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5. HISTORISCHE KINDER- UND JUGENDZEICHNUNGSFORSCHUNG in:

Jutta Ströter-Bender, Annette Wiegelmann-Bals (Ed.)

Historische und aktuelle Kinderzeichnungen, page 199 - 244

Eine Forschungswerkstatt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3991-5, ISBN online: 978-3-8288-6696-6, https://doi.org/10.5771/9783828866966-199

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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5. HISTORISCHE KINDER- UND JUGENDZEICHNUNGSFORSCHUNG 199 201 Annette Wiegelmann-Bals Kinderzeichnungen im historischen Vergleich Einige Forschungsergebnisse zur Kinderzeichnung wie z. B. die Stufenfolgen zeichnerischen Gestaltens oder besondere Merkmale der zeichnerischen Bildkomposition wurden in der Vergangenheit zunächst als universelle Phänomene beschrieben. (Vgl. Schuster 2000, S. 128) Erst in jüngerer Zeit wird diskutiert, »wie sehr menschliches Verhalten durch kulturelles Wissen vermittelt ist, also sowohl im Kulturvergleich als auch im historischen Vergleich zu erforschen ist«. (Ebd.) Empirische Untersuchungen legen inzwischen nahe, dass die Dauer und das zeitliche Auftreten der Abschnitte in der Entwicklung des Zeichnens und inhaltliche Aspekte von verschiedenen Faktoren wie sozio-kulturellen Bedingungen (Vgl. John-Winde 1981; Koppitz 1972; Mollenhauer 1969; Schoppe 1991), historischen und kulturellen Mustern und Systemen sowie emotionaler Befindlichkeit (Vgl. Bürgin 1978, S. 18) beeinflusst werden können. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass die Zeichentätigkeit nicht als determiniertes, isoliertes Phänomen betrachtet werden darf, sondern der gesamte Komplex des ästhetischen und bildnerischen Verhaltens gesellschaftlich, kulturell und damit auch medial vermittelt ist. (Vgl. Koeppe-Lokai 1996, S. 18) Untersuchung Seit längerem wird von erfahrenen Kunstpädagoginnen bzw. Kunstpädagogen die Beobachtung geäußert, die Qualität der Kinderzeichnungen habe sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Um dieser Behauptung nachzugehen, werden in den folgenden Ausführungen Filzstiftzeichnungen aus den Jahren 1966 bis 1970 mit solchen aus dem Zeitraum von 1999 bis 2002 aus einem digitalen Archiv für Kinderzeichnungen (Archiv für Kinderzeichnungen; Erfurt, 2007) miteinander verglichen. Es sei vorangestellt, dass diese Überlegungen neben der interpretativen Subjektivität auf der Folie gelesen werden müssen, dass die folgenden Ausführungen ohne Kenntnis der konkreten situativen Entstehungsbedingungen, des Zeichenprozesses sowie ohne Informationen über die Kinder als Urheber dieser ästhetischen Produktionen formuliert werden und damit den Status induktiv gewonnener Thesen einnehmen. Die nachfolgend beschriebenen Ergebnisse dieses Vergleiches gelten nicht als repräsentativ oder wissenschaftlich gesichert, dennoch geben sie erste Hinweise auf historische Veränderungen der Kinderzeichnung auch im Kontext des Einflusses der Neuen Medien. Aus dem digitalen Archiv für Kinderzeichnungen in Erfurt wurden exemplarisch jeweils 9 Filzstiftzeichnungen von 10- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen aus den oben genannten Zeiträumen miteinander verglichen, nachdem zunächst ein allgemeiner Eindruck einer Vielzahl von Zeichnungen gewonnen worden war (ist). 202 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Auswertung Auf den Zeichnungen lassen sich historische Veränderungen in der Motivstruktur wiederfinden. Während die älteren Zeichnungen märchenhafte Motive oder Alltagssituationen beinhalten, stellen die neueren Bilder auch Weltraumfantasien, Adaptionen von Comic-Darstellungen und politisch motivierte Inhalte dar. Die älteren Zeichnungen erscheinen in dieser Untersuchung in Bezug auf die Formgebung differenzierter und mit Blick auf die Bildkomposition und (die) darin enthaltene Elemente komplexer angelegt als die neueren ästhetischen Produktionen. Die Raumorganisationen der Kinderzeichnungen divergieren tendenziell. Insbesondere die Flächentiefe ist bei den meisten der älteren Arbeiten stärker ausgeprägt als bei den Zeichnungen jüngeren Datums. Raumschaffende Kompositionselemente in den Arbeiten aus den Jahren von 1966 bis 1970 wecken den Eindruck der Plastizität. Die Farbgebungen und -kombinationen tragen in den älteren Bildern zu einer größeren Ausdruckssteigerung des Gesamtbildes als in den jüngeren Zeichnungen bei. Da es über die Anzahl der Farbtöne, welche den Kindern beim Zeichnen zur Verfügung gestanden haben, keine Informationen gibt, wird an dieser Stelle auf auswertende Überlegungen zum quantitativen Farbverhalten verzichtet. Generell kann in Bezug auf die prozessuale Zeichentätigkeit der Kinder die Vermutung formuliert werden, dass diese vor etwa 35 Jahren beim Anfertigen der hier vorliegenden Arbeiten konzentrierter und ausdauernder bildnerisch gearbeitet haben. Die dadurch intensivere inhaltliche und formal zeichnerische Auseinandersetzung manifestiert sich in komplexeren und differenzierteren Bildkompositionen. Zusammenfassendes Ergebnis Zusammenfassend für diese Untersuchung kann festgehalten werden, dass die betrachteten älteren Zeichnungen in Bezug auf die Bildkompositionen, Raumorganisationen und Farbkonzepte tendenziell eine andere bildnerische Qualität aufweisen als die untersuchten Arbeiten aus den Jahren 1999 bis 2002. Erklärungsansätze In diesem Kontext scheint es nahe liegend, die Ursache der veränderten Bildqualität in den veränderten Sozialisations- und Entwicklungsbedingungen der Kindheit zu suchen. Neben den sozio-kulturellen Einflüssen im Allgemeinen, welche sich in den letzten Jahrzehnten Jahren gravierend gewandelt haben, stellen offensichtlich die »Neuen« Medien einen wesentlichen Faktor innerhalb der veränderten Kindheit dar. Innerhalb des historischen und kulturellen Bedingungsgefüges, so die hier formulierte These, wirkt sich die medial geprägte Vermittlung und Aneignung der symbolischen und materiellen Kultur auf die Zeichenfähigkeit der Heranwachsenden aus. Folgende Überlegungen zur Veränderung der Kinderzeichnung im Kontext des Einflusses der neuen Medien lassen sich formulieren: 203 Wiegelmann-Bals | Kinderzeichnungen im historischen Vergleich Veränderter Modus der Kulturaneignung Die Bilder, mit denen die Heranwachsenden im medialen Zeitalter konfrontiert werden, weisen zunehmend einen dynamischen Charakter auf. Das Leben stellt sich oft nicht mehr in statischen Einzelbildern, sondern prozessual dar. Die kognitiven und insbesondere die rezeptiven Fähigkeiten der Kinder haben sich dieser qualitativ modifizierten Wahrnehmung angepasst. Das veränderte ästhetische Erleben und der medial determinierte Rezeptionsmodus bedingen ein Umorganisieren innerer Vorstellungen und Bilder. Dadurch verringert sich der innere Grundbestand an fest verankerten und stark vernetzten, klassischen Motiven, welche an Wertigkeit verlieren zugunsten eines verzeitlichten Reservoirs fluktuierender Eindrücke. Dieser Trend spiegelt sich in der veränderten Bildqualität der neueren Kinderzeichnungen wider. Diese werden insbesondere von den Jungen zunehmend als Handlungsraum begriffen. Geringe zeitliche Ressourcen für das Ausbilden zeichnerischer Fähigkeiten und Fertigkeiten Historische Veränderungen in den Zielsetzungen des Kunstunterrichts, welche an Vielfalt und Komplexität zugenommen haben, verringern die Unterrichtszeit, welche für die Ausbildung der formalen Zeichenfähigkeit aufgebracht wird. Dazu kommt der Umstand, dass gegenwärtig Heranwachsende ihre Freizeit vermehrt den Angeboten der neuen Informationstechnologien widmen und sich während dieser Zeit nicht im bildnerischen Arbeiten üben. Stattdessen tritt ein medial geprägter Modus der Aneignung der materiellen und kulturellen Welt in den Vordergrund, der sich in der Ausbildung anderer Fähigkeiten und Fertigkeiten manifestiert. Die Herstellung digitaler Kinderzeichnungen oder die Anwendung von Bildbearbeitungsprogrammen sind zwei Beispiele in diesem Kontext. Mangel an realen Erfahrungen Ein anderer Begründungszusammenhang lässt sich aus dem Mangel an multimodalen Erfahrungen durch die reduzierte reale Eigentätigkeit in der aktuellen Gegenwartskultur generieren: Haptische Wahrnehmungen als »Synthese zwischen taktilen Wahrnehmungen der äußeren Wirklichkeit und jenen subjektiven Erfahrungen, die so eng an die Erfahrung des Selbst gebunden zu sein scheinen« (Vgl. Mühle 1967, S. 45) und nach Lowenfeld (Lowenfeld 1993) substanzieller Typ von Auffassung und Gestaltung sind, sind durch das medial vermittelte Leben »aus zweiter Hand« (Rolff/Zimmermann 1985) seltener geworden. Es stellt sich die Frage, ob dieses Defizit beim Be-greifen im Zusammenhang mit dem zeichnerischen Ge-stalten der Formen steht. Diese sind in den Zeichnungen jüngeren Datums weit weniger differenziert und ausgeprägt dargestellt. In Anbetracht dessen, dass Wirklichkeitskriterien immer auch Relevanzkriterien darstellen und damit die Bedeutung eines wahrgenommenen Gegenstandes oder Sachverhaltes erhöhen, stellt sich die Frage: Wird auch deswegen anders bildnerisch gearbeitet, weil Objekte als weniger real und damit als weniger wichtig erscheinen? Standardisierung von stereotypen Zeichenschemata und -strategien Aus der Flut der medial-inszenierten Bildwelten resultiert nicht nur eine mögliche Kolonialisierung der Fantasie (Leuschner 2001, S. 17), sondern auch eine Popularität und Dominanz 204 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung diverser medialer Figuren, die sich in den Kinder- und Jugendkulturen manifestieren. Das Bedürfnis, diese Motive möglichst perfekt darstellen zu können, mündet im wiederholten zeichnerischen Reproduzieren der Gestalten und Formen, wodurch sich standardisierte Zeichenschemata sowie stereotype Zeichenstrategien ausprägen. Als Beispiel kann in diesem Kontext das beliebte Zeichnen von Mangas angeführt werden. Die Tendenz zur bildnerischen Adaptionen von medialen, stereotypen Motiven mit dem Ziel der Perfektionierung, welche auch der Identitätsbildung und Alltagsbewältigung dient (Vgl. Götz 2007, S. 42 ff.), steht neben dem abgekoppelten Bereich der freien zeichnerischen Darstellung und einer offenen Ausdruckskultur. In schulischen Kontexten wurde bei der zeichnerischen Wiedergabe von narrativen, dynamischen Prozessen beispielsweise einer Bildergeschichte in diesem Zusammenhang beobachtet, dass die Tendenz zum standardisierten Zeichnen mit einer statischen Denkweise korreliert. Dieser Trend zur Übernahme visueller grafischer Systeme erfordert eine ästhetische Erziehung, welche den entwicklungspsychologisch und motivational bedeutsamen Charakter des reproduzierenden Zeichnens berücksichtigt und darüber hinaus kritische Distanznahme sowie bildnerische Reflexionsfähigkeit und Kreativität schult. Literatur Archiv für Kinderzeichnungen; Erfurt, Kinderkunst e.V., http://www.kinderkunst-ev.de/in dex.php?m=0, Download am 28.02.2007. Bürgin, Dieter: Das Kind, die lebensbedrohende Krankheit und der Tod. Bern: Huber 1978, zit. n. Koeppe-Lokai 1996, S. 18. Götz, M.: Fantasien bieten Kindern Schutz. In: Psychologie heute 5/2007, S. 42–46. John-Winde, Helga: Kriterien zur Bewertung von Kinderzeichnungen. Bonn: Grundmann 1981. Koeppe-Lokai, Gabriele: Der Prozess des Zeichnens. Empirische Analysen der graphischen Abläufe bei der Menschdarstellung durch vier- bis sechsjährige Kinder. Münster: Waxmann 1996, S. 18. Koppitz, Elizabeth: Die Menschendarstellung in Kinderzeichnungen und ihre psychologische Auswertung. Stuttgart: Hippokrates Verlag 1972. Leuschner, W.: Sie kolonisieren unsere Phantasie. In: Süddeutsche Zeitung (16.10.01), S. 17. Lowenfeld, Viktor: The nature of creative activity. Experimental and comparative studies of visual and non-visual sources of drawing, painting, and sculpture by means of the artistic products of weak sighted and blind subjects and of the art of different epochs and cultures. London: Routledge & Paul 1993. Mollenhauer, Klaus: Sozialisation und Schulerfolg. In Roth, Heinrich (Hrsg.): Begabung und Lernen. Stuttgart: Klett 1969, S. 269–296. Mühle, Günther: Entwicklungspsychologie des zeichnerischen Gestaltens. Grundlagen, Formen und Wege in der Kinderzeichnung. 2. unveränd. Aufl. München: Barth 1967, S. 45. 205 Wiegelmann-Bals | Kinderzeichnungen im historischen Vergleich Rolff, Hans-Günther; Peter Zimmermann: Kindheit im Wandel. Eine Einführung in die Sozialisation im Kindesalter Weinheim/Basel: Beltz 1985, Inhaltsverzeichnis. Roth, Gerhard: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, S. 321 ff. Schoppe, Andreas: Kinderzeichnung und Lebenswelt. Neue Wege zum Verständnis des kindlichen Gestaltens. Herne: Verlag für Wissenschaft und Kunst 1991. Schuster, Martin: Die Psychologie der Kinderzeichnung. 3., überarb. Aufl. Göttingen: Verlag für Psychologie 2000, S. 128. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien – eine qualitativ-empirische Untersuchung von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen 2009 (Hinweis: Aus dieser Arbeit enthält dieser Artikel Textauszüge.). 206 Jutta Ströter-Bender Kultur- und Dokumentenerbe Kinderzeichnung Weihnachten 1913 Eine Kinderzeichnung von Walter Macke (13. April 1910 – 10. März 1927) Im Rahmen der Diskussionen zum UNESCO Weltdokumenten erbe soll mit Blick auf historische Kinder- und Jugendzeichnungen auf einen bisher in diesen Kontext kaum wahrgenommenen, aber mehr als bedeutenden Bereich hingewiesen werden, der das Gedächtnis der Menschheit aus der Perspektive der Kinder wiedergibt. Dieser Text versteht sich in diesem Sinne auch als Plädoyer wie als Anregung, bedeutende Kinderzeichnungsarchive mit einem transnationalen Verbund in das Memory of the World Register aufzunehmen. Die im Folgenden vorgestellte Kinderzeichnung wurde von dem dreijährigen Walter Carl August Macke (1910-1927) an Weihnachten 1913 gestaltet. Sie gilt als Vermächtnis und Erinnerung an den hochbegabten und früh verstorbenen Sohn des Künstlers August Macke (1887-1914) und Elisabeth Macke (1888-1978). Dieses wertvolle Dokument befindet sich heute im August Macke Haus, Bonn, dem früheren Wohn- und Arbeitsort des Malers und seiner jungen Familie. Hier lebte und wirkte der Künstler in den Jahren zwischen 1911 und 1914, bis zu seinem frühen Kriegstod im September 1914. Die frühe Kinderzeichnung des ersten Sohnes des Ehepaares Macke wird heute in einer Vitrine des Künstlerhauses aufbewahrt. Sie befindet sich in der Seitenkammer des Dachateliers von Macke, zusammen mit weiteren Kunstobjekten und privaten Gegenständen des Künstlers. Innerhalb der Kinderzeichnungsforschung verdient sie eine besondere Aufmerksamkeit. Kinder- und Jugendzeichnungen werden erst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit größerer Aufmerksamkeit betrachtet, erforscht und auch gesammelt. Lange Jahre schwerpunktmäßig unter entwicklungspsychologischen Aspekten untersucht, werden heute Kinder- und Jugendzeichnungen zunehmend als historische Dokumente und Vermächtnisse, auch im Kontext der Gedenk- und Erinnerungskultur wahrgenommen. (Vgl. Kass 2015) Sie eröffnen nicht nur Einblicke in die Sehweisen und zeichnerischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen vorangegangener Generationen, sondern sind auch wertvolle Kommentare zum Zeitgeschehen, zum Alltagsleben, zu Wünschen und Sehnsüchten. In ihnen ist geschichtlicher Wandel ablesbar, ebenso können Erziehungssysteme, wie aber auch die kulturpolitischen und sozialen Bedingungen wahrge- Abb.1: Walter Carl August Macke, »Unser Haus«, 1913, 11 x 8,5 cm, Farbstifte auf Papier, Tinte. 207 Ströter-Bender | Kultur- und Dokumentenerbe Kinderzeichnung Weihnachten 1913 nommen werden. Sie erlauben zugleich erweiterte Einblicke in die unterschiedlichen Bedingungen der ästhetischen Sozialisation, in das Aufwachsen von Jungen und Mädchen. Abb. 2: Jutta Ströter-Bender, Mindmap, 2015 Zum Entstehungskontext der Zeichnung Die kleine Zeichnung »Unser Haus« entstand Weihnachten 1913, in Hilterfingen am Thuner See, als Walter Macke 3 Jahre und knapp acht Monate alt war. Die Familie Macke hielt sich für einen längeren Zeitraum von Oktober 1913 bis zum Juni 1914 am Thunersee in der Schweiz auf. Hier arbeitete der Künstler intensiv. Walter war, wie auch seine Mutter, ein beliebtes künstlerisches Sujet für August Macke. In zahlreichen Skizzen wie in Gemälden hielt der Künstler die Entwicklungsphasen seines Sohnes fest, der liebevoll mit den Namen »Walterchen« oder auch »Bubi« gerufen wurde. Der Junge war von Anfang an mit der Atelierarbeit seines Vaters vertraut. Dabei zeigten sich schon sehr rasch das Interesse und die Begeisterung des Kindes an der Zeichentätigkeit, was von den Eltern mit großem Engagement aufgenommen, intensiv unterstützt, begleitet wie gefördert wurde. Wir können daher durchaus annehmen, dass für Walter Macke sehr früh eine Förderung seiner kindlichen Zeichentätigkeit mit gezielter elterlicher Lenkung, – was Linienführung, Handhaltung der Stifte und Ausmaltätigkeit betrifft, erfolgte. Die Mutter Elisabeth Erdmann-Macke schrieb in ihren Erinnerungen: »Er konnte noch kaum sprechen, da verlangte er in seinem Kinderstühlchen sitzend nach »Pipier« [Papier] und »Barwawa« [Bleistift], und nie vergesse ich seine überraschte Freude, als er mit einem Buntstifte rumhantierte und plötzlich hell aufjauchzte, als er mit seinen kleinen Händchen den ersten Kreis gezogen hatte. August kaufte ihm Buntstifte und Makulaturpapier, und es verging kein Tag, an dem er nicht malte… Walter durfte manchmal zu ihm [zum Vater Au- 208 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung gust Macke] aufs Atelier kommen, wenn er arbeitete. Dann stellte er ihm eine große Pappe hin, dazu ein Glas mit Wasser, gab ihm einen Pinsel, und der Junge malte darauf allerlei Linien und Formen, die gleich wieder eintrockneten.« (Elisabeth Erdmann-Macke 1962: 183/252) Beschreibung der Kinderzeichnung »Unser Haus« Nach Erika Urner gehört das Motiv eines Hauses zu dem beliebtesten Darstellungen in spontan Zeichnungen von kleineren Kindern: »Mit der Hauszeichnung vermag das Kind zwei Hauptaussagen zu machen: es gewährt uns zum einen Einblick in die Art und Weise, wie es Geborgenheit, Zuwendung und zwischenmenschliche Kontakte erlebt.« (Urner 1993: 8) Neben der Menschenfigur ist es auch das Motiv des Hauses, das über seine vielgestaltigen Ausdrucksmöglichkeiten informiert und dokumentiert, ob sich ein Kind geborgen, behütet, gesund und glücklich erlebt. Die Ausgestaltung der Kinderzeichnung »Unser Haus« von Walter Macke erstaunt in ihrer konzentrierten Fassung und mit dem in erstaunlicher Sicherheit umrissenen Motiv umso mehr, wenn im entwicklungspsychologischen Kontext bedacht wird, dass sich Kinder dieser Altersgruppe weitgehend noch in der so genannten Kritzelphase befinden, in der deutliche Schemata von Objekten eher selten vorkommen, die Bildfläche noch im Kontext des Zeichenprozesses gedreht und nicht mit räumlicher Konzeption in Oben und Unten strukturiert wird. Die sehr kleinformatige Zeichnung (Format 11 x 8,5 cm) ist auf ein vorgeschnittenes Stück Zeichenpapier angefertigt worden. Es ist für den Jungen bereits ein vertrautes Material wie auch die Farbstifte. Zu diesem historischen Zeitpunkt wurden in der Kinderzeichnung weitgehend Bleistifte und Farbstifte verwendet. Die Zeichnung ist im Hochformat aufgeführt. Auf der rechten Bildhälfte dominiert die Darstellung des elterlichen Wohnhauses in Bonn. Das Hausschema ist fest umrissen, es spricht von der genauen Beobachtung wie der konkreten Erinnerung des Kindes, es zeigt die hohen Stockwerke und das verhältnismäßig kleinere Abb. 3: August Macke, »Elisabeth mit Walterchen«, 1911, 98 x 80 cm, Öl auf Leinwand, Aachen: Sammlung Ludwig. 209 Ströter-Bender | Kultur- und Dokumentenerbe Kinderzeichnung Weihnachten 1913 Dach (mit dem Atelier). Das Haus ist frontal dargestellt. Die kleine Eingangstür ist verschlossen d.h. übermalt, die hohen Fenster geben den Blick in das Haus frei. Die Kontur ist sicher, fest und klar. Hierzu könnte ein Bleistift oder ein dunklerer Stift verwendet worden sein. Von der linken Seite des Hauses zieht sich von oben bis nach unten ein schmaler Strang, der ausgemalt ist. Hier soll es sich, so die beigefügte Erläuterung der Mutter, um einen Baum handeln. Auf der linken Bildhälfte ist gleichfalls ein kleineres Baummotiv dargestellt. Weiter oben befinden sich zwei kleine Schemata, diese sollen jeweils einen Nagel darstellen. Diese Kinderzeichnung wurde nicht gekritzelt, sodass sie bereits auf eine feste, sichere Schemabildung verweist. Die Aussage des Kindes wird hier eindeutig formuliert und verdeutlicht seine feinmotorische Gestaltungsfähigkeit. Die farbige Ausgestaltung der Motive wird durch weiche, feste Buntstiftstriche bestimmt, auch sie zeigen bereits, dass die Handhabung der Materialien dem Kind geläufig ist. Dabei wird die Form des Hauses relativ sorgfältig berücksichtigt und eine authentische Farbwiedergabe gesucht. Anders als bei den meisten Kindern dieser Altersgruppe, die die Farben gewöhnlich nach zufälligen Kriterien, nach Stimmungen oder Lieblingsfarben auswählen. Wir haben es bereits hier mit dem konzentrierten und sorgfältigen Bemühen eines Kindes zu tun, dem inneren Bild, der Erinnerung an das Elternhaus gerecht zu werden. Damit handelt es sich an dieser Stelle, wie bereits ausgeführt, um eine für das Alter eher ungewöhnliche Gestaltung einer Kinderzeichnung. Auch muss vermerkt werden, dass das kleine Format des Zeichenblattes von Walter Macke in der Komposition und Ausgestaltung sicher genutzt wird. Anders als oft angenommen, kann sich hier ein dreijähriges Kind bereits auf dem kleinstmöglichen Format intensiv ausdrücken. Deutung Kinderzeichnungen sind Manifestationen des kindlichen Lebensgeschehens. Die Ausdrucksebenen einer Zeichnung öffnen Wege zum Verständnis der kindlichen Sehweisen. Dieses Potenzial zeigt sich auch besonders darin, dass unaussprechliche und emotionale Anteile zumeist stärker durch Kinderzeichnungen formuliert werden können als durch gesprochene Worte. Auch lassen sich innere Bilder wie visuelle Erlebnisse gerade bei jungen Kindern oftmals oder nur unzulänglich mit sprachlichen Begriffen ausdrücken oder detailliert beschreiben. Gefühle und innere Bilder können anhand von Formen und Farben, Linien und Flächen einfacher dargestellt werden, und damit eine deutlichere Wirkung entfalten. Zugleich können Kinderzeichnungen als Aufarbeitungshilfe von vergangenen Erfahrungen dienen. Und sie erhalten dadurch in der Gegenwart hinein einen Bedeutungsgehalt, der kommuniziert werden kann. Eine komplexe wie auch eindeutige Interpretation der kleinen Zeichnung sollte nach einem so langen Zeitraum nicht vorgenommen werden. Aber, in der Einfühlung in die Bildsprache des Kindes kann Folgendes gedeutet werden: Der kleine Walter war bereits durch den Aufenthalt in Hilterfingen über drei Monate hinweg von seinem Bonner Zuhause getrennt. Auch wenn er in der Geborgenheit der Familie lebte, erinnerte er sich mit Hilfe dieser Zeichnung an sein Elternhaus in Bonn, in dessen unmittelbarer Nähe auch die anderen Familienmitglieder wie seine Großmutter lebten. Die Wiedergabe des Hauses könnte daher auch die Formulierung eines Heimwehs gewesen sein. 210 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Die gezeichnete Linie des Hauses verdeutlicht Standfestigkeit, Stärke und Stabilität. Die Schwerpunkte in der Komposition können mit der Deutung von zeitlichen Aspekten verbunden werden. In der Kinderzeichnungsforschung werden mittig platzierte Motive für den Moment der Gegenwart gedeutet, was hier dem Baum und der äußeren Randlinie des Hauses entsprechen würde. Die rechte Hälfte der Fläche ist bei Heranwachsenden meist jenen Motiven gewidmet, die für zukunftsrelevante Perspektive oder auch zukünftige Wünsche von Bedeutung erscheinen. Somit kann die eindeutig rechte Gewichtung des Hausschemas in der Flächenkomposition auch daraufhin gedeutet werden, dass das Kind sich wünscht, nach Hause zurückzukehren. Abb. 4: Walter Carl August Macke, »Unser Haus«, 1913. 211 Ströter-Bender | Kultur- und Dokumentenerbe Kinderzeichnung Weihnachten 1913 Das innere Bild des Elternhauses wird in dieser Kinderzeichnung mit dem intensiven Gefühl einer Sehnsucht zu einer ausdrucksvollen Darstellung verarbeitet, die somit ein aussagefähiges Dokument für eine Kindheit im frühen 20. Jahrhunderts darstellt. Ein familiärer Dialog Was wir aus dieser Kinderzeichnung weiterhin herauslesen können, ist aber auch noch eine andere Ebene, die in der Forschungsliteratur nur selten behandelt wird. Kinderzeichnungen entstehen häufig im Dialog mit den Erwachsenen, sie sind zu einem Ausdruck von Erlebnissen, Erinnerungen und Wünschen, von inneren Bedürfnissen und von Erzählungen geworden. Zum anderen aber werden auch bestimmte Motive in Kinderzeichnungen von den Erwachsenen ermutigt, kommentiert, positiv angenommen oder auch abgelehnt. Es sind hier traditionell gesehen vor allem die Mütter, die diesem Prozess beiwohnen und ihn dialogisch begleiten wie auch intervenieren. Es sind dann aber auch vor allem die Mütter, die Kinderzeichnungen als wertvoll erachten, als Ausdruck für eine bestimmte Phase der Entwicklung ihres Kindes, und daher Kinderzeichnungen beschriften, aufheben und sammeln, wie hier Elisabeth Macke. Den Kommunikationsprozess zwischen Kind und Mutter können wir anhand der sorgfältig ausgeführten Schriftkommentare zu den einzelnen Bildgegenständen verfolgen. Die Mutter beschriftet die durch das Kind benannten und erklärten Bildobjekte mit sorgfältiger Schrift. Quer am rechten Rand erfolgt die Datierung »Bubi, Weihnachten 1913«. Somit wird diese Kinderzeichnung auch zu einem Dokument eines familiären Dialoges. Sie wurde aber kurz darauf für Elisabeth Macke eine kostbare Erinnerung an eine glückliche Familienzeit. Nur knapp 10 Monate später fand diese durch den Ersten Weltkrieg und den frühen Kriegstod von August Macke ein jähes Ende. Die Kinderzeichnung »Unser Haus« als historisches Dokument Die Kinderzeichnung von Walter Macke ist zugleich ein Dokument für eine Form des Aufwachsens von Kindern, wie sie heute global weitgehend selten geworden ist. Sie dokumentiert das Leben in der Geborgenheit einer bürgerlichen Familie, mit der Anwesenheit von Eltern und vielen Freunden. Die Möglichkeit, die Welt in Ruhe und Aufmerksamkeit zu betrachten und in sie hineinzuwachsen, lässt sich in dieser Weise durch die im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmende Alltagspräsenz der Medien (Radio, Film, Abb. 5: Foto: Jutta Ströter-Bender (2015), Das August Macke Museum 2015. 212 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Fernsehen, Zeitschriftenkultur und heute digitalen Medien und Handys) fast nicht mehr vorstellen. In der Forschung der vergangenen Jahre ist es immer deutlicher geworden, dass sich Kinderzeichnungen im vergangenen Jahrhundert durch den Wandel der Aufmerksamkeit und des Lebens mit einer Vielfalt von visuellen und akustischen Medien wie auch durch die Vereinzelung der Kindheit intensiv geändert haben, – und Kinderzeichnungen heute häufig einen Mangel an Konzentration in der Intensität einer komplexen Schemabildung, in der Ausarbeitung und der Entwicklung von narrativen Ebenen aufweisen. Zum künstlerischen Vermächtnis von Walter Mackes Ebenso aber steht diese Kinderzeichnung von Walter Macke auch als ein historisches Dokument für eine ganze Generation von Heranwachsenden, die ihren Vater im Ersten Weltkrieg verlor und mit vielerlei Brüchen in eine andere Zeit hineinwuchs, mit den (oftmals idealisierten) Erinnerungen an die Väter leben musste, wie auch den eigenen Weg zu finden hatte. Walter Macke fand sich mit seinem Bruder in ein neues Familienleben nach der Wiederverheiratung der Mutter (im Jahre 1916) mit Lothar Erdmann (1939 von den Nationalsozialisten ermordet) hinein. Zugleich wird diese Zeichnung als eine Art Vorläufer mit Blick auf die späteren Skizzenbücher von Walter Macke gewertet, der sich von frühster Jugend an vorgenommen hatte, wie sein von ihm tief bewunderter Vater, Künstler zu werden. Der Heranwachsende galt künstlerisch als hochbegabt. Er arbeitete intensiv an der Vervollkommnung seiner zeichnerischen Fähigkeiten und übte sich konsequent in der Erprobung von künstlerischen Fertigkeiten. Lothar Erdmann, der Stiefvater, zählte nach dem unerwarteten Tod von Walter Macke (der noch das Gymnasium besuchte) im Alter von 17 Jahren in Berlin (10. März 1927) 63 Skizzenbücher. Davon sind heute noch 38 erhalten (Vgl. Auflistung in Bd. 5 Schriftenreihe Verein August Macke Haus 1992, S. 49). Lothar Erdmann veranlasste auch, dass nach dem Tod von Walter Marke seine (1925 begonnenen) Tagebücher und Briefe abgeschrieben wurden. Am Donnerstag, den 24. Februar 1927 schrieb Walter Macke in seinem letzten Tagebucheintrag: »Ob ich diesen Sommer wirklich dazu komme, Bilder zu malen? Ach, ich wünschte, ich könnte mal etwas Positives machen, ich meine mit Farben. Ich glaube, wenn ich einige Zeit dafür hätte, würde ich mich auch in die Malerei eingewöhnen. Ich meine oft, sie läge mir noch mehr als die Zeichnerei. Heute habe mir lange den Seiltänzer angesehen. Es ist bestimmt eins von den besten Bildern, die Papa gemalt hat. Mir selbst ist jetzt fast am liebsten. Alles ist in ihm vereinigt: Klarheit, Kraft, Harmonie der Farben Formen, Farbigkeit, Leben. Welches Empfinden muss dazu gehören, ein solches Bild zu malen. … Ich bin so froh, dass ich jeden Tag in Papas Bildern auch seinen Geist, seine Lebensfreude um mich spüre. Wie wäre es, wenn all dieses nicht wäre? Ich bin so unendlich froh, dass sich nur noch ein Jahr zur Schule muss. Ich freue mich jetzt schon ungemein darauf, zu malen und darin feste zu arbeiten. Was muss das für eine Freude sein…« (Walter Macke, zit. in Bd. 5 Schriftenreihe Verein August Macke Haus 1992: 173) Im Jahre 1992 widmete das August Macke Haus in Bonn Walter Macke eine erste, würdigende Ausstellung und stellte eine Fülle seiner beeindruckenden Skizzen, Farbstudien, Aquarelle und Druckgrafiken vor, ergänzt durch Fotografien und Texte. (Vgl. die zahlreichen 213 Ströter-Bender | Kultur- und Dokumentenerbe Kinderzeichnung Weihnachten 1913 Abbildungen in Bd. 5 Schriftenreihe Verein August Macke Haus 1992) Die Ausstellung zeigte die intensive Auseinandersetzung des Jugendlichen mit dem künstlerischen Vorbild seines Vaters und dokumentierte seine damals bereits vorhandene Bemühung, künstlerisch eine eigene Bildsprache zu finden. Literatur Aubel, Henning u. a.: Das Gedächtnis der Menschheit. Das Dokumentenerbe der UNESCO. Bücher, Handschriftenpartituren, Bild-, Ton-, und Filmarchive. München: Kuhnt, 2010. Buchheim Museum: Paper Worlds. Kinder- und Jugendzeichnungen zeitgenössischer Künstler. Bernried 2015. Erdmann-Macke, Elisabeth: Erinnerungen an August Macke. Stuttgart 1962. Kass, Sarah: Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt (1941-1945): Ein Beitrag zur Erinnerungs- und Vermächtniskultur (Herausgegeben vom Jüdisches Museum in Prag). Marburg: Tectum, 2015. Krenz, Armin: Was Kinderzeichnungen erzählen. Kinder in ihrer Bildsprache verstehen. Dortmund 2010. Schriftenreihe Verein August Macke Haus: Walter Macke – Das väterliche Vermächtnis als künstlerische Herausforderung, Bd. 5. Bonn 1992. Urner, Erika: Häuser erzählen Geschichten. Die Bedeutung des Hauses in der Kinderzeichnung. Zürich 1993. Abbildungen Abb. 1: Walter Carl August Macke, geb. 13.04.1910, »Unser Haus«, 11 x 8,5 cm, Farbstifte auf Papier. Sie entstand Weihnachten 1913 in Hilterfingen am Thuner See, als er 3,8 Jahre alt war. Beschriftung durch die Mutter Elisabeth Erdmann-Macke mit grauer Tinte. Foto: mit freundlicher Genehmigung August Macke Haus, Bonn. Die Zeichnung wurde bereits publiziert in »Walter Macke – Das väterliche Vermächtnis als künstlerische Herausforderung«, Bd. 5, Schriftenreihe Verein August Macke Haus, Bonn 1992. Abb. 2: Jutta Ströter-Bender, Mindmap, 2015. Abb. 3: August Macke, »Elisabeth Macke mit Walterchen«, 1911, 98 x 80 cm, Öl auf Leinwand, Aachen: Sammlung Ludwig. (http://www.zeno.org/nid/20004144767. Lizenz: Gemeinfrei) Bedeutsamerweise finden sich erste Dokumente der Kinderzeichnungen von Walter Marke auch in den Skizzenbüchern seines Vaters. Sie sprechen von der Wertschätzung des Vaters für die kreativen Äußerungen seines Sohnes. Als auffallend wird von Anfang an die Kompetenz des Kindes geschildert, die Striche der Farbstifte in Formen zusammenzufassen. 214 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Abb. 4: Walter Carl August Macke, »Unser Haus«, 1913. (mehr Details siehe Abb.1) Abb. 5: Foto: Jutta Ströter-Bender (2015): Das August Macke Museum 2015. August Macke Haus, Bornheimer Straße 96, 53119 Bonn. www.august-macke-haus.de. 215 Tabea Selina Sobbe Die Bedeutung der Kinderzeichnung durch Paul Klee Zusammenfassung In Paul Klees Spätwerk wird die Bedeutung der eigenen Kinderzeichnungen ersichtlich, von denen sich der Künstler immer wieder zu inspirieren versuchte. Klee »kopierte« die Einfachheit und die künstlerischen Techniken der Kindheit und intensivierte seine Reduktionen der einfachen Linien in den Erwachsenenwerken zunehmend. Sein Spätwerk stellt somit eine Art Rückkehr zu den künstlerischen Ursprüngen dar. Es kostet ihn ein ganzes Leben, um sich das »kindliche Zeichnen« anzueignen, in dem er stilistische Eigenwilligkeiten mit einem starken Gestaltungsdrang ausbildet. Bedeutung und Bewertung der Kinderzeichnungen durch Paul Klee Es sind bestimmte Ereignisse und Motive aus der Kindheit, die sich in unserem Unterbewusstsein einprägen; sie stellen ein Stück weit Heimat für uns dar und tauchen in Erinnerungen, Träumen oder auch in Zeichnungen immer wieder bewusst oder unbewusst auf. Paul Klees ältere Schwester Mathilde bewahrt die Kinderzeichnungen des Künstlers auf, und überreicht sie ihm im Jahre 1911. Diese frühen Arbeiten bereichern Klees Spätwerk durch die kindliche Unbefangenheit, die sich in ihnen spiegelt. Seine Kinderzeichnungen bewegen ihn derart, dass er sie als das für ihn Bedeutendste bezeichnet. Er würdigt die stilistische Freiheit und die kindliche Naivität so hochgradig, dass er einige seiner frühsten Zeichnungen (s. Abb. 1 bis 3), die einen enormen Gestaltungswillen zeigen, als fertige Kunstwerke benennt und sie in sein Werkverzeichnis aufnimmt (vgl. Rümelin 2004: 6 f.). In den darauffolgenden Jahren wird sich Klee darüber bewusst, welche Bedeutung er seinen künstlerischen Anfängen, die diese Kinderzeichnung gegenüber seinen späteren Werken zum Ausdruck gebracht haben, zuschreiben will, und wie er von dieser kindlichen Kreativität profitieren kann. Es kommt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Techniken und Materialien, denen sich Kinder im künstlerischen Prozess bedienen und zum bewussten Rückgriff auf Vorlagen eigener Kinderzeichnungen. »Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen.« (Helfenstein 1995: 178) Das Künstlerdasein und die Kindheit sollen sich im Malstil Klees vereinen. »Die Hinwendung zu den Kinderzeichnungen beinhaltete für Klee einen wichtigen Impuls zur Befreiung der eigenen Kreativität.« (Baumgartner 2011: 16) Der Künstler liefert dafür ein geeignetes Beispiel, indem er sich unter anderem auf die Kinderzeichnung Christkind mit gelben Flügeln (s. Abb. 3) bezieht, durch die er sich bei der Visualisierung seiner Emotionen zu inspirieren versucht. »Vermutlich glaubte er, daß solches Gut seinem ureigenen Wesen am nächsten lag. Klee hatte sich auf die Suche nach Authentizität begeben, nach den Wurzeln seiner eigenen Kreativität.« (Fineberg/Friedel 1995: 93) Die Zeichnung Christkind mit gelben Flügeln, die Klee mit Bleistift und Kreide in einem Alter von ungefähr fünf Jahren angefertigt hat und die zu seinen ersten künstlerischen Versuchen zählt, verwendet der Künstler vierundfünfzig Jahre später für seine Arbeit Engel vom Stern (s. Abb. 4), angefertigt mit Bleistift und Kleisterfarben, bei der er das Motiv des Engels erneut aufgreift. 216 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Abb. 1: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Paul Klee, »Christkind ohne Flügel«, 1883. Abb. 2: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Paul Klee, »Weihnachtsbaum mit Christkind u. Eisenbahn«, 1884. Abb. 3: Paul Klee, »Christkind mit gelben Flügeln«, 1885. 217 Sobbe | Die Bedeutung der Kinderzeichnung durch Paul Klee Klee fokussiert sich in der Zeichnung auf die äußere Gestaltung der Figur und verzichtet auf eine detaillierte Ausarbeitung der inneren Strukturen sowie eine perspektivische Tiefenwirkung. Der große Kopf und der zusammengestauchte Rumpf stehen in direkter Verbindung zu kindlichen Darstellungen einer Gestalt. In den späten Engeldarstellungen erreicht Klee einen zunehmend reduzierten Zeichenstil, der an das »Primitive« grenzt. Seine Engelwesen verbildlichen seine große Vorstellungskraft und erinnern an Zeichnungen von Kindern, wenn sie einen zuvor noch nie gesehenen Gegenstand malen. Der Rückgang zu einer stilistischen Einfachheit verbindet sich in Klees Bewusstsein mit seinem künstlerischen Verständnis (vgl. Franciscono 1995: 38). »Diese Abstraktion kann das Gegenständliche von vornherein schemenhafter, märchenhafter, ungegenständlicher und dies ungleich mit größerer Präzision geben. Je reiner wir graphisch arbeiten, d. h. je mehr wir uns ihrer zugrunde liegenden Elemente annehmen, desto weniger sind wir zu einer realistischen Darstellung der Dinge gerüstet… Reine Kunst entsteht.« (Grohmann 1959: 11) Die Engel in seinen frühen Kinderzeichnungen werden zu einem Leitmotiv für sein spätes Schaffen, in dem sich Klee immer wieder auf das Ursprüngliche konzentriert. »Der Künstler […] müsse alles so sehen, als würde er es zum allerersten Mal erblicken: er muß das Leben genauso sehen, wie er es als Kind sah, und wenn er diese Fähigkeit verliert, kann er sich nicht mehr originell – das heißt persönlich – ausdrücken.« (Fineberg/Friedel 1995: 28) Die bewusst einfach gezeichneten Gestalten spiegeln die Authentizität in Klees Kindheitswerken wider, die er in seiner Schaffensphase der Engel sucht. Durch die vereinfachte Bildkomposition und die schemenhaften, »gekritzelten« Figuren, die kindlichen Strichmännchen ähneln, erscheint das Werk wie eine Rückkehr zu den Arbeiten kleiner Kinder. Die Reduktion auf Umrisse lassen Engelwesen und Menschen nahezu gleich erscheinen. Der Engel besitzt Flügel, wirkt aber geistig und körperlich zugleich. Durch diese Repräsentation des Menschlichen hebt sich die Grenze zwischen dem Himmel und der Erde auf. Die Umrisslinie kennzeichnet nicht nur das äußere Objekt, sondern auch etwas von seiner Innenwelt, ähnlich wie Kinder mit Zeichenstrukturen emotionale Aussagen zu Papier bringen. Engel sollten den Beginn einer neuen Werkphase darstellen, geprägt von einer bedeutenden Schlichtheit, um den Mal- und Zeichenstil zwangloser zu gestalten. Abb. 4: Paul Klee, »Engel vom Stern«, 1939. 218 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Klees Arbeiten, die zwischen 1938 und 1940 entstehen und Himmel und Erde vereinen, sind eng mit seinem gesundheitlichen Befinden verbunden: Sein häufigstes Bildmotiv, der Engel, lässt erkennen, wie intensiv er sich bereits mit der Thematik des Todes auseinandersetzt. In dieser Zeit werden auch weitere Darstellungen des Christkindes aus den frühen Kindheitswerken Klees zur Vorlage seines späten Schaffens. »Frühkindliche Schlüsselerlebnisse manifestieren sich […] in allerersten Werken und durchziehen die gesamte Schaffenszeit als Leitmotive.« (Blaschke 1990: 7) Von Beginn an begleiten die Engeldarstellungen Gemälde und Zeichnungen Klees. Diese Anfänge der »großen Kunst« sind Motive, die Paul Klee mit prägenden Ereignissen aus seiner Kindheit in Bern verband und stellen eine Art Schlüssel zu seiner Ursprünglichkeit dar, die er durch die Wiederholung der kindlichen Techniken »wiederzubeleben« versucht. Es kostet ihn ein ganzes Leben, um sich das »kindliche Zeichnen« anzueignen. Die Rückkehr zu Paul Klees künstlerischen Anfängen enthüllt unvermutete Entdeckungen, die der Betrachter bei der alleinigen Untersuchung seines Spätwerkes nicht erfassen würde: der hohe Stellenwert der eigenen Kinderzeichnungen für den Künstler. Im Stile des Werkes wird die Rückführung Klees zu seiner Kindheit sichtbar, als wollte er, hinsichtlich seiner schweren Erkrankung, sein Leben noch einmal künstlerisch an sich vorbeiziehen lassen. Vor allem seine späten Engel visualisieren ein verschlüsseltes Selbstbildnis und werden zum Kern seiner künstlerischen Identitätssuche. Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler in Halle (Westfalen) Einige Kindheitswerke Paul Klees wurden in die Sammlung des Museums für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler in Halle (Westfalen) (s. Abb. 5) aufgenommen. Das Museum wurde 1987 von der Museumsleiterin Ursula Ruth Blaschke im ältesten Haus Halles, einem historischen Bruchsteingebäude aus dem 13. Jahrhundert, eröffnet und seitdem von ihr geleitet. Die Museumsräume zeigen eine weltweit einmalige und beeindruckende Auswahl an Kinderwerken berühmter Künstler. Neben Werken von Paul Klee sind auch Kindheits- und Jugendwerke von Andy Warhol, Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso, Otto Dix oder Caspar David Friedrich in der Dauerausstellung zu betrachten. In unregelmäßigen Ab- Abb. 5: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Museum Halle (Westfalen). 219 Sobbe | Die Bedeutung der Kinderzeichnung durch Paul Klee ständen werden in dem Museum auch Sonderausstellungen gezeigt, die häufig frühe Werke mit dem Spätwerk eines Künstlers vergleichen oder eine Gegenüberstellung der Kindheitswerke mit Arbeiten anderer Kinder ermöglichen. Die Museumsleiterin Ursula Ruth Blaschke und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Adolf Eickhorst standen im direkten Kontakt mit den Künstlern oder ihren Familien, denen die Ausstellungen gewidmet sind. Künstler wie Paul Klee oder sein Sohn Felix besuchten das Museum in Halle mehrmals, steuerten Zeichnungen aus dem Privatbesitz bei und gaben persönliche Informationen zu den ausgestellten Werken. Mit einführenden Vorträgen, die sich auf die persönlichen Informationen durch die Künstler beziehen, gelingt es der Museumsleiterin Ursula Ruth Blaschke immer wieder, für alle Altersgruppen und auch für ihre internationalen Besucher museumspädagogisch zu wirken (vgl. Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler Halle). Innerhalb der Frühwerke lässt sich bereits der intensive Gestaltungsdrang im kindlichen Bildschaffen erkennen, der zu großartigen Arbeiten führt. »Selbst Motive, die ganze Lebenswerke durchziehen, können dabei auftauchen – Stierkampfszenen beim neunjährigen Picasso etwa oder die charakteristischen überdimensionierten Köpfe bei Paula Modersohn-Becker.« (Blaschke 2011: 9) Literatur Baumgartner, Michael: Paul Klee – die Entdeckung der Kindheit. In: Zentrum Paul Klee, Bern (Hrsg.): Klee und Cobra. Ein Kinderspiel. Ostfildern: Hatje Cantz, 2011, S. 12-23. Blaschke, Ursula: Ein Spiegel natürlicher Kreativität. In: Museum Halle/Westfalen (Hrsg.): Keimlinge der großen Kunst. Andreas von Weizsäcker. Halle/Westfalen: Ein-Druck- Verlag, 1990, S. 5-8. Blaschke, Ursula: Kinder nicht über den grünen KLEE loben. In: BOGART (2011), S. 9. Franciscono, Marcel: Paul Klee und die Kinderzeichnung. In: Fineberg, Jonathan David (Hrsg.): Kinderzeichnung und die Kunst des 20. Jahrhunderts. 3. Auflage. Ostfildern: Gerd Hatje, 1995, S. 26-55. Friedel, Helmut; Josef Helfenstein Fineberg: Mit dem Auge des Kindes: Kinderzeichnung und moderne Kunst. Stuttgart: Gerd Hatje, 1995. Grohmann, Will: Paul Klee – Handzeichnungen. Köln: DuMont Schauberg, 1959. Helfenstein, Josef: Die Thematik der Kindheit im Spätwerk von Klee. In: Eichhorn, Herbert (Hrsg.): KinderBlicke: Kindheit und Moderne von Klee bis Boltanski. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2001, S. 172-197. Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler Halle (Westfalen), http:// museum-halle.de, Download am 31.07.2015. Rümelin, Christian: Paul Klee: Leben und Werk. München: Beck, 2004. 220 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Abbildungen Abb. 1: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Paul Klee, »Christkind ohne Flügel«, 1883, 9,2 x 13,8 cm, Bleistift und Kreide auf Papier, Halle/Westfalen; Museum für Kindheitsund Jugendwerke bedeutender Künstler. Abb. 2: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Paul Klee, »Weihnachtsbaum mit Christkind u. Eisenbahn«, 1884, 12,7 x 8 cm, Bleistift und Kreide auf Papier, Halle/Westfalen; Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler. Abb. 3: Paul Klee, »Christkind mit gelben Flügeln«, 1885, 22,5 x 18,1 cm, Bleistift und Kreide auf Papier auf Karton, Bern; Zentrum Paul Klee. In: Zentrum Paul Klee (Hrsg.): Klee und Cobra. Ein Kinderspiel. Ostfildern: Hatje Cantz, 2011, S. 23. Abb. 4: Paul Klee, »Engel vom Stern«, 1939, 61,8 x 46,2 cm, Kleisterfarbe und Bleistift auf Papier auf Karton, Bern; Zentrum Paul Klee. In: Zentrum Paul Klee (Hrsg.): Paul Klee – Die Engel. Ostfildern: Hatje Cantz, 2012, S. 83. Abb. 5: Foto: Tabea Selina Sobbe (2015): Museum Halle Westfalen. 221 Sarah Kass Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt Das Vermächtnis der Kinder: Ein Beitrag zur Erinnerungs- und Vermächtniskultur (Vgl. Kass 2015) Wie ist es heute noch möglich, an das dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte zu erinnern, wenn bald niemand mehr davon erzählen kann? Das Tagebuch der Anne Frank ist nur ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass der Weg der Erinnerung nur über die Vermittlung von Einzelschicksalen möglich ist, wenn der bedeutendste Zugang zur Geschichte, die »oral history«, die Schilderungen von Zeitzeugen, wegfällt. Eine bisher kaum beachtete Möglichkeit der Vermittlung des Holocaust bieten unmittelbare und direkte Spuren der damaligen Zeit, die bis heute erhalten sind und von Kindern stammen, die im Ghetto Theresienstadt inhaftiert waren: Das Vermächtnis von knapp 6.000 Kinderzeichnungen, die an einigen Stellen nicht nur Aufschluss darüber geben, wie sie mit der Unausweichlichkeit ihres Schicksals umgingen, sondern die in einigen Fällen die einzigen Beweise für die Existenz einzelner Kinder sind. Etwa Dreiviertel der Kinder, die am Gesamtwerk dieser Zeichnungen beteiligt waren und deren Namen (teilweise) bekannt sind, wurden in Auschwitz ermordet. Allein das Betrachten dieser Kinderzeichnungen bringt uns unweigerlich auf den Weg der Identifizierung und Auseinandersetzung mit den Opfern, die uns die Grausamkeit und die Auswirkungen des Naziregimes auf besonders tragische Weise bewusst machen. Unter den sechs Millionen Menschen, die nach den »Nürnberger Rassegesetzen« als Jüdinnen und Juden galten und im Holocaust ermordet wurden, waren etwa 1,5 Millionen Kinder. Dieses noch erhaltene Gesamtwerk der Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt sollte deshalb heute als Vermächtnis der Erinnerungskultur gesehen werden, denn es ist von unschätzbarem Wert. Entstanden ist es zwischen 1941 und 1945 im Ghetto Theresienstadt, einem Durchgangs- und Zwischenlager für Jüdinnen und Juden, hauptsächlich aus dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren. Zwar diente das Ghetto trotz der schlechten »Lebens-« Bedingungen als Muster- und Vorzeigeghetto für die Propaganda der Nationalsozialisten, aber auch darüber hinaus war Theresienstadt anders als alle anderen Ghettos und Lager. Das lag zum einen daran, dass prominente Künstler/innen und Wissenschaftler/innen dort untergebracht wurden, die ihre Arbeit, so gut es ging, im Ghetto fortsetzen, und zum anderen waren die Mitglieder der durch die Nazis aufgezwungene »Selbstverwaltung« unter anderem darum bemüht, kulturelle Aktivitäten zu fördern und zu unterstützen. So entstanden in Theresienstadt zahlreiche Kunstwerke, musikalische Kompositionen, wissenschaftliche Schriften und Vorträge; es wurden Opern, Theater und Konzerte aufgeführt, unter anderem die bis heute bekannte Kinderoper »Brundibár«. Auch der heimliche Schulunterricht für Kinder war ein Ergebnis der Bemühungen der erwachsenen Häftlinge, die in den jüngsten Gefangenen die Zukunft und Hoffnung des jüdischen Volkes sahen und die es zu bilden und zu schützen galt, wenn auch am Ende vergeblich, denn fast alle Häftlinge wurden nach ihrem Aufenthalt in Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz 222 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung im heutigen Polen deportiert und dort ermordet, oder sie starben an den schlechten Bedingungen im Lager. Eine der Lehrerinnen und Lehrer im Ghetto war Friedl Dicker-Brandeis, eine ehemalige Bauhaus-Studentin, die den Kindern Kunstunterricht erteilte. Ihr ist es zu verdanken, dass das Gesamtwerk von knapp 6.000 Zeichnungen bis heute erhalten geblieben ist, denn kurz vor ihrer Deportation versteckte sie die Bilder in Koffern und bat einen Mithäftling, die Zeichnungen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, sollte er den Krieg überleben. Genauso ist es geschehen, denn Willy Groag versteckte die kleinen Werke auf einem Dachboden im Ghetto und brachte sie nach dem Krieg zur Jüdischen Gemeinde nach Prag. Dank ihnen und dem grenzenlosen und unermüdlichen Engagement weiterer Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher entstanden diese einzigartigen Relikte der gefangenen Kinder. Es gibt aber auch nachweislich Bilder, die die Kinder aus eigener Initiative und der eigenen Schaffenslust heraus angefertigt haben. Die Inhalte der Zeichnungen geben in vielen Fällen auch Aufschluss über die Gefühlswelt der Kinder, denn in der Untersuchung der Zeichnungen wird davon ausgegangen, dass die Kinder zu Papier bringen, was in ihrer Psyche, ihrem Geist, ihrer Seele bereits vorhanden ist und sich als Zeichnung widerspiegelt. Das Ergebnis ist im ersten Augenblick ebenso überraschend wie beeindruckend, denn erwartet man unter den Motiven, dass sie den grausamen Ghettoalltag, Hunger, Angst und Tod dokumentieren, so irrt man. Der Großteil der Bilder zeigt tatsächlich eine Welt voll Harmonie, Natur und Idylle. Man findet Darstellungen von Erinnerungen an die Vergangenheit, die gleichzeitig als Hoffnung für die Zukunft zu deuten sind: Schul- und Zirkusbesuche, Familienfeiern, Tiere und Märchen. Geht man davon aus, dass die Kinder zu Papier brachten, was ihren »inneren Bildern« (ihren Imaginationen) entsprach, so kann man von »Bildern an der Schwelle« zwischen Leben und Tod sprechen. Die Auswahl derartiger Motive kann als eine Art »Flucht« der Kinder vom Ghettoalltag interpretiert werden und gibt gleichzeitig Aufschluss darüber, welche Bilder die Kinder kurz vor ihrem Tod in sich trugen, auch wenn heute nicht mehr geklärt werden kann, ob sie diesen bewusst oder unbewusst ahnten oder nicht: Sie träumten von Harmonie, Natur, Menschen und Tieren. Eine Studie aus dem Jahr 2002 (Vgl. Götz/Lemish/Aidman/ Hyesung 2002) ergab im Vergleich dazu folgendes Ergebnis: Kinder aus verschiedenen Ländern wurden dazu aufgefordert, Fantasiewelten und Wunschträume zu malen. Auch hier waren Zeichnungen mit diesen Themen am häufigsten vertreten. Auch das Erfüllen von Wünschen ist nach Schuster (Vgl. Schuster 2010) durch das Anfertigen von Zeichnungen möglich und deute auf einen aktuell erlebten Mangel hin. Das trifft auf fast alle hier untersuchten Kinderzeichnungen zu und reicht von der Darstellung eines Schlaraffenlandes, was auf den Mangel an Essen hinweist, bis hin zu der eines Festes an einer großen Tafel, in der die Sehnsucht und der Wunsch nach ihrem Zuhause und ihrer Familie zum Ausdruck kommen könnte. Den zweitgrößten Anteil machen die Bilder aus, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im Unterricht entstanden sind. Neben Friedl Dicker-Brandeis gab es zahlreiche weitere engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die die Kinder in vielen Fächern unterrichteten, so auch in der Kunst. Unter diesen Bildern finden sich verschiedene Techniken und Materialien wie Was- 223 Kass | Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt serfarbbilder, Aquarelle, Bunt- und Bleistiftzeichnungen, Scherenschnitte, Klebearbeiten, Stickereien auf Papier und andere. Auch inhaltlich finden sich Themen, die auf eine Anfertigung im Schulunterricht hindeuten, wie zum Beispiel Stillleben, Farben und Formen, Bilder in Anlehnung an berühmte Künstlerinnen und Künstler. Sowohl die Existenz als auch die Qualität dieser Bilder geben wieder einmal mehr Aufschluss über die enorme Leistung der Lehrerinnen und Lehrer, die es den Kindern in ihren Unterrichtsstunden ermöglichten, den Ghettoalltag für eine gewisse Zeit zu vergessen. Neben diesen beiden großen Bilder-Gruppen finden sich drei weitere Themen: »Die Welt des Reisens«, »Begebenheiten vor Ort« und »Diverse«. In der erst genannten sind Bilder vertreten, die im allgemeinen Sinne mit dem Reisen oder Fortbewegung im Zusammenhang stehen, so sieht man Bilder von Zügen, Schiffen, Flugzeugen und Wanderern. Den kleinsten Teil des Gesamtwerks der knapp 6.000 Zeichnungen machen Motive aus, die Begebenheiten in Theresienstadt abbilden. Hierbei handelt es sich um Gebäude und Statuen, Darstellungen der Kinderzimmer mit Hochbetten oder der »besonderer« Erlebnisse wie eine Szene in einer Sammeldusche. Die letzte Gruppe besteht aus Bildern, die keinem Thema zugeordnet werden konnten, da sie nichts Gegenständliches erkennen ließen oder zu verblasst waren, um ausreichend zu analysieren. Aber auch diese Bilder sollten nicht weniger wertgeschätzt werden, als die anderen. Denn parallel zu den Inhalten der Bilder sollten Kinderzeichnungen als Spuren gesehen werden, die die Kinder in einigen Fällen sogar als einzigen Hinweis auf ihre (vergangene) Existenz hinterlassen haben. Der Begriff der »Generativität«, begründet durch den Psychoanalytiker E. H. Erikson (Vgl. Erikson 2010), meint die Auseinandersetzung des einzelnen Menschen mit seinem eigenen Lebensweg und seiner Vergangenheit, aus der das Bedürfnis entstehe, etwas an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Das impliziere v.a. auch die Weitergabe von Wissen, Kultur, Kunst und sozialem Engagement. Als Voraussetzung für die Entwicklung von Generativität sieht er das menschliche Bewusstsein über die eigene Sterblichkeit und das Ende der eigenen Existenz. Zwar tritt diese Phase laut Erikson im mittleren Alter (zw. 40 und 60 Jahren) auf, aber es stellt sich dennoch die Frage, ob die Kinder, die vor allem Zeichnungen auch unabhängig vom heimlichen Unterricht und somit aus eigener Motivation heraus anfertigten, ihren baldigen Tod ahnten und daraus das Bedürfnis entwickelten, Spuren zu hinterlassen. Diese Frage ist im Nachhinein nicht mehr eindeutig zu beantworten, aber Fakt ist, dass sie diese Spuren hinterlassen haben, die die Kinder überdauerten und uns heute ihr einstiges Dasein beweisen. Diese symbolische Unsterblichkeit ist ihnen gelungen. Somit sind uns die Zeichnungen der Kinder aus Theresienstadt als stumme Relikte hinterlassen worden, die in dem Moment anfangen zu erzählen, in dem wir ihre Bedeutung für die Erinnerungs- und Vermächtniskultur sehen und erkennen. Neben diesen knapp 6.000 Zeichnungen existieren rund 100 weitere, die von einem Kind angefertigt wurden, das zur Zeit der Inhaftierung zwölf Jahre alt war: Helga Weissová (heute Helga Hošová). (Vgl. Weissová 1998) Ihre Zeichnungen unterscheiden sich drastisch von allen anderen in Theresienstadt angefertigten Bilder von Kindern, die heute bekannt sind, denn sie dokumentieren die Geschehnisse vor der Deportation nach Theresienstadt, die Begebenheiten und Geschehnisse in Theresienstadt und Szenen in Auschwitz und auf den Todesmärschen. Die Darstellungen ihrer letzten Themengruppe entstanden nach dem Krieg. Der Grund für die zeichnerische Dokumentation der Geschehnisse ist der, dass sie der Auf- 224 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung forderung ihres Vaters nachgekommen ist, der sie mit den Worten »Zeichne, was du siehst.« dazu motivieren konnte, den Alltag im Ghetto Theresienstadt bildnerisch zu beschreiben. So entstanden zum Beispiel Bilder von Szenen in den Schlafräumen, in denen dargestellt ist, wie Menschen im Schlaf überrascht und für den Abtransport in ein anderes Lager oder ein Vernichtungslager ausgewählt wurden, Bilder von der Essensausgabe oder von den Szenen in den provisorisch eingerichteten Krankenhäusern.Trotz des klaren Auftrags ihres Vaters finden sich auch unter den Zeichnungen der Zwölfjährigen Darstellungen ihrer Wünsche für die Zukunft. So zeichnet sie für eine Freundin ein Bild, dass diese in der Vergangenheit als Babys im Krankenhaus bei ihrer Geburt, 1943 im Ghetto Theresienstadt und 1958 als Mütter in Prag, die ihre Kinderwagen schieben. Sie schenkte dieses Bild ihrer Freundin zum 14. Geburtstag. Es war ihr letzter. Dieses Werk von ebenfalls unschätzbarem Wert hat vor allem deshalb einen so bedeutsamen historisch-dokumentarischen Charakter, weil es neben einem Propagandafilm kaum Bilddokumente aus Theresiastadt gibt, die die Begebenheiten vor Ort wiedergeben. Alle diese Kinderzeichnungen werden in zweifacher Hinsicht zu Vermittlern von Erinnerungskultur: sie basieren auf Einzelschicksalen und dokumentieren Geschichte. Beides zusammen ermöglicht sowohl einen affektiven als auch einen kognitiven Zugang zur Vergangenheit, der als Voraussetzung für einen zukunftsorientierten und verantwortungsvollen Umgang zur Geschichte gesehen werden kann. Es ist dringend darüber nachzudenken, wie in Zukunft die entsprechende Aufarbeitung von Zeichnungen von Kindern, die als Flüchtlinge zu uns nach Europa gereist sind, in die Integrationsarbeit einbezogen werden kann, um eine gegenseitige Identifizierung, Annäherung und den kulturellen Austausch zu erleichtern und zu fördern. Die knapp 6.000 Kinderzeichnungen wurden in einer umfangreichen Dissertation erforscht und unter dem Titel Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt (1941-1945) Ein Beitrag zur Erinnerungs- und Vermächtniskultur im Tectum-Verlag veröffentlicht. Hinweis: Die Rechte an den Kinderzeichnungen (nicht gemeint sind die von Helga Weissová) liegen beim Jüdischen Museum Prag und können deshalb nicht an dieser Stelle veröffentlicht werden. Literatur Erikson, Erik H.; Käte Hügel: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2010. Götz, Maya; Dafna Lemish; Amy Aidman; Moon Hyesung: Kinderfantasien und Fernsehen im mehrnationalen Vergleich. In: TelevIZIon. Fachzeitschrift, Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI München (14.01.2002). Kass, Sarah: Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt (1941-1945): ein Beitrag zur Erinnerungs- und Vermächtniskultur. Marburg: Tectum Verlag, 2015. Makarova, Elena; Friedl Dicker: Friedl Dicker-Brandeis : ein Leben für Kunst und Lehre; Wien – Weimar – Prag – Hronov – Theresienstadt – Auschwitz. Wien: Brandstätter, 2000. 225 Kass | Kinderzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt Schuster, Martin: Kinderzeichnungen. Wie sie entstehen, was sie bedeuten. München: Ernst Reinhardt Verlag, 2010. Weissová, Helga: Zeichne, was du siehst. Zeichnungen eines Kindes aus Theresienstadt. Göttingen: Wallstein Verlag, 1998. Weiterführende Literatur Blodig, Vojtěch: Theresienstadt in der »Endlösung der Judenfrage« 1941-1945. Führer durch die Dauerausstellung des Ghetto-Museums in Theresienstadt. Terezín: Památník Terezín, 2003. Derorî, Hana; Jehuda Hûppert: Theresienstadt. Ein Wegweiser. Prag: Vitalis Verlag, 1999. Kárny, Miroslav: Theresienstadt in der »Endlösung der Judenfrage«. Prag: Panorama Verlag, 1992. 226 Christoph-Maria Scholter Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die Analyse historischer Kinderzeichnungen aus den 1980er-Jahren, die sich der Produktlinie Masters of the Universe (MotU) widmen. Dabei handelt es sich um Spielzeuge in Verbindung mit Medienprodukten, welche sich damals vornehmlich an Jungen richteten und bei einem Großteil der Kinder bekannt und sehr beliebt waren. Der kommerzielle Erfolg der Spielzeugreihe war enorm, sodass um die Mitte des Jahrzehnts jeder dritte Junge in der Bundesrepublik mindestens eine, häufig jedoch mehrere Masters-Figuren besaß. (Vgl. Fuchs 2001: 19) Ein besonderes Merkmal stellte dabei der sogenannte Medienverbund dar. Die Spielfiguren mit ihrer Fülle an Zubehör waren Teil eines komplexen und sehr breit angelegten Systems, das beispielsweise von Comics, Zeichentrickfilmen und Hörspielen über Mal- und Bilderbücher bis hin zu Pausenboxen oder Bettwäsche reichte. Ganze Lebenswelten der Kinder konnten so thematisch gestaltet werden. Die Produktlinie fand sowohl haptisch als Spielzeug als auch in audiovisueller Form Eingang in viele Kinderzimmer der 80er-Jahre. Ein Phänomen, welches sich in Bezug auf seinen derart reichhaltigen Umfang und hinsichtlich seiner Leitmedien und Rahmenbedingungen in den folgenden Jahrzehnten gewandelt hat. Die Zeichnungen zu MotU stehen »in der Geschichte der ästhetischen Sozialisation an einer historischen ,Nahtstelleʻ, kurz vor der Einführung des Privatfernsehens und der Einführung der Bildschirmspiele. Entwicklungen, die dann durch schnellere Sehweisen und komplexere Bilderfahrungen die Kinderzeichnungen in ihrer qualitativen Gestaltung verändern sollten.« (Ströter-Bender 2010: 241) So lassen sich anhand des bildnerischen Verarbeitungsprozesses dieser Spiel- und Medienwelt besondere Charakteristika feststellen, welche auf dem Gebiet der Kinderzeichnungsforschung gemessen werden können. Zum Forschungsansatz Grundlage dieser Untersuchung liefert eine Zusammenstellung von bisher über 200 unabhängig voneinander in der Bundesrepublik entstandenen Kinderzeichnungen von Jungen im Vor- und Grundschulalter aus den 80er-Jahren, die das Thema MotU behandeln. Zusätzlich zusammengetragenes Quellenmaterial ermöglicht in vielen Fällen eine nahezu lückenlose Rekonstruktion des Entstehungskontextes der Zeichnungen im Rückblick von teils über 30 Jahren. Dieses Hintergrundwissen beinhaltet weitgehend die »Kenntnisse über die Lebenswelt des Kindes«, welche nötig sind, »um der Bedeutung der Zeichnung […] näher zu kommen«. (Neuß 2000: 4) Dabei erheben sowohl die themengebundenen Arbeiten als auch die Auswahl des weiteren Forschungsmaterials keinen Anspruch auf Repräsentativität, sondern können als eine Reihe von Fallstudien betrachtet werden, anhand derer sich Zusammenhänge zu bestehenden Untersuchungen herstellen lassen. So ergeben sich verschiedene Fragestellungen, auf die im Zuge der folgenden Zusammenführung der Forschungsergebnisse eingegangen werden soll: 227 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) • Welche Motive werden genau dargestellt und wie werden diese gezeigt? • Welche Zeichenträger und -materialien werden verwendet? • Welche Aussagen lassen sich anhand der dargestellten Motive zur Raumorganisation, zur Farbwahl sowie zur Gegenstands- und Figurendarstellung treffen? • Welche Zusammenhänge ergeben sich aus Alter und Geschlecht der Urheber? • Können bestehende Forschungsergebnisse, vor allem zur medieninduzierten Kinderzeichnung, auf die historischen Bilder angewandt werden und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bilden sich dabei heraus? Formale und inhaltliche Analyse Zumeist wurden die Arbeiten auf gewöhnlichem DIN A4-Papier angefertigt. Durch die gesamte Altersspanne zeigen diese am häufigsten detailliert ausgearbeitete Frontaldarstellungen der einzelnen Charaktere, beziehungsweise die Funktionsweisen der jeweiligen Spielfiguren. Teilweise wurden die größeren DIN A3-Blätter verwendet, insbesondere um ganze Handlungsabläufe abzubilden. Davon abweichend sind vereinzelt skizzenhafte Zeichnungen zu finden, die sich auch anderer Formate bedienen. Abb. 1: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 9 Jahre) Abb. 2: Spielfigur »Man-At-Arms« 228 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Abb. 3: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 5 Jahre) Abb. 4: Filzstiftzeichnung, DIN A3, 1987 (Junge, 5 Jahre) 229 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Als zeichnerische Mittel wurden fast ausschließlich Filzstifte verwendet. Nur in manchen Fällen griffen die Kinder auch auf Buntstifte und Kugelschreiber zurück oder die Filzstiftzeichnungen wurden mit Lack- und Bleistiften kombiniert, um spezifische Oberflächen der Figuren wiederzugeben. Auffällig erscheint die meist äußerst sorgfältige Darstellung der Accessoires wie Waffen und Kostüme, welche zur eindeutigen Erkennbarkeit der Helden beitragen. Im Vergleich zur allgemeinen zeichnerischen Entwicklung werden schon früh anatomische Gesichtspunkte berücksichtigt. So erfolgt häufig eine genaue Differenzierung zwischen Kopf, Oberkörper und Unterleib. Bezüglich der Gliedmaßen wird teils zwischen den jeweiligen Segmentierungen unterschieden. Die Arme und Beine gehen oft fließend in den Körper über, wobei jedoch Überschneidungen und Seitenansichten vermieden werden. Weiter orientierten sich die Jungen stark an den Gegenstandsfarben der Vorbilder. Vor allem die Filzstifte erscheinen hier als ein adäquates Mittel zur Darstellung der kräftigen Farben. Fast ausschließlich liegt der Fokus auf den Figuren beziehungsweise auf der Handhabung der Spielzeuge. Die Hintergrundgestaltung wird weitgehend vernachlässigt. Nur selten tauchen einzelne Umgebungselemente auf, welche die Spielburgen oder Fahrzeuge zeigen. Die am häufigsten gewählte Form der räumlichen Darstellung bildet das Streifen- oder Standlinienbild. Abb. 5: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 8 Jahre) 230 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Dabei dient der untere Blattrand beziehungsweise eine eingezeichnete oder gedachte Linie als Standfläche für die Figuren. Bisweilen erscheinen im Rahmen der Szenendarstellungen bereits früh bildnerische Konzepte zur tiefenräumlichen Gestaltung in Form von Horizontbildern und perspektivischen Verkleinerungen. Vor allem zur Handlungsdarstellung eigneten sich die Kinder Stilelemente der entsprechenden Comic-Hefte an. Sprechblasen, Lautschriften, Symbole sowie einzelne Linien unterstreichen die gezeichneten Bewegungsabläufe und verdeutlichen die Beziehung mehrerer Charaktere auf einem Blatt oder beschreiben die Funktionsweisen von Waffen und Zubehör. Zusätzliche Dynamik wird durch die dargestellten Körperhaltungen erzeugt. Besondere Ausprägungen des gestalterischen Erfindungsreichtums belegen Beispiele von Sonderformen der Zeichnungen. Angeregt durch die vielen Begleitmedien entstanden auch fantasievolle Neuerfindungen von Charakteren und Fahrzeugen. Die Kinder gestalteten aufwendig eigene Bildergeschichten und bedienten sich der zahlreichen Vorlagen aus den Werbemagazinen und Comic-Heften, die unter anderem als Collagematerialien genutzt wurden. Abb. 6: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 8 Jahre) Abb. 7: Auszug aus einem Comic-Heft 231 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Abb. 8: Mischtechnik, DIN A5, 1986 (Junge, 9 Jahre) Abb. 9: Auszüge einer Bildergeschichte, Mischtechnik, jeweils DIN A4, 1988 (Junge, 10 Jahre) 232 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Interpretationsansätze Insgesamt motivierten der Medienverbund von MotU und das Zusammenspiel unterschiedlicher sinnlicher Erfahrungen die Jungen zu einem äußerst regen zeichnerischen Verarbeitungsprozess. Meist lieferten die Spielzeuge den primären Anlass zur Zeichnung. Die Figuren aus buntem Plastik mit ihren spezifischen Funktionsweisen und Zubehörteilen boten haptische Erlebnisse. Durch das Spiel mit den Masters-Figuren, deren Gestaltaufbau sehr ähnlich war und über viele Jahre beibehalten wurde, manifestierte sich offenbar ein frühes Bewusstsein für grundlegende anatomische Gesetzmäßigkeiten und eine ausgeprägte Farbund Detailbeobachtung. Dies sind Merkmale, welche sich bereits anhand der Zeichnungen der jüngsten Altersgruppe (fünf Jahre) belegen lassen. Früh erlernte Figurenschemata begünstigten die eindeutige bildnerische Wiedergabe der einzelnen Charaktere. Vor allem die Comic-Hefte, die Hörspiele und die Trickfilme intensivierten die Sinneseindrücke auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen prägten sich also durch die vielen Geschichten die eindeutigen Eigenschaften, Fähigkeiten und Rollenzuschreibungen der Figuren ein, zum anderen wurden die Masters in Interaktion gehört und in Bewegung gesehen. Eingefügt in komplexe Handlungsabläufe wurden die Helden in Form von Szenendarstellungen und Begleitzeichnungen festgehalten. Durch das Nachstellen mit den Spielzeugen wurde so die menschlich Gestalt in Aktion vertieft. Wie die einzelnen Bildbeispiele zeigen, steht nicht das bloße Abbilden im Vordergrund, sondern ein weitaus komplexerer Aneignungs- und Gestaltungsprozess. Die angewandten Schemata werden dabei häufig »individuell und in die eigene Lebensgeschichte eingebettet, interpretiert und […] souverän gehandhabt«. (Ströter-Bender 2010: 251) Gespeist durch die verschiedenen Wahrnehmungsebenen sind die Arbeiten als Ausdruck sinnlicher Faszination sowie intensiver Auseinandersetzung zu verstehen und dokumentieren die vielfältigen ästhetischen Erfahrungen der Kinder mit dem Phänomen MotU. Die Kinderzeichnungen können weiter als eine Form der Wunscherfüllung ausgelegt werden. Besonders die Sammelstruktur der Spielzeuge veranlasste zur Anfertigung ganzer Serien von Zeichnungen. Das Verlangen, ein komplettes Figurensortiment samt Zubehör zu besitzen kommt damit zum Ausdruck. 233 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Abb. 10: Filzstiftzeichnungen, jeweils DIN A4, 1988 (Junge, 10 Jahre) Ergebnisauswertung Die Auswertung der Forschungsergebnisse erfolgt innerhalb des Bezugsrahmens der Kinderzeichnungsforschung. Gemäß der Fragestellungen soll dabei insbesondere auf bestehende Erkenntnisse zur Entwicklung der Zeichentätigkeit sowie auf geschlechtsspezifische Merkmale der Kinderzeichnung eingegangen werden. Entwicklung der Zeichentätigkeit Die gesammelten Zeichnungen sind nach dem idealtypischen und altersabhängigen Stufenmodell durchwegs in die sogenannte Schemaphase einzuordnen, welche in drei Teilabschnitte gegliedert ist. (Vgl. Eid 2002: 126 ff.) Die präsentierten Beispielzeichnungen mit den jüngsten Alterszuweisungen (fünf Jahre) bewegen sich an der Schwelle zwischen Vorschemaphase und der eigentlichen Schemaphase. Ausgehend von frühen Figurenschemata wie dem Prinzip des Kopffüßlers, ist dieser Abschnitt später durch erste Bemühungen geprägt, anatomische Gesichtspunkte genauer zu berücksichtigen. Dies spiegelt sich in der 234 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Unterscheidung zwischen Kopf und Rumpf sowie Armen und Beinen wider. Im Vergleich mit den präsentierten Zeichnungen der damals fünfjährigen Jungen in den Abbildungen 3 und 4 wird diese Differenzierung deutlich. Die Arbeiten erscheinen jedoch hinsichtlich der Körperdarstellung bereits wesentlich fortschrittlicher, gemessen am allgemeinen Entwicklungsstand, welcher in der einschlägigen Grundlagenforschung beschrieben wird. Neben der Unterscheidung der einzelnen Körperteile erfolgt stellenweise vorzeitig die Segmentierung einzelner, oft stufenlos in den Körper übergehender Gliedmaßen. Darüber hinaus werden auch sehr frühe Bestrebungen zur Darstellung von Bewegungsabläufen sichtbar. Ebenso augenfällig sind die verhältnismäßig vorzeitigen Versuche, spezifische Details der Masters sowie deren Oberflächenbeschaffenheit zu veranschaulichen. Bezüglich der Raumund Farb darstellung wird schon bei den jüngsten Zeichnern das Konzept des Streifen- oder Standlinienbildes angewandt und Gegenstandsfarben werden berücksichtigt. Im Vergleich mit der allgemeinen Abfolge der Zeichenentwicklung kommen diese Formen des bildnerischen Repertoires frühestens im Laufe der eigentlichen Schemaphase, sogar oft erst innerhalb der zweiten Schemaphase ab dem neunten Lebensjahr zum Ausdruck. Die meisten Arbeiten bewegen sich in der Altersspanne von sechs bis zehn Jahren. Entsprechend der vorherrschenden Prägnanztendenz werden auch die Masters meist zentral ins Blatt gesetzt und in der Frontalansicht gezeichnet. Klar sind die Bemühungen der Jungen erkennbar, die einzelnen Figuren in möglichst charakteristischer und eindeutiger Ansicht darzustellen, wobei die detaillierten Abbildungen von Waffen, Kostümen und Accessoires zu dieser angestrebten Wiedererkennbarkeit beitragen. Deutliche Abweichungen lassen sich jedoch bezüglich des alterstypischen Primitivschemas der menschlichen Gestalt erkennen. Anders als bei diesem häufig angewandten zeichnerischen Verfahren, weisen die Figurenzeichnungen zu MotU weitaus weniger übergroße Köpfe auf und auch die Arbeiten der jüngsten Zeichner zeigen kaum unnatürlich wirkende Abspreizungen der Gliedmaßen. So scheinen die unabhängig voneinander erlernten Figurenschemata die Jungen schon sehr bald zur Wiedergabe eines stimmigen Körperbildes und zu realitätsnahen Abbildungen angeleitet zu haben. Die nun vermehrt auftretenden und vor allem durch die Begleitmedien motivierten Bewegungsdarstellungen markieren weitere verfrüht angewandte Ausdrucksformen. Entsprechend dem allgemeinen Entwicklungsstand werden jedoch Überschneidungen und Seitenansichten weitgehend vermieden. Die vereinzelten Darstellungsversuche von Tiefenräumlichkeit in Form des Horizontbildes veranschaulichen wiederum den Gebrauch fortschrittlicher bildnerischer Gestaltungskonzepte. Auffällig erscheint, dass auch mit zunehmendem Alter meist an der prägnanten Frontaldarstellung der Charaktere festgehalten wird. Aufgrund der stark verinnerlichten Schemata bleibt in vielen Fällen die alterstypische Tendenz zur Profildarstellung aus und Überlappungen der Bildgegenstände werden nach wie vor kaum berücksichtigt. Im Gegensatz dazu nehmen die Konzentration auf die Detaildarstellungen sowie die präzise zeichnerische Ausarbeitung stetig zu und führen letztendlich zu einem äußerst souveränen Umgang mit den Vorbildern und dem Zeichenmaterial. 235 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Geschlechtsspezifische Merkmale Einen weiteren bedeutenden Vergleichspunkt liefern die bisherigen Forschungsergebnisse zu den geschlechtsspezifischen Merkmalen der Kinderzeichnung. Zu den grundlegenden geschlechterabhängigen Charakteristika ergeben sich erneut großteils signifikante Unterschiede. Anders als in der einschlägigen Literatur festgehalten, tendieren in diesem Fall auch die Jungen bereits sehr früh zu Personen- und Bewegungsdarstellungen. (Vgl. Reiß 1996, S. 84 f.) Insbesondere fallen die beschriebene differenzierte Wiedergabe von Details sowie die Neigung zur Abbildungstreue, zu stimmigen Körperproportionen und zur Wiedererkennbarkeit auf. Diese Attribute werden vor allem Zeichnungen der Mädchen zugewiesen. Die häufig beschriebenen Merkmale der Jungenzeichnung, nämlich Nüchternheit und formale Reduktion, scheinen im Rahmen der Arbeiten zu MotU nicht erkennbar. Bei der farbigen Ausgestaltung ergeben sich weitere Abweichungen. Meist sind es die Mädchen, die im Rahmen der Schemaphase zu einem differenzierten Farbeinsatz tendieren und die Lokalfarben berücksichtigen. (Vgl. Reiß 1996, S. 79 ff.) Doch auch die hier untersuchten Filzstiftzeichnungen der Jungen zeigen den frühen Gebrauch möglichst vieler Farben sowie eine deutliche Orientierung an der Farbgebung der entsprechenden Vorbilder. Vor dem Hintergrund der medialen Einflussnahme auf die geschlechtsspezifischen Merkmale der Kinderzeichnung sind die Untersuchungsergebnisse von Maya Götz anwendbar. (Vgl. Götz 2006, S. 400 ff.) So verdeutlichen die Zeichnungen zu MotU, wie sich auch Jungen klar an der Gestaltung der Medienhelden orientieren, wobei die Schwerpunkte insbesondere auf der Darstellung von Waffen, Kostümen und Zubehör sowie auf der eindeutigen Erkennbarkeit der Charaktere liegen. Vergleichbar mit den Studien von Annette Wiegelmann-Bals wird deutlich, wie auch die Jungenzeichnungen im medialen Kontext ein hohes Niveau hinsichtlich Detailbewusstsein, präziser Figurendarstellung und Farbdifferenzierung aufweisen. (Vgl. Wiegelmann-Bals 2009, S. 168 ff.) Die analysierten Arbeiten reflektieren eindeutig die angeführten Aussagen von Jutta Ströter-Bender zur Abbildung von Medienfiguren. (Vgl. Ströter-Bender 2004, S. 240.) So wenden die Jungen erlernte und verinnerlichte Abbildungsschemata an, die sicher und mit individueller Zielsetzung gebraucht werden. Ströter-Bender hält fest, dass aufgrund der medial vermittelten ästhetischen Erfahrungen auch Jungen dazu angeleitet werden, Figuren präzise darzustellen und entsprechende Einzelheiten genau wiederzugeben. Demnach sind eigentlich typische Merkmale der Mädchenzeichnung, wie sauberes Ausmalen, konsequente Ausarbeitung sowie Abbildungstreue und Detaildarstellung, gleichermaßen auf die Zeichnungen der Jungen zu übertragen. 236 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Zusammenfassung In der Zusammenstellung der Analyseergebnisse wurde deutlich, dass die Arbeiten verschiedene und individuell behandelte Schwerpunktsetzungen aufweisen. Die Zeichnungen zeigen besondere Charakteristika bezüglich des Bildaufbaus, der Farbwahl sowie der Behandlung von Details und der Qualität der Ausarbeitung. Im Rahmen der Figurendarstellung und der Wiedergabe von Handlungsabläufen werden diese spezifischen Merkmale offensichtlich. Es wurde veranschaulicht, wie die Spielzeuge und der Medienverbund rund um die Masters die damaligen Jungen zu einer regen und fantasievollen bildnerischen Auseinandersetzung motiviert haben. Die Kinderzeichnungen zu MotU können als Ausdruck von Faszination und intensiver sinnlicher Erfahrung sowie als eine Form der Wunscherfüllung interpretiert werden. Im Rahmen der Auswertung innerhalb des Bezugsfeldes der Kinderzeichnungsforschung ergeben sich Parallelen aber auch deutliche Abweichungen zu den bestehenden und einschlägigen Untersuchungsergebnissen. So ist, gemessen am allgemeinen Entwicklungsstand, ein verhältnismäßig verfrühter Einsatz gestalterischer Konzepte sowie ein fortschrittlicher Gebrauch adäquater grafischer Mittel, vor allem hinsichtlich der Wiedergabe von Figuren, zu dokumentieren. Ausschlaggebend dafür scheinen sowohl die genaue Beobachtung der materiellen Beschaffenheit der Spielzeuge als auch die ästhetischen Erfahrungen durch die Begleitmedien zu sein. Bezüglich geschlechterabhängiger Gesichtspunkte finden insgesamt die aktuelleren Untersuchungsergebnisse zur medieninduzierten Kinderzeichnung im Vergleich mit den Zeichnungen zu MotU Bestätigung. Gravierende Unterschiede sind in diesem Fall zu den allgemeinen geschlechtsspezifischen Merkmalen festzustellen, bei denen keine mediale Einflussnahme vorherrscht. Übertragen auf das Phänomen MotU können an dieser Stelle die Überlegungen von Constanze Kirchner bestätigt werden, wonach die Spielzeuge und der historische Medienverbund damals »zeitgemäße Angebote« lieferten, »um […] mit Engagement und Intensität zu gestalten« (Kirchner 2006: 95.). Die angeeigneten Abbildungsschemata boten Hilfestellungen das Verlangen nach Wiedererkennbarkeit zu erfüllen und das Vertrauen in die eigenen gestalterischen Fähigkeiten zu stärken. Dabei wurden im Rahmen der aktiven bildnerischen Verarbeitung experimentelle Verfahrensweisen nicht behindert. Die zum Vergleich herangezogenen basalen Untersuchungsergebnisse haben dabei lediglich idealtypische Gültigkeit und sind nicht als starre Markierungen zu verstehen. Wichtigste Einflussfaktoren auf die kindliche Zeichentätigkeit bilden individuelle Ausprägungen und kognitive Fähigkeiten sowie Umwelterfahrungen, bedingt durch die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen. Die Anregungen durch medial vermittelte Bildwelten und durch die Neuen Medien innerhalb der letzten Jahrzehnte spielen dabei eine bedeutende Rolle. Dies betrifft nicht nur die Entwicklung des bildnerischen Darstellungsvermögens, sondern ebenso die Inhalte der Bildmotive. Andreas Schoppe benennt Kindheit als ein »gesellschaftlich geformtes Produkt« (Schoppe 1991: 8.), welches von der jeweiligen Zeitepoche abhängig ist. Ein Umstand, der sich in Form der Kinderzeichnung widerspiegelt. Aufgrund dieser sich verändernden Lebensumstände und des kulturellen Wandels müssen Untersuchungsergebnisse auf dem Gebiet der Kinderzeichnungsforschung sowie Beobachtungen der Entwicklung kindlicher Darstellungsformen ständig neuen Betrachtungsweisen unterzogen werden. 237 Scholter | Historische Kinderzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe (1982-1988) Literatur Eid, Klaus u. a.: Grundlagen des Kunstunterrichts. Eine Einführung in die kunstdidaktische Theorie und Praxis. 6. durchges. Aufl. Paderborn 2002. Fuchs, Claudia: Barbie trifft He-Man. Kinder erzählen über Spielwelten und ihre Alltagswelt. Freiburg i. Br. 2001. Götz, Maya: Fantasien und Medien im Generationen- und interkulturellen Vergleich. In: Götz, Maya (Hrsg.): Mit Pokémon in Harry Potters Welt. Medien in den Fantasien von Kindern. München 2006, S. 389-409. Kirchner, Constanze: Kinderzeichnung im Wandel. In: Kirschenmann, Johannes u. a. (Hrsg.): Kunstpädagogik im Projekt der allgemeinen Bildung. München 2006, S. 82-97. Neuß, Norbert: Medienbezogene Kinderzeichnungen als Instrument der qualitativen Rezeptionsforschung (2000), http://dr-neuss.de/app/download/5785487915/KiMeFoPa.pdf, Download am 10.02.2016. Reiß, Wolfgang: Kinderzeichnungen. Wege zum Kind durch seine Zeichnung. Neuwied 1996. Richter, Hans-Günther: Die Kinderzeichnung. Entwicklung, Interpretation, Ästhetik. 1. Aufl. Düsseldorf 1987. Scholter, Christoph-Maria: Die Kinderzeichnung im Kontext von Spiel- und Medienwelten der 1980er-Jahre. Historische Jungenzeichnungen zum Themenfeld Masters of the Universe. Baden-Baden 2017. Schoppe, Andreas: Kinderzeichnung und Lebenswelt. Neue Wege zum Verständnis des kindlichen Gestaltens. Herne 1991. Ströter-Bender, Jutta: »Danke für Age of Empires«. Bildeindrücke durch Medien im Kontext der ästhetischen Sozialisation. In: Mattenklott, Gundel u. a. (Hrsg.): Ästhetische Erfahrung in der Kindheit. Theoretische Grundlagen und empirische Forschung. Weinheim 2004, S. 239-252. Ströter-Bender, Jutta: »Masters of the Universe« 1985-1986 (MotU). In: Kirchner, Constanze u. a. (Hrsg.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. München 2010, S. 241-252. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien. Eine qualitativ-empirische Studie von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen 2009. Abbildungen Abb. 1: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 9 Jahre). Abb. 2: Spielfigur »Man-At-Arms«. Abb. 3: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 5 Jahre). 238 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Abb. 4: Filzstiftzeichnung, DIN A3, 1987 (Junge, 5 Jahre). Abb. 5: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 8 Jahre). Abb. 6: Filzstiftzeichnung, DIN A4, 1986 (Junge, 8 Jahre). Abb. 7: Auszug aus einem Comic-Heft. Abb. 8: Mischtechnik, DIN A5, 1986 (Junge, 9 Jahre). Abb. 9: Auszüge einer Bildergeschichte, Mischtechnik, jeweils DIN A4, 1988 (Junge, 10 Jahre). Abb. 10: Filzstiftzeichnungen, jeweils DIN A4, 1988 (Junge, 10 Jahre). 239 Annette Wiegelmann-Bals Erforschung der Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien Wie drücken sich Kinder in der aktuellen, von den neuen Medien geprägten Gegenwartskultur zeichnerisch aus? Weist die Art und Weise, wie Kinder zu Computerspielen zeichnen, besondere Charakteristika auf? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Studie, die an der Universität Paderborn und der Friedrich von Spee-Gesamtschule (Paderborn) durchgeführt und im Jahre 2009 veröffentlicht wurde. Um den oben genannten Fragen nachzugehen, wurden von Schülerinnen und Schülern einer fünften Jahrgangsstufe 86 Zeichnungen zu Computerspielen angefertigt. Jedes Kind bekam dafür ein leeres DIN A4-Blatt, einen Bleistift, ein Radiergummi und jeweils zu zweit oder zu dritt 30 verschiedenfarbige Filzstifte. Der Arbeitsauftrag wurde folgendermaßen formuliert: »Stellt euch eine Situation aus einem Video- oder Computerspiel vor, in der eine Spielfigur zu sehen ist. Zeichnet diese Situation mit der Spielfigur auf euer Blatt.« Jedes Kind hatte dafür eine Doppelstunde (90 Minuten) Zeit. Die entstandenen Kinderzeichnungen wurden anschließend ausgewertet (Wiegelmann-Bals 2009). Forschungsmethode Neben detaillierten Computerspiel- und Screenshot-Analysen wurden die Kinderzeichnungen vornehmlich auf drei Ebenen analysiert. (Siehe auch das Kapitel »Modell zur Analyse von Kinderzeichnungen in diesem Buch.) Die erste, formale Ebene umfasste vorwiegend den Bildträger, das Format, die Technik und den Entstehungsprozess. Auf der zweiten, inhaltlichen Ebene wurde das Motiv bzw. der Inhalt der Zeichnung sowie die Bildkomposition (Aufbau und die Beziehungen der Gestaltungselemente untereinander) untersucht. Hier rücken nicht nur die Gesamtkomposition, die Bild- und Raumordnung sowie die Ausdifferenzierung von Einzelformen und Zeichen in den Blickpunkt, sondern auch Farbkonzepte und Farbsymbolik. Auf der dritten Ebene, der Handlungsebene, ergaben sich zwei Betrachtungsperspektiven: die dargestellte Aktion innerhalb des Bildes und die Botschaft, die aus dem Bild heraus an den Adressaten gerichtet wird. Forschungsergebnisse An der Erhebung nahmen insgesamt 49 Jungen und 37 Mädchen im Alter zwischen 10 und 12 Jahren teil. Alle Probanden besuchten in dem Untersuchungszeitraum (Januar 2004) eine Gesamtschule, wodurch ihr sozialer Hintergrund als gemischt und das Ausmaß an Mediennutzung, orientiert an der KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest aus dem Jahr 2003 (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2003) als für das Alter typisch, bei einigen Probanden auch als erhöht bezeichnet werden kann. 240 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Im Mittelpunkt der Analysen standen die Kinderzeichnungen zu den Spielen »Grand Theft Auto« und »Tomb Raider«. Im Verlaufe der Auswertung wurde deutlich, dass die bildschirmbezogenen Kinderzeichnungen, die im Rahmen dieser Untersuchung entstanden sind, im Gegensatz zu nicht medieninduzierten Zeichnungen besondere Charakteristika aufweisen. Um keine vorschnellen Generalisierungen festzuschreiben, werden die Ergebnisse dieser Untersuchung im Folgenden differenziert und in Bezug auf die drei oben beschriebenen Ebenen dargestellt. 1) Formale Ebene Im Hinblick auf die formale Ebene kann konstatiert werden, dass auf dieser keine nennenswerte Unterschiede zwischen den 86 Kinderzeichnungen bestehen. Alle Zeichnungen wurden, wie oben beschrieben, auf DIN A4-Zeichenpapier mit Filzstiften, Bleistift und Radiergummi erstellt. 2) Inhaltliche Ebene Auf der inhaltlichen Ebene sind folgende Aspekte festzustellen: Gesamtkomposition/Bild- und Raumordnung Alle Zeichnungen zu Tomb Raider, welche ausschließlich von Mädchen angefertigt wurden, weisen in der Gesamtkomposition und dem Bildaufbau sowie der Raumordnung deutliche Parallelen auf. Die Figur Lara Croft ist auf allen bildnerischen Arbeiten mittig, frontal, zumeist großformatig und detailgetreu abgebildet. Die äußeren Erscheinungsbilder der Protagonistin sowie ihre Körperhaltung sind in den Mädchenzeichnungen ähnlich angelegt. Ihre weiblichen Rezipienten, welche ihre offensichtlich verinnerlichte Vorstellung von Lara Croft zeichnerisch umsetzten, hielten sich damit im Gegensatz zu anderen Kindern exakt an die vorgegebene Aufgabenstellung, eine Spielfigur darzustellen. Andere Probanden zeichneten trotz dieser Aufgabenstellung mehrere Spielfiguren. Das deutet darauf hin, dass ein komplexes Bildbzw. Heldinnenschema in der Vorstellung der Computerspielerinnen existiert hat, welches im Rahmen des Zeichenvorganges objektiviert wurde. Die Bild-Hintergründe dienen der Positionierung bzw. Verortung der Spielfigur sowie der Hervorhebung der Protagonisten innerhalb eines Figur-Grund-Kontrastes. Genau dieses Phänomen lässt sich auch in einer Zeichnung zu GTA Vice City feststellen, die ebenfalls von einem Mädchen angefertigt wurde. Auch hier ist der Protagonist mittig, frontal, großformatig und detailgetreu vor einem für das Computerspiel typischen Hintergrund wiedergegeben. Bei den weiblichen Probanden scheint in Bezug auf beide Computerspiele ein verinnerlichtes Bildschema von der Hauptspielfigur vorgelegen zu haben, welches in den zeichnerischen Arbeiten zum Ausdruck kommt. Die untersuchten Kinderzeichnungen zu GTA Vice City spiegeln divergierende räumliche Anordnungen und Bildkompositionen. Während das einzige Mädchen, das zu diesem Spiel eine Zeichnung angefertigt hat, eine Figur dargestellt hat (wie bei den Zeichnungen zu Tomb Raider), integrierten fast alle Jun- 241 Wiegelmann-Bals | Erforschung der Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien gen zusätzliche Bildgegenstände und/oder andere Spielfiguren in ihre Zeichnungen. Auf diese Art und Weise erweiterten sie den Handlungsinhalt ihrer Zeichnung. Diese erweiterte inhaltliche Dimension in einer Zeichnung findet insbesondere in einer Kumulation von Handlungsabschnitten mit narrativem Charakter ihren Ausdruck. Ausdifferenzierung von Einzelformen und Zeichen Auch in Bezug auf Einzelformen und Zeichen kann die Existenz eines homogenen, verinnerlichten Systems aus detaillierten Bildelementen von Lara Croft in der Vorstellung der weiblichen Probanden bestätigt werden, welches sich in den Zeichnungen manifestiert. Alle Zeichnerinnen von Tomb Raider stellen Details bzw. Merkmale, welche die Figur eindeutig als Lara Croft identifizierbar machen, differenziert und in ähnlicher Weise dar: der geflochtene Zopf, die Kleidung, Elemente des Gesichtes (große Augen mit Wimpern, volle Lippen) und die Pistolen, die Lara Croft trägt. An dieser Stelle ist ein kurzer Blick auf andere Forschungsergebnisse aufschlussreich. Dorner (Dorner 1999, S. 104) führte im Jahr 1999 aus, dass Mädchen der menschlichen Figur beim Zeichnen häufig mehr Aufmerksamkeit schenken, z. B. durch die größere Anzahl ausgearbeiteter Details, durch die stimmigeren Proportionen oder durch die Größe der dargestellten Figur. Schuster (Schuster 2001, S. 58) und Brown (Brown 1990) weisen ebenfalls darauf hin, dass Mädchen bei der Darstellung von Menschen einen etwas differenzierteren Kopf mit z. B. Augenbrauen und Wimpern zeichnen als die Jungen. Diese Forschungsergebnisse können in dieser Erhebung mit Blick auf die Zeichnungen der Mädchen bestätigt werden. Mit Blick auf die Besonderheiten der untersuchten Zeichnungen, müssen sie jedoch in Bezug auf medienbezogene Jungenzeichnungen differenziert werden, da in dieser Untersuchung auch Jungen in ihren Bildkompositionen die Protagonisten in Form einer ausführlich ausgearbeiteten Gestalt abgebildet haben. Diese im Rahmen der Studie formulierte Beobachtung wird durch die folgende Ausführung von Jutta Ströter-Bender bestätigt: »Zugleich widmen auch die Jungen dem Bereich der Kleidung ihrer Helden und Protagonisten höchste Aufmerksamkeit und zeichnen detailliert und sorgsam Accessoires, Schmuck und Gewandung«. (Ströter-Bender 2004, S. 240) Eine Ursache dieser genderspezifischen Eigenart von Jungenzeichnungen zu Computerspielen könnte in der thematischen Motivation und/oder persönlichen Identifikation mit dem virtuellen Helden liegen. Waffen in bildschirmbezogenen Kinderzeichnungen Die Waffen, die in den ausgewählten Computerspielen der Probanden zum Einsatz kommen, scheinen sowohl den Rezipienten von GTA Vice City als auch von Tomb Raider in besonderer Erinnerung geblieben zu sein. Während diese Gegenstände jedoch für die Jungen offensichtlich eher einen Handlungs- und Funktionsträger darstellen, weisen sie auf den Zeichnungen der Mädchen eine eher dekorative Funktion auf. Gewalthandlungen in Kinderzeichnungen Die Zeichnungen zu GTA Vice City enthalten neben differenzierten Darstellungen der im Computerspiel relevanten Waffen auch dargestellte Gewalthandlungen. Dabei werden auch nicht sichtbare Abläufe der virtuellen Inszenierung in den Zeichnungen visualisiert. Zum 242 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Beispiel wird der Flug eines Geschosses von einem männlichen Zeichner durch die Skizzierung von aufeinander folgenden, durch die Luft fliegenden Kugeln angedeutet. Weiterhin kann festgehalten werden, dass die Opfer der gewalthaltigen Handlungen oft nur sehr grob bzw. schemenhaft skizziert wurden. Daraus kann auf eine periphere Wahrnehmung der Nebenfiguren mit wenig Handlungsrelevanz geschlossen werden. Farbigkeit und Farbgebrauch Im Rahmen dieses Analysekriteriums wird zwischen qualitativem und quantitativem Farbverhalten differenziert. Qualitatives Farbverhalten Zusammenfassend ist mit Blick auf die untersuchten Zeichnungen festzustellen, dass in den kindlichen Arbeiten zum größten Teil Lokal- oder Gegenstandsfarben verwendet worden sind. Die Farbe Rot wurde in den Zeichnungen u. a. für die Darstellung von Blut verwendet, wodurch gewalthaltigen Handlungen besonderer Ausdruck verliehen wurde. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass in den (meist deutschen) Spielversionen, die die Kinder angaben, kein Blut gezeigt wird. Offensichtlich assoziierten die Kinder trotzdem Spritzer oder Pfützen dieser Körperflüssigkeit. Die affektive bzw. emotionale Qualität dieser Farbgebungen im Zusammenhang von Gewalt dient offensichtlich der Ausdruckssteigerung in Bezug auf den Adressaten im Kontext der Detaillierungs- und Visualisierungsintention. Quantitatives Farbverhalten Beim Betrachten der gesamten Zeichnungen wird mit Blick auf alle 86 Zeichnungen deutlich, dass die Jungen, anders als in Untersuchungen zu nicht medienbezogenen Zeichnungen beschrieben (Reiß 1996, S. 79 ff), zum Teil gleich viele oder sogar mehr unterschiedliche Farbtöne auswählten bzw. einsetzten als ihre andersgeschlechtlichen Altersgenossinnen. Das spricht ebenso wie die differenzierten Heldendarstellungen für eine starke Motivation der Jungen bei der Anfertigung der computerspielbezogenen Kinderzeichnungen. Auch hier lässt sich diese Beobachtung, wie oben im Kontext der Einzelformen und Zeichen bereits beschrieben, auf eine hohe thematische Identifikation und hohe Motivation der männlichen Heranwachsenden zurückführen. Handlungsebene Auch in Bezug auf die Handlungsebene lässt sich folgende Annahme formulieren: In den Jungenzeichnungen dominieren Handlungsabläufe von z.T. konflikt- bzw. gewalthaltigen Situationen, während die weiblichen Probanden meist keine Spielszenen, sondern eher detailliert die Protagonisten darstellten. Zusammenfassung der Forschungsergebnisse Die untersuchten computerspielbezogenen Zeichnungen, insbesondere die Jungenzeichnungen, wiesen im Vergleich zu nicht medienbezogenen zeichnerischen Arbeiten besondere Charakteristika in Bezug auf die Gesamtkomposition und Bildaufbau, die Darstellung von 243 Wiegelmann-Bals | Erforschung der Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien Waffen, die Darstellung der in den Computerspielen nicht sichtbaren Abläufe und die schemenhafte Darstellung der Opfer gewalthaltiger Handlungen auf. Des Weiteren wurde in den Kinderzeichnungen die Farbe Rot für die Visualisierung von Blut verwendet, auch wenn in dem assoziierten Computerspiel, zu welchem die Zeichnung angefertigt wurde, kein Blut gezeigt wird. Die Jungen zeichneten außerdem, anders als in einigen anderen Untersuchungen zu nicht medienbezogenen Kinderzeichnungen angenommen, ihre Computerspielhelden und Protagonisten sehr differenziert, was sich in detaillierten und farbenfrohen Accessoires, liebevoll gestaltetem Schmuck und in der Kleidung zeigte. Das ist vermutlich u. a. auf eine starke intrinsische Motivation und eine die Erinnerung massiv stützende Identifikation der Jungen bei der Anfertigung der computerspielbezogenen Kinderzeichnungen zurückzuführen. Diese Studie aus dem Jahr 2009 liefert erste Hinweise darauf, dass durch die Neuen Medien, insbesondere durch Computerspiele, die zeichnerischen Ausdrucksformen der Kinder und Jugendlichen beeinflusst werden. Literatur Brown, Eleese V.: Developmental characteristics of figure drawings made by boys und girls ages five through eleven. In: Perceptual and Motor Skills 70 (1990) S. 279–288. Dorner, Birgit: Pluralismen. Differenzen. Positionen kunstpädagogischer Frauenforschung in Deutschland und in den USA seit dem Ende der 60er Jahre. Münster 1999. Götz, Maya: Mit Pokémon in Harry Potters Welt. München 2006. Götz, Maya; Dafna Lemish: Mit Laserschwert und Sissi-Kleid – Medienspuren in den Phantasien der Kinder und ihre Bedeutung. In: Götz, Maya (Hrsg.): Mit Pokémon in Harry Potters Welt. München 2006, S. 139-162. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: Kim-Studie 2003, http://www.mpfs. de/index.php?id=51 2003, download 02.05.2007. Kirchner, Constanze: Digitale Kinderzeichnung – Annotationen zum derzeitigen Forschungsstand. In: Kunst und Unterricht 246/247//2000, S. 32 – 45.; Vgl. Mohr, Anja: Digitale Kinderzeichnung – Aspekte ästhetischen Verhaltens von Grundschulkindern am Computer. München 2005. Kirchner, Constanze: Kinderzeichnung im Wandel. In: Kirschenmann, Johannes; Frank Schulz; Hubert Sowa (Hrsg.): Kunstpädagogik im Projekt der allgemeinen Bildung. München 2006, S. 82 – 97. Kirchner, Constanze: Digitale Kinderzeichnung im Übergang zum Jugendalter. Eine Studie zur digitalen Bildgestaltung von Zwölf- bis Vierzehnjährigen. In: Peez, Geor (Hrsg.): Handbuch Fallforschung in der Ästhetischen Bildung/ Kunstpädagogik. Qualitative Empirie für Studium, Praktikum, Referendariat und Unterricht. Baltmannsweiler 2007, S. 90 – 101. 244 Kinderzeichnungen | 5. Historische Kinder- und Jugendzeichnungsforschung Kirschenmann, Johannes; Frank Schulz; Hubert Sowa: Kunstpädagogik im Projekt der allgemeinen Bildung. München 2006. Ladas, Manuel: Brutale Spiele(r)? Wirkung und Nutzung von Gewalt in Computerspielen. Frankfurt am Main 2002. Mohr, Anja: Digitale Kinderzeichnung – Aspekte ästhetischen Verhaltens von Grundschulkindern am Computer. München 2005. Neuß, Norbert: Medienbezogene Kinderzeichnung als Instrument der qualitativen Rezeptionsforschung. In: Paus-Haase, Ingrid; Bernd Schorb (Hrsg.): Qualitative Kinder- und Jugend-Medienforschung. München 2000. Richter, Hans-Günther: Die Kinderzeichnung. Entwicklung, Interpretation. In: Ästhetik, 1. Aufl., 5. Druck. Berlin 1997. Schuster, Martin: Kinderzeichnungen. Wie sie entstehen, was sie bedeuten, 2. neu bearb. Aufl. München 2001. Schorb, Bernd; Ingrid: Qualitative Kinder- und Jugend-Medienforschung. München 2000. Ströter-Bender, Jutta: Danke für Age of Empires. Bild-Eindrücke in der ästhetischen Sozialisation durch Computerspiele. In: Mattenklott, Gundula; Constanze Rora (Hrsg.): Ästhetische Sozialisation. Weinheim 2004, S. 239-252. Mattenklott, Gundel; Constanze Rora: Ästhetische Erfahrung in der Kindheit. Weinheim/ München 2004. Theunert, Helga; Bernd Schorb: Begleiter der Kindheit. Zeichentrick und die Rezeption durch Kinder. München 1996. Wiegelmann-Bals, Annette: Die Kinderzeichnung im Kontext der Neuen Medien – eine qualitativ-empirische Untersuchung von zeichnerischen Arbeiten zu Computerspielen. Oberhausen 2009 (Hinweis: Aus dieser Arbeit enthält dieser Artikel Textauszüge.).

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Zusammenfassung

Kinder- und Jugendzeichnungen eröffnen nicht nur Einblicke in die Sehweisen und zeichnerischen Fähigkeiten vorangegangener und gegenwärtiger Generationen, sondern sind auch wertvolle Kommentare zum Zeitgeschehen, zum Alltagsleben, zu Wünschen und Sehnsüchten. In ihnen ist geschichtlicher Wandel ablesbar, ebenso können Erziehungssysteme, Normen, Unterrichtsvorgaben wie aber auch die kulturpolitischen und sozialen Bedingungen wahrgenommen werden. Sie erlauben zugleich erweiterte Einblicke in die unterschiedlichen Bedingungen der ästhetischen Sozialisation, in das Aufwachsen von Jungen und Mädchen und sind damit sensible Seismographen gesellschaftspolitischer Entwicklungen und Veränderung von Kindheit.

Der langjährige Forschungsverbund im Fach Kunst, Universität Paderborn, widmet sich in vielfältigen Perspektiven der Untersuchung von „historischen und aktuellen Kinder- und Jugendzeichnungen“. In einer rasanten gesellschaftlichen Umbruchphase von Globalisierung, Veränderung der Medienkindheit, Intensivierung der Geschlechterbilder und Migration werden Forschungsthemen aufgegriffen, die exemplarische Einblicke mit repräsentativen Einsichten ermöglichen.