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2. Theorie und Methodik: Analytischer Eklektizismus und Interpretativer Realismus in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 17 - 134

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-17

Tectum, Baden-Baden
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2. Theorie und Methodik: Analytischer Eklektizismus und Interpretativer Realismus 2.1 Theorielandschaft zwischen Pluralismus und Zersplitterung: Entwick lung, Aussagekraft, Grenzen und Potenziale bestehender Theorieansätze in den Internationalen Beziehungen Um zunächst zu verstehen, wie sich die gegenwärtige Forschungslandschaft auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Beziehungen darstellt, sollen im nach folgenden Abschnitt die vorhandenen Ideen und Argumente aus ihrem Entwick lungszusammenhang heraus vorgestellt werden. Ziel hierbei ist es zu verdeutlichen, welche Diskurse die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen geprägt haben, welche Paradigmen hierbei hervorgebracht wurden und wo deren analyti sche Stärken aber ebenso ihre Grenzen liegen. Hierdurch soll festgestellt werden, welche möglichen Anknüpfungspunkte für ein modellorientiertes analytischekletisches Vorgehen bestehen. Der Bewertungsmaßstab ist dabei stets die von den Paradigmen selbst prognostizierte Analysefähigkeit sowie die Ergebnisse bereits erfolgter Anwendungen der jeweiligen Erklärungsansätze. Vor diesem Hintergrund wird im nachfolgenden Abschnitt im Rahmen der Darlegung der Debatten und Wenden, welche die Entwicklung der Disziplin der Internationalen Beziehungen charakterisiert haben, zugleich auch die jeweils hierbei in Erscheinung getretenen Theorien und Erklärungsansätze aufgezeigt und mit der in der Disziplin existieren den Kritik gegenübergestellt. Die ersten Großen Debatten und die Rivalität realistischerund liberalerOrthodoxien Zunächst einmal lässt sich festzustellen, dass die teils heftig geführten Debatten und die damit einhergehenden paradigmatischen Wenden bis in die Gegenwart hin ein ein definierendes Moment der Internationalen Beziehungen darstellen. Dieser Umstand kann auch als Ausdruck dafür gewertet werden, dass sich die Disziplin noch immer in einem Prozess der Selbstfindung befindet. In den 1970er Jahren wies Lijphart (1974: 11) zurecht daraufhin, dass in einer jungen Disziplin, mit der eine Vielzahl von Wissenschaftlern befasst sei, natürlicherweise auch viele unter schiedliche Sichtweisen und Kontroversen aufträten, was in den Internationalen Beziehungen in besonderem Maße erkennbar sei. Seither haben sich die Dinge nicht wesentlich verändert: „Almost a century after its birth, IR is still in the process o f defining itse lf’ (Benneyworth 2011). Auch die früheren Debatten haben nichts an ihrer Bedeutung verloren (vgl. etwa Navon 2001). An sich lässt sich gegen einen gesunden kompetitiven Diskurs nichts einwenden: Etablierte Ideen können sich im Wettbewerb behaupten oder neue, fortgeschrittene beziehungsweise über legene Ideen können sich etablieren oder zumindest Teil des Diskurses werden. 17 Auf diese Weise wird es zumindest dem Prinzip nach möglich, die in der immer mehr rein empirisch orientierten Politikwissenschaft, speziell auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen, vernachlässigte Grundlagenforschung zu betreiben (vgl. etwa Rytövuori-Apunen 2005). Allerdings haben die Debatten und Wenden in den Internationalen Beziehungen zur heute als zentrales Problem der Disziplin be stehenden destruktiven Fragmentierung der Theorielandschaft beigetragen. Diese Entwicklung nahm ihren Ausgang in der ersten großen substanziellen Debat te des Faches, der sogenannten First Debate, bei der es um die Grundpositionierung der Internationalen Beziehungen entweder in eine idealistische oder realistische Richtung, ging (vgl. etwa Angell 1910, Carr 1939, W oolf 1940, Herz 1950, Morgenthau 1954). Auch wenn es dabei nicht die eine Liberalismus-Theorie der Interna tionalen Beziehungen gibt (vgl. etwa Burchill 2001: 29-69, Czempiel 1998: 147-149, Doyle 1997: 226-312, Richardson 1997, Mac-Millan 1998: 10-16 und 2004: 472 493, sowie Zacher/Matthew 1995, Krell 2009: 175-232, Freud/Rittberger 2001, Schieder 2006 und Hasenclever 2010), verfügen die Vertreter dieser Richtung über einige verbindende Gemeinsamkeiten, welche den Grundstock des Liberalismus in den Internationalen Beziehungen bilden. Hierbei handelt es sich vor allem um das prinzipiell positive Bild vom Menschen als potenziell gutes, altruistisches Wesen, das zu gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit fähig ist. Ein vom Guten abweichendes Verhalten ist nicht der menschlichen Natur geschuldet, sondern schlechten Institutionen oder schlechten strukturellen Arrangements. Somit wird auch die anarchische Strukturbedingung des internationalen Systems als grundsätz lich überwindbares negatives Arrangement betrachtet, das in Form einer Weltge sellschaft besser strukturiert werden kann, etwa im Rahmen von Verrechtlichung beziehungsweise Institutionalisierung. Aus Sicht des damaligen Liberalismus hatten die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zu Überlegungen geführt, denen zufolge die bisherige Konstanten des Westfälischen Systems und der seit Jahrhunderten in Europa kultivierten Tradition des Austarierens der Mächte überwunden werden müssten, da sich die damit einhergehenden zwischenstaatlichen Praktiken, wie etwa Geheimdiplomatie, als fatal erwiesen hatten. Der Wunsch nach einer Umgestaltung des internationalen Systems hin zu mehr Transparenz, Offenheit, Fairness und Kooperation sowie die Ablösung des Prinzips des Gleichgewichts der Mächte durch ein System kollektiver Sicherheit, wie er beispielsweise in Wilsons Vierzehn Punkten zum Ausdruck kam, entsprach genau jenem liberalen Denken, das vom Optimismus geprägt war, dass die internationalen Beziehungen durch Institutionen, eine neue, transparente Diplomatie und ein allgemein verbindliches Völkerrecht geregelt werden könnten (vgl. etwa Knock 1992: 239). Diese liberale Vision sollte durch den Nichtbeitritt der USA zum Völkerbund so wie temporär begrenzten Mitgliedschaften anderer Großmächte wie Japan, der Sowjetunion und dem Deutschen Reich, rasch ihre ersten empfindlichen Rück schläge erleiden. Auch das Fehlen eines absoluten Kriegsverbotes, vor allem aber die Persistenz der Dominanz nationaler Eigeninteressen insbesondere seitens der 18 einflussreichsten Völkerbundmitglieder Frankreich und Großbritannien, führte letztlich auch zur Schwächung der liberalen Position in der Theorie der Internatio nalen Beziehungen. Die Realität des Völkerbundes wie auch der Blick auf die histo rischen Erfahrungen schienen dann doch mehr für den Realismus als Analyseansatz und zugleich politische Handlungsrichtschnur geeignet zu sein als der bald im pejo rativen Sinne als idealistisch gebrandmarkte Liberalismus. Institutionen, die den zentralen Kern des liberalen Ansatzes darstellten, konnten nationale Sicherheit nicht garantieren, so die seinerzeitig immer mehr dominierende Ansicht, allein der Staat sei dazu in der Lage, weswegen er auch stets das letzte Wort behalten müsse. Auf intellektueller Ebene beförderte vor allem E.H. Carr durch die im Rahmen sei nes Werkes The Twenty Years Crisis geführte Auseinandersetzung mit den beiden ri valisierenden Paradigmen, den Aufstieg des Realismus zur lange dominierenden Theorie in den Internationalen Beziehungen, wobei zu beachten ist, dass es den ein heitlichen, kohärenten Realismus so nicht gibt. Donnelly (2000: 9, in Guzzini 2004) etwa weist auf die Existenz zahlloser, nicht selten miteinander unvereinbaren Kon zeptionen und Definitionen innerhalb der Denkschule des Realismus in den Inter nationalen Beziehungen hin, welche bei genauerem Hinsehen bestenfalls grob einer theoretischen Richtung zuordenbar seien, sodass man realistische Argumente zwar grob erkennen könne, es jedoch unmöglich sei, eine eindeutige Definition zu ge ben. Die normative Beurteilung dieses Sachverhaltes driftet auseinander; häufig er scheint er als negativ (vgl. etwa Guzzini 2004), mitunter wird das breite Angebot, welches „der“ Realismus offeriert, durchaus als positiv bewertet (vgl. etwa Gilpin 1984). Obwohl realistisches Denken in den Internationalen Beziehungen auf eine Vielzahl gedanklicher Vorläufer zurückblicken kann (vgl. etwa Vincent 1981, Navari 1982, Hanson 1984, Williams 1989, Johnson Bagby 1994, Frankel 1996, Tellis 1996, Rahe 1996, Kauppi 1996, Johnson Bagby 1996, Johnson 1996, Fisher 1996, Williams 1996, Krell 2004: 146ff.), wird der Beginn der theoretisch fundierten realistischen Auseinandersetzung mit den internationalen Beziehungen auf Hans Morgenthau, nicht selten als ,,‘the Pope' of international relations“ (Griffith 1999: 36) bezeich net, zurückgeführt. Hierbei gründete sich Morgenthaus Realismus (vgl. für ausführ liche Darstellung des Paradigmas etwa Jacobs 2003 sowie Rohde 2004) auf einer Form der historischen Anthropologie (vgl. Kindermann 2010: 41). Dieser Umstand gibt bereits einen Hinweis auf die besondere Bedeutung des Akteurfaktors bei Morgenthau: So zielt die Analyse seiner Realismus-Variante auf die anthropogenen Ursachen zwischenstaatlichen Handelns, wobei Menschen und Staaten gleicherma ßen als „Träger und Betroffene geschichtsschaffender Prozesse“ (Kindermann 2010: 42) betrachtet werden. Für Morgenthau ist somit allein der Einzelmensch entscheidend (vgl. hierzu etwa auch Rohde 2004: 80), sodass zunächst die generelle menschliche Natur verstanden werden muss, um dann das Wesen der (internatio nalen) Politik zu begreifen. Zentraler Bestimmungsfaktor menschlichen Handelns ist für Morgenthau das Eigeninteresse des einzelnen Menschen, welches einzig 19 durch Macht realisiert werden kann. Selbsterhaltungs- und Machttrieb des Indivi duums sind somit die entscheidenden Determinanten auch zwischenstaatlichen Verhaltens. Politische Macht erscheint in diesem Zusammenhang nicht primär als materielle Größe im Sinne physischer Gewaltausübung, als „psychologische Bezie hung zwischen Inhabern öffentlicher Gewalt [...] und anderen, über die sie ausge übt wird“ (Morgenthau 1963: 71). Natürlich ist auch das Individuum bei Morgenthau und den anderen klassischen Realisten keine kontextungebundene Größe (vgl. etwa Spykman 1942: 25, Wolfers 1962: 90-125, Morgenthau 1967: 32, Meinecke 1998: 1f., Coby 1999 :102f. Vgl. zudem Aron 1985: 117 undjervis 2005: 93f.). Die globale Strukturbedingung der Anarchie, die Staaten als jeweils souveräne und einander gefährdende Aktionseinheiten gegenüberstellt, spielt eine wichtige Rolle, aber eben nur insoweit sie aufgrund der Defizite der menschlichen Natur erfordert, dass jeder Staat seine Macht zum eigenen Schutz maximiert. Denn sowohl der po tenziell unbegrenzte Trieb aller souveränen Staaten nach einem Überleben um je den Preis als auch die große Gefahr von Fehleinschätzungen von Situationen durch die staatstragenden Akteure machen dies erforderlich (vgl. hierzu etwa Morgenthau 1967: 201f, sowie Hertz 1962: 7). Die ebenfalls aus dem menschlichen Wesen ab leitbare Antwort sieht der klassische Realismus in einem natürlichen Streben nach Gleichgewicht, das sich auf dem Gebiet innerstaatlicher Politik beobachten lasse und welches somit gleichsam auch für die internationale Politik gelte (vgl. etwa Morgenthau 1963: 147f.). Obgleich wiederholt behauptet wurde, die Erste Große Debatte der Internationalen Beziehungen sei in der Entwicklungsgeschichte des Faches und seiner Theoriebildung zu vernachlässigen (vgl. etwa Wilson 1998, Ashworth 2006), erscheint die Berücksichtigung ihrer Ergebnisse gerade mit Blick auf die auch für die hier intendierte Modellbildung wichtige Agent-Structure-Debatte und die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Anarchiearten von be sonderer Bedeutung. Zudem ist mit Blick auf die in der Folge behandelten weiteren Debatten und die Turns bereits an dieser Stelle der Umstand von Interesse, dass Wesen und Dominanz von Paradigmen diskursiv konstruiert werden3, auch wenn diese Erkenntnis erst nach der Dritten Debatte beziehungsweise im Rahmen von konstruktivistischer/reflexiver Wende wissenschaftliche Anerkennung erfahren hat. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges konnte sich der realistische Ansatz schließlich zunächst als zentraler Analyseansatz in den Internationalen Beziehungen etablieren, der zwar angesichts der wachsenden Bedeutung von jenseits des Natio nalstaates angesiedelten internationalen Akteuren, internationalen Regimen und regionalen Integrationstendenzen von Pluralismus- und Globalismustheorien der Internationalen Beziehungen herausgefordert wurde (vgl. etwa Allison 1969, Gilpin 1971, Wallerstein 1974, Keohane/Nye 1977, Doyle 1983), jedoch bis zur Wende, 3 So wies etwa Thies (2002) darauf hin, dass die Debatte „“was framed by the realists, who constructed a unified ‘idealism ’ temporally located in the interwar period to be the straw man for the justification of their theories and the starting point for construction o f the re alist identity”. 20 die durch den sukzessiven Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks in den aus klingenden 1980er und frühen 1990er Jahren ausgelöst wurde, wichtigste Analyseund Referenzgröße blieb. Doch bereits hier zeichnete sich eine Pluralisierung der Theorielandschaft ab. Die große Ernüchterung und Herausforderung folgte ange sichts des Umstandes, dass keines jener Paradigmen, allen voran der dominierende Realismus, besagten Umbruch vorhersagen konnte. Lee Ryan Miller reflektiert das Gefühl jener Epoche sehr eindrucksvoll in der Einführung zu seinem Buch Confessions o f a Recovering Realist (2004: ix), wo er die allererste Politik-Vorlesung, die er im September 1990 als junger Doktorand an der University o f California in Los Ange les besuchte, beschreibt. Er zitiert den Professor jener Veranstaltung mit den Wor ten: „The Berlin Wall has fallen, and the Cold W ar has come to an end. None o f us foresaw these momentous events. Everything w e’ve been teaching for the past forty years has turned out to be wrong. Those among you who choose to specialize in international relations — it ’s up to you to build a new paradigm.” Genau diese Tendenz lässt sich dann auch in den Folgejahren sehr gut erkennen. Tatsächlich war es bereits kurz vor der großen Wende zu ersten Bemühungen ge kommen, die vorhandenen Paradigmen weiterzuentwickeln beziehungsweise in de ren Geiste neue Paradigmen zu erschaffen, so etwa den Neo-Realismus und den Neo-Liberalismus (vgl. etwa Axelrod/Keohane 1985, Putnam 1988, Grieco 1988, Waltz 1990, Snidal 1991, Krasner 1991, Mearsheimer 1994/95, Keohane/Martin 1995, Moravcsik 1997). Diesen Entwicklungen war jedoch in den 1960er Jahren eine weitere Debatte vorangegangen, die sogenannte Zweite Große Debatte der Inter nationalen Beziehungen. In dieser ging es um die Frage, wie ein Forscher im Be reich der Internationalen Beziehungen wissen könne, dass die Aussagen, die er formuliert, den untersuchten Gegenstand auch tatsächlich erfassen. Erstmals stellte sich somit formal die Frage nach der geeigneten Epistemologie zur Analyse zwi schenstaatlichen Verhaltens. In ihr standen sich die Vertreter eines an einem her meneutischen Zugang orientierten traditionellen Ansatz, wie er in Geschichte, Phi losophie und Rechtswissenschaften vorherrschte, denjenigen Wissenschaftlern ge genüber, welche die an strikten Kausalzusammenhängen ausgerichteten Methode der Naturwissenschaft auf den Bereich der Internationalen Beziehungen übertragen wollten. Aus deren Perspektive heraus sollten nur noch konkret messbare Größen eine Rolle bei der Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens spielen. Strikt an der Phi losophie von Comte’schen Positivismus, Empirismus und Behaviorismus orientiert, wurden Aspekte wie Wahrnehmung, Motivation oder Interpretation ebenso ausge blendet wie das Normative. Beeinflusst wurden die Anhänger des neuen Ansatzes dabei in besonderem Maße von der sogenannten behavioristischen Revolution, die in einer Reihe von Nachbardisziplinen seit den 1940ern stattgefunden hat und vor allem quantitative Zugänge zu ihrem jeweiligen Forschungsobjekt zur Anwendung brachte. Diesem Trend folgend nahm man als Prämisse, dass alle sozialwissen schaftlichen Probleme auf ein nach gleichsam mathematischen Gesetzmäßigkeiten ablaufendes menschliches Verhalten zurückgeführt werden könnten (vgl. hierzu 21 etwa das Werk Eastons, insbesondere Easton 1962, 1965, 1969; vgl. zur Debatte insgesamt zudem Falter 1982 und ferner Falter/Honolka/Ludz 1990). Vor diesem Hintergrund und bei wachsender Durchsetzungskraft dieser Philosophie standen somit eine quasi-experimentelle Modellbildung auch in den Internationalen Bezie hungen und damit einhergehend Fragen der Techniken präziser Erhebung, Mes sung und Präsentation von Daten im Vordergrund, was nicht zuletzt auch den Umgang der Theorie mit ihren empirischen Referenten prägte und die Auswahl der als analysierbar betrachteten Fälle erheblich einschränkte. Insgesamt hat der Umstand, dass behavioristisches Denken als Sieger aus der Zwei ten Debatte hervorging, dazu geführt, dass die Theoriebildung in den Internationa len Beziehungen lange Zeit von positivistischen Postulaten determiniert wurde. Konkret bedeutete dies die Annahme einer unabhängig vom Betrachter existieren den Welt, die auch als solche wahrzunehmen sei beziehungsweise entsprechend wahrgenommen werden müsse. Subjektive Aspekte wie Identitäten wurden ausge blendet um die Intersubjektivität des Untersuchungsgegenstandes zu gewährleisten. Ebenso galt dies für Aspekte wie Ort, Zeit, Kultur. Das Individuum wie auch die soziale Welt wurden als universell identisch angenommen, unabhängig von den ge nannten Größen. Dabei wurde dem handelnden Akteur eine allgemeingültige ge richtete Zweck- und Handlungsrationalität unterstellt, die stets zu einem vergleich baren instrumentellen Handeln führe. Die sich in diesem Zuge herausbildende do minierende Rolle behavioristisch geprägter Ansätze wirkte auch auf die liberale Denkschule innerhalb der Internationalen Beziehungen zurück und fand als Neoli beralismus Eingang in die Theoriebildung vor allem im Bereich der Rolle von Insti tutionen und deren Einfluss- und Interaktionspotenzialen im Kontext komplexer globaler Interdependenz (vgl. etwa Keohane/Nye 1972), was letztlich zu einer er neuten Auflage der Ersten Debatte zwischen Liberalismus und Realismus führte, nur eben in deren Neo-Ausprägungen, was dieser Dritten Debatte auch den Beina men Neo-Neo-Debatte einbrachte. Obwohl sich realistisches und liberales Denken vor diesem Hintergrund in gewisser Weise annäherten, weil auch der entstehende Neorealismus ehemalige, eher traditionalistische realistische Elemente philosophischer, historischer und anthropologi scher Provenienz über Bord warf, und so im positivistisch-behavioristischen Sinne wissenschaftlicher wurde, zeigten sich in drei Bereichen fundamentale Unterschie de, die schließlich zur sogenannten Dritten Großen Debatte in den Internationalen Beziehungen führte.4 Hierbei handelte es sich um das Problem relativer und abso luter Gewinne, das Spannungsverhältnis von Kooperation und Verteilung und ins besondere die Frage von Wesen und Wirkung von Anarchie im Weltsystem (vgl. etwa Axelrod/Keohane 1988, Grieco 1988 und 1999, Krasner 1991, Lipson 1984, Mastanduno 1991, Milner 1991, Powell 1991, Powell 1991, Snidal 1991, Stein 1982). Diese Dritte D ebatte wird auch als Inter-Paradigrn Debate bezeichnet 22 Im Detail zeigte sich das Trennende zwischen den beiden neuen Paradigmen in vielerlei Hinsicht. Während der Neorealismus weiterhin vom unitarischen Staat ausging und Themen wie Macht, Anarchie, ein objektiv existierendes nationales Interesse und das Sicherheitsdilemma eine zentrale Rolle spielten, ließ der Neolibe ralismus neben Staaten auch nichtstaatliche Akteure als relevante Analysegröße in den Internationalen Beziehungen zu, ging also von einem aus unterschiedlichen Analyseeinheiten bestehenden Staat aus. Er brachte folgerichtig auch einen dem Prinzip nach multizentrischen Ansatz zur Wirkung, der eine Vielzahl substaatlicher, transstaatlicher und nichtstaatlicher Akteure in die Analyse einbezog und der über die realistische Dichotomie von Krieg und (negativem) Frieden als Zustand zwi schenstaatlicher Beziehungen einen Ansatz ausgehandelter und international verrechtlichter Interdependenz annahm. Wirft man einen eingehenderen Blick auf das neorealistische Paradigma, so zeigt sich, dass einige der grundlegenden Aussagen und Thematiken des klassischen Rea lismus — etwa die Rolle von als rational angesehenen, nach dem eigenen Überleben strebenden Staaten als zentrale Akteure der Weltpolitik — auch im Rahmen der neo realistischen Theoriebildung aufgegriffen wurden. Dabei ging es jedoch vor allem darum, den klassischen Realismus, welcher zwar als bedeutsam angesehen, dessen unsystematische Vorgehensweise kritisiert wurde, zu systematisieren (vgl. insbe sondere Waltz 1979). Die Kritik am klassischen Realismus richtete sich dabei vor allem gegen das bei den klassischen Realisten untertheoretisierte Strukturargument und den darauf basierenden Reduktionismus (vgl. etwa Waltz 2005: 119). Zwar hät ten auch die Vertreter des klassischen Realismus, wie oben gezeigt, die Anarchie als wesentliche Randbedingung für Akteurshandeln in ihren Theorieansatz eingebun den, jedoch nicht erkannt, dass sich die im Laufe der Geschichte immer wieder er kennbaren gleichen Handlungsmuster nicht als Ausfluss subjektiv motivierten, in dividuellen menschlichen Handelns zu sehen seien, sondern als rein der (anarchi schen) Struktur des internationalen Systems geschuldet angesehen werden müssten. Die bei den klassischen Realisten erkennbare Bedeutung des individuell handelnden Individuums wird bei Waltz aufgehoben, der Akteur, dessen Binnendifferenzierung als teilweise nicht gegeben, auf jeden Fall aber als irrelevant betrachtet wird, wird zur reinen Funktion der Struktur. In ebendiesem Sinne ist auch die Souveränität der Akteure zu verstehen. Aufgrund der Vorgaben der Systemstruktur ist es einem Staat nicht möglich, anders zu handeln als auf eine bestimmte (rationale) Weise. Die durch die Souveränität implizierte Handlungsfreiheit beschränkt sich somit da rauf, selbst zu entscheiden, welche Reaktion auf externe Herausforderungen zur Wahrung des nationalen Interesses, insbesondere der Sicherstellung des eigenen Überlebens, rational und sinnvoll ist (vgl. etwa Waltz 1996, Löwenthal 1971: 11). Das kann etwa in Form der Entscheidung für oder wider die Teilnahme an einer Allianz erfolgen, um die Machtverteilung im globalen System im Gleichgewicht zu halten und so die Möglichkeiten einer Wahrung der eigenen nationalen Sicherheit zu erhöhen. Statt die Maximierung der Macht zu erstreben, geht es um die Maxi 23 mierung der relativen Sicherheit, welche gerade im Rahmen des Mächtegleichge wichts (sogenannte Balance o f Power) erzielt werden kann. Dieser die Theorie der Internationalen Beziehungen lange dominierende neorealis tische Theorieansatz wurde auch aus den Reihen des Neorealismus selbst mitunter kritisch bewertet. Gerade Stephen Walt (1985, 1997) widerspricht dem Balance-of- Power-Ansatz und argumentiert, dass es nicht der Umfang der Macht an sich, son dern vielmehr die Intensität der wahrgenommenen Bedrohung sei, welche für das Verhalten von Staaten ausschlaggebend sei. Der Fokus einer Analyse zwischen staatlicher Beziehungen dürfe sich somit nicht allein auf die Machtstärke eines Staa tes richten, sondern müsse auch das durch die Staaten wahrgenommene Bedro hungspotential einbeziehen (vgl. Walt 1997: 933). Die Bedrohung eines Staates wird von Walt anhand der Variablen Machtstärke (aggregated power), geographische Lage (proximity), militärische Stärke (offensive capability) und Expansionsdrang (offensive intentions) näher bestimmt. Somit setzt sich die Bedrohungsperzeption eines Staates aus den aggregierten Größen Erhöhung der relativen Machtstärke ei nes anderen Staates, räumliche Nähe zu potenziellen Aggressoren, Quantität bezie hungsweise Qualität der zur Verfügung stehenden Waffensysteme und Grad, in dem potenzielle Gegner eine offensive oder gar aggressive Außenpolitik verfolgen, zusammen (vgl. Walt 1985: 9ff.; vgl. ferner Ditzel/Hoegerle 2011: 20f.). In der Waltschen Variation des Neorealismus wird somit das System jenseits des reinen Strukturmerkmals Anarchie als Wirkfaktor im außenpolitischen Entscheidungspro zess ausdifferenziert. Der souveräne Akteur hat zudem nach der Ansicht Walts ne ben der Möglichkeit, still zu halten oder sich an einer Allianz gegen die Bedrohung zu beteiligen, zudem noch die Option, mit dem als Bedrohung angesehenen Staat selbst zu koalieren (sogenanntes Bandwagoning). Nichtsdestoweniger bleibt der Staat weiterhin eine Funktion der anarchischen Struktur und wie schon bei Waltz spielt die innere Verfasstheit der Staaten jenseits der zur Verfügung stehenden Machtmit tel für die neorealistische Analyse keine Rolle. Dem statischen Ansatz des Neorealismus, der konfliktiv-kompetitives internationa les Verhalten als gleichsam einem zeitlos gültigen Naturgesetz folgend betrachtete, stand das von der Entwicklungsfähigkeit ausgehende und von kooperationswilligen Staaten und sonstigen Akteuren ausgehende Modell des Neoliberalismus gegen über, das vor allem nach dem Ende des Kalten Krieges erheblich an Anklang ge wonnen hat (vgl. etwa Lebow 1994).5 In Anlehnung an frühere Argumente ist beim Mitunter findet sich eine erweiterte Darstellung der Dritten Großen Debatte, die neben Neorealismus und Neoliberalismus auch den Marxismus der Internationalen Beziehungen als Teil dieser Theorieauseinandersetzung betrachtet. Bei diesem stehen sich staatliche und nichtstaatliche Akteure gegenüber, welche jeweils unterschiedliche Klasseninteressen vertreten. Das Weltsystem wird als Zentrum-Peripherie-Struktur wahrgenommen, wobei ein strukturelles Ungleichgewicht (imperialistisches Ausbeutungsverhältnis der Zentren gegenüber den peripheren Gebieten) besteht, das solange existiert, bis es zu einem revolu tionär herbeigeführten Systemwandel kommt. 24 Neo-Liberalismus die Annahme zentral, dass eine Analogie der internationalen Be ziehungen zu den innerstaatlichen möglich ist, und der zwischenstaatliche Raum hin zu einer Weltgesellschaft entwickelt werden kann. Zugleich spielt der Blick in die zu analysierenden Staaten eine wesentliche Rolle, geht es dem Neoliberalismus vor allem doch darum, den Zusammenhang zwischen der Organisation von Herr schaft in den jeweiligen Gesellschaften eines Staates und dem darauf basierenden außenpolitischen Verhalten zu untersuchen. Dabei ruht der Fokus keineswegs auf der Untersuchung der Innenpolitik selbst, wie mitunter fälschlich angenommen, sondern auf der „Innenseite der Außenpolitik“ (Krell 190; Hervorhebung im Origi nal). Das Argument lautet dabei, dass die innerstaatliche Struktur das außenpoliti sche Handeln bestimmt, und nicht die Struktur des internationalen Systems, wobei insbesondere auch ökonomische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Der Fokus richtet sich daher auf Aspekte wie Partizipation, individuelles Streben und sozio- ökonomischen Wohlstand. Interessant dabei ist, dass derartige Aspekte einerseits als Analysegrößen herangezogen werden, andererseits aber auch einen normativen Anspruch erheben. Das zeigt sich etwa am Interesse an der Demokratisierung der Welt aufgrund der davon erwarteten pazifizierenden Wirkung auf die internationa len Beziehungen. Nicht ohne Grund geht mit dem normativen Anspruch liberalen Gedankenguts auch die Gefahr eines liberalen Imperialismus einher, der in der Vergangenheit sein Gesicht etwa in Form einer westlichen Mission Civilisatrice ebenso zeigte wie in der Gestalt des Freihandelsimperialismus, und welche auch heute noch latent vorhanden ist (vgl. etwa Barkawi/Laffey 1999, 2001; Buchan 2002; Richardson 2002; Smith 2002). Losgelöst von derartigen Ausprägungen geht die in diesem Zusammenhang betroffene These des Demokratischen Friedens da von aus, dass mit zunehmendem gesellschaftlichen Partizipationsgrad in einer Ge sellschaft die Gewalt sowohl in der Organisation des Herrschaftssystems als auch in den Außenbeziehungen abnimmt (vgl. etwa Russett 1993 und Maoz/Russett 1993, sowie Doyle 1983a und 1983b, Abadie 2004, Archibugi 2008, Babst 1964 und 1972). Allerdings sieht sich dieser Ansatz sieht teils erheblicher Kritik ausgesetzt (vgl. etwa Elman 1997, Gowa, Henderson 2002: 141ff., Mansfield/Snyder 1995 und 2002, Layne 1994, Risse-Kappen 1994, Spiro 1994, Gowa 1999, Small/Singer 1976, Gelpi/Griesdorf 2001, Ray 2003, Müller 2002, Nielebock 2004, Chan 1997, Geis 2001, Müller 2002, Mearsheimer 2001, Rosato 2003, Waltz 2000, Gowa 1999). Unabhängig von der tatsächlichen sachlichen oder normativen Zielerreichung geht es den Vertretern neoliberalen Denkens also darum, zu erklären, welchen Einfluss innerstaatliche und innergesellschaftliche Strukturen und Präferenzen auf zwi schenstaatliches Verhalten haben. Genau diese Öffnung des im Realismus als Blackbox angenommenen internationalen Akteurs Staat macht die Auseinanderset zung mit dem Liberalismus für die hier unternommene Theoriebildung so interes sant, weil auf diese Weise Erkenntnisse über Prozesse der außenpolitischen Präfe renzentstehung innerstaatlicher Akteure gewonnen werden können. Vordenker bei der Analyse der Rolle von Präferenzen gesellschaftlicher Akteure als Einflussgröße auf zwischenstaatliches Verhalten ist Andrew Moravcsik (1997, 2003, 2008; zur Re 25 zeption vgl. zudem Harnisch 2003, Hasenclever 2001, Risse-Kappen 1995a, Ritt berger 2001, Slaughter 1995 und W olf 2000). Auch er setzt sich mit der Frage aus einander, was Staaten zu spezifischem Handeln antreibt. Moravcsiks Argument ba siert auf der Annahme, dass die Antriebsmomente der internationalen Beziehungen aus den Präferenzen und den Prozessen der Konsensbildung in den einzelnen Ge sellschaften erwachsen und nicht aus der Struktur des Staatensystems herrühren. Das impliziert, dass die nationale Sicherheit nicht aufgrund einer bestimmten Mächtekonstellation per se oder vor dem Hintergrund von Mechanismen wie dem Sicherheitsdilemma als gefährdet erscheint, sondern wegen divergierender staatlich vermittelter gesellschaftlicher Präferenzen. Staaten haben also nicht einfach auf grund ihrer Eigenschaft als Akteure innerhalb einer spezifischen globalen Struktur feststehende, einheitliche Vorstellungen von ihren Zielen, wie vom Neo-Realismus angenommen; vielmehr wird der auf internationaler Ebene agierende Staat als „Transmissionsriemen dominanter gesellschaftlicher Präferenzen“ (Schieder 2006: 183) verstanden. Hierbei sind manche Akteure in den Präferenzbildungsprozessen zwischen Staat und Gesellschaft bezüglich der Interpretationen von Sicherheit, Wohlfahrt und Souveränität besser repräsentiert als andere. Was die konkrete Entwicklung spezifi scher gesellschaftlicher Präferenzen anbelangt, stützt sich Moravcsik auf Mancur Olsons Idee von der Logik des kollektiven Handelns und insbesondere dessen These vom Mobilisierungsgrad als maßgeblicher Determinante für den Einfluss eines gesellschaftlichen Akteurs. So haben es etwa große Gruppierungen schwerer, ihre weniger homogenen Interessen politisch durchzusetzen, als kleine Gruppie rungen mit enger umrissenen Zielvorstellungen. Bezüglich der Außenpolitik erwar tet Moravcsik vor diesem Hintergrund dann eher konfrontative als kooperative Außenpolitik, wenn der politische Einfluss auf wenige gesellschaftliche Gruppen konzentriert, die davon profitieren, auch wenn kein Netto-Gewinn für die Gesamt gesellschaft damit verbunden ist. Bei breiter politischer Repräsentation indes wird keine große Unterstützung für aggressive Außenpolitik erwartet, da die meisten in dividuellen und gesellschaftlichen Akteure zu risikoaversem Verhalten tendieren. Die Durchsetzungsmöglichkeit politischer Präferenzen ist die eine Sache, die ande re ist, woher die Präferenzen eigentlich zunächst einmal kommen. Auch hierauf versucht der Liberalismus eine Antwort zu geben. Grundannahme ist auch hierbei, dass vor allem Art und Ausgestaltung des politischen Systems zur Bildung be stimmter Präferenzen führt. Somit wird nicht nur die Fähigkeit, Präferenzen durch zusetzen, sondern auch deren Genese selbst mit der Polity-Dimension in Verbin dung gebracht. Begründet wird dieser Ansatz damit, dass durch das Herrschaftssys tem festgelegt ist, wer in welchem Maße und auf welche Weise von den Entschei dungen betroffen wird. Ausschlaggebend für den Zusammenhang zwischen Herr schaftssystem und zwischenstaatlichen Beziehungen ist dabei nicht so sehr die Staatsform per se, sondern vielmehr der Gewaltcharakter des Herrschaftssystems. Je mehr Partizipation ein Herrschaftssystem zulässt, desto größer wird die Vertei 26 lungsgerechtigkeit beziehungsweise desto höher der gesellschaftliche Konsens und desto niedriger der Gewaltgrad der Herrschaft und vice versa (vgl. Czempiel 1981: 148f. sowie Czempiel 2004: 218ff.). In einer Gesellschaft mit geringem Gewaltgrad wird zudem kein Repressionsinstrument benötigt, sodass etwa kein ausgedehnter Sicherheits- und Militärapparat besteht, welcher eine ausgeprägte außenpolitische wirksam werdende Eigendynamik entwickelt. In engem Zusammenhang mit der Gewaltausprägung eines Herrschaftsapparates steht auch die Legitimität eines poli tischen Systems. Bezogen etwa auf die Demokratie, wo es zentrale Aufgabe des politischen Systems ist, einen möglichst breiten Konsens herzustellen, hängt die Legitimität und somit die Stabilität des Systems davon ab, inwiefern die Bürger an der Politikgestaltung mitwirken und ihre Präferenzen einbringen können. Über ebendiese Legitimität der politischen Ordnung können aber auch Differenzen bestehen, welche zu unterschiedlichen Präferenzen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen führen können. Ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang ist aus Sicht des Neoliberalismus auch das Selbstverständnis der einzelnen sozialen Grup pen wie auch der Gesellschaft schlechthin. So kann die soziale Identität auf der Ebene der gesellschaftlichen Gruppen, welche im Kontext der neoliberalen Theo riebildung leider weder durch Erkenntnisse und Argumente der Sozialpsychologie noch des Konstruktivismus bereichert wird, obwohl beide Ansätze — namentlich in Kombination — hierzu geradezu prädestiniert wären, auch zu unterschiedlichen Prä ferenzen führen, welche dann wiederum im Rahmen des spezifisch gearteten politi schen Systems auf diese oder jene Weise in die kollektive außenpolitische Willens bildung eingingen. Auf der Ebene der kollektiven Identität, die im neoliberalen Pa radigma jedoch weitgehend untertheoretisiert ist, weil keine belastbare Operationa lisierung der Größe vorgenommen wird (etwa durch das Aufzeigen von kollektiven Sozialisationsprozessen, der Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses oder der Entstehung und Wirkung kollektiver Traumata), sondern diese lediglich als das durch die jeweilige Polity-Struktur gefilterte Aggregat der jeweiligen Präferenzen der einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen charakterisiert, wird ein gemeinsa mer Habitus der Gesamtbevölkerung unterstellt, der ebenfalls auf das Wesen des politischen Systems zurückgeführt wird. Vor diesem Hintergrund etwa wird erwar tet, dass der kollektivierte demokratische Habitus einer Gesellschaft, repräsentiert beispielsweise durch den innergesellschaftlichen Zwang zu Kompromiss oder die internalisierte Norm gewaltfreier Konfliktlösungen, Eingang in das zwischenstaatli che Verhalten erlangt. Der dieser Wirkungsweise zugrundeliegende Mechanismus wird wiederum am Vorhandensein beziehungsweise Fehlen spezifischer Ausprä gungen des politischen Systems festgemacht, so etwa im Falle der Demokratie am Vorhandensein einer pluralistischen öffentlichen Meinung, funktionierender, viel gestaltiger Kommunikationswege und freier (Massen-)Medien. Ein wichtiger Aspekt, welcher Neorealismus und Neoliberalismus verbindet, ist die Rationalität des Akteurs Staat. Das geschieht unabhängig davon, ob nun die Innen seite der Außenpolitik für das Zustandekommen einzelner Entscheidungen als re 27 levant angesehen wird oder nicht. Die Frage nach einer möglichen Relativität von Rationalität wird kaum gestellt. Staaten handeln um zu überleben, Bürger und Un ternehmen wollen keinen Krieg, weil er der ökonomischen Wohlfahrt schadet, Re gierungen wollen nicht abgewählt oder gestürzt werden; bei allem, was diese Akteu re tun, handeln sie stets gleichförmig rational. Selbst der demokratische Friede wird auf diese Weise begründet (vgl. etwa Bueno de Mesquita et. al. 1999). Nur wenige Vertreter aus dem liberalen Theoriespektrum der Internationalen Be ziehungen stehen dieser Vorstellung von Rationalität kritisch gegenüber. Graham Allison etwa ist der Überzeugung, dass die Annahme eines rationalen Akteurs nicht nur falsch, sondern auch gefährlich sei, weil diese zu falschen Beurteilungen mit potenziell fatalen Folgen führen könne. So sei die Fehleinschätzung des japani schen Handelns 1941 in Pearl Harbor nicht zuletzt dadurch zustande gekommen, da man von der Annahme ausgegangen sei, dass ein rational agierendes Japan die USA niemals angreifen würde, weil keine realistische Chance auf einen Sieg bestan den habe. Vor diesem Hintergrund sei die Annahme, dass die gegenseitige nukleare Abschreckung zum Erhalt von Frieden und Stabilität führe, weil in der Gewissheit, dass ein Angriff auf den Gegner zugleich notwendigerweise die eigene Zerstörung zur Folge hätte, jeden Akteur von einem Angriff abhalte. Doch wie der Fall Pearl Harbors gezeigt habe, gebe es hierfür eben keine Garantie. Allison (1971; vgl. zu dem Allison/Zelikow 1999) stellt daher — in zumindest partiellem Einklang mit dem neoliberalen Paradigma — fest, dass eine außenpolitische Entscheidung nicht durch ein Individuum zustande kommt, sondern als Konglomerat einer Vielzahl innerstaatlicher Akteure zu werten ist. Vor diesem Hintergrund jedoch könne keine einheitliche Rationalität des Staates angenommen werden. Hierbei geht Allison über die allgemeinen Grundannahmen des Neoliberalismus hinaus: Nicht nur die jeweiligen Präferenzen der gesellschaftlichen Akteure unterschieden sich, auch kä men diese durch unterschiedliche Logiken zustande. Als Alternative zum Rational- Choice-Ansatz entwickelte Allison zwei Modelle6, mit deren Hilfe er versuchte, die spezifischen Handlungslogiken von Bürokratien im weiteren Sinne zu erfassen. Ei nerseits handelt es sich um das Modell des Organisationsprozesses beziehungsweise auch Modell des Organisationsverhaltens (Organigational Process M odel bzw . Organigational Behavior Model), andererseits um das Modell der Regierungspolitik bezie hungsweise auch Bürokratiepolitikmodell (Governmental Politics M odel bzw. Bureaucratic Politics Model).1 Graham Allison publizierte zunächst 1971 sein W erk Essence ofE ecision : Explaining the Cuban M issile Crisis. Im Jahr 1999 folgte in Zusammenarbeit m it Phillip Zelikow eine zweite, stark veränderte Auflage, welche — auch auf neuen empirischen Grundlagen — einige der vorangegangenen Aussagen modifizierte. Das Organigational Process/Organigational Behavior M odel wird auch M odel I I genannt, das Governmental Politics/Bureaucratic Politics M odel trägt auch die Bezeichnung M odel III. Als M o del I wird indes das Rational Choice Modell bezeichnet. 28 Im Organisationsprozessmodell liegt der Analysefokus auf dem Routineverhalten von Organisationen, welches diese zur Steigerung ihrer Effizienz entwickeln, was jedoch zugleich zur Einschränkung der Handlungsflexibilität führt. Hierbei wird betrachtet, welchen Einfluss organisationsinterne Standardverfahren (Standard Operating Procedures) auf die Auswahl von Handlungsoptionen haben, inwieweit diese durch diese eingeschränkt werden und auf welche Weise die Ausführung von Ent scheidungen beeinträchtigt wird. Im Modell geht es also darum, die Umsetzung von Entscheidungen zu verstehen, nicht so sehr den Prozess der Entscheidungsfindung selbst, so wie in den zuvor dargestellten liberalen Ansätzen. Allison gelangte hierbei zu der Erkenntnis, dass die außenpolitische Entscheidungselite speziell im Krisen fall nicht mehr an der Betrachtung des Gesamtbildes einer Situation festhält, son dern die Bearbeitung einzelner Aspekte des Sachverhaltes bzw. der Krise an unter schiedliche untergeordnete Funktionsträger, abgibt. Diese agieren dann nach den ihnen eigenen Standardverfahren, was in Verbindung mit dem Umstand, dass sich die dort generierten Lösungsansätze nur auf einen Teilbereich des Gesamtproblems beziehen, zu Verzerrungen bei der Gesamtentscheidung führt.8 Hinzu treten weite re Parameter wie beschränkte zeitliche, materielle oder informationelle Ressourcen, welche ebenfalls das vom Rational-Choice-Modell postulierte Argument einer rei nen Handlungsrationalität hinfällig werden lassen. Dies gilt umso mehr, da eine un ter Handlungsdruck stehende Exekutive selbst regelmäßig primär an kurzfristiger Problemlösung und nicht an langfristig wirksamer Strategiebildung interessiert ist. Im Bureaucratic/Governmental Politics Modell9 geht Allison noch einen Schritt weiter, indem er First-Image-Faktoren10 auch in sein Analysemodell III einbringt. Hierbei gilt allerdings zu beachten, dass anders als im klassischen Realismus, wo die Charaktereigenschaften des Menschen schlechthin betrachtet werden (die mensch liche Natur), im Ansatz von Allison beziehungsweise Allison/Zelikow auf die indi viduelle Situation des Einzelnen abgestellt wird. Kohärent im Sinne des liberalen Paradigmas geht es um die Präferenzen der jeweiligen Akteure, die am außenpoliti schen Entscheidungsprozess beteiligt sind, etwa Minister, Regierungsangehörige, interne und externe Berater etc. Die jeweilige Zusammensetzung der außenpolitisch Im Kontext der Kubakrise hätte die Anwendung des Standardverfahrens beim Aufbau von Raketenbasen, welches die mit der Umsetzung beauftragte Abteilung der Rote Armee bislang nur innerhalb der Sowjetunion durchgeführt hatte, maßgeblich dazu beigetragen, dass die USA auf das Programm aufmerksam wurden. Auch die Reaktion der USA weise Rückgriffe auf Standard Operating Procedures auf, wie der Rückgriff der federführenden US-Navy auf die dort existierenden, ausgearbeiteten Pläne für eine Seeblockade zeige. Da es auf Seiten der Sowjetunion jedoch keine Standardverfahren gegeben habe, w ie politisch auf eine solche Seeblockade zu reagieren sei, habe Moskau eingelenkt. (vgl. hierzu Allison 1971 und Allison/Zelikow 1999) In der Erstauflage von 1971 wird Model III als Bureacratic Politics Modell bezeichnet, in der Zweitauflage von 1999 als Governmental Politics Model. Kenneth Waltz differenziert zwischen drei Erklärungsebenen bei der Analyse der Interna tionalen Beziehungen, nämlich dem Individuum (First Image), dem innerstaatlichen Sys tem (Second Image) und dem internationalen System (Third Image). 29 relevanten politischen Führung hat somit bei Allison bzw. Allison/Zelikow einen maßgeblichen Einfluss auf die zwischenstaatliche Entscheidung. Regierungsent scheidungen sind somit das Resultat interner Aushandlungs- und Kompromissbil dungsprozesse, nicht primär in der Gesellschaft, sondern vor allem in der Regie rung selbst (vgl. etwa auch Welsh 1996). Trotz dieser Variation hinsichtlich des klassischen liberalen Paradigmas bleibt Modell III grundlegenden liberalen Annah men verhaftet: So geht Allison davon aus, dass die jeweiligen Präferenzen abhängig von der Position des Akteurs im Bürokratiegefüge sind. Es ist also nicht die Person als Individuum an sich entscheidend, sondern deren Position und die damit ver bundene Rolle. Zwar klingt durchaus an, dass einzelne Entscheidungsträger unter schiedliche Machtniveaus haben, die auch mit Persönlichkeitseigenschaften ver bunden sind, jedoch verharrt dieser Aspekt im Allgemeinen, etwa dem Hinweis auf Charisma. Neorealismus und Neoliberalismus verband die Umsetzung der Essenz der behavioristisch-positivistischen Wende, welche nicht zu Unrecht auch als Ausdruck des Szientismus charakterisiert worden ist. Hiermit wird nicht nur die oben dargestellte Wegwendung von traditionellen Zugängen im Bereich Theorie und Methode der Internationalen Beziehungen angedeutet, sondern bewusst auch auf die Ideologisierung beziehungsweise Dogmatisierung des Rückgriffs auf naturwissenschaftliche Ansätze hingewiesen, welche zu verstehen ist als „abuse of reason that transforms a rational philosophy o f science into an irrational dogma“ (Ryder 2006). Speziell die se Verengung und Verabsolutierung der Methode durch die beiden „Neo“- Paradigmen war es dann auch, welche innerhalb der Theoriebildung der Internatio nalen Beziehungen eine Gegenbewegung hervorrief, insbesondere als der seitens jener Theorien nicht vorhergesehene Zusammenbruch der alten Weltordnung 1989/91 das Fach in eine Sinnkrise stürzte. Konstruktivistische Wende und Poststrukturalistiscbe Erklärungsansäße In diesem Zusammenhang ließ sich ein Rückgriff auf Aspekte des wissenschaftli chen Traditionalismus (vgl. hierzu etwa Bull 1966, Benneyworth 2011; zur kriti schen Bewertung des Traditionalismus vgl. etwa Kaplan 1966: 388 sowie Sanders 2002: 50) feststellen, jedoch in neuem Gewand und ausgereifteren, differenzierteren Formen. So lässt sich bei der Betrachtung der Vierten Großen Debatte, die nicht zu letzt aufgrund der gleichzeitig vollzogenen konstruktivistischen Wende (vgl. etwa Checkel 1998) in ih rer Bedeutungals „discipline-definingdebate“ (Lapid 1989: 236; vgl. zudem Linklater 1992) nicht zu unterschätzen ist, feststellen, dass der traditionalistische Ansatz des Verstehens, Aspekte wie Hermeneutik und Interpretation und die Berücksichtigung historischer, zeitlicher und kultureller Kontexte wieder als wesentliche Elemente der Theoriebildung aufgegriffen werden sollten. 30 Angesichts der zahlreichen neuen Herausforderungen für die internationale Staa tenwelt und damit auch für die theoretischen Erklärungsansätze (vgl. etwa Kissinger 1995; Maull 1995; Ferdowski 2002; Habermann 2003; Sakamoto 2007; Hansel 2010) etablierten sich also abermals weitere Paradigmen und damit einhergehend neue Grundsatzdebatten im Bereich der Theorie der Internationalen Beziehungen, allen voran die Auseinandersetzungen zwischen Positivismus und Post Positivismus (vgl. etwa Cox 1986, Asheley 1988, Tickner 1988, Neufeld 1993, Gaddis 1996, Nicholson 1996, Wendt 1999) einerseits und zwischen Rationalismus und Konstruktivismus (vgl. etwa Ruggie 1983, Snidal 1985, Kratchowil/Ruggie 1986, Keohane 1988, Wendt 1992, Finnemore/Sikkink 1998, March/Olsen 1998, Kratchowil 2000, Fearon/Wendt 2002) andererseits. Nicht zuletzt aufgrund der unerbittlich geführten Debatte — Wight (in Ruby 2009: 23) etwa spricht von „philosphical hand grenades“ und „artillery barrage“ — vertieften sich die Gräben zwi schen den Paradigmen weiter. Als wichtigstes hieraus neu erwachsendes Paradigma kann (unabhängig von der Frage, ob es sich bei diesem um eine substanzielle Theorie handelt oder nicht) der Konstruktivismus der Internationalen Beziehungen gesehen werden, der sowohl in epistemologischer als auch ontologischer Hinsicht neue Maßstäbe setzte (vgl. hier zu auch Aalberts/Munster 2008). Ebenfalls seit dem Ende der 1980er Jahre im Zu ge der Kritik am neorealistischen Paradigma von der Theoriebildung in den Inter nationalen Beziehungen aufgegriffen (vgl. etwa Ruggie 1989, Koslowski/Kratochwil 1995, Checkel 1998, Lebow/Risse-Kappen 1995, Keck/Sikkink 1998), hat sich der bereits in der Soziologie und den Kulturwissen schaften etablierte Denkansatz des Konstruktivismus auch in den Internationalen Beziehungen wie auch in deren Sub- und Nachbardisziplinen, etwa den Theorien der Europäischen Integration oder dem Bereich der Internationalen Sicherheitsstu dien, einen solch festen Platz erobern können (vgl. etwa Finnemore/Sikkink 2001, Risse 2004, Harnisch 2003). Repräsentativ für die neue Art, zwischenstaatliche Be ziehungen zu analysieren, waren seinerzeit vor allem drei Werke, die sich dabei mit der Rolle internationaler Institutionen und Organisationen (Finnemore 1996), in ternationalen Normen (Klotz 1995) und nationaler bzw. internationaler Sicherheit (Katzenstein 1996) befassten. Finnemore grenzt sich dabei bewusst vom neoliberalen Institutionalismus ab, wel cher Institutionen letztlich lediglich als Mittel nationaler Interessenerreichung be trachtet, jedoch sowohl das Zustandekommen des nationalen Interesses als auch Aspekte wie Identitäten im Kontext internationalen Institutionen gänzlich ausblen det (vgl. etwa Keohane 1994, Martins 1992, Simmons 1993). Katzenstein geht über das bis zu jener Zeit dominierende rationalistisch-realistische materielle Selbstver ständnis von Sicherheit hinaus, indem Aspekte wie Perzeption, Ideen und Kultur als Analysefaktoren integriert werden. Und Forschungsansätzen, welche die Effekte internationaler Normen zum Gegenstand haben, befassen sich vor allem mit den kognitiven Einflüssen von Regimen, und gehen somit über den seinerzeitigen For 31 schungsstand hinaus, der sich weitgehend auf die Rolle von Regimen als intervenie rende Variablen innerhalb der Mächtekonstellationen auf zwischenstaatlicher Ebe ne wirkte (vgl. etwa Rittberger/Hasenclever/Mayer 1996, Zacher 1996). Allerdings reichen die Quellen des konstruktivistischen Denkens dabei deutlich weiter zurück als in jene Jahre11; vielmehr liegen diese sowohl in der hermeneutischen Tradition der Geschichtswissenschaft mit ihrer sich von den Naturwissenschaften unter scheidenden Methode des Verstehens (im Unterschied zum Erklären rationalistischer Ansätze) als auch in der unter Einfluss von Wittgenstein und der mit seinem Den ken zusammenhängenden linguistischen Wende auf dem Feld der Philosophie (vgl. etwa Rorty 1967). Nicht zuletzt ist in diesem Zusammenhang auch auf die soge nannte Dritte Debatte auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen (vgl. zur Diskussion dieser Phase in der IB-Theoriebildung etwa George 1989, Lapid 1989, Neufeld 1991, Jarvis 2000, Navon 2001, Wight 2002, Aalberts/Munster 2008, But ler 2010) als weitere Quelle der konstruktivistischen Theoriebildung zu verweisen, die schließlich als konkrete Ausgangspunkt für mehrere spezifische Theorieansätze fungierte (vgl. etwa Adler 1997, Schaber/Ulbert 1994, Kratochwil/Ruggie 1986, Kratochwil 1989, Ruggie 1989, Wendt 1987,1992, Onuf 1989). Ein zentrales Konzept, welches die Konstruktivistische Wende in die Theoriebil dung der Internationalen Beziehungen einführte, war das der nicht mimetischen Idee der Repräsentation (vgl. etwa Ankersmith 1996). Die wichtige Erkenntnis hierbei lag darin, dass — anders als bei positivistischen Ansätzen mit mimetischen Repräsentationskonzepten — Realität hinsichtlich ihres Einflusses auf Akteure nicht als objektiv betrachtet wird, sondern immer nur als subjektiv wahrgenommene Re präsentation erscheinen kann. Elaine Scarrys (1994: 3) sprach in diesem Zusam menhang davon, dass “ [the] knowability o f the world depends on its susceptibility to representation”. Mit anderen Worten ist das, was ein Akteur als Realität bezeich net nichts weiter als die nicht unmittelbare, nicht unverfälschte und nicht unselekti ve Perzeption der objektiven Realität und darauf basierend deren Interpretation durch den Akteur, also letztlich die Idee eines empirischen Gegenstandes, seine spezifische Repräsentation in der Kognition des Akteurs (vgl. hierzu etwa Ulbert 1997; Jachtenfuchs 2002, Weller 2000). Andersherum besitzt das Materielle nur in soweit Bedeutung, wie es im Bewusstsein des Akteurs vorhanden ist beziehungs weise welche Bedeutung dem Materiellen von diesem beigemessen wird (vgl. etwa Ruggie 1998: 856; Krell: 349). Ob die Existenz von Nuklearwaffen in Frankreich oder im Iran etwa von Deutschland als Bedrohung interpretiert wird, hängt davon ab, welche Bedeutung diesen beiden Staaten beigemessen wird, ob sie als Freund oder Feind erscheinen. Und das wiederum hängt von Normen, Werten, Identitäten etc. ab, die zuvor auf dem Wege sozialer Vermittlung im Bewusstsein des Akteurs Einzug gehalten haben (vgl. etwa Jachtenfuchs 1995). Somit werden auch Interes 11 Manch einer, wie etwa Gert Krell (2004: 347), behauptet sogar, dass es „auch in den IB immer schon konstruktivistisches Denken gegeben [ ...] , nur hat man das früher nicht so genannt“. 32 sen nicht als grundsätzlich gegeben betrachtet, sondern als soziale Konstruktion angesehen, welche im Rahmen von Prozessen individueller kognitiver sowie kollek tiver, sozialer Prozesse, etwa im Rahmen von Diskursen, entstehen (vgl. etwa Finnemore/Sikkink 1998). An dieser Stelle etwa zeichnet sich eine Parallele zu Ideen des oben beschriebenen Waltschen Neorealismus und seinen Argumenten zum Bedrohungsgleichgewicht (Balance o f Threat) ab. Leider jedoch wurden diese Ideen — wie so viele andere — trotz ihrer konstruktiven Ergänzungspotenziale auf grund der Gegnerschaft der jeweiligen Paradigmen nie zusammengeführt. Doch mit der Betonung der Idee eines empirischen Gegenstandes als seine spezifi sche Repräsentation in der Kognition des Akteurs (vgl. hierzu etwa Ulbert 1997; Jachtenfuchs 2002, Weller 2000) wurde es möglich, auch den Machtbegriff neu zu bestimmen und um den Aspekt der Definitionsmacht zu erweitern. So stellt etwa für Michel Foucault, auf den sich regelmäßig berufen wird, jegliche Form der Re präsentation einen Machtakt dar, der dann seinen Höhepunkt erreicht, wenn eine spezifische Form der Repräsentation der Wirklichkeit in der Lage ist, die eigentliche Subjektivität der Realität so zu verbergen, dass der Anschein der Objektivität er weckt wird (vgl. etwa Foucault 1983: 19f.). Praktische Bedeutung für die Internati onalen Beziehungen erlangte dieser Ansatz im Kontext der Analyse der spezifi schen Reproduktion von Kulturen, Machtverhältnissen etc. (vgl. etwa Der Derian 1987, Bethke Elshtain 1987, Walker 1988, Der Derian/Shapiro 1989, Ashley/Walker 1990). Nicht zuletzt dieser Umstand verweist auf die besondere Bedeu tung der Interpretation, welche damit zu einer der zentralen Analysegrößen der IB- Theorie werden musste — mit der logischen Folge, dass die subjektive Wahrneh mung und die diese beeinflussenden beziehungsweise bestimmenden Faktoren und Prozesse ebenfalls zum festen Bestandteil der Analyse zwischenstaatlichen Verhal tens werden müssen. Denn „representing the political is a form of interpretation that is, by its very nature, incomplete and bound up with the values o f the perceiver” (Bleiker 2001: 511; vgl. zudem Derrida 1967: 427). Ein solches Vorhaben setzt jedoch einen interdisziplinären Ansatz voraus, der strukturelle Aspekte wie etwa Kultur und Geschichte, durch welche die individuelle und kollektive Perzeption durch entsprechende Sozialisationserfahrungen und Lernprozesse geprägt werden, ebenso aufgreift wie die inneren Prozesse des Ak teurs (etwa neuro-kognitive Prozesse). Denn kein Akteur, sei er individuell oder kollektiv, verhält sich nur aus sich selbst heraus, sondern im Kontext der im Rah men vorausgegangener sozialer Prozesse und Diskurse erfolgter Zuschreibungen (vgl. etwa Kirste/Maull 1996 sowie Finnemore/Sikkink 1998). Akteursverhalten kann also weder einseitig auf strukturelle Zwänge reduziert werden wie in strukturalistischen Ansätzen, noch können Strukturen allein als Konsequenz von Akteurs verhalten gedeutet werden oder losgelöst von diesen betrachtet werden, wie in in dividualistischen Ansätzen geschieht (vgl. etwa Hurd 2008: 300ff.). 33 Beim konzeptuellen Erfassen der Idee als Analysegröße wird im Rahmen konstruk tivistischer Argumentationsmuster auf Konzepte wie Identität, Rolle, Nor men/Werte und außenpolitische/strategische Kulturen zurückgegriffen. Ideen werden dabei „nicht bloß als Ausdruck von Interessen oder als ein Filter für die Wahrnehmung von Interessen verstanden [...] sie ermöglichen und rechtfertigen Hand lungen, Handlungsspielräume und Strategien. Interessen werden mit Bezug auf Ideen definiert, ja Akteure konstituieren sich selbst und ihre Interessen erst mit und durch Ideen. Ideen kann man dabei als ein Wissen über die Wirklichkeit begreifen, das nicht nur ,harte Daten' einschließt, sondern auch Normen, ästhetische Urteile und Vorstellungen über die Identität eines Akteurs im Verhältnis zu anderen Akt euren.“ (Krell 348, Hervorhebungen im Original; vgl. zudem Jachtenfuchs 1995: 424ff.). Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist der Ansatz Ernst Haas', der die Lernprozesse der Entscheidungsträger zu erklären versucht. Hierbei geht er von der Annahme aus, dass die Art und Weise, in der Staaten ihre Interes sen definieren und Handlungsoptionen bestimmen, letztlich eine Funktion dessen ist, wie politische Entscheidungsträger die einem Sachverhalt zugrundeliegenden Probleme verstehen und wie sie von den Experten, von denen sich die Entschei dungsträger beraten lassen (den sogenannten Epistemic Communities), aufbereitet werden. Denn laut Haas sind es gerade jene Netzwerke von Experten, welche die Ursache-Wirkungszusammenhänge komplexer Probleme aufzeigen, Handlungs empfehlungen erarbeiten und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitgestalten. Die Diffusion neuer Ideen und Informationen, die vor alle durch die Epistemic Communities mitgetragen wird, bewirkt Veränderungen in politischen Verhaltens weisen und wird von Haas daher als zentrale Determinante im Bereich zwischen staatlicher Entscheidungsfindung angesehen. Von besonderer Bedeutung für den Konstruktivismus ist ferner das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, das auf methodischer Ebene auch eine Tendenz zu holistischen Ansätzen in Abgrenzung vom Individualismus rationalistischer Theorien aufweist. Denn das Verhalten des Individuums kann aus konstruktivistischer Sicht heraus nur vor dem Hintergrund sozial vermittelter Ideen, Werte und Normen ver standen werden und lässt sich nicht auf das Individuum alleine reduzieren. Ein Ak teur, individuell wie auch kollektiv, verhält sich somit nicht aus sich selbst heraus, sondern im Kontext ihm im Rahmen vorangegangener kollektiver sozialer Prozesse erfolgter Zuschreibungen (vgl. hierzu etwa Kirste/Maull 1996). Werte und Normen werden dabei als wichtige Elemente dieser „kognitiven Dimension“ (Harnisch 2010: 105) der internationalen Beziehungen angesehen, wobei Normen als in tersubjektiv akzeptierte Regeln verstanden werden, die ihrerseits auf allgemein an erkannten individuellen Werten beruhen. Normen wirken somit unmittelbar auf die Schaffung und Ausgestaltung sozialer Rollen und Identitäten ein (vgl. etwa Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 54), wobei der jeweilige regionale, soziale, kulturelle etc. Kontext der einwirkenden Normen von wesentlicher Bedeutung sein kann (vgl. Finnemore/Sikkink 1998). In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Heraus bildung einer spezifischen außenpolitischen Kultur erklären, welche als „Gesamt 34 heit aller kognitiven und handlungsleitenden Ideen einer Gesellschaft im Hinblick auf ihr Außenverhalten“ (Harnisch 2010: 105; vgl. hierzu ferner Katzenstein 1996, Gray 1999, Maull 2001) verstanden werden kann. Bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der der kollektiven Konstituierung sozialer Rollen ist zu beachten, dass auch eine Rückwirkung der Konstruktionen auf die Konstruierenden postu liert wird. Mit anderen Worten konstituieren sich Akteure und Strukturen wechsel seitig (vgl. etwa Adler 1997: 324f.). Akteursverhalten kann also nicht einseitig auf strukturelle Zwänge reduziert werden, wie im Strukturalismus, während Strukturen nicht (allein) als Konsequenz von Akteursverhalten zu deuten sind, wie durch indi vidualistische Ansätze behauptet (vgl. etwa Hurd 2008: 300ff). Die Struktur des internationalen Systems an sich, so die Annahme des Konstruktivismus, ist sozusa gen reizneutral. Ob eine anarchische Systemstruktur zu einem konkreten Sicher heitsdilemma führe, hänge von den Signalen der beteiligten Akteure ab, bezie hungsweise wie diese Signale jeweils interpretiert würden (vgl. hierzu Krell 2004: 359, Harnisch 2010: 103, sowie ferner Wendt 1995: 73). An dieser Stelle gilt es jedoch, einige wichtige Einschränkungen hinsichtlich des Konstruktivismus zu machen. So beinhaltet die Erkenntnis, gemäß welcher die Wirklichkeit im Bewusstsein der Akteure vor dem Hintergrund sozialer Prozesse konstruiert wird, noch keinen Hinweis darauf, „welche sozialen Konstruktionen welcher Akteure in den internationalen Beziehungen wirkungsmächtig und daher wichtig für den Forscher sind“ (Harnisch 2010: 103f.). Dabei stellt sich auch die Frage, ob sich der Konstruktivismus überhaupt auf dieselbe Stufe stellen lässt wie Realismus und Liberalismus oder ob eine grundsätzlichere Gegenüberstellung des Konstruktivismus mit dem Rationalismus als geeignetere Vergleichsebene angezeigt wäre (vgl. etwa Risse 2003: 101, Krell 2004: 346). Diese Frage ist auch insofern wichtig, da sie einen Hinweis auf die grundsätzliche Verbindbarkeit der hier behan delten Theorieansätze (und darüber hinaus) liefert. Häufig werden Realismus und Liberalismus als substanzielle Theorien der Interna tionalen Beziehungen bezeichnet, während Konstruktivismus wie auch Rationalis mus den sozialen Theorien zugerechnet werden (vgl. etwa Barnett 2006). Während substanzielle Theorien dabei konkrete Behauptungen und Hypothesen hinsichtlich der empirisch erkennbaren Funktions- und Verhaltensmuster in den internationa len Beziehungen anböten, gehe es sozialen Theorien primär darum die Beziehung zwischen Akteuren und Strukturen zu konzeptualisieren. Rational Choice geht da bei davon aus, dass Akteure feststehenden Präferenzen folgen, welche sie im Kon text bestehender Hindernisse, zu maximieren bestrebt sind. Hierbei ist das konkrete Wesen von Präferenzen und Hindernissen prinzipiell unbedeutend. Die Unter schiede innerhalb rationalistischer Ansätze liegen somit unterschiedlichen Annah men hinsichtlich der Wirkung der anarchischen Strukturbedingung des internatio nalen Systems zugrunde. Beim Konstruktivismus existieren keine a priori festgeleg ten Präferenzen; diese entwickeln sich, wie dargelegt, vielmehr in einem kontextab hängigen Prozess der Interaktion von Akteur und Struktur (vgl. etwa Barnett 2006: 35 258). Obgleich primär als soziale Theorie zu verstehen, lassen sich mittlerweile eine Vielzahl von Studien finden, welche konstruktivistische Annahmen als Kernbe standteil ihrer Analysen aufweisen und die auf diese Weise etwa die Bedeutung von Normen und kulturellen Aspekten als relevante Faktoren für konkretes außen- und sicherheitspolitisches Verhalten darlegen konnten (vgl. etwa Katzenstein et.al 1996, Adler/Barnett 1998, Legro 2005, Tannenwald 2007, Berger 1998, Bachoff 1999, Duffield 1999, Harnisch/Maull 2001, Longhurst 2004, Chafetz et.al. 1999, Joeri- ßen/Stahl 2003, Howorth 2004, Giegerich 2006, Hansen 2007, Stahl/Harnisch 2009, Johnston 1995, Alagappa 1998, Acharya 2001). Weitere Arbeiten befassen sich speziell mit den Aspekten Souveränität und nationales Interesse (Bartelson 1995; Biersteker/Weber 1996, Weldes 1996; Hall 1999) sowie von Normen im Kontext der Umsetzung von Menschenrechten (Klotz 1995, Finnemore 1996, Ris se et al. 1999a, Risse et al. 2002). Trotz dieser durchaus erfolgreichen Anwendung konstruktivistischer Ansätze zur Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens lassen sich noch weitere Defizite auf dem Gebiet der konstruktivistischen Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen erkennen. So bleibt zunächst unklar, „warum welche Ideen wann eine besondere Rolle spielen“ (Krell 2004: 366). Nichtsdesto weniger besteht in diesem Zusammenhang ein zentraler Kritikpunkt darin, dass — trotz der in konstruktivistisch orientierten Arbeiten oft geäußerten These, der zu folge sich Akteure und Strukturen wechselseitig konstituieren (vgl. oben) — Agency als eigenständige Größe zu wenig Beachtung findet, weil sie letztlich auf den sie aus konstruktivistischer Sicht determinierenden Strukturfaktor Normen reduziert (vgl. Checkel 1998: 342). Um die Aussagekraft konstruktivistischer Ansätze zu erhöhen, müsste zuallererst die Ko-Konstitution von Akteur und Struktur sowie das Zusammenspiel von ideel len und materiellen in die Argumentation integriert werden (vgl. hierzu etwa Burch 2002, insbes. 68, sowie Soysal 1994, Klotz 1995, Finnemore 1996a). Denn bislang bleiben wesentliche Fragen offen, so etwa, welche Rolle beispielsweise Akteure bei der Entstehung der Normen selbst spielen. Gründe für dieses Phänomen sind vor allem in der starken Bindung des Sozialkonstruktivismus in den IB an die Tradition des soziologischen Institutionalismus (vgl. etwa DiMaggio 1988, DiMaggio/Powell 1991 Kap 1, 4, Dobbin 1994 sowie ferner Meyer et.al 1987, Hall/Taylor 1996: 962ff.) und die damit einhergehende ausgeprägte Fokussierung auf kollektive Iden titäten, Werte und Normen zu sehen, welche die Vernachlässigung der individuel len Analyseebene mit sich bringt (vgl. Checkel 1998: 341). Besonders deutlich wird dies bei den Arbeiten von Alexander Wendt (etwa 1994, 1996), der vom Staat als unitarischem Akteur ausgeht, bei dem der individuelle Akteur im Kollektivgebilde Staat aufgeht. Eine zentrale Herausforderung an den Konstruktivismus besteht somit darin, die individuelle sowie innerstaatliche Analyseebene in ihr Analysekon zept einzubeziehen und darzulegen, auf welche Weise auch individuelle Identitäten zustande kommen (vgl. Checkel 1997: 489). 36 Hierzu gilt es vor allem das Problem zu adressieren, dass im Bereich des Sozialkon struktivismus in den Internationalen Beziehungen nicht in hinreichender Form eine tragfähige Theoriebildung stattfindet, ein Defizit, dass ebengerade auf der inner staatlichen Analyseebene signifikant zu Tage tritt (vgl. Checkel 1998: 342, Checkel 1997: 488 sowie ferner Donnelly 1994, Rittberger et al. 1996: 221 und Chayes/Chayes 1996). Vor diesem Hintergrund wird zugleich darauf verwiesen, dass zur Überwindung dieses Defizits der Entwurf beziehungsweise die Integration eines Modells erforderlich sei, welches die innerstaatliche Analyseebene kohärent erfasst. Entweder ist dieser Punkt im Konstruktivismus, wie dargelegt, gänzlich ausgeblendet, oder aber aufTeilaspekte beschränkt, wie etwa die Bürokratie als ein ziger Träger staatlicher Normen (vgl. Finnemore 1996: Kapitel 2, 4), oder aber das politische System oder Teile davon (vgl. Berger 1996, Herman 1996, Klotz 1995), wie politische oder akademische Eliten (Herman 1996) beziehungsweise spezifische staatliche Entscheidungsträger (Risse-Kappen 1996). Hinsichtlich des Problems, welche Rolle Akteure etwa bei der Formierung von Normen spielen, mangelt es bislang an der Einbeziehung bestehender Forschungs ergebnisse aus dem Bereich der Prozessanalyse (vgl. etwa Evans 1993, Haas 1990, Risse-Kappen 1995). Trotz der bereits in den frühen Jahren konstruktivistischer Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen angesprochenen Schwierigkei ten und Herausforderungen dauert bis heute eine intensive Kontroverse nicht nur dahingehend an, ob eine gehaltvolle Theoriebildung möglich, sondern auch, ob ei ne solche überhaupt wünschenswert sei (vgl. etwa Harnisch 2010: 111). Nichtsdes toweniger stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Konstruktivismus mit den anderen Paradigmen der Internationalen Beziehungen. Von besonderem Inte resse hierbei ist, ob der Umstand, dass es sich beim Konstruktivismus gerade nicht um eine substanzielle Theorie handelt, einer Brückenbildung über die Paradigmen hinweg eher förderlich ist, oder aber eine solche erschwert oder gar ausschließt. Wie dargelegt, haben wir es mit zwei augenscheinlich rivalisierenden sozialen Theo rien zu tun. Während der Rational-Choice-Ansatz Akteure als vor-sozial postuliert, unter allen Umständen feststehende Interessen annimmt und Struktur lediglich als Hindernis für den von sozialen Einflüssen freien, rationalen Akteur auf dessen We ge zur Erreichung seiner Ziele ansieht, geht der Konstruktivismus vom sozialen Akteur aus, dessen Interessen sich relativ vom sozialen Umfeld und der Interaktion von Akteur und Struktur entwickeln, dessen Identität fortlaufend prägen und sogar auf die Struktur zurückwirken. Die Frage, ob sich soziale Theorien grundsätzlich öffnen können, erinnert an die Frage, die sich auch im Kontext des analytischen Eklektizismus hinsichtlich der grundsätzlichen Vereinbarkeit unterschiedlicher Pa radigmen stellt. Und auch hier sind die Ansichten unterschiedlich und reichen von der prinzipiellen Inkommensurabilität bis hin zur positiv bewerten Möglichkeit ei nes Brückenbaus zwischen unterschiedlichen sozialen Theorien (vgl. etwa Barnett 2006, Krell 2004: 346). 37 Auch in normativer Hinsicht existieren unterschiedliche Ansichten über ein Zu sammenbringen von Rationalismus und Konstruktivismus: Während die eine Seite von der begrüßenswerten Möglichkeit ausgeht, neue pluralistische Ansätze mit hö herem Erklärungswert zu erhalten, geht die andere Seite davon aus, dass auf diesem Wege entweder problematische Theoriemutanten entstehen würden oder aber ei nem theoretischen Imperialismus Vorschub geleistet würde (vgl. Barnett 2006). Ungeachtet der letztgenannten Position spricht doch einiges für den Versuch, auch den Konstruktivismus in das hier unternommene Unterfangen einer analytisch eklektischen Theorie- und Modellbildung zu integrieren. Auf diese Weise ließen sich die Vorteile konstruktivistischen Denkens nutzen und etwa durch die Anrei cherung der bestehenden Argumente um solche der kognitiven Psychologie, der Lerntheorie oder auch des symbolischen Interaktionismus zugleich die kritisierten Lücken schließen. Einige erste Versuche einer Synthese von Ansätzen oder zumin dest eine Integration von Ideen, die zentrale Bestandteile eines benachbarten Para digmas sind, in das eigene, hat es bereits gegeben. Im Kontext der realistischen Schule schlug sich diese Entwicklung im sogenannten neoklassischen Realismus nieder. Dieser Ansatz greift gleichermaßen auf Annahmen des klassischen Realis mus und des Neorealismus zurück, welche er in einer neuen Theorie zu vereinigen sucht. Dabei geht es den neoklassischen Realisten darum, die systemischen Struk turargumente des Neorealismus mit den Argumenten des klassischen Realismus hinsichtlich der Rolle innerstaatlicher Faktoren zu verbinden. Allerdings bleibt der neoklassische Realismus dabei primär den Argumenten des Neorealismus verhaftet, die er als Kern der Theoriebildung betrachtet. Zielsetzung der Theorie ist es zu er klären, weshalb sich die Außenpolitik eines Staates trotz konstanter Systemfaktoren wandelt beziehungsweise weshalb unterschiedliche Staaten trotz gleicher Systembe dingungen unterschiedliche außenpolitische Entscheidungen treffen. Da auch das im Rahmen der hier unternommenen Modellbildung zu entwickelnde Modell diese Art von Fragen beantworten können soll, ist ein Blick auf die Argumente und bis herigen Anwendungen des neoklassischen Realismus unumgänglich. Der Staat im neoklassischen Realismus wird verstanden als die für dessen nationale Sicherheit verantwortliche Exekutivgewalt. Diese wiederum wird definiert als Re gierung und außen- und sicherheitspolitisch relevante Bürokratie. Diese hat Zugang zu den privilegierten Informationen des politisch-militärischen Apparats des Staates und ist somit in den Augen der neoklassischen Realisten am besten in der Lage, die systemischen Beschränkungen für staatliches Handeln zu beurteilen und das natio nale Interesse zu bestimmen. Hierbei spielt zudem eine Rolle, dass diese Elite sich an der Nahtstelle zwischen nationalem und internationalem System befindet. Zwar wird die für das zwischenstaatliche Handeln entscheidende Elite hinsichtlich ihrer Entscheidungsmöglichkeit als prinzipiell autonom von der Gesellschaft angenom men, dennoch findet in der Praxis ein Dialog zwischen Staat beziehungsweise re gierender Elite und Gesellschaft statt, welcher Eingang in die Definition des natio nalen Interesses durch den Staat erhält. Der entscheidende Unterschied zum Libe ralismus oder aber etwa marxistisch orientierten Theoriemodellen der Internationa 38 len Beziehungen, wo die Präferenzen der einzelnen Akteure als äußerst bedeutsame Variable angenommen werden, spielen beim neoklassischen Realismus nur die Inte ressen der Gesellschaft als Ganzes eine Rolle, und zwar nur so, wie sie in der Wahrnehmung der außenpolitischen Entscheidungselite im nationalen Interesse aggregiert werden. Hierbei wird allerdings nichts über die genauen Wirkungsweisen dieser Interaktionen gesagt, insbesondere die Beziehungen von Regierung und bü rokratischem Apparat bleibt gänzlich unbeleuchtet. Auch werden Praktiken inner staatlicher beziehungsweise gesellschaftlicher Größen nicht als relevant erachtet. Gleiches gilt für Sozialisationseffekte, die zwar nicht abgestritten werden, gleich wohl aber nicht in die Analyse eingehen. Gewinnbringend indes ist die durch die neoklassischen Variante bewirkte Öffnung des realistischen Paradigmas für die Wirkung von Perzeption bei Entscheidungs prozessen. So erscheinen neben innerstaatlichen Faktoren, welche trotz der soeben erwähnten Einschränkungen zumindest im Grundsatz überhaupt einmal Berück sichtigung im Rahmen einer realistischen Argumentation finden, auch die Wahr nehmung relativer Machtverhältnisse auf internationaler Ebene seitens der außen politischen Eliten als intervenierende Variablen (vgl. etwa Wohlforth 1993: 223-225 sowie Schweller/Wohlforth 2000: 86-89). Nicht unerwartet wird die Einbindung des Aspekts (potenziell unterschiedlicher) Wahrnehmungen des Systems durch die außenpolitischen Eliten von den traditionalistischen Anhängern des realistischen Paradigmas als Preisgabe realistischer wie neorealistischer Grundkonstanten verur teilt, etwa, weil sich so das Argument der Rationalität der Akteure nicht mehr auf rechterhalten lasse. Insgesamt geht die Kritik in die Richtung, dass die Einbindung von nicht-systemischen Variablen — trotz des beanspruchten neorealistischen Kerns — zu einer Vermischung des realistischen Paradigmas mit Denkschulen wie Libera lismus oder Institutionalismus führe, was strikt abgelehnt wird. Nichtsdestoweniger kann der neoklassische Realismus vom Ansatz her als wichtiger Beitrag bei der Entwicklung des hier anvisierten Theoriemodells betrachtet werden, erscheinen doch die bisherigen Veröffentlichungen dieser Variante des realistischen Paradig mas als Ausdruck eines einzelfallorientierten analytischen Eklektizismus, welcher seinerseits wie noch weiter unten in diesem Kapitel ausgeführt wird, ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Modellbildung spielt. Arbeiten, welche sich bisher auf der Basis neoklassischer Theorie mit Phänomen zwischenstaatlichen Handelns befasst haben, sind was die konkreten untersuchten Gegenstände anbelangt, breit gefä chert. So reicht das Spektrum von Fragen militärischer Intervention (etwa Taliaferro 2004) über die US-Außenpolitik unter George W. Bush (Layne 2006) und die Entwicklung der Währungspolitik der Vereinigten Staaten nach dem Ende von Bretton Woods (Sterling-Folker 2002) bis hin zum Barcelona-Prozess (Costalli 2009), der Analyse der Ursprünge revisionistischer Staaten (Davidson 2006) und schließlich der grundsätzlichen Frage nach dem Ende des Ost-West-Konflikts (Wolforth 1993). Dabei bleibt im neoklassischen Realismus die Gesellschaft als Entscheidungsvariable dem Strukturelement teils deutlich nachgeordnet. 39 Bei Schweller (2009) werden innerstaatliche Faktoren bestenfalls dann als Einfluss größen beachtet, wenn sich überraschende Abweichungen von dem ergeben, was laut Strukturargumenten eigentlich passieren müsste. Auch Dueck (2009) räumt die grundsätzliche Möglichkeit ein, dass gesellschaftliche Größen die Außenpolitik ei nes Staates beeinflussen können, jedoch geschehe dies nur bezüglich spezifischer Einzelentscheidungen, nicht aber hinsichtlich substanzieller Fragen und Entschei dungen. In den Arbeiten von Ripsman (2009), Taliaferro (2009) und Sterling-Folker (2009) wird innerstaatlichen Faktoren eine größere Bedeutung beigemessen. Alle drei entwickeln Ansätze, mit deren Hilfe in Einzelfallanalysen die Bedingungen festgestellt werden sollen, unter denen gesellschaftliche Größen Einfluss auf die Außenpolitik eines Staates haben können (vgl. hierzu auch Taliaferro et.al. 2009: 32). Speziell bei Ripsman (2009) tritt die mögliche Bedeutung innerer Faktoren zu tage: So fragt er nach dem relativen Einfluss innerer und systemischer Faktoren, und stellt dabei fest, dass je größer das Potenzial innenpolitischer Gruppen, die au ßenpolitischen Eliten zu beseitigen, sei es durch Wahl oder Staatsstreich, desto bes ser können diese als gegnerische Größe fungieren bzw. ihre Vorstellungen dessen, was das aktuelle nationale Interesse ausmacht, durchsetzen. An dieser Stelle scheint es sinnvoll, eine Differenzierung des nationalen Interesses vorzunehmen, wie dies auch im hier entwickelten Modell geschieht, und zwar in abstrakte Grundinteressen und konkrete Interessenausprägungen. Auch Dueck (2009) befasst sich mit dem nationalen Interesse. Hierbei geht es ihm darum, die Rolle der Elitewahrnehmung bei der Definition des nationalen Interes ses zu verstehen, um die Frage zu beantworten, weshalb Interventionen aus neorea listischer Sicht oft zu einem falschen Zeitpunkt anberaumt erscheinen. Duecks Er kenntnis dabei besagt, dass dies deswegen geschieht, weil die relevanten Eliten in nenpolitische Faktoren bei der Konstruktion des nationalen Interesses berücksich tigen. Auch Brawley (2009) kommt bei der Auseinandersetzung mit der Beurteilung von Bedrohungslagen speziell im Umfeld von Nachkriegsphasen mit ihrem hohen Maß an Ungewissheit hinsichtlich zukünftiger nationaler und internationaler Ent wicklungen zu dem Schluss, dass sich beachtliche Variationen hinsichtlich der je weiligen Definition des nationalen Sicherheitsinteresses erkennen lassen, was auf die Relativität des im realistischen Paradigma eigentlich fixen nationalen Interesses hindeutet. Sterling-Folker (2009), die sich mit der Frage auseinandersetzt, weshalb — anders als etwa von der Democratic Peace Theory (vgl. dazu den folgenden Ab schnitt zum Liberalismus) behauptet — Staaten weiterhin andere Staaten als Bedro hung für ihre Sicherheit wahrnehmen können, obwohl eine ausgeprägte ökonomi sche Interdependenz zwischen ihnen besteht. Den Grund hierfür sieht Sterling- Folker darin, dass liberale Theorien der Internationalen Beziehungen die Faktoren Nationalismus und Unilateralismus ignorieren oder als irrelevant für die Analyse erachten, weshalb diese unbedingt einen Eingang in die realistische Analyse finden müssten. In ihrem neoklassisch-realistischen Ansatz, mithilfe dessen sie sich mit den Beziehungen zwischen der Volksrepublik China, Taiwan und den Vereinigten Staaten von Amerika auseinandersetzt, argumentiert Sterling-Folker daher mit 40 Identität und gruppendynamischen Prozessen. Während Sterling-Folker auch mit Identitäten argumentiert und somit eine Schneise hin zum konstruktivistischen Pa radigma schlägt beziehungsweise Anknüpfungspunkte für den Realismus hin zur Sozialpsychologie schafft, unternimmt Lobeil (2009) den Versuch einer neoklas sisch-realistischen Modellentwicklung zur Bedrohungserkennung. Hierbei unter scheidet sich Lobells Argument dahingehend vom neorealistischen Ansatz der Mächtegleichgewichtstheorie, dass nicht nur die aggregierte Verschiebung von Macht auf der Ebene des internationalen Systems für staatliches Handeln aus schlaggebend ist, sondern vielmehr auch die Verschiebung spezifischer materieller Machtfaktoren (material capabilities) innerhalb von Staaten. Dabei können zudem unterschiedliche Sichtweisen innerhalb der außenpolitischen Exekutive bezie hungsweise der Eliten von gesellschaftlichen Schlüsselgrößen einen Einfluss auf die Bedrohungswahrnehmung eines Staates haben, was zu außenpolitischen Strategien und Entscheidungen führt, die aus Sicht neorealistischer Theorien des Mächte-, wie des Bedrohungsgleichgewichtes, abwegig anmuten. Das breite Spektrum an unterschiedlichen Elementen, welche Eingang in die jewei ligen Analysen erhalten haben, sei es Identitäten hier, Wahrnehmungen da oder innerstaatliche materielle Größen dort, zeigen, dass man im Zusammenhang mit den neoklassischen Realismus schwerlich von dem Paradigma sprechen kann, ebenso wenig existiert die neoklassische Theorie. Vielmehr handelt es sich beim Neoklassischen Realismus um eine Vielzahl einzelner Analyseansätze mit der Be mühung der Wahrung eines neorealistischen Kerns und einer auf den zu analysie renden Einzelfall bezogene eklektische Auswahl weiterer Argumente. Ähnlich wie im Zusammenhang mit dem Analytischen Eklektizismus nach Sil und Katzenstein, der noch weiter unten in diesem Kapitel behandelt wird, wird auch dem Neoklassi schen Realismus eine gewisse Beliebigkeit beim Rückgriff auf die das Paradigma des (Neo-) Realismus ergänzenden Elemente vorgeworfen. Kritik von anderer Seite am Neoklassischen Realismus geht dahin, dass die Einbindung paradigmenfremder Elemente nicht systematisch genug erfolgt und auch nicht weit genug geht. Eine außerordentlich systematische Vorgehensweise indes lässt sich zweifelsohne für den Ansatz der Münchener Schule des Realismus, den sogenannten Synopti schen Realismus, konstatieren. Seinem eigenen Anspruch nach möchte der Synop tische Realismus hierbei ein wertneutrales und zeitunabhängiges Modell zur Analy se außenpolitischer und internationaler Prozesse zur Verfügung stellen, welches systematisch Einzelaspekte untersucht, die dann zur endgültigen Analyse synop tisch zusammengetragen werden. Dem Modell liegt ein Außenpolitikverständnis zugrunde, das von einem situationsbedingten, interessenbezogenen und lernfähigen Entscheidungshandeln der Führungskräfte ausgeht, wobei die nationale Interes senwahrung bzw. -durchsetzung unter doppelseitiger Berücksichtigung sowohl in nerstaatlicher Prozesse der politischen Willensbildung als auch des Verhaltens an derer Staaten und Systeme vollzogen wird. Staaten treten anderen Staaten dabei als unitarische Einheiten gegenüber, wobei ihre Führungszentren als primäre Ent 41 scheidungsträger des Systems fungieren und dessen Verhalten sowohl im Inneren als auch nach außen bestimmen (Kindermann 1986: 27-28). Das synoptische Ana lyseverfahren dieser Realismusvariante beruht auf der sogenannten Konstellations analyse. Unter einer Konstellation wird hierbei die konkrete Beschaffenheit eines zeitlich wie regional abgrenzbaren Beziehungsgefüges zwischen Staaten oder weite ren Akteuren der Weltpolitik zum Zeitpunkt einer bestimmten historischen Situati on verstanden. Mit anderen Worten handelt es sich somit um ein multipolares Interaktionssystem, innerhalb welchen jedes System über eigene Interessen, Machtpotentiale, inner staatliche bzw. gesellschaftliche Strukturen und Wertesysteme verfügt. Da diese Strukturelemente der einzelnen Aktionssysteme für deren Verhalten innerhalb der Konstellation von entscheidender Bedeutung sind, müssen sie von System zu Sys tem zunächst einzeln und dann vor allen in ihrem Wirkungszusammenhang analy siert werden. Dies bedeutet eine kausal bewertende Korrelierung des Verhaltens aller Aktionssysteme, welche letztlich zu einem differenzierten Verständnis vom Gesamtzusammenhang der Strukturen, der Interaktionsprozesse und der Kausalitä ten einer Konstellation führt (Kindermann 1986: 133). Zur konkreten Durchfüh rung der Analyse wird zunächst die Vorgeschichte der Konstellation analysiert. In einem zweiten Schritt erfolgt die Systemanalyse. Hierbei wird das System in Teilbe reiche zerlegt und diese dann einzeln in ihrer Struktur sowie hinsichtlich ihres Zu sammenwirkens mit anderen Teilbereichen und ihrer jeweiligen Bedeutung für das Ganze untersucht. Die Wahl der Teilbereiche erfolgt durch Hypothesen über die Art und den Rang ihrer Bedeutsamkeit für das Ganze. Die Analyse einer regionalen Konstellation wird sowohl die Rahmenbedingungen der weltpolitischen Gesamt konstellation wie auch die außenpolitisch wichtigen Subsysteme innerhalb der an der Konstellation unmittelbar beteiligten Staaten zu berücksichtigen und somit makroanalytische ebenso wie mikroanalytische Ansätze zu verwenden und mitei nander zu verbinden haben (Kindermann 1986: 107f.). Auch die beteiligten Staaten selbst sind Teil der Konstellationsanalyse, wobei geo graphische, demographische, ökonomische, technologische und soziopolitische Faktoren ebenso berücksichtigt werden wie primär subsystemische Aspekte (wie parteipolitische, ethnische, religiöse Aspekte oder die innerstaatliche Struktur). Nicht zuletzt sind einzelne führende Persönlichkeiten zu berücksichtigen. Eine wei tere Analysegröße stellt das nationale Interesse dar, welches als außenpolitische In teressenlage bezeichnet wird. Dieser Begriff beinhaltet die Gesamtheit aller außen politischen Zielsetzungen, die sich abhängig von den Umständen ändern können. Der synoptische Realismus weicht somit von der Annahme des realistischen Para digmas ab, wonach es ein objektives Interesse im Sinne nur einer in jeder Situation bestmöglichen Wahl von Zielen und Mitteln staatlicher Politik gebe, die vom befä higten Staatsmann als Träger der sogenannten Staatsräson als das nationale Interes se rational erkannt werden könne (Kindermann 1986: 116f.) Ein weiterer Analyse schritt besteht in der Betrachtung von Quantität, Qualität, Reichweite und Ver 42 wundbarkeit der militärischen capabilities, den Kosten eines möglichen Einsatzes von Machtmitteln und der Glaubwürdigkeit von Bedrohungsszenarien, also der Projektionsfähigkeit von Macht (Kindermann 1986: 121f.). Ergänzend zur Analyse der internationalen Machtlage erfolgt zudem eine Normanalyse, welche die reale Situation zwischen normativem Anspruch und dem potenziellen Handeln nach Nützlichkeitserwägungen betrachtet. Nicht zuletzt sieht der Synoptische Realismus eine ergänzende Untersuchung der Perzeptionsstrukturen der beteiligten Akteure vor. Dies ist wichtig, da Ereignisabläufe und Wirkungszusammenhänge von den Beteiligten nicht völlig identisch wahrgenommen und beurteilt werden, sodass die objektive Wirklichkeit ein und derselben Ereignisstruktur von den Entscheidungs trägern daran beteiligter Aktionssysteme in subjektiven Vorstellungsbildern und Bewertungen erfasst wird, die inhaltlich voneinander abweichen, obwohl sie sich auf die gleiche Angelegenheit beziehen (Kindermann 1986: 125f.). Für die Praxis auswärtiger und zwischenstaatlicher Politik bedeutet das, dass die Vorstellungsbil der, die sich Entscheidungsträger von Sachverhalten und ihren Bedingtheiten ma chen, auch dann, wenn sie teilweise falsch sind, zu konkreten Aktionen und damit zur Schaffung neuer Wirklichkeitsstrukturen führen können. Bei der Analyse müs sen, so die Vertreter des Synoptischen Realismus, somit die hinsichtlich aller Akti onseinheiten einer Konstellation vorgenommenen Analysen ihrer jeweiligen Inte ressen- und Machtlagen durch die Untersuchung von konstellationsrelevanten Vor stellungsbildern der Akteure ergänzen. Auf ähnliche Weise ließen sich etwa Argumente des Liberalismus und des Kon struktivismus zusammenführen. So wäre etwa der konstruktivistische Analysean satz, welcher die diskursive Konstruktion beispielsweise auch der öffentlichen Mei nung aufzeigt, eine interessante Ergänzung zu den genannten liberalen Annahmen (vgl. hierzu etwa Tilly 2011: 182, sowie Haas 1999: 115 und Weller 2005a: 313ff.). Sowohl liberale als auch konstruktivistische Annahmen in diesem Punkt gehen et wa davon aus, dass sich die Dynamiken der innerstaatlichen und zwischenstaatli chen Ebene gleichen. So spricht der Liberalismus etwa von Weltöffentlichkeit und internationaler Gesellschaft, womit nicht zuletzt auch internationale Institutionen gemeint sind (vgl. etwa Czempiel 1998: 109-146; Rittberger 1993; Rittberger/Zangl 2003: 185-222), die bis hin zur Bildung eines „minimale[n] Weltstaat[s]“ (Höffe 1999) reichen können, der über die entsprechenden Mittel und Kompetenzen ver fügt, um die Einhaltung von internationalem Recht wie internationaler Sicherheit zu gewährleisten. Während der Realismus von der praktischen Persistenz einer anarchischen Struktur des Weltsystems ausgeht, gilt diese bei Liberalismus und Konstruktivismus als veränderbar. Obgleich bei beiden Ansätzen Perzeption eine zentrale Rolle spielt, werden in keinem der Paradigmen die zugrundeliegenden Wahrnehmungsmechanismen in hinreichender Form behandelt. Insbesondere fin det kein Rückgriff auf Erkenntnisse der sozialkognitiven Psychologie statt. Eine präzise Bestimmung dessen, was Wahrnehmung ist, wie sie funktioniert und welche Implikationen damit einhergehen, ist jedoch ein unverzichtbares Element bei der Durchführung der Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens. Dies gilt letztlich auch 43 für den Liberalismus, obwohl dieser, wie oben dargelegt, davon ausgeht, dass nur die innerstaatliche Systembeschaffenheit von Belang ist, nicht aber der Charakter der Systemstruktur auf internationaler Ebene. Doch lässt sich durchaus eine Bedeu tung der Systemstruktur erkennen, etwa im soziologischen ausgerichteten Libera lismus von Karl W. Deutsch und des von ihm begründeten Konzepts der Sicher heitsgemeinschaft (Deutsch 1954, 1961, 1969), welches nicht ohne Grund auch durch Vertreter des konstruktivistischen Paradigmas aufgegriffen wurde (vgl. etwa Adler 1997, Adler/Barnett 1998). Gleiches gilt mit Blick auf die für den Liberalis mus bedeutsamen ökonomischen Aspekte, wo Eigentumsrechte und Rechtssicher heit auf nationaler wie internationaler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Vor die sem Hintergrund lässt sich ein Zusammenhang von staatlichem Verhalten und Sys tembeschaffenheit erkennen, welche sich dahingehend differenzieren lässt, dass es neben der (ungezügelten) Anarchie des Realismus etwa noch eine durch Verrechtli chung gezähmte Anarchievariante gibt, die von (dem Sozialkonstruktivisten) Ale xander Wendt schließlich als Lockeanische Form der Anarchie bezeichnet wird. Zu dieser tritt schließlich noch eine Kantianische Variante (vgl. Wendt 2004 [1999], sowie Williams 2001) sowie die in verschiedene Integrationsstufen unterteilte Deutsch’sche Sicherheitsgemeinschaft hinzu. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig die Zusammenführung von bislang (weitgehend) getrennten Argumenten unter schiedlicher Paradigmen ist. Wie noch ausgeführt wird, lassen sich die Argumente der verschiedenen Paradig men sehr fruchtbar im Kontext dreier sehr grundlegender Fragestellungen zusam menführen, die ich als die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen be zeichnen möchte, und welche gleichsam als Kernelemente der hier vorgenomme nen Modellbildung fungieren. Hierbei handelt es sich um das Problem der Analyse ebenen, das Problem des Akteur-Struktur-Verhältnisses und das Anarchie Hierarchie-Problem. Greift man auf die bisher getätigten Ausführungen zurück, so zeigt sich, dass die im Rahmen unterschiedlichen Paradigmen und deren Binnendif ferenzierungen behandelten jeweils unterschiedliche Aspekte beleuchten, jedoch eine umfassende Analyse nur dann möglich wird, wenn die unterschiedlichen Per spektiven auf einem gemeinsamen Nenner zusammengeführt werden. Und dieser Nenner ist im Modell das jeweilige Basisproblem. In diesem Zusammenhang wird es somit auch möglich, Aspekte wie etwa Rationalität und deren Begrenztheit ein zubringen. So wertvoll die Öffnung des liberalen Paradigmas vom zweiten zum ersten Image auch ist, so bedauerlich ist die Reduktion der individuellen Akteure einzig auf ihre Funktion und das damit verbundene Ausblenden von Aspekten individueller Sozia lisation, Persönlichkeitstypologie etc. So werden bei der unter Anwendung von Modell III von Allison bzw. Allison/Zelikow durchgeführten Analyse der Kuba Krise die amerikanischen und sowjetischen Entscheidungen primär auf innere Mo tivationsfaktoren zurück: So habe der in seiner Eigenschaft als sowjetischer Führer sowohl seitens des ZK der KPdSU als auch der Führung der Roten Armee unter 44 Druck stehende Chrustschow entschieden, Raketen in Kuba zu stationieren, um so Führungsfähigkeit (vor allem auch) nach innen zu demonstrieren. Auch bei den von John F. Kennedy getragenen Entscheidungen seien die mit seinem Amt ver bundenen Interessen und die damit zusammenhängende Auseinandersetzung mit anderen am Entscheidungsprozess beteiligten Regierungsinstitutionen ausschlagge bend für das zwischenstaatliche Verhalten der USA gewesen. So habe Kennedy als Präsident und Führer der Demokratischen Partei darauf reagiert, dass die Republi kaner im Vorfeld der ebenfalls 1962 anstehenden Kongresswahlen die Kubapolitik zum zentralen Thema machten, wobei sie die gescheiterte Schweinebuchtinvasion als Scheitern des Präsidenten selbst darzustellen bemüht waren. Dadurch habe sich auch Kennedy genötigt gesehen, Handlungsfähigkeit und Härte (ebenfalls auch nach innen) zu demonstrieren. Die hierbei getroffene Entscheidung zugunsten ei ner Seeblockade sei nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der CIA gefallen, die Luftschläge empfohlen hatte. Gerade deswegen aber sei Kennedys Entscheidung in die andere Richtung gegangen, denn er habe seit dem Schweinebuchtfiasko der CIA misstraut. So wichtig und interessant die anhand des Modells III gewonnenen Erkenntnisse sind, werden doch zwei Dinge klar: Erstens kann das Modell nicht für sich alleine stehen und zweitens reicht bei der Integrati on von Argumenten des ersten Images in das Modell die Beschränkung rein auf Position und damit verbundener Rolle nicht aus. Letzteres wird allein schon daran deutlich, dass in der Analyse zwar mit dem persönlichen Misstrauen des Präsiden ten gegenüber einer Regierungsinstitution als wichtige Entscheidungsdeterminante argumentiert wird, dieses aber mit den Mitteln des Modells nicht begründet werden kann. Denn hierbei handelt es sich um einen Sozialisationsprozess, der jenseits der reinen Amtslogik liegt. Eine Erweiterung des Ansatzes um Identitäten sowie die Rolle individueller Sozialisation erscheint daher sinnvoll. Die erstgenannte Kritik schließt daran an, geht aber noch einen Schritt weiter. So wird bei der Lektüre von Essence of Decision deutlich, dass auch dort die Modelle II und III nicht völlig trennscharf verwendet werden. Vor diesem Hintergrund wäre zudem eine weitere Zusammenführung der Argumente beider Modelle mit zusätzlicher Ergänzung um Mechanismen und Wirkungsweisen kollektiver Sozialisation sinnvoll. Vor dem Hin tergrund der Auseinandersetzung mit den Dynamiken nicht nur großer Bürokratien per se, sondern auch von Kleingruppen innerhalb der Bürokratie aber auch im Be reich der unmittelbaren außenpolitischen Entscheidungsfindung erscheint zudem die Einbindung von Theorien aus dem Gebiet der Foreign Policy Analysis frucht bar, so etwa vor allem der Groupthink-Ansatz. Im Rahmen derartiger Erweiterun gen werden in den nachfolgenden Kapiteln dieser Arbeit auf analytisch-eklektische Weise auch die zentralen Argumente der Bürokratietheorie mit in das Modell ein gebracht. Eine derartige Weiterentwicklung beziehungsweise Einbindung der Ar gumente von Allison und Zelikow erscheinen dabei durchaus im Sinne der Auto ren. So räumten diese durchaus ein, dass die Aussagekraft der Modelle II und III eingeschränkt sei, dennoch böten diese einen Ansatz zur weiteren Erforschung von Alternativen zum klassischen Rational-Choice-Ansatz. 45 Beim Ansatz des Zwei-Ebenen-Spiels (Putnam 1988, Evans/Jacobson/Putnam 1993; vgl. ferner Milner 1992, Mayer 1992, Lehman/McCoy 1992; kritisch: Milne 2011) wird ein weiterer Aspekt des Zusammenhangs von innerstaatlicher und zwi schenstaatlicher Ebene beleuchtet. Konkret geht es um die Frage, inwiefern eine Regierung auf internationaler Ebene die nationalen Interessen durchsetzen kann. Als zentrale Determinante wird hierbei das politische System eines Landes ausge macht. Politische Eliten verhandeln auf zwischenstaatlicher Ebene, haben im inner staatlichen Bereich jedoch nur eine bestimmte Bandbreite zur Verfügung, innerhalb derer die Ergebnisse zwischenstaatlicher Verhandlungen auch realistischerweise ratifiziert werden. So benötigt die US-Regierung zur Ratifikation internationaler Abkommen etwa eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat, sodass dessen Präferenzen von den Verhandlungsführern auf internationaler Ebene berücksichtigt werden müssen. Hierbei wird diese Restriktion auch als Möglichkeit für die Regierung ge sehen, die Verhandlungen auf internationaler Ebene in ihrem Sinne zu beeinflus sen, nämlich indem sie die Beschränkungen auf der innerstaatlichen Ebene bewusst als Druckmittel auf der zwischenstaatlichen Ebene einsetzt. Durch diesen Zwei- Ebenen-Ansatz erhält das durch den Fokus auf nationaler Präferenzbildung subsys temisch ausgelegte liberale Paradigma eine systemische Komponente. Trotz der erfolgreichen empirischen Anwendung bei der Analyse so unterschiedlicher Berei che wie etwa den Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll (Tilly 2011) oder zum bra silianischen Schuldenabkommen von 1988 (Lehman/McCoy 1994), der Uruguay Runde (Paarlberg 1997), den Verhandlungen zur NAFTA (Valverde 1996), den Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern in Oslo 1993 (Lie berfeld 2008), den SII-Gesprächen zwischen den USA und Japan (Schoppa 1993), Verhandlungen zwischen IWF und Mexiko bzw. Argentinien (Barria 2000) ebenso wie den Gesprächen zwischen Taiwan und der Volksrepublik China (Yun Chen 2012) und den Unterschieden bei der Wirkung von präsidentiellen und parlamenta rischen Regierungssystemen (Pahre 1997), gab es seit Putnams Modellentwicklung immer wieder Vorschläge und Versuche, den Ansatz zu modifizieren beziehungs weise zu erweitern. Eine Richtung hierbei war, die öffentliche Meinung als Ein flussgröße näher zu untersuchen und das Modell um diese Größe zu ergänzen (vgl. etwa Trumbore 1998). Im Zusammenhang mit öffentlicher Meinung führten Shamir und Shikaki (2005) zudem die Größe der nationalen Identität in das Modell ein und verwiesen auf sowohl auf die Problematik der Vielgestaltigkeit der öffentlichen Meinung als auch auf ihrer Anfälligkeit für Framing. LeGrande (1998) behandelte den Zusammenhang von Lobbyismus und öffentli cher Meinung im Zwei-Ebenen-Spiel. Dabei zeigte er auf, wie Lobbyismus außen politische Entscheidungen, die drohende Krisen abwenden könnten, verhindern kann. Erst wenn in der bestehenden Krise der Druck der öffentlichen Meinung zu groß wird, kann der Einfluss der Lobby gebrochen werden. Mo (1994) postuliert eine höhere Eigenständigkeit und stärkere Interessendurchsetzung der Verhand lungsführer auch auf der innerstaatlichen Ebene. Mos Modell versucht dabei vor allem die innerstaatlichen Prozesse, Verhandlungen und Koalitionsbildungen of 46 fenzulegen. Krell und Shogren (2008) entwickeln vor dem Hintergrund der Frage, wie innerstaatliche Beschränkungen auf nationale Beiträge zu Abkommen über öf fentliche Güter wie etwa im Bereich Klimawandel wirken, ein auf Putnam basie rendes Modell um Komponenten eines zweidimensionalen Nicht-Nullsummen Konfliktmodells, und gelangen zur Erkenntnis, dass zwei Arten von Two-Level- Games zu unterscheiden sind. Während Ratifikationsspiele, die charakteristisch für präsidentielle Systeme sind, zu keinen höheren nationalen Beiträgen führen als in einem Vergleichsspiel ohne innerstaatliche Beeinträchtigungen, sind höhere Beiträ ge als im von innerstaatlichen Beeinträchtigungen freien Vergleichsspiel, bei Wahl spielen, wie sie für parlamentarische Regierungssysteme typisch sind, regelmäßig der Fall. Weitere Modifikationen wurden etwa von Iida (1993) im Bereich der Ana lyse von Informationsasymmetrien auch auf innerstaatlicher Ebene sowie von Damro (2006) hinsichtlich der Frage von nichtvertraglichen und somit nicht ratifi zierungspflichtigen internationalen Abkommen, vorgenommen. Vor Hintergrund der bisherigen Auseinandersetzung mit Putnams Theorie wird deutlich, wie wichtig nicht nur innerstaatliche Größen und ihr Zusammenspiel mit der internationalen Ebene bei der Analyse außenpolitischer Entscheidungen sind, und wie wichtig auch die Fortbildung bestehender theoretischer Ansätze ist. Wenn gleich die hier erwähnten Ansätze zur Modellmodifikation dazu beitragen, einzelne namentlich innerstaatliche Prozesse zu erhellen und das Zwei-Ebenen-Modell aus sagekräftiger zu machen, wird doch kritisiert, dass es noch immer an einer hinrei chenden Vernetzung der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Ebene mangelt. So verweist etwa Uriu (1998) im Kontext seiner Auseinandersetzung mit den Per spektiven japanischer Außen- und Sicherheitspolitik darauf, dass die beiden Ebenen aller Entwicklungen zum Trotz, nicht hinreichend verzahnt seien, und der Fokus nach wie vor zu sehr auf eine Analyseebene beschränkt sei. In seiner Arbeit über die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran weist Bakhtar (2003) zurecht daraufhin, dass die wesentliche Beschränkung von Putnams Ansatz derjenige sei, dass das Modell auf die Analyse von Verhandlungen beschränkt sei. Bakhtar unter nimmt daher den Versuch, Putnams Modell so umzugestalten, dass es auf jegliche staatliche Interaktion anwendbar wird. Eine weitere Herausforderung an Putnams Modell stellte sich angesichts der vielfachen Regionalisierungstendenzen in ver schiedenen Regionen der Welt. Namentlich die Entwicklungen im europäischen Integrationsprozess führten zu einer Erweiterung des Zwei-Ebenen-Ansatz hin zu einem Drei-Ebenen-Modell, welches die innerstaatliche, die zwischenstaatliche Ebene innerhalb eines regionalen Zusammenschlusses und schließlich die globale Ebene berücksichtigt (vgl. etwa. Patterson 1997, Falkner 2002, Bonvicini 2008). Die bisherigen Anwendungen analysieren verschiedene EU-Abkommen, wie etwa das Open-Skies mit den USA (Serar 2008), das Freihandelsabkommen mit Südko rea (Constatinou 2008), das Abkommen zwischen EU und MERCOSUR (Moix 2008), das Energy Charter Transit Protocol zwischen der EU und Russland (Gusacenko 2008), das Cartagena Protokoll zur Biosicherheit (Glaser 2008), den sogenannten Bra War zwischen der EU und China, bei dem es um den Textilhan 47 del ging (Marangoni 2008, Lundstedt 2009) und dem Handelsabkommen zwischen der EU und Südafrika von 1999 (Frennhof-Larsen 2007) sowie zwischen EU und der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (Hentz 2008). Auch Verhandlun gen zwischen EG/EU und WTO (Leon-Arcas 2004), der transatlantische Streit über staatliche Subventionen für Flugzeughersteller (Kosremelli 2008), Verhand lungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland um den amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Thule (Archer 2003) sowie der Fischereikonflikt zwischen Irland und Norwegen (Leaver 2008) wurden mit dem um eine Ebene erweiterten Modell analysiert. Die Erweiterung des Modells um eine regionale Analyseeinheit erscheint angesichts der realhistorischen Entwicklungen äußerst sinnvoll und er weist sich mit Blick auf die Auseinandersetzung der hier unternommenen Modell bildung als in hohem Maße kompatibel. Dies gilt nicht zuletzt hinsichtlich der be reits oben angesprochenen Basisprobleme. Denn nur durch ein Aufgreifen und Einbinden der regionalen Ebene und ihrer spezifischen Entscheidungslogiken kann eine zwischenstaatliche Analyse anhand der einzelnen Anarchievarianten erfolgen. Die in der wissenschaftlichen Literatur bereits erkennbare abermalige Weiterent wicklung des Modells von Putnam hin zu einer Vier-Ebenen-Analyse (vgl. etwa Wei 2008) weist genau in jene Richtung, welche im Rahmen der hier unternomme nen Modellbildung eingeschlagen wurde. Denn bei diesem Ansatz wird auch neben der Ebene innerstaatlicher Gruppen auch die individuelle Analyseebene wieder auf gegriffen. Neben der Frage um die Bedeutung des Disziplin Internationale Beziehungen als solche, stellt sich im Rahmen der Debatte aber auch die Frage nach dem bei Debat ten immer mehr in den Hintergrund getretenen Aspekt des Theorie-Empirie Konnexes (vgl. etwa Butler 2010). Der Ansatz, auf beide Fragen eine Antwort zu finden, würde in der Einbeziehung jener Aspekte liegen, welche von den etablierten Paradigmen bislang ausgeblendet worden waren (vgl. etwa Diez/Steans 2005, George 1989). Allerdings stellten auch die Vertreter des Reflektivismus in den In ternationalen Beziehungen keine kohärente unitarische Größe dar, sondern zerfie len in eine breite Spanne, die vom Post-Modernismus über den Feminismus und die Kritische Theorie bis hin zu radikal konstruktivistischen Ansätzen reichte (vgl. etwa Smith/Owens, 2008, Hobden/Wyn Jones 2008 151, Barnett 2008: 162f.). In dem die Bedeutung eines interpretativen Zugangs in besonderem Maße betont wurde, wurde regelmäßig auch die unbedingte Einbindung von Normativität in die Analyse der internationalen Beziehungen als notwendig erachtet (vgl. etwa Devetak 2001a: 198f, Kurki/Wight 2010: 24f.). Speziell in diesem Zusammenhang — aber keineswegs ausschließlich — ist dabei der Rückgriff auf Gedanken der Frankfurter Schule und speziell auf diejenigen von Jürgen Habermas erkennbar: Der normative Anspruch an die neue Theorieentwicklung in den Internationalen Beziehungen soll te bewusst einer erhöhten Autonomie dort dienen, wo der Szientismus zur erhöh ten Kontrolle des Menschen beigetragen hatte, indem das humanistische durch ein technologisiertes Menschenbild verdrängt worden war (vgl. zur Bedeutung der Frankfurter Schule und insbesondere Habermas etwa Hofmann 1987, Deitelhoff 48 2005, Dietz 2005, Haacke 2005, Hutchins 2005, Linklater 1998 und 2005, Weber 2005; hinsichtlich der primär rezipierten Werke vgl. etwa Habermas 1986a, 1986b, 1989, 1993). Neben Habermas Diskursethik dienten vor allem die Theorie des kommunikativen Handelns und seine Gedanken im Bereich der Kognition als wichtige Ausgangspunkte für eine kritische Theoriebildung im Bereich der Interna tionalen Beziehungen (vgl. etwa Ashley 1981: 207ff., Rengger 1988, 1990; vgl. fer ner Cox 1981, 1986: 206ff.). Indem Habermas dabei auch maßgeblich als Grundla ge für das aufkeimende sozialkonstruktivistische Denken in den Internationalen Beziehungen diente, leitete er die reflexive Wende direkt in die konstruktivistische Wende über (vgl. etwa Neufeld 1991, Risse 2000, Deitelhoff/Müller 2005; vgl. zur konstruktivistischen Wende selbst zudem Finnemore 1996, Klotz 1995, Katzen stein 1996 sowie Checkel 1998 und Hülsse/Spencer 2008). Zugleich wurde dieser Prozess begleitet von einer auf der schon deutlich früher vollzogenen linguistischen Wende in der Philosophie (etwa Rorty 1967) basierenden kommunikativen Wende (vgl. hierzu etwa Albert et.al. 2008). In diesem Zusammenhang wurde die Theorie der Internationalen Beziehungen ins gesamt angereichert durch die zumindest punktuelle Berücksichtigung von kultur spezifischen Aspekten, wobei Ethnizität und soziales Geschlecht — verstanden als soziale Konstrukte — in für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens nutzbar gemacht werden sollten. Daneben wurde insbesondere der Faktor Religion als Ein flussvariablen auf zwischenstaatliche Entscheidungsprozesse in den Diskurs einge bracht.12 Die sich vor diesem Hintergrund manifestierende kulturelle Wende (Cultural Turn) in den Internationalen Beziehungen war dabei vor allem charakterisiert durch eine Öffnung hin zu Ideen von Nachbardisziplinen wie Anthropologie, Kul turwissenschaften, Postkolonialismus, Soziologie und Mentalitätsgeschichte (vgl. etwa Burke 2004: 6, Mandler 2004: 95, Jackson 2008: 159; Alexander/Smith 2010). Kulturspezifische Ansätze im Bereich der Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen (vgl. etwa Lebow 2009, Oenen 2010) öffneten das Tor zu einem bes seren Verständnis der Rolle von Kultur als Werkzeug internationalen Handels, wo Kultur als Mittel zum Zwecke staatlicher Interessenpolitik eingesetzt wird (vgl. et wa Irye 2004, Gierow Hecht 2004), zur Analyse von Kultur außerhalb des Akteurs Staat (etwa in Form von Individuen oder NGOs; vgl. hierzu etwa Iriye 1997) und vor allem zum Einsatz von Kultur als gleichsam interpretatives Rahmenwerk und Analysewerkzeug zur Analyse internationalen Verhaltens (vgl. etwa Jackson 2008). Deutlich erkennbar tritt auch hier der Einfluss des Spät- und Poststrukturalismus zutage, wie ihn Michel Foucault, Richard Rorty oder Jacques Derrida vertreten, wie insbesondere der Fokus auf Diskurs und insbesondere auch Sprache (in einem wei ten Verständnis) als Ausdruck der Kultur zeigt. Kultur wird dabei gleichsam als Syntax oder Software für jegliche Interaktion verstanden — auch auf zwischenstaat licher Ebene (vgl. etwa Stephanson 1994, Hesse 2004, Trachtenberg 2006, Hunt 12 Zur in diesem Zusammenhang stehenden sog. Religiösen Wende in den IB vgl. Kubalkova (2009). 49 2004, Vaugham-Williams 2005). Aus Sicht eines kulturbasierten Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen ergibt sich somit folgende Erkenntnis: ,,[T]he international sphere springs from culturally constructed beliefs about the world“ (Jackson 2008: 157; vgl. ferner Brewer 2003). Aber die konstruktivistische Wende ging dabei nicht nur Hand in Hand mit einer kulturellen Wende, sondern wurde zudem von einer Neuorientierung auch der tra ditionell für die Internationalen Beziehungen bedeutenden Geschichtswissenschaf ten begleitet (vgl. etwa Appleman Williams 1959, 1969, Joll 1968, 1992, Watt 1965, 1987, Steiner 1969, Thorne 1978, 1988, Dower 1987, zudem Roberts 2006 und fer ner DiMuzio 2012). Auch dort entwickelte sich eine Denkrichtung, welche auf die Betrachtung des Diskurses bei der Konstruktion spezifischer Wirklichkeitsreprä sentationen abzielte. Mit Blick auf die Vertreter eines historisch orientierten Ansat zes der Diskursanalyse internationaler Beziehungen zeigt sich, dass etwa die Rolle von Akteuren bei der Schaffung historischer Fakten, das Konzept der Vergangen heit sowohl als Bereich der Contingency als auch der Volition und Notwendigkeit untersucht wird. Ferner spielen die Bedeutung von Chronologie, Sequenz und Dauer eine zentrale Rolle beim Versuch, Prozesse zu verstehen und zu erklären, weshalb eine Handlung wahrscheinlicher wurde als eine andere. Dabei wird das historische Narrativ stets als interpretativer Akt einer sozial konstruierten Reprä sentation verstanden (vgl. hierzu etwa Dunne 1998, Smith 1999, Schmidt 1999, Ashworth 1999, Molloy 2006). Die beschriebenen Wenden haben zu einer wichti gen Bereicherung der Analyseansätze in den Internationalen Beziehungen beigetra gen, etwa indem die Vielzahl von Verbindungen von Kultur, Geschichte und ande ren Komponenten der sozialen Welt auch für den zwischenstaatlichen Handlungs kontext hergestellt wurde (vgl. etwa Arnason 2010), wodurch zumindest eine wich tige Grundlage für eine Erweiterung und Vertiefung der Analysefähigkeit des Fa ches geschaffen wurde (vgl. etwajackson 2008, van Veeren 2009). Zugleich bleiben bis heute wichtige Fragen unbeantwortet. So erscheint Kultur in vielen Fällen als unzureichend operationalisiert und somit unscharf, auch wird nicht deutlich, wie genau Kultur als Variable oder Determinante auf individuelle beziehungsweise kol lektive Entscheidungsprozesses einwirkt. Nicht selten zeigt sich auch eine Überbe tonung von oder gar einseitige Beschränkung auf Kultur, Geschichte etc., je nach der Ausrichtung des einzelnen Wissenschaftlers an einer spezifischen Denkschule, was wieder auf eines der zentralen Grundprobleme der Internationalen Beziehun gen verweist, nämlich den Zerfall der dortigen Theorielandschaft in einen Hyper Pluralismus. Statt zu einer Konsolidierung kam es letztlich nur zu einem weiteren Anstieg der Zahl der Paradigmen und Erklärungsansätzen, die sich jedoch weiterhin zumeist streng voneinander abgrenzten und, wie schon zuvor, auf nur wenig konstruktive Weise miteinander konkurrierten. Angesichts der in diesem Kontext auftretenden allzu intensiven Nabelschau der einzelnen Paradigmen, der häufig zu erkennenden Selection Bias bei theorietestenden Arbeiten, bei denen weniger der Erkenntnisge 50 winn als die Bestätigung des eigenen Paradigmas um jeden Preis handlungsleitend war, und des Verstrickens in epistemologischen und ontologischen Dauerdebatten entstand etwa bei Owen (2002) nicht gänzlich unbegründet der Eindruck, dass sich die Internationalen Beziehungen immer mehr einem „threat o f theoreticism“ (653) gegenüber sehe, ein Trend der nicht zuletzt auch bewirkte, dass sich viele empirisch arbeitenden Forscher auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen weitgehend von Theorien verabschiedet haben und empirische Phänomene eher beschreibend erklärten als sie streng an konkrete Theorien zurückzubinden. Das wiederum führte jedoch zu einer zwar nicht das Feld dominierenden, doch aber verschiedentlich deutlich erkennbaren Dissoziation des Theorie-Empirie-Konnexes (vgl. etwa Bür ger 2008). Eigenständige Theorieentwicklung in den Regional-, Sub- und 'Nachbardisziplinen Die Entwicklung hin zu einer zunehmend heterogenen Theorielandschaft innerhalb der Internationalen Beziehungen wurde zudem durch einen weiteren Faktor ver stärkt: Ausgehend von der zusehends umstrittenen Dominanz von aus der USamerikanischen Forschung hervorgegangenen Theoriekonzepten (vgl. etwa Krip pendorf 1987; Smith 1987), hat sich eine vom Postkolonialismus beeinflusste, nicht selten anti-westlich geprägte Bewegung innerhalb der Internationalen Beziehungen gebildet, welche die vorherrschenden Erklärungsansätze, klassische wie auch kriti sche, als eurozentrisch und somit nicht nur ungeeignet zur Analyse nicht-westlicher Kontexte ablehnt (vgl. etwa Seth 2011), sondern zum Teil sogar als Instrument zur Festigung westlicher Hegemonie betrachtet (vgl. etwa Hobson 2008; Buzan 2007). Ihr emanzipatorischer Ansatz koinzidiert mit einem vergleichbaren Trend regiona ler Theoriebildung in nicht-westlichen Gesellschaften, insbesondere in Asien (vgl. etwa Choi 2008; Igonuchi 2007, 2008; Ong 2004; Qin 2007), welche nicht zuletzt durch die realhistorischen Veränderungen des internationalen Systems seit 1989 stimuliert wurde (vgl. Wtever 1998: 688, Snrensen 1998) und Hand in Hand mit wachsenden Dominanzansprüche aufstrebender Mächte geht (vgl. Qin 2007: 313). Daneben existieren aber auch solche Ansätze, welche die Rolle eines spezifischen Staates als so besonders einschätzen, dass ein eigener Theorieansatz als erforderlich postuliert wird, um die internationalen Beziehungen im Kontext jenes Staates — und nur dieses — erklären zu können (vgl. etwa Lennox 2010). Erkennbar ist hier also nicht so sehr eine Emanzipierung von traditionellen Theorieansätzen im Sinne ei ner durchaus begrüßenswerten kritischen Weiterentwicklung des bestehenden Wis sens, das dabei den prinzipiellen Anspruch nach universeller Erklärungskraft auf rechterhält, sondern vielmehr die Entwicklung von Theorien, welche nur noch die regionalen Gegebenheiten berücksichtigen. Das hierbei entstehende Problem ist eine Entgeneralisierung der Theorie der Internationalen Beziehungen und damit ihres (trotz der den einzelnen Paradigmen jeweils spezifischen epistemologischen und ontologischen Beschränktheit) Anspruchs, universelle Gesetzmäßigkeiten für 51 das internationale Staatensystem zu erkennen, welche ihrem Wesen nach auch überall, wo es zu zwischenstaatlichen Interaktionen kommt, Geltung besitzen sol len. So wünschenswert und notwendig es ist, etwa kulturräumliche Spezifika zu be rücksichtigen, so sehr erforderlich ist es zugleich, darauf zu achten, dass eine Theo rie — zumindest dem Prinzip nach — überall im internationalen System Erklärungs kraft entfalten kann. Dies ist aber nur möglich, wenn derartige Spezifika als Variab len in einem breiter angelegten Theorieansatz erscheinen und es nicht zu einer rein regionalisierten Theorie der Internationalen Beziehungen kommt. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass Theorien entwickelt werden, welche mate rielle wie ideelle Faktoren regionaler Diversität besser berücksichtigen, Ansätze der Regional- und Area-Studies mehr in die Kern-Theoriebildung im Bereich der IB integrieren und die Rolle, welche nicht-westlichen Ideen sowohl bezüglich konkre ter Akteure als auch im Kontext der grundsätzlichen Epistemologie der IB-Theorie mehr Gewicht beimessen. Nicht ohne Grund waren es gerade diese Punkte, die von Achariya (2011: 619) als künftige Gegenstände der Erforschung eingefordert wurden. Und auch die Einsicht von Seth weist in diese Richtung, wenn er hinsicht lich des Konflikts von konventionellem Universalismus und nicht-westlich emanzipatorischem Regionalismus der Theorieentwicklung zum Schluss gelangt, dass “ [t]he conclusion to be drawn is neither that a recalcitrant reality must be forced into these cate gories, nor that these categories are ‘merely’ Western and must be supplemented or replaced by an Indian social science, a Chinese one and so on. Postcolonial writings, working at the junction o f a keen awareness o f this empirical mismatch, on the one hand, and with a receptivity to the linguistic turn and to poststructuralist insights, on the other, have been especially open to the idea that knowledge may serve to constitute the worlds that they purportedly ‘represent’, ‘m irror’, ‘render’ or ‘portray’.” (Seth 2011: 181) In diesem Sinne muss es darum gehen, die bestehende Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen dahingehend weiterzuentwickeln, dass auch Faktoren wie Kultur berücksichtigt werden und speziell auf der Ebene der Akteursanalyse in die Bildung neuer Ansätze auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Bezie hungen eingehen. Dass ein solches Ansinnen nicht auf Grundlage nur eines Para digmas erfolgen kann, erscheint hierbei einleuchtend. Vielmehr gilt es, die Er kenntnisse etwa sowohl der kulturell-konstruktivistischen Wende als auch eher tra ditioneller Paradigmen pragmatisch auf ihre Kommensurabilität hin zu untersuchen und darauf basierend neue Analyseansätze zu entwickeln. Das ist umso bedeutsa mer als es weiteren Autonomisierungsbestrebungen auf dem Gebiet der Theorie der Internationalen Beziehungen entgegenzuwirken gilt, soll die Disziplin nicht ir gendwann Opfer eines Theoriepartikularismus werden. So wünschenswert es etwa ist, spezifische Aspekte mehr in die Theoriebildung einzubinden, so problematisch ist es auch, diese Faktoren gleichsam losgelöst von größeren theoretischen Zu sammenhängen zu betrachten. Bereits oben wurde darauf hingewiesen, dass die Einbindung eines adäquat und differenziert operationalisierten Kulturbegriffs eine signifikante und letztlich unumgängliche Bereicherung der Theorie der Internatio 52 nalen Beziehungen darstellen würde. Zugleich erscheint es wenig sinnvoll, Aspekte wie Kultur oder Religion als eigendynamische Prozesse darzustellen und dabei an dere zwischenstaatliche Dynamiken zu marginalisieren oder ganz außen vor zu las sen, wie dies etwa bei Lebow (2008) hinsichtlich des Faktors Kultur oder bei Snyder bezüglich des Aspekts Religion (vgl. Snyder 2011; Sandal 2011) geschieht, aber keineswegs auf diese Aspekte beschränkt ist (vgl. etwa S0rensen 1998). Analog trifft diese Erkenntnis ferner auf die zusehende Autonomisierung ganzer Subdisziplinen der Internationalen Beziehungen zu, wie sie etwa im Falle der Außenpolitikanalyse (Foreign Policy Analysis, FPA; vgl. hierzu etwa Ripley 1993) oder der Internationa len Politischen Ökonomie (IPÖ) zu erkennen ist. Hier zeigt sich nicht nur immer wieder eine teils dezidierte Abkehr von theoretischen Konzepten der traditionellen Theorien der Internationalen Beziehungen, sondern von der Disziplin selbst. Häu fig dominiert ein fachliches Selbstverständnis, das sich als nicht nur losgelöst von den Internationalen Beziehungen versteht, sondern sich diesen analytisch sogar als überlegen perzipiert, wie etwa die nachfolgende Aussage von Susan Strange (1994: 218) illustriert: „The whole point o f studying international political economy rather than international relations is to extend more widely the conventional limits o f the study o f politics, and the conventional concepts o f who engages in politics, and o f how and by whom power is exercised to influence outcomes. Far from being a subdiscipline o f international relations, IPE should claim that interna tional relations are a subdiscipline o fIPE .” Neben dieser sukzessiven Verselbständigung bestehender Subdisziplinen gibt es zudem eine verstärkte Herausbildung neuer Unterdisziplinen, wie etwa der Global Governance (vgl. etwa Rosenau 1995, Matthews 1997, Slaughter 1997, Keck/Sikkink 1998, Kraser 2001, Cutler 2002, W olf 2009) oder der Internationalen Sicherheitsstudien (ISS; vgl. etwa Krause/Williams 1997; Booth 2005; Buzan/Hansen 2009; Wibben 2011), welche zwar sehr wertvolle Einsichten in ein zelne Aspekte zentraler Größen der Internationalen Beziehungen hervorbringen, jedoch allzu oft und in steigendem Maße eine Rückbindung an die Theoriebildung im Kernbereich der Internationalen Beziehungen vermissen lassen. Dies führt zu Problemen sowohl im Bereich der Internationalen Beziehungen als auch der neuen Subdisziplinen selbst. Mit Blick auf die Internationalen Sicherheitsstudien etwa zeigt sich, dass beispielsweise als Folge des sogenannten Versicherheitlichungs- Ansatzes (Securiti^ation) potenziell jeder Gegenstandsbereich und jede Policy als re levant für die nationale Sicherheit und somit zum Objekt der Internationalen Be ziehungen gemacht werden kann, ohne aber, dass innerhalb der ISS dann eine sys tematische Vernetzung mit bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen vorgenommen würde. Zumeist bleibt der Hinweis auf entsprechende Möglichkei ten auf den Theorieteil einschlägiger Lehrbücher beschränkt. Andererseits versäu men es auch die theoriebildenden Akteure innerhalb der Internationalen Beziehun gen selbst, theorierelevante Erkenntnisse der ISS systematisch einzubinden, wie es sich etwa im Bereich der Operationalisierung so zentraler Begriffe wie nationale Sicherheit und nationales Interesse anböte. Ebenso blieb bislang die Frage unbe 53 antwortet, wie sich Konzepte wie Regime Security, Societal Security oder 'H.uman Security systematisch in Theorien und theoriebasierte Analysekonzepte einbinden lassen, um zu einer aussagekräftigeren Erklärung etwa für die Beziehung der Variablen nationale Sicherheit, nationales Interesse, Bedrohungswahrnehmung und konkretes nationales Handeln zu gelangen. Vor diesem Hintergrund erscheint es als geboten, etwa das sich immer weiter lösende und eigenständig entwickelnde Feld der ISS zumindest im Bereich der Theoriebildung stärker an die Kerndisziplin zurückzu binden, insbesondere um die Erklärungskraft künftiger Theorieansätzen zu stärken. Insgesamt ist es somit unumgänglich, auch die in den sich entwickelten an die In ternationalen Beziehungen angelehnten, sich jedoch zumindest in Teilen als au tonom wahrnehmenden Bereichen entwickelten Zugänge prinzipiell zu berücksichtigen. Das betrifft in besonderem Maße die Außenpolitikanalyse (For eign Policy Analysis, FPA), die sich als eigenständige Größe auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen etabliert hat und bemüht war, erste Ergebnisse der sogenannten kognitiven Revolution aufzugreifen und für die Analyse außen politischer Prozesse nutzbar zu Machen (vgl. etwa Hudson/Vore 1995: 209 ff.). Dabei sollten aber nicht nur die persönlichen Eigenschaften der Entscheidungsträ ger Berücksichtigung finden, sondern ebenso kontextbildende Diskurse, Problem repräsentationen und Lernprozesse sowie Bürokratie, Gesetzgebung, Opposition, innenpolitische Zwänge etc. (vgl. etwa Beasley/Ripley 1995; Simon 1985; Lane 1990: 927; Hudson/Vore 1995: 211). Anders als bei traditionellen Ansätzen der Theorie der Internationalen Beziehungen liegt — der Ekenntnis folgend, dass „decision-making processes determine the content o f foreign policy“ (Alden 2012: 31, Hervorhebung im Original) — der Fokus bei der Außenpolitikanalyse nicht auf den Ergebnissen des Politikprozesses, sondern auf dem Prozess der Politikentwicklung selbst. Zentral dabei ist der Analyseansatz des sogenannten Foreign Policy Decision Making (FPDM), welcher in Gestalt dreier Paradigmen auftritt (vgl. hierzu etwa Mintz et. al. 1994), und Elemente der kognitiven Psychologie ebenso aufgreift wie Linguistik und den Ansatz der historischen Analogie (vgl. etwa Shimko 1994). Das erste Paradigma basiert dabei auf dem klassischen bzw. rationalen Modell, das ursprünglich von Neumann und Morgenstern (vgl. etwa Neumann/Morgenstern 1944) zur Erklärung mikroökonomischer Entscheidungen entwickelt wurde. Das zweite Paradigma hingegen gründet auf einer kybernetischen Perspektive, deren Basis vor allem die frühen Arbeiten Herbert Simons (vgl. insbesondere 1957; 1959) zur Problematik der begrenzten Rationalität (Bounded Rationality; vgl. zu diesem Konzept zudem etwa Faber 1990; Kahnemann 2003; Klaes 2003; Grüne 2007) dar stellen. Die im Laufe der Zeit, insbesondere im Kontext von Entwicklungen auf den Gebieten der Psychologie und Neurologie gewonnenen Erkenntnisse machen den Ansatz der Bounded Rationality, wie weiter unten noch ausführlich dargelegt wird, für die hier vorgenommene Theoriebildung in besonderem Maße interessant. Mintz und Kollegen schließlich entwickelten bestehende Ansätze fort und entwar fen mit dem poliheuristischen Entscheidungsmodell schließlich einen dritten 54 grundlegenden Theorieansatz (vgl. Mintz et. al. 1994; Mintz/Geva 1997), der seit her etliche empirische Anwendungen erfahren hat (vgl. etwa Dacey/Carlson 2004; James 2005; Sandal 2011; etwa Mintz 1993, 2005; DeRouen 2001, 2003; Taylor- Robinson/Redd 2003; Redd 2005; Brule 2005; James/Zhang 2004; Kinne 2005; Astorino-Courtois/Trusty 2000; Sathasivam 2003; Maleki 2002; Clare 2003; Mintz/Mishal 2003) und auch Versuchen der Weiterentwicklung unterzogen wurde (etwa Dacey/Carlson 2004; vgl. ferner Stern 2004). Nicht zuletzt, weil die poliheuristische Analyse ihrem Selbstverständnis nach bestrebt ist, den Graben zwischen kognitiven und rationalen Entscheidungstheorien zu überwinden (vgl. Mintz 2004) gilt sie mittlerweile als bedeutendster Ansatz des FPDM. Konkret besteht der poliheuristische Analyseansatz aus einem zweistufigen Modell. Auf der ersten Stufe reduziert der Entscheidungsträger auf Grundlage spezifischer Heuristiken und ei nem nichtkompensatorischen Prinzip folgend alle offensichtlich unerwünschten Entscheidungen, ohne dass dabei bereits Trade-Offs, Opportunitätskosten oder dergleichen berücksichtigt würden (vgl. etwa Mintz, 1993, 2003, 2004a; Payne/Bettman/Johnson 1993; Mintz/Geva, 1997; Mintz/Geva/Redd/Carnes 1997; Kinne 2005; Redd 2005). Sobald die potenziellen Wahlmöglichkeiten auf jene prin zipiell akzeptable Auswahl verringert wurden, geht der Entscheidungsträger auf der zweiten Entscheidungsstufe zu einem Auswahlverfahren über, in welchem er auf rational-analytische Weise versucht, aus den verbliebenen Alternativen jene auszu wählen, bei der das Risiko minimiert und zugleich der Nutzen maximiert werden kann. Während also der erste Auswahlschritt kognitiven Entscheidungslogiken folgt, ist der zweite charakterisiert durch Prinzipen von Rational Choice bezie hungsweise Public Choice (Vgl. etwa Dacey/Carlson 2004; Mintz 2004; DeRouen/Sprecher 2004). Insgesamt zeigt sich beim poliheuristischen Ansatz allerdings, dass zwar kognitive wie rationale Faktoren sowie deren Interaktion berücksichtigt werden, der Ansatz jedoch zugleich auch unter der Verengung auf die Analyseebe ne des individuellen Entscheidungsträgers leidet. Die Bedeutung etwa innenpoliti scher Faktoren oder aber von Wesen und Struktur des internationalen Systems bleibt bei weitem zu wenig berücksichtigt. Dieser Umstand tritt nicht zuletzt in Kinnes Studie zur Entscheidungsfindung in autokratischen Regimen (Kinne 2005) sehr deutlich zutage, obwohl dieser durchaus bemüht ist, einige der aufgeführten Probleme zu heilen. In der angeführten Studie geht Kinne von der für die poliheuristische Entscheidungstheorie zentrale Annahme aus, dass die wichtigste Größe für die politische Führung eines Staates deren eigenes politisches Überleben ist. Al lein schon diese Annahme kann jedoch nicht ohne Kritik bleiben (vgl. hierzu Stern 2004 und weiterführend Walker 1995; Preston 2000; Hermann 2001; Jones 2002; Kowert 2002). Zudem mutet eine derartige Aussage angesichts der weitgehenden Beschränkung des poliheuristischen Ansatzes auf die individuelle Analyseebene als untertheoretisiert an, weil zu wenige weitere unabhängige beziehungsweise interve nierende Variablen berücksichtigt werden. Dennoch weist die Studie zumindest auf den wichtigen Aspekt hin, dass sich sowohl die Bedeutung dessen, was das Politische ausmacht als auch das, was die Bewertung der politischen Führung ausmacht, sich 55 signifikant von einem Land zum anderen unterscheidet, was mögliche Variationen im Verhalten politischer Führungen erklärt. Hieran werden zwei wichtige Erkenntnisse deutlich: Der Kontext spielt eine wich tige Rolle bei der Entscheidungsfindung und dieser variiert von Staat zu Staat. Kin ne beschränkt diese Variation dabei jedoch auf die verschiedenen Regimetypen, die den autokratischen Staat charakterisieren können, ohne dabei weitere mögliche Va riablen zu berücksichtigen. Zwar lässt sich eine Erweiterung der individuellen Ana lyseebene erkennen, indem gewisse Elemente der inneren Staatsstruktur Berück sichtigung finden, jedoch geht diese nicht weit genug, weil wichtige Variablen wie kulturelle Prägefaktoren nicht in die Analyse eingehen. Auch erfährt die zentrale individuelle Analyseebene dahingehend eine Beschränkung, dass auch dort wesent liche Sozialisationsfaktoren außen vor bleiben. Insgesamt lassen sich noch einige weitere Probleme des für die FPA so wichtigen Theorieansatzes ausmachen: So sagt das poliheuristische Paradigma etwa nichts darüber aus “how decision units are formed in real-world settings” (Stern 2004; vgl. hierzu zudem Stern 1999; Stern/Sundelius 2002; Hermann 2001). Ferner wird kontextualen und institutionel len Faktoren zu wenig Bedeutung beigemessen. Zu Recht kritisieren Alden und Aran (2012: 28), dass „poliheuristic theory leaves open issues such as the nature and impact o f a given decision-making structure, which essentially is depicted by Mintz as unitary“. Darüber hinaus wird die Entstehung von Präferenzen als gege ben betrachtet, sodass diese als losgelöst von historischen oder strukturellen Kon texten angenommen werden (vgl. Alden/Aran 2012: 29, 110f.). Zudem ist der po liheuristische Ansatz nicht darauf ausgerichtet, darzulegen, weshalb ein spezifischer Sachverhalt als Krise bewertet wird oder nicht, obwohl dieser Aspekt einen wesent lichen Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess hat (vgl. hierzu etwa Bre cher 1993; Stern 1999, 2004; Eriksson 2001). Dieser Aspekt gewinnt an Bedeutung, wenn die Frage weitergeführt wird, ob eine Situation als Bedrohung für das natio nale Interesse empfunden wird, ein Aspekt, der im poliheuristischen Paradigma ebenfalls fehlt. Und ebenso wenig vermag der Ansatz zu erklären, weshalb ein Ent scheidungsproblem vom Entscheidungsträger als möglicher Gewinn oder Verlust eingestuft wird (vgl. etwa Farnham 1997; McDermott 1998; Stern 2004). Genau hier zeigt sich das Problem der fehlenden theoretischen Breite des Ansatzes, ein Mangel, welcher nicht auch dazu führt, dass der so wichtige Kontext bei der Analy se von Entscheidungen weitgehend ausgeblendet wird (vgl. etwa Stern 2004, Keller/Young 2008). Die für das FPDM und insbesondere die poliheuristische Theorie beschriebene Problematik besteht in vielerlei Hinsicht auch für das Feld der FPA ganz allgemein. Dies gilt vor allem für jene Schwierigkeiten, die aus der für die FPA charakteristi sche Beschränkung auf die individuelle und die staatliche Analyseebene resultieren. So hat die FPA die systemische Analyseebene gleichsam völlig aus den Augen ver loren. Allerdings hat es die FPA vermocht, durch die Berücksichtigung kognitiver und psychologischer Wirkfaktoren und Beschränkungen, insbesondere etwa Be- 56 liefs, Images, Rollen, Schemata, kognitive Verzerrungen und Stereotypen (vgl. etwa Boulding 1956; Sprout/Sprout 1956;Jervis 1968, 1976) sowie die Einbeziehung der Persönlichkeit sowie emotionaler Aspekte (vgl. etwa Janis/Mann 1977; Winter 1992: 79; Renshon/Renshon 2008: 509-536) einen wesentlichen Beitrag zur Opera tionalisierung der individuellen Analyseebene zu leisten, welcher zur Grundlage weiterer Theoriebildung gemacht werden kann. Zudem befasst sich eine weitere Richtung der FPA mit dem Einfluss der Bürokra tie im außenpolitischen Entscheidungsprozess, was ebenfalls als große Bereiche rung für die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen angesehen werden kann, weil gerade die dortigen Strukturen und Prozesse von erheblichem Einfluss auf die Ergebnisse außen- und sicherheitspolitischer Entscheidungsabläufe sind.13 Während die Auseinandersetzung mit der individuellen Analyseebene mit Hilfe der Einbindung von psychologischen und insbesondere kognitiven Argumenten in die Außenpolitikanalyse geschieht, erfolgt die Konzentration auf die Rolle bürokrati scher Strukturen im außenpolitischen Prozess unter Rückgriff auf soziologische und organisationstheoretische Argumente. Die grundsätzliche Einbeziehung der Bürokratie eines Staates in die Analyse außenpolitischen Verhaltens von Staaten ist in mehrfacher Hinsicht relevant (vgl. hierzu etwa Huntington 1961; Shilling/Hammond/Snyder 1962; Crozier 1964; Hill 2003: 85-96; Allison 2008). So konnte etwa gezeigt werden, dass die Strukturen, Prozesse und Ergebnisse des bü rokratischen Prozesses individuelle Entscheidungsträger beeinflussen können, etwa durch die Selektion beziehungsweise spezifische Aufbereitung von Informationen und ihre Verarbeitung zu konkreten Entscheidungsalternativen. Hierbei spielt nicht selten auch der Einfluss spezifischer standardisierter Prozesse (Standard Operating Procedures, SOP) eine wichtige Rolle. Neben jenem strukturellen Einflussfaktor ist auch die spezifische Identität unterschiedlicher Bürokratien von Bedeutung. Dank des Ansatzes des Bureaucratic Policy Making (BPM) konnte abermals aufgezeigt wer den, wie wichtig das Offnen der Black Box Staat ist und welche Dynamiken sich innerhalb des Akteurs Staat jenseits des letztendlichen Entscheidungsträgers ab spielen und diesen beeinflussen. Der interessante Ansatz der BPM liegt somit darin, ein konzeptuelles und analytisches Rahmenwerk für eine Beziehung zwischen der individuellen und der staatlichen Analyseebene herzustellen. Dabei weist der Ansatz aber zugleich auch einige Schwachstellen auf. Zentral hier bei ist die generelle Überbetonung des Faktors Bürokratie sowohl hinsichtlich sei ner Bedeutung für die Staatsstruktur als auch bezüglich des Einflusses auf individu elle Entscheidungsträger. So werden mögliche andere determinierende Variablen wie kognitive Aspekte individueller Akteure innerhalb und außerhalb der Bürokra tie, Regimetyp oder Staatsstruktur, innerhalb welcher eine Bürokratie agiert, aber auch kollektiv-identitäre Aspekte von Staat und Gesellschaft und nicht zuletzt der A uf diesen Aspekt wurde der Autor nicht zuletzt wiederholt bei Gesprächen mit Behör denvertretern explizit hingewiesen. 57 Einfluss des internationalen Systems nicht beziehungsweise nur unzureichend be rücksichtigt (vgl. etwa Freedman (1976); Caldwell (1977); Smith (1980); Alden/Aran 2012: 36). Mit anderen Worten heißt das auch, dass der Staat als Akteur auch hier unzureichend operationalisiert wird. Die potenzielle Stärke des Ansatzes, nämlich die Beziehung zwischen den genannten Analyseebenen zu erklären, wird dabei insbesondere durch die Abwertung der Rolle des Individuums, welches — von ganz wenigen gegenläufigen Versuchen (vgl. Hollis/Smith 1986) — im Ansatz des BPM zur Personifikation der Bürokratie, deren Interessen und SOPs degeneriert, konterkariert. Der Staat wird letztlich auf die inneren Handlungslogiken der (außen politisch relevanten Bürokratie reduziert. Nicht zuletzt angesichts der dargelegten Mängel der Ansätze im Bereich des BPM hat sich schon früh die bis heute gültige Erkenntnis entwickelt, dass „the models require substantial reformulation“ (Bender/Hammond 1992: 301; vgl. zudem Welch 1992; ‘t Hart/Rosenthal 1998). Ein weiterer bedeutender Ansatz der FPA befasst sich mit Gruppendynamiken in elitären Entscheidungszirkeln und ihren Implikationen für den (außen-) politischen Entscheidungsprozess. Wegweisend für diesen Theorieansatz ist das Groupthink- Modell (vgl. Janis 1972), wobei unter Groupthink (Gruppendenken) ein Phänomen verstanden wird, bei dem eine Gruppe an sich kompetenter Individuen problemati sche bzw. suboptimale Entscheidungen trifft, weil jede Person ihre eigene Meinung an die vermutete Gruppenmeinung anpasst. In der Folge kann es dazu kommen, dass die Gruppe Entscheidungen billigt, die jedes einzelne Gruppenmitglied, würde es allein entscheiden, nicht träfe. Empirische Anwendungen machten bald eine Vielzahl von Anpassungen und Erweiterungen an das Modell erforderlich (vgl. et wa Riggs Fuller/Aldag 1997; Metselaar/Verbeek 1997; Vertzberger 1997) und führ ten zum Teil zu weiterentwickelten eigenständigen Ansätzen wie dem New Group Syndrome Ansatz (vgl. Stern 1997). Aber trotz einiger Versuche, eine größere kontextuelle Einbindung der Gruppendynamiken zu modellieren (vgl. George 1997) oder Aspekte wie die Gruppenstruktur und auch die individuelle Analyseebene stärker einzubeziehen (vgl. Preston 1997; Schafer/Crichlow 2010), liegt — wie auch bei den anderen bislang behandelten Ansätzen der FPA — die zentrale Problematik der Groupthink-Theorie (wie auch verwandter Gruppentheorien der FPA) in der Verengung, ausschließlich ihren zentralen Untersuchungsgegenstand, problemati sche Gruppenprozesse, als einzig entscheidende Variable für außenpolitisches Handeln zu betrachten. Interessant zu beobachten ist, dass selbst über längere Zeit räume entwickelte und immer wieder angepasste Modelle, die sich nur auf Grup pendynamiken zur Erklärung außenpolitischer oder internationaler Prozesse stüt zen (vgl. etwa Bueno de Mesquita 1980,1981, 1984, 1985, 1994, 1997, 2009; Bueno de Mesquita/Lalman 1986; Feder 1995, Feder 2002) nach wie vor als unzureichend kritisiert werden müssen (vgl. Etwa Scholz/Calbert/Smith 2011). Auch wenn durch die Anwendung von Groupthink durchaus wertvolle Erkenntnisse gewonnen wer den können, welche durch traditionelle Analyseansätze bisher gänzlich unbeachtet geblieben waren (vgl. etwa Ahlstrom 2009), ist doch zu erkennen, dass auch hier nur die Öffnung für weitere Variablen einen wirklich sinnvollen Einsatz der An 58 nahmen des Modells ermöglichen kann. Hierauf verweist auch eine der jüngsten Studien, welche anhand des Groupthink-Modells die US-amerikanische Irakpolitik zu erklären versuchte. In der Diskussion der Ergebnisse gelangt Frederike Kuntz (2007: 183) zu folgendem Schluss: „Zwar spricht die Analyse des Falles m it aller gebotenen Vorsicht dafür, dass Groupthink im Verlauf der Entscheidungsfindungsprozesse der amerikanischen Regierung eine wichtige Rolle gespielt hat [ ...] . Doch scheint ein Einbeziehen anderer möglicher Sichtweise geboten.“ Die Erweiterung bzw. Ausdifferenzierung der Beeinflussung der außenpolitischen Entscheidungselite nicht nur durch Gruppen (und deren Dynamiken) schlechthin, sondern speziell um außenpolitische Berater (sei es individuell oder als Gruppen, aber auf jeden Fall unter Berücksichtigung individueller Aspekte), stellt hier einen wichtigen Ansatz dar, eine weitere Variable zu erfassen. Bislang lassen sich immer wieder derartige Versuche ausmachen (vgl. etwa Haney 1992; Hoyt/Garrison 1997; Garrison 2002; Strathman 2005; Eichbaum/Shaw 2007; Honig 2008). Dennoch hat sich bislang ein größeres kohärentes Konstrukt nicht ergeben. Nichtsdestoweniger bietet sich durch die Ergänzung der Gruppentheorien und darüber hinaus um die sen Ansatz eine interessante Möglichkeit, auch die aus diesem Bereich gewinnbaren Erkenntnisse in einen weiterführenden Ansatz einzubringen, gerade weil sich wie derholt die nicht unerhebliche Bedeutung des Einflusses von Beratern auf Ent scheidungsträger gezeigt hat (vgl. Redd 2002; Mitchell 2010). Einen weiteren Ansatz innerhalb der FPA stellt der Domestic-Structure-Approach dar, welcher versucht, außenpolitisches Verhalten eines Staates mit spezifischen Merkmalen des betrachteten Staates, etwa Größe, Lage, Wirtschaftskraft, aber ebenso institutionelle Ausprägungen, Regime-Typ oder Medien, um nur einige zu nennen, in Verbindung zu bringen (vgl. etwa Rosenau 1967; Katzenstein 1976; East 1978; Gourevitch 1978; Salmore/Salmore 1978; Risse-Kappen 1991; Hagan 1993; Neack 1995; Rummel 1995). Eine spezifische, nämlich marxistische/neo marxistische Ausprägung des Domestic-Structure-Ansatzes sieht außenpolitisches Verhalten maßgeblich von der ökonomischen Struktur eines Staates determiniert. Einen breiteren Erklärungsansatz wählt die pluralistische Domestic-Structure- Theorie, die prinzipiell jeden relevanten Akteur beim Entscheidungsprozess be rücksichtigen möchte. So wichtig diese Verbreiterung der Analysegrundlage ist, so sehr bleibt auch dieser Ansatz letztlich der reinen Prozessanalyse verhaftet. Zudem genügt auch die Erweiterung des Ansatzes selbst nicht, weil zwar die innerstaatli chen Strukturen und insbesondere Prozesse besser beleuchtet werden, aber eine Kontextualisierung etwa mit strukturtheoretischen Argumenten auf internationaler Systemebene findet nicht statt. Insgesamt lässt sich somit konstatieren, dass der Domestic-Structure-Approach in seiner Gesamtheit nicht nur die Analyseebene des Systems weitgehend ausblendet, sondern auch den Staat selbst — mit wenigen Aus nahmen — unzureichend konzeptualisiert: „the state is equated with the polity“ (Alden/Aran 2012: 9). Auf diese Weise erscheint der Staat eher als A rena für diverse Akteure denn als letztlich handelnder Akteur; die Analyse von Außenpolitik bezie 59 hungsweise zwischenstaatlichem Verhalten bleibt somit notwendigerweise unvoll ständig, weil diese lediglich als Ausfluss innenpolitischer Strukturen und Prozesse gedeutet werden (vgl. Alden/Aran 2012: 62f.). Eine große Schwäche dieses Ansat zes und seiner Beschränkung auf innerstaatliche Strukturen besteht zudem darin, dass ein möglicher Wandel der internationalen Struktur, wie sie etwa im Rahmen regionaler Integrationsprozesse auftreten können, und somit seiner Effekte auf au ßenpolitisch beziehungsweise zwischenstaatlich wirksame Entscheidungen, nicht erkannt werden können. Trotz der in allen wesentlichen FPA-Ansätzen vorherr schenden übermäßigen oder ausschließlichen Fokussierung auf die Agency-Seite beziehungsweise die dem Akteur zurechenbaren Analyseebenen, lässt sich auch im Bereich der FPA eine Auseinandersetzung mit Systemfragen finden. So wird inner halb des Public Choice Ansatzes der FPA auf die nicht zu gering zu schätzende Bedeutung auch der internationalen Struktur für die Außenpolitikanalyse hingewie sen und der Fokus auf Fragen des nationalen Interesses und der nationalen Sicher heit gerichtet. Leider basiert dieser Ansatz rein auf Annahmen der Rational Choice und insbesondere der Spieltheorie, während die in den anderen FPA-Ansätzen er kennbaren analytischen Differenzierungen etwa mit Bezug zu kognitiven Aspekten keine Rolle spielen (vgl. etwa Alden/Aran 2012: 16). Daneben existieren Ansätze, welche versuchen, mögliche Globalisierungseffekte mit in die Außenpolitikanalyse zu integrieren. Jedoch ist hierbei auffällig, dass we niger harte theoriebasierte Konzepte als vielmehr wenig eindeutig definierte und letztlich nicht-operationalisierte Größen vorgebracht werden. So wird etwa im Kontext der Transformationalistischen These von Prozessen wie transnationalen Flüssen von Netzwerken und Aktivitäten, Detertitotialisierungstendenzen bzw. Supraterritorialität sowie einem Wandel im Wesen des sozialen Raums gesprochen, wobei der Staat als solcher in adaptierter Form erhalten bleiben soll (vgl. hierzu et wa Held/McGrew/Goldblat/Perraton 1999: 16, 437; Scholte 2003: 46; Rosenberg 2005: 29; Alden/Aran 2012: 82ff.). Bei der gegenläufigen Hyperglobalisierungsthese der FPA, welche davon ausgeht, dass eine graduellen Ersetzung der einzelstaatlich geprägten Ordnung stattfinden werde, in deren Rahmen es neben einer Entstaatli chung von Ökonomien, Gesellschaften und Kulturen auch zu Prozessen eines se lektiven Zusammenführens von Souveränitätsrechten kommen werde, insbesonde re mit Blick auf den sicherheitspolitischen und militärischen Bereich, spricht vom Endzustand eines imperialen globalen Clusters (vgl. hierzu etwa Mann 1993: 504; Deudney/Ikenberry 1999: 182; Shaw 2001: 104; Bobit 2003: 144-205). Derartige Entwicklungen, wie auch eine hiermit möglicherweise einhergehende Friedenszone (vgl. Barkawi/Laffey: 1999) werden dabei zum Teil auch als Ausgangspunkt für einen künftigen Weltstaat interpretiert (vgl. etwa Shaw 2001: 244; Ougaard/Higgott 2002). Allerdings besteht die Crux dieser Ansätze darin, dass der Wandel nicht er klärt werden kann. Es wird weder konkret gezeigt, wie sich die Systemstruktur än dert, noch wie sich die Akteure ändern. Ein kohärentes Modell, das diese wichtigen Fragen beantwortet, existiert im Bereich der FPA nicht. Zusammenfassend lässt sich somit konstatieren, dass aller Spezifika und Eigenständigkeit der genannten 60 Ansätze zum Trotz, die Arbeiten eine erhebliche Wirkung auf die Entwicklung the oretischer Zugänge zu außenpolitischem Verhalten hatten. Die Richtung der künf tigen Forschung wurde dabei dahingehend festgelegt, dass die Kenntnis der Spezi fika von Entscheidungsträgern zentral für das Verständnis ihrer Entscheidungen ist; diese Spezifika galt es daher zu erforschen, wobei früh der Fokus auf den Pro zess (statt auf das Ergebnis) gelegt wurde (vgl. etwa Hudson/Vore 1995: 214). Die erste Generation der Vergleichenden Außenpolitikforschung war vor allem am Sammeln sogenannter Ereignisdaten interessiert, auf deren Grundlagen umfassende Datenbanken eingerichtet wurden. Auf Grundlage dieser Daten wurden große Si mulationen unternommen (vgl. etwa Guetzkow 1963, Brecher 1972, Rummel 1972, 1977, East/Salmore/Hermann 1978, Callahan/Brady/Hermann 1982, Wilkenfeld et al. 1980), in denen versucht wurde, die Interaktion von Variablen nicht nur auf der individuellen, sondern zugleich auch auf den inner- und zwischenstaatlichen Analyseebenen zu modellieren. Allerdings fehlten seinerzeit noch zu viele der heute vorliegenden Erkenntnisse namentlich aus Bereichen wie der Neurowissenschaft. Dennoch bieten diese Modelle eine Vielzahl interessanter Anknüpfungspunkte auch für die hier unternommene Modellbildung. Selbiges gilt auch für die Konzep te, die schon seitens der frühen FPDM-Forschung für die Untersuchung von Kleingruppendynamiken und Organisationsprozesseffekten entwickelt wurden (vgl. etwa Snyder/Paige 1958, Paige 1959, 1968, Janis 1972, Leana 1975, Semmel/Minix 1979, Tetlock 1979, Semmel 1982, Hermann 1978, Huntington 1960, Schilling/Hammond/Snyder 1962, Hilsman 1967, Neustadt 1970, Allison/Halperin 1972, Halperin/Kanter 1973, Halperin 1974, Allison 1971). Ebenso von besonderem Interesse für heutige Modellbildungsversuche wie er hier unternommen wird, sind die Überlegungen aus dem Bereich der außenpolitischen Kontextanalyse. Diese geht davon aus, dass das Gehirn eines außenpolitischen Entscheidungsträgers keineswegs eine tabula rasa darstellt, sondern vielmehr eine Vielzahl komplexer, miteinander verschränkter Muster und Informationen auf weist, etwa Einstellungen, Glaubenssätze, Werte, Erfahrungen und letztlich auch eigene Vorstellungen hinsichtlich seiner selbst und des von ihm repräsentierten Staates. Da Kultur, Geschichte, Geographie, Wirtschaft, politische Institutionen, Ideologien etc. das Sozialisationsumfeld des individuellen Entscheidungsträgers prägen, müssen auch und gerade diese Faktoren bei der Analyse des individuellen außenpolitischen Entscheidungsverhaltens Berücksichtigung erfahren (vgl. Hud son/Vore 1995: 217; vgl. ferner Brecher 1972, Jervis 1976, Hermann 1972, Hermann/Kegley 1995, Holsti 1977, 1989, de Rivera 1968). Vor diesem Hintergrund wurde auch die Einbeziehung kognitiver Aspekte, wie etwa Motivation (vgl. etwa Barber 1972, Winter 1973, Etheredge 1978), kognitive Karten, Skripte und Sche mas (vgl. etwa Shapiro/Bonham 1973, Axelrod 1976, Carbonell 1978) versucht. 61 Neben inhaltlichen Fragen verlagerte sich der Schwerpunkt der Diskussion inner halb der FPA-Forschung im Laufe der Zeit vor allem auf Fragen der Methodik, auf Aspekte von Ontologie und Epistemologie, auf Möglichkeiten der Quantifizierung der verschiedenen Ansätze und schließlich den Aspekt der Relevanz der Forschung für die praktische Außenpolitikgestaltung (vgl. Hudson/Vore 1995: 220ff.). Was die jüngere FPA-Forschung anbelangt, so zeigt sich, dass eine Vielzahl von Fragen in allen drei Forschungsrichtungen offen ist. Auf dem Gebiet der FPA stellen sich Fragen nach der Funktionsweise von Wahrnehmungs- und Interpretationsprozes sen innerhalb von Gruppen und Institutionen, dem Ablauf von Framing- und Re präsentationsprozessen oder dem Zusammenhang von Persönlichkeit und Grup pendynamik, um nur einige zu nennen (vgl. hierzu etwa Bill 1990, Breslauer/Tetlock 1991, Voss et al. 1991, Beasley 1994, Billings/Hermann 1994, Breuning 1994, Purkitt 1994, Young 1994). Im Bereich der außenpolitischen Kontextanalyse haben sich Fragen nach Wesen und Funktionen von Persönlichkeitsmerkmalen, Wahrnehmungsfragen und dem Einfluss der unterschiedlichen Analyseebenen er geben. Vor dem Hintergrund des bislang insgesamt erläuterten, können die bisherigen Überlegungen der FPA mit denjenigen, die im Kontext der Konzeptionsentwick lung der menschlichen Natur auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen un ternommen wurden, sehr erfolgversprechend zusammengeführt werden. Nicht nur können diese Zugänge den stark strukturlastigen und auf die Entwicklung von Third-Image-Ansätzen hin ausgerichtete Theorie der Internationalen Beziehungen bereichern, auch umgekehrt können die FPA-Ansätze mit den Überlegungen zum Homo Politicus, wie sie weiter oben ausgeführt wurden, an Validität gewinnen. Zudem wird es den FPA-Ansätzen so auch ermöglicht, ihr Spektrum zu erweitern. Wie sich zeigt, haben die Debatten und Wenden dazu geführt, dass die Lage im Bereich der Theoriebildung komplexer und unübersichtlicher wurde. Dieses wach sende Maß an Komplexität reflektiert aber nicht nur die eingangs geschilderte Su che der Disziplin nach sich selbst, sondern auch die tatsächliche Vielschichtigkeit und Komplexität ihres Untersuchungsgegenstandes, welche in der Analyse letztlich Einflussfaktoren vom Neuron bis zu den Weiten des Weltraums berücksichtigen muss. Vor diesem Hintergrund vermag es nicht zu überraschen, dass sowohl die wachsende Komplexität als auch die neuesten Erkenntnisse benachbarter Wissen schaften, insbesondere der Bio-, Neuro- und Psychowissenschaften, Eingang in den Diskurs der Theoriefortbildung in den Internationalen Beziehungen gehalten haben und dabei durchaus fruchtbar auf die vorausgegangenen Wenden aufbauten. Ein weiteres Paradigma, welches somit angesichts der Unübersichtlichkeit der Welt der Nach-Kalte-Kriegs-Ära Einzug in die Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen zu halten begann, war das der Komplexität (zur Rechtfertigung des Komplexitätsansatzes als eigenständiges Paradigma vgl. etwa Albert and Hilkermeier 2004, Brown 1995, Geyer 2003b, Harrison 2006, Mathews et. al. 1999, Rihani 2002, Adler 2005: 32). Die ihm zugrundeliegende Komplexitätstheorie (vgl. etwa 62 Steinbrunner 2000: 11, Manson 2001, Provenzo Jr./Provenzo 2008, W arf 2010, sowie zur kritischen Auseinandersetzung Cioffi-Revilla 1998: 22, Manson 2003, Heinzen 2004: 4, und Reimtsma 2003), die in einem engen Zusammenhang zur all gemeinen Systemlehre steht (vgl. etwa Phelan 1999), jedoch mit der Untersuchung von Anpassungsprozessen an sich wandelnde Umgebungen, und der Analyse etwa von Fragen, wie mit Unsicherheit umgegangen wird, weit über diese hinausgeht, basiert auf neuronalen Netzwerktheorien und Kybernetik (vgl. twa Manson 2001: 406; zur Vorgeschichte allgemein vgl. etwa Geyer 2003a). Dieser grundlegende Ein schnitt mag auch als neuro-kognitive Wende verstanden. Als Konzept ist Komple xität dabei selbst nur bedingt operationalisiert und es existieren unterschiedliche Konzeptualisierungen (vgl. etwa Cederman 1997: 50, Manson 2001: 405, 409, Elhefnawy 2004: 153, Reitsma 2003: 13, Snyder/Jervis 1993: 9; für Darstellung und kritische Bewertung vgl. zudem Kavalski 2007: 438f.) Zunächst zur Anwendung gelangt in Bereichen wie Organisationslehre und strate gischem Management, wo Unternehmen im Zusammenspiel strategischer Akteure und komplexer, interagierender Strukturen analysiert werden, erfuhren Komplexi tätsansätze angesichts der Erkenntnis, dass die Welt zu komplex wird, um sie mit herkömmlichen Theoriezugängen zu erfassen (vgl. etwa Heinzen 2004: 4, Law/Urry 2004: 199), zuletzt vermehrt auch Eingang in die Sozialwissenschaften (vgl. Byrne 1998, Castellani/Hafferty 2009), die Governance-Forschung (vgl. etwa Morcül 2012), Public Health (vgl. etwa Delamothe 2008) und eben die Internatio nalen Beziehungen. Im Zusammenhang mit dem letztgenannten Bereich wird auch eine explizite Fünfte Debatte (vgl. Kavalski 2007) postuliert, die auf einer zwar parti ellen, jedoch durchaus signifikanten Abgrenzung von den Ergebnissen der kon struktivistischen Wende fußt. Hierbei wird dem Konstruktivismus vorgeworfen, dass trotz der dortigen Beto nung der Bedeutung von Kontextualität, der Zugang zur Wirklichkeit in jeweils spezifischen (politischen) Kulturen, Praktiken und Verhaltensweisen verharrt, wäh rend der innere Bereich der Akteure zu wenig Beachtung findet (vgl. etwa Smith/Janks 2006: 53). Dem aus der Fünften Debatte heraus erwachsende kom plexitätsorientierte Zugang geht es stattdessen um das prozessuale Zusammenspiel von strategischen Akteuren und komplexen, interagierenden Strukturen (vgl. etwa Cederman 1997: 214), bei dem sich individuelles und kollektives Verhalten auf selbst organisierte Weise an strukturelle Veränderungen anpassen (zur Selbstorgani sation vgl. etwa Mathews et. al. 1999: 447, Adler 2005: 32, Rihani 2002, Rosenau 1990: 174 und 2003: 216, Cilliers 1998: 106, sowie Walby 2007).14 Selbstorganisati on besteht dabei aus den zwei distinkten, jedoch sich ergänzenden Elementen Adaption und Koevolution (vgl. etwa Guastello 2002). Adaption bezeichnet dabei die Fähigkeit des Akteurs, zu lernen und sich Wandlungsprozessen in inneren und Im Fachjargon spricht man dabei von CAS (Complex Adaptive Systems). 63 äußeren Umgebungen anzupassen (vgl. etwa Axelrod 1997: 153; Cederman 1997), Koevolution die Fähigkeit eines Systems, auf Veränderungen der Umgebung zu reagieren (vgl. etwa Walby 2007). Weitere Annahmen der Komplexen Theorie mit Bezug auf die Internationalen Beziehungen sind das Dialogprinzip (etwa bezüglich des Agent-Structure-Problems, wo zwar beide Größen als per se existieren, aber in ihrer Dualität als notwendige Einheit betrachtet werden), Rekursivität (Folgen sind zugleich wieder Ursachen usw.), das Hologramm-Prinzip (ein Ganzes, das aus ver schiedenen Teilen besteht, ist selbst zugleich wieder Teil eines größeren Ganzen) und nicht zuletzt der Panarchie-Ansatz. Letzterer verweist auf die Verbindung menschlicher und natürlicher Systeme, integriert also sozio-politische und soziobiologische Zugänge (vgl. etwa Byrne 1998, Cilliers 1998, Urry 2002, Gunderson/Holling 2002: 21, Bell 2006, Rosenau 1997: 3f., Wendt 2003, und speziell be züglich der epistemologischen und ontologischen Implikationen Law/Urry 2004: 397). In diesem Zusammenhang ist auch auf die Integration kognitiver Aspekte und die respektive Bedeutung von Perzeption und Interpretation zu verweisen (vgl. etwa Feder 2002, Harcourt/Muliro 2004, Heinzen 2004: 4). Das Verstehen der Komplexität etwa im Bereich der Internationalen Beziehungen ist dabei abhängig von der Beziehung zwischen kognitiven Schemata und dem assoziativen Netzwerk, mit anderen Worten vom Verhältnis zwischen verfügbarem Wissen und der Akti vierung der Verbindungen zwischen verschiedenen Konzepten (vgl. etwa Bradfield 2004). Auch an dieser Stelle soll ein Umstand nicht unerwähnt bleiben: Wie schon bei früheren Wenden, Debatten und (vermeintlichen) Neuausrichtungen der Disziplin existiert nicht die eine zentrale Theorie; vielmehr gibt es eine Vielzahl von Theo rien, die sich mit der Materie im Bereich Komplexitätsforschung befassen. Ge meinsam ist diesen jedoch eine im Grunde holistische Orientierung und das Stre ben nach Interdisziplinarität, welche etwa Erkenntnisse der Wirtschaftswissen schaften, Verhaltenswissenschaften, Sozial- und Naturwissenschaften sowie der Philosophie aufgreift (vgl. etwa Thrift 1999) und dabei auch bemüht ist, spezifische Zugänge und Methoden anderer Disziplinen neu zusammenzubringen (vgl. etwa Horgan 1995, Lo Presti 1996). Das ist auf dem Gebiet der Internationalen Bezie hungen deutlich zu erkennen: So wurde nicht nur die direkte Auseinandersetzung mit den etablierten Paradigmen (vgl. etwa Axelrod 1997, Brown, 1995, Byrne 1998, Jervis 1997) gesucht, sondern auch mit den neueren Ansätzen wie Konstruktivis mus (vgl. etwa Adler 2005, Cederman 1997, Hoffman 2005) oder Postmodernis mus (vgl. etwa Cilliers 1998, Dillon 2005). Auf diese Weise konnten sich komplexi tätsorientierte Zugänge in verschiedenen Feldern des Faches etablieren (vgl. etwa Chesters 2004, Bell 2006, Coghill 2004, Davis 2004, Dekker et.al. 2011, Dillon/Wight 2006, Dunn 2007, Farrell 2004, Geyer 2003a, Grande/Pauly 2005, Parfitt 2006, Rosenau 2003, Urry 2003, Walby 2007, Whitman 2005). Für die hier un ternommene Modellbildung ist zudem äußerst interessant festzustellen, dass im Kontext der Komplexitätstheorie der Internationalen Beziehungen mitunter auch 64 bewusst eklektisch vorgegangen wurde, wobei es sich hierbei um einzelfallorientier te Ansätze handelt (vgl. etwa Geyer 2003b). Ferner bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Aussage Duncan Bells (2006: 493-496), der zufolge sich auch der Mainstream der Theorien der Internati onalen Beziehungen in absehbarer Zukunft verstärkt den Biowissenschaften zu wenden werde (vgl. hierzu auch Rengger 2000: 194ff). Und in der Tat lassen sich bereits jetzt Entwicklungen erkennen, welche auch eine neuro-biologische Wende im Bereich der Sozialwissenschaften hindeuten und welche auch ihren Nieder schlag in der Analyse internationaler Beziehungen ihren Niederschlag finden dürfte. Ungeachtet der großen Bedeutung, welche der sozio-neurologischen Auseinander setzung mit gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen seit geraumer Zeit bei gemessen wird (vgl. etwa Cohn 2010, Dumit 2004, Magina 2004, Martin 2009, Ortega 2009, Rose 2007, Singh/Rose 2009, Vrecko 2006), ließ sich noch bis vor weni gen Jahren feststellen, dass die Thematik in der breiten Öffentlichkeit — trotz der angenommenen immensen Implikationen — kaum Beachtung findet (vgl. etwa Abi- Rached 2008: 1158). Doch auch innerhalb der Wissenschaft selbst war die Einstel lung gegenüber den Sozialen Neurowissenschaften, „Science’s Newest Brain Child“ (Banaji 2006: VII), bis vor kurzem äußerst ambivalent.15 Einerseits gibt es zwar schon lange ein grundsätzliches Interesse daran, herauszufinden, wie biowis senschaftliche Variablen zu einer besseren Analyse sozialwissenschaftlicher Unter suchungsgegenstände beitragen können, andererseits wurden in diesem Zusam menhang oft der Vorwurf des Reduktionismus beziehungsweise mangelnder Über tragbarkeit erhoben. Nichtsdestoweniger gab es in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Durchbrüchen in den Bereichen Theorie, Methodik und Empirie, welche sich gleichermaßen positiv auf die substanzielle Forschung und ihre Ergeb nisse sowie die Wahrnehmung der Sozialen Neurowissenschaften16 innerhalb der 15 Zur historischen Entwicklung der Sozialen Neurowissenschaften beziehungsweise ihre Vorformen vgl. etwa Rankin/Campbell 1955, Vedulich/Krevanick 1966, Cacioppo/Berntson 1992, Klein/Kihlstrom 1998, Adolphs 1999 und 2003, Blascovich 2000, Ochsner/Lieberman 2001, Winkielman/Berntson/Cacioppo 2001, Valsiner 2001, Bell 2006, Rosa/Valsiner 1994, W ertsch/Ramirez 1994, Mercer/Coll 1994, Alvarez/del Rio 1994, Wertsch/del Rio/Alvarez 1995, Boesch 1989, 1991, Eckensberger 1995, 1997, Cole 1990, 1996, Rogoff 1990, 2003, Shweder 1990, Shweder/Sullivan 1990, Wertsch 1991, Cacioppo et.al. 2002, zur Entwicklung speziell des Konzepts des sogenannten Social Brain vgl. etwa Brothers 1997, Demasio 1994, Gazzaniga 1985), für Anwendungen im Bereich der Kulturwissenschaften vgl. etwa Richardson 2010, Spolsky 2010a und 2010b, Starr 2010, Crane 2010, Easterlin 2010, McConachie 2010, Herman 2010, Hogan 2010, Palmer 2010, Vermeule 2010, Zunshine 2010b und 2010c, für erste Versuche, biologisce bzw. neurowissenschaftliche Erkenntniss auf Fragen der Internationalen Beziehungen an zuwenden vgl. etwa Bonham/Shapiro 1982, Hopple 1980, 1982a, Semmel 1982, Walker 1982. vgl. etwa Zunshine 2010a: 5. 16 Für biologische Zugänge zu sozial-/kulturwissenschftlichen Phänomen werden unter schiedliche Bezeichnungen verwendet, neben Soziale Neurowissenschaften etwa Soziale Psychophysiologie, Soziale Neuropsychologie oder Sozialkognitive Neurowissenschaften. 65 betroffenen Wissenschaftsgebiete auswirkten (vgl. etwa Harmon- Jones/Winkielman 2007a, Abi-Rached 2008: 1158). Vor diesem Hintergrund wird nicht nur das anbrechende Zeitalter der sozio-kulturellen Psychologie (vgl. Valsiner/Rosa 2007a: 17) angekündigt, sondern die Sozialen Neurowissenschaften auch als neues Paradigma (vgl. Hatemi/McDermott 2011a: 4) beschrieben, das mensch liches Handeln in einem völlig neuartigen Licht erklären könne und somit signifi kante Implikationen für eine Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche ebenso wie für die Geistes- und Sozialwissenschaften mit sich bringe (vgl. Choudhury/Slaby 2012a: 9). Mit anderen Worten wird in bio-soziologischen Ansätzen zum Teil sogar seit ge raumer Zeit die Zukunft der sozialwissenschaftlichen Forschung gesehen (vgl. etwa Lepreato/Crippen 1999: 131). Hierzu trägt auch bei, dass es — anders als immer wieder angenommen — um weitaus mehr geht, als etwa sozialpsychologische Phä nomene bestimmten Hirnregionen zuzuordnen, zum Beispiel in Form von Aktivi tätsmessungen mithilfe bildgebender Verfahren, auch wenn derartige Forschungs ansätze natürlich auch verfolgt werden (vgl. zur politikwissenschaftlichen Anwen dung etwa Tingley 2006, Iacobini et.al. 2007, Berntson 2006, Bechara/Bar-On 2006, Gusnard 2006, Mitchell et.al. 2006, Saxe 2006, Nusbaum/Small 2006, Ito et.al. 2006, Beer 2006, Lieberman/Eisenberger 2006, sowie kritisch Aron et.al. 2007, Cacioppo et.al. 2003 und Wellingham/Dunn 2003, Vecchiato et.al. 2010). Die gewonnenen Erkenntnisse sind dabei vor allem nützlich, um Annahmen etwa der Sozialpsychologie, aber auch jene Annahmen, die im Kontext der oben genann ten Wenden in den Diskurs hineingetragen wurden, zu verifizieren oder zu falsifi zieren und so zur Theorieentwicklung der betroffenen Kernfächer ebenso wie in den benachbarten Disziplinen wie Politikwissenschaft beziehungsweise Internatio nalen Beziehungen beizutragen. So ist es etwa eine wichtige Fragestellung, ob sozia le Konstruktionen, Prozesse und Repräsentationen mit spezifischen neuronalen Orten in Verbindung gebracht werden können (vgl. etwa Cacioppo et al. 2010: 3). Gerade in der für die Bereiche Internationale Beziehungen beziehungsweise Au ßenpolitikanalyse so bedeutsamen Kognitionspsychologie haben Erkenntnisse der sozialen Neurowissenschaften zu wegweisenden neuen Erkenntnissen geführt, mit entsprechenden Möglichkeiten für die Theoriebildung auf dem Gebiet der Interna tionalen Beziehungen (vgl. etwa Amodio et.al. 2004, Carter et.al 1998, MacDonald et.al 2000). Vor diesem Hintergrund ist es auffällig, dass die Politikwissenschaft — anders als etwa die Ökonomie (vgl. etwa Cory 2004: 43-126, Peyrolor Adams 2004, Frey/Stutzer 2007, Herrmann-Pillath 2011), die Soziologie (vgl. etwa TenHouten 1997, Franks 2010) oder weitere sozial- beziehungsweise geisteswissenschaftlichen Bereiche (vgl. etwa Rosenberg 2000, Sewell 2004) — sich in nur unzureichender Hinsicht den Möglichkeiten der neuro-biologischen Wende geöffnet hat und des wegen Gefahr läuft, speziell in ihren Kernbereichen an wissenschaftlicher Autorität zu verlieren: 66 „|T]his is a critical time for the discipline. Many in our field remain unaware that our discipline’s topics have been co-opted to a great extent by other fields o f study. Just about every discipline except political science has been exploring the importance o f biological markers f o r po litica l phenotypes and making great strides in discovery and scholarship on topics [ ...] which have traditionally fallen under the purview o f political science scholarship. This is no longer the case. [...] Unfortunately, these scholars, having no training in our field, seldom if ever address the field of literature in political science on those very topics.” (Hatemi/McDermott 2011a: 5) Gerade die Politikwissenschaft und mit ihr die Internationalen Beziehungen sehen es als ihre Aufgabe an, zu erklären, weshalb sich Menschen, Gruppen, Institutio nen, Staaten oder Staatensysteme auf eine bestimmte Weise verhalten; einer solche Spannweite kann man letztlich nur gerecht werden, wenn auf theoretische Zugänge zur Wirklichkeit zurückgegriffen wird, die — wie die sozialen Neurowissenschaften — „from the gene to the cultures“ (Cacioppo et al. 2005) reichen. Denn wie die vo rangegangenen Wenden gezeigt haben, lässt sich der Einfluss von Struktur nur ver stehen, wenn deren Repräsentation und Bedeutungsbeimessung ebenfalls verstan den wird — und das wiederum funktioniert nur durch die Einbeziehung jener Er kenntnisse, welche auch die Prozesse erklären, welche innerhalb der ersten Analy seebene angesiedelt sind. Auch wenn es nicht primär darum gehen kann, in den Politikwissenschaften beziehungsweise den Internationalen Beziehungen allzu tief in die neuronalen oder endokrinen Systeme einzelner Akteure zu blicken, oder gar einem Biodeterminismus das Wort zu reden (vgl. hierzu etwa Cacioppo/Berntson 2005: 239ff.), so können die in den benachbarten Fachgebieten gewonnenen Er kenntnisse doch dazu beitragen, herauszufinden, wie und weshalb sich etwa neurale und soziale Prozesse jeweils gegenseitig beeinflussen, welche intervenierenden Va riablen möglicherweise eine Rolle spielen und welche Implikationen das für die Bewertung (außen-) politischer Entscheidungen hat (vgl. etwa Cacioppo/Berntson 2002, 2005; Choudhury/Slaby 2012a: 7ff.). Anders ausgedrückt soll die Öffnung des Denkens in den Internationalen Bezie hungen für derartige Ansätze ermöglichen, die Binnenanalyse der ersten Ebene dif ferenzierter zu durchführen zu können, um so zu Aussagen mit höherer Wahr scheinlichkeit zu gelangen. Hierzu ist beides nötig: ein Verständnis für Determinan ten und Prozesse der Sozialisierung einerseits und ein klares Verständnis über die damit zusammenspielenden intrinsischen Faktoren des Individuums (vgl. hierzu etwa Hatemi/McDermott 2011a: 7). Speziell der sogenannte Enaction-Ansatz, wel cher sich in der phänomenologischen Tradition Husserls, Heideggers und Merleau- Pontys stehend sieht, integriert basierend auf dem 4EA-Konzept17 diese Faktoren (vgl. Protevi 2009: 4, Choudhoury/Slaby 2012a: 11) und wendet sich somit gegen einen reinen Neuralismus wie er etwa bei Crick (1994) zu finden ist (vgl. hierzu zu dem Metzinger 2003, 2009 und Revonsuo 2005). Auch Gallagher (2005, 2012) be ziehungsweise Gallagher und Crisafi (2009) weisen explizit darauf hin, dass auch und gerade bei der Einbeziehung neurowissenschaftlicher und kognitiver Aspekte embodied, embedded, enacted, extended, affective 67 ein Bezug zum äußeren Kontext unabdingbar für die Analyse ist. Somit wird bei Analysen im Kontext der Sozialen Neurowissenschaften der Annahme eines auto matischen biodeterminierten Zusammenhangs von perzeptuellem Input und spezi fischem behavioralem Output dezidiert entgegengetreten (vgl. etwa Noe 2005, 2009, Thompson 2007). Dass ein derartig weit gefasster Ansatz fast notwendigerweise schon über die Gren zen einzelner Disziplinen herausgehen muss, vermag dabei nicht zu verwundern. Gibt es auf dem Gebiet der kognitiven Wissenschaften letztlich schon lange einen Rückgriff auf Argumente unterschiedlicher Disziplinen, so hat sich diese Tendenz in den letzten Jahren noch einmal deutlich intensiviert: Denn waren es in den tradi tionellen kognitiven Wissenschaften noch Rückbezüge zu den eng benachbarten Bereichen wie Neurowissenschaften, die Philosophie des Geistes, Linguistik, evolu tionäre Anthropologie, Kognitions-, Entwicklungs- und klinische Psychologie be ziehungsweise künstliche Intelligenz, so spielen heute zudem vergleichende Psycho logie, die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie diverse andere Naturwis senschaften eine wichtige Rolle (vgl. etwa Zunshine 2010: 3f. sowie ferner Cacioppo/Berntson 2005). Somit kann zu Recht behauptet werden, dass die ethischen, sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen der modernen Hirnfor schung zu Ecksteinen neuer interdisziplinärer Plattformen geworden sind, die Na tur- und Sozialwissenschaften gewinnbringend für beide Seiten zusammenführen (vgl. etwa Abi-Rached 2008: 1158; vgl. ferner Grafen/Ridley 2006) und in ihrem Zusammenspiel mehr an Ergebnis erbringen können als die jeweiligen Einzelteile. Soziale Neurowissenschaften sind somit ein „genuinely cross-disciplinary field of research. It has its own voice, but in cannot sing solo“ (Valsiner/Rosa 2007a: 17). Gerade in einem Feld, das als „hybrid o f hybrids“ (Abi Rached/Rose 2010) ver standen wird, ist ein analytisch-eklektisches Vorgehen von besonderer Bedeutung. Der auf diesem Gebiet tätige beziehungsweise der auf neurosoziologischen Grund lagen forschende Wissenschaftler kann dabei zu Recht verstanden werden als „bricoleur who reaches out for the best mix o f insights that cognitive theory as a whole has to offer without worrying about blurring lines between its various domains” (Zunshine 2010: 3). Die Bedeutung der neuro-kognitiver Ansätze für die Sozialwissenschaften und im vorliegenden Falle speziell für die Internationalen Beziehungen werden spätestens dann evident, wenn die Verbindung zu den Aussagen der konstruktivistischen Wende (und der diese begleitenden spezifischeren Wenden) hergestellt wird. Denn beim Blick auf die kognitive Neurowissenschaft zeigt sich etwa, dass die Fähigkei ten der Informationsverarbeitung, zu denen der menschliche neuro-kognitive Ap parat fähig ist, die Fülle an auf ihn einströmenden Informationen — seitens anderer Individuen, Gruppen, Staaten, Koalitionen, Institutionen, Kulturen etc. sowie die Entschlüsselung und Bewertung der von diesen ausgehenden Signalen — weder in ihrer Quantität noch in ihrer Komplexität vollständig aufnehmen und verarbeiten kann. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich neuro-kognitive Mechanismen, 68 welche die wahrgenommenen Informationen filtern. Dieser Filterungsprozess be wirkt, dass das, was ein Individuum als Realität wahrnimmt, niemals der objektiven Realität entsprechen kann, sondern beeinflusst wird durch neuro-kognitive Mecha nismen wie etwa Self Enhancement, SelfInterest und SelfProtection. Diese Erkenntnis ist auch geeignet, klassische Konzepte der Rationalität zu relati vieren, wie sie auch in einigen zentralen Theorieansätzen auf dem Gebiet der Inter nationalen Beziehungen zentral sind (vgl. etwa Green/Shapiro 1994, Shapiro 2005: Kapitel 2). So ermöglicht die Einbeziehung neuro-kognitiver/neurobiologischer Erkenntnisse die Zielsetzung von Rational-Choice-Theoretikern, nämlich herauszu finden, wie Präferenzen befriedigt werden können, dahingehend zu ergänzen, Ur sprung und Entstehung der Präferenzen zu erklären (vgl. etwa Bell 2006: 501). Ro sen (2004) bindet in seine Analyse von Kriegsursachen unter Rückgriff auf die Bi owissenschaften explizit Aspekte wie Emotionen, Genetik (vgl. etwa Boardman 2011, Fowler et.al. 2011, Smith/Hibbing 2011) oder den endokrinen Haushalt (vgl. etwa McDermott 2011, Apicella/Cesarini 2011) mit ein und bringt sie in Zusam menhang mit spezifischen institutionellen Kontexten. A uf diese Weise bietet er nicht nur einen fortschrittlichen Beitrag zur Akteur-Struktur-Debatte an, sondern modifiziert zugleich auch Rational-Actor-Modelle der Entscheidungstheorie (vgl. hierzu auch Bell 2006): ,,[D]ifferent social settings or institutions do not always randomly select people and give them political power. Instead, they preferentially select people with particular cognitive profiles for positions o f responsibility and then situate them in social environments that reinforce the decision-making tendencies that they have as individuals.” (Rosen 2004: 7) Vor diesem Hintergrund gelangt er zu der wichtigen Schlussfolgerung, dass Ratio nal-Actor-Modelle, die auf als stabil und konsistent angenommenen Präferenzen beruhen, modifiziert werden müssen, da sie nicht berücksichtigen, dass der menschliche Geist eben nicht einfach als eine unitarische, rational kalkulierende Maschine verstanden werden kann (vgl. Rosen 2004: 5; vgl. für weitere Aspekte des Zusammenhangs von biologischen Aspekten und politischen Präferenzen zudem Hatemi/McDermott 2011a). Dieser Umstand nähert letztlich Rational-Choice- Modelle wieder den Erkenntnissen der vorangegangenen Debatten und wenden an (vgl. hierzu etwa auch Diez und Steans 2005). Mit anderen Worten heißt dies, dass die Entwicklung eines diese Erkenntnisse nachzeichnenden Erklärungsansatzes die Relativierung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen etwa durch die Berück sichtigung kognitiver Beschränkungen oder einer nicht absolut-gültigen Rationalität des Handelnden berücksichtigen muss. 69 2.2 Methodischer Ansatz: Der Modellorientierte Analytische Eklektizismus Das Prinzip des Pragmatismus und derW eg gum Paradigmenverständnis von Paudan Was also nun anfangen mit der gegenwärtigen Lage: einem weitreichenden Ange bot an einer immensen Vielfalt an unterschiedlichen Theorieansätzen, die für einen bestimmten Bereich über teils sehr gute Erklärungskraft verfügen, deren wechsel seitige Kommunikation jedoch bislang in hohem Maße beschränkt war? An dieser Stelle gilt es, pragmatisch vorzugehen und sich damit einer jüngeren Entwicklung in den Internationalen Beziehungen anzuschließen, welche mitunter selbst bereits als Pragmatist Turn (vgl. etwa Rytövuori-Apunen: 2005, Franke/Weber 2011) verstan den wird. Der Mehrwert des Pragmatismus als Teil der Theoriefortbildung in den Internationalen Beziehungen liegt in seiner Eigenschaft als Kur gegen die paradig matische Zersplitterung der Disziplin, weil er mit seiner explizit „anti-,istic‘ disposi tion“ (Hellmann 2009: 639) dem noch immer zumindest in Teilen vorherrschenden Paradigmen-Dogmatismus entgegengerichtet ist (vgl. etwa Lapid 1989 und 2003, Hellmann 2009, Rytövuori-Apunen 2009). Vor diesem Hintergrund kann er als Ka talysator verbesserter Kommunikation zwischen den Paradigmen und Disziplinen wirken, und auf diese Weise das Fach der Internationalen Beziehungen interdiszip linärer und zugleich kohärenter machen (vgl. etwa Owen 2002). Das Prinzip des Pragmatismus kann somit als geistiger Wegbereiter und wissen schaftliche Legitimation einer analytisch eklektischen Vorgehensweise gesehen werden, zumal der Pragmatismus selbst an Rahmenwerken interessiert ist, inner halb derer der für die gegenwärtige Theorielandschaft der Internationalen Bezie hungen charakteristische Pluralismus eher agonistisch als antagonistisch verstanden wird (vgl. etwa Albert/Kopp-Malek 2002). Einen solchen Anspruch einzulösen wird sowohl durch das flexible Streben nach Theoriesynthese (vgl. etwa Rogers 1999, der im Kontext von Pragmatismus aufzeigt, dass die Argumente der Realisten und der kritischen Schule in einem konstruktiven Zusammenspiel benötig werden) als auch etwa durch die Anwendung von auf spezifische Weise verstandenen Kon zepten wie etwa „Objektivität“ oder „Erklärung“ im Sinne Deweys ermöglicht. Das wird dadurch möglich, weil hierdurch die Aufrechterhaltung einer Methode, die grundsätzlich derjenigen des wissenschaftlichen Rationalismus entspricht und des sen Vorteile und Möglichkeiten nutzt, zugleich aber die epistemologischen Beden ken berücksichtigt, die vor allem in post-positivistisch ausgerichteten Arbeiten be handelt werden (vgl. hierzu Cochran 2002). Mit anderen Worten ist der seinem Selbstverständnis nach holistisch ausgerichtete (vgl. etwa Festenstein 2002) und auf einem multiperspektivischen Theoriegerüst basierende Pragmatismus, der alle Di mensionen eines Sachverhaltes ins Kalkül ziehen und dabei zudem die Perspekti ven aller relevanten Akteure berücksichtigen möchte (vgl. etwa Bohman 2002), ein wichtiger gedanklicher Baustein bei der Entwicklung eines Analyseansatzes zur Er klärung zwischenstaatlichen Verhaltens. Dies zeigen auch die bisherigen wissen 70 schaftlichen Anwendungen, die als Vorformen eines fallorientierten analytischen Eklektizismus verstanden werden können (vgl. etwa Haas/Haas 2002). Diese rei chen von der Auseinandersetzung mit europäischer und globaler Governance (vgl. Albert/Kopp-Malek 2002), über Fragen der humanitären Intervention (vgl. Bellamy 2002) und die Auseinandersetzung mit dem Konzept der deliberativen De mokratie im Kontext von Globalisierungsprozessen (vgl. Brunkhorst 2002) bis hin zur Erklärung des Wandels der Norwegischen Diplomatie nach dem Kalten Krieg (vgl. Neumann 2002). Hierbei hat sich gezeigt, dass pragmatische Analysen auch hinsichtlich ihres Nutzen für die zwischenstaatliche politische Praxis von Nutzen sind, da, wie etwa John Ryder ausführt „a foreign policy built on pragmatist principles is neither naive nor dangerous. In fact, it is very much what both the US and the world are currently in need o f ’ (Ryder zit. nach Ralston 2010). Aber um auch und gerade diesem Anspruch gerecht zu werden, ist wie oben angedeutet, ebenfalls eine grundlegende Auseinandersetzung mit Theoriebildung und Theorieentwick lung im Sinne von Grundlagenforschung erforderlich; in diesem Sinne wirkt der Gedanke eines wissenschaftlich-philosophischen Pragmatismus auch auf die Theo riefortbildung selbst zurück indem er nicht zu einem neuen Paradigma der Interna tionalen Beziehungen heranwächst, sondern vielmehr ein pragmatisches Vorgehen für die Theoriebildung einfordert: „[B]eyond merely establishing the next paradigm, [...] pragamtism may also emphasize the practice o f theorizing“ (Franke/Weber 2011: ). Als ein wesentlicher Bestandteil der neuen Praxis der Theoriebildung ist auch das Überschreiten der disziplinären Grenzen selbst zu verstehen, und zwar nicht nur im multidisziplinären Sinne, wo es um die vergleichende Gegenüberstel lung einzelner Disziplinen mit dem Ziel zu einer Erweiterung von Einsichten in inhaltlicher wie methodologischer Hinsicht geht (Klein 2010: 17), sondern im theo retisch interdisziplinären beziehungsweise transdisziplinären Sinne. Hierbei geht es darum, durch proaktive Interaktion zwischen und Integration von Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen bewusst Zugänge zu entwickeln, welche wissens- und erkenntnisverschmelzend wirken (Burns 1999: 11 f.), wobei es zur teilweisen oder gar völligen Verschmelzung von Disziplinen oder signifikanten Teilen von ihnen kommen kann (Klein 2010: 18f.; Newell 1998: 544). Speziell bei transdisziplinärem Vorgehen steht ein gemeinsames System von Axiomen im Mittelpunkt des zu Er reichenden, durch welches die disziplinären Weltbilder und Grundwahrheiten durch eine umfassende neue, eigenständige Synthese aus den Ausgangsdisziplinen ersetzt werden soll (Klein 2010: 24). Die Bedeutung einer nicht nur paradigmen- übergreifenden, sondern auch transdisziplinären Herangehensweise an die Entwick lung eines umfassenden Analyseansatzes für die Internationalen Beziehungen inklu sive der Einbindung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse lässt sich am Beispiel der Neurowissenschaften verdeutlichen. Dabei gilt es gleich zu Beginn dem Eindruck entgegenzutreten, dass die Einbindung naturwissenschaftlicher Elemente in die So zialwissenschaften als das Non-plus-Ultra verstanden wird, so wie es dieser Art von disziplinübergreifenden Ansätzen etwa von Bell (2006) stellvertretend für viele an dere vorgeworfen wird: 71 “The history o f modern social and political thought can be partly written as a review o f the way specific images, metaphors and models from, say, physics or theories o f biological evolution have guided analyses o f social and political change. Every decade or so, a new prophet arises who promises to decode the currently advertised Rosetta Stone and thereby to enable each o f us not only to know who we truly are, but to use that knowledge for our individual and collective benefit.” Weder wird ein solch unrealistisch hohes Ziel verfolgt, noch soll einem blinden Szientismus beziehungsweise „scientific imperialism“ (Bell 2006: 510) das Wort geredet werden, wie er ja bereits schon einmal in der Theoriegeschichte der Inter nationalen Beziehungen erkennbar gewesen war. Allerdings wäre es verhängnisvoll, so weit zu gehen, den Naturwissenschaften gleichsam jegliche Art des Erkenntnis gewinns für die Sozialwissenschaften abzusprechen, wie Bell (2006: 509) das tut: “Science cannot answer many o f the most important questions about what it means to be human, and, the corollary o f this, what is the best way to live. Nor does it help us very much in comprehending the vast and dynamic complexity o f culture and politics.” Vielmehr sollen naturwissenschaftliche Ansätze, wie etwa aus dem Gebiet der Neu rologie, der Neubiologie oder der Verhaltensgenetik lediglich dazu genutzt werden, bestehende Argumente der Internationalen Beziehungen beziehungsweise der Au ßenpolitikanalyse kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen. Ein Re duktionismus dahingehend, dass alle Erklärungen empirisch beobachtbarer Phä nomene im zwischenstaatlichen Handeln auf neurologische oder darauf basierend psychologische Argumente reduziert werden, wie dies häufig bei Ansätzen aus dem Bereich der FPA geschieht, soll indessen im hier entwickelten Erklärungsansatz vermieden werden. Hierbei wird der kontextualisierenden Philosophie Goldgeiers und Tetlocks gefolgt: “Psychological arguments acquire explanatory force only when they are systematically assimilated into political frameworks that take into account the structural, economic, and cultural conditions within which policy makers work.” Mit anderen Worten geht es darum, durch diese Art naturwissenschaftlicher Er kenntnisse eine weitere Perspektive beziehungsweise eine weitere Dimension zu eröffnen (vgl. hierzu etwa auch Hatemi/McDermott 2012: 118). Diese Art des kri tischen Umganges mit (scheinbar) disziplinfremden Erkenntnissen lässt sich dabei sehr gut durch die kritische Herangehensweise ergänzen, welche der Nachbardis ziplin selbst innewohnt, wie etwa im Falle der kritischen Neurowissenschaften (Slaby/Choudhury 2012; Rose 2012; Hartmann 2012; Gallagher 2012). Wird dies be rücksichtigt, dann können insbesondere die Neurowissenschaften als möglicher Katalysator fungieren, welcher auf lange Sicht einen wichtigen Beitrag zur Wieder vereinigung der heute stark fragmentierten Sozialwissenschaften leistet. Durch Er kenntnisse der Neurowissenschaften ließen sich Gemeinsamkeiten etwa von Poli tik- und Wirtschaftswissenschaft ebenso ausmachen wie zwischen Betriebswirt schaftslehre und Verwaltungswissenschaften, etwa indem in den jeweiligen Berei chen bestehende Grundwahrheiten durch neurowissenschaftliche Erkenntnis in 72 Frage gestellt werden, was tatsächlich auch regelmäßig geschieht (Ha temi/McDermott 2012; Farmer 2007). So haben technologische und naturwissen schaftliche Fortschritte auch der sozialwissenschaftlichen Forschung Instrumente in die Hand gegeben, endogene Einflüsse auf Entscheiden und Verhalten in die Analyse miteinzubeziehen. Genetische, neurologische und neurochemische Analy sen haben zu zahlreichen neuen wichtigen Erkenntnissen im Bereich der Psycholo gie, Medizin und der Verhaltenswissenschaften geführt. Dennoch haben diese Er kenntnisse bislang kaum Eingang in die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens gefunden, obwohl es außer Frage steht, dass die Komplexität menschlichen Verhal tens etwa auch im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik ohne die Einbezie hung biologischer, neurologischer und genetischer Mechanismen nicht hinreichend verstanden werden kann (Hatemi/McDermott 2012: 113; vgl. ferner Kendler/Eaves 2005; Tingley 2006; Fowler/Schreiber 2008).18 Ein Blick auf den Aspekt der Kooperation zwischen Staaten kann die Bedeutung der Einbeziehung neurologischer Erkenntnisse demonstrieren; denn dort ließen sich mir Hilfe derartiger Erkenntnisse Fragen wie die folgenden beantworten, die Tingley (2006) in einem Artikel über die mögliche Bedeutung von bildgebenden Verfahren stellt: “W hat are the neurological substrates o f screening potential partners? As coalitions become more salient, are there changes in how the brain monitors possible disruptions or deviations? Is the decision by someone with political experience to join a coalition identical in process to what a political novice would use?” Tatsächlich sind erste Ansätze einer Berücksichtigung neurowissenschaftlicher und genetischer Erkenntnisse auch mit Blick auf die Politikwissenschaft erkennbar, wo bei sich die Spannbreite von evolutionsbiologischen Ansätzen (Ha temi/McDermott 2011; Smirnov/Johnson 2011) und der Primatenforschung (Proctor/Brosnan 2011) über Zwillingsforschung zur Untersuchung der Vererbbarkeit politischen Verhaltens (Eaves et al. 2011) bis hin zur Frage der Wirkung von Hor monen auf politisches Verhalten (McDermott 2011; Apicella/Cesarini 2011) er streckt. Dabei hat die bisherige Forschung gezeigt, dass viele Entscheidungen gleichsam automatisiert ablaufen, ohne dass eine bewusste Reflexion oder Berech nung der Lage stattfindet. Diese Erkenntnis ist für die Theoriebildung in den Inter nationalen Beziehungen insofern von Interesse, weil hierdurch die vielen Erklä rungsansätzen inhärente Annahme des auf Grundlagen des Rational-Choice- Modells handelnden Entscheidungsträgers in Frage gestellt wird. Zudem wurde die große Bedeutung von Emotionen im menschlichen Handeln wissenschaftlich un termauert, wobei aufgezeigt wurde, welche neurologischen Dynamiken mit diesen In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass sich in benachbarten Disziplinen wie den Wirtschaftswissenschaften oder der Philosophie bereits neurospezifische Richtungen wie etwa die Neuro-Ökonomie oder die Neuro-Philosophie etabliert haben (vgl. etwa Farmer 2007). 73 korrespondieren. Gleichzeitig konnten auch Erkenntnisse gewonnen werden, wel che die Interaktion zwischen automatisiert ablaufenden und affektiven Prozessen erklären, so etwa die Unterbrechung des automatisierten Agierens durch emotional wirksame Stimuli. Derartige Erkenntnisse werden bereits in einigen Erklärungsan sätzen für zwischenstaatliches Handeln reflektiert, etwa im oben dargestellten poliheuristischen Entscheidungsmodell der Außenpolitikanalyse. Allerdings tritt auch hier das Problem der nicht hinreichenden Berücksichtigung etwa von Strukturfak toren hinzu. Insgesamt gilt auch und gerade hier, dass das Gewinnen und Nutzen von Wissen um die Wirkung von Emotionen nur tragfähige Ergebnisse liefert, wenn die Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen und Subdisziplinen zusam mengeführt werden. So kann die Neurobiologie Beiträge zu den physiologischen Aspekten von Emotionen beisteuern, die Sozial- beziehungsweise die Kognitions psychologie entsprechend Erkenntnisse zu den kognitiven Aspekten von Affekt und die Ethologie schließlich zu den Verhaltensaspekten. Jede dieser Komponen ten ist relevant zur Untersuchung politischen Verhaltens und nur durch ein Integ rieren der Ergebnisse der unterschiedlichen Disziplinen lässt sich verstehen, wie unterschiedliche Kontexte die Interaktion von Emotion und Kognition und damit Entscheiden und Handeln beeinflussen (Way/Masters 1996). Mit anderen Worten: “ [S]cholars can optimise their ability to understand the politics o f emotions only by making full use o f the entire spectrum o f human perception and cognition, which requires more open-ended and active communication among different academic disciplines and fields of knowledge.”(Bleiker/Hutchinson 2008: 117f.). Auf diese Weise wird es dann etwa auch möglich und vertretbar, mehrere Analyse ebenen kausal miteinander zu verbinden (Tingley 2006). Um dies erfolgreich zu tun, ist ein interparadigmatisches und transdisziplinäres Vorgehen unumgänglich. Insgesamt zeigt sich, dass die Spannweite transdisziplinärer Forschung von der Be antwortung einer konkreten Forschungsfrage im Einzelfall bis hin zu einer grund legenden Entwicklung theoretischer Zugänge reichen (Bruun et al. 2005: 84), wodurch auch der hier zu leistende Entwicklungssprung von einem einzelfallorien tierten hin zu einem modellorientierten analytischen Eklektizismus wieder ins Blickfeld gerät. Eine Voraussetzung für ein solches analytisch-eklektisches Vorge hen ist allerdings ein Abrücken vom gängigen Paradigmenverständnis in der Theo rielandschaft der Internationalen Beziehungen, welches als zentrales Problem so wohl hinsichtlich der weitgehend getrennten Entwicklung der einzelnen Paradig men als auch mit Blick auf das zumeist von Ablehnung und Konfrontation gepräg te Verhältnis zwischen den Paradigmen verstanden werden kann. Traditionell — und sehr allgemein gesprochen — wird unter dem Begriff Paradigma19 eine wissen schaftliche Denkweise beziehungsweise Weltanschauung verstanden, die auch als Trotz zahlloser Ansätze, das Konzept des Paradigmas zu definieren beziehungsweise zu operationalisieren — allein Thomas Kuhn unternahm hierzu 34 verschiedene Versuche — existiert bisher keine allgemein anerkannte Festlegung des Begriffs (vgl. etwa Masterman 1970, Asendorpf 2009: 13). 74 Denkschule bezeichnet wird und repräsentativ für spezifische modellhafte Vorstel lungen der Realität ist. Konkret geht es dabei um den Gegenstand und die Art der Forschung, um Inhalt und Wesen des Forschungsobjektes und die Art der Inter pretation der Ergebnisse. Kuhn, einer der zentralen Wissenschaftstheoretiker, die sich mit dem Wesen von Paradigmen auseinandergesetzt haben, geht nur von nur einem zu einem spezifi schen Zeitpunkt gültigen, völlig einheitlichen, unitarischen Paradigma innerhalb einer Disziplin aus, das nach gewisser Zeit und unter bestimmten Umständen von einem anderen abgelöst wird. Hierbei bietet ein klar begrenztes Paradigma durch aus Vorteile (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2008: 115, Sil/Katzenstein 2010a: 8, Bennett 2010: 7, Dahl 2004: 117), wie etwa eine gemeinsame Basis für die Forscher der je weiligen Disziplin. Diese sprechen eine gemeinsame theoretische und methodologi sche Sprache, berufen sich auf eine gemeinsame metatheoretische Grundlage und interpretieren ihre Ergebnisse anhand der gleichen Bewertungsstandards. Dieser gemeinsame Grundstock ermöglicht es, spezifische Problemfelder einer Disziplin auf einheitliche und vergleichbare Weise zu untersuchen. Die gemeinsamen und innerhalb des Paradigmas allgemein akzeptierten festen Grundannahmen verhin dern, dass im Rahmen einer jeden wissenschaftlichen Arbeit das Rad gleichsam neu erfunden werden muss. Während in einer Ära der sogenannten normalen Wissen schaft die unbestrittene Dominanz eines im Bereich einer Disziplin generell aner kannten Paradigmas erkennen lässt, welches die zentralen Forschungsfragestellun gen determiniert, das Vokabular des anzuwendenden Theorierahmens ebenso wie Spektrum und Bereich der zu verwendenden Methoden festlegt und die Bewertung der Forschungsantworten vorgibt, kommt es in sogenannten Phasen revolutionärer Wissenschaft zur Infragestellung der Grundannahmen und darauf basierenden Wahrheiten des gültigen Paradigmas. Beschäftigen sich genügend viele Wissen schaftler mit den neuen Fragestellungen und entwickeln entsprechende For schungsansätze, kann es zum Paradigmenwechsel kommen. Das neue Paradigma verdrängt das alte vollständig, ein Nebeneinander von Paradigmen existiert nicht. Obwohl Kuhns Paradigmenverständnis als vorherrschend in der Wissenschaft gilt (vgl. etwa Elm/Elm 2003), repräsentiert es doch nicht die Situation in den Interna tionalen Beziehungen, wo eine Vielzahl grundsätzlich unterschiedlicher Paradigmen miteinander konkurrieren. Somit ist zunächst einmal das Paradigmenverständnis von Lakatos besser geeignet, die Situation der Disziplin zu charakterisieren. Für Lakatos können innerhalb einer Disziplin durchaus mehrere wissenschaftliche Strömungen mit jeweils eigenen Forschungsprogrammen koexistieren. Diese For schungsprogramme verfügen über eigene Kernbestandteile und spezifische Heuris tiken, welche die zentralen metatheoretischen Annahmen repräsentieren, wobei jedoch zugleich immer auch gemeinsame Grundannahmen der Disziplin insgesamt über die einzelnen Forschungsprogramme hinaus geteilt werden. Innerhalb jener für die Gesamtdisziplin gültigen Grundannahmen können sich die Forschungspro gramme prinzipiell weiterentwickeln, um auf neue Herausforderungen zu reagieren. 75 Forschungsprogramme, welche sich hierbei erfolgreich an solche Herausforderun gen anpassen, werden als progressiv verstanden, jene, denen das nicht gelingt, als degenerativ. Anders als bei Kuhn können im Verständnis von Lakatos also durch aus mehrere auch grundsätzlichere Erklärungsmodelle nebeneinander bestehen. Nichtsdestoweniger ist in seinem Paradigmenverständnis nicht vorgesehen, dass eine ganze Disziplin von fundamentalen Differenzen grundlegend rivalisierender Denkschulen charakterisiert ist, wie dies auf die Disziplin der Internationalen Be ziehungen zutrifft. Dort nämlich lässt sich konstatieren, dass „discrete strands of research that operate within their own ,hard cores‘“ (Sil/Katzenstein 2010a: 6). Insbesondere sei in diesem Zusammenhang auf grundlegend unterschiedliche Ver ständnisse von Objektivismus und Subjektivismus, von Universalismus und Parti kularismus, von Materialismus und Idealismus und von Akteur und Struktur ver wiesen, welche als dauerhafte „fractal distinctions“ (Sil/Katzenstein 2010: 6) dazu führen, dass die einzelnen Paradigmen der Internationalen Beziehungen letztlich zu eigenständigen (Quasi-) Disziplinen im Verständnis von Kuhn und Lakatos werden (vgl. etwa Abbott 2004: 162-170) und aus dieser Perspektive heraus die Internatio nalen Beziehungen selbst nicht mehr als kohärente Disziplin erscheinen. Dieser Vorwurf wiegt schwer, ist jedoch nicht unbegründet angesichts der deutlich das Fach charakterisierenden teils tiefen, mit einem ausgeprägten Uberlegenheitsgefühl verbundenen ideologischen Verhärtungen, welche innerhalb der Disziplin der In ternationalen Beziehungen existieren. Seit seiner Etablierung als wissenschaftliches Fach lässt sich in den Internationalen Beziehungen eine immer weiter zunehmende Pluralisierung auf dem Gebiet der Theoriebildung erkennen (vgl. etwa Schmidt 2008: 304). Aktuelle Grundlagenlehrbücher verzeichnen bis zu elf unterschiedliche theoretische Paradigmen (vgl. etwa Viotti/Kauppi 2009; Dunne et. al. 2007; Burchill et. al. 2009), sodass die Internationalen Beziehungen mittlerweile als durch „a multiple o f paradigms“ (Molthoff 2011; vgl. zudem Kurki/Wight 2007) charak terisiert wahrgenommen wird. Diese Pluralität wird zum Teil durchaus positiv (vgl. etwa Dunne/Kurki/Smith 2007; Smith 2004; Smith 2007) und mitunter sogar als Ausdruck der zunehmenden Reife des Faches (vgl. Snrensen 1998: 84) bewertet. Allerdings überwiegt der Teil der Forschung, welche die erkennbare „explosion of competing philosophical and theoretical debates“ (Owen 2002: 653) als problema tisch sowohl erachtet (vgl. etwa Owen 2002). Nicht zu Unrecht weist Palan (2007: 49) vor diesem Hintergrund daraufhin, dass „[t]he plethora o f schools o f thoughts, and the alarming rate o f expansion in the number o f theoretical approaches and methodological and epistemological debates, is characteristic o f a discipline in a turmoil, in search of an identity”. Der Paradigmenpluralismus in der Diziplin Inter nationale Beziehungen ist dabei gekennzeichnet von einem Mangel an interpara digmatischer Kommunikation und einem Chauvinismus der einzelnen Paradigmen, durch welchem, trotz teils sehr wertvoller Erkenntnisse seitens der einzelnen Para digmen, der Fortschritt der Wissenschaft insgesamt begrenzt wird. Ressourcen bleiben unausgeschöpft, statt Theoriebildung und -fortentwicklung lässt sich allzu oft ein Drehen im Kreise erkennen. Was hierbei das erwähnte Uberlegenheitsgefühl 76 der einzelnen Paradigmen anbelangt, so gab es innerhalb der Disziplin gleichsam seit deren Bestehen „many battles among contending approaches, each claming to offer a superior analytic framework“ (Sil/Katzenstein 2010a: 4; vgl. auch Bennett 2010: 6). Vor diesem Hintergrund verhärteten sich nicht selten die einzelnen Paradigmen dabei in Richtung einer Dogmatisierung, wie etwa auch T.V. Paul (2010: 17) auf zeigt: “most often they can degenerate into a sort o f dogmatic allegiance and ideological preference”. Hierbei wiegt die Rettung eines Paradigmas regelmäßig schwe rer als die problemorientierte Suche nach Lösungen, welche die Gefahr in sich trägt, das eigene Paradigma in Frage zu stellen, indem dessen Schwächen zutage treten (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2008: 109). Friedrich etwa weist in diesem Zu sammenhang darauf hin, dass „[t]he desire to win, to stand one’s ground [...] is most oft he times stronger than the genuine search for an acceptable solution to a problem“ (zitiert nach Kratchowil 2003: 125). Was eine solche Tendenz bedeutet, zeigt Ian Shapiro (2005: 184) auf: „[I]f a phenomenon is characterized as it is as to vindicate a particular theory rather than to illuminate a problem that has been independently specified, then it is unlikely to gain much purchase on what is actually going on”. Nicht selten werden solche Fragestellungen oder Untersuchungsaspekte, die das eigene Paradigma bedrohen könnten oder diesem zuwiderlaufen, vorsätzlich von der Forschungsagenda gestrichen (sogenanntes Blackboxing) oder bisweilen rivalisierende Paradigmen ganz bewusst diskreditiert. Aber selbst wenn keine be wusste Selektivität bei der Auswahl von Fragestellungen oder zu untersuchenden Fällen erfolgt, um die Gültigkeit der Annahmen eines spezifischen Paradigmas auf jeden Fall bestätigt zu sehen, ist eine a priori Beschränkung von Untersuchungs rahmen und Untersuchungsgegenstand systeminhärent. Denn durch die fixen me tatheoretischen Einschränkungen der jeweiligen Paradigmen verbunden mit der mangelnden Bereitschaft, diese zu transzendieren, wird eine Verengung der For schung auf bestimmte Themen, Forschungsprobleme, Methoden und Forschungs strategien determiniert (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2010a: 9, Shapiro 2005: 184). Hierdurch dreht sich die Forschung letztlich — aller Ausdifferenzierungen innerhalb der einzelnen Paradigmen, wie die wachsende Zahl an Präfixen und Adjektiven wie Neo-, neoklassisch etc. zeigt, zum Trotz — letztlich im Kreise, zumal zu berücksich tigen ist, dass durchaus erkennbare und wertvolle innerparadigmatische Entwick lungen keineswegs zugleich auch einen Fortschritt für die Gesamtdisziplin bedeu ten (vgl. etwa Elman/Elman 2003, Hellmann 2002: 3). In diesem Zusammenhang zeigt sich das von Sil und Katzenstein (2008: 116) angesprochene Risiko einer „excessive compertamentalization of knowledge“. Denn ein sich immer weiter dif ferenzierenden Theoriepluralismus in den Internationalen Beziehungen bei gleich zeitiger Beibehaltung der strikten Trennung der Paradigmen führt möglicherweise dahin, dass die Disziplin selbst immer weiter auseinanderdriftet und schließlich an den immer größer werdenden inneren Inkohärenzen zu zerfallen droht. Schmidt (2008: 298) vergleicht den gegenwärtigen Zustand der Theorielandschaft in den 77 Internationalen Beziehungen unter Anspielung auf die Metaphorik Gabriel Almonds (1990) mit einem Restaurant, in welchem die verschiedenen Tische für die einzelnen Paradigmen stehen. Zwar mögen an jedem der Tische durchaus fruchtba re Konversationen stattfinden, über die Tische hinweg herrscht jedoch bestenfalls Schweigen, im unschöneren, jedoch häufigeren Fall auch äußerste Abneigung. Auf jeden Fall ist es sehr schwer, eine gemeinsame Kohärenz auszumachen, welche die verschiedenen Tische und Konversationen zusammenführt. Aufgrund dieses letzt lich wenig fruchtbaren Parallelismus der Paradigmen trägt der Paradigmenpluralis mus paradoxerweise zu einer Verarmung der Disziplin der Internationalen Bezie hungen bei, die so eigentlich vermeidbar wäre. Doch müssten dazu die derzeit für die Disziplin charakteristischen Phänomene wie konfrontative, ablehnende oder ignorierende Wahrnehmung alternativer Paradigmen überwunden werden. Doch folgen derzeit die einzelnen Lager zumeist nur den eigenen Vordenkern, Texten und Schwerpunkten, während nicht selten die Diskurse und Publikationen anderer Denkschulen rundweg abgelehnt oder erst gar nicht wahrgenommen werden. D ie ser Umstand wird zudem noch dadurch verstärkt, dass immer mehr wissenschaftli che Fachzeitschriften auf dem Markt sind, welche nicht die Disziplin der Internati onalen Beziehungen als Ganzes vertreten, sondern nur jeweils einzelne Denkschule und deren spezifische Themen, Ansätze etc. So lässt sich etwa feststellen, dass im Journal o f Conflict Resolution ebenso wie in der Zeitschrift International Security, die je weils unterschiedlichen Paradigmen folgen, so gut wie nie auf die jeweils andere Zeitschrift verwiesen wird, obwohl die Artikel sehr häufig äußerst ähnliche Themen behandeln (vgl. Bennett/Barth/Rutherford 2003). Auf diese Weise trägt die Viel zahl der Paradigmen nicht nur zusehends zu einer schon bald befürchteten „hindrance to understanding“ (Hirschmann 1970), sondern sie bewirkt ferner, dass sich abgegrenzte „zones o f professional distinction“ (Sylvester 2007: 551) immer mehr verfestigen und zu den oben beschriebenen Quasi-Disziplinen werden, wie oben beschrieben.20 Angesichts dieser Lage lassen sich — wenig überraschend — Forderungen verneh men, den ausgeuferten Paradigmenpluralismus zu überwinden und eine Richtung einzuschlagen, die sich auf eine einheitlichere und somit wieder wissenschaftlichere Disziplin zubewegt (vgl. Schmidt 2008: 296). Ein anderer Ansatz besteht darin, den Paradigmenpluralismus als solchen zunächst einmal als gegeben hinzunehmen und stattdessen die dominierenden Konzeptionen dessen, was unter einem Paradigma Im Bereich der Psychologie, wo ähnliche Probleme existieren, lässt sich in Form der Fachzeitschrift A-dvances in Psychiatric Treatment ein von diesem Schema abweichender An satz finden. Dort wird bei der Auswahl der themenspezifischen Artikel Eklektizismus bewusst berücksichtigt, w ie die Aussage des Herausgebers aufzeigt: „I think it is vital that Advances does not privilege one theory, system or tradition over another or become a product champion o f any particular approach. So there was no prior intention to bring together the articles [ ...] in a themed way. They do neatly demonstrate our eclectic ap proach, however.” (Bouch 2009: 241) 78 verstanden wird, zu hinterfragen und durch eine alternative Konzeption zu erset zen, die weniger rigide und somit flexibler ist. Ein solcher Ansatz trägt dem Um stand Rechnung, dass es weniger der Pluralismus per se ist, sondern die Art und Weise, wie damit in der Disziplin der Internationalen Beziehungen verfahren wird. Und diese wiederum hängt eng mit dem dominierenden klassischen Paradigmen verständnis zusammen, welches eine stärkere Interaktion oder gar Integration un terschiedlicher Paradigmen verhindert. Angesichts der geschilderten Problematik wird der vorliegenden Arbeit — in Anleh nung an Sil und Katzenstein (2010) — das Paradigmenverständnis von Larry Laudan (vgl. etwa 1977, 1996) und insbesondere der darin enthaltenen Idee der For schungstradition zugrunde gelegt. Hierunter sind die Annahmen darüber zu verste hen, welche Strukturen, Akteure und Prozesse für eine Forschungsdisziplin als re levant erachtet werden, welche epistemologischen und methodologischen Normen für eine Disziplin maßgeblich sind und welche Untersuchungsgegenstände anhand welcher Theorien erforscht werden sollen (vgl. Laudan 1996: 83). Dabei geht Lau dan davon aus, dass zwar mehrere Forschungstraditionen nebeneinander existieren (können), diese jedoch nicht, wie dies in der Disziplin der Internationalen Bezie hungen der Fall ist, gleichsam isoliert nebeneinanderstehen (müssen), sondern im Gegenteil interagieren können (und sollten). Mit anderen Worten schließen sich unterschiedliche Forschungstraditionen im Paradigmenverständnis Laudans nicht gegenseitig aus, wenn es um die Analyse und Interpretation von Untersuchungsge genständen geht. Vielmehr kann und soll sich ein Wissenschaftler zur Erforschung ein und desselben Sachverhaltes durchaus gleichzeitig unterschiedlicher For schungstraditionen bedienen, selbst wenn der Mainstream der Forschung davon ausgeht, dass die Forschungstraditionen miteinander unvereinbar sind (vgl. Laudan 1977: 104-10). Laudans Paradigmenverständnis ermöglicht es der Forschung somit, auf verschiedene theoretische Rahmen zurückzugreifen und gegebenenfalls theore tische Konstrukte aus unterschiedlichen Forschungstraditionen bzw. Paradigmen miteinander zu verschmelzen (vgl. Bennett 2010: 6; Sil/Katzenstein 2010: 7), was zu einem „more realistic framing of the shifting controversies in the field than the more rigid conceptions [...] offered by Kuhn or Lakatos“ (Sil/Katzenstein 2010b: 21) beitragen kann. Obgleich auch Befürworter dieses Ansatzes einzelne Aspekte der Paradigmenkonzeption Laudans kritisieren (vgl. etwa Haas 2010: 11) und auf möglicherweise besser geeignete Alternativen (wie etwa Popper 1972; Toulmin 1972; Campbell 1988; Alker 1996 oder Rorty 1998) verweisen, lässt sich doch kon statieren, dass „Laudan’s concept o f ,re-search traditions' [...] better fits actual practices in political science than Kuhnian paradigms or Lakatosian research pro grams“ (Bennett 2010: 8). 79 Vom Vaudanschen Paradigmenverständnis gumAnalytischen Vklektigismus Durch das Laudansche Paradigmenverständnis wird der Weg zu einem methodi schen Ansatz eröffnet, der von seinem Grundverständnis bis in die Antike zurück reicht21, und welcher in Bereichen wie Musik, Kunst und Architektur, aber ebenso in Medizin und Psychologie vergleichsweise stark etabliert ist, sich in den Sozialwis senschaften aber bislang nicht nennenswert antreffen lässt und sich speziell in der Disziplin der Internationalen Beziehungen erst jüngst zu entwickeln begonnen hat: dem analytischen Eklektizismus. Dass eine Entwicklung in diese Richtung nicht eher eingesetzt hat und auch heute noch eher zögerlich vonstattengeht, mag dabei verwundern angesichts der — zumindest scheinbar — einfachen Formel, auf welche die in Berkeley lehrenden Wissenschaftler David Collier und Ron E. Hassner (2010) den Ansatz gebracht haben: “The question: How to overcome compartmentalization in international relations scholarship? The strategy: incorporate ideas and analytic tools from seemingly incommensurable research traditions. The reward: a richer interpretive and explanatory understanding o f today's world.” Doch so einfach ist es in der Praxis dann doch nicht. Die Herausforderung, welche sich hierbei für den vergleichsweise neuen methodischen Zugang zur Materie der Internationalen Beziehungen stellt, besteht darin, dass dieser einen mindestens ebenso nützlichen und anwendbaren Analyserahmen zur Verfügung stellen muss, und dabei zugleich Hindernisse im Bereich Forschung und Theoriebildung über wenden helfen muss, ohne neue solcher Hindernisse zu schaffen. Im folgenden Abschnitt soll der methodische Ansatz des analytischen Eklektizismus anhand von einigen konkreten Fragen dargestellt werden, nämlich: Was ist der Analytische Ek lektizismus, weshalb stellt er einen interessanten methodischen Ansatz dar, wie funktioniert die Methode im Wesentlichen, wo sehen Kritiker Probleme des Ansat zes und worin besteht ein möglicher Mehrwert bei der Verwendung des Analyti schen Eklektizismus? Nach einer einführenden Definition des Begriffs werden Vor- und Nachteile des Ansatzes speziell bezogen auf die Disziplin der Internationalen Beziehungen be trachtet und kritische gegeneinander abgewogen. Hierbei soll dargelegt werden, weshalb der Ansatz geeignet erscheint, auch im Bereich der reinen (Fort-) Entwick lung von Theorie angewandt zu werden. Darüber hinaus soll es darum gehen, zu erläutern, weshalb die begründete selektive Rekombination bestehender Theoriean- Soweit bekannt, wurde Eklektizismus zuerst von einer Gruppe antiker griechischer Philo sophen wie den Stoikern Panaetius oder Posidonius und den Angehörigen der Neuen Akademie wie Carneades oder Philo von Larissa praktiziert, die danach strebten, aus be stehenden philosophischen Denkweisen jene Ideen zu selektieren, die ihnen am sinnvolls ten bei der Behandlung spezifischer Probleme erschienen. A uf römischer Seite etwa sind Varro, Seneca oder Cicero zu nennen, der in seinem W erk gleichermaßen auf die peripatische, stoische und neuakademischen Schulen zurückgriff und versuchte, diese zusam menzuführen. 80 sätze als eigenständige wissenschaftliche Leistung zu bewerten ist, nicht zuletzt da eine solche dazu beitragen kann, die Tore der in Paradigmen zumindest teilweise gefangenen Wissenschaft zu öffnen und so neue Erkenntnismöglichkeiten zu er schließen, was im Sinne Robert Keohanes (2010) durchaus als Auftrag zu verstehen ist: “[T]he field o f international relations has been a prisoner o f the misconceived notion that good scholarship falls neatly into incompatible paradigms. [...] Our conceptual jail has no locks, and if we refuse to exit, we have only ourselves to blame.” Worum geht es also beim Analytischen Eklektizismus? Der Begriff des Eklektizismus geht zurück auf die Ausdrücke "sxXextixo?" (eklektikos), was so viel wie Auswählen der/des Besten heißt, sowie "sxXexto?" (eklektos), was auserwählt, auserlesen bedeutet. Als wissenschaftlicher Ansatz geht es also beim Eklektizismus darum, aus verschiedenen Theorien, Methoden, Doktrinen etc. das auszuwählen, was als das für einen spezifischen Zweck jeweils am besten Ge eignete erscheint. Eklektizismus kann somit als konzeptioneller Ansatz verstanden werden, der sich nicht starr an ein spezifisches Paradigma oder eine Reihe festge legter Annahmen hält, sondern stattdessen auf eine Vielzahl von Theorien etc. zu rückgreift, um komplementäre Einsichten in einen Untersuchungsgegenstand zu erhalten (vgl. etwa Shapiro/Wendt 2005: 50). Dabei werden analytische Elemente von Theorien oder Narrativen, die innerhalb getrennter Paradigmen entwickelt wurden, welche jedoch dabei ähnliche Aspekte eines Untersuchungsgegenstandes berühren, aus ihren paradigmatischen Kontexten gelöst, in andere, erweiterte Kon texte übertragen und selektiv in ein neues Argument integriert. Unter analytischen Elementen sind dabei etwa Konzepte, Logiken, Handlungsmechanismen und In terpretationen zu verstehen (vgl. hierzu etwa Sil/Katzenstein 2010a: 10). Auch wenn es nicht die Zielsetzung des analytischen Eklektizismus in seiner beste henden Form ist, Problemen und Inkohärenzen innerhalb einzelner Paradigmen zu lösen, stellen die Erkenntnisse der verschiedenen Paradigmen einen wichtigen Aus gangspunkt für die analytisch-eklektizistische Methode dar. Das Überschreiten pa radigmatischer Grenzen bedeutet nämlich keineswegs, die regelmäßig überaus wertvolle Arbeit, welche von den Vertretern jener Paradigmen geleistet worden sind, zu verwerfen oder zu ignorieren. Im Gegenteil geht es gerade darum, die in nerhalb spezifischer Paradigmen und somit in spezifischen Kontexten und unter unterschiedlichen Prämissen gewonnenen Erkenntnisse gewinnbringend zu kombi nieren und dabei die bislang verborgenen beziehungsweise nicht expliziten Verbin dungen einzelner Elemente oder Argumente von an unterschiedliche Paradigmen gebundene Theorien zu erkennen, um auf diese Weise neue Einblicke in und Er kenntnisse über spezifische Sachverhalte zu ermöglichen. In die Worte des in Georgetown wirkenden Andrew Bennetts (2010) gekleidet bedeutet das, dass „[d]rawing on an eclectic mix o f causal mechanisms provides stronger explanations, more policy-relevant scholarship, and closer connections to other disciplines.” Der analytische Eklektizismus stellt somit eine wichtige komplementäre Größe zu der bestehenden Paradigmenvielfalt in den Internationalen Beziehungen dar, die sich 81 im Denken jedoch von der klassischen paradigmengebundenen Forschung unter scheidet (Abbildung 1). Paradigmengebundene For schung Analytisch-eklektizistische Forschung Paradigmenverständnis Kuhnianisch, Lakatosianisch Laudanisch Metatheoretischer Rahmen Festlegung auf spezifische me tatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze Keine Festlegung auf spezifische metatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze Phänomenologie Annahme spezifischer ontologi scher und kausaler Phänomene, Mechanismen und Prozesse Keine Annahme spezifischer ontologischer und kausaler Phä nomene, M echanismen und Prozesse Verhältnis zu anderen Paradigmen Ablehnung und/oder Marginalisierung der Bedeutung alternati ver Ansätze Kein Interesse an Interaktion unterschiedlicher Paradigmen Bewusstes Aufgreifen und Kombinieren verschiedener An sätze Interesse an Interaktion unter schiedlicher Paradigmen Philosophie Separierend Integrierend Vorteile Rigorosität Reinheit Grenzüberschreitung Mögliche Entwicklung erweiter ter Analyseansätze Nachteile Beschränkung in analytischer Hinsicht Beschränkte Entwicklungsper spektiven Wagnis (kein schützender Rah men) Hoher Forschungs- und W is sensaufwand Abbildung 1: Paradigmenverständnisse So ist letztere durch eine Festlegung auf spezifische metatheoretische Annahmen und darauf beruhende Konzepte und Ansätze sowie bestimmte ontologische und kausale Phänomene charakterisiert. Die am Laudanschen Verständnis angelehnte analytische-eklektische Forschung ist dagegen weder an spezifische metatheoreti sche Annahmen noch an spezifische ontologische beziehungsweise kausale Phä nomene, Mechanismen und Prozesse gebunden. Ebenso werden in der analytisch eklektischen Forschung, wo ein explizites Interesse an der Interaktion von Para 82 digmen besteht, bewusst unterschiedliche Ansätze aufgegriffen und kombiniert, was im Bereich der paradigmengebundenen Forschung strikt abgelehnt wird. Somit steht der separierenden Philosophie der paradigmengebundenen Forschung mit dem analytischen Eklektizismus ein bewusst integrierender Ansatz gegenüber, der aufgrund des Potenzials, paradigmatische und disziplinäre Grenzen zu überschrei ten, die Möglichkeit zur Entwicklung erweiterter Analyseansätze bietet. Trotz dieses prinzipiell potenziell konstruktiven Verhältnisses von paradigmatischer und analytisch-eklektizistischer Wissenschaft, sieht sich auch der Ansatz des Analy tischen Eklektizismus fachlicher Kritik ausgesetzt (vgl. etwa Sil/Katzenstein 2010a: 13f.). Hierbei reichen die Argumente von der Gefahr der Beliebigkeit bei der Re kombination unterschiedlicher paradigmatischer Inhalte, der Unschärfe des Ansat zes, den besonderen Herausforderung für die Forschenden, welche mithilfe der Methode des analytischen Eklektizismus arbeiten bis hin zur Annahme einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Paradigmen, welche jegliche Art der Kombination ausschließe. Derartige Vorbehalte sind in der Politikwissenschaft stark manifestiert und prägen das Fach schon seit Langem. So hat etwa Gunther Hellmann (2003: 149) darauf hingewiesen, dass speziell in der Disziplin der Internationalen Beziehungen eine stark ausgeprägte Tendenz besteht, jeden Ansatz, der vom reinen Schulendenken abweicht, zu stigmatisieren. Timothy Sinclair (2010: 124) spricht hierbei sogar von Eklektizismus als dem ultimativen Tabu jener Disziplin. Diese Perspektive steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten Inkommensurabilitätsthese. Diese geht von einer grundsätzlichen Un vereinbarkeit der Argumente unterschiedlicher Paradigmen im Sinne von Kuhn und Lakatos aus; weil nämlich die verschiedenen Konzepte, Begriffe, Standards etc. je nach Paradigma auf unterschiedlichen Ontologien und Epistemologien beruhten, sei es nicht möglich, sie in einen einzigen analytischen Ansatz einzubringen, etwa weil Begriffe, die in unterschiedlichen Paradigmen unterschiedlich besetzt seien, bewusst oder unbewusst unreflektiert nebeneinander gesetzt würden und so von einer Aussagekraft ausgingen, die so nicht gegeben sei, oder es zu einer Scheinho mogenisierung unterschiedlicher Konzepte kommen könne (vgl. etwa Johnson 2002, Harvey/Cobb 2003: 146). Vor diesem Hintergrund wird argumentiert, dass eine Übersetzung von Konzepten eines Paradigmas in die Sprache eines anderen letztlich unmöglich sei. Während gewiss einzuräumen ist, dass die Inkommensurabilitätsthese dann etwas für sich hat, wenn man von einheitlichen Kriterien bei der komparativen Bewer tung unterschiedlicher Theorieparadigmen in ihrer Gänze ausgeht, sieht es bei der Verbindung selektiver Kriterien nicht so problematisch aus (vgl. etwa Hattiangadi 1977; Wisdom 1974). Auf anschauliche Weise haben etwa Donaldson (1974) und Putnam (1981) aufgezeigt, dass eine Unvereinbarkeit nur dann gegeben ist, wenn es gänzlich unmöglich wäre, Ausdrücke aus der Sprache eines Theoriekonzepts in die eines anderen zu übersetzen. Dies jedoch ist nicht zutreffend, denn „if the thesis were really true, then we could not translate other languages — or even past stages 83 of our own language” (Putnam 1981: 115; vgl. ferner Oberheim 2006: 28). Hinzu kommt, dass auch innerhalb ein und desselben Paradigmas Begriffe verschieden konnotiert sind. Ferner haben Sil und Katzenstein (2010a: 14 f.) dargelegt, dass durch eine reflektierte Herangehensweise beim Umgang mit den substanziellen Faktoren der verwendeten Paradigmen eine Rekonzeptualisierung möglich ist, wel che wiederum eine (Re-)Kombination über Paradigmengrenzen hinweg zumindest prinzipiell ermöglicht. In diesem Kontext hat zudem Parsons (2007) deudich ge macht, dass es möglich ist, rivalisierende Erklärungslogiken so in einzelne Module aufzuspalten, dass grundlegende metatheoretische Annahmen von spezifischen substanziellen Argumenten oder Interpretationen getrennt werden können, um die se dann auf einem höheren Abstraktionsniveau wieder zusammenzuführen. In jedem Fall ist es von besonderer Bedeutung, eine gründliche und ausführliche Operationalisierung der verwendeten Variablen durchzuführen und dabei die jewei lige innerparadigmatische Bedeutung und die darauf im neuen transparadigmati schen Kontext entstehende Bedeutung genau herzuleiten und zu beleuchten. Auch wenn also die Methode des Analytischen Eklektizismus mit Herausforderungen verbunden ist, so sind diese nicht unüberwindbar „as long as proper care is taken to consider the premises upon which specific analytic components are operationalized“ (Sil/Katzenstein 2010a: 16). Mit dieser Vorgehensweise kann zugleich auch zwei weiteren Argumenten begegnet werden, welche gegen die Verwendung des Analytischen Eklektizismus in der Disziplin der Internationalen Beziehungen vor gebracht werden, nämlich dem der konzeptuellen Unklarheit des Ansatzes und dem der Beliebigkeit bei der Auswahl der zu synthetisierenden Argumente. Hinsichtlich des ersten Arguments wird auf die Gefahr konzeptioneller Unschärfe (vgl. etwa Johnson 2002: 223-248) beziehungsweise einer „coneptual muddiness“ (Sil/Katzenstein 2008: 125) verwiesen. Zudem wird der analytischeklektizistischen Methode vorgeworfen, dass Aspekte wie Beweisführung des Ar guments, Falsifizierbarkeit oder Generalisierbarkeit der Aussagen nur unzureichend ausgereift seien (vgl. etwa Haas 2010: 8). Dieser Vorwurf ist durchaus ernst zu nehmen; er wird weiter unten nochmals aufgegriffen, wenn die spezielle Variante eines analytischen Eklektizismus aufgezeigt wird, wie sie in der hier vorliegenden Arbeit zur Anwendung kommen soll. Bezogen auf das zweite Argument wird der Vorwurf einer „ad-hocery“ (Ba 2010: 14) erhoben, bei der beliebig und unreflek tiert Elemente irgendwelcher Theorien zusammengeschustert würden. Mit anderen Worten würden die etablierten Standards guter Wissenschaft zu Gunsten eines ,Alles-Geht‘-Ansatzes über Bord geworfen, sodass letztlich nur ein epistemologisch wie ontologisch inkohärentes Ergebnis zu erwarten sei (vgl. etwa Jabko 2010, Paul 2010, Barnett 2010). Diesem Vorwurf kann dahingehend begegnet werden, dass „[a]nalytic eclecticism does not offer a carte blanche to produce either idiosyncratic stories for each and every case or a never-ending laundry list o f factors that potentially influence each and every outcome” (Sil/Katzenstein 2010b: 23; vgl. ferner Sil/Katzenstein 2008: 111). Wie gesagt, das oben genannte Argument eines kritisch 84 reflektierten Vorgehens bei der Auswahl der Elemente der der darauf basierenden Operationalisierung der Variablen kann diesem Vorwurf gut entgegenwirken. Ein Problem, das eine ganz andere Dimension anspricht, betrifft den Forscher selbst. So stellt das Fehlen eines auf der Abgeschlossenheit eines spezifischen Para digmas beruhenden Schutzgürtels, der ja gerade aus anderen Paradigmen erwach sende kritische Einwände abzublocken vermag, eine mehrfache Schwierigkeit für die Forschenden dar. So ist nämlich die Flanke offen für Vorwürfe aus allen Denk schulen, während zugleich ein so gewonnener Erkenntnisgewinn nur schwerlich von den Vertretern eines spezifischen Paradigmas anerkannt werden könnte. Nicht zuletzt die weit verbreitete Auffassung, der zufolge „the ,discipline‘ expects (to quote Michael Barnett) ,a wrestling match' that will produce a clear winner“, was dazu führt, dass die analytisch eklektizistische Methode als „falling short when the wrestling match produces no clear winner and we conclude it is a combination of A and B“ (Ba 2010: 15) erscheint, trägt zu Befürchtungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei, die an der Anwendung der Methode interessiert sind.22 Auch Sil/Katzenstein (2010: 117) machen den Preis dieses Ansatzes deutlich, ver weisen aber auch auf den zu erzielenden Mehrwert: ,,[B]enefits o f embedding scholarship within research traditions— the cultivation o f a recognizable professional identity, efficient communication based on shared stocks o f knowledge and skills, a common set o f evaluative standards linked to explicit methodological assumptions, and the psychological and institutional support provided by fellow members— need to be sacrificed for the purpose o f recognizing and framing problems in ways that more closely approximate the complexity o f the social world and that can be explored through different permutations o f concepts, data, methods, and interpretative logics taken from separate research traditions” . Der zu erzielende Mehrwert rechtfertigt zugleich die zweite Hürde, die sich darauf bezieht, dass der Aufwand und die Anforderungen an die Forschenden ungleich höher sind, da diese sich wissenschaftliche Kompetenz in mehreren Paradigmen und gegebenenfalls darüber hinaus in mehreren benachbarten Disziplinen bzw. ausgewählten Teilbereichen von diesen aneignen müssen. Wird dies nicht ernstge nommen, besteht tatsächlich die von Cody (1996: 97) beschriebene Gefahr, dass der Forscher, welcher der Methode des analytischen Eklektizismus folgt, zum „jack- or jill-of-all-trade and master o f none“ entwickelt, also einem Hans-Dampfin-allen-Gassen, dessen relevante Expertise jedoch stets nur oberflächlich und bruchstückhaft bleibt. Wird dies indes ernst genommen, dann ist der Aufwand tatsächlich sehr hoch, da „trafficking in more than one research tradition typically takes considerable time and effort, requiring scholars not only to read widely but also to engage in shifting “multilingual” conversations with diverse scholarly com- Alice Ba (2010: 15) etwa verweist darauf, dass es im Bereich der Theorie der Internationa len Beziehungen stets darum gehe, wie die eigene Arbeit wahrgenommen und interpre tiert werde. Ihre spezielle Befürchtung bei der Anwendung des Interpretativen Realismus bestehe darin, dass sie es letztlich niemanden recht machen würde angesichts der stark ausgeprägten paradigmatischen Forschung. 85 munities, each confidently speaking a single theoretical language that its members have been wedded to for their entire careers” (Sil/Katzenstein 2008: 125). Dabei wird unter anderem kritisiert, dass Aufwand und Ertrag nicht in einem ausgewoge nen Verhältnis ständen (vgl. etwa Sanderson 1987: 321). Dieser Einwand erscheint jedoch nur bedingt zutreffend, führt man sich den Mehrwert des Ansatzes vor Au gen, der die Beschränktheit monokausaler und die Komplexität der Realität über Gebühr vereinfachender Logiken überwindet. Andrew Moravcsik (2003: 132) ver weist in diesem Zusammenhang zurecht darauf, dass “ [t]he complexity o f most large events in world politics precludes plausible unicausal explanations. The outbreak o f W orld Wars I and II, the emergence o f international human rights norms, and the evolution o f the European Union, for example, are surely important enough events to merit comprehensive explanation even at the expense o f theoretical parsimony.” Es geht also keineswegs darum, die Sachverhalte unnötig komplex zu machen, sondern nur der tatsächlich bestehenden Komplexität durch eine breitere instru mentelle Palette und ein dadurch bewirktes höheres analytisches Maß gerechter zu werden — auch mit Blick auf den Nutzen für die Praxis. Wie hilfreich ein analytischeklektizistischer Ansatz ist, zeigt etwa schon die Beobachtung Hirschmans (1970: 341) der zufolge jene politischen Akteure, die implizit die Annahmen unterschiedli cher Paradigmen berücksichtigen, erfolgreicher sind, als jene, deren Entscheidun gen bewusst auf den Annahmen einer Denkschule beruhen. Vor diesem Hinter grund erscheint die Suche nach einem eklektizistischen Theorie- und Analysemo dell mehr als gerechtfertigt. Nicht zuletzt deswegen ist es das Ansinnen der vorlie genden Arbeit gerechtfertigt, über die bisherigen analytisch-eklektizistischen Ansät ze hinauszugehen und statt nur auf den Einzelfall zu blicken und anhand der eklek tizistischen Methode ein kohärentes Theoriemodell mit soliden Operationalisierun gen zu entwickeln, auf dem schließlich ein konkret und für unterschiedliche Einzel fälle anwendbares Analysemodell beruht. Auf diesem Wege leistet die Annäherung der verschiedenen Denkschulen innerhalb der Internationalen Beziehungen einen ebenso wichtigen Beitrag wie die eine gemeinsame Betrachtung von Sachverhalten aus mehreren Teildisziplinen der Politischen Wissenschaft (vgl. etwa Caporaso 1997). Und nicht zuletzt besteht ein sehr wichtiger Beitrag dieses Ansatzes darin, bewusst relevante Erkenntnisse anderer Wissenschaftsbereiche wie Psychologie, Soziologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Geographie etc. einzubinden (vgl. etwa Wallerstein et.al. 1996, Sil/Doherty 2000, Bennett 2010: 6, Stubbs 2010: 146). In der hier vorgelegten Arbeit sollen zudem jüngste Erkenntnisse aus be nachbarten Disziplinen verwendet werden, die selbst schon erste eklektizistische Versuche unternommen haben, wie etwa Neuro-Soziologie oder soziale Neurowis senschaften (vgl. etwa Caccioppo et.al. 2007, Franks 2010, Harmon- Jones/Winkielman 2007, Hatemi/McDermott 2011). Gerade hiervon wird erwar tet, dass auch innerhalb einzelner Paradigmen bestehende Erkenntnisse neu bewer tet und im Zusammenspiel mit anderen Ansätzen weiterführend genutzt werden können. 86 Ein weiterer Vorteil der Verwendung eines analytisch-eklektizistischen Ansatzes ergibt sich im Bereich der weiter oben angesprochenen Gefahr einer regionalen Zersplitterung der Theorie der Internationalen Beziehungen. Hierbei geht es aber nicht nur um die Entwicklung spezifischer autochthoner Theorieansätze, sondern auch um die unterschiedliche regionale Verbreitung von Großtheorien. Während etwa in den USA der Fokus auf den traditionellen Großtheorien Realismus und Liberalismus und mit einigen Abstrichen auch Konstruktivismus liegt, spielen in anderen Regionen Paradigmen wie die English School, der Feminismus der Inter nationalen Beziehungen, der Postmodernismus oder der Marxismus eine bedeuten dere Rolle in der jeweiligen Wissenschaftspraxis (vgl. etwa Elman 2010: 1, Jordan et. al. 2009, Maliniak et. al. 2007, Acharya/Buzan 2010, Lemke 2003, Tickner 2003, Tickner/Waever 2009). Der größte Mehrwert freilich kann in der Tatsache gesehen werden, dass durch die Überwindung des paradigmatisch beschränkten Analy serahmens die oftmals damit einhergehende, (weitgehenden) Monokausalität der Argumente, überwunden wird, indem die Forschenden einen „multiperspectival mode of social inquiry“ (Bohman 2002: 502) einnehmen. Auf diese Weise wird es auch möglich, wieder näher an die Erwartungen von Forschenden wie auch von Konsumenten wissenschaftlicher Ergebnisse heranzukommen, wie auch Martha Finnemore (2010: 73) betont: „Good hypotheses are hard to find. As a graduate student I was trained to test hypotheses. The dirty secret no one told me was that most oft he dominant ,paradigms‘ o f our field are simply not fine grained enough to provide hypotheses about problems that analysts and citizens care about.“ Dass damit Reibungsverluste im Bereich der Rigorosität und Parsimonie entstehen können, erscheint vertretbar angesichts des erheblichen Mehrwerts, der die größere Spannweite alternativer Kombinationen von analytischen und empirischen Kom ponenten erzielt werden kann (vgl. hierzu etwa Ba 2010: 14, Bennett 2010: 6, Haas 2010: 5, Paul 2010: 17, Schiff 2010: 175). Denn internationale Phänomene sind hochgradig komplex und um sie zu verstehen, ist es unumgänglich, Aspekte wie den historischen Kontext, die spezifische Situation von Staaten, Gesellschaften, Systemen, Gruppen und Individuen und deren Interaktionen zu berücksichtigen. Hierbei geht das im Rahmen dieser Arbeit auf der Methode des analytischen Eklek tizismus entwickelte Modell des Interpretativen Realismus davon aus, dass Struk tur- und Akteurfaktoren anhand abstrakter Wirkungsmechanismen in spezifischen Kontexten auf eine spezifische Weise zusammenspielen, wobei zugleich verschie dene Analyseebenen und die Interaktion materieller und kognitiver Faktoren zu berücksichtigen sind. Um dies zu realisieren sind für Sil/Katzenstein (2010a: 37) zwei Dinge nötig: “This requires attention to two sets o f factors: first, the manner in which external environments shape actors' understandings o f their interests, the constraints and opportunities they face, and their capabilities; and second, the manner in which environments are reproduced or transformed as a result o f those actors' varying preferences and capacities. An eclectic approach also assumes the existence o f complex interactions among the distribution o f material capabilities (typically 87 emphasized in realism), the gains pursued by self-interested individual and collective actors (typically emphasized by liberals), and the role o f ideas, norms, and identities in framing actors' understanding o f the world and o f their roles within it (privileged by constructivists). Put differently, eclectic analysis seeks to cut across and draw connections between processes that are normally cast at different levels o f analysis, and are often confined to either material or ideational dimensions o f social reality.” Das bedeutet notwendigerweise zugleich eine Abkehr von bislang zu Teil allzu ver einfachenden Modellen innerhalb der Paradigmen, wie Sil und Katzenstein (2010a: 9) andernorts unterstreichen: “Simplifications based on a single theoretical lens involve trade-offs and can produce enduring blind spots unless accompanied by complementary, countervailing efforts to 'recomplexify' prob lems (Scott 1995). W ithout such efforts, academic discourse risks becoming little more than a cluster o f research activities addressing artificially segmented problems, with little thought to the implications of findings for real-world dilemmas facing political and social actors. This is where analytic eclecticism, despite its own limitations [...] makes its distinctive contribution as social scientists seek to contend with the complexity o f social phenomena that bear on the practical dilemmas and constraints faced by decision makers and other actors in the 'real' world.” (Sil/Katzenstein 2010a: 9) Was schließlich bedeutet das für das Verhältnis des analytischen Eklektizismus zu den Paradigmen? Es geht nicht darum, Paradigmen zu umgehen und die innerhalb von Paradigmen gewonnenen Erkenntnisse zu ignorieren oder zu ersetzen, oder, wie es Hochschild (110) nahegelegt hat, ganz auf Paradigmen zu verzichten und diese rigoros abzuschaffen. Ebenso wenig geht es darum, jeden nur erdenklichen Faktor in die Analyse einzubringen, und so entstehende Modelle zwar theoretisch umfassend, aber praktisch unbrauchbar zu machen, im Gegenteil (vgl. etwa Ba 2010: 14). Vielmehr liegt das Ziel darin, die Einsichten, die von der paradigmenge bundenen Forschung gewonnenen Einsichten zu erkennen, miteinander zu verbinden und die erst durch die Kombination der Einzelerkenntnisse gewonnene neue Signifikanz zu nutzen, wodurch letztlich auch die künstliche Trennung der Sozialwissenschaften überwunden wird (Sil/Katzenstein 2010a: 17). Die konkrete Methode dabei besteht in der Erweiterung des Repertoires an An nahmen, analytischen Werkzeugen, Theoriekonzepten, methodischen Hilfsmitteln und empirischen Daten, welche es dem Analytischen Eklektizismus ermöglicht, Erklärungen zu entwickeln, welche offenlegen, wie unterschiedliche Arten von Wirkmechanismen und Prozessen zusammenhängen (Sil/Katzenstein 2008: 117). Hierbei erweist sich als hilfreich, dass, wie Ted Hopf (2007) dargelegt hat, die ana lytischen Grundlagen vieler Paradigmen gar nicht so weit auseinanderliegen, wie regelmäßig behauptet wird. Insbesondere solange Klarheit herrscht, welche Ele mente vor welchem Hintergrund zu welchem Zweck aus spezifischen Paradigmen ausgewählt wurde, wie genau die Konzepte dabei operationalisiert sind und welche Bedeutungsinhalte den Begrifflichkeiten entsprechen, stellen auch Unterschiede bei metatheoretischen Postulaten nicht unbedingt Hindernisse für ein analytisch eklektizistisches Vorgehen dar (vgl. hierzu auch Sil 2000a, Sil 2004, Katzenstein/Sil 88 2004, Parsons 2007). Und nicht zuletzt gilt zu bedenken, was Hoffmann (2006: 11) bezüglich möglicher Defizite des analytischen Eklektizismus anmerkte: „Compared to the flaws o f clashing dogmatisms, the flaws of analytical eclecticism are small indeed and well worth the costs.“ Dennoch müssen diese ,flaws‘ ernst genommen werden und so erfordert ein neu in eine Disziplin eingebrachter methodischer An satz gegebenenfalls auch die grundsätzliche Anpassung des analytischen Rahmen werks. Vom Fallorientierten gum Modellorientierten Analytischen Fklektigismus Ausgehend von einem Symposium zur politikwissenschaftlichen Theoriebildung im Jahr 1995, auf dem die Grenzen der auf allzu großer Vereinfachung der komplexen Realität basierenden Modellbildung speziell auf dem Gebiet der vergleichenden Po litikwissenschaft behandelt und erstmals ernsthaft die Möglichkeiten eklektizistischer Herangehensweisen diskutiert wurden, ohne jedoch das Thema bedeutend voranzubringen (vgl. Kohli et.al. 1995), entwickelten in den folgenden Jahren vor allem Sil und Katzenstein unabhängig voneinander ein jeweils spezifisches, jedoch wie sich zeigen sollte, durchaus komplementäres Verständnis dessen, was Eklekti zismus im Bereich der Politikwissenschaft bedeutet (vgl. Sil 2000, Katzenstein/Okawara 2001/02), welches sie seit 2003 sukzessive gemeinsam weiterentwi ckelten. Hierbei ging es ihnen um Brückenbildung zwischen akademischen und policy-orientierten Studien, um Erklärungen mittlerer Reichweite im Kontext konkre ter Einzelfälle. Bewusst sollte kein „how-to“-Handbuch erarbeitet werden, sondern konkrete, einzelne Sachverhalte durch das Zusammenbringen von Erklärungsan sätzen aus unterschiedlichen Paradigmen besser erklärt werden, als dies mit dem Rückgriff auf nur eine Denkschule möglich gewesen wäre. Was jedoch von Sil und Katzenstein hierbei bewusst ausgespart wurde, war der Versuch, Argumente unterschiedlicher Paradigmen auf abstrakter Ebene zusam menzubringen, um auf eklektizistischem Wege ein neues, eigenständiges Theorieund Analysemodell zu entwickeln, das über den Einzelfall hinaus im Bereich der Internationalen Beziehungen Anwendung finden kann, etwa um zwischenstaatli ches Kooperationsverhalten differenzierter und fundierter analytisch erfassen zu können, als dies anhand nur eines Paradigmas möglich wäre. Auch von anderen Forscherinnen und Forschern wurde ein solcher Schritt trotz der wachsenden Zahl analytisch eklektischer Arbeiten bislang nicht unternommen. Zudem wurde die Me thode nicht auf Fragen des Gesamtfeldes der Internationalen Beziehungen ange wendet, sondern lediglich auf Subdisziplinen wie Internationale Sicherheitsstudien (ISS), Internationale Politische Ökonomie (IPÖ) und Global/Regional Governance, wobei auch hier lediglich Einzelfalluntersuchungen vorgenommen wurden. Dennoch ist es gleichermaßen interessant wie notwendig, die bisherigen Versuche analytisch eklektizistischen Arbeitens in den Internationalen Beziehungen näher zu betrachten, um zu sehen, welches Muster an Motivationen, Umsetzungen und Im 89 plikationen erkennbar sind, und darzulegen, wo der weitere Forschungsbedarf be steht, der im Rahmen der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und behandelt werden soll. Im Bereich der Internationalen Sicherheitsstudien haben sich vor allem Kang (2007), Jervis (2005), Finnemore (2002), Solingen (2007) und Paul (2009) als Vor reiter der analytisch eklektizistischen Methode hervorgetan. Jeder der genannten Autoren befasste sich mit einer konkreten Forschungsfrage beziehungsweise mit einem konkreten Forschungsproblem. Kang etwa setzte sich mit der Frage ausei nander, weshalb Chinas Aufstieg zu regionaler Dominanz ohne die vom Realismus erwarteten Balancing- und Bandwagoning-Effekte vonstattengeht. Um diese Frage zu analysieren geht er über die Argumente der realistischen Schule hinaus und be zieht Argumente von Liberalismus und Konstruktivismus mit ein. Indem er so As pekte wie Präfenzen und Belief-Strukturen der Akteure, Normen und Identitäten, aber auch capabilities und innerstaatliche Strukturen behandelt, gelangt er zu dem Schluss, dass ein Zusammenspiel spezifischer Identitäten, Interessen und materiel ler Faktoren bewirkt, dass China für die anderen asiatischen Staaten (mit Ausnahme Taiwans) nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Wie erwähnt, handelt es sich bei der Arbeit Kangs um die Suche nach der Beantwortung einer konkreten Frage. Zwar lassen sich durchaus einige allgemeinere und potenziell übertragbare Er kenntnisse aus Kangs fallspezifischen Ergebnissen ableiten, etwa, dass unterschied liche kulturraumspezifische Lesarten von Geschichte zu unterschiedlichen Bedro hungswahrnehmungen führen. Auch muss Kang zugutegehalten werden, dass er den Versuch einer Operationalisierung von nationaler Identität und nationalem In teresse unternimmt. Dieser jedoch bleibt vergleichsweise oberflächlich und unsys tematisch, auch wenn er einige interessante Variablen aufgreift. Ein über den Ein zelfall hinausreichender Versuch, die Rivalität regionaler Mächte beziehungsweise regionaler und überregionaler Großmächte auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse zu verallgemeinern, wird nicht unternommen und ist auch erklärtermaßen nicht intendiert. Ebenso wenig ist Kangs Arbeit darauf ausgerichtet, für sein Argument so zentrale Größen wie Wahrnehmung zu operationalisieren oder Ergebnisse der Kognitionspsychologie in sein Analysekonzept zu integrieren, obwohl diese Fakto ren sein Argument noch stichhaltiger werden ließen. Ähnliches gilt für psychobiografische und differenzialpsychologische Aspekte, bürokratietheoretische Erkennt nisse und Wissen um die Logiken von Kleingruppen und Beratern. Diese Anmer kung ist dabei weniger als Vorwurf an den Autoren gemeint, der sich um die Ent wicklung der analytisch eklektizistischen Methode, ebenso wie all die weiteren Au torinnen und Autoren in hohem Maße, verdient gemacht hat, denn als Hinweis da rauf, dass trotz umfassender eklektizistischer Herangehensweise die Betrachtung eines Einzelfalls sowohl hinsichtlich des Erkenntnisgewinns als auch hinsichtlich der Argumentationsgrundlagen notwendigerweise stark beschränkt bleiben muss. Diese Tatsache zeigt sich auch bei der Betrachtung weiterer Werke, die auf der ana lytisch eklektizistischen Methode basieren. 90 Jervis etwa wendet sich der Frage zu, wie die außenpolitisch verantwortlichen Eli ten der USA unter den internationalen Bedingungen der Nach-Kalte-Kriegs-Ära agieren sollten und gelangt zur politikberatenden Lösung, dass spezifische Punkte beim Umgang mit anderen Mitgliedern einer mittlerweile zwischen westlichen In dustriestaaten und Japan existierenden Sicherheitsgemeinschaft beachtet werden sollten, um den USA eine möglichst reibungsfreie Verfolgung nationaler Interessen zu gewährleisten. Zwar werden auch bei Jervis Argumente von Realismus, Libera lismus und Konstruktivismus auf durchaus überzeugende Weise zusammengetra gen, und verschiedene das Agent-Structure- sowie das Anarchie-Hierarchie Problem der internationalen Beziehungen betreffende Aspekte behandelt, jedoch kann auch hier kein Rückgriff auf eine allgemeinere analytisch-eklektizistische Aus einandersetzung mit den Grundlagen jener Basisprobleme der Internationalen Be ziehungen erfolgen, weil eine derartige Analyse bislang aussteht. Analog gilt dies auch für die Arbeiten von Solingen und Paul, die sich beide mit unterschiedlichen, ebenfalls konkreten Fragestellungen betreffend Nuklearpolitik und Proliferation auseinandersetzen und durch Rückgriff auf verschiedene IB-Theorien zu jeweils interessanten Schlüssen kommen. Dabei können teils sogar über den konkreten Fall hinausgehende Erkenntnisse gewonnen werden, so etwa zur Bedeutung ausgewähl ter innerstaatlicher Aspekte auf Entscheidungen, die für die internationalen Bezie hungen relevant sind, oder zum Zusammenspiel spezifischer Handlungslogiken bei der Entstehung politischer Traditionen und Tabus. Allerdings ist speziell bei Solin gen die Verallgemeinerbarkeit der gewonnenen Erkenntnis stark beschränkt, was nicht zuletzt in der Zielsetzung der Arbeit begründet liegt, Handlungsanweisungen für den Bereich der Entnuklearisierungspolitik zu erstellen. Bei Paul hingegen fällt auf, dass der für seine Argumentation so entscheidende Faktor des nationalen Inte resses nicht hinreichend operationalisiert wird, ein Defizit, das sich durch den Großteil der Literatur zieht und an dieser Stelle zeigt, wie wichtig eine analytisch eklektische Auseinandersetzung mit dem in so vielen Argumentationen entschei denden Faktor nationales Interesse wäre. Richtet man den Blick auf die Subdisziplin der Internationalen Politischen Öko nomie (IPÖ), dann ergibt sich ein ähnliches Bild. Der Forschung, welche sich der analytisch eklektizistischen Methode bedient, geht es um die Beantwortung konkre ter, teils sehr spezifischer Forschungsfragen. So untersucht etwa Seabrooke (2008), wie Staaten ihre finanziellen Kapazitäten erhöhen können und Sinclair (2005) setzt sich damit auseinander, woher die Macht und Legitimität von Rating-Agenturen rührt, Well (2008) widmet sich der Frage, weshalb europäische Unternehmen, die von protektionistischen Strukturen profitierten, innerhalb kurzer Zeit zum Befür worter einer Marktliberalisierung wurden, Jabko (2006) möchte losgelöst von alten Argumentationsmustern herausfinden, welche Faktoren im europäischen Integrati onsprozess die entscheidende Rolle gespielt haben, Stubbs (2005) analysiert den Zusammenhang von ausgeprägtem Wirtschaftswunder und verheerenden Kriegen in Ostasien und Abdelal (2001) wendet sich der Frage zu, weshalb die Nachfolge staaten der zerfallenen Sowjetunion höchst unterschiedliche politisch-ökonomische 91 Strategien gewählt haben. Alle genannten Autorinnen und Autoren greifen in ihren Arbeiten jeweils auf mehrere unterschiedliche Denkschulen innerhalb ihrer Diszip lin zurück oder arbeiten teilweise sogar interdisziplinär, wie etwa Seabrooke, der zur Untermauerung seiner These, dass neben der Hochfinanz die breiten Masse mit ihrem erheblichen Mobilisierungspotenzial bei der Formulierung von Finanzpolitik berücksichtigt werden muss, neben innerdisziplinären Ansätzen auf Argumente der Philosophie, Kulturanthropologie und Soziologie zurückgreift. Auch bei Seabrooke lassen sich Erkenntnisse ableiten, die über den reinen Einzelfall hinausgehen, der untersucht wird, so etwa, dass institutionelle Logiken ebenso zu berücksichtigen sind wie gesellschaftliche Bedürfnisse. Dennoch verbleiben andere Einflussfaktoren im Dunkeln, obgleich diese ebenfalls von nicht unerheblicher Bedeutung sein könnten. Auch Abdelal bindet wie Seabrooke und einige der anderen Autoren ausgewählte innerstaatliche Faktoren ein und beschränkt sich nicht nur auf die klassischen The orien der Internationalen Beziehungen. Doch so wichtig es ist, diesen blinden Fleck in der Analyse der internationalen Beziehungen zu erhellen, so problematisch ist der beliebig selektive Rückgriff auf gleichsam irgendwelche innerstaatlichen Faktoren. So werden mal Bürokratie, mal Staats- oder Regierungsform herangezogen. Zwar wird die Auswahl zumeist mit der mutmaßlichen Bedeutung des jeweils selektierten Faktors begründet, jedoch bedeutet dies nicht, dass nicht zugleich auch andere Fak toren in diesem Zusammenhang relevant wären, und wenn auch nur als intervenie rende Variablen, wie etwa Kleingruppen innerhalb der Bürokratie, welche ihrerseits nach eigenen Logiken funktionieren (wie etwa Groupthink), und so mit den Logi ken der Bürokratietheorie interagieren. Interessant etwa bei Stubbs, der seine Ar gumente auf eine so ausgedehnte Bandbreite theoretischer Grundlagen wie Ge schichtswissenschaft, Strategic Studies, Soziologie, Anthropologie, English School und neoklassische Ökonomie stützt und somit auch zu wichtigen tendenziell verall gemeinerbaren Erkenntnissen zur Bedeutung des Zusammenspiels von regionalen, kulturellen, geostrategischen und historischen Faktoren gelangt, ist der Versuch, regionale Spezifika und globalpolitische Dynamiken im Kontext einer politisch ökonomischen Analyse zusammenzubringen. Doch trotz dieses sowohl inhaltlich wie theoretisch breit gefächerten Ansatzes, wird im Rahmen der Arbeit keine ver allgemeinerbare Theorie über den Zusammenhang von Krieg und Ökonomie ent wickelt. Auch hier bleibt somit der Wert der ausgiebigen eklektizistischen Anstren gung im Wesentlichen auf die Analyse des konkreten Einzelfalls beschränkt. Noch deutlicher zeigt sich dieses Phänomen bei Jabko, der große Anstrengungen unternimmt, die Dynamiken der europäischen Integration anhand von institutionel len Spannungen zu erklären, und schließlich doch davor zurückschreckt, die ge wonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Praxis regionaler Integration oder der Theoriebildung im Kontext der von ihm verwendeten Ansätze Globalisierungsthe orie, Institutionalismus und Konstruktivismus zu generalisieren. Lediglich Woll (2008) und Finnemore (2008) sind bestrebt, bewusst über den Einzelfall hinausrei 92 chende, generalisierbare Erkenntnisse hervorzubringen, jedoch liegt auch ihren Be strebungen keine eigenständige Modellentwicklung zugrunde. Speziell in der Auseinandersetzung mit dem Themenbereich regionale beziehungs weise Global Governance taucht direkt oder implizit fast immer die Frage nach der Struktur der internationalen Beziehungen auf. Dabei geht es stets um die Frage nach dem Verhältnis von Anarchie und Hierarchie und dabei schließlich darum, ob es auf globaler oder zumindest regionaler Ebene Entwicklungen hin zu hierarchi schen Strukturen gibt. Sehr häufig findet diese Auseinandersetzung im Rahmen der Analyse internationaler Organisationen und internationaler Institutionen statt. So reichen die Fragen, welche auf Basis der analytisch eklektizistischen Methode von der Funktionsweise und Dynamik internationaler Institutionen (Barnett/Finnemore 2004) über die Bedeutung des Internationalen Strafgerichtshofs (Schiff 2008) über die Ursachen der Osterweitung von EU und NATO (Schimmelfennig 2003) und den Zusammenhang von Legitimität und Macht bei internationalen Organisationen (Hurd 2007) bis hin zu den Motivationen, welche die ASEAN tragen (Ba 2009). Auch im Kontext dieser weit gefächerten Auseinandersetzungen findet zur Beant wortung der jeweiligen Forschungsfrage ein breit angelegter Rückgriff auf vielfältige bestehende Theorieansätze zurück, sei es die Kerntheorien der Internationalen Be ziehungen wie Realismus, Liberalismus, Institutionalismus, aber ebenso auf mikro ökonomische und Bürokratietheorien sowie nicht zuletzt auf Argumente benach barter Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie. Und obwohl auch auf dem Gebiet der globalen und regionalen Governance einige über den Einzelfall hinaus reichende Erkenntnisse gewonnen werden können, sei es etwa bezüglich der Ei gendynamik von Bürokratien im Kontext von Macht und Regelwerken (Barnett/Fishmore) oder des Zusammenspiels von Macht und Legitimität im internati onalen staatlichen Verhalten (Hurd 2007), bleiben doch die Aussagen oft zu weit auf die Beantwortung der reinen Forschungsfrage beschränkt. Hierdurch kommt es zu einer zu weit gefassten konzeptionellen Reduktion komplexer Sachverhalte wie etwa des Anarchie-Hierarchie-Problems rein auf internationale Organisationen oder gar auf spezifische juristische Konstrukte. Zudem werden wichtige Themenberei che wie Anarchie-Hierarchie-Problem oder Agency-Structure-Problem der Interna tionalen Beziehungen völlig unsystematisch in den Kontext der konkreten For schungsfrage mit abgehandelt ohne deren eigene, grundsätzliche Dynamiken mit ins Kalkül der eigenen Argumentation einzubeziehen oder zumindest als Randfak toren zu berücksichtigen. Natürlich ist klar, dass all dies im Rahmen eines Fachaufsatzes oder einer Mono graphie, die der Problemlösung eines konkreten empirischen Sachverhaltes gewid met ist, nicht auch noch geleistet werden kann und soll. Dort geht es ja schließlich auch um Anderes. Aber gerade zur Fokussierung auf ein spezifisches Forschungs problem wäre es daher sinnvoll, ein Rahmenwerk anzubieten, welches grundlegen de und regelmäßig relevante Aspekte, Größen, Dynamiken etc. von Grund auf und auf analytisch eklektizistische Weise bereits aufgearbeitet hat, und in dessen Kon 93 text dann auf einer in sehr viel höherem Maße ausgefeilter Grundlage konkrete Fragestellungen beantwortet werden können. Die Auseinandersetzung mit der bis herigen Anwendung der analytisch eklektizistischen Methode im Bereich der Inter nationalen Beziehungen geht somit nicht darauf hinaus, die vorgelegten Arbeiten zu kritisieren, sondern nimmt das, was darin gemacht beziehungsweise nicht ge macht wurde, bewusst zum Anlass, das noch junge Konzept weiterzuentwickeln und in diesem Rahmen auf die bestehenden Probleme und Herausforderungen der Disziplin Internationale Beziehungen zu reagieren. Wirft man nämlich einen zu sammenfassenden Blick auf die bisher unter Anwendung des analytischen Eklekti zismus hervorgebrachten Arbeiten, so lassen sich Lücken erkennen, welche durch einen die reine Einzelfallbetrachtung transzendierenden Rückgriff auf die Methode des Analytischen Eklektizismus gefüllt werden können. Es hat sich gezeigt, dass in allen Bereichen der Internationalen Beziehungen, in denen auf die Methode des analytischen Eklektizismus zurückgegriffen worden ist, konkrete, einzelfallbezoge ne Fragestellungen behandelt wurden. Vor diesem Hintergrund kam es auch nahe zu ausschließlich zur Beantwortung einer spezifischen Frage oder zu einem Lö sungsvorschlag für ein konkretes Forschungsproblem. Da der Ausgangspunkt der jeweiligen Untersuchung regelmäßig einen politikprakti schen Bezug hatte und eine konkrete Policy betraf, war die Beantwortung der Fra gestellung nicht selten verbunden mit konkreten Ratschlägen beziehungsweise Handlungsanweisungen für die (außen-/sicherheits-) politischen Eliten in einer spezifischen Situation. Insgesamt lässt sich zudem konstatieren, dass die Beantwor tung der konkreten Fragestellungen durch das analytisch eklektizistische Vorgehen sehr aussagekräftig war und für den jeweiligen Einzelfall auch erheblichen Mehr wert mit sich brachte. Auf der anderen Seite wurde nur sehr vereinzelt der Versuch unternommen, mithilfe eines Rückgriffs auf den analytischen Eklektizismus auch eine weitergehende Hypothesenbildung oder Theoriefortentwicklung zu betreiben. Obwohl dennoch einige Erkenntnisse hervorgebracht wurden, welche über den jeweiligen Einzelfall hinausgingen, waren jeweils nur einzelne weiterführende Ele mente betroffen; eine umfassendere, vernetzte Betrachtungsweise fand weder zur Einbettung der Argumente noch im Rahmen der Ergebnisse beziehungsweisen von deren Diskussion statt. Nichtsdestoweniger zeigen sich bei der Auswertung des bisherigen Forschungstan des eine Reihe immer wieder auftretender Themen und Aspekte, deren systemati sche Aufarbeitung auf analytisch eklektizistischer Basis zwar dringend notwendig wäre, bislang jedoch auf sich warten lässt. Versucht man, diese Elemente zu sortie ren, so zeigen sich zunächst akteurrelevante Faktoren wie Beliefs, Präferenzen, So zialisationsaspekte, Wahrnehmung und Interpretation und damit zusammenhän gend etwa die Bewertung von Bedrohungslagen, spezifische Lesarten von Ge schichte, eine sich wandelnde Bewertung von Größen wie Legitimität oder Autori tät und nicht zuletzt eine Kontextgebundenheit auch von Rationalität. Diese primär individuellen Akteuren zurechenbaren Aspekte werden ergänzt um Größen, welche 94 im Bereich kollektiver Akteure (etwa Staaten als Ganzes) relevant sind. Hierbei handelt es sich etwa um innerstaatliche Strukturen wie politisches System, Staats beziehungsweise Regierungsform, Wesen und Stratifikation der Gesellschaft, Auf bau von administrativer Bürokratie und exekutivem Entscheidungsapparat etc. Ferner zeigt sich, dass immer wieder materielle und immaterielle Größen, teils ein zeln, teils in ihrer Interaktion, herangezogen wurden, um spezifische Forschungs fragen im Bereich der Internationalen Beziehungen zu analysieren. So waren, je nach Autor beziehungsweise Autorin, sogenannte Capabilities, Werte, Normen o der Identitäten von Belang und wurde das Zusammenspiel regionaler, kultureller, geostrategischer sowie historischer Faktoren oder jenes spezifischer Identitäten, Interessen und Capabilities auf Grundlage der analytisch eklektizistischen Methode untersucht. Auf die intensive Auseinandersetzung mit einzelnen akteurrelevanten Aspekten wurde oben schon verwiesen. Daneben ging es aber auch um Faktoren, welche die Struktur der internationalen Beziehungen betreffen, etwa die Frage nach Anarchie oder Hierarchie, Wesen und Wirkung von Security Communities und re gionaler Integration, etwa auch vor dem Hintergrund spezifischer historischer be ziehungsweise kultureller Kontexte, und damit zusammenhängende Dynamiken wie Abschreckung oder Kooperation. Es zeigt sich also, dass die substanzielle Forschung innerhalb der Paradigmen wich tige Beiträge leistet, welche bezogen auf Einzelfälle auch fruchtbar kombiniert wur den, jedoch findet die Forschung im Bereich der Internationalen Beziehungen jen seits der Einzelfallanwendung weiterhin noch allzu wenig vernetzt statt. Weshalb es noch nicht zur systematischen Aufarbeitung jener wichtigen Faktoren im Rahmen einer analytisch eklektizistisch basierten Theoriefortbildung gekommen ist, liegt im Verständnis jener Methode begründet, wie es von Sil und Katzenstein vertreten wird. Um vor diesem Hintergrund deutlich zu machen, wo sich die in der vorlie genden Arbeit angestrebte Variante eines analytischen Eklektizismus von der von Sil und Katzenstein entwickelten Variante, aber auch von anderen wissenschaftli chen Versuchen einer Synthese verschiedener Paradigmen zu unternehmen, unter scheidet, sollen im kommenden Abschnitt die bisherigen Ansätze denjenigen des hier zu entwickelnden modellorientierten Analytischen Eklektizismus vergleichend gegenübergestellt werden. Hierbei sollte auch noch einmal deutlich werden, wo ge nau diese Arbeit bestrebt ist, Lücken in der bestehenden Forschung zu schließen. Ein zentraler Unterschied eines modellorientierten analytischen Eklektizismus (MOAE) zu einem fallorientierten analytischen Eklektizismus (FOAE) besteht in der theoriebildenden Motivation, welche die modellorientierte Variante charakteri siert (Abbildung 2). 95 Fallorientierte Analytischer Ek lektizismus (FOAE) Modellorientierter Analytischer Eklektizismus (MOAE) Analyseanspruch Rein pragmatisch theorieanwendend Suche nach der bestmöglichen Antwort auf ein konkretes Prob lem zu einem spezifischen Zeit punkt Theoriebildend Suche nach einem Analyserahmen für einen weiteren Anwendungsbe reich ohne räumliche oder zeitliche Beschränkung Herangehensweise Prinzipiell unendlich viele Mög lichkeiten der Re-Kombination von Theorien Analytisch-eklektizistische Festle gung grundsätzlicher Logiken Rückkopplung der Erkenntnisse an Paradigmen Nicht darauf gerichtet, Paradigmen zu ergänzen oder weiterzuentwi ckeln Erkenntnisse können grundsätzlich zu Anpassungen bei bestehenden Paradigmen führen Systematisches Theoriemodell Nein, stets selektive ad-hoc Kom bination und Rekombination un terschiedlicher Theorieansätzen Analytisch-eklektizistisch hervor gebrachtes, eigenständiges Theo riemodell Systematisches Ana lysemodell Nein, Analytisch-eklektizistische Einzel fallanalyse > Brückenbildung Innerdisziplinär Innerdisziplinär Interdisziplinär Geeigneter Anwen dungsbereich Analyse spezieller Situationen Multidimensionale Analyse zwi schenstaatlichen Verhaltens von Staaten, Vielfältig nutzbar Bewertung Jeweils sehr hoher Aufwand bei Analyse Gefahr der Beliebigkeit Hohe Arbeitserleichterung durch vorgefertigten Analyserahmen Keine Beliebigkeit, da fundamental begründet Abbildung 2: Fallorientierter vs. Modellorientierter Analytischer Eklektizismus Somit weicht der MOAE in seinem Anspruch von der rein pragmatischen Theorie anwendung auf den spezifischen Fall ab, bei welcher der FOAE je nach zu analy sierender Situation jeweils auf andere Elemente und Argumente bestehender Theo rieansätze zurückgreift. Das Argument des FOAE besteht hierbei darin, das jeder Ansatz unbegrenzt mit jedem anderen selektiv kombiniert werden kann und somit ein endloses Potenzial an theoriebasierten Analysebausteinen zur Verfügung steht. 96 Der Nachteil dabei ist, wie dargelegt, dass für jede einzelne Fallanalyse prinzipiell das gesamte zur Verfügung stehende Instrumentarium der unterschiedlichen Para digmen und Schulen auf seine jeweiligen Argumente und deren fallspezifische Eig nung hin durchsucht beziehungsweise untersucht werden müsste. Die an sich sehr gute Idee theoretischer Offenheit und Flexibilität wird auf diese Weise erheblich konterkariert. Zudem erheben sich Fragen nach der wissenschaftlichen Stringenz und Aussagekraft, wenn jedes Mal aufs Neue unterschiedliche Theorieelemente aus ihren Kontexten entlehnt und rekombiniert werden, ohne dass das Gesamtbild der zur Verfügung stehenden Theorien berücksichtigt wird und ohne dass die gemein samen Grundstrukturen und Grundprobleme in die Theoriebildung einbezogen werden. Die zumindest potenzielle Gefahr der Beliebigkeit, die zwar nicht notwendiger weise, jedoch in der wissenschaftlichen wie analytischen Praxis aufgrund dort vor herrschender Bedingungen wie etwa knapper zeitlicher und materieller Ressourcen mit nicht zu unterschätzender Wahrscheinlichkeit beim FOAE somit gegeben sein kann, wird beim MOAE dadurch verringert, dass einmalig eine Untersuchung der Argumente einer Vielzahl von Theorien und Argumenten sowohl dem Kernbereich als auch aus Unter- und Nachbardisziplinen durchgeführt wird. Zugleich kommt es zu einer Auseinandersetzung mit ontologischen und epistemologischen Aspekten und sehr grundlegenden Fragen, die im Zusammenhang mit der Modellbildung stehen. An dieser Stelle wird daher auch erkennbar, weshalb ein modellorientiertes analytisch-eklektisches Vorgehen notwendigerweise zugleich auch theoriebildend sein muss und dass so entstehende Analysemodell zugleich auf den Prämissen des parallele entwickelten theoretischen Zuganges beruht. Das SPICDA-Modell, welches im Rahmen dieser Arbeit entwickelt wird, ist somit explizit als Analyseansatz des Interpretativen Realismus zu verstehen. Statt der se lektiven ad-hoc Kombination und Rekombination unterschiedlicher Theorieansätze zu Erklärung lediglich eines einzigen Falls beim FOAE bietet der MOAE somit ein grundsätzlich für alle möglichen Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens geeignetes allgemeines Erklärungsmodell, dessen Flexibilität zwar nicht unbegrenzt ist, wie beim Rückgriff auf die Methode des FOAE, aber in welchem aufgrund der Berück sichtigung einer Vielzahl von Aspekten im Modell selbst ebenfalls ein hoher Grad an inhärenter Flexibilität im Vergleich gerade zu bestehenden IB-Theorien und de ren Analyseansätzen gegeben ist. Dies gilt umso mehr, da im Kontext des MOAE nicht nur innerdisziplinäre Re kombinationen durchgeführt werden, sondern explizit auf inter- beziehungsweise transdisziplinär gewonnene Argumente zurückgegriffen wird. Zugleich aber ergibt sich hierdurch eine grundlegende Basierung der Argumente in den aufgearbeiteten Basisproblemen der Internationalen Beziehungen beziehungsweise intensiven Aus einandersetzungen mit grundlegenden Möglichkeiten und Defiziten einzelner Para digmen und Argumente unterschiedlicher Disziplinen, die weit über einen Einzel 97 fallbezug hinausgeht, sondern an Verallgemeinerbarkeit orientiert ist. Auf diese Weise wird eine hohe Arbeitserleichterung ermöglicht, da nicht für jeden Einzelfall aufs Neue alle möglichen Theorieansätze und Paradigmen auf ihre Geeignetheit hin überprüft werden müssen, wenn man sich argumentativ außerhalb der Grenzen eines festen Paradigmas bewegen möchte, sondern auch dem Vorwurf der Belie bigkeit bei der Auswahl von Theorieelementen und spezifischen Argumenten ent gegengewirkt. Nicht zuletzt bietet der MOAE in seinem Ergebnis dem Anwender einen fundierten Theorieansatz zur Erklärung zwischenstaatlichen Entscheidens und Agierens an, ohne dass dieser sich selbst wie im FOAE mit einer Vielzahl von Theorien auseinandersetzen muss. Zugleich bietet der MOAE dem Anwender dem anwendenden Forscher den gleichen leichten Zugang wie denjenigen Forschern, welche die Ergebnisse innerparadigmatischer Theoriebildung und einfacher selekti ver Paradigmensynthese offerieren. Dabei jedoch bietet er die genannten Mehrwer te, welche diese beiden Ansätze nicht aufweisen. Somit bietet sich der MOAE im Vergleich zu den alternativen Ansätzen in beson derer Weise an, ein weiterführendes theoretisches Verständnis von zwischenstaatli chem Verhalten zu erlangen wie auch einen praxisorientierten Analysezugang zu schaffen. Anders als etwa bei innerparadigmatischen Modifikationen oder Erweite rungen beziehungsweise beim einzelfallorientierten analytischen Eklektizismus ist die (teilweise) Synthese von Theorien möglich. Dabei werden im Rahmen des MOAE auch Ansätze aus anderen Disziplinen berücksichtigt. Die geschieht — an ders als bei innerparadigmatischen Entwicklungen und einfachen selektiven Para digmensynthesen — auch im fallorientierten analytischen Eklektizismus, jedoch be zieht sich letzterer nur auf Einzelfallanalysen und ist nicht auf die Entwicklung ei nes abstrakten beziehungsweise allgemein anwendbaren theoretischen Erklärungs ansatzes hin ausgerichtet. Grundsätzlich ist der Aufwand für den Forscher, welcher analytisch-eklektisch ar beitet zunächst einmal höher als für denjenigen, der nur innerhalb eines Paradigmas arbeitet oder der lediglich eine einfache selektive Paradigmensynthese vornimmt, und einige ausgewählte Aspekte zweier Theorien verbindet (Abbildung 3). Hierfür besteht bei diesen beiden Varianten eine nur geringe Wahrscheinlichkeit der Belie bigkeit in der Zusammenführung von Argumenten. Diese ist indessen vergleichs weise hoch, wenn für jeden Einzelfall passende Argumente gesucht werden müs sen, insbesondere dann, wenn aus Gründen fehlender zeitlicher und materieller Ressourcen nicht alle zur Verfügung stehenden Ansätze kritisch auf ihre Brauch barkeit hin untersucht werden. Die ausgiebige Auseinandersetzung mit einer Viel zahl von Theorieansätzen und Argumenten bei gleichzeitiger Rückbindung an die Auseinandersetzung um die Basisprobleme der Internationalen Beziehungen relati viert in deutlichem Maße die Gefahr der Beliebigkeit bei der modellorientierten Va riante des analytischen Eklektizismus. 98 Innerparadig matische Ent wicklungen Einfache Se lektive Para digmensynthe se (ESPS) Fallorientierter AE (FOAE) Modellorien tierter AE (MOAE) Theoriesynthese Nein Ja nein ja Einzelfallbe schränkung Nein Nein Ja Nein Inter-/ Transdisziplinarität Nein Nein Nein Ja Entwicklung von abstraktem Theo riezugang Ja Ja Nein Ja Gefahr der Belie bigkeit Gering Gering Hoch Gering Aufwand für Ana lysemodell gene rierenden For scher Gering Mittel Hoch Hoch Aufwand für den anwendenden Forscher Gering Gering Hoch Gering Zielsetzung neuer Theoriezugang Ja Ja Nein Ja Abbildung 3: Ansätze der Theorie- und Analysemodellentwicklung Nachdem nun dargelegt wurde, welcher methodische Ansatz der Theorieentwick lung beziehungsweise Modellbildung zugrunde gelegt ist, soll im nächsten Schritt auf die zentralen Grundparameter eingegangen werden, auf welchen die im weite ren Verlauf vorgebrachten Argumente basiert sind. Denn wie schon an anderer Stelle betont, ist es charakteristisch für den MOAE, dass er nicht nur fallbezogen und somit potenziell beliebig bestehende Argumente rekombiniert, sondern viel mehr eine Rückbindung an grundlegende Konzepte stattfindet. Im Kontext der hier verfolgten Aufgabe, einen theoretischen Zugang für die Analyse zwischenstaat lichen Verhaltens zu entwickeln, welcher begründet selektiv auf bestehende inner und außerdisziplinäre Argumente zurückgreift und diese zur Stützung einer erwei terten Argumentation zur Erzielung eines analytischen Mehrwertes zur Anwendung bringt, ist es erforderlich, sich mit drei sehr grundlegenden Problemstellungen der Internationalen Beziehungen zu befassen, die hier als die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen bezeichnet werden sollen. Konkret handelt sich ers tens um das Problem der Auswahl der geeigneten Analyseebene (L evel o f Analysis Problem), zweitens um das Problem von Rolle, Einfluss und wechselseitigem Ver hältnis von Akteur und Struktur auf internationaler Ebene (Agent-Structure-Problem) 99 und drittens um die Frage nach der Beschaffenheit des internationalen Systems selbst, dass traditionell als anarchisch beschrieben wird, um es von hierarchischen Systemen zu differenzieren (Anarchy-Hierarchy-Probkm). 2.3 Grundlage der eklektischen Auswahl der Theorieelemente: Die drei Basisprobleme der Internationalen Beziehungen Dabei stellt sich zunächst die Frage, weshalb es genau diese drei genannten Basis probleme sind, mit welchen eine tiefergehende Auseinandersetzung erfolgen muss, um die hier vorgenommene Theoriefortbildung unternehmen zu können. Betrach tet man hierzu nochmals die konkrete Zielsetzung, nämlich die Begründung einer theoriebasierten Erklärung zwischenstaatlichen Verhaltens, dann zeigt sich, dass die genannten Problemkreise jeweils unmittelbar betroffen sind und nur eine umfas sende Auseinandersetzung mit diesen die Möglichkeit eröffnet, unterschiedliche Theorien und deren Argumente zielgerichtet auszuwählen und zielführend in den neuen, erweiterten Erklärungsansatz einzupassen. Wie eingangs dargelegt, versteht sich der hier näher zu bestimmende theoretische Erklärungsansatz als interpretativ realistisch, womit einerseits auf die Bedeutung der im Rahmen des strukturrealistischen Denkens zentralen Rolle von Struktur ausprägung und damit zusammenhängend nationaler Sicherheit und andererseits auf die Bedeutung, welche die spezifische Interpretation dieser Struktur durch den handelnden Akteur für das empirisch erkennbare zwischenstaatliche Verhalten hat, als die entscheidenden Komponenten verwiesen wird. Mit anderen Worten geht es um die Interpretation der internationalen Struktur durch den Akteur Staat, dessen international wirksamen Handlungen Gegenstand der Erklärung sein sollen. Allein diese einfachste mögliche Darstellung deutet darauf hin, dass sowohl Akteur als auch Struktur, sowie die wechselseitige Beziehung zwischen diesen beiden Größen näher zu bestimmen ist. Das gilt darüber hinaus auch für die Größen des nationa len Interesses und der nationalen Sicherheit. Möchte man also die Interaktion von Akteur und Struktur als Einflussgröße bei der Erklärung zwischenstaatlichen Ver haltens berücksichtigen, so kommt man nicht umhin, sich näher mit dem Diskurs um das Agent-Structure-Problem zu befassen. Zugleich ist es jedoch auch erforderlich, die beiden Größen als solche zu betrachten. In einigen der bestehenden Theoriansätzen der Internationalen Beziehungen erscheint der Staat als zentraler Akteur im internationalen System als unitarisch, als sogenannte Black Box, deren innere Struk tur für die Erklärung zwischenstaatlichen Handelns nicht relevant sei, da einzig die Struktur des globalen Systems entscheide. Somit gilt es nicht nur zu klären, welchen Einfluss die Struktur per se hat, sondern auch wie und vor allem weshalb sie beim Akteur diesen Effekt bewirkt. Auf diese Weise ist es erforderlich, die Black Box 100 Staat zu öffnen, ohne dabei, wie dies bei anderen Theorien der Internationalen Be ziehungen der Fall ist, die strukturbasierten Argumente aus dem Auge zu verlieren. Da es, wie weiter oben konstatiert, um die Interpretation der Struktur durch den Akteur geht, ist zu klären, wie genau der Akteur operationalisiert ist, wie, von wem und wo genau welche Art der Interpretation stattfinden und weshalb diese auf eben die beobachtete Weise erfolgt. Somit kann es nicht nur um die Interpretation per se gehen, da eine solche weder im luftleeren Raum geschieht noch ex nihilo zur An wendung kommt. Einer Interpretation muss zunächst einmal die Wahrnehmung der Struktur vorausgehen, und auch diese ist, wie noch detailliert aufgezeigt wird, notwendigerweise perspektivisch, da sie zumindest teilweise von grundlegenden wie auch nachfolgend erfolgten Sozialisationsprozessen abhängt. Eine weitere Einfluss komponente ist aber auch, vor allem wenn man auf Individuen im Entscheidungs prozess abzielt, die naturgegebene Veranlagung, also das, was wiederholt als menschliche Natur bezeichnet wurde, was sich aber unter Rückgriff auf Konzepte etwa der differenziellen Psychologie als individuelle Persönlichkeitsmerkmale oder Charaktereigenschaften beschreiben ließe. An dieser Stelle zeigt sich dann auch ein weiteres Problem: Auf wen oder was ge nau soll bei der Analyse des Akteurs abgestellt werden? Den Staat per se, das han delnde Individuum, die Ausgestaltung des politischen Systems? Eine eindeutige Entscheidung hierzu, welche in den unterschiedlichen bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen bewusst zugunsten der einen oder anderen dieser Al ternativen vorgenommen wird, hat sich als nur bedingt ergiebig erwiesen, weil so notwendigerweise wesentliche Logiken und Erklärungsgrundlagen außen vor blei ben mussten. So wurde bislang zwar auf Einzelaspekte wie die Effekte bürokrati scher Strukturen oder die psychosozialen Besonderheiten bei Kleingruppenent scheidungen eingegangen, allerdings wurde diese bislang nicht in einem übergeord neten theoretischen Erklärungsansatz vereint wie dies hier erfolgt. Allerdings ist, um unbedenklich und ohne Gefahr der Beliebigkeit mehrere Einheiten der Binnen struktur des Staates in die Theoriebildung mit einbeziehen zu können, eine Ausei nandersetzung mit dem bisherigen Diskurs um das Problem der richtigen und sinnvollen A uswahl der Analyseebene erforderlich. Hierbei wird aber nicht nur die Dimension des Akteurs, sondern ebenfalls die des Systems und damit gewisserma ßen der Struktur erfasst. Das bedeutet dann aber auch, dass die Systemstruktur selbst einer Analyse zu unterziehen ist, was das dritte der Basisprobleme tangiert, nämlich das Problem des Verhältnisses von Anarchie und Hierarchie im internatio nalen System. Da die Systemausprägung der Anarchie als potenziell bedrohlich für die Einschätzung des staatlichen Fortbestandes angesehen wird, ist die Frage der nationalen Sicherheit berührt. Allerdings stellt sich mit Blick auf die empirische Realität der internationalen Be ziehungen durchaus die Frage, ob das internationale System tatsächlich immer und überall als anarchisch anzusehen ist oder ob es nicht einer Ausdifferenzierung be darf, welche Anarchie und die mit ihr verbundenen zwischenstaatlichen Interakti 101 onslogik relativiert, um so zwischenstaatliches Handeln präziser erfassen und erklä ren zu können. Zwar existieren Ansätze zur Überwindung der Anarchie Hierarchie-Dichotomie, jedoch hat sich die bisherige wissenschaftliche Auseinan dersetzung in dieser Frage als nur bedingt systematisch und nur wenig integrativ mit Blick auf bestehende alternative Ansätze zum Anarchieverständnis des interna tionalen Systems herausgestellt. Eine entsprechend systematische Aufarbeitung, welche eine maßgebliche Erklärungskomponente innerhalb der Theorieentwicklung zum Interpretativen Realismus hervorbringen soll, wird unter Anwendung des mo dellorientierten analytischen Eklektizismus in Auseinandersetzung mit dem bisheri gen Diskurs um das Anarchie-Hierarchie-Problem vorgenommen. Auf diese Weise kann eine grundlegende, strukturinduzierte Bedrohungslage besser erfasst werden als es bislang möglich war. Ergänzt wird dieser strukturseitige Analyseansatz durch den akteurseitigen, welcher nicht nur die spezifische Perzeption und Interpretation der jeweiligen Strukturausprägung erklärt, sondern zudem weitere intervenierende Variablen einbezieht, welche die zwischenstaatliche Handlung so theoretisch fun dierter als nur unter Rückgriff auf eine der Theorien oder einen der bisherigen syn thetisierten Erklärungsansätze ermöglicht. Aufgrund der Komplexität von Entscheidungszusammenhängen ist es nachvoll ziehbar, dass der alleinige Rückgriff auf Einzelparadigmen und Denkschulen, wie weiter oben ausführlich dargelegt, nicht zum Ziel führt, und auch die bisherigen Debatten und Wenden letztlich diese Entwicklung nur bedingt vorangebracht ha ben. Insgesamt zeigt sich also, dass eine systematische, analytisch-eklektisch basier te Theoriefortbildung sinnvollerweise nur auf Grundlage einer systematischen und aufeinander abgestimmten Auseinandersetzung mit den drei genannten zentralen Problemen, die die Internationalen Beziehungen schon lange beschäftigen, erfolgen kann. Diese ist zudem erforderlich, um die Grundlage für das bereits angesproche ne Problem der Näherbestimmung des nationalen Interesses beziehungsweise der nationalen Sicherheit zu ermöglichen, der in Zusammenhang mit Strukturausprägung des inter nationalen Systems und akteurspezifischen Entscheidungsprozessen auf der Mikro , Meso- und Makroebene des Akteurs (also bei den entscheidungsrelevanten Indi viduen und Kleingruppen, den beteiligten Akteuren der Bürokratie und im Kontext der Grundstruktur des Staates selbst), welche zu spezifischen Interpretationen und somit spezifischen, entscheidungsrelevanten Interessenausprägungen führen. Dabei ist dann zu beachten, dass Struktur und Akteur nicht nur in abstracto zu betrachten sind, sondern jeweils auch als Repräsentationen einer spezifischen historischen geographischen Konstellation fungieren. Sicherheit ist somit ebenfalls als relatives Konzept zu betrachten, das zwar als absolute Größe mit Blick auf die staatliche Motivation wirkt, die nationale Sicherheit stets als oberstes Ziel zu wahren, zugleich aber in seiner konkreten Ausprägung sehr unterschiedliche Dinge meinen kann, also nicht nur das bloße territoriale Überleben des Staates als per se existierende Entität. 102 Neben der Operationalisierung von Akteur und Struktur und der Darlegung der Interaktionslogik zwischen diesen Größen ist insbesondere auch die nationale Si cherheit als zentraler Ausdruck des den Staat motivierenden nationalen Interesses zu operationalisieren. Auch hier reichen die bisherigen Konzeptionen nicht aus, sodass ein begründeter Rückgriff auf Ansätze der Motivationspsychologie sinnvoll erscheint, um im Zusammenspiel mit den Erkenntnissen aus der Auseinanderset zung mit den Basisproblemen der Internationalen Beziehungen aufzeigen zu kön nen, wie und weshalb sich das Bedürfnis nach Sicherheit entsteht, wie es sich unter unterschiedlichen Bedingungen ausdrückt und was genau innerhalb einer spezifi schen Konstellation, einer spezifischen Strukturausprägung beziehungsweise einem spezifischen Anarchie-Hierarchie-Kontext genau Sicherheit beziehungsweise Be drohung ist, oder um es genauer zu sagen, was durch die relevanten Entscheidungs träger als solche interpretiert wird und damit letztlich zur zu erklärenden welcher zwischenstaatlichen Handlung führt. Angesichts des Geschilderten ist deutlich geworden, von welch zentraler Bedeu tung die Auseinandersetzung mit den drei genannten Basisproblemen der Interna tionalen Beziehungen ist, deren Diskurse im nachfolgenden Abschnitt näher be trachtet und mit Blick auf die Theoriefortbildung zum Interpretativen Realismus analysiert werden. Das Problem der Analyseebene “fBJasic questions about levels o f analyysis in international relations remain either unanswered o r unexplored” (Buyan 1995: 206) Zunächst einmal gilt es, die außerordentliche Bedeutung des Konzepts der Analy seebene für die Internationalen Beziehungen hervorzuheben. Da sich dieses Kon zept explizit auch auf das globale System als eine mögliche Analysegröße bezieht, wird ihm mitunter sogar eine für das Selbstverständnis der Disziplin konstituieren de Bedeutung zugesprochen, wie Buzan (1995: 201) darlegt: “The system level [ ...] had the attraction that it increased the disünctiveness o f international rela tions as a field, and gave it some hope o f establishing a claim to be a discipline in its own right.” Aber auch auf praktischer Ebene hat sich das Konzept als von großer Bedeutung erwiesen, indem es die grundsätzliche Theoriedebatte auf dem Gebiet der Interna tionalen Beziehungen kanalisiert und vorangetrieben hat. Dabei war maßgeblich, dass es das Konzept ermöglichte, die Komplexität des Forschungsgegenstandes auf sinnvolle Weise zu untergliedern und so überhaupt es einmal eine Vorstellung da von zu gewinnen, was die Größe internationales System eigentlich bedeutet. Hierbei hat die Frage nach der Analyseebene die bis heute andauernde Auseinandersetzung mit den (noch immer) epistemologischen und ontologischen Aspekten der Diszip lin angeregt und immer wieder vorangetrieben, wobei die Frage nach dem geeigne 103 ten Erklärungsansatz ebenso Gegenstand der Diskussion war wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen ideellen und materiellen Faktoren. Insgesamt hat das Konzept dazu beigetragen, den Theoriediskurs in den Internationalen Beziehungen maßgeblich mitzubestimmen (Buzan 1995: 214 f.). Zentral in der ursprünglichen, jedoch bis heute grundsätzlich prägenden Strukturierung des Level-of-Analysis- Problems in den Internationalen Beziehungen sind vor allem drei Theoretiker: Kenneth Waltz, Morton Kaplan und J. David Singer (Hollis/Smith 1990: 97 ff.). Während Waltz die Systemebene zur Grundlage seiner Argumentation macht, liegt der Fokus von Kaplan auf der Ebene des Akteurs. Diese Polarität löste eine bis heute andauernde Debatte aus, welche zudem in engem Zusammenhang mit weite ren Basisproblem der Internationalen Beziehungen steht und sich letztlich darum dreht, welche Implikationen hinsichtlich zwischenstaatlichen Handelns die Beschaf fenheit beziehungsweise mögliche Ausprägungen des internationalen Systems auf weist. Um sich dieser weiterführenden Fragestellung zu nähern und zwischenstaat liches Verhalten erklären zu können, muss zunächst die geeignete Analyseebene gefunden werden. Basierend auf dem Diskurs von Waltz und Kaplan lenkte J. Da vid Singer (1969: 20; vgl. auch 1961) die Aufmerksamkeit der Disziplin auf dieses Problem und seine grundlegende Bedeutung: „Whether in the physical or social sciences, the observer may choose to focus upon the parts or upon the whole, upon the components or upon the system. [...] Whether he selects the micro- or macro-level o f analysis is ostensibly a mere matter o f methodological or conceptual convenience. Yet the choice often turns out to be quite difficult, and may well become a central issue within the discipline concerned“. Betrachtet man die Argumente Singers, so zeigt sich, dass zur Analyse zwischen staatlichen Handelns grundsätzlich drei unterschiedliche Analyseebenen zur Verfü gung stehen: das gesamte Weltstaatensystem, ein einzelner Staat oder das Individu um. Hierbei stellt das Weltsystem die am weitesten gespannte jedoch zugleich auch am wenigsten in die Tiefe reichende Analyseebene dar. Die Analysepotenziale, die aus der Fokussierung auf das Gesamtsystem erwachsen, liegen auf der Hand: „By focusing on the system, we are enabled to study the patterns o f interaction which the system reveals, and to generalize about such phenomena as the creation and dissolution o f coalitions, the frequency and duration o f specific power configurations, modifications in its stability, its responsiveness to changes in formal political institutions, and the norms and folklore which it manifests as a societal system. In other words, the systemic level o f analysis, and only this level, permits us to examine international relations in the whole, with a comprehensiveness that is o f necessity lost when our focus is shifted to a lower, and more partial level” (Singer 1969: 22). Obgleich das weltpolitische Geschehen durch den systemischen Ansatz in seiner zumindest oberflächlichen Gesamtschau erfasst werden kann besteht die Gefahr, dass der Einfluss des Systems auf die Akteure, sei es Staaten, Institutionen, Indivi duen etc., allzu leicht überschätzt und im Gegenzug die Möglichkeiten, welche die Akteure auf das System ausüben können, entsprechend allzu leicht unterschätzt werden könnten (vgl. etwa auch Singer 1969: 22). Hinzu kommt das Risiko, den 104 Akteuren eine allzu große Uniformität zuzuschreiben. Dies wird nicht nur bei Waltz' neorealistischer Annahme von Staaten als Like-Units deutlich, sondern ebenso in der Annahme des Klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau, wo nach alle Staatsmänner auf identische Weise unter der Prämisse eines in Machtkate gorien definierten nationalen Interesses dächten und handelten (Singer 1969: 23; vgl. zudem Morgenthau 1960: 5-7). Auf diese Weise kann die Wahl der systemi schen Analyseebene eine übermäßig vereinfachende Analysegrundlage bewirken. Eine ausschließliche Konzentration auf das System hat somit zur Folge, dass nicht nur alle Staaten als dem Prinzip nach gleich angesehen werden, sondern auch, dass die Vorgänge innerhalb von Staaten als irrelevant für deren Aktionen auf internati onaler Ebene erscheinen. Die hiermit zusammenhängende Vorstellung des Staates als sogenannte Black Box geht dabei auf behavioristische Reiz-Reaktions-Muster zurück, in denen der Beobachter vernachlässigt, was im beobachteten Individuum vor sich geht und sich stattdessen auf die Korrelation von Reiz und Reaktion be schränkt, da nur diese beiden Größen als empirisch verifizierbar angesehen werden. Kognition, Wahrnehmung und andere mentale Prozesse hingegen werden indessen ausgeblendet. Somit wird der Staat als zentraler Akteur nur nach seinen Reaktionen auf systemische Stimuli hin untersucht, während die Perzeptionen etc. des Staates beziehungsweise der für ihn handelnden Individuen und Gruppen außen vor blei ben (Singer 1969: 23,1960; Snyder 1961; Wolfers 1959). Zwar lässt sich kaum bestreiten, dass die Annahme hochgradig homogenisierter Akteure analytisch auf den ersten Blick durchaus Vorteile aufweist, indem, wie Sin ger (1969: 23) ausführt „it permits us to observe and measure correlations between certain forces or stimuli which seem to impinge upon the nation and the behavior patterns which are the apparent consequence o f these stimuli”. Allerdings wird be reits an dieser Stelle ein gewichtiges Problem erkennbar, wie auch Singer feststellt, wenn er betont, dass die Verhaltensmuster die ,apparent consequence' spezifischer Stimuli seien. So mag auf einen Reiz in einem bestimmten Fall durchaus eine spezi fische Reaktion folgen — ob der empirisch erkennbare Reiz dabei auch die tatsächli che Ursache der Reaktion ist, ist damit noch nicht gesagt. Trotz dieser Probleme ar gumentiert das die Disziplin lange dominierende neorealistische Paradigma syste misch — und steht damit keineswegs allein da. So betonen nämlich etwa auch Hollis und Smith (1990: 5; vgl. ferner Dunne 1995: 369) in ihrem sogenannten Holismus- Konzept die Bedeutung der Systemstruktur als determinierender Faktor zwischen staatlicher Beziehungen. Uber Singer hinausgehend weist Waltz dem System, wel ches er zur Analyseebene erwählt, eine spezifische ordnungsbestimmende Eigen schaft zu: Anarchie. Zugleich unterscheidet Waltz in seinem Argument explizit zwi schen permissive cause und ejjicient cause, was darauf hinweist, dass die (anarchische) Struktur zwar als ein wesentlicher Erklärungsfaktor für die Funktionsweise der in ternationalen Beziehungen anzusehen ist, jedoch keineswegs notwendigerweise als einziger Erklärungsfaktor für außenpolitisches Verhalten. So erkennt Waltz die Dif ferenziertheit der Staaten als effektiven Faktor konkreter außenpolitischer Entschei dungen an, die jedoch letztendlich und dem Prinzip nach auf die anarchischen 105 Strukturbedingungen des Systems zurückzuführen sind. Da es Waltz lediglich um die — wie er es sieht — Prinzipien der Funktionsweise der internationalen Beziehun gen geht, beschränkt sich Waltz auf nur eine Analyseebene. Dieser Ansatz hat sich in seiner Analysekraft allerdings als beschränkt erwiesen. Statt dessen erscheint ein alternativer Ansatz, der eine synchronen Multiperspektivanalyse zum Gegenstand hat und bei dem somit nicht nur das Verhältnis von Akteur und System wie bei Singer oder das Verhältnis von Akteur und Strukturkomponente des Systems wie bei Waltz zugrunde gelegt wird, sondern das Verhältnis von Akteur und System in die multiperspektivische Analyse von Agent und Systemstruktur einerseits und Agent und Systemkonstellation andererseits zerlegt werden, wobei sowohl Agent als auch Struktur ihrerseits eine differenzierte Behandlung erfahren, um zwischen staatliches Verhalten zu erklären, als deutlich vielversprechender. Dabei wird davon ausgegangen, dass weder auf die Berücksichtigung des Gesamtsystems noch auf die Einbeziehungen des Innenlebens der Akteure verzichtet werden kann. Denn an hand der Wahl der letztgenannten Analyseebene kann die Differenziertheit der Einheiten aufgezeigt werden: „Its most obvious advantage is that it permits significant differentiation among our actors in the international system. Because it does not require the attribution o f great similarity to the national actors, it encourages the observer to examine them in greater detail. The favorable results o f such intensive analysis cannot be overlooked, as it is only when the actors are studied in some depth that we are able to make really valid generalizations o f a comparative nature. And though the systematic model does not necessarily preclude comparison and contrast among the national sub systems, it usually eventuates in rather gross comparisons based on relatively crude dimensions and characteristics” (Hollis/Smith 1990: 24). Allerdings ist der klassische Ansatz die Entscheidung zugunsten nur einer der mög lichen Analyseebenen, was auch bei der Wahl des Staates als Analyseebene Risiken birgt. Diese bestehen etwa in einer möglichen Uberdifferenzierung der Analyseein heit sowie der nicht hinreichenden Berücksichtigung strukturbedingter Einflussfak toren (Hollis/Smith 1990: 24). Die Fokussierung auf die innerstaatliche Ebene be wirkt, dass Außenpolitik ausschließlich als Determinante der politischen, ökonomi schen und sozialen Binnenverhältnisse des Akteurs erscheint (Waltz 2001: Kapitel 4, 5). Neben diesem sogenannten Trugschluss des Second Image führt eine über mäßige Differenzierung zwischen den Akteuren nicht nur zu einer möglichen Ver zerrung der Prozessanalyse, sondern auch zum Phänomen des „Ptolemaic patrochialism“ (Singer 1969: 24), einer verzerrten normativen Bewertung von Akteuren und Prozessen. Indem nämlich die Verschiedenheiten der unterschiedlichen Natio nalstaaten überbetont werden, besteht die Gefahr, dass Vieles von dem, was der Analyst (häufig unbewusst) als Tugenden erachtet, seiner eigenen Nation zuzu schreiben, wohingegen das, was als Untugenden angesehen wird, als Attribut der anderen Nationen, insbesondere solcher, die zu als Gegners gelten, herauszustellen. So wurde etwa zu Zeiten des Kalten Krieges die Welt in vielen Studien ausschließ lich aus Sicht westlicher, insbesondere US-amerikanischer Werte und Interessen, welche als normativ richtig und letztlich von universeller Gültigkeit dargestellt wur 106 den, repräsentiert, während der Sowjetunion in dieser Hinsicht eine einseitig nega tive Beurteilung zuteilwurde (Singer 1969: 24). Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur die Wissenschaft, sondern insbesondere auch die politischen Akteure selbst. Somit es geboten, dass der Analyst sich beider Aspekte bewusst sein muss: seiner eigenen selektiven Wahrnehmung wie auch der seines Analyseobjekts. Perzeption und Interpretation von positiven Strukturen seitens des betrachteten Akteurs wer den somit zu zentralen, jedoch bislang regelmäßig vernachlässigten Analysegrößen. Hierzu ist es erforderlich, etwa die kollektive wie individuelle Sozialisation des zu analysierenden Objektes sowie dessen Situation in der Systemkonstellation zu be rücksichtigen. Dies gilt umso mehr, weil die Wahl der Analyseebene Staat gleichsam zwangsläufig die Frage nach Motivation des Staates erhebt. Dieser Aspekt jedoch bleibt insbesondere seitens des klassischen Realismus regelmäßig unberücksichtigt. Beim Blick auf staatliche Motivation geht es lediglich um die Frage von Erwerb, Einsatz, Mehrung oder Verlust von Macht. Zwar geht es beim Neorealismus nicht mehr um Macht als Selbstzweck, sondern vielmehr von Machtmaximierung als Mit tel zum Zwecke der Maximierung von Sicherheit für den einzelnen Staat (auch wenn diese durch die absolute Akkumulation von Macht potenziell gefährdet wird, da sie zugleich von den anderen Akteuren als Bedrohung wahrgenommen wird). Doch auch hier gilt: Obwohl immer wieder versucht wurde, M acht sowohl konzep tuell wie auch quantitativ zu bestimmen — man denke an dieser Stelle etwa an Max Webers Machtbegriff oder die Darlegung des Konzepts der capabilities bei Waltz — ist es bislang doch unterblieben, das eng mit der für den Neorealismus zentralen Größe der nationalen Sicherheit zusammenhänge nationale Interesse als komplexe Einheit zu operationalisieren. Vielmehr lässt sie die bis heute gültige Argumentation so zusammenfassen: Aufgrund der anarchischen Struktur des internationalen Sys tems muss jeder Staat sein eigenes Überleben sicherstellen. Hierzu benötigt er aus reichend Macht. Ein Zuviel an Macht kann gefährlich werden. Um die Sicherheit des Staates zu gewährleisten, benötigt dieser die in einem Mächtegleichgewicht ma ximal mögliche Macht. Sicherheit ist hier letztlich Überleben beziehungsweise die Unversehrtheit der territorialen Grenzen. Macht wird verstanden als die hierzu nö tigen Kapazitäten, allen voran die Streitkräfte und den hierfür erforderlichen militä risch nutzbaren industriellen Komplex. Doch hat sich immer wieder gezeigt, dass auf diesem Konzept basierende Analysen von nur beschränkter Aussagekraft wa ren. Denn mag das außenpolitische Handeln eines Staates auch letztendlich an sei ner Sicherheit und in allerletzter Konsequenz auch an seinem tatsächlichen Überle ben orientiert sein, so ist bislang unterblieben, konzeptionell aufzuzeigen, was ein Staat zu einem bestimmten Zeitpunkt x tatsächlich als das zu verteidigende nationa le Interesse betrachtet. Gewiss existieren zahlreiche historische Beschreibungen, die Ursachenbündel aufzeigen, die etwa zu einem bestimmten Krieg geführt haben, jedoch sind dies stets Beschreibungen von Einzelfällen, welche von Seiten modell orientierter Analysten als Anomalien abgetan wurden oder völlig undifferenziert als das nationale Interesse zusammengefasst wurden, ohne sein Zustandekommen und 107 seine genaue Zusammensetzung näher zu bestimmen. Wenn Singer bei der Be trachtung des Staates als Analyseebene etwa nach der planvollen Zielgerichtetheit staatlichen Handelns fragt, weist er in eine richtige Richtung, da es nicht nur auf die Komplexität des nationalen Interesses selbst verweist, sondern zugleich die Prob lematik anklingen lässt, ob die dem nationalen Interesse zugrundeliegenden Ein flussfaktoren lediglich aus dem Staat erwachsen oder doch auch dem System, kon krete dessen Struktur geschuldet sind: „The question would seem to distill down to whether man and his societies pursue goals o f their own choosing or are moved toward those posed upon them by them by forces which are primarily beyond their control. Another way o f stating the dilemma would be to ask whether we are concerned with the end which men and nations strive for or the ends toward which they are impelled by the past and present characteristics o f their social and physical milieu. Obviously, we are using the terms ‘ends’, ‘goals’, and ‘purpose’ in two rather distinct ways; one refers to those which are consciously envisaged and more or less rationaüy pursued, and the other to those which the actor has little knowledge but toward which he is nevertheless propelled (Singer 1969: 25)”. Singer berührt hier letztlich die grundsätzliche Debatte, ob ein freier Wille existiert oder ob die Handlungen von Akteuren prinzipiell determiniert sind. Er selbst nimmt eine mittlere Position ein, wenn er darlegt, dass „nations move toward outcomes of which they have little knowledge and over which they have less control, but that they nevertheless do prefer, and therefore select, particular outcomes and attempt to realize them by conscious formulation of strategies” (Singer 1969: 25). Eine wesentliche Erkenntnis Singers ist somit, dass Staaten prinzipiell in der Lage sind, rational zu handeln und spezifische Ziele zu verfolgen. Zugleich kann er aber darlegen, dass es durchaus Faktoren gibt, die einen Einfluss auf staatliches Handeln ausüben können, ohne dass diese von den Staaten auch nur potenziell kontrolliert werden könnten. Zudem gilt es in diesem Zusammenhang, wie weiter unten noch gezeigt wird, Erkenntnisse aus dem Bereich der kognitiven Psychologie, das Kon zept der Bounded Rationality oder den Ansatz der poliheuristischen Entschei dungsfindung, zu berücksichtigen. Jene Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit sind von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, auch wenn Singer hierzu keine weiteren Ausführungen anstellt. Im hier entwickelten theoretischen Erklärungsansatz des Interpretativen Realismus jedoch geht es genau darum, sowohl die Aspekte zu be rücksichtigen, die in den Bereich vorsätzlichen, bewussten rationalen staatlichen Handelns fallen als auch auf diejenigen Aspekte einzugehen, welche staadiches Handeln (ko-)determinieren, ohne dass sie von den Staaten beziehungsweisen den sie repräsentierenden Akteuren beeinflussbar oder überhaupt bewusst sind. Die gleichzeitige Berücksichtigung muss dabei durch eine Methode der synchronen Multiperspektivanalyse, wie sie oben schon angedeutet wurde, realisiert werden. Damit das gelingen kann, ist es ebenfalls erforderlich, das oben beschriebene Defi zit des bislang nur unzureichend operationalisierbaren nationalen Interesses, auszu räumen. Hierfür wird in Anlehnung an die Motivationspsychologie Maslows eine staatliche Bedürfnispyramide oder auch Pyramide des erweiterten nationalen Si 108 cherheitsinteresses entwickelt, mit deren Hilfe das nationale Interesse in verschie dene Bestandteile aufgeschlüsselt und hierarchisiert wird. Auch Singer stellt die Frage, was Staaten motiviert, also wie und weshalb bestimmte Staaten bestimmte Ziele verfolgen. Für ihn ist es geradezu die zentrale Aufgabe der akteurzentrierten Analyseebene, die Prozesse zu verstehen, in denen nationale Ziel setzungen herausgearbeitet werden, und dabei zu erkennen, welche internen und externen Faktoren auf ebendiese Prozesse einwirken beziehungsweise welchem in stitutionellen Rahmenwerk sie erwachsen (Singer 1969: 25). Hierbei verweist er ausdrücklich darauf, dass sowohl Ziele als auch Motivationen gleichermaßen ab hängige und unabhängige Variablen sind, sodas wir, wenn wir das zwischenstaat liche Verhalten eines Staates erklären wollen, uns nicht nur auf die Analyse der Formulierung der staatlichen Ziele beschränken können, sondern vielmehr gez wungen sind, einen Schritt weiter zurück zu gehen und die Entstehung des außen politischen Prozesses selbst als zu untersuchende Variablen im Verstehen der interntionalen Beziehungen begreifen müssen (Singer 1969: 26). Was hierbei aller dings die Genese der Faktoren anbelangt, so ist keineswegs gesagt, ob diese allein im Bereich des Akteurs zu finden ist, oder aber ob nicht ebenso die Struktur eine Rolle spielt. Dies gilt umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass der Staat ein komplexes, mehrschichtiges Konstrukt darstellt, innerhalb dessen sich gleichsam zwei Analyseebenen begegnen, welche ihrerseits unterschieden werden müssen. Derartige Aspekte müssen bei der Theoriefortbildung und einer darauf basierenden Modellentwicklung berücksichtigt werden, damit der Interpretative Realismus der Forderung Singers gerecht werden und den erforderlichen Schritt gehen kann, auf zuzeigen, weshalb bestimmte Aspekte zu ausschlaggebenden Variablen im außen politischen Handeln von Staaten werden. Dies erfordert auch eine intensive Be rücksichtigung der individuellen Analyseebene und insbesondere der Einbeziehung jüngster Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften und ins besondere der Neuropsychologie. Das gilt auch und gerade vor dem Hintergrund des sogenannten „phenomenological issue“ (Singer 1969: 26), den Singer (1969: 26) unter Anspielung auf Edmund Husserl in diesem Zusammenhang thematisiert, in dem er die auch für die Überlegungen des Interpretativen Realismus zentrale Frage in den Raum stellt: „[D]o we examine our actor’s behavior in terms o f the objective factors which allegedly influence that behavior, or do we do so in terms o f the actor’s pen ep tion s o f these ‘objective factors’? [ . ] One view holds that individuals and groups respond in a quasi-deterministic fashion to the reali ties o f physical environment, the acts or power o f other individuals or groups, and similar ‘objec tive’ and ‘real’ forces and stimuli. An opposite view holds that individuals and groups are not influenced in their behavior by such objective forces, but by the fashion in which these forces are perceived and evaluated, however distorted or incomplete such perceptions may be.” Es soll und kann dies nicht der Ort sein, eine intensive Auseinandersetzung dieser zwei philosophischen Grundpositionen zu führen. Jedoch ist es durchaus von Be deutung, sich einen grundlegenden Zusammenhang von objektiver Realität und 109 deren Wahrnehmung bewusst zu machen. Singer vermag es, diesen Zusammen hang in eine gleichermaßen einfache wie eindrucksvoll Analogie zu kleiden: Ein Mensch, der aus einem Fenster der obersten Etage eines zehnstöckigen Gebäudes heraustritt, wird aufgrund der Gravitationskraft zu Boden stürzen — und zwar un abhängig von seiner Wahrnehmung. Andererseits ist die Wahrnehmung dieses Um standes ein gewichtiger Faktor bei der Entscheidung eines Menschen, ob er aus einem entsprechenden Fenster heraustritt oder nicht (Singer 1969: 26). Sowohl ob jektive Kräfte als auch deren subjektive Wahrnehmung spielen also eine jeweils ei genständige Rolle. Trotz der äußerst wichtigen Einsichten hat Singer — ebenso we nig wie Kaplan oder Waltz — die Debatte um die Wahl der geeigneten Analyseebene nicht zu einem Abschluss bringen können. Vielmehr dauert die Auseinanderset zung darum bis heute an und hat bereits eine Vielzahl von Diskursbeiträgen ge bracht, ohne dass es zu weiterreichenden Veränderungen gekommen wäre (Buzan 1995: 209; Ruggie 1986: 141-148; Keohane 1986a: 190-197; Keohane/Nye 1987: 746; Cox 1986: 220). Dabei lassen sich insbesondere zwei bislang nicht abschlie ßend gelöste Themenkomplexe ausmachen: Einerseits geht es um die Frage, wie viele und welche Analyseebenen es geben soll, andererseits geht es um die Frage, anhand welcher Kriterien genau diese Ebenen definiert und voneinander abge grenzt werden können (Buzan 1995: 201 f.). In engem Zusammenhang mit diesen beiden Komplexen steht ein dritter Aspekt, der von Relevanz ist, sobald ein Schema festgelegt ist, welches die Ebenen hinrei chend erfasst. Hierbei geht es um die Frage, wie die Ergebnisse der Untersuchun gen der einzelnen Ebenen wieder zusammengeführt werden können um ein umfas sendes, sozusagen ganzheitliches Verständnis zu erlangen, welches mehr ist als nur die Summe der Teile (Buzan 1995: 202). Betrachtet man sich den wissenschaftsthe oretischen Hintergrund der Diskurse, so stehen sich zwei epistemologische Positi onen gegenüber, die jeweils unterschiedliche Perspektiven repräsentieren. Einerseits handelt es sich um eine atomistische Auffassung, andererseits um eine holistische. Diese an sich im gesamten Feld der Sozialwissenschaften existierende Auseinander setzung hat auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen in Form der Gegen überstellung von Reduktionismus und Systemismus ihren Niederschlag gefunden. Während beim atomistischen Reduktionismus das Ganze zur Analyse in seine Teile zerlegt wird, wobei jedes Teil isoliert betrachtet und die Ergebnisse dann unter der Annahme zusammengetragen werden, dass das Verständnis des ganzen auf der Summe der Teilergebnisse beruht, wird beim holistischen Systemismus davon aus gegangen, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielmehr stehen die einzelnen Teile nicht für sich, sondern werden von den Strukturen, die das System ausmachen, beeinflusst beziehungsweise bestimmt. Aufgrund der strukturellen Komponente gilt im Systemismus ein reduktionistischer Ansatz als nicht hinrei chend. Die Vertreter des Reduktionismus indes gehen davon aus, dass alle struktu rellen Erklärungen letztlich auf individualistische Erklärungen reduzierbar sind (Buzan 1995: 199 f.). Im Kontext von epistemologischer Debatte um Holismus und Reduktionismus und der Frage nach der geeigneten Analyseebene stoßen so 110 mit zwei Erklärungsparadigmen für staatliches Handeln im internationalen System zusammen, nämlich die Systemanalyse der Internationalen Beziehungen und die an innerstaatlichen Prozessen und psychologischen Faktoren handelnder Individuen und Gruppen orientierte Außenpolitikanalyse. Das Problem beider Ansätze ist hierbei die jeweilige Ausschließlichkeit der zugrunde gelegten Erklärungsfaktoren. Der in dieser Arbeit verfolgte Ansatz soll beide Ansätze näher aneinander führen. Obwohl er das strukturelle Element stark betont, spielen Akteurfaktoren, sofern sie mit der Perzeption und Interpretation der Struktur zu tun haben, eine wichtige Rol le. In der heutigen Theorie der Internationalen Beziehungen weit verbreitet ist die Annahme der Existenz dreier Analyseebenen, nämlich die individuelle Ebene der Entscheidungsträger, die Ebene der staatlichen Einheit (oft auch als Unit bezeich net) und die Ebene des Gesamtsystems, wobei regelmäßig jeweils nur eine spezifi sche Ebene zur Analyse herangezogen wird (Yurdusev 1993: 80 ff.). Neben diesem Grundmodell existieren Ansätze, die weitere Unterteilungen vornehmen. Während einige Theoretiker noch eine Bürokratieebene zwischen individueller und Unit Ebene einführen, erweitern andere das Modell um eine Prozessebene zwischen Unit und System, um so zwischen Erklärungen, die auf dem Wesen der Units be ruhen und solchen, die auf den Interaktionen zwischen den Units basieren, unter scheiden zu können (Buzan 1995: 203; Buzan/Jones/Little 1993: Kap. 5; Jervis 1976: 15; Hollis/Smith 1990: 7 ff.). Zudem wird bei einigen Ansätzen die System ebene selbst ebenfalls weiter unterteilt wird, entweder in Struktur und Interaktionsfä higkeit im Sinne von Transport und Kommunikation oder in zwischenstaatliche Ver bindungen und Welt als Gesamtheit (Buzan 1995: 203; Buzan/Jones/Little: Kapitel 4; Yurdusev 1993: 82). Nicht zuletzt gibt es noch Theoretiker, welche völlig unter schiedliche Vorstellungen von Analyseebene haben, so etwa Rosenau (1966: 43), der eine idiosynkratrische Analyseebene, eine Rollenebene, eine Regierungsebene, eine Gesellschaftsebene und eine Systemebene einführt. Die genauen Differenzie rungen bei all diesen Erweiterungen sind allerdings weniger wichtig als der Um stand, dass es sich hierbei letztlich immer wieder um den Ausdruck eines ungelös ten Konfliktes zwischen ontologischen und epistemologischen Ansätzen handelt: Während der erste Ansatz davon ausgeht, dass Analyseebenen einfach nur ver schiedene Analyseeinheiten darstellen, versteht letzterer darunter Variablen, welche spezifisches Akteursverhalten erklären (Moul 1973: 495; Buzan 1995: 203). Im Falle des ontologischen Ansatzes werden die als Analyseeinheiten verstandenen Analyse ebenen gemäß ihrer räumlichen Gliederung vorgestellt, also etwa von der individu ellen Analyseeinheit zum Gesamtsystem, wobei, wie aufgezeigt, eine Vielzahl von Unterteilungsmöglichkeiten existiert. Analyseebenen stellen somit Orte da, wo so wohl die Ursachen als auch die Ergebnisse der Analyse verortet werden können. Somit lassen sich die Analyseebenen des ontologischen Ansatzes auch besser als „ontological referents rather than sources o f explanation in and of themselves“ (Buzan 1995: 204) beschreiben. Der epistemologische Ansatz indes versteht unter Erklärungsebenen verschiedene Erklärungsarten für empirisch beobachtete 111 Phänomene. Obwohl das Netz der Erklärungsarten dabei grundsätzlich sehr weit ausgeworfen werden kann — „[i]n principle, anything that can be established as a distinct source o f explanation can qualify (Buzan 1995: 204) — lassen sich in der relevanten Theorielandschaft der Internationalen Beziehungen drei zentrale Ursa chenbereiche ausmachen: erstens die Struktur, zweitens der Prozess und drittens die Interaktionsfähigkeit. Unter Struktur wird dabei das Prinzip verstanden, nach dem die Einheiten des Systems arrangiert sind, wobei ihr relatives Verhältnis zuei nander von großer Bedeutung ist. Prozesse sind die Interaktionen zwischen den Einheiten. Hierbei von Interesse sind vor allem stete oder sich wiederholende Mus ter, also, wie die Einheiten tatsächlich angesichts diverser intervenierender Faktoren miteinander interagieren. Dabei wird die Struktur ebenso als intervenierender Fak tor betrachtet wie auch die Interaktionskapazität. Letztere wird als Ebene von Kommunikation und Transport innerhalb des Systems bezeichnet. Gegenstand der diesbezüglichen Betrachtungen ist die Frage, wie viele Güter und Informationen über, wie schnell und zu welchen Kosten über welche Distanzen befördert werden können. Barry Buzan zeigt auf, dass die Größen des ontologischen und des epistemologischen Ansatzes prinzipiell als Komponenten einer einheitlichen Betrachtung zusammengeführt werden können. Somit ist es im Prinzip für alle räumlich defi nierten Analyseebenen — von der individuellen bis zum Gesamtsystem — möglich, die jeweiligen Ursachenfaktoren zur Anwendung zu bringen. Daher gilt, dass “structures, process and interaction capacity can be found as sources o f explanation in individuals, states and the international system” (Buzan 1995: 205). Zumindest theoretisch lässt sich somit auf diese Weise ein höheres Maß an konzeptioneller Klarheit erreichen. In der Forschungspraxis hingegen sieht vieles noch anders aus. Ein Aspekt, anhand dessen die bestehenden Defizite im Bereich der Analyseebene besonders deutlich zu Tage treten, ist die fehlende beziehungsweise ungenaue Dif ferenzierung zwischen den Aspekten System und Struktur, was insbesondere auch im Werk von Kenneth Waltz erkennbar ist, der die Begriffe System und Struktur sy nonym verwendet (Buzan 1995: 105, 208; Buzan/Jones/Little 1993: 22-28). Das mag aus seiner Sicht heraus schlüssig sein, da das internationale System stets eine anarchische Struktur aufweist, erscheint jedoch bei näherer Betrachtung der empiri schen Realität des internationalen Systems als zumindest fragwürdig. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Wesen von Struktur und dem Zusam menhang von Struktur und System. Buzan (1995: 210) versucht eine negativ abge grenzte Definition des Strukturbegriffs, indem er etwa konstatiert, dass „[i]nteraction capacity is about the technological capabilities, and the shared norms and organizations, on which the type and intensity o f interaction between units in the system, or within a unit, depend. These things clearly fall outside the meaning o f structure.” Buzan behauptet also, dass geteilte Normen und Institutionen nicht als Struktur merkmale anzusehen sind. Diese Aussage ist in doppelter Hinsicht problematisch. Zum einen zeigt sie nicht auf, was Strukturen sind, zum anderen ist fraglich, ob nicht doch ein Zusammenhang besteht zwischen geteilten Normen und Institutio 112 nen und der Art der Struktur. Bei der soeben geschilderten Auseinandersetzung mit dem Problem der Analyseebene ist deutlich geworden, dass nur ein Ansatz, der die verschiedenen Analyseebenen sinnvoll miteinander verbindet, in der Lage ist, der Komplexität der internationalen Beziehungen gerecht zu werden und besser als bisher, staatliches Handeln zu erklären. Einen solchen gilt es indes noch zu entwi ckeln. A uf beide Aspekte verweist etwa auch Buzan (1995: 212 f.): “The important issue in international relations theory is which units o f analysis and which sources o f explanation tell us most about any given event or phenomenon. No one level o f unit or source of explanation is always dominant in explaining international events. [ ...] In this per spective, the question o f which level is winning (or losing) is not a very interesting one except in relation to some specific phenomenon to be explained. In international relations generally, all the levels are powerfully in play. The important theoretical question is: i f two or more units and sources o f explanation are operating together, how are their different analyses to be assembled into a whole understanding? To this there is yet no clear answer.“ Auch andere Theoretiker der Internationalen Beziehungen — darunter Waltz — ver treten die Auffassung, dass die Erklärungen der verschiedenen Analyseebenen zu sammengeführt werden sollten. Allerdings wird nirgendwo klar dargelegt, auf wel che Weise dies praktisch beziehungsweise methodologisch geschehen soll (Buzan 1995 213; Moul 1973: 499; Hollis/Smith 1990: 6 f.). In diesem Kontext verweist Buzan (1995: 213; vgl. zudem Buzan/Jones/Little 1993: Kapitel 6, 7; Giddens 1984; Wendt 1987.) zudem auf die hiermit eng zusammenhänge Debatte um die Beziehung von den Akteuren und der Struktur. Somit stellt die Frage der Analyse ebene zugleich auch den Ausgangspunkt dar, von dem aus sich weitere, analytisch als eigenständig betrachtete, jedoch de facto eng miteinander verwobene Problem kreise entfalten. Hierbei handelt es sich einerseits um die Frage nach dem Zusam menhang und den Wechselbeziehungen von Akteur und Struktur (Agent-Structure- Debatte), sowie andererseits um die Frage nach dem Wesen des Systems und den sich daraus ergebenden Implikationen (Anarchy-Hierarchy-Diskussion). Geht man nun vom ersten Problemkreis, nämlich der Wahl der Analyseebene aus, so lässt sich im Falle der Auseinandersetzung mit zwischenstaatlichen Prozessen die Frage da hin gehend konkretisieren, ob sich die Betrachtungen auf das gesamte internationa le System konzentrieren sollen, oder aber sich der Fokus auf die einzelnen Akteure (als Untergrößen des Systems) richten soll, wobei sich hierbei wiederum die Frage stellt, wie genau der Akteur Staat jenseits einer Konzeptualisierung als Black Box beschaffen ist und wie die Unterteilung des Akteurs Staat in mehrere Analyseebe nen sich auswirkt, wenn letztlich alle vorhandenen Analyseebenen auch in einen Analyseansatz einbezogen würden. Während im ersten Fall die von der strukturel len Beschaffenheit des Systems hervorgerufenen Bedingungen und deren Auswir kungen als Triebkräfte staatlichen Handelns angesehen werden, spielen im zweiten Fall Wesen und Gestalt der Akteure selbst die ausschlaggebende Rolle. Ihr Zu stand, ihr Befinden, wie auch immer im konkreten Fall operationalisiert, gilt als we sentlicher Determinationsfaktor für das Verständnis staatlichen Handelns im globa len Kontext. Auch wenn es aus pragmatischen Gründen zunächst verlockend er 113 scheint, sich für die eine oder andere Ebene zu entscheiden, ist eine solche Wahl nicht unproblematisch. Wesentliche Gründe wurden oben dargelegt, jedoch lässt sich ebenso aus Sicht des zweiten Problemkreises argumentieren. So können agent und structure nicht als voneinander unabhängige Aspekte betrachtet werden. Viel mehr besteht ein komplexes Verhältnis und eine enge Wechselbeziehung dieser beiden Größen, wie gleich bei der Diskussion der Agency-Structure-Debate genauer dargelegt wird. Die Entscheidung zu Gunsten nur einer der Analyseebenen brächte zugleich ein Präferieren entweder des Agent- oder des Structure-Arguments mit sich, was not wendigerweise zu einer Verzerrung der Analyse führen würde. Dies gilt umso mehr, wenn man die Überlegungen berücksichtigt, welche charakteristisch für den dritten Problemkreis der Internationalen Beziehungen sind, nämlich die Anarchie Hierarchie-Diskussion, die sich explizit auf das Wesen der Struktur des internatio nalen Systems beziehungsweise die hieraus resultierenden Implikationen bezieht. Hierbei wird die spezifische Ausformung der Struktur wiederum wird als wesent lich für das Verhalten der Akteure betrachtet, jedoch gilt es Variationen im Verhal ten der Akteure innerhalb einer spezifischen Struktur zu erklären. Dies kann nicht mehr allein mit dem Strukturargument geschehen, sondern muss zugleich auch das Akteur-Argument berücksichtigen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund erscheint es geboten, eine synchrone Betrachtung der Analyseebenen anzustreben, was im hier entwickelten Modell vollzogen werden soll. Hierbei gilt es, wie dargestellt, ne ben der materiellen Struktur als solche zugleich auch deren Wahrnehmung und In terpretation durch die Akteure, die zugleich Teil jener Systemstruktur sind, zu be rücksichtigen. Antonietti und Ianello (2011) haben in ihrer Auseinandersetzung mit der Rolle neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in den Sozialwissenschaften genau hierfür ein schlagkräftiges Argument geliefert: So konnten sie zeigen, dass kollekti ve Phänomene immer auch durch die Akteure der individuellen Analyseebene be schrieben und erklärt werden können. Hierbei ist es vor allem die jeweilige Motiva tion, die wiederum auf spezifischen mentalen Prozessen auf Neuroebene beruht, welche das Zustandekommen kollektiver Phänomene maßgeblich erhellen kann. Mit anderen Worten lässt sich eine Reduktionskette darlegen, welche von kol lektiven Phänomenen über individuelles Verhalten und den diesem zugrundelie genden mentalen Prozessen bis hin zur Neuroebene des Gehirns reicht (Antoniette/Ianello 2011: 311). Kollektive Phänomene, die bislang nur bedingt befriedi gend etwa durch Erklärungsansätze der Geschichtswissenschaft oder Soziologie erklärt wurden, können nun verbunden werden mit Erkenntnissen der kognitiven Psychologie sowie der Neurowissenschaften. Derartige Erkenntnisse aber machen es erforderlich, die Ansätze und Argumente verschiedener bislang getrennter Theo rieschulen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen, der Außenpolitikana lyse und benachbarter Disziplinen auf analytisch-eklektischem Wege in Einklang zu bringen. Während zentrale Aussagen des strukturellen Realismus die Struktur des internationalen Systems beleuchten sollen, werden konstruktivistische, interpretive, historisch-soziologische und politisch-psychologische Argumente herangezogen, 114 um die Wahrnehmung der strukturellen Faktoren (inklusive der die Struktur maß geblich mitdefinierenden Akteure) zu analysieren, wobei explizit Erkenntnisse von Psychologie und Neurowissenschaften einbezogen werden. A uf diese Weise wer den strukturelle und akteurbezogene Faktoren in Einklang gebracht. Mit anderen Worten wird ein und derselbe Sachverhalt zum selben Zeitpunkt synchron aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven heraus analysiert. Dieser Ansatz bedeutet letztlich nichts anderes als die Verschmelzung der bislang analytisch getrennten Analyseebenen. Allerdings hat die Auseinandersetzung um die Analyseebene nur eine erste Grund lage auf dem Weg hin zur Theoriefortbildung und Modellentwicklung geliefert. Bis lang steht nur fest, dass es erforderlich ist, beide Analyseebenen in einer Weise in Einklang zu bringen, die es erlaubt, die Struktur des Systems (in den vom interpretativen Realismus unterstellten Ausprägungen in grundlegende Systemstruktur und spezifische Konstellationsstruktur) und Akteur (in seiner einfachen und komplexen Ausprägung) bei der Analyse gleichermaßen berücksichtigen zu können. Doch wel che Aspekte konkret gilt es zu berücksichtigen, welcher Aspekt spielt welche Rolle bei der Erklärung staatlichen Handelns und welche grundsätzlichen Probleme gilt es bei der Auseinandersetzung mit Agents und Structures zu beachten? Um diese Fragen zu klären, soll sich der kommende Abschnitt kritisch mit den Argumenten der bisherigen Agency-Structure-Debatte auseinandersetzen und dabei herausdestil lieren, welche Ansätze gewinnbringend für die hier angestrebte, weiterführende Modellbildung sind. Das Akteur-Struktur-Problem ‘D espite changing intellectual jashions, the agencg-structure debate remains central to theoretical discourse mithin IR.” (Roberts 2006) Während der erste Problemkreis die Frage zum Gegenstand hat, welches die geeig nete Analyseebene ist, bezieht sich die Agency-Structure-Debatte auf die Frage, ob der Akteur oder die Struktur für die Erklärung des konkreten Handelns eines Ak teurs entscheidend ist. Die erste nennenswerte direkte Auseinandersetzung mit die ser Frage innerhalb der Internationalen Beziehungen fand im European Journal o j International Relations statt und begann zunächst als „intellectually robust but highly cordial dialogue“ (Bieler/Morton 2001: 6) zwischen einigen wenigen Forschern, allen voran David Dessler (1989), Martin Hollis und Steve Smith (1990) sowie Ale xander Wendt (1987). An der Debatte waren zusehends weitere Wissenschaftler beteiligt, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen und dem Diskurs mehrfach einen Richtungswechsel verliehen, sodass mehrere Wellen23 erkennbar sind. Obwohl in Vgl. für die erste Runde der Auseinandersetzung in der Zweiten Welle der Debatte va. Doty 1997 und W ight 1999. Für die zweiten Runde sind D oty 1999 und W ight 2000 zent ral. 115 der Soziologie bereits seit langer Zeit Überlegungen zum Verhältnis von Akteur und Struktur angestellt worden waren (vgl. etwa Simmel 1903; Elias 1939; Parsons/Shils 2001 [1951]; Parsons 1991 [1951]; Esser 1984), standen sich auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen vor dem Aufkommen der Agent- Structure-Debatte die beiden Erklärungsansätze Strukturalismus und Intentiona lismus mit ihren jeweils monokausalen Ausrichtungen gleichsam isoliert gegenüber. Während der Strukturalismus idealtypisch dem Akteur in einem System jegliche Handlungsautonomie abspricht und ihn zum rein reaktiven Objekt der Struktur erklärt, sieht der Intentionalismus die Funktionsweise eines Systems rein auf dem Willen der Akteure begründet, welche sich keinerlei Einflüssen oder Beschränkun gen durch die Struktur ausgesetzt sehen müssen. Bezogen auf den Gegenstand der internationalen Beziehungen bedeutet das, dass beim Strukturalismus die Ursachen staatlichen Handelns in der Struktur des internationalen Systems gesehen werden, während die strukturellen Gegebenheiten beim Intentionalismus prinzipiell keine handlungsdeterminierende Rolle spielt. Diese jeweilige Auffassung fand ihren Nie derschlag in den unterschiedlichen Paradigmen und darauf basierenden Theoriean sätzen, die sich somit ebenfalls unversöhnlich gegenüberstanden. Lange Zeit als wegweisend wurde aus Sicht des Strukturalismus, wie er insbesonde re vom Neorealismus vertreten wurde das sogenannte Positional M odel v o n Kenneth Waltz (1979) angesehen, welches er in seinem Werk Therjry o f International Politics entwickelte. Die Ausgangsfrage, welche sich Waltz im Zusammenhang mit der Entwicklung des Positional Model stellt, lautet, ob die drei Kriterien, welche in nerstaatliche Strukturen definieren, auch auf die internationale Ebene anwendbar sind, und wie sie hierfür beschaffen sein müssen. Bei den drei Aspekten handelt es sich um die vorherrschenden Ordnungsprinzipien, die Eigenschaft der Akteure, die er auch als Einheiten (units) bezeichnet und die Verteilung der Kapazitäten (capabilities) innerhalb des Systems (Waltz 1979: 79-101), wobei ein System aus der Struktur und den interagierenden Einheiten besteht. Dessen Struktur wird als Ab straktion (vgl. Meyer Fortes 1949: 56, zitiert in Waltz 1979: 80) verstanden und kann daher nicht einfach dadurch bestimmt werden, dass die materiellen Charakter istika des Systems aufgezählt werden. Vielmehr muss die Struktur über das Ar rangement der einzelnen Teile des Systems beziehungsweise über das Prinzip ebendieses Arrangements definiert werden. Dieses ist für Waltz das Fehlen einer übergeordneten Ordnungsmacht, also Anarchie, welche jedoch ihrerseits — analog zum Markt in der ökonomischen Theorie24 (vgl. Hierzu Waltz 1979: 89 f.) — Waltz (1979: 89 ff.) führt zur Funktionsweise des ökonomischen Ordnungsprinzips und der Parallele in den Internationalen Beziehungen ausführlich aus: „Microeconomic theory describes how an order is spontaneously formed from the self-interest acts and interac tions o f individual units — in this case, persons and firms. The theory then turns upon the two central concepts o f the economic units and o f the market. [ ...] The market o f a decentralized economy is individualist in origin, spontaneously generated, and unintended. The market arises out o f the activities of separate units — persons and firms — whose aims and efforts are directed not toward creating an order but rather toward fulfühng their own 116 spezifische Handlungslogiken bei den Einheiten des Systems bewirkt. Das hat jedoch zur Folge, dass Struktur lediglich auf die spontan entstandenen, nicht wil lentlich beabsichtigten Handlungsbedingungen bezieht, die durch die Aktivitäten der einzelnen Einheiten entstanden sind (Dessler 1989: 449 f.; vgl. Zudem Nadel 1957: 8 ff.). Dabei ist Struktur nicht nur unintendiert, sondern zugleich auch un empfänglich für Versuche, sie zu verändern oder ihre Auswirkungen zu kontrol lieren, sodas auch ein Erkennen der Struktur und ihrer Bedingungen ein Entrinnen aus den durch sie generierten Implikationen nicht möglich ist (Waltz 1979: 107 111): Die „creators” (Waltz 1979: 90) dieser Struktur werden unweigerlich zu ihren „creatures“ (Waltz 1979: 90). Struktur beeinflusst aus der Sicht von Waltz also das Handeln der Akteure in einer Weise, dass bestimmtes Handeln als sinnvoller er scheint als anderes, sollen die grundlegenden nationalen Interessen jeder einzelnen Einheit erreicht oder zumindest nicht gefährdet werden. Staatliches Verhalten beruht zwar somit auf staatlichen Bedürfnissen, jedoch werden diese Bedürfnisse maßgeblich von der Struktur des Systems bestimmt. Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Struktur stellt nicht die unmittelbare Ursache für staatliche Entschei dungen dar, sondern wirkt als Rahmenbedingung auf alles staatliche Denken und Handeln.25 Allerdings gilt es diese rein strukturdeterminierte Argumentation dahingehend ein zuschränken, dass Struktur zwar durchaus als eigenständige Größe verstanden werden kann, es jedoch auf ihre Wahrnehmung und Interpretation ankommt. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die relevanten Argumente aus der Sozi ologie (etwa von Talcot Parsons, Pierre Bourdiue sowie Peter Berger und Thomas internally defined interests by whatever means they can muster. The individual unit acts for itself. From the coaction o f like units emerges a structure that affects and constrains all o f them. Once formed, a market becomes a force itself, and a force that the constitutive units acting singly or in small numbers cannot control. [ ...] If a laissez-faire economy is harmonious, it is so because the intentions o f actors do not correspond with the outcomes their actions produce. [ ...] International-political systems, like economic markets, are formed by the coalition o f self-regarding units. [ ...] No state intends to participate in the formation o f a structure by which it and others will be constrained. International political systems, like economic markets, are individualist in origin, spontaneously genera ted, and unintended”. 25 „[S]tructure designates a set o f constraining conditions. Such a structure acts as a selector, but it cannot be seen, examined, and observed as livers and income taxes can be. Freely formed economic markets and international political structures are selectors, but they are not agents. Because structures select by rewarding some behaviors and punishing others, outcomes cannot be inferred from intentions and behaviors. [ ...] W hat is not so simple is to say just what is politically that disjoins behavior and result. Structures are causes, but they are not causes in the sense meant by saying that A causes X and B causes Y. [ ...] Agents and agencies act; systems as wholes do not. But the actions o f agents and agencies are affected by the system’s structure. In itself a structure does not directly lead to one outcome rather than another. Structure affects behavior within the system, but does so indirectly. The effects are produced in two ways: through socialization o f the actors and through competition among them” (Waltz 1979: 73 f.). 117 Luckman), so zeigt sich, dass die Sozialisation des Akteurs bei der Bewertung (und letzlich auch der Konstruktion) der Struktur einemaßgebliche Rolle spielt. Parsons differenziert zwischen unterschiedlichen Systemen des Akteurs (Verhaltenssystem, persönliches System, soziales System und kulturelles System), welche zusammen wirken und so das Zusammenspiel von Bedürfnissen, sozialen Rollen, Werten und Handlungsmotiven bestimmen. Noch konkreter wird Pierre Bourdieu (1974; vgl. ferner Wacquant 1996; Schwingel 1995: Kapitel 2, 3; Fröhlich/Rehbein 2009; Lakomsky 1984; Nash 2003), welcher aufzeigt, dass die Sozialisation des Akteurs in einem spezifischen Umfeld stattfindet, das verstanden wird als Konglomerat von Rollenmustern und Beziehungen, bei denen es um das Verhältnis zum sogenannten Kapital geht, also materiellen Größen (und somit dem Wesen nach vergleichbar mit den Capabilities bei Waltz), die aber explizit ihren Ausdruck in nichtmateriellen As pekten wie sozialem Prestige finden können. Der Akteur findet sich im Rahmen seines Sozialisationsprozesses und vor dem Hintergrund seiner spezifischen Positi on in seinem Umfeld in seine Rollen und Beziehungen ein. Das Resultat jedes In ternalisierungsprozesses wird als Habitus eines Individuums verstanden. Externe Strukturen werden im Akteur internalisiert und als Habitus des Akteurs sichtbar. Zugleich wirkt der so sozialisierte Akteur durch seine Handlungen auf das System zurück. Interpretation der Sturktur und (Re-)Konstruktion derselben durch Hand lung gehen somit Hand in Hand. Ein ähnliches Verständnis des Verhältnisses von Akteur und Struktur findet sich auch bei Peter Berger und Thomas Luckmann (1967, insbesondere 129-184): Die Gesellschaft formt die Individuen, die ihrerseits wieder die Gesellschaft formen und so weiter. Dabei ist das Entscheidende die Dia lektik von ideellen und materiellen Prozessen, die im Zusammenspiel symbolische Sinnwelten ergeben und verändern. Im Kontext der Internationalen Beziehungen lassen sich derartige Überlegungen ebenfalls finden. So erweiterte Dessler (1989: 442; 464 f.) das Positional M odel v o n Waltz hin zum TransformationalModel. Die zwei Kernaussagen seines Modells lauten dabei: Erstens ermöglicht beziehungsweise beschränkt die Struktur das Handeln der Akteure. Zweitens wird die Struktur zugleich sowohl als das Medium als auch das Ergebnis des Handelns von Akteuren betrachtet (Dessler 1989: 452). Mit der Idee der Handlungsvermittlung durch die Struktur treten zu den capabilities, die bei Waltz ausschlaggebend sind, noch die rules, die Regeln, hinzu. Hinter letzteren ver birgt sich die mediale Funktion der Struktur, welche den Akteuren erst die Nutzung ihrer Kapazitäten ermöglicht, da diese durch sie erst als zielgerichtetes politisches Verhalten erkennbar wird (Dessler 1989: 454). Struktur als Vermittler staatlichen Handelns erschafft somit neue Verhaltensformen, indem einem spezifischen Ver halten in einem bestimmten Kontext über Definitionen spezifische Bedeutungszu schreibungen zugeordnet werden, sodass gilt: X bedeutet Y im Kontext Z. Sich nicht an diese Regeln zu halten kann daher spezifische Wahrnehmungen und Inter pretationen durch den Anderen im Sinne von Fehlwahrnehmungen und Fehlinter pretationen mit sich bringen. Noch deutlicher tritt dieser Aspekt im morphogenetischen Denken von Margaret Archer zutage bei dem davon ausgegangen wird, dass 118 das unablässige Handeln der Akteure das System permanent fortsetzt und weiter entwickelt, wobei jedoch das voluntaristische Moment nicht überbetont, sondern vielmehr die eigenständige Wirkweise der Struktur unterstrichen wird (Archer 1982: 458; Archer 1995: 89 ff.; vgl. hierzu auch Bieler/Morton 2001: 8) Die Bedeutung sowohl von Struktur als auch Akteur lässt sich auch in Alexander Wendts Theorie der Strukturierung finden, wobei er sich gleichermaßen auf Argu mente von Anthony Giddens als auch von Roy Bhaskar stützt. So argumentiert Wendt (1987: 359) zwar im Sinne von Giddens, dass die Tiefenstruktur des interna tionalen Systems lediglich als Resultat staatlicher Wahrnehmung und Praktiken be stehe, zugleich aber betrachtet er, ähnlich wie Bhaskar (1979, 1986), Struktur als real wirkende Beziehungsmuster. Hierbei bleibt bei Wendt allerdings die Frage nach dem genauen Wirkzusammenhang im Verhältnis von Wahrnehmung und gleichsam realer Existenz der Struktur letztlich ungelöst. W oraufW endt (1987: 364) jedoch eindringlich verweist, ist der soziale Charakter von Struktur und die damit verbundene prinzipielle Wandelbarkeit der Struktur bis hin zur Weltstaatlichkeit. In diesem Zusammenhang spielen Identitäten nunmehr eine ausschlaggebende Rolle (Wendt 1992, 1994, 2004 [1999]). Dem sozialen Charakter von Struktur entspre chend werden hierbei Identitäten — wie übrigens auch Interessen — nicht exogen, sondern als intersubjektiv konstituiert verstanden (vgl. kritisch Archer 1995: 137 49; Doty 1997: 370; Wight 1999: 117; Bieler und Morton 2001: 11). Hieraus leite Wendt einen der zentralen Leitsätze seiner Weltanschauung ab: Anarchie ist ledig lich das, was die Staaten als Akteure daraus machen („Anarchy is what states make of it“). Die potenzielle Veränderbarkeit der internationalen Struktur beginnt somit im Akteur selbst, wobei Wendt sich dezidiert im Sinne der Existenz einer grund sätzlichen Handlungsfreiheit des Akteurs äußert. Akteurshandeln wird hierbei, in Anlehnung an den symbolischen Interaktionismus, verstanden als Prozess des Aussendens von Signalen, des Interpretierens und des darauf Reagierens. Sowohl die Identitäten als auch die Interessen der einzelnen Akteure entstehen durch diese Be ziehung beziehungsweise werden durch sie verändert. (Wendt 1992: 381; 2005: 592; vgl. ferner Dessler 1989: 452; Carlsnaes 1992: 260). Sowohl aufbauend auf, aber durchaus auch in Abgrenzung von Wendt, entwickelte zunächst Doty und später Suganami Wendts Überlegungen weiter. Doty etwa konnte herausarbeiten, dass Strukturen auch wenn sie eng mit der Wahrnehmung des Akteurs verbunden sind, als ontologisch stark zu bewerten sind und somit eigendynamisch wirken können (Doty 1997). Suganami (1999) indessen betont die besondere Bedeutung von Nar rativen, wenn es um das Verstehen der Wechselwirkung von Akteur und Struktur geht. Die Bedeutung des historischen Narrativs findet sich auch in der neogramscianischen Weiterentwicklung der Agent-Structure-Debatte wieder. Hierbei geht es darum, in Anlehnung an Gramscis Konzept d e s precis o f tbe p a s t (1971: 34 f.; vgl. ferner 108 f., 201) historischen Strukturen aufzudecken, welche spezifische Zeitalter charakterisieren. Konkret bedeutet das, auf analytischem Wege Verbin dungen zwischen der materiellen Welt und dem mentalen Rahmen, durch diese wahrgenommen wird, herzustellen (Cox 1985, 1995, 1996; Bieler/Morton 2001: 119 18). Insgesamt zeigt sich also, dass Akteur und Struktur nicht als strikter Dualismus verstanden werden können. Ein Teil der Erklärung für zwischenstaatliches Han deln kann somit auf die materiellen Bedingungen der Struktur zurückgeführt wer den, jedoch nur insoweit diese von Akteuren reproduziert beziehungsweise auch transformiert werden. Für den Ansatz des Interpretativen Realismus ist diese Er kenntnis insofern relevant, wie in unterschiedlichen Kontexten entstandene Regeln und insbesondere Konventionen zu Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen führen können. Die etwa von Cox aufgezeigte Möglichkeit eines institutionellen und damit zusammenhängend strukturellen Wandels einerseits wie auch eines men talen Wandels andererseits zeigt auf, wie sowohl struktur- und konstellationsspezi fische Wandlungsprozesse als auch Veränderungen auf Akteur-Seite abgebildet werden können. DasAnarchie-Hierarchie-Problem “To understand worldpolitics one must recogniqe the importance o f em eg in g hierarchies-with nation-states as their constituentelem ents” (Katja. Weber) Tnterpretive approaches often begin from the insight that to understand actions, practices and institutions, we need tograsp the meanings, the beliefs, thepreferences, o fth ep eop le involved” (R>evir/Rodes) (134) ‘Theories o f interpretation are critical to understanding importantquestions in contemporary international relations f . . ] (They] should emerge to take their rightful p la ce in studying international relations, an area where values, norms, constructedmeanings, sharedcontext, and traditionplay importantroles." (Rogers 1996: 3) ‘P olitical Science w ill benefit from an interdisciplinary approach, a weaving o f hermeneutics and international relationswhich look sath erm eneu ticph ilosophyforpossib le theories. ” (Rogers 1996: 4) Wie die Auseinandersetzung sowohl mit der bestehenden Theorielandschaft im Allgemeinen als auch mit zwei der drei Basisprobleme der Internationalen Bezie hungen im Speziellen gezeigt hat, ist es nicht zielführend, den Fokus nur auf eine Analyseebene beziehungsweise nur auf Akteur oder Struktur zu beschränken. So ist es einerseits ist es das Zusammenspiel von Akteur und Struktur und somit eine wechselseitige Konstitution, welches das internationale System charakterisiert, zum anderen ist der Staat nicht als alleiniger Akteur der Internationalen Beziehungen zu verstehen, wenngleich dessen Handlungen nach außen auf diese Weise systemische Wirkung entfalten und empirisch erkennbar werden. Vielmehr gilt es in einem Modell, das die Logik internationaler Beziehungen mit dem Zustandekommen konkreter zwischenstaatlicher Entscheidungen in Verbin dung setzen will, die innere Konstitution des Akteurs Staat hinsichtlich seiner inne ren Verfasstheit wie auch der seiner ihn konstituierenden Sub-Akteure (staatliche und individuelle Analyseebene) zu berücksichtigen, wie dies mit jeweils unter schiedlichen Fokuspunkten in den Ansätzen des Liberalismus und der Außenpoli tikanalyse geschieht. Allerdings wird bei diesen Ansätzen die wechselseitige Konsti 120 tution von Akteur und Struktur nicht explizit berücksichtigt. Allerdings sollte diese nicht ausgeblendet werden, beinhaltet sie doch in diesem Zusammenhang die Wahrnehmung von real existierender Struktur seitens der Akteure auf den unter schiedlichen Analyseebenen. Zugleich hat sich bei der Auseinandersetzung mit den Argumenten zum Agent-Structure-Problem in den Internationalen Beziehungen gezeigt, dass die Sozialisation der Akteure bei der Interaktion mit der Struktur von wesentlicher Relevanz ist. Diese beeinflusst die Interpretation der Struktur indem sie ihr eine spezifische Bedeutung zuschreibt. Diese Bedeutungszuschreibung und das hierdurch bewirkte Verhalten verändert aber zugleich die Struktur, was von dritter Seite auf spezifische Weise perzipiert und interpretiert wird. Hierdurch er langt die Struktur aber zugleich auch eine eigenständige Bedeutung. Hieraus lässt sich ableiten, dass es grundsätzlich verschiedene Ausprägungen von Struktur geben kann, die jenseits einer fixierten absoluten Anarchie existieren. Diese Einsicht stellt einen wesentlichen Einschnitt in das orthodoxe Denken in den Internationalen Beziehungen dar, wo der definierende Charakter der Struktur des internationalen Systems regelmäßig als anarchisch beschrieben wird. Eine große Schwierigkeit in diesem Kontext ist, dass die wichtigsten Paradigmen Wesen und Zustandekommen von Hierarchien nicht hinreichend erklären können (Weber 1997: 321). Aufgrund der Bedeutung, welche die Strukturausprägung des internati onalen Systems für zwischenstaatliche Entscheidungen jedoch offenbar aufweist, ist es unbedingt erforderlich, nach Antworten auf das Anarchie-Hierarchie-Problem zu suchen. Dieses dritte Basisproblem der internationalen Beziehungen betrifft die Struktur des internationalen Systems. Dabei geht es aber letztlich auch darum, in welchem Verhältnis die Akteure zueinanderstehen. Unterstellt man, dass das Sys tem aus mehr als einem Akteur besteht, existieren zunächst einmal grundsätzlich zwei Arten der Struktur, nämlich anarchisch und hierarchisch. Während in einem idealtypischen hierarchischen System die Einordnung der Akteure, d.h. Über- bzw. Unterordnung der verschiedenen Akteure in ihrem Verhältnis zueinander, eindeutig festgelegt ist, wird eine anarchische Struktur idealtypisch durch die Gleichordnung der Akteure ohne eine zentrale übergeordnete Autorität bestimmt. Die Struktur eines Systems hat somit wesentliche Auswirkungen auf die Art und Weise des Ko operationsverhaltens der Akteure. Während im idealtypischen hierarchischen Sys tem die Kooperation der Akteure zentral geregelt wird, besteht diese Option im idealtypischen anarchischen System zunächst einmal nicht. Nichtsdestoweniger kommt es auch unter anarchischen Strukturbedingungen zur Kooperation der Ak teure. Diese weist jedoch unterschiedliche Qualität auf, was die Art und Weise der zwischenstaatlichen Entscheidungen beeinflussen kann. Ein wesentlicher konzeptueller Schritt, der vor diesem Hintergrund erfolgen muss, ist eine Überwindung der Anarchie-Hierarchie-Dichotomie und die Ausdifferenzie rung von Anarchie und Hierarchie in einer Weise, sodass letztlich ein Kontinuum zwischen diesen Polen aufgezeigt wird, das hinsichtlich spezifischer Effekte auf zwischenstaatliche Entscheidungen zwischenstaatlichen eindeutig definierte Berei 121 che aufweist. Dabei stößt man auf das Problem, dass zwar zur Systembedingung der (reinen) Anarchie zahlreiche Erkenntnisse insbesondere aus dem Bereich der strukturrealistischen Denkschule vorliegen, der Themenbereich der Hierarchie in den internationalen Beziehungen indessen nur wenig erforscht ist. Zudem stehen die wenigen Ansätze, die sich mit dieser Fragestellung befassen unverbunden ne beneinander. Das gilt ebenso für die Idee einer Weltgesellschaft, wie er sich bei der Englischen Schule findet, als auch für die Arbeiten von Lake, Weber oder Deutsch, die im Laufe der letzten Jahrzehnte auf sehr unterschiedliche Weise versucht haben, Hierarchie im internationalen System konzeptuell zu fassen. Betrachtet man die bestehenden Ansätze näher, so zeigt sich, dass diese jeweils nur Teilbereiche oder Teilaspekte eines möglichen Gesamtspektrums erfassen, das konzeptuell zwischen den Polen von Anarchie und Hierarchie liegt. Bei Lake (1996) etwa wird zwar seinem Verständnis nach das Gesamtkontinuum erfasst, je doch ist sein Modell stark an imperialismustheoretischen Vorstellungen und der empirisch erkennbaren Beschränkung der tatsächlichen Ausübbarkeit nationaler Souveränitätsrechte orientiert (Abbildung 4). Somit ergibt sich ein Anarchie Hierarchie-Kontinuum, das sich stufenweise von Allianzbeziehungen im Kontext stark ausgeprägter systemischer Anarchie über das Protektorat und das informelle Imperium hin zum formellen Imperium als Ausdruck der hierarchischen System bedingung führt. A narchie 4 --------- Inform elles Im perium H ierarchie ► Im perium Abbildung 4: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach David Lake (1996: 7) Während im Rahmen einer Allianz alle nationalen Souveränitätsrechte voll erhalten und tatsächlich ausgeübt werden können, werden diese im Kontext eines formellen Imperiums diese ganz oder zumindest weitestgehend von der Imperialmacht über nommen. Auf diese Weise entsteht im Denken Lakes die stärkste Ausprägung von Hierarchie im internationalen System. Ähnlich stark hierarchisiert wird das interna tionale System auch im Kontext informeller Imperienbildung, wo die Souveränität des betroffenen Staates letztlich nur noch nominell besteht, die faktische Macht jedoch bei der durchdringenden Imperialmacht liegt. Eine abgeschwächte Form der Kontrolle zentraler Funktionen und Souveränitätsrechte eines Staates durch einen 122 anderen liegt für Lake im Protektorat vor, was im Verhältnis dieser Staaten das strukturelle Verhältnis von rein anarchisch zu bedingt hierarchisch wandelt. So wichtig und interessant das Konzept Lakes ist, so sehr bleiben doch Fragen of fen. Ist es lediglich die ganze oder teilweise Kontrolle der Souveränitätsrechte eines Staates durch einen anderen, welche die Systembedingung der Anarchie zu über winden geeignet ist, oder gibt es andere Formen der Beschränkung, möglicherweise der wechselseitig vereinbarten Selbstbeschränkung, welche die Systembedingung der reinen Anarchie beschränkt? Und stellt eine Allianz nicht unter Umständen mehr dar als einen temporären losen Zusammenschluss zur Erreichen eines spezifi schen Zweckes? Bei Lake wird etwa auch die NATO im Innenverhältnis als rein anarchisch beschrieben. Doch wird das den Handlungslogiken innerhalb des Bündnisses gerecht? Ist das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA prinzipiell tatsächlich so zu bewerten wie das Verhältnis zwischen Großbritannien und Nordkorea? Als ein zu Lake alternativer Ansatz postulierte Weber (1997) ein Kontinuum, das sich von Allianz bis hin zu Konföderation erstreckt und als Zwi schenstufen informelle Sicherheitsarrangements wie Ententen und Nichtangriffs pakte, formale Allianzen und Konföderationen mit niedrigem bis hohem Zentrali sierungsgrad aufweist. Dabei lässt sich das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum sowohl hinsichtlich militäri scher als auch ökonomischer Aspekte konstatieren, wobei in erstgenannter Hin sicht die bereits erwähnten Formen von informellen Sicherheitsarrangements bis hin zur hochzentralisierten Konföderation zu nennen sind, während in letztgenann ter Hinsicht Freihandelszonen und Zollunionen Ausdruck von Hierarchie in den internationalen Beziehungen ist. Problematisch am Ansatz Katja Webers ist, dass nur letztlich nur abstrakt darauf verweist, dass derartige Arrangements irgendwo zwischen den beiden Extrempolen zu finden sind, ohne dabei die jeweilige Zwi schenstufe genau zu operationalisieren und ohne dabei klar zu definieren, wie die militärischen und die ökonomischen Elemente von Hierarchie zusammenwirken (müssen), um eine spezifische Wirkung zu erzielen. Es wird nicht einmal klar, wie genau das Neben- oder Miteinander von militärischer beziehungsweise ökonomi scher Hierarchie im Weltsystem genau aussehen soll. Als einziges wichtiges, alle Zwischenstufen verbindendes Kriterium ist die Beibehaltung der nationalen Souve ränität. Das gilt selbst für das äußerste Ende des Kontinuums auf Hierarchieseite. In Webers Verständnis der Anarchie-Hierarchie-Beziehungen (Abbildung 5) geht es letztlich um die Frage, wie lose oder eng die souveränen Nationalstaaten einan der verbunden sind, wobei sie, wie gesagt, keine eindeutige Operationalisierung einzelner Stufen oder Formen vornimmt. 123 A narchie ■*-------- H ierarchie ► Abbildung 5: Das Anarchie-Hierarchie-Kontinuum nach Katja Weber (1997: 322) Vielmehr versucht sie das Kontinuum durch die Frage nach dem Grad der Bindung zwischen den jeweiligen Staaten zu bestimmen, wobei sie davon ausgeht, dass die Bindung dann umso höher ist, je größer die äußere Bedrohung und je höher die Transaktionskosten für die Aufrechterhaltung der eigenen nationalen Sicherheit sind (Weber 1997: 324 ff.). Als äußere Bedrohung werden die Capabilities anderer Staaten sowie deren geographische Nähe verstanden. Es sind somit materiell positive Aspekte, welche relevant sind. Aspekte wie Sprache und Kultur sind im Konzept Webers nur insoweit relevant, als sie innerhalb potenzieller Allianzen die Transaktionskosten erhöhen, weil sie etwa zu Verständigungsschwierigkeiten füh ren und somit eines höheren Grades an Formalisierung zur Koordination bedürfen (Weber 1997: 334). Was indessen völlig fehlt, ist die Frage von Wahrnehmung und Interpretation der Strukturen. Führt man sich vor Augen, was weiter oben im Kon text der Auseinandersetzung mit dem Agent-Structure-Problem diskutiert wurde, ist dieser Umstand fatal. Somit ist es entscheidend für einen weiterführenden Theo riezugang, nicht nur strukturalistische, sondern ebenso interpretive Argumente zu prüfen und der Logik des modellorientierten analytischen Eklektizismus folgend geeignete Argumente aufzugreifen und für die Analyse nutzbar zu machen. Wirft man dabei einen Blick auf das Angebot jüngeren strukturalistischen Denkens im Allgemeinen, so zeigt sich, dass diese Richtung verstanden als makroanalytische Großtheorie vergleichsweise breit aufgestellt ist (Katznelson 1997): So lässt sich Barrington Moores (1966) Standardwerk über die sozialen Ursprünge von Diktatur und Demokratie ebenso unter dem Dach des Strukturalismus finden wie Theda Skocpols (1979) grundlegende Revolutionsstudie. Im Laufe seiner Entwicklung namentlich in den 1970er Jahren rückte der komparative Strukturalismus immer mehr den Staat ins Zentrum seiner Analysen, was in den 1980er Jahren zu einer Staatstheorie führte, die den früheren gesellschafts- und interessengruppenzentrier ten Ansätzen entgegenlief. Dieser Entwicklung lag vor allem die Erkenntnis zu grunde, dass politische Prozesse vorrangig von den Präferenzen der jeweiligen staatlichen Bürokratien und Verwaltungen geleitet seien (vgl. etwa Skocpol/Finegold 1982). Dieser Umstand führte zu Forderungen, die spezifischen organisations-kulturellen Einflüsse auf politisches Entscheiden in der Analyse poli tischen Verhaltens zu berücksichtigen (vgl. hierzu etwa Meyer/Rowan 1977; 124 March/Olsen 1984). Obgleich sich diese Entwicklung nur auf die innerstaatliche Ebene bezog, können ausgewählte Aspekte dieser grundsätzlichen Erkenntnisse durchaus auf den zwischenstaatlichen Bereich übertragen werden. Gleichzeitig lässt sich das Wissen um die Wirkungsweisen innerstaatlicher Strukturen ebenfalls nutz bar machen, wenn es um die Berücksichtigung der Akteur-Seite geht beziehungs weise mit anderen Worten die Blackbox Staat geöffnet wird. Das gilt letztlich für alle relevanten strukturalistischen Denkschulen wie dem Ko-Konstitutionalismus, dem Konfigurationismus und der Lehre der Opportunitätsstruktur. Betrachten wir somit kurz auch deren Eignung für den Interpretativen Realismus. Die zentrale Aussage des Ko-Konstitutionalismus besteht darin, dass institutionelle Strukturen des Staates bestehende Akteure beeinflussen. In der konsequenten Wei terführung dieser Linie gelangt der Ko-Konstitutionalismus zum Argument, dass Institutionen Akteure schaffen können. Diese Akteure gelten dann als kokonstituiert. Obgleich der Ko-Konstitutionalismus nur wenig Verbreitung gefun den hat (vgl. Haggard 1988; Skocpol (1992); Weir/Skocpol 1985), ist der Ansatz durchaus von Relevanz für die im Kontext der in der vorliegenden Arbeit unter nommenen Bestrebungen der Modellbildung, da er verdeutlicht, dass aufgrund spezifischer innerstaatlicher Strukturen Akteure entstehen können, die dann als Einflussfaktoren auf die zwischenstaatliche Entscheidungsbildung ihre Wirkung zu entfalten in der Lage sind. Berücksichtigt man zudem weitere Entwicklung den Konfigurationismus, der sich ebenfalls mit Aspekten der Ko-Konstitution und der Agency-Structure-Problematik auseinandersetzt und in hohem Maße vom soziolo gischen Relationismus beeinflusst wird (Somers 1992, 1998), zeigt sich, dass auch kulturspezifische und historische Aspekte als Variablen in strukturorientierten eine Rolle spielen können und sollten. Dies zeigt sich etwa in den Arbeiten der bereits erwähnten Theda Skocpol: „Skocpol provides a wonderfully elaborate representation o f agent-structure-dynamics, plus interpretivist concerns with cultural elements such as policy cultures, worldviews and identities which are used to flesh out context and illuminate reasons for action” (Green 2002: 20). Den hieraus resultierenden Vorteil, der auch für den Ansatz des Interpretativen Realismus von erheblicher Bedeutung ist, wird von Somers (1994) auf den Punkt gebracht, welcher der konfigurationistischen Methode zu Recht bescheinigt, sie könne die ontologischen Narrative und Beziehungen zwischen den Akteuren, die kulturelle Narrative, welche diese beeinflussen, und die Interaktion zwischen eben diesen Narrativen über Zeit und Raum hinweg rekonstruieren. Dies gilt umso mehr, wenn zuletzt noch das Konzept der Opportunitätsstrukturen berücksichtigt wird. Hierbei handelt es sich um Strukturen, in deren Kontext die Gelegenheit spe zifischen politischen Handelns ausgemacht werden kann (Krieger 1999; Tarrow 1994). Obgleich dieser Ansatz nicht primär für den Einsatz im Kontext der Au ßenpolitikanalyse entwickelt wurde, sondern soziologischen Ursprungs ist, lässt er sich doch auch hierfür nutzbar machen. Dies gilt insbesondere, weil er in der Lage ist, die relevanten historischen Aspekte mit in die Analyse einzubeziehen, die so 125 entscheidend sind, Variationen im konkreten außenpolitischen handeln von Staaten zu beschreiben, die trotz konstanter Systemstruktur auftreten. Diese Argumente werden im Kontext der Historischen Soziologie der Internationa len Beziehungen — basierend auf ersten Überlegungen einer theoretischen Annähe rung von Soziologie und Internationalen Beziehungen bereits in den 1970er Jahren (etwa Wallerstein 1974; Tilly 1975; Bendix 1978; Poggi 1978; Skocpol 1979) — noch erweitert und konkretisiert. Diese Entwicklung wirkte sowohl auf die Soziologie (Giddens 1985; Mann 1986, 1995; Tilly 1990; Goldstone 1991) als auch insbeson dere die Internationalen Beziehungen (Ruggie 1983; Cox 1986; Halliday 1987, 1994, 1999; Jarvis 1989; Unklarer 1990, 1998; Scholte 1993; Buzan/Jones/Little 1993; Thomson 1994; Spruyt 1994; Rosenberg 1994; Ferguson/Mansbach 1996; Frank/Gills 1996; Hobson 1997, 1998; Hobden 1998, 1999a, 1999b; Reus-Smit 1999; Hall, M. 1999; Hall, R. 1999; vgl. hierzu auch Hobson 2002b: 3) zurück. Zwar sind die Theorieansätze der Historischen Soziologie der Internationalen Be ziehungen nie Teil des wissenschaftlichen Mainstreams geworden, dennoch weist die Historische Soziologie der Internationalen Beziehungen einige Argumente auf, die aufgegriffen und weiterverfolgt werden sollten. Das gilt vor allem für die Über windung zweier spezifischer Formen von Ahistorizität, nämlich „Tempozentris mus“ und „Chronofetischismus“, welche charakteristisch für alle Großparadigmen in den Internationalen Beziehungen sind (Hobson 2002b: 5-15). Während Chron ofetischismus die problematische Annahme bezeichnet, die Gegenwart stelle ein autonomes und in der vorliegenden Form gleichsam naturgegebenes System dar, das in der vorliegenden Form unveränderlich ist, wird unter Tempozentrismus die ebenfalls problematische Annahme verstanden, dass alle internationalen System isomorph seien, sich also über Zeit und Raum glichen (Ibid. 12). Was an dieser Stelle anklingt ist die Erkenntnis, dass der Analysefähigkeiten der genannten bestehenden Ansätze zum Trotz rein strukturorientierte Ansätze nicht ausreichen, um das Verhältnis von Anarchie und Hierarchie im Kontext der Agent- Structure-Debatte so zu fassen, dass es mit Blick auf die Analyse zwischenstaatli chen Handelns nutzbar gemacht werden kann. Vielmehr bedarf es der Ergänzung der Strukturseite um die Analyse der Rolle des Akteurs, genauer gesagt seiner Wahrnehmung und Interpretation der Struktur. Auf diesen Umstand hat nicht zu letzt auch die Historischen Soziologie der Internationalen Beziehungen wiederholt hingewiesen und die Notwendigkeit der Berücksichtigung funktional differenzierter Akteure, die in bewusster Abgrenzung von den Konzepten des Strukturrealismus als „unlike units“ (Hobson 2002b: 16) bezeichnet wurden, deutlich gemacht (vgl. neben Hobson 2002b: 16 ferner Ruggie 1983; Mann 1986; Tilly 1990; Buzan/Jones/Little 1993; Spruyt 1994). Insbesondere aber wurde auf das soziolo gische Argument der Sozialisierung hingewiesen: Gemäß der hierauf fußenden These könne das Interesse eines Staates von der Identität des Akteurs abgeleitet werden, welche wiederum in Zusammenhang mit einem Prozess normativer Sozia lisation steht (Hobson 2002b: 24). 126 Genau hieran lassen sich die Überlegungen des Interpretivismus anknüpfen, der in den vergangenen Jahren vorsichtig Einzug in die Theorielandschaft der Internatio nalen Beziehungen gehalten hat (Green 2002: 5). Hierbei handelt es sich im weites ten Sinne um postmoderne, kulturalistische und konstruktivistische Ansätze, die zunächst einmal vereint, dass sie die Methode des Rationalismus und die (neo-) po sitivistische Epistemologie in Frage stellen. Mit anderen Worten wird von den an gesprochenen Theorieansätzen eine alternative Herangehensweise hinsichtlich der Analysegegenstände und der Art und Weise, sich diesen zu nähren, verfolgt. Hier bei wird die traditionelle Kritik an der positivistischen Idee der Existenz einer ob jektiven Welt erneuert; ein solcher Ansatz mag, so die Sichtweise, vielleicht noch im Bereich der Naturwissenschaften ergiebig sein, für den Bereich der Sozialwissen schaften indes sei er nicht sinnvoll. Stattdessen betont der Interpretivismus die Zentralität von Kognition, Perzeption und Interpretation, wenn es darum geht, Handlungen zu erklären (vgl. etwa DiMaggio/Powell 1991: 11-27; Gibbons 1987; Giddens/Turner 1987; Hall 1993; Rosenau 1992: insbesondere Kapitel 1; Berger/Luckmann 1967). Vor diesem Hintergrund erweist sich der Interpretivismus als besonders gut geeignet, Antworten auf grundlegende sozialwissenschaftliche Fra gen zu geben, allen voran die Frage nach dem Ursprung von Ursachen, Präferen zen und Interessen, die konkretes Handeln beeinflussen. Daher sind Konzepte in der Tradition des Interpretivismus prädestiniert, etwa das nationale Interesse, das gemeinhin als handlungsleitend unterstellt wird, jedoch, wie oben erwähnt, regel mäßig unoperationalisiert bleibt, in seiner Entstehung näher zu bestimmen: „Actors have identities, worldviews and cognitive frames, informed by culture, that shape perceptions and interests” (Green 2002: 6). An dieser Stelle wird erkennbar, dass der Interpretivismus zudem als in besonderem Maße geeignet erscheint, zur Erklä rung der Entstehung konkreten, empirisch erkennbaren zwischenstaatlichen Han delns beizutragen. Allerdings ist dabei anzumerken, dass eine unkritische und direk te Übernahme interpretativer Ansätzen in den auf der prinzipiellen Anerkennung positiv-materieller Struktur basierenden Interpretativen Realismus hinein nicht un ternommen werden kann und soll. Zu Recht verweist etwa Daniel Green darauf, dass der Interpretivismus in gezielter Abgrenzung zu exogenen Erklärungsansätzen außenpolitischer Entscheidungsfindung steht. Er hält den Interpretivismus daher für „problematic for many political scientists, who typically hold preferences to be exogenous, fixed and probably material, as in most materialist (political economy, Marxist approaches) and utilitarian (rational choice) accounts o f action: Actors always seek material wealth; actors always seek political power. After interpretivism, many argue that rationalism is trumped by the need to first determine preferences and goals, which are contextual and socially constructed” (Green 2002: 6; vgl. ferner Grendstad/Selle 1995; Wildavsky 1987, 1994). Allerdings darf keineswegs der Fehler begangen werden, dass die Einbeziehung interpretiver Elemente automatisch jegliche exogene Ursache ausschließt. Wie un ter Bezug auf Waltz oben dargelegt werden konnte, spielt der Einfluss der Systemstuktur ja durchaus eine entscheidende Rolle auf die außenpolitische Entscheidung 127 der Akteure, wobei die Sichtweise Singers auf das Phänomenologieproblem in ho hem Maße zur Sinnstiftung beitragen kann. Der Akteur nimmt die objektiv existie rende Systemstruktur der Anarchie ebenso wahr wie der Mensch die Fallhöhe aus der 10. Etage — und handelt entsprechend gemäß rationaler Erwägungen. Perzepti on und rational choice sind somit im hier entwickelten Modell nur die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Um diese Aussage näher zu begründen, kommt man nicht umhin, auf einige grundsätzlichere Erkenntnisse hermeneutischen Denkens und ihrer Implikationen für die Analyse zwischenstaatlichen Handelns zu verwei sen. Mit anderen Worten: Um die prinzipielle Logik des interpretativen Argumen tes zu verstehen, ist es nötig, kurz auch auf Wesen und Prinzipen der Hermeneutik im Allgemeinen einzugehen. Dieser Zugang kann dabei gar nicht überschätzt wer den, da letztlich jedes menschliche Handeln eine spezifische Bedeutung aufweist und somit in den Kontext sozialer Praktiken gesetzt interpretiert werden muss. Mit anderen Worten kann Handeln nie wirklich verstanden werden, wenn nicht die re levanten Bedeutungen erfasst werden, in deren Rahmen es kontextualisiert ist (vgl. Bevir/Rhodes 2002: insbes. S. 131 und 151; Usher 1996: 18). Dabei ist der Interpretivismus für die Politikwissenschaft und letztlich auch die Lehre der Internationalen Beziehungen an sich ein natürlicher Verbündeter, allein schon, weil die Ursprünge des Faches in Disziplinen wie Philosophie, Geschichte und Recht liegen, wo Hermeneutik und Interpretation eine zentrale Rolle spielen, etwa um Motive, Überzeugungen oder Ideale aus spezifischen Äußerungen oder Handlungen herauszulesen. Als Sinnbild für die Bedeutung hermeneutischinterpretativer Ansätze mag prototypisch Platos Höhlengleichnis genannt werden, bei dem deutlich wird, dass Realitätskonzepte letztlich immer soziale Konstruktio nen sind, die auf der bewertenden Interpretation menschlicher Wahrnehmung be ruhen (vgl. hierzu auch O’Donoghue 2007: 23). Noch deutlicher wird dieser Aspekt im Denken Schleiermachers, der den Prozess der Interpretation von Realität als empathisches Verstehen der umgebenden Wirklichkeit deutet, wobei das Verstehen dadurch entsteht, dass die wahrgenommenen Aspekte der äußeren Wirklichkeit im Rahmen der Interpretation zum Gegenstand der inneren, mit den dort schon vor liegenden Konzepten kohärenten Realität wird. Der interpretierende Abgleich der äußeren mit der inneren Realität führt somit zur sinnstiftenden Konstruktion. Im nachfolgenden Kapitel, in welchem die Operationalisierung des Akteurs vorge nommen wird, kann gezeigt werden, dass diese philosophisch-phänomenologische Erkenntnis durch Ergebnisse der modernen Psychologie gestützt wird. Wie sehr sich bestehendes inneres Weltverständnis und Interpretation der äußeren Welt be ziehungsweise deren innere (Re-)Konstruktion gegenseitig bedingen, wird auch in Heideggers Denken deutlich, wo als Interpretieren verstandenes Verstehen die grundlegende Form der Erkenntnis des eigenen Daseins beziehungsweise des In- Der-Welt-Seins ist. Interpretation wird somit zur conditio humana, die letztlich das eigene Sein bestimmt. 128 Noch deutlicher wird die Idee des aktiven Konstruierens der Realität bei Edmund Husserl und darauf basierend bei Alfred Schultz sowie zudem bei Ansätzen, die insbesondere in den 1970er Jahren Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs fan den (wie etwa Atkinson 1988, Coser 1975, Douglas 1970, Gouldner 1970, Mehan/Wood 1976; vgl. hierzu ferner Holstein/Gubrium 1994). Vor allem aber lässt sich bei William Connolly (1987) erkennen, dass nur eine gleichzeitige Inter pretation von Akteur und Struktur überhaupt zu aussagekräftigen Ergebnissen füh ren kann, womit er über das, was er als ausschließlich auf dem Versuch einer Re konstruktion der absoluten und festen Selbstinterpretation des Akteurs beruhende reine Interpretation kritisiert, hinausgeht, mit welcher sich nicht die möglichen In konsistenzen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit erklären ließen. Vielmehr müssten die Einflüsse der Wahrnehmung auf das Selbst-Verständnis des Akteurs berücksichtigt werden, da ebendiese Selbstinterpretation des Akteurs veränderlich sei und somit hierdurch beeinflusst werde. Auch an dieser Stelle wird somit die intrinsische Verbindung der jeweiligen Ausprägung von Akteur und Struktur deut lich, welche es erfordert synchron beide Größen sowohl in ihrer jeweiligen Be schaffenheit als auch in ihrer Interaktion zu analysieren, um Entscheidungen und darauf basierende Handlungen verstehen zu können, was die grundsätzliche Aus richtung der hier vorgenommenen Modellbildung abermals unterstützt. Zieht man zudem noch das Argument Diltheys in Betracht, der basierend auf Kants Annah me, der zufolge a-priori-Konzepte auf Erfahrung beruhen, die Bedeutung speziell historischer Erfahrung von Ort und Zeit für die Interpretation und Konstruktion von Realität betont, dann zeigt sich die ebenfalls im Modell aufgegriffene Betonung ebendieses historischen Moments im Konzept der konkreten Systemkonstellation, welches das Konzept der Systemstruktur ergänzt. Hierbei stellt der Aspekt des Kontextes per se keine neue Größe für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens dar. Dies geschieht sogar in rein strukturbasierten Analyseansätzen, wo etwa die Capabilites eines Staates in den Kontext einerseits der anarchischen Systemstruktur und andererseits der Capabilites der anderen Staaten des globalen Systems gesetzt werden. Was jedoch unbedingt ergänzungsbedürftig ist, ist eben die systematische Integration des konkreten historischen Kontextes im weiteren Sinne, also eben nicht nur bezogen auf die Capabilities eines Staates im Sinne von militärischer Macht, sondern eben auch dahingehend, was ,weiche' Faktoren wie Kultur anbe langt. Eine derartige Berücksichtigung erfordert dann aber notwendigerweise die Einbeziehung von Erklärungsansätzen wie der interkulturellen Psychologie, die so ebenfalls noch nicht in einem Gesamtanalysemodell vorhanden ist. Auf diese Weise lassen sich auch die Prämissen des symbolischen Interaktionismus besser nutzbar machen für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens, wo postu liert wird, dass das Selbst-Konzept und eigene Handlungen in engem Zusammen hang damit stehen, wie die erwartete Wahrnehmung und Bewertung von Selbst und Handlung durch Dritte sind, wobei ein gemeinsam gültiges System von Zeichen und Symbolen unterstellt wird, denen jeweils übereinstimmende Bedeutungen zu geordnet sind. Im Rahmen interkultureller Interaktion, wie sie für internationales 129 Handeln fast schon konstitutiv ist, ist diese Prämisse jedoch nicht notwendiger weise gegeben. Dies gilt in umso höherem Maße, wie nicht nur in auswärtigen An gelegenheiten erfahrene Spitzenpolitiker an für zwischenstaatliche Entscheidungen relevanten Prozessen beteiligt sind, sondern auch andere Individuen und Institutio nen, die ihrerseits eigenen Regelwerken und Symboliken folgen. Eine Vielzahl von Missverständnissen kann die Folge sein, was sowohl bei den Akteuren selbst als auch bei den Analysten auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen zu unzu treffenden Interpretationen führen kann, wenn die zugrundeliegenden Zeichensys teme und ihre Bedeutung nicht kontextspezifisch entschlüsselt werden können. Die Bedeutung für die zwischenstaatliche Entscheidungspraxis kann dabei gar nicht überschätzt werden: So hat beispielsweise der Mangel an relevanter kulturspezifi scher Analysefähigkeit während des Kalten Krieges immer wieder dazu geführt, dass die Grundannahmen des eigenen kulturellen Kontextes gleichsam unreflektiert auf die zu analysierende Situation und die darin agierenden Akteure projiziert wur den, was dann etwa auf dem Wege der Politikberatung zu problematischen zwi schenstaatlichen Entscheidungen führen konnte (vgl. etwa McNamara 1995). An dererseits hat sich in der zwischenstaatlichen Praxis gezeigt, dass durch die Involvierung von Diplomatinnen und Diplomaten beziehungsweise Expertinnen und Experten, welche ein tief gründendes Verständnis von Sprache, Kultur und Tradi tionen des signifikanten Anderen mitbringen, regelmäßig problematischen Interpre tationen entgegengewirkt werden konnte. Dieser Aspekt gilt auch und gerade hin sichtlich der Bewertung von Rationalität, die ja gerade positivistischen Theorien der Internationalen Beziehungen regelmäßig als Konzept völliger Rationalität beim Ak teur zugrunde liegt. Winch (1987) etwa verwies darauf, dass wir die Praktiken ande re Kulturen nicht einfach als irrational bewerten könnten, indem man auf die Be wertungskriterien der eigenen Kultur verweist. Dieser Aspekt ist in höchstem Maße von Bedeutung für die Analyse zwischenstaatlichen Entscheidens, sowohl mit Blick auf den Analysten als auch für den außenpolitischen Praktiker. Denn indem von einer universellen Handlungsrationalität ausgegangen wird, sind Fehleinschätzun gen unvermeidlich. Gleiches gilt für die Annahme absoluter Rationalität. Auch die se existiert nicht in der Form, wie von vielen Theorieansätzen in den Internationa len Beziehungen postuliert. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, im hier entwickelten Theoriensatz nicht nur die kulturbedingte Relativität rationalen Han delns zu berücksichtigen und entsprechend analytisch zu fassen beziehungsweise zu operationalisieren, sondern ebenso die anderen Quellen entspringenden Beschrän kungen von Rationalität auszumachen und deren Wirkungsweise darzustellen, um sie zweckdienlich in das hier entwickelte Analysemodell zu integrieren. Beim Entstehen dieser sozialen Konstruktionen spielen explizite wie implizite Wahrnehmungsmechanismen eine Rolle. Um diese zu entschlüsseln ist es erforder lich, die neuesten Erkenntnisse der Psychologie und Neurologie zu berücksichtigen und gewissermaßen eine neurologische Wende auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen mit zu vollziehen und diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund der in den vorangegangenen Anschnitten dargelegten Argumente und Einsichten in Be- 130 ziehung zu den positiv-materiellen Aspekten der jeweils spezifischen Struktur des globalen Systems zu setzen. Die Integration einer interpretativen Komponente in den hier entwickelten Analyserahmen soll somit ermöglich aufzuzeigen bezie hungsweise zu rekonstruieren, wie Individuen die Realität wahrnehmen und deuten, und wie welche Wertvorstellungen und Überzeugungen dabei zum Tragen kom men (Chenitz/Swanson 1986: 4). Dabei wird bewusst Abstand genommen vom Selbstverständnis des Interpretivismus als scharf abgegrenzte Alternative zum Posi tivismus, welches auch die Dichotomie von Erklären und Verstehen aufrechterhält. Ferner werden im Rahmen der Theoriefortbildung die bestehenden Probleme auf gegriffen, welche gleichermaßen dem Verständnis des Interpretivismus als Aus druck der Aufdeckungshermeneutik (hermeneutics o f recovery) als auch als Ausdruck der Verdachtshermeneutik (hermeneutics o f suspicion) innewohnen. Denn während das erstgenannte Modell die konstitutive Rolle von Ideen und Beliefs der Akteure als zentral ansieht und dabei aber keine Erklärung aufweisen kann, wenn tatsächliche Handlungen und augenscheinlich bestehende Glaubenssätze eines Akteurs ausei nanderklaffen, zeigt sich bei Modellen, die auf dem letztgenannten Zugang beruhen das Problem ideologisch begründeter Erklärungsgrößen, wie etwa bei Marx oder Nietzsche, die auf Kapitalismus oder die Genealogie der Moderne rekurrieren (Gibbons 1987b). Hinzukommen intepretivistische Ansätze, welche rein auf nor mativer Ebene angesiedelt sind und die moralische Rolle der Sozialwissenschaften und den damit einhergehenden Auftrag der Beförderung zwischenmenschlicher Solidarität betonen, während ein dem Wesen nach analytisch naturwissenschaftliches Vorgehen abgelehnt wird (vgl. etwa Rorty 1987). Zudem lassen sich weitere Defizite ausmachen, welche einer unmittelbare Übernahme interpretiven Denkens in das hier entwickelte Modell entgegenstehen und für eine analytisch-eklektische Kombination mit weiteren Ansätzen sprechen. Hierbei ist vor allem anzuführen, dass mögliche zentrale kausale Erklärungsfaktoren systema tisch nicht erfasst werden, wie etwa technologische Entwicklungen, aber ebenso die Frage nach nicht-beabsichtigten Konsequenzen von Handlungen ausgeblendet wird, und nicht zuletzt die schon erwähnte Vernachlässigung der Struktur selbst (Fay 1987). Dieser auf diese Weise beschränkte Zugang lässt mehr oder weniger stark ausgeprägt in den bestehenden interpretiven Theorieansätzen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen erkennen (vgl. etwa Rogers 1996). Diese nicht nur analytisch-eklektisch mit strukturalistischen Ansätzen zusammenzuführen, sondern auch um ausgewählte Erkenntnisse der Kultur- und Identitätsforschung zu ergän zen, soll ebenfalls Gegenstand der hier vollzogenen Modellentwicklung sein. So existiert mit der (institutionalistischen) Kulturforschung auf dem Gebiet der ver gleichenden Politikwissenschaft ein eigener spezifischer Forschungsstrang. Hierbei ist zunächst zu konstatieren, dass kulturspezifische Ansätze auf eine keineswegs kurze Tradition zurückblicken können. Bereits Max Weber oder aber Montesquieu griffen auf Kultur als erklärender Faktor für spezifische politische Ergebnisse zu rück. Im jüngsten Neo-Kulturalismus betritt Kultur erneut die Bühne der Wissen schaft, und zwar bewusst als nicht-rationalistische, nicht-materialistische, und nicht 131 funktionale Erklärung. Obwohl die behandelten Analysegegenstände sehr breit an gelegt sind, erscheint hinsichtlich der Brauchbarkeit für den Interpretativen Realis mus vor allem die Literatur zur Themenbereich nationale Kultur als in besonderem Maße geeignet. Durch einen Rückgriff auf das dort vorhandene Denken kann die Wirkung nationaler Kulturen und deren Einfluss auf Identitäten, Perzeptionen etc. analysiert werden. Im Konzept des Interpretativen Realismus wird davon ausge gangen, wie weiter unten noch näher ausgeführt und begründet wird, dass spezifi sche kulturelle Aspekte einen wichtigen Faktor bei der Entstehung des erweiterten nationalen Interesses haben und somit wesentlich zur Entstehung spezifischer stra tegischer Kulturen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik beitragen. An die ser Stelle muss allerdings angemerkt werden, dass nicht so ohne weiteres von Kul tur als Faktor schlechthin gesprochen werden kann. Darüber, was unter dem Be griff Kultur zu verstehen sei, ist seit jeher trefflich gestritten worden, und diese Diskussion soll an dieser Stelle auch nicht vertiefend behandelt werden. Zudem gilt es an dieser Stelle auch die Schwierigkeiten zu thematisieren, die mit dem Ansatz des Kulturalismus verbunden sind. Zunächst einmal sehen sich kulturspezifische Studien mit dem Vorwurf konfrontiert, sehr vage und unbestimmt zu sein. Dies liegt daran, dass es nicht leicht ist, die konkrete kausale Wirkungsweise des Faktors Kultur zu beweisen. Als weiteres Problem kann schon oben erwähnte unklare be ziehungsweise variantenreiche Definition des Kulturbegriffes angeführt werden. Green (2002: 29) stellt daher nicht unberechtigt die Frage nach der Art der einer Analyse zugrunde gelegten Kultur und verweist in diesem Zusammenhang auf die erhebliche Spannweite des Kulturbegriffs: „Which culture is in question, in a given analysis? Culture is used to denote a spectrum from macroscale civilizational cultures to local cultures in a particular town or locality.” Das dritte Problem besteht darin, dass auch innerhalb einer als einheitlich erschei nenden Kultur eine Vielzahl von Variationen auftreten kann. Mit Blick auf die im Rahmen dieser Arbeit angestrebten Analyse bringt Green die diesbezügliche Prob lematik auf den Punkt: „Countries do not have monolithic cultures“ (Green 2002: 29). Dieser Aspekt betrifft auch und gerade die schon erwähnte und für die Inter nationalen Bezehungen wichtige Größe der strategischen Kultur. In diesem Zu sammenhang verweist Farrell allerdings in einem Aufsatz über den Zusammenhang von Kultur und militärischer Macht darauf, dass strategisch-kulturelle Faktoren zwar für spezifische Probleme vor allem auf der Ebene der lowpolitics herangezogen würden, bei der Erklärung von high politics Phänomenen indes fast ausschließlich traditionelle rationale Erklärungsansätze zum Tragen kämen (Farrell 1998). Dieser Hinweis ist auch für die Analyse konkreter Außenpolitiken im interpretativen Rea lismusmodell von Relevanz. Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass dort die An nahme vorliegt, dass auch und gerade h igh -politics-E ntscheidungen von kulturspezifi schen Faktoren beeinflusst werden, wobei freilich Johnston Recht zu geben ist, wenn er darauf hinweist, dass Kultur zwar ein wichtiger Faktor ist, jedoch neben kulturspezifischen Faktoren auch andere Faktoren zu berücksichtigen seien (Johns- 132 ton 1999). Dies gilt allen voran für das Konzept der Identität, das zugleich auch eng mit dem Konzept der Kultur verknüpft ist. Neben struktur- und kulturbezoge nen Ansätzen hat sich dabei auch der Bereich der Identitätsforschung als neues Forschungsgebiet im Bereich der komparativen Außenpolitikanalyse etablieren können. Hierbei sind Anknüpfungsstellen zu den bestehenden Bereichen freilich keineswegs zu übersehen; dies gilt namentlich für das Feld kulturspezifischer An sätze. Eine wesentliche Triebfeder für die Integration von Identitäten in klassische interpretative Ansätze war der Wunsch, Phänomene und Prozesse zu verstehen, von denen angenommen wurde, dass ihnen keine objektiven beziehungsweise ma teriellen Interessen zugrunde lägen. Mit anderen Worten ging es darum, die Idee des rationalen Akteurs, der auf Grundlage materieller Interessen handelt, zurück zuweisen (Green 2002: 31; Eisenstadt/Giesen 1995). Diese Sichtweise jedoch er scheint keineswegs unproblematisch. So wird es in der vorliegenden Arbeit als Feh ler betrachtet, materielle Interessen und ideelle Identitäten prinzipiell trennen zu wollen. Vielmehr wird im Interpretativen Realismus ein inhärenter Zusammenhang zwischen materiellen und ideellen Aspekten angenommen. Nichtsdestotrotz er scheinen gerade Identitäten wichtige Faktoren im Bereich der internationalen Poli tik darzustellen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, auf einige grundlegende Aspekte in Bezug auf kollektive nationale beziehungsweise staatliche Identitäten und ihre Bedeutung für den Bereich der vergleichenden Außenpolitikforschung einzugehen. Ohne an dieser Stelle die ohnehin kaum mehr zu überschauende Literatur zur Na tionalismusforschung aufrollen zu wollen, ist es aber unvermeidlich, einige Aspekte dieses Forschungsfeldes aufzugreifen. Während die Auseinandersetzung mit dem Wesen der Nation weit zurückreicht, sind es vor allem drei vergleichsweise junge Studien, die im hier behandelten Kontext von Relevanz sind, nämlich die Arbeiten von Ernest Gellner (1991), Benedict Anderson (2005; vgl. ferner Langewiesche 2005; Mergel 2005) und Eric Hobsbawm (2005). Alle drei Werke verfolgen einen historisch-sozialkonstruktivistischen Ansatz, in welchem Nationalismus als zeitspe zifisches Phänomen der Moderne betrachtet wird, das sich aus der Geschichte her aus entwickelt hat beziehungsweise gleichsam entwickelt wurde. Von diesen drei Ansätzen erscheint vor allem Andersons Konzept der imagined communities als am besten geeignet, Entstehung, Existenz und Wirkung unterschiedlicher nationaler Identitäten auch für den Kontext der internationalen Beziehungen aufzuzeigen. Andersons zentrales Argument geht dahin, dass die lokale Identität der Vormoder ne im Übergang zur Moderne durch eine supra-lokale Identität ersetzt werden musste. Zu diesem Zweck wurde laut Anderson eine Schicksalsgemeinschaft, die Nation, imaginiert, wobei auf materielle Größen zurückgegriffen wurde, welche für die Idee der Nation dienstbar gemacht wurden. Welche historischen Prozesse sich genau abspielten, kann an dieser Stelle vernachlässigt werden. Zugleich jedoch ist es erforderlich, den Zusammenhang des Faktors Kultur und der eigenen Identität auf zuzeigen. Denn gerade die gemeinsame Kultur wurde zum verbindenden Element einer nur mehr vorgestellten Gemeinschaft. Hierbei stellt ebendiese kulturelle 133 Grenze zugleich auch die Grenze der eigenen Identität dar. Dies wiederum bedeu tet, dass der Mensch Loyalität gegenüber seiner Kultur empfindet und deren Schutzbedürfnis letztlich als außenpolitische Forderung formuliert. Das kulturelle Schutzbedürfnis wird somit zum Teil des erweiterten nationalen Interesses, seine Realisierung eine Frage der nationalen Sicherheit und somit zugleich der Legitimität der politischen Führung. Es zeigt sich also, wie sehr die drei Problemkreise Analyseebene, Akteur-Struktur Verhältnis und Strukturausprägung des Systems miteinander wie auch mit der Fra ge nach dem nationalen Interesse und der nationalen Sicherheit als zentrale Motiva tionen für zwischenstaatliches Handeln zusammenhängen. Struktur stellt einen wichtigen Erklärungsfaktor für das Handeln von Akteuren dar. Hierbei erfolgt eine Interpretation der Struktur durch den Akteur, zugleich stellt aber die Struktur selbst eine eigenständig wirksame Größe dar. Um die Interaktion zu verstehen, müssen Struktur und Akteur zunächst einzeln erfasst werden und dann — unter Berücksich tigung des zentralen Motivationsfaktors des komplexen nationalen Sicherheitsinte resses — analytisch hinsichtlich ihrer Wechselwirkung zusammengeführt werden. Die Einzelbetrachtung der komplexen Struktur und des komplexen Akteurs ge schieht in den nun folgenden Kapiteln 3 und 4. 134

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Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.