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3. Die Komplexe Struktur: Das Internationale System und seine Konstellationen als Entscheidungsfaktoren in:

Alexander Niedermeier

Theorie des außen- und sicherheitspolitischen Entscheidens, page 135 - 182

Eine Analyse der Internationalen Beziehungen jenseits paradigmatischer Grenzen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3981-6, ISBN online: 978-3-8288-6704-8, https://doi.org/10.5771/9783828867048-135

Tectum, Baden-Baden
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3. Die Komplexe Struktur: Das Internationale System und seine Konstellationen als Entscheidungsfaktoren 3.1 Internationale Struktur und traditionelles Strukturdenken In Kapitel 3 steht zunächst die Frage nach der Wirkung der internationalen Struktur auf zwischenstaatliches Handeln im Fokus der Analyse. Auch in diesem Zusammenhang werden dem Prinzip des modellorientierten analytischen Eklektizismus folgend ausgewählte Elemente bestehender Theorien, Analyseansätze und weiterer relevanter Überlegungen neu zusammengeführt. Um die Auswahl der entsprechenden Elemente ebenso wie deren spezifische Rekombination zu begründen und aufzuzeigen, wie und weshalb genau hierdurch eine erhöhte Aussagekraft erzielt werden kann, ist es auch hier geboten, das relevante bestehende Schrifttum darzulegen und zugleich kritisch zu kommentieren. Auf diese Weise kann aufgezeigt werden, wo Defizite gesehen werden, die nur durch die Integration anderer Ansätze kompensiert werden können, und wo andererseits die hierfür erforderlichen komplementären Elemente existieren. Somit werden im nun folgenden Abschnitt zunächst die klassischen Strukturargumente dargelegt, welche die Lehre der Internationalen Beziehungen lange dominiert haben und das zu nicht unwesentlichen Teilen auch heute noch tun. Hieran anschließend wird auf bestehende Modifikationen und alternative Ansätze hierzu eingegangen und aus dem bestehenden, bislang aber voneinander unabhängigen und nebeneinander bestehenden Schrifttum ein Gesamtbild möglicher Strukturausprägungen und deren jeweiliger Wirkungslogiken zu entwickeln. Auch hier soll die begründete selektive Fusion der einzelnen Argumente die Gesamtaussagekraft für die Analyse zwischenstaatlichen Verhaltens erhöhen, weil hierdurch eine kohärente Analysegrundlage in Form eines Kontinuums struktureller Bedingungsfaktoren geschaffen wird, welche zwischen den Extrempolen absoluter Anarchie und absoluter Hierarchie liegen. Während die Dichotomie von Anarchie und Hierarchie einen Großteil der Forschung in den Internationalen Beziehungen dominiert, kam es in verschiedenen Kontexten zu Überlegungen, welche geeignet sind, diesen strikten Dualismus zu durchbrechen. So entwickelte etwa Alexander Wendt drei Unterkategorien der anarchischen Systembedingtheit. Während diese bewusst als Antwort auf Kenneth Waltz gedacht war, kam es im Rahmen des Versuchs von Karl Deutsch, das Verhältnis zwischen Nordamerika und Westeuropa zu Zeiten des Kalten Krieges theoretisch zu fassen, zur Herausbildung des Konzepts der Sicherheitsgemeinschaft, welches seinerseits die Systemstruktur der Anarchie relativierte. Das gilt etwa für das Konzept der Sicherheitsgemeinschaft von Karl Deutsch, das als Versuch gedacht war,. Hinzu kommen weitere Forchungsansätze wie etwa der geschichtswissenschaftliche Konstruktivismus etwa eines Benedict Anderson und seiner sozial konstruierten imagined communities sowie des schließlich 135 daran angelehnten Konzeptes imaginierter Sicherheitsgemeinschaften von Barnett und Adler. Spezifische Argumente dieser größtenteils unabhängig voneinander existierenden Konzepte gilt es zu betrachten und dem analytisch-eklektischen Ansatz folgend selektiv zusammenzuführen. Hierdurch wird es möglich, aufzuzeigen und zu begründen, aus welchen Elementen das Strukturkontinuum des internationalen Systems aufgebaut ist und welche für zwischenstaatliches Handeln relevante Wirkungslogik mit jedem dieser Strukturzustände verbunden ist. Das hier entwickelte Kontinuum beziehungsweise die darin enthaltenen einzelnen Strukturzustände stellen dann das strukturspezifische konzeptionelle Gegenstück zu den Akteurgrößen Perzeption und Interpretation dar. Betrachtet man hierfür zunächst den Diskurs um die Strukturbeschaffenheit in den Internationalen Beziehungen, dann lassen sich zwei Verständnisse ausmachen, nämlich ein materielles und ein ideelles. Diese Einteilung orientiert sich an zwei spezifischen Versionen sozialer Fakten, die sich beide im Werk Durkheims finden lassen. Die an der Vorstellung von Struktur verstanden als immaterielle Ideen ori entierte Schule der kontinentalen Tradition richtet sich dabei an Durkheims Idee der kollektiven Repräsentationen aus und neigt zu einer subjektivistischen und eher qualitativen Herangehensweise. Insbesondere spielen Aspekte wie Wahrnehmung und Interpretation bei der kognitiven Konstruktion von Struktur eine zentrale Rol le. Die Einflüsse freudianischer Psychologie, saussure’scher Sprachwissenschaft, heideggerianischer beziehungsweise husserlianischer phänomenologischer Philoso phie und nicht zuletzt des französischen Poststrukturalismus etwa in Gestalt von Maurice Merleau-Ponty sind unverkennbar. Materiell ausgerichtet ist indes die Denkschule der Strukturanalyse, deren zentrale Einflüsse auf Merton oder Talcott- Parsons zurückgehen (Wight 2006: 123-126). Im Kontext dieser beiden Denkrich tungen lassen sich mehrere Konzeptualisierungen von Struktur herausarbeiten, wie bereits oben bei der Darstellung des Agent-Structure-Problems angeklungen ist (Porpora 1989: 195; Wight 2006: 127). Struktur kann etwa als über längere Zeit räume hinweg erkennbare Verhaltensmuster gedeutet werden. Diesem Verständnis folgend ist Struktur der erkennbare Ausdruck des wiederholten Verhaltens von In dividuen. Größen wie Staat, Ökonomie oder Kultur werden somit nicht als eigen ständige Größen gewertet, sondern gelten ihrerseits letztlich als zurückführbar auf wiederholtes Verhalten von Individuen (Collins 1981: 988 ff.; Wight 2006: 127 f.; Homans 1974: 53-64; Kubalkova 2001: 22; Bull 1977: 3 ff.). Dieses Verständnis von Struktur ist jedoch insofern problematisch, da diese als Abstraktion verstanden nicht kausal wirken kann und somit nicht als unabhängige Variable zur Verfügung steht (vgl. hierzu etwa Popora 1989: 197; Wight 2006: 128). Ein weiteres Verständ nis von Struktur ist jenes der Verbundenheit spezifischer sozialer Gruppen durch gesetzesartige Muster (Wight 2006: 129; Popora 1989: 197; Nicholson 1996: 48 f.). Als Beispiel ließe sich die Verteilung der Capabilities als materiell-basiertes, soziales Faktum im Waltz’schen Strukturrealismus anführen, welches das Handeln anderer Akteure naturgesetzgleich beeinflusst. Trotz der scheinbaren Inkommensurabilität beider Perspektiven kann behauptet werden, dass diese vielmehr die zwei Seiten 136 derselben Medaille darstellen, wie ebenfalls bereits im Kontext des Agent- Structure-Problems gezeigt wurde. An dieser Stelle scheint es geboten, weitere zentrale Strukturansätze anzusprechen, die zwar in eine ähnliche Richtung gehen, jedoch in anderer Hinsicht Defizite auf weisen, und sich somit in ihrer bestehenden Form nicht zur Integration in das Mo dell eignen und somit tatsächlich die soeben beschriebene Form der analytisch ek lektisch basierten Fusion ausgewählter Aspekte der bestehenden, beschriebenen Ansätze erforderlich machen. Dies gilt insbesondere und durchaus stellvertretend für die prominente Strukturationstheorie von Anthony Giddens. Durch diese er folgte zwar in der Tat eine erste grundsätzliche Hinwendung zur Berücksichtigung beider Größen indem die wechselseitige Konstitution von Akteur und Struktur postuliert (Giddens 1981: 27) und Struktur somit zugleich als „medium and the outcome of the practices which constitute social systems” (Giddens 1979: 69) be schrieben wurde. Zugleich aber existieren signifikante Unterschiede: So erweist sich Giddens Ansatz in doppelter Hinsicht als nicht weitreichend genug, um vor dem Hintergrund des Akteur-Struktur-Verhältnisses die Struktur in ihrem vollen Um fang und somit ihrer gesamten Wirkungsmächtigkeit auf zwischenstaatliche Ent scheidungen zu erfassen: „[The] lack o f a link to the social system [...] makes it an entirely phenomenological process. He says little about how objective relations structure and motivate behaviour, or about how structured behaviour affects the system (Wight 2006: 141)”. Hinzu kommt, dass zwar der Aspekt der wechselseitigen Konstitution erfasst ist, die Struktur jedoch ausschließlich als soziales Konstrukt und letztlich als Akteur phänomen konzeptualisiert wird, weil die als Struktur betrachteten Beziehungsmus ter lediglich „epiphenomenal effects of agents’ knowledge, reasons and motivations“ (Wight 2006: 144) darstellen, womit Giddens sich in der Frage der Struktur des internationalen Systems dem gleichen Problem eines reinen Voluntarismus ge genüber sieht wie auch Wendt und Dessler, wo die Totalität sozialer Entität auf phänomenologische beziehungsweise psychologische Phänomene reduziert wird, ohne der positiv-materiellen Seite hinreichend Beachtung zu schenken (vgl. Wight 2006: 138, 144). Es ist also von entscheidender Bedeutung, dass das Zusammen spiel materieller Größen der Systemstruktur und ihrer Effekte mit den Aspekten der Perzeption und Interpretation durch die betroffenen Akteure in Einklang ge bracht werden. Als Ausgangspunkt soll an dieser Stelle das positiv-materiell basierte Verständnis des Strukturrealismus von Kenneth Waltz dienen. Dieser bietet nicht nur dem Grundsatz nach überzeugende Argumente dafür, dass materielle Aspekte in Fragen der Systemstruktur von Relevanz sind, sondern zeigt auch nachvollzieh bar auf, dass eine spezifische Struktur auch spezifische Effekte für das zwischen staatliche Handeln hat. Dem Prinzip des analytischen Eklektizismus folgend, wird nun dargelegt, welche Elemente der Waltz’schen Theorie als geeignet erscheinen, extrahiert und in einen erweiterten Erklärungszusammenhang gestellt zu werden. Dabei zeigt sich, dass der 3-Images-Ansatz, den Kenneth Waltz in seinem Werk 137 entwickelt, eine Vielzahl wichtiger Anknüpfungspunkte hierzu bietet. Mit einer knappen Aussage umreißt Kenneth Waltz (2001: 159) einen der zentralen Kern punkte des (struktur-)realistischen Denkens: „With many sovereign states, with no system o f law enforceable among them, with each state judging its grievances and ambitions according to the dictates o f its own reason or desire — conflict, sometimes leading to war, is bound to occur. To achieve a favorable outcome from such conflict a state has to rely on its own devices, the relative efficiency o f which must be its constant concern.” Waltz beschreibt eine Vielzahl von souveränen Staaten als Akteure in einem von Anarchie geprägten System, in welchem jeder einzelne Staat prinzipiell allein die Verantwortung für sein Überleben trägt. In dieser Situation herrscht eine perma nente potenzielle Gefahr von Konflikten. Um für diese gewappnet zu sein und so wiederum die Chancen für das eigene Überleben zu verbessern, strebt jeder Staat nach der Erhöhung seiner relativen Stärke. Diese Strategie der Staaten geht also letztlich auf die bestehende anarchische Struktur des globalen Systems zurück. Die systemstrukturelle Bedingtheit des Handelns der Akteure bezeichnet Waltz in sei nem Standardwerk Man, the State and War als das Third Image. Dieses dritte Bild, welches das außenpolitische Handeln der Staaten erstursächlich an die Struktur des Systems bindet, unterscheidet sich von den klassischen Erklärungsansätzen der Außenpolitik, welche Waltz als First- beziehungsweise Second-Image-Erklärungen be zeichnet. Während First-Image-Ansätze außenpolitisches Handeln rein auf Grundlage der menschlichen Natur erklären, liegt für Second-Image-Ansätze die Ursache für die se oder jene Außenpolitik ausschließlich in der inneren Verfasstheit der jeweiligen Staaten begründet. In diesem Kontext ist anzumerken, dass die Problematik der Erklärungsansätze des ersten beziehungsweise zweiten Bildes in deren jeweiligen Ausschließlichkeitsan sprüchen begründet liegt. Wie auch Waltz konzediert, spielen First- und Second- Image-Ansätze durchaus eine Rolle, jedoch können diese lediglich als zusätzliche Faktoren herangezogen werden. Sie sind lediglich als letztendliche, konkrete A uslö ser etwa eines Konfliktes zu werten, nicht aber als dessen eigentliche Ursache. Diese, und somit auch jegliches staatliche Handeln lässt sich für Waltz nur unter der un bedingten Berücksichtigung der Struktur des Weltsystems verstehen. Die Idee eines „Third-Image“ ist dabei weder besonders ungewöhnlich noch sonderlich neu, wie auch Waltz herausstellt Bereits der griechische Geschichtsschreiber Thukydides, von vielen als Vater des klassischen Realismus bezeichnet, verwies im fünften vor christlichen Jahrhundert in seinem Geschichtswerk über den Peloponnesischen Krieg darauf, dass es die Veränderung des Mächtegleichgewichtes zugunsten der Athener war, welches die Lakedämonier ängstigte und so in den Krieg trieb.26 Im 26 Vgl. hierzu Thukydides (1977): Der Peloponnesische Krieg. Auswahl. Übersetzt und her ausgegeben von Helmuth Vretska. Universalbibliothek Nr. 1807 <5>. Stuttgart. 1977. Philipp Reclam Jun. Verlag. Dort heißt es in Buch 1, 23, 6: „Den letzten und wahren Grund [...] sehe ich im Machtzuwachs der Athener, die den Spartanern Furcht einflößte 138 Juni 1798 warnte John Adams die Bürger von Petersburg in Virginia vor unziemli chen, da für die eigene Sicherheit gefährlichen allzu vertraulichen Annäherungen zwischen Staaten (vgl. Waltz 2001: 160). Die Beziehung, welche zwischen der hierin implizierten Weisheit, der zufolge Staaten keine Freunde kennen, und der von Thukydides angedeuteten Sorge von Akteuren hinsichtlich ihrer relativen Stärke im internationalen System, besteht, lässt sich für Waltz in äußerst treffender Weise in die Worte Frederick Dunns (1937; zitiert in Waltz 2001: 160) kleiden: „[S]o long as the notion of self-help persists, the aim of maintaining the power position of the nation is paramount to all other considerations”. Die Quintessenz jener Überlegun gen berücksichtigend gelangt Waltz (2001: 160) zu folgender Schlussfolgerung: „In anarchy there is no automatic harmony. [...] A state will use force to attain its goals if, after assessing the prospects for success, it values those goals more than it values the pleasures of peace. Because each state is the final judge o f its own cause, any state may at any time use force to implement its policies. Because any state may at any time use force, all states must constantly be ready either to counter force with force or pay the cost o f weakness. The requirements o f state action are, in this view, imposed by the circumstances in which all states exist” . Die Situation, welche Waltz beschreibt, erinnert an den Naturzustand in Hobbes Leviathan. Der Staat ist gleichsam des Staates W olf (lupus) und zugleich sein Ka ninchen (lepus), eine Situation, die eine zentrale Rolle im Konzept des Sicherheits dilemmas spielt. Weil jeder Staat zu jeder Zeit potenziell zum Angreifer eines ande ren Staates werden kann, muss jeder Staat stets dafür gerüstet sein, sich zu verteidi gen und so sein eigenes Überleben sicherzustellen. Nach Waltz gibt es für jeden einzelnen Staat, wie gezeigt, nur zwei Alternativen: “counter force with force or pay the cost o f weakness.” Grundsätzlich geht es für jeden Staat zunächst einmal um das Überleben. Um dieses Ziel sicherzustellen, benötigt ein Staat entsprechende Kapazitäten. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Morgenthau spricht von der Maximierung von Macht, Waltz betont die Maximierung von Sicherheit. Doch was ist Macht konkret, was Sicherheit? Zwar äußern sich beide Autoren zu diesem Problem, doch sind ihre Beschreibungen nur bedingt hinreichend. Eine echte Ope rationalisierung jener zentralen Begriffe des realistischen Forschungsprogramms bleiben beide — wie auch die meisten anderen — Theoretiker schuldig. Doch hiervon einmal abgesehen sind die grundsätzlichen Überlegungen, die Waltz zu seinen verschiedenen „Images“ und ihrem jeweiligen Verhältnis zueinander an stellt sehr hilfreich für die Modellentwicklung. Zur näheren Erläuterung des First Image greift Waltz (2001: 162) auf Spinoza zurück, während er Kant als repräsenta tiv für das Second Image erachtet. Für Spinoza (1951: 208) geht Gewalt ganz generell auf die Fehlerhaftigkeit des Menschen zurück, eine Idee, die sich auch im klassi schen Realismus wiederfindet. Staaten seien hierbei ebenso wie Menschen: Einer seits verfügten sie über einen Lebenstrieb, andererseits seien sie nicht in der Lage und sie zum Krieg zwang.“ (S. 57). Waltz selbst bezieht sich jeweils auf die Ausgabe Thucydides (1900): History o f the Peloponnesian War. Übersetzung B .Jow ett. 2. Auflage. London. 1900. Oxford UniversityPress. 139 ihre Angelegenheiten stets und konsequent an den Erfordernissen des Rationalen auszurichten. Dieser Gedanke findet eine zumindest relative Entsprechung im Konzept der sogenannten State Personhood (vgl. etwa Kustermanns 2011), was be reits wieder auf eine nicht zu vernachlässigende Rolle der Akteur-Seite auch im Kontext der Struktur verweist und die Bedeutung der obigen Ausführungen zum Agent-Structure-Problem nochmals unterstreicht. Zugleich geht Waltz in seinem Werk auch auf einen weiteren für die Internationalen Beziehungen wesentlichen Aspekt ein: die Frage nach der Rationalität von Akteuren. Hierbei ist zu beobach ten, dass er unter Rückgriff auf Jean-Jacques Rousseau die defizitäre Fähigkeit des Menschen zur Rationalität anhand des bekannten Rousseauschen Beispiels von fünf Hunger leidenden Individuen, welche über rudimentäre Kommunikationsfä higkeiten verfügen, illustriert. Der Hunger eines jeden Einzelnen könnte durch den jeweils fünften Teil eines erlegten Hirsches gestillt werden. Somit einigen sich die Fünf darauf, für die Jagd eines Hirsches zu kooperieren. Allerdings würde der Hunger eines einzelnen Beteiligten auch durch einen Hasen gestillt werden. Als ein Hase in Reichweite gelangt, lässt einer der Jäger von der gemeinsamen Hirschjagd ab und stürzt sich auf den Hasen. Auf diese Weise kann der Abtrünnige seinen Hunger stillen, jedoch entkommt der Hirsch, sodass die restlichen vier Personen weiter an Hunger leiden. Das unmittelbare, kurzfristige Eigeninteresse des einen Jagenden überwiegt somit über die Überlegungen vis-a-vis der Fremdinteressen. Obgleich die Geschichte einfach ist, sind für Waltz (2001: 167) die Implikationen gewaltig: „In cooperative action, even where all agree on the goal and have an equal interest in the project, one cannot rely on others“. Wie durch das von Waltz gewählte Beispiel der Hirschjagd deutlich wird, lässt sich die Logik zwischenstaatliches Verhaltens auch in Anlehnung an Vorstellungen der Spieltheorie umschreiben. Der Rückgriff auf diesen Ansatz ist nicht die einzige Möglichkeit, Logik und Möglichkeiten internationaler Kooperation zu modellieren. Zudem ist sie beschränkt auf ein spezifisches Verständnis von vollkommener Rati onalität, welches im Rahmen der hier vorgenommenen Theoriefortbildung als nicht hinreichend betrachtet wird. Dennoch ist ein Rückgriff auf die Spieltheorie an die ser Stelle hilfreich, um das grundlegende Verständnis der auf Rational-Choice- Denken beruhenden Erklärungsansätze zwischenstaatlichen Verhaltens unter Anarchiebedingungen in den Internationalen Beziehungen anschaulicher zu erläu tern. Die Argumente der Spieltheorie gilt es zugleich aber zu relativieren, indem sie mit der diesbezüglichen Kritik Alexander Wendts (etwa 2004: 247) in Verbindung gebracht werden, der in diesem Zusammenhang zwei Fragen stellt, die er als „varia tion question“ und „construction question“ bezeichnet. Während die Variation question hinterfragt, ob Anarchie im Kontext lediglich einer Struktur möglich ist, oder aber im Rahmen unterschiedlicher struktureller Varianten systembestimmend sein kann, geht es bei der construction question darum, ob eine anarchische Struktur des internationalen Systems nur gleichsam mechanisch das Akteursverhalten determi niert, oder aber auch die Identitäten und Interessen der Akteure beeinflusst, also das Wesen des Staates gleichsam erschafft, was die Vorstellung vollkommener Ra 140 tionalität infrage stellen würde. Hierbei ist es wichtig, zwischen den sogenannten — wie Wendt sie bezeichnet — Mikro- und Makroebenenstrukturen zu unterscheiden, wobei sich mit Mikroebene die innerstaatliche Ebene und Makroebene die zwi schenstaatliche Ebene gemeint ist (vgl. Wendt 2004: 247, 145-157). Eine vergleich bare Unterscheidung findet sich auch bei Waltz, welcher zwischen Außenpolitik (foreignpolicj) und internationalen Beziehungen (internationalpolitics) differenziert. Betrachtet man die beiden auf Rational Choice beruhenden Großparadigmen Neo realismus und Neoliberalismus, dann zeigt sich, dass bei beiden das prinzipielle Verständnis von Anarchie als Selbsthilfesystem vorherrscht, dem es an einer über geordneten ordnenden institutionellen Macht fehlt, was letztlich zu Furcht, Miss trauen, Täuschung und Betrug zwischen den beteiligten Akteuren auf internationale Ebene führt, um sich partikulare Vorteile zu verschaffen (Keohane, 1984: 7; Lipson, 1984: 1-2; Axelrod, 1984: 3-4; Stein, 1983: 116; Axelrod/Keohane 1985: 226). Gegen diese monistische Auffassung von Anarchie wendet sich Alexander Wendt unter Bezugnahme auf die Englische Schule der Internationalen Beziehungen, allen voran ihren prominenten Vertreter Martin Wight, mit dem Argument, dass Anar chie vielmehr drei verschiedene Manifestationen erfahren könne, nämlich hobbesianisch, lockeanisch und kantianisch (vgl. Wendt 2004: 247; Wight 1991). Zugleich wehrt sich Wendt (2004: 247) gegen die Sichtweise vieler rationalistischer Ansätze, welche lediglich das Verhalten der Staaten, nicht aber deren Wesen (also ihre Identi täten und Interessen) durch die Struktur des Systems beeinflusst sehen. Hiermit wendet sich Wendt explizit gegen die Sichtweise von Kenneth Waltz, der zufolge Anarchie schlechthin sogenannte like-units hervorbringe, also sich in Wesen und Verhalten gleichende Staaten, welche selbstbezogen seien und als oberstes Ziel ihre jeweilige nationale Sicherheit verfolgten. In den Augen von Alexander Wendt führt diese Annahme von Waltz dazu, dass eine mögliche Variation des nationalen Inte resses, welche die realistische Logik der Anarchie in Frage stellen würde, a priori ausgeschlossen wird. Wendt selbst versucht der erkannten Problematik in Waltz Argument dahingehend zu begegnen, dass er die Natur der internationalen Sys temstruktur als sozial darstellt, und nicht materiell auffasst. Im Gegensatz zur kon ventionellen Ansicht im Bereich der Theorie der Internationalen Beziehungen, wel che die Verteilung der capabilities als zentrales, die Akteurshandlung determinieren des Merkmal betrachtet, die Verteilung sich mit anderen Worten nur auf die konkrete Außenpolitik auswirke, behauptet Wendt (2004: 249; Hervorhebung im Original; vgl. zur Idee der stocks o f knowledge ferner Berger/Luckmann 1966 sowie Turner 1988), dass die Verteilung der capabilities zugleich auch die Struktur des internationalen Systems beeinflusse: “To say that a structure is ‘social’ is to say following Weber, that actors take each other ‘into ac count’ choosing their actions. This process is based on actors' ideas about the nature and roles of Self and Other, and as such social structures and ‘distributions o f ideas’ or ‘stocks of knowledge’” . 141 Diese Erkenntnis Wendts ist von so großer Bedeutung, weil sie die Möglichkeit einer Differenzierung von einfacher und komplexer Wahrnehmung eröffnet: Wäh rend Waltz stellvertretend für viele Denker der (struktur-)realistischen Schule die Bedeutung der materiellen Struktur bei der Wahrnehmung herausarbeitet, verweist Wendt auf die Möglichkeit, die soziale Struktur zu erfassen. In einer orthodoxen Herangehensweise stünden sich diese Ansätze unvereinbar gegenüber. Auf Grund lage von Laudans Paradigmenverständnis und einem analytisch-eklektischen Ansatz folgend, ist es möglich, parallel die doppelte Wahrnehmung von Systemstruktur und Systemkonstellation zu analysieren, wie weiter oben als Erfordernis postuliert. Eine solche doppelte Perzeptionsanalyse erscheint insofern notwendig, wie sie die Differenzierung des nationalen Interesses in ein allgemeines, grundlegendes Inte resse eines Staates und eine konkrete situative Interessenausprägung ermöglicht. Um dies zu realisieren, müssen Waltz und Wendt einander angenähert werden, denn während Waltz in seiner Analyse des internationalen Systems nur auf den ma teriellen Aspekt achtet, verharrt Wendt ausschließlich beim sozialen Aspekt. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Differenzierung der Struktur selbst. Aus Sicht von Waltz besteht Struktur nur aus Anarchie oder Hierarchie, in der interna tionalen Praxis somit aus (hierarchischem) Staat und (anarchischem) Staatensystem. Die Wahrnehmung fällt hier theoretisch leicht, da die Struktur stets als rein anar chisch angenommen wird. Allerdings kann Waltz hiermit die Variation im zwi schenstaatlichen Verhalten nicht hinreichend erklären. Wendt hat daher den Ver such unternommen, die Struktur des internationalen Systems in hobbesianisch, lockeanisch und kantianisch zu differenzieren. Hobbesianische Anarchie und zwischenstaatliche Handlungslogik: Kooperation als Allianz^potenzjellerFeinde gegen aktuelle Feinde Hierbei entspricht der hobbesianische Zustand des internationalen Systems den Anarchie-Annahmen von Waltz. Die Einheiten (d.h. Staaten) unter diesen Bedin gungen gelten als auf internationaler Ebene und abweichend von ihrer inneren Verfasstheit undifferenziert hinsichtlich ihrer Funktion, was diese Dimension für Waltz als irrelevant für die Analyse des internationalen Systems erscheinen lässt. Somit erlangt der Faktor der sogenannten capabilities, also der einem Staat zur Verfügung stehende Macht, genauer gesagt der relativen Verteilung dieser capabilities im inter nationalen System überragende Bedeutung. Diese Sichtweise findet ihren Ausdruck insbesondere in den zentralen Argumenten der neorealistischen Theoriebildung. Vor diesem Hintergrund gelangt Wendt zur Erkenntnis, dass für Waltz Muster von Freundschaft und Feindschaft, welche auf einem Vorhandensein beziehungsweise Fehlen von gemeinsamen Ideen beruhen und somit unit-level-Phänomene darstel len, für Waltz ohne Belang seien. Gerade in der hobbesianischen Variante der Anarchie spielt nach Ansicht Wendts (2004 [1999]: 260) aber die Rolle des soge nannten Anderen eine exponierte Rolle. Selbst., gegnerischer Akteur und befreundeter 142 Akteur werden hierbei als soziale Strukturen aufgefasst und als Repräsentationen konstruiert. Hierbei differenziert Wendt jedoch bereits zwischen Gegnern (enemies) und Feinden (rivals): Während der Feind als Akteur verstanden wird, der das Recht des Selbst auf Existenz als autonomer Akteur nicht anerkennt und somit nicht be reit ist, die potenzielle Gewaltbereitschaft gegenüber dem Selbst zu beschränken, erkennt der Rivale zwar das Recht des Anderen auf dessen Autonomie nicht an, jedoch dessen Recht auf Existenz (vgl. Wendt 2004: 260 f.; zur Rolle von Feinbil dern im Kontext von Selbst und Anderem vgl. zudem Wolfers 1962; Finley/Holsti/Fagen 1967; Volkan 1988; Herrmann/Fischerkeller 1995). Die Gewaltbereitschaft zwischen Feinden ist von der jeweiligen Akteursintention her unbeschränkt; diesbezügliche Grenzen entstehen nur durch unzureichende capabilities oder die Existenz eines externen Beschränkungsfaktors (etwa der Leviathan in der politischen Theorie von Thomas Hobbes). Aus der Sicht Wendts (2004: 262) ergeben sich aus der Repräsentation des Anderen als Feind vier wesentliche Impli kationen für die Außenpolitik eines Staates: Erstens wird ein Staat, der einen ande ren Staat als Feind wahrnimmt, versuchen, diesen zu zerstören, zweitens wird der gesamte Entscheidungsfindungsprozess des Staates auf Grundlage der wahrge nommenen existenziellen Bedrohung erfolgen, was jegliche Möglichkeit der Ko operation von vorneherein verhindert, drittens wird der Grad der eigenen existen ziellen Gefährdung aus dem Verhältnis der Machtmittel des Feindes zu den eigenen Machtmitteln abgeleitet und versucht, die eigenen Machtmittel entsprechend hoch zu halten und viertens wird im Kriegsfall die eigenen Gewalt unbeschränkt ausge übt, um beim Feind keine komparativen Vorteile entstehen zu lassen. Auch an die ser Stelle zeigt sich die Kongruenz der Waltschen Anarchievorstellung und die Wendtsche Charakterisierung der hobbesianischen Anarchie. Wendt (2004: 263; vgl. ferner 1992) erkennt hierin den Mechanismus einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: “ [W]hen the Other is an enemy the Self is forced to mirror back the representations it has attributed to the Other. Thus, unlike most roles in social life, which are constituted by functionally differentiated ‘counter’-roles (teacher-student, master-slave, patron-client), the role o f enemy is symmetric, constituted by actors being in the same position simultaneously. Self mirrors Other, becomes its enemy, in order to survive. This o f course will confirm whatever hostile intentions the Other had attributed to the Self, forcing it to engage in realpolitik o f its own, which will in turn reinforce the Selfs perception o f the Other, and so on. Realpolitik, in short, is a self-fulfilling prophecy: its beliefs generate actions that confirm those beliefs”. Wendt zeigt somit auf, dass völlig unabhängig davon, ob Staaten zu einem be stimmten Zeitpunkt tatsächlich füreinander eine existenzielle Bedrohung darstellen oder nicht, diese Staaten sich auf eine Weise verhalten, die sie tatsächlich zu einander existenziell gefährdenden Bedrohungen macht, sobald die Logik der Feindschaft in Kraft gesetzt ist. Mit anderen Worten wird das Verhalten der Akteure insofern zum Teil des Problems als die Wahrnehmungen und Interpretationen des Anderen eine „homeostatic quality that sustains the logic o f Hobbesian anarchies“ (Wendt 2004: 143 263) erhalten. In diesem Zusammenhang kommt schließlich die Wirkungslogik der hobbesianischen Anarchie zum Tragen. Vor diesem Hintergrund hängt das eigene Überleben gleichsam ausschließlich von der eigenen militärischen Leistungsfähig keit ab. Sicherheit ist ein hochgradig wettbewerbsorientiertes Nullsummenspiel; es besteht ein akutes Sicherheitsdilemma (Herz 1950; Jervis 1978; Glaser 1997). Diese Entsprechung des hobbesianischen Naturzustandes ist für Wendt jedoch nicht die einzige Möglichkeit, wie Anarchie ausgestaltet sein kann. Während es bei Waltz vor allem um die Analyse von Funktionsweise und Implikationen des anarchischen Sys tems selbst geht, ist es Wendts Bestreben, Perspektiven aufzuzeigen, wie dieses Sys tem überwunden werden kann. Daher ist Wendt bemüht, die Genese der hobbesi anischen Anarchie darzulegen. Hierbei greift er auf das Konzept der Internalisie rung zurück. Für Wendt teilen die Akteure in der Kultur der hobbesianischen Anarchie ein gemeinsames Wissen, das vor allem drei Aspekte tangiert: das Wissen darum, dass erstens die anderen Staaten funktional gleich sind, dass zweitens die anderen Staaten die eigene staatliche Existenz bedrohen und drittens die Art und Weise, wie darauf zu reagieren ist, etwa Abschreckung oder die Herstellung eines Mächtegleichgewichts. Die Herstellung eines Mächtegleichgewichts ist dabei im Neorealismus Waltzscher Prägung ein wünschenswerter Quasi-Automatismus: Wünschenswert ist die balance ofpower, weil sie zum Austarieren und somit zur Sta bilisierung des zwischenstaatlichen Systems beiträgt, als Quasi-Automatismus wird sie verstanden, weil jeder Staat aufgrund des ihm innewohnenden rationalen Strebens nach Sicherheit und Überleben sich gleichsam notwendigerweise jeder wach senden Bedrohung entgegenstellt: “Pursuing a balance-of-power policy is still a matter o f choice, but the alternatives are those of probable suicide on the one hand and the active playing o f the power-politics game on the other. [ ...] States [...] do not enjoy even an imperfect guarantee o f their security unless they set out to provide it for themselves. If security is something the state wants, then this desire, together with the conditions in which all states exist, imposes certain requirements on a foreign policy that pretends to be rational. The requirements are imposed by an automatic sanction: Departure from the rational model imperils the survival o f the state. The clue to the limitation o f policy imposed by the condition o f anarchy among states is contained in the maxim: ‘Everybody’s strategy depends on everybody else’s’” (Waltz 2001: 201-205). Die Herstellung eines Mächtegleichgewichts zur Sicherstellung des eigenen Überle bens erfolgt entweder durch die Erhöhung der eigenen Machtmittel oder eben im Verbund einer Mächteallianz, die zwar nicht geliebt wird, jedoch als das geringere und zugleich notwendige Übel hingenommen wird. Als Allianz ist dabei gleichsam ein Versprechen zu verstehen, das die von jedem Beteiligten erklärte Absicht zum Gegenstand hat, im Falle einer auf spezifische Weise definierten Bedrohungslage eine ebenfalls auf spezifische Weise definierte Beistandsleistung zu erbringen (Wolfers 1986: 268). Staaten schließen sich erwartungsgemäß gegen solche Staaten zu sammenschließen, die sie (aus ihrer jeweiligen Wahrnehmung heraus) bedrohen. Bei diesem als Balancing bezeichneten Verhalten geht also um den Versuch, Kräfte gegen eine perzipierte Bedrohung zu bündeln. Daneben kommt es aber durchaus 144 auch vor, dass Staaten sich mit solchen Staaten zusammenschließen, die sie bedro hen, um so einen potenziellen Gegner zu neutralisieren. Dieses Verhalten nennt Walt Bandwagoning. Im Vergleich zum Balancing tritt Bandwagoning jedoch selte ner auf, etwa dann, wenn ein schwacher Staat keinen Allianzpartner für ein balan cing findet oder aber, wenn ein Staat sich in der Phase eines absehbaren Kriegsen des dem mutmaßlichen Sieger zuwendet. Um diese Handlungslogiken konkreter zu erklären stellt Waltz unter Rückgriff auf John McDonalds stark vereinfachte Um schreibung des Kerngedankens der von John von Neumann und Oskar Morgen stern entwickelten Spieltheorie eine Verbindung zwischen der Systemstruktur und dem notwendigen Handeln der Systemakteure her. „One who wants to win a simple card game, in fact any game with two players, must follow a strategy that takes into consideration the strategies o f the other player(s). And if there are three or more players, he will, on occasion, have to form a coalition even though this may mean cooperating with his recent ‘enemy,’ one who still remains a potential enemy. Such a necessity arises most obviously where one man will win shortly unless his opponents help each other. There is of course nothing automatic about the forming o f the coalition. It may not be formed at all: because the two men we would expect to help each other are inveterate noncooperators, because they dislike each other too much to cooperate even for mutual advantage, because they are not intelli gent enough to do so, or because the game is one in which it is difficult to perceive the proper moment for cooperation.” (Waltz 2001: 201 f.). Diese Ausführungen von Waltz entsprechen einem sogenannten Nullsummenspiel. Bei einem solchen dreht es sich ausschließlich um Verteilungsaspekte, nicht hinge gen um solche der Produktion. Jedoch entsprechen, wie auch Waltz darlegt, die Aktivitäten, welche Staaten und Personen tangieren, nur selten einem solchen Mo dell. Da in der Praxis vielmehr regelmäßig beide Aspekte, also Verteilung und Pro duktion, betroffen sind, gelten die Handlungslogiken des allgemeinen Spiels. Vor diesem Hintergrund stellt Waltz (2001: 205) den Bezug zu den Internationalen Be ziehungen her: „The factors that distinguish international politics from other games are: (I) that the stakes o f the game are considered to be o f unusual importance and (2) that in international politics the use of force is not excluded as a means o f influencing the outcome. The cardinal rule o f the game is often taken to be: Do whatever you must in order to win it. If some states act on this rule, or are expected to act on it, other states must adjust their strategies accordingly. The opportunity and at times the necessity o f using force distinguishes the balance o f power in international politics from the balances o f power that form inside the state. In both cases we can define power, following Hobbes, as the capacity to produce an intended effect. In domestic politics one o f the possible capacities — the use o f physical force — is ordinarily monopolized by the state. In international politics there is no authority effectively able to prohibit the use o f force. The balance o f power among states becomes a balance o f the capacities, including physical force, that states choose to use in pursuing their goals.” In solch einem allgemeinen Spiel muss der Vorteil der einen Gruppe von Spielern nicht notwendigerweise dem Nachteil der anderen entsprechen. Es können sogar Schritte — verstanden als Strategien beziehungsweise Strategiewechsel — existieren, die beiden Gruppen gleichermaßen zum Vorteil gereichen können. Anders ausge- 145 drückt heißt das, dass die Möglichkeit für echte Produktivitätszuwächse gleichzeitig in allen Bereichen einer Gesellschaft besteht (Waltz 2001: 202 f.; Neumann/Morgenstern 1944: 540). In den Worten von Waltz bedeutet dies letzt lich, dass es nicht nur darum geht, einen Kuchen zu teilen, sondern auch noch da rum, wie viel Kuchen überhaupt gemacht werden kann. Unter diesen Bedingungen kann das sich Spiel in zwei extreme Richtungen bewegen. Beim einen Extrem geht es um die Maximierung, das heißt alle Spieler kooperieren, um den größtmöglichen Kuchen herzustellen. Dieses Vorgehen entspräche im Bereich der internationalen Beziehungen etwa dem Fall, wo alle Staaten sich gegen ein Naturereignis als ihren gemeinsamen Gegner zusammentun. Beim anderen Extrem sind die Spieler so da mit beschäftigt, wie der schon bestehende Kuchen verteilt werden soll, dass sie die Möglichkeit, den Kuchen zu durch gemeinsame Anstrengungen zu vergrößern, schlichtweg außer Acht lassen. Bezogen auf die internationalen Beziehungen ließe sich eine Entsprechung etwa in der bipolaren Konstellation des Kalten Krieges fin den, wo tatsächlich ein Vorteil für die eine Seite zugleich auch als Nachteil für die andere wahrgenommen wurde (Waltz 2001: 203; Neuman/Morgenstern 1944: 348, 517). Die Frage, welche sich für Waltz in diesem Kontext stellt, ist die nach der Möglichkeit für Staaten, zwischen diesen Optionen frei zu wählen, und welcher Zusammenhang mit den jeweiligen Zielen des Staates besteht: „To what extent do states have a choice among these [ ...] alternatives? A game must have an object. In poker, the object o f each player is to w in the largest possible amount o f money. States have many objects. Some states may aim at the conquest o f the world, other states may aim at a local hegemony, other states may aim at no hegemony at all but desire to be left alone. Common to the desires o f a ll states is the m sh f o r survival. Even the state that wants to conquer the world wants also, as a minimum, to continue its present existence. I f all states wanted simply to survive, then none would need to maintain military forces for use in either defensive o f offensive action. But whenever some states give the impression that survival does not exhaust their political ambitions, others are forced, logically, to look to their defenses” (Waltz 2001: 203; Hervorhebung AN). Wie dargelegt, geht es für den Staat wegen der Unsicherheit, welche durch die anar chische Struktur hervorgerufen ist, stets darum, seine Sicherheit zu erhöhen. Solan ge jeder Staat damit rechnen muss, dass nicht alle Staaten daran interessiert sind, ein Spiel zu spielen, in dem es darum geht, die Produktion zu erhöhen, ist es für jeden Staat sinnvoll mit anderen Staaten zu kooperieren. Da es unwahrscheinlich ist, dass alle Staaten kooperieren, wird es zur Zusammenarbeit bestmmter Staaten kom men, sodass die anderen Staaten sich einer wachsenden Konzentration von Macht in dem Sinne gegenübersehen, dass sich spezifische Interessenausprägungen und diverse Kapazitäten potenzieren und potenziell gegen die Interessen der anderen Staaten richten. Hierauf reagieren einige von ihnen, deren Interessenausprägung im erforderlichen Maße übereinstimmt, um ein Gegengewicht herzustellen, das geeig net ist, ihr Grundinteresse des Überlebens zumindest wieder auf das zuvor vorhan dene Niveau zu heben. 146 Auch wenn die jeweils unterstellte Macht des potenziellen beziehungsweise perzipierten Gegners eine wichtige Größe bei dessen Bewertung darstellt, hat die Empi rie doch gezeigt, dass nicht jeder mächtige Staat zugleich auch notwendigerweise und unbedingt als konkrete Bedrohung wahrgenommen wird beziehungsweise die Dimension der Bedrohung eines Staates seitens unterschiedlicher potenzieller Feinde von diesem Staat als unterschiedlich groß bewertet werde kann. Statt also rein auf den Aspekt der Macht abzustellen, geht etwa Stephen Walt (1987, 1995) einen Schritt weiter und rückt die wahrgenommene Bedrohung in den Mittelpunkt seiner Erklärung, wodurch er die traditionelle Theorie des Mächtegleichgewichts (balance o f power) hin zu einer Theorie des Bedrohungsgleichgewichts (balance o f threat) modifiziert. Walts Argument hierbei ist, dass Staaten sich nicht zusammenschlie ßen, um die Macht des Anderen an sich auszubalancieren, sondern um die von ihm ausgehende Bedrohung zu kompensieren. Der Unterschied für Walt besteht darin, dass das Bedrohungspotenzial, das von einem Staat ausgeht, nicht allein auf dessen Macht beruht, sondern zudem weitere Faktoren von Relevanz sind, so etwa die ge ografische Entfernung und die Offensivkraft. Von besonderer Bedeutung sind für Walt die perzipierten Intentionen des Anderen, die eine maßgebliche Rolle bei der Bewertung des Bedrohungspotenzials und somit bei der Entstehung von diesen entgegen gerichteten Allianzen bilden. An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig es ist, strukturelle und nicht-strukturelle Aspekte in einem theoretischen Ansatz zu vereinigen. Das gilt umso mehr, da sich gezeigt hat, dass insbesondere auch Ideolo gische Übereinstimmungen die Bildung von Allianzen erleichtern können (Walt 1987, 1995). Noch deutlicher tritt dieser Aspekt bei Snyder (1991: 123) zu Tage, der neben den zu erwartenden Unterschieden in den capabilities auch auf unterschiedliche konkrete Interessen und bestehende Interessenkonflikte sowie insbesondere auf die Bewer tung früherer Interaktionserfahrungen als Einflussfaktoren hinweist. Und selbst die Bestrebungen des ersten Staates können sehr unterschiedlich gedeutet werden. Die Schaffung etwa von Institutionen kann und soll gegebenenfalls durchaus den Ein druck erwecken, es gehe um ein erhöhtes gegenseitiges Vertrauen. Vielleicht aber sieht das Kalkül des in diese Richtung postulierenden Staates vor, mithilfe der Insti tution nur die eigene Position relativ gegenüber den anderen Staaten zu verbessern, etwa indem die Verbreitung einer bestimmten Waffe durch einen völkerrechtlichen Vertrag weltweit verboten wird, über die der das Regime vorantreibende Staat selbst verfügt. In diesem Falle würde er, falls erfolgreich, seinen relativen Vorteil durch Monopolisierung ausbauen. Es ist also wichtig, auch die Rolle von Instituti onen jenseits bloßer Allianzen zu berücksichtigen und die Betrachtung auf die dadurch entstehenden Handlungslogiken — ebenfalls in Anlehnung an spieltheoreti sche Überlegungen — auszudehnen. 147 Fockeanische Anarchie und zwischenstaatliche Handlungslogik: Institutionelle Kooperation zwi schen Gegnern zur Vermeidung relativer G ewinnefürD ritte Wie sich gezeigt hat, unterliegt dem Verständnis des internationalen Systems als hobbesianisch geprägte Anarchie eine Internalisierung der anderen Akteure als Feinde, denen nicht zu trauen ist, weil jeder in seinem Streben nach Überleben prinzipiell bereit ist, einen anderen Staat auch zu vernichten. Während es im Kon text einer Hobbesianischen Anarchie somit nur zu temporären und potenziell pre kären Allianzbildungen kommt, lassen sich in der empirischen Realität der interna tionalen Beziehungen neben Staaten auch Institutionen als Akteure finden. Wie nun sind diese zu bewerten? Aus realistischer Sicht heraus sind Institutionen als Ausdruck nationaler Interessen zu interpretieren und unterliegen einem instrumen tellen Verständnis. Nicht nur die Vereinten Nationen mit ihrem exklusiven und letztlich als einzigem wirklich gewichtigem Gremium des Sicherheitsrates, der eine spezifische globale Mächtekonstellation repräsentiert, können als Beispiel hierfür dienen. Staaten, welche sich internationalen institutionellen Arrangements anschlie ßen, erhoffen sich letztlich dadurch nichts anderes, als ihren Interessen zu dienen. Somit sind Institutionen für einen Staat nur so lange dienlich, solange sie die eige nen Kapazitäten relativ zu den Kapazitäten der anderen Staaten erhöhen. Vor die sem Hintergrund lässt sich auch erklären, weshalb institutionelle Arrangements be achtet oder missachtet werden: Ist die Angst vor einer Absenkung der Sicherheit durch einen Verstoß gegen das institutionelle Arrangement höher als der Nutzen, den die Befolgung von dessen Regulationen einbringt, so folgt man den Regeln. Erscheinen die Vorteile, die die Institution für die eigene Sicherheit bringt, so sehr in Frage gestellt, dass ein wie auch immer geartetes Ausscheren aus dem institutio nellen Rahmen der eigenen Sicherheit einen größeren Dienst erweist, so wird das Regelwerk der Institution missachtet. Aus dieser Perspektive heraus erscheinen In stitutionen noch immer als Teil einer als hobbesianisch verstandenen Anarchie. Doch müssen Institutionen nicht notwendigerweise nur instrumentell verstanden werden. Vielmehr bieten sie, folgt man der Argumentation Wendts, die Möglich keit, die hobbesianische Form der Anarchie zu überwinden und in eine, wie er es bezeichnet, lockeanische Form zu transformieren. Das zentrale Unterscheidungs merkmal zwischen den Anarchieformen hobbesianischer und lockeanischer Prä gung ist dabei die verschiedenartige Bewertung des Anderen durch das Selbst. Wäh rend in der ersten Variante der Andere, wie gezeigt, als Feind betrachtet wird, wird er dies bei der letztgenannten Variante als Gegner. Unter Beachtung der oben ausge führten Unterschiede zwischen Gegnerschaft und Feindschaft ergeben sich damit für die lockeanische Anarchieform diverse Implikationen. Grundsätzlich wird der Andere in einer Art und Weise perzipiert (beziehungsweise konstruiert), welche auf der Erwartungshaltung basiert, dass der Andere die grundsätzliche Souveränität des Selbst anerkennt. Konkret bedeutet dies primär die Anerkennung des staatlichen Territoriums, aber auch von darüberhinausgehenden Eigentumsrechten (vgl. Wendt 2004: 279, sowie Baldwin 1992; Kratchovil 1995; Reus-Smit 1997; Ruggie 148 1983). Wie aber kommt es konkret zu dieser Transformation? Auch hier argumen tiert Wendt mit der Internalisierung von Normen. Mit Blick auf die erste Internali sierungsstufe geht Wendt (2004: 286) davon aus, dass Souveränitätsrechte dann befolgt würden, wenn der Akteur durch (mindestens) einen anderen Akteur auf grund dessen Überlegenheit an Macht dazu gezwungen werde. Dieser Zwang kön ne direkt etwa im Rahmen einer militärischen Besatzung oder indirekt aufgrund des von der etwa militärischen, technologischen oder ökonomischen Überlegenheit ausstrahlenden Drohpotenzials erfolgen. Bei der zweiten Stufe der Internalisierung erkennen die Staaten die Souveränität anderer Staaten an, weil sie sich hiervon inte ressenspezifische Vorteile erwarten, etwa Sicherheit oder Handel (Wendt 2004: 287). Mit Blick auf die dritte Internalisierungsstufe im lockeanischen Kontext geht Wendt davon aus, dass eine aufrichtige, auf Einsicht beruhende Anerkennung einer Norm um ihrer selbst Willen und nicht aufgrund instrumenteller Erwägungen vor liegt. Als zentrale Größe in diesem Zusammenhang beschreibt Wendt die Identität des rechtschaffenen Akteurs, der sich völlig mit dem Normengeber identifiziert und dessen Eigeninteresse somit mit dem Interesse des Norm-/Gesetzgebers iden tisch wird. Diesen Schritt weg vom instrumentellen Charakter umschreibt Wendt (2004: 289) durch einen Rückgriff auf die Unterscheidung zwischen Interesse und Eigeninteresse: „The distinction between ‘interest’ and ‘self-interest’ is important here: our behavior is still interested in the sense that we are motivated to obey the law, but we do not treat the law as merely an object to be used for our own benefit.” Überzeugend an diese Feststellung ist grundsätzlich, dass das Eigeninteresse seine Erscheinungsformen wandeln kann. Indes ist nur schwer nachvollziehbar, weshalb ein Akteur sein eigenes fundamentales Interesse aufgeben sollte, wenn er nicht da zu gezwungen ist. Weshalb sollte ein Akteur bewusst gegen sein Eigeninteresse agieren, wenn er sich nicht auch einen eigenen Vorteil davon verspricht? Wendt (2004: 289 f.) versucht, seinen Punkt anhand eines Beispiels zu verdeutlichen: “As an example consider the question o f why the US does not conquer the Bahamas. Coercion does not seem to be the answer, since probably no state could prevent the US from taking them, nor is there any evidence that the US has a revisionist desire to do so in the first place. The selfinterest argument initially seems to do better: policymakers might calculate that conquest would not pay because the damage it would do to the US reputation as a law-abiding citizen and because the US can achieve most o f the benefits o f conquering through economic dominance anyway. Both o f these assumptions about the cost-benefit ratio are probably true, but there are three reasons to doubt that they explain US inaction. First, it is doubtful that US policymakers are making or even ever did make such calculations. It may be that respecting Bahamian sovereignty is in the self-interest o f the US, but if this does not figure in its thinking then in what sense does it ‘explain’ its behavior? Second, the definition o f what counts as ‘paying’ is shot through with cultural content. A state whose main goal was national or religious glory might not care very much about economic benefits or a reputation as law-abiding, and therefore define costs and benefits quite differently. Conquest ‘paid’ for Nazi-Germany and Imperial japan , at least initially, and the US was certainly willing to ‘pay’ to conquer the Native Americans. W hy would similar reasoning not apply to the Bahamas? The answer seems to be that the US has a status quo interest toward 149 the Bahamas, but order for this to be satisfying we also need to ask why it has the interest. My proposal is that it stems from having internalized sovereignty norms so deeply that the US defines its interests in terms o f the norms, and regulates its own behavior accordingly. The US perceives the norms as legitimate and therefore the Bahamas, as a party to those norms, has a right to life and liberty that the US would not even think o f violating.” Wie überzeugend ist Wendts Argument? Ist es tatsächlich (allein) die Internalisie rung der abstrakten Norm nationaler Souveränität, welche die USA davon abhält, die Bahamas anzugreifen? Gewiss ist es zutreffend, dass es nicht unmittelbarer Druck beziehungsweise Zwang durch Dritte ist, welcher die USA dazu veranlasst, ein solches Vorhaben zu unterlassen. Weder verfügen die Bahamas über ausrei chende Abschreckungskapazitäten noch existiert eine klar erkennbare Schutzmacht. Hierin ist mit Wendt übereinzustimmen. Als unverständlich indes erscheinen Wendts Zweifel am so genannten Self-Interest Argument, demzufolge eine Invasi on unterbleibt, da ein umfassend angelegtes Kosten-Nutzen-Verhältnis, das neben dem unmittelbar entstehenden Aufwand zugleich auch Opportunitätskosten, Kos ten aufgrund von Glaubwürdigkeitsverlusten, Kosten für resultierende Erschütte rungen auf den Finanzmärkten etc. einerseits, denen der Gewinn einer unbedeu tenden, wenig ertragreichen Inselgruppe gegenüber stünde, gegen eine solche spre chen würde. Wendt zweifelt dieses Argument an, indem er nicht nur grundsätzlich in Frage stellt, ob die US-Regierung derartig rationale Erwägungen anstellen würde, sondern auch darauf verweist, dass die Frage danach, was als gewinnbringend ange sehen werde, sehr stark kulturbedingt und somit variabel sei. Hierzu zwei Anmerkungen, die für das Modell des interpretativen Realismus von Bedeutung sind. Die Annahme, die US-Regierung folge internalisierten Normen und würde daher ihr nationales Interesse nicht aktiv und planvoll verfolgen, indem sie ihre Möglichkeiten mit den Erwartungen abwöge, erscheint absurd. Die Hand lung eines Akteurs erfolgt niemals, ohne dass ein Mindestmaß an gerichteten Erund Abwägungen stattgefunden hat. Dies gilt insbesondere für so weitreichende Entscheidungen von Staaten, die Krieg und Frieden betreffen. Vielmehr ist an die ser Stelle entscheidend, was in einer konkreten historischen Konstellation von ei nem Akteur als bedeutsam für die nationale Sicherheit erachtet wird. Hier erwähnt Wendt einen wichtigen Punkt, wenn auch darauf verweist, dass die Frage danach, was sich lohne, gesättigt sei mit kulturellen Vorstellungen. Man könnte noch wei tergehen und behaupten, dass die Handlung eines Staates in einer spezifischen his torischen Konstellation darauf beruht, wie er diese Konstellation wahrnimmt. Die Wahrnehmung hierbei ist abhängig von der Sozialisation des Staates, die konkreti siert werden kann als nationale historische Traditionslinien und konkrete Sozialisa tionserfahrungen der für den Staat handelnden Personen. Vor dem Hintergrund individueller und kollektiver Sozialisationen kommt es zu einer bestimmten Inter pretation einer Konstellation auf deren Grundlage eine Kosten-Nutzen-Analyse erfolgt, welche im Handeln des Staates letztlich empirisch erkennbar wird. An die ser Stelle deutet sich das Zusammenspiel von strukturellen und nicht-strukturellen Aspekten an, die von Kenneth Waltz (2001 [1954]) als die drei Images der Lehre 150 der Internationalen Beziehungen beschrieben werden. Die reine Internalisierung der Souveränitätsnorm erscheint nicht als überzeugendes Argument, um die Nicht Invasion der Bahamas durch die USA zu erklären. Die Antwort, welche als ein leuchtender erscheint, wäre dergestalt: Die USA greifen die Bahamas nicht an, weil die Bahamas in der gegenwärtigen Konstellation nicht als Bedrohung oder Heraus forderung für die nationale Sicherheit der USA angesehen werden. Die Bahamas verfügen weder über große Bestände an Öl oder anderen fossilen Energieträgern noch sitzt in Nassau ein US-feindliches Regime, das gerade dabei ist, nukleare Erst schlagwaffen zu entwickeln. Wäre dies der Fall, würde die Anerkennung der natio nalen Souveränität der Bahamas in den Überlegungen der US-Regierung gewiss eine Rolle spielen, jedoch eher eine nachgeordnete. Das Argument Wendts, dass die Bahamas deswegen nicht erobert werden, weil die USA deren Souveränitäts rechte berücksichtigen, ist also nur ein Teil der Erklärung. Die Anerkennung von Souveränität stellt ein wichtiges Hilfsmittel dar, die Anarchie berechenbarer zu ma chen. Jedoch stellt sie für keinen Staat jemals einen wirklichen Schutz dar. Das Ar gument der Souveränität kann sogar dazu benutzt werden, Kriege zu legitimieren. So war es in der Geschichte weniger die Aufrechterhaltung von Völkerrechtsprin zipien um deren Willen letztlich Kriege geführt wurden, auch wenn diese nicht sel ten als Grund genannt wurden, sondern die wie auch immer wahrgenommene Be drohung der nationalen Sicherheitsinteressen. Dies wird etwa im Falle des Befrei ungskrieges um Kuwait deutlich. Obwohl die Verletzung nationaler Souveränität eine Rolle spielte, war es doch erst die (wahrgenommene) Bedrohung nationaler Sicherheitsinteressen, welche zur Invasion führte. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die USA, wie viele andere Staaten auch, haben, obwohl sie selbst die Idee nationa ler Souveränität anerkennen und betonen, immer wieder Souveränitätsrechte ande rer Staaten verletzt, wenn es die eigenen Kapazitäten ermöglichten und es das Kal kül von Aufwand und Ertrag einen solchen Schritt als gerechtfertigt erscheinen ließ. Die entscheidende Frage ist somit nicht die der Internalisierung von Normen, sondern was wann warum als Bedrohung der nationalen Sicherheit wahrgenommen wird und aus welchen Komponenten dieses jeweils besteht. Es bedarf also einer weitergehenden Erklärung, weshalb und unter welchen Bedin gungen internationale Institutionen Anerkennung finden und funktionieren. Wie schon im Rahmen der Auseinandersetzung mit der hobbesianischen Anarchie er scheint auch hier ein Rückgriff auf Überlegungen der Spieltheorie sinnvoll, um die Problematik zu illustrieren. Die Ausgangslage ist hierbei zunächst die gleiche wie oben: Sowohl unter den Bedingungen der hobbesianischen als auch der lockeanischen Anarchie ist es das zentrale Ziel des Staates auf internationaler Ebene, relati ve Gewinne zu erzielen, um gegenüber anderen Staaten relativ an Vorteil zu gewin nen (Axelrod 1984: 7; Harsanyi 1969: 376; Brams/David/Straffin: 1979; Brams 1985a: 139-56; 1985b: 64-78, 86-115; Cioffi-Revilla 1978; Conybeare 1984, 1985; Cooper 1975: 82; Downs/Rocke/Siverson 1985: 127-32; Keohane 1984: 88 f., 103ff.; Laver 1977; Lipson 1984: 8-10; Schelling 1963: 213; Snyder 1971: 67 f., 1984; Snyder/Diesing 1977: 164-80; Stein 1983: 124; Russett 1983: 99-104; Zagare 151 1981: 152-56, 1983: 77-82). Somit ist zwischenstaatliche Kooperation grundsätzlich denkbar, aber nur dann, wenn ein beiderseitiger Gewinn von der Zusammenarbeit erwartet werden kann. Allerdings existieren vielfältige Kooperationshindernissen, insbesondere die Unsicherheit hinsichtlich des Verhaltens anderer Akteure, ein Umstand, der noch dadurch erschwert wird, dass letztlich keine Instrumente exis tierten, glaubhafte und zugleich durchsetzbare Verpflichtungen einzugehen. Zu gleich besteht aber auch keine Möglichkeit, sich der Interaktion mit anderen Staa ten zu entziehen. Unter diesen Bedingungen wächst den Handlungen selbst die zentrale Bedeutung zu, da angesichts der zentralen Unsicherheit Worte allein nur bedingt Gewicht haben. Da Staaten also zur Interaktion gezwungen sind, Interakti on zugleich aber auch stets die eigene existenzielle Bedrohung bedeuten kann, ha ben sich Kooperationsstrategien entwickelt, welche letztlich dazu dienen, die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Axelrod arbeitet vor diesem Hintergrund einige wesentliche Parameter heraus, die im Kontext der Kooperation unter Anarchiebedingungen wesentlich sind. Zu nächst einmal müssen die von den verschiedenen Seiten aus der Kooperation er langten Gewinne nicht einander entsprechen. Auch müssen sie nicht notwendiger weise symmetrisch sein. Allerdings werden die erzielten Gewinne eines Akteurs stets relativ zu den Gewinnen der anderen Akteure bewertet. Die Kooperation zwi schen einzelnen Staaten muss hierbei von dritten Akteuren nicht unbedingt als wünschenswert betrachtet werden. Auf wünschenswerte wie nicht-wünschenswerte Kooperationen können Staaten auf unterschiedliche Weise reagieren. Als zentrale Vorgehensweise unter den genannten Bedingungen hat sich die so genannte Zugum-Zug-Strategie (tit-for-tat) (Axelrod 1984; Walt 1987, 1995) herausgestellt Diese weist vier Hauptcharakteristika auf: 1.) Vermeidung unnötiger Konfrontation durch Kooperation solange der andere Akteur ebenfalls kooperiert, 2.) mögliche Provoka tion des Akteurs durch Abbruch der Kooperation durch die Gegenseite, 3.) Fähig keit zum Verzeihen nach erfolgter Provokation, 4.) Klarheit des Verhaltens, sodass sich der Andere anpassen kann. Gerade der letzte Punkt ist jedoch wiederum mit einer schon an anderer Stelle erwähnten Schwierigkeit behaftet, nämlich der Frage nach der Wahrnehmung und Interpretation von Signalen, die durch den Anderen in einer spezifischen Konstellationslage gesendet werden. Eine Schwierigkeit in Axelrods Ansatz liegt darin, dass er dazu verleiten könnte, den Fokus bei der Ana lyse zwischenstaatlicher Kooperation einzig auf das Problem des Betrügens (cheating) im ,Spiel‘ des Gefangenendilemmas zu legen, so wie es etwa der liberale Institutionalismus gerade in seiner jüngeren Form tut. Dieser nimmt an, dass die zentra le Zielsetzung des Staates als atomistischer Akteur die Erzielung des größtmögli chen individuellen Nutzens ist (Lipson 1984: 2-5; Keohane 1984: 27). 152 Der neorealistische Ansatz geht darüber hinaus, indem er sowohl absolute als auch relative Gewinne in die Analyse einbezieht. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich erklären, weshalb ein Staat, obgleich er absolut ausgedrückt von einer Kooperation profitiert, diese Zusammenarbeit beendet, weil der Andere relativ zum eigenen Staat betrachtet einen höheren Nutzen zieht (Grieco 1996: 152): “ [R]ealists find that the major goal o f states in any relationship is not to attain the highest possible individual gain or payoff. Instead, the fundam ental g o a l o f states in any relationship is to p reven t others from achieving advances in theirrelative capabilitied”(G ti e co 1996: 161; Hervorhebung im Original). Ähnliche Argumente lassen sich in einer Vielzahl realistischer Werke finden. So verweist etwa E. H. Carr (1946: 111) darauf, dass „the most serious wars are fought in order to make one's own country militarily stronger, or, more often, to prevent another from becoming militarily stronger” und Gilpin (1981: 87 f.) zeigt auf, dass das internationale System „stimulates, and may compel, a state to increase its pow er; at the least, it necessitates that the prudent state prevent relative increases in the power o f competitor states”. Staaten können also bewusst darauf verzichten, ihre absoluten Kapazitäten zu erhöhen, wenn dieser Verzicht dazu führt, dass andere Staaten dadurch davon abgehalten werden, selbst in noch höherem Maße durch die Prozesse zu profitieren, die auch die eigenen absoluten Kapazitäten erhöhen wür den. Die Entscheidung dagegen beruht also auf der Sorge vor einer relativen Ent wertung der eigenen Kapazitäten. Den Grund hierfür hat Waltz (1979: 126; vgl. zudem 1986: 334) treffend beschrieben, indem er konstatiert, dass “the first concern of the states is not to maximize power but to maintain their position in the system”. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund gelangt Grieco (1996: 161; vgl. zu dem Waltz 1979: 105) zur Erkenntnis, dass “state positionality may constrain the nillingness o f states to cooperate. States fear that their partners will achieve relatively greater gains; that, as a result, the partners will surge ahead o f them in relative capabilities; and, finally, that their increasingly powerful partners in the present could become all the more formidable foes at some point in the future” . Im neorealistischen Denken werden Staaten also als lagebezogen (positional) be trachtet, das heißt Staaten nehmen sich stets relativ zu anderen Staaten wahr, wobei Staaten Grieco zufolge regelmäßig die möglichen Gewinne im Auge haben, welche die anderen Staaten des Systems erlangen könnten (vgl. hierzu auch Galtung 1964; Rummel 1972; Wallace 1972; Organski/Kugler 1980; Schelling 1963: 89-118; Stein 1983: 125 ff.; Conybeare 1984; Snidal 1985: 931-936). Der Grund hierfür liegt in der von der anarchischen Systemstruktur ausgehenden Unsicherheit, was wiederum bedeutsame Auswirkungen auf das zwischenstaatliche Kooperationsverhalten hat. Zur Verdeutlichung soll dieses wichtige Argument an dieser Stelle formal nachvoll zogen werden (vgl. hierzu Grieco 1996): Ein Staat A erlangt einen spezifischen Mehrwert durch die Zusammenarbeit mit Staat B. Der absolute Nutzen U ergibt sich somit aus der Summe des Mehrwertes, den A selbst generiert (V) und dem, welcher der Kooperationspartner einbringt (W). Somit ergibt sich 153 U = V + W (0) Da jedoch, wie erwähnt, aus realistischer Sicht davon auszugehen ist, dass unter der Systemstrukturbedingung der Anarchie jeder Staat eher nach höheren als niedrige ren absoluten Gewinnen für sich strebt und zugleich eher kleinere als größere Ab stände zwischen dem eigenen Mehrwert und dem des Partners bevorzugt, wenn diese den Kooperationspartner begünstigen, wobei Lücken zum eigenen Vorteil gerne gesehen sind (wenngleich nicht notwendigerweise aktiv danach gestrebt wird), ist es erforderlich, die Formel entsprechend anzupassen, sodass sich U = V-k (W-V) mit k > 0 (1) ergibt. U steht hierbei für die Nützlichkeit (utilitj), mit welcher die Kooperation ei nes Staates A mit einem anderen Staat B durch A bewertet wird. Der individuelle Mehrwert aus der Kooperation für A wird durch V widergegeben und verweist auf die Annahme, dass Staaten zunächst einmal von absoluten Gewinnen motiviert werden. Berücksichtigt man nun den individuellen Mehrwert des Kooperations partners W, so kann gezeigt werden, dass Mehrwertunterschiede, die A favorisie ren, die Nützlichkeit erhöhen, wohingegen solche, welche B favorisieren, U von A reduzieren. Ein wichtiger Faktor ist hierbei k, der Koeffizient zur Darstellung der Sensitivität von A hinsichtlich der Mehrwertunterschiede vis-a-vis B. Wie erwähnt lässt sich nun das klassische Gefangenendilemma, das auf der Unkenntnis des Ver haltens des jeweils anderen Spielers bei mangelndem wechselseitigem Vertrauen unter den Systemstrukturbedingungen der Anarchie beruht, modifiziert werden. Die obige Gleichung (1) U = V-k (W-V) mit k > 0 (1) lässt sich als U = ( 1 + k ) V - k W mit k > 0 (2) umformulieren. Auf diese Weise wird das Gefangenendilemma so erweitert (Abbil dung 6), dass beide im realistischen Denken postulierten Aspekte, nämlich einer seits die spezifischen Präferenzen von Staaten in Situationen gemischten Interesses (mixed interest situationP-1') und andererseits das Problem relativer Gewinne für inter nationale Zusammenarbeit, zugleich Berücksichtigung finden. Wird nun diese all gemeine Formel (2) herangezogen und V und W durch die ihnen entsprechenden Werte aus einer 2x2-Matrix ersetzt, lässt sich die Matrix in Form des Gefangenendi lemmas in der nachfolgenden Grafik aufzeigen. Unter sogenannten mixed-interest situations werden solche Situationen verstanden, in denen die Struktur des Gewinns bei Spielern sowohl ein Interesse zugunsten kooperati ven und nicht-kooperativen Verhaltens mit sich bringt. 154 Staat B C* D* Staat A C (1 + k)R-kR*, (1 + k*)R*-k*R (1 + k)S-kT*, (1 + k*)T*-k*S D (1 + k)T-kS*, (1 + k*)S*-k*T (1 + k)P-kP*, (1 + k*)P*-k*P Annahmen: T>R>P>S; R>(T+S)/2 Abbildung 6: Modifiziertes Gefangenendilemma-Spiel, nach: Grieco (1988: 609) Dort sind R, S, T und P sowie R*, S*, T*und P* die klassischen Rapoport Gewinn Reichweiten für die Staaten A und B; k und k* sind dabei ihre jeweiligen Sensibili tätskoeffizienten hinsichtlich der entstehenden Lücke zwischen den Gewinnen von A und B. Zieht man die charakteristische Rangfolge von Ergebnissen heran, wie sie Spieler regelmäßig erstellen, und nimmt A als Beispiel, so lässt sich folgendes kon statieren: [(1 + k)T-kS*] > [(1 + k)R-kR*] > [(1 + k)P-kP*] > [(1 + k)S-kT*] (3) Diese Aussage (3) definiert die charakteristische Ungleichheit für ein erweitertes Gefangenendilemma-Modell, indem es die Bedenken des Staates A bezüglich der relativen Gewinnzuwächse bei seiner interdependenten Abwägung seiner Entschei dung zugunsten von Kooperation oder Nicht-Kooperation deutlich macht und be rücksichtigt. Zugleich gilt: Falls die Verteilung der Mehrwerte oder der Wert k oder eine Kombination aus beiden Staat A dazu veranlasst, dass kein Problem kol lektiven Handelns vorliegt, weil der Staat bei gegenseitiger Nicht-Kooperation bes ser dasteht als bei gegenseitiger Kooperation, dann sieht sich Staat A in einem Blo ckade-Zustand, der sich formal als [(1 + k)T-kS*] > [(1 + k)P-kP*] > [(1 + k)R-kR*] > [(1 + k)S-kT*] (4) fassen lässt. (4) stellt somit ein erweitertes Blockade-Spiel (Deadlock Game) dar. Vergleicht man (3) und (4), so zeigt sich, dass der wesentliche Unterschied in der Vertauschung der mittleren Terme der beiden Aussagen über Ungleichheit besteht. Die alles entscheidende Erkenntnis in diesem Zusammenhang ist, dass die Bewer tung seitens des Staates A, ob sich dieser in der Situation eines (modifizierten) Ge fangenendilemmas, wo Kooperation schwierig aber grundsätzlich möglich ist, oder einer (modifizierten) Blockade befindet, wo Kooperation nicht möglich ist, einer seits von der Sensibilität von A gegenüber den Mehrwertslücken (also k) und ande rerseits von der Differenz bei den R und P Gewinnen, die von A beziehungsweise B erzielt werden, abhängt (Grieco 1988: 609). 155 Durch eine Umformulierung des modifizierten Gefangenendilemmas beziehungs weise der modifizierten Blockade, tritt dieser Umstand deutlich zutage: [(1 + k)T-kS*] > (R + kAR] > (P+kAP] > [(1 + k)S-kT*] (5) und [(1 + k)T-kS*] > (P + kAP] > (R+kAR] > [(1 + k)S-kT*] (6) wobei AR = R- R* und AP = P-P*, was auf die Mehrwertlücken aus gegenseitiger Kooperation und Nicht-Kooperation verweist. Der unmittelbare Effekt des Fak tors relativer Gewinne auf zwischenstaatliche Kooperation kann schließlich genau dargestellt werden, indem beide Gleichungen, welche diese Ungleichheiten unter scheiden, nach k aufgelöst werden. Löst man beispielsweise (6) nach k auf, so zeigt sich, dass Staat A die Situation als modifizierte Blockade wahrnimmt, wenn k > (R-P) / (AP-AR) (7) Geht man davon aus, dass bei einem Staat ein spezifischer Grad an Sensibilität ge genüber Mehrwertlücken ebenso besteht wie ein Maximalwert für den Mehrwert, den Staat A bereit ist, einen Staat B im Zustand gegenseitiger Nicht-Kooperation erzielen zu lassen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass (7) zutrifft in dem Maße an, wie AR abnimmt. In diesem Fall nämlich wirkt sich die erwartete Mehrwertlü cke im Falle wechselseitiger Kooperation in wachsendem Maße gegen Staat A und zugunsten von Staat B aus. Wenn AR in hinreichendem Maß abnimmt, wird Staat A den Annahmen von (7) folgend sich als in einer Blockadesituation befindlich wahrnehmen und die Kooperation beenden. Mit anderen Worten können sich Ko operationen, deren Kooperationsgewinne eine Seite gegenüber der anderen bevor teilen, zum Ende der Kooperation führen. Ein Problem bei der genauen Bestimmung derartiger Bruchpunkte lag lange Zeit darin, dass der Koeffizient für die Sensibilität von Staaten gegenüber Mehrwertlü cken k als Konstante betrachtet wurde. Erst durch Grieco (1988) wurde diese Kon stante k als Variable K definiert. Dieser Sicht ist entscheidend, da Veränderungen in der Größe von K einen wesentlichen Einfluss auf die Bewertung einer internati onalen Situation als modifiziertes Gefangenendilemma oder aber als modifizierte Blockade haben können. Allgemein lässt sich daher feststellen, dass K ausdrückt, wie ein Staat den Effekt einer im Rahmen der Kooperation mit einem anderen Staat entstandene Mehrwertlücke hinsichtlich seiner eigenen relativen Kapazitäten (und somit letztlich für seine Sicherheit und sein Überleben im anarchischen inter nationalen System) bewertet. Beim Sensitivitätskoeffizienten K handelt es sich also um die Einschätzung eines Staates, welche Auswirkung hinsichtlich der eigenen Machtkapazitäten die im Rahmen von Kooperationen entstehenden Mehrwertun terschiede relativ zu den Kooperationspartnern haben (vgl. Lass well/Kaplan 1950: .83 ff.; Dahl 1957: 203; Baldwin 1971: 585; Waltz 1979: 191 f.). K kann sich also verändern, wobei stets gilt K > 0, da auch bei Verbündeten im Kontext von 156 Anarchie ein Risiko bestehen bleibt. Zugleich gilt: Je niedriger Vertrauen und Ko operation, desto höher wird der K-Wert. Dies ist aus Sicht des interpretativen Rea lismus von besonderer Bedeutung, denn gerade die Erkenntnis Griecos, dass der Sensibilitätskoeffizient eine Variable ist, zeigt die große Bedeutung des Faktors Wahrnehmung auf, die ein Staat innerhalb einer spezifischen Systemstruktur von dieser wie auch der konkreten Systemkonstellation hat. In diesem Zusammenhang ist es somit wichtig, jene Faktoren näher zu betrachten, welche den K-Wert beein flussen können. Zusammenfassend gesagt bewirken folgende Aspekte hohe K- Werte, also eine hohe Sensibilität für entstehende Mehrwertlücken: 1.) mit dem ko operierenden Staat B verbindet A eher eine Vergangenheit als Rivalen und weniger als Verbündete, zudem hat B den Ruf, kooperative Arrangements zu seinen Guns ten auszunutzen 2.) der Kooperationsgegenstand betrifft eher Fragen der militäri schen Sicherheit als der ökonomischen Wohlfahrt (Jervis 1983: 174 f.; Lipson 1984), 3.) durch die Kooperation verliert B relativ zu A an Macht, auch wenn A in absoluten Zahlen etwas dazu gewinnt, 4.) es entstehen durch die Kooperation neue Machtkapazitäten und 5.) diese lassen sich eher leicht als schwierig auf andere Be reiche als diejenige, welche die Kooperation betrifft, übertragen. Insbesondere im Laufe der Zeit können Staaten lernen, wie sie derartige Mehrwertunterschiede in reale Machtmittel überführen können; langfristige Zusammenarbeit selbst kann aus dieser Perspektive heraus somit wieder zum Risikofaktor werden (Grieco 1988: 610 ff., 1996). Staat B (1) Ohne Wiederholung (einmaliges Gefan^enendilemma) (2) Mit Wiederholung (w=95) (iteriertes Gefan^enendilemma) C* D* C* D* Staat A C 7-10,7-10 0-1 ,11-12 140-200, 140-200 0-20, 220-240 D 11-12,0-1 5-6, 5-6 220-240, 0-20 100-120,100-120 A bb ildung 7: G efangenend ilem m a m it R eichw eiten der R atio -L evel G ew inne, nach: G rieco (1998): 612 Um aufzuzeigen, wie sich eine Veränderung von K auswirkt, soll nochmals eine Situation gemischter Interessen angenommen werden, in der sich die Staaten A und B befinden. Die Tabelle in Abbildung 7 zeigt sowohl ein Spiel ohne Wiederholung (1) an als auch die Werte eines kompletten iterierten Spiels. Sowohl Staat A als auch Staat B können den minimalen oder maximalen Gewinn realisieren oder aber jed weden dazwischenliegenden Wert innerhalb der entsprechenden Zelle. Zugleich beeinflusst der erzielte Gewinn des einen Staates innerhalb einer Zelle nicht den Gewinn des anderen Staates innerhalb derselben Zelle. Aufgrund der anarchischen 157 Systemstruktur und der durch sie generierte Unsicherheit kann davon ausgegangen werden, dass jeder Staat sehr vorsichtig agieren wird und daher jeder Staat für sich den niedrigsten und zugleich für den Kooperationspartner den höchsten Wert an nimmt. Somit geht A davon aus, 140 Einheiten an Mehrwert durch die Kooperati on zu erzielen, während es bei B 200 sind. Zugleich nimmt A an, dass Nicht Kooperation zu 100 Einheiten an eigenem Mehrwert führt, während es bei B 120 sind. Fall Sensibilitätskoeffizient K des Staates A Für Modifiziertes Gefangen endilemma gilt: R + KAR > P + KAP gemäß (5) Bewertung der Si tuation durch Staat A (a) 2,0 Nein Mod. Blockade (b) 1,0 Ja Kein Spiel (c) 0,9 Ja Mod. Gefangenendi lemma Annahmen für iterierte Gewinne: R=140; R*=200; P=100; P*=120 Anmerkung: Fall (b) stellt den Grenzfall zwischen modifizierter Blockade und modifiziertem Gefangenendi lemma dar, wo gilt: K=(R-P)/(AP-AR) Abbildung 8: Bewertung der Situation durch Staat A: Auswirkung der Veränderungen des Sensibilitätskoeffizienten K, nach: Grieco (1988): 613 Dennoch ist die Situation aus Sicht von A eindeutig ein Gefangenendilemma und (ohne die Gewinne von B weiter zu berücksichtigen, also lediglich unter Beachtung des Vergleichs der Gewinne beim Vergleich der eigenen Zellen), liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass A sich im Rahmen eines wiederholten Spiels und einer zur Anwendung gebrachten Zug-um-Zug-Strategie (tit-fot-tat), zur Koopera tion entschließt. Berücksichtig man allerdings den Mehrwertlückensensibilitätskoef fizienten, dann kann sich die Lage anders darstellen. Je nachdem, wie dieser sich darstellt, kann sich die Bewertung der Lage von einem Gefangenendilemma hin zu einer Blockade verschieben. Wie Abbildung 8 zeigt, verursacht die spezifische Ver teilung von Gewinnen, die angenommen wird um das Spiel zu charakterisieren, ei nen Wert von K=1 als Grenzwert hinsichtlich der Sensibilität des Staates A gegen über Mehrwertlücken. Ist der Wert von K kleiner als 1, sieht sich A in der Situation eines modifizierten Gefangenendilemmas, sodass A unter Umständen zur Koope ration bereit ist. Liegt der K-Wert genau bei 1, ist der erwartete Nutzen der Koope ration genauso hoch wie der einer gegenseitigen Nicht-Kooperation; somit ist es schwierig, das Verhalten von A zu prognostizieren. Bei einem Wert von K, der 158 größer als 1 liegt, sieht sich A in einer Blockadesituation, was zu einer Entschei dung gegen Kooperation führt. Neben diesen Erkenntnissen hat sich ferner gezeigt, dass eine Herabsenkung inak zeptabler Abstände von relativen Gewinnen des anderen zu Lasten der absoluten Gewinne geht, die jeder der beteiligten Staaten machen könnte, durchaus als Lö sung für das Problem gesehen werden kann; mit anderen Worten bedeutet das, dass jeder der Kooperationspartner bereit sein, auf absoluten Gewinne in einer be stimmten Größenordnung zu verzichten, wenn er dafür die Möglichkeit erhält, den maximal möglichen Abstand der relativen Gewinnen zu reduzieren. Zwar wird die Kooperation auf diese Weise rechnerisch weniger effizient, jedoch gleicher. Aus realistischer Sicht heraus, also unter Annahme der hobbesianischen wie lockeanischen Anarchiebedingung, besteht die Gefahr eines Verlustes der staatlichen Exis tenz oder wenigstens der staatlichen Unabhängigkeit und Souveränität somit stets fort. Das gilt nicht nur trotz Kooperation, sondern unter Berücksichtigung speziell der relativen Gewinnproblematik, auch gerade wegen dieser. Denn ein durch die Kooperation im relativen Maße gestärkter Partner kann der Logik der Anarchie folgend auch zum dann starken Gegner werden. Dieser Gefahr entgegenzuwirken gelingt aus realistischer Sicht heraus dadurch, dass eine größere Anzahl von Koope rationspartnern eingebunden wird, da sich eventuell entstehende relative Vorteile anderer Staaten durch die permanente Konkurrenz eher klein halten (Grieco 1996: 167). Allerdings ist das Wesen der auf dieser Grundlage entstehenden institutionel len Arrangements differenziert zu betrachten. Dies gilt insbesondere, wenn man sich die Idee vor Augen führt, welche im Liberalen Institutionalismus damit ver bunden wird. Denn während im Realismus bereits in der Existenz von Kooperati on und damit verbundenen Institutionen eine zumindest potenzielle elementare existenzielle Gefahr gesehen wird, verbindet das (neo-)liberale Denken mit Institu tionen letztlich nur Vorteile; einzig das Fehlen derartiger Arrangements wird als problematisch empfunden. Folgerichtig sieht der Liberalismus Institutionen als auf Dauer angelegt an, um über die Erreichung vergleichbarer absoluter Gewinne auf beiden Seiten international Berechenbarkeit und Stabilität zu gewähren. Um diesen Effekt noch zu verstärken, sollen die Institutionen möglichst so angelegt sein, dass ein Austritt mit möglichst hohen Kosten verbunden ist. Auch werden institutionel le Verbindungen über möglichst viele Felder und Bereiche hinweg angestrebt. Je engmaschiger und dichter die wechselseitige Verflechtung und je dauerhafter die Institution, auf welcher die Verflechtungen basieren, desto weniger Misstrauen und desto intensiver die Kooperation und somit Stabilität im internationalen System. Dies gilt umso mehr, wenn die Institutionen reale und durchsetzbare Mechanismen von Compliance und Sanktionierung gegenüber Staaten aufweisen, die gegen die institutionellen Regeln verstoßen (Keohane, 1984: 91-92, 103-6; Axelrod and Keohane, 1985: 239-43). 159 Doch, wie gezeigt, reicht im Zustand der hobbesianischen und auch lockeanischen Anarchie das Vertrauen hierzu nicht aus. Die institutionellen Arrangements zur Kooperation sind nur lose, nicht auf Dauer angelegt und mit niedrigen Ausstiegs kosten verbunden. Um vor dem Hintergrund der Problematik relativer Gewinne Kooperation zu erklären, die trotz bestehender Hindernisse etwa in Form von Ge fangenendilemmata erkennbar ist, ist es erforderlich, den bereits oben eingeführten Koeffizienten in das Modell des Gefangenendilemmas einzubinden und dieses ent sprechend zu erweitern, wie Grieco (1988) das getan hat. Mit Blick auf die hier un ternommene Modellbildung ist eine Darlegung der Argumente Griecos erforder lich, um die Systemstruktur und die ihren Subvarianten jeweils innewohnende Lo gik zwischenstaatlichen Handelns weiter herleiten zu können. Wie aufgezeigt wer den internationale Institutionen aus realistischer Sicht als problematisch bewertet, weil durch die durch sie begünstigte Zusammenarbeit unterschiedliche relative Ge winne entstehen können und die hierbei auftretenden Abstände als Gefährdung für eigene nationale Interessen betrachtet werden. Sollen internationale Institutionen also unter ausgeprägten Anarchiebedingungen effizient funktionieren und die Logik der reinen Anarchie mäßigen, dann müssen sie in der Lage sein, möglichst hohe absolute Gewinne für alle Teilnehmerstaaten zu ermöglichen und gleichzeitig die Abstände zwischen den relativen individuellen Gewinnen so niedrig wie möglich halten. Nur auf diese Weise lässt sich Kooperation als vorteilhafte Option gegen über der Entscheidung zu Gunsten von Nicht-Kooperation darstellen. Institutio nen unter den genannten Bedingungen können somit eine Modifikation der Sys temstruktur ergeben, wie sie von Wendt in der Transformation von der hobbesianische zur lockeanischen Anarchieausprägung beschrieben wurde. Die Frage, welche sich nun stellt, ist ob eine weitere Transformation in einen Zustand möglich ist, welchen Wendt als Kantianische Anarchie bezeichnet. Kantianische Anarchie, Sicherheitsgemeinschaftund Hierarchie im Internationalen System Wie sich gezeigt hat, ist Selbsthilfe und das Streben nach relativen Gewinnen aus realistischer Sichtweise ein notwendigerweise aus der anarchischen Struktur der globalen Systems erwachsendes Konzept. Diese unbedingte Notwendigkeit wird jedoch von Theoretikern konkurrierender Denkrichtungen in den Internationalen Beziehungen nicht immer akzeptiert. So stellen Anhänger der kritischen Theorie der internationalen Beziehungen unter Berufung etwa auf das Konzept der staatli chen Identität die zentrale realistische Grundannahme, wonach es im internationa len System automatisch zu einem Selbsthilfeverhalten kommt, in Frage und be haupten, dass es vielmehr auch zu einer Verhaltensform kommen kann, welche Ausdruck von echter Freundschaft unter Staaten ist und somit die Logik der Anar chie durchbricht. 160 In diesem Zusammenhang drängt sich allerdings zunächst einmal die Frage auf, was — abseits der politischen Rhetorik auf Seiten von Medien oder Regierungsver tretern — unter zwischenstaatlicher Freundschaft zu verstehen ist. Hierbei lässt sich feststellen, dass dieses Thema insbesondere in konzeptueller Hinsicht bislang nur wenig tiefergehende Behandlung im Kontext von Theoriebildung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen erfahren hat (Berenskoetter 2007: 648, 650). Geht man davon aus, dass sich Freundschaft im weitesten Sinne als Beziehung beschrie ben lässt, welche kognitive und emotionale Bedürfnisse befriedigt und durch ge genseitiges Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit, Akzeptanz und Loyalität charakteri siert ist, dann zeigen sich bereits erste Schwierigkeiten für die Idee von Freund schaft zwischen Staaten. Dies gilt insbesondere, wenn man sich vor Augen führt, dass auf dieser Grundlage auch Authentizität, gegenseitiges Verständnis und auf rechter und selbstloser Einsatz für den anderen, den befreundeten Staat, basieren müssten (Allen 1989; Fehr 1996; Pahl 2000). Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist zudem die Bewertung des Konzepts der Freundschaft als Ge genentwurf zur kantianischen Ethik des Konsequentialismus und des Utilitarismus (Berenskoetter 2007: 648; vgl. ferner Blum 1993; Jollimore 2001), gerade auch weil Alexander Wendt die Manifestation zwischenstaatlicher Freundschaft gerade im Konzept Kantianischer Anarchie vermutet. Allerdings beruht auch diese Variante der Anarchie auf der Vorstellung von Staaten, welche im Prinzip das eigene Über leben als grundlegendes Ziel verfolgen (müssen) (Wendt 1999: 198, 209). Worin unterscheidet sich also die Kantianische Anarchie von der hobbesianischen und der lockeanischen Form? Welche Konsequenzen hat die dieser Variante innewohnende Logik für die gegenseitige Wahrnehmung beziehungsweise darauf basierend das gegenseitige Verhalten von Staaten? Und inwiefern kann sich die Idee der zwi schenstaatlichen Freundschaft dabei als tragfähige argumentative Größe behaup ten? Dass die Kantianische Kultur der Anarchie auf der Idee zwischenstaatlicher Freundschaft beruht, mutet nicht nur vor dem berühmten Diktum General de Gaulles, demzufolge Staaten nur Interessen, aber keine Freunde hätten, irritierend an. Was also ist aus Alexander Wendts Perspektive heraus unter Freundschaft zwi schen Staaten zu verstehen? Für Wendt stellt Freundschaft eine Rollenstruktur dar, die durch zwei grundlegende Annahmen charakterisiert ist: 1.) Auseinandersetzun gen werden ohne die Androhung oder Durchführung von Krieg gelöst und 2.) soll te die Sicherheit eines der sich als Freunde verstehenden Staaten durch eine dritte Partei bedroht werden, werden die befreundeten Staaten zusammenhalten, um die Sicherheit des bedrohten Staates zu gewährleisten. Diese beiden Aspekte lassen sich auch als Regeln des Umgangs unter Freunden begreifen, sozusagen als Regel des Gewaltverzichts sowie als Regel gegenseitigen Beistandes. Diese beiden Regeln werden von Wendt als unabhängig voneinander, jedoch dabei gleichermaßen be deutsam beschrieben. Denn theoretisch wäre es ja möglich, dass bestimmte Staaten untereinander auf Gewalt verzichten, ihnen das Schicksal des oder der jeweils ande ren nicht weiter tangiert. Ebenso wäre es denkbar, dass Staaten zwar gemeinsam 161 gegenüber Drittstaaten auftreten, innerhalb ihrer Beziehung jedoch einander durch aus gewaltbereit sind. Zwischenstaatliche Freundschaft im Sinne Wendts setzt so mit voraus, dass beide Aspekte gleichermaßen erfüllt sind. Hierbei ist anzumerken, dass Freundschaft laut Wendt lediglich den Bereich der nationalen Sicherheit be rührt (Wendt 2004: 198 f.). Der wohl wichtigste Hinweis, den Wendt bezüglich sei nes Konzepts der Freundschaft unter Staaten gibt, betrifft den Gegenstand der Freundschaft in Verbindung mit ihrem Zeithorizont. So wird Freundschaft als prinzipiell mit offenem Ende verstanden — bis hin zur möglichen Ewigkeit. Hierin liegt der fundamentale Unterschied zur Allianz. Zwar weisen auch Allianzpartner prinzipiell das gleiche grundlegende Rollenverhalten auf, jedoch ist die Lebensdauer einer Allianz an die Existenz eines konkreten Zwecks gebunden: “Allies engage in the same basic behavior as friends, but they do not expect their relationship to continue indefinitely. An alliance is a temporary, mutually expedient arrangement within rivalry, or perhaps enmity, and so allies expect to eventually revert to a condition in which war between them is an option - and will plan accordingly. Friends may o f course have a falling out, but their expectation up front is that the relationship will continue” (Wendt 2004: 199). Anders als im Selbsthilfesystem der Hobbesianischen Anarchie, wo jegliche Art von kooperativen Arrangement möglichst lose und mit niedrigen Ausstiegskosten verbunden sein soll und selbst Institutionen nur so lange als tragfähig und akzepta bel angesehen werden, wie die relativen Kooperationsgewinne nicht zu weit ausei nanderklaffen, beziehungsweise im System institutioneller Absicherung von Souve ränität, basiert die Kooperation im Bereich der Kantianischen Anarchie auf einer auf Dauer angelegten Internalisierung der beiden oben erwähnten Grundregeln zwischenstaatlicher Freundschaft durch die Akteure. Mit diesem Ansatz nähert sich Wendt stark dem Konzept der Security Community an, das zunächst in den 1950er Jahren von Richard van Wagenen umrissen und schließlich 1957 von Karl Deutsch erstmals auf grundlegende Weise theoretisch wie empirisch behandelt wurde. Hier bei gilt es allerdings zu beachten, dass das prinzipielle Konzept der Sicherheitsge meinschaft selbst in drei Varianten unterschiedlicher Kohäsionsgrade auftritt, die sich in wesentlichen Gesichtspunkten voneinander unterscheiden. Wendts Konzept der Kantianischen Anarchie entspricht hierbei nur einer der Ausprägungen der Si cherheitsgemeinschaft. Die anderen Varianten sind indessen geeignet, eigene Logi ken zu entfalten, weshalb sie einen eigenständigen Platz auf einem Kontinuum zwi schen vollkommener Anarchie und vollkommener Hierarchie einnehmen. Ausgehend von der Beobachtung, dass es schon immer Paare beziehungsweise Gruppen von Staaten gegeben habe, deren Beziehungen durch friedliche Konflikt beilegung gekennzeichnet gewesen seien, entwickelten Deutsch und seine Kollegen einen Ansatz, demzufolge nicht nur die Interaktion zwischen den Staaten im Sinne von black, boxes zur Analyse der internationalen Beziehungen herangezogen werden dürften, sondern auch deren „peoples, communities, or identitive groupings” (Puchala 1981: 151). Deutsch zufolge könnten internationale Beziehungen über haupt nur begriffen werden, wenn man verstünde „how peoples receive each other, 162 feel about each other and the degree to which they respect and trust each other” (Puchala 1981: 151). Ein wesentlicher Aspekt in Deutschs Theorie, die vor allem auf die „sentimental relations” (Puchala 1981: 151). zwischen den verschiedenen Staatsvölkern abzielte, war somit der Grad ihrer gegenseitigen Identifikation mitei nander. Doch was meinte Deutsch mit der gegenseitigen Identifikation von Staaten und ihren Bewohnern, und wie konnte eine solche überhaupt erst entstehen? Für Deutsch war die Kommunikation zwischen den einzelnen Staaten die entscheiden de Größe. Erst Kommunikation ermöglichte, dass stabile und friedliche Beziehun gen zwischen Staaten überhaupt entstehen konnten. Vor diesem Hintergrund ver band Deutsch die Entwicklung einer internationalen Gemeinschaft mit der Trans formation der Sicherheitspolitik. Um Deutschs Überlegungen richtig verstehen zu können, ist es zunächst erforder lich, sich mit seiner speziellen Terminologie vertraut zu machen. Zunächst einmal unterscheidet Deutsch (1961) zwischen den Begriffen Gemeinschaft im Allgemei nen (community), politischer Gemeinschaft (political community) und Sicherheitsge meinschaft (security community). Gemeinschaft im Allgemeinen ist für Deutsch cha rakterisiert durch die Existenz einer signifikanten Menge von Transaktionen sowie einer signifikanten Menge von Personen, die über spezifische Gemeinsamkeiten verfügen und sich ihrer selbst und des anderen als Gruppe bewusst sind. Politische und Sicherheitsgemeinschaften weisen zudem eine weitere Eigenschaft auf: In bei den besteht die Möglichkeit, Entscheidungen effektiv durchzusetzen. Während eine politische Gemeinschaft dabei grundsätzlich auch auf Instrumente wie Gewalt oder deren Androhung zurückgreifen kann, besteht diese Möglichkeit in einer als security community charakterisierten Gemeinschaft nicht. Vielmehr verbindet sich mit der Sicherheitsgemeinschaft die stabile Erwartung von Frieden zwischen den einge schlossenen Einheiten. Beim vor ebendiesem Hintergrund vorgenommenen Ver such, Sicherheitsgemeinschaft zu definieren, greift Deutsch auf Richard W. Van Wagenen (1952: 10 f.) zurück, der sich bereits einige Jahre zuvor mit dem Phäno men auseinandergesetzt hatte: “A security community is considered to be a group which has become integrated, where integra tion is defined as attainment o f a sense o f community, accompanied by formal or informal insti tutions or practices, sufficiently strong and widespread to assure peaceful change among members o f a group with ‘reasonable’ certainty over a ‘long’ period o f time”. Wie aber entstehen Sicherheitsgemeinschaften und welche Alternativen bestehen für Integrationsprozesse im internationalen System? Ein Ansatz, der von Deutsch beschrieben wird, ist das dem Bereich der (Sozial-)Psychologie entstammende Konzept des Kole Taking. Hierbei kommt es durch die sukzessive voranschreitende Verwendung gleicher Handlungs-, Denk- und Gefühlsmuster zwischen den einzel nen Akteuren und die dadurch gesteigerte Akzeptanz des Anderen allmählich zur Herausbildung einer gemeinsamen Identität. Ein alternativer Ansatz wäre die A ssi milation. Dieses Konzept beschreibt einen Prozess, in dem die teilnehmenden Ak teure, seien sie Individuen oder politische Kollektive mittels geteilten kulturellen 163 Lernens beziehungsweise Verlernens, also die Internalisierung gemeinsamer und die gleichzeitige Eliminierung differierender Verhaltensmuster, einander immer weiter annähern. Bei diesem Ansatz allerdings besteht, wie auch Deutsch einräumt, die Möglichkeit, dass sich regionalistische, nationalistische oder sezessionistische Tendenzen entwickeln. Eine solche Gefahr besteht auch bei einem weiteren Kon zept der Gemeinschaftsbildung, nämlich dem der gegenseitigen Abhängigkeit (mutual dependency). Dieses Konzept beschreibt ein Muster von wie auch immer gear teter (und keineswegs nur im ökonomischen Sinne zu verstehender) Arbeitsteilung zwischen politisch getrennten, jedoch hochgradig spezialisierten beziehungsweise diversifizierten Einheiten, wobei sich nicht selten ein Ungleichgewicht mit Blick auf die beteiligten Akteure feststellen lässt. In diesem Kontext treten die Annahmen der lockeanischen Anarchie und des dem (neo-)liberalen Institutionendenken ent stammende Interdependenzideals zu Tage. Dies gilt in ähnlicher Form für ein wei teres Konzept, wo weder Abhängigkeit noch Verschmelzung eine Rolle spielen, nämlich der M utual Kesponsiveness. Dieser Ansatz zielt auf das aktive und bewusste aufeinander eingehen zwischen den Akteuren ab. Es geht also darum, politische Gewohnheiten, Praktiken und Institutionen zu entwickeln oder anzunehmen, die geeignet sind, um Wesen und Handeln des Anderen richtig zu interpretieren, seine Empfindlichkeiten zu erkennen und seine Interessen zu verstehen. Die genannten Ansätze unterscheiden sich alle grundlegend von einer Strategie schlichter Befriedung (Simple Pacification). Zwar zielt auch dieses Konzept mit seinen Maßnahmen wie Abschwörung von Krieg, Abrüstung und nicht selten die zwangsweise Einführung einer pazifistischen Ideologie auf ein friedliches Mitei nander in der Staatenwelt ab. Die Schwierigkeit dabei freilich ist, dass nicht zuletzt aufgrund der ungleich verteilten Definitionsmacht viele Konflikte nicht wirklich gelöst und vor allem den eigentlichen Bedürfnissen der Akteure nicht Rechnung getragen wird. Unter Rückgriff auf die hier aufgeführten Ansätze entwickelte Deutsch sein Konzept der Security Community, wobei sich zwei Varianten unter scheiden lassen, nämlich die amalgamierte und die pluralistische Sicherheitsgemein schaft. Letztere wurde später durch Adler/Barnett (1998b) wiederum in eine lose und eine eng verknüpfte Variante unterteilt. Wie sich zeigt, entspricht lediglich die lose verbundene Sicherheitsgemeinschaft den Prämissen von Wendts Kantianischer Anarchie. Hierbei ist es zunächst wichtig zu konstatieren, dass die Souveränitäts rechte auch innerhalb einer pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft fortbestehen und ihre Wahrung zentral ist (Deutsch et al. 1957). Anders als unter den Bedingun gen Hobbesianischer und Lockeanischer Anarchie beruht die Sicherstellung des eigenen staatlichen Überlebens und die Wahrung der eigenen Souveränität nicht auf machtbasierter Abschreckung oder institutionellen Arrangements, sondern auf dem den Akteuren gemeinschaftlich innewohnenden Verständnis, dass es selbstver ständlich ist, den Anderen als unverletzlich zu respektieren (Deutsch 1953, 1954, 1964a, b, c, d, 1970; Deutsch et al. 1957). Adler und Barnett (1998a:) führen hierzu näher aus, dass 164 “ [t]hese states within a pluralistic security community possess a compatibility o f core values derived from common institutions, and mutual responsiveness - a matter o f mutual identity and loyalty, a sense o f ‘we-ness,’ and are integrated to the point that they entertain ‘dependable expectations o f peaceful change’.” Das Gefühl, voreinander sicher zu sein, geht also nicht von einer übergeordneten Zentralmacht aus, einer Art Leviathan des internationalen Systems, sondern es be ruht vielmehr auf der gemeinsam geteilten Annahme, dass der andere keine feindli chen Absichten hegt: “Real assurance here comes not from a Leviathan who enforces peace through centralized power (an ‘amalgamated’ security community), but from shared knowledge o f each other's peaceful intentions and behavior” (Wendt 2004: 299). Aufbauend auf der von Karl W. Deutsch seinerzeit hergeleiteten Charakterisierung einer pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft entwickeln Emanuel Adler und M i chael Barnett ein Rahmenwerk für die Untersuchung von pluralistischen Sicher heitsgemeinschaften unter heutigen Bedingungen (Adler/Barnett 1998 b). Sie defi nieren — unter Verweis auf Deutsch, aber auch mit einem Anklang an John Ruggie — eine pluralistische Sicherheitsgemeinschaft grundsätzlich als eine „transnational region comprised o f sovereign states whose people maintain dependable expectations of peaceful change. Pluralistic security communities can be categorized according to their depth of trust, the nature and degree o f institutionalization o f their governance system, and whether they reside in a formal anarchy or are on the verge o f transforming it. These categories provide the basis for distinguishing between two ideal types, loosely and tightly coupled plural istic security communities” (Adler/Barnett 1998b: 30; vgl. zudem Ruggie 1996: 81 f.). Zugleich führen Adler und Barnett (1998b: 30) eine weitere Differenzierungsstufe ein. So unterscheiden sie innerhalb von pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften noch zwischen einer lose (loosely-coupled security community) und einer eng verbunde nen (tighly coupled security community) Variante. Unter lose verbundenen Sicherheits gemeinschaften verstehen Adler und Barnett (1998b: 30) hierbei “a transnational region comprised o f sovereign states whose people maintain dependable expectations o f peaceful change. Owing to their shared structure o f meanings and identity, members o f loosely coupled security communities expect no bellicose activities from other members and, therefore, consistentlypractice self-restraint” (Adler/Barnett 1998b: 30). Lose verbundene Sicherheitsgemeinschaften erfüllen dabei die Mindestvorausset zungen an eine Sicherheitsgemeinschaft. Eng verbundene Sicherheitsgemeinschaf ten indes gehen in zwei entscheidenden Aspekten über diese Minimalanforderun gen hinaus: “First, they have a ‘mutual aid’ society in which they construct collective system arrangements. Secondly, they possess a system of rule that lies somewhere between a sovereign state and a re gional, centralized, government; that is, it is something o f a post-sovereign system, endowed with common supranational, transnational, and national institutions and some form o f a collective security system” (Adler/Barnett 1998b: 30). 165 Dieses Herrschaftssystem, welches aufgrund seiner teilweise staatenübergreifend zusammengeführte Souveränität an die mittelalterliche Heteronomie erinnert, ist eine eher neue Entwicklung in den internationalen Beziehungen. Die Differenzie rung zwischen lose und eng verbundenen Sicherheitsgemeinschaften ist dabei von besonderer Bedeutung. So ist es im Falle der loosely coupled security community vor al lem die gemeinsame soziale Identität, die eine positive Identifikation zwischen den Völkern derjenigen Staaten, die Teil der Sicherheitsgemeinschaft sind, bewirkt. Der Umstand, dass sich die Mitglieder einer lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft zu einer gemeinsamen sozialen Kategorie gehörig wahrnehmen, ermöglicht ihnen nicht nur ein gemeinschaftliches Selbstbild zu definieren, sondern auch direkt von diesem ableitend, die Handlungen des Anderen zu verstehen, da sie auf die gleiche Weise deutbar sind wie die eigenen Handlungen (Adler/Barnett 1998b: 47; Adler 1997b: 264; Tajfel 1982: 18). Mit anderen Worten haben wir es also mit (weitge henden) übereinstimmenden Verhaltensmustern zu tun, so dass die Interpretation von Handlungen des Anderen nur ein geringes Potenzial von Missdeutungen auf weist und die resultierenden Konstrukte zudem als unproblematisch hinsichtlich des eigenen nationalen Sicherheitsinteresses gedeutet werden. Dennoch ist noch eine klare Differenzierung von Selbst und Anderem auszumachen. Je mehr sich nun — hypothetisch — eine lose verbundene Sicherheitsgemeinschaft hin zu einer eng(er) verbundenen entwickelt, in einem desto höheren Maße verringert sich jene kognitive Distanz zwischen ihren Mitgliedern. Vor diesem Hintergrund entsteht sukzessive ein immer höheres Maß an ,identischer Identität'. Die eigene Identität wird nicht mehr aus der Abgrenzung vom Anderen gewonnen, sondern der bislang Andere wird zum Teil des identitären Selbst, wobei sowohl individuelle als auch kollektive Identitäten betroffen sind. Deutsch unterscheidet, wie erwähnt, nur zwischen pluralistischer und amalgamierter Sicherheitsgemeinschaft, zudem lassen sich weitere Defizite seines Ansatzes ausmachen: Einerseits fehlte es an präzisen Indikatoren, welche sich (messbar) ma chen und sich so für eine erkennbare Differenzierung zwischen Stufen auf dem Anarchie-Hierarchie-Kontinuum des internationalen Systems eignen könnten, an dererseits war Deutsch zwar in der Lage ein steigendes Maß an zwischenstaatlichen Transaktionen zu erkennen, das dann als Zunahme der Interdependenz definiert wurde, allerdings ließ sich — nicht zuletzt aufgrund der angesprochenen fehlenden Operationalisierung beziehungsweise Indikatorbildung — ein Zuwachs an zwischen staatlicher Kohäsion nicht weitergehend bestimmen (vgl. hierzu auch Ad ler/Barnett 1998b: 46 ff.). Da eine solche jedoch erforderlich ist, soll bei der Ent wicklung des SPICDA-Modells explizit auch auf die Erweiterungen des Security Community Ansatzes durch Adler und Barnett (1998b) eingegangen werden. Diese konstatieren unterschiedliche Stadien von Sicherheitsgemeinschaften und legen Kriterien für eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen lose und eng verbunde nen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaften fest. Auf diese Basis wird es möglich, auch unter der Aufnahme der Argumente Alexander Wendts einen weiteren Be 166 reich des Anarchie-Hierarchie-Kontinuums der internationalen Systemstruktur zu erfassen und zu beschreiben. Hierbei ist zunächst einmal ist zu konstatieren, dass auch Sicherheitsgemeinschaf ten im Kontext anarchischer Systembedingungen entstehen. Der Ausdruck des Entstehens ist dabei wörtlich zu nehmen, denn Sicherheitsgemeinschaften werden nicht im eigentlichen Sinne gegründet, sondern sie entwickeln sich. Staaten, welche sich irgendwann als Teil einer Sicherheitsgemeinschaft wahrnehmen, beginnen den Prozess letztlich damit, dass sie anfangen Wege zu finden, wie sie gemeinsam ihre Sicherheit erhöhen, die Transaktionskosten ihrer wechselseitigen Beziehungen ver ringern und das gegenseitige Verhältnis weiter auf positive Weise vertiefen können. In dieser Phase befindet man sich letztlich noch im Kontext der lockeanischen Anarchie, wo im Rahmen bi- und multilateraler Vereinbarungen anarchiemildernde Maßnahmen institutionalisiert werden. Diese Institutionen sollen, wie oben aufge zeigt, bewirken, dass auch unter anarchischen Bedingungen die getroffenen Ver einbarungen von allen Beteiligten eingehalten werden (vgl. auch Barnett 1998). Darüber hinaus kann die Institutionalisierung aber auch ermöglichen, dass in diesen ein gemeinsamer Sinn und Zweck sowie die Idee gemeinschaftlichen Fortschritts verkörpert wird. Hierbei spielt jedoch auch Macht eine Rolle, wobei Macht zugleich zwingend gegenüber Dritten und vereinigend gegenüber Partner wirkt. Auf Grund lage dieser Kooperationsbasis können sich zusehends verdichtende Netzwerke entwickeln, die zur Entstehung weiterer institutioneller und organisatorischer Ar rangements speziell auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik führen kön nen, sodass abermals ein erhöhtes Maß an gegenseitig wahrgenommener Sicherheit durch die verminderte wechselseitige Bedrohungswahrnehmung entsteht. In diesem Kontext können kognitive Strukturen entstehen, welche eine identitäre Annähe rung zwischen den kooperierenden Staaten bewirken. Das wiederum beutet ein er höhtes Maß an gegenseitigem Vertrauen wie auch gemeinsamer Wahrnehmungen dritter Phänomene auf internationaler Ebene. Auf diese Weise kann sich die ge meinsame, geteilte Erwartung entwickeln, dass materieller Wohlstand ebenso wie die gemeinsam erreichte Sicherheit zwischen den beteiligten Staaten nur durch die se auch aufrechterhalten und weiter vertieft werden kann (53 f.). In dem Maße, wie sich diese Wahrnehmung im kollektiven und institutionellen Bewusstsein sowohl auf innerstaatlicher als auch auf supranationaler Ebene internalisiert, desto unwahr scheinlicher werden gewaltsam ausgetragene zwischenstaatliche Konflikte zwischen den „Mitgliedern“ der Sicherheitsgemeinschaft. Der maßgebliche Faktor hierbei ist die Identität: Je näher man an den Zustand eng verbundener Sicherheitsgemeinschaft herankommt, desto kürzer ist die kognitive Distanz zwischen ihren Mitgliedern. Auf diese Weise rückt auch der Zustand einer kollektiven Identität näher, da die Identität der Menschen, welche Teil dieser Aus prägung von Sicherheitsgemeinschaft sind, ihre Identitäten nicht mehr von der in ternationalen Umgebungsumwelt oder der eigenen Nation herleiten, sondern von der Sicherheitsgemeinschaft als Entität selbst. Ebenfalls ergeben sich dann Selbst 167 verständnis, Zweck und Funktion der jeweils beteiligten Staaten auch aus der Si cherheitsgemeinschaft. Letztlich verschmelzen Identität und Interesse der einzel nen Staaten mit denen der Sicherheitsgemeinschaft, sodass auch die noch beste henden Bestandteile der nationalen Außenpolitik völlig umdefiniert erscheinen (Adler/Barnett 1998b: 48). Dies zeigt sich auch in der Form der kooperativen Sicherheitsarrangements. Wäh rend, wie aufgezeigt, im Bereich der hobbesianischen Anarchie aufgrund des aus geprägten Selbsthilfecharakters, die dieser strukturelle Kontext mit sich bringt, Alli anzen als Kooperationsform gewählt werden, und die Lockeanische Anarchie von Institutionen gekennzeichnet ist, deren zentrales Charakteristikum die absolute Wahrung der jeweiligen staatlichen Souveränität geht, und somit Intergouvernementalität das Bild bestimmt, finden sich in der kantianischen Anarchieausprägung Arrangements kollektiver Sicherheit. Der wesentliche Unterschied hierbei ist, dass es bei Allianzen um kollektives Handeln zum Schutze des individuellen Staates im Kontext einer spezifischen Bedrohung geht, wohingegen kollektive Sicherheit we der zeit- noch bedrohungsspezifisch ist. Vielmehr beruht ein solches Arrangement darauf, weil die beteiligten Staaten sich als einheitliche Gemeinschaft verstehen, deren gemeinschaftliche Interessen wie auch die gemeinschaftliche Identität a priori als schützenswert erachtet werden — egal durch wen, wie, wann und weshalb auch immer die konkrete Bedrohungslage auch immer aussehen sollte. Allerdings ist es auch unter der Systembedingung der Kantianischen Anarchie, wie sie im Kontext der losen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft vorherrscht, noch immer das Ei geninteresse, das eine starke Rolle spielt. Das lässt sich mit einer Fortführung des Argumentes der Lockeanischen Anarchie erklären: So spielen die erwarteten Kos ten der Normverletzung für den am eigenen Wohl und Interesse orientierten Staat noch immer eine signifikante Rolle. Dabei muss letztlich das Problem kollektiven Handelns überwunden werden (vgl. etwa Keohane 1984; Lipson 1984; Oye 1986; Martin 1992; Downs 1994). Solange Normen kollektiver Sicherheit nur bis zum zweiten Grad im Sinne von Wendt internalisiert sind, ist zwischenstaatliche Freundschaft lediglich als Strategie zu ver stehen, welche Staaten anwenden, um individuelle Partikularinteressen zu wahren. Die Motivation ist instrumenteller Natur, eine tiefergehende beziehungsweise aus gedehnte Identifikation von Selbst und Anderem ist nicht gegeben, das nationale Interesse wird nicht als intrinsisch verbunden mit dem Kollektivinteresse der Si cherheitsgemeinschaft verstanden. Somit kann bestenfalls von einem sehr dünnen Konzept zwischenstaatlicher Freundschaft gesprochen werden, das so lange trägt, wie nicht die Kosten den Nutzen übersteigen. Gleichwohl verhalten sich die Staa ten zumindest solange als de-facto Freunde, was über die reine Institutionalisierung der lockeanischen Anarchievariante hinausgeht. Auf diese Weise zeigt sich auch innerhalb der Sicherheitsgemeinschaft für die Dauer ihrer Existenz eine de-facto Herrschaft von Recht auf zwischenstaatlicher Ebene. Auch wenn es keine zentrali sierten hierarchisierenden Sanktionsmechanismen gibt, haben die Staaten (auch) 168 einer losen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft die Normen und somit die Grenzen was Staaten legitimerweise tun können, um ihre Interessen zu verfolgen, hinreichend internalisiert. Mit anderen Worten entfaltet das kollektive Sicherheits arrangement seine Wirkung. Zudem lassen sich zentrale Charakteristika einer lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft ausmachen, die zugleich als Indikatoren her angezogen werden können. Basierend auf dem hohen Grad an gegenseitigem Vertrauen wie auch dem hohen Maß an gegenseitiger Interessenübereinstimmung (als wie temporär sich diese letzt lich auch erweisen mag), zeigt sich ein ausgeprägter Multilateralismus, der sich in transnational abgestimmten Entscheidungsverfahren und gemeinschaftlichen Kon fliktlösungsansätzen auf hohem konsensualen Niveau widerspiegelt. Dieser Effekt geht Hand in Hand mit einer ausgeprägten gemeinsamen Bedrohungswahrneh mung, die wiederum auf hinreichenden Übereinstimmungen (wenngleich nicht Verschmelzungen) auf identitäter Ebene beruht. Obwohl es primär das eigene nati onale Interesse ist, das als Motivationsfaktor fungiert, ist dies in höherem Maße deckungsgleich als wenn es lediglich auf eine spezifische Bedrohung bezogen wäre. Dieser Umstand zeigt sich dann auch darin, dass die militärische Planung auch in ihren Worst-Case-Szenarien die Staaten der Sicherheitsgemeinschaft nicht als po tenzielle Gegner einstuft. Hiermit hängt zudem eng die Sichtweise hinsichtlich na tionaler Grenzen zusammen. Grenzen wie auch deren hoheitlich durchgeführte Kontrolle besitzen zwar wie in den anderen Formen der Anarchie einen nach wie vor hohen und zentralen Stellenwert. Die Art und Weise der Grenzsicherung ist jedoch nicht darauf ausgerichtet, militärische Bedrohungen durch jene (Nachbar s ta a ten abzuwehren, welche Teil der Sicherheitsgemeinschaft sind, sondern sind vielmehr gegen andere Arten der äußeren Bedrohung gerichtet. Hierbei können sich unter Umständen sogar Arrangements finden lassen, welche eine relative per sonelle Freizügigkeit von Angehörigen der die Sicherheitsgemeinschaft formenden Staaten ermöglichen. In einem signifikanten, wenngleich nicht absoluten Maß, re flektieren die nationalen Diskurse und staatlichen Handlungen vielfach die gemein schaftlichen Normen der Sicherheitsgemeinschaft. Hierbei grenzen sie sich unwill kürlich und zugleich deutlich gegen jene Diskurse ab, welche sich außerhalb der Sicherheitsgemeinschaft erkennen lassen (Adler/Barnett 1998 b: 55 ff.). Trotz dieser deutlichen Unterschiede hin zur lockeanischen und vor allem zur hobbesianischen Anarchie bleiben im kantianischen Kontext die Grundprinzipien der Anarchie bestehen, wenngleich sie stark gezähmt sind. Dennoch bleibt die zwi schenstaatliche Freundschaft, wie aufgezeigt, nur eine relative. Oder um es mit den Worten Berenkoetters (2007: 30) zu sagen: „Contracting partners, whether Lockian or Kantian, do not qualify as friends“. Auch wenn Staaten nicht mehr als Billardku geln erscheinen, sondern durch Institutionen und Formen ökonomischer Interde pendenz verbunden sind, welche dazu beitragen, die Effekte der Anarchie zu mäßi gen, bleibt der Kontext doch anarchisch und grundlegende Logiken treffen weiter hin zu (Berenskoetter 2007: 28 f.). Diese und somit die systemische Strukturbedin 169 gung der Anarchie zu überwinden sei, so Berenskoetter (2007: 35), möglich, wenn die Angst, im anarchischen System möglicherweise nicht zu überleben, selbst überwunden werden könne. Hierzu müssten Staaten zu der Einsicht gelangen, dass Anarchie und damit verbunden die allzeit präsente Gefahr des eigenen durch Dritte herbeigeführten staatlichen Untergangs als ubiquitäre Systembedingung nicht Aus druck universell gültiger historischer Gesetzmäßigkeiten sei. Eine Möglichkeit, aus der anarchischen Falle auszubrechen bietet sich gerade in sehr engen Gemeinschaf ten (Odysseos 2002 a, b). Innerhalb dieser lassen sich, folgt man Giddens (1984), aufgrund dort ermöglichter angstkontrollierender Mechanismen Strukturen ontolo gischer Sicherheit oder anders ausgedrückt ein stabiles Selbst entwickeln, welches eine neue Form (zwischen-)staatlichen Urvertrauens bewirken kann. Derartige Strukturen angstkontrollierender Sicherheit lassen sich, folgt man den diversen Argumenten von Deutsch, Wendt und Adler/Barnett, in Formen interna tionaler Gemeinschaften finden, die mindestens die Eigenschaften einer eng ver bundenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft erfüllen. Die Lösung der Prob leme kollektiven Handelns geht somit Hand in Hand mit einer noch tiefer reichen den Internalisierung der Prinzipien, wie sie für die Kantianische Anarchie als cha rakteristische beschrieben wurden. In einer eng verflochtenen Sicherheitsgemein schaft wird das Prinzip der gegenseitigen Hilfe als internalisierte Norm zur Hand lungslogik wie auch zur Handlungsmaxime. Nationale Identität findet somit ihren Ausdruck im nicht-instrumentellen kollektiven Handeln. Mit anderen Worten nehmen sich Staaten gegenseitig als befreundet im wahren Wortsinne war und han deln nicht nur so aus partikularem Kalkül heraus wie in der Systemstruktur der lose verbundenen Sicherheitsgemeinschaft. Das freundschaftliche Verhalten wird zum auf der gemeinsamen Identität der Mitglieder der eng verflochtenen Sicherheitsge meinschaft beruhenden inneren Natur des einzelnen Staates, seiner Angehörigen beziehungsweise Repräsentantinnen und Repräsentanten. Aus sozial-kognitiver Sicht heraus betrachtet werden die kognitiven Grenzen des Selbst dahingehend ausgedehnt, dass sie den Anderen miteinschließen. Selbst und Anderer bilden damit eine sogenannte kognitive Region (Adler 1997 a). Die nationale Sicherheit des eige nen Staates beinhaltet dann diejenige der anderen Staaten der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft, allerdings nicht im Sinne von Selbstaufgabe, wo die eigene Sicherheit gegebenenfalls für den Anderen geopfert wird, um dessen Sicherheit zu wahren. Vielmehr überlagen sich die Kategorien von Selbst und Anderem in einer Weise, welche die Legitimität partikularer Interessen nur mehr als Ausdruck des Kollektivinteresses kennt. Mit anderen Worten sind in der Erscheinungsform nati onales Sicherheitsinteresse des einzelnen Mitgliedsstaates der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft und kollektives Sicherheitsinteresse identisch. Damit wird auch möglich und erscheint zugleich als folgerichtig, dass der institutionelle Kon text des Ausübens von (auch und gerade) militärischer Macht von der Einheit des einzelnen Nationalstaats innerhalb der Gemeinschaft auf diese, konkret auf deren hierfür geschaffene Institutionen, übergeht. Zugleich steht die Anwendung militäri scher Gewalt gegen Angehörige der Sicherheitsgemeinschaft außer Frage, und zwar 170 nicht, weil dies durch Zwang oder durch vertraglich vereinbarte institutionelle Ar rangements bewirkt wird, sondern weil es im kognitiven Rahmen der gemeinsamen Identität nicht gibt. Die Ausnahme hiervon stellt die Möglichkeit von Gewalt gegenüber solchen (bis herigen) Mitgliedern der Gemeinschaft dar, welche durch ihr Verhalten sich aus dem Rahmen der gemeinsamen Identität herauslösen. Das bestätigt jedoch lediglich die Logik der eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft und steht mitnichten im Widerspruch zu dieser. Zugleich wird hierdurch deutlich, dass die Logik außerhalb einer eng verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft durchaus anderen Strukturausprä gungen entsprechen kann und dies regelmäßig auch tut. Ob sich die eng verfloch tene Sicherheitsgemeinschaft dann in einem Kontext Hobbesianischer, Lockeanischer oder Kantianischer Anarchie befindet, hängt wiederum von den wechselseiti gen Wahrnehmungen zwischen ihr und dritten Akteuren im internationalen System ab, was wiederum einen Einfluss auf die jeweiligen Identitäten hat. Kooperative und kollektive Sicherheit auf Grundlage einer gemeinsamen Identität, welche die innere Gewaltanwendung ausschließt, ist somit ein wesentliches Kriterium einer lose verflochtenen Sicherheitsgemeinschaft. Diese findet ihren institutionellen Aus druck in einem hohen Maß an militärischer Integration, welche wiederum als Aus druck eines so hohen Maßes an wechselseitigem Vertrauen bewertet werden kann, wie es nur bei einer ausgeprägten Identitätskongruenz möglich ist. Diese führt je doch ebenso zu einer Koordinierung der Politiken gegen innere Bedrohungen. Dies ist ebenso folgerichtig, da aufgrund der Identitäts- und Interessenkongruenz, die einhergeht mit einem hohen Maß an strukturellen beziehungsweise institutionellen Parallelen im jeweiligen Innern der Mitglieder, die Bedrohungen wie auch insbe sondere die Bedrohungswahrnehmungen sich in einem solch hohem Maße angenä hert haben, dass die innere Bedrohung eines Mitglieds der eng verflochtenen Si cherheitsgemeinschaft automatisch als Bedrohung für die eigene innere Sicherheit und somit wiederum zugleich als Bedrohung der gesamten Sicherheitsgemeinschaft perzipiert wird. Werden im Kontext der Hobbesianischen Anarchie Fremde stets als potenzielle Bedrohung wahrgenommen, sind diese innerhalb der lockeanischen Anarchie hin sichtlich der Möglichkeit, sich über Staatsgrenzen hinwegzubewegen in hohem Ma ße institutionell reglementiert und beschränkt und werden Grenzen selbst zwischen den Mitgliedsstaaten einer lose verflochtenen pluralistischen Sicherheitsgemein schaft im Strukturkontext der kantianischen Anarchie noch klar als einzelstaatliche Grenzen erkennbar und aufrechterhalten, ist eine eng verflochtene pluralistische Sicherheitsgemeinschaft von der Möglichkeit charakterisiert, dass Staatsangehöri gen der Mitglieder dieser Variante der Sicherheitsgemeinschaft frei innerhalb aller Staaten bewegen können. Nach Innen sind die Grenzen somit durchlässig gewor den, was ebenfalls eine folgerichtige Konsequenz aus der gemeinschaftlichen Iden tität, den gemeinsamen Wahrnehmungen von Bedrohungen und auch Problemen im weiteren Sinne ist. 171 In vielfacher Hinsicht ähneln sich die beschränkte Hierarchie der eng verflochtenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft mit einer weiteren Ausprägung der interna tionalen Struktur: der Negarchie. Diese basiert auf Daniel Deudneys (insbesondere 2007) Arbeiten zur republikanischen Sicherheitstheorie, welche sich als grundle gende Kritik an den Großparadigmen Realismus und Liberalismus versteht und Negarchie als dritten Zustand des internationalen Systems zwischen Anarchie und Hierarchie einführt. Deudney sieht die analytischen Schwächen von Realismus und Liberalismus, also zweier zentraler Theoriestränge der Internationalen Beziehun gen, darin begründet, dass sich beide Ansätze von der ihnen zugrundeliegenden Tradition des Republikanismus abgespalten haben, welcher im westlichen politi schen Denken namentlich des 18. Jahrhunderts das beherrschende Konzept für Sicherheit und Regieren dargestellt hat. Durch die Loslösung von diesem Konzept haben sowohl der entstehende Liberalismus als auch der sich entwickelnde Realis mus wichtige Elemente eingebüßt, weshalb beide Großtheorien als fragmentarisch zu betrachten seien. Während sich Liberalismus auf die zentralen Ideen von demo kratischem und handelsbasiertem und somit interdependenzschaffenden Frieden sowie verschiedener Varianten internationaler institutioneller Arrangements gründe, basiere der Realismus einzig auf der Existenz des anarchisch geprägten internatio nalen Systems, welches zu quasi naturgesetzlichen Handlungsmustern wie dem Mächtegleichgewicht führe. Um die daraus resultierende analytische Schwäche zu überwinden, gehe es darum, diese Komponenten zurück in den ursprünglichen re publikanischen Kontext zu überführen. Dieser Ansatz hat aber auch unmittelbare Bedeutung für die Beschreibung der Systemstruktur. Für Deudney existieren drei Strukturvarianten des internationalen Systems, nämlich Anarchie, Hierarchie und ein Zwischenzustand (Abbildung 9). Somit findet sich auch in seinem Ansatz die Annahme, dass nicht überall im zwischenstaatlichen Verhältnis ein Zustand von Anarchie herrscht. Gleichzeitig sind aus Deudneys Sicht heraus weder Anarchie noch Hierarchie wünschenswerten Zustände des in ternationalen Systems, da es in beiden nicht möglich ist, einen adäquaten Wider stand zur Anwendung von Gewalt gegenüber spezifischen Gruppen von Menschen zu gewährleisten (Deudney, 2007:31). Somit müssen beide Zustände verhindert werden, um ein auf friedliche Weise stabiles System zu gewährleisten. Die traditio nelle Lösung des politischen Denkens liegt für Deudney in der Republik. Somit gilt es, auch die internationaler Ebene nach klassischen republikanischen Prinzipien zu gestalten. Die von ihm angestrebte Ausprägung des internationalen Systems be zeichnet Deudney als Negarchie. Diese wird charakterisiert durch eine verantwort liche Regierung, die einem allerdings strikt antihierarchisch organisierten Zusam menschluss einzelstaatlicher Entitäten vorsteht, sodass eine in vielerlei Hinsicht (fort-)bestehende Selbstherrschaft und Autonomie der einzelnen Entitäten charak teristisch für den Zustand der Negarchie ist. 172 Strukturausprägung des internationalen Systems Zwischenstaatliche Interak tionsmuster Zwischenstaatliches Orga nisationsprinzip Anarchie Balancing, Bandwagoning Allianz Hierarchie Subordination, Zwang, Band wagoning Hegemonie, Imperium Negarchie Intern Eingebettetes Balancing Konföderation Abbildung 9: Strukturausprägungen nach Daniel Deudney, nach: Zafra-Davies (2015): 8 Dies ändert sich schließlich im Kontext einer amalgamierten Sicherheitsgemein schaft. Auch wenn es nicht zu einer vollständigen Verschmelzung der Mitgliedstaa ten in ein neues, eigenständiges, souveränes staatliches Gebilde kommt und die ur sprünglichen Staaten als solche verschwinden, sind für die amalgamierte Sicher heitsgemeinschaft de facto doch die wesentlichen Prinzipien erkennbar, welche für ein eigenständiges souveränes Gebilde charakteristisch sind. Neben der gemein schaftlichen Identität und Institutionen, welche das Zusammenwirken auf Grund lage dieser Identität in klassischen wie erweiterten Sicherheitsbereichen (und dar über hinaus) etwa durch Gesetzesharmonisierungen ermöglichen, kommt es in der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft zur Schaffung gemeinschaftlicher legislati ver, exekutiver und judikativer institutioneller Arrangements. Amalgamation im Sinne von Deutsch et al. (1957: 6) ist somit der „formal merger o f two or more previously independent units into a single larger unit, with some type of common government after amalgamation”. Es handelt sich also um die Verschmelzung mehrerer politischer Einheiten in eine einzige, wobei es zur Ein richtung gemeinsamer Institutionen inklusiver zentraler Regierungsinstitutionen kommt (Puchala 1981: 152-155; Deutsch 1961). Eine mögliche Erscheinungsform wäre etwa eine Konföderation von Staaten. Hierbei sieht Deutsch den Prozess hin ter der Herausbildung amalgamierter Sicherheitsgemeinschaften als vergleichbar an mit anderen Staatenbildungsprozessen in der Geschichte: “Deutsch hypothesized that many o f the same processes that led to national integration and na- üonalism in domestic politics might be equally relevant for international politics and international community development” (Adler/Barnett 1998 a: 6 f.). 173 Die Entwicklung funktionaler Verbindungen auf verschiedenen Ebenen (etwa Handel, grenzüberschreitende Dienstleistungen, Migrationsbewegungen, internati onale militärische Zusammenarbeit) zwischen zunächst autonomen einfachen Ge meinschaften führten, so Deutsch, zu Transaktionsströmen zwischen diesen Ge meinschaften, was wiederum zur Folge habe, dass die Völker in die ihre jeweiligen Gemeinschaften überschreitende kommunikative Netzwerke eingebunden würden. Dieser Prozess würde Deutsch zufolge letztlich im Rahmen sozialpsychologischer Prozesse dazu führen, dass sich die Völker zusehends miteinander identifizierten und letztlich einander anglichen. Die sukzessive Identifikation der Menschen mit der wahrgenommenen neuen, gemeinsamen Gemeinschaft würde schließlich dazu führen, dass diese nach gemeinsamen Institutionen verlange, um die Integrität der Gemeinschaft nach außen zu schützen (Puchala 1981: 156). Mit anderen Worten geht Deutsch davon aus, dass vor dem Hintergrund wachsender Kooperation all mählich nicht nur eine kollektive Identität an sich, sondern explizit eine Art neues, auf die entstehende Gemeinschaft gerichtetes ,Nationalgefühl‘ entsteht, welches in letzter Konsequenz danach verlangt, das sich ebenfalls neu herausbildende gemein same ,nationale‘ Interesse der entstehenden Gemeinschaft (auch) militärisch zu ver teidigen. Es findet also eine Verlagerung des bisher auf die alte einfache Gemeinschaft ge richteten nationalen Interesses auf die neue Gemeinschaft statt mit all den Konse quenzen für das nationale Sicherheitsinteresse, das sich nunmehr einzig auf die neue Entität bezieht. Eines ist jedoch wichtig zu verstehen: Es handelt sich auch bei der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft (noch) nicht um einen neuen voll ausgeprägten Nationalstaat, allerdings fehlt nicht mehr viel. Erst mit einem solchen wäre dann die Stufe echter Hierarchie erreicht, womit zugleich aber auch das inter nationale Momentum letztlich an Bedeutung verlöre und notwendigerweise der Be reich des innerstaatlichen erreicht wäre. Hierbei allerdings ist anzumerken, dass in stark ausgeprägten föderalen Systemen auch in internationaler Hinsicht die subna tionalen Einheiten als eigenständige Akteure auftreten können. Hierbei tritt etwa neben die offizielle nationale Außenpolitik des Zentralstaates (Bundesaußenpolitik) eine spezifische Form zwischensufetaatlichen Handelns, das als Paradiplomatie be ziehungsweise Proto-, Mikro- oder Makrodiplomatie bezeichnet wird (etwa Duchacek 1986 a, b; 1988; 1990; Soldatos 1990; Aldecoa/Keating 1999; Keating 1999; Lecours 2002; für spezifische Fallstudien vgl. etwa Balthazar 1999; Kincaid 1999; Ravenhill 1999; Ugalde 1999; Vengroff/Rich 2004; Criekemans 2006). 174 3.2 Logiken der Systemstruktur: Bestehende Ansätze und Integrationsmöglichkeiten Zusammenfassend lässt sich hinsichtlich der Bedeutung für die Theorie des inter pretativen Realismus somit konstatieren, dass sich das internationale System als Kontinuum zwischen den Extrempolen reiner Anarchie und reiner Hierarchie dar stellen lässt. Dies stellt zunächst einmal eine Verfeinerung hinsichtlich der realisti schen Schule dar, welche das internationale System als durchgängig anarchisch be trachtet, sodass die obersten Einheiten die Staaten darstellen, die ihrerseits aller dings hierarchisch strukturiert sind. Staat und System unterscheiden sich somit di ametral und sind zudem eindeutig abgrenzbar. Jenseits dieser Perspektive existiert bereits seit den frühen 1990er Jahren die explizite Einsicht, dass die Größen Anar chie und Hierarchie bezogen auf das internationale System eher als Kontinuum denn als Dichotomie zu konzipieren seien, wobei als Kriterien die Zentralisierung von Herrschaft und die Verteilung (übereinstimmender) Ideen zugrunde gelegt werden (Milner 1991). Basierend auf der Annahme der Bedeutung von Identitäten und ihrer Wahrnehmung setzte sich schließlich die Konzeptualisierung des interna tionalen Systems als Dreiteilung mit den Varianten Hobbesianische, Lockeanische und Kantianische Anarchie durch, welche auf der jeweiligen Differenzierung in Feind, Rivale und Freund gründen. Bereits zuvor entwickelte sich ein zweiter Strang, welcher eine Durchbrechung der reinen Anarchie im internationalen System durch die Entstehung von Sicherheitsgemeinschaften (Deutsch) gegeben sah. Durch Wendt wurde eine Verbindung zwischen der Kantianischen Anarchievarian te und Deutschs Ansatz hergestellt. Gleichzeitig wurde Deutschs Konzept in einem dritten Strang konstruktivistisch erweitert und ausdifferenziert. Die grundsätzliche Dreiteilung blieb jedoch erhalten und diente als Grundlage auch für weitere Konzept- und Theorieentwicklungen. Kupchan (2006) etwa kam einer empirischen Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der atlantischen Ordnung folgend zu einer Kategorisierung des internationalen Systems, in welcher die Wendtschen Kategorien im Großen und Ganzen reflektiert werden (Abbildung 10): Entsprechend der Hobbesianischen Anarchie findet sich die Strukturvariante militärischer Rivalität, ähnlich der lockeanischen Anarchie die friedliche Koexistenz und implizit angelehnt an die kantianische Variante ebenso wie an Deutsch spricht Kupchan von der Sicherheitsgemeinschaft. Hierbei argumentiert er explizit mit un terschiedlichen Identitäten und Interessen, welche der jeweiligen Strukturausprä gung des internationalen Systems zugrunde liegen: Im Falle der militärischen Rivali tät sind die Identitäten der Staaten im internationalen System gegenläufig, die Inte ressen weisen entgegengesetzte Richtungen auf. Im Kontext der friedlichen Koexistenz stimmen die Identitäten zwar nicht überein, sind jedoch miteinander vereinbar; für die Interessen gilt, dass sie ebenfalls nicht übereinstimmen, jedoch einander nicht mehr völlig entgegengerichtet sind. Im Rahmen der Strukturausprä gung der Sicherheitsgemeinschaft schließlich stimmen Identität und Interessen überein. Die jeweilige Interaktionslogik der Staaten entspricht dabei dem Mäch 175 tegleichgewicht im Zustand der militarisierten Rivalität, dem Bedrohungsgleichge wicht im Strukturkontext der friedlichen Koexistenz und der kooperativen Sicher heit in der Strukturausprägung der Sicherheitsgemeinschaft, wobei auch in diesem Zustanden lediglich Allianzen als Kooperationsform auftreten. Strukturausprägung Militärische Rivalität Friedliche Koexis tenz Sicherheitsgemeinschaft Annähernde Ent sprechung Hobbesianisch Lockeanisch Kantianisch Identität Gegenläufig Kompatibel Übereinstimmend Interessen Verschieden und gegenläufig Verschieden aber sich annähernd Gemeinsam Abbildung 10: Strukturausprägungen nach Charles Kupchan (2006: 78) Ein weiterer Ansatz, der die Dreiteilung der internationalen Systemstruktur auf nimmt und dabei eine Verbindung zu parallel zueinander bestehenden Theorien der Internationalen Beziehungen herstellt, ist der Konstruktive Realismus (Constructive Kealism) von Huang (2003). Hierbei werden die Anarchien nochmals spezifisch definiert: Somit liegt eine Systemstruktur Hobbesianischer Anarchie vor, wenn sich Bestrebungen zur Aufrechterhaltung der Hegemonie des dominierenden Staates durch diesen erkennen lassen. Von Lockeanischer Anarchie wird gesprochen, wenn die Verteilung der Macht im internationalen System nicht die gegen den dominan ten Staat gerichteten Staaten begünstigt. Kantianisch schließlich ist die Systemstruk tur bei Huang (2003) dann, wenn der Hegemonialstaat die Weltordnung akzeptiert. Darauf basierend gelangt Huang zu dem Schluss, dass Realismus, Konstruktivismus und Rational Choice Theorie alle ihre Berechtigung hätten, jedoch jeweils nur unter bestimmten Systemstrukturbedingungen hinsichtlich ihrer Aussagekraft zuträfen. Im Kontext der hobbesianischen Anarchie könne der Realismus staatliches Verhal ten am besten erklären, unter den Bedingungen der lockeanischen Anarchie sei Ra tional Choice Theorie am erklärungsstärksten und im Bereich der kantianischen Anarchie folge staatliche Handlungslogik dem Konstruktivismus (Huang 2003: 49). 176 Strukturausprägung H o b b e s i a n i s c h L o c k e a n i s c h K a n t ia n i s c h Prinzipien Weder Anerkennung von Souveränität noch von bestehender Machtverteilung Anerkennung von Souveränität, jedoch Infragestellung beste hender Machtvertei lung Anerkennung von Souveränität und be stehender Machtver teilung Erscheinungsform Keine Regulierung des staatlichen W ettbe werbs im internatio nalen System Beschränkung des staatlichen W ettbe werbs im internatio nalen System durch Koordinierung Beschränkung des staatlichen W ettbe werbs im internationa len System durch Re gulierung Interaktionslogik Krieg; Friede als blo ße Abwesenheit von Krieg Internationale Regime Allgemeingültiges Internationales Recht Erklärungsansatz Realismus Rational Choice Konstruktivismus Abbildung 11: Strukturausprägungen im Konstruktiven Realismus nach Huang (2003: 22) Da in der empirisch messbaren Realität nicht nur eine Form erkennbar sei, sondern alle drei im internationalen System nebeneinander existierten, müsse jeder Versuch, Entwicklungen in den internationalen Beziehungen mit nur einem der bestehenden Ansätzen zu erklären, scheitern. Vor diesem Hintergrund entwickelt Huang seinen Ansatz des Konstruktiven Realismus, welcher Realismus, Rational Choice und Konstruktivismus integrieren soll (Abbildung 11). Die Integration bleibt allerdings nur oberflächlich; statt Grundprobleme wie das Anarchie-Hierarchie grundlegend aufzuarbeiten und bestehende Theoriezugänge zu einem kohärenten Erklärungsan satz zu verbinden, bleiben die Ansätze im Theoriekonzept des Konstruktiven Rea lismus lediglich nebeneinander bestehen. Zudem kommt in Huangs (2003: 35-49) Ansatz (wie auch bei Kupchan 2006) lediglich die Allianz als Kooperationsform vor, auch im kantianischen Strukturkontext (Huang 2003: 44). Auch das ist als problematisch zu werten, weil der Zustand Kantianischer Anarchie im Sinne Wendts, wie aufgezeigt, ja gerade durch die Überwindung lediglich instrumenteller Allianzen charakterisiert ist. Insgesamt bleibt somit die eingangs als zentrales Prob 177 lem der Internationalen Beziehungen dargelegte Herausforderung des Nebeneinan ders von Paradigmen erhalten, auch wenn die aufgezeigten Ansätze Schritte in die richtige Richtung sind und wichtige Einsichten und Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Gleichzeitig zeigt sich, dass eine echte Synthese der Argumente unter schiedlicher Theorien in einen einheitlichen und kohärenten übergeordneten An satz notwendigerweise den Aspekt der Strukturausprägung des internationalen Sys tems behandeln und insbesondere ein weitaus differenziertes Konzept des Anarchie-Hierarchie-Kontinuums aufweisen muss. Basierend auf der hierfür unvermeid lichen grundlegenden Auseinandersetzung mit den prinzipiellen Überlegungen zum Anarchie-Hierarchie-Problem wurde für den Interpretativen Realismus somit eine Typologie entwickelt, welche unterschiedlichen Strukturausprägungen des interna tionalen Systems spezifische zwischenstaatliche Verhaltenslogiken zuordnet (Ab bildung 12). Hierbei zeigt sich zunächst einmal, dass die Idee eines Anarchie Hierarchie-Kontinuums grundsätzlich aufgegriffen, jedoch im Vergleich zu den bestehenden Ansätzen deutlich ausdifferenziert wurde. Hierzu wurden nicht zuletzt unterschiedliche bestehende Stränge der Auseinandersetzung mit der Anarchie Hierarchie-Frage zusammengeführt. Somit ergibt sich zunächst eine Hauptuntertei lung in Anarchie, Trans-Anarchie und Hierarchie. Hierbei wird der Strukturausprä gung der Anarchie ausdifferenziert in die Formen reine, leicht gemäßigte, stark ge mäßigte und de-facto beschränkte Anarchie, die Strukturausprägung der Transanar chie erfährt eine Unterteilung in beschränkte Anarchie und Negarchie und die Strukturausprägung der Hierarchie wird unterteilt in einen Zustand der de-facto Hierarchie und einen Zustand der reinen Hierarchie. Reine Anarchie und reine Hie rarchie bilden somit die jeweiligen Endpunkte des Anarchie-Hierarchie Kontinu ums, das unterschiedliche Strukturausprägungen, welches das internationale System annehmen kann, möglichst realitätsgetreu repräsentieren soll. In den genannten Kategorien spiegeln sich teilweise bestehende Klassifikationen wieder. So findet in der reinen Anarchie die hobbesianische Anarchie in ihrer Reinform ihren Aus druck, Gleiches gilt für die stark gemäßigte Anarchievariante und die Lockeanische Anarchie in ihrer Reinform. Jedoch wird neu eine Abstufung eingeführt, welche einen Mischzustand aus hobbesianischen und lockeanischen Aspekten darstellt Auf diese Weise lassen sich drei Klassifikationen ausmachen, welche eine Struktur ausprägung des internationalen Systems beschreiben, die sich als internationale Monadenstruktur bezeichnen lässt. Das heißt, dass in sich abgeschlossene souverä ne Staaten (Monaden) die oberste Einheit innerhalb dieser Systemausprägung dar stellen. Ihre jeweiligen Interessen sind in allen drei Varianten strikt national, das heißt am eigenen Staat ausgerichtet. Das gilt auch für ihre jeweiligen Identitäten. Die Unterscheidung zwischen den drei genannten Strukturvarianten, liegt in dem Grade, wie Institutionen eine Rolle spielen, welche primär die Problematik relativer beziehungsweise absoluter Gewinne im Kooperationsfall beherrschbar machen sol len. In der hobbesianischen Anarchievariante, die als reines Selbsthilfesystem ver standen wird, wird Kooperation ausschließlich instrumentell betrachtet. 178 Die kooperativen Arrangements sind damit einhergehend lose. Institutionen im engeren Sinne existieren nicht. In den Strukturausprägungsvarianten der leicht und der stark gemäßigten Anarchie (also der hobbesianisch-lockeanischen und der rein lockeanischen Variante) sind indessen Institutionen vorhanden. Allerdings sind die se nur sehr schwach (Mischform) oder bestenfalls schwach (rein lockeanisch) aus geprägt und reflektieren stets das jeweils überragende nationale Interesse, dass je doch lediglich in der reinen Anarchie die Form von echter Feindschaft annimmt, während es in den beiden nachgelagerten Abstufungen zu einer Rivalität wird, wel che von starkem (Mischform) oder gemäßigtem (rein lockeanisch) Misstrauen (ab hängig von relativen oder absoluten Kooperationsgewinnen des Rivalen) charakte risiert wird. Auf der Ebene der Handlungslogik der Akteure zeigt sich jeweilige Strukturausprägung am vorherrschenden Prinzip des reinen Balancing im Bereich der reinen hobbesianischen Anarchie, sowie eines kaum (Mischform) beziehungs weise lediglich leicht beschränkten (reine Lockeanische Anarchie) Balancing. Eine deutliche Beschränkung der Balancing-Logik findet sich erst mit dem Übergang von der Monadenstruktur hin zu einer Strukturausprägung, welche sich am besten als internationale Gesellschaft bezeichnen lässt, weil bei ihr das feindlich rivalisierende Moment von einer zumindest dem Grundsatz nach freundschaftlich orientierten Prägung abgelöst wird. Vor einem echten freundschaftlichen Verhält nis zwischen Staaten existiert allerdings noch der Zustand einer Als-ob- Freundschaft, der charakteristisch ist für die Feinstruktur der de-facto beschränkten Anarchie und der Wendtschen Kultur der kantianischen Anarchie entspricht. Als Strukturtypus lässt sich diese Strukturausprägung somit als lose-pluralistische Si cherheitsgemeinschaft bezeichnen. Diese ist gekennzeichnet durch Staaten mit nicht oder nur minimal beschränkter Souveränität, weshalb die Zurechnung zur Anarchie noch gerechtfertigt ist, zugleich aber bestehen starke Institutionen, die ihrerseits jedoch nach wie vor eine instrumentelle Funktion für das jeweilige natio nale Interesse erfüllen. Bei diesen jedoch lässt sich jedoch eine ausgeprägte Über einstimmung feststellen, sodass sich ein institutionenbasiertes erkennbares kollekti ves Interesse ergibt. Dieses wird begleitet von einer Kongruenz bei den jeweiligen nationalen Identitäten. Allerdings sind gemeinsame Interessen und Identitäten prinzipiell fragil, auch besteht noch kein wirkliches Other-Help-System, auch wenn die reine Selbsthilfelogik bereits relativiert wurde. Durch die Strukturklassifikationen der beschränkten Anarchie der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft einerseits und der Negarchie, die ihre Aus drucksform der internationalen Republik findet, andererseits wird eine Übergangs strukturausprägung beschrieben, welche jenseits der anarchischen Ordnungsprinzi pien angesiedelt ist, aber noch keinen Zustand erreicht hat, der sich als hierarchisch charakterisieren ließe. Die Beschreibung als Trans-Anarchie gibt diesen Zustand treffend wieder. Dennoch lassen sich, wie erwähnt, zwei Subkategorien finden. Hierbei unterscheidet sich die internationale Republik von der eng verwobenen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft, welche beide durch eine Kongruenz an Interessen und Identitäten und einer nicht instrumentellen Form der Kooperation 179 gekennzeichnet sind, letztlich durch den Grad der institutionellen Verschmelzung. Während die enge pluralistische Sicherheitsgemeinschaft sich aus — trotz aller Nähe — souveränen Staaten zusammensetzt, die einander in echter Freundschaft verbun den sind, versteht sich die internationale Republik als sehr eng verwobene Konfö deration, bei der sich das Other-Help-System der beschränkten Anarchie in der Negarchie zu einem integrierten System weiterentwickelt darstellt. Für die Hand lungslogik hat dies zur Folge, dass aus einem stark begrenzten Balancing, das sich noch innerhalb von eng verwobenen Sicherheitsgemeinschaften findet, ein in inter ne konföderale Strukturen eingebettetes und kanalisiertes Konfliktmanagementsys tem besteht. Dieses ist auch Ausdruck der nicht mehr nur echten Freundschaft un ter Freunden, sondern bereits einer Freundschaft mit gleichsam familiären Charak ter und wechselseitigem Vertrauen. Mit dem Erreichen einer Hauptstruktur der Anarchie wird ein Zustand erreicht, der letztlich dem eines souveränen, eigenen Staates entspricht, im maximalen Fall somit einem Weltstaat. Doch auch hier erscheint es sinnvoll, einen tatsächlich voll konso lidierten (Einheits-)Staat im weberianischen Sinne, der tatsächlich als reine Hierar chie charakterisiert werden kann, vom Zustand einer gleichsam protohierarchischen de-facto Hierarchie zu differenzieren. Ein solcher Schritt nicht zu letzt auch sinnvoll, um den Zustand echter Staatlichkeit vom Zustand lediglich auf engste ausgeprägter internationaler Gemeinschaft zu unterscheiden. Eine de-facto Hierarchie lässt sich im Strukturtypus einer amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft erkennen. Die Beziehungen der Staaten untereinander sind von engster familiärer Freundschaft gekennzeichnet. Die Souveränität besteht noch, ist aber eher formal als real und auch in formeller Hinsicht gleichsam Makulatur. Somit findet bei bei den Unterformen keine Form des Balancing mehr statt und die Identitäten sind völlig verschmolzen. Formal lässt sich noch bei den Interessen differenzieren: Während es im echten Staat weberianischer Prägung (idealtypisch) qua definitionem nur ein nationales Interesse geben kann, sind die einzelnen nationalen Interes sen in der amalgamierten Sicherheitsgemeinschaft zwar gegeben, aber vollkommen identisch und damit de facto ebenfalls eins. Vor dem Hintergrund der jeweiligen Strukturcharakteristika lässt sich dann auch die Art und Weise des Friedensbegriffs bestimmen, der mit der jeweils spezifischen Strukturausprägung korreliert. So lässt sich unter den drei Strukturausprägungen der rein hobbesianischen, hobbesianisch-lockeanischen und rein lockeanischen Anarchiekultur Frieden aufgrund der dominierenden Logik der Anarchie nur als Abwesenheit von Krieg begreifen, während ab einem Integrationsgrad der engen pluralistischen Sicherheitsgemeinschaft, ab der auch eine nicht-instrumentelle Ko operation festgestellt werden kann, Friede als Ausdruck der gemeinsamen Identität zu verstehen ist und somit als positiver Friede gewertet werden kann. Die kantianische Anarchiekultur weist Elemente sowohl eines negativen als auch eines positi ven Friedens auf und lässt sich daher als dritte, gleichsam neutrale Form des Frie dens charakterisieren. 180 Haupt struktur Anarchie Trans-Anarchie Hierarchie Fein struktur Reine Anarchie Leicht gemäßigte Anarchie Stark ge mäßigte Anarchie De-Facto beschränk te Anarchie Be schränkte Anarchie Negarchie De-Facto Hierarchie Reine Hierarchie Strukturausprä- Sunff Internationale Monadenstruktur Internationale Gesellschaft Echte Staatlich keit Klassifi kation der Struktur Rein Hobbesianisch Gemischt Hobbesianisch- Lockeanisch Rein Lockeanisch Kantianisch Trans- Kantianisch Negarchisch Proto- Hierar chisch Weberianisch Struktur typus Nicht- Gemein schaft Temporä re Institu tionengemein schaft Dauerhafte Institutio nengemein schaft Lose plura listische Sicherheits gemein schaft Enge pluralisti sche Sicherheitsgemein schaft Internati onale Republik Amalgamierte Sicherheitsgemein schaft Hierar chisch geglieder ter (Natio nal-) Staat Charakter der Struk tur Reines Selbsthil fe-system Stark ausgepräg tes Selbst hilfe system Gemäßigtes Selbsthilfe system Gemischtes Self-Other- Help Sys tem Other Help System Integrier tes Sys tem Integrier tes System Einheits systemzentral staatlich oder föde ral Verhältnis zwischen den Staa ten im internati onalen System Feind schaft Stark Misstrau ensgeleitete Rivalität (relative Gewinne) Schwach Misstrauens-geleitete Rivalität (absolute Gewinne) Als ob Freund schaft Echte Freund schaft Familiäre Freund schaft Familiäre Freund schaft Familie Interes sen Rein national Rein nati onal Rein natio nal National und kollek tiv im Grundsatz überein stimmend National und kol lektiv kongru ent National und kol lektiv identisch National und kol lektiv identisch Keine Trennung von natio nal und kollektiv Identitä ten Keine Kongru enz Keine Kongru enz Keine Kongruenz Kongruenz Kongru enz Kongru enz Verschmel zung Verschmel zung Staatliche Akteure und Insti tutionen im inter nationa len Sys tem Nur Nationalstaaten mit unbeding ter Souve ränität National staaten mit unbe schränkter Souveräni tät, sehr schwache Institutio nen National staaten mit unbe schränkter Souveräni tät, schwa che Institu tionen National staaten mit unbe schränkter oder kaum beschränk ter Souve ränität, starke Institutio nen National staaten mit teils bis stark beschränk ter Sou veränität, starke Instituti onen Konföde ration von Na tionalstaaten De-Facto Souverä ner Staat Souveräner Staat Wesen der Koopera tion Instrumentell Lose Arrange ments Instrumentell Institutio nelle Ver zahnung Instrumentell Institutio nelle Ver zahnung Instrumentell Institutio nalisierte Identität Nicht instrumentell Nicht instrumentell Nicht instrumentell Nicht instrumentell Handlungslo gik Pures Balancing Kaum beschränk tes Balancing Leicht beschränk tes Balancing Deutlich beschränk tes Balancing Stark be schränktes Ba lancing Intern eingebet tetes Balancing Kein Balancing Kein Ba lancing Friedens art Negativ Neutral Positiv Abbildung12: Strukturausprägungen im Interpretativen Realismus 181 Insgesamt zeigt sich somit, dass die Systemstruktur einen wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise staatlichen Handelns hat. Jede spezifische Ausprägung verfügt über ihre eigene Kooperations- und Handlungslogik. Die Strukturseite internatio nalen Handelns bildet daher auch die eine zentrale Säule des interpretativen Rea lismus. Allerdings lässt sich, wie die Auseinandersetzung mit der Agent-Structure- Debatte im vorausgegangenen Kapitel gezeigt hat, die Strukturseite, auch wenn als per se unabhängig und dem Wesen nach materiell angenommen, in ihrer tatsächli chen Wirkung nicht ohne die Akteur-Seite verstehen. Diesen gilt es — angelehnt an die Erkenntnisse der Betrachtungen des Level-of-Analysis-Diskurses in Kapitel 3 — zu differenzieren und dahingehend zu untersuchen, wie der Akteur Staat (bezie hungsweise die ihn repräsentierenden Subakteure) zu spezifischen Wahrnehmun gen, Interpretationen und Rekonstruktionen der jeweiligen Systemstruktur kom men. Hierzu wird im nun folgenden Kapitel der Akteur Staat in verschiedene Ana lyseebenen beziehungsweise Analyseeinheiten unterteilt und deren jeweilige Funktions- und Handlungslogiken untersucht. 182

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Zusammenfassung

Die Theorielandschaft in den Internationalen Beziehungen ist zersplittert und von Grabenkämpfen einzelner Denkschulen geprägt. Nach jahrelanger Beschäftigung mit den bestehenden Paradigmen und Weltbildern des Fachs stellt Alexander Niedermeier nun einen Ansatz zur Analyse der internationalen Beziehungen vor, welcher die bisherigen paradigmatischen Grenzen durchbricht und so ein umfassenderes und präziseres Verständnis von Entscheidungen auf internationaler Ebene ermöglicht. In der Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemstellungen der Theorie der Internationalen Beziehungen, etwa der Frage nach der geeigneten Analyseebene, dem Verhältnis von Akteur und Struktur und der Rolle von Anarchie und Hierarchie im internationalen System, zeigt er auf, wie entscheidungstragende Individuen, politische Berater, Bürokratie und Öffentlichkeit interagieren und welche Rolle die unterschiedliche Wahrnehmung der anderen Akteure des internationalen Systems spielt.