Content

Einleitung in:

Felix Pachlatko

Das Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach, page 13 - 46

Strukturen und innere Ordnung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3898-7, ISBN online: 978-3-8288-6701-7, https://doi.org/10.5771/9783828867017-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
TEIL I GESCHICHTLICHER HINTERGRUND UND KONTEXT EINLEITUNG Einleitung Kaum ein anderes Werk der Orgelliteratur hat bei den Organisten eine derart verbreitete und vertiefte Rezeption erfahren, wie das Orgel=Büchlein (O=B) von Johann Sebastian Bach. Die 46 Choralvorspiele begleiten die meisten Organisten mehr oder weniger tief eingreifend in Ausbildung und beruflichem Alltag. Die Publikationen über dieses Werk sind so zahlreich, dass ein eingehender Überblick darüber schwierig zu erlangen ist.1 Dazu kommen noch die unpublizierten Erkenntnisse, die oftmals nur im Unterricht weitergegeben werden. Es ist deshalb kaum möglich, das vorhandene Wissen kompendiarisch zu vereinen. Nahezu alle bisherigen Publikationen gehen von der festen Annahme aus, dass das O=B ein Torso sei. In der Tat sprechen zahlreiche äußere Gründe dafür.2 Von diesen ausgehend wurde der ganze Fragenkomplex von zahlreichen Forschern näher untersucht. Dennoch tragen viele der Forschungsergebnisse schon deshalb spekulative Züge, weil sich an Stelle von gesichertem Wissen Vermutungen an Vermutungen reihen, die, wenn man das Fragengebiet nicht verlässt, oft hohe Plausibilität haben. Jedoch bleiben die meisten dieser Forschungsarbeiten einer Methodik verhaftet, die sich hauptsächlich mit materiellen Gegebenheiten beschäftigt. Papieruntersuchungen, Schriftvergleiche, Datierungsversuche mittels Quervergleichen, Untersuchung von Kopien, Beizug von zeitgenössischer Sekundärliteratur und so weiter sind sicher ein möglicher Weg, Antworten zu finden.3 Weniger dagegen wurde bisher versucht, die Strukturen des überlieferten Werkes selber zu analysieren, um dadurch Hinweise auf mögliche Ordnungskonzepte und Planungsvorgaben zu erhalten.4 Zu stark stand die Überzeugung im Vordergrund, dass das O=B äußerer Gründe wegen liegengeblieben sei, als dass man der Frage nachgegangen wäre, ob die überlieferten Choräle einerseits eine innere Beziehung zueinander haben könnten und 1 In der Bibliographie der vorliegenden Arbeit werden die wichtigsten Arbeiten der letzten 50 Jahre aufgelistet. 2 Ausführlich dargelegt bei Löhlein B. 3 Auch Untersuchungen über Stilentwicklungen innerhalb des O=B, wie sie etwa von Wolff, Stinson und Zehnder vorliegen, können die Torsofrage nicht lösen helfen. 4 Unter den publizierten Werken findet sich meines Wissens nur eine Arbeit, die das O=B auf Ordnungskriterien hin untersucht. Siehe Kaufmann, S. 33–43. Teilweise später aufgenommen von Hiemke B. 15 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH andererseits Metastrukturen nachweisbar wären, die andere Absichten Bachs aufzeigen würden. Könnten aber solche inneren Beziehungen und bisher nicht sichtbar gemachte Strukturen nachgewiesen werden, wäre man einer Antwort auf die Planungs- und Vollendungsfrage ein großes Stück näher. Zu untersuchen wären demnach drei mögliche Fragestellungen: – Hat Bach ein scheinbar unvollendetes Konzept in ein neues, nicht unmittelbar sichtbares Konzept überführt, das er als vollendet betrachtete? – Hat Bach zwei Konzepte gleichzeitig verfolgt mit einer kleinen und einer großen Variante? – Hat Bach nur ein Konzept verfolgt und dieses auch vollendet? Mit dem Nachweis einer dieser drei Varianten wäre zudem eine Antwort auf die Frage gefunden, weshalb Bach in späteren Jahren nicht weiter am O=B gearbeitet hat.5 Im Folgenden werden verschiedene Ordnungsaspekte dargestellt, die den Schluss zulassen, dass Bach das O=B von Anfang an in der Form geplant hat, wie es überliefert ist, und dass er es als vollendet betrachtet hat. Ob Bach ursprünglich dennoch andere Pläne hatte, wissen wir nicht. An Hand des vorliegenden Materials kommt man jedoch zur Einsicht, dass Bach ein einmal geplantes Konzept konsequent durchführte.6 Dabei begegnen wir einem Konstrukt, dessen Elemente wie die Räder einer Uhr ineinandergreifen. Die Vermutung, dass das O=B vollendet sein könnte, ist nicht neu. Meine beiden Lehrer Eduard Müller in Basel und Anton Heiller in Wien haben diese Frage schon aufgeworfen. Eduard Müller äußerte schon vor fünfzig Jahren die Vermutung und lieferte Hinweise, dass das O=B vollendet sein könnte. Etwas vorsichtiger beurteilte Anton Heiller diese Frage. Die beiden großen Bachkenner und -interpreten haben diesbezüglich nichts publiziert, sondern gaben ihre Kenntnisse nur mündlich an die Schüler weiter. In den letzten Jahren haben jedoch einige bedeutende Publikationen neue Wege in der Bachforschung gewiesen und neue Erkenntnisse er- 5 Die Frage nach den möglicherweise zeitlich nach der Niederschrift des Titelblattes eingetragenen Chorälen muss hier zunächst ausgeklammert bleiben. In der Schlussbetrachtung wird darauf eingegangen. 6 Spätere Zyklen, wie die 'Leipziger Handschrift' oder Kunst der Fuge, lassen hingegen eher den Schluss zu, dass Bach bis zum Ende seines Lebens noch konzeptionelle Ver- änderungen vorgenommen hat. 16 EINLEITUNG möglicht.7 Diese sollen im Folgenden genutzt werden, um Ordnungskriterien innerhalb der komponierten Choräle des O=B aufzuzeigen. Wenn von Ordnung und Ordnen die Rede ist, kommen zwangsläufig Zahlen ins Spiel. Dies gilt unabhängig von den Inhalten und Prinzipien möglicher Ordnungskonzepte. Die Zahlen und damit die Disziplin, die sich mit ihnen beschäftigt, die Mathematik, dienen als Mittel, um Ordnungen herzustellen oder sichtbar zu machen und gegebenenfalls zu erklären.8 Bestehen Ordnungsstrukturen lediglich aus einem Aufzählen oder Aneinanderreihen, so handelt es sich um einfachste Mathematik, die unter Umständen wenig Aussagekraft hat bezüglich des Inhaltes des geordneten Materials. Kommen jedoch kompliziertere mathematische Ordnungskonzepte vor, stellen sich Fragen nach der Absicht. Im O=B sind solche komplizierteren mathematischen Strukturen nachweisbar. Deshalb soll versucht werden, das Verhältnis Bachs zur Mathematik zu klären. Da Bach in einer langen Tradition stand und bei weitem nicht der erste war, der seiner Musik anspruchsvolle arithmetische Strukturen gab, muss vorgängig diese Tradition kurz dargestellt werden. Neben verschiedenen mathematischen Strukturen werden in dieser Arbeit auch Zahlen aufgezeigt, die in der Zahlenallegorese von Bedeutung sind. Auf die Problematik der Deutung solcher Zahlen wird im I. Kapitel eingegangen. Nicht nur bei Bach waren Zahlensymbolik, Wortrechnung und Mathematik untrennbar miteinander verbunden. Selbst bei großen Mathematikern bildeten diese in der Zeit vor der Aufklärung noch eine selbstverständliche Einheit. Als Beispiele seien hier Michael Stifel, Paracelsus, Galileo Galilei und Johannes Kepler angeführt.9 Die im O=B gedeuteten Zahlensymbole dienen jedoch nur der Verdeutlichung von angelegten Strukturen. Sie spielen in der Beweisführung der Vollendungsthese keine Rolle. Dazu dienen allein die aufgezeigten mathematischen Strukturen. 7 Siehe Kramer und Clement A, C und D. 8 Siehe Sapientia Salomonis 11,21: Sed omnia mensura et numero et pondere disposuisti. 9 Bezüglich Stifel und Paracelsus siehe Appendix IV Ergänzende Texte und Bilder. Johannes Kepler war persönlicher Astrologe von General Wallenstein und Hofastrologe von Kaiser Rudolf II. Auch Galileo Galilei hat Horoskope erstellt. Von ihm sind 25 Horoskopzeichnungen überliefert. Auch Leibniz und Newton hatten eine Affinität zur Mystik. Newton glaubte daran, den Stein der Weisen finden zu können. 17 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Die vorliegende Arbeit gliedert sich in folgende Kapitel: – Kapitel I widmet sich verschiedenen Erscheinungsformen der Zahl als Trägerin von Strukturen und Bedeutungen in der Musik vor J.S. Bach. – Kapitel II zeigt solche Erscheinungsformen in verschiedenen Orgelwerken von J.S. Bach. – Kapitel III legt den bisherigen Forschungsstand am O=B dar, soweit er für die nachfolgende Arbeit von Belang ist. – Kapitel IV zeigt Magische Quadrate, deren Zahlen aus verschiedenen Ordnungsstrukturen im O=B gewonnen werden. – Kapitel V erläutert Fragen um das Titelblatt. Hier wird ein Kosmos an Kombinatorik aufgezeigt. – Kapitel VI stellt verschiedene Choralreihen innerhalb des O=B dar. – Kapitel VII erörtert Fragen um die Darstellung einer Mitte und zeigt mehrere Goldene Schnitte im O=B. – Kapitel VIII widmet sich den Fragen der Rastrierung des O=B. – Die Schlussbetrachtung setzt sich mit den Konsequenzen auseinander, welche die in den vorhergehenden Kapiteln dargestellten Sachverhalte haben. Ordnungsstrukturen können von ganz verschiedenen Voraussetzungen ausgehen. Als Grundlagen sind zum Beispiel rein mathematische Gliederungen mit Hilfe von rationalen und irrationalen Zahlen möglich. Das nachfolgende Kapitel zeigt und erklärt Beispiele solcher Strukturen in Musikwerken vor J.S. Bach. Denkbar sind aber auch liturgisch-theologische Kriterien als Ausgangspunkt für eine strukturelle Gliederung. Solche Strukturen lassen sich z. B. im Kontext des O=B aus Bestimmung und Funktion von Chorälen ableiten, die ihnen durch die Textdichtungen gegeben sind. Dazu treten verstärkend und oft verdeutlichend, manchmal aber auch in eigenständiger Form, zahlensymbolische und gematrische Aspekte sowie mathematisch-kombinatorische Phänomene. Verschiedene der beschriebenen Strukturen sind sichtund teilweise auch hörbar. Andere Strukturen, wie Gliederungen mit Hilfe von irrationalen Zahlen, dazu zählen in erster Linie Goldene Schnitte, oder Konstrukte wie Magische Quadrate, sind nicht hörbar und auch, wie die vorliegende Arbeit zeigt, nicht leicht sichtbar zu machen. Weitere Strukturen sind in der Rastrierung und der Paginierung erkennbar. Hier handelt es sich um rein numerische Phänomene, die nicht hörbar sind und nur mittels Zäh- 18 EINLEITUNG len sichtbar werden. Neben den Goldenen Schnitten zeigen die Magischen Quadrate die komplexesten mathematischen Strukturen, wobei deren Konstruktion nicht eigentlich eine mathematische Aufgabenstellungen ist, sondern eine kombinatorische. Diese sind deshalb nicht in mathematischem Sinne schwierig, sondern eher knifflige Puzzleaufgaben. Die Anleitungen zur Konstruktion von Magischen Quadraten in den Rechenbüchern von Adam Ries und Michael Stifel zeigen jedoch, dass die Kombinatorik durchaus als Teil der Mathematik verstanden wurde. Dies gilt auch heute weitgehend noch.10 Facsimile 1. Adam Ries, Rechenbůchlin 1578 (1518), S. 71. Anleitung zur Konstruktion je eines 3er- und 4er-Quadrates. Adam Ries übernimmt beim 4er- Quadrat, wie später Paracelsus, die Lösung von Dürer, siehe Kapitel IV Die Magischen Quadrate. 10 Eine moderne Definition der Kombinatorik von George Pólya bezeichnet diese als Untersuchung des Abzählens, der Existenz und Konstruktion von Konfigurationen. Siehe Pólya, Vorwort. 19 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Facsimile 2. Michael Stifel, Arithmetica integra 1544, Liber I, Cap. III, S. 24 ff. Anleitung zur Konstruktion eines 9er-Quadrates. In Kapitel IV werden mehrere solche Magischen Quadrate im O=B dargestellt, deren Zahlenmaterial z. B. aus den Taktsummen der einzelnen Choräle, ihren Positionen in der Gesamtanlage sowie den Seitenzahlen, wo sie niedergeschrieben sind, gewonnen werden. Zwei weitere Magische Quadrate werden aus den Zahlwerten der Initialen gebildet.11 Als anspruchsvollste Konstruktion dieser Art wird in Kapitel V ein Magischer Kubus dargestellt, dessen Zahlen gematrisch aus sämtlichen Buchstaben des Titelblattes gewonnen werden. Das Kapitel VII stellt verschiedene Konstruktionen einer arithmetischen Mitte dar. Eine mathematisch etwas anspruchsvollere Aufgabe ist die Konstruktion verschiedener Goldener Schnitte. Diese können nur errechnet werden und sind nur in Einzelfällen hör- und sichtbar. Einige Beispiele werden ebenfalls im Kapitel VII gezeigt. In Kapitel VI werden u. a. Ordnungsstrukturen dargestellt, die teilweise hör- und sichtbar sind. Es lassen sich Reihen unter der Thematik Choräle pro- und omni tempore, sowie unter Dreifaltigkeit und irdische Kreatur zeigen. Nicht oder nur beschränkt hör- 11 Der Zahlwert wird durch das Zahlenalphabet der cabbala simplicissima ermittelt. Dieser Begriff findet sich erstmals bei Henning, S. 46 f. 20 EINLEITUNG bar sind Aspekte der Fibonacci-Folge und der 8er-Reihe (Neuanfang in Christus). Zum Schluss werden im Exkurs auch noch Strukturen gezeigt, deren Phänomene sich einer Betrachtung aufdrängen, die aber wegen ihres zwangsläufig spekulativen Charakters nicht argumentativ verwendet werden können. Ordnungsaspekte in der Musik: eine Übersicht "a)llaÜ pa/nta me¿tr% kai¿ a)riqm%½ kai¿ staqm%½ die¿tacaj" (Sofi¿a Salwmw½noj, Septuaginta 11,20) "sed omnia mensura et numero et pondere disposuisti" (Liber sapientiae, Vulgata 11,21) "Aber du hast alles geordnet […] mit Maß / Zahl und Gewicht" (Weisheit Salomonis, Calov-Bibel 11,22) Facsimile 3. Calov-Bibel, Wittenberg 1682. Kleine Propheten, Spalte 804. Der Verfasser dieses im Originaltext griechisch geschriebenen, apokryphen Buches des Alten Testamentes war ein um 50 v. Chr. in der ägyptischen Diaspora lebender, griechisch sprechender und hellenistisch geprägter Jude.12 Sein Buch der Weisheit ist unübersehbar beeinflusst von der Geisteswelt der griechischen Philosophie. Dies wird deutlich im oben zitierten Spruch, in dem die pythagoreische Vorstellung zum Ausdruck kommt, dass die Zahl Grundlage des für den Menschen erkennbaren und denkbaren Kosmos sei. Die deutlichen Bezüge zur griechischen Philosophie mögen mit ein Grund sein, dass das Buch der Weisheit zwar in den christlichen Kanon aufgenommen wurde, nicht aber in den jüdischen. Der Spruch weist auf die Lehre von Pythagoras (um 570 – um 510 v. Chr.) und seiner Nachfolger hin. Schon in der Antike, bei Aristoteles etwa, wurde Pythagoras als Vater der Mathematik bezeichnet. Mit seinen Forschungen am Monochord, insbesondere seiner Darstellung der Intervalle als ganzzahliger Verhältnisse, war er auch der Begründer der Musiktheorie des Abendlandes. Auf ihn ist das bis in die frühe Neuzeit gültige Verständ- 12 Siehe Hübner. 21 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH nis der Musik als mathematische Disziplin zurückzuführen. Der nachfolgende Text zeigt die Wertschätzung durch Aristoteles, aber auch seine Ablehnung des Anspruchs der Pythagoreer, dass die Zahlen die Grundlagen allen Verständnisses seien.13 Unter diesen nun und noch vor ihnen haben die Pythagoreer, wie man sie nennt, sich mit dem Studium der Mathematik beschäftigt und zunächst diese gefördert; in dieser heimisch geworden, haben sie sodann die Prinzipien derselben zu Prinzipien des Seienden überhaupt machen zu dürfen geglaubt. Da nun unter den Prinzipien der Mathematik der Natur der Sache nach in erster Linie die Zahlen stehen, so glaubten sie in den Zahlen mancherlei Gleichnisse für das, was ist und was geschieht, zu finden, und zwar hier eher als in Feuer, Erde oder Wasser. So bedeutete ihnen eine Zahl mit bestimmten Eigenschaften die Gerechtigkeit, eine andere Seele und Vernunft, wieder eine andere den rechten Augenblick, und so fand sich eigentlich für alles ein Gleichnis in einer Zahl. Da sie nun auch darauf aufmerksam wurden, dass die Verhältnisse und Gesetze der musikalischen Harmonie sich in Zahlen darstellen lassen, und da auch alle anderen Erscheinungen eine natürliche Verwandtschaft mit den Zahlen zeigten, die Zahlen aber das erste in der gesamten Natur sind, so kamen sie zu der Vorstellung, die Elemente der Zahlen seien die Elemente alles Seienden und das gesamte Weltall sei eine Harmonie und eine Zahl.14 Obwohl die Auseinandersetzung mit dem Denken des Aristoteles etwa vom Zeitalter der Scholastik an entscheidend war für die Entwicklung der Naturforschung und damit der Naturwissenschaften, war der Primat der Mathematik in der Wissenschaft zu keinem Zeitpunkt angefochten. Hier konnten die Ansichten des Aristoteles das pythagoreische Denken nicht ernsthaft verdrängen. Im lateinisch sprechenden Abendland war der spätrömische Philosoph Boethius (um 484 – um 528 n. Chr.) der bedeutendste Überlieferer und Verfechter der pythagoreischen Lehre.15 Seine Übersetzungen griechischer Texte 13 Aristoteles, Metaphysik I 985b 23 ff. 14 Entstanden zwischen 348 und 322 v. Chr. Erstdruck: Venedig 1498. (Der Text folgt der Übersetzung durch Adolf Lasson von 1907). 15 Siehe Boethius de institutione musica 1, 10 und 11. Eine ausführliche Einordnung und Beurteilung dieser Schrift bei Heilmann. 22 EINLEITUNG in die lateinische Sprache und darüber hinaus deren Einarbeitung in eigene Werke waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass griechisches Gedankengut dem nur noch lateinisch verstehenden Mittelalter nicht verloren ging.16 Boethius war für lange Zeit eine wichtige Quelle für griechische philosophische Texte. In seinen beiden Büchern de institutione arithmetica und den fünf Büchern de institutione musica fasste er die pythagoreische Mathematik und Musiktheorie zusammen. Nachhaltig beeinflusst wurde Boethius aber auch von den Schriften des Claudius Ptolemaeus (um 100 – um 160 n. Chr.) Boethius unterscheidet zwischen den drei Musikarten musica mundana, musica humana und musica instrumentalis. Unter der musica instrumentalis versteht er die mit Instrumenten erzeugte Musik, unter der musica humana die Harmonie von Körper und Seele des Menschen und unter musica mundana die Sphärenmusik, die von den Himmelskörpern erzeugt wird. Diese Darstellung ist im folgenden Text zu finden: I.II. Tres esse musicas; in quo de vi musicae Principio igitur de musica disserenti illud interim dicendum videtur, quot musicae genera ab eius studiosis conprehensa esse noverimus. Sunt autem tria. Et prima quidem mundana est, secunda vero humana, tertia, quae in quibusdam constituta est instrumentis, ut in cithara vel tibiis ceterisque, quae cantilenae famulantur. Et primum ea, quae est mundana, in his maxime perspicienda est, quae in ipso caelo vel compage elementorum vel temporum varietate visuntur. Qui enim fieri potest, ut tam velox caeli machina tacito silentique cursu moveatur? Etsi ad nostras aures sonus ille non pervenit, quod multis fieri de causis necesse est, non poterit tamen motus tam velocissimus ita magnorum corporum nullos omnino sonos ciere, cum praesertim tanta sint stellarum cursus coaptatione coniuncti, ut nihil aeque compaginatum, nihil ita commissum possit intellegi. Namque alii excelsiores alii inferiores feruntur, atque ita omnes aequali incitatione volvuntur, ut per dispares inaequalitates ratus cursuum ordo ducatur. Unde non potest ab hac caelesti vertigine ratus ordo modulationis absistere. Iam vero quattuor elementorum diversitates contrariasque potentias nisi quaedam armonia coniungeret, qui fieri posset, ut in unum corpus ac machinam convenirent? Sed haec omnis diversitas ita et temporum varietatem parit et fructuum, ut tamen unum anni corpus efficiat. Unde si quid horum, quae tantam varietatem rebus ministrant, animo et cogitatione decerpas, cuncta pereant nec ut 16 Dies gilt in erster Linie für den Einflussbereich der römischen Kirche. 23 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH ita dicam quicquam consonum servent. Et sicut in gravibus chordis is vocis est modus, ut non ad taciturnitatem gravitas usque descendat, atque in acutis ille custoditur acuminis modus, ne nervi nimium tensi vocis tenuitate rumpantur, sed totum sibi sit consentaneum atque conveniens: ita etiam in mundi musica pervidemus nihil ita esse nimium posse, ut alterum propria nimietate dissolvat. Verum quicquid illud est, aut suos affert fructus aut aliis auxiliatur ut afferant. Nam quod constringit hiems, ver laxat, torret aestas, maturat autumnus, temporaque vicissim vel ipsa suos afferunt fructus vel aliis ut afferant subministrant; de quibus posterius studiosius disputandum est. Humanam vero musicam quisquis in sese ipsum descendit intellegit. Quid est enim quod illam incorpoream rationis vivacitatem corpori misceat, nisi quaedam coaptatio et veluti gravium leviumque vocum quasi unam consonantiam efficiens temperatio? Quid est aliud quod ipsius inter se partes animae coniungat, quae, ut Aristoteli placet, ex rationabili inrationabilique coniuncta est? Quid vero, quod corporis elementa permiscet, aut partes sibimet rata coaptatione contineat? Sed de hac quoque posterius dicam. Tertia est musica, quae in quibusdam consistere dicitur instrumentis. Haec vero administratur aut intentione ut nervis, aut spiritu ut tibiis, vel his, quae ad aquam moventur, aut percussione quadam, ut in his, quae in concava quaedam aerea feriuntur, atque inde diversi efficiuntur soni. De hac igitur instrumentorum musica primo hoc opere disputandum videtur. Sed proemii satis est. Nunc de ipsis musicae elementis est disserendum.17 [I.II. Es gibt drei Arten von Musik. Über die Bedeutung der Musik. Vor allen Dingen, glaube ich, muss der, welcher über die Musik eine Abhandlung schreibt, erwähnen, wie viele Gattungen der Musik von denen, welche diese Kunst zu ihrem Studium gemacht haben, zusammengefasst worden sind, soweit dieselben zu unserer Kenntnis gelangten. Es gibt nämlich drei Arten von Musik; und zwar ist die erste die Musik des Weltalls (musica mundana), die zweite aber die menschliche (musica humana), die dritte aber die, welche auf gewissen Instrumenten (musica instrumentalis) ausgeübt wird, z. B. auf der Kithara oder auf der Tibia, kurz auf allen Instrumenten, auf denen man eine Melodie spielen kann. Zuerst nun kann man die Musik des Weltalls an den Dingen am besten er- 17 Anicius Manlius Severinus Boethius, de Institutione musica, liber primus, Cap. 2: Tres esse musicas; in quo de vi musicae. Nachfolgende Übersetzung von Oscar Paul, Leipzig 1872. 24 EINLEITUNG kennen, welche man am Himmel selbst oder in der Zusammenfügung der Elemente oder in der Verschiedenheit der Zeiten wahrnimmt. Wie könnte es denn sonst geschehen, dass die Maschine des Himmels so schnell und in so schweigsamem Laufe bewegt wird? Obschon jener Ton nicht zu unseren Ohren gelangt ‒ und dass es in dieser Weise geschieht, ist aus vielen Gründen notwendig, ‒ so wird dennoch nicht eine so unendlich schnelle Bewegung so großer Körper überhaupt keine Töne hervorbringen, zumal, da die Bahnen der Gestirne durch eine so große Harmonie verbunden sind, dass nichts so gesetzmäßig Zusammengefügtes, nichts so Verschmolzenes erkannt werden kann. Man hält nämlich einige Bahnen für höher, andere für niedriger und glaubt, es befänden sich alle in so gleichmäßiger Schnelligkeit, dass sich die vernünftige Ordnung der Bahnen durch verschiedene Ungleichheiten hindurchziehe. Daher kann auch von dieser himmlischen Drehung eine vernünftige Ordnung der Modulation nicht abweichen. Nun aber, wenn nicht eine gewisse Harmonie die Verschiedenheiten der vier Elemente und die entgegenstehenden Gewalten verbände, wie könnte es denn zugehen, dass sie sich in einem einzigen Körper und in einer einzigen Maschine vereinigten? Diese ganze Verschiedenheit bringt ebenso auch die Verschiedenheit der Zeiten und Früchte hervor, so dass sie dennoch einen Jahreskörper bewirkt. Wenn man daher von dem, was den Dingen eine so gro- ße Verschiedenheit verschafft, mit dem Verstande und Denkvermögen etwas wegnehmen wollte, so möchte vielleicht alles untergehen und es möchte sich, so zu sagen, nichts Konsonierendes erhalten. Wie sich nun in den tiefen Tönen das Gesetz der Stimme vorfindet, dass die Tiefe nicht bis zur Schweigsamkeit herabsinkt, und auch in den hohen Tönen das Gesetz der Höhe beobachtet ist, dass die wegen der Dünne des Klanges allzusehr angespannten Saiten nicht zerreißen, sondern dass alles für sich vernunftgemäß und harmonisch ist: so erkennen wir auch in der Musik des Universums, wie nichts so groß sein könne, dass es etwas anderes durch die eigene Größe auflöse. Jedes Ding bringt entweder seine eigenen Früchte hervor, oder es hilft andern Dingen zur Hervorbringung derselben. Denn was der Winter zusammenzieht, löst der Frühling auf, dörrt der Sommer und bringt der Herbst zur Reife, und so bringen die Zeiten abwechselnd entweder selbst ihre Früchte hervor, oder sie sind einander zur Hervorbringung dienstbar. Darüber soll später noch eingehender gesprochen werden. Die menschliche Musik nun sieht jeder ein, der in sich selbst einen Blick tut. Was ist es denn anderes, was jene unkörperliche Lebhaftigkeit der Ver- 25 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH nunft mit dem Körper vermischt, als eine gewisse Harmonie und Organisation, welche gleichsam eine einzige Konsonanz von tiefen und hohen Stimmen bewirkt? Und was ist es denn anderes, was die Teile der Seele unter einander verbindet, welche nach der Meinung des Aristoteles aus einer vernünftigen und unvernünftigen zusammengesetzt ist? Was ist es aber, was die Elemente des Körpers vermischt oder die Teile für sich durch eine vernünftige Verbindung zusammenhält? Auch darüber werde ich später sprechen. Die dritte Art von Musik ist die, von der man sagt, dass sie in gewissen Instrumenten bestehe. Diese wird ausgeübt entweder durch Anspannen, z. B. durch Saiten, oder durch Blasen, z. B. durch Blasinstrumente, oder durch die Instrumente, welche mit Gebrauch des Wassers bewegt werden, oder durch ein gewisses Schlagen, z. B. bei denen, welche in einem hohlen ehernen Gefäße mit dem Klöppel geschlagen werden, und daher werden auch verschiedene Töne hervorgebracht. Es liegt uns die Aufgabe ob, über diese Musik der Instrumente zuerst zu sprechen. Nun ist es genug mit der Vorrede; jetzt werde ich über die Elemente der Musik sprechen.] Allen diesen drei Musikarten liegen in Zahlen darstellbare Harmonien zugrunde. Die Intervalle haben aber nicht nur eine in Zahlenverhältnissen ausgedrückte Quantität, sondern auch eine Qualität, die jedem (Zahlen-)Verhältnis innewohnt. Boethius spricht von einer numerositas, auf Deutsch "Zahlhaftigkeit".18 Diese Unterscheidung gründet auf seiner Zahlentheorie, wonach eine Zahl nicht nur ein abstraktes Objekt ist, sondern auch einen Charakter und eine tiefere Bedeutung hat. Ähnliche Ansichten finden sich schon in Platons Ideenlehre, die Boethius weitgehend übernommen hat. Sie postuliert, dass es nicht in erster Linie um das sichtbare Objekt als solches geht, sondern um die dahinterliegende und nicht sichtbare Idee. Das sichtbare Objekt bildet gleichsam nur die äußere Form und ist nur Träger einer Idee, die über und hinter dem Sichtbaren liegt. Platons Lehre hat die Philosophie von der Zeit der klassischen Antike bis ins Hochmittelalter maßgeblich geprägt. Die philosophischen Auseinandersetzungen der Folgezeit nährten sich vor allem seit der Scholastik aus den Positionen für oder gegen Platon respektive Aristoteles.19 Mit ein Grund für die weite Verbreitung und Akzep- 18 Ibd., de institutione musica, S. 175 passim, z. B. S. 190, 28. 19 de Libera. 26 EINLEITUNG tanz von Platons Lehre war die Tatsache, dass das frühe Christentum diese relativ problemlos übernehmen konnte.20 Sie lag nicht im Widerspruch zu frühchristlichen Vorstellungen einer sichtbaren und einer unsichtbaren Welt. Danach liegt die unsichtbare Welt allein bei Gott. Gott hat aber den Menschen durch die Geburt, Auferstehung, Himmelfahrt und das irdische Wirken seines Sohnes Einblicke ermöglicht in die unsichtbare Welt und diese Einblicke durch sein Wort festgeschrieben. Das tiefere Eindringen in die Schrift, die dieses Wort bezeugt, gewährt auch den zukünftigen Generationen einen solchen Blick. Dazu bedarf es aber höherer Kenntnisse, denn die Schrift bedient sich komplizierter Verschlüsselungen und rätselhafter Bilder. Fleißiges Studium in Verbindung mit Gottes Gnade können diese Rätsel lösen und die Verschlüsselungen entschlüsseln.21 Nachhaltigster frühchristlicher Vertreter dieser Ansichten war der Kirchenvater Augustinus. In einem schon vom Umfang her bedeutenden Werk zeigt er sich als eloquenter Deuter der Heiligen Schrift. Von ihm stammt auch der Begriff der Verschlüsselung. Entscheidendes Element dieser Verschlüsselung sind die biblischen Zahlen. In seinem gesamten Werk stößt man deshalb immer wieder auf Deutungen von biblischen Zahlen. Augustinus' Überzeugung von der Verschlüsselung der Schrift bildet eine der wichtigen Grundlagen für die mittelalterliche Zahlensymbolik und -mystik. Der folgende Text aus der Doctrina christiana zeigt exemplarisch die dargestellten Positionen: 16. 25. Numerorum etiam imperitia multa facit non intelligi translate ac mystice posita in Scripturis. Ingenium quippe, ut ita dixerim, ingenuum non potest non moveri quid sibi velit quod et Moyses et Elias et ipse Dominus quadraginta diebus ieiunaverunt. Cuius actionis figuratus quidam nodus nisi huius numeri cognitione et consideratione non solvitur. Habet enim denarium quater tamquam cognitionem omnium rerum intextam temporibus. Quaternario namque numero et diurna et annua curricula peraguntur: diurna matutinis, meridianis, vespertinis nocturnisque horarum spatiis; annua vernis, aestivis, autumnalibus hiemalibusque mensibus. A temporum autem delectatione dum in temporibus vivimus, propter aeternitatem in qua vivere volumus, abstinendum et ieiunandum est, quamvis temporum cursibus ipsa nobis insinuetur doctrina contemnendorum temporum et appetendorum aeternorum. Porro 20 Die frühen Kirchenväter, bis etwa zum Beginn des 3. Jahrhunderts, lehnten die Ideenlehre mehrheitlich ab. Von Augustin an wurde sie Teil einer christlichen Ideenlehre. 21 Siehe nachfolgenden Text von Augustinus. 27 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH autem denarius numerus Creatoris atque creaturae significat scientiam; nam trinitas Creatoris est, septenarius autem numerus creaturam indicat propter vitam et corpus. Nam in illa tria sunt, unde etiam toto corde, tota anima, tota mente diligendus est Deus; in corpore autem manifestissima quattuor apparent quibus constat elementa. In hoc ergo denario dum temporaliter nobis insinuatur, id est, quater ducitur, caste et continenter a temporum delectatione vivere, hoc est quadraginta diebus ieiunare monemur. Hoc lex, cuius persona est in Moyse, hoc prophetia, cuius personam gerit Elias, hoc ipse Dominus monet; qui tamquam testimonium habens ex Lege et Prophetis, medius inter illos in monte, tribus discipulis videntibus atque stupentibus claruit. Deinde ita quaeritur, quomodo quinquagenarius de quadragenario numero existat, qui non mediocriter in nostra religione sacratus est propter Pentecosten, et quomodo ter ductus propter tria tempora, ante legem, sub lege, sub gratia, vel propter nomen Patris et Filii et Spiritus Sancti, adiuncta eminentius ipsa Trinitate, ad purgatissimae Ecclesiae mysterium referatur perveniatque ad centum quinquaginta tres pisces, quos retia post resurrectionem Domini in dexteram partem missa ceperunt. Ita multis aliis atque aliis numerorum formis quaedam similitudinum in sanctis Libris secreta ponuntur, quae propter numerorum imperitiam legentibus clausa sunt. 26. Non pauca etiam claudit atque obtegit nonnullarum rerum musicarum ignorantia. Nam et de psalterii et citharae differentia quidam non inconcinne aliquas rerum figuras aperuit. Et decem cordarum psalterium non importune inter doctos quaeritur utrum habeat aliquam musicae legem quae ad tantum nervorum numerum cogat; an vero, si non habet, eo ipso magis sacrate accipiendus sit ipse numerus vel propter decalogum legis, de quo item numero si quaeratur, nonnisi ad Creatorem creaturamque referendus est, vel propter superius expositum ipsum denarium. Et ille numerus aedificationis templi, qui commemoratur in Evangelio, quadraginta scilicet et sex annorum, nescio quid musicum sonat et relatus ad fabricam Dominici corporis propter quam templi mentio facta est, cogit nonnullos haereticos confiteri Filium Dei non falso, sed vero et humano corpore indutum. Et numerum quippe et musicam plerisque locis in sanctis Scripturis honorabiliter posita invenimus. [16. 25. Die Ignoranz bezüglich der Zahlen ist immer noch ein Hindernis für das Verständnis vieler übertragener und geheimnisvoller Passagen der Heiligen Schrift. Ein wenig einsichtiger Geist wird immer erstaunt fragen, warum die Fastenzeit des Mose, des Elia und des Herrn 40 Tage dauerte. Die Schwierigkeit verschwindet jedoch mit der Erkenntnis der 28 EINLEITUNG Bedeutung der Zahl vierzig. Sie enthält viermal zehn und in ihr liegt die Kenntnis von allen Dingen, die den Regeln der Zeit unterworfen sind. Die Zahl vier teilt die Tage und Jahre, besteht der Tag doch aus Morgen, Mittag, Abend und Nacht, und das Jahr aus den vier Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Doch, während wir in der Zeitlichkeit leben, müssen wir fasten und uns von den Freuden der Zeit enthalten, wir, die wir in Ewigkeit leben wollen. Außerdem lehrt uns die Vergänglichkeit der Zeit die vergänglichen Güter zu verachten und diejenigen Dinge zu wünschen, die dauerhaft und ewig sind. Ferner bezeichnet die Zahl zehn das Wissen um den Schöpfer und sein Geschöpf. Denn die Drei bedeutet die Dreifaltigkeit, und die Sieben zeigt als Schöpfungszahl auf das Leben und den Körper. Innerhalb dieser weist die Drei auf die dreifache Liebe zum Herrn, nämlich mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Geist und die Vier deutet im Körper auf die vier Elemente hin (= Feuer, Wasser, Luft und Erde). Die Zahl Zehn wird uns also in dieser Zeitlichkeit, deshalb mit vier multipliziert, dazu führen, enthaltsam und zufrieden zu leben und vierzig Tage zu fasten. So zeigen es auch das Gesetz, personifiziert in Mose, und die Propheten, personifiziert in Elias, und der Herr selbst, wie er auf dem Berg vor drei seiner Jünger mitten unter Mose und Elias verklärt wurde. So stellt sich daraufhin die Frage, wie aus der Zahl Vierzig die Zahl Fünfzig gebildet wird, die in unserer Religion auf erhebliche Weise geheiligt ist wegen Pfingsten, und die, dreimal wiederholt wegen der drei Zeiten im Leben der Menschheit vor dem Gesetz, nach dem Gesetz und unter der Gnade, oder auch wegen des Namens des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und unter Addierung der ehrwürdigsten Dreifaltigkeit, was sich auf das Geheimnis der allerreinsten Kirche bezieht, die Zahl der 153 Fische hervorbringt, welche die auf der rechten Seite ausgeworfenen Netze nach der Auferstehung des Herrn fingen. Ja, es werden auf diese Weise in der Heiligen Schrift Geheimnisse in vielen Zahlen und Zahlenformen dargestellt, die denen, die diese Zahlen nicht lesen können, verborgen bleiben müssen. 26. Nicht wenig auch bleibt der Unkenntnis verschlossen in einigen Dingen der Musik. So sind zum Beispiel in der Unterscheidung von Psalter und Kithara auf ungeschickte Weise verschiedene Darstellungen der Sachverhalte gemacht worden. Unter Gelehrten wird nicht unangemessen die Frage gestellt, ob die zehn Saiten des Psalteriums etwas zu tun haben mit einem musikalischen Gesetz, welches diese Saitenzahl zwingend verlangt. Oder aber es wird, wenn es kein solches Gesetz gibt, die 29 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Zahl selbst als heilig betrachtet, sei es wegen des Dekalogs, der ja auch auf den Schöpfer und seine Kreatur bezogen ist, oder wegen der Bedeutung, wie oben dargestellt. Auch jene Zahl des Tempelbaus, wie sie im Evangelium erwähnt wird, nämlich 46 Jahre, klingt dem Nichtwissenden wie Musik, und bezogen auf die Auferstehung des Leibes des Herrn, weswegen der Tempel in Erinnerung gerufen ist, zwingt sie nicht wenige Haeretiker, zu bekennen, dass der Sohn Gottes mit einem wahren und nicht mit einem falschen Leib bekleidet war. Die Zahl und die Musik finden wir an vielen Stellen der Heiligen Schrift ehrenvoll erwähnt.22] Die Schriften von Augustinus über die Musik sind jedoch als weniger bedeutend und auch weniger nachhaltig einzustufen als diejenigen von Boethius. Boethius hat mit seiner von Pythagoras übernommenen Ansicht, dass die Zahlen die gesamte erkennbare Welt durchdringen, und somit auch die Musik ein Teil der Mathematik ist, wesentlich zur Tradierung und Weiterverbreitung des Bildungsideals der septem artes liberales beigetragen. Bei Boethius finden wir auch die erste Erwähnung des Quadruviums (später Quadrivium), des zweiten Teils der septem artes liberales.23 Während die Schriften von Boethius über die Arithmetik schon in der Zeit der Scholastik nicht mehr aktuell waren, blieben seine Werke über die Musik maßgebend bis in die Zeit des Frühbarock.24 Dies mögen zwei ausgewählte Publikationen aus dem 16. und 17. Jahrhundert belegen, die bis ins 18. Jahrhundert nachhaltig gewirkt haben: Noch der Spätrenaissance zuzuordnen sind die Istitutioni harmoniche von Gioseffo Zarlino (1517–1580). Zarlino zeigt sich darin als Verfechter der Theorien von Pythagoras, ohne allerdings aus den Augen zu verlieren, dass das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts leidenschaft- 22 Augustinus, de doctrina christiana I–IV (veröffentlicht 397 (I–III) und 426 (IV), Buch II, Kapitel 16,25 und 26. MPL 034 (= Migne Patrologia Latina), S. 48 f. Übersetzung F.P. 23 Die septem artes liberales, das Grundstudium der universitären Bildung von der Spätantike bis in die Zeit des Humanismus und in Teilen auch noch danach, umfassten das Trivium (Grammatik, Dialektik und Rhetorik) und das Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie). Der Begriff des Quadruviums erscheint erstmals im Proœmium von Boethius' de institutione arithmetica, liber primus. S.1 ff. 24 Der im 14. Jahrhundert entstandene umfangreiche Oxforder Kommentar zu de institutione musica wurde offenbar im Lehrbetrieb der Universität Oxford verwendet. Nach der Publikation von Leonardo da Pisas Liber abaci 1202 mit seiner Einführung der arabischen Zahlen wurden die Mathematikwerke von Boethius nicht mehr gelesen. 30 EINLEITUNG lich diskutierte Problem der Stimmungen mit den damaligen mathematischen Kenntnissen nicht zu lösen ist. Dennoch blieb auch für Zarlino die Musik eine Disziplin der Mathematik. Ein Abschnitt aus den Istitutioni harmoniche erläutert dies: Quanto sia necessario il Numero nelle cose; che cosa sia Numero; & se l'Unità è Numero. Ma perche di sopra si è detto, che la Musica è Scienza, che considera i Numeri & le Proportioni; però parmi, che hora sia tempo di cominiciare à ragionar di cotali cose; massimamente che della Prima origine del mondo (como manifestamente si uede & lo affermano i Filosofi) tutte le cose create da Dio furono da lui col Numero ordinate; anzi esso Numero fù il Principale essemplare nella mente di esso Fattore. Onde è necessario, che tutte le cose, lequali sono separatamente, ouer'insieme, siano dal Numero comprese, & al Numero sottoposte; imperoche tanto è egli necessario; che se fusse leuato uia; prima si distruggerebbe il tutto; & dopoi si leuarebbe all'Huomo (come uuol Platone) la prudenza & il sapere; conciosiache di niuna cosa, ch'egli hauesse nell'Intelletto, ouver nella Memoria, potrebbe render ragione, & le Arti si perderebbono, ne più faria bisogno di parlare, ò scriuere alcuna cosa della Musica; percioche del tutto la ragione di essa si annullarebbe; non hauendo ella maggior fermezza, che quella de i Numeri. Il Numero acuisse l'Ingegno, conferma la memoria, indrizza l'Intelletto alle speculationi, & conserua nel proprio esser tutte le cose. Che più? Iddio benedetto lo donò all' Huomo, come Istrumento necessario ad ogni sua ragione & discorso. Nelle Sacre lettere un'infinito numero de secreti mirabilissimi & diuini col mezo de i Numeri si uengono à scoprire; della cognitione & intelligenza de i quali (come piace ad Agostino) senza l'aiuto loro noi certamente saremmo priui. Il Saluator nostro (come si uede nell'Euangelio) in molti luoghi, gli osseruò; & le ceremonie della Legge scritta tutte per numero si comprendono. Di modo che (come dice il detto Santo dottore) nella Scrittura in più luoghi si ritrouano i Numeri & la Musica esser posti honoreuolmente. Onde non è da marauigliarsi, se i Pitagorici istimauano, che ne i Numeri fusse un non so che diuino; poi que per quello, che detto habbiamo, & per quello, che dir si potrebbe, discorrendo con l'intelletto, il Numero è sommamente necessario. 31 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH [Inwiefern die Zahl in den Dingen notwendig ist; was eine Zahl ist, und ob die Einheit eine Zahl ist. Da weiter oben gesagt wurde, dass die Musik eine Wissenschaft ist, die Zahlen und Proportionen untersucht, scheint mir nun der Zeitpunkt gekommen, diese Dinge zu erörtern, zumal vom Ursprung der Welt an (wie man deutlich sehen kann, und dies versichern die Philosophen) alle Dinge, die Gott geschaffen hat, von ihm nach der Zahl geordnet wurden. Die Zahl war sogar das wesentliche Muster im Geist des Schöpfers. Daher müssen alle Dinge, die für sich sind oder miteinander verbunden sind, in der Zahl enthalten und ihr unterworfen sein. Sie ist in Wirklichkeit so unersetzlich, dass, – nähme man sie weg – erstens das Ganze in sich zusammenfiele, zweitens dem Menschen (wie Platon sagt) Weisheit und Wissen abhanden kämen, weil er von keiner Sache vernünftig Auskunft geben könnte, die in seinem Geist oder seiner Erinnerung gewesen ist.25 Die Künste würden aussterben, und es gäbe kein Bedürfnis mehr, ein Musik-Stück zu spielen oder zu schreiben. Das Verständnis von ihr ginge völlig verloren, da es seinen größten Halt an den Zahlen besitzt. Die Zahl schärft die natürliche Begabung, festigt das Gedächtnis, regt den Verstand zum Nachdenken an und bewahrt alle Dinge in dem ihnen eigenen Zustand. Was weiter? Der gütige Gott schenkte sie dem Menschen als ein Werkzeug, das er bei jedem Gedanken und jeder Erörterung benötigt. In der Heiligen Schrift lassen sich eine unendliche Zahl von wunderbaren und himmlischen Geheimnissen mit Hilfe der Zahlen aufdecken, deren Erkenntnis und Einsicht uns (so sagt Augustinus) sonst sicher unmöglich wäre.26 Auch unser Heiland (wie man im Evangelium liest) hat sie erfüllt. Alle feierlichen Handlungen des geschriebenen Gesetzes lassen sich durch eine Zahl begreifen, so dass in der Heiligen Schrift (wie der genannte heilige Lehrer sagt) an mehreren Stellen die Zahlen und die Musik einen ehrenvollen Platz einnehmen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Pythagoreer glauben, an den Zahlen sei irgendetwas Himmlisches. Aus allen diesen Gründen, denen wir noch andere hinzufügen könnten, ist die Zahl äußerst notwendig.27] 25 Platon, Anhang zu den no¿moi (Gesetzen), 977 ff. Siehe Platonis opera. 5 Bände. Hrsg. John Burnet, Oxford: OUP 1900–1907. 26 Augustinus, De doctrina, II,16,25 ff., (ML = Migne Latinus 34,48). 27 Zarlino, Le Istitutioni harmoniche, Parte Prima, Cap. 12, S. 22 f. [Übersetzung Michael Fend]. 32 EINLEITUNG In dieser Schrift wird deutlich, dass sich auch für Zarlino die Bedeutung der Zahlen nicht auf ihre Zählfunktion beschränkt. Vielmehr haben die Zahlen ebenso eine Bedeutung auf der Symbolebene. Diese Denkweise entspricht durchaus noch derjenigen von Boethius. Bei Athanasius Kircher (1602–1680) wird, wie im Folgenden gezeigt werden soll, die völlige Vermischung von abstrakter Mathematik mit Zahlenallegorie, -mystik und Astrologie deutlich. Er war in seiner Zeit einer der bekanntesten Wissenschafter und vielleicht der erste, für den seine zahlreichen Publikationen ein einträgliches Geschäft waren. Als Jesuit wirkte er zeitlebens am Collegium Romanum in Rom.28 Als Universalgelehrter hatte er für den Papst gewissermaßen die Funktion einer "wissenschaftlichen Feuerwehr". Er musste die Wissenschaftsfreundlichkeit der katholischen Kirche unter Beweis stellen und gleichzeitig die Zensurgrenzen nach innen und au- ßen aufzeigen. Sein immenses Werk befasste sich nicht nur mit allen damals üblichen Wissenschaften, sondern auch mit Aegyptologie und Sinologie. Seine 1665 erschienene Schrift Arithmologia, sive, de abditis Numerorum mysteriis (Arithmologie, oder, über die verborgenen Geheimnisse der Zahlen) ist ganz der Zahlenallegorie und Zahlenmystik gewidmet. Sein Titelblatt soll hier als pars pro toto kurz dargestellt sein. 28 Siehe Joscelyne Godwin, Athanasius Kircher. Ein Mann der Renaissance und die Suche nach verlorenem Wissen. 33 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Facsimile 4. Athanasius Kircher, Titelblatt zu Arithmologia, sive, de abditis Numerorum mysteriis, Rom 1665. 34 EINLEITUNG Im Bild sind zahlreiche Symbole dargestellt. Eine vollständige Deutung ist hier nicht erforderlich, aber es soll auf die Bezüge zum bisher Beschriebenen hingewiesen werden:29 Ganz im Vordergrund steht eine Tafel mit den ersten vier Zahlen, der Tetraktys. Sie ist für die Pythagoreer der Schlüssel zum Verständnis der Weltharmonie. Rechts im Bild ist Pythagoras dargestellt mit seinem nach ihm benannten Fundamentalsatz für rechtwinklige Dreiecke (a2+b2=c2).30 Die linke Person ist ein Gelehrter, der in einer auf seinen Knien liegenden Schrift ein Pentagramm und ein Hexagramm zeigt. Das Pentagramm ist auf der rechten Seite, das Hexagramm auf der linken. Aus dieser rechts-links Orientierung ist auf einen Gelehrten jüdischer oder arabischer Herkunft zu schließen.31 Kircher selber beschreibt in einer früheren Schrift das Pentagramm als Zentrum des sigillum dei.32 Wie Kircher hier das Hexagramm deutet, ist nicht eindeutig zu erschlie- ßen. Die Deutung als Davidsstern ist in Kirchers Zeit möglich, aber nicht zwingend. Eher wahrscheinlich scheint mir eine gnostische Deutung. Sie sieht im Hexagramm die Vereinigung von Christus und Sophia als Zeichen der Vergöttlichung des Menschen.33 Im Pentagramm wäre allenfalls auch eine bildliche Andeutung der pythagoreischen Hochzeitszahl 5 denkbar (Platon, Der Staat 546c), hier wohl verstanden als Vereinigung von Himmel und Erde. Dar- über ist die auf Flügeln getragene Weltscheibe zu sehen mit der Erde als Zentrum und den Symbolen für den Mond, die Planeten und die Sonne mit ihren Umlaufbahnen um die Erde. Umgeben ist die Weltscheibe von 40 Sternen.34 Diese geozentrische Darstellung der Welt entsprach der damals noch offiziellen Meinung der katholischen Kirche. Über den die Welt tragenden Flügeln, 29 Siehe Darstellung und Deutung bei Roob, S. 531. 30 Siehe auch das Titelblatt zu Musurgia von Kircher. 31 Vorausgesetzt, er hält das Buch zur eigenen Betrachtung und nicht zur Demonstration an den Betrachter des Bildes. Für ersteres spricht das Festhalten mit der rechten Hand. Damit ist die linke Hand frei zum Umblättern. 32 Athanasius Kircher, Oedipi Aegyptiaci Tomi Secundi Pars Altera, Vitale Mascardo, Rom 1653, Class. IX (Magia Hieroglyphica), cap. VIII, ram. II, § IV (Amuleti alterius Cabalistici heptagoni interpretatio), S. 479–481. 33 Blankenburg und Kramer weisen beide in ihrer Interpretation des Hexagramms auf Buttstedt hin. Siehe Blankenburg A, S. 56 f., Kramer, S. 65 und Buttstedt, Titelblatt. 34 Die Zahl 40 wird hier als Zahl der Vollständigkeit verstanden, d.h. als Bezeichnung für die Gesamtheit der Sterne. Siehe auch den in diesem Kapitel weiter oben zitierten Text von Augustinus. 35 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH gewissermaßen zwischen All und Gott, sind links und rechts zwei Engel zu sehen. Der linke hält in der einen Hand einen Maßstab und in der anderen eine Waage. Maßstab und Waage sind je mit einem Wimpel verbunden auf denen die Worte mensura und pondere stehen. Der rechte Engel zeigt ein Magisches Quadrat, das sogenannte Saturnquadrat.35 Daran ist ein Wimpel mit der Aufschrift numero befestigt. Darüber ist ein Enneagramm zu sehen mit an den Spitzen insgesamt neun Engelsköpfen, eine symbolische Darstellung Gottes, der nicht bildlich dargestellt werden darf, und seiner himmlischen Heerscharen.36 Das Zentrum bildet ein Dreieck mit dem Auge Gottes in der Mitte. In den Ecken des Dreiecks sind die hebräischen Buchstaben Jod und He zu sehen, eine Abkürzung für das Tetragrammaton 37.יהוה Außerhalb der Enneagrammspitzen stehen die arabischen Zahlen von 1–9, die Gesamtheit der verfügbaren Zahlzeichen.38 Das Bild zeigt auf exemplarische Weise ein noch immer gültiges pythagoreisch-augustinisches Zahlverständnis, indem arithmetische Funktion und Bedeutungsgehalt der Zahl untrennbar miteinander verknüpft und direkt auf Gottes Schöpfungswillen zurückgeführt werden.39 Schon vor der aufkommenden Aufklärung, etwa bei Newton, wird diese Verknüpfung in Frage gestellt.40 Interessanterweise sind in der Frühromantik jedoch wieder Bemühun- 35 Siehe in Appendix IV Ergänzende Texte und Bilder den Verweis auf Paracelsus' Liber septimus Archidoxis magicae: De Sigillis Planetarum und Kircher B, S. 64. 36 Neun Chöre der Engel nennen als erste Cyrill von Jerusalem († 386) und die Apostolischen Konstitutionen 8 und 12,8 (um 380). Die erste überlieferte Engellehre (Angelologie) stammt von Pseudo-Dionysius Areopagita (um 500): ML 122, S. 126 ff. Darin werden erstmals die neun Ordnungen der Engel und ihrer Chöre dargestellt. Siehe Altaner und Stuiber, S. 508 f. Siehe auch die Darstellung der 9 Engelchöre im Titelblatt zu Kirchers Musurgia. 37 Gedankt sei dem Basler Alttestamentler Hieronymus Christ für seinen Hinweis, dass in Schriften des 16. und 17. Jhdts. oft die Zeichen Chet und He verwechselt wurden und es sich hier um eine Abkürzung des Tetragrammatons handeln muss. 38 Die Null galt bei konservativen Denkern noch in Kirchers Zeit nicht als Zahl, sondern als Zeichen. Siehe Leonardo da Pisa, Liber abaci. Cap. ex. prol.: De cognitione novem figurarum yndorum, et qualiter cum eis omnis numerus scribatur; Cap. 1.: "Novem figure indorum he sunt 9 8 7 6 5 4 3 2 1. Cum his itaque novem figuris, et cum hoc signo 0, quod arabice zephirum appellatur, scribitur quilibet numerus, ut inferius demonstratur". 39 Melanie Wald geht in ihrer Dissertation über Kirchers Musurgia nur kurz auf dieses Titelblatt ein. Siehe S. 67. 40 Newton, II. Buch, Abschnitt IX, S. 375–376. 36 EINLEITUNG gen nachweisbar, die diese Verknüpfung im Sinne einer Transzendenzerfahrung herzustellen versuchen.41 Nach diesem Beispiel von Kircher als Vertreter einer verbreiteten geistigen Strömung des Barock steht im Kontext dieser Arbeit die Frage im Raum nach Bachs Positionierung bezüglich der geistigen Fragen und Deutungen seiner Zeit. Bachs eigenständiges Suchen Dieser Frage kann hier nicht ausführlich nachgegangen werden. Sie stellt sich im Kontext der vorliegenden Arbeit jedoch im Zusammenhang mit Bachs Reise nach Lübeck 1705–06. Wie unten gezeigt werden soll, ist zu vermuten, dass die Anfänge des O=B in die Lübecker Zeit zurückreichen. Bezüglich dieser Reise, wie auch später derjenigen nach Potsdam, blieb Bach schweigsam. Für beide Besuche gibt es äußere Gründe, die jedoch, bei näherer Betrachtung, nicht allein ausschlaggebend gewesen sein können. Die tieferen Gründe für beide Reisen scheinen auf anderen Ebenen zu liegen, als diejenigen, die Bach den vorgesetzten Behörden angab. Vor allem im Falle des Lübecker Besuchs scheint Bach Kontakt zu Personen und Informationen gesucht zu haben, zu denen er im thüringischen Gebiet nicht kommen konnte. Auch Potsdam könnte Bachs Interesse über die äußeren Gründe hinaus besonders durch sein geistiges Klima geweckt haben, das so in Leipzig damals nicht vorhanden war. Beide Besuche scheinen für Bach äußerst bedeutungsvoll gewesen zu sein. Der letztlich nicht beantwortbaren Frage, was Bach bewog, diese Reisen zu unternehmen und dabei Erhebliches zu riskieren, kann nur mit einer Hypothese begegnet werden, deren Spuren jedoch in Bachs Leben sichtbar sind. Bach war nicht nur ein bewegender Mensch, er war auch ein bewegter. Was ihn beschäftigte und umtrieb, ist jedoch mangels ausführlicher schriftlicher Zeugnisse nur schwierig zu erschließen. Für Erkenntnisse in dieser Frage sind wir neben den wenigen eigenen Zeugnissen und denjenigen seiner Söhne und Schüler in erster Linie auf sein kompositorisches Werk angewiesen. Hier wird seine Verankerung im Luthertum relevant. Schon bei der Frage seiner Position zwischen Orthodoxie und Pietismus unterscheiden sich die Beurteilungen jedoch erheblich.42 Dass der Konflikt zwischen seinem pietistischen Pastor Frohne an Divi Blasii und dem von Bach geschätzten or- 41 Wald, S. 229 ff. 42 Blankenburg B. 37 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH thodoxen Pastor Eilmar an St. Marien in Mühlhausen Bachs Grund war, nach nicht einmal einem Jahr die Stelle zu wechseln, ist deutlich widerlegt.43 Ob Bach eine eindeutige Position in den unterschiedlichen Ansichten der Orthodoxen und der Pietisten hatte, wissen wir jedoch nicht. Auch wenn die kirchenmusikalischen Belange in dieser Zeit grundsätzlich bei den Orthodoxen in besseren Händen aufgehoben waren, ist nicht zu übersehen, dass Bach seit den Weimarer Jahren pietistisch beeinflusste Kantatentexte verwendet hat. Bedenkt man, wie tief Texte ins Innerste einer Komposition eingreifen, so kann man eine grundsätzliche Ablehnung Bachs von inhaltlichen Aspekten des Pietismus ausschließen. Möglicherweise war für Bach eine Positionierung in dieser Frage kein wesentliches Thema. Auch seine Verortung im Luthertum kann nicht ausschließend gewesen sein, sonst wäre für ihn, um nur ein Beispiel zu geben, ein Wechsel an den reformierten Hof in Köthen, dessen reformierter Landesherr im Streit mit seiner lutherischen Mutter war, nicht in Frage gekommen.44 Gerade diese Köthener Jahre wurden aber Bachs glücklichste Zeit als Musiker. Es war vermutlich auch kompositorisch eine seiner produktivsten Zeiten.45 Eine besonders bedeutsame Erfahrung dürfte auch gewesen sein, dass er ein die sozialen Grenzen überschreitendes inniges persönliches Verhältnis zum Fürsten haben konnte, das auch seinen Weggang überdauerte.46 Man muss gerade im Blick auf die Köthener Jahre konstatieren, dass alle Versuche, Bach in der geistigen Enge eines lutherischen Kantorendaseins zu beheimaten, jeder Grundlage entbehren. So ist es nur verständlich, dass er sich beim Wechsel von Köthen nach Leipzig schwer tat mit dem Gedanken, Kantor zu werden.47 Dabei ist zu bedenken, dass Köthen ein unbedeutendes Fürstentum war und das Ansehen, dort Kapellmeister zu sein, entsprechend nicht besonders hoch. Demgegenüber war das Kantorenamt in Leipzig eine bedeutende musikalische Stellung. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Bewerbun- 43 Wolff C, S. 127. 44 Wolff C, S. 225. Bach war in Köthen mit seiner Familie Mitglied der lutherischen Gemeinde und besuchte deren Gottesdienste in der von der Fürstenmutter gestifteten Agnus-Kirche. 45 Hinweise auf Aufführung und Komposition der zahlreichen Konzerte, Orchestersuiten und Kammermusikwerke fehlen für diese Zeit allerdings weitgehend. 46 Siehe Widmungsgedicht für Emanuel Ludewig von Anhalt-Cöthen 1726, dargestellt und erläutert bei Kramer, S. 75–82. 47 Dok. I, Nr. 23. 38 EINLEITUNG gen von Telemann, Fasch und Graupner. Als Kapellmeister arbeitete Bach in Köthen aber fast ausschließlich mit professionellen Musikern. In Leipzig musste er wieder mit Laien arbeiten. Dies behagte ihm nicht. Auch hatte er mit den Obrigkeiten der Kirche wiederholt ungute Erfahrungen gemacht. Seine offenkundige Abwesenheit bei den Abendmahlsgottesdiensten in der lutherischen Kirche von Köthen wirft sogar die Frage auf, inwieweit Bach gegenüber der Institution Kirche Gefühle innerer Distanz hatte.48 Sie werden sichtbar in seinen Auseinandersetzungen mit den Verantwortlichen der Kirche. Diese ermüdenden Kämpfe ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Seine zunehmende Konzentration auf die Komposition nichtkirchlicher Musik seit den 1740er-Jahren könnte ein Hinweis auf eine Distanznahme zur Institution Kirche sein.49 Auch die Tatsache, dass Bach in seinen letzten Lebensjahren in der Thomas- und Nicolaikirche keine oder nur noch sporadische Dienste leistete und sich hauptsächlich vertreten ließ, wie dies von einem ehemaligen Schüler belegt ist, könnte darauf schließen lassen.50 Es scheint, dass seine Kampfkraft gegen seine Obrigkeiten in dieser Zeit spürbar nachgelassen hatte und einer Resignation gewichen war. Mit dieser inneren Abwendung ist eine Zuwendung zu Institutionen zu beobachten, die freier, offener und vor allem unabhängig von der Kirche waren. Gerade Institutionen, die sich in einer gewissen Aufbruchstimmung neu zu formieren begannen, scheinen eine Anziehungskraft ausgeübt zu haben. Dies war bei der Mizlerschen Sozietät und bei den Freimaurern der Fall.51 Beide Zirkel waren sowohl aufklärerischem Gedankengut zugetan wie auch unübersehbar der Esoterik, ließen aber Fragen des persönlichen 48 Laut Abendmahlsregister der lutherischen Agnus-Kirche in Köthen ging Bach zwischen Oktober 1718 und August 1720 höchstens viermal, d.h. ein- bis zweimal pro Jahr, zum Abendmahl. Siehe Wolff C, S. 236. 49 Gemeint sind Neukompositionen. Eine Ausnahme bilden die Kanonischen Veränderungen über Vom Himmel hoch, da komm ich her, geschrieben 1747 anlässlich seines Eintrittes in die Mizlersche Sozietät. Daneben hat Bach aber in den 1740er-Jahren z. T. intensiv an der Sichtung und Zusammenstellung früher komponierter kirchenmusikalischer Werke gearbeitet, z. B. h-Moll-Messe, Matthäus-Passion, Leipziger-Choräle, Schübler-Choräle. 50 Siehe Bewerbungsschreiben von G.B Fleckeisen, Döbeln 1751. Daraus geht hervor, dass Bach sich in den Jahren 1744–1746 an Thomas- und Nicolaikirche durch Fleckeisen vertreten ließ. Noch nicht dokumentiert. Siehe Kommentar von Albert Clement in Het Orgel 110 / 2 (2014), S. 14. 51 Greer, S. 1 ff. 39 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Glaubens und der Konfession offen und tangierten so Bachs Verankerung im lutherischen Glauben nicht. Es entbehrt dabei aber nicht einer gewissen Ironie, dass weder der Pietismus noch die Aufklärung der Kirchenmusik besonders förderlich waren. Wie Bach mit der Diskrepanz umging, sich Institutionen zuzuwenden, die einem geistigen und damit verbunden gesellschaftlichen Wandel zugetan waren, der mitverantwortlich für den Niedergang seines Berufsstandes war, ist noch wenig erforscht. Es ist aber zu vermuten, dass er selber die neuen geistigen Strömungen nicht in einem Widerspruch stehend empfand zu den Erfordernissen einer "regulierten Kirchenmusik". Gerade Bachs zweitältester Sohn, Carl Philipp Emanuel, hat in seiner Hamburger Zeit eindrücklich gezeigt, dass "Aufklärung", "Sturm und Drang" und "Freimaurerei" durchaus vereinbar waren mit den Zielen einer "regulierten Kirchenmusik". So sind in Bachs letzten zehn Lebensjahren Anzeichen eines Umbruchs und einer Neuorientierung wahrzunehmen. In diese Zeit fällt wiederum, wie am Ende der Arnstädter Jahre, eine bedeutsame Reise, deren Begründung vordergründig völlig einleuchtend ist, bei einer kritischen Betrachtung jedoch Fragen aufwirft: Es handelt sich um Bachs Besuch bei Friedrich dem Großen im Mai 1747. Beleuchtet man die zwei Seiten von Bachs Lebensumständen, die für diese Reise verantwortlich waren, ergeben sich unterschiedliche Motive. Bach galt unbestrittenermaßen als größter Claviervirtuose seiner Zeit und dies sowohl auf der Orgel wie auf dem Cembalo. Carl Philipp Emanuel Bach hat diesen Ruf seines Vaters zweifellos am Hofe Friedrichs des Großen gefördert. Friedrich, der den Ehrgeiz hatte, die besten Leute an seinen Hof zu rufen, wollte sich die Chance nicht entgehen lassen, über seinen geschätzten Kammercembalisten an diesen großen Künstler zu kommen. Sicherlich waren auch die Hofmusiker an einer Begegnung mit Bach interessiert. Anders lag das Interesse bei Bach, denn bei Reiseantritt im Jahre 1747 war er nicht mehr bei guter Gesundheit und eine so anstrengende Reise im Grunde nicht ratsam. Bach muss also gute Gründe gehabt haben, dennoch zu gehen. Ein Grund war sicher, seinen Sohn und dessen Familie zu sehen. Auch die Aussicht auf sicheren Erfolg und hohe Anerkennung am Hofe des Preußenkönigs mögen mitgespielt haben, dürfen aber angesichts von Bachs Alter und dem absehbaren Karrierenende als ausübender Musiker nicht zu hoch gewertet werden. Sohn und Familie, Aussicht auf Erfolg und Geld reichten wohl kaum als Triebkräfte. Sein Interesse könnte auch dem künstlerischen und geistigen Klima an Friedrichs Hof gegolten haben. Friedrich war 40 EINLEITUNG zwar absolutistischer Herrscher, gleichzeitig aber Aufklärer und Freimaurer. Carl Philipp Emanuel, selber seit seiner Leipziger Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Freimaurer,52 fand in Potsdam ein für ihn in wesentlichen Teilen ideales Klima. Friedrich wusste bedeutende Künstler, Philosophen und Wissenschafter nach Potsdam zu verpflichten oder vorübergehend als Gäste zu beherbergen.53 Darüber hat Carl seinem Vater wohl berichtet. Es lockte für Bach also auch der Austausch unter Gleichgesinnten auf hohem Niveau. Das kompositorische Produkt dieser Reise, Bachs Musicalisches Opfer, ist dessen Vermächtnis an Gleichgesinnte: Quaerendo invenietis steht bei einem der Canones. Nur wer weiß, wonach und wie er suchen soll, kann annähernd verstehen, wie hoch komplex dieses Werk ist.54 Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung wird schnell deutlich, dass dieses Werk nicht für die sogenannten Liebhaber geschrieben wurde, sondern für Musikkenner und ihre Fähigkeit, in und hinter den musikalischen Strukturen Insiderwissen zu erkennen. Dass Friedrich dem Großen der Zugang zu solchem Insiderwissen verwehrt war, auch wenn er wohl darum wusste, dürfte Bach nicht entgangen sein. Sein Sohn aber konnte ihm hier auf Augenhöhe begegnen. Das Werk ist für "Eingeweihte" (heute würde man sagen Insider) geschrieben, von denen es zu keiner Zeit viele gibt. Diese aber haben Friedrich den Großen nachweislich fasziniert. Kann es deshalb ein Zufall sein, dass sich Folgendes finden lässt? Übersicht 1 Ricercar (à) 6 Johann Sebastian Bach und Friedrich von Preußen sind isopsephisch55 52 Greer, S. 44. 53 So etwa Voltaire, der von 1750–1753 in Sanssouci weilte. 54 Der Spruch "Suchet, so werdet ihr finden" gehört bei den Freimaurern zum Ritual des Lehrlingsgrades. 55 Im Erstdruck heißt es Ricercar à 6, wobei das "à" auffallend klein gedruckt ist. Der Begriff "Ricercar" ist in diesem Kontext altertümlich und meint "Fuge". Er wird hier verwendet, weil er ein Akrostichon von Regis Iussu Cantio Et Reliqua Canonica 41 R i c e r c a r 6 J o h a n n S e b a s t i a n B a c h 17 9 3 5 17 3 1 17 6 9 14 8 1 13 13 18 5 2 1 18 19 9 1 13 2 1 3 8 72 6 58 86 14 Σ 236 F r i e d r i c h v o n P r e u ß e n ß = s s 6 17 9 5 4 17 9 3 8 20 14 13 15 17 5 20 36 5 13 78 47 Σ 236111 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Interessant an der Potsdamer Reise sind die Parallelen zu Bachs Reise nach Lübeck im Jahre 1705. Auch da wurden Gründe genannt, die zwar auf den ersten Blick einleuchten, angesichts der wahren Umstände wohl aber nicht die Hauptgründe waren.56 Noch ist die Forschung nicht so weit, daraus klare Schlüsse zu ziehen. Weiter unten wird aber beiläufig ein möglicher Aspekt beleuchtet. Trotz der offensichtlichen Zuwendung Bachs nach 1740 zu Institutionen, die aufklärerischem Gedankengut verpflichtet waren, ist keine Abwendung vom Glauben sichtbar. Sonst hätte er sich wohl in den letzten drei Lebensjahren nicht nochmals mit Chorälen beschäftigt.57 Auch wenn der lebendige Umgang mit der Calov-Bibel eher auf ein Verharren in theologisch-apologetischen Denkformen hindeutet, wissen wir nicht, ob Bachs Apologetik orthodox war. Vielleicht hat sich seine theologische Apologetik in Richtung der theologia naturalis des Christian Wolff gewandelt, über dessen bedeutendes Wirken an der Universität Halle Bach zweifellos informiert war.58 Über Bachs Stellung zum Katholizismus haben wir keine schriftlichen Zeugnisse. Auch wenn die Komposition der h-Moll Messe in der ersten Phase 1733 eine Pflichtübung gewesen sein mag und mit Bachs Bemühen um das Prädikat als sächsischer Hofkompositeur zu tun haben könnte, weist seine intensive Beschäftigung mit diesem Werk in den späteren Jahren weit über eine Pflichtübung hinaus. Die außerordentliche Qualität und Intensität des Werkes lassen auf eine tiefe innere Verbindung mit dem Anliegen des Textes schließen. Auch hier ist festzustellen, dass Bach in Bewegung war und sich nicht auf einen einseitigen konfessionellen Standpunkt festlegen ließ. Die Beurteilung der Frage nach der Stellung Bachs zu den Juden ist in der heutigen Zeit noch immer stark belastet durch noch zu kurz zurücklie- Arte Resoluta ist ("Auf Geheiß des Königs die Melodie und der Rest durch kanonische Kunst gelöst"). 56 Siehe Protokoll des gräflichen Consistoriums zu Arnstadt vom 21. Februar 1706. 57 Die Sammlung der 17 Choräle in der Leipziger Handschrift, die Kanonischen Veränderungen über Vom Himmel hoch, da komm ich her und die Schübler-Choräle. 58 Christian Wolff (1679–1754), Universalgelehrter, wichtigster deutscher Philosoph der Aufklärung zwischen Leibniz und Kant. Professor in Halle. Verfasser u. a. der Theologia naturalis 1736 / 37. Von den orthodoxen Lutheranern und den Pietisten des Atheismus bezichtigt. Wolff hatte in Leipzig in Lorenz Christoph Mizler einen glühenden Verehrer und Verteidiger. 42 EINLEITUNG gende katastrophale Erfahrungen in Europa. Die teilweise antisemitischen Momente in von Bach vertonten Texten und ihre adäquaten musikalischen Ausgestaltungen können aber keine zuverlässigen Rückschlüsse auf seine eigene Haltung geben.59 Gerade der Toleranzgedanke, welcher der Aufklärung wichtig war, wenn auch in Bezug auf die Juden nicht unumstritten,60 floss mindestens teilweise auch in ein Überdenken des Verhältnisses der Christen zu den Juden ein.61 So stand zum Beispiel der Aufnahme von jüdischen Mitbrüdern in die Freimaurerlogen nichts im Wege.62 Die letzten zehn Jahre von Bachs Leben geben somit einige Hinweise darüber, in welche Richtung seine geistige Suche ging. Man kann dabei wohl davon ausgehen, dass Bach nicht erst in Leipzig den Zugang zu geistig exklusiven, im ursprünglichen Sinne esoterischen Zirkeln suchte. Wie die meisten hochbegabten Musiker, darstellenden Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler seiner Zeit dürfte ihn die Frage umgetrieben haben, weshalb er Fähigkeiten und Einsichten hatte, die die meisten Menschen nicht haben. Schon in der Antike fanden sich solche Menschen in Zirkeln, die sich nach außen abschotteten. Die Begriffe der Esoterik und Exoterik gehen auf Pythagoras zurück. Auch Platon war der Meinung, dass es Wissen gibt, das nach außen gehen, und solches, das im Innern bleiben soll. Zu Bachs Zeiten gab es zahlreiche Zirkel, denen oft maßgebliche Personen aus Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und staatlichen Verwaltungen angehörten. Kirchen und höchste Stellen der Regierungen standen diesen Zirkeln jedoch oft ablehnend gegenüber und befahlen nicht selten deren Schließung. Sie fürchteten die Pflege von subversivem Gedankengut. Die Spannweite der Aktivitäten solcher Zirkel ging dabei vom im heutigen Sinne wissenschaftlichen Fragen bis zum Okkultismus, wobei die Abgrenzung in der voraufklärerischen Zeit undeutlich bis nicht vorhanden war. Mit beginnender Aufklärung und einem anderen Stellenwert der menschlichen Vernunft ist jedoch eine zunehmend kritische Haltung gegenüber Okkultismus und Alchemie zu beobachten. Diese starben damit nicht aus, wurden aber doch zunehmend in den geistigen Untergrund abgedrängt. 59 Siehe Hoffmann-Axthelm. 60 Siehe die üble Anfeindung von Moses Mendelssohn im Jahre 1770 durch Johann Caspar Lavater, der sich als Vertreter eines verbreiteten Antisemitismus offenbarte. 61 Siehe Lessings ‚Nathan der Weise‘. 62 In den Namenlisten englischer Logen gab es schon 1723 / 25 jüdische Namen. Siehe Lennhoff/Posner/Binder: Internationales Freimaurerlexikon. 43 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH Dass Bach in früheren Jahren einem rosenkreuzerischen Zirkel angehörte, ist nicht nachweisbar. Solche Zirkel – von Orden kann in der Regel nicht gesprochen werden – waren im protestantischen Deutschland vor allem im 17. Jahrhundert weit verbreitet und hatten in erster Linie in den freien Reichsstädten eine bedeutende Anhängerschaft.63 Ihre wissenschaftsfreundlichen, gesellschaftskritischen und reformatorischen, bisweilen aber auch un- übersehbar okkulten Anliegen stießen in der Gesellschaft auf enormes Echo, nachdem die Erneuerungskraft der Reformation nachgelassen hatte und zunehmend einer Selbstbeschäftigung mit Erstarrungstendenzen in Orthodoxie gewichen war. Die unzähligen Akademien, Sozietäten, Zirkel und Logen konnten in der Regel nicht einer bestimmten geistigen Strömung zugeordnet werden. Gemeinsam war ihnen aber eine oft hohe Unabhängigkeit von Stand, Beruf, staatlichen und kirchlichen Institutionen und zunehmend auch von konfessioneller Zugehörigkeit.64 Es ist sehr wohl möglich, dass Bach in der frühen Zeit mit einem der rosenkreuzerischen Zirkel mit seinen interessanten Zielen in Berührung kam. Direkte Anknüpfungspunkte dürften allerdings im thüringischen Raum nicht leicht zu finden gewesen sein. Hier bot Lübeck ganz andere Perspektiven. Dennoch dürfte die Ansicht, Bachs Verlängerung seines Aufenthaltes in Lübeck 1706 sei mit der Kontaktsuche zu solchen Kreisen zu begründen, eine Hypothese bleiben. Immerhin sind aber gerade in Lübeck intensive Verbindungen zu rosenkreuzerischem Gedankengut und zu Anhängern Jakob Böhmes in gut vernetzten Zirkeln nachweisbar.65 Dass Bach jedenfalls nicht wegen des musikalischen Lernens bei Buxtehude in Lübeck blieb, davon zeugt seine Antwort gegenüber dem Konsistorium in Arnstadt.66 In Lübeck fand er ein Klima vor, das seinem vielfältigen Suchen eine 63 Siehe Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band I und II. 64 Der dreißigjährige Krieg war ein harter Prüfstein für diese Ideale, hat sie aber letztlich stark gefördert. 65 Prominentester Vertreter war der Böhme-Freund und Rosenkreuzer Joachim Morsius (1593–1644), der zwar zweimal aus der Stadt ausgewiesen wurde, dessen umfangreichen Nachlass die Stadt jedoch später für eine hohe Summe zuhanden ihrer Bibliothek kaufte. Siehe Hauschild, S. 299, 302. 66 Bach gab gegenüber dem Arnstädter Konsistorium zu Protokoll, "Er sey Zu Lübeck gewe- ßen vmb daselbst ein vnd anderes in seiner Kunst Zu begreiffen". Siehe Bach-Dokumente II / 16, S. 20. Dies klingt unglaublich selbstbewusst; Bach fühlte sich, wie später mit Friedrich dem Großen, auf Augenhöhe mit Buxtehude. Er musste keine handwerklichen Dinge 44 EINLEITUNG Perspektive gab, die so in Thüringen nicht bestand. Worin genau sein Suchen bestand, wissen wir jedoch nicht. Die in vorliegender Arbeit aufgezeigten kunstvollen arithmetischen Strukturen im O=B lassen jedoch die Vermutung zu, dass Bach sich in Lübeck wesentliche Grundlagen für die Ausführung solcher Anliegen verschaffen konnte. Gerade die weiter unten dargestellte Analyse von Buxtehudes d-Moll Passacaglia zeigt den hohen Bildungshintergrund, den Buxtehude gehabt haben muss. In diesem Bereich hatte Bach zweifellos Lücken, die er füllen wollte. Dazu brauchte er Kontakt zu gebildeten Zirkeln. In diesen Zirkeln wurde selbstredend auch Gedankengut gepflegt, das nonkonformistisch war. Wie weit solches ihm entsprach, können wir erst in den letzten Leipziger Jahren nachweisen. Zunächst finden wir nirgendwo klare Zeugnisse einer Nähe Bachs etwa zu rosenkreuzerischem Gedankengut. Auch hier gibt nur die Analyse seines kompositorischen Werkes eine Möglichkeit, eine solche nachzuweisen. Im Vordergrund steht dabei, in den Texten oder der Musik zum Beispiel rosenkreuzerische Elemente oder Symbole nachzuweisen, wie etwa rosenkreuzerische Zahlen oder gematrische Verschlüsselungen rosenkreuzerischer Texte. Untersuchungen über rosenkreuzerische Elemente in Kantaten- und Passionstexten liegen bisher nicht vor. Solche Hinweise dürften auch schwierig zu finden sein, da eine Publikation von Kantatentexten nicht ohne kirchliche Zensur möglich war. In der vorliegenden Arbeit wird auf rosenkreuzerische Zahlen hingewiesen. Diese Hinweise sind zwangsläufig nicht zweifelsfrei gesichert. Sie sind auch nicht wesentlich für die Darstellung der nachfolgenden Ordnungsstrukturen im O=B. Da Bach aber selber keine Grenze zwischen mathematischen und symbolischen Strukturen zieht, scheint ihr Einbezug in die Betrachtungen gerechtfertigt zu sein. Dies macht die Frage schließlich obsolet, in welch genauem Verhältnis Bach inhaltlich und zeitlich zur Rosenkreuzerei stand, obwohl sie von Interesse bleibt. mehr lernen. Hingegen dürfte Buxtehude im Bereiche allgemeiner Bildung für Bach interessant gewesen sein. Ich teile deshalb die Meinung von Michael Belotti, dass man Bach nicht als Schüler Buxtehudes bezeichnen dürfe. Belotti, S. 33. 45

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Bachs ‚Orgelbüchlein‘ (O=B) galt bislang als musikalischer Torso. Lediglich 46 von den insgesamt 164 im Autograph eingetragenen Choraltiteln wurden auch komponiert. Felix Pachlatko liefert anhand neu entdeckter arithmetischer Strukturen im Werk den Nachweis, dass das O=B nicht nur als in seiner vorliegenden Form geplant, sondern auch als vollendet betrachtet werden muss. Dabei ist die Art und Weise, wie Bach das O=B strukturierte, nicht neuartig. Die Grundlagen dieser Verbindung von Musik und Mathematik liegen im pythagoreischen Denken begründet. Beispiele hierzu lassen sich in der Musik von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis hin zu Bachs unmittelbaren Vorgängern finden. Neben ganzzahligen Verhältnissen und Goldenen Schnitten werden im O=B erstmals auch Magische Quadrate und ein Magischer Kubus nachgewiesen. Das anspruchsvollste Konstrukt dürfte jedoch ein äußerst genauer Goldener Schnitt sein, der die gesamte komponierte Anlage betrifft und der mit der Mitte der Cantica pro tempore zusammenfällt.