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V. Das Titelblatt in:

Felix Pachlatko

Das Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach, page 155 - 168

Strukturen und innere Ordnung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3898-7, ISBN online: 978-3-8288-6701-7, https://doi.org/10.5771/9783828867017-155

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
DAS TITELBLATT V. Das Titelblatt Das Titelblatt und seine Sprachform Das Titelblatt zum O=B wurde gemäß Bachs Vermerk in Köthen geschrieben. Ob es vor oder nach den vergleichbaren Titelblättern zum Wohltemperirten Clavier 1 und den Inventionen geschrieben wurde, ist nicht feststellbar. Die Ähnlichkeit ist jedoch nicht zu übersehen. Auch dieses Titelblatt verdient aus verschiedenen Gründen eine genauere Untersuchung. Schon ein oberflächlicher Blick auf das Blatt offenbart verschiedene Eigentümlichkeiten. Das äußere Erscheinungsbild wirkt in der Anordnung von Titel, Zweck, Widmung und Autorschaft zwar klar und logisch, deren Asymmetrie im graphischen Aufbau ist aber im Vergleich zu den oben genannten, in zeitlicher Nachbarschaft entstandenen Titelblättern doch einmalig.281 Zwar ist der linke Rand der je drei Abschnitte, mit Ausnahme des Titels, schön in einer Linie geführt, jeweils aber schräg zum Seitenrand, von oben links nach unten rechts. Der rechte Rand hingegen hat Flattersatz. Dar- über hinaus ist eine diagonale Linie erkennbar vom ersten Buchstaben des Blattes, dem »O« des Titels, bis zum ersten Buchstaben der untersten Linie, dem »C« von Cotheniensis. Diese Eigentümlichkeiten wirken optisch gut und geben dem Blatt eine rhythmische Spannung. Bezüglich der Schrift fällt auf, dass Bach für die lateinischen Ausdrücke andere Buchstaben verwendet, als für die deutschen Wörter.282 Zum andern berührt die auch für ihre Entstehungszeit etwas altertümlich wirkende Sprache seltsam. Diesen Tatbestand zu deuten, ist wegen der sprachlichen Vielfalt in Ausdrucksweise und Orthographie der damaligen Zeit schwierig. Die Ansicht von Löhlein, dieses Titelbla tt ste he im Stil in de r Nähe der Tabulaturbücher von Ammerbach (1571/83), Schmid (1577) und bezüglich des Widmungsspruchs von Weißes Gesangbuch (1531), ist nicht zu bestreiten, angesichts des sehr großen zeitlichen Abstandes dieser Ausgaben von Bachs O=B und der inzwischen stark veränderten Sprache dennoch für eine Deutung von Bachs Ausdrucksweise wenig erhellend, auch wenn die antithetischen Wortpaare "Gott – Nechster" und "Ehren – Belehren" dort zweifellos als Topos nachweisbar sind.283 281 Siehe Abbildung der Titelblätter im Kapitel III.1 Entstehungsgeschichte, Datierung und Zweck. 282 Die Ausnahmen im Titel und in der Widmung werden weiter unten besprochen. 283 Siehe Löhlein B, S. 106 ff. 155 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der Widmungsspruch "Dem höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nechsten draus sich zu belehren" einer etwas gar handfesten Reimeschmiederei entspringt. Die heute eigenartig anmutende Schreibweise des mit einem doppelten Trennungszeichen verbundenen Titelwortes Orgel=Büchlein, war jedoch in jener Zeit üblich. Auch das Wort Pedal studio ist leicht getrennt geschrieben. Es mag sein, dass die Trennung optische Gründe hat, weil die Schlaufe eines darüber liegenden h in das Wort hineinreichen würde. Auffallend für eine Titelblattreinschrift ist auch die unschöne Korrektur im Wort allein des Widmungsreimes, das aus alleine korrigiert ist. Der Zusammenzug des Umlauts ae zu æ im Wort Capellæ in der drittletzten Zeile entspricht hingegen lateinischer Praxis.284 Laut Löhleins kritischem Bericht soll anstelle von Magistro Magistri stehen.285 Weshalb hier ein Genitiv an Stelle des korrekten Ablativus auctoris stehen soll, begründet Löhlein allerdings nicht. Er ist mit dieser Ansicht auch im gesamten bisherigen Schrifttum allein. Fatalerweise tradieren seine Nachfolger den Fehler ungeprüft weiter.286 Man kann ausschließen, dass Bach bei seinen vertieften Lateinkenntnissen ein solch elementarer Fehler unterlaufen ist.287 Bei der Darstellung des im Titelblatt versteckten Magischen Kubus weiter unten in diesem Kapitel wird sich zeigen, dass Magistri falsch ist und es richtigerweise Magistro heißen muss. Insgesamt macht das Ganze, trotz seiner optisch durchdachten Anordnung, in seiner etwas holperigen Art stutzig. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was Bach bewogen haben könnte, diese Sammlung mit einem in der sprachlichen Qualität insgesamt doch eher selt- 284 Im Latein in der antiken Großschrift üblich als Æ. Bach verwendet auch im Titelblatt zum WTC 1 im Wort Præludia dieses durchaus korrekte zusammenhängende æ. 285 Im Faksimile allerdings nicht genau feststellbar. Ich stütze mich hier auf die Untersuchungen des Autors des kritischen Berichts der NBA. Löhlein B, S. 20. Immerhin bemerkt Löhlein: recte Magistro. 286 Hiemke A, Anmerkung 10. Wolff C, S. 247 287 Seltsam mutet dagegen das Wort Autore an. Richtig müsste es Auctore heißen. Es existieren jedoch seit der Zeit des Humanismus verschiedene Varianten dieses Wortes: Auctor, Autor, Author und Aucthor. Beispiele aus Michael Stifels Arithmetica integra 1544 und Glareans Dodekachordon 1547. Die Wahl von Autore durch Bach lässt sich im unten dargestellten Zahlenkonstrukt erklären. Gregor Meyer war der erste Organist am Basler Münster nach der Reformation. 156 DAS TITELBLATT sam anmutenden Titelblatt zu krönen. Es muss vermutet werden, dass er Gründe hatte, dies in Kauf zu nehmen. Der Magische Kubus: ein Kosmos an Kombinatorik Tatsächlich ist dieses Titelblatt ein kleiner Kosmos an Kombinatorik. Es müssen Phänomene in drei unterschiedlichen Ebenen untersucht werden. Das bedeutendste und nicht spekulativer Deutung unterworfene Phänomen ist ein Zahlenkubus, gebildet aus den Valores der einzelnen Buchstaben, entsprechend dem Zahlenalphabet, das Bach im O=B durchweg verwendete.288 Das zweite Phänomen sind kleine Zahlenspielereien wie z. B. die Darstellung von Reihenzahlen und Zahlenpalindromen. Das dritte Phänomen betrifft die Zahlensymbolik, die grundsätzlich spekulativ, aber nicht aus dem Kontext lösbar ist und gerade deshalb hohe Wahrscheinlichkeit haben kann. Hier wird direkt ein möglicher Bezug zur Rosenkreuzerei sichtbar.289 Dennoch soll dieser Aspekt wegen seiner ausgeprägten Esoterik hier nicht zur Sprache kommen. Um Einblick in diesen Kosmos zu bekommen, wird das Titelblatt im Folgenden zunächst auf seine elementare Zahlenstruktur hin untersucht. 288 Die sog. cabbala simplicissima mit 24 Buchstaben. Siehe Fußnote 273. Thijs Kramer hat nachgewiesen, dass sich mit den Taktsummen des WTC 1 unzählige triviale Kuben bilden lassen. Die Voraussetzungen hier sind jedoch völlig anders. Siehe Kramer, S. 122 f. 289 Seit dem Nachweis durch Mary Greer von Bachs Nähe und möglicher Zugehörigkeit zur ersten Leipziger Freimaurerloge gewinnt die Vermutung über Bachs Nähe zur Rosenkreuzerei in seinen frühen Jahren an Gewicht. 157 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Wortsumme gemäß cabbala simplicissima Anzahl der Buchstaben gesamt / dt. /  lt. gesamt / dt. / lt. Quersumme 130 4 117 / 13 130Orgel=Büchlein13 13 10 / 3 321 6 321 / 0 92Worinne744einem569anfahenden10116Organisten10 32 32 / 0 297 18 297 /0    98Anleitung944gegeben751wird4,33auff471allerhand9 33 33 /0    328 13 274 / 54 45Arth445einen554Choral6170durchzuführen13,14an2- 30 24 / 6 305 8 165 / 140 30bey332auch438sich421im236Pedal584studio644zu220habi4- 30 15 / 15 282 12 199 / 83 83litiren7,43indem522in272solchen762darinne7 28 21 / 7 219 12 111 /   108 88befindlichen1272Choralen823das336Pedal5 28 15 /   13 287 17 115 /   172 64gantz563obligat7109tractiret951wird4. 25 9 / 16 315 9 310 / 5 21dem393höchsten859Gott450allein644zu248Ehren5, 28 27 / 1 313 7 313 /   0 21dem384Nechsten8,60draus538sich444zu266belehren8. 30 30 / 0 76 13 0 /76 76Autore6 6 0/6 132 6 0 / 132 55Joanne663Sebast6.14Bach4 16 0 / 16 183 12 0 / 183 15p.119t.152Capellæ797Magistro8 17 0 / 17 134 8 0 / 134 8S.115P.117R.184Anhaltini9 - 12 0 / 12 134 12 0 / 134 134Cotheniensis12.- 12 0 / 12 3456157 2222 / 1234 340 216 / 124 Textbeispiel V.1. Titelblatt mit der Anzahl der Buchstaben und den Wortsummen gemäß deutscher und lateinischer Schreibweise. Der Text enthält 216 (2x108) deutsche und 124 (4x31) lateinische Buchstaben. Auf 15 Zeilen stehen 58 (2x29) Wörter290 – die Abkürzungen als Wörter gezählt – mit insgesamt 340 Buchstaben.291 Die Gesamtzahl der Buchstaben, 340, 290 Die Wörter Orgel=Büchlein und Pedal studio sind je als ein Wort gezählt. Bei den Wörtern Pedal studio ist freilich nicht eindeutig ersichtlich, ob sie als ein zusammenhängendes Wort oder als zwei Wörter gedacht sind. Es ist möglich, dass der Grund für das getrennte Schreiben das tief in die untere Zeile reichende h des in der Zeile darüber stehenden Wortes durc h zuführen sein könnte. So wurde eine optische Kollision vermieden. 291 Eine ausführliche Deutung der Zahlen muss hier unterbleiben. Es sollen dennoch einige Parallelen und Verbindungen innerhalb des O=B aufgezeigt werden. Bedeutungsvoller ist aller- 158 DAS TITELBLATT kommt im O=B mehrfach prominent vor: Als 20-fache 17 wird ihre Bedeutung bei der Besprechung von BWV 632 ausführlich dargelegt werden.292 Im Exkurs Die Paginierung wird sie ein weiteres Mal gewichtig in Erscheinung treten. Die Verwendung zweier unterschiedlicher Schriftarten wirkt einleuchtend. Bach verwendet für die lateinischen Fremdwörter die lateinische Schrift und für die deutschen Wörter entsprechend die deutsche Schrift. Seltsamerweise ist er jedoch nicht ganz konsequent. Im Titelwort Orgel=Büchlein verwendet er 2 lateinische e's und ein c, desgleichen im Wort dem der ersten Widmungszeile ein lateinisches e, obwohl er beim selben Wort dem in der Zeile darunter durchgehend deutsche Buchstaben schreibt. In Anbetracht der Sorgfalt der Schreibweise stellt sich die Frage nach einer möglichen Absicht. Eine Antwort darauf scheint allerdings dadurch relativiert zu werden, dass Bach bei den 164 Titelschriften oft das lateinische e verwendet, manchmal gemischt mit der deutschen Version, und eine klare Absicht nicht erkennbar ist. Damit ist aber noch keineswegs erwiesen, dass keine Absicht dahintersteht. Wie oben schon erwähnt, setzt sich die Gesamtanzahl der Buchstaben des Titelblattes aus 340 Buchstaben zusammen, davon 124 (=4x31) lateinischen und 216 (=2x108=23x33) deutschen. Der Valor aller Buchstaben beträgt 3456, derjenige der lateinischen Buchstaben 1234, und derjenige der deutschen 2222. Diese drei Zahlen haben schon vom Zahlenbild her ein bemerkenswertes Aussehen, indem 1234 bzw. 3456 eine Zahlenfolge bilden und 2222 ein Palindrom aus identischen Zahlen ist. Übrigens ergibt die Division von 1234 mit 2222 die Zahl 0.555. Diese Zahlen sind Ergebnis einer hübschen arithmetischen Spielerei. Darüber hinaus sind sie aber auch noch Produkte von Zahlen, denen wir in dieser Arbeit schon mehrmals begegnet sind und die auch im Kontext des Titelblattes mehrmals auftreten. Es sind die Zahlen 101 und 108. 3456 = 25 x108 2222 = 22x101293 1234 = 2x617294 dings der anschließend dargestellte Magische Kubus. 292 Siehe unter Kapitel VI.3 Die Fibonacci-Folge BWV 632. 293 Joh. Sebast. Bach hat den Valor 108 und Jesus pro nobis crucifixus hat den Valor 101=70+31. 294 617 ist eine Primzahl. Die Zahl 22 in ihrer Bedeutung als Christuszahl wird im Kapitel VI.2 Die Reihe der Dreifaltigkeits- und Schöpfungschoräle besprochen. 159 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH In den vorangegangenen Kapiteln wurden verschiedene arithmetische Strukturen aufgezeigt und besprochen. Es ist deshalb geradezu auffallend, dass bezüglich des Titelblattes auf den ersten Blick kein Zahlenmaterial sichtbar wird, das auf Magische Figuren schließen ließe. In Anbetracht des bisher Erkannten drängt sich deshalb eine vertieftere Suche auf. Dabei zeigt sich, dass in unmittelbarer Nähe der beiden Zahlen 340 (=Anzahl der Buchstaben) und 3456 (=Buchstabensumme) die Kubuszahl 343 (=73, einzige Kubikzahl unter den Palindromen unter 1000) und die durch 72 teilbare Zahl 3479 (=7x7x71) liegen. Es fehlen also 3 Buchstaben mit dem Zahlwert 23. Tatsächlich sind auf dem Titelblatt, wenn auch versteckt, drei (beziehungsweise vier) weitere Buchstaben sichtbar. Drei Buchstaben sind in der Signierung zu finden: (Autore) Joanne Sebast. Bach p.t. Capellæ Magistro S.P.R. Anhaltini- Cotheniensis.- Facsimile V.1. Titelblatt, Details der Signierung. Es ist deutlich sichtbar, dass das p in p.(ro) t.(empore) aus einem V und einem gedrehten d zusammengesetzt ist und die Initiale B in Bach aus einem B und einem gedrehten J besteht. Ein weiterer Buchstabe ist im Widmungsspruch zu finden. Im Wort allein ist, wie oben schon erwähnt, ein e auf eine für ein Titelblatt etwas unschöne Weise wegkorrigiert: Facsimile V.2. Titelblatt, Details der Widmung. In den folgenden Bildern werden die genannten Buchstaben groß dargestellt, aus ihrer optischen Verbindung gelöst und teilweise gedreht. Das korrigierte n aus allein wird in seine ursprünglichen zwei Buchstaben n und e 160 DAS TITELBLATT zerlegt. So kommen vier neue Buchstaben hinzu, nämlich V, d, e und J. Das p wird entsprechend ersetzt durch die Buchstaben V und d. Die Buchstabensumme der versteckten Buchstaben ergibt folgende Zahl (p=15 wird dabei ersetzt und muss abgezogen werden): V d e J p + 20 + 4 + 5 + 9 - 15 Σ 23 Tabelle V.1. Titelblatt, versteckte Buchstaben und Alphabetsummen. Facsimile V.3. Details der versteckten Buchstaben im Titelblatt. Das Phänomen, dass zwei Buchstaben ineinander geschrieben sind, ist an einer weiteren Stelle im O=B zu finden. Auch hier sind ein J und ein B ineinander verwoben. Es handelt sich um eine Titelschrift eines nicht ausgeführten Vorspiels. Dieser Titel wurde mit größter Wahrscheinlichkeit vor der Niederschrift des Titelblattes geschrieben. Der Titel Nr. 105 auf Seite 121 lautet: Ach Gott erhör mein Seüffzen u. Weh'klagen. Im Autograph: 161 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Die ersten zwei Wörter sind auffallend: Ach Gott Das große G von Gott ist völlig anders geschrieben als alle andern großen G in den übrigen 71 Titelschriften des O=B, in denen große G vorkommen. Als Beispiel sei der Titel von Seite 2 angeführt: Gott durch deine güte oder Gottes Sohn ist komen. Das Wort Ach scheint mit dem Wort Gott verbunden zu sein. Der Auslauf der Unterlänge des Schluss-h reicht bis fast zu Gott und ist durch ein großes C durchbrochen, das an dieser Stelle keinen Sinn erkennen lässt, aber auch nicht als Schreibfehler interpretiert werden kann. Das große G ist graphisch kein G, sondern wird nur vom Leser im Kontext so gelesen. In Wirklichkeit setzt es sich aus einem großen J und einem gro- ßen B zusammen: Etwas komplizierter ist das Problem zwischen Ach und Gott: Betrachtet man die Situation um 90° gedreht, ergibt sich folgende Sicht: 162 DAS TITELBLATT und mit zusätzlicher horizontaler Spiegelung und leichter Rotation: Dieser Buchstabe gleicht stark dem großen S von Seüffzen: Die Beobachtungen zeigen, dass in den beiden Worten Ach und Gott die Initialen J. S. B. versteckt zu sein scheinen. Zusammen mit dem Wort Ach ergibt sich J.S.BAch. Es ist deshalb möglich, die folgenden beiden Varianten zu lesen: – J.S.Bach: Gott erhör mein Seüffzen und Weh'klagen oder – J.S.B.: Ach Gott erhör mein Seüffzen und Weh'klagen Was Bach veranlasst haben könnte, in diesem Titel seinen Namen zu verstecken, ist aus dem textlichen Kontext allenfalls deutbar: es sind seine Wehklagen und sein persönliches Seufzen, die er Gott entgegenbringt. Weshalb er dies an dieser Stelle tut, ist nicht ersichtlich. Immerhin zeigt aber diese Titelschrift, dass die Technik, Buchstaben zu verstecken, im Titelblatt keinen Einzelfall darstellt. Hingewiesen sei hier auch auf das Bach-Siegel, in dem das Prinzip der Spiegelung ebenfalls zur Anwendung kommt, oder auf Bachs Signierung seiner Calov-Bibel, in der zwar weder eine Ersetzung von Buchstaben durch andere zu beobachten ist noch eine Spiegelung. Die Buchstaben J, S und B sind aber so ineinander geschrieben, dass sie als einzelne Zeichen in gegenseitiger Abhängigkeit stehen und nur in ihrer Einheit lesbar sind. 163 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Bach-Siegel Signierung in der Calov-Bibel 1733 Facsimile V.4. Bach-Siegel und Signierung in der Calov-Bibel. Mit dem gesamten Zahlenmaterial des Titelblattes lässt sich ein Magischer Kubus von beachtlicher Qualität konstruieren. Zahlenbasis ist, wie dargestellt, die Anzahl der Buchstaben von 343. Dies ergibt einen Kubus (Würfel) mit je Dimension 7 Schnittflächen, die je von einem 7er-Quadrat gebildet werden, wobei die Summanden dem Zahlwert der einzelnen Buchstaben des Titelblattes entsprechen. Als "Rekonstruktion" ist bisher gelungen, Flächenkonstanz bei allen 27 Schnitten (21 Parallelschnitte und 6 Diagonalschnitte) zu erreichen. Darüber hinaus sind alle Horizontalschnitte reihenund spaltenkonstant, ebenso sind alle Kanten konstant. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Bach eine Anordnung mit höherem Perfektionsgrad fand, mit vollständiger Reihen- und Spaltenkonstanz inklusive aller Diagonalen. Denn erst dieses Ergebnis gewährt perfekte Dreidimensionalität. 164 DAS TITELBLATT Die Zahlenfakten sehen folgendermaßen aus: Summandenzahl 343 = 7x7x7 Gesamtsumme 3479 = 7x7x71 aus 3456+23295 Flächenkonstante 497 Zeilen- und Spaltenkonstante 71 In der folgenden Darstellung sind nur die 7 Horizontalschnitte U1–7 und die 6 Diagonalschnitte angeführt. Weil die Horizontalschnitte reihen- und spaltenkonstant sind, sind mit Ausnahme der vertikalen Diagonalschnitte sämtliche Vertikalschnitte zwingend flächenkonstant, ebenso die horizontalen Diagonalschnitte. Die vertikalen Diagonalschnitte mussten hingegen zusätzlich konstruiert werden. Sie sind in unserem Falle spalten- und damit auch flächenkonstant. Nord West Ost Süd Abbildung V.1. Schematische Darstellung der Flächenanordnung des Magischen Kubus im Titelblatt des O=B. 295 Die 340 direkt sichtbaren Buchstaben ergeben die Zahlensumme von 3456. Zusammen mit den versteckten vier und dem einen zu ersetzenden Buchstaben ergibt sich die Gesamtsumme von 3479. 165 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Tabelle V.2. Die Titelblattvalores gemäß cabbala simplicissima. 166 O 14 O 14 a 1 a 1 h 8 b 2 t 19 E 5 A 1 M 12 r 17 r 17 l 11 n 13 a 1 e 5 r 17 h 8 u 20 a 1 g 7 g 7 l 11 b 2 b 2 f 6 a 1 r 17 t 19 g 7 e 5 a 1 e 5 e 5 i 9 i 9 c 3 e 5 o 14 i 9 l 11 n 13 r 17 y 23 l 11 n 13 t 19 n 13 r 17 s 18 B 2 i 9 h 8 i 9 d 4 i 9 e 5 t 19 ue 25 s 18 a 1 a 1 t 19 l 11 r 17 d 4 r 17 c 3 t 19 n 13 u 20 i 9 i 9 e 5 e 5 o 14 h 8 e 5 d 4 c 3 r 17 c 3 t 19 m 12 J 9 l 11 n 13 h 8 e 5 h 8 o 14 S 18 e 5 A 1 n 13 e 5 w 21 N 13 a 1 i 9 A 1 r 17 s 18 n 13 i 9 e 5 n 13 P 15 n 13 n 13 t 19 i 9 i 9 r 17 c 3 n 13 l 11 h 8 c 3 n 13 C 3 d 4 h 8 e 5 R 17 W 21 e 5 h 8 d 4 h 8 s 18 o 14 i 9 e 5 e 5 o 14 D 4 t 19 S 18 A 1 r 17 t 19 i 9 i 9 m 12 r 17 e 5 e 5 e 5 n 13 i 9 u 20 n 13 m 12 a 1 m 12 n 13 b 2 h 8 n 13 n 13 e 5 i 9 l 11 a 1 a 1 n 13 g 7 n 13 P 15 n 13 e 5 H 8 d 4 s 18 l 11 e 5 e 5 n 13 oe 19 r 17 t 19 t 19 g 7 C 3 d 4 s 18 c 3 a 1 i 9 e 5 e 5 h 8 a 1 o 14 d 4 h 8 u 20 B 2 n 13 i 9 g 7 o 14 l 11 l 11 a 1 s 18 s 18 a 1 i 9 n 13 e 5 r 17 c 3 s 18 t 19 c 3 e 5 b 2 a 1 s 18 h 8 e 5 s 18 h 8 C 3 m 12 e 5 l 11 t 19 e 5 P 15 n 13 i 9 o 14 n 13 u 20 n 13 e 5 c 3 p 15 t 19 a 1 d 4 d 4 d 4 G 7 h 8 h 8 n 13 w 21 u 20 i 9 d 4 a 1 o 14 t 19 e 5 f 6 i 9 r 17 o 14 a 1 l 11 t 19 z 24 n 13 a 1 r 17 c 3 r 17 t 19 u 20 C 3 i 9 h 8 d 4 h 8 z 24 i 9 g 7 a 1 e 5 e 5 z 24 u 20 n 13 a 1 a 1 b 2 p 15 n 13 n 13 a 1 u 20 n 13 n 13 l 11 e 5 e 5 s 18 d 4 u 20 f 6 e 5 t 19 l 11 l 11 l 11 i 9 e 5 f 6 ue 25 z 24 e 5 e 5 l 11 s 18 n 13 f 6 h 8 i 9 h 8 æ 6 r 17 o 14 n 13 r 17 v+d e 5 b 2 e 5 -p -15 n 13 l 11 z 24 n 13 e 5 i 9 u 20 J 9 g 7 Total a 1 t 19 20+4 3479 DAS TITELBLATT Tabelle V.3. Titelblatt-Kubus, gebildet aus den Valores sämtlicher Buchstaben des Titelblattes mit zusätzlichen Buchstaben (+v / +d / +e / +j) und Korrektur (-p). Wie diese Darlegungen zeigen, ist auch das Titelblatt ein kompliziertes Konstrukt. Es versteht sich, dass dessen Planung und Ausführung etliche Zeit in Anspruch nahm, wieviel, wissen wir nicht. Wann das Titelblatt in der Köthener Zeit geschrieben wurde, ist nicht feststellbar, da eine Jahreszahl fehlt. Möglich wäre eine "Komposition" des Blattes im Zusammenhang mit den Titelblättern zum Wohltemperirten Clavier und der Auffrichtigen Anleitung (Inventionen). Immerhin ist ersichtlich, dass das Titelblatt eine Reinschrift ist. Auch wird deutlich, dass Christoph Wolffs Ansicht, Bach habe das Titelblatt 167 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH zum O=B, wie die Reinschriften des Wohltemperirten Claviers und der Auffrichtigen Anleitung (Inventionen), in relativer Eile im Hinblick auf die sich er- öffnende Bewerbung als Kantor in Leipzig geschrieben, gewissermaßen als Nachweis seiner pädagogischen Bemühungen und Fähigkeiten, nicht mehr haltbar ist.296 Die dargestellten komplizierten kombinatorischen Konstrukte entziehen sich einer direkten Sicht. Sie offenbaren sich nur demjenigen Suchenden, der in solche Dinge "eingeweiht" ist. Dennoch handelt es sich um nachprüfbare Puzzles mit Zahlen. 296 Wolff B, S. 247. 168

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Zusammenfassung

Bachs ‚Orgelbüchlein‘ (O=B) galt bislang als musikalischer Torso. Lediglich 46 von den insgesamt 164 im Autograph eingetragenen Choraltiteln wurden auch komponiert. Felix Pachlatko liefert anhand neu entdeckter arithmetischer Strukturen im Werk den Nachweis, dass das O=B nicht nur als in seiner vorliegenden Form geplant, sondern auch als vollendet betrachtet werden muss. Dabei ist die Art und Weise, wie Bach das O=B strukturierte, nicht neuartig. Die Grundlagen dieser Verbindung von Musik und Mathematik liegen im pythagoreischen Denken begründet. Beispiele hierzu lassen sich in der Musik von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis hin zu Bachs unmittelbaren Vorgängern finden. Neben ganzzahligen Verhältnissen und Goldenen Schnitten werden im O=B erstmals auch Magische Quadrate und ein Magischer Kubus nachgewiesen. Das anspruchsvollste Konstrukt dürfte jedoch ein äußerst genauer Goldener Schnitt sein, der die gesamte komponierte Anlage betrifft und der mit der Mitte der Cantica pro tempore zusammenfällt.