen Folgen außenpolitischen Handelns etc., aber ebenso Ereignisse, die den au ßenpolitisch Handelnden an die eigene politische wie auch reale Vergänglichkeit erinnern, können auf diese Weise durch sogenannte Defensivattributionen abge mildert werden. Indem etwa das zum außenpolitischen Handeln in einer akuten Krise geforderte Individuum von der unterbewusst generierten Illusion geleitet wird, dass entsprechendes Unbill oder Tragödien nur Menschen zustoßen, die selbst dazu beitragen, etwa weil sie schlecht, unvorsichtig oder dumm sind, nimmt es sich selbst (fälschlicherweise) in einer Position wahr, das Auftreten derartiger Ereignisse stets beeinflussen zu können (Lerner 1980; Shaver 1970). Die geschilderte Attributionslogik geht aber noch weiter: Wie gezeigt ist die unbe wusste Attribution eines eigenen Unglücks situativ, während diejenige fremden Un glücks dispositionaler Natur ist. Betrachtet man die Attribution eigenen Erfolges, so geschieht diese nun — anders als die Attribution eigenen Unglücks oder Misser folges — dispositional. Diese Tendenz, eigene Erfolge im Innern liegenden und ei gene Misserfolge eher äußeren Faktoren zuzuschreiben, stellt eine selbstwertdienli che kognitive Verzerrung (self-serving bias) dar. Eng damit in Zusammenhang ste hend ist der sogenannte Lake-Wobegon-Effekt, der besagt, dass Mehrheit der Men schen bestimmte eigene Fähigkeiten für überdurchschnittlich hält (Smith/Mackie 2000: 117). Eine besondere Ausprägung erfährt dieses Phänomen im sogenannten Dunning-Krüger-Effekt. Damit wird eine kognitive Verzerrung dergestalt bezeich net, dass Unwissenheit häufig zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. Weniger kompetente Personen weisen eine Tendenz auf, ihre eigenen Fähigkeiten zu über schätzen und eigene Defizite nicht zu realisieren, während sie überlegene Fähigkei ten bei anderen nicht erkennen (Campbell/Miller 2011: 400; Cheng et al. 2009; Dunning/Heath/Suls 2004; Dunning et al. 2003; Ehrlinger et al. 2008; Ehrlinger/Dunning 2003; Hermanns 2012: 15ff.; Kraler/Schratz 2007: 45ff.; Kruger/Dunning 1999; Lawrence 2008: 37). Grundsätzlich dienen alle selbstwertdienli chen kognitiven Verzerrungen dem Ziel, ein positives, konsistentes Selbstbild auf rechtzuerhalten und für sich und andere in einem guten Licht zu erscheinen (Aronson et al. 2008: 116; Carver et al. 1980; McAllister 1996; Miller/Ross 1975; Greenberg et al. 1982; Goffman 1959; Tetlock 1981). Rufen derartige Attributionen posi tive Emotionen hervor, etwa indem kognitive Dissonanz vermieden wird, findet ein entsprechender Lernprozess statt: Die Handlungen des Akteurs werden in ver gleichbaren Situationen mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder von ebendenselben Heuristiken und Verzerrungen beeinflusst werden (Munton et al. 1999; Weiner 214 1992). Das gilt im gleichen Maße für die objektbezogenen kognitiven Verzerrun gen, welche nun näher beleuchtet werden. Ein wesentlicher Wirkmechanismus auch bei den objektbezogenen kognitiven Verzerrungen ist die selektive Wahrneh mung, welche unmittelbar auf den Meinungsbildung- und Entscheidungsfindungs prozess eines Individuums einwirkt. Hierbei handelt es sich um ein Phänomen, bei welchem lediglich spezifische Umweltreize perzipiert werden, während andere aus geblendet werden. Diese basiert auf der Funktionsweise des Gehirns, Muster zu erkennen und diese mit bereits vorhandenen Strukturen abzugleichen. Wie oben dargelegt, führt dies etwa dazu, dass so Argumente, die das eigene positive Selbst bild stützen, stärker wahrgenommen als solche, die es schwächen. Meinungen ent stehen dabei basierend auf den im Gehirn gespeicherten und verfügbaren Beliefs, wobei in jeder beliebigen Situation stets nur eine begrenzte Zahl spezifischer Be liefs abgerufen werden kann. Von den grundsätzlich zur Verfügung stehenden Be liefs ist nur eine bestimmte Menge stark genug, um vom Gehirn als relevant zur Entscheidungsfindung herangezogen zu werden. Die spezifische Entstehung der konkreten Ausprägung von selektiver Wahrnehmung kommt durch Mechanismen wie etwa Priming oder Framing zustande, die mit den Erfahrungen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen des betroffenen Individuums interagieren. Priming und Framing haben gemeinsame Grundlagen. Beide Effekte können ent weder gemeinsam oder getrennt voneinander auftreten. Während Framing dabei als der bewusste Akt der Beeinflussung Dritter verstanden wird, ist Priming der Vor gang, der bei einer Person abläuft, welche einem beeinflussenden Vorgang ausge setzt ist, welcher zu einer spezifischen Form selektiver Wahrnehmung führt. Ein politischer Führer etwa kann eine außenpolitisch relevante Situation beispielsweise dahingehend framen, dass er ausgewählte Informationen in einen spezifischen Rahmen setzt — so etwa George H. W. Bushs Vergleich von Saddam Hussein mit Adolf Hitler — womit er bewusst einen spezifischen Effekt zu erzielen erhofft, ohne dass jedoch ein gerichteter Primingeffekt notwendigerweise die Folge ist, während ein Individuum durch eine bestimmte Handlung, die jedoch nicht zielgerichtet auf die Person, bei der tatsächlich eine Beeinflussung stattfindet, einen handlungsbeein flussenden Effekt bei ebendieser Person bewirkt; diese Person wird geprimt ohne dass bewusst ein spezifischer Frame gesetzt wird. Wenn beide Größen zusammen wirken, wird ein gerichteter Primingeffekt durch gezieltes Framing beim Zielobjekt bewirkt. Hierbei wird auch die Diskursentwicklung reflektiert: Bislang auf eine spe zifische Weise interpretierte Themen können auf dem Wege von Framing bezie hungsweise Reframing in neu interpretierte Themen transformiert werden (vgl. et wa Chong/Druckman 2007). Primingprozesse beeinflussen hierbei die Aufmerk samkeit eines Individuums; indem diese auf spezifische Aspekte gelenkt wird wäh rend gleichzeitig andere vernachlässigt werden, können bestimmte Konnotationen aktiviert werden, während andere unterdrückt bleiben, was zur Folge hat, dass sich ganz spezifische Sichtweisen und darauf basierend Entscheidungen herausbilden (Jones 1994; Fiske/Taylor 1991: 257; Feldman 1995). Dies betrifft Entscheidungen auf höchster politischer Ebene mit außen- und sicherheitspolitischer Relevanz 215 ebenso wie Beurteilungen und Entscheidungen auf breiter politischer Ebene, wie etwa bei Wahlen oder der Beurteilung von Regierungen, Parteien, politischen Pro grammen etc., wobei die entsprechenden Primings vor allem massenmedial indu ziert werden (Iyengar/Kinder 1987: 63; Iyengar et al. 1984). Eine entsprechende analytische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen ist insofern von besonderer Bedeutung, weil sich so auch erklären lässt, weshalb Struktur und Konstellation des internationalen Systems auf eine ganz spezifische Weise beim Akteur erscheinen, was wiederum etwa die Wahrnehmung der anderen bezüglich der eigenen Sicher heit angeht und für die weiter unten behandelten Größen Sicherheitspyramide und Anarchiearten zentral ist Somit vermag es nicht zu verwundern, dass sich neben der stetig wachsenden Bedeutung der Erforschung von Frames beziehungsweise Framingprozessen im Allgemeinen das Augenmerk insbesondere auch auf die Wirkun gen in der Sphäre des Politischen und speziell auf dem Gebiet der außenpolitischen Entscheidungsfindung gerichtet wird, wo nicht zuletzt auch Versuche eines expe rimentellen Nachweise derartiger Effekte unternommen wurden (vgl. Hierzu etwa Chong/Druckman 2007; Lindenberg 2000) Framing gilt es dabei vom Akt der Überredung zu differenzieren: Während beim Überreden der Inhalt einer spezifischen Überzeugung geändert wird, verschiebt sich beim Framing die Gewichtung unterschiedlicher Beliefs in der Gesamteinstel lung eines Menschen (Chong/Druckman 2007). Der Prozess des Framings entfaltet dabei auf drei Ebenen seine Wirksamkeit: erstens indem neue Beliefs zu einem Sachverhalt zur Verfügung gestellt werden, zweitens indem existierende Beliefs zu einem Sachverhalt zugänglich gemacht werden und drittens indem bestehende und bereits zugängliche Beliefs anwendbar gemacht beziehungsweise verstärkt werden (Higgins 1996; Eagly/Chaiken 1993: 330; vgl. ferner Stapel et al. 1998, Druckman 2004, Kuklinski et al. 2001 zur detaillierten Erklärung und Diskussion der relevan ten psychologischen Prozesse). Frames beeinflussen also die Wahrnehmung der objektiven Realität und führen zu subjektiven Repräsentationen derselben. Da das Handeln unmittelbar davon beeinflusst wird, ist auch die Frage der Handlungsrati onalität direkt betroffen. Es zeigt sich deutlich, wie der seitens der Rational Choice Theorie angenommene rein am zu erreichenden Ziel ausgerichtete Rahmen (gain frame) von anderen Frames überlagert beziehungsweise verdrängt werden kann. So kann das Bestreben, ein sozial erwünschtes, angemessenes Verhalten an den Tag zu legen, das von einem normativen Rahmen induziert wird, Entscheidungen, wie ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, ebenfalls beeinflussen (Lindenberg 1992). Auch kann das überragende Bedürfnis eines Individuums, sich gut zu fühlen (hedonic frame), ebenfalls handlungsleitend sein, wobei dieser Rahmen weit über das nor male Maß, kognitive Dissonanzen zu vermeiden hinausgeht und insbesondere in Zusammenhang mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen gebracht werden kann, welche gerade im Bereich von Führungskräften sowohl auf ökonomischem als auch politischem Gebiet überdurchschnittlich oft auftritt. Frames werden als Erweiterung der Annahme absoluter Rationalität verstanden (Lindenberg 2000) und wirken somit ebenfalls entsprechend der Prämissen beschränkter Rationalität. 216 Eine wichtige Rolle bei Priming- beziehungsweise Framing-Prozessen spielen so genannte Anker, die daher bei der Analyse außen- und sicherheitspolitischer Ent scheidungen ebenfalls besonders zu berücksichtigen sind. Es wurde bereits darge legt, dass der Attributionsfehler als Urteilsheuristik schnell und unbewusst abläuft; erst beim Vorliegen freier Ressourcen und gerichteter Motivation kann durch ge richtetes Denken die Attribution in Frage gestellt werden. Allerdings wirkt auch dann eine weitere Urteilsverzerrung wirken, die sogenannte Ankerheuristik (anchoring effect). Diese führt dazu, dass die erste Fehleinschätzung zwar verschoben wird, die Wahrnehmung jedoch weiterhin verzerrt ist, weil es zu einer systematischen Verzerrung in Richtung des Ankers kommt. Der Anker ist dabei als spezifische In formation zu verstehen, die das betroffene Individuum selbst aus dem Kontext bil det oder von einem Dritten erhält. Ebenfalls kann die Information auch gleichsam zufällig vorhanden sein. Auf jeden Fall ist diese Information beim Einschätzen ei ner Situation und beim Fällen einer Entscheidung ausschlaggebend. Der Anker wirkt so, dass Individuen von gegenwärtig vorhandenen Umgebungsinformationen beeinflusst werden, ohne dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. Zudem entfalten sie ihren Einfluss unabhängig von tatsächlicher Relevanz oder Nutzen für die Ent scheidung (basic anchoring effect, Tversky/Kahneman; Brewer/Chapman; Wilson et al.). In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass auch Fachleute wie Außen-/Sicherheitspolitikexperten beziehungsweise politische Psychologen diesem Effekt unterliegen (Northcraft/Neale 1987; Englich 2006a, 2006b; Englich/Mussweiler 2001; Englich et al. 2006; Mussweiler/Strack 1999; Kahnemann 2012b: 119-128). Dies ist umso von Relevanz, da Anker auch in außen- und sicher heitspolitisch Verhandlungssituationen von entscheidender Bedeutung sein kön nen. So hängt etwa die subjektiv empfundene Gewinn- oder Verlustsituation häufig vom ersten Angebot ab, das dann den weiteren Gang der Gespräche nachhaltig prägen kann. (Kristensen/Gärling 1997; Moran/Ritov 2002; Ritov 1996). Auch kann derjenige Verhandlungspartner für sich vorteilhaftere erzielen, wenn das erste Angebot von seiner Seite vorgelegt wurde, da der gesetzte Anker unbewusst eine suggestive Wirkung entfaltet (Locke/Latham; Hinsz/Kalnbach/Lorentz). Während etwa die Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde forderten, dass jegliche künftigen Friedenverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern die Zuge ständnisse beinhalten müssten, welche während der Gespräche von Taba von Israel angeboten worden seien, versuchte der seinerzeitige israelische Ministerpräsident Ariel Sharon als quantifizierbaren Anker einen Referenzpunkt von 42% Prozent des betroffenen Gebietes zu setzen (Mintz/Redd 2003: 196). Anker können somit auf zwei verschiedene Weisen wirken: Der Anker bildet in Form einer Anpas sungsheuristik den Ausgangspunkt für einen bewussten Gedankengang, der zu ei nem rational begründeten Urteil führen soll. Als unbewusste Suggestion löst der Anker zu ihm passende Assoziationen, welche in der Folge durch Priming die Ur teilsfindung beeinflussen. Hierbei erfolgt die unbewusste Beeinflussung der Kogni tion dadurch, dass ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert, entsprechende Assoziationen auslöst und so etwa den Gemütszustand und nach 217 folgendes Verhalten beeinflusst (Myers 2008: 961; Mayr/Buchner 2007; Bargh et al 1996; Kahnemann 2012b: 55f.; Bargh/Pietromonaco 1982; Strack et al. 1988). Hierdurch kann eine einmal getroffene Aussage sich letztlich auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auswachsen. Grundsätzlich ist zu konstatieren, dass menschliches Handeln nicht ohne kognitive Rahmen funktioniert, da erst diese dem Individuum eine Bedeutungszumessung zu einer Situation oder einem Sachverhalt ermöglichen (Gamson/Modigliani 1987, p. 143; 1989) und dadurch dazu beitragen, dessen Alltag zu organisieren (Tuchman 1978: 193). Hierbei wirkt Kultur bereits als wichtige Größe im Kontext von Framingprozessen. Kultur wird dabei als das innerhalb einer sozialen (Groß-)Gruppe existierende Reservoir kollektiv verinnerlichter Rahmen verstanden (Entman 1993: 52f.). Diese sind gleichsam immer vorhanden und wirken primend. Zugleich kön nen Frames, wie bereits angedeutet, ganz bewusst verwendet werden, um Dritte ohne deren Bewusstsein zu manipulieren und spezifische Konzeptualisierungen und Bewertungen von Sachverhalten in deren Bewusstsein zu generieren (Chong/Druckman 2007) und auf diese Weise innerhalb von Diskursen bewusst Bedeutung zu schaffen (Gamson 1992: 68-71; Benford/Snow 2000). Dabei kann auch auf die kulturspezifisch vorhandenen Frames zurückgegriffen werden (Gam son/Modigliani 1987: 169f.; Chong 2000), wie etwa im Kontext des Nationalismus, wo regelmäßig auch ein dichotomisierendes Framing im Sinne eines Wir gegen sie zum Tragen kommt (Neuman et al. 1992). Da der Einfluss eines Objekts umso größeren Einfluss bei der Bewertung eines Sachverhaltes und dem nachfolgenden Entscheidungsfindungsprozess hat (Taylor/Fiske 1975, 1991; Feldman 1995: 267f; Mintz/Redd 2003), werden beim bewussten Framen dieses Sachverhaltes ein oder mehrere spezifische Aspekte dahingehend betont, dass dessen Bewertung durch ausgewählte Dritte hinsichtlich des Erkennens und Bewertens in eine bestimmte Richtung beeinflusst wird (Gamson 1992; Entman 1993). Von herausragender Be deutung hierbei ist die Präsentationswirkung (presentation effect). Dieser besagt, dass die Art und Weise der Darstellung eines Sachverhaltes Einfluss auf die Bewertung des Sachverhaltes hat. Mit anderen Worten: Wird ein Sachverhalt unterschiedlich präsentiert, dann fallen Bewertung und Entscheidung durch das Individuum, das sich an der Präsentation orientiert, entsprechend unterschiedlich aus, obwohl je weils inhaltlich ein und dieselben Fakten aufgezeigt wurden. Es gibt verschiedene Varianten, Sachverhalte auf unterschiedliche Art und Weise zu präsentieren (Kahneman and Tversky 1984; Taylor-Robinson and Redd 2002). So können In formationen sowohl inhaltlich identisch und logisch äquivalent dargestellt werden indem sie entweder mit dem Fokus auf ihrer positiven oder negativen Seite präsen tiert werden (Tversky/Kahneman 1987; Druckman 2004: 671). Erwähnenswert ist hier etwa die Präsentationsform der positiv konnotierten Beschäftigungsrate von 90% gegenüber der negativ behafteten Arbeitslosenquote von 10%. Noch stärker wirkt das an sich analoge evaluative Framing, bei welchem der normative Bezugs punkt, an dem eine Entscheidung gemessen werden soll, entsprechend auf diese oder jene Weise dargestellt wird (Mintz/Geva 1997). 218 Auch hat sich gezeigt, dass das ledigliche Framen von Entscheidungsalternativen unter Betonung der möglichen Verluste anstelle der möglichen Gewinnen dazu führt, dass darauf beruhende Entscheidungen Resultat eines risikobereiteren Ver haltens sind (Farnham 1992; Jervis 1992; Levy 1996b; McDermott 1992; Stein 1993; Tversky and Kahneman 1986), eine Erkenntnis, die auch mit den Grundan nahmen der Prospect Theory konsistent sind, mit deren Hilfe erklärt werden kann, wie Individuen erwartete Gewinne beziehungsweise Verluste bewerten und wie ihre entsprechenden Entscheidungen insbesondere in Situationen, die von Unsicherheit und unwägbare Risiken gekennzeichnet sind, dadurch beeinflusst werden (Harless/Camerer; Camerer; Grüne-Yanoff 2007: 551). Dabei geht die Prospect Theory von einem zweiphasigen Entscheidungsprozess aus. Zunächst werden in der Bearbeitungsphase (editing) die möglichen Resultate heuristisch geordnet. Dabei werden Ähnlichkeiten und Referenzpunkte festgelegt, sodass niedrige Ergebnisse als Verluste, höhere als Gewinne angesehen werden. Danach werden, ausgehend von den potenziellen Resultaten und ihren Eintrittswahrscheinlichkeiten, diesen Punkten Werte entsprechend dem erwarteten Nutzen zugeordnet (Bearbeitungs phase; Editing). Die Alternative mit dem höchsten Nutzen wird dann gewählt. Da bei wird das Erzielen von Gewinnen dem Vermeiden von Verlusten nachgeordnet (Easterlin 1974; Frank 1977; Kahneman/Tversky 1979; Tversky/Kahneman 1981; Lynn 1999; McDermott et al.2008; Post et al. 2008; Kahneman 2011a: 278-288). Es hat also einen unterschiedlichen Effekt für die Entscheidung eines Individuums, ob ein Sachverhalt als Gewinn oder Verlust geframet wird. Wird ein und derselbe Sachverhalt als potenzieller Verlust dargestellt, so steigt regelmäßig die Hand lungsmotivation des Betroffenen. Beim positiven Framing eines Dilemmas ist mit einer konservativen Handlungsstrategie zu rechnen, beim negativen Framing hin gegen ist eine von einer höheren Risikobereitschaft charakterisierte Strategie wahr scheinlich (Grüne-Yanoff 2007: 551; Miljkovic 2005). Dieser Erkenntnis entspricht auch die ebenfalls handlungsbeeinflussende Tendenz zum Status-Quo, dessen Auf rechterhaltung regelmäßig gegenüber Veränderungen im Entscheidungsfindungs prozess der Vorzug eingeräumt wird (Samuelson/Zeckhauser 1988; Kahneman et al. 1991; Johnson et al. 1993). In der außen- und sicherheitspolitischen Praxis kann somit etwa bei der Bewertung eines Militäreinsatzes über den ein Staatschef zu ent scheiden hat, das 10%-ige Risiko eines völligen Fehlschlages oder die 90%-ige Er folgschance betont werden, während die jeweils andere Information unerwähnt bleibt, je nachdem, welcher Zweck verfolgt wird. In diesem Zusammenhang kann zudem die Scarcity Heuristik wirken, durch die der Wert, der einer Sache beigemessen wird, desto höher ist, je leichter man ihrer ver lustig gehen kann. Das gilt insbesondere für Dinge, deren Erwerb aufwändig oder schwierig ist (Gigerenzer 1991; Lynn 1992) und wird abermals verstärkt, wenn ein Gegner dadurch profitiert (AN: absolute und relative Verluste). Vier Parameter sind bei der Beurteilung relevant: Menge, Seltenheit, Zeit und Zensur (Cialdini 2001; Zellinger et al. 1974). Im außen- und sicherheitspolitischen Bereich kann sich diese Heuristik etwa dann als Einflussfaktor auf einen Entscheidungsfindungspro 219 zess erweisen, wenn der Erstzugriff auf eine Ressource in der eigenen Wahrneh mung durch Dritte infrage gestellt wird. Dann wird — erklärt durch die Reak tanztheorie - das Verlangen, diese Ressource unter die eigene Kontrolle zu be kommen, sehr viel stärker als zuvor und wirkt sich so entsprechend auf nachfol gende Entscheidungen aus (Brehm 1981). Ebenso kann der Zeitfaktor ganz be wusst als Instrument verwendet werden, etwa um politische Entscheidungsträger zu bestimmten Entscheidungen zu bewegen, etwa indem einem Staatschef durch den Generalstab suggeriert wird, dass nur zu diesem Zeitpunkt die Gelegenheit günstig sei, einen Schlag gegen einen bestimmten Gegner zu führen, dieses Gele genheitsfenster jedoch in Kürze wieder geschlossen sei. In ähnlicher Form lassen sich zudem spezifische gesellschaftlich relevante Güter in der Präsentation eines relevanten Sachverhaltes betonen beziehungsweise unterschlagen, etwa wenn bei der Darstellung ein- und derselben politischen Maßnahmen zur Terrorismusbe kämpfung die massive Einschränkung von Grundrechten oder die spürbare Erhö hung der Sicherheit und des Wohlbefindens der Bürger betont wird. Wurde die Frage danach, ob etwa eine politisch-extreme Gruppierung das Recht zur öffentli chen Demonstration wahrnehmen können solle mit dem Hinweis auf die dadurch ausgehende Gefährdung eingeleitet, so sprachen sich 55% der Befragten dagegen aus. Enthielt die Einleitung indes den Hinweis auf Grundrechte wie das Recht der freien Meinungsäußerung, wollten nur 15%, dass die Veranstaltung untersagt wer den solle (Sniderman & Theriault 2004; für vergleichbare Effekte in anderen politi schen Kontexten vgl. zudem Rasinski 1989: 391). Ein weiterer Effekt, der durch eine spezifische Art und Weise der Präsentation von Informationen erzielt werden kann und somit bei der Analyse Berücksichtigung finden muss, ist der sogenannte Kontrast-Effekt. Bei diesem handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, bei welcher eine Information umso intensiver wahrge nommen wird, je mehr sie im Kontrast zu einer gleichzeitig präsentierten Informa tion steht. Kontrast-Effekte lassen sich vor allem dann auf, wenn eine negative Be ziehung zwischen den Implikationen der Kontextinformation und dem Urteil be steht Die Attraktivität einer Alternative kann deutlich erhöht werden, wenn sie be wusst einer ähnlichen aber schlechteren Alternative gegenübergestellt wird und umgekehrt. Im Entscheidungsfindungsprozess bewirken auf diese Weise positive Kontextinformationen negativere Bewertungen und negative Kontextinformatio nen entsprechend positivere Bewertungen. Zudem kann die Bildung von Urteilen im Kontext sozialer Vergleiche gezielt beeinflusst werden, da ein Objekt, welches bei isolierter Betrachtung nur eine mittelmäßige Bewertung erhält, positiver gese hen wird, wenn ihm ein negativ beurteiltes Objekt vorangeht (positiver Kontrastef fekt), beziehungsweise negativer, wenn es sich indes um ein positiv bewertetes Ob jekt handelt. Auch hier kann die Wirkung dann verstärkt werden, wenn zugleich Repräsentationen des Selbst angesprochen werden, da diese, wie erläutert, leichter verfügbar sind. Bei diesen kommt es zu einer deutlichen identitären Abgrenzung zwischen Selbst und signifikantem Anderen, welche sich sowohl auf die Person(en) selbst, als auch auf Werte beziehungsweise Handlungen beziehen kann. 220 Eine weitere Möglichkeit des Framing ist die Präsentation von Informationen in einer bestimmten Rang- oder Reihenfolge. Welch erheblichen Effekte dies haben kann, wurde etwa mit Blick auf die Entscheidungsprozesse im Kontext der Kubak rise aufgezeigt (Anderson 1983; ferner Mintz/Redd 2003). Insgesamt hat sich ge zeigt, dass bereits kleine Änderungen in der Art und Weise der Darstellung von Sachverhalten zu erheblichen Änderungen in der Bewertung und somit Meinungs bildung führen können (Chong/Duckman 2007; Redd and Geva 2001; Frisch 1993). Dies tritt besonders deutlich zu Tage, wenn man sich als Beispiel die Her ausforderung für die sicherheitspolitische Entscheidungselite eines Staates vor Au gen führt, welche mit dem Ausbruch einer Epidemie konfrontiert ist, welche vo raussichtlich etwa 600 Todesopfer fordern wird. Die Berater informieren die Elite, dass zwei Strategien zur Verfügung stünden, auf die Krise zu reagieren, die wie folgt dargelegt werden. Durch die erste Strategie (A) können 200 Menschen gerettet werden, bei Entscheidung zugunsten der alternativen Strategie (B) besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass alle Menschen gerettet werden und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass niemand gerettet wird. Es hat sich ge zeigt, dass sich 72% der Entscheidungsträger für Strategie A und nur 28% für Stra tegie B entscheiden. Werden die Optionen bei gleichen Bedingungen mit anderen Frames präsentiert, kommt es zu gänzlich anderen Entscheidungsmustern. Bei Wahl der ersten Strategie C sterben 400 Menschen, bei Entscheidung zugunsten der alternativen Strategie D besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass kein Mensch stirbt und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass alle Men schen sterben. Die Optionen A und C beziehungsweise B und D sind inhaltlich absolut identisch, dennoch entscheiden sich bei dieser Präsentation nur 22% der Entscheidungsträger für Option C (statt wie zuvor 72% für die identische Option A), aber 78% für Option D (statt wie zuvor 28% für identische Option B) (Kahneman/Tversky 1984: 243 oder 343). Allein das unterschiedliche Framing in haltlich völlig identischer Vorschläge bewirkt eine Umkehrung der Entscheidungs muster. Dies wiegt umso schwerer, da Framing bei einem Großteil der Menschen seine Wirkung entfaltet. Daher vermag es auch nicht zu verwundern, dass dieser Mechanismus speziell auf dem Feld des Politischen von besonderer Bedeutung ist (Shah et al. 2002, p. 343) (Chong/Druckman 2007). Tatsächlich lässt sich feststel len, dass Framing auf allen politisch relevanten Gebieten als Strategie gezielter Be einflussung zur Anwendung gelangt. Hierbei ist die Beeinflussung der eigenen und fremden Bevölkerung (Mintz/Geva 1997; Mintz/Redd 2003) etwa auf dem Wege der Propaganda oder Public Diplomacy, fremder Staatschef, der Weltöffentlichkeit, aber ebenso der eigenen außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsträger etwa durch Berater, das Militär oder die Ministerialbürokratie, um etwa eigene Ziel setzungen zu erreichen, von Relevanz (Mintz/Redd 2003; Hoyt/Garrison 1997; Jacoby 2000: 751; Chong/Druckman 2007). Daher können Priming- und Framingeffekte auch und gerade bei der Analyse von Prozessen im Bereich der internatio nalen Beziehungen keinesfalls unberücksichtigt bleiben. 221 Als Beispiel der Wirkung von Framing lässt sich etwa der seitens der USA initiierte Staatsstreich in Guatemala anführen, wo es der United Fruit Company gelang, die Situation gegenüber den politischen Entscheidungsträgern in den Vereinigten Staa ten so zu framen, dass die intendierte Handlung der US-Regierung herbeigeführt wurde (Chapman 2007; Cullather 2006; Gleijeses 1992; Immermann 1990; Schlesinger/Kinzer 2005; Taylor-Robinson/Reed 2002). Da sich die United Fruit Com pany durch die sozialistisch-orientierte, gewerkschaftsfreundliche Politik von Juan Jose Arevalo (1945—1951) und insbesondere von dessen Nachfolger im Amt Jacobo Arbenz (1951—1954) bedroht sah, fing man seitens der United Fruit Company an, die Entwicklungen in Guatemala als Ausdruck kommunistischer Herrschaft darzustellen. Truman konnte trotz seinem 1947 erklärten Ziel, Kommunismus und Totalitarismus weltweit einzudämmen und freien Völkern beizustehen, die sich ei ner versuchten Unterwerfung widersetzen (Truman-Doktrin), nicht zu einer Inter vention bewegt werden. Mit der Wahl Eisenhowers zum Präsidenten der Vereinig ten Staaten und dem damit einhergehenden außenpolitischen Leitgedanken der Dominotheorie, der zufolge Staaten, die sich im Umkreis eines kommunistischen Landes befänden, durch dessen Einflussnahme ebenfalls kommunistisch würden und somit peu-a-peu alle Länder einer Region wie bei einer Kette von Dominostei nen umfallen und der westlichen Welt den Rücken kehren würden, änderte sich die Situation. Dies galt umso mehr, da die United Fruit Company über zahlreiche Be ziehungen zu hochrangigen Mitgliedern der Eisenhower-Regierung verfügte. Auf diese Weise gelang es der United Fruit Company, Guatemala als kritischen Domi nostein darzustellen und so den gewünschten politischen Effekt, nämlich einen Re gimewechsel hin zu für das Unternehmen günstigeren Machthabern, zu erzielen: „Framing by United Fruit constrained Eisenhower’s choice set such that politically infeasible options were rejected and ultimately the decision made was guided by Cold War considerations” (Taylor-Robinson/Redd 2002: 96). Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden kurz auf Framingstrategien und -effekte eingegangen werden, welche speziell für die Analyse zwischenstaatlich wirksamen Entscheidungsverhaltens von Relevanz sind. So wird Framing auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen in der Form von Reframing und Counterframing re gelmäßig als politisches Instrument zum Einsatz gebracht. Häufig sind derartige Maßnahmen im Zusammenhang mit den bereits angesprochenen Two-Level- Games zu verstehen, bei welchem politische Strategien gleichzeitig die inner- und die zwischenstaatliche Ebene berücksichtigen. Durch die hier entwickelte Analyse wird die individuelle Analyseebene jeweils noch mit der nationalen und der interna tionalen verwoben. Wie dargelegt, wird von verschiedener Seite versucht, die Öf fentlichkeit wie auch politische Entscheidungseliten durch das Setzen spezifischer Frames zu beeinflussen. Dies ist aber keine Einbahnstraße: Unliebsamen Frames kann von Individuen oder Gruppen, welche andere Ziele verfolgen durch das Set zen alternativer Frames entgegengewirkt werden, etwa dadurch, dass er seitens der Gegner initiierte Verlust-Frames durch Gewinn-Frames zu ersetzen sucht, oder umgekehrt. Wenn sich etwa eine Nation bereits in einem Umfeld befindet, dass 222 von einer erkennbaren Nichterreichung außen- bzw. sicherheitspolitischer Interes sen gekennzeichnet ist, kann auf diese Weise eine Bereitschaft zu höherem Risiko verhalten seitens des Entscheidungsträgers wie auch innerhalb der Bevölkerung bewirkt werden. Auch kann ein Verlust-Frame im Rahmen schwieriger Verhand lungen gezielt genutzt werden, um den Verhandlungsführern der Gegenseite zu signalisieren, dass nur wenig Spielraum besteht, auf internationaler Ebene erzielte Verhandlungsergebnisse auch innenpolitisch durchzusetzen, was aber etwa für die völkerrechtliche Ratifizierung erforderlich ist (Levy 1996b). Das Setzen von Frames selbst kann dabei sowohl revolvierend als auch sequenziell erfolgen. Beim revolvierenden Framing werden über einen längeren Zeitraum ver schiedene Frames gesetzt, um die Zielperson oder -gruppe zu beeinflussen. Dies lässt sich etwa am Vorgehen von George H. W. Bush im Falle des Kuwait-Irak Konflikts erkennen, wo es zum Aufbau verschiedener, zusammenhängender Fra mes kam, welche ihren Bezugspunkt in der Doktrin der Neuen Weltordnung hatten (Mintz/Redd 2003: 202; Drew 1991: 181). Anfänglich wurde Saddam Husseins Vorgehen gegen Kuwait als Bedrohung vitaler Interessen der USA dargestellt (vgl. etwa Freedman/Karsh 1993). In der Folge wurde dazu übergegangen, das Handeln Husseins dahingehend zu framen, dass es die falschen Standards für die anzustre bende Ordnung für die neu angebrochene Ära nach dem Ende des Kalten Krieges setze, und somit auch die vitalen Interessen aller anderen Staaten bedrohe. Wäh rend bei der diesbezüglichen Argumentation noch explizit auf materielle Aspekte wie die globale Ölversorgung Bezug genommen wurde, erfolgte im weiteren Ver lauf ein Framing der Aktionen Saddam Husseins als humanitäres Problem. Die primäre Betonung der humanitären Kosten, welche das Vorgehen des Iraks für die Menschen in Kuwait, aber auch für die eigene Bevölkerung bringe, welche unter dem Joch des explizit mit Hitler gleichgesetzten Diktators zu leiden habe, sodass ein auch gewaltsames Eingreifen alternativlos sei, sollte schließlich die Legitimation für die nachfolgenden Militäraktionen liefern. Um hierbei letzte Zweifler zu über zeugen, wurde außerdem noch ein Frame entwickelt, das den Irak als potenzielle nukleare Bedrohung darstellte, welcher dann schließlich als Diktator die gesamte Welt so bedrohe und unterdrücke, wie jetzt gerade die Iraker und Kuwaiter (Mintz/Redd 2003: 202). Beim sequenziellen Framing hingegen wird derselbe Frame in unterschiedlichen Situationen gesetzt, wobei jeweils unterschiedliche Aspekte betont werden. Es geht dabei also um die Schaffung eines umfassender interpretativen Rahmenwerks kog nitiver Repräsentationen (Gannon 1998; ferner Gamson 1989). Auch lassen sich unterschiedliche Zeitpunkte des Setzens spezifischer Frames feststellen, etwa vor, während und nach kritischen Entscheidungen (Geva/Mintz/True 1994: 8; Mintz/Redd 2003). Als sehr effizient hat sich dabei die sogenannte Salamitaktik (Maoz 1990: 90; Mintz/Redd 2003) erwiesen, welche als adäquates Mittel verstan den wird, Individuen im Kontext auch radikal neuer Ideen zu beeinflussen: Durch die stufenweise Präsentation immer wieder leicht in die Richtung der eigentlich ge 223 wünschten Entscheidung hin abgewandelten kleineren Frames wird schließlich das eigentliche Ziel erreicht. So zeigte sich etwa im Jahr 2001, dass der Hardliner Ariel Sharon vor dem Hintergrund der Vorbehalte europäischer Staats- und Regierungs chefs, der politischen Führung der USA und letztlich auch in signifikanten Teilen der israelischen Bevölkerung gegen übertrieben harte Maßnahmen gegen die paläs tinensische Seite, sukzessive die Palästinenser mit leicht veränderten Rahmen prä sentierte, um sie schließlich als Feindbild und unmittelbare Bedrohung in der euro päischen, amerikanischen und israelischen Wahrnehmung erscheinen zu lassen. In diesem Kontext zeigt sich abermals ein Effekt, welcher das analytische Zusam menspiel der drei Analyseebenen Staat, Individuum und Weltsystem deutlich macht. So wirkt auch die innere Verfasstheit eines Staates, also etwa ob dieser einen demokratischen oder autokratischen Charakter aufweist, auf die Wahrscheinlichkeit aus, mit der Framing den beabsichtigten Effekt erreicht. Diesen Effekt konnte sich auch Sharon zunutze machen. Da das spezifische Staats- und Gesellschaftsver ständnis gleichsam als kulturelle Komponente zu verstehen ist und somit als sol ches seine Wirkung entfaltet, konnte Sharon die Handlungen der Palästinenser als vom Werteverständnis westlicher rechtsstaatlicher Demokratien abweichend und sich selbst als Verteidiger ebendieser Vorstellungen framen. Ähnliches zeigte sich beim Framing kommunistischer Staaten beziehungsweise des Ostblocks als Reich des Bösen, welchem auf zivilreligiöser Mission basierende Frames der eigenen glo balen Verteidigung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten gegenüberge stellt wurden — unabhängig von den Realien der jeweils tatsächlich betriebenen Au ßen- und Sicherheitspolitik. So lässt sich unschwer Ronald Reagans Framing der Sowjetunion beziehungsweise des Ostblocks als Reich des Bösen, gegen welches die USA als Hort von Freiheit und den rechten Werten stünden, erkennen. Dabei handelt es sich um einen Manichäismus, von welchem das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten von Anbeginn an charakterisiert war (vgl. etwa Junker), und der sich jüngst auch in George W. Bushs Framing etwa des afghanischen Taliban Re gimes zeigte. Bei diesen Framings ging es der US-Regierung stets darum, den Fra me so zu setzen, dass er nicht als Kulturkampf, sondern als Kampf gegen den Ter rorismus erschien, wobei die Zuspitzung auf eine eindeutige Identifikation mit oder gegen das Gute, Richtige auf Seiten des Adressaten bewirkt werden sollte, indem als einzige Handlungsalternative offeriert wurde, entweder sei man auf Seiten der USA oder auf Seiten der Terroristen. Wie bereits im Kontext der irakischen Invasi on von Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg, wurde auch der Afghanistan feldzug durch einen humanitären wie auch einen spezifischen gender-orientierten Frame präsentiert. So sprach George W. Bush etwa davon, dass die unterdrückten Menschen Afghanistans die Großzügigkeit Amerikas und seiner Verbündeten er kennen würden, und insbesondere die Frauen Afghanistans durch amerikanische Siege aus ihrer Unterdrückung befreit würden (vgl. Mintz/Redd 2003: 205). So groß die manipulativen Möglichkeiten sind, welche durch Priming und Framing eröffnet werden, sind ihnen doch auch Grenzen gesetzt, die es ebenfalls bei der 224 Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens zu berücksichtigen gilt. Hierbei gilt es ins besondere, moderierende Variablen zu berücksichtigen, welche ihrerseits Einfluss auf Framing-Effekte entfalten. Allen voran sind ihr die individuellen Ausrichtungen des einzelnen Menschen etwa in Form seiner spezifischen Wertvorstellungen zu nennen (vgl. etwa Druckman 2001c: 241; Haider-Markel/Joslyn 2001; Edwards 2003; Barker 2005; Lau/Schlesinger 2005; Shen/Edwards 2005). Diese sind — ins besondere wenn sie stark ausgeprägt sind — geeignet, Framing-Effekten entgegen zuwirken, indem sie von der Erwartung abweichenden Informationen einen kogni tiven Widerstand entgegenbringen. Dies liegt am oben geschilderten Mechanismus der Vermeidung kognitiver Dissonanzen. Ist ein Individuum mit unterschiedlichen Sichtweisen eines thematischen Gegenstandes konfrontiert, so entscheidet es sich für die Alternative, welche konsistent mit den eigenen Werten oder Prinzipien ist (Sniderman/Theriault 2004: 147, sowie ferner Brewer/Gross 2005). Allerdings gilt es auch hier einzuräumen, dass sogar Menschen mit stark ausgeprägten spezifi schen Werthaltungen Framing-Versuchen gegenüber empfänglich sind, wenn es sich um ihnen neue Themenbereiche handelt, zu welchen sie noch nicht über ein abgeschlossenes Meinungsbild verfügen. Andererseits kann sich auch erfolgreiches Framing auf längere Sicht als kontraproduktiv erweisen, nämlich dann, wenn die durch das Framing generierten Erwartungen nicht erfüllt werden. Als Beispiel hier für kann die Appeasement-Analogie angeführt werden, mit welcher George H. W. Bush das seiner Ansicht nach erforderliche Handeln im Kontext der Kuwait-Krise gegen den Irak zu framen versuchte (Freedman and Karsh 1993; Hilsman 1992; Mueller 1994). Ein mögliches Nichteingreifen in den Konflikt werde ähnliche Auswirkungen haben wie das Münchener Abkommen und somit den Weg in einen neuen Weltkrieg ebnen. Dem abzusehenden Versuch eines Gegenframing durch Kritiker einer militärischen Intervention, welche bestrebt waren, ein- und dieselbe Situation nicht mit dem Angriff Nazi-Deutschlands im Osten zu vergleichen, son dern im Rahmen einer Analogie mit dem Eingreifen und tragischen Scheitern der USA in Vietnam zu framen, konnte Bush zwar erfolgreich entgegenwirken, jedoch führte das gelungene Framing eines Verhinderns eines zweiten München dazu, dass die Situation am Golf sich in einem absehbaren Zeitraum stabilisiere. Stattdessen blieb ein Regimewechsel in Richtung Demokratie aus, der dämonisierte Hussein an der Macht und die Gesamtsituation in der Region verschlechterte sich sogar, was maßgeblich zum Niedergang der Bush-Administration beitrug (Mintz/Redd 2003: 201). Insgesamt ausschlaggebend für den Erfolg von Framings ist neben den vorhande nen Wertvorstellungen zudem die Glaubwürdigkeit der Person oder Institution, welche versucht, mit entsprechenden Frames Manipulationen am Entscheidungs verhalten Dritter vorzunehmen (Druckman 2001b), sowie das bei diesem bezie hungsweise diesen Dritten bestehende Wissen (Kinder & Sanders 1990, Haider- Markel & Joslyn 2001) (112) beziehungsweise die damit zusammenhängende Ver fügbarkeit dieser Informationen (Price/Na 2000). Diese Erkenntnisse tragen letzt lich auch dazu bei, die einzelnen Heuristiken zu verstehen und entsprechend bei 225 der Analyse zur Erklärung außen-und sicherheitspolitischen Verhaltens zur An wendung zu bringen. Der eben erwähnte Aspekt der Verfügbarkeit, der anzeigt, wie leicht eine im Gehirn gespeicherte Information zugänglich ist (Srull/Wyer 1979), ist insofern relevant für den Erfolg von Framing, weil Priming- und Framingprozesse den Grad der Abrufbarkeit erhöhen können (Sherman et al. 1990: 405). Da das Gehirn der Logik folgt, dass allein der Umstand, dass man sich einer Sache erinnert bereits als Indikator für die Wichtigkeit des Erinnerten interpretiert wird (Schwarz et al. 1991), kommt es dabei zur Überschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis, dessen Verfügbarkeit durch Priming/Framing erhöht wurde, auftritt. So wird etwa die Gefahr des Todes in einem nicht alltäglichen dramati schen Ereignis (Naturkatastrophe, Terroranschlag, Flugzeugunglück) im Vergleich zu einem alltäglichen (Autounfall, Unfall im Haushalt) überschätzt. Grund für das Auftreten dieser sogenannten Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic) ist der höhere Grad an Verfügbarkeit erstgenannter Informationen, da sie größere mediale Publizität erfahren. Das gilt vor allem für neuere Informationen, die besonders stark gewichtet werden (Phung 2009). Die praktische Folge ist das Unterschätzen alltäglicher Gefahren. Das gilt umso mehr, wenn die Information nicht nur abstrakt sondern im Rahmen anschaulicher, persönlicher Erfahrungsberichte beziehungsweise Anekdoten zur Verfügung ge stellt wird. Auf diese Weise ist der Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess umso höher (Tversky/Kahnemann 1973; Sutherland 2007: 16f.; Carroll 1978; Plous 1993; Matlin 2009: 413). Dann nämlich wirkt zusätzlich die anekdotische Verzer rung, welche vor allem im Bereich der Kommunikationswissenschaften, Psycholin guistik und Entscheidungstheorie erforscht wurde, und welche bei entsprechender von der Verfügbarkeit abhängigen Eingängigkeit der Anekdote unabhängig vom tatsächlichen Wahrheitsgehalt ihre Wirkung auf die Entscheidungsfindung entfaltet. Der Gesamteffekt der Verfügbarkeitsheuristik ist somit, dass es zu einer verzerrten Wahrnehmung und Bewertung der Häufigkeit beziehungsweise der Wahrschein lichkeit von Ereignissen kommt, was wiederum zu Fehlentscheidungen führen kann. Ebenso kann es zu systematischen Fehleinschätzungen von Zusammenhän gen kommen, wenn Zusammenhänge zwischen voneinander unabhängigen Ereig nissen wahrgenommen werden (illusorische Korrelation). Das Zustandekommen einer solchen von der objektiven (Nicht-)Korrelation abweichenden subjektiven Korrelation ist ebenfalls im Kontext der Verfügbarkeitsheuristik beziehungsweise der bestehenden Salienz zu sehen. So entstehen etwa erwartungsbasierte Illusionen, wenn erwartete Ereignisse stärker gewichtet oder kognitiv tiefer elaboriert werden als unerwartete, ein Mechanismus, der auch sozialen Stereotypen zu Grunde liegt (Fiedler 2000). Ebenso werden vorhandene Merkmale bei einem Sachverhalt anders verarbeitet als fehlende, ein Umstand, der im Prinzip nach genauso wirkt, wie die gezielte spezifische Präsentation von Ereignissen. Treten bei einer ohnehin schon salienten sozialen Gruppe (etwa Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshinter grund) saliente Ereignisse (etwa Verbrechen) auf, dann wirken diese besonders stark, auch wenn diese in der Realität nur einen sehr kleinen Teil dieser sozialen 226 Gruppe betreffen und der große Teil anders handelt und gegebenenfalls sogar Sta tistiken das Gegenteil besagen. Doch die nicht negativ auffällige Mehrheit ist weni ger salient und wird somit in Entscheidungsfindungsprozessen vernachlässigt (Ward/J enkins 1965; Fiedler 2000; Fiedler/Plessner 2006: 298; Aronson/Wilson/Akert 2008: 439) Ebenfalls eng verwandt mit der Verfügbarkeitsheuristik ist die Simulationsheuristik. Diese basiert darauf, dass die Annahme der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses davon abhängt, wie gut sich das Ereignis mental vorstellen lässt (Kahneman/Tversky 1998). Praktische Bedeutung kommt dieser Heuristik vor al len in Entscheidungskontexten zu, in welchen das Verhalten eines Gegners oder sonstigen Gegenübers in einer bestimmten Situation unter Zuhilfenahme kontra faktischer Überlegungen verstanden beziehungsweise vorhergesagt werden soll. Dabei werden auf mentaler Ebene bereits stattgefundene Ereignisse zurückge drängt und dieselben Ereignisse mit alternativen Größen simuliert. Die Verzerrung entsteht dann dadurch, da besser vorstellbare Ereignisse als wahrscheinlicher ange sehen werden. Treten diese dann nicht ein, schlägt sich das umso gravierender nie der. Dies gilt vor allem dann, wenn in der Wahrnehmung zwischen Simulation und tatsächlichem Ablauf nur minimale Fehleinschätzungen bestehen. Aufgrund des hohen Grades der Verfügbarkeit wird der Verlust fast so stark empfunden wie ein realer Verlust — mit dem entsprechenden Effekt. Sie ist besonders ausgeprägt bei Individuen, welche ohnehin zu einer erhöhten Erwartung negativer künftiger Er eignisse neigen (Bouts et al. 1992; Fiedler 1996; Gilovich et al. 2002: 374f.; Raune et al. 2005; Goldman 2006). Die Verfügbarkeit von Informationen wird auch im Rahmen der Ähnlichkeitsheuristik vom Gehirn genutzt, indem unbewusst von der relativen Ähnlichkeit einer vergangenen Situation mit der akuten auf die Wahr scheinlichkeit geschlossen wird, mit der bestimmte Handlungsalternativen erfolg versprechend hinsichtlich der aktuellen Zielsetzung sind. Die hierbei auftretende Verzerrung führt zu Fehlbewertungen der Situation (Russell 1988; Read/Grushka- Cockayne 2007; Rosin/Nemeroff 2007). Ein ähnlicher Effekt lässt sich bei der auf der Verfügbarkeitsheuristik basierenden Vertrautheitsheuristik (familiarity heuristic) feststellen. Bei dieser werden Ereignisse als häufiger oder bedeutsamer wahrgenommen, weil sie vertrauter im Gedächtnis sind. Das Vertraute wird dabei gegenüber dem Neuem bevorzugt beziehungsweise werden unbekannte Größen (Situationen, Personen) so mit Vertrautem, etwa in Form kognitiver Schemata, welche weiter unten noch ausführlicher behandelt wer den, abgeglichen, dass bei signifikanten Übereinstimmungen das Hirn auf einen kognitiven Modus schaltet, der dem einer entsprechenden früheren Vergleichssitua tion entspricht. Beim darauf aufbauenden Entscheidungsprozess wird unterbewusst angenommen, dass das vorangegangene Verhalten in der vermeintlich identischen neuen Situation gleiche Resultate wie damals hervorbringt, was ebenfalls zu Fehl beurteilungen und -handlungen führen kann. Der Effekt jener Heuristik wird dabei noch dadurch verstärkt, dass im Gehirn abrufbare Aspekte aus der Vergangenheit 227 schneller verarbeitet werden können (Jacoby/Dallas 1981). Bei schnellerer Verar beitung einer Information jedoch wird dieser unterbewusst vom Gehirn ein höhe rer Stellenwert für den aktuellen Entscheidungsbildungsprozess zugemessen (Jacoby/Brooks 1984; Jacoby/Dallas 1981; Hertwig et al. 2008; Volz et al. 2010). Da zudem auch andere Ursachen zu einer erhöhten Reizverarbeitungsgeschwindigkeit führen können, suggeriert ein schneller verarbeiteter Reiz neben gesteigerten posi tiven Affekten (Reber et al. 1998) ein Gefühl erhöhter Vertrautheit mit dem Ge genstand, was wiederum zu einem potenziell falschen Abgleich mit Mustern der Vergangenheit und eine entsprechende Beeinflussung von Wahrnehmung, Inter pretation und Entscheidung führen kann (Whittlesea 1993; Whittlesea 1993; vgl. ferner Rugg/Curran 2007; Leynes/Zisch 2012; hinsichtlich der neurobiologischen Vorgänge und ihrer Implikationen siehe Winkielman/Cacioppo 2001; Reber et al. 2004; Rubin et al. 2010). In einem engen Zusammenhang hiermit steht auch die Rückschauverzerrung (hindsight bias), welche besagt, dass die häufig selektive und somit verzerrte Rekon struktion vergangener Ereignisse eine falsche Vertrautheit erzeugt, die aktuell be wertete Ereignisse als vorhersagbar und somit kontrollierbar erscheinen lässt, was jedoch nicht der Fall ist (Corneille et al. 2004). Systematisch verfälschte Erinnerun gen an eigene Vorhersagen hinsichtlich eines Ereignisses nach dessen tatsächlichem Eintreten, bekannt als Rückschaufehler (Fischhoff 1975), können ebenfalls Ent scheidungen beeinflussen. Hierbei werden unterbewusst retrospektiv ursprüngli chen (ggf. ganz oder teilweise unzutreffenden) Schätzungen in Richtung der tat sächlichen Ausgänge angepasst. Der Effekt führt dazu, dass Menschen nach einem (wichtigen) Ereignis nicht mehr in der Lage sind, die Umstände und Gründe, die zum Ereignis führten, so zu beurteilen, wie sie es vor dem Bekanntwerden des Er eignisses getan haben. Sie überschätzen im Rückblick viel mehr systematisch die Möglichkeit, dass man das Ereignis hätte voraussehen können, indem sie vorher vorhandene Informationen unter dem Einfluss des Ereignisses neu betrachten und dabei zu einer Überschätzung der Vorhersagbarkeit des Ereignisses kommen. Dies wird nicht selten Beratern, die angeblich anders als der Entscheidungsträger selbst, die Dinge falsch bewertet hätten, vorgeworfen, auch wenn dies faktisch nicht zu trifft. Bei der Analyse der Effekte dieser Verzerrung gilt zudem zu beachten, dass auch Experten davon betroffen sind und Sachkenntnis diesen Einfluss nicht we sentlich relativieren kann. Das liegt darin begründet, dass die Kenntnis des Ereig nisses die Deutung und Wertung aller damit zusammenhängenden Sachverhalte verändert und somit das gesamte kognitive Koordinatensystem in Richtung mut maßlicher Vertrautheit verschiebt. (Fischhoff 1975; Fischhoff/Beyth 1975; Roberto/Grechenig 2011; Blank et al. 2003; Blank et al. 2007; Bradfield/Wells 2005; Hoffrage/Pohl 2003; Pohl 2004). Losgelöst von diesem Phänomen wird ein maximales Gefühl der Vertrautheit in der Regel erreicht, wenn ein signifikanter Bezug zum Selbstkonzept eines Individu ums hergestellt wird (Selbstreferenzeffekt). In diesem Zustand kognitiver Konso 228 nanz wirken auch folgende Priming- und Framing-Effekte besonders effizient. Ver festigte Primes tragen zur Beeinflussung des Bewertens von Menschen und Situati onen in Stereotypen bei, was wiederum Entscheidungsfindungsprozesse entspre chend beeinflusst (Bargh et al. 1996; Bargh/Williams 2006; Williams/Bargh 2008; Cox et al. 2012; kritisch: Bower 2012; Doyen et al. 2012). Hinzukommen weitere kognitive Verzerrungen, welche aufPrim ing basieren. Neben der Deformation Pro fessionelle, bei welcher eine fachspezifische Methode, Perspektive oder Denkweise über ihren eigentlichen Geltungsbereich hinauswirkt und auf andere Themen und Situationen angewandt wird, was zu beschränkten Sichtweisen und Fehlurteilen führen kann, ist etwa auch der sogenannte Halo-Effekt (Thorndike 1920) wirksam, bei welchem faktisch unabhängige oder nur bedingt korrelierte Eigenschaften von Personen, Dingen oder Sachverhalten fälschlicherweise als zusammenhängend perzipiert werden. Auf diese Weise erzeugen spezifische Eigenschaften einen posi tiven oder negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung und Beurteilung der Person, des Sachverhaltes oder einer Situation gleichsam überstrahlt und so den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst. Durch den Halo-Effekt induzierte Verzerrungen wirken umso stärker, je höheres Gewicht der Beurteilende auf das überstrahlende Merkmal legt und dieses im Entscheidungsfindungsprozess entspre chend unangemessen überbewertet (Forgas 1999: 61ff., Kahnemann 2012b: 82). Die verzerrende Wirkung des Halo-Effekts auf die Beurteilung von Situationen zeigt sich etwa darin, dass sowohl Erfolg als auch Misserfolg ein- und demselben Faktor zugeschrieben werden können, etwa wenn bezogen auf eine spezifische Or ganisationsstruktur der Erfolg zunächst mit den flachen Hierarchien, der Entschei dungsfreiheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der daraus erwachsenden Effizienz begründet wird, spätere Misserfolge der Organisation ebenso damit be gründet werden, nur eben mit negativen Konnotationen. Ein- und dieselbe Struktur wird dann als unkontrollierte Laissez-Faire Kultur bezeichnet, welche ursächlich für die Ineffizienz sei. Weitere Faktoren werden indes aufgrund der in der Wahrneh mung überstrahlenden Bedeutung spezifischer Organisationsmerkmale im Bewertungs- und Entscheidungsprozess ignoriert (Rosenzweig 2008). In diesem Zusam menhang lässt sich darüber hinaus eine regelmäßig auftretende Tendenz erkennen, von bekannten Eigenschaften einer Person auf deren unbekannte Eigenschaften zu schließen, auch wenn hierfür keinerlei konkrete Erfahrungswerte vorliegen. Eine ebenfalls bei der Analyse nicht zu vernachlässigende Größe gerade im Bereich außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungseliten ist die auf der Selbstüber schätzung von Individuen beruhende Kontrollillusion. Während ein grundsätzlich positives und optimistisches Selbstbild, wie oben beschrieben, durchaus Vorteile mit sich bringen kann, indem sie etwa Motivation und Ausdauer des Individuums erhöhen (Bandura 1989: 1177; Taylor/Brown 1988), führt ein übersteigertes Selbstbild zur falschen Annahme, Vorgänge und Ereignisse durch das eigene Ver halten kontrollieren zu können, auch wenn diese nachweislich nicht beeinflussbar sind (Langer 1975, 1982). Das kann den Entscheidungsfindungsprozess negatv 229 beeinflussen, nicht nur, weil derartige Illusionen gegen Rückmeldungen immunisie ren und Lernvorgänge hemmen, sondern durch ein Absinken der subjektiven Risi koeinschätzung zu größerer objektiver Risikobereitschaft führen (Whyte et al. 1997; Fenton-O’Creevy et al. 2003, 2004; Gollwitzer/Kinney 1989). Dies gilt auch und gerade für Situationen, in denen aufgrund von Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und hoher Stressbelastung die tatsächliche Kontrolle verlorengegangen ist und nun durch eine Scheinkontrolle ersetzt wird (Fenton-O’Creevy et al. 2003). Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt, der zu Wahrnehmungsverzerrungen führen kann, ist der Einfluss kulturspezifischer Sozialisation. In diesem Zusammenhang konnten die Neurowissenschaften nachweisen, dass sogar bei grundlegenden kog nitiven Wahrnehmungsprozessen interkulturelle Unterschiede ihre Wirkung entfal te, was die lange Zeit gültige Annahme, der zufolge die grundlegenden Denk- und Wahrnehmungsprozesse bei allen Menschen gleich verliefen, relativiert wurden. Vielmehr beeinflusst der jeweilige kulturelle Hintergrund nicht nur, worüber wir nachdenken, sondern auch wie (Kühnen 2005). Dieser Unterschied tritt deutlich zutage, wenn man Menschen aus individualisti schen und kollektivistischen Kulturen miteinander vergleicht. Grundsätzlich zeigt sich, dass Menschen in individualistisch geprägten Gesellschaften, wie sie in Nord amerika und Westeuropa typischerweise auftreten, das Individuum und damit ver bunden Werte wie individuelle Freiheit und die Verwirklichung persönlicher Ziele als leitende Werte anerkennen. In kollektivistisch geprägten Gesellschaften, wie man sie etwa in Asien, Afrika und dem Nahen Osten findet, wird das Individuum nicht individuell, sondern als Teil eines spezifischen Gruppenkontexts wahrge nommen, etwa als Teil einer bestimmten Familie, eines bestimmten Stammes oder aber als Angehöriger eines spezifischen Unternehmens oder einer gewissen Ar beitseinheit. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen abhängig von ihrer kulturspezi fischen Sozialisation Attributionen vornehmen (Wang 1993). Dieser Effekt zeigt sich somit auch beim Attributionsfehler. So machen Personen aus individualisti schen kulturellen Kontexten eher fundamentale Attributionsfehler, da es innerhalb individualistischer Kulturen üblich ist, das Verhalten einer Person auf seine inneren Faktoren zurückzuführen, wohingegen dies in kollektivistischen Gesellschaften die Bewertung anhand der externen Faktoren einer Person erfolgt. Menschen in eher kollektivistischen Kulturen machen den Attributionsfehler seltener, falls situative Faktoren klar erkennbar sind (Choi/Nesbitt 1998; Krull et al. 1999). Interessant ist auch die Auswirkung kultureller Prägung auf den Self-Serving-Bias: Individualisti sche Kulturen neigen dazu, Erfolge inneren und Misserfolge äußeren Attributen zuzuschreiben. In kollektivistischen Gesellschaften findet sich genau das Gegenteil. Angesichts dieser Erkenntnisse sind die kulturspezifischen Einflüsse um Entschei dungsprozess unbedingt zu berücksichtigen. 230 Ebenfalls zu berücksichtigen sind neben Verzerrungen die sogenannten Abwehr mechanismen, welche ebenfalls Wirkung im Entscheidungsprozess entfalten kön nen. Diese stellen eine Ichfunktion dar wie etwa Impulskontrolle oder Affekttole ranz (Bellak et al. 1973; Heigl-Evers et al. 1993). Ihre primäre Funktion ist die Ent lastung des seelischen Innenlebens einer Person. Anders als etwa bewusst entwi ckelte Anpassungsstrategien erfolgt die Auswahl von Abwehr- und Anpassungsme chanismen unbewusst; zugleich bedeutet das, dass Abwehrverhalten willentlich un terdrückt werden kann, was bei Abwehrmechanismen nicht möglich ist (König 1996: 11-15, 75). Mit Blick auf die Modellbildung ist zu beachten, dass Abwehrme chanismen einzeln oder gemeinsam mit anderen Ich-Funktionen auftreten können und dann eine sogenannte Abwehrformation (Hoffmann 1987) bilden. Unabhängig davon, ob sie einzeln oder als Formation auftreten, kann es zu Beurteilungsverzer rungen kommen (König 1006: 12). Dabei ist zudem zu berücksichtigen, dass Ab wehrmechanismen von jedem Menschen zu jeder Zeit eingesetzt werden. Dabei steht eine Vielzahl von Abwehrmechanismen zur Verfügung, welche je nach Situa tion und individueller Prägung zum Einsatz gelangen und dabei Wahrnehmungs und Entscheidungsprozesse nachhaltig beeinflussen können. Wie weiter oben dar gestellt wirkt das Gedächtnis selektiv, wenn es um das Abspeichern und Abrufen von Informationen geht. Auch geraten nicht mehr benötigte Gedächtnisinhalte ins Vergessen. Diese Funktion reicht aber noch weiter: in bestimmten Situationen kommt es zur bewussten Verdrängung von Gedächtnisinhalten im Sinne einer Schutzfunktion, etwa wenn unbewusst erkannt wird, dass die Aktivierung bestimm ter im Gedächtnis gespeicherter Informationen negative Gefühle heraufbeschwo ren würden. Nicht selten hängen die einmal mit negativen Emotionen verknüpften Erfahrungen mit sehr frühen individuellen traumatischen Erlebnissen zusammen, an die keine aktive Erinnerung mehr bestehen. Die eigentlich zur Entscheidungs findung nötigen Informationen können somit nicht abgerufen werden, es kommt zu Verzerrungen und einem Effekt hinsichtlich der Lagebeurteilung. Allerdings bewirken nicht alle Traumatisierungen den Abwehrmechanismus der Verdrängung, vielmehr werden die mit traumatische Erfahrungen verbundenen Emotionen und Kognitionen aktiviert. Doch auch auf diese Weise kommt es zur Beeinflussung von Wahrnehmung und Beurteilung einer Situation. Weitere Verzerrungen entstehen durch veränderte Wahrnehmung anderer Perso nen. Dies kann aufgrund dysfunktionaler Objektrepräsentanzen (Introjektion) oder etwa auf dem Wege der Identifizierung (König 1996: 24ff.) geschehen. Dieser an sich auf die Fähigkeit unterschiedliche (gesellschaftliche) Rollen zu übernehmen abzielende Mechanismus führt als Abwehrmechanismus zur Herausbildung von sogenannten Als-Ob-Persönlichkeiten, welche sich mit der (vermeintlichen oder tatsächlichen) Erwartung Dritter identifizieren. Dieses Phänomen beruht auf einem Identitätsvakuum der betroffenen Personen, welches bei Bedarf auch schnell mit der Erwartung anderer gefüllt werden kann. Für Berater und Entscheidungsträger im außen- und sicherheitspolitischen Bereich bedeutet dies, dass diese sich stark an 231 den Erwartungen von Vorgesetzten oder Verhandlungspartnern orientieren, durch aus oszillierend in jeweiliger Abhängigkeit von Ort und Zusammensetzung der Verhandlungsgruppe. Die Kompensation innerer Defizite wiegt dabei schwerer als ein unverstellter, klarer Blick auf die Situation, was wiederum zu Fehlurteilen füh ren kann. Dies wird besonders deutlich beim Blick auf das Phänomen der Identifi kation mit dem Angreifer, wo mit der Übernahme gegnerischer Positionen das ei gene Gefühl von Schwäche oder Kränkung neutralisiert werden soll. Unter anderen Umständen können erfahrene Kränkungen dazu führen, dass man diese, wiederum zur Kompensation der eigenen negativen Gefühle, an Dritte weitergibt (König 1996: 67f.). Auch ein solches Verhalten kann etwa die Außen- und Sicherheitspoli tik gegenüber schwächeren Staaten oder anderweitigen Partnern beziehungsweise Gegnern prägen. Besteht die Gefahr, dass ein Ziel nicht erreicht werden kann, kommt es regelmäßig zum Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung, bei dem das Ziel abgewertet wird, um die Nichterreichung als weniger schmerzhaft erschei nen zu lassen. In schärferer Form kann es auch zu einer Verneinung kommen, bei welcher ein al schmerzvoll empfundener Sachverhalt negiert und Gegenteiliges zum Teil mit Nachdruck behauptet wird. Auch dieses Phänomen kann gerade Verhand lungen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik auf problematische Weise be einflussen. Weitere derartige verzerrende Effekte können durch die Abwehrmecha nismen Verschiebung, Isolierung aus dem Zusammenhang und Leugnung hervor gerufen werden, wobei es auch hier jeweils darum geht, eigene emotionale Verlet zungen zu vermeiden. So werden bei der Verschiebung spezifische Aspekte, die mit einem Objekt verknüpft waren aus dem bisherigen Zusammenhang ausgeblendet, in einen neuen Zusammenhang übertragen und schließlich auf ein neues Objekt übertragen (König 1996: 35). Bei der Isolierung aus dem Zusammenhang wird das betroffene Objekt ersatzlos aus dem alten Kontext entfernt (König 1996: 56). Bei der Leugnung schließlich wird Geschehenes auf faktischer Ebene akzeptiert und auch im bestehenden Kontext belassen. Allerdings ändert sich mit diesem Ab wehrmechanismus die Bedeutungszuschreibung des Objekts; es kommt zu einer „selektivefn] Störung des Interpretierens“ (König 1996: 40). Diese Wahrneh mungsverzerrung bezieht sich nur auf bestimmte Inhalte eines Sachverhaltes oder einer Situation; dabei werden Ereignis und Bedeutungszusammenhang nicht richtig zusammengebracht, um unangenehme Gefühle (etwa einer drohenden Niederlage) zu vermeiden (König 1996: 123f.), was im außen- und sicherheitspolitischen Be reich leicht zu falschen Risikoeinschätzungen führen kann. Für den Beteiligten wie den Analysten sieht das Auftreten dieses Abwehrmechanismus so aus, als wolle der Betreffende einen Sachverhalt nicht zugeben, aber tatsächlich liegt das nicht in des sen Macht. Häufig tritt Leugnung im Zusammenspiel mit Rationalisierung (König 1996: 60ff.) auf, unter welcher der ebenfalls unbewusst ablaufende Versuch zu ver stehen ist, eigenes, oft problematisches Handeln durch logische, konsistente Erklä rungen zu legitimieren. 232 Ein auf höherer Abstraktionsebene ablaufendes Instrument der Selbstrechtferti gung ist der Abwehrmechanismus der Intellektualisierung. Hierbei verlässt der Be troffene mental die Ebene der praktischen Aktion, bleibt dort jedoch zunächst überzeugend. Im Laufe der Zeit besteht jedoch zunehmend die Gefahr, dass die Realitäten aus den Augen verloren werden und nur noch die eigenen intellektuellen Sandkastenspiele und Scheinwelten als Entscheidungsgrundlage im zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess dienen. In Situationen, welche emotional wie auch möglicherweise intellektuell oder kognitiv überfordernd erscheinen und somit ebenfalls wieder die Gefahr von Kränkung oder emotionaler Verletzung in sich bergen, kommt es häufig zu Vermeidungsverhalten. Zwar lässt sich hierdurch ver meintlich der eigene Ruf bewahren etwa indem sich Zeichen von Schwäche ver meiden lassen, langfristig jedoch ist die Wirkung eher schädlich, weil zusehends die außen- und sicherheitspolitische Führungsschwäche zu Tage tritt Da das psychi sche System auch diese Gefährdung erkennen kann, wirkt auch noch der Abwehr mechanismus der Projektion, welcher regelmäßig auch mit den Mechanismen der Idealisierung und Entwertung zusammenspielt. Bei der Projektion werden eigene psychische Inhalte, insbesondere Affekte, Stimmungen und Impulse, sowie ferner Bewertungen anderen Personen zugeschrieben. Auf diese Weise sollen problemati sche Bestandteile des Ich entfernt werden, da sie für Konflikte mitverantwortlich gemacht wird (König 1996: 47f.). Zugleich wird der Zielperson die Verantwortung beziehungsweise Schuld für diese Konflikte übertragen, was etwa Verhandlungen nicht erleichtert. In diesem Zusammenhang spielen auch Idealisierung und Entwer tung eine wichtige Rolle. Funktioniert diese Strategie nämlich nicht, kommt es nicht selten zur Entwertung oder gar Dämonisierung des Gegenübers, der als uneinsich tig und bösartig hingestellt wird, während das eigene Ich noch eine Überhöhung erfährt, der im Falle des Scheiterns auf üble Weise mitgespielt wurde, ohne dass man selbst etwas hätte dagegen tun können. Zugleich lässt sich in anderen Kontex ten die andere Ausprägung dieses Phänomens feststellen: die zweckgebundene Ide alisierung einer anderen Person. Diese Idealisierung wird aber auch nur aufrecht erhalten, solange sie der eigenen Erhöhung dienlich ist; sobald das nicht mehr in dieser Form wahrgenommen wird, erfolgt die völlige Entwertung (König 1996: 82). Jenseits des reinen Wirkens als Abwehrmechanismus tritt ein derartiges Verhalten regelmäßig auch im Bereich der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf, welche im Bereich politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Führungskräfte über durchschnittlich oft anzutreffen ist. Die Auseinandersetzung spezifischer psychi scher Erkrankungen als Einflussfaktoren auf zwischenstaatliches Handeln und ent sprechende Einbeziehung in die Modellbildung erfolgt weiter unten. Zunächst je doch ist es noch erforderlich, die Aspekte Emotion und Persönlichkeitsmerkmale und ihre Bedeutung im Bereich der Analyse zwischenstaatliches Handeln zu be trachten. 233 Ebenso wie kognitive Verzerrungen und Abwehrmechanismen entfalten auch Emotionen selbst ihren Einfluss auf Perzeption und Kognition und wirken sich somit auf den Entscheidungsfindungsprozess und das zwischenstaatliche Handeln aus. Es wurde bereits weiter oben dargelegt, dass die Annahme absolute Rationali tät zu erheblichen Fehlern bei der Analyse außen- und sicherheitspolitischen Han delns führt. Dennoch ist genau das Festhalten an jenem Paradigma (etwa Keohane/Nye 1987: 728; Fearon 1995: 382, 393, Walt 1999) einer der Gründe, weswegen Emotionalität nur sehr langsam Einzug in die Analyse der internationalen Bezie hungen hält. Hinzu kommt die methodologische Beschränktheit der dominieren den Großparadigmen Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus, welche sich schwer damit taten, dass Emotionen nur schwer qualitativ und insbesondere quan titativ mess- und darstellbar sind, was einer Auseinandersetzung mit Emotionen als Einflussfaktor in den internationalen Beziehungen leicht den Vorwurf der reinen Spekulation einbringen konnte (Ruggie 1998; Price/Reus-Smit 1998; Zehfuss 2002; Weber 1999; Bleiker/Hutchinson 2008). Selbst jene konstruktivistischen Ansätze, welche prinzipiell bereit waren, Emotionen in der Analyse zuzulassen, taten sich in der Praxis schwer, dies umzusetzen (Crawford 2000: 155; Balzac/Jervis 2004; Lebow 2006; Bleiker/Hutchinson 2008). Nicht zuletzt hat aber auch der traditionell nahezu rein auf Kognition ausgerichtete Ansatz der Außenpolitikanalyse dazu beigetragen, dass emotionale Aspekte ver nachlässigt wurden (Welch Larson 1985; Jervis et al. 1985). Obwohl Emotionen35 einen wesentlichen Einfluss auf die kognitiven Prozesse, auf die (politische) Präfe renzbildung und den Entscheidungsfindungsprozess eines jeden Individuums aus üben, werden sie erst seit wenigen Jahren systematisch mit Blick auf Prozesse in den internationalen Beziehungen untersucht (Hill 2003; Linklater 2004; Blei ker/Hutchinson 2008: 116; Sirin et al. 2011: 35). Hinsichtlich Definition und W esen von Emotionen herrscht mitnichten Einigkeit. Paul Ekman (1988, 2004) etwa geht von sieben Basisemotionen aus, welche er empirisch nachgewiesen hat: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Zum Grundgefühl zählen weiterhin Liebe, Hass und Vertrauen. Nach Carroll Izard (1981) existieren zehn Formen von Emotionen, die in jeder Kultur vorkommen: Interes se, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verach tung und Schuldgefühl. Ältere Theorien teilen Emotionen in vier Hauptgruppen ein: Angst und Verzweiflung, Ärger und Wut, Freude, Trauer. Weitere Formen sind Enttäu schung, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Verliebtheit (Otto et al. 2000). Weitgehend unstrittig indes ist, dass Emotionen in phylogenetisch älteren Gehirnteilen, insbesondere im Limbischen System, entstehen und mit ihren neuralen und neuroendokrinen Prozes sen eine Schlüsselstellung für Verhalten haben. H ierauf basierende biologische Emotions theorien haben das psychologische Denken stark beeinflusst, sodass dortige Annahmen durch Untersuchungen physischer Hirnstrukturen (etwa Hypothalamus, Amygdala) und neurochemischer Prozesse in den Zellen (Aminosäuren, Hormone, Neuromodulatoren) validiert sind. 234 Zwar spielen Motive wie Furcht oder Leidenschaft eine wichtige Rolle in Arbeiten in der Tradition des klassischen Realismus (Wright 1965: 1222, 1562; Vagts 1959: 17; Posen 1993; Van Evera 1994) beziehungsweise seinen intellektuellen Vorläufern wie Thukydides oder Hobbes und sehr vereinzelt haben sich Theoretiker mit der Rolle von Emotionen in der Weltpolitik auseinandergesetzt (Lasswell 1965), insge samt lässt sich jedoch konstatieren, dass mit der Durchsetzung des Paradigmas des rationalen Akteurs in der Mitte des 20. Jahrhunderts Emotionen gleichsam voll ständig vom Radarschirm der IB-Theorie verschwunden sind (Crawford 2000: 122). Erst durch die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Hirnforschung konn ten lange Zeit als gültig angesehene Annahme zu Rationalität, Emotion und Kogni tion widerlegt werden, was zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Rolle von Emotionen im Bereich des zwischenstaatlichen Entscheidens geführt hat (Mercer 2010: 1). Dabei trat deutlich zu Tage, dass Rationalität und Emotion Hand in Hand gehen. Handeln ohne eine emotionale Einflusskomponente wäre irrational und würde auf eine Pathologie hindeuten (Mercer 2010: 1f.; Cohen 2005: 12ff.). Um zudem überhaupt nach einem (zumindest gedacht) rationalem Entscheidungspro zess überhaupt erst Handeln zu können, ist die emotionale Komponente als Impuls erforderlich (Frijda et al. 2008). Zur Analyse des Zusammenwirkens von Kognition, Emotion, Rationalität und Handlung kann auch auf Erkenntnisse zurückgegriffen werden, die bereits zuvor auf dem Gebiet der Emotionssoziologie gewonnen wurden, so etwa, dass Emotio nen eine wesentliche individuelle wie kollektive identitäre Funktion erfüllen (Ah med 2003; Berlant 2000; Berezin 2001, 2002; Nash 2003; Fierke 2004). Emotionen können beim Individuum einerseits aus der gegenwärtigen Einschätzung von Er eignissen heraus (Ortony et al. 1998) und andererseits durch eine Wiederherstellung einer früheren emotionalen Bedeutung entstehen. Für die Aktivierung der früheren Emotionen sind regelmäßig ein ähnliches Ereignis oder eine fragmentarische Erin nerung ausreichend (Mees 2006). Hierbei fließen in den Entstehungsprozess von Emotionen bestehende Vorstellungen und Glaubenssätze mit ein (Lazarus 1991). Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass trotz der starken biologischen Komponente bei der Entstehung von Emotionen kulturspezifische sowie kontextuelle Varianz erklärbar wird (Crawford 2000: 129f.; Sundar 2012).36 Diese wirkt sich schließlich auf das spezifsche Selbstbild und Selbstverständnis außenpoliti scher Entscheidungsträger, deren Wahrnehmung und Beurteilung von für zwi schenstaatliches Handeln relevanter Situationen und schließlich das Treffen von außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen aus (Butler 2007; Gabrielli 2008; Gazzaniga 2005; Butler 2007; Chiao, et al., 2010; 2009; Chiao, et al., 2008), Die kulturdeterminierte Varianz von Emotionen konnte auch durch transkulturelle Stu dien m it bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. Ihre Effekte werden vor allem auf dem jungen Gebiet der kulturellen Neurowissenschaften untersucht (Malafouris 2010; Hedden et al. 2008; Han/Northoff 2008). 235 Choudhury/Kirmayer, 2009; Molnar-Szakacs, et al., 2007a, 2007b and Lieberman, 2007; all in Olson 2014) (Kitayama et al., 2004; Mauss et al., 2008; Sherman et al., 2009). Mit Blick auf die analytische Berücksichtigung der emotionalen Komponente im außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozess ist es wichtig zu erwäh nen, dass Emotionen eine kognitive, eine motivationale, eine expressive und eine physiologische Komponente aufweisen (Maas 2006). Kognitive Prozesse wie In formationsaufnahme, Informationsverarbeitung, Risikokalkulation sowie Kosten Nutzen-Abwägungen werden dabei stark von Emotionen beeinflusst (Crawford 2000: 137; Janis/Mann 1977; Vertzberger 1990: 178; Way/Masters 1996). Das Zu sammenspiel von Perzeption, Emotion und Kognition leitet den Prozess der Situa tionsbeurteilung und Entscheidungsfindung ein, wobei die Intensität der gefühlten Emotion mit der Stärke des damit einhergehenden physiologischen Reizes korre liert (Nummenmaa et al. 2013). Die emotionale Intelligenz eines Individuums er möglicht es diesem, die eigenen Gefühle wie auch die Gefühle Dritter wahrzuneh men, zu interpretieren und zu beeinflussen. Dem Erkennen der Beziehung zwi schen Selbst, Anderem und Situation folgt die Bewertung, welche motivational hin sichtlich der sich anschließenden Handlung wirkt. Wie dargestellt, bewirkt die kul turspezifische Sozialisation emotionale Varianz (Mesquita/Frijda 1992, Bonta 1997). Dennoch konnten die psychologische wie auch die kulturvergleichende So zialforschung zeigen, dass elementare Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer unabhängig von der jeweiligen Kultur auftreten (Ekman 2004). Allerdings kommt es dabei regelmäßig zu einer mangelnden Kongruenz von empfundenem Gefühl und empirisch erkennbarer Emotion, da kulturspezifische Normen einen unter schiedlichen Umgang mit dem Empfundenen vorschreiben. Umstände wie diese erschweren es mitunter Akteuren, Situationen richtig einzuschätzen und können somit zu Fehlwahrnehmungen und suboptimalen Entscheidungen führen (Pittam et al. 1995). Dennoch werden Entscheidungen stark durch eigene wie fremde Emo tionen stark beeinflusst. Insbesondere spielen Emotionen eine prominente Rolle bei der richtigen Umsetzung vormals erlernten Verhaltens in vergleichbaren neuen Situationen sowie der Wahrnehmung von Bedrohungen und Risiken (Mann 1992; Nygren 1998: insbesondere 87; Crawford 2000). Gleichzeitig wirken Emotionen als wichtige Indikatoren beim Knüpfen sozialer Bande beziehungsweise bei Prozessen sozialer Abgrenzung (Marcus 1991: 223). Somit ist es äußerst wichtig, sich in der Analyse neben den originären Emotionen des außen- und sicherheitspolitischen Akteurs auch jenen seiner Mitstreiter und Gegner sowie der Wahrnehmung vor deren Emotionen durch den Akteur selbst bewusst zu sein. Eigene wie fremde Emotionen wirken für das kognitive System als wichtige Informationsquelle (Keltner/Haidt 1999; Glimcher 2003, Van Kleef 2009). Die Entschlüsselung frem der Emotionen kann es einem Akteur etwa ermöglichen, zu erkennen, wenn der Gegner Nachteiliges im Schilde führt (De Dreu et al. 2007; DePaulo, 1992; De Dreu 2004; Arnes/Johar 2009; Van Kleef et al 2004a). Die Wirkung ist real mess 236 bar und wichtig für das hier entwickelte Analysemodell. Dem modellorientierten analytisch-eklektizistischen Anspruch folgend, werden sowohl Erkenntnisse des EASI-Modells (insbesondere Kleef et al. 2010) als auch des Cognitive Calculus- Modells (CC-Modell; Sirin et al. 2010) aufgegriffen, synthetisiert und in das hier entwickelte Modell integriert. Während das Cognitive Calculus Modell die Auswir kungen spezifischer Emotionen auf außen- und sicherheitspolitisches Entscheiden behandelt, greift das EASI-Modell die soziale Rolle von Emotionen insbesondere in kritischen beziehungsweise mehrdeutigen Situationen auf und erklärt ihre Effek te bezogen auf unterschiedliche Handlungskontexte. Die jeweiligen Ergebnisse beider Modelle lassen sich auf dahingehend gewinnbrin gende Weise verbinden, dass die Auswirkungen kooperativer und kompetitiver Entscheidungskontexte mit positiven und negativen Einstellungen der Entschei dungsträger in Verbindung gebracht werden. Dabei zeigt sich, dass kooperative zwischenstaatliche Kontexte, wie sie etwa im Idealfall bei Allianzpartnern und der gleichen37 vorliegen, zu einem hohen Maß an gegenseitigem Vertrauen und einer hohen Motivation zu Kooperation und zum gegenseitigen Austausch strategisch wichtiger Informationen führt. Dieses Handlungsmuster wird im Wesentlichen durch affektive Reaktionen wie emotionale Ansteckung, Affektinfusion (Forgas 1995) und Stimmungsübertragung getragen (Van Kleef 2010: 56ff.). Die hierdurch generierte positive Grundatmosphäre dieser Art von zwischenstaatlichen Bezie hungen zeigt in der außenpolitischen Praxis jedoch ambivalente Auswirkungen: Während die Kooperation zwischen den Staaten einerseits getragen ist von einem höheren Maß an Kreativität bei Entscheidungen und Projekten, besteht zugleich die Gefahr, dass Handlungsstrategien allzu sehr auf einfachen Heuristiken beruhen und somit der logischen Konsistenz wie auch der Aufmerksamkeit fürs nötige De tail entbehren (Schwarz/Bless 1991: 56; Crawford 2000: 138). Der Vorteil, nicht unter den knappen Zeitressourcen in Krisensituationen zu arbeiten, wird häufig durch ein allzu entspanntes Herangehen aufgebraucht. Betrachtet man Entschei dungssituationen, in welchen ein hohes Maß an Gefahrenpotenzial eine Rolle spielt, so können auch diese zu einem erheblich eingeschränkten Maß an Informationsbe schaffung und -verarbeitung im Rahmen des Entscheidungsprozesses führen; ins besondere kann es zu einem Effekt kommen, bei welchem selektiv Informationen vernachlässigt oder ausgeblendet werden, welche den (an sich richtigen) Eindruck verstärken könnten, die Situation verschlimmere sich, beziehungsweise ebenso se lektiv Informationen ausgewählt werden, die eine gegenteilige Einschätzung forcie ren (Lebow 1981: 115ff.; Crawford 2000: 138). Die überragende Bedeutung von Furcht als emotionaler Motivationsfaktor in den internationalen Beziehungen wird auch im Konzept des Sicherheitsdilemmas re flektiert, wo das Handeln eines anderen Staates unter gewissen Umständen zur In- Eine Detailanalyse verschiedener Kooperationsformen vor dem Hintergrund unterschied licher Strukturausprägungen des internationalen Systems erfolgt in Kapitel 5. 237 terpretation führt, der eigene Staat könne hierdurch existenziell bedroht werden (etwa Posen 1993; Snyder/Jervis 1999). Die zuvor geschilderte Entspanntheit lässt sich in einem solchen Kontext nicht erkennen. Die negativen Emotionen führen zu einer geminderten kognitiven Verarbeitungsrate, zu entsprechenden Rückgriffen auf Heuristiken und letztlich zu aggressiveren außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen (Geva/Skorick 2006). Dies gilt in besonderem Maße für kompeti tive Kontexte im Sinne des EASI-Modells, bei welchen das auf positiven Emotio nen basierende konstruktive Verhältnis gegenseitigem Misstrauen und dem Streben nach dem eigenen strategischen Vorteil gewichen ist, der durchaus auch mit Ag gressivität erreicht werden kann (De Dreu et al. 2007). Das weitere Verhalten lässt sich zudem unter Einbindung des CC-Modells erklären: Wut setzt die Entschei dungsschwelle zugunsten aggressiver Politik herab, indem die zu Verfügung ste henden relevanten Informationen selektiv in diese Richtung wahrgenommen und interpretiert werden (Sirin et al. 2010: 42, 51; vgl. zudem Bodenhausen et al. 1994; DeSteno et al. 2000; Huddy et al. 2007; Lerner/Keltner 2000; Sadler et al. 2005). Eine entscheidende intervenierende Variable in diesem Zusammenhang ist jedoch auch die Kenntnis um die Folgen der sich entfaltenden aggressiv geprägten Außenund Sicherheitspolitik. Während die Entscheidungsverantwortlichen am Vorabend des Ersten Weltkrieges sich des Ausmaßes der Folgen jenes Krieges nicht bewusst gewesen sein dürften, war die Vorstellung um die apokalyptischen Konsequenzen eines nuklear geführten globalen Krieges den politischen Führern im Kalten Krieg durchaus präsent, ein sogenannter Kristallkugeleffekt, der die Welt fraglos vor Schlimmerem bewahrt hat (Blight 1990). Andererseits können Entscheidungsträger geradezu überwältigt sein von Angst angesichts der immensen Verantwortung, wel che auf ihren Schultern lastet, aber ebenso vom Erwartungsdruck etwa seitens der Öffentlichkeit, was ebenfalls zu emotional induzierten unangemessen harten Ent scheidungen führen kann; angemessene gemäßigte Maßnahmen werden etwa ver worfen, um nicht den Eindruck der Schwäche zu erwecken, führen jedoch in der Praxis regelmäßig zu fatalen Fehlentwicklungen und Eskalationen, wie etwa im Fal le der Entscheidung Carters zu Gunsten der Operation Eagle Claw im Kontext der Iranischen Botschaftsgeiselkrise (Brule/Mintz 2006). Sowohl bestehende Emotionen als auch das emotionale Verhältnis zwischen Ver handlungspartnern auf außen- und sicherheitspolitischer Ebene haben einen Effekt auf Verlauf und Ausgang von Verhandlungen. Das Aussenden von Emotionen führt dabei regelmäßig zu reziproken beziehungsweise komplementären Emotio nen auf Seiten des Gegenübers (Van Kleefet et al. 2008). Grundsätzlich ermöglicht Empathiefähigkeit auf beiden Seiten eine größere Flexibilität in den Verhandlun gen, wohingegen Feindseligkeit oder gar eine Dämonisierung des Gegenübers die Spielräume deutlich einschränkt (Ross 1993: 107f.; Welch Larson 1997; Wright et al. 1997; Staub 1989). Emotionen wirken somit auch als positive oder negative Ver stärker für Handeln und Entscheiden: Positive emotionale Signale führen dazu, dass die Gegenseite ihren Kurs beibehält, wohingegen negative Signale dazu füh 238 ren, dass über Verhaltensänderungen nachgedacht wird (Cacioppo 85 Gardner, 1999; Fischer/Roseman, 2007). Dies führt bei außen- und sicherheitspolitischen Verhandlungen dazu, dass bei einem hohen Maß an wahrgenommener aggressiver Kommunikation aufgrund der Annahme, dass der Partner hohe Limits hat, diesem mehr Zugeständnisse zugebilligt werden. Allerdings zu dem Preis, dass mehr Ver suche unternommen werden, die Kooperation auf einem so niedrigen Niveau wie möglich zu halten beziehungsweise den Partner zu hintergehen, sobald sich eine Gelegenheit hierzu bietet (Van Dijk et al. 2008). Laufen Verhandlungen indes freundlich und kooperativ ab, besteht eine sehr viel höhere Chance, dass nachhalti gere und tragfähigere Ergebnisse erreicht werden. Allerdings auch nur dann, wenn die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden; bei Anzeichen von Appeasement kommt es eher zur Stimulierung kompetitiven Handelns (Van Kleef et al. 2006a). Unabhängig von diesen Mechanismen lassen sich Emotionen auch bewusst zu Zwecken der Manipulation von Verhandlungspartnern beziehungsweise Entschei dungsträgern nutzen. So kann Furcht geschürt oder an patriotische Gefühle appel liert werden (Posen 1993: 81), ebenso können Schuldgefühle und Mitgefühl genutzt werden, um etwa Interessen im Bereich humanitärer Einsätze, humanitärer Inter ventionen oder Entwicklungs- beziehungsweise Katastrophenhilfe zu vertreten (Frank 1986: 220ff.). Ein besonderes emotionales Manipulationspotenzial besteht zudem, wenn ethnische oder andere stark identitäre Aspekte sowie bereits beste hende Gefühle oder Beliefs vis-a-vis involvierter Outgroups betroffen sind (Crawford 2000: 149). Als besonders effizientes Instrument hat sich der Rückgriff auf Analogien, Metaphern und Symbole erwiesen, um die damit verbundenen Emotionen zu aktivieren und somit entsprechende Implikationen bei den relevan ten kognitiven Schemata zu bewirken. Doch wirken diese auch ohne, dass sie be wusst manipulativ in einen Diskurs eingebracht werden. Die emotional-kognitive Verarbeitung von Analogien dient dem Individuum dazu, die aktuelle Situation zu erfassen, die Bedrohungen und Chancen zu erkennen, Erfolgsaussichten unter schiedlicher Entscheidungsalternativen zu bewerten und so zur Wahl der geeigne ten Handlungsoption beizutragen (Foomg Khong 1992: 10; Mefford 1987; Crawford 2000). Historische Analogien entfalten dabei sowohl emotional als auch kognitiv ihre Wirkung (Rosselli et al. 1995: 167). Dies gilt insbesondere auch für individuelle und kollektive Traumata. Die Erwähnung etwa von München 1938, Pearl Harbor oder 9/11 im westlichen Kulturkreis, an-Nakbah (^AiH) in der ara bisch-islamischen Welt oder Nanking in Asien führt zu spezifischen Gefühlen und Gedanken. Emotionen können ebenfalls die Beurteilung vergangener Entscheidun gen beeinflussen, was auf gegenwärtige Entscheidungen zurückwirkt (Bower 1981; Mineka/Nugent 1995; Hamann et al. 1999). Das kann dazu führen, dass unabhän gig davon, ob eine vergleichbare Situation der gegenwärtigen Situation, auf welche die Analogie angewandt wird, beim Vorliegen positiver emotionaler Konnotationen eine Entscheidung getroffen wird, die der damaligen vergleichbar ist. Andersherum kann sich ein politischer Führer auch intuitiv gegen eine Entscheidung stellen, weil 239 diese mit negativen Gefühlen verknüpft ist, die von einer analogen Entscheidung in der Vergangenheit herrühren (Taylor et al. 1994: 219). In diesem Zusammenhang gilt es bei der Analyse außenpolitischer Entscheidungen die kognitive Verzerrung der emotionalen Beweisführung zu beachten, bei der eine empfundene Emotion als Beweis für die Richtigkeit einer Annahme wahrgenommen und entsprechend wei terverarbeitet wird. Ganz ähnlich wie Analogien wirken auch emotional aufgeladene Symbole im Ent scheidungsprozess (Sears 2001). Hierbei werden bestehende Dispositionen durch politische Symbole aktiviert und in die Beurteilung des aktuellen informationellen Umfeldes eingebracht. Dieser als Symbolic Processing bezeichnete Prozess beinhal tet das schnelle, reflexive, automatische Auslösen einer als geeignet erscheinenden Prädisposition durch ein spezifisches Symbol, wobei ein innerer Drang auf emotio nale und kognitive Konsonanz hinwirkt (Sears/Funk 1991). Die Konnotation von Begriffen und Konzepten hängt dabei nicht selten mit erlittenen individuellen oder kollektiven Traumata zusammen. 4.3 Persönlichkeit, Führungsstil und Persönlichkeitsstörung Persönlichkeit Neben den genannten Einflussgrößen Kognition und Emotion kann auch die spe zifische Persönlichkeitsausprägung eines Individuums als entscheidungsbeeinflus sende Größe angesehen werden, da diese sich etwa auf die jeweiligen Präferenzen des Individuums auswirken kann (Hermann 1984; Winter 1987, 1993; Winter et al. 1991; Swansbrough 1994; Blanton 1996; Crichlow 1998, 2005; Walker et al. 1998, 1999; Marfleet 2000; Schafer/Crichlow 2000; Walker/Schafer, 2000). In diesem Zusammenhang ist gerade die Feststellung Crichlows (2005), der zufolge die Perzeption entscheidend für ein Verständnis politischer Entscheidungen sei, für die hier unternommene Theoriefortbildung und Analyseschemaentwicklung von be sonderer Bedeutung. Wie auch de Rivera (1968: 31) konstatiert, reagieren Entschei dungsträger nicht auf die realen Ereignisse per se, sondern deren eigene Sicht da von, mit anderen Worten ihre Interpretation. Vor diesem Hintergrund formulierte er die Forderung, dass es notwendig sei, jeder Analyse zugrunde zu legen, wie diese einzelnen Individuen jeweils die Welt sehen; hierzu, so de Rivera, müssten aber zu nächst die betroffenen Individuen selbst in ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit verstanden werden (vgl. hierzu ferner Neustadt/May 1986). Für eine Auseinandersetzung mit der individuellen Analyseebene beziehungsweise der Analyseeinheit individueller Entscheidungsträger bieten sich die Konzepte Psychobiografie beziehungsweise Psychohistorie an, weil durch diese Ansätze ei 240 nerseits sowohl individuelle Persönlichkeitsfaktoren als auch sozialisationsspezifi sche Einflüsse erfasst werden, welche eine der Grundlagen für die Analyse von Perzeption, Interpretation und darauf basierende Wirklichkeitsrekonstruktion bil den, als auch deren Effekte auf die Umgebung. Die Idee, eine Verbindung zwi schen psychologischer Motivation und historischen Prozessen herzustellen, lässt sich etwa bereits in den Werken von Wilhelm Reich (1933), Erich Fromm (1941) oder Theodor Adorno et al. (1950) finden, wurde jedoch vor allem durch Erik Erikson (insbesondere 1958) als Ansatz unter dem Namen Psychohistorie initiiert und in den Arbeiten von Lloyd de Mause (etwa 1982) formalisiert und zu einem eigenständigen Sub-Feld entwickelt, das Deskription und Narrativ der Geschichts wissenschaft und anderer Sozialwissenschaften aufgreift, jedoch mit individuellen psychologischen Motivationen kombiniert und so historische Ereignisse zu erklären versucht (vgl. hierzu etwa. McFarland 2000; Lawton 1978; Godwin 1998; Duffy 2000; Binion (1978); Emery 1999; Kurth 1999; Byman 1978; Beisel 1999; Dervin 2000; Campbell 2009). Eine zentrale These der Psychohistorie hierbei ist, dass sozi ales Verhalten wie etwa Krieg als selbstzerstörerische Wiederholung individueller Erziehungserfahrungen früherer Jahre, bei denen insbesondere Vernachlässigung und Missbrauch eine Rolle gespielt haben, zu verstehen ist. Hierbei kommt es zu einem unbewussten Rückfall in Zustände früher Ängste durch destruktiver Erfah rungen (Milburn 1996). Auf dieser Grundlage entwickelt de Mause das Konzept der Psychoklasse, die aus einer bestimmten Art und Weise der kulturbasierten Kin dererziehung hervorgeht und Staat und Gesellschaft auf eine spezifische Weise be einflusst (vgl. etwa Dervin 2005; de Mause 1982; 2008). Die sogenannte Gruppen phantasie wird hierbei als vermittelnde Größe zwischen den kollektiv wirkenden individuellen Erziehungserfahrungen der Mitglieder einer Psychoklasse und ihrem jeweils spezifischen sozio-politischen Verhalten angesehen (de Mause 2002: insbe sondere 104-109, 391, 430 ff.). Hierbei ist der psychohistorische Ansatz jedoch explizit von grundlegenden Ansät zen Sigmund Freunds zu unterscheiden, wie er sie etwa in seinem 1929 erschiene nen Werk Civilization and ist Discontents (dt. Das Unbehagen in der Kultur, erst mals 1930) vertritt, wo eine Geschichtsanalyse enthalten ist, die auf seiner Theorie der Psychoanalyse basiert. Hierbei allerdings geht es um den Effekt, den die Struk turen der Zivilisation auf die Psyche des Individuums haben. Im Selbstverständnis von de Mause und anderen Psychohistorikern liegt deren Analyseschwerpunkt je doch gerade auf den Einflüssen des Individuums mitsamt seinen individuellen psy chischen Störungen auf die zivilisatorische Struktur. Problematisch ist in diesem Kontext, dass die jeweils rückwirkenden Effekte nicht anerkannt werden. Wie die Auseinandersetzung mit der Akteur-Struktur-Debatte weiter oben gezeigt hat, lässt sich das Verhältnis von Akteur und Struktur als ko-konstitutiv darstellen. Während das Individuum durch sein Handeln potenziell auf die Struktur des internationalen Systems einwirken kann, so wird das Individuum auch durch das Einwirken von Strukturfaktoren in seiner Sozialisation beeinflusst. De Mause beschränkt diesen Einfluss aber lediglich auf den Zeitraum der Kindheit und den unmittelbaren So 241 zialisationskontext, insbesondere die Familie. Hirnentwicklung und somit Beein flussung durch Sozialisationsfaktoren findet, wie Arbeiten über neuronale Plastizi tät gezeigt haben (etwa Meyer et al. 2014), jedoch ein Leben lang statt, sodass eine Begrenzung auf die Kindheit und somit auch auf den dortigen Kontext nicht aus reicht, um Handlungen anhand der Persönlichkeitsstruktur zu erklären (Specht et al. 2011). Allerdings soll dies nicht bedeuten, dass derartige Erfahrungen nicht in eine Analyse einbezogen werden sollten. Im Gegenteil: Wie de Mause aufzeigt, ha ben räumlich wie zeitlich erkennbare Unterschiede in der kulturspezifischen, über individuell normierten Art und Weise der Kindererziehung, die zunächst auf indivi dueller Ebene Wirkung entfaltete, sich letztlich auch als kollektiv wirksame Form kräfte der Geschichte herausgestellt. Insgesamt gilt es somit, die (scheinbar) kont roversen Perspektiven der Psychohistorie und der Psychobiografie zu vereinigen, um das Gesamtbild widerzuspiegeln. Der Ansatz der Psychobiografie versucht dabei, diese Dynamiken mit Blick auf ausgewählte Individuen nachzuzeichnen. Ein wichtiger Fokus liegt auf der frühen Entwicklungsgeschichte einzelner Individuen, was zu einem gerade in den frühen Phasen psychobiografischer Forschung großen Einfluss psychoanalytischen Den kens führte. Neben Rückgriffen auf Freuds unmittelbares Werk lassen sich mich Winnicott (etwa 1965) und Kohut (etwa 1984) durchaus eigenständige psychoanaly tisch basierte psychobiografische Zugänge erkennen (vgl. hierzu auch Anderson 2003). Insbesondere Winnicotts (1965: 140-152) Konzept des wahren und des fal schen Selbst hat sich dabei als hilfreich erwiesen. In der sozialen Interaktion fühlen sich Menschen regelmäßig genötigt, den Erwartungen Dritter zu entsprechen. Werden dabei in allzu hohem Maße eigene Bedürfnisse ignoriert, kann der Ein druck entstehen, das eigentliche Selbst sei verloren gegangen und durch ein im Rahmen der Interaktion mit Dritten und die dabei aufoktroyierten Zwänge gene riertes falsches Selbst ersetzt worden ist. Die hieraus resultierende Suche nach dem wahren Selbst beeinflusst Denken und Handeln und kann somit politisch wirksam werden. Das gilt insbesondere, wenn Winnicotts (1971: 1-25; 65-71) Annahmen transitionaler Räume mitberücksichtigt werden, welche er aus der Vorstellung des transitionalen Objektes heraus entwickelt hat. Diesen Annahmen zufolge strebt jedes Individuum danach, die es umgebende Welt nach den dem Individuum in dessen Tiefen innewohnenden Bedürfnissen neu zu erschaffen. Die Suche nach dem wahren Selbst und die Schaffung der zu dessen Entfaltung optimalen Um weltbedingungen sind somit starke motivationale Triebkräfte politischen Entscheidens und Handelns. Durch psychobiografisches Arbeiten ist es somit möglich, zu erkunden, wie sich etwa im Laufe der Entwicklung eines im außen- und sicher heitspolitischen Kontext entscheidungstragenden Individuums die Dissonanz von wahrem und falschem Selbst ergeben und weiterentwickelt hat und welche Implika tionen die hierbei auftretenden transitionalen Bestrebungen haben. Auch Kohut (1984) rückt die Analyse des Selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Hierbei argumentiert er, dass sich das Selbst aus der Interaktion mit sogenannten 242 Selbstobjekten heraus entwickelt. Selbstobjekte sind hierbei die Personen, mit de nen das fragliche Individuum in Beziehung steht und die von erheblicher Bedeu tung für dieses sind. Dabei wird der signifikante Andere als Teil des Selbst perzipiert, wobei er zwischen drei unterschiedlichen Selbstobjekten differenziert: dem widerspiegelnden, dem idealisierten und dem Alter Ego. Das Bewusstsein des Selbst entsteht hierbei in der Spiegelung des Selbst durch den signifikanten Ande ren. Im Kindheitsalter ist der Versuch, die Bewunderung des signifikanten Anderen zu erlangen, um so die Bedürfnisse eines dann grandios ausgeprägten Selbst zu be friedigen, Teil der normalen Entwicklung. Im Laufe der Zeit führen die verschie denen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit signifikanten Anderen zu einer spezifischen Ausprägung des Selbst. Sofern diese das Selbst bestätigt und dabei gleichzeitig mit der Realität in ein rechtes Verhältnis zu setzen vermag, kommt es zur Ausprägung eines gesunden Selbst, das von einem angemessenen Maß an Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Ehrgeiz und positivem Lebensgefühl charakte risiert ist Kohut 1971: 105-199). Bleiben diese Erfahrungen aus, kommt es regel mäßig zu Persönlichkeitsstörungen. Auf der einen Seite bleibt ein Teil der infantilen Gefühle übertriebener Größe und Bedeutung bestehen, was zu einem Selbstbild der Überlegenheit und Höherwertigkeit gegenüber Dritten und damit einhergehend unangemessenen Erwartungen und einem entsprechenden Verhalten im Erwach senenalter führt, etwa in Form übertriebener bis hin zu maßlosen Ansprüchen mit Blick auf die eigene Person oder das, was dieser in beruflicher, materieller oder sonstiger Hinsicht zusteht. Zugleich weist die Persönlichkeit betroffener Personen eine zweite Seite auf, in welcher das an sich niedrige, da nie wirklich entwickelte Selbstbewusstsein der reifen Person zum Tragen kommt, was — speziell angesichts der genannten unmäßigen Erwartungshaltung — zu Niedergeschlagenheit, Schamund Minderwertigkeitsgefühlen und Hypochondrie führt (Kohut 1971: 185). Beide Aspekte sind in den betroffenen Individuen vorhanden und beeinflussen Entschei den und Handeln dieser Menschen. Im Bereich der psychobiografischen Analyse speziell von politischen Entscheidungsträgern lassen sich derartige Entwicklungen nicht selten als Manifestationen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen ausmachen, welche weiter unten noch ausführlicher hinsichtlich ihrer Beeinflussung des zwi schenstaatlichen Entscheidungsprozesses behandelt werden. Trotz nicht ausbleibender Kritik an psychohistorischen und psychobiografischen Ansätzen (Hoffmann 1984: 341; Stannard 1982; Eysenck 2005; Pomper 1973; Hunt 2002; Paul 1982; Godwin 1998) und tatsächlich bestehender Fehlentwicklungen des Faches (vgl. Kohut 1986), kam es insbesondere durch die sogenannte narrative Wende in der Psychologie (Laszlo, 2008) zu einem Bedeutungsgewinn der Psychobiografie und Personologie ab den 1980er Jahren, wobei ein wesentlicher Erfolgs faktor auch im Abrücken von der bis dahin starken Ausrichtung des Fachs an Freudianischen Annahmen war (Anderson 2003).38 Auch in anderer Hinsicht wur- Im Jahr 1988 veröffentlichte das Journal o f Personality ein Themenheft zur Psychobiografie, das unter anderem Beiträgen von McAdams, Elms, Anderson, Runyan, Irving Ale- 243 de die Beschränktheit früherer Ansätze überwunden: Erste Arbeiten untersuchten die inneren Motivationen von Künstlern anhand der Interpretation von Symbolen in derem Werk; erst allmählich wandten sich die Psychobiografen den zu analysiernden Personen selbst zu und mit der Aufgabe strenger freudianischer Prinzipien wurde auch der strikte Fokus auf die Kindheitserfahrungen zugunsten einer Lebenszeitbetrachtung aufgegeben oder zumindest relativiert. Das zeigt sich sowohl in modifizierten Ansätzen der Psychoanalyse selbst, als auch und gerade mit Blick auf Ansätze, die außerhalb der Psychoanalyse angesiedelt sind und sich zum Teil explizit und intendiert von dieser abgrenzen. Insbesondere die Anwendung klinischer Kriterien beziehungsweise einer klinischen Methodologie führte zu einem deutlich gestiegenen Maß an Vailidität und Reliabilität (Gronn 1993). Insbesondere sind mit der Professionalisierung der Psychobiografie viele der ehe mals mit diesem Bereich verbundenen Probleme wie die Tendenz zur Pathografie, die Monokausalität von Erklärungen und der Reduktionismus sowie die nur be dingte Bindung an ein breiteres Theoriespektrum innerhalb der Psychologie bezie hungsweise benachbarter relevanter Sozialwissenschaften zugunsten einer breiteren theoretischen Aufstellung, einer zwingenderen Argumentation, einem höheren Maß an Kohärenz und Konsistenz gewichen. So positiv die Hinwendung vom Objekt zu Person als Gegenstand der Analyse auch ist, so sehr stellte er die Psychobiografie auch vor die Herausforderung, die betrachteten Individuen gleichsam aus der Ferne zu analysieren. Anders als ein Psychiater oder Psychologe, welcher den Patienten oder die Patientin unmittelbar befragen kann, steht der Psychohistoriker vor dem Problem, dass die infrage ste hende Person entweder bereits verstorben ist oder aber für eine relevante Befra gung nicht zur Verfügung steht. Somit stellt sich die Frage, ob ein solches Vorge hen zielführend möglich ist und die erwarteten Ergebnisse auch liefern kann. Dabei ist interessant, dass sich auch aus Sicht der Psychiatrie die Herangehensweise des aktiven psychiatrischen Mediziners und eines psychologisch-analytisch (nicht psy choanalytisch!) arbeitenden Historiker letztlich nicht unterscheidet, sofern sich letz terer wie ersterer auch an auf naturwissenschaftlich-medizinischen Grundsätzen beruhenden Kriterien orientiert, wobei vier in der Psychiatrie anerkannte spezifi sche Erkenntnislinien als besonders relevant auch und gerade im Kontext einer se riösen psychobiografischen Analyse angesehen werden können. Hierbei handelt es sich um eindeutig diagnostizierbare Symptome, die zugrundeliegende genetische xander, Rae Carlson, David Winter und Richard Ochberg enthielt und später auch als Buch unter dem Titel Psychobiography and Life Narratives veröffentlicht wurde. 1997 fand erstmals ein Aufsatz zu Psychobiografie Eingang in das prestigeträchtige Handbook o f Personality Psychology der American Academic Press (Runyan 1997). 2007 wurde schlißlich ein Kapitel zur Methodik der Psychobiografie im ebenfalls renommierten Handbook o f Research Methods in Personality Psychology, das bei Guilford Press er schien, aufgenommen (Ems 2007). Zugleich erschien mit dem von William Todd Schultz (2005a) herausgegebenen Handbook o f Psychbiography erstmals ein eigenständiges Handbuch aus dem Bereich. 244 Disposition, den empirisch erkennbaren Krankheitsverlauf und die Form der Be handlung (Ghaemi 2011: 6-8). Es zeigt sich also, dass nicht notwendigerweise die Abhängigkeit von einem unmittelbaren Zugang zur infrage stehenden Person be stehen muss. Auch ist die Analyse nicht auf Individuen beschränkt, deren Kran kengeschichte vorliegt. Auch andere Menschen können analysiert werden, und auch dann, wenn hinsichtlich früher Entwicklungsphasen keine hinreichenden Daten vorliegen. In derartigen Fällen können Thesen auf Grundlage bestehenden Wissens erstellt werden, das auf Tausenden von Fallstudien basiert. Auf diese Weise werden sowohl in der historisch-biografischen als auch in der psychiatrisch-klinischen For schung mithilfe der Methode der sogenannten Spiralanalyse Fakten betreffend das spezifische Verhalten von Erwachsenen höchst wahrscheinlich zutreffenden Ent wicklungskonstrukten gegenübergestellt, die zu zusätzlichen Untersuchungs- bezie hungsweise Erklärungslinien der Persönlichkeitsdynamik des untersuchten Indivi duums führen (Marvick 1996: 944; vgl. ferner Marvick 1983: 22-25, Marvick 1986). Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass Psychobiografie einige Ähnlichkeiten mit qualitativen Forschungsansätzen wie fallstudienbasierter Textanalyse aufweist und somit ein hermeneutischer Zugang sinnvoll ist (Szokolkszky 2004). Zugleich gilt es zu beachten, dass im Rahmen einer psychobiografischen Analyse der Autor des Textes nicht als Funktion des Textes betrachtet wird, wie etwa in der klassi schen Diskursanalyse, sondern gleichsam als der „Text“ selbst, der unmittelbar psychologisch untersucht und interpretiert werden kann (Schultz 2005 b), sodass an dieser Stelle ein deutlicher Bezug zum grundsätzlichen Zugang des interpretativen Realismus über Sozialisation, Perzeption und Interpretation als Grundlage der Wirklichkeitsrekonstruktion und dem darauf basierenden Handeln hergestellt wird. Zugleich wird aber auch erkennbar, dass das Konzept der Persönlichkeit selbst noch näher zu bestimmen ist, um es als hinreichende Analysegröße nutzen zu kön nen. Insbesondere einige Konzepte der differenziellen Psychologie bieten sich in diesem Zusammenhang an. Mit Blick auf konkrete Auswirkungen auf zwischenstaatliches Handeln wurde der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und außenpolitischen Präfe renzen etwa bei Crichlow (2005) anhand zahlreicher Fallstudien untersucht, in de ren Rahmen die Außenminister Dean Rusk, Cyrus Vance, George Schultz, James Baker, Warren Christopher, Yitzhak Shamir, Francis Pym und Geoffrey Howe un tersucht wurden. Hierfür wurde durch Crichlow (2005: 188 ff.) eine Auswahl an Persönlichkeitsmerkmalen festgelegt, bei deren Selektion er sich einerseits an den quantitativen Inhaltsanalysen zur Bestimmung von Persönlichkeitsmerkmalen nach Hermann (1980, 1987 b) orientierte und andererseits auf ausgewählte Charakteristi ka der Operational Codes Analyse (Walker et al. 1998) zurückgriff. Unter den so gewonnenen Persönlichkeitsmerkmalen befinden sich neben Machtstreben und Misstrauen auch konzeptuelle Komplexität, Optimismus und Risikoorientierung. Trotz interessanter Ergebnisse scheint es doch geboten, einen noch systematische ren Zugang zur Definition und Operationalisierung von Persönlichkeitsmerkmalen 245 zu wählen, indem unmittelbar auf die Erkenntnisse der differenziellen Psychologie und dort wiederum auf die Persönlichkeitsforschung zurückgegriffen wird. Beim Blick auf die differenzielle Psychologie zeigt sich dabei allerdings schnell, dass das Konzept der Persönlichkeit ebenfalls nicht ohne weiteres zu erfassen ist und sich mindestens drei Persönlichkeitsaspekte ausmachen lassen, nämlich genetische Disposition, charakterliche Anpassungen und Prägung durch Lebensereignisse. Diese können wiederum nur durch Rückgriff auf unterschiedliche differenzialpsy chologische Zugänge analysiert werden. Neben klassischen (etwa Sigmund Freud) und modernen (etwa Erik Erikson) Ansätzen der Psychoanalyse beziehungsweise Ansätzen der analytischen Psychologie (auch Neoanalyse; etwa C. G. Jung) und der interpersonalen Dynamik (etwa Alfred Adler, Karen Horney, Erich Fromm, Harry S. Sullivan), welche als psychodynamische Ansätze gelten (vgl. Hall/Lindzey 1985), existieren noch Ansätze, die auf das Erfahrungsspektrum des Individuums ausge richtet sind (etwa die holistisch-humanistischen Ansätze von Maslow oder Rogers, die Existenzpsychologie von Binswanger und Boss, die Feldtheorie von Kurt Le win oder George Kellys Theory o f Personal Constructs), sowie solche, die auf dau erhafte Charaktereigenschaften fokussieren (etwa die Personologie nach Henry Murray, Gordon Allports Einzigartigkeitshypothese des Individuums oder die Fak toranalyse etwa nach Cattell oder Eysenck), und schließlich Lerntheorien der Per sönlichkeit (etwa Skinner, Miller/Donnard, Bandura mit ihren jeweiligen Ansätzen des Behaviorismus, der Reiz-Reaktions-Theorie und des sozialen Lernens). Im Kontext der psychobiografischen Analyse sind für eine an Entscheidungspro zessen und Handlungsanalysen orientierte Theoriefortbildung und Analyseschema entwicklung vor allem auch die Konzepte von Persönlichkeit und ihre prozessspe zifischen Implikationen von Relevanz. Solche lassen sich etwa durch die Auswer tung von renommierten Persönlichkeitsinventaren zusammenstellen. Besonders bedeutsam sind hierbei das Fünf-Faktoren-Modell (FFM), das Neo-FFI, das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP), das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FIP) und das Minnesota Multiphasic Personali ty Inventory (MMPI; vgl. Hathaway/McKinley 1943, 2000; Butcher 1996; Butcher/Graham 1990; Spreen 1963; Ben-Porath/Sherwood 1993; Tellegen et al. 2003; Angleitner 1997; Greene 2000; Graham 2005; Nichols 2001) zurückgegriffen. Hierbei stellt das FFM, das auch unter dem Namen Big 5 bekannt ist, den wohl bekanntesten Ansatz in diesem Zusammenhang dar und gilt nicht zuletzt auch in ternational als eines der Standardmodelle in der psychologischen Persönlichkeits forschung (John et al. 2008; vgl. ferner Allport/Odbert 1936; De Raad 1998; John et al. 2008; Saum-Aldehoff 2007). Es basiert auf dem lexikalischen Ansatz, mit dem bereits in den 1930er Jahren Gordon Allport, Louis Leon Thurstone und Henry Sebastian Odbert arbeiteten. Ausgehend von Listen mit mehr als 18.000 Begriffen wurden diese durch Faktorenanalyse auf 35 Variablencluster reduziert und schließ lich hin zu fünf überaus stabilen und unabhängigen Faktoren entwickelt, die zudem 246 ein relatives Maß an Kulturstabilität aufweisen (Asendorpf/Neyer 2012). Auf Grundlage des FFM wurde später das NEO-Fünffaktoren Inventar (NEO FFI) entwickelt (Borkenau/Ostendorf 1993). Anders als FFM und NEO FFI fokussiert das BIP auf berufsrelevante Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere Arbeitsverhal ten, soziale Kompetenzen und psychische Konstitution, welche anhand von 17 Skalen mit insgesamt 251 Items gemessen werden; ergänzend kann zudem mit dem zusätzlichen BIP-FI (Fremdbeschreibungsinventar) das Fremdbild einer Person erfasst werden, um so zu noch differenzierten Aussagen zur arbeitsspezifischen Ausprägung der Persönlichkeitsstruktur eines Individuums zu gelangen (Brähler et al. 2002; Heimann 1999; Hossiep/Paschen 2003; Marcus 2004). Das ebenfalls be rücksichtigte FPI setzt sich von den vorgenannten Inventaren durch eine explizite eigenschaftstheoretische Ausrichtung ab, und bezieht insbesondere solche Persön lichkeitsmerkmale eine, welche in der klinischen Psychologie von besonderer Rele vanz sind (Fahrenberg/Selg 1970; Fahrenberg/Hampel/Selg 2010). Sogar noch stärker an der klinischen Psychologie und Psychiatrie ausgerichtet ist das MMPI, das vor allem im Kontext von psychischen Störungsbildern eingesetzt wird und daher auch — anders als etwa das theoriebasierte FFM — auf eine Weise empirisch konstruiert wurde, bei welcher die Items aufgrund der gemessenen Antwortwahr scheinlichkeiten ausgewählter Patientengruppen zu entsprechenden Skalen zusam mengefasst wurden. Diese atheoretische, auf die klinische Diagnose hin ausgestalte te Konstruktion ermöglicht es somit, spezifische, empirisch abgrenzbare psychopathologische Syndrome unabhängig vom Wechsel der theoretischen Bezugssysteme zu erfassen. Wirft man einen Blick auf die einzelnen Aspekte, welche innerhalb der verschiede nen Persönlichkeitsinventare als persönlichkeitskonstituierend angesehen werden, so lassen sich etwa Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Sozialverträglichkeit (jeweils bei FFM und NEO FFI) aus machen. Beim sogenannten HEXACO-Inventar, einem der bedeutenden Alterna tivmodelle zum FFM tritt zu diesen Merkmalen noch der Aspekt Ehrlich keit/Bescheidenheit hinzu. Das BIP weist als relevante Persönlichkeitsfacetten Be rufsorientierung im Sinne von Leistungs-, Gestaltungs- und Führungsmotivation, Arbeitsverhalten (operationalisiert durch Gewissenhaftigkeit, Flexibilität und Hand lungsorientierung) und soziale Kompetenz verstanden als Sensitivität, Kontaktfä higkeit, Soziabilität, Teamorientierung und Durchsetzungsstärke, auf. Der FPI be rücksichtigt zur Charakterisierung der Persönlichkeit eines Individuums ebenfalls Aspekte wie soziale und Leistungsorientierung, aber ebenso Offenheit, Gehemmt heit, Extraversion, Emotionalität, Erregbarkeit, Aggressivität und nicht zuletzt ge sundheitsspezifische Aspekte wie Lebenszufriedenheit, Beanspruchung, körperliche Beschwerden und Gesundheitssorgen. Mit Blick auf die Bewertung von individuel lem Entscheidungsverhalten können die unterschiedlichen Ausprägungen einzelner Persönlichkeitsmerkmale hilfreiche Anhaltspunkte für Erklärungen liefern. So spie gelt der Faktor Neurotizität etwa individuelle Unterschiede im Erleben von negati ven Emotionen wider und indiziert emotionale Labilität oder Stabilität. Mit ausge 247 prägter emotionaler Labilität werden etwa ein überdurchschnittliches Angsterleben, Nervosität, Anspannung, Trauer, Unsicherheit oder Verlegenheit assoziiert. Zu gleich zeigt sich bei den betroffenen Personen eine Neigung zu unrealistischen Ideen und einen nur niedrig ausgeprägte Stress-Resilienz. Zudem treten bei diesem Personenkreis Reizbarkeit, Depression, soziale Befangenheit, Impulsivität und Ver letzlichkeit auf. Der Persönlichkeitsfaktor Extraversion verweist auf Aspekte wie Geselligkeit, Aufgeschlossenheit für Aktivität, Personenorientierung und die Fähig keit, Gespräche zu führen. In seiner inversen Ausprägung verweist der Faktor, dann Introversion genannt, auf Zurückhaltung oder Hemmung mit Blick auf sozia le Interaktionen, zugleich aber auf alleiniges und unabhängiges Entscheidungsver halten. Der Faktor Offenheit beschreibt das Interesse und das Ausmaß der Be schäftigung mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken. Individuen, die hohen Offenheitswerte aufweisen, haben ein intensives affektives Erleben und zei gen sich regelmäßig an privaten wie öffentlichen Vorgängen interessiert. Sie sind in der Regel wissbegierig, experimentierfreudig und künstlerisch interessiert, zudem intellektuell und nicht zuletzt fantasievoll. Vor diesem Hintergrund besteht eine erhöhte Bereitschaft, Normen kritisch zu hinterfragen und sich mit neuen Wertvor stellungen auf sozialer, politischer oder ethischer Ebene auseinanderzusetzen. Indi viduen, die niedrige Offenheitswerte aufweisen, zeichnen sich eher durch konven tionelles Verhalten und konservative Einstellungen aus. Somit bevorzugen sie Ver trautes gegenüber Neuem, was auch Präferenzen und darauf beruhende Entschei dungen beeinflusst. Der Persönlichkeitsfaktor Gewissenhaftigkeit verweist auf den Grad an Eigendisziplin, Selbstkontrolle, Ordentlichkeit, Pflichtbewusstsein, Leis tungsstreben, aber auch Genauigkeit, Besonnenheit und Zielstrebigkeit, der die in Frage stehende Person charakterisiert. Hohe Gewissenhaftigkeitswerte verweisen darauf, dass Individuen organisiert handeln, sorgfältig vorgehen. Sie zeichnen sich etwa durch Effizienz und Verantwortungsbewusstsein aus. Niedrige Werte verwei sen auf unsorgfältiges, ungenaues und teils planloses Verhalten. Ein weiterer wich tiger Persönlichkeitsaspekt ist die Verträglichkeit. Hohe Werte verweisen auf Altru ismus, Empathiefähigkeit und Kooperationsbereitschaft während niedrige Werte von Egozentrismus zeugen und auf argwöhnisches, wenig kooperatives und wider streitendes Verhalten verweisen. Fokussiert man zudem auf berufsbezogene Aspekte, was mit Blick auf die Analyse entscheidungstragender Individuen einen durchaus realistischen Analysekontext darstellt, dann verweisen etwa hohe Werte auf der Führungsmotivationsskala da rauf, dass diese andere Personen überzeugen und für ihre Auffassung gewinnen können, was zum Beispiel im Kontext von Gruppenentscheidungskontexten eine wichtige Rolle spielen kann. Auch eine hohe Skalenausprägung bei der Gestal tungsmotivation ist eine wichtige Analysegröße, da hierdurch charakterisierte Per sonen über einen starken Willen verfügen, gestaltend in Prozesse einzugreifen und dabei ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. Aber auch Persönlichkeitsmerkmale wie Handlungsorientierung sind von Bedeutung, beginnen doch Personen mit ho hen Werten in diesem Bereich regelmäßig unverzüglich mit der Umsetzung ihrer 248 Entscheidung, wobei sie sehr zielorientiert vorgehen und sich durch Ablenkungen und Schwierigkeiten bei der Arbeitsausführung nicht beeinträchtigen lassen. Da in der Regel keine Testbögen vorliegen, welche von den zu analysierenden Personen ausgefüllt wurden, besteht doch die Möglichkeit, sich bei der psychobiografischen Analyse an den bestehenden Skalen und Items und den hierzu gehörigen bestehen den Interpretationen zu orientieren. Wie bereits weiter oben dargelegt ist dabei eine Analyse gleichsam aus der Ferne ein im Rahmen der Psychobiografie bewährter und gleichermaßen reliabler wie valider Ansatz. Führungsstil In engem Zusammenhang mit der Persönlichkeitsstruktur steht der Führungsstil als entscheidungsbeeinflussende Größe. Aus psychobiografischer Perspektive heraus lassen sich vier Phasen der Entwicklung eines bestimmten Führungsstils ausma chen (Gronn 1993: 346-348). Zunächst entwickelt der Entscheidungsträger Grund züge seines Führungsstils. Dieser Prozess ist für den psychobiografisch arbeitenden Analysten nur retrospektiv zugänglich. Von höchster Relevanz sind bei diesem Prozess Familie, Schule und individuell wahrgenommene Vergleichsgruppen, durch welche die elterlich generierte Prägung entweder unterstützt wird, was zu einer starken Prägung in Richtung einer Weiterentwicklung von Sozialkapital führt, oder in Frage gestellt wird, was zu etwaigen Konflikten, gespaltenen Wertvorstellungen führen kann. Nach dieser grundlegenden Prägungsphase folgt eine Phase der Fort bildung von Führungseigenschaften, welche zumindest teilweise gezielt beeinflusst werden kann. Auf dem Höhepunkt ist eine ausgereifte Führungspersönlichkeit in der Lage, Autorität zu projizieren. Nicht selten gehen Wunsch und Fähigkeit zu Führen dabei Hand in Hand mit einem ausgeprägten Machtstreben. Die letzte Pha se ist gekennzeichnet von einem Abschied aus dem Führungskontext. Hierbei zeigt sich, dass die Persönlichkeitsentwicklung und damit zusammenhängend die Ent wicklung von Persönlichkeitsmerkmalen, welche sich schließlich auch im Füh rungsstil niederschlagen sowohl vom kulturellen als auch vom gesellschaftlichen Kontext mitbeeinflusst werden (Gronn 1993: 349). Die sich so herausbildenden Persönlichkeitsmerkmale wie auch der jeweils spezifische Führungsstil spielen eine maßgebliche Rolle bei der Erklärung des Zustandekommens zwischenstaatliche Entscheidungen, etwa weil sie die Dynamiken im Kontexten wie politischer Bera tung oder bürokratischer Administration auf eine spezifische Weise beeinflussen. Wie wichtig Führung in Gruppenkontexten dabei ist, ist spätestens seit den soge nannten Iowa-Studien aus den 1930er Jahren bekannt, wo sich zeigte, dass Grup pen, die gänzlich ohne Führung sind, in Bezug auf das Aufgabeninteresse, die Gruppenzugehörigkeit und die Zufriedenheit nur sehr schlechte Resultate erzielen und es innerhalb solcher Gruppen sogar zu aggressivem Verhalten zwischen den Gruppenmitgliedern kommen kann. Das Vorhandensein irgendeiner Führung ist 249 somit offenbar besser als das Fehlen jeglicher Führung.39 Im Rahmen dieser Arbeit stellt sich die Frage, welchen Einfluss der Führungsstil im Bereich zwischenstaatli cher Entscheidungsprozesse hat. Hierbei lassen sich mehrere Typologien unter scheiden (vgl. etwa Hentze et al. 2005; Lewin et al. 1939; Rahn 2015; Seidel et al. 1988; Wunderer 2009; zur praktischen Anwendung vgl. Crabb/Mulcahy 1986; Hermann/Preston 1994; Kowert 2002; Mitchell 2005a, b; Orbovich/Molnar 1992; Pika 1988; Preston 2001). George (1980; vgl. zudem George/George 1998; John son 1974) geht davon aus, dass sich politische Entscheidungsträger in Abhängigkeit von den sie charakterisierenden Persönlichkeitsmerkmalen auch entsprechend für einen bestimmten Führungsstil entscheiden. Führungsstile lassen sich dabei in Ty pologien einteilen. Eine der bekanntesten Typologien ist diejenige der sogenannten drei klassischen Führungsstile, die der als Begründer der modernen Sozialpsycholo gie geltende Kurt Lewin auf Grundlage von im Rahmen empirischer Untersuchun gen gewonnenen Ergebnissen entwickelt hat. Hierbei unterscheidet er zwischen einem autoritären, einem kooperativen und einem Laisser-faire Führungsstil. Der autoritäre Führungsstil ist von einer strikten Trennung zwischen Entschei dungsträger und Untergebenen gekennzeichnet. George (1983) charakterisiert einen ähnlich beschriebenen Führungsstil als formalistisch; dieser ist dadurch gekenn zeichnet, dass der Entscheidungsträger nicht nur die Letztendscheidungskompe tenz innehaben möchte, sondern zudem auch die Diskurshoheit nicht aus der Hand geben will. Zu diesem Zweck schafft er ein Beratersystem, das klar ausge prägte Hierarchien aufweist und einem strikten Prozedere folgt. Die Kanäle des Kommunikationsflusses beziehungsweise der Informationsweitergabe sind klar strukturiert, die Berater fungieren auf unterschiedlichen, klar festgelegten Ebenen beziehungsweise innerhalb ebensolcher Bereiche. Eine Aushandlung von Entschei dungsoptionen ist dezidiert nicht vorgesehen, vielmehr werden Handlungsalternati ven auf unteren Ebenen entwickelt, auf höherer Ebene begutachtet und bewertet und die verbleibenden und gegebenenfalls modifizierten Alternativen dem Ent scheidungsträger zur Entscheidung vorgelegt. Die dem Entscheidungsträger unter stellten Mitarbeiter und Institutionen erfüllen primär den Zweck, die Entscheidun gen umzusetzen, nicht jedoch, an der Entwicklung möglicher Entscheidungsalter nativen gestaltend mitzuwirken. Zwar lassen sich durchaus Vorteile dieses Füh rungsstils erkennen, so etwa eine klare Zuordenbarkeit von Verantwortlichkeiten. Die hierarchische Struktur führt somit zu einer Vorsortierung und Vorstrukturie rung der für den Entscheidungsprozess relevanten Informationen, zugleich aber kommt es hierdurch zu möglichen Verzerrungen der Information bis diese schließ lich den Entscheidungsträger erreicht. Insgesamt ist der Ansatz darauf angelegt, offene Konflikte im Beratungsprozess sowie ein Bargaining zwischen den Beratern zu vermeiden (Johnson 1974: 3-5; George 1980 150-157). Allerdings führt diese Einbahnstraßen-Struktur aber auch zu einem distanzierten Verhältnis und hat etwa zur Folge, dass kritische Gedanken zur Entscheidung nicht oder allenfalls sehr be AufInternetseite http://www.ibim.de/management/3-2.htm, Zugriff vom 8.12.2015. 250 dingt geäußert werden (können). Diese Distanzierung ist somit nicht nur struktu rell, sondern auch psychologisch. Mitarbeiter werden demotiviert und sehen letzt lich keine Notwendigkeit mehr, sich die Mühe eigene Gedanken zu machen oder gar selbst in itiatv zu werden, da eine Belohnung nicht zu erwarten ist und man stattdessen (nur) Gefahr läuft, Nachteile zu erleiden. Als problematisch erweist sich der autoritäre Führungsstil vor allem dann, wenn der Entscheidungsträger nicht (mehr) in der Lage ist, die Vielzahl an wichtigen Entscheidungen alleine zu tragen, etwa aufgrund individueller psychischer Probleme, ein durchaus nicht zu vernach lässigendes Problem, oder weil er schlichtweg etwa mit Blick auf die zur Verfügung stehenden zeitlichen Ressourcen damit überfordert ist, letztlich jede Entscheidung selbst treffen zu müssen. Im schlimmsten Fall trifft somit im Kontext des autorita tiven Führungsstils ein unter Kontrollzwang leidender Entscheidungsträger, wel cher zusehends unter Überforderung leidet, mit einem Mitarbeiterstab zusammen, dem aberzogen wurde, problemlösend und entscheidungs- beziehungsweise zielori entiert zu arbeiten, wesentliche zwischenstaatliche Entscheidungen. Diese über mächtige Rolle des Entscheidungsträgers kann insbesondere bei einem tatsächli chen oder de-facto Ausfall des Entscheidungsträgers zumindest kurzfristig fatale Folgen haben. Hinsichtlich der Bedeutung für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens gilt es im Kontext autoritärer Führungsstile vor allem auf die Führungs persönlichkeit abzustellen und aufzuzeigen, wie sich welche Persönlichkeitseigen schaften und die diesen jeweils zugrundeliegenden Sozialisationseffekte hinsichtlich der Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der entscheidungserheblichen Situationen auswirkt. Das gilt letztlich auch für Fälle, in denen ein kooperativer Führungsstil diagnosti ziert wird. Hierbei jedoch reicht der Blick auf den Entscheidungsträger allein nicht aus. Vielmehr muss zudem die Struktur und die diese ausmachenden Akteure mit berücksichtigt werden. Hierdurch können gruppendynamische Effekte, zwischen bürokratische Rivalitäten und Effekte anderer, ebenfalls entscheidungsbeeinflus sender Individuen, etwa besonders charismatischer außen- und sicherheitspoliti scher Berater, synchron erfasst und in die Analyse miteinbezogen werden. Dies ist insofern erforderlich, da die Mitarbeiter unter einem kooperativen Führungsstil — in unterschiedlichem Grad — in den Entscheidungsprozess eingebunden sind. Indem hierdurch etwa Fremdkontrolle zumindest teilweise durch Eigenkontrollmechanismen ersetzt wird, entwickelt sich auch innerhalb des Mitarbeiterstabes ein größeres Verständnis für entscheidungsrelevante Zusammenhänge. Dieses erhöhte Maß an Kompetenz und Delegation führt zu einer Entlastung des Entscheidungsträgers, der sich intensiver mit den Vorarbeiten der Mitarbeiter befassen kann, ohne von diesen Arbeiten selbst „aufgefressen“ zu werden. Das bietet Möglichkeiten, weil die Zahl der Entscheidungsalternativen zunimmt, zugleich besteht aber die Gefahr, dass in den Entscheidungsprozess auch Aspekte einfließen, deren Motivation von anderen Ursachen herrührt als denen der unmittelbaren Problemlage, um deren Lösung es geht. Individuelle Motive, Gruppendynamiken oder Ressortegoismen können auf diese Weise Einfluss auf zwischenstaatliche Entscheidungen erhalten. 251 Auch diese gilt es aber zu berücksichtigen, wenn eine zwischenstaatliche Entschei dung adäquat analysiert werden soll. Zwar ist dieser Führungsstil darauf ausgerich tet, sowohl die informationellen Verzerrungen als auch die Engstirnigkeit und Ein seitigkeit zu vermeiden, welche ein allzu intensives gegenseitiges Konkurrieren der Berater mit sich bringt. Auch werden unterschiedliche Kanäle genutzt und ein of fenes Diskussionsklima geschaffen, wobei offene Konflikte tunlichst vermieden werden sollen. Hierbei besteht allerdings die Gefahr, dass der Teamwork-Gedanke sich hin zu einem geschlossenen System gegenseitiger Unterstützung entwickelt (Johnson 1974: 238; George 1980: 165), was sich wiederum negativ auf eine mög lichst objektive Beratung auswirken kann, weil es zwischen den Beratern zu Ab sprachen kommt, welche eher im Sinne der ihnen vertretenen Institutionen liegen als im Interesse des Entscheidungsträgers beziehungsweise der Sache selbst. Zu gleich kann es vorkommen, dass dem Entscheidungsträger zwar ein Konsens hin sichtlich einer zu wählenden Strategie präsentiert wird, dem Entscheidungsträger aber nicht bekannt ist, wie dieser Konsens zustande kam, d.h. welche Kompromis se geschlossen wurden, die eher als Bargaining zwischen Beratern und/oder Ministerialbürokratien zu verstehen sind, als die Suche nach der optimalen Strategie zur Wahrung des nationalen Sicherheitsinteresses in der fraglichen Situation (George 1980: 122-132). Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang ist es möglich, dass die Berater zwar wissen, dass eine spezifische Option die sinnvollste wäre, weil diese aber unpopulär ist, schlägt keiner der Berater sie vor, um den eigenen Ruf beim Entscheidungsträger nicht zu gefährden Der Grad der Entscheidungsautonomie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des endgültigen Entscheidungsträgers erreicht im sogenannten Laisser-Faire Führungs stil seinen Höhepunkt. Zugleich zeigt sich die Problematik mangelnder Führung, da — auch ohne bewusst einen Entscheidungsprozess zur Erreichung partikularer Inte ressen beeinflussen zu wollen — nicht jeder Mitarbeiter oder jede Handlungseinheit mit einem nahezu unbegrenzten Maß an Freiheit im Entscheidungsprozess umge hen kann. Ein weiteres Problem ist die zumindest potenzielle Gefahr eines gleich sam ungeregelten Informationsflusses, was die Entscheidungsbasis nicht nur anfäl lig für Manipulationen, sondern in noch allgemeinerem Maße für Beliebigkeit oder gar Willkür macht. Zudem kann dieser Führungsstil eine kompetitive Ausprägung erfahren. Hierbei geht es darum, die Unterschiedlichkeit der beteiligten Akteure und deren Wettbewerb etwa im bürokratisch-institutionellen Gefüge auszunutzen. Dabei kann sogar eine ganz gezielte Konfrontation unterschiedlicher Berater zum Mittel der Wahl werden, um durch den erzeugten kompetitiven Diskurs eine mög lichst hohe Zahl an Entscheidungsalternativen hervorzubringen. Diese unterschied lichen Mechanismen gilt es, bei der Analyse des unmittelbaren Umfeldes des Ent scheidungsträgers zu berücksichtigen und letztlich in die Erklärung einer spezifi schen zwischenstaatlichen Handlung einzubeziehen. Insgesamt stellt der Führungs stil somit eine wichtige Komponente im zwischenstaatlich relevanten Entschei dungsprozess dar, weil hiervon etwa die Art und Weise, wie sich der politische Ent scheidungsträger in den Prozess einbringt, ebenso beeinflusst wird wie die Fragen, 252 wer überhaupt in den Entscheidungsprozess einbezogen wird, welche Informatio nen wie zum Tragen kommen und auf welche Weise entstehende Problemlagen angegangen werden (vgl. hierzu auch Mitchell 2010: 631). Bei der Analyse ist ferner zu beachten, dass sich in der empirischen Praxis häufig Mischformen antreffen lassen. So zeigten sich etwa unter der Regierung von US- Präsident Dwight D. Eisenhower sowohl Elemente eines formalistischen als auch eines kompetitiven Stils in der Organisation seiner Berater, wobei das formalisti sche Modell dominierte und es Eisenhower sehr geschickt Verstand, spezifische Aspekte des Wettbewerbs unter den Beratern zu nutzen. Dieser Ansatz wird be sonders deutlich im Kontext der französischen Krise in Indochina als es um den erwarteten Fall von DienBienPhu ging. Aufgrund der Schwächung der französi schen Position in Indochina in den Jahren 1952 und 1953 war absehbar geworden, dass der Kommunismus in einer Phase, wo die USA gerade dabei waren, ihr Enga gement in Korea zu deintensivieren, einen weiteren Sieg erringen würde. Vor die sem Hintergrund stellte sich für Eisenhower die Frage, ob die USA in das Macht vakuum eintreten sollten, das nach der absehbaren Niederlage Frankreichs in Indo china zwangsläufig entstehen würde. Diese Frage wurde besonders akut, nachdem Frankreich im Jahre 1965 mehrfach um eine direkte Militärintervention seitens der USA gebeten hatte. In dieser Situation zeigten sich die diversen Berater Eisenhowers uneins hinsichtlich einer möglichen amerikanischen Intervention. Insbesondere trafen die Sichtweisen der Berater, die primär vom Geist des Antikommunismus geleitet waren, auf jene, welche vor allem anti-kolonialistisch eingestellt waren (Kalicki 1975: 91-120). In dieser Situation trat der hybride Strukturansatz bei Eisenhowers Beratungsfüh rung besonders deutlich zu Tage. Eisenhower stand unbestritten an der Spitze einer klar strukturierten, hierarchisch organisierten Gruppe, die zur Entscheidungsfin dung beitragen sollte, und übernahm selbst die Verantwortung für die endgültige Entscheidung (anders als bei einem kollegialen Führungsstil wo die endgültige Ent scheidung geteilt wird). Dieser Stil kann als das Ergebnis seiner militärischen Prä gung und Erfahrung gewertet werden (Hess 1988: 63). Bereits von Beginn an machte Eisenhower stets seine Präferenzen deutlich, so auch im Falle von Indochi na, wo er darlegte, dass er keine Intervention wolle. Diese Überzeugung setzte er jedoch nicht unreflektiert um, sondern nahm die Expertise, die durch den bürokra tischen Apparat entwickelt wurde, durchaus ernst. An dieser Stelle zeigen sich dann auch die kompetitiven Elemente in Eisenhowers Ansatz: Er ermöglichte nicht nur, sondern erbat die offene Diskussion seiner Berater, und zwar auch nachdem er sei ne Präferenzen klargelegt hatte (Kalicki 1975: 91-120; Gelb/Betts 1979: 50-63). Al lerdings war Eisenhower auch ein starker Präsident, der selbst über viel Erfahrung und Expertise im Bereich von Sicherheit und Krisenmanagement verfügte und sich somit zwar gerne Ratschläge anhörte aber dennoch in seinen eigenen Überzeugun gen nicht leicht zu erschüttern war. 253 Es zeigt sich also, dass je mehr ein Entscheidungsträger eigene kognitive Anstren gungen unternimmt, sich mit den vielfältigen Aspekten eines spezifischen außenund sicherheitspolitischen Sachverhalts oder einer entsprechenden Herausforde rung, die nach einer Entscheidung verlangt, auseinanderzusetzen, desto weniger kann er mit (allzu) einseitigen Vorschlägen beeindruckt werden, insbesondere wenn diese aufgrund einer Wettbewerbssituation unter Beratern signifikant verzerrt sind. Andererseits hat sich ebenfalls gezeigt, dass wenn ein Entscheidungsträger nicht über die notwendige Expertise verfügt, entweder zu einem bestimmten Sachverhalt oder gar grundsätzlich in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik, dann ist die Wahrscheinlichkeit, von Beratern beeinflusst zu werden, umso größer. Das gilt ins besondere dann, wenn der Entscheidungsträger zudem über einen eher intuitiven denn analytischen Stil verfügt und/oder der Sachverhalt selbst vielleicht auch noch eine eher geringe strategische Bedeutung aufweist Dann nämlich können vor allem die auf persönlicher Ebene mit dem Entscheidungsträger verbundenen Berater sehr viel leichter psychologische Instrumente der Überzeugung zur Anwendung bringen, welche auf Kernüberzeugungen und Emotionen ausgerichtet sind, und somit auch und gerade die technokratischeren Hinweise der Ministerialbürokratie in ihrem po tenziellen Einfluss entwerten. Für die Analyse ist somit stets zu beachten, welchen kognitiven Stil der Entscheidungsträger aufweist, wie genau seine Beratergruppe organisiert ist und aus welcher Art von Beratern diese besteht. Hierbei ist auch und gerade der historische wie strukturelle Kontext zu berücksichtigen. Im Falle Eisenhowers hatten es seine Berater mit einem starken und kundigen Ent scheidungsträger zu tun. Die oben geschilderten Gefahren einer kompetitiven Or ganisation der Berater wurden dadurch relativiert. Vielmehr griff Eisenhower aktiv in die Diskussionen der Berater ein und taktierte bei Bedarf auf eine Weise gegen jene Berater, die Vorschläge verfolgten, die Eisenhowers Überzeugungen zuwider liefen, sodass diese sich bald in einer isolierten Position befanden (Randle 1969; Haney 1992: 84f.). Eisenhower ging aber noch weiter. Aufgrund seiner wachsenden Unzufriedenheit mit den Vorschlägen seiner ständigen Berater richtete Eisenhower eine zusätzliche Gruppe von Beratern, die sogenannte Smith-Group ein, die eigen ständig („self-contained“; Eisenhower in Burke/Greenstein 1989: 37) Lösungsan sätze für das Indochina-Problem erarbeiten sollte (87). Auf diese Weise gelang es Eisenhower, eine gute und auch bei unklarer beziehungsweise widersprüchlicher Informationslage eine differenzierte und effiziente Beratungsleistung zu generieren, die nicht von den sonst in kompetitiven Umfeldern üblichen Verzerrungen ge kennzeichnet war und schließlich dazu führte, dass die USA sich im Kontext von DienBienPhu aus Indochina heraushielten (Haney 1992: 115-120). Präsident John son wollte sich prinzipiell an diesem sehr erfolgreichen Ansatz der Beraterstruktur orientieren. Allerdings übernahm er letztlich nur den formalistischen Teil des Mo dells mit seinen klar zugewiesenen Zuständigkeiten, bei dem der Präsident nicht nur zentral an der Spitze stand, sondern den Entscheidungsfindungsprozess auch aktiv zu gestalten beabsichtigte. Da vor allem der Nationale Sicherheitsrat Johnson als Beratungsgremium zu groß und ihm vor allem seine Experten nach den 254 schlechten Erfahrungen mit diesen im Kontext der gescheiterten Schweinebuchtin vasion nicht vertrauenswürdig erschienen (Austin 1971: 32; Halberstam 1972; Prados 1991), schuf auch Johnson eine kleiner Beraterspitze, die sogar über noch we niger Mitglieder verfügte als diejenige bei Eisenhower. So gehörten zum als Tuesday Lunch Gruppe bekannt gewordenen Kreis unter Johnson nur Mc George Bundy, sein Sonderberater für Fragen der Nationalen Sicherheit, Außenminister Dean Rusk und Verteidigungsminister Robert McNamara, ferner bei Bedarf der Vorsitzende der Joint Chiefs o f Staff Earl Wheeler sowie gegebenenfalls CIA- Direktor John McCone. Als noch wesentlicherer Unterschied jedoch ist zu bemer ken, dass Johnson eine kollegiale Struktur anstatt der bei Eisenhower vorherr schenden kompetitiven Variante wählte, um das formalistische Grundmodell zu ergänzen. Dieser Ansatz sollte sich jedoch nicht auszahlen. Zwar konnte Johnson aufgrund seines — trotz der grundsätzlich formalistischen Struktur — nicht restrikti ven Führungsstils gegenüber den Beratern im kleinen, kollegial geführten Zirkel die, wie oben detailliert geschildert, beim kollegialen Ansatz bestehende Gefahr vermeiden, dass die Berater zwar wissen, dass eine spezifische Handlungsalternative die sinnvollste wäre, diese aber nicht empfohlen wird, da sie beim Entscheidungs träger mutmaßlich unpopulär ist, und jeder einzelne Berater den eigenen Ruf beim Entscheidungsträger nicht gefährden möchte. Allerdings gelang es Johnson nicht, das Problem, bei dem der Teamwork-Gedanke allmählich zu einem geschlossenen System der Selbstreferenzialität und gegenseitiger Unterstützung degeneriert, zu überwinden, was sich, wie ebenfalls oben dargelegt, negativ auf eine objektive Bera tung auswirken kann. Speziell dieser Aspekt kann die deutlich schlechtere Leistung der Johnson-Berater im Vergleich zu denen bei Eisenhower erklären. Das trifft ins besondere auf die Ausarbeitung alternativer außen- und sicherheitspolitischer Stra tegien zu (Goulden 1969: 135; Gravel 1971; Haney 1992: 123). Als besonders gra vierend sollte sich allerdings erweisen, dass aufgrund der kollegialen Struktur auf oberster Beraterebene einerseits Informationen und Erkenntnisse, die ambivalent waren oder nicht in das Konzept passten, ignoriert wurden und andererseits eine selektive Suche nach Argumenten erkennbar war, welche die bereits bestehenden eigenen Annahmen und Argumente der Berater unterstützten (Austin 1971: 300, 343; Haney 1992: 124). Dies führte nicht nur zu erheblichen Verzerrungen in Ent scheidungsfindungsprozessen, sondern ebenfalls zu einer wiederholt fehlerhaften Abschätzung von Kosten, Risiken und Implikationen (Haney 1992: 124). Ähnliche Verzerrungen lassen sich auch im Beratungsumfeld von US-Präsident Richard Nixon feststellen, obwohl Nixon sich nicht zu Gunsten einer kollegialen Ergänzung seines formalistischen Modells entschied. Allerdings lässt sich im außenund sicherheitspolitisch relevanten Beratersystem Nixons eine Monostruktur er kennen, welche ihrerseits zu Verzerrungen führte. Wie oben dargelegt ist der Ein fluss eines Beraters umso größer je bedeutsamer dieser ist. Im Falle Nixons fungier te dessen Außenminister Henry Kissinger, der selbst als bedeutender Wissenschaft ler langjährige Erfahrung im Bereich der Analyse der Internationalen Beziehungen vor allem aus historischer Perspektive aufzuweisen hatte, als der zentrale außen- 255 und sicherheitspolitische Berater. Dabei füllte Kissinger sein Amt so dominant aus, dass der in außen- und sicherheitspolitischer Expertise weit unterlegene Nixon ihm in weiten Teilen die Entscheidungsfindung übertrug (Evans/Novak 1971: 260-265; Kissinger 1979: 603-625). Das deckt sich im Prinzip mit der oben aufgeführten Er kenntnis, der zufolge bei der Beratung des Entscheidungsträgers durch wichtigere Berater ein weniger kritischer Umgang mit dessen Informationen und Ratschlägen durch den Entscheidungsträger an den Tag gelegt und nicht selten sogar auf das Einholen weiterer Ratschläge durch dritte Berater gänzlich verzichtet wird. Im Verhältnis zwischen Nixon und Kissinger wurde diese Dynamik maximiert. Das Zustandekommen außenpolitischer Entscheidungen lässt sich — wenn man an die ser Stelle lediglich den Fokus auf den Aspekt der politischen Beratung rückt, wobei klar sein muss, dass dies im Sinne des hier angestrebten Modells keinesfalls ausrei chen würde, das Verhalten umfassend zu erklären — somit (auch!) damit erklären, dass Kissinger weitgehend freie Hand hatte und Nixon ihm gleichsam unhinterfragt folgte. Insofern ist die Prägung und Erfahrung Kissingers, mit anderen Worten sein Mind Frame und seine Core Beliefs, einer der ausschlaggebenden Faktoren, die bei der Analyse keinesfalls vernachlässigt werden dürfen. Im Gegenteil zeigt sich näm lich etwa bei der Betrachtung der Krise, die der Jordanische Bürgerkrieg im Jahre 1970 ausgelöst hatte, ebenso wie im Angesicht des Yom-Kippur-Krieges 1973, dass Kissinger und seine Expertengruppe, die Washington Special Actions Group, sehr erfolgreich in der analysebasierten Definition der amerikanischen Interessen waren (Haney 1992: 130). Zugleich aber machte sich bei der Bewertung der empirischen Entwicklungen und der darauf basierenden Ausarbeitung konkreter Handlungsstra tegien ein extrem einseitiger Bias bemerkbar, der sich auch zwischen 1970 und 1973 als konstant erwies, sodass deutlich wird, dass kein politischer Lernprozess stattgefunden hat. Insgesamt wurden neue Informationen nicht oder nur sehr zö gerlich und hoch selektiv wahrgenommen und in die Politikgestaltungsentwürfe integriert (Quandt 1977: 168 ff.; Ambrose 1991). Der Umgang mit Ägypten im Yom-Kippur-Krieg vermag dieses Problem zu illustrieren: So konnten sich die Be rater keinen Reim auf das ägyptische Verhalten machen als Ägypten nicht willens war einen frühen Waffenstillstand zu akzeptieren. Nixons Beraterstab unter Kissin ger war vielmehr davon ausgegangen, dass Ägypten den Krieg schnell verlieren würde und somit einen umgehenden Waffenstillstand einfach akzeptieren müsse. Doch als Ägypten dabei war, den Krieg zu gewinnen, vermochte es die Berater gruppe nicht, sich in angemessener Zeit von den alten Mindframes zu lösen und sich auf die neue Situation einzustellen, um auf der neuen Bewertungsgrundlage adäquate Handlungsalternativen vorzulegen (Quandt 1977: 165-206; Dowty 1984: 303-319; Haney 1992: 135). Dementsprechende systematische Verzerrungen gab es auch bei der Ausarbeitung grundsätzlicher Strategien; so wurden insbesondere et waige direkte Gespräche mit der Sowjetunion oder Syrien erst gar nicht ins Kalkül gezogen, ebenso gilt dies für eine Einbeziehung der Vereinten Nationen (Dowty 1978: 176 ff., 182, 195). Darüber hinaus wurden auch diplomatische Lösungen nicht als Option diskutiert; stattdessen standen dem spezifischen realistischen 256 Denkmodell Kissingers folgend nur militärische Alternativen zur Disposition (Dowty 1978: 186; 1984: 182-195). Eine wesentliche Erklärung für den durchgängig erkennbaren verengten Analysefokus ist nicht zuletzt in der Wahrnehmung der USA als Weltmacht zu sehen, der zufolge auch alle Herausforderungen, denen sich die Vereinigten Staaten ausgesetzt sahen, einzig und allein aus diesem Blickwinkel heraus verstanden und angegangen werden dürften. Somit wurden sämtliche Be wertungen ausschließlich mit dem Fokus der Weltmacht und globalen Rivalität zwi schen den USA und der Sowjetunion vorgenommen und dann auf dieser Grundla ge Handlungsalternativen erarbeitet. Eine Berücksichtigung der regionalen Ebene, wie sei seinerzeit gerade im Nahen Osten dringend erforderlich gewesen wäre, wurde indes gänzlich vernachlässigt, was das zumindest teilweise Scheitern der Poli tik Nixons in der Region zumindest teilweise erklärt (Quandt 1977: 123-127; 1978: 285-288). Störungen derPersönlichkeit Während ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und Sozialisationserfah rung, die im Rahmen einer psychobiografischen Analyse auch mit Blick auf ihre jeweiligen Implikationen, analysiert werden kann, die Persönlichkeit des Individu ums entsteht und etwa in einem spezifischen Führungsstil erkennbar wird, der sei nerseits zwischenstaatliche Entscheidungsprozesse auf bestimmte Weise beein flusst, darf nicht übersehen werden, dass Störungen der Persönlichkeit etwa in Form von psychischen Erkrankungen ebenfalls Wirkung auf Prozess und Ergebnis zwischenstaatlicher Entscheidungen haben können. Daher ist es erforderlich, auch diesen Aspekt bei der Analyse als Teil der individuellen Psychobiografie einzube ziehen. Die Auseinandersetzung mit der psychischen Erkrankung bedeutender poli tischer Entscheidungsträger ist dabei nicht neu. Allerdings der systematische Zu griff auf dieses Phänomen erst ein Konstrukt jüngerer Forschung ist. Ein wichtiger Ansatz in diesem Zusammengang ist die sogenannte Pathografie, unter der eine historische Biografie verstanden wird, welche aus einer medizinischen, psychologi schen und psychiatrischen Perspektive heraus verfasst wird. Im Rahmen einer Pa thografie sollen das biologische Erbe, die individuelle Entwicklung, die Persönlich keit, die Lebensgeschichte sowie psychische und physische Pathologien betrachtet werden, wobei auch der soziokulturelle Kontext Berücksichtigung finden soll, um so die Auswirkung jener Aspekte auf Entscheidungsprozesse zu erklären (Schioldann 2003: 303). Allerdings zeigt sich auch hier die Dominanz klassischer Konzepte der Psychoana lyse (Kovary 2011: 747), die es, wie weiter oben geschildert, zu überwinden gilt. Statt sich auf teils fragwürdige Weise allein den Kindheitserlebnissen zu widmen, ist die Analyse von Symptomen, genetischer Disposition, der Krankheitsgeschichte und nicht zuletzt der Art der Behandlung sehr viel aufschlussreicher, wenn es da rum geht, herauszufinden, von welchen mentalen Problemen ein Entscheidungs 257 träger betroffen war und wie sich diese auf den Entscheidungsprozess ausgewirkt haben. Hierbei ist die Betrachtung der Symptome der erste Schritt. Allerdings gilt es, hier Vorsicht walten zu lassen, da die Analyse keinesfalls darauf reduziert wer den darf. Aus der (vielleicht nur scheinbar) erkennbaren Traurigkeit eines Führers gleich auf das Vorliegen einer Depression zu schließen, ist nicht möglich. Derartige, durchaus wiederholt erkennbare Erklärungsversuche sind als unseriös und unhalt bar zu werten und haben nicht unmaßgeblich zum teils problematischen Ansehen der psychobiografischen Methode (im Allgemeinen wie speziell in ihrer pathografischen Ausprägung) geführt. Daher ist die Einbeziehung der weiteren oben genann ten Faktoren unabdingbar. Der Blick auf die genetische Disposition etwa kann Anhaltspunkte auf das Vorlie gen bestimmter Krankheitsbilder liefern, da häufig eine Veranlagung für bestimmte Erkrankungen innerhalb der Verwandtschaft erkennbar ist. So ist etwa die bipolare Persönlichkeitsstörung zu etwa 85 % genetisch bedingt. Falls möglich sollten im Rahmen einer Analyse auch Daten über Verwandte erhoben werden. Andererseits müssen jedoch auch hier Einschränkungen bei der Aussagekraft dieses Parameters gemacht werden: So sind etwa die Hälfte aller diagnostizierten depressiven Erkran kungen primär sozial bedingt. Der Blick auf genetische Prädispositionen kann so mit hilfreich sein, reicht allein aber nicht aus. Daher sollte auch die jeweilige Kran kengeschichte des Entscheidungsträgers mit in die Analyse einbezogen werden. Auch wenn dieser Ansatz in der Praxis nicht zuletzt aufgrund des hohen Aufwan des, der mit ihm verbunden ist, da ja letztlich die gesamte Lebensgeschichte in die Analyse einbezogen werden muss, am wenigsten geschätzt wird, ist die Berücksich tigung der Pathogenese mit am aufschlussreichsten. Denn nur so lassen sich Krankheitsbilder richtig erfassen, welche, wie etwa die bipolare Störung, zumeist schon im frühen Lebensalter beginnen und durch ein episodenhaftes Auftreten charakterisiert sind. Ohne die Analyse des Krankheitsverlaufs ist es kaum möglich, die spezifischen Muster des Verlaufs bestimmter Erkrankungen über die Lebens spanne hinweg auszumachen. Flankierend kann zudem ein Blick auf die Behand lung, die einem Entscheidungsträger zu Teil wurde, einen Erkenntnisgewinn mit sich bringen, wobei zu beachten ist, dass dieser Ansatz in der Regel am wenigsten Aussagekraft aufweist, da nicht selten trotz einer vorliegenden Krankheit keine Be handlung durchgeführt wird. Dass das hier skizzierte Vorgehen nicht nur sinnvoll, sondern auch auf seriöse Weise möglich ist, wurde ebenfalls von Ghaemi (2011: 8) dargelegt: So zeigt er auf, dass die Methode von Psychiater und Historiker einander durchaus entsprechen. In beiden Disziplinen spielt die Verwendung von Fallanaly sen eine zentrale Rolle. Mit deren Hilfe ist eine Bewertung der Vergangenheit eines Individuums basierend auf eigenen Aussagen sowie Aussagen Dritter möglich. Ein wichtiger Unterschied kann darin gesehen werden, dass der Psychiater unmittelbar auf die Aussagen lebender Personen zugreifen kann, wohingegen dem retrospektiv arbeitenden Sozialwissenschaftler lediglich die dokumentierten Aussagen verstor bener oder zumindest nicht persönlich verfügbarer Personen zur Verfügung ste hen. Dieser Umstand ist allerdings nur bedingt problematisch, wenn man sich das 258 generelle Problem des Selbstberichts vor Augen hält, dem auch und gerade der Psychiater im unmittelbaren Kontakt mit der Patientin oder dem Patienten ausge setzt ist. Dieses Problem besteht darin, dass manche Krankheitsbilder Verdrängung als Symptom aufweisen und somit jegliche Selbstbeschreibung per se kritisch zu bewerten ist. Somit sind auch und gerade die Aussagen Dritter sowohl für den Psy chiater als auch den Historiker von hohem Wert, wenn nicht mitunter gar wertvol ler (Ghaemi 2011: 8 f.). Die Anwendung eines wissenschaftlich fundierten Zuganges ist umso bedeutender, wenn man sich vor Augen führt, wie groß die Prävalenz psychischer und psycho somatischer Erkrankungen unter hochrangigen Politikern ist, wie etwa die Zahlen von 41 % depressiver Erkrankungen, 22 % Angststörungen und 33 % somatoforme Störungen nahelegen (Post 1994). Auch Davidson et al (2006) konnten nach weisen, dass 49 % aller US-Präsidenten in irgendeiner Phase ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen waren, was in etwa dem nationalen Prävalenz durchschnitt entspricht, wobei allerdings die Rate für depressive Erkrankungen deutlich über dem Durchschnitt liegt (Kessler et al. 1994; Davidson et al. 2006). In zahlreichen Studien wurde bereits aufgezeigt, wie sich Paranoia, Borderline- Störungen oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen bei politischen Entschei dungsträgern in problematischer Weise auch und gerade auf zwischenstaatlich rele vantes Entscheiden auswirken können. Allerdings wäre es verfehlt anzunehmen, dass der Effekt psychischer Erkrankungen sich stets negativ auf den zwischenstaat lichen Entscheidungsprozess auswirkt. Vielmehr ist es erforderlich, der Analyse ein differenziertes Bild der Implikationen des Vorliegens psychischer Erkrankungen zugrunde zu legen. Denn Nassir Ghaemi (2011) etwa konnte nachweisen, dass in unterschiedlichen Entscheidungskontexten unterschiedliche Stati psychischer Ge sundheit hilfreich sein können. In einem nichtkrisenhaften Kontext erweisen sich vor allem Entscheidungsträger als erfolgreich, die nicht von psychischen Proble men betroffen sind. In krisenhaften Situation indessen kann sich die Betroffenheit von spezifischen psychischen Erkrankungen als vorteilhaft erweisen. Ghaemi (2011: 3) spricht in diesem Zusammenhang vom inversen Gesetz der Gesundheit, das er wie folgt umschreibt: ,,[W]hen times are good, when peace reigns, and the ship o f state only needs to sail straight, mentally healthy people function well as our leaders. When our world is in tumult, mentally ill leaders function best.” Insgesamt, so legt Ghaemi (2011: 18) untermauert durch klinische Studien dar, dass „more often than not, those mental illnesses enhance or promote those qualities more frequently than is the case in the absence of those mental illnesses”. Hierbei spielen Aspekte wie Realismus, Empathiefähigkeit, Resilienz und Kreativität eine maßgebliche Rolle. Insbesondere die sogenannte Hypothese des sogenannten De pressiven Realismus, welche der Hypothese der erlernten Hilflosigkeit entgegengestellt wird, ist hier zu erwähnen. Dabei ist das Argument, dass eine depressive Erkran kung beim betroffenen Entscheidungsträger dazu führen kann, die eigenen Mög 259 lichkeiten korrekt einzuschätzen, während Personen, welche ein solches Krank heitsbild nicht aufweisen, regelmäßig ihre Möglichkeiten überschätzen. Mit anderen Worten kann das Vorliegen einer Depression zu einer realistischeren Einschätzung von Situationen führen. Die Aussagen der Depressive-Realism-Hypothese deckt sich mit den Erkenntnissen, welche Ellen Langer und Jane Roth im Bereich der Kontrollillusion sowie Shelley Taylor mit Blick auf das Konzept der positiven Illu sion gemacht haben. Hierbei zeigte sich, dass die psychologisch gesündesten Pati enten am unrealistischsten in der Einschätzung der Realität waren. Eine Erklärung hierfür liegt etwa darin, dass Realismus in der gesunden Psyche zu Gunsten des individuellen Wohlbefindens reduziert wird. Unter Normalbedingungen über schätzt sich der gesunde Mensch; viele Menschen verbessern sich zugleich durch die Erfahrung von Niederlagen, weil hierdurch die Illusion verringert wird, wäh rend zugleich die stetige Erfahrung von Erfolg zu einem so hohen Maß an Selbst überschätzung führen kann, dass am Ende der individuelle Niedergang stehen kann (Ghaemi 2011: 54f.).40 In diesem Zusammenhang spielt auch der Aspekt der Empathie eine wichtige Rol le. Empathie kann hierbei unterschiedliche Ausprägungen annehmen: Auf kogniti ver Ebene bedeutet Empathiefähigkeit das Vermögen des Individuums, das denken zu können, was ein anderer Mensch denkt. Mit Blick auf die affektive Seite bedeu tet Empathie, das zu fühlen, was ein anderer fühlt und in sensorischer Hinsicht heißt die Fähigkeit zur Empathie, das Körpergefühl eines anderen gleichsam selbst wahrnehmen zu können (Ghaemi 2011: 82 f.). Dabei ist zu konstatieren, dass Em pathie ein neuro-biologisches Faktum darstellt, welches etwa durch die Existenz von Spiegelneuronen und eine hohe Zahl an vorhandenen Oxytocin-Rezeptoren nachweisen lässt. Die Messung erfolgt anhand unterschiedlicher Skalen, so etwa des Interpersonal Reactivity Index. Mit Blick auf das Krankheitsbild der Depression konnte in Studien eine hohe Korrelation von Depressivität und dem Grad an (ins besondere affektiver) Empathie nachgewiesen werden (Ghaemi 2011: 83 f.). Be merkenswert in diesem Zusammenhang ist das Phänomen der Verstetigung der Empathie. So hat sich gezeigt, dass die während einer depressiven Episode beson dere Offenheit für affektive Empathie auch nach deren Abklingen anhält und sich sogar noch intensivieren beziehungsweise verstetigen kann. Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass die relevanten neuronalen Strukturen sich als so stabil erwiesen haben, dass „the intense experience o f emoitional identification with others might leave a lasting mental legacy“ (Ghaemi 2011: 84). Mit anderen Worten führt die Das Phänomen des Depressiven Realismus lässt sich mithilfe des sogenannten Goldilocks-Prinzips erklären, bei dem eine umgedrehte U-Kurve das gibt Optimum angibt. Das gilt gleichermaßen für Angst und Illusion. Dabei sind ein zu viel wie ein zu wenig schlecht, ein rechtes Maß ist perfekt. Bezogen auf Illusion bedeutet das: Zu viel Realismus führt zu Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit, während ein zu hohes Maß an Illusion zu einer unrealistischen Interpretation von entscheidungserheblichen Sachverhalten führt und gegebenenfalls in der Unfähigkeit mündet, mit Situationen umzugehen beziehungs weise m it der Umwelt angemessen zu interagieren (vgl. Ghaemi 2011: 55 f.). 260 affektive Empathie, welche im Rahmen einer schweren depressiven Episode ent standen ist, dazu, dass das Gehirn Strukturen ausprägt, die dazu führen, dass auch auf lange Sicht den Ansichten des Gegenüber Wertschätzung und ein gewisses Maß an Verständnis entgegengebracht werden kann (Ghaemi 2011: 83 f.). Depressive Erkrankungen sorgen also dafür, dass die natürlich vorhandene Empathiefähigkeit des Betroffenen sich verstärkt, und so bewirkt, dass die Interdependenz zwischen den Individuen keine abstrakte Größe bleibt, sondern subjektiv erfahrbar wird (Ghaemi 2011: 85). Dieses als depressiver Aktivismus bezeichnete Phänomen lässt sich etwa anhand der Beispiele von Gandhi und Martin Luther King gut erkennen. Der dritte Aspekt in Zusammenhang mit dem inversen Gesetz der Gesundheit ist die Resilienz. Der positive Effekt in Krisenkontexten ist das Erzielen positiver Er gebnisse trotz immanenter Bedrohungslagen (Ghaemi 2011: 118). Die Herausbil dung von Resilienz wird vor allem in der Interaktion unterschiedlicher Faktoren gesehen, so etwa dem Zusammentreffen einer hyperthermischen Persönlichkeit mit kritischen Lebensereignissen wie etwa einer schweren Krankheitserfahrung. Durch die positive Bewältigung eines persönlichen kritischen Lebensereignisses kommt es regelmäßig zur Stärkung der Psyche. Gleichzeitig kommt es zur Entwicklung geeig neter Coping Strategien für andere krisenhafte Entwicklungen, mit denen der be troffene Entscheidungsträger konfrontiert wird. Resilienz lässt sich somit bildhaft als eine Art Impfschutz der Seele verstehen. Allerdings ist auch zu beachten, dass bestimmte Persönlichkeitstypen genetisch bessere Voraussetzung für erfolgreiche Resilienz aufweisen, wie etwa die bereits erwähnte hyperthermische Persönlichkeit. Über eine solche verfügten etwa Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy, was sich auch entsprechend auf ihr Entscheidungsverhalten auswirkte. Zudem erweist sich die Existenz eines stabilen Netzwerks aus Freunden oder Familie als resilienzförderlich. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf den Effekt der manischen Persönlichkeitsstörung verwiesen, welcher nicht nur ebenfalls zur Resilienzbildung beitragen kann, sondern unter Umständen auch die Kreativität und Problemlösungsfähigkeit eines Entscheidungsträgers positiv beeinflussen kann. Ein Krankheitsbild, wo kritische Lebensereignisse und die Wirkung des Entstehens oder Ausbleibens von Resilienz in besonderer Weise an Bedeutung erlangt, ist die Traumafolgestörung, insbesondere die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; vgl. hierzu etwa Breslau 2002; Morris/Rao 2013; Maercker et al. 2008). Anders als etwa Narzissmus oder Paranoia ist die Untersuchung dieser Problematik mit Blick auf zwischenstaatliches Entscheiden bislang so gut wie nicht erforscht. Gerade deshalb soll dieses Krankheitsbild hier aufgegriffen werden.41 Ausgangspunkt hier Die in diesem Abschnitt vorgelegten Inhalte wurden in ähnlicher, jedoch sehr viel aus führlicherer Form als Vortrag und Research-Paper vom Autor dieser Arbeit gemeinsam mit Wolfram Ridder unter dem Titel „The Making and Breaking o f Traumatized Leaders: Origins and Foreign Policy Effects o f PTSD — The Case o f Calvin Coolidge“ verfasst und im Rahmen des Panels „Cognitive and Psychological Approaches o f Foreign Policy Decision M aking“ auf der ISA Annual Convention am 21.2.2015 in New Orleans, vorgetra- 261 bei ist der Umstand, dass Menschen in ihrem Leben mit Ereignissen konfrontiert werden können, die fernab ihrer alltäglichen Erfahrung liegen und welche sie als existenziell bedrohlich erleben. Diese sogenannten traumatischen Ereignisse wer den nach dem WHO-Klassifikationssystem ICD-10 als „belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung her vorrufen würde“ (DIMDI) definiert42. Zudem wird die Traumatisierung von Fi scher/Riedesser (2009: 84) als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Ge fühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauer hafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ beschrieben (vgl. zudem Grittner 2010). Die Symptomatik der PTBS weist eine spezifische Kombi nation der Symptomgruppen Intrusion/Wiedererleben (Nachhallerinnerungen), Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit (numbing) und Ubererregung (hyperarousa)) auf. Diese Symptome zeigten sich alle auch bei US-Präsident Coolidge, nachdem dieser seinen Sohn verloren hatte (zur psychobiografisch relevanten Ent wicklung von Coolidge vgl. Gilbert 2005: 87; vgl. auch Fuess 1940: 25; White 1938: 7, 18; McCoy 1967: 7). Lynch/Kilmartin 1999: 44; (Nader 1997: 19; Rosen 1986; Krupnick 1984; Davidson/Connor 2008; Sanders 1999: 180; Elmswiler/Elmswiler 2000: 168; Moody/Moody 1991; Steinberg 1997: 123). Dieses Ereignis traf Cooldige nicht ohne, dass eine Interaktion mit seiner spezifischen Persönlichkeitsausprä gung sowie seinen Sozialisationserfahrungen stattfand. Aufgrund bestehender Min derwertigkeitskomplexe war Coolidge bereits beim Tod seiner Mutter sowie dem seiner Schwester unfähig gewesen, adäquate Trauerarbeit zu leisten. Konkret bedeutet dies, dass trotz der extremen psychischen Folgen, welche der Verlust seiner Mutter und seiner Schwester für Coolidge mit sich brachten, dieser als Schutzreaktion seine Emotionalität stark unterdrückte, was wiederum einer gesunden psychische Weiterentwicklung entgegenwirkte. Während Coolidge auf diese Weise zwar in der Außenwirkung durchaus erwachsenen Verhaltensmustern gerecht wurde und die Rolle einnehmen konnte, die erforderlich war, um seinen gen. Zudem sind einige der Informationen zum Krankheitsbild PTSD bereits im Konfe renzpaper unter dem Titel „Psychotrauma, Public Health und politikfeldübergreifende, themengeleitete Policyanalyse: Herausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wissen schaft“ verarbeitet worden, das gemeinsam mit Wolfram Ridder, Nico Kunz und Annika Clarner verfasst und im Rahmen derjahrestagung der DVPW Sektion Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft am 18.3.2014 in Bremen vorgestellt worden. Noch konkreter beschreibt das US-amerikanische Diagnosemanual DSM-V diese Ereig nisse als das Erleben oder Beobachten von Tod, Todesbedrohung, tatsächlicher oder drohender schwerer Körperverletzung, tatsächlicher oder angedrohte sexuelle Gewalt, welche einmalig oder mehrmalig auftreten können, sowie der indirekten Mitteilung oder indirekten beruflichen Beteiligung daran. Hierbei spricht man vom A1-Kriterium. Das vormals existierende zusätzliche A2-Kriterium, das im Vorläufermanual DSM-IV als notwendige Furchtreaktion einer Person enthalten war, wurde aufgrund fehlender empiri scher Bestätigung zur Ausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung gestrichen. 262 politische Ambitionen zu folgen, entsprachen seine innere Emotionaliät und damit zusammenhängend seine empfundenen emotionalen Reaktionen einem deutlich jüngerem Entwicklungsstand. Dieser Umstand manifestierte sich etwa in Form von persistenten kindlichen Gefühlen von Verlorenheit und Verlassensein sowie einer weiterhin vorhandenen ausgeprägten Einsamkeit, die durch als komorbide Erscheinung auftretende Angststörung und damit zusammenhängend innere Wut und Verzweiflung begleitet wurde. Diese Kombination aus Erfahrung und Persönlichkeitsausprägung sollte sich später begünstigend auf die Entwicklung von Coolidges Depressivität auswirken (Sanders 128; Warwick et al 1993: 52). Seine inneren Konflikte kehrte Cooldige nicht nach außen; dort konnte vielmehr nach Abschluss des College, was ihm endlich wieder Lebenskraft und Motivation einflößte, sein ambitioniertes, durchdachtes Handeln als aufstrebender Politiker wahrgenommen werden (Buckely 2003). Er arbeitete hart und effizient, war durchsetzungsstark und hatte einen ausgeprägten Sinn für relevante politische Themen (Glert 2005: 100f.). Seine Empfindsamkeit und Neigung zur Depressivität halfen ihm dabei sogar, zwischen den Zeilen seiner Gegner wie Mitstreiter zu lesen und besonders sensitiv auf die Belange seiner Mitmenschen zu reagieren, ein Phänomen, das bereits weiter oben im Kontext der Hypothese des depressiven Realismus (Ghaemi 2012) ausführlich vorgestellt wurde. Auf diese Weise gelang es Coolidge etwa, sehr gut mit den Medien zusammenzuarbeiten und diese für seine Zwecke zu gewinnen (Blair 1973: 504) — und somit auch die breite Öffentlichkeit (Buckley 2003: 595f.). Speziell auch auf dem Gebiet der Außenpolitik beeindruckte Coolidge immer wieder mit seiner Sorgfalt bei gleichzeitiger Entschiedenheit. Hierfür erfuhr er nicht nur Lob von Volk und politischer Elite, sondern explizit auch vom Kongress, wo wiederholt sein Scharfsinn und seine Entschlossenheit positiv hervorgehoben wurden (Gilbert 2005: 101). Eines seiner Ziele war es, die Republikanische Partei zu liberalisieren. Mit Blick auf seine Außenpolitik sollte sich dies darin niederschlagen, dass er einerseits die Macht des internationalen Finanzwesens im Bereich der internationalen Beziehungen brechen wollte, zum anderen strebte er eine Anerkennung der Sowjetunion an (Maddox 1967: 774; Appleman Williams 1952: 205). Der überraschende Tod seines sechzehnjährigen Sohnes 1924 sollte jedoch ein solche gravierendes kritisches Lebensereignis im Leben von Präsident Coolidge darstellen, dass die sich hieraus entwickelende Traumafolgeerkrankung nicht nur sein persönliches Leben, sondern ebenso seine Amtsgeschäfte und (außen-) politischen Entscheidungen nachhaltig beeinflussen sollte. Zwar ist bekannt, dass der Verlust eines Kindes zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Erfahrungen gehört, die man als erwachsener Mensch erleben kann (Gilbert 1997: 101 ff.). Im Falle von Calvin Coolidge jedoch gingen sein Schmerz und seine Trauer über den plötzlichen Tod seines Sohnes weit über das Maß hinaus, was in der Regel in sol chen Fällen als Reaktion festzustellen ist (Gilbert 2005: 93). Coolidges Reaktion lässt sich als abnormale Trauerreaktion charakterisieren, die einher ging mit einer schweren Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Ebenso kann eine 263 schwere klinische Depression konstatiert werden (Gilbert 2003, 2005: 94). Coolidge wies in diesem Zusammenhang ein deutlich verändertes Ess- und Schlafverhalten auf. Ursprünglich ein schwacher Esser, begann er, übermäßig viel Nahrung aufzu nehmen. Lag sein durchschnittliches Schlafpensum vor dem Tod seines Sohnes noch bei ca. 8-9 Stunden Schlaf pro Nacht, gegebenenfalls ergänzt durch ein kurzes Nickerchen am Nachmittag, lässt sich für die Zeit nach dem kritischen Lebenser eignis eine schwere Hypersomnie diagnostizieren: Neben nunmehr mindestens 11 Stunden Schlaf pro Nacht, die häufig zwischen Frühstück und Mittagessen um wei tere Stunden der Bettruhe ergänzt wurden, trat ein täglicher Mittagsschlaf von re gelmäßig bis zu vier Stunden Dauer. Coolidge, der dafür bekannt gewesen war, ausdauernd und effizient seiner vielen Arbeit nachzugehen, war nach dem Tod sei nes Sohnes nicht mehr in der Lage, mehr als vier bis fünf Stunden am Tag seiner Arbeit als Präsident der USA nachzugehen. Und sogar hier ist er bisweilen am Schreibtisch eingeschlafen. Diese Flucht in den Schlaf, um der unerträglichen Reali tät zu entkommen, wurde ergänzt durch Zustände andauernder Müdigkeit und Er schöpfung, tiefer Versunkenheit in sich selbst und perpetuierende Gedanken an den Tod. Hinzu kamen psychosomatische Beschwerden und ein auffällig verändertes psychomotorischen Verhalten (Gilbert 1988: 95f.; Gilbert 2005: 94). Ferner traten schwere Schuldgefühle hinzu, nicht nur, weil er weil er sich vorwarf, dass die Sportverletzung, welche zur Blutvergiftung und somit zum raschen und unerwarte ten Tod des Sohnes führte, damit zusammenhing, dass er ihn vernachlässigt habe, weil sich die Verletzung ereignete als der Sohn auf dem Gelände des Weißen Hau ses Tennis spielte, statt mit dem Vater etwas zu unternehmen, sondern auch, weil er sich durch sein eigenes Verhalten als karriereorientierter Mann, der kaum Zeit für seine Familie aufbringen konnte, Parallelen zwischen seine eigenen von Ein samkeit und Verzweiflung charakterisierten Kindheit ohne Vater und der Situation seines Sohnes erkannte. Aufgrund seiner zwanghaft gewissenhaften Persönlich keitsstruktur wogen diese Gewissensbisse umso schwerwiegender (Gilbert 2005: 97f.). Deutlich wird erkennbar, wie sich das Verhalten Coolidges von und nach dem Tod des Sohnes 1924 unterschied. Er war von andauernder Antriebslosigkeit gekenn zeichnet, unternahm keine weiteren Reisen mehr und setzte sich nur noch Altbekanntem aus (Schenker 1988: 421ff.). Seinen Umgang mit anderen Menschen schränkte er weitestmöglich ein, er wurde wieder wie in seiner Kindheit sehr still und nach innen gekehrt. Den direkten Kontakt mit den Medien, öffentliche Auftritte und Wahlkampf, Übungen die er bislang so gut beherrscht hatte, mied er nahezu vollständig. Aber auch seine politische Arbeit selbst ruhte seit jenem Ereignis fast vollständig — und das keineswegs nur vorübergehend (Gilbert 2005: 94f.; Lathem 1968: 62f., 216; McCoy 1967: 390). Die bis dahin rege und intensive Interktion zwischen Coolidge und dem Kongress riss nahezu vollständig ab, nicht einmal seine State o f the Union Ansprachen hielt er noch selbst, statt dessen 264 wurden diese von Mitarbeitern der jeweiligen Kammer verlesen. Neue Initiativen seitens des Präsidenten unterblieben gleichsam gänzlich (Gilbert 2005: 102). Als besonders gravierend sollte sich erweisen, dass Collidge de facto nicht mehr in der Lage war, politische Entscheidungen zu treffen, geschweige denn politische Führung auszuüben (Gilbert 2005: 103). Regierungsmitglieder und andere Mitarbeiter konnten nicht mehr darauf zählen, angehört zu werden oder sich mit dem Präsidenten zu beratschlagen, um Entscheidungen vorzubereiten oder abzustimmen. Coolidges Überforderung vom Regierungsalltag tritt hierbei deutlich zutage. Wie von der Theorie erwartet, zeigt sich in diesem Zusammenhang deutlich der Verlust von Affektkontrolle in Form von Wutausbrüchen sowie Demütigungen und gar Bedrohungen von Mitarbeiterinnen (und sogar enger Verwandter, nicht selten auch in der Öffentlichkeit), wie es sie zuvor von Coolidges Seite nie gegeben hatte; vielmehr war dieser zuvor als ein sehr höflicher und umgänglicher Mensch und Vorgesetzter bekannt gewesen (Fuess: 198, 406; Hoover 1934: 323). Als Coolidges Arbeitsminister diesen eines Tages hinichtich eines zentralen Sachverhalts nach seiner Sichtweise fragte, geriet Coolidge in Rage, und ließ diesen wissen, dass er doch der Minister sei, und wenn er nicht in der Lage sei, eigenständig Entscheidungen zu treffen, werde er ihn unverzüglich ablösen lassen (Gilbert 2005: 102). Diese Auswirkungen seiner posttraumatischen Erkrankung an PTBS blieb auch nicht ohne Effekt für Coolidges außenpolitisches Handeln. Auch auf dieses Terrain wirkte sich seine Antriebslosigkeit und Unfähigkeit, Entscheidungen zu fällen, aus: So ließ Coolidge etwa seinem Außenminister Frank Kellog im Juni 1925, als dieser mit dem Präsidenten drängende außenpolitische Probleme besprechen wollte, lediglich wissen, dass er alle Entscheidungen nach seinem eigenen Urteil fällen möge. Ähnlich erging es etwas später dem Acting Secretary of State Joseph Grew, als er sich hinsichtlich einer äußerst wichtigen Problematik, der sich das Außenamt gegenübersah. Auch ihm gegenüber äußerte Coolidge nur, er solle einfach so handeln, wie er es richtig finde, er werde bei allem, was er tut, hinter ihm stehen. Als es im Senat zu Abstimmung über den Internationalen Strafgerichtshof kam, ein Projekt, das Coolidge vor den Ereignissen von 1924 sehr am Herzen gelegen hatte, und dem sein ganzes Engagement galt, nahm er dies mit Gleichmut wahr. Weder unterstützte er seine eigenen Repräsentanten, sei es fachlich oder moralisch, noch versuchte er, auf die Senatsentscheidung Einfluss zu nehmen, so wie er es zuvor vehement getan hatte (Gilbert 2005: 106; Gilbert 1988: 91). Ähnliche Effekte lassen sich auch mit Blick auf die amerikanische Chinapolitik jener Zeit ausmachen, welche trotz der Unruhen, von denen das asiatische Land gezeichnet war, auf eine Annäherung hin ausgerichtet war. Obgleich auch diese Politik einst von Coolidge intensiv verfolgt worden war, verfolgte er die Entwicklungen nur noch teilnahmslos. Er selbst traf de facto keine relevante Entscheidung mehr; ebensowenig unterstützte er in erkennbarer Form Außenminister Kellog, der letztlich und keineswegs freiwillig zum alleinigen maßgeblichen Gestalter der amerikanischen Politik in Fernost in der späteren Amtszeit Coolidges avancierte 265 (Gilbert 2005: 106). Wie sich anhand der Kasuistik Calvin Cooldiges gezeigt hat, ist die Klassifizierung eines Krankheitsbildes ein wichtiges Element der Analyse auch hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf entscheidungsspezifische Prozesse. Somit sollte neben den bereits oben erwähnten Aspekten stets auch der Blick darauf ge richtet sein, ob Symptomatiken dauerhaft oder wiederholt auftreten. Zudem ist streng darauf zu achten, ob die Kriterien gemäß einem geeigneten Diagnosehand buch (etwa ICD-10 oder DSM-V) in der dort spezifisch geforderten Weise erfüllt sind. Zudem sollte der analytische Blick darauf gerichtet sein, ob sich Veränderun gen in der Persönlichkeit, den Beziehungen oder der Herangehensweise an die Ar beit hinsichtlich des Entscheidungsträgers empirisch erkennen lassen (Davidson et al. 2006). 4.4 Berater und Bürokratie: Die Logik des Gruppen-und Institutionenkontexts Im vorausgegangenen Abschnitt wurden Einflussfaktoren auf den zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess betrachtet, welche den individuellen Entscheidungsträ ger betreffen. Zusammenfassend lässt sich dabei sagen, dass der psychobiografische Zugang aufzeigt, wie die Persönlichkeit sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen entwickelt hat. Der Rückgriff auf Persönlichkeitsinventare ermöglicht die Kategorisierung der Persönlichkeit, was Aussagen über Hand lungswahrscheinlichkeiten zulässt. Die Analyse des Führungsstils eines entschei dungstragenden Individuums als Ausdruck einer spezifischen Persönlichkeit lässt zudem weitere Rückschlüsse auf konkretes Entscheidungshandeln zu. Hierbei sind dann noch zwei wesentliche weitere Faktoren mit in die Entscheidungsprozessana lyse miteinzubeziehen, nämlich einerseits kognitive, emotionale und abwehrmecha nismusbedingte Größen und andererseits gesundheitsbedingte Einschränkungen und insbesondere psychische Erkrankungen. Obwohl die Betrachtung der individuellen Analyseebene und die damit verbundene Öffnung der Black-Box Mensch unverzichtbar ist, um die Handlungslogiken des einzelnen Entscheidungsträgers zu verstehen und gegebenenfalls prognostizieren zu können, kann die Theoriefortbildung nicht an dieser Stelle verharren. Denn au ßen- und sicherheitspolitische Entscheidungen kommen nicht in einem sozialen Vakuum zustande; vielmehr entstehen sie in mehr oder weniger organisierten Gruppenkontexten, wo im- und explizite soziale Regeln das Verhalten der an dem Zustandekommen einer Entscheidung mitwirkenden Personen beeinflussen (Tetlock 1979). Somit gilt es, nicht nur die Funktionslogik des einzelnen Individuums als Entscheidungsträger zu analysieren, sondern vielmehr muss zugleich auch die entscheidungsbildende Gruppe mit in die Erklärung des Entscheidungsfindungs prozesses beziehungsweise der daraus resultierenden zwischenstaatlichen Handlung 266 eingebunden werden. Neben positiven Effekten von Gruppenarbeit (Hackman/O’Connor 2004; Johnston 2005; Medina 2008; Smith 2008; Sunstein 2006) existieren Dynamiken, welche die Erreichung einer adäquaten oder gar optimalen Entscheidung beeinträchtigen können, wie etwa Produktivitätseinbußen beim Brainstorming, den Gemeinwisseneffekt (common knowledge effect), das Phänomen der Gruppenpolarisierung, die Bestätigungs-Verzerrung (confirmation bias), das Problem der Overconfidence und der Konformitätsdruck (Strauss et al. 2009). Gerade in zwischenstaatlich relevanten Entscheidungsprozessen vertrauen Grup pen auf die Methode des Brainstormings um Ideen zu generieren. Dabei wird re gelmäßig davon ausgegangen, dass dieser Ansatz gerade innerhalb von Gruppen zu besseren Ergebnissen führt als ein individuelles Entwickeln von Ideen (Paulus/Dzindolet 1993; Paulus/Dzindolet/Poletes/Camacho 1993). Allerdings hat sich vielfach gezeigt, dass gerade das Gegenteil der Fall ist und insbesondere mit steigender Zahl an Gruppenmitgliedern auch das Maß an Produktivität hinsichtlich der Hervorbringung gleichermaßen geeigneter wie kreativer Ideen signifikant ab nimmt (Diehl/Stroebe, 1987; Mullen/Johnson/Salas, 1991; Nijstad/Stroebe/Lodewijkx 1999). Dieses Defizit, das auch als Illusion der Produk tivität (Paulus et al. 1993) oder Illusion der Gruppeneffizienz (Stroebe/Diehl/Abakoumkin 1992) bezeichnet wird, wird durch sogenannte Produkti onsblockaden hervorgerufen. Diese entstehen in einem Kontext, in welchem man anderen zuzuhören und darauf zu warten muss, bis man selbst an der Reihe ist, um seine Idee vorzustellen. Nijstad, Stroebe und Lodewijkx (2003) konnten aufzeigen, dass unter diesen Bedingungen die Fähigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, neue Ideen hervorzubringen, deutlich verringert ist. Zwar ist einzuräumen, dass es kognitiv durchaus stimulierend wirken kann, der Präsentation von Ideen durch Dritte zuzuhören (Dugosh/Paulus/Roland/Yang 2000; Nijstad/Stroebe/Lodewijkx 2002) und spezifische Formate des Brainstormings tatsächlich geeignet sind, einen Produktivitätszuwachs beim Erzeugen von Ideen zu bewirken, so etwa beim elektronische Brainstorming (Dennis/Valacich 1993; Gallupe/Cooper/Grisse/Bastianutti 1994; Straus/McGrath 1994), insgesamt je doch überwiegen die Effekte der Produktionsblockaden deutlich (Strauss et al. 2009), was auch mit Bezug auf empirische Kontexte, etwa im Bereich der nachrich tendienstlichen Leistungen von Pearl Harbor über den Yom-Kippur-Krieg bis 9/11 nachgewiesen wurde (Bruce 2008). Ein weiteres Problem, das sich ebenfalls negativ speziell im Kontext außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung auswirken kann, ist der sogenannte Gemeinwissen-Effekt. Hierbei geht es um die Frage des Austauschs von Informa tionen. Gerade im Bereich zwischenstaatlicher Entscheidungsfindung erfordert die regelmäßig hohe Komplexität der Herausforderungen, denen sich die Entschei dungsträger gegenübersehen, dass die Mitwirkenden nicht nur über ein breites Spektrum an Wissen und Kenntnissen verfügen, sondern dieses auch in den Ent scheidungsprozess einbringen können (Gigone/Hastie 1993). Der gruppeninterne 267 Entscheidungsfindungsprozess kann im hohen Maße von Wissen und Kenntnissen aus unterschiedlichen Bereichen und dessen Bewertung aus einer Vielzahl von Per spektiven heraus profitieren; in der Praxis jedoch werden entscheidungsrelevante Informationen, über die möglicherweise tatsächlich nur eines der Gruppenmitglie der verfügt, häufig erst gar nicht in die Diskussion eingebracht oder — selbst wenn das der Fall ist — dann oft nicht aufgegriffen. Die Erklärung hierfür liefert ein mitt lerweile gut beschriebenes Phänomen, bei dem Gruppen regelmäßig nur die Infor mationen und das Wissen behandeln, über das alle Gruppenmitglieder bereits ver fügen. Auf diese Weise werden Lagebeurteilungen und Entscheidungen auf Grund lage verzerrter Informationen getroffen, die eigentlich zutreffendere alternative Be urteilung, das sogenannte „hidden profile“ (Stasser 1988) kann somit nicht als Ent scheidungsgrundlage herangezogen werden. Es wurde sogar nachgewiesen, dass auch wenn Wissen eingebracht wird, das nur einem oder wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekannt ist, vorrangig (oder teilweise sogar ausschließlich) die Informationen zur Entscheidungsgrundlage gemacht werden, die von Anfang an allen bekannt sind (Gigone/Hastie 1993; Greitemeyer/Schulz-Hardt 2003). Be gründen lässt sich dieses Phänomen etwa damit, dass das von allen geteilte Wissen zunächst einmal schon aus Gründen der statistischen Wahrscheinlichkeit eine grö ßere Chance hat, in eine Diskussion eingebracht zu werde, weil nun einmal einfach mehr Personen darüber verfügen (Stasser/Titus 1985, 1987; Larson/Foster- Fishman/Keys 1994). Hinzu kommt, dass die Diskussion über Informationen, die allseits bekannt sind, einen Effekt sozialer Wertschätzung erzeugt; mit anderen Worten erfährt derjenige, der Informationen einbringt, die anderen vertraut ist oder mit der sich andere identifizieren, ein höheres Maß an Wertschätzung und Zu stimmung erhält als derjenige, der Unbekanntes in die Diskussion einbringt, wie wertvoll und wichtig dieses Wissen auch immer sein mag (Wittenbaum, Hubbell/Zuckerman 1999). Nicht zuletzt kann auch der Umstand eine Rolle spielen, dass die individuellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Diskussion bereits eigene spezifische Präferenzen hinsichtlich der Bewertung der Lage und der Prob lemlösungsstrategie aufweisen, was ebenfalls zu Verzerrungen der Diskussion weg von einer hinsichtlich der Problemlösung optimalen Entscheidungsfindung führen kann (Gigone/Hastie 1993, 1997; Greitemeyer/Schulz-Hardt 2003; Greitemeyer/Schulz-Hardt/Brodbeck/Frey 2006). Dieser Effekt wird noch dadurch ver stärkt, dass einmal erlangte Einsichten, Annahmen und Überzeugungen selbst durch neue Erkenntnisse, die in eine Diskussion eingebracht werden, nur sehr zö gerlich verändert werden (Hogarth/Einhorn 1992; Wright/Drinkwater, 1997; (Betsch/Haberstroh/Glöckner/Haar/Fiedler 2001; Brockner/Rubin 1985). In diesem Zusammenhang entfaltet auch die sogenannten Bestätigungsverzerrung (Confirmation Bias) ihre Wirkung, die besagt, dass Individuen wie auch Gruppen eine hohe Tendenz aufweisen, (durchaus auch unbewusst) selektiv solche Informatio nen auszuwählen und zu überbewerten, welche sich in bereits bestehende kognitive Muster einpassen, beziehungsweise diesen widersprechender Informationen zu ig norieren oder in ihrer Bedeutung abzuwerten (Heuer 1999; Klayman/Ha 1987; 268 Schulz-Hardt/Frey/Luthgens/Moscovici 2000; Skov/Sherman, 1986). An dieser Stelle sei nochmals auf die oben ausgeführte starke Wirkung der Suche nach kogni tiver Konsistenz beziehungsweise des Vermeidens oder Uberwindens kognitiver Dissonanz verwiesen. Zugleich wirkt sich der Effekt der übermäßigen Selbstsicher heit (Overconfidence) negativ aus, bei dem speziell bei größeren, in sich geschlossenen und homogenen Gruppen ein unangemessen hohes Vertrauen in das eigene Wis sen, die eigenen Informationen und die eigenen Fähigkeiten, diese korrekt und der Entscheidungssituation angemessen zu bewerten (Straus et al. 2009). Zugleich kann ein weiterer Effekt hinzutreten und seine Wirkung entfalten: die Gruppenpolarisie rung. Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine Tendenz zur Zuspitzung der Einstellungen, welche von den einzelnen Gruppenmitgliedern innegehabt werden; weist das einzelne Individuum etwa eine moderate Tendenz zur Risikobereitschaft auf, so wird es im Rahmen des gruppeninternen Entscheidungsfindungsprozesses regelmäßig ausgeprägt risikoorientierte Positionen einnehmen (Myers/Lamm 1976; Isenberg 1986). Einer der stärksten und wirkungsmächtigsten Effekte schließlich ist noch der Druck innerhalb von Gruppen hin zu Uniformität. Janis (1972; 1982; vgl. ferner Janis/Mann 1977) umschreibt dieses Phänomen als Groupthink. Dieses wird als wesentliche Ursache für eine Vielzahl von Fällen nachrichtendienstlichen Versa gens (intelligence failure) und außenpolitischer Fiaskos angesehen (etwa Janis 1982). Groupthink tritt insbesondere bei Gruppen mit einem hohen Kohäsionsgrad auf, deren Mitglieder unter spezifischen situativen Bedingungen zusammenarbeiten. Hierbei begünstigende Faktoren sind ein hohes vorherrschendes Stressniveau, ein Gruppenleiter mit einem autoritativen Führungsstil, eine relative Ferne von Sicht weisen außenstehender Experten, das Fehlen von klaren Vorgaben zur Suche und Bewertung von Informationen und ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein bei den Gruppenmitgliedern. Diese Aspekte müssen nicht alle gleichzeitig erfüllt be ziehungsweise jeweils voll ausgeprägt sein, doch je mehr und je intensiver sie vor liegen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe dem Phänomen des Groupthink unterliegt. Die Symptome dieses Phänomens sind etwa ein Gefühl der Unverwundbarkeit der Gruppe und der Glaube an die moralische Überlegenheit, welche der Gruppe und ihren Entscheidungen innewohnt. Daneben ist die Gruppe von einer starken Ingroup-Outgroup-Dichotomie gekennzeichnet, die zudem stark an Stereotypen hinsichtlich der Outgroup orientiert ist. Damit einher gehen eine ausgeprägte kollektive Rationalisierung etwaiger kollektiver kognitiver Dissonan zen, der auch die Ausübung von Druck auf gruppeninterne Abweichler vom Mainstream-Denken nicht ausschließt, wobei nicht zuletzt selbst ernannte Gedan kenwächter eine maßgebliche Rolle spielen. Neben der kollektiven Rationalisierung können zudem weitere psychologische Abwehrmechanismen auftreten, welche kognitiven Dissonanzen entgegenwirken (Chapman 2006). Auf dem Wege einer Art Selbstzensur, die durch die Gedankenwächter aktiv unterstützt wird, kommt es zu einer umfassenden Abschirmung der Gruppe von dissonanten Informationen, was letztlich zu einem hochgradig problematischen Effekt auf den Entscheidungs 269 prozess führt. Im Laufe der Zeit werden auch anfangs eher kritische Gruppenmit glieder aufgrund des gruppensozialen Drucks immer mehr in die Uniformität der Gruppe eingepasst, um keine Rückweisung durch die Gruppe zu erfahren (Willi ams, 2007). Das gilt insbesondere für Mitglieder mit eher niedrigem Status, denen soziale Akzeptanz besonders wichtig ist (Humphreys & Berger 1981; Wittenbaum, 1998). Dieser Aspekt kann sich besonders dann fatal auswirken, wenn Individuen aus dieser Ebene über entscheidungskritische Informationen verfügen, diese aber aufgrund der Groupthink-Dynamik lieber zurückhalten. Gruppen entwickeln also eigene Dynamiken, die sich auf spezifische Weise auf den Entscheidungsprozess innerhalb des komplexen Akteurs Staat auswirken können. Auf diese Weise kann es zu veränderten Perzeptionen, Interpretationen und Wirklichkeitsrekonstruktionen sowohl bei den Gruppenmitgliedern als auch bei denjenigen Entscheidungsträgern kommen, für welche die Gruppe entscheidungserhebliche Informationen aufberei tet, die dann zur Entscheidungsgrundlage werden. Weiter spezifiziert, jedoch auch kompliziert wird die Analyse, wenn man zudem die spezifische Rolle entschei dungserheblicher Politikberater einbezieht, welche sowohl individuell als auch kol lektiv auftreten können. Aufgrund ihrer exponierten Position und in der Regel aus geprägt entwickelten Persönlichkeitsstruktur gilt es bei diesen, synchron sowohl individuelle als auch gruppenspezifische Dynamiken zu berücksichtigen und diese zugleich unter Einbeziehung der individuellen Persönlichkeitsdynamiken des bera tenen Endentscheidungsträgers zu analysieren. Präsident Bush zeigte sich einmal irritiert darüber, dass während des Golfkrieges die Informationen und Ratschläge, die er in jeweils spezifischen Situationen von politischen Beratern erhielt, sich teils eklatant voneinander unterschieden. Ihm schien, als gebe es höchst unterschiedliche Wege, auf welchen Informationen von Beratern eingeholt und bewertet würden (Redd 2002: 335). Nicht zuletzt vor die sem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Einfluss Berater auf den Prozess der zwischenstaatlichen Entscheidungsfindung ausüben und unter welchen Bedingun gen dieser variiert. Bereits an anderer Stelle wurde der Effekt von Framing analy siert. Obgleich sehr wichtig, kann die vollständige Bedeutung der Rolle politischer Berater nur analytisch erfasst und in das Modell integriert werden, wenn noch wei tere Dynamiken Berücksichtigung finden, so etwa die Abhängigkeit der Interaktion mit dem zu beratenden Entscheidungsträger von dessen Persönlichkeitscharakteris tik oder dessen Führungsstil. Auch auf dem Gebiet der Analyse des Einflusses von Beratern auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess wird an dieser Stelle kein völliges Neuland betreten (Walker 1987; Orbovich/Molnar 1992; Russett/Starr 1996). Vielmehr kommt auch hier das analytisch-eklektische Vorgehen zum Tragen. Das erscheint angesichts der Erkenntnis von Honig (2008: 225) durchaus gerecht fertigt, der konstatiert, dass bislang kein Modell existiert, welches auf umfassende Weise den Einfluss von Beratern auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess und somit auf die Gestaltung der internationalen Beziehungen erfasst. Zwar wür den immer wieder einzelne Aspekte wie ,,‘political bargaining', ‘psychological per suasion' or ‘strategic game“‘ (Honig 2008: 225) behandelt, jedoch fehlt es bislang an 270 einem komprehensiven Ansatz. Dabei existieren durchaus Ansätze, die versuchen interdisziplinär Erkenntnisse zusammenzutragen und zu synthetisieren. Allerdings findet dies im Rahmen einer dezidierten Verengung des Untersuchungsgegenstan des etwa auf das präsidentielle Entscheiden im (außen-)politischen System der Ver einigten Staaten von Amerika (Stratham 2005: iii) oder dergleichen statt. Zugleich zeigt sich, dass zwar ein stillschweigendes Einvernehmen darüber besteht, dass Be rater grundsätzlich eine bedeutsame Rolle bei der Gestaltung der internationalen Beziehungen spielen (Eichbaum/Shaw 2007: 453) und nicht selten sogar den au ßenpolitischen Kurs diktieren (Stratham 2005: ii), zugleich aber nur wenige Versu che existieren, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie genau dieser Einfluss aus sieht beziehungsweise auf welche Weise sich dieser faktisch wie normativ auswirkt. Nicht selten wird der Einfluss von Beratern als negativ dargestellt, etwa weil sich außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsträger den korrodierenden Effekten von politischen Beratern nicht bewusst seien und sich daher in einer von ihnen nicht beabsichtigte, problematische Richtung treiben ließen (Rhodes/Weller 2005: 7) oder weil sie den Einfluss des öffentlichen Dienstes und der Ministerialbürokratie unterminierten (Edwards 2002; Holland 2002; Keating 2003; King 2003; Maley 2000, 2002; Mountfield 2002; Phillipps 2002; Senate o f Australia 2002; Tiernan 2004, 2007; Walter 1986; Weller 2002; Eichbaum/Shaw 2007). Als besonders nega tiv wird hierbei der asymmetrische Vorteil bewertet, den politische Berater auf grund ihres unmittelbaren und dauerhaften Zugangs zu den politischen Entschei dungsträgern gegenüber anderen Akteuren der öffentlichen Verwaltung besitzen; dieser wird letztlich als ernsthaftes Risiko für eine Marginalisierung des öffentlichen Dienstes und seines Einflusses auf die politische Gestaltung angesehen (Eich baum/Shaw 2007: 455f.). Hierbei wird das Umfeld politischer Entscheidungspro zesse nicht selten als eine Art Feudalsystem (Honig 2008: 223) angesehen, wo Bera ter autonom kleine Entscheidungen innerhalb ihrer abgesteckten Bereiche treffen und die eigentlichen Entscheidungsträger statt sie neutral zu beraten vielmehr mit einem „fait accompli“ (Honig 2008: 223) konfrontieren und so — nicht zuletzt mo tiviert durch Streben nach Erhalt beziehungsweise Ausdehnung der eigenen Auto nomie — den politischen Entscheidungsprozess in (zu) hohem Maße auf problema tische Weise beeinflussen. Das gilt umso mehr, wenn die Beratung des Entschei dungsträgers durch Techniken wie dem Aussprechen von Drohungen, dem aktiven Verhindern alternativer Beratungsvorschläge durch Dritte, oder das hoch selektive Vereinbaren politischer Termine für den Entscheidungsträger gekennzeichnet ist (Allison/Zelikow 1998: 143-254; Neustadt 1986: 26-43; Hoyt/Garrison 1977: 252). Gleichzeitig gilt es, zwei Einschränkungen hinsichtlich des Einflusses von Beratern zu machen: Einerseits wirken weitere Mechanismen, wie etwa der spezifische Füh rungsstil des beratenen Entscheidungsträgers, unter Umständen der (willentlichen oder unwillkürlichen) Einflussnahme des Beraters entgegen, andererseits mag zwar aus Sicht der Ministerialbürokratie ein Bedeutungsverlust entstehen, dieser jedoch muss sich mit Blick auf die konkrete außen- und sicherheitspolitische Entscheidung nicht notwendigerweise negativ auswirken. So können durch die Präsenz eines je 271 weiligen Gegengewichtes auch etwaige Versuche der Verwaltung, einseitig ihre ei genen Vorstellungen und Interessen in den Entscheidungsfindungsprozess einzu bringen, ausbalanciert werden (Eichbaum/Shaw 2007: 460). Zudem ist auch ein konstruktiver Dialog zwischen Beratern und Ministerialbürokratie denkbar, bei dem die relevanten Verwaltungsakteure die Tragfähigkeit und Umsetzbarkeit ihrer Ideen mit den Beratern der politischen Entscheidungseliten überprüfen können, bevor sie der jeweiligen Ministerialspitze ihre Vorschläge unterbreiten, was zu einer erhöhten Effizienz der Regierungsleistung auf dem Gebiet der Außen und Sicher heitspolitik führen kann. Letztlich kann, wenn konstruktiv genutzt, durch eine er weiterte Beratungsgrundlage der Wissensstand der außen- und sicherheitspoliti schen Entscheidungsträger vergrößert werden (Eichbaum/Shaw 2007: 457). Unab hängig davon, ob ein — im oben ausgeführten Sinne — negativer oder positiver Ein fluss von Beratern vorliegt, es handelt sich in jedem Fall um potenzielle Verzerrun gen von Informationen, die je nach Setting und Beteiligten zu unterschiedlichen Bewertungen und somit unterschiedlichen außen- und sicherheitspolitischen Reak tionen im Kontext ein und desselben Sachverhaltes führen. Daher kommt man nicht umhin, auch die Dynamiken, welche beratende Akteure im zwischenstaatli chen Entscheidungsprozess entfalten, bei der Analyse desselben zu berücksichti gen. W orauf hierbei neben den bisherigen Ausführungen konkret zu achten ist, wird nun aufgezeigt. Zunächst gilt es, die Hierarchie der beratenden Akteure zu beachten, denn regel mäßig finden sich in Beratungskontexten formelle wie informelle Hierarchien, in nerhalb derer spezifische Personen, die auch repräsentativ für eine Institution ste hen können, einen höheren oder niedrigeren Status hinsichtlich der Einflussmög lichkeiten auf den zentralen politischen Entscheidungsträger einnehmen als andere (Smith 1988; Prados 1991; Gaenslen 1992; Stern 1996; Stern/Sundelius 1997). Da bei ist der Einfluss eines Beraters umso größer, als je bedeutsamer er vom Ent scheidungsträger angesehen wird. Hierbei ist zudem zu beachten, dass bei der Bera tung des Entscheidungsträgers durch einen relativ gesehen wichtigeren Berater zu gleich auch dessen Informationen und Ratschläge von vornherein weniger kritisch durch den Entscheidungsträger begegnet wird. Nicht selten wird sogar ganz auf das Einholen weiterer Expertise durch dritte Berater verzichtet (Redd 2003: 343). Fer ner gilt es zu berücksichtigen, dass nicht zuletzt aufgrund der Logik der kognitiven Konsistenz Berater grundsätzlich Vorschläge unterbreiten, welche mit ihren Beliefs und Überzeugungen in Einklang stehen. Sie nehmen an, dass ihre Empfehlungen am besten dem nationalen Sicherheitsinteresse eines Staates im Kontext einer an stehenden außen- und sicherheitspolitischen Entscheidung dienen (Honig 2008: 224). Somit kommt es bereits an dieser Stelle zu einer Verzerrung. Gleichzeitig spielen aber auch Selbstwahrnehmung des Beraters sowie die Perzepti on seiner Positionierung innerhalb der möglichen anderen Berater sowie vis-a-vis dem Entscheidungsträger selbst innerhalb einer spezifischen Konstellation eine weitere wichtige Rolle. So beeinflusst die Selbstwahrnehmung der Berater deren 272 Grad an Flexibilität hinsichtlich der Wahl der Instrumente. Solange sie davon aus gehen können, dass sie hinsichtlich fachlicher Expertise, bürokratischem Einfluss oder tatsächlicher Macht über klare Vorteile verfügen, führt diese Überzeugung regelmäßig zur Annahme beim Berater, er könne den Entscheidungsträger damit zur vorgeschlagenen Entscheidung bringen, ohne echte Überzeugungsarbeit leisten oder ihn gar manipulieren zu müssen. Wenn allerdings diese (Macht-)Ressourcen nicht bestehen, wird regelmäßig auf Instrumente wie proaktive Überzeugungsarbeit oder gar bewusste Manipulation zurückgegriffen (Honig 2008: 237). Hierbei wird dann weniger die Sachfrage betont, sondern vor allem an die zentralen Überzeu gungen und Schemata des Entscheidungsträgers appelliert, wobei die Argumente so präsentiert werden, dass ganz spezifische kognitive Heuristiken ausgelöst werden (Jervis 1976: 304; Larson 1994). Zur Zielsetzung einer möglichst adäquaten Bera tung des Regierenden tritt zugleich auch die Zielsetzung des Erhalts des eigenen Einflusses hinzu (Calvert 1985; Maoz 1990; Honig 2008). Dies hat zur Folge, dass im Rahmen dieser konkurrierenden Motivationen auch die dargestellten psycholo gischen Mechanismen um solche aus dem Bereich der Rational Choice ergänzt werden. Dadurch werden die Beratungspositionen einerseits flexibler, andererseits zeigt sich dabei aber regelmäßig eine Tendenz hin zu weniger differenzierten und zugleich extremeren Positionen. Nicht selten wird dabei der unmittelbare eigene Erhalt von Einfluss höher bewertet als eine der Lage angemessene Beratung. Die kognitive Dissonanz in der Sachfrage ist somit geringer als die kognitive Dis sonanz hinsichtlich des Selbst und der für das Selbst zugedachten Rolle. Dies er klärt abweichend von Maoz (1990) oder Honig (2008) weshalb sich psychologi sches und Rational-Choice-Handeln nicht ausschließen, sondern situationsspezi fisch nebeneinander beziehungsweise ergänzend voneinander wirken. Wenn etwa der oben dargelegte Appell an das Belief System des Entscheidungsträgers etwa aufgrund der Konkurrenzsituation innerhalb des Beratungsstabes nicht möglich ist, wird der gezielte Aufbau von Informationsasymmetrien als Alternativstrategie ge wählt. In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls wichtig zu berücksichtigen, welche Faktoren genau zu einer Intensivierung der kompetitiven Dynamik innerhalb von Beraterstäben führen können. Ein wesentlicher Grund sind strukturelle Spannun gen zwischen solchen Beratern, die qua Funktion etwa an der Spitze der Ministerialbürokratie und solchen, die aufgrund von persönlichen Beziehungen zum Ent scheidungsträger als Berater fungieren. Eine solche Konstellation ist besonders problematisch, wenn Berater, die persönlich mit dem Entscheidungsträger verbun den sind, in die außen- und sicherheitspolitische Entscheidungsdomäne eindringen, die eigentlich als die Domäne von professionellen Beratern betrachtet wird und möglicherweise bis zur Berufung der auf persönlicher Ebene mit dem Entschei dungsträger verbundenen Berater von den professionellen Beratern dominiert war. Das gilt insbesondere dann, wenn die persönlichen Berater nicht über eine ver gleichbare formale Autorität oder gar über keine adäquate außen- und sicherheits politische Expertise verfügen (Honig 2008: 238). Ferner ist zu beachten, dass sich auch die Art der konkreten außen- beziehungsweise sicherheitspolitischen Frage 273 stellung selbst auf die Intensität des beschriebenen Wettbewerbs auswirken kann. Das trifft vor allem dann zu, wenn eine spezifische außenpolitische Fragestellung sehr unterschiedliche Implikationen auf den Gebieten der Innen- und der Außen politik aufweist. Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es zu sehr unter schiedlichen Handlungsempfehlungen der jeweils betroffenen Berater kommt, wo bei der Nutzen für die von ihnen repräsentierten Institutionen an erster Stelle ran giert und nicht notwendigerweise ein hiervon abweichendes nationales Sicherheits interesse und schon gar nicht das Interesse einer konkurrierende Institution, auch — und letztlich gerade dann — wenn deren Interesse dem nationalen Sicherheitsinte resse näher kommen sollte als die eigene Position (Honig 2008: 238). Dem Umstand, dass Berater insbesondere auch das Interesse der von ihnen reprä sentierten Institution vertreten, macht es zudem erforderlich, die grundsätzliche Dynamik des bürokratischen Apparates eines Landes bei der Analyse der zwischen staatlich relevanten Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Einen zu diesem Teilaspekt bietet das sogenannte Bureaucratic Policy Making Modell dar. Diese kann als Weiterentwicklung erster Überlegungen aus den 1950er und 1960er Jahren gesehen werden, welche darum bemüht waren, administrative Strukturen und Pro zesse als Faktor des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozesses zu berücksichtigen. Diese wurden von Politikwissenschaftlern wie Allison (1969, 1971, 1973, 1974, 1975 a, b) und Halperin (insbesondere 1974) aufgegriffen und zu einer zweiten Generation bürokratisch orientierter Erklärungsansätze für außen- und si cherheitspolitische Entscheidungen weiterentwickelt. Hierbei zielt das Bureaucratic Policy Making Modell darauf ab, die Präferenzen des bürokratischen Akteurs, seine Interaktion und die hierdurch erzielten Ergebnisse analytisch zu erfassen und zu bewerten. Dabei wird argumentiert, dass die Position eines Akteurs im bürokrati schen Gefüge maßgeblich dessen Präferenzen bestimmt (Allison/Zelikow 1999). Nimmt die die weiter oben dargelegten Erkenntnisse hinsichtlich Sozialisationser fahrungen und darauf basierenden Interpretationen von Struktur und Anderem hinzu, so lässt sich auf dem Argument des Bureaucratic Policy Making Modells ar gumentieren, dass die bürokratische Positionierung Wahrnehmung, Interpretation und Rekonstruktion beeinflusst. Präferenzen entstehen somit aus der Sozialisation und der darauf basierenden Interpretation der Position relativ zu anderen Akteuren im Kontext einer auf spezifische Weise bewerten Struktur. Die auf diese Weise in der Interaktion von individuellen Akteuren als Teil bürokratischer Strukturen wie auch dieser Strukturen als gleichsam eigenständig wirkende Akteure selbst entwi ckelten kollektiven Präferenzen treffen im Kontext des zwischenstaatlichen Ent scheidungsprozesses mit solchen aufeinander, welche andere an diesem Prozess beteiligten bürokratischen Akteure, etwa ein anderes Ministerium, entwickelt ha ben. Hierbei kommt es zu Aushandlungsprozessen, welche die letztlich erkennbare zwischenstaatliche Handlung ebenfalls beeinflussen. Beide sind bei der Analyse des Zustandekommens empirisch erkennbarer zwischenstaatlicher Entscheidungen zu berücksichtigen. Neben der Untersuchung der jeweiligen Identitäten in der oben dargelegten Weise, welche die Interpretation wie die Interessen zu erhellen vermö 274 gen, gilt es ferner den Aspekt der jeweiligen Verhandlungsmacht einzubeziehen, welche den einzelnen Akteuren auf formeller wie informeller Ebene zugebilligt wird. An dieser Stelle zeigt sich, dass formale Strukturen und formale Überlegen heit unter Umständen durch die Persönlichkeitsausprägungen des Repräsentanten einer eigentlich formal schwächeren konkurrierenden bürokratischen Einheit kom pensiert und somit konterkariert werden kann. Bei der Analyse des Einflusses, der seitens des bürokratischen Gefüges auf den zwischenstaatlichen Entscheidungsfin dungsprozess ausgeht, gilt es sowohl die jeweiligen Strukturen, Zuständigkeiten und formalen Machtverhältnisse mit den tatsächlichen Kompetenzen abzugleichen, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. Präzisieren lassen sich die Überlegun gen von Allison und Zelikow durch die von Whitford (2007: 222 f.) dargelegten Erklärungsansätze zur Entstehung bürokratischer Präferenzen. Dieser verweist et wa auf die Effekte der spezifischen (Verwaltungs-) Kultur, welche jeder bürokrati schen Organisation zu eigen ist, und die ihren Ausdruck in spezifischen Wertorien tierung, Tradition etc. findet, ferner mögliche führungsbezogenen Einschränkun gen, sowie nicht zuletzt die Zusammensetzung und Kompetenzen der Bedienste ten. Daneben sind aber auch Hierarchieausprägungen und in diesem Zusammen hang wiederum die einzelnen Führungsstile zu berücksichtigen. Das Zusammenwirkens von Entscheidungsträger, Berater und Bürokratie kann grob am Beispiel der US-amerikanischen China-Politik unter Präsident Bill Clinton illustriert werden. Dabei soll der Blick auf die Auseinandersetzung um die Frage, inwiefern die Entwicklung der chinesisch-amerikanischen Handelsbeziehungen an einen Fortschritt auf dem Gebiet der Menschenrechte in der Volksrepublik China gebunden werden müsse, gelenkt werden. Hintergrund der Entwicklung war die Entscheidung der damaligen Regierung unter George H.W. Bush., trotz dem Mas saker am Platz des Himmlischen Friedens in Beijing und dem davon ausgelösten politischen Druck im eigenen Land namentlich seitens des Kongresses, den Most- Favored-Nation-Status43 Chinas nicht an die Entwicklung der Menschenrechtssitu ation in China zu binden. 43 Nach dem Meistbegünstigungsprinzip oder der Meistbegünstigtenklausel (sogenanntes Most Favored Nation Prinzip, kurz MFN-Prinzip) müssen Handelsvorteile, die einem Vertragspartner gewährt werden, im Zuge der Gleichberechtigung allen Vertragspartnern gewährt werden. So soll es unmöglich werden, Handelsvergünstigungen nur einzelnen oder wenigen Staaten zu gewähren. Dieses Prinzip ist zusammen mit der so genannten Inländerbehandlung die wichtigste Grundlage aller Vertragswerke der Welthandelsorganisation WTO, worunter das Allgemeine Zoll- und Han delsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade, kurz GATT), das Dienstleistungsab kommen (General Agreement on Trade in Services, kurz GATS) sowie das Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums (Agreement on Trade-Related Aspects o f Intellectual Property Rights, kurz TRIPS) fallen. Zusammen m it der Reziprozitätsklausel bildet die Meistbegünsti gungsklausel das Grundprinzip des WTO-Rechts und ist somit das Kernelement der weltweiten Handelsliberalisierung. Die Bezeichnung Meistbegünstigungsklausel ist dabei ein wenig irrefüh rend. Sie gewährt keine besonderen Vorteile, sondern gewährt dem betreffenden Land nur die Behandlung nach den gleichen Zollvorschriften, die auch für alle anderen Länder gelten, mit de- 275 In seinem Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft kündigte Bill Clinton an, dies bei einer erfolgreichen Wahl tun zu wollen. Als gewählter Präsident indes war Bill Clinton schließlich der Ansicht, die Beziehungen zu China seien zu wichtig, um sie wegen der Menschenrechtsfrage zu gefährden (Dietrich 1999; Hyland 1999). Wie kam es zu diesem Wandel? Eine (Teil-)Erklärung kann auch hier mit Blick auf die Rolle der Berater Clintons gegeben werden (wobei zu beachten ist, dass die an deren Aspekte des Analysemodels an dieser Stelle hintangestellt werden, bei genau er Analyse jedoch der Logik der hier entwickelten Modells folgend unbedingt zu berücksichtigen sind). Zunächst einmal gilt es zu konstatieren, dass die scharfe Menschenrechtsrhetorik in Clintons Wahlkampf weniger eine tief sitzende Über zeugung Clintons reflektierte als einem wahltaktischen Kalkül geschuldet war. Das zeigt sich allein schon daran, dass Clinton unmittelbar nach seinem Amtsantritt die Frage des Handels mit China und die damit zusammenhängende Menschenrechts frage an nachgeordnete Ebenen der Ministerialbürokratie delegierte, ohne sich selbst weitergehend damit zu befassen (Hargrove 2008; Mitchell 2010: 644). Für Clinton die Thematik vor allem deswegen nach den Wahlen keine Rolle mehr, da er davon ausging, innenpolitisch damit keine Vorteile mehr erzielen zu können (Lampton 2001). Die Delegierung der Themen in die zuständigen Bereiche der M i nisterialbürokratie ohne eine signifikante Einmischung durch den Präsidenten als Letztentscheidungsträger in diesen Fragen führte — anders als von Clinton beab sichtigt (Rothkopf 2005) — zu einer Eigendynamik zunächst innerhalb zweier zent raler Ministerien, nämlich dem Außenamt und dem Handelsministerium. Eine ver gleichbare Entwicklung zeichnete sich vor dem Hintergrund des mangelnden Inte resses und der daraus resultierenden Einflussnahme des Präsidenten auch im Kon gress ab. Die Inaktivität Clintons in dieser Frage führte bei den jeweiligen Ministerialbürokratien wie auch den jeweiligen Interessenvertretern, die entweder für bedingungs lose oder aber durch an Menschenrechte gebundene Handelsbeziehungen mit Chi na eintraten, zur Überzeugung, dass die ihnen zugehörigen Berater auf unproble matische Weise und ohne Widerstände ihre Politik bei Clinton durchsetzen könn ten. Hierin folgten sie der oben dargelegten Logik des Bureaucratic Politics Models. Dieser zufolge sind Berater, welche spezifische Institutionen der Ministerialbüro kratie repräsentieren, darauf aus, den Entscheidungsträger von Beginn an zur Übernahme der auf der Weltsicht und den Interessen der eigenen Organisation be ruhenden Empfehlungen zu übernehmen. Eine frühe Fesdegung des Entschei dungsträgers in diese Richtung führt nämlich dazu, dass er zu späteren Zeitpunkten nicht mehr so ohne weiteres seinen eingeschlagenen Weg revidieren wird, insbe sondere dann, wenn er weiterhin intensiv den Argumenten ausgesetzt ist, diese also hoch salient sind. Da jeder der durch Clinton mit der Sachfrage betrauten Berater zunächst annahm, neben der überzeugenden fachlichen Expertise und dem eigenen nen normale Handelsbeziehungen unterhalten werden. Deswegen bedeutet die Verweigerung der Meistbegünstigung die Benachteiligung eines Landes. 276 bürokratischen Einfluss über die durch den Präsidenten delegierte Macht zu verfü gen, ging jedes Ministerium davon aus, Clinton zur vorgeschlagenen Entscheidung bringen, ohne echte Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Allerdings stellte sich heraus, dass die Experten des Außenministeriums andere Präferenzen hatten als diejenigen des Handelsministeriums, wobei jede Seite willens war, ihre Präferenzen auch durch den Präsidenten außenpolitisch verwirklicht zu sehen. Aus Sicht des von Warren Christopher geführten Außenministeriums sollte es Handel mit China nur geben, wenn die Menschenrechtssituation im Land nachhaltig verbessert würde (Harding 1994). Damit vertraten sie auch gewichtige Stimmen im Kongress, wie etwa die von Pelosi oder Mitchell. Der Nationale Wirtschaftsrat wie auch die Nati onalen Wirtschaftsberater Robert Rubin, Laura Tyson, Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater, Lloyd Bentsen vom Finanzministerium und schließlich Han delsminister Ron Brown indessen präferierten chinesisch-amerikanische Handels beziehungen unabhängig von der Frage der Menschenrechte (Dietrich 1999). Wie oben dargelegt, kann eine solche Konstellation zu einem gesteigerten Wettbewerb zwischen den Beratern oder Beratergruppen der Ministerialbürokratie und den dar aus erwachsenden Implikationen für den politischen Entscheidungsfindungspro zess führen, wobei der Nutzen für die von ihnen repräsentierten Institutionen an erster Stelle rangiert und nicht notwendigerweise ein hiervon abweichendes natio nales Sicherheitsinteresse und schon gar nicht das Interesse einer konkurrierende Institution, auch — und letztlich gerade dann — wenn deren Interesse dem nationa len Sicherheitsinteresse näher kommen sollte als die eigene Position. Dies tritt auch im betrachteten Fall deutlich zu Tage. Auf Seiten des Außenministe riums agierten neben Warren Christopher vor allem Sandy Berger, stellvertretende Nationale Sicherheitsberaterin, Winston Lord, einer der wenigen China Experten in der Clinton Regierung, und vor allem Anthony Lake, der sehr selbstsicher und ei genständig die Interessen des Außenministeriums vorantrieb, ohne den Dialog oder gar Kompromisse mit dem Nationalen Wirtschaftsrat oder dem Handelsministeri um zu suchen. In einer solchen Situation gestiegenen Wettbewerbs kommt es re gelmäßig zu Rückgriffen auf psychologische Instrumente, so etwa den Versuch, eine Handlungsalternative so zu formulieren, dass sie den grundlegenden Werthal tungen und Überzeugungen des Entscheidungsträgers entspricht. Dies geschah auch im vorliegenden Fall, wo die Vertreter der Forderung eines von Menschen rechtsfragen entkoppelten Handels sich bemühten, ihre Präferenz Clinton gegen über als einzige Möglichkeit der von Clinton als Herzenssache verfolgten globalen Ausdehnung von Handel und ökonomischer Interdependenz („It’s the Economy, Stupid“) zu präsentieren. Diese im Sinne des strategischen Framing präsentierte Darstellung des Sachverhaltes konnte Clinton in der Tat positiv für diese Sichtweise beeinflussen, was zur Verschiebung der Verhandlungsmacht im Wettbewerb der Berater zu Lasten der Vertrete des Außenministeriums führte (Mann 1999). Das allein hätte aber möglicherweise nicht gereicht, Clinton zu einer endgültigen Ent scheidung zu bewegen. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig der Blick auch über die Betrachtung von Einzelargumenten und spezifischer Faktoren hinaus ist. 277 So spielte etwa der Faktor eines sich verändernden Aspekts der strukturellen Kons tellation eine wichtige Rolle, nämlich die wachsende Atomkrise in Nordkorea. Vor diesem Hintergrund veränderte sich die strategische Bedeutung Chinas, sodass ins besondere das US-Verteidigungsministerium darauf verwies, dass eine Entkoppe lung des Handels von der Menschenrechtsfrage eine Möglichkeit sei, China in der angespannten Situation in der Region nicht gegen sich aufzubringen (Garrison 2005). An dieser Stelle tritt auch deutlich die Bedeutung der auf Maslow basieren den Hierarchie des nationalen Sicherheitsbedürfnisses zutage, das in Kapitel 6 aus führlich behandelt wird. Dort nämlich zeigt sich, dass die vom Pentagon angespro chene grundlegender Bedürfnisebene von Sicherheit im Konkurrenzfall schwerer wiegt als die höher stehende ideelle Ebene. Doch nicht nur dieser konstellations spezifische Faktor sollte entscheidungsbeeinflussend werden. Auch die gescheiterte diplomatische Mission Warren Christophers nach China, wo er für seine Idee wer ben wollte, sollte sich als gescheitert erweisen, einerseits, weil China das Ansinnen als unbotmäßige Einmischung in innere Angelegenheiten betrachtete und zum an deren weil ihm in den USA seitens der Wirtschaft vorgeworfen wurde, durch über triebene Menschenrechtsanstrengungen die amerikanische Ökonomie zu gefähr den, ohne dass die Menschenrechtsfrage in irgendeiner Form befördert würde. Hierdurch kam es zu einer Desillusionierung der Menschenrechtsbefürworter und damit einhergehend einer weiteren Schwächung der Position des Außenministeri ums. In dieser Situation nutzten die Berater, welche den bedingungslosen Handel mit China anstrebten im Sinne einer Rational-Choice-Entscheidung, die Gunst der Stunde uns gingen eine Allianz mit dem Verteidigungsministerium ein. Das grund legendste Argument der physischen Sicherheit der Vereinigten Staaten wurde somit mit dem nahezu ebenso grundlegenden Argument der materiell-ökonomischen Si cherheit zusammengebracht, sodass — abermals aus Sicht der Logik der Sicher heitshierarchie (siehe Kapitel 5) die Ebene der ideationalen Sicherheit als weichste Ebene nun gänzlich ohne Chance auf Realisierung war. Gänzlich besiegelt wurde deren Schicksal schließlich, als sich Clinton, der sich, nachdem er bei diesem The ma gleichsam durchgängig auf ein starkes Führungsmodell gegenüber seinen Bera tern verzichtet hatte, zwischen den Fronten seiner Berater sah, mit Henry Kissinger und Jimmy Carter auf zwei sehr namhafte Experten außerhalb der Regierung zu rückgriff. In diesem Zusammenhang sei nochmals an die bereits im vorangegange nen Fallbeispiel erwähnten Logik namhafter Berater erinnert, deren Präsenz regel mäßig zu einer nahezu unbesehenen Übernahme ihrer Vorschläge führt. Nachdem sich beide Berater zugunsten einer Entkoppelung von Handel und Menschen rechtsfrage ausgesprochen hatten, stand die Entscheidung Clintons fest. Ein weiteres sehr gut zur Illustration spezifischer Aspekte der Dynamiken, die sich zwischen Beratern, Ministerialbürokratie und Entscheidungsträger abspielen, geeig netes Beispiel kann im Prozess der Politikformulierung seitens der Truman- Regierung in der Palästinafrage zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 gesehen werden. Hierbei lassen sich Ablauf, Strategien und Implikation der Auseinandersetzung von Beratern in 278 einem sehr konkurrenzbetonten Beratungsumfeld bei nahezu idealen Bedingungen aufzeigen, etwa, weil Präsident Truman sich noch für keine bereits feststehende Richtung, in die eine Politikentscheidung gehen sollte, entschieden hatte und dem zufolge offen sowohl für eine tendenziell pro-zionistische wie auch pro-arabische Ausrichtung seiner Palästinapolitik war (Honig 2008). Dieser Umstand hat aus ana lytischer Sicht den Vorteil, dass die Wirkung spezifischer Strategien leichter er kennbar wird. Dies gilt umso mehr, da die Frage der Palästina-Politik als von eher geringer Bedeutung im Gesamtbild des nationalen Sicherheitsinteresses der Verei nigten Staaten angesehen wurde, sodass die Entscheidungen, die Truman schließ lich traf, nicht primär durch den strategischen Kontext, also die spezifische histori sche Konstellation, beeinflusst wurden, sondern tatsächlich durch die Beratung, welche sich, wie gleich gezeigt wird, auf eine sehr spezifische Weise gestaltete. Da es sich bei der Entwicklung der US-amerikanischen Palästinapolitik unter Truman um einen sequentiellen Entscheidungsfindungsprozess handelte, der sich als eine Vielzahl von kleinen, spezifischen Entscheidungen darstellte, lässt sich besonders gut erkennen, wie die oben theoretisch dargelegten Aspekte in der Praxis funktio nieren und wie genau die Berater ihre Strategien reaktiv innerhalb der unterschiedli chen Runden der Auseinandersetzungen zwischen den Beratern anpassen. Insgesamt lassen sich dabei vier aufeinanderfolgende Phasen der Auseinanderset zung der Berater um die richtige Politik der USA in der Palästina-Frage feststellen: Während es zunächst um den grundsätzlichen Umgang mit Palästina und damit verbunden die Frage der Immigration jüdischer Flüchtlinge ging, schloss sich bald die Diskussion um die geeignete politische Strategie in der Region in Reaktion auf den UNSCOP44-Bericht an. Diese Debatte wurde gefolgt von einer Phase der Aus einandersetzung um die Abkehr von der Unterstützung der Teilung Palästinas, der sich schließlich der Diskurs um eine sofortige Anerkennung des Staates Israels an schloss. Welche politischen Entscheidungen entwickelten sich konkret aus diesen kompetitiven Auseinandersetzungen der Berater und wie genau ging diese Entwick lung vonstatten? Wie angedeutet, ging es zunächst um die Immigration jüdischer Flüchtlinge aus Europa nach Palästina und die Frage, wie damit mit Blick auf einen Gesamtplan für die Region mit diesen verfahren werden solle. Aus Sicht des USamerikanischen Außenministeriums musste Truman von jeglichem Kurs abge bracht werden, der gegen die Interessen der arabischen Seite gerichtet sein würde. Die Handlungsempfehlung seitens des Außenamtes an Truman ging somit in die Richtung, sich gegen eine Massenimmigration von Juden nach Palästina einzuset zen, da eine solche aus Sicht des State Department zu einem Anstieg der Gewalt in der Region führen würde, was nicht im langfristigen Interesse Washingtons sei (Acheson 1969: 169). Aus Sicht des US-Außenministeriums war die Gefährdung amerikanischer Sicherheitsinteressen durch die erwartete arabische Reaktion auf eine jüdische Masseneinwanderung höher einzuschätzen als durch Juden, die nicht in einem einheitlichen jüdischen Land untergebracht werden könnten (Honig 2008: United Nations Special Commission on Palestine 279 228; Truman 1956: 140). Die Darbringung der Argumente gegenüber dem ameri kanischen Präsidenten als Entscheidungsträger erfolgte innerhalb der Logik des Bureaucratic Policy Making. Die auf persönlicher Ebene mit dem Präsidenten verbundenen Berater im Weißen Haus vertraten indessen eine alternative Sicht hinsichtlich der jüdischen Einwande rung nach Palästina. Anders als den Vertretern des Außenamtes, denen die regiona len und internationalen Turbulenzen, welche aus der Palästinafrage erwachsen könnten, bewusst waren, und welche die Nachkriegsrolle der USA nicht gefährdet sehen wollten, fokussierten die Berater im Weißen Haus vor allem auf innenpoliti sche Aspekte und die nationale Stärkung des Präsidenten beziehungsweise der De mokratischen Partei. Für die Berater im Weißen Haus stellte sich daher die Frage, wie sie die auf die unbestrittene außen- und sicherheitspolitische Kompetenz des Außenamtes überwinden könnten. Entsprechend der oben dargelegten theoreti schen Überlegungen hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Strategien wählten auch die Berater im Weißen Haus psychologische Argumente, welche genau auf die Beliefs und Mind Frames des Präsidenten zielten, um die Empfehlungen der Bera ter des State Department zu neutralisieren. Zudem folgten sie dem Ansatz, das bü rokratische Fachwissen des Außenamtes durch die Hinzuziehung von Fachkompe tenz von Komitees außerhalb der Regierung zu relativieren und so die eigene Posi tion zu verbessern. Vor diesem Hintergrund wurde der Rechtsprofessor Earl Harrison als Experte eingeladen, die Bedingungen der jüdischen Flüchtlinge in Europa zu untersuchen. Dieser legte das erwünschte Ergebnis vor, indem er empfahl, dass 100.000 Juden unverzüglich die Zuwanderung nach Palästina ermöglicht werden müsse. Die Berater legten dabei nicht nur Zahlen vor, sondern illustrierten diese — ebenfalls einem psychologisch orientierten Ansatz folgend — mit plastischen Be richten des Holocaust und seiner Folgen für die Flüchtenden sowie deren aktuelle Lebensbedingungen, was Präsident Truman plangemäß tief bewegte (Honig 2008: 227 f.). Diesen durch den Einsatz psychologischer Strategien errungene Sieg ge genüber dem Außenministerium wussten die Berater im Weißen Haus zudem ge schickt auszubauen, indem sie aufzeigten, dass diese emotionale Bewegtheit, die Truman für das Thema der jüdischen Flüchtenden empfunden habe, sich auch zu gunsten der im Wahlkampf befindlichen Senatoren und Kongressabgeordneten der eigenen Demokratischen Partei nutzbar machen lassen könne (Honig 2008: 229 f.). Ein geplanter Auftritt des New Yorker Gouverneurs Thomas Dewey und zugleich prominenten Führers der Republikanischen Partei, auf dem dieser Sich zugunsten der jüdischen Sache aussprechen wollte, wurde von den Beratern im Weißen Haus genutzt, um Truman tiefer in ihren Plan einzubinden. Unter dem emotionalen Ein druck der im strategischen Frame der tragischen Situation der Holocaust Uberlebenden präsentierten Palästina-Frage verbunden mit dem aufgebauten Druck, dem politischen Konkurrenten Dewey beim Werben um die wichtigen jüdi schen Wähler in New York zuvorzukommen, sprach sich Truman schließlich am 4. Oktober 1946, dem Vorabend von Yom Kippur, zu Gunsten der Zuwanderung von 100.000 Juden nach Palästina aus. 280 Die gegen die Berater des Weißen Hauses gerichtete Strategie erwies sich somit zu nächst als erfolgreich. Allerdings konnte die Stellungnahme zugunsten der jüdi schen Einwanderung das innenpolitische Ziel der Berater im Weißen Haus nicht erreichen: John Dewey fuhr in New York einen Erdrutschsieg ein. Doch nicht nur diese Niederlage schwächte die Position der Berater im Weißen Haus gegenüber denen im Außenministerium. Ein wichtiger Grund ist auch hier wieder jenseits der unmittelbaren Logiken von Bürokratie und Beraterwesen zu suchen. Vielmehr wa ren es, wie in anderen zuvor geschilderten Beispielen, Veränderungen in der glo balhistorischen Konstellation. Spätestens im Herbst 1947 wurde das Anbrechen der Ära eines Kalten Krieges manifest. Aus Sicht des US-Außenministeriums wurde es somit unumgänglich, alles daran zu setzen, sich nicht auch noch in Ereignisse jen seits Europas hineinziehen zu lassen. Just in dieser Situation erschien der UN- SCOP-Bericht, welcher empfahl, dass das Mandat Großbritanniens in Palästina un verzüglich beendet und Palästina in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabi schen, geteilt werden solle. Dieser Vorschlag wurde von jüdischer Seite unterstützt, während die arabische Seite ihn ablehnte. Sollte der Plan dennoch realisiert werden, so war abzusehen, dass es von arabischer Seite erheblichen gewaltsamen Wider stand geben würde, was ein tatsächliches Durchsetzen der Teilung zu einem sehr aufwändigen militärischen Unterfangen machen würde, gegen welches sich das Au ßenministerium entschieden positionierte. Aus Sicht der Berater des Weißen Hauses, welche als konsequente Fortsetzung der Immigrationspolitik die Schaffung eines jüdischen Staates aus einem geteilten Paläs tina heraus realisiert wissen wollten, stellte sich die Lage somit als erneute schwieri ge Herausforderung im Kampf der Berater um den Einfluss auf den amerikani schen Präsidenten dar. Dies gilt umso mehr, da sich bereits im Sommer 1947 ab zeichnete, dass Truman selbst eher der Idee eines geeinten Palästina gewogen war und somit den Argumenten des State Department folgte. Da klar war, dass die ent scheidenden Diskussionen in der Frage der Teilung Palästinas in den Vereinten Na tionen geführt werden würden, waren die Vertreter beider Sichtweisen bestrebt, so viele Vertreter ihrer jeweiligen Richtung in die Reihen der US-Delegation bei den Vereinten Nationen einzuführen. Da die Delegation naturgemäß vom Außenamt und somit einer kritischen Haltung gegenüber einer Teilung Palästinas dominiert wurde, da eine solche Ruf und Einfluss der USA in der arabischen Welt nachhaltig beschädigt würden, zumal absehbar war, dass zu Umsetzung des Teilungsplans die USA gleichsam automatisch von der UN herangezogen würden, verlegten sich die Berater des Weißen Hauses erneut auf eine psychologische Strategie, indem sie Ge neral John Hildring als Delegierten auserwählten, der bereits im Vorfeld seine über aus wohlwollende Haltung für die jüdische Sache unter Beweis gestellt hatte, und diesen Truman gegenüber als unbedingt notwendige Wahl vermittelten, wenn er in irgendeiner Form vermeiden wollte als Feind der Juden dazustehen, was durch eine weiterhin nicht ausbalancierte Haltung des Außenamtes gleichsam unvermeidlich werde. 281 Die psychologische Strategie auf einer Rational-Choice-Basis weiterführend, gelang es den Beratern des Weißen Hauses schließlich, die gegen eine Schwächung der USA in der arabischen Welt gerichtete Strategie als anti-zionistisch und antisemi tisch zu framen und, um einen leichteren konkreten Angriffspunkt in Form eines individualisierten Feindbildes zu schaffen, in Form des Delegationsmitglieds Henderson vom State Department zu personalisieren. Da Henderson, der als wich tigster Konkurrent bei der Einflussnahme auf die Entscheidungen Trumans galt, angesichts der regional- und globalpolitischen Konstellation nur bedingt mit Sachargumenten entgegenzutreten war, setzten die Berater des Weißen Hauses darauf, ihn auf persönlicher Ebene durch besagt Antisemitismus- und Antizionismus Vorwürfe zu diskreditieren. Auch diese auf emotionaler statt auf sachlicher Ebene angelegte Strategie erwies sich bei Truman, der selbst weitestgehend kenntnislos in Frage des Nahen Ostens und der für die Region und darüber hinaus relevanten in ternationalen Beziehungen war, als wirkungsvoll: Er unterstützte den Teilungsplan. Entgegen der sachlichen Empfehlungen und Warnungen der Experten des Au ßenministeriums folgte Truman den emotional aufgeladenen ,Argumenten‘ und setzte auf fast schon naive Weise seine Hoffnungen darauf, dass der UNSCOP Tei lungsplan dazu führen werde, dass es zu keinen Gewalttätigkeiten kommen und sich gleichsam umgehend eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Arabern einstellen werde, sodass für die USA keine Notwendigkeit bestehe, in irgendeiner Form in diesem Zusammenhang tätig zu werden (Truman 1956: 156). Wie trügerisch diese Einschätzung Trumans war, sollte sich spätestens dann zeigen, als die arabische Seite erfuhr, dass der Teilungsplan vorsah, dass der künftige jüdi sche Staat die Negev zugeschlagen bekommen sollte und entsprechend aggressiv reagierte. Um die erwarteten und im Vorfeld ja hinlänglich prognostizierten Folgen, welche die Entscheidung Trumans, der sich nicht an den Empfehlungen des Au ßenamtes orientiert hatte, haben würde, wenigstens im Sinne des amerikanischen nationalen Sicherheitsinteresses abzumildern, schlug die vom State Department dominierte US-Delegation vor, die gesamte Negev statt dem künftigen jüdischen dem künftigen arabischen Staat zuzuschlagen. Weder Truman und schon gar nicht die Berater im Weißen Haus, die Truman in Richtung Teilungsplan beeinflussten, waren von diesem Alleingang des US-Außenministeriums, der ganz in der Logik des Bureaucratic Policy Making stand, sehr angetan. Getrieben von diesen Beratern, nahm Truman ein Treffen mit Chaim Weizmann, dem Führer der Zionistischen Bewegung, wahr, das von den Beratern im Weißen Haus organisiert worden war, um abermals die emotionale Zugänglichkeit Trumans politisch für ihre Zwecke zu nutzen. An dieser Stelle zeigt sich nicht nur der abermalige Erfolg des psychologi schen Ansatzes bei der Beeinflussung eines politischen Führers mit der Persönlich keitsstruktur eines Truman, sondern zudem der ebenfalls oben geschilderte Effekt der großen Bedeutung des Einflusses, den der vor einer Entscheidung letzte Bera ter auf das Handeln des Entscheidungsträgers ausübt. Denn unmittelbar nach dem Gespräch mit Weizmann stand die Abstimmung über die Frage der Negev an, und Truman ordnete an, dass die Delegation ihre Position ändern und für die Zuschla- 282 gung der Negev zum jüdischen Staat stimmen müsse (Honig 2008: 231 f.). Mit der von ihnen gewählten Strategie gelang es den Beratern des Weißen Hauses, zentrale außenpolitische Entscheidungen von Präsident Truman in eine spezifische, von ihnen vorgegebene Richtung, zu bewegen. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass es schließlich zu einer Revision der Unterstützung des Teilungsplanes durch die Truman-Regierung kam und das US-Außenministerium Truman zu zwei zentralen außenpolitischen Ent scheidungen in die vom State Department empfohlene Richtung bewegen konnte. Hierbei handelt es sich einerseits um die Forderung nach einem Waffenembargo und andererseits um die Idee einer Treuhandverwaltung (trusteeshiß) Palästinas. An gesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, wie es den Beratern des Außenminis teriums gelingen konnte, nach zwei Niederlagen gegenüber den Beratern des Wei ßen Hauses Truman nun von einer Entscheidung zugunsten einer gegenteiligen Politikausrichtung zu überzeugen. Die Antwort hierauf lautet: Im Prinzip auf die gleiche Weise, die zuvor erfolgreich von den Beratern des Weißen Hauses ange wendet worden ist, nämlich durch die Anwendung einer psychologischen Strategie in Verbindung mit einem prominenten externen Experten in Form von General Marshall, der die Palästina Problematik im strategischen Frame einer humanitären Katastrophe schilderte und dabei sowohl die emotionale Seite als auch die Kernbeliefs Trumans traf. Der konkrete Sachverhalt um den es ging war der Vorschlag eines Exportverbotes für US-Waffen in den Nahen Osten, der allein dazu geeignet sei, den sich abzeichnenden Bürgerkrieg in der Region zum Wohle der Menschen in der Region zu entschärfen und zugleich zu verhindern, dass amerikanische Truppen in diesen eingreifen müssten, ein Szenario vor dem Truman sichtlich Angst hatte. Mit der Entscheidung Trumans zugunsten des Embargos wurde zu gleich das vom Außenamt anvisierte Ziel einer neutralen Haltung der USA im Pa lästina-Konflikt erreicht, welches die Gefahr, in einen Konflikt im Nahen Osten hineingezogen zu werden, deutlich verringerte (Honig 2008 233). Als geeignete Al ternative zu einem US-amerikanischen Engagement im Nahen Osten wie auch zur Teilung Palästinas generell sah das Außenministerium und insbesondere dessen Repräsentant Henderson die Möglichkeit einer temporären treuhänderischen Ver waltung Palästinas durch die bisherige Mandatsmacht Großbritannien. Dieser stand jedoch noch die offizielle Politik Trumans zugunsten einer Teilung Palästinas ent gegen. Allerdings war sich Henderson bewusst, dass die Entscheidung zugunsten einer Teilung vom 29. November zu erheblichen Zusammenstößen zwischenjuden und Arabern führen würde, sodass die geplante Teilung, wie vom Außenministeri um prognostiziert, nicht ohne weiteres durchzuführen war. Hinzu trat ein weiterer Faktor, der eine Argumentation im Sinne der amerikanischen nationalen Sicher heitsinteressen plausibel machte. So war im Winter 1947/1948 vor dem Hinter grund des Marshall-Plans die Bedeutung von Ol aus dem Nahen Ostens für den europäischen Wiederaufbau signifikant gewachsen (Spiegel 1985: 30). 283 Zu jener Zeit war die Beratergruppe im Weißen Haus aufgrund diverser Faktoren, allen voran der längerfristigen Erkrankung der wichtigsten Beraters Niles sowie weiterer personeller Einschränkungen, erheblich geschwächt, was es den Beratern aus dem amerikanischen Außenministerium leichter machte, Truman zu beeinflus sen (Honig 2008: 235). Aufgrund der zunächst weggefallenen Konkurrenz seitens der Berater im Weißen Haus konnte das State Department völlig den Erwartungen des Bureaucratic Policy Making entsprechend seine Expertise voll ausspielen und den Präsidenten mit komplexen legalistischen Argumenten des aus dem Bereich des internationalen Rechts ,überzeugen‘, wobei es eher die dramatisierende Darstel lung des auf diese Weise geframeten Sachverhaltes war als die tatsächliche Kraft des materiellen Gehaltes. Dennoch gelang es den Beratern des State Departments, dass Truman schließlich der Überzeugung war, dass eine Treuhandverwaltung nicht zugleich auch das Ende des Plans zu einer Teilung Palästinas sei (Honig 2008: 233 f.). Wenig überraschend zeigten sich die Berater im Weißen Haus über diese Ent wicklung verärgert und in der Folge verhärteten sich die Fronten zwischen diesen und den Beratern des Außenministeriums in einer Form, die sich zunehmend auch auf der persönlichen Ebene entluden. Zugleich setzten die Berater alles daran, den aus ihrer Sicht entstandenen Schaden gut zu machen und insbesondere Truman klar zu machen, dass seine Entscheidung letztlich nichts Anderes bedeute als das Ende des Teilungsplanes und somit eines eigenständigen jüdischen Staates. Truman sah sich hin- und hergerissen zwischen den Empfehlungen der Berater. Clifford als Vertreter der Beratergruppe des Weißen Hauses versuchte Truman dazu zu bewe gen, öffentlich zu verkünden, dass die USA den jüdischen Staat am 13. Mai aner kennen würden, also dem Tag bevor das Britische Mandat beendet werden sollte. Truman war dieser Idee zwar nicht grundsätzlich abgeneigt, wandte sich jedoch an Marshall, den zentralen Berater auf Seiten des State Department, um dessen Sicht weise zu erfahren. Clifford glaubte zunächst, sich auf seinen direkten und informel len Zugang zum Präsidenten als hinreichend zu dessen Beeinflussung verlassen zu können, und so das Ziel zu erreichen, das Außenministerium auszuschalten, jedoch unterschätzte er Marshalls Einfluss auf Truman. Als er diesen erkannte, war er be müht, erneut mithilfe der psychologischen Strategie die Kern-Beliefs und Emotio nen von Truman und Marshall zu treffen; allerdings funktionierte das bei Marshall nicht und dieser setzte seine volle fachliche Expertise in einer Art und Weise dage gen, bei der Clifford nicht mithalten konnte. Insbesondere konnte Marshall als ehemaliger General seine militärische Erfahrung und sein sicherheitspolitisches Knowhow voll ausspielen und gegen das Teilungsargument anbringen, dass der jüdische Staat von den deutlich stärkeren arabischen Nachbarn überwältigt werden würde, was letztlich zwangsläufig zur militärischen Involvierung der Vereinigten Staaten im Nahen Osten führen werde, die es um jeden Preis zu vermeiden gelte, was auch an Trumans Überzeugung appellierte (Honig 2008: 235; Clifford 1991: 10-12). Auch wenn Truman sich diesem Argument nicht verschließen konnte, blieb ihm schließlich nichts Anderes übrig, als die Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 zu akzeptieren (McCullough 1992: 595-598). Speziell die Erklärung für 284 dieses Handeln lässt sich nicht mehr unter alleinigen Rückgriff auf die Logiken von Verwaltungsbürokratie und Beraterstäbe machen. Vielmehr ist hier das Zusammen spiel an Erklärungsfaktoren erforderlich, wie sie im hier erarbeiteten Analysemodell angestrebt wird. Nichtsdestoweniger hat sich gezeigt, dass auch die Betrachtung sowohl der speziellen individuellen und Kleingruppendynamiken der Berater wie auch der des bürokratischen Apparates, sei es des spezifisch für die Außen- und Sicherheitspolitik zuständigen als auch derjenigen, die anderen Ressorts zugeordnet sind, aufgrund ihres erheblichen potenziellen Einflusses auf zwischenstaatliche Entscheidungen, ein wesentliche Element eines Modells zur Analyse zwischenstaat lichen Handelns sein muss, wobei stets die Interaktion sowohl innerhalb dieser Ak teure (inklusive des Entscheidungsträgers und dessen spezifischer psychologischer Binnenstruktur) als auch weiterer Faktoren (etwa konstellationsspezifischer Aspek te) erfolgen muss. Nicht zuletzt aber gilt es, auch die kollektive Identität des kom plexen Akteurs Staat als Einflussgröße bei der Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens zu berücksichtigen. 4.5 Kollektive Identität: Wesen und Selbstverständnis von Gesellschaft und Nation Möchte man sich mit der Wirkung kollektiver Identität als Faktor im zwischenstaat lichen Entscheidungsprozess auseinandersetzen, ist es zunächst erforderlich, sich mit Entstehung und Wesen des kollektiven Gedächtnisses45 auseinanderzusetzen. Hierbei lassen sich zwei unterschiedliche Konzepte ausmachen, nämlich einerseits die kollektive Erinnerung als sozialer Rahmen der einzelnen individuellen Ge dächtnisse, was auf Aspekte wie Identitäten, und Zugehörigkeiten verweist, die beim Individuum dazu beitragen, bestimmte Erinnerungen und Erfahrungen auf eine bestimmte Weise festzuhalten, und andererseits ein kollektives Gedächtnis sui generis im Sinne von Repräsentationen, die speziell dem Kollektiv zu eigen sind. Trotz erkennbarem Bedeutungsgewinn der individuellen wie kollektiven Erinne rungsforschung in den Sozialwissenschaften (etwa Soziologie, siehe etwa Schuman Statt der Bezeichnung kollektives Gedächtnis lassen sich auch folgende Bezeichnungen im Schrifttum finden: Soziales Gedächtnis (social memory; Fentress/Wickham 1992), kol lektive Erinnerung (collective remembrance; Winter/Sivan); popular history making (Rosenzweig/Thelen 1998) sowie nationales Gedächtnis, öffentliches Gedächtnis, öffnentliche Erinnerung (etwa Gedi/Elam 1996); vgl hierzu auch Kantsteiner 2000. Zur Nach zeichnung des Diskurses sind zudem folgende Werke interessant: Baker 1985, Davis/Starn 1989, Fentress/Wickham 1992, Funkenstein 1989, Hamilton 1993, Healy 1993, Irwin-Zarecka 1994, Kammen 1991, Nora (1984-1992), Lowenthal 1985, Samuel 1994, Butler 1989, Connerton 1989, Cohen 1994. Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept siehe zudem Glick/Robbins 1998, Thelen 1989, Kammen 1995 Zelizer 1995; Olick 1999. 285 et al. 2005; Geschichte, siehe etwa Novick 1999; Anthropologie, siehe etwa Cole 2001; Psychologie (siehe etwa Pennebaker et al. 1997) — Kantsteiner (2002: 179) spricht sogar von einer „memory wave in the humanities“ — existieren bislang nur sehr bedingt hinreichende Konzeptualisierungen, um kollektive Erinnerung sauber von individueller zu unterscheiden. Ferner mangelt es häufig an der kritischen Re flexion und Analyse der Einflüsse der soziologischen Basis der Entstehung kollek tiver Erinnerungen, und vor allem fehlt eine Darlegung des Prozesses der Perzepti on und Konstruktion der Repräsentation bislang nahezu vollständig. Zwar existie ren zu einzelnen Aspekten wissenschaftliche Untersuchungen (etwa Buck-Morss 1989, Olick/Robins 1998; Bakhurst 1990; Schwartz 1996), jedoch geht von diesen regelmäßig nicht der Versuch aus, einen weiterführenden Gesamtansatz zu entwi ckeln. Was die Internationalen Beziehungen anbelangt, so existiert dort nur eine begrenzte Zahl an Studien, welche sich detailliert mit der Sozialisation von Staaten befasst (etwa Ikenberry/Kupchan 1990; Armstrong 1996; Resende-Santos 1996; Finnemore/Sikkink 1998; Schimmelfennig 2000; Johnston 2001; Thies 2003; Wendt 2004), sodass es sich anbietet, für einen Ansatz der Entscheidungsanalyse entsprechend geeignete Konzepte der Psychologie in die Internationalen Beziehun gen zu integrieren. Dort wurde von Lazarus sowie Steinthal und Wundt ausgehend die sogenannte Völkerpsychologie entwickelt (Jahoda 1992), die nach einer un rühmlichen Phase des rassisch-ideologischen Missbrauchs, als Kollektive Psycholo gie moderne, ideologieferne Ansätze entwickeln konnte, um auf kollektive Phäno mene innerhalb von Großgruppen wie Staaten, Nationen und Gesellschaften zu analysieren (Cole 1996; Castro-Tejerina/Rosa 2007). Somit stellt die Kollektive Psychologie heute den Forschungsbereich der Psycholo gie dar, welcher auf interdisziplinäre Weise bestrebt ist, Psyche und Kultur als Ein heit zu untersuchen. Somit bietet es sich an, Erkenntnisse der Psychologie mit grundlegenden Einsichten der Soziologie und insbesondere des Symbolischen In teraktionismus zusammenzuführen, um Prozess und Wirkung kollektiver Sozialisa tion in Hinblick auf die Theoriefortbildung und Analyseschemaentwicklung zu fas sen (vgl. hierzu etwa Checkel 2005). Auf diese Weise lässt sich insbesondere der Internalisierungsprozess von Normen nachzeichnen, der etwa einen Wandel in den inneren Handlungslogiken von konsequenzgeleitet hin zu angepasst erklärt (Che ckel 2005). In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung zwischen der Typ-I-Internalisierung (beziehungsweise auch Typ-I-Sozialisierung) und der Typ-II- Sozialisierung (beziehungsweise auch Typ-II-Sozialisierung) hilfreich, welche insbe sondere auch mit Blick auf die Wahrnehmung und Interpretation der Systemstruk tur und ihrer spezifischen Ausprägung eine Rolle spielt. Während die Typ-I- Internalisierung lediglich auf die Internalisierung einer Rolle verweist, mit deren Hilfe die Anpassung an die Normen erfolgt, reflektiert die Typ-II-Internalisierung zudem eine grundlegende Übereinstimmung mit den Normen, sodass die resultie rende soziale Rolle weniger eine gespielte Notwendigkeit als vielmehr ein tatsäch lich gelebter Ausdruck innerer Überzeugung ist (vgl. etwa Checkel 2005). Die Internalisierungvon Normen auf kollektiver Ebene findet sich auch bei Wendt (2004: 286 269-278) in ähnlicher Form. Dieser differenziert zwischen drei Internalisierungsstu fen kultureller Normen, was sich jeweils nachhaltig auf das Wesen und die Wir kungslogik der von ihm postulierten Anarchiearten (hobbesianisch, lockeanisch, kantianisch) auswirkt. Werde eine kulturelle Norm bis zum ersten Grad internalisiert, so wisse der Akteur zwar, was die Norm besage, jedoch befolge er sie nur, weil er durch exogene Gründe dazu gezwungen werde. Indes habe er keinerlei Motivation aus sich selbst heraus, sein Handeln an der Norm zu orientieren. Insbesondere denke er nicht, dass das Befolgen der Norm in seinem eigenen Interesse liege, was beim %weiten Grad der Internalisierung der Fall ist. Erst im dritten Grad befolge der Akteur eine kulturelle Norm auf Grundlage ihrer Anerkennung als legitim. Hierbei überwinde der Akteur die Dichotomie von Selbst und Anderem und integriert den Anderen gleichsam in das eigene Selbst “In the Third Degree case actors identify with others' expectations, relating to them as a part of themselves. The Other is now inside the cognitive boundary o f the Self, constituting who it sees itself as in relation to the Other, its ‘M e.’” (Wendt 2004: 272f.). Kollektive Identität leitet sich aber regelmäßig auch aus der Abgrenzung vom signi fikanten Anderen ab, wie sich anhand sozialpsychologische Konzepte wie der Ingroup-Solidarität und des Ingroup-Favoritism aufzeigen lässt (Campbell 1992). Wendt (2004 [1999]: 276), der in seiner Argumentation ebenfalls auch Mercer (1995) zu rückgreift, beschreibt die Wirkung jenes Mechanismus: “ [T]he members o f states tend to compare their group favorably to other states in order to enhance their self-esteem, and [ ...] this predisposes states to define their interests in egoistic terms. It is important to emphasize that this ‘in-group bias’ does not in itself imply aggression or enmity but it does provide a cognitive resource for such behavior. I f a shared understanding exists that this is how states are going to constitute each other, in turn, then states may find that enmity has value in itself, since by mobilizing in-group/outgroup dynamics it can significantly bolster group self-esteem.” Als gleichermaßen relevant verweist Wendt zudem auf d ie projective identification thesis, der zufolge der A.ndere zur Projektionsfläche der negativen beziehungsweise uner wünschten Charakteristika des S e lb s tg em a ch t wird: “According to this idea, individuals who, because o f personal pathologies, cannot control potentially destructive unconscious fantasies, like feelings o f rage, I aggression, or self-hatred, will sometimes attribute or "project'' them on to an Other, and then through their behavior pressure that Other to "identify" with or "act out" those feelings so that the Self can then control or destroy them by controlling or destroying the Other. As in social identity theory this serves a selfesteem function, but here self-esteem needs are met not simply by making favorable comparisons with an Other but by trying to destroy him. [...] This can in turn be a basis for the cultural con stitution o f enmity, since the split Self needs the Other to identify with its ejected elements, to collude with the Self, in order to justify destroying them via the Other.”46 Wendt (2004), S. 276f. Wendt stützt sich bei diesem Versuch, psychologische Argumente in einen soziologischen Kontext auf der Ebene der internationalen Beziehungen zu integ- 287 Aufgrund der Internalisierung von gesellschaftlichen Normen auf der individuellen Ebene stellen die Resultate individueller Sozialisationsprozesse eine wichtige Größe auch für die kollektive Sozialisation dar. Hierbei spielen die weiter oben dargelegten kognitiven Mechanismen eine entscheidende Rolle, wie etwa seitens der Außenpoli tikanalyse durchaus frühzeitig erkannt und aufgegriffen wurde (etwa Welch Larson 1994). Allerdings blieb der Mainstream der Theorielandschaft in den Internationa len Beziehungen hiervon für lange Zeit weitgehend unberührt. Neben der Interna lisierung von Normen auf individueller Ebene findet eine entsprechende Internali sierung auf Ebene der inneren Strukturen eines Staates statt, also etwa im Rahmen seiner Bürokratie, wo es etwa zu Modifikationen im Bereich von Selbstverständnis und Kultur einer Organisation kommen kann. Eine solche kann etwa durch spezifi sche Gruppen innerhalb der Organisation, aber ebenso von außerhalb, sowohl von offizieller Seite, aber ebenso durch Impulse aus der breiten Öffentlichkeit erfolgen, etwa durch das Ausüben öffentlichen Drucks auf eine Regierung, damit diese be stimmte internationale Normen innerstaatlich umsetzt (vgl. etwa Coleman 1990: insbesondere 293 und 513). Sofern das geschieht, folgt eine Inkorporierung inter nationaler Normen in das innerstaatliche Rechtssystem inklusive der Folgen für Rechtsauslegung. Gleichzeitig entwickelt sich im Laufe der Zeit ebenso auf infor meller Ebene als Habitus eine Internalisierung und Diffusion der Normen in das Gesellschaftssystem hinein, womit sie wieder beim Individuum ankommt und nicht zuletzt auf en kognitiven Apparat des Einzelnen einwirkt (DiMaggio/Powell 1983; Tolbert/Zucker 1983; Douglas 1987). Dabei müssen jedoch wiederum weitere Aspekte berücksichtigt werden, da ver schiedene Gruppen innerhalb einer Gesellschaft historischen Ereignissen unter schiedliche Bedeutung beimessen können, wobei Klasse, Ethnie, Geschlecht oder auch Generationenzugehörigkeit (Schuman/Scott 1989) eine Rolle spielen können. Je nachdem, welche Gruppen in welchem Maße betroffen sind, entwickeln sich somit geteilte Narrative, die zu essenziellen Bestandteilen der kollektiven Identität werden und maßgeblich zur Aufrechterhaltung der Kohäsion der Gruppe beitra gen. Hierbei spielt die selektive Auswahl von Erinnerungen auf individueller Ebene eine besondere Rolle, sofern sie sich in der kollektiven Identität manifestiert; insbe sondere lässt sich in diesem Zusammenhang eine Dekontextualisierung spezifischer historischer Ereignisse feststellen, auf deren Grundlage sich neue, eigenständige Referenzgrößen für die Gruppe, die regelmäßig den Staat und seine Gesellschaft umfasst, entwickeln, welche losgelöst von ursprünglichen, kontextspezifischen Be deutungszuschreibungen ihre neue Bedeutung in anderen Situationen entfalten rieren auf eine Vielzahl bestehender sozialpsychologischer wie auch psychoanalytischer Studien. Vgl. in diesem Zusammenhang daher etwa auch Alford, C. Fred (1989): Melanie Klein and Critical Social Theory. New Haven. 1989. Yale University Press, sowie Golding, Robert (1982): Freud, Psychoanalysis, and Sociology: Some Observations on the Sociological Analysis o f the Individual. In: british Journa l o f Sociology. 33. S. 545-562, sowie Kaye, Howard (1991): A False Convergence: Freud and the Hobbesian Problem o f Or der. In: SociologicalTheory. 9. S. 87-105. 288 (Tallentire, Fentress/Wickham 1992: ix, Gillis 1994). Dieser Mechanismus spielt gerade im Kontext kollektiver Traumatisierungen eine zentrale Rolle. Das Phänomen der kollektiven Traumatisierung ist somit ebenfalls eine wichtige Größe bei der Herausbildung von nationaler Identität sowie der damit in Zusam menhang stehenden und für die außenpolitische Analyse besonders relevanten sozio-politischen und strategischen Kultur eines Staates. Bisherige Versuche, kollekti ve Traumatisierung zu erfassen, waren charakterisiert von zwei unterschiedlichen Ansätzen, einerseits dem medizinisch-biopsychologischen und andererseits dem sozialen (Abramovitz 2005: 2106). Während bei erstgenannten Ansätzen der Fokus auf individuellem posttraumatischem Stress lag (De Jong et al. 2001; Mollica et al. 1987; Eisenbruch 1991, Momartin et al. 2001, Goenjian et al. 2003, Zayfert et al. 2002, Redgrave, 2003), waren letztgenannte Ansätze bemüht, soziales Leid rein im Kontext politischer Instabilität, ökologischem und ökonomischem Niedergang und sozialer Unruhe zu erklären (Young 1995, Das et al. 1997, Summerfield 1999, Pedersen 2002). Nicht zu Unrecht wird die fehlende Interaktion zwischen sozialwis senschaftlichen Argumenten der kollektiven Ebene und psycho-biologischen Ar gumenten der individuellen Ebene kritisiert (Abramovitz 2005: 2116). Für die Ana lyse gilt es somit auf beide Ansätze zurückzugreifen und gleichzeitig einen Zusam menhang zwischen der individuellen und der kollektiven Ebene herzustellen. Auf individueller medizinischer beziehungsweise differenzialpsychologischer Ebene be deutet Trauma physische oder psychische Verletzung. Bezogen auf Sozialwissen schaften bezeichnet Trauma den häufig mit Anomie (Merton) und Risiko (Gid dens) verbundenen Zustand einer Gesellschaft, der von traumatogenem Wandel herbeigeführt wurde und schließlich zum Wandel im nationalen Selbstverständnis der betroffenen Gesellschaft führt (Sztompka 2004). Es geht also um eine in der individuellen Psyche auftretende Reaktion, die jedoch auf kollektiver Ebene eine eigendynamische Wirkung entfaltet. Individuelle und kollektive Ebene spielen dabei nicht nur dahingehend zusammen, dass die spezifische Pathologie des individuellen Akteurs im kollektiven Akteur ihren Ausdruck findet, der als solcher zur Selbst wandlung fähig ist (Sztompka 1991), sondern auch, dass Strukturen und Akteure im Rahmen psychophysiologischer Prozesse dahingehend interagieren, dass ein neues, eigenständiges Konstrukt entsteht (Kleinman 1995: 97, Abramowitz 2005). Dieses nimmt auf der Ebene des Individuums beziehungsweise der individuellen Trauma tisierung seinen Ausgang. Daher gilt es, den Prozess von Traumagenese und Traumaentwicklung zu verstehen. Bei Traumatisierung handelt es sich um eine starke psychische Erschütterung des Individuums, welche durch ein traumatisierendes Erlebnis hervorgerufen wird (vgl. etwa Brewin, Dalgleish, & Joseph, 1996; Suedfeld, 1997, Raviv/Sadeh et al 2000: 300) und geeignet ist psychische Folgestörungen auszulösen, wie etwa Naturkata strophen. Durch derartige Ereignisse werden betroffene Individuen in extremen Stress versetzt und bei diesen durch „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen be drohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, 289 das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht [...] eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ (Fi scher/Riedesser 1998: 79; vgl. hierzu auch die relevanten Passagen des ICD-10 und DSM-IV-TR und DSM V). Mit anderen Worten führt die Erschütterung durch ein Ereignis, das so heftig und plötzlich ist, das es die Abwehrmechanismen durch bricht, sodass diese das Ereignis nicht abwehren können, zu einem Zusammen bruch zentraler Aspekte des Selbst (vgl. Alexander et al. 2011, Wirth 2004) und schließlich zu dessen dauerhaften Veränderung, was sich auch neuroanatomisch nachweisen lässt (Hausmann 2006; Smelser 2004a: 41; van der Kolk 1996: 5; Bremner 2002). Unabhängig von der tatsächlichen, objektiv messbaren Schwere des Ereignisses ist vor allem dessen subjektive Wahrnehmung durch das betroffene Individuum entscheidend für die Entwicklung und Ausprägung von Traumafolge störungen. Diese hängt zwar stark von der spezifischen Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen ab, aber genauso in nicht unerheblichem Maße von dessen sozialen Um feld (Smelser 2004a: 41, Antonowsky 1987, Fiske & Taylor 1991, Markus/Zajonc 1985, Riley/Pettigrew 1976). Doch die Beziehung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Wirkung geht noch weiter. Das liegt etwa an dem Umstand, dass weder das unmittelbare Erleben eines traumatogenen Ereignisses noch die unmit telbare Betroffenheit als konkretes Opfer eines solchen Ereignisses erforderlich sind. So kann allein das Beobachten des gewaltsamen Todes eines Dritten zu Traumatisierung führen; dabei kann sogar eine mediale Darstellung ausreichen (DSM VI, ICD-10). Somit können etwa auch die Medienberichte über Ereignisse wie die vom 11. September 2001 und das unmittelbare oder medial vermittelte Be obachten des Zusammensturzes des World Trade Centers mit den damit verbun denen Opfern traumatisierend wirken (vgl. etwa Wirth 2004). Neben der mittelba ren individuellen Betroffenheit etwa durch Verwandtschaft mit Opfern wirkt auch die persönliche soziale Betroffenheit, die in Zusammenhang mit der sozialen Identi tät steht, welche mit den unmittelbaren Opfern des traumatischen Ereignisses ge teilt wird (Ayalon and Lahad 1995, Milgram et al. 1988, Pynoos 1993). Somit kann es sich bei dem potenziell traumatogenen Ereignis sowohl um eines im unmittelba ren Umfeld und mit auf das Individuum und sein unmittelbares Umfeld begrenzte Bedeutung handeln, als auch um ein solches, dem Bedeutung für sozialen Gruppen bis hin zur nationalen, kulturell definierten oder globalen Gemeinschaft zukommt. Letztgenannter Aspekt ist bei der Herausbildung kollektiver Traumatisierung von besonderer Bedeutung. In diesem Zusammenhang spielt gleichzeitig auch die individuell empfundene Sicherheit eine Rolle, die es daher ebenfalls zu beachten gilt. Diese beruht zu wesentlichen Teilen auf kalkulierbaren kollektiven Strukturen. Die individuellen Erwartungen an Stabilität und Kontinuität der Kollektive, deren Teil die jeweiligen Individuen sind, beziehen sich dabei zwar auch auf materielle und verhaltensbezogene Aspekte, insbesondere aber auf Identität. Diese weist stets einen kulturellen Bezug auf; wenn die vertrauten Muster kollektiver Identität plötzlich ins Wanken geraten, kann das verursachende Ereignis als traumatisch angesehen werden (Abramovitz 2005: 2107). 290 Analog gilt das auch für den Umgang mit der traumatischen Erfahrung (Coping). Dieses findet ebenfalls auf individueller Ebene statt, auch wenn die unmittelbare individuelle Betroffenheit bei kollektiv traumatisierenden Ereignissen wie sie etwa Pearl Harbor, Hiroshima, Holocaust, Stalinismus oder Sklaverei und ethnische D is kriminierung in den USA darstellen, nicht vorhanden ist. Jedoch führt der Um stand, dass das Ereignis eine soziale Erfahrung darstellt, die alle Mitglieder einer sozialen Gruppe betrifft und durch welche die gemeinsame Gruppenidentität wie auch ein kollektiver Narzissmus grundlegend erschüttert wird (Wirth 2004), dazu, dass beim größten Teil der betroffenen sozialen Gruppe, häufig einer ganzen Nati on, die auf individueller Ebene ablaufenden psychischen Dynamiken (Verteidi gungsmechanismen, Anpassung, Coping etc.) auf kollektiver Ebene erkennbar und kulturell wirksam werden (Smelser 2004a: 38f., 48-53). Die Bewusstmachung der Betroffenheit durch das traumatogene Ereignis und der Zugehörigkeit des Indivi duums zur durch die Traumatisierung entstandenen Schicksalsgemeinschaft ist also ein zentraler Vorgang (Erikson 1978: 154), der trotz der Plötzlichkeit des Ereignis ses durchaus längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Bereits bei Adorno (1986 [1959]) wurde auf kollektive Syndrome unbewältigter kollektiver beziehungsweise nationaler Vergangenheitserfahrungen verwiesen, die zwar auf individueller Ebene angesiedelt sind, jedoch auch und gerade auf kollektiver Ebene ihre Wirkung entfal ten. Ähnlich argumentierten Alexander und Margarete Mitscherlich (1967), als sie die Unfähigkeit zu trauern, welche sie bei den Deutschen der Nachkriegszeit diag nostizierten, als kollektiven Effekt verfehlter individueller Bewältigung eines kol lektiven Traumas erklärten (vgl. hierzu auch Olick 1999: 344). Ebenfalls gilt es zu berücksichtigen, dass nicht nur kein unmittelbares Erleben des traumatogenen Ereignisses erforderlich ist, um von der Traumatisierung erfasst zu werden, sondern ebenso wenig ein unmittelbares Erleben der Epoche vonnöten ist. So werden Personen mit schwarzer Hautfarbe in den USA unabhängig davon, ob sie in den USA unmittelbar Sklaverei erlebt haben oder ihre Verwandten diese er dulden mussten, oder nicht, generell mit Sklaverei identifiziert beziehungsweise identifizieren sich häufig auch selbst damit, weil das historische Gedächtnis diese Epoche der US-amerikanischen Geschichte immer wieder rekonstruiert und so zur entsprechenden kollektiven Identitätsbildung sowohl auf nationaler als auch auf subnationaler Ebene beigetragen hat. Die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Schicksalsgemeinschaft wirkt somit auch intergenrationell (Eyerman 2004: 74f.). Abstrakt ausgedrückt haben kollektive Erfahrungen wie Gruppennarrative Einfluss auf die Psyche des Individuums (Eisenbruch, 1991; Das et al., 1997, Abramovitz 2005). Gleichzeitig handeln einzelne Individuen (Sztompka 1991, 1993, Alexander 1987, 2004). Aufgrund der Objektivierung, Kollektivierung und Narrativisierung der individuellen traumatischen Erfahrungen wird die rein differenzialpsychologi sche Ebene transzendiert (Bauman 1989: 345). Zwar gab es etwa viele durch die Erfahrung des Vietnamkrieges traumatisierte Individuen. Jedoch beschränkte sich dieses Phänomen nicht allein auf die Entwicklung von Traumafolgeerkrankungen 291 wie PTBS auf der Ebene von Einzelpersonen, sondern hatte ebenfalls erheblichen Einfluss auf das kollektive Narrativ. Ähnlich gilt dies für das kollektive Trauma Ho locaust. Dieses wird auch dann fortbestehen, wenn die letzten Opfer und Täter das Zeitliche gesegnet haben. Auch wird es nicht nur durch die Verwandten der Über lebenden aufrechterhalten. Vielmehr wird Auschwitz als Symbol jenes multiplen kollektiven Traumas Holocaust weiterhin die nationalen und darüber hinaus rei chende kollektive Narrative und somit die ausfließende Politik mitbestimmen (Bauman 1989). Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu verstehen, wie genau sich die Entstehung und Entwicklung kollektiver Traumata abspielt. Sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene wird Trauma gegenwärtig als Prozess verstanden (Fischer/Riedesser 2009, Sztompka 2004). Angelehnt an Smelsers (1962) Konzept der sogenannten Value A dded Dynamics beschreibt Sztompka (2004) das Traumasequenzmodell, welches einen sechsphasigen Verlauf kollektiver Traumatisierung annimmt. Der Eintritt eines traumatogenen Ereignisses (Phase 1) führt zur grundlegenden Erschütterung oder gar Auflösung der Organisa tionsstruktur der betroffenen sozialen Gruppe und damit einhergehend einer tief gehenden Desorientierung ihrer Mitglieder (Phase 2). Der auf sozialer Ebene einge tretene traumatogene Wandel ergreift schließlich die unmittelbare Lebensrealität der Individuen des betroffenen Kollektivs (Phase 3), was im weiteren zeitlichen Verlauf dazu führt, dass sich auf mentaler Ebene Traumatisierungssymptome zei gen; zugleich schlagen sich die traumatischen Erfahrungen in Verhaltensänderun gen (etwa Wahlverhalten, Hinwendung zu Nationalismus) im Kollektiv nieder (Phase 4). Hierbei setzt auch die Suche nach neuen Werten, neuer generalisierbarer Beliefs und neuer Wege gesellschaftlich akzeptierter Verhaltensweisen ein, welche in der darauffolgenden Phase, wo sich posttraumatische Strategien der Anpassung (Adaption) an und des Umgangs (Coping) mit dem Trauma herausbilden und zu manifestieren beginnen (Phase 5), bis das Trauma schließlich elementarer Bestand teil der nun mit einem neuen Identitätskern ausgestatteten sozialen Gruppe gewor den ist (Phase 6). Entwicklungen im Kontext traumatogenen Wandels werden schließlich zu „societal facts sui generis“ (Sztompka 2004: 160). Ein kollektives Trauma ist somit zunächst einmal zu verstehen als soziales Trauma, da es durch den teilweisen oder völligen Zusammenbruch von zentralen Elementen der Gesellschaftsordnung wie etwa des ökonomischen, politischen oder Rechtssystems, zu massiven Störungen und Brü chen des organisierten sozialen Lebens kommt (Smelser 2004: 37). Eine derartige Erschütterung der Grundlagen des sozialen Lebens einer Gesellschaft und des die Mitglieder der Gesellschaft verbindenden Bandes, welche das bis zu dem traumati schen Ereignis bestehende Gemeinschaftsgefühl innerhalb der betroffenen Gesell schaft charakterisiert hat, führt dabei zu Beschädigung, Zerstörung oder Verlust des sozialen Selbst (Erikson 1978: 154, Smelser 2004: 32-35, Abramowitz 2005: 2107). Konkrete Auswirkungen der kollektiven Traumatisierung können sich sowohl un mittelbar auf die Mitglieder der sozialen Gemeinschaft erstrecken als auch auf die 292 Organisationsstruktur einer Gesellschaft. Im schlimmsten Fall zieht das traumati sche Ereignis die physische Vernichtung einer Vielzahl der Mitglieder der betroffe nen sozialen Gruppe nach sich (etwa durch Krieg, Hungersnot, Epidemie), aber auch ohne diese Gravität können sich Folgen wie sinkende Lebenserwartung und erhöhte Suizidraten einstellen (vgl. etwa Sorokin 1967 [1928], Sztompka 2004: 161). Zugleich ist das organisatorische Tragwerk der Gesellschaft in Form sozialer Netzwerke, Gruppen, Zusammenschlüsse, formaler Organisationen, Hierarchien etc. von der Traumatisierung betroffen, indem es zu Auflösungserscheinungen oder nachhaltigen Verschiebungen innerhalb der Strukturen kommt (Sztompka 2004: 161). Allerdings wirkt nicht jede Art tiefgreifenden Wandels traumatogen. Soziale Syste me sind, im Gegenteil, durch permanenten Wandel charakterisiert. Sztompka (2004: 155) spricht sogar davon, dass Wandel die einzige Konstante sozialer Syste me sei und diese niemals in einem Zustand verharrten, sondern sich stets im Zu stand der Entwicklung befänden. Wenn in einem System, dessen Ontologie somit Wandel ist, durch sozialen Wandel grundlegend erschüttert werden soll, müssen sich dessen Mitglieder im Wesentlichen in ihrer Gesamtheit innerhalb eines sehr beschränkten Zeitrahmens gravierenden Ereignissen ausgesetzt sehen, welche die Fundamente der sozialen Welt so nachhaltig erschüttern, dass diese unauslöschliche Spuren auf dem Gruppenbewusstsein hinterlassen, sodass sich die künftige Grup penidentität nachhaltig und dauerhaft aufgrund der gewandelten Erinnerung verän dert (Neal 1998: ix, 9f., Alexander 2004: 1 ff., 9f.). Mit anderen Worten weist ein traumatogenes Ereignis folgende Aspekte auf: Es tritt plötzlich und unerwartet auf und wirkt grundlegend, umfassend und nachhaltig (Sztompka 2000: 453). Die Plötzlichkeit und Rapidität kann sich dabei entweder auf den Eintritt des traumatogenen Ereignisses selbst (shock ofsudden event) beziehen, etwa im Falle des Ausbruchs einer Revolution, eines Marktzusammenbruchs oder eines terroristischen Anschla ges beziehungsweise politischen Mordes, oder darauf, dass die Erkenntnis der er heblichen Problematik eines schon seit längerer Zeit Wirkung entfaltenden Ereig nisses oder schwelenden Prozesses plötzlich zu Tage tritt (shock o f sudden awareness). Letztere entwickeln sich im Vorfeld langsam, erreichen schließlich die Staurations schwelle, bei der die bislang ignorierte Situation anfängt, unerträglich zu werden (etwa im Falle des Euro, wenn dieser tatsächlich zusammenbrechen sollte, aber auch ökologischer Niedergang oder wachsende Schere von Arm und Reich) und wirken dann traumatogen. Für beide Varianten gilt dabei, dass zunächst ein Ereig nis plötzlich auf- oder ins Bewusstsein tritt, dann aber über einen längeren Zeit raum seine Wirkung entfaltet und schließlich das soziale Gefüge nachhaltig verän dert und so die kollektive Identität beeinflusst. Das traumatogene Ereignis muss jedoch nicht nur plötzlich hereinbrechen, es muss zugleich radikal in seiner Bedeu tung sein, weit und tief in das Innerste einer sozialen Gemeinschaft hineinreichen und ihre Identität treffen. Dadurch tangiert es viele Aspekte der individuellen wie sozialen Lebensrealität und somit auch zahlreiche Individuen und deren Aktivitäten 293 innerhalb der sozialen Gruppe beziehungsweise Gesellschaft. Auf diese Weise wird nicht nur die sozio-politische Domäne betroffen, sondern zugleich auch Recht und Gesetz, Wirtschaft sowie etwa Kunst- und Kulturschaffen. Als weiterer Aspekt kommt hinzu, dass ein traumatogenes Ereignis als von außerhalb der eigenen sozia len Gruppe generiert beziehungsweise als extern aufoktroyiert perzipiert wird. Durch das Erleiden beziehungsweise Erfahren von Traumatisierung nimmt sich die Gesellschaft als Ganzes in einer viktimisierten Rolle wahr. Mit dem Oktroi der traumatogenen Erfahrung gehen nicht selten von außen bewusst herbeigeführte Verschiebungen im Bereich bislang dominierender Werte, Übertragung von Macht und Verschiebungen sozialer Schichten oder Hierarchien einher, wie etwa im Falle des Imperialismus. Vor dem Hintergrund der Rapidität, Profundität und Überwäl tigung, die mit der kollektiven Traumatisierung einhergehen, kommt es zu einer Beschädigung oder Auflösung des mentalen Rahmens einer Gesellschaft, innerhalb dessen die Gesellschaft bislang Personen, Verhalten, Strukturen und Prozesse wahrgenommen und bewertet hat (Sztompka 2004: 158f.). Mit anderen Worten muss sich das Ereignis unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis eingraben, ohne dass eine Rückkehr in altes Fahrwasser möglich ist (Smelser 2004a: 41). Ein solch nachhaltiger Effekt tritt nur dann ein, wenn tatsächlich die Kernelemente des kulturbasierten Selbstverständnisses einer Gesellschaft oder gar eines Zivilisati onsraumes, das sich auf ein gemeinsames kulturelles Fundament beruft, von dem potenziell traumatischen Ereignis betroffen sind. Insofern ist ein kollektives Trau ma nicht nur als soziales sondern zugleich auch als kulturelles Trauma zu begreifen, wobei unter Kultur Aspekte wie Werte, Normen, Perspektiven, Beliefs, Ideologien und Wissen verstanden werden, welche in ihrem Zusammenspiel ein geteiltes Be deutungssystem (logico-meaningful connections nach Sorokin) ergeben (Smelser 2004: 37). Diese Qualifikation hilft nicht nur, das Traumakonzept weiter zu konkretisie ren, was für den Analyseprozess wichtig ist, sondern verweist zugleich auf eine wei tere Schwelle der potenziellen Traumatisierung eines Kollektivs. Denn wie auch beim sozialen Wandel führen nicht alle krisenhaften Manifestationen einer Gesell schaft zu einem Trauma beziehungsweise sind Ausdruck eines solchen. Das Versa gen einzelner Institutionen oder die Nichtzurverfügungstellung ausgewählter Staatsaufgaben sind für sich genommen nicht notwendigerweise traumatogen, ebenso wenig wie der Legitimationsverlust von Regierungen. Vielmehr tangiert ein kollektives Trauma im Sinne eines kulturellen Traumas die axio-normativen und symbolischen Belief-Systeme einer Gesellschaft, sodass die traumatogenen Ereignisse zur Erschütterung grundlegender Werte, Normen, Verhaltensmuster, Regeln, Rollen, tradierter Narrative, etablierter Symboliken, feststehender Situationsdefinitionen und bestehender Diskursrahmen etwa im Sinne Durkheim'scher Anomie oder des normativen Chaos im Sinne Robert Mertons führen (Sztompka 2004: 161). Trauma ist in diesem Sinne somit weniger zu verstehen als Reaktion auf den empfundenen Schmerz einer sozialen Gruppe, sondern vor allem darauf, dass diesem Schmerz eine grundlegende und nachhaltige 294 negative Bedeutung für die eigene kollektive Identität beigemessen wird (Alexander et al. 2002: 15f.). Als potenzielle Auslöser kultureller Traumata können etwa Revo lutionen und Staatsstreiche, ethnische Säuberungen, Völkermord, Deportation, Terrorismus und andere groß angelegte Gewaltakte, aber auch politische Morde und radikale ökonomische Veränderungen fungieren. Zu Letzterem gehören zum Beispiel auch weitreichende institutionelle Reformen, die einer Gesellschaft etwa im Rahmen einer „imposed forced modernization“ (Sztompka 2004: 163) entgegen bestehender Traditionen aufoktroyiert werden. Als ebenso traumatogen kann sich zudem das Offnen von Archiven erweisen, durch das ein bisheriges Vergangen heitsbild und darauf fußendes kollektives Selbstverständnis eingerissen wird, indem es zur Revision bisheriger nationaler Basiserzählungen kommt. Hierdurch erleiden bislang gültige Belief Structures, Glaubensüberzeugen, Doktrinen und Ideologien fundamentale Erschütterungen. Seinerzeit stellte etwa die Reformation eine exis tenzielle Herausforderung für das die auf dem katholischen Weltbild fußende vor herrschende Kultur und die auf ihr basierenden sozio-politischen Systeme dar, und auch der Kolonialismus bewirkte nicht zuletzt durch das gewaltsame Aufoktroyie ren spezifischer Welt- und Wertvorstellungen kulturelle Traumatisierungen in den betroffenen Gesellschaften (Smelser 2004: 38). Ob und wann ein potenziell traumatisches Ereignis sich zum Trauma entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So spielt etwa die kulturelle Sozialisation eine wesentliche Rolle, denn sie erschafft das sogenannte ethnische Unbewusste, was bedeutet, dass in einer spezifischen Kultur den meisten Mitgliedern gemeinsamen Manifestationen des Psychischen, etwa Konflikte, Tabus, Normen zu eigen sind (Haag/Mei 2004). Somit ist bereits vor einem potenziellen traumatogenen Ereignis eine Auswahl an möglichen Interpretationen vorhanden, welche bei der Perzeption, Interpretation und Reaktion im Kontext des traumatischen Ereignisses zum Tragen kommen. Je nach kultureller Vorprägung ein ein Ereignis als bedrohlich wahrgenommen werden oder nicht (Sztompka 2004: 165f.). Ein weiterer Faktor ist der Zustand einer Gesellschaft zum Zeitpunkt des traumatogenen Ereignisses. Ein bereits geschwächtes Gemeinwesen ist entspre chend anfälliger (Smelser 2004: 36f.). Dies gilt insbesondere zu Zeiten intensiver interkultureller Kontakte, da die Konfrontation unterschiedlicher Kulturen häufig in Spannungen, Zusammenstößen und Konflikten resultiert und im Rahmen von Migration und Flucht die Aufnahmegesellschaften in besonderem Maße materiell, kulturell und identitär herausgefordert werden. Besonders ausgeprägt ist das Trau matisierungspotenzial, wenn die Dominanz einer Kultur über die andere mit Ge walt sichergestellt wird (Imperialismus, Kolonialismus, religiöse Mission). Aber auch weniger gewaltsame Formen der Ausbreitung kulturspezifischer Größen etwa in Form ökonomischer Durchdringung, technologischer Dominanz oder kultureller Omnipräsenz (Kulturimperialismus, kulturelle Aggression, McDonaldisierung, Amerikanisierung, Islamisierung etc.), tragen regelmäßig zur Schwächung bezie hungsweise zum Bruch kultureller Stabilität, Kontinuität und Identität bei 295 (Sztompka 2004: 162). In derartigen Fällen weist der betroffene kulturelle Kontext regelmäßig einen spezifischen nationalen und politischen Bezug auf. Findet ein Traumatisierungsprozess in einem klar begrenzten nationalen Rahmen statt, inner halb dessen ein hinreichendes Maß an spezifischer kultureller Kohärenz und ein entsprechender diesbezüglicher nationaler Konsens darüber herrscht, wobei Sub kulturen, Gegenkulturen und kulturimmanente Konflikte bereits als Teil der natio nalkulturellen Hauptströmung berücksichtigt sind, lässt sich das kollektive Trauma auch als nationales Trauma umschreiben (Witztum/Malkinson 1998: 119, Smelser 2004: 48, Smelser 2004a: 44, Nytagodien/Neal 2004). Eine spezifische Variante des nationalen Traumas ist dabei das politische Trauma. Bei diesem stehen der politi sche Kontext beziehungsweise die politischen Effekte im Vordergrund. Exempla risch kann an dieser Stelle etwa der gewaltsame Tod eines politischen Führers ge wertet werden, der in besonderem Maße repräsentativ für bestimmte Ideen und somit potenziell epochenprägend ist, wie etwa im Falle John F. Kennedys oder Jitzchak Rabins (vgl. etwa Raviv et al. 2000: 300). An dieser Stelle kann neben der sozi alen Identität zudem die politische Identität traumaverstärkend wirken. Die Wir kung des Traumatisierungsprozesses ist demnach umso intensiver, je näher das traumatisierte Individuum dem Opfer stand (Raviv et al. 2000). Als letztes stellt sich die Frage, wie genau es zur Umbildung der sozio-politischen und kulturellen Identität einer traumatisierten Gesellschaft kommt und was das für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens bedeutet. Grundsätzlich geht es bei die sem Prozess um eine Rekonstruktion der sozialen Verbindungen auf einer neuen Basis, die das kollektive Trauma beinhaltet und im Rahmen einer neu entwickelten Basiserzählung in die Nationalgeschichte einarbeitet (Giesen 2004: 113f.; ferner: Caruth 1995, Smelser 1998, Eyerman 2004). Ganz entscheidend bei der Manifesta tion eines traumatogenen Ereignisses als kollektives Trauma und damit Vorausset zung für den Prozess der Neugestaltung der kollektiven Identität einer Gesellschaft in diesem Kontext ist die Erlangung kultureller Relevanz durch Prozesse der Re präsentation und sozialen Konstruktion. Eine wesentliche Größe ist dabei die kol lektive Erinnerung, deren Teil das traumatische Ereignis selbst wie auch der an schließende Prozess des Traumas werden muss. Das ist insofern entscheidend, da die neu aufgefüllte kollektive Erinnerung wieder die Vorstellung von sozialer Stabi lität und Kontinuität erschafft (Giesen 2004: 112). In diesem Rahmen wirken nati onale Traumata wie auch nationale Triumphe als „mythomoteurs“ (Barthes 1996) zur sozialen Konstruktion einer neuen kollektiven Identität. Kollektives Gedächtnis und nationale Identität lassen sich als kollektives Narrativ umschreiben. In diesem Sinne lassen sich kollektive Traumata dann auch als Reaktion auf Ereignisse verste hen, welche nicht kohärent in das bestehende Narrativ integriert werden können, sondern dieses durchbrechen. Die Traumaerfahrung, die eine schmerzvolle Erfah rung eines Kollektivs beschreibt, ein Opfer definiert, Verantwortlichkeit zuweist und Folgen auf ideeller und materieller Ebene beschreibt, führt somit zu einer grundlegenden Revision der kollektiven Identität (Alexander 2004: 22). 296 Die Entwicklung des Traumas als Narrativ lässt sich somit am besten aus konstruk tivistischer Perspektive beschreiben. Ebenso wie die nationale Gemeinschaft im Sinne Benedict Andersons (1991) als vorgestellt gilt, so kann auch das kollektive Trauma als durch Interpretation und Konstruktion imaginiert gelten. Das Ereignis ist also die eine Sache, seine spezifische Repräsentation und der darauf basierende Einfluss auf die Entwicklung eines neuen nationalen Narrativs, die andere. Indem der sozialen Krise, welche durch ein traumatogenes Ereignis hervorgerufen wurde, die Bedeutung einer kulturellen beziehungsweise nationalen Krise beigemessen wird, kommt es zur sozial konstruierten Entstehung des kollektiven Traumas. Hierbei kommt es zur breiten öffentlichen Anerkenntnis eines Ereignisses als unauslöschliche fundamentale Bedrohung der Gesellschaft als solche im Rahmen eines die relevanten gesellschaftlichen Gruppen umspannenden Konsenses (Smelser 2004 a: 41-44). Dieser Weg der Ereignisfolgen als kollektives Trauma in das kollektive nationale Gedächtnis ist in der Praxis jedoch ein komplexer, mehrwertiger symbolischer Prozess, der selbst kontingent, hochgradig umkämpft und nicht selten außerordentlich polarisierend ist (Alexander 2004: 12, Giesen 2004: 112). Denn trotz der gemeinsamen identitären Basis, die nun grundlegend in Frage gestellt ist, ist keine Gesellschaft eine perfekte monolithische Einheit, sodass eine kollektive Traumatisierung zunächst vor allem durch die Träger der gemeinsamen national-kulturellen Identität (etwa Priester, Intellektuelle, Politiker, Journalisten, Träger der nationalen Moral, Führer sozialer Bewegungen etc.) thematisiert beziehungsweise in den relevanten Diskurs eingebracht wird (Austin 1962, Searle 1969, Harbermas 1984, Lara 1999, Alexander 2004, Smelser 2004a: 38f., Sztompka 2004: 157ff.). Eine wichtige Größe in diesem Zusammenhang ist der Zugang zu kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Ressourcen. Je höher beispielsweise der Bildungsgrad eines Individuums in einer potenziell kollektiv-traumatischen Situation ist, desto anfälliger ist dieses für die Wahrnehmung von Ereignissen als kulturelles Trauma; zugleich ist es aber auch besser für die Konfrontation mit dem Trauma gewappnet. Somit sind es regelmäßig Philosophen, Intellektuelle oder Sozialwissenschaftler, welche als erste die Signale sich abzeichnender traumatogener Wirkungen von Ereignissen erkennen und thematisieren. Dabei stellen sie den betroffenen Gesellschaften Repräsentationen zur Verfügung und wirken so an der posttraumatischen Neukalibrierung der Gesellschaft mit (Sztompka 2004: 166). Nach dieser ersten diskursiven Phase innerhalb und außerhalb der medialen Öffentlichkeit, sowie in Kunst und Kultur und nicht zuletzt im Rahmen der Wissenschaft entwickelt sich auch durch das gemeinsame Formulieren von Diagnosen, Mutmaßen über Ursachen, Mythen, Schuldige und Verschwörungstheorien eine von der Mehrheit anerkannte gemeinsame Deutung der Ereignisse als spezifisches kollektives Trauma. Nach der grundlegenden Rekon struktion der kollektiven Identität folgt eine Beruhigungsphase, in welcher die neue kollektive Identität zum Normalzustand wird; hierbei wird die neue kollektive Iden 297 tität einerseits in rituellen Routinen repräsentiert und die Traumaerfahrung etwa in Form von Monumenten, Museen, historischen Artefakten etc. objektiviert (Ale xander 2004: 23). Andererseits sieht sie sich manifestiert in greifbareren sozialen Phänomenen wie Gruppenbildung, sozialen Bewegungen, Organisationen oder po litischen Parteien. Mit diesen Manifestationen der neuen Identität geht ein Prozess der Sinnstiftung des Traumas einher, welcher sich nicht zuletzt um die Frage nach der richtigen Form des Erinnerns dreht (Smelser 2004a: 48-53). Im Rahmen dieses Diskurses werden zudem einige zentrale Aspekte definiert beziehungsweise umdefiniert, welche für die Herausbildung des ergänzten kollektiven Gedächtnisses beziehungsweise der neuen kollektiven Identität von besonderer Bedeutung sind: Neben der Frage nach der Art des Ereignisses und seiner traumatogenen Wirkung und dem Wesen des Opfers stellt sich auch die Frage nach der Beziehung von Opfer und Gesellschaft und schließlich die Frage nach der Verantworlichkeit für das Trauma (Alexander 2004: 12f.). So ging etwa mit Blick auf den Jugoslawien Krieg in den 1990er Jahren in das kollektive Gedächtnis der Kosovo-Albaner ein, dass Hunderttausende Mitgieder dieser Volksgruppe vorsätzlich von Serben getötet wurden, während im kollektiven Gedächtnis Serbiens nur einige Hundert Kosovo Albaner ums Leben gekommen sind, und das nicht im Rahmen gezielter Tötungen, sondern durch Hunger und Vertreibung. Ähnlich sieht es mit dem Eingang der Ereignisse von Nanking in das jeweilige nationale Gedächtnis von China beziehungsweise Japan aus: Während im kollektiven Gedächtnis Japans Nanking eine reguläre Kriegshandlung darstellt, die mit nur einer Handvoll Opfern sogar ein vergleichsweise bescheidenes Maß an Blutzoll gefordert hat, ging dieser Ort als Stätte eines vorsätzlichen Massakers ins kollektive Gedächtnis Chinas ein, dem mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen sind. Vergleichbare Unterschiede lassen sich zudem im Falle des Nordirland-Konfliktes ausmachen, wo sich die Wahrnehmung der Ereignisse als ziviler Ungehorsam und Terrorismus, wie sie im englischen kollektiven Gedächtnis Einzug gehalten hat, der die kollektivmemorialen Verortung als imperialistischer Krieg auf der relevanten nordirischen Seite gegenüber steht. Die Kenntnis derartiger Fakten und das Bewusstsein der damit verbundenen nationalen Empfindlichkeiten, die zugleich als Motivation eigenen politischen Handelns wirken, ist für die politische Praxis wie politikwissenschaftliche Analyse gleichermaßen relevant. Das gilt auch für weitere Aspekte, die mit der kollektiven Traumatisierung in Zusammenhang stehen. Denn ebenso wichtig wie die Interpretation des traumatogenen Ereignisses und seine Überführung ins kollektive Gedächtnis ist die soziale Konstruktion der Opfergruppe: Waren es einzelne Individuen, spezifische soziale Gruppen oder gar eine ganze Ethnie, Nation oder Kultur, die von dem traumatischen Ereignis erfasst wurde? Auch dieser Aspekt ist für das nationale Selbstverständnis wie für die spätere Analyse sehr wichtig. Denn es macht in vielfacher Hinsicht einen Unterschied, ob etwa beim Holocaust ausschließlich deutsche oder europäische Juden als Opfer anerkannt werden, oder aber das Judentum schlechthin, und auch 298 ob Unterschiede zwischen den verschiedenen Opfergruppen wie Juden, Sinti und Roma, sexuell Andersorientierte, geistig Behinderte, nichtjüdische Polen, Kommunisten etc. gemacht werden. Gleiches gilt etwa für die Frage, ob in den unterschiedlichen kollektiven Gedächtnissen etwa nur die Kosovo-Albaner als Opfer erscheinen, oder eben (auch) die kosovarischen Serben. Die politische Relevanz der Art und Weise, wie diese Fragen in das jeweilige kollektive Selbstverständnis der betroffenen Gruppen und Nationen eingegangen ist, zeigt sich gerade im Bereich der internationalen Beziehungen, wo es nicht nur um konkrete Fragen wie Entschädigungen oder die künftige Gestaltung von Außenpolitik, insbesondere Außenkultupolitik und Public beziehungsweise Cultural Diplomacy, geht, sondern wo Missverständnisse leicht zu Krisen und Konflikten führen können, weil von jedem Staat sehr unterschiedliche Interpratationen als selbstverständliche, einzig zutreffende und daher erst gar nicht hinterfragte Grundlage der jeweiligen Außen- und Sicherheitspolitik genommen werden können, obgleich diese einzelnen Interpretation einander unter Umständen diametral entgegenlaufen. Hierbei ist nicht zuletzt auch relevant, welche Beziehungen zwischen Gesellschaft und Opfergruppe des Traumas diskursiv entwickeln. Bei der Analyse der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik (und nicht nur in diesem Policy-Feld) stellt sich etwa die Frage, welche Rolle der Holocaust einerseits für die Nahostpolitik der Bundesrepublik und speziell den Beziehungen zu Israel und andererseits gegenüber der Volksgruppe der Sinti und Roma und den sie beherbergenden Ländern spielt. Derartige Fragen lassen sich nur analysieren, wenn die Rolle dieser beider Gruppen im kollektiven Gedächtnis und nationalen Selbstverständnis der Deutschen verstanden wird. Nicht zuletzt erlangt im posttraumatischen Diskurs die Zuweisung der Verantwortlichkeit hohe Relevanz. So ist es für die Politik von erheblicher Bedeutung, ob und inwiefern in den unterschiedlichen kollektiven Gedächtnissen spezifische Gruppen als Schuldige für ein Träume manifestiert werden. War es das deutsche Volk oder das Nazi-Regime, welches für den Holocaust verantwortlich zeichnete, waren es nur spezielle SS- Verbände oder auch die Wehrmacht, welche die besonderen Gräuel jener Epoche beging? In nationalen Selbstverständnissen manifestierte unterschiedliche Antworten auf derartige Fragen führen auch zu Unterschieden in den erwarteten Policy-Outcomes der betroffenen Staaten. Daher gilt es, sich stets auch diese Größen bei der Analyse außenpolitischen Verhaltens ein Einflussfaktor bewusst zu machen. Dabei nicht unwichtig ist zudem die Frage, welche sozialen Akteure die jeweilige mediale, religiöse, politische oder sonstige Definitionsmacht hinsichtlich nationaler Traumata und der daraus erwachsenden Neuinterpretation des nationa len Narrativs innehaben (Alexander 2004, Sztompka 2004). Denn dementspre chend finden die Repräsentationen traumatischer und posttraumatischer Phänome ne ihren Niederschlag in allen Bereichen der Gesellschaft, wo etwa ansonsten hehre Rechtssätze wie freie Meinungsäußerung beschnitten werden, wie etwa im Falle der 299 Holocaustleugnung in der Bundesrepublik, oder selektive, normativ-geleitete und irritierende Interpretationen von Recht gesetzt werden, wo die Leugnung des einen Völkermordes unter Strafe steht, die eines anderen jedoch nicht. Die augenscheinli che Inkonsequenz derartiger politischer, legislativer oder juristischer Entscheidun gen lässt sich abermals nur als Konsequenz einer spezifischen kollektiven Erinne rungsarchitektur verstehen. Zugleich zeigen sich im genannten Fall zugleich die außen- und sicherheitspolitische Relevanz wie auch Problematik. Denn anders als der Holocaust im Falle der Bundesrepublik Deutschland hat der Völkermord an den Armeniern im Rahmen einer gänzlich anderen Repräsentation Eingang ins kol lektive Gedächtnis und nationale Selbstverständnis der Türkei genommen. Span nungen auf internationaler Ebene haben sich jüngst genau in dieser Frage gezeigt. Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass im Falle einer kollektiven Traumati sierung ein traumatogenes Ereignis mit Relevanz für ein Kollektiv dazu führt, dass ein Individuum auch dann erschüttert wird, wenn es nicht direkt und unmittelbar davon betroffen ist. Dies liegt darin begründet, dass es Teil einer sozialen Gruppe, die von Ereignis auf spezifische Weise betroffen ist. Alle oder zumindest ein Groß teil der Angehörigen der sozialen Gruppe entwickelt Traumafolgeerscheinungen, die entweder erfolgreich angegangen werden können oder sich pathologisch mani festieren. In beiden Fällen wirkt dies zurück auf Identität und politisch wirksames Verhalten der sozialen Gruppe. Das Phänomen kollektiver Traumatisierung steht somit in einem engen Zusammenhang mit einem Konzept erweiterter nationaler Sicherheit, das explizit die Wahrung nationaler Identität als Teil des nationalen In teresses einschließt. Konkret lässt sich im Konzept des kollektiven Traumas eine spezifische Versicherheitlichung der kollektiven Identität eines Gemeinwesens, ins besondere eines Nationalstaates, erkennen. So lässt sich Bedrohung der kollektiven Identität, d.h. des nationalen Selbstverständnisses beziehungsweise der nationalen Kultur als Bedrohung der nationalen Sicherheit verstehen. Es geht um nichts Ge ringeres als um das soziale und identitäre Überleben, wenn Gesellschafts-, Wirt schafts- und Rechtsordnung oder gar der vertraute Lebensstil per se, der als der allgemeingültigste Ausdruck des eigenen kollektiven Selbstverständnisses gilt, fun damental bedroht wird. Zwar ist es in der Regel schwieriger, die Bedrohung auf dem Wege des sozialen Diskurses als kollektives Trauma zu konstruieren, als im Falle eines kriegerischen Angriffs auf das eigene Territorium durch gegnerische Streitkräfte, bei dem im Sinne Maslows die fundamentalste Stufe der Bedürfnispy ramide tangiert wird, nämlich das physische Überleben, und somit die Interpretati onsspielräume deutlich geringer sind, als bei rhetorischen oder symbolischen Atta cken — selbst wenn letztere terroristischer Natur sind — oder etwa bei kultureller Unterwanderung oder ökonomischer Durchdringung. Dennoch sind auch kulturel le Traumatisierungen als bedeutsame Variablen und Einflussfaktoren für die Analy se der Internationalen Beziehungen beziehungsweise konkreter außen- und sicher heitspolitischer Entscheidungen zu werten. Weil Naturkatastrophen, technische Großschadensereignisse und menschlich induzierte traumatogene Ereignisse über 300 das traumatisierte Individuum hinausgehen und große Kollektive betreffen, kann die nachhaltige Erschütterung oder grundsätzliche Infragestellung bisheriger gesell schaftliche Funktionen, Prozesse und Dynamiken zu Misstrauen, Argwohn, Schweigen, Brutalisierung, Niedergang von Werten, von Moral, Führungsschwäche, Abhängigkeiten, Passivität, Verzweiflung führen, welche den grundlegenden Cha rakter einer Gesellschaft zu bestimmen beginnen. Die Einbeziehung der nationalen Identität und der drauf basierenden politischen und strategischen Kultur in die Analyse der internationalen Beziehungen im Allge meinen beziehungsweise konkreter außenpolitischer Entscheidungsprozesse im Besonderen ist somit unabdingbar. Auf der Ebene der außenpolitischen Praxis gilt dies, um politische Fehler, Fehlkalkulationen und Missverständnisse zu vermeiden, nicht nur, weil dies zu unnötigen und vermeidbaren Konflikten führen kann, son dern auch, weil Kränkungen im Bereich kulturell-basierter Identität besonders schwerwiegend und nachhaltig wirken können. Die Einbeziehung der politisch kulturellen Komponente beziehungsweise der nationalen Identität, zu deren Ent wicklung kollektive Traumatisierungen, wie gezeigt, in besonderem Maße beitragen können, ermöglicht somit die Herausbildung nicht nur einer weniger fehleranfälli gen Außen- und Sicherheitspolitik, sondern zugleich auch einer Diplomatie mit bewusstem kulturellen Fingerspitzengefühl. Doch auch zur Ausgestaltung konkre ter Maßnahmen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik, etwa im Bereich der Rekonstruktion von Gesellschaften nach Kriegen und Bürgerkriegen, welche mili tärischen Interventionen regelmäßig folgt, ist das Verständnis von Wirkung und Manifestation kollektiver kultureller Traumatisierung maßgeblich für den Erfolg entsprechender Missionen (Abramowitz 2005, Somasundaram 2007). Auch auf wissenschaftlicher Ebene kann die Berücksichtigung kollektiver Traumatisierungs prozesse zu einem besseren Verständnis politisch-historischer Entwicklungen bei tragen. Durch sie lässt sich nachvollziehen, warum etwa Missverständnisse im zwi schenstaatlichen Bereich aufgetreten sind, weshalb durch Fehlinterpretationen traumatisierter Gesellschaften Konflikte entstanden sind oder auf welche Weise diplomatische Verstimmungen durch Mangel an Sensibilität für unbewältigte kultu relle Traumata verursacht wurden. Zugleich lässt sich nachvollziehen, welchen Ein fluss Manifestationen kultureller Traumata auf die Entstehung grundlegender au ßen- und sicherheitspolitischer Orientierungen (grand strategies) wie auch konkreter Entscheidungen einzeln und im Zusammenspiel mit den anderen im Rahmen des Modells behandelten Variablen haben. Hierzu gilt es etwa im konkreten Fall, auf hermeneutischem Wege die symbolischen Repräsentationen vor dem Hintergrund der Entwicklung von kulturellem Gedächtnis beziehungsweise kollektiver Identität einer Nation zu interpretieren. Betrachtet man die Akteur-Seite im Interpretativen Realismus, so spielt das Indivi duum eine zentrale Rolle innerhalb der Analyse. Auch wenn zwischenstaatliches Handeln Staatshandeln ist und der Staat als erkennbarer Akteur auf internationale Ebene in Erscheinung tritt, liegt diesem Handeln eine Vielzahl von Dynamiken und 301 Einzelentscheidungen zugrunde, die sowohl bei ihrem Zustandekommen per se als auch im weiteren Zusammenspiel spezifischen Logiken folgen. Diese Logiken wur den im fünften Kapitel aufgezeigt. Hierbei stellt das Individuum den zentralen Fo kus der Analyse dar. Ein entscheidender Aspekt dabei ist, dass das menschliche In dividuum ein Wesen ist, welches — anders als in vielen Theorien postuliert — einer in vielfacher Hinsicht begrenzten Rationalität folgt. Das heißt nicht, dass menschli ches Entscheiden irrational wäre; vielmehr folgt es konsequent einer Logik, die auf systematischen Verzerrungen beruht, was einen nachhaltigen Einfluss auf die As pekte Perzeption, Interpretation und Rekonstruktion der so auf spezifische Weise verzerrt wahrgenommenen empirischen Realität und folgerichtig den weiteren Ent scheidungsprozess und die empirisch erkennbare Handlung hat. Mit anderen Wor ten: Perzeptionen werden aufgrund kognitiver Prozesse gefiltert beziehungsweise verzerrt, sodass es gleichsam zu Fehlwahrnehmungen, Fehlinterpretation und Wirklichkeitsrekonstruktionen kommt, welche diese systematischen Verzerrungen reflektieren. Bei der Analyse sind somit zunächst die kognitiven Prozesse bezie hungsweise die jeweiligen Heuristiken ebenso wie etwaige sozialisationsbedingte und insbesondere kulturspezifische Verzerrungen zu berücksichtigen, welche in bestimmten Kontexten entscheidungsbeeinflussend wirken können. Daneben gilt es, eine psychobiografische Analyse durchzuführen, um so ebenfalls den Einfluss spezifischer Persönlichkeitsmerkmale, Charakterausprägungen und etwaiger mentaler Erkrankungen berücksichtigen zu können. Wie dargelegt, sind alle dieser Aspekte potenziell entscheidungserheblich und erst ihre synchrone Ana lyse ermöglicht eine wirklichkeitsnahe Rekonstruktion beziehungsweise Erklärung zwischenstaatlichen Handelns. Dabei zeigt sich, dass die so gewonnenen Erkenntnisse nicht nur für die Analyse auf der individuellen Ebene per se von Relevanz sind, sondern diese Logiken auch bei der Betrachtung der übergeordneten Analyseeinheiten der Analyseebene Staat zum Tragen kommen. Allerdings sind in diesen Zusammenhängen zusätzliche Wirkmechanismen zu berücksichtigen, so die beschriebenen gruppendynamischen Prozesse, wie etwa Groupthink, oder die Effekte bürokratischer Strukturen, Res sortegosimen und Rivalitäten und dergleichen. Auf diese Weise wird deutlich, dass, um zwischenstaatliches Handeln zu verstehen, die auf jeweils spezifischen Soziali sationserfahrungen und partikularen Identitäten beruhenden Perzeptionen sowohl der eigenen Rolle als auch der nationalen und internationalen Struktur und Kons tellation allesamt Elemente des zwischenstaatlichen Entscheidungsprozesses sind. Alle genannten Analyseeinheiten bewegen sich dabei auf der Grundlage einer ge meinsamen Matrix, welche als kollektive Identität verstanden werden kann. Sie bil det einen wesentlichen Bestandteil der individuellen Identitäten und ist zugleich als kollektiver Ausdruck ebendieser zu verstehen. Die kollektive Identität determiniert dabei die zentralen Werte und ist dabei Ausdruck kollektiver Erfahrungen, was sich letztlich in einer spezifischen nationalen Identität und strategischen Kultur manifes tiert. Gerade hier tritt die intrinsische Verbundenheit zwischen kollektiver und in 302 dividueller Ebene deutlich zutage. Genau dieses komplexe Zusammenspiel der Analyseebenen und der darin enthaltenen Analyseeinheiten machen den Akteur Staat aus, dessen zwischenstaatliches Handeln nach außen empirisch erkennbar wird. Fügt man diese Erkenntnis mit der Erkenntnis aus dem vorangegangenen Kapitel zusammen, das sich mit der Strukturseite befasst hat, so wird deutlich, was in der Auseinandersetzung mit den Basisproblemen der Internationalen Beziehun gen diskutiert und postuliert wurde, nämlich das eine synchrone Analyse aller drei Analyseebenen erforderlich ist, um das notwendigerweise untrennbare Zusam menwirken der sich auf die dargelegte Weise wechselseitig konstituierenden Grö ßen Akteur und Struktur verstehen zu können Dieses Verständnis ist grundlegend und notwendig für die Erklärung zwischenstaatlichen Entscheidens und Agierens. Im Rahmen der Darlegung des Strukturverständnisses des Interpretativen Realis mus wurde ein Anarchie-Hierarchie-Kontinuum entwickelt und die den einzelnen Systemstrukturausprägenden innenwohnenden Logiken detailliert aufgezeigt. Im Rahmen der Darlegung des Akteurverständnisses des interpretativen Realismus wurde aufgezeigt, wie Perzeption, Interpretation und Wirklichkeitsrekonstuktion unter Berücksichtigung kognitiver, affektiver, persönlichkeits-, gruppen- und bin nenstrukturspezifischer Mechanismen im konkreten Fall funktionieren und sich entsprechend auswirken. Somit wurde die in Kapitel 3 begründete Grundlage der Theoriefortbildung hinsichtlich der akteur- und strukturspezifischen Funktionslo giken konkretisiert und operationalisiert. Als letztes Element gilt es nun, die motivationale Seite zu betrachten, die das Bin deglied im Akteur-Struktur-Verhältnis darstellt und erst eine sinnstiftende Bewer tung der Perzeption und Interpretation hinsichtlich der jeweiligen Bedürfnisse er möglicht. 303 304

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References

Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.