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5 Methodisches Vorgehen:Hegemonieanalyse der G20-Gipfelerklärungen mithilfeeiner computerbasierten qualitativen Inhaltsanalyse in:

Jan Schablitzki

Die globale Finanzkrise 2007/2008: Endpunkt einer neoliberalen Hegemonie?, page 81 - 90

Der Wirtschafts- und Finanzdiskurs in den G20

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3999-1, ISBN online: 978-3-8288-6698-0, https://doi.org/10.5771/9783828866980-81

Series: Schriftenreihe des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen, vol. 24

Tectum, Baden-Baden
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Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelstellungnahmen 81 5 Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelerklärungen mithilfe einer computerbasierten qualitativen Inhaltsanalyse Erkenntnisinteresse dieser Arbeit ist herauszufinden, ob es infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 zu einem Fortbestehen der Hegemonie des Neoliberalismus im Wirtschafts- und Finanzdiskurs gekommen ist. In den vorherigen Kapiteln wurde dazu nicht nur das Konzept des Neoliberalismus definiert, sondern es wurde zudem gezeigt, dass es ab den 1970ern zum Etablieren einer globalen Hegemonie des Neoliberalismus im Wirtschafts- und Finanzdiskurs gekommen ist, welche durch die Wirtschaftsund Finanzkrise 2007/2008 disloziert, d. h. aufgebrochen und repolitisiert worden ist. Zur Überprüfung der Arbeitshypothese („Die neoliberale Hegemonie wird im Finanz- und Wirtschaftsdiskurs der G20 nach der Finanzkrise 2007/2008 reartikuliert“) ist es in dieser Arbeit jedoch nicht möglich, den gesamten Diskurs zur globalen Wirtschafts- und Finanzgovernance zu analysieren. Dies würde selbst bei der Einschränkung auf wahrnehmbare politisch-gesellschaftliche Kräfte, wie es Nonhoff vornimmt (Nonhoff 2006: 253), eines zu umfangreichen Textkorpus der Artikulationen diverser internationaler Akteure (inklusive Regierungen, NGOs/Zivilgesellschaft, Parteien, Internationaler Organisationen, Finanzmarktakteure und Wirtschafts- und Finanzexperten) bedürfen. Es wurde jedoch im theoretischen Teil dieser Arbeit hergeleitet, dass eine Hegemonie nicht nur die breit geteilte Dominanz bestimmter Forderungen im Vergleich zu alternativen Forderungen angibt, sondern gleichzeitig auch immer die Schaffung von Wirklichkeits- und Sagbarkeitsräumen (common sense) darstellt, bei denen Alternativen aus einem Möglichkeitsbereich der Erfüllung des Allgemeinen ausgegrenzt werden. Aus diesen Gründen wird im Folgenden die Hegemonieanalyse darauf eingegrenzt zu untersuchen, ob im ausgewählten Textkorpus weiterhin neoliberale Artikulationen vorherrschen, die versuchen, das Allgemeine zu repräsentieren bzw. einen dieses Allgemeine bedrohenden Antagonismus zu konstruieren. Die aus der Theorie abgeleitete Prämisse ist dabei, dass sollte der Neoliberalismus nach dessen organischen Krise weiterhin hegemonial im Wirtschafts- und Finanzdiskurs sein, so finden sich dessen hegemonialen Artikulationen auch weiterhin im ausgewählten Textkorpus wieder. Dislozierende Alternativen würden weiterhin aus dem Wirklichkeitsraum ausgeschlossen, oder durch Ausweitung der hegemonialen Artikulationen eingeschlossen. „It die hegemoniale Struktur eines individuellen Textes, J.S. is by no means identical with a hegemonic project at the level of discourse. At the same time, the hegemonic structure is not consituted by subjects in a voluntary manner. Subjects only posses a partial autonomy: Die globale Finanzkrise 2007/2008: Endpunkt einer neoliberalen Hegemonie? 82 they operate within the constraints of the existing discoursive context, which for example provides the vocabulary they can use or the ideas they can link up to“ (Bedall 2013: 202) Während die individuellen Texte somit selbst nicht hegemonial sein können, so sind sie doch in der Lage, hegemoniale Projekte zu reartikulieren (Bedall 2013: 202). Gleichfalls gilt es, dass sobald der hegemoniale Diskurskontext verloren geht, die Hegemonie – in diesem Fall der Neoliberalismus – auch nicht mehr im ausgewählten Textkorpus reartikuliert werden würde. Zudem kann festgestellt werden, ob ein Textkorpus einem hegemonialen Projekt zugeordnet werden kann. Die Nonhoff’schen Strategeme sollen dabei die so eingegrenzte Hegemonieanalyse anleiten. Das Untersuchungsobjekt, dessen Artikulationen in die Analyse bzw. in den Textkorpus aufgenommen werden, ist die „Gruppe der Zwanzig“ (G20). Die G20 wurden 1999 als Forum der Finanzminister und Zentralbankchefs zusammen mit dem Financial Stability Forum (FSF) gegründet. Auslöser war nicht nur die Asienkrise und deren Auswirkungen vorwiegend in den Ländern des Südens, sondern auch das veränderte globale Gewicht der Schwellenländern und das Vorhaben, diese in das von den G7 gestaltete Rahmenwerk der Finanzgovernance zu integrieren (Beeson/Bell 2009: 67; Cammack 2012: 3). Auch wenn die G20 häufig als „Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer“ bezeichnet werden, und auch wenn sie „about two-thirds of the world’s population, 85 per cent of global gross domestic product and over 75 per cent of global trade“ (G20 2015a) repräsentieren, so basiert die Mitgliedschaft nicht auf Wirtschaftsoder Bevölkerungsindikatoren. Andrew Cooper und Vincent Pouiliot argumentieren mit Verweis auf Aussagen von Paul Martin (damaliger Finanzminister Kanadas) und Larry Summers (damaliger Vize- Finanzminister der USA), dass die Auswahl der Mitglieder „was quite clearly a mix of instrumentalism and personal preference“ (Cooper/Pouiliot 2015: 11). Neben der Auswahl von Regionalmächten und geopolitischen Alliierten der USA, wurden einzelne Finanzminister bisweilen willkürlich eingeladen (Cooper/Pouiliot 2015: 11). Die Mitgliedschaft der G20 umfasst Argentinien, Australien, Brasilien, Deutschland, die Europäischen Union, Frankreich, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Südkorea, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Türkei, die Vereinigten Staaten von Amerika, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland sowie die Volksrepublik China (G20 2015a). Daneben besteht das G20-Netzwerk aus einer Vielzahl an Gipfel vorbereitenden und Politikfelder bearbeitenden Arbeitsgruppen und Partnerinstitutionen, insbesondere dem FSF und dem IMF, sowie einer Reihe an wechselnden Gastländern, wobei Spanien ein „Permanent Guest“ ist (Cooper 2010: 744, 745; Cooper/Pouliot 2015: 10): „... T he G20 does have both symbolic and instrumental advantages in its Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelstellungnahmen 83 ‚bridging’ function between the established North and the ‚rising’ powerhouses of the global South“ (Cooper 2010: 743). Auch aus diesem Grund fand im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 eine Transformation des Gipfels der Finanzminister zu einem Club der Staats- und Regierungschefs statt, bei der sich die G20 als „steering committee“ bzw. „premier forum for global economic governance“ (Cooper 2010: 741; vgl. auch Cammack 2012: 1,2; Luckhurst 2012: 741) und der globalen Krisenpolitik etablierten. Eine institutionelle Krisenmaßnahme dabei war auch die Aufwertung des Financial Stability Forums (FSF) zum Financial Stability Board (FSB) mit erweiterter Mitgliedschaft und der Funktion, globale Finanzstandards zu erarbeiten sowie nationale Regulierungen zu koordinieren und zu betreuen (Germain 2011: 53,54). Zum einen bilden die G20 ein Kollektivsubjekt, welches nicht nur einen hohen Grad an Wahrnehmbarkeit und Relevanz aufweist, sondern auch als Staatenclub sowie als Kollektiv entscheidender Wirtschafts- und Finanzzentren eine relative Macht innehat. Zum anderen bilden die G20 als Forum des internationalen Konsenses selbst einen Diskurs bzw. lassen sich anhand der Artikulationen der G20 bereits Versuche der Äquivalenzierung differenter Forderungen ablesen. Dabei kann, wie bereits im Zusammenhang mit dem gated-Neoliberalization-Ansatz begründet, die Gruppe der Zwanzig als ein „host organism“ des globalen neoliberalen Rahmenwerks fungiert, während sie gleichzeitig Ausdruck und Schmelztiegel nationaler neoliberaler Projekte ist. Dass die Auswahl der G20 als Untersuchungsobjekt nicht dadurch verzerrt wird, dass dieses Diskurssubjekt bereits vor der Krise gegen-hegemoniale und vom Neoliberalismus abweichende Forderungen artikuliert hat, zeigen Mark Beeson und Stephen Bell. Wenngleich sich deren Untersuchung auf die Gruppe der 20 Finanzminister bezieht, stellen die Autoren fest, dass „ideas and positions endoresed within the G- 20 are broadly neoliberal in character“ (Beeson/Bell 2009: 75). Innerhalb des Schlüsseldokuments „G-20 Accord for Sustainable Growth“ aus dem Jahr 2004 würden neoliberale Politikempfehlungen dominieren: „... P rice stability, fiscal discipline, labor market flexibility, competition, transparency and accountability, good governance, and trade and capital liberalization. In the financial arena, the reform agenda aims to promote the vision of relatively free and light regulated capital flows and deal with potential problems by strongly encouraging target countries to improve and modernize their economic and financial governance arrangements“ (Breeson/Bell 2009: 75) Zur folgenden Analyse der Gipfelstellungnahmen der G20 Staats- und Regierungschefs kann nicht auf einen eingegrenzten Kanon der Methoden zur Hegemonieanalyse zurückgegriffen werden. Der theoretische Zugang dieser Arbeit in Form der Hegemonietheorie sowie die Untersuchung der G20- Die globale Finanzkrise 2007/2008: Endpunkt einer neoliberalen Hegemonie? 84 Artikulationen auf hegemoniale Strategien des Neoliberalismus bedingen jedoch, dass eine interpretative Methodologie angewendet wird, die dabei die Grenzen der Objektivität reflektiert und primär das Gütekriterium der Plausibilität erfüllt. Ergebnisse der Analyse sind damit keine objektiven Fakten, sondern die plausible Überprüfung von induktiv erarbeiteten Proto- Ergebnissen, wie in den vorherigen Kapiteln geschehen (Methmann 2013: 8,9; Wullweber 2010: 45f): „Mainstream scholars, then, criticize these approaches for their ‚anything goes’ relativism or even for not being scientific at all“ (Methmann 2013: 9). Um dieser Kritik zu entgehen und um die Plausibilität nicht allein daran zu überprüfen, ob die Erklärungen der Analyse dem theoretischen Wahrheitshorizont entsprechen (vgl. Methmann 2013:11; Wullweber 2010: 48, 49), soll mithilfe der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse (in Form einer computerbasierten Inhaltsanalyse mit dem Programm MAXQDA) der Grad der intersubjektiven Überprüfbarkeit erhöht werden. Zugleich wird die Methode offen genug gestaltet, um dem interpretativen Anspruch gerecht zu werden. Ziel der qualitativen Inhaltsanalyse ist es, den Inhalt bzw. den Sinn eines Textes zu erfassen und zu interpretieren, indem Analyseeinheiten auf ihren latenten Sinn innerhalb eines Kategoriensystem untersucht werden (Ramsenthaler 2013: 23). Das zur Analyse verwendete Kategorienschema sowie die dazu erstellten Regeln der Zuordnung bilden nicht nur Grundlage der Intersubjektivität (Mayring 2010: 602), sondern grenzen die qualitative Inhaltsanalyse auch von Methoden der „‚freien’ oder ‚impressionistischen’ Interpretation“ ab (Mayring 2010: 603). Philipp Mayring unterscheidet drei Grundtechniken der qualitativen Inhaltsanalyse: Die Zusammenfassung, welche die Kernaussagen eines Textkorpus kondensiert, die Explikation, welche interpretationsbedürftige Textstellen durch eine Kontextanalyse erläutert und die Strukturierung, welche mithilfe des Kategorienschemas Strukturmerkmale eines Textkorpus herausfiltert (Mayring 2010: 602, siehe auch Diekman 2008: 608f ; Ramsenthaler 2013: 30f). Während bei einem induktiven Vorgehen die Erstellung des Kategorienschemas am Ende der Inhaltsanalyse steht, wird im deduktiven Verfahren das Kategorienschema theoriegeleitet a priori erstellt und in der Auseinandersetzung mit dem Textkorpus angewandt (Mayring 2010: 604f). Beiden Verfahren ist jedoch die zirkuläre Anpassung des Kategorienschemas im Verlauf der Inhaltsanalyse gemein. Jedes Kategorienschema muss zur angemessen Interpretation immer eng auf den zu untersuchenden Textkorpus zugeschnitten sein (Mayring 2010: 603): „Kategorien sind induktiv, weil sie direkt aus dem Text gewonnen werden. Ein Kennzeichen hierfür ist, dass der Name der Kategorie häufig indirekt aus dem zu analysierenden Text stammt“ (Ramsenthaler 2013: 25). Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelstellungnahmen 85 Diese Arbeit wählt die Form der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse. Dabei ist das offene Kategorienschema im deduktiven Vorgehen vor der Analyse an der Konzeptualisierung des Neoliberalismus sowie der Hegemonietheorie mit den Nonhoff’schen Ergänzungen orientiert. Es bleibt anschließend jedoch für zirkuläre Kategorienanpassungen geöffnet ist. Angelehnt an das von Mayring beschriebene Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2010: 605f), wird dazu im Folgenden zunächst das untersuchte Material bzw. der Textkorpus der Analyse ausgewählt und charakterisiert. Anschließend werden die Analyseeinheiten festgelegt und die Kategorien der Analyse bestimmt. Letztere werden mittels eines Kodebuches sowie des dazu erstellten Kodierleitfaden in Form von Kategoriedefinitionen strukturiert. Nachdem das Kodebuch induktiv an den Textkorpus angepasst worden ist, findet es in der endgültigen Materialdurchsicht seine Anwendung, bevor das nächste Kapitel die Ergebnisse darstellt und interpretiert. Als Textkorpus bzw. als Material, um die Artikulationen der G20 zu analysieren, werden die Gipfelstellungnahmen der Staats- und Regierungschefs im Zeitraum 2008 bis 2014 ausgewählt. Dies betrifft folgende G20-Gipfel, welche zunächst zweimal im Jahr und ab 2011 einmal im Jahr stattfanden: Washington (USA) im Jahr 2008 London (Großbritannien) im Jahr 2009 Pittsburgh (USA) im Jahr 2009 Toronto (Kanada) im Jahr 2010 Seoul (Südkorea) im Jahr 2010 Cannes (Frankreich) im Jahr 2011 Los Cabos (Mexico) im Jahr 2012 Sankt Petersburg (Russland) im Jahr 2013 Brisbane (Australien) im Jahr 2014 Da die Gipfeldokumente (G20 2015b) kein einheitliches Format aufweisen, häufig mehr als die Abschlussstellungnahmen umfassen (z. T. dienen diese nur als Einleitung) und da es dieser Arbeit nicht möglich ist, eine Vollerhebung aller Dokumente vorzunehmen, muss eine bewusste Auswahl einer angemessenen Stichprobe vorgenommen werden. Ausgangspunkt bildet die Deklaration des Gipfels 2008 in Washington. Teil des Dokuments ist ein Anhang (kenntlich durch die neubeginnende Seitenzählung) über den „Action Plan to Implement Principles for Reform“. Dieses Dokument soll die Auswahl insofern anleiten, dass die Gipfeldokumente vereinheitlicht werden, indem die Gipfelerklärungen um Anhänge mit dem Titel „Action Plan“ sowie Anhänge zu den Themen „Wachstum“ und „Finanzmärkte“ ergänzt werden. Nicht in die Analyse mit aufgenommen werden jene Aktionspläne, die lediglich eine Auflistung der Vorhaben einzelner National- Die globale Finanzkrise 2007/2008: Endpunkt einer neoliberalen Hegemonie? 86 staaten darstellen. Die unten stehende Tabelle 1 „Dokumentenauswahl G20-Gipfelstellungnahmen“ gibt die bewusst ausgewählten Dokumente sowie die nicht in die Auswahl aufgenommenen Dokumente wieder. Tabelle 1: Dokumentenauswahl G20-Gipfelstellungnahmen G20 Gipfel (Ort/Jahr) Ausgewählte Dokumente Nicht ausgewählte Dokumente Washington 2008 1. Summit Declaration, inklusive: Action Plan to Implement Principles for Reform London 2009 2. Leaders’ Statement Pittsburgh 2009 3. Leaders’ Statement, inklusive: ANNEX Core Values for Sustainable Economic Activities“ G20 Framework for Strong, Sustainable, and Balanced Growth Toronto 2010 4. Summit Declaration, inklusive: ANNEX I The Framework for Strong, Sustainable and Balanced Growth ANNEX II Financial Sector Reform ANNEX III Enhancing the Legitimacy, Credibility and Effectiveness of the IFIs and Further Supporting the Needs of the Most Vulnerable Seoul 2010 5. Leaders’ Declaration 6. Seoul Summit Document (inklusive The Seoul Action Plan) 7. ANNEX I. Seoul Development Consensus for Shared Growth ANNEX II. Multi-Year Action Plan on Development (sehr enger Fokus auf Entwicklungsländer) ANNEX III. Anti-Coruption Action Plan SUPPORTING DOCUMENT I. Policy Commitments by G20 Member Cannes 2011 8. Final Declaration Cannes Action Plan for Growth and Jobs (primär Vorhaben der Nationalstaaten) Los Cabos 2012 9. Leaders’ Declaration Los Cabos Growth and Jobs Action Plan (primär Vorhaben der Nationalstaaten) Sankt Petersburg 2013 10. Leaders’ Declaration St Petersburg Action Plan (primär Vorhaben der Nationalstaaten) St Petersburg Accountability Report on G20 Development Commitments St Petersburg Development Outlook G20 5th Anniversary Vision Statement Brisbane 2014 11. Leaders’ Communique 12. Brisbane Action Plan G20 Note on the Global Infrastructure Initiative and Hub Financial Inclusion Action Plan G20 Plan to Facilitate Remittance Flows G20 Food Security and Nutrition Framework Development Working Group Accountability Framework 2015-2016 G20 Anti-Corruption Action Plan G20 High-Level Principles on Beneficial Ownership Transparency G20 Principles on Energy Collaboration G20 Energy Efficiency Action Plan The 2015 G20 Accountability Assessment Process 2014 Accountability Assessment Report Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelstellungnahmen 87 Aus den genannten Dokumenten sollen einzelne Wörter (z. B. „competition“, „labout market“) zwar die Zuordnung bestimmen, die Analyseeinheit bilden jedoch die jeweiligen Sätze (hier sind auch Stichpunkte gemeint) und Absätze, in denen diese Wörter enthalten sind (vgl. Diekman 2008: 588). Damit wird nicht nur gewährleistet, dass einzelne Wörter in ihrem Sinnzusammenhang interpretiert werden, sondern auch das Kriterium der Intersubjektivität durch die Nachvollziehbarkeit der Zuordnung über den Wortkontext erfüllt wird. Absätze werden dann in das Kategorienschema aufgenommen, wenn Sätze mit den entsprechenden „Kategoriewörtern“ aufeinanderfolgen und somit eine Themeneinheit bzw. einen abgrenzbaren Kategoriekontext bilden. Sätze, in denen die entsprechenden Wörter nicht enthalten sind, trennen diese Themeneinheiten. Bevor das Kategorienschema induktiv am ausgewählten Textkorpus ausgerichtet wird, ist dessen Erstellung zunächst theoriegeleitet, d. h. sie leitet sich aus den vorherigen Ausführungen zur Hegemonietheorie Laclaus und Mouffes sowie den Nonhoff’schen Ergänzungen ab. Da sich die anschlie- ßende Interpretation der hegemonialen Kernstrategeme Nonhoffs bedient, soll bereits das strukturierende Kategorienschema diese aufnehmen. Dies geschieht jedoch ausgewählt, weil sich die Strategeme z. T. aus den selben Artikulationen ableiten und sie damit nicht die analytische Trennschärfe des Kategorienschemas aufweisen. Außerdem wird neben einem Fokus auf die Kernstrategeme eine Änderung in der Ordnung der Hegemoniestrategeme Nonhoffs vorgenommen, um die Hegemonieanalyse besseren auf die Fragestellung dieser Arbeit anzupassen. Des Weiteren ist die induktive Überarbeitung des Kategorienschemas durch die Fragestellung bzw. die vorherige Konzeptualisierung des Neoliberalismus sowie die Überlegungen zum globalen Neoliberalismus als Hegemonie im Kapitalismus-, Wirtschafts- und Finanzdiskurs bestimmt. Damit soll das Kategorienschema primär Artikulationen zur Ausgestaltung von Wohlstand und Wachstum sowie zur Rolle des Staates, des Marktes und deren Beziehung aus dem Textkorpus herausfiltern. In der ersten Oberkategorie bzw. Untersuchungsvariablen werden die G20- Dokumente auf jene Artikulationen untersucht, die Äquivalenzierungen differenter, am Allgemeinen orientierter Forderungen darstellen. Diese Variable beinhaltet demnach Artikulationen, die auf die Ausgestaltung von Wachstum und Wirtschaft sowie das Bewältigen der Wirtschaftskrise gerichtet sind und dazu Äquivalenzketten bilden. Im Zusammenhang mit dem ersten Strategem schreibt Nonhoff bereits auch der Bereitstellung von Subjektpositionen eine hervorgehobene Bedeutung zu (Nonhoff 2006: 214). Damit verliert dieser Teil des Strategems seine Trennschärfe zum ergänzenden hegemonialen Strategem der Einrich- Die globale Finanzkrise 2007/2008: Endpunkt einer neoliberalen Hegemonie? 88 tung/Fortschreibung von Subjektpositionen für politisch-gesellschaftliche Kräfte. Das ergänzende hegemoniale Strategem wird von Nonhoff selbst in dessen empirischen Analyse gleichrangig mit den Kernstrategemen behandelt (Nonhoff 2006: 259, 275). Aus diesen Gründen wird hierzu eine gesonderte Untersuchungsvariable zur Einrichtung/Fortschreibung von Subjektpositionen für politisch-gesellschaftliche Kräfte in das Kategorienschema aufgenommen. Es werden Artikulationen zugeordnet, die Subjektpositionen im Zusammenhang mit der Erreichung des Wachstums/Wohlstands sowie der Krisenbewältigung einrichten. Insbesondere sollen Subjektpositionen zu Marktteilnehmern untersucht werden. Die dritte Variable des Kategorienschemas ist die der Antagonistischen Zweiteilung des diskursiven Raumes. Obwohl sich die Konstruktion des Antagonismus auch durch jene Artikulationen vollzieht, die auf die Repräsentation des Allgemeinen gerichtet sind (siehe erste Untersuchungsvariable), seien hierunter Artikulationen gefasst, mit denen direkt die Bedrohung des Wachstums bzw. Ursachen von Wirtschaftskrisen konstruiert werden. Die Repräsentation des Allgemeinen als das dritte Nonhoff’sche Kernstrategem bildet eine vierte Untersuchungsvariable. Es soll hierbei untersucht werden, welcher partikularen Forderung die Aufgabe zukommt, die differenten Forderungen in Richtung der Ausgestaltung der Wirtschaft und des Wachstums zu überspannen und damit in Richtung einer Dimension zu äquivalenzieren. Das ergänzende Strategem der Emergenten Interpretationsoffenheit wird hierzu zugeordnet. Da sich dieses Kernstrategem aus jenen Artikulationen der ersten drei Variablen ableitet und damit in der Methode der quantitativen Inhaltsanalyse eine Kategorienüberschneidung darstellen würde, wird hierzu keine gesonderte Untersuchungsvariable im Kategorienschema eingerichtet. Vielmehr ist es Aufgabe der späteren Ergebnisinterpretation festzustellen, welche Forderungen bzw. welcher leerer Signifikant die Aufgabe übernimmt, das Allgemeine zu repräsentieren. Auch die übrigen Strategeme werden innerhalb dieses Interpretationsschritts behandelt, dies jedoch weniger detailliert. Da in dieser Arbeit der Wortzusammenhang und die spätere Interpretation entscheidend ist, und nicht wie z. B. bei einer quantitativen Inhaltsanalyse die Anzahl einzelner gleichbedeutender Wörter, wird ein eher offenes Kodebuch21 mit weiten, intentionalen Kategoriendefinitionen verwendet (vgl. Mayring 2010: 609). Die unten stehende Tabelle 2: „Kategorienschema“ zeigt das Kategorienschema auf Basis der Untersuchungsvariablen sowie der induktiv aus dem Textkorpus der G20-Stellungsnahmen gewonnen Kategorien. Der 21 Siehe hierzu Anhang: Kodebuch Methodisches Vorgehen: Hegemonieanalyse der G20-Gipfelstellungnahmen 89 sich anschließende Abschnitt interpretiert die Ergebnisse der Zuordnung. Tabelle 2: Kategorienschema V1: Äquivalenzierungen differenter, am Allgemeinen orientierter Forderungen Wachstum - Nachhaltig Wachstum - Stark Wachstum - Ausgewogen / Ausgeglichen („Balanced“) Wachstum - Stabil Wachstum - Fair/Gerecht/Sozial Wachstum - Inklusiv/Geteilt Wachstum - Grün Entwicklung / Armutsreduktion Ernährungssicherheit / Energiesicherheit Schaffung von (guten) Arbeitsplätzen Umweltschutz Energie-/Ressourceneffizienz Intervention Wirtschaftsstimulus Liquidität / Rekapitalisierung Öffentliche Investitionen Nachfrage(-förderung) Globale Nachfragebalance Angebotsförderung Soziales Sicherheitsnetz / Einkommenssicherheit / Arbeitsmarkt Soziale Folgen der Finanzkrise Regulierung / Kontrolle / Aufsicht / Standards Konsumentenschutz Eingebettete Finanzmärkte Verantwortung von Finanzfirmen Finanzielle Inklusion Stabilität Stärke/Stärkung des Marktes Widerstandsfähigkeit/Resilienz des Marktes Finanzielles Sicherheitsnetz Sicherheit des Marktes („Certainty“, „Security“, „Safety“) Risikokontrolle (Manager-) Gehälter Transparenz des Marktes Marktintegrität/Gut funktionierende Märkte Wachstumsfreundliche Regulierung Deregulierung Marktfreiheit Freihandel/Kein Protektionismus Marktverzerrungen Marktprinzipien Wettbewerb / Produktivität Wettbewerbs- / Marktbasierte Wechselkurse Effizienz Flexibilität / Lebenslanges Lernen Anreize Marktumfeld / -bedingungen Public-Private-Partnership Monetarismus Fiskalkonsolidierung Steuern Vertrauen („Confidence“, „Trust“) V2: Einrichtung/Fortschreibung von Subjektpositionen für politisch-gesellschaftliche Kräfte Individueller Nationalstaat Auf nationale Bedingungen abgestimmt Kooperierender Staat Informationsaustausch Nicht-G20-Staaten Schwellenländer Entwicklungsländer Bevölkerung Frauen Jugendliche Humanressourcen / Humankapital Arbeitnehmer / Arbeiter Unternehmen/Privatsektor Banken/Finanzfirmen/Finanzmarkt Zivilgesellschaft V3: Antagonistischen Zweiteilung des diskursiven Raumes Krisenursache – Deregulierung Krisenursache – Verantwortungslosigkeit/Marktexzesse Krisenursache – Risiko Krisenursache – Fehlende Kooperation Wachstumshindernisse Volatile Märkte Vulnerabilität der Märkt Marktmissbrauch Korruption / Geldwäsche Shadowbanking Steuerflucht / Bankgeheimnis Nichtkooperative Jurisdiktionen

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Zusammenfassung

Mit der Finanzkrise 2007 stürzten nicht nur Banken, Versicherer und zuletzt auch Staaten in die Krise. Auch das neoliberale Versprechen eines allgemeinen Wohlstandswachstums durch größtmögliche Marktfreiheit wird mittlerweile von vielen Seiten in Frage gestellt.

Ob die jüngste globale Wirtschafts- und Finanzkrise zu einem tatsächlichen Bruch mit der Vorherrschaft neoliberalen Denkens in den Kreisen der politischen Entscheider führte, überprüft Jan Schablitzki anhand der G20-Gipfelstellungnahmen der letzten Jahre. Dabei wird in einem ersten Schritt der Neoliberalismus in seiner Abgrenzung zu anderen Wirtschaftsvorstellungen definiert und basierend auf der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe als hegemoniale Form identifiziert. Nach dem Aufbrechen der neoliberalen Hegemonie durch die Finanzkrise untersucht der Autor anschließend, ob sich weiterhin hegemoniale Spuren des Neoliberalismus in den Gipfelstellungnahmen der G20-Staats- und Regierungschefs zwischen 2008 und 2014 finden lassen und schließt mit einer Analyse, ob der Neoliberalismus auch diese Krise unbeschadet überstehen oder ob alternatives Denken bereits an Raum gewinnen konnte.