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6. PSYCHODIAGNOSTISCHE EBENEN in:

Jutta Ströter-Bender, Annette Wiegelmann-Bals (Ed.)

Historische und aktuelle Kinderzeichnungen, page 245 - 252

Eine Forschungswerkstatt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3991-5, ISBN online: 978-3-8288-6696-6, https://doi.org/10.5771/9783828866966-245

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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6. PSYCHODIAGNOSTISCHE EBENEN 245 247 Annette Wiegelmann-Bals Aspekte psychologischer Deutung von Kinderzeichnungen Dieses Kapitel umfasst einige grundlegende Ausführungen zu der Frage, wie sich in einem Bild innere Zustände widerspiegeln können. Der Psychologe Jung hat sich intensiv mit diesem Aspekt auseinandergesetzt. Jung empfand in seiner Analytischen Psychologie schon früh das Bedürfnis, seelische Zustände im Bilde zu ergründen. In seiner wissenschaftlich-psychologischen Abhandlung »Wandlungen und Symbole der Libido« (Jung 1985: 6) zog er das symboltragende Bild zur Klärung dieses Kontextes heran. Wichtige Impulse empfing Jung durch Zimmer, insbesondere durch dessen richtungsweisendes Werk »Kunstform und Yoga« (Zimmer 1926, zit. n. Jacobi 1985: 6), in welchem der Autor tiefe Zusammenhänge erklärt und darlegt, in welcher Form sich die innere Anschauung der Seele zeigen kann. Der Ansatz, Kinderzeichnungen als Spiegel des Unbewussten zu begreifen, basiert auf der Annahme, dass Bilder seelische Inhalte oder Vorgänge sichtbar werden lassen. Letztere können veranlasst worden sein durch »eine mehr oder minder vage Vorstellung, einen Zustand, ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Fantasie, eine Traum- und Wachversion, ein Geschehen usw., das wir in Worte nicht adäquat ausdrücken können, weil es in abstrakte Begriffe kaum zu fassen ist.« (Jacobi 1985: 34) Einen methodischer Leitfaden zum Verstehen von Bildern im oben beschriebenen Sinne entwickelte Jacobi, Schülerin und langjährige Mitarbeiterin Jungs. Dieser impliziert Interpretationen zu • dem allgemeinen Eindrucks- und Ausdruckscharakter des Bildes der Bedeutung des verwendeten Materials, • der Beziehung zwischen Bild und Raum, • den Proportionen, • der Organisiertheit des Bildes, • der Bewegung, • der Perspektive, • den Farben, • den Zahlen, • den Bildelementen und zu • der individuellen und kollektiven Bedeutung des Bildes. Die folgenden Ausführungen beinhalten Überlegungen zur Bewegung und Strichführung. (Vgl. Jacobi 1985: 9 ff.) 248 Kinderzeichnungen | 6. Psychodiagnostische Ebenen Bewegung Die Emotionalität des Seelenhintergrundes kann in einer Zeichnung deutlich werden: • durch die Bewegung der Linien und Formen, • durch die Bewegtheit des Bildes bzw. seiner Elemente in eine oder mehrere Richtungen, • durch die verwendeten Intensitätsgrade und Farben und/oder • durch bestimmte Darstellungsmotive. Die Psyche stellt ein System zur Selbstregulierung dar und ist dem Gesetz der Kompensation unterworfen. Aus dieser Perspektive betrachtet wirkt sich jeder Bewegungsausdruck in einem Bild auf das Innenleben der Zeichnerin bzw. des Zeichners polarisierend und ausgleichend aus. Der Bewegungsausdruck verdient aus diesem Grund aufmerksame Beachtung. (Vgl. Jacobi 1985: 79 ff.) Literatur Jacobi, Jolande: Vom Bilderreich der Seele. Wege und Umwege zu sich selbst. 2. Aufl. d. Sonderausgabe. Olten: Walter-Verlag 1985. Jung, C. G.: Gesammelte Werke. Band 9/II. Zürich 1951. S. 90, zit. n. Jacobi 1985, S. 82. Jung, Carl G.: Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Leipzig/Wien 1912, zit. n. Jacobi, J.: Vom Bilderreich der Seele. Wege und Umwege zu sich selbst. Olten 1985, S. 6. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien – eine qualitativ-empirische Untersuchung von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen 2009 (Hinweis: Aus dieser Arbeit enthält dieser Artikel Textauszüge.). Zimmer, H.: Kunstform und Yoga im indischen Kultbild. Berlin 1926, zit. n. Jacobi 1985, S. 6. 249 Annette Wiegelmann-Bals Zur psychologischen Bedeutung des Schattens in einer Kinderzeichnung »Der Schatten hat mehr Macht als das Licht, denn er kann das Licht abschaffen und die Körper vollends des Lichts berauben.« (Leonardo da Vinci) Schatten in Kinderzeichnungen können auf der Folie psychologischer Überlegungen betrachtet werden. Dazu zunächst einige grundlegende Ausführungen zu der Frage, wie sich in einem Bild innere Zustände widerspiegeln können. Zu diesem Themenbereich wurden in der Vergangenheit vermehrt Forschungsergebnisse (Vgl. Brochmann 1997; Schuster 2001; Krenz 2002; Horn 1998; Weidenmann 1988, Fleck-Blangert 1994; Andersen 1998; Sehringer 1999; Schneebeli 2000; Reichelt 1996; Seitz 1995; Egger 1984; DiLeo 1992) publiziert. Auch der Psychologe Jung hat sich intensiv mit dieser Zugangsweise auseinandergesetzt. (Jung 1912) Bilder enthalten natürlich nicht nur unbewusstes Material. Themen jeglicher Art können in ihnen aufgearbeitet werden. Die Auswahl dieser Inhalte wird jedoch nach Jacobi unbewusst gesteuert. Bilder ermöglichen uns Einblicke in Seelenlandschaften und die emotionalen Hintergründe der Psyche, »wo das Unaussprechbare, das nur Dunkel-Geahnte und Dumpf-Gespürte, das Unfassbare und doch gewaltig Drängende beheimatet ist, das sich einst in Kulten und Riten, Mythen und Märchen auszudrücken vermochte und heute oft nur mehr in Komplexen und Ressentiments, in neurotischen und psychischen Zuständen, in Symptomen physischer und psychischer Natur in Erscheinung tritt.« (Jacobi 1985: 35) In diesem Kontext ist zu betonen, dass der vergegenständlichte Ausdruck innerer psychischer Geschehnisse eine diagnostische Bedeutung aufweist. Diagnostische Überlegungen Nach Koppitz (Koppitz 1972) können Schattierungen von Körperteilen in der Menschendarstellung Hinweise auf Angst bezüglich des schattierten Teiles geben. (Vgl. Schuster 2000: 117) Zudem wird es von Cohen-Liebmann (Cohen-Liebmann 1995) als eines von vielen Merkmalen aufgeführt, welches auf sexuellen Missbrauch hinweisen kann. Auch in den Studien von Ogdon (Ogdon 1981: 26f) werden Schattierungen als graphologische und allgemeine Indices aufgeführt. Takahashi nennt »schattierte und schraffierte Linien, die das Blatt ausfüllen, gebogene, abfallende Linien und dünne Linien« (Takahashi 1995: 677) aufgrund von Depression und Niedergeschlagenheit als Strukturqualität von Kritzeleien. Der Gebrauch von Schattierungen wird auch auf Skalen zur schöpferischen Leistungsfähigkeit aufgegriffen. (Barr-Johnson 1982) Des Weiteren treten sie in Kodierungssystemen zur zeichnerischen Darstellung eines Menschen auf. (Vgl. Koppitz 1968; Cambier 1976; Naglieri/McNeish/Bardos 1996; Machover 1949; Thomas 1966; Mitchell/McArthur 1993) 250 Kinderzeichnungen | 6. Psychodiagnostische Ebenen Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Schatten, wenn er in Erscheinung tritt, verschiedene u. a. folgende Ursachen haben kann: • Das Kind setzt sich mit dem Schatten als pysikalisches Phänomen auseinander. (Siehe Abbildungen 1 und 2) • Der Schatten dient als darstellendes Mittel von »Tiefe« in der kindlichen Bildkomposition. 28 • Die Schattierung ist ein Indiz für Angst oder eine andere seelische Notsituation. In diesem Fall ist es zu empfehlen, dass Kind zu beobachten, mit ihm ins Gespräch zu kommen und ggf. ExpertInnen zu Rate zu ziehen. Die Entstehung und Bedeutung eines Schattens in einer Kinderzeichnung sollte nur im Kontext der Gesamtsituation (Entstehungssituation, Situation des Kindes, Vorerfahrungen, aktuelle Situation) erschlossen werden. Das Gespräch mit dem Kind z. B. über die Zeichnung bietet hier eine relevante Informationsquelle, auf welche nicht verzichtet werden kann. In der aktuellen Gegenwartskultur, in der die Diagnostik u. a. durch die Inklusion zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist es von besonderem Wert, wissenschaftlich fundierte diagnostische Grundlagen in der ErzieherInnen- und LehrerInnenausbildung zu vermitteln und durch wissenschaftliche Forschung weiterzuentwickeln. 28 Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter zeichnen in ihren spontanen, nicht angeleiteten Bildkompositionen selten einen Schlagschatten. Eine Befragung in einer Grundschule ergab, dass hundert Prozent der befragten Erst- und neunzig Prozent der befragten Drittklässler noch nie einen Schatten gezeichnet hatten. Die Frage nach dem Grund für das seltene Berücksichtigen eines Schattens in ihren Zeichnungen wurde von den Kindern folgendermaßen beantwortet: »Das ist zu schwierig.« Fast allen befragten Kindern war das Phänomen des Schattens jedoch aus ihrer Erfahrungswelt bekannt. Auf Nachfrage erzählten sie von körperlichen Empfindungen, wie den wohltuenden kühlen Schatten im Freibad oder am Strand, wenn die Sonne »brennt«. Untersuchungen von Elisabeth Plé haben ergeben, dass der Schatten für Kinder auch animistische Züge aufweisen kann. »Er verfolgt den eigenen Körper, kann einen erschrecken (vor allem nachts), und zeugt davon, dass jemand/etwas da ist.« (Plé, 2014) Abb. 1/Abb. 2: Kindliche Auseinandersetzung mit dem physikalischen Phänomen des Schattens 251 Wiegelmann-Bals | Zur psychologischen Bedeutung des Schattens in einer Kinderzeichnung Literatur Andersen, E.: Was Kinderzeichnungen uns sagen können. Hamburg 1998. Barr-Johnson, V.: Challenging the right side of brain. Creative Child and Adult Quarterly, 7, 4, 1982, S. 218 – 225. Brochmann, I.: Die Geheimnisse der Kinderzeichnungen. Stuttgart 1997. Cohen-Liebmann: Drawings as judicary aids in child sexual abuse litigation: a composite list of indicators. The Art in Psychotherapy 5, 1995, S. 475 – 483. DiLeo, J. H.: Die Deutung von Kinderzeichnungen. Karlsruhe 1992. Egger, B.: Bilder verstehen. Wahrnehmung und Entwicklung der bildnerischen Sprache. Gümlingen 1998. Fleck-Blangert, R.: Kinder setzen Zeichen. Kinderbilder sehen und verstehen. München 1994. Horn, G.: Kindheit und Phantasie. Entwicklungsphasen im Spiegel innerer Bilder. Lengerich/Berlin/Düsseldorf/Leipzig: Pabst 1998. Jacobi, J.: Vom Bilderreich der Seele. Wege und Umwege zu sich selbst. Olten 1985. Jung, Carl G.: Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Leipzig/Wien 1912. Koppitz, E.: Die Menschdarstellung in Kinderzeichnungen und ihre psychologische Auswertung. Stuttgart: Hippokrates 1972. Koppitz, E. M.: Psychological Evaluation of Children’s Human Figure Drawings. New York: Grune and Stratton 1968. Krenz, A.: Was Kinderzeichnungen erzählen. Kinder in ihrer Bildsprache verstehen. Dortmund 2002. Machover, K.: Personality Projection in the Drawing oft he human Figure. Springfield I11.: C.C. Thomas 1949. Mitchell, J.; R. Trennt; R. McArthur: Human Figure Drawing Test (HFDT). An Illustrated Handbook for Clinical Interpretation and Standardized Assessment of Cognitive Impairment. Los Angeles, CA: western Psychoogical Services 1993. Naglieri, J. A.; T. J. McNeish; A. N. Bardos: Draw A Person. Screening Procedure for Emotional. Disturbance (DAP: SPED). Examiner’s Manual. Austin, TX.: Pro Ed. And Los Angeles: Western Psychological Services 1996. Ogdon, D. P.: Handbook of Psychological Signs, Symptoms and Syndromes. Los Angeles: Western Psychological Services 1981, S. 26 f. Osterrieth, P. A.; A., und Cambier: Les deux personnages: L’etre humaain dessine par les garcons et les filles de 6 a 18 ans. Bruxelles: Editest 1976, S. 52 f. 252 Kinderzeichnungen | 6. Psychodiagnostische Ebenen Plé, Elisabeth: Die Sonne, mein Schatten und ich. 2016, http://images.google.de/imgres?im gurl=http://www.sonnentaler.net/aktivitaeten/optik/licht-schatten/sonne-schatten-ich/ images/schatten-3.jpg&imgrefurl=http://www.sonnentaler.net/aktivitaeten/optik/licht -schatten/sonne%25E2%2580%2591schatten%25E2%2580%2591ich/einleitung.html& h=289&w=400&tbnid=Ph819g58vom6HM:&zoom=1&tbnh=120&tbnw=166&usg=__ NAglkJulyzqIGdbNAhMBKTu1ty4%3D&docid=p1_t5_rjjRw8RM&sa=X&ei= VE3jU4WkDsPvOYWkgPgK&ved=0CC4Q9QEwBA, Download am 02.09.2016. Reichelt, S.: Verstehen, was Kinder malen. Sorgen und Ängste der Kinder in ihren Bildern erkennen. Zürich 1996. Schneebeli, E.: Kinderbilder innerer und äußerer Wirklichkeit. Basel 2000. Schuster, Martin: Psychologie der Kinderzeichnung. 3., überarb. Aufl. Göttingen: Hogrefe 2000. Sehringer, W.: Zeichnen und Malen als Instrumente der psychologischen Diagnostik. Ein Handbuch. 2., vollst. neubearb. Aufl. Heidelberg 1999. Seitz, R.: Was hast du denn da gemalt? Wie Kinder zeichnen und was Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte dafür tun können. München 1995. Takahashi, S.: Aesthetic properties of pictorial perception. Psychological Review 102 (1995) 4, S. 671 – 683. Thomas, C.B.: An Atlas of Figure Drawings. Studies on the Psychological Characteristics of Medical Students – III. Baltimore: Johns Hopkins Press, 1966. Weidenmann, B.: Psychische Prozesse beim Verstehen von Bildern. Bern/Stuttgart/Toronto 1988. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien – eine qualitativ-empirische Untersuchung von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen 2009 (Hinweis: Aus dieser Arbeit enthält dieser Artikel Textauszüge.). Zimmer, H.: Kunstform und Yoga im indischen Kultbild. Berlin 1926. Abbildungen Abb. 1/Abb. 2: Kindliche Auseinandersetzung mit dem physikalischen Phänomen des Schattens.

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Zusammenfassung

Kinder- und Jugendzeichnungen eröffnen nicht nur Einblicke in die Sehweisen und zeichnerischen Fähigkeiten vorangegangener und gegenwärtiger Generationen, sondern sind auch wertvolle Kommentare zum Zeitgeschehen, zum Alltagsleben, zu Wünschen und Sehnsüchten. In ihnen ist geschichtlicher Wandel ablesbar, ebenso können Erziehungssysteme, Normen, Unterrichtsvorgaben wie aber auch die kulturpolitischen und sozialen Bedingungen wahrgenommen werden. Sie erlauben zugleich erweiterte Einblicke in die unterschiedlichen Bedingungen der ästhetischen Sozialisation, in das Aufwachsen von Jungen und Mädchen und sind damit sensible Seismographen gesellschaftspolitischer Entwicklungen und Veränderung von Kindheit.

Der langjährige Forschungsverbund im Fach Kunst, Universität Paderborn, widmet sich in vielfältigen Perspektiven der Untersuchung von „historischen und aktuellen Kinder- und Jugendzeichnungen“. In einer rasanten gesellschaftlichen Umbruchphase von Globalisierung, Veränderung der Medienkindheit, Intensivierung der Geschlechterbilder und Migration werden Forschungsthemen aufgegriffen, die exemplarische Einblicke mit repräsentativen Einsichten ermöglichen.