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Vorwort in:

Felix Pachlatko

Das Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach, page 11 - 12

Strukturen und innere Ordnung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3898-7, ISBN online: 978-3-8288-6701-7, https://doi.org/10.5771/9783828867017-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
VORWORT Vorwort Mit diesem Wort aus der Bergpredigt (Mt. 7,7 Sucht, so werdet ihr finden) fordert Johann Sebastian Bach den Leser eines Kanons im Musikalischen Opfer auf, Lösungen für adäquate Stimmeneinsätze zu suchen. Erst das Finden der richtigen Stimmeneinsätze lässt aus der einstimmigen Musik Polyphonie und Harmonie entstehen. Bach erwähnt damit ein kombinatorisches Problem, das zugleich auf seine Weltanschauung und seinen Glauben verweist. Die vorliegende Arbeit geht kombinatorischen Problemstellungen nach, die Bach bei der Planung seines ersten großen Zyklus, des 'Orgelbüchleins', beschäftigt haben. Bach steht dabei ganz in einer Tradition, die von der Spätantike bis weit ins 18. Jahrhundert hinein Gültigkeit hatte, nach der die Musik in den quadrivialen Disziplinen der Mathematik beheimatet ist. Das Aufzeigen von kombinatorischen Strukturen im 'Orgelbüchlein' wirft ein neues Licht auf den Planungsprozess und die Intentionen, die Bach dabei geleitet haben mögen. Anregungen zu dieser Arbeit habe ich auf mannigfaltige Weise erhalten. Voraussetzung war eine besondere Liebe für kombinatorische Probleme, die mir in die Wiege gelegt wurde. In meinem Studienlehrer an der Basler Musikhochschule, Eduard Müller, fand ich einen außergewöhnlichen Kenner der Bachschen Instrumentalmusik, der mehrmals das gesamte Klavier- und Orgelwerk aufführte. Außerdem war er einer der Pioniere in der Erforschung von Zahlenstrukturen und -symbolik in Bachs Werken. Leider hat er dazu nichts veröffentlicht. Aber in den Unterrichtsstunden mit Bachschen Orgel- und Klavierwerken war dies stets ein Thema. Ohne ihn gäbe es diese Arbeit nicht. Meine eigenen Nachforschungen auf diesem Gebiet wurden nachhaltig beeinflusst durch die 1989 veröffentlichte Dissertation des damals noch wenig bekannten Holländers Albert Clement. In dieser Arbeit wurde, nach meinem damaligen Kenntnisstand zum ersten Mal in der Bachforschung, mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Strenge auch das Gebiet der Zahlenstrukturen und -allegorese bearbeitet. Damals ahnte ich nicht, dass Albert Clement dereinst als Doktorvater meine eigene Arbeit seiner unerbittlichen wissenschaftlichen Kritik unterwerfen würde. Er ließ dabei aber 11 FELIX PACHLATKO: DAS ORGEL-BÜCHLEIN VON JOHANN SEBASTIAN BACH stets sein großes Wohlwollen spüren und setzte sich mit nie endendem Eifer für diese Arbeit ein. Dafür bin ich ihm zu größtem Dank verpflichtet! Diese Arbeit haben weitere Personen maßgeblich beeinflusst, ohne direkt daran beteiligt gewesen zu sein. In besonderer Weise gilt dies für Thijs Kramer, dessen Grundlagenarbeit auf diesem Gebiet der Bachforschung meine eigenen Nachforschungen grundlegend verändert und gefördert haben. Meine Dissertation ist deshalb auch eine kleine Hommage an ihn. Es liegt im Wesen der Forschung, dass deren Ergebnisse Weiterführungen von Bestehendem und zugleich Anfang von Neuem sind. Eine kritische Sicht und eine gesunde Zurückhaltung gegenüber den aufgefundenen Ergebnissen sind dabei die Voraussetzung für eine erfolgversprechende Weiterarbeit. 12

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Zusammenfassung

Bachs ‚Orgelbüchlein‘ (O=B) galt bislang als musikalischer Torso. Lediglich 46 von den insgesamt 164 im Autograph eingetragenen Choraltiteln wurden auch komponiert. Felix Pachlatko liefert anhand neu entdeckter arithmetischer Strukturen im Werk den Nachweis, dass das O=B nicht nur als in seiner vorliegenden Form geplant, sondern auch als vollendet betrachtet werden muss. Dabei ist die Art und Weise, wie Bach das O=B strukturierte, nicht neuartig. Die Grundlagen dieser Verbindung von Musik und Mathematik liegen im pythagoreischen Denken begründet. Beispiele hierzu lassen sich in der Musik von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis hin zu Bachs unmittelbaren Vorgängern finden. Neben ganzzahligen Verhältnissen und Goldenen Schnitten werden im O=B erstmals auch Magische Quadrate und ein Magischer Kubus nachgewiesen. Das anspruchsvollste Konstrukt dürfte jedoch ein äußerst genauer Goldener Schnitt sein, der die gesamte komponierte Anlage betrifft und der mit der Mitte der Cantica pro tempore zusammenfällt.