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3. INTERKULTURELLE KINDERZEICHNUNG in:

Jutta Ströter-Bender, Annette Wiegelmann-Bals (Ed.)

Historische und aktuelle Kinderzeichnungen, page 119 - 188

Eine Forschungswerkstatt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3991-5, ISBN online: 978-3-8288-6696-6, https://doi.org/10.5771/9783828866966-119

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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3. INTERKULTURELLE KINDERZEICHNUNG 119 121 Heidrun Wolter Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert Das Sammeln geht der Wissenschaft immer voraus, schreiben Anke Te Heesen und Emma C. Spray. (Vgl. Heesen/Spary 2001, S. 7) Genauer gesagt ist das Sammeln ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis. Zahlen, Daten, Messungen, Bilder oder Objekte bilden die Grundlage für eine wissenschaftliche Bearbeitung. Mittels Ansammlungen von verschiedensten Dingen, es sei hier die Kinderzeichnung erwähnt, lassen sich durch die Vielfalt, Regelmäßigkeiten und Abweichungen erkennen. Hierbei gilt es gezielte Interessen und Vorannahmen zu hinterfragen und auf ihre Einflussmöglichkeit bei einer Klassifizierung zu prüfen. Dabei spielt, was unsere Augen sehen, unsere Beobachtungen und das Experimentieren, eine große Rolle, unter Berücksichtigung von Prozess und Ort des Geschehens. Es gibt 136 verschiedene Bedingungen unter der eine Sammlung Formen des wissenschaftlichen Wissens hervorruft. Der Umgang mit Objekten unterliegt einem historischen Wandel. Im 17. Jahrhundert wurden Objekte oft als Singularitäten bewundert, im 18. Jahrhundert ging es eher um Ordnung, Klassifizierung und Vergleich der Objekte. (Vgl. ebd., S. 14) In den ersten Publikationen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu Kinderzeichnungen aus anderen Kulturen wird der damalige Blick auf diese Kinderzeichnungen deutlich. Die kindliche Lebenswelt, kunsthistorische, künstlerische und gesellschaftliche Einflüsse bleiben bei den Betrachtungen weitgehend unberücksichtigt. Auch das geografische Umfeld wird oft bei den Auswertungen und Betrachtungen nicht genügend beachtet. Damals sind es oft Ethnologen und Anthropologen, die Kinderzeichnungen als Beiwerk ihrer Forschungen aus den Ländern und den jeweiligen Kolonien mitbringen. Vielfach werden sie dort beim Skizzieren ihrer Forschungsobjekte von den Kindern beobachtet, die dieses nachahmen wollen. Bei vielen Beschreibungen, Betrachtungen und Analysen von interkulturellen Kinderzeichnungen wird aus den Niederschriften nicht deutlich, wie es zu den Forschungen in den jeweiligen Ländern kam. Oft werden Betrachtungen zu Bildwerken von Kindern aus anderen Ländern betrieben, ohne das diejenigen, die auswerten, je in dem Herkunftsland gelebt haben oder kulturelle Hintergründe berücksichtigen. Schon früh wird die so genannte Differenzanalyse als Auswertungsgegenstand verwendet, die Kulturvergleich sucht. In Auswertungen und Betrachtungen von interkulturellen Kinderzeichnungen findet diese bis heute unreflektierte, unkritische Anwendung. Die Methode des Vergleichens von Kinderzeichnungen aus anderen Kulturen mit westlichen Kinderzeichnungen ist einer der vergangenen Forschungsansätze, der sich bis heute hält. Diese Vergleichsmethode wird durch die vergleichenden Forschungen auf dem Gebiet der Völkerpsychologie von Wilhelm Wundt (Vgl. Wundt 1900-1920) Ende des 19. Jahrhunderts, ausgelöst. Der Psychologe, Philosoph und Mediziner versucht in seiner damaligen »Rassenpsychologie« die Psyche der Menschen unterschiedlicher Völker durch Vergleiche zu unterscheiden. In Bezug auf die Methode des Vergleichs ist auch Desmond Morris zu nennen. (Vgl. Desmond 1967/1971/1977/1979) Der britische Zoologe und Ethnologe untersucht zu Beginn 122 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung des 20. Jahrhunderts vielfach mittels Vergleichens das menschliche und tierische Verhalten. Mittels dieser Methode des Vergleichens geht es darum Universalien zu suchen. Bei den interkulturellen Kinderzeichnungsforschungen dient das Vergleichen der Hypothesenentstehung. Oft gehen die Vergleiche der fremden Elemente auf normative Vorstellungen zurück, die den Maßstab des aus der eigenen Kultur, des Vertrauten voraussetzen. Zu bedenken ist bei der Verwendung dieser Vergleichsmethode, es liegt der Differenz eine Bezugsgröße zugrunde, in Form von westlichen Kinderzeichnungen, ein eurozentristisches Vorgehen. Da hierbei westliche Wahrnehmungsweisen und Wertemuster angelegt werden. Dabei gilt es auch zu bedenken, dass diese historischen Wandlungen unterliegen. Durch diese Auswertungsmethode des Vergleichens, wird der Blick auf die vorhandenen Merkmale innerhalb der Zeichnungen gelenkt, das nicht abgebildete bleibt unberücksichtigt und der Bezug zur Lebenswelt der Kinder wird oft vergessen. Betrachtungen von interkulturellen Kinderzeichnungen erfolgen so im Modus des Defizitären. Führt man einen Rückblick auf die Auswertungen von Kinderzeichnungen, so wird für Auswertungen meist die Darstellung des Menschen gewählt, da diese als universell angesehen wird. Im Jahre 1926 wird von F. Goodenough der DAM-Test (Draw-A-Man Test) entwickelt, das erste Testverfahren welches Figurdarstellungen von Kindern im Alter von 4-10 Jahren, für einen Intelligenztest auswertet. Durch die Themenstellung »Zeichne einen Mann und eine Frau, so gut du es kannst« wird davon ausgegangen, dass die Kinder ihr Bestes geben. Es wird keine zeitliche Begrenzung vorgegeben. Die Zeichnungen werden nach 51 Items ausgewertet, dabei wird drei Kategorien besondere Aufmerksamkeit geschenkt, das sind Anzahl an Details, Kopfdarstellung mit Gesichtsausdruck und Hände, die proportionalen Verhältnisse von Körperteilen zueinander und die motorische Koordination, die am Linienfluss ermittelt wird. Das Auswertungsergebnis der Items wird in Beziehung zum Alter des Kindes gesetzt, um den Intelligenzquotienten zu ermitteln. Dieser Test wird hierzulande von Herman Ziler als MZT-Test (Mann-Zeichentest 1958) entwickelt. Die Instruktion lautet »Zeichne einen Menschen, so gut du es kannst«. Auch bei Auswertungen des MZT geht es um eine richtige, naturalistische Darstellung, die die meisten Punkte bekommt. Letztere werden nach einer Tabelle vergeben, in der das Lebensalter berücksichtigt wird. »Die von den Kindern verwendeten ‚Schemataʻ der Abbildung unterliegen einem epochalen Wandel, und die Validität der Tests ist über die Jahrzehnte nicht ohne weiteres gegeben.« (Schuster 1990: 95) Genau genommen muss das bildnerische Training von Kindern bei dieser Art von Test mit berücksichtigt werden. Viele der vorgestellten Auswertungen von interkulturellen Kinderzeichnungen bedienen sich jedoch an Auswertungsitems, die vor langer Zeit anhand von westlichen Kinderzeichnungen entwickelt wurden. Die große Beliebtheit dieser Auswertung liegt sicher in der einfachen Handhabbarkeit. Karen, Vibeke, Mortensen kritisiert zu Recht deutlich die heutige Verwendung dieses Testverfahrens. (Vgl. Mortensen 1991) »Another questionable aspect of the test concerns the age norms. Goodenough (1926) norms are more than 60 years old and cannot without reexamination be regarded as still valid. It is a well-known fact that the drawing norms are sensitive to cultural changes, as are norms in other intelligence tests. […] The basic premises on which the drawing test rests need, however, to be re-examined. The use of drawings as a measure of intelligence or intellectual maturity tells perhaps more about Western culture than about children’s drawings. It reflects the keen overconcern of our culture with the cognitive aspects of personality and a corre- 123 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert sponding neglect of other aspects such as sensual perceptivity, body awareness, imagination, and affectivity.« (Mortensen 1991: 265) Deutlich zeigt sie die Abhängigkeit von Zeichennormen und kulturellen Entwicklungen auf, die es zu berücksichtigen gilt. Darstellungen der menschlichen Figur werden in Auswertungen gleich wie Objektdarstellungen behandelt. Figur-Darstellungen hängen zusammen mit Körperimages von Zeichnenden, mit deren Selbstkonzept und den kulturellen Einstellungen zum Körper. Wobei sich Körperkonzepte verändern. Zu kritisieren ist, dass die eigene subjektive Körpererfahrung und deren Einfluss auf das kindliche Körperkonzept nicht berücksichtigt wird. Zu nennen sind soziale Normen und Stereotypenbildung sowie bildliche Vorlagen. Individuelle und persönliche Erfahrungen bilden spezielle Emotionen zu bestimmten Körperteilen aus. Messungen von beispielsweise Figur-Größen stellen zunächst reine Zahlenwerte dar. Es stellt sich die Frage, durch welche Einflüsse, auch kultureller Art, diese Zahlenwerte zustande kommen. Dabei wird der Zusammenhang zwischen kognitiver Entwicklung und zeichnerischer Umsetzung nicht geleugnet. Die meisten Auswertungen verwenden die zeichnerische Integration von Körperteilen zueinander, Proportion, Positionierung der Objekte auf dem Zeichenblatt, Symmetrie, Schattierung, Farbgebung und Linienführung als Merkmale, um eine Kinderzeichnung zu erfassen. Man kann Körper nicht nur durch seine physiologischen Beschaffenheiten begreifen, sondern als geschichtlich und sozial vorgeprägten Zeichenträger, da mimische und gestische Aktionen immer innerhalb kultureller Verhältnisse vorkommen. In den 1970er-Jahren berücksichtigt E. M. Koppitz für ihre Auswertungen die kindliche Beziehung zu ihren wichtigsten Personen. Sie geht davon aus, dass die Figur-Darstellungen von Kindern in Anlehnung an die für das Kind wichtigsten Personen geschehen. Ein Aspekt ist die Beziehung von Figur-Darstellungen und Urheber der Darstellung. Erst in den neueren Forschungen werden geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt. Diese hängen stark mit der geschlechtlichen Identität zusammen. Viele der Gender bedingten Unterschiede sind den jungen Zeichnern nicht bewusst. Aufgrund der gesichteten Forschungsergebnisse sollte die Stellung der Frauen, Männer, Mädchen und Jungen in den jeweiligen Kulturen genau betrachtet werden, da dies sicher Auswirkungen auf Figur-Darstellungen in den Kinderzeichnungen hat. Viele Forschungen zeigen, dass die Mädchen vor allem bei der Figur-Darstellung bessere Ergebnisse erzielen, da sie Haar, Kleidung und Gesichtsausdruck differenzierter abbilden. Eine höhere Anzahl an Details ist dabei nicht unüblich. Es heißt, dass Mädchen angeblich über eine bessere Feinmotorik verfügen. Es wird auch öfters erwähnt, dass das eigene Geschlecht besser abgebildet wird. K.V. Mortensen verweist auf die Tatsache, dass die Gefahr besteht, dass Erwartungshaltungen durch schon bekannte Ergebnisse, von Forschenden durch eine gewisse Voreingenommenheit bestätigt werden. »In light of the earlier reservations concerning the possibility of objectivity in research on sex differences, the result of the study may perhaps be suspected of being only a confirmation of the author’s preconceived standpoint.” (Mortensen 1991: 263) Wie sich in den bisher dargestellten Beschreibungen und Auswertungen von interkulturellen Kinderzeichnungen zeigt, spielen Wahrnehmungen und Nachahmungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Zeichnung. Die Bildung von Modellen bzw. Konzepten in der Vorstellung ist Voraussetzung für die zeichnerische Tätigkeit. 124 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Ein weiterer Punkt, der in den Forschungen zu Kinderzeichnungen wenig Berücksichtigung wird, ist, die unbewusste Bezogenheit auf den Untersuchenden. Der Psychoanalytiker Rudolf Blomeyer (Vgl. Blomeyer 1978) führt 1978 eine Untersuchung durch mit der Fragestellung, ob bestimmte Untersucher unbewusst bei verschiedenen Kindern und Jugendlichen ähnliche inhaltliche oder formale Elemente in den Zeichnungen hervorrufen können. Dabei zielt er vor allem auf die projektiven psychologisch-diagnostischen Tests ab, in denen Kinderzeichnungen ausgewertet werden, wie beispielsweise »Familie (des Patienten) in Tieren«. Geht man von einer Beeinflussung aus, so müssten Kinder bei demselben Untersuchungsleiter ähnlich zeichnen. Das Ergebnis zeigt, dass bei 9 von 20 Untersuchungsleitern, mehr oder weniger deutliche Entsprechungen gefunden werden. Er plädiert dafür Untersuchungsbedingungen, wie Anlass, Institution und die Person des Untersuchers in Auswertungen mit zu bedenken. Zusammenfassend spricht R. Blomeyer davon, dass das eigentlich Typische nicht von den Einzelfaktoren zu beschreiben ist, sondern sich aus dem Gesamteindruck ergibt, wenn man die Bilder eine Weile auf sich wirken lässt. In den Forschungen zu interkulturellen Kinderzeichnungen wird nie berücksichtigt, wie es zu den jeweiligen Forschungen in den unterschiedlichen Ländern kam. Die Anfänge bilden Kinderzeichnungen, die oft als Beiwerk von Ethnologen gesammelt werden. In den Forschungen der 1990er- und späteren Jahren kristallisiert sich heraus, dass meist persönliche Beziehungen zu dem Land und den Menschen vor dem eigentlichen Forschungsvorhaben bestehen. In einigen Fällen konnte ich diesen wichtigen Punkt durch Kontakt mit den Forschenden in Erfahrung bringen. Einige Beispiele möchte ich hier kurz skizzieren, z. B. Frau S. Oehmig, welche in den 1990er-Jahren zu Kinderzeichnungen aus Tansania, auf dem Gebiet der Psychologie forscht. Sie hat zwei Schwestern, die in den sechziger und siebziger Jahren nach Südafrika auswanderten. Dies führt Frau S. Oehmig zu ersten Afrika Besuchen in Südafrika. Weitere Afrikareisen, vor allem in Ostafrika folgen darauf. Im Jahre 1995 hat Frau S. Oehmig die Gelegenheit ihr klinisches Jahr, das zur Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin benötigt wird, in Tansania in der Psychiatrie abzuleisten. Letzteres bildete den Grundstein für Forschungen zu Kinderzeichnungen aus Tansania. Das Interesse an Tansania ließ offensichtlich nicht nach, denn Ende 2005 entschloss sich Frau S. Oehmig nach Tansania auszuwandern. Eine andere Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der interkulturellen Kinderzeichnung ist Rabea Müller, welche durch private Interessen nach Chile reist. Bevor sie dort Forschungen zu Kinderzeichnungen durchführte, hat sie an jenem Ort schon einige Zeit gelebt. Die Andersartigkeit in den chilenischen Zeichnungen die ihr auffiel, war Anlass für Forschungen zu Kinderzeichnungen aus Chile und Deutschland. Sie vertritt die Meinung, dass man einen Vergleich der Kinderzeichnungen aus fremden Kulturen mit hiesigen nur vornehmen kann, wenn man vertiefte Kenntnisse über die fremde Kultur hat und dort zumindest einige Zeit gelebt hat. Auch hält sie einen Vergleich nur für sinnvoll, wenn die Kulturen nicht zu unterschiedlich sind. N. Schütz erforscht Kinderzeichnungen auf Bali, diese Untersuchungen wurden im Vorfeld geplant. Weitere Forschungen zu Kinderzeichnungen in Ägypten und in der Oase Farafa ergaben sich bei Aufenthalten vor Ort. 125 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert Kenntnisse der jeweiligen Kultur sind für eine Betrachtung von Kinderzeichnungen aus anderen Kulturen notwendig. Dabei sind die sozialen Bedingungen der Produktion und Rezeption der vergangenen Handlungen und Werke mit zu berücksichtigen. Es gilt auch die Kunstproduktion vor Ort und die Lebenswelt der Kinder, mit den kulturellen Werten und Bedeutungen, genau zu studieren, um daraus Bezüge zu den jeweiligen Darstellungen ableiten zu können. Dabei sind Formübernahmen zu beachten, deren Quellen aufzufinden sind, seien es die Sitznachbarn, Vorbilder, Gesten oder sprachlich semantische Zusammenhänge. Ist den Kindern der Umgang mit Stiften und Papier vertraut, sind sie des Schreibens kundig. Wie viel Vorkenntnisse in zeichnerischen Darstellungen vorhanden sind und ob es einen Kunstunterricht gibt, ist bei den Auswertungen mit zu beachten. Oft wird der visuelle Realismus mit den gegenstandsanalogen Darstellungen als Maßstab an die außereuropäischen Kinderzeichnungen angelegt. Dabei wird der Blick auf die jeweils vorherrschende Kunst- und Bildtradition sowie alltägliche Bildvorlagen häufig vergessen. Sicher ist, dass Medien heute die Kinderzeichnung stark beeinflussen und daher eine Zurückverfolgung der Formübernahmen und Auffinden ihres kulturellen Ursprungs kaum mehr möglich sind. Doch gilt es bei interkulturellen Forschungen die jeweiligen kulturellen Vorbilder und das kulturelle Bildangebot zu berücksichtigen. Sinnvoll wären systematische Sammlungen von Kinderzeichnungen aus den jeweiligen Ländern, über einen langen Zeitraum hinweg, so könnten Einblicke in wechselnde Normen, von Zeichenvorlagen, Formübernahme und künstlerischen Anregungen gewonnen werden. Siegfried Levinstein ist einer der ersten, der sich 1905 mit der außereuropäischen Kinderzeichnung und ihrer Entwicklung befasst, dabei stützt er sich auf die Forschungen der Ethnologin Louise Maitland. (Vgl. Levinstein 1905) Im Jahre 1899 befasst sich die Ethnologin L. Maitland mit Zeichnungen von Inuitkindern. Durch ein Mitglied der Alaskaexpedition der Stanford Universität gelingt es ihr, 65 Zeichnungen von Inuitkindern, Jungen und Mädchen unter 14 Jahren, zu erhalten. Einige der Kinder besitzen ein wenig Schulbildung, doch keines kann wirklich lesen oder schreiben. Es erfolgt keine Themenstellung. Die Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, sind Bleistifte und Papier. S. Levinstein äußert sich überrascht über die Lebendigkeit der Zeichnungen. Diese werden nach folgenden Kriterien analysiert: Was wird dargestellt? Darstellungsweite der Geschichte, Perspektive, Stellung des Menschen, Technik, Bewegung, rhythmische Wiederholung von Gegenständen, Häufigkeit einzelner Beschäftigungen, Häufigkeit von Details. »In der Betrachtung dieser Untersuchung sagt L. Maitland: Alles ist in Bewegung, dreiviertel derselben stellen Erzählungen oder Ereignisse des täglichen Lebens dar. Wenn man die Details der Bilder näher in Anschein nimmt, so findet man, daß auch die kleinen Eskimos ihre Szenen so einfach als möglich darstellen.« (Levinstein 1905: 79) L. Maitland vergleicht die Zeichnungen der Inuitkinder mit Zeichnungen, die sie in Kalifornien gesammelt hat. Dabei entdeckt sie große Ähnlichkeit zwischen beiden Gruppen. Sie merkt des Weiteren an, die Zeichnungen aus ihrem Kulturkreis seien sehr unvollkommen in Bezug auf realistisches, künstlerisches Gestalten. In den Zeichnungen der Inuitkinder sind Erzählungen aus dem Alltag dargestellt, daraus zieht sie den Schluss, dass es sich um eine Art grafische Sprache handelt, die zur Verständigung über sozio-kulturelle Inhalte, wie wir heute sagen würden, dient. Die Auswertung der Kinderzeichnungen erfolgt vor dem Hintergrund der Gestaltungsformen von realistischen Kunstwerken. Der Blick auf die Raumgestal- 126 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung tung zeigt folgende Äußerung: »[…] dass die perspektivische Darstellung in 37 % der Fälle nicht gelungen sei. Sie sieht aber schon, dass die Darstellung der räumlichen Gegebenheiten in den Zeichnungen von Eskimokindern häufig, wie man heute sagen würde, dem Modell der Raumschichtenbilder entspreche, weil Land, Meer und Eis durch horizontale Linien bzw. durch Streifen angedeutet werden.« (Richter 2001: 37) L. Maitland kommt zu dem Schluss, dass sich deutsche Kinder bis zu 10 Jahren nicht anders entwickeln als Eskimokinder. S. Levinstein schließt daraus: Kinder zeichnen, um etwas von einem Gegenstand zu erzählen, und nicht, um ihn darzustellen. Auch S. Levinstein ist Anhänger der Parallelismus-Theorie. Er nimmt vergleichende Betrachtungen von Beispielen aus der Urgeschichte antiken und frühromanischen Kunstgeschichte sowie den Bildnereien von Naturvölkern mit Bildnereien von Kindern vor. Daraus folgert er, dass Entwicklungsperioden der bildnerischen Darstellung hiesiger Kinder reichliche Analogien zu den Stilentwicklungen in der Kunst und Kunstgeschichte aufweisen. (Vgl. Richter 2001, S. 35 f.) Die Gleichsetzung der ersten künstlerischen Äußerungen von Menschen und den künstlerischen Ergebnissen westlicher Kinder ist eine in dieser Zeit weit verbreitete Anschauung. S. Levinstein lässt sich von einer Sammlung von Kinderzeichnungen aus aller Welt, initiiert durch Lamprecht, inspirieren, welche um 1900 in Leipzig durch Zusendungen erfolgt. Lampert ist an, wie es damals hieß »rassischen« Unterschieden und Ähnlichkeiten in den Werken interessiert. Die Forschungen um 1900 beziehen sich auf den künstlerischen Realismus. Das zeigt sich an der Auswertung der perspektivischen Darstellung von Eskimokinderzeichnungen, die als sehr gering eingeschätzt wird, ohne zu berücksichtigen, dass es in der Eskimokultur vermutlich keine Vorbilder für perspektivische Darstellungen gibt. Die Auswertungen erfolgen, ohne den kulturellen Hintergrund der Eskimos zu berücksichtigen. Kinderzeichnungen aus nicht-europäischen Ländern, beschrieben von G. W. Paget Untersuchungsergebnisse einer großen Sammlung an unterschiedlichen Kinderzeichnungen aus aller Welt veröffentlicht G. W. Paget (Paget 1932, S. 127-145) in einem Artikel im Jahre 1932. Ihm ist es möglich 60.000 Kinderzeichnungen aus aller Welt zusammenzutragen. Ein Anlass für diese Sammlung ist, dass sich bis dahin Äußerungen zur Vielfalt an bildnerischen Darstellungen vornehmlich an den Kinderzeichnungen der großen Sammlungen von G. Kerschensteiner und G. Rouma orientieren. Diese Sammlungen bestehen ausschließlich aus europäischen Kinderzeichnungen. »All their examples, however, are drawn from children of European parentage growing up under conditions more or less sophisticated.« (Ebd., S. 127) G. W. Paget möchte eine interkulturelle Sammlung anlegen und lässt Kinder aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt zu folgenden Themenstellungen zeichnen. Diese lauten: Zeichne ein/einen 1. Mann, 2. Frau 3. einen Mann, der auf einem Tier reitet, 4. ein Huhn (diese Themenstellung wurde später geändert in einen Kopf). (Vgl. ebd.) Viele der Kinder haben zuvor nie gezeichnet oder je Stifte und Papier in der Hand gehabt. Teilweise werden die Zeichnungen in anderen Teilen der Welt durchgeführt und G. W. Paget zugesandt. Diese Studie hat gezeigt, dass die liebsten Darstellungen der Kinder die menschliche Figur ist. G. W. Paget beschreibt die Figur-Darstellung eines 7-Jährigen Mädchens aus (Rhodesien) Zimbabwe, die das lineare Zeichenstadium passiert und ihre Menschdar- 127 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert stellung in Strichfiguren zeichnet. Nicht alle Kinder zeichnen ihre Menschdarstellungen als Strichfiguren. Viele die nicht das Stadium der Strichfiguren durchlaufen, malen ihre Figuren in der Binnenstruktur mittels Strichlagen aus. »It is appreciated that a dark-skinned child the problem of indicating with black pencil on white paper feature upon a dark face presents a problem totally different from and much harder than which faces a white child.« (Ebd., S. 129) In den meisten Darstellungen wird mittels der Umrisslinie gearbeitet. Die Figur-Darstellungen sind durchschnittlich 3-4 Inches, entsprechend ca. 8-10 Zentimeter groß. Auch G. W. Paget verweist in seiner Schrift auf die Parallelismustheorie und führt die Höhlenzeichnungen aus Spanien an, in der Menschen ebenfalls mittels Strichfiguren abgebildet werden. Handelt es sich in den Kinderzeichnungen um männliche Figur-Darstellungen, dient die Verlängerung des Rumpfes oft als Penisdarstellung, bei weiblichen Darstellungen, wird zusätzlich die Vulva oder die Brust eingezeichnet. Teilweise kommen diese eben beschriebene männlichen Figuren in Zeichnungen vor, doch manche Urheber behauten, dass es sich um weibliche Menschfiguren handelt. In den meisten Zeichnungen können weibliche Figuren, durch die Art wie die Beine angefügt sind, identifiziert werden,. Unter den Einzelbeschreibungen findet sich die Beschreibung von Figur-Darstellungen mit winzigen Köpfen, so genannten »pin-points«- stecknadelgroßen Köpfen. Diese Figuren zeigen im Gegensatz zu den winzigen Köpfen oft überproportional große Körper. Alle diese »pin-pionts« Figuren tauchen lediglich in Afrika auf, in Namibia, vor allem aber bei den ethnischen Gruppen der Bergdama und Herero. Ein weiteres Merkmal, dass nur in Südwest- und Südafrika auftaucht, ist die Figur-Darstellung, in der die Körperdarstellung aus zwei auf die Spitze gestellten Dreiecken besteht. Dieses Zeichen wird »bushman painting« genannt. Scharf beobachtet stellt G. W. Paget fest: »On the other hand, triangles, variously apposed, are features of abstract designs in this region, e.g. on ostrich eggs; and elsewhere, for example, in the Northern Transvaal, I am informed that the Bantu of that district, although they do not draw human figures on their huts, do elaborate, on walls and on beer pots, designs based on the triangle.« (Ebd., S. 135) Dabei handelt es sich nicht um Vorbilder, die Erwachsene den Kindern etwa vorzeichnen, sondern diese Formen sind meist im traditionellen Formrepertoire verankert und werden unbewusst übernommen. Ein ähnliches Beispiel findet der Wissenschaftler bei den Nasenzeichen. Er erstellt Tabellen mit den unterschiedlichen Varianten von Nasenzeichen, die in den Kinderzeichnungen aus den unterschiedlichsten Ländern auftauchen. Nasenflügel werden von amerikanischen und norwegischen Kindern nicht eingezeichnet. In China hingegen werden sie gelegentlich eingezeichnet, während die burmesischen Kinder die Nasenflügel stark betonen. Ein Strich mit zwei kleinen geschlossenen Bögen als Nasenzeichen taucht in Ägypten und Palästina auf, während dieses Zeichen nicht in China und allen anderen westlichen Ländern auftaucht. Bedingt durch diese Untersuchungen geht der Untersuchungsleiter davon aus, dass die Kinder die Nasenzeichen entsprechend der naturalistischen Form entwickeln. »It may be added that symbols indicating continuity of nose and eyebrows greatly predominate in all collections received from West African stations; and the same is true of the drawings from negroes in Jamaica and in British Guiana.« (Ebd., S. 136) So beschreibt G. W. Paget ebenfalls das Nasenzeichen in afrikanischen Kinderzeichnungen, das auch häufig in Nordghana auftaucht, bestehend aus Augenbrauen und Nase, die mittels einer durchgezogenen Linie dargestellt werden. »It appears with great frequency, for example, in a collection from Obo, Ashanti, and is here almost certainly an echo of the convention employed 128 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung in the local carved wooden dolls (Akwaba) carried by woman who wish to be blessed with children.« (Ebd.) Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Formübernahme, die bewusst oder unbewusst angewendet wird. Eine Imitation der lange überlieferten Form der zusammengezogenen Augenbrauen und Nasen in den Holzschnitzereien. Bevorzugt zu finden auf der Akwaba-Figur. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass sich die Zeichen, welche Kinder benutzen, zum einen persönlich und spontan entwickeln, zum anderen sich auf die lokale Tradition beziehen. Formübernahmen, sei es von Vorbildern oder anderen Kindern, tragen stark zur Verbreitung eines Schemas bei. Diese Studie belegt in hohem Masse, dass vorhandene lokale Arten der Präsentation, ob nun bewusst oder unbewusst, in die zeichnerischen Umsetzungen der Kinder einfließen. Es ist verwunderlich, dass diese Forschungsergebnisse, die schon um 1932 bekannt sind, so wenig in den weiteren Forschungen beachtet werden. Frühe Forschungen zu Kinderzeichnungen aus Afrika In diesem Kapitel werden Forschungen zu Kinderzeichnungen aus Afrika vorgestellt, die sich in einem Zeitraum von 1907 bis in die 1960er-Jahre erstrecken. Es handelt sich um Aufsätze, die in den unterschiedlichsten Zeitschriften veröffentlicht werden. Diese betreffen bildnerische Werke von Kindern aus den Ländern Algerien, Kamerun, Liberia und Ghana sowie eine Abhandlung zur Tiefenwahrnehmung bei ghanaischen Kindern. Bildnereien von Kindern aus Nordalgerien, erforscht von M. Probst M. Probst beschreibt 1907 Zeichnungen von Kindern der Kabylen, ein Gebirgsland in Nord-Algerien. (Vgl. Probst 2001, S. 39) Insgesamt sind 53 Kinder einer Vorschulklasse an der Untersuchung beteiligt. Sie zeichnen in vier aufeinander folgenden Wochen an fünf Tagen die gestellten Themen auf Schiefertafeln. Die Themen lauten: Zeichne einen oder mehrere Männer, einen Vierfüßler, einen Vogel, eine familiäre Szene, ein Thema nach freier Auswahl. Der Wissenschaftler stellt bei den muslimischen Kindern eine Tendenz zur Dekoration fest, da sie gerne stilisieren, ohne das Detail zu vernachlässigen. »Probst unterscheidet neben diesen gewollten Naturinterpretationen – Früchte einer besonderen Imagination – die ungewollten Fehler in den Zeichnungen. Sie seien Indizien für eine anormale oder retardierte kognitive Entwicklung, die auf Vererbung oder auf ein Versagen (défaults) des familiären Milieus zurückgehe.« (Richter 2001: 39) Als Unzulänglich betrachtet der Wissenschaftler die Darstellung eines Vierfüßlers mit nur zwei Beinen. Allgemein lässt sich feststellen, dass Szenen mit narrativem Gehalt bei den algerischen Kindern seltener dargestellt werden als in Zeichnungen europäischer Kinder. Eine weitere Feststellung des Untersuchungsleiters ist, dass, wenn es um Tierdarstellungen geht, die Kinder aus Kabylen genauer beobachten als europäische Kinder. Diesem Phänomen sind wir in den Zeichnungen aus Madagaskar begegnet und werden wir in den Zeichnungen aus Ghana, wieder begegnen. Offensichtlich handelt es sich um ausgeprägte interne Repräsentationen, die sich bei bedeutenden Objekten, Prestigeobjekten, herausbilden. Das gleiche Phänomen beschreibt A. Schubert 1930 in Untersuchungen zu Kinderzeichnungen der Orotchen aus Sibirien, deren Kultur eng an das lebensnotwendige Rentier geknüpft ist. So sind auch in diesen Kinderzeichnungen realitätsanaloge Darstellungen von Tieren zu finden. (Vgl. ebd., S. 41) 129 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert Ähnliches lässt sich in der Literatur des Ethnologen Erich Kasten sehen, der Kinderzeichnungen aus Sibirien und von der Nordpazifikküste in einem Band zusammenstellt. Auch hier sind oft realitätsnahe, detaillierte Tierdarstellungen zu finden. Der Wissenschaftler beschreibt, dass ein großer Bestandteil des indianischen Curriculums die seit 1978 eingerichteten Kunstprogramme sind. Kunst, Geschichte und Sprache werden von Anfang an als wichtige Einheit einer Erziehung betrachtet. (Vgl. Kasten 1998, S. 96) Auch diese Untersuchung zeigt die Verbindung zwischen, für die ethnische Gruppe bedeutungsvollen, überlebenswichtigen Tieren und diesen ausdifferenzierten Darstellungen in den Kinderzeichnungen. Offensichtlich besteht der Zusammenhang zwischen den Werten, dem was absolut zur Sicherung des Überlebens notwendig ist und einer sehr detaillierten inneren Repräsentation. Ein anderer Hinweis ist, dass diese Dinge und Tiere für die Kinder immer sichtbar sind, sie Viehherden hüten und Wasser holen, diese Handlungen tragen ebenso zur Entwicklung innerer Bilder bei. Künftige Forschungen sollten mehr auf die jeweiligen Bedeutungen, Werte und Prestigeobjekte in den unterschiedlichen Kulturen achten. Ob hier zu den erstellten Kinderzeichnungen Beziehungen zu finden sind. Zeichnungen von Kindern aus den ehemaligen deutschen Kolonien, gesammelt von E. Vollbehr Der Kunstmaler Ernst Vollbehr (Vgl. Vollbehr 1912) veröffentlicht 1912 einen Artikel über Kinderzeichnungen aus den deutschen Kolonien, die er im gleichen Jahr auf dem internationalen Kongress für Kunstunterricht, Zeichnen und angewandte Kunst ausstellt. Auf seinen Reisen in den deutschen Kolonien in Afrika nutzt E. Vollbehr die Gelegenheit, dortige Schulen zu besuchen und dort Zeichnungen von Kindern anfertigen zu lassen. Er zitiert aus seinen Tagebuchaufzeichnungen eines Besuches in Kamerun, genauer in Bamum, ein Ort, in dem das Oberhaupt der dortigen ethnischen Gruppe, der Bamum, eine Schule eingerichtet hat. Zunächst wird das äußere Gebäude beschrieben, gefolgt von detaillierten Beobachtungen der Schüler. Alle Schüler können die dortige Schrift Njojas lesen und schreiben. Während des Besuches werden die Schüler durch das Oberhaupt aufgefordert, für den deutschen Gast etwas Schönes zu malen. Die Urheber der drei besten Zeichnungen sollen einen Tuschekasten erhalten. Der zeitliche Umfang beträgt ungefähr eine Stunde. Bei den dargestellten Motiven handelt es sich meist um Pferde, mit und ohne Reiter. Diese werden teilweise mit stark verzierten Wattepanzern dargestellt. Frauen werden mit ihren landesüblichen, typischen Frisuren und Kleidungen abgebildet. »Stilisierte Leoparden, Hunde, Schlangen und Eidechsen, letzteres Tier wird oft als Motiv verwandt, z. B. zieht sich um den 81,60 m breiten und 100 m langen Palast Njojas ein wiederkehrendes Eidechsenfries herum.« (Vollbehr, 1912; 761) Im weiteren Verlauf der Aufzeichnungen wird deutlich, dass der Kunstmaler E. Vollbehr auch selbst vor Ort viel skizziert und die Familie des Oberhauptes porträtiert, dabei wird er vorwiegend von den Jungen beobachtet. Diese ahmen das Verhalten sofort nach. »Sie waren dabei, ein überlebensgroßes Portrait des deutschen Kaisers in feinen Sand zu zeichnen, das Vorbild hatten sie im Palast Njojas hängen gesehen. Sie entwickelten eine enorme Fertigkeit und schnell waren nebeneinander die schwierigsten und kompliziertesten Zeichnungen fertig.« (Ebd., S. 762) Von anderen ethnischen Gruppen im Kameruner Grasland berichtet der Wissenschaftler ein anderes Verhalten, eine große Scheu und Angst vor zeichnerischen Wiedergaben, da die- 130 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung se Menschen offensichtlich stark durch die Reitervölker Bamum und Fullahs sowie durch die Sklavenjagd, eingeschüchtert sind. Die ethnische Gruppe der Duala lebt entlang der kameruner Küste und verfügt über ein gutes Schulsystem, in dem nach europäischem Vorbild Kunst unterrichtet wird. E. Vollbehr kritisiert an diesen zeichnerischen Ergebnissen, dass man darin eigentlich nichts Typisches finden kann. Seine Reise führte ihn weiter nach »Deutsch-Südwest«, in das heutige Namibia. Von einer dortigen Schule bringt er Zeichnungen mit verschiedenen Tierdarstellungen, Pferd, Ochse, Kamel, Kuh, Hund und Vogel, mit. Dieser kurze Artikel zitiert wertvolle Tagebuchaufzeichnungen, in denen das Umfeld, in dem die Kinder leben, aufgezeichnet ist. An den detaillierten Reiterdarstellungen der Bamum wird deutlich, dass die Kinder schon damals abbilden, was für die Gruppe und den Einzelnen von großer Bedeutung und Statussymbol ist. Vermutlich handelt es sich bei den Pferden auch um Prestigeobjekte der ethnischen Gruppe der Bamum. Zeichnerische Darstellungen von Kameruner Kindern, vorgestellt von A. Kunzfeld Von dem Regierungsrat und Vorstand der »Wiener Pädagogischen Gesellschaft« Alois Kunz feld (Vgl. Kunzfeld 1925) wird 1925 ein Artikel zu Forschungen über Kameruner Kinderzeichnungen aus dem Jahre 1913 veröffentlicht. Es wird festgestellt, dass diese Zeichnungen nicht nur für den Ethnologen, Kinderpsychologen, sondern auch für den Pädagogen von Interesse sind. A. Kunzfeld hat die Möglichkeit Kinderzeichnungen, welche ein Afrikareisender 1913 aus Afrika mitbrachte, einzusehen. Die zeichnerischen Ergebnisse stammen von 10-15-Jährigen. Über die Motivwahl und die Beobachtungsgabe äußert sich der Wissenschaftler erstaunt, da sich ihm unwillkürlich ein Vergleich mit gleichaltrigen, hiesigen Kindern aufdrängt. Die Zeichnungen sind aus Fumban von Kindern der ethnischen Gruppe der Bamum, in Nordwest-Kamerun. Die Kinder besuchen die dortige Schule und können lesen und schreiben. Daher ist ihnen der Umgang mit Stiften und Papier vertraut. Es wurde kein ausdrückliches Thema gestellt. »Da die jungen Neger zeichnen durften, was sie wollten, so ist es sehr interessant zu sehen, dass die menschliche Gestalt in ihrem Tun und Treiben an erster Stelle kommt, daran reiht sich das Tier, das mit dem Menschen in Beziehung steht. Auch die Wohnhäuser erfreuen sich noch ihrer Aufmerksamkeit, während die Darstellung von Bäumen und Blumen sehr selten ist und die freie Landschaft ganz fehlt.« (Kunzfeld 1925: 160) Einige der Zeichnungen zeigen den Forschungsreisenden, seine Begleiter und den damals großen fotografischen Apparat. »Neu für die kleinen Afrikaner war jedenfalls der europäische Hut und der Bartwuchs, der mit aller Sorgfalt behandelt wurde. Sehr schwächlich sind die Hände aller Gestalten, ganz ausgezeichnet dagegen die Auffassung und Wiedergabe des photografischen Apparates.« (Ebd.) Die Oberhäupter der ethnischen Gruppe werden in reich verzierten Kleidern dargestellt. Einige der Tierdarstellungen nimmt A. Kunzfeld zum Anlass, daraus einen Rückstand gegenüber hiesigen Kindern zu schließen. Er bemängelt die fehlende räumliche Auffassung. Zusammenfassend kommt A. Kunzfeld zu der Auffassung: »[…] so läßt sich wohl der Gedanke nicht von der Hand weisen, daß auf zeichnerischem Gebiete die Negerkinder ähnliche Entwicklung durchmachen, wie die unserigen, und daß auch unter der schwarzen Hülle die 14 Wunderblume keimt, welche allen diesen Arbeiten so großen Wert verleiht, ich meine die schöpferische Kraft der Phantasie.« (Ebd., S. 167) In diesem Artikel werden leider nur 15 Einzelbeispiele der insgesamt 57 kameruner Kinderzeichnungen kurz erläutert. Das Untersuchungsergebnis, dass deutsche Kinderzeichnungen weiter entwickelt sind, wird auf- 131 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert grund des Vergleiches von zwei Tierzeichnungen von 6- und 8-Jährigen deutschen Jungen getroffen. Die Auswertung wird rein beschreibend, ohne explizites Auswertungsverfahren, vorgenommen. In meinen Augen zeigen die kameruner Kinderzeichnungen eine brillante Beobachtungsgabe. Kinderzeichnungen aus Nord-Liberia, gesammelt von P. German Im Jahre 1928/29 ist es Paul German im Rahmen einer Expedition in Nord-Liberia möglich, einige Kinderzeichnungen zu sammeln. (Vgl. German 1929) Die Probanden gehören der ethnischen Gruppe der Mande an, die im bewaldeten Bergland leben. Dort wirkt die amerikanische Holy Cross Liberian Mission und errichtet Missionsschulen. Der größte Teil der erstellten Zeichnungen stammt von der Missionsschule in Bolahun. In dieser Untersuchung werden keine Themen gestellt. Das durchschnittliche Alter der Knaben, die sich zeichnerisch äußern, beträgt 10-13 Jahre. Es werden in dieser Gegend Lehmwände im »bush« in der Initiationszeit von Knaben mit Ornamenten verziert. Diese malt P. German ab. Dabei beobachten ihn seine Helfer, heranwachsende Jugendliche, die nun die Malutensilien borgen wollen, um sich selbst zeichnerisch zu betätigen. »Bei dieser Malerei fiel die Scheu vor dem Nichtkönnen weg. Es handelt sich ja um feststehende, altvertraute und durch Tradition geheiligte Muster, die sie selbst auch im Busch gezeichnet hatten. Nachdem sie so mit Zeichnen überhaupt angefangen hatten, machten sie bei diesen Mustern nicht halt, sondern versuchten sich nun auch an anderen bildlichen Darstellungen. Einen besonderen Anreiz übte dabei überdies ohne Zweifel das Vergnügen am Hantieren mit den bunten Farben aus.« (German 1929: 77) P. German führt diese Zeichenfreude auf die Tatsache zurück, dass ihn viele beim Skizzieren seiner ethnografischen Studien zusahen und die Ergebnisse in Form von Zeichnungen kennen, daher haben sie die Scheu, zu zeichnen, und die Angst, solche Zeichenergebnisse qualitativ nicht zu erreichen, verloren. Ein ähnliches Beispiel schildert Claude Lévi-Strauss aus der Caduveo-Kultur in Brasilien. Während er die Gesichtsbemalungen und Tätowierungen studiert, bittet er einige Frauen diese auf Papier zu zeichnen. »[…] der Erfolg war so groß, daß ich auf meine ungeschickten Skizzen verzichtete. Die Zeichnerinnen ließen sich in keiner Weise durch die leeren Blätter verwirren, was beweist, daß ihre Kunst nicht von der natürlichen Form des menschlichen Gesichts abhängig ist.« (Lévi-Strauss 1978: 176) P. German beschreibt eine Szene: Als er die erworbenen Gegenstände für die ethnografische Sammlung in seiner Hütte ausbreitet, versuchen die jungen Zeichner diese zeichnerisch auf ein Blatt Papier umzusetzen. »Ich betone hier ausdrücklich, daß sie alle, trotzdem die Gegenstände vor ihren Augen dastanden, so wenig den Versuch machten, nach der Natur zu zeichnen, wie sie das bei den Tieren taten, auch wenn sie diese vor Augen hatten. Es war lediglich das Vorhandensein der Gegenstände, das den Anlaß gab, diese als Objekte für die Zeichnungen zu benutzen, während sonst leblose Gegenstände nicht gern herangezogen wurden.« (German 1929: 80 f.) Der Autor schreibt, die meist verwendeten Motive für Zeichnungen seien sonst die Tierdarstellungen. Auf ein Motiv möchte ich an dieser Stelle besonders verweisen, nämlich auf die Zeichnung von Nduo, einem 12-Jährigen Missionsschüler, der in der Gesichtsdarstellung das gleich grafische Muster, Augenbrauen und Nase in einer Linie gezeichnet verwendet, das auch in den Kinderzeichnungen aus Ghana zu finden ist. 132 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Bildwerke von Tallensi-Kindern aus Nordghana, beschrieben von M. Fortes Bei den Tallensi handelt es sich um eine ethnische Gruppe im Norden Ghanas. Während einer Feldforschung in den Jahren 1934-37 lassen der Anthropologe Meyer Fortes und seine Frau erste Kinderzeichnungen aus diesem Gebiet erstellen. Im Jahr 1970 hat M. Fortes erneut Gelegenheit, von Kindern aus einer Schule in derselben Gegend Zeichnungen zu erhalten. In dieser Gegend gibt es zu dieser Zeit keine Schule und die nächste Missionsstation ist zehn Meilen entfernt, es sind also keinerlei grafische Vorbilder vorhanden. Das Alter der Probanden bewegt sich zwischen 6-16 Jahren, es sind nur Jungen. Es handelt es sich um 12 Teilnehmer, die keine Schule besuchen und nie zuvor gezeichnet haben. Die zur Verfügung gestellten Materialien waren Farbstifte und Papier. »I sat down in the middle of the group. I took a pencil and a sheet of paper and drew, very roughly (for am no draughtsman) a ‘picture’ of an animal. I then handed a pencil to one of the bigger boys and simply said ‘you write’ (golh-literally, to make lines).« (Fortes 1981: 48) Nach dieser Aufforderung zeichnet die kleine Gruppe in M. Fortes Haus. Der Autor schlägt vor, dass sie Kühe oder Esel zeichnen sollen, doch keiner reagiert. Die Zeichenblätter werden zunächst mit Kritzeln gefüllt. Es entstehen auch Strichfiguren mit Punktköpfen, die meist in der Blattmitte platziert werden. Teilweise werden die primären Geschlechtsorgane eingezeichnet. M. Fortes führt dies darauf zurück, dass bis zur Pubertät Kinder und Jugendliche meist unbekleidet sind, lediglich Perlketten tragen die Mädchen und Kinder als schmückende Elemente um Hals, Bauch und Hüften. Das Blatt wird während des Zeichnens mehrfach gedreht. Zwischen jüngeren und älteren Probanden sind in den Darstellungen von Figuren, Tieren und Objekten keine Unterschiede auszumachen. Dies zeigt, dass es sich um leicht erinnerbare und einfach umsetzbare Zeichen handelt. In einem Fall wird beschrieben, dass ein 8-jähriger Junge über die Blattecken hinauszeichnet und auf dem Boden weiterzeichnet, um seine Zeichnung zu vollenden. M. Fortes stellt fest, dass Tallensi-Kinder gut in der Lage sind, Wahrnehmungen aus ihrer Lebenswelt in kleine Tonmodelle umzusetzen, die als Spielzeug dienen. Das Zeichnen lässt im Vergleich dazu retardierte Momente erkennen. Der Untersuchungsleiter vergleicht diese Zeichnungen mit denen zu einem weit späteren Zeitpunkt entstandenen aus einer Schule. Dabei stellt er Folgendes fest: »The significant point about this, in contrast to the children in the tribal environment is the way the visual space is used. There is no attempt to fill up the space. […] They had learned to relate their percepts and concepts to a flat bounded surface in accordance with European models presented to them in their schoolbooks.« (Ebd., S. 64) Der Unterschied zwischen den Kindern ohne Schulbesuch und Kindern, die 30 Jahre später eine Schule besuchen, besteht darin, wie der visuelle Raum genutzt wird. Trotz Schulbesuch bestehen die Zeichnungen aus einer Mischung von freien Repräsentationen im europäischen Stil und grafischen Symbolen im »Bushstil«, wie es M. Fortes nennt. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass Wahrnehmung und Konzeptbildung von kultureller Konditionierung beeinflusst ist. In Bezug auf die Auswahl der Farbstifte kann festgestellt werden, dass die Farbstiftwahl von eingeschulten Kindern bewusst vorgenommen wird und dass die Farbgebung der Farbgebung in den Schulbüchern entspricht. Das spricht dafür, dass sich Kinder durch schulische Konventionen stark beeinflusst werden. 133 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert Kinderzeichnungen aus Kamerun, ausgelegt von R. Lagrave R. Lagrave, ein Missionar, veröffentlicht im Jahre 1957 Forschungen zu Kinderzeichnungen aus Kamerun, die H.-G. Richter in seinem Buch zur interkulturellen Kinderzeichnung vorstellt. Diese Zeichnungen entstehen damals von Kindern aus dem Dorf Pitoa in Nord-Kamerun. Nach der mythologisierenden Auffassung des Autors sind in diesen Bildnereien ab dem sechsten Lebensjahr zwei Sichtweisen von »Wesen« zu erkennen, die Profilzeichnung und die en face-Darstellung. Er führt weiter aus, dass die Profilzeichnung für die Lebewesen ohne natürliche Kräfte steht und die en face- Darstellung durch die Wiedergabe von mythischen Kräften, guten und bösen, gekennzeichnet ist. (Vgl. Richter 2001, S. 51) Der Autor vergleicht Frontaldarstellungen der Kinderzeichnungen mit Zeichnungen der prähistorischen Menschdarstellungen, in denen Jäger und Fischer meistens im Profil dargestellt worden seien. Er verweist auf Darstellungsformen in der Gotik, in denen Christus als Herrscher in der en face-Darstellung repräsentiert worden sei, während die ihn umgebenden Figuren im Profil gezeigt werden. R. Lagrave verbindet mit der Frontaldarstellung ein Synonym für die einzigartige Persönlichkeit, Würde und Ehre des Menschen. Laut seiner Auffassung repräsentiert dies für die animistischen Afrikaner den Teil einer Persönlichkeit, der nach dem Tode nicht zerfällt, sondern unsterblich ist. So seien in der Frontalansicht auch die Ahnen repräsentiert, um ihnen die Ehre der Unsterblichkeit zu erweisen. Dies zeigt die Vielfalt der Interpretationsverfahren, mit Kinderzeichnungen umzugehen, wobei es sich in diesem Fall um eine nicht nachahmenswerte ethnozentrische Sichtweise handelt. Kinderzeichnungen aus Ghana, ausgewertet von M. Hanemann-Lystad Mary Hanemann-Lystad beschreibt Kinderzeichnungen aus Ghana, die sie 1958 erstellen lässt. (Vgl. Hanemann-Lystad 1960) Sie verweist dabei auf die Bedeutung des sozialen Hintergrundes, die Persönlichkeiten und die kulturellen Muster der Probanden. Nach Meinung der Wissenschaftlerin können Kinderzeichnungen, die in Zeiten sozialen Wandels entstehen, dazu herangezogen werden, um in den Darstellungen kulturelle Muster aufzufinden oder deren Abwesenheit festzustellen. Die Zeichnungen erstellen Jungen im Alter von 13 und 17 Jahren einer »Secondary school« in Kumasi/Zentralghana. Insgesamt nehmen 83 Probanden an der Untersuchung teil, davon stammen sieben aus ländlicher Gegend, die anderen direkt aus Kumasi. An dieser Schule wird Kunst in Form von Zeichnen und Malen unterrichtet. Die Schüler können zeichnen, was sie wollen und sollen hinterher ihrem Werk einen Titel geben. Untersuchungsziel ist, traditionelle und westliche Werte in den Darstellungen ausfindig zu machen. Die Auswertung erfolgt in beschreibender Form. In den Bildwerken sind mehrfach Dorfszenen abgebildet. Die Untersuchungsleiterin verweist darauf, dass ein früher gestelltes Thema in der Schule einmal lautete, seinen traditionellen, ländlichen Ursprung darzustellen. Eventuell ist dies mit ausschlaggebend für das häufige Abbilden ländlicher Szenen. J. H. DiLeo verweist darauf, dass ein Kind bei der Erstellung eines Bildes vielleicht den Wunsch hegt, den Gegenstand zu besitzen, wenn es den Gegenstand selbst nicht besitzen kann, so wenigstens ein Bild von ihm. Claude Levi-Strauss schreibt, dass Kunst auf der Illusion gründet, nicht nur mit dem Abgebildeten kommunizieren zu können, sondern es durch das Medium des Bildes auch zu besitzen. Diese Beobachtung würde die Tatsache erklären, dass Kinder in der Innenstadt oft Häuser im Landhaus-Stil zeichnen, statt der Gebäude, die 134 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung sie tatsächlich umgeben. Das Haus ist Symbol für Wärme, Zuneigung, die ein Familienleben bietet. (Vgl. DiLeo 1992, S. 45) »They showed lush farms, mostly of cocoa, or the sea, with fishermen in their boats or on the shore casting their nets. Only two western scenes were depicted. One was of a house in South America, the other a scene from an American cowboy film. The former was filled with colour, the latter with suspense.« (Hanemann-Lystad 1960: 239) Von den insgesamt 83 Zeichnungen stellen 67 eine Art von menschlicher Handlung dar. Diese Handlungen sind freudige Anlässe und Feierlichkeiten, landwirtschaftliche Tätigkeit, jagen, fischen und Szenen im Haushalt. Es werden keinerlei Verweise auf Europäer eingezeichnet. 52 Probanden zeigen nur Menschen in ihren Abbildungen, 10 zeigen Menschen und Tiere und 5 Probanden zeigen nur Tierdarstellungen. Die abgebildeten Personen sind meist Erwachsene, nur 6 Schüler zeichnen Kinder in ihren Werken. Die Hautfarbe variiert von hellbraun bis dunkelbraun. Dazu merkt E. M. Koppitz an, dass einem Kind die Unterschiede hinsichtlich der Hautfarbe, solange es in der Familie eingebettet aufwächst, nicht bewusst sind. Erst in größeren Gemeinschaften werden diese Unterschiede bewusst. (Vgl. Koppitz 1972, S. 135) Die abgebildeten Tiere zeigen meist die dortigen Haustiere, Hühner, Schafe, Kühe, Hunde, aber auch Vögel und Schlangen. Die Zeichnungen werden farbig gestaltet. Stadtszenen tauchen in den Darstellungen gar nicht auf. »Nevertheless, the complete absence of city scense – of modern buildings, of industry and commerce, of crowded city dwellings – is unlike their present situation.« (Hanemann-Lystad 1960: 240) M. Hanemann-Lystad verweist auf die Schwierigkeit, durch Kinderzeichnungen soziale Veränderungen in diesen sichtbar zu machen, was nicht bedeutet, dass diese im Leben ignoriert werden, da viele Probanden Dorfszenen zeichnen, obwohl sie in einer Stadt leben. Die Mehrzahl scheint den eigenen traditionellen Herkunftsort darzustellen. Die Untersuchungsleiterin vergleicht die Kinderzeichnungen aus Ghana mit Kinderzeichnungen aus Frankreich von Martha Wolfenstein aus dem Jahr 1955, dazu ist folgende Anmerkung zu den französischen Ergebnisse finden: »In the latter there is an absence of wide vistas and energetic human action; there is instead detailed partitioning of space and immobilized human figures.« (Ebd., S. 241) Das Fehlen menschlicher Aktivitäten und die statischen Figur-Darstellungen werden mit den strengen Verhaltensmaßregelungen der französischen Probanden begründet. Wie schon in andern Untersuchungen festgestellt wird, ist an der Kleiderdarstellung der traditionelle und westliche Einfluss erkennbar. Leider werden in dieser Untersuchung wenige Zusammenhänge zu der Lebenswelt der Probanden aufgezeigt. Aus meinen Aufenthalten weiß ich, dass der Herkunftsort der Eltern eine wichtige Rolle spielt. Dies ist die Heimat, die ursprüngliche ethnische Gruppe auf die man sich bezieht, auch wenn diese Probanden schon in Kumasi geboren sind. Das Ergebnis der französischen Probanden, mit vorwiegend statischen Figur-Darstellungen wird mit der strengeren Erziehung begründet, ein weiterer Grund liegt sicher in der größeren körperlichen Betätigung der ghanaischen Kinder und Jugendlichen. 135 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert Bildnereien von Kindern aus Burkina Faso, gesammelt von A. Schweeger-Hefel und W. Staude H.-G. Richter stellt in seinem Buch zur interkulturellen Kinderzeichnung zwei Artikel von A. Schweeger-Hefel und W. Staude (Vgl. Richter 2001) vor, die sich auf den grafischen Ausdruck und die kulturelle Umgebung des Kindes beziehen, dabei stützen sie sich auf Auswertungen aus den Jahren 1963 und 1969. Im Jahr 1972 werden weitere Forschungsergebnisse der Untersuchungsleiter (Vgl. Schweeger-Hefel/Staude 1972) zu Kinderzeichnungen der Kurumba in Lurum/ Burkina Faso veröffentlicht. Der Wissenschaftler P. Arnaud wertet dieses Material, der voran genannten Autoren A. Schweger-Hefel/W. Staude, unter neuen Gesichtspunkten aus. Die Wissenschaftler Annemarie Schweeger-Hefel und Wilhelm Staude sammeln ethnografische Materialien in Mengao, dem heutigen Burkina Faso. Die Untersuchung wird in der dortigen Schule durchgeführt, daran nehmen 55 Kinder/Heranwachsende im Alter von 6-17 Jahren sowie 14 Erwachsene teil. Insgesamt entstehen 327 Zeichnungen. Folgende Bildgegenstände und Motive zählen die Autoren aus den Zeichnungen auf: vorrangig verschiedene Tiere – Haustiere wie Pferde, Esel und Hühner, aber auch häufige Schlangen- und Krokodildarstellungen. Darstellungen von Schafen, Ziegen, Hunden und Katzen treten selten auf, die Autoren führen dies auf die unbewusste Scheu vor der Wiedergabe heiliger Tiere zurück. Pflanzen, Häuser und Vorratshäuser werden kaum und Kultobjekte gar nicht abgebildet, dafür finden sich vermehrt Darstellungen von technischen Geräten wie Fahrräder, Autos und Flugzeugen. Autos und Flugzeuge gehören zu den neuen Repräsentationen. Abgebildete szenische Darstellungen spiegeln das tägliche Leben, zu denen auch die Jagd gehört. Zunächst erfolgt die nähere Betrachtung der Menschendarstellungen. Diese werden als einfache Liniengebilde beschrieben oder als Figurationen mit weiteren Differenzierungen. »Die Profildarstellungen erwecken für sie den Eindruck einer Bewegungswiedergabe; die ähnlichen figurativen Materialien, aus denen Menschen und Krokodile gestaltet werden, entspringen ihrer Ansicht nach der mythischen Auffassung der Kurumba, dass Krokodile und Menschen aus demselben Material erschaffen wurden.« (Richter 2001: 53) Viele der Menschendarstellungen zeigen die primären Geschlechtsorgane. Die schräg dargestellten Figuren interpretieren die Wissenschaftler als Bewegungsdarstellungen. H.-G. Richter verweist darauf, dass abstehende Arme im Menschzeichen universal sind, da diese so genannte R-Stellung als ein allgemeines, überkulturelles Entwicklungsmerkmal angesehen wird. (Vgl. ebd., S. 54) Insgesamt vollzieht sich für Untersuchungsleiter in den Zeichnungen der Altersgruppe der 9-11-Jährigen gegenüber jüngeren Probanden eine Entwicklung in Richtung einer realistischeren Darstellungsweise. Auf einigen Zeichnungen findet sich laut A. Schweeger-Hefel/W. Staude eine Art von Doppelrepräsentationen, das bedeutet es stehen analoge und fremdartige Repräsentationen nebeneinander. H.-G. Richter leitet diesen Begriff Doppelrepräsentationen von dem Begriff Doppeldenksystem ab, welches sich zur Kennzeichnung des psychischen Geschehens bei traumatisierten Menschen eignet. Bei autistischen Kindern ist dieses Phänomen auch zu finden. Diese Doppelrepräsentationen beschreibt H.-G. Richter auch in den Zeichnungen der Mahafaly-Kinder, sie beinhalten die fremdartigen bildnerischen Phänomene. P. Arnaud stellt 1981 zu Bildmaterialen von A. Schweger-Hefel/W. Staude weitere Überlegungen an. Er führt einen Vergleich der Kinderzeichnungen mit Zeichnungen von Kindern aus Frankreich durch. Daraus ersieht er, dass im Allgemeinen die europäischen Kinder in ihren Gestaltungen eine realistische Wiedergabe des Menschen anstreben, während die Kurumba-Kinder sich an stilistischen 136 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Formen orientieren, deren Symbolik hervorgehoben wird, während die Zeichnungen der älteren jugendlichen Kurumba durch ihren Realismus und die Erzählstruktur auffallen. Mit Realismus ist in diesem Zusammenhang die Wiedergabe der Erfahrungen, die Kinder in ihrer kulturellen Welt machen, gemeint. (Vgl. ebd., S. 54-60) Die Ethnologen A. Schweger-Hefel/W. Staude merken zu den Kinderzeichnungen an: »[…] es besteht eine deutliche Neigung, das Ungewöhnliche und nicht das Bekannte zu zeichnen; die Komposition fehlt nahezu vollständig; es wird bewusst gezeichnet, d.h. man zeichnet auch das, was man nicht sieht, von dem man aber weiß, dass es existiert, z. B. die Gliedmaßen unter den Kleidern, den Sexus, alle Stangen des Fahrrades, auch jene, die durch den Radler verdeckt sind.« (Schweeger-Hefel 1972: 467 f.) P. Arnaud führt an, dass materielle Gegebenheiten und das Verhalten der Kinder nicht außer Acht gelassen werden sollen. Dazu gehört auch die Besonderheit der Untersuchungsdurchführung und Atmosphäre, in dem fremde Personen den Kindern Aufgaben stellen. Der Autor verweist darauf, dass in der Untersuchung zum einen verfügbare Realisationsformen abgerufen werden und zum anderen könnte durch Regression auf frühe Formen zurückgegriffen werden. Des Weiteren wird auf ein Verbot der Augen und Munddarstellung hingewiesen, da hierin in manchen afrikanischen Ländern eine Diskretion zwischen Erwachsenen und Kindern zum Ausdruck kommt. Dies könnte das Fehlen von Munddarstellungen erklären. Leider werden in diesen Untersuchungen keine Angaben zu Themenstellungen, Materialien und zeitlichen Umfang gemacht. Die Untersuchungsdurchführung und Auswertungen werden nicht näher erläutert, sondern beschreibend dargestellt. Es wird deutlich, das die Kurumba-Kinder gerne ihnen vertraute Tiere zeichnen und ebenso das für sie ungewöhnliche, wie Autos und Flugzeuge. Hieraus sowie durch die voran gezeigten Untersuchungen wird deutlich, dass sich Vertrautes und Ungewöhnliches Kindern besonders einprägt. Offensichtlich können dazu leicht erinnernde Vorstellungen und Schemata wachgerufen werden, die mühelos zeichnerisch dargestellt werden. Bildliche Tiefenwahrnehmung bei ghanaischen Kindern, untersucht von A. C. Mundy-Castle Durch Forschungen zur räumlichen Tiefenwahrnehmung vor allem in Südafrika, in den 1960er-Jahren kommt W. Hudson (Vgl. Hudson 1960/62) zu der Auffassung, dass Kenntnisse von Tiefe in Bildern eine kulturdeterminierte Vertrautheit mit entsprechenden Bildmaterialien ist. (Vgl. Mundy-Castle 1966) Drei Faktoren werden für den Faktor Vertrautheit angeführt: der kulturelle Stimulus, Schulunterricht und Intelligenz. Der kulturelle Stimulus erfolgt durch Produkte wie Bilder, Poster, Fotografien, Filme, Fernsehen und Zeichenaktivitäten, Malen und Spiele mit bildlichem Inhalt. Das Fehlen dieses kulturellen Stimulus kann auch zur Nicht- Ausbildung der dreidimensionalen Wahrnehmung führen. A. C. Mundy-Castle untersucht 1966 die Frage, wie ghanaische Kinder im Alter von 5-10 Jahren auf Tiefe in bildnerischem Material antworten. Ziel ist, die Antworten und das damit verbundene Interpretieren und Denken zu erforschen. Folgende Methode wird verwendet: Es werden vier Bilder aus W. Hudsons Tiefenwahrnehmungstest von insgesamt 122 Kindern aus verschiedenen Regionen in Ghana hinsichtlich der Tiefenraumdarstellung interpretiert. Bei den Probanden handelt es sich um 36 Kinder im Alter von 5-6 Jahren, 41 Kinder 137 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert im Alter von 7-8 Jahren und 45 9-10-Jährige. Alle Probanden besuchen seit ihrem fünften oder sechsten Lebensjahr die Schule. Die vier Bilder zeigen Folgendes: Auf Bild eins und zwei sind Hinweise auf Tiefe durch Objektgröße und Überlagerung zu sehen. Die Karten drei und vier zeigen zusätzliche perspektivische Elemente. Alle Bilder zeigen die Figur eines Mannes, der einen Speer in einer erhobenen Hand, wie zum Wurf, hält. Des Weiteren sind auf jedem Bild ein Elefant, eine Antilope und ein Baum zu sehen. Auf Bild eins und zwei sind zusätzlich Berge eingezeichnet und auf Bild drei und vier findet sich anstelle des Berges eine Straße und eine Horizontlinie. Die Größen der genannten Darstellungen sind in jedem Bild unterschiedlich. (Vgl. ebd., S. 292) Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die Fehlinterpretationen der räumlichen Tiefe mit zunehmendem Alter weniger werden. Die größte Schwierigkeit liegt im Erkennen von abstrakten Repräsentationen, Horizontlinien und Straßenlinien. Da Antilopen in Ghana sehr selten sind, wurde diese Tierdarstellung meist als Ziege oder Schaf interpretiert. Der Speer des Mannes, der Mann und der Elefant werden von den ghanaischen Kindern eindeutig identifiziert. Offensichtlich spielen die Erfahrungen der Kinder bei der Identifikation eine große Rolle. »As a general conclusion from these observations, it is proposed that the likelihood of correct identifications of pictorial items is greater if they are realistic representations of pictorial items is greater if they are realistic representations of familiar objects, least if they relate abstract concepts.« (Ebd., S. 293) Als allgemeine Folgerung aus der Untersuchung zeigt sich, dass die Identifikation von bildlichen Objekten am besten gelingt, wenn diese möglichst realistisch sind. Die Straßenabbildung in Zentralperspektive und die Horizontlinie werden meistens fehlinterpretiert. Überschneidungen, die ein davor oder dahinter anzeigen, werden von den wenigsten Kindern eindeutig entschlüsselt. A. C. Mundy-Castle sieht die These des kulturellen Stimulus als Faktor der tiefenräumlichen Wahrnehmung als kritisch an. »The hypothesis that cultural stimulus is critical for the development of pictorial depth perception is supported by the present results. Surveys undertaken in the communities and homes of all the children studied revealed no evidence of activities such as reading, drawing, painting, looking at pictures, pattern-making, or playing with constructional toys, and it was exceptional for a child to have used a pencil prior to going to school; furthermore, most of the parents of the children were illiterate. The opportunity for informal pictorial experience was therefore negligible.« (Ebd., S. 298) Der Wissenschaftler schlägt vor, die Hypothese zu testen, inwieweit Grundschulen in Schwellenländern an der Ausbildung der Wahrnehmung bzw. Tiefenwahrnehmung beteiligt sind, durch die Handhabung und Organisation von bildlichen und räumlichen Materialien. Wenn es auch explizit in diesem Artikel nicht um Auswertungen von Kinderzeichnungen geht, so zeigt sich hier doch deutlich, welche Einflüsse zu einer Tiefenwahrnehmung führen. Weitere Forschungen zu Kinderzeichnungen aus anderen Ländern In den drei folgenden Unterpunkten werden Kinderzeichnungen aus den Ländern Syrien, Thailand und Neuguinea untersucht. Angesprochen wird außerdem eine Sammlung von Kinderzeichnungen aus unterschiedlichen Ländern. Bei Forschungen, die sich auf einzelne Länder richten, wird in der Forschung der Schwerpunkt jeweils verschieden fokussiert. Bei den Forschungen in Syrien liegt, wie bei vielen Betrachtungen, der Schwerpunkt auf der 138 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung menschlichen Figurendarstellung. Die Forschungen in Thailand fokussieren die Wertedarstellungen in den Kinderzeichnungen und deren historischen Wandel. Die wissenschaftlichen Ausführungen auf Neuguinea verweisen auf grafische Darstellungen und ihre lebensweltlichen Bezüge. Eine Sammlung von interkulturellen Kinderzeichnungen, von A. Anastasi und J. Foley Eine größere Übersicht von Kinderzeichnungen aus verschiedenen Kulturen bietet die Ver- öffentlichung 1936 von A. Anastasi und J. Foley. (Vgl. Anastasi/Foley 1936) Hierbei handelt es sich um eine Ausstellung von 602 Kinderzeichnungen aus 41 Ländern, welche 1934 im Rockefeller Center in New York gezeigt wird. Überwiegend ist die Altersgruppe der 6-12-Jährigen vertreten. Diese ausgestellten Werke werden schon einer örtlichen Vorauswahl am Entstehungsort unterzogen, wobei keine Auswahlkriterien genannt werden. Dadurch spiegelt sich die kulturelle Tradition der jeweiligen Jury. Ziel ist es, die Motive der ausgestellten Bilder näher zu untersuchen. Die Autoren versuchen Schwerpunktbildungen der Bildmotive in den unterschiedlichen Ländern auszumachen. In diesen unterschiedlichen Bildnereien werden große Variationen innerhalb der geografischen, klimatischen und örtlichen Gegebenheiten sichtbar. Die bildnerischen Motive korrespondieren offensichtlich mit den jeweiligen Bedingungen, einschließlich der Vegetationund Tierdarstellungen. Bildwerke mit zahlreichen Menschendarstellungen sind gering. Die Darstellungen von Menschen in Aktion variieren von Land zu Land, dabei scheint es einen Zusammenhang mit den Bedeutungen von Spielen, Feiern, religiösen Zeremonien, und Ereignissen des täglichen Lebens, zu geben. (Vgl. Richter 2001, S. 42) Unterschiedliche Darstellungen sind in Einzelelementen wie Häusern, Fuhrwerken, Kleidern und Gewändern zu finden. Dabei zeigen geringe Detaildarstellungen die Kinderzeichnungen aus Bali, Tschechoslowakei, Spanien, Tunesien, Türkei und Jugoslawien und mehr Details weisen die Bildwerke aus Amerika, Kuba und Mexiko auf. Die größte Liebe zum Detail zeigt sich bei den indianischen Kindern. Als komplex und dicht werden die Zeichnungen der amerikanischen Indianerkinder und aus Deutschland, Irland u. a. beschrieben. Einfache Strukturen zeigen Kinderzeichnungen aus Liberia, Schweden, Tunesien und Venezuela. Manche Bilder zeugen von inhaltlichen-bildnerischen Qualitäten, wie sie Szenen wiedergeben. Die Autoren differenzieren nach dekorativen und weniger dekorativen Elementen, geben allerdings keine Belege für diese Kriterien an. Leider handelt es sich eher um eine Sammlung von Kinderzeichnungen die beschreibend ausgewertet wird, um Motivwahlen und Unterschiede in den einzelnen Ländern aufzuzeigen. Zeichnerische Menschdarstellungen der Beduinen in der syrischen Wüste, von W. Dennis Anschließen möchte ich an dieser Stelle eine Untersuchung von Wayne Dennis (Vgl. Wayne 1960) zu Darstellungen der Menschfigur von Beduinen erwähnen. Durchgeführt wird die Untersuchung von Wayne Dennis 1958-59 im Libanon, genauer in der syrischen Wüste, 50 Meilen östlich von der Stadt Hama. Der Wissenschaftler geht grundsätzlich von einem kulturellen Einfluss auf die Zeichnung aus, vor allem durch die kalligrafische Tradition in der jeweiligen Kultur. Untersucht wird der kulturelle Einfluss auf die Figurdarstellung in Zeichnungen von Beduinen, die des Lesens und Schreibens noch nicht kundig sind. Es handelt sich um Muslime. Hier ist mit geringen oder keinen Einflüssen durch westliche Kunst, Fotografien, Comics oder anderen Illustrationen zu rechnen. Des Weiteren hat diese 139 Wolter | Forschungskritik an den Methoden zur interkulturellen Kinderzeichnung im 20. Jahrhundert ethnische Gruppe aufgrund ihrer Religion keine Formen von darstellender Kunst entwickelt. Vertraut sind ihnen dekorative geometrische Muster, die vielfach in den Tätowierungen in Gesicht und Händen auftauchen oder auch auf Schmuckstücken angebracht werden. Der Text ist entnommen aus: Wolter, Heidrun: Kinderzeichnungen: empirische Forschungen und Interkulturalität unter besonderer Berücksichtigung von Ghana. Paderborn. 2007. Univ. Dissertation. Digital abrufbar. Literatur Anastasi, A. und Foley J. P.: Eine Analyse der spontanen Zeichnung durch Kinder in den unterschiedlichen Kulturen. In: Journal angewandter Psychologie 20 (1936), S. 680-726. Blomeyer, Rudolf: Kinderzeichnungen im Erstinterview in ihrer unbewussten Bezogenheit auf den Untersucher. In: Analytische Psychologie. Basel 9 (1978), S. 213-232. Desmond, Morris: The Naked Ape. London 1967. Desmond, Morris: Imitative Behavier. London 1971. Desmond, Morris: Manwatching. A field-guide to human behaviour. London 1977. Desmond, Morris: Gestures their origins and distribution. New York 1979. DiLeo, Joseph H.: Die Deutung von Kinderzeichnungen. Karlsruhe 1992. Fortes, Meyer: Tallensi children’s drawings. In: Lloyd Barbara; John Gay (Hrsg.): Some African evidence. Cambridge 1981. 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Es sollen daher auszugsweise die Ergebnisse aufgezeigt werden, die in der gleichnamigen Examensarbeit (Januar 2015) in deutlich differenzierteren Ausführungen dargestellt wurden und damit ebenda nachgelesen werden können. Den Auftakt jener Arbeit bildete mein Aufenthalt in Ghana, bei dem ich im Jahr 2014 die Monate Juli und August als freiwillige Helferin in einem Kinderheim16 im Süden des Landes verbrachte. Während des Besuches wurde deutlich, dass es unter den Kindern trotz der schwierigen Lebensumstände drei absolute Lieblingsbeschäftigungen gibt. An erster Stelle steht dabei ganz eindeutig das Fußballspielen, dicht gefolgt vom Vorlesen. Schließlich scheint das Malen immer wieder großen Gefallen zu finden. Malen wird dabei allerdings eher mit dem Ausmalen gleichgesetzt, und nur selten gestalten die Kinder eigene Bilder. In der Regel handelt es sich bei einem fertigen Bild um ein Blatt Papier aus einem Ausmalbuch, das für einen der freiwilligen Helfer koloriert und mit einem kurzen Text versehen wird. (Vgl. Abb. 54/55) Insbesondere in Hinblick auf die hier folgenden Ausführungen ist darauf hinzuweisen, dass »die Ausdrucksmittel Zeichnen und Malen […] neben der sprachlichen Verständigung, zu den wichtigsten Kommunikationsformen in der Kindheit« (Reiß 1996: 7) zählen. Da die Kinder im Heim untereinander auf bis zu vier ghanaischen Sprachen und mit den Helfern auf Englisch kommunizieren17, kommt der Möglichkeit des Ausdrucks über die Zeichnung eine besondere Stellung zu. Damit die Kinder die Möglichkeit finden konnten, dieses Mittel anzuwenden, stellte ich Ende August an zwei Tagen leeres Papier und Buntstifte zur Verfügung und bat die Kinder um Bilder zu zwei Aufgabenstellungen. Aufbauend auf dem Wissen, dass das Kind in der Regel das zeichnet, was es für wichtig und bedeutsam hält (Vgl. Schoppe 1991, S. 173), war es meine Intention, dass die Kinder die Gelegenheit bekommen, mögliche Gedanken und Wünsche zu verbildlichen und damit der Außenwelt, insbesondere mir, sichtbar zu machen. Die entstandenen Zeichnungen und farbig gestalteten Werke sind mit Hilfe eines selbst erstellten, auf den Grundlagen von Christa Seidel, Helga John-Winde & Gudrun Roth- Bojad ziev, Andreas Schoppe sowie auf eigenen Ergänzungen (Vgl. Graphik 2) beruhenden Kriterienkatalogs (Vgl. Graphik 1) untersucht und ausgewertet worden. In Abgrenzung zu anderen Werken sollen sie unter anderem als »Heimbilder« beschrieben werden. Es folgt ein Vergleich mit den Ergebnissen einer Untersuchung ghanaischer Kinderzeichnungen aus Kumasi und Gumyoko von Heidrun Wolter, die bereits 2007 veröffentlicht worden ist. 16 Aus vertraulichen Gründen dürfen weder Ort noch Name des Kinderheimes öffentlich genannt werden. 17 In Ghana gibt es mehr als 100 ethnische Gruppen, jede davon spricht ihre eigene Sprache/Dialekt. Amtssprache ist Englisch. 142 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Im Rahmen der Einleitung soll erklärend hinzugefügt werden, dass der Begriff der »Kinderzeichnung« in dieser Arbeit in seiner umgangssprachlichen Bedeutung verwendet wird und damit auch kolorierte Malereien mit einschließt. Was es heißt, in Ghana Kind zu sein Kind sein, das bedeutet in erster Linie heranwachsen (Vgl. Bibliographisches Institut) – ob in Ghana, Deutschland oder irgendwo sonst. Es muss dabei jedoch beachtet werden, dass sich besonders in westlichen Ländern wie Deutschland die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen besonders durch verschiedene Aufgaben unterscheiden: Während die Erwachsenen Geld verdienen und sich um die Kinder kümmern sowie diese erziehen, haben die Kinder selten mehr Aufgaben als zu lernen und sich zu entwickeln. Tatsache ist, dass sich die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen in Ghana deutlich mehr überschneiden. Auf der einen Seite wird den Kindern auch hier Raum und Zeit für sich selbst gegeben, der insbesondere mit Fußballspielen sowie Klatsch- und Hüpfspielen gefüllt wird, was zu einer Vielzahl von räumlichen und motorischen Erfahrungen führt. Dies steht immer häufiger im Kontrast zu vielen deutschen Kindern, bei denen diese Lernsituationen insbesondere durch den Einfluss der neuen Medien vielfach nur noch flüchtig auftreten. (Schoppe 1991, S. 13) Auf der anderen Seite lernen die Kinder in Ghana schon früh Verantwortung zu tragen, indem sie für das Kochen, Wäschewaschen (jeweils sowohl für sich selbst und/oder ihre Geschwister/ihre Familie) sowie die Erziehung jüngerer Geschwister zuständig sind – und das häufig schon ab einem Alter von sechs oder sieben Jahren. Im Allgemeinen herrscht zusätzlich eine deutlich stärkere Verbundenheit zwischen Kindern und Erwachsenen, was scheinbar insbesondere dadurch hervorgerufen wird, dass schon die Kleinsten auf dem Rücken überall mit hingetragen werden. Auch später, wenn die Kinder auf eigenen Beinen laufen, gibt es kaum einen Ort, an dem man nicht auf Kinder stoßen würde – sei es schlafend unter dem Stand der Mutter oder hinter der Ware im Verkauf, wenn jemand vertreten werden muss. Anzumerken ist, dass die Aufgabenverteilung, die die Kinder betreffen, absolut geschlechterunabhängig ist. Auch wenn Kinder- und Erwachsenenwelt somit scheinbar deutlich näher beieinander liegen als in Deutschland, gebührt den Älteren stets deutlich mehr Respekt als hierzulande. Es wird somit deutlich, was auch Schoppe formuliert: »,das Kindʻ gibt es nicht, es bedarf einer Differenzierung je nach soziokulturellem Lebenszusammenhang«. (Ebd., S. 7). Besonders wenn aus außenstehender Perspektive die Kindheit in einer anderen Kultur betrachtet wird, wird deutlich, dass bei der Beurteilung und Einschätzung in jedem Fall die historische Zeit, örtliche Gegebenheiten, ökonomische Verhältnisse, Bildungsstandarts, der jeweilige Bildungsstand, Alter und Geschlecht (Vgl. Wolter 2007, S. 181 f.), sowie die die Kinder umgebende Kultur und sozialen Verhältnisse berücksichtigt werden sollten. Daraus kann gefolgert werden, dass Kindheit gesellschaftlich produziert wird. Vorstellung der allgemeinen Umstände vor Ort Um die Vorstellung des Projektes sowie der gegeben örtlichen Bedingungen abzuschließen, soll hier ein kurzer Überblick über das Kinderheim gegeben werden, in dem die Kinderzeichnungen entstanden sind, die später analysiert werden. 143 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Es handelt sich dabei um eine Institution, die 58 Kindern in einem kleinen, ärmlichen Ort, etwa zwei Stunden Fahrt nordöstlich von Accra entfernt, ein Zuhause gibt. Das Alter der Kinder ist sehr unterschiedlich, wobei zum Zeitpunkt der Untersuchung die Jüngste drei Jahre und der Älteste 21 Jahre alt waren. Die Mehrheit entsprach allerdings einem Alter von sechs bis zwölf Jahren. Die meisten Kinder sind keine Waisen, sondern wurden im Heim abgegeben oder ausgesetzt, da die Eltern/die Familie entweder nicht über die finanziellen Mittel verfügen oder andere individuelle, persönliche Probleme vorliegen, die es den Erziehungsverantwortlichen unmöglich machen, sich um das Kind zu sorgen. Allerdings sind in den meisten Fällen Geschwisterpaare auszumachen, wodurch zumindest ein kleiner familiärer Bezug gegeben ist. Im Allgemeinen bringen die jüngeren Kinder den Älteren traditionsgemäß einen hohen Respekt entgegen. Erste Respektperson im Heim ist der Inhaber, direkt danach und häufig in seiner Vertretung steht dessen Cousine. Beide sind allerdings nur selten präsent, wodurch es den Kindern in den meisten Fällen an einer Autoritätsperson fehlt. Eine weitere ständig präsente Gruppe im Heim macht die der freiwilligen, internationalen Helfer18 aus, die gerade dort arbeitet. Die Anzahl jener schwankt ständig und auch die Länge ihres Aufenthaltes ist individuell festgelegt. Neben all den materiellen Dingen, die die Helfer häufig mitbringen, haben sie insbesondere durch ihre westlich geprägten Ideen und Umgangsweisen einen großen Einfluss auf die Menschen vor Ort. Die Grundversorgung an Lebensmitteln ist im Heim häufig nur unregelmäßig möglich. So ist es kein Einzelfall, wenn die Kinder ihre erste Mahlzeit, bestehend aus Reiswasser, um 12:30 Uhr bekommen und erst um 18.00 etwas Kenkey19 mit etwas brüheartiger Soße. Dies liegt zum einen an den geringen finanziellen Mitteln, zum Großteil allerdings an der extrem schlechten Organisation der Verantwortlichen, was häufig dazu führt, dass die Kinder hungern. Da im Heim keinerlei ernst zu nehmende Malariaprävention vorgenommen wird, ist praktisch jedes Kind mit dem Parasiten infiziert. Problematisch ist dies dahingehend, dass bei jeder Schwächung des Immunsystems die Krankheit wieder ausbrechen kann, was durch die einseitige, vitaminarme Ernährung immer wieder der Fall ist. Positiv hervorzuheben ist, dass den Kindern ein Schulbesuch möglich gemacht wird. Neben der sechsjährigen, vorgeschriebenen Grundausbildung wird ihnen ebenfalls der Besuch der Junior High School finanziell ermöglicht. In Bezug auf die Analyse der Kinderzeichnungen ist anzumerken, dass an der Grundschule kein Kunstunterricht angeboten wird. Generell wird aufgrund des mangelnden Materials im Heim selten gezeichnet, deutlich lieber wird dagegen ausgemalt und/oder mit Texten verziert. Da »[d]ie Handlung des Zeichnens […] individualgenetisch eine bestimmte Reife und Schulung voraus[setzt]« (Reiß 1996: 7), ist die allgemeine nur sehr grundlegende Schulbildung bei der Analyse der Kinderzeichnungen zu beachten. 18 In den meisten Fällen sind diese amerikanischer, kanadischer oder europäischer Herkunft (die Häufigkeit entspricht dieser Reihenfolge). 19 Brei, der aus Wasser und Maismehl gerührt wird. 144 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Entstehung der Kinderzeichnungen Am ersten Tag der Durchführung gab es für alle Kinder, die an der Zeichenaufgabe teilnehmen wollten, den englischen Arbeitsauftrag das Tier zu zeichnen, das sie gerne sein würden. Der grundlegende Gedanke dieses Arbeitsauftrages war der, dass die Darstellung in Tieren (wie beim Zeichentest »Familie in Tieren«) etwa ab dem Schulalter20 die Möglichkeit der Projektion erleichtert. (Vgl. Seidel 2007, S. 360) Zur Bearbeitung der Aufgabe wurde eine begrenzte Zahl an weißen DIN A5 Blättern zur Verfügung gestellt, sowie eine eingeschränkte Anzahl an Buntstiften.21 Die Kinder zeichneten meist im Stehen am ohnehin relativ hohen Tisch und benutzen ein Buch zur Unterlage. Es soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass diese Voraussetzungen für die Kinder absolut alltäglich sind und nicht als besonders schlecht bewertet werden – im Gegenteil war der kurze Besitz von Stift und Papier etwas ganz Besonderes. Die Atmosphäre war trotz der späten Stunde recht unruhig, da immer wieder Kinder, die nicht zeichneten, im Spiel an den arbeitenden Kindern vorbeiliefen oder neugierig über deren Schulter schauten. Insbesondere die häufige, fordernde Frage nach Bleistiften war bei der Durchführung auffällig. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Schoppe Grauwerte auf den Zeichnungen als kritisch-negative Grundhaltung einordnet. (Vgl. Schoppe 1991, S. 211) Auf diesen Ansatz soll in der folgenden Analyse noch genauer eingegangen werden. Am zweiten Tag lautete die Aufgabe »Male oder zeichne den Ort, an dem du dich am liebsten aufhältst.«, die mit dem gleichen Material wie am Vortag bearbeitet werden sollte und unter den gleichen Voraussetzungen durchgeführt wurde. Zum Zeitpunkt der Durchführung befanden sich im Unterschied zum Vortag mehr Helfer im Raum, sodass zwischenzeitlich der Eindruck entstand, dass die Kinder noch abgelenkter waren. Die Aufgabe musste außerdem früher beendet werden, da das gemeinsame Singen zum »Worship«22 vorverlegt wurde. Die in der Auswertung als »freie Arbeiten« bezeichneten Werke sind im Monat August entstanden und sollen ergänzend mit herangezogen werden, da die aufgabenorientierten Bilder in ihren Darstellungen sehr eingeschränkt sind. Bis auf die situativen Einschränkungen aufgrund des Materials sind diese zusätzlichen 14 Werke ohne jegliche Vorgabe entstanden. Die Analyse der Heimbilder bezieht sich somit insgesamt auf eine Anzahl von 43 Kinderzeichnungen, wobei 21 von Jungen und 22 von Mädchen angefertigt wurden. Anzumerken ist zuletzt, dass die Kinder bei der Bearbeitung der Tier- und Ortbilder gebeten wurden, ihren Namen und ihr Alter auf der Rückseite des Blattes festzuhalten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Altersangaben nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, da das Geburtsjahr im Vergleich zum Wochentag23, an dem das Kind geboren worden ist, für die Menschen in Ghana im Allgemeinen nicht von großer Bedeutung ist. Hinzu kommt, dass die Kinder durch ihre Situation im Heim niemanden haben, der ihr genaues Alter wissen könnte. 20 Erst dann ist von einer ausreichenden Zeichenfähigkeit auszugehen. (Vgl. Seidel 2007, S. 373) 21 Die Beschaffung von Zeichenmaterial erwies sich als sehr schwierig. 22 Jeden Abend kommen alle Kinder des Heimes zusammen und singen gemeinsam etwa 10-15 Minuten christliche Lieder, bevor sie anschließend ins Bett gehen. 23 Neugeborene Kinder bekommen ihren Namen entsprechend dem Wochentag, an dem sie geboren sind. 145 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Es soll außerdem hinzugefügt werden, dass die Vertrauensbasis zwischen den Kindern und mir zum Zeitpunkt der Durchführung sehr stabil war. Die Kinder arbeiteten somit in einem Raum, der ihnen vollkommen bekannt ist, zwischen Menschen, zu denen sie ein generell positives Verhältnis haben. Analyse der Heimbilder Auf der Grundlage der Analysevorgänge von Seidel, John-Winde & Roth-Bojadziev, Schoppe sowie eigenen Ergänzungen ist ein Katalog zur Auswertung von Kinderzeichnungen entstanden (Vgl. Kriterienkatalog zur Auswertung von Kinderzeichnungen), der insbesondere für die Auswertung internationaler, in diesem Fall ghanaischer, Kinderzeichnungen hilfreich sein soll. Der entwickelte Kriterienkatalog zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass er auf kulturelle Besonderheiten eingeht. Eine erste Möglichkeit, in der diese auffallen könnten, ist die erste Spalte mit der Kennzeichnung »Darstellung«, da hier das Hauptmotiv genannt wird. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Darstellung von kulturspezifischen Attributen, aber auch kulturspezifischen, kulturübergreifenden oder erfundenen Zeichen. Ergänzend dazu lassen sich allerdings auch der Einsatz von Farbe sowie graphomotorischen Ausführungen je nach kulturellem Umfeld erklären. Bei der Analyse von Kinderzeichnungen wird zunächst davon ausgegangen, dass das Kind das zeichnet, was es für wichtig und bedeutsam hält und damit Erfahrungen und Erlebnisse seines Lebens mit einbezieht. (Vgl. Schoppe 1991, S. 161 nach Piaget) Bei dieser Verarbeitung von Geschehnissen werden die persönliche Gefühls-, Wahrnehmungs- und Erlebnisintensität mit einbezogen. Daraus folgt, dass die Darstellungen der Kinder nicht unbedingt realitätsnah erfolgen müssen, sondern erscheinungsgetreu, das heißt, ihrer eigenen Wirklichkeit entsprechend. (Vgl. Reiß 1996, S. 7) In Hinblick auf die Analyse soll jedoch beachtet werden, dass die »Wahrnehmung und Phantasie […] in der Kinderzeichnung zu einer Einheit [verschmelzen]« (Schoppe 1991: 22) – die Fantasie entspricht dabei natürlich immer noch der Wahrheit über die Wahrnehmung des Kindes, allerdings ist sie in keinem Fall repräsentativ. Die folgende Analyse umfasst für diesen Beitrag einzeln herausgegriffene Auswertungen der zu Beginn des Kriterienkatalogs gestellten Hypothesen, als auch weitere auffällige Beobachtungen. Hypothese I: »Mädchen und Jungen zeichnen sehr ähnlich.« Hinsichtlich der ersten Hypothese ist auffällig, dass sich die Werke aller Mädchen- und Jungenzeichnungen tatsächlich sowohl im Inhalt als auch bezüglich der graphischen Mittel sehr stark ähneln. Es liegt diesbezüglich die Erklärung nahe, dass es hinsichtlich der Aufgabenverteilung und Freizeitbeschäftigung bei den Kindern im Heim kaum einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt. So müssen beide Geschlechter beim Kochen mithelfen, das Geschirr abwaschen, ihre Wäsche waschen und Wasser transportieren. Einzig die Aufgabe, frisches Holz aus den Baumkronen zu sägen, um anschließend Holzkohle herzustellen, wird ausschließlich von den Jungen übernommen. Auch in ihrer Freizeit ist kein großer 146 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Unterschied auszumachen, ob sich ein Geschlecht lieber verkleidet, Fußball spielt, Klatschund Hüpfspiele macht, sich vorlesen lässt oder Bilder (aus)malt. Hypothese II: »Viele Zeichnungen werden unfertig erscheinen« Auch die zweite Hypothese trifft zu. Insgesamt erscheinen nur 56% der Zeichnungen, das heißt nur ein Bild mehr als die Hälfte, vollständig und abgeschlossen. Mit 68% überwiegt der Anteil abgeschlossener Zeichnungen bei den Mädchen etwas gegenüber dem Anteil der Jungen von 43%. Dies steht außerdem mit der Blattausnutzung in Zusammenhang, die sich meist auf einen Gegenstand in der Bildmitte beschränkt. Auffällig ist diesbezüglich, dass während der Durchführung immer wieder nach neuen Papierbögen gefragt worden ist. Weiterhin auffällig ist, dass Darstellungen generell eher einfach gehalten wurden, beziehungsweise so, dass sich der Inhalt schnell offenbart. Dies wird zudem durch erklärende Begriffe auf den Bildern ergänzt. In diesem Kontext scheint es allerdings verwirrend, dass bei 23% aller Zeichnungen auf der Rückseite noch einmal begonnen wurde, um scheinbar ein besseres Ergebnis zu erreichen. Es sollte hier beachtet werden, dass sich bei schnell angefertigten Zeichnungen die Zeichenentwicklung nur unzuverlässig abschätzen lässt. (Vgl. Seidel 2007, S. 363) Sie erwecken allerdings ebenfalls den Eindruck, dass sie sehr persönlich sind und nur wenig von anderen Kindern und Zeichnungen beeinflusst wurden. Hypothese III: »Die Zeichnungen werden einander ähneln« Die hier angesprochene These baut darauf auf, dass häufig eine gewisse Ähnlichkeit zur Zeichnung des Sitznachbarn erwartet werden kann. (Vgl. Wolter 2007, S. 349) Besonders bei den freien Zeichnungen lassen sich tatsächlich einige Gruppierungen ausmachen: so tauchen zweimal fast identische »Herzköpfe« (Vgl. Abb. 40/41) von zwei unterschiedlichen Mädchen auf. Außerdem scheinen zwei Formen der Blumendarstellung sehr beliebt zu sein, wie auf den Abbildungen 43 und 44 sowie 46, 47 und 48 deutlich wird. Auffällig ist außerdem die extrem ähnliche Darstellung der Bücherei auf den Abbildungen 32 und 33. Hier ist anzumerken, dass die Zeichnungen nacheinander angefertigt worden sind und somit ein mögliches Übernehmen von Strukturen unmöglich war. Beide Male wurde symbolhaft für die Bibliothek dessen Herzstück, das Regal mit Büchern, dargestellt. Ebenfalls wurde beide Male begonnen auch die Bücher darzustellen, allerdings wurde dieser Versuch schon nach wenigen Minuten abgebrochen, da die ausführenden Jungen keine Lust mehr hatten. Eine gewisse Ähnlichkeit zu anderen Bildern ist somit vereinzelt feststellbar, allerdings nicht dominant. Hypothese IV: »Die Zeichnungen verweisen auf kulturelle Besonderheiten« Wie zu erwarten, lässt insbesondere die Wahl der abgebildeten Objekte sowie die vereinzelt dargestellten, kulturspezifischen Attribute auf die Herkunft der Bilder schließen. Die Heimbilder können damit als weiteres Beispiel dafür gesehen werden, dass die kulturelle Umwelt (und damit auch die kulturellen Werte) einen großen Einfluss auf die Kinderzeichnung hat. (Schuster 1993, S. 109/111-112) Besonders bei den Darstellungen der Lieblingsorte der Kinder ist eine erhöhte Anzahl von Attributen auszumachen. Dies ist damit zu erklären, dass sich dieser Ort in der unmittelbaren, sehr gut bekannten Umgebung des Kindes befindet und dort verbreitete, kulturelle Besonderheiten aufweist. Bezüglich der Inhalte fallen in diesem 147 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Zusammenhang die Darstellung von Affe, Schlange, Löwe und Kirche auf, aber auch die Tiere Katze, Huhn und Hund scheinen typisch, zumal sie in Ghana auffällig häufig in allen Haushalten zu finden sind. Da die Grundlage für die Einordnung von Eigenschaften von Tieren »Märchen und gegebene Kenntnisse über Eigenschaften von Tieren« (Ebd. 129) sind, der Kenntnisstand der Kinder in diesen Bereichen allerdings nur ungenügend engeschätzt werden kann, soll auf die Bedeutung der Tiere hier nicht genauer eingegangen werden.24 Kulturspezifische Attribute, die verwendet wurden, sind der Rohrstock, der jeweils auf den Abbildungen von Schulen in der Hand des Lehrers zu sehen ist, das Mikrofon in der Hand des Priesters und die Frisur des Mädchens auf Abbildung 39. Ins Auge fallen außerdem besondere architektonische Merkmale auf den Abbildungen 31 und 36. Die Menschdarstellung auf Abbildung 39 Auffällig ist die Zeichnung der Abbildung 39, auf der ein neunjähriger Junge nach eigener Aussage seine liebste Helferin abgebildet hat. Die Darstellung zeigt eine Frau in einem blauen Kleid. Es ist nicht klar auszumachen, ob die Füße unter dem Rock verschwinden und die Beine daher etwas verkürzt dargestellt sind oder ob die Darstellung an den Knien aufgrund die Blattkante unterbrochen werden musste. Weiterhin sind Kopf, Hals, Oberkörper, Schultern und Hände auszumachen, wobei letztere Merkmale fließend ineinander übergehen. Anzumerken ist, dass die Schultern zwar sehr breit sind, insgesamt aber realistische Größenverhältnisse angewendet wurden. An den Händen sind vier kleine Bögen auszumachen, was den Anscheint gibt, dass die Frau ihre Hände in Fäuste ballt. Ins Auge springt bei der Betrachtung besonders, dass die sonst blonde, hellhäutige junge Frau hier mit schwarzen Haaren und dunkler Hautfarbe dargestellt wird. In diesem Zusammenhang fällt außerdem auf, dass eine Umrisszeichnung eines Menschen auf einem weißen Blatt automatisch die Hautfarbe vorgibt. Auf diese Tatsache macht auch Paget aufmerksam, indem er angibt, dass die Darstellung der Hautfarbe für ein dunkelhäutiges Kind ganz anders und deutlich schwieriger als für ein weißes Kind ist. (Vgl. Paget 1932, S. 129) Selbstverständlich kann die weiße Farbe des Untergrundes auch als neutral verstanden werden, was erklären würde, warum andere Menschzeichnungen nicht koloriert wurden, den unfertigen Zustand dieser Zeichnungen allerdings noch einmal betont. Beachtlich ist außerdem, dass die dargestellte Frau auf Abbildung 39 mit zwei Armbändern, einer Kette, Ohrringen und Haarschmuck deutlich mehr Schmuck trägt als im Alltag. Da die Menschen in Ghana überwiegend sehr kurze Haare tragen (insbesondere in dem Heim aus dem die Zeichnungen stammen), wurden die sehr langen Haare der Helferin, die außerdem durch ihre helle Farbe sehr auffällig waren, häufig gelobt. Dieser Eindruck ist auch auf der Zeichnung wiederzufinden. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass der Junge seine Freundin als eine Frau seines Volkes abgebildet und diese mit weiteren Attributen wie Schmuck weiter aufgewertet hat. Die Zeichnung ist somit in erster Linie erscheinungsgetreu, nicht wahrheitsgetreu. 24 »[D]as assoziative Umfeld der Tierarten [ist] bei Kindern zu wenig erforscht. Es wäre wünschenswert, […] zu klären, wie einheitlich das assoziative Umfeld ist, in dem verschiedene Tiere in den Augen der Kinder stehen und ob die spätere – generelle – Interpretation durch die vorgefundene Einheitlichkeit gerechtfertigt ist.« (Schuster 1993: 129) 148 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Verwendung von Zeichen Auffällig ist, dass insgesamt sehr wenig Zeichen verwendet wurden, sowohl kulturspezifische als auch kulturübergreifende. Zwar tauchen international bekannte Formen wie das Herz oder die Blume immer wieder auf, allerdings gibt es sehr wenige Alternativen. Auffällig ist auch, dass mehr Mädchen als Jungen Zeichen verwenden. Dabei ist zu beachten, dass aufgrund der höheren Anzahl der Mädchenzeichnungen bei den »freien Arbeiten« darauf geschlossen werden kann, dass es eine Tendenz zu geben scheint, das Mädchen in ihrer Freizeit mehr zeichnen als Jungen. In Hinblick auf die kulturspezifischen Zeichen fällt insbesondere das für die Darstellung der Nase auf. (Vgl. Abb. 8/12/29) Ins Auge fällt, dass alle Kinder, die das Zeichen anwenden, generell eher selten zeichnen und somit auch sehr wenig von den Zeichnungen mitbekommen, die andere Kinder mit den Helfern erstellen. Anders als Nasendarstellungen in Form eines Hakens (wie sie vermehrt im westlichen Raum zu finden ist) wird sie hier als w dargestellt. Alternativ wird sie auf Abbildung 8 so geformt, dass sie mit einem leichten nach unten geöffneten Bogen für die Darstellung der Augenbraue beginnt, dann hinunter geht und das w formt, dann wieder hoch geht und in einem weiteren Bogen für die zweite Augenbraue endet. Da diese Formel kulturspezifisch ist, muss davon ausgegangen werden, dass sie von jemandem übernommen worden ist, der aus dem gleichen Kulturraum stammt. Andere Kinder, die auch mit den Helfern aus westlichen Ländern zeichnen, benutzen dagegen vermehrt die Formel für die Hakennase, wie auf den Abbildungen 39, sowie 40 und 41 zu sehen ist oder benutzen einen Punkt (Vgl. Abbildungen 34, 38) oder einen kurzen, horizontalen Strich (Vgl. Abb. 52). Sowohl die w-Nase als auch der horizontale Strich gehen dabei das kulturspezifische Merkmal der für Afrikaner typischen, etwas breiteren Nase ein. Insgesamt ist ein Zeichen zu finden, dass frei erfunden wurde. Dieses ist auf Abbildung 28 hinter dem Namen zu erkennen. Es erinnert stark an die Adinkra-Symbole25, die in Ghana und in der Elfenbeinküste verwendet werden. Auch das Herz (»Akoma«) ist als Adinkra-Symbol mit der Bedeutung für Geduld und Toleranz zu finden und muss somit sowohl als kulturspezifisches, als auch als kulturübergreifendes Zeichen gesehen werden. Bei der Durchsicht der Bilder fällt auf, dass deutlich häufiger als bestimmte Zeichen, Formeln für gewisse Darstellungen angewendet werden. Dabei fallen insbesondere die Art der Darstellung für Blumen (Vgl. Abbildung 1, 22, 34, 44, 46-48), Schmetterlinge (Vgl. Abbildung 4, 9, 23 und 26) und die Verwendung von Strichmännchen (Vgl. Abbildung 31, 34-36 und 50) auf, aber auch die karikaturähnlichen Malereien auf Abbildung 14 und 16 lassen auf die Anwendung bestimmter Muster schließen. Mit der Anwendung einer Formel geht meist ein hoher Bekanntheitsgrad einher, der sicherstellt, dass das jeweilige Objekt als solches erkannt wird, was bei einer individuellen Zeichnung nicht unbedingt gegeben ist. Der Einsatz von Formeln kann dem Kind somit eine gewisse Sicherheit vermitteln, dass seine Zeichnung verstanden wird. Ein interessantes Beispiel für die Anwendung der Formel »Taube« sind die Kinderzeichnungen der Abbildungen 25 und 1. Dabei ist erklärend anzufügen, dass zuerst Abbildung 1 hergestellt wurde. Diese sollte bereits als »fertig« abgegeben 25 Zu vergleichen mit einer Art Zeichensprache, die ursprünglich von einer der größten Volksgruppen Ghanas, den Ashanti, stammt. 149 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation werden und stellte bis zu jenem Augenblick den Hund, die darunter gezeichnete Wiese mit Blumen sowie den Namen des Kindes dar. Kurz darauf sah der Junge jedoch die Zeichnung des Mädchens auf Abbildung 25, forderte seine Zeichnung zurück und versuchte sich selbst an der Darstellung der Taube, die, wie an den drei Ansätzen zu erkennen ist, scheinbar durch das Zusammensetzen festgelegter Formen entstehen sollte. Dieses Beispiel zeigt, dass der Erfolg der Zeichnung für das Kind wichtig ist und mit in die Motivwahl einfließt. Dies erklärt weiterhin die Unentschlossenheit vieler Kinder zu Beginn der Aufgabe: es musste scheinbar oft erst abgewogen werden, was dargestellt werden sollte (Vgl. Aufgabenstellung), was dargestellt werden wollte und was nach eigenem Empfinden dargestellt werden konnte. Bildtexte Bei der Auswertung der Bildtexte fiel auf, dass im Fall einer Darstellung des Namens dieser sehr groß dargestellt wird. Der Name wird in diesen Fällen der Zeichnung mindestens gleichgeordnet, wenn nicht sogar übergeordnet (Vgl. Abbildung 5). Es ist darauf hinzuweisen, dass auch der Name an sich eine gewisse Aussage hat. So haben die Kinder im Heim in der Regel zwei Namen, einen englischen und einen ghanaischen. Je nachdem, welcher Name auf dem Bild verzeichnet wird, wird somit ein Hinweis darauf gegeben, mit welchem Namen sich das Kind identifiziert. In diesem Zusammenhang lässt sich außerdem vermuten, dass die Mehrheit der Kinder diesem Problem ausgewichen ist, indem sie ihr Bild (trotz Aufforderung) weder auf Rück- noch auf Vorderseite mit ihrem Namen versehen haben – oder es schlichtweg vergessen haben. In Hinblick auf die scheinbare Vorliebe einzelner Kinder, die Zeichnungen als Briefe zu verwenden, ist anzufügen, dass auch »die Zeichnung […] letztenendes eine Art Schrift [ist]«. (Widlöcher 1984: 71) Rolle des Adressaten Weiterhin wurde bei der Auswertung der Bilder durch die Bildüberschriften immer wieder deutlich, dass auch der Adressat eine wichtige Rolle in Bezug auf den Anreiz der Aufgabe gegeben haben muss. Obwohl den Kindern gesagt worden ist, dass sie Name und Alter auf der Rückseite vermerken sollten, sind diese Angaben in den meisten Fällen auf der Bildvorderseite zu sehen. Die Bilder bekommen dadurch einen stärkeren Briefcharakter und deuten an, dass es eher um die Erfüllung einer gestellten Aufgabe ging, als um eine freiwillige Zeichnung. Da besonders die freien Arbeiten mit Botschaften und Namen (des Empfängers und des Künstlers) versehen sind, liegt außerdem die Vermutung nahe, dass dieses Verhalten schlicht für die Tier- und Ortbilder übernommen worden ist. Vergleichende Analyse der Kinderzeichnungen aus dem Heim, Kumasi und Gumyoko Während der Durchsicht der Kinderzeichnungen fällt auf, dass sowohl die Kinder in Gumyoko als auch die Kinder aus dem Kinderheim sehr häufig sehr gute Zeichenfähigkeiten zeigen, obwohl sie keinen Kunstunterricht besuchen. Besonders aus deutscher Perspektive ist dies als besonders positiv zu vermerken, da es den Anschein hat, dass hier insbesondere durch 150 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung die neuen Medien, die vielfach die Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft negativ beeinflussen, das Darstellungsvermögen verschlechtert wird. (Vgl. Richter 2001, S. 14) Es liegt somit die Vermutung nahe, dass von ghanaischen Kindern einzelne Objekte sehr bewusst wahrgenommen werden. Da die Wahrnehmung ein aktiver Vorgang ist und es sich »beim Zeichenakt um eine Verstehenshandlung handelt, dem ein Auslegungsprozess zu Grunde liegt« (Reiß 1996: 31), müssen sich die Kinder aktiv mit den Objekten auseinandersetzen um diese nicht nur an sich, sondern auch in ihrer Form zu verstehen, zu verinnerlichen und gegebenenfalls anzuwenden. Anzumerken ist hier, dass die Kinder in Ghana sehr viel im Freien spielen und nur wenig Spielzeug haben – der Blick ist damit immer wieder offen für Objekte, die interessant sein könnten. Schließlich zeigt das Kind »in seinen zeichnerischen Umsetzungen [und besonders der Ausdifferenzierung von Einzelheiten], […] ob es diese begriffen hat«. (Wolter 2007: 165) Eine Aussage über das ganze Land darf dabei allerdings nicht gemacht werden, da die ein Kind umgebenden Einflüsse stets individuell wahrgenommen werden, eine Tendenz ist jedoch wie oben beschrieben auszumachen. Seidel schreibt, dass häufig übersehen werden würde, das Formen und graphische Zeichen von Geschwistern, Freunden und Sitznachbarn übernommen werden. (Vgl. Seidel 2007, S. 363) Weiterhin können »die verschiedenen Ansprechpartner (Kommunikationspartner) […] Ausführungen und Inhalte die Zeichnungen maßgeblich beeinflussen[…].« (Ebd., S. 362 f.) Es soll daher noch einmal der Fokus auf die Rolle der Helfer und Helferinnen im Heim gelenkt werden. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren alle Kinder mit den anwesenden Helfern vertraut und es herrschte ein allgemein positives Verhältnis. Da für die Kinder der einzige Weg an Zeichenmaterial zu kommen (ausgenommen von Zeichnungen im Sand) über den der Helfer führt, kommt diesen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle zu. Aufgrund dieser Verbindung von Material und Helfer ist es in der Regel der Fall, dass eben dieser den Zeichenvorgang beobachtet, kommentiert, Anreize gibt und lobt. Immer wieder ist es außerdem der Fall, dass auch der Helfer oder die Helferin entweder selbst beginnt zu zeichnen oder auf Anfrage etwas vormalt. Motive und Vorgehensweisen werden somit nicht immer selbst entwickelt, sondern werden von anderen Kindern und Helfern beeinflusst. Der Einfluss ist damit interkulturell. Besonders bei der Auswertung von Kinderzeichnungen aus einem anderen Kulturkreis, wie hier der Kinderzeichnungen aus Ghana, ist dahingehend Vorsicht angesagt, wenn es um die Interpretation von Mimik und Gestik, aber auch wie oben bereits angedeutet um Zeichen geht, da die eigene, individuelle Einschätzung der dargestellten Situation großen Einfluss auf die Interpretation hat. Ein Beispiel dafür ist, dass das Öffnen und Schließen der Hand in Deutschland als Zeichen zum Gruß verstanden wird. Dieses kann allerdings sehr leicht mit dem in Ghana verwendeten Zeichen verwechselt werden, dass »Komm!« bedeutet. Hierzu wird die erhobene Hand mit abgespreizten Fingern zu einer Faust geformt. In Hinblick auf die Analyse der Kinderzeichnungen aus dem Kinderheim sind rückblickend einige Punkte kritisch zu betrachten. Der Schwerwiegendste ist dabei das Alter der Teilnehmer. Das Problem ist hier, dass der Begriff der »Kinderzeichnung« sich auf Werke bis zum 10./12. Lebensjahr bezieht, da ab der Pubertät eine neue Bewertung des eigenen Zeichenprodukts einsetzt. (Vgl. John-Winde/Roth-Bojadzhiev1993, S. 12) Wie an den Bildun- 151 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation terschriften deutlich wird, schwankt der Altersdurchschnitt bei den vorliegenden Arbeiten stark. Zwar liegt der Großteil zwischen einem Alter von fünf und zehn Jahren, allerdings fallen zwei Jungenzeichnungen (14 und 12 Jahre) und fünf Mädchenzeichnungen (2x12, 2x14, 1x16 Jahre) deutlich heraus. Besonders bei der Bewertung eingesetzter erfundener Zeichen fällt dies ins Gewicht, da das einzige erfundene Zeichen von einem 14-jährigen Mädchen stammt. Es soll jedoch unabhängig davon trotzdem in die Analyse mit einfließen, da es auf die kulturelle Besonderheit aufmerksam macht. Bei der Auswertung der Ergebnisse fiel weiterhin auf, dass die Kinder während des Zeichnens und auch bei der Abgabe einer fertigen Arbeit ihr Werk nur sehr wenig kommentierten. Dies hätte durch gezieltes Nachfragen noch gefördert werden können. Schlussbemerkung und Ausblick Die Analyse der Kinderzeichnungen zeigt, dass die ästhetische Sozialisation bei den Kinderzeichnungen aus Ghana starken Einfluss auf die Zeichnungen selbst hat. Um genauer zu untersuchen, inwieweit das äußere Umfeld Einfluss auf die Zeichenfähigkeit hat, wäre es interessant zu überprüfen, wie Kinderzeichnungen von Kindern aussehen, die bisher ganz ohne Schulbildung aufgewachsen sind und daher angenommen werden könnte, dass schon der Umgang mit einem Stift eine neue Erfahrung wäre. In diesem Zusammenhang wäre auch eine Analyse von Erwachsenenzeichnung ohne Schulbildung (und daher mit wenig Erfahrung mit Stiften) aufschlussreich. Ein weiterer Forschungsausblick zur Analyse der Heimbilder wäre, sich dem entwicklungsspezifischen Zustand der Kinder zu widmen. Dabei könnte insbesondere auf Hinweise zu Störungstendenzen bei der Formbildung und der altersentsprechenden Darstellung eingegangen werden. Da diese Einschätzungen von mir allerdings nur laienhaft vorgenommen werden könnten, da ich weder über psychodiagnostische, noch psychotherapeutische Kenntnisse verfüge, sind sie in dieser Arbeit ausgelassen worden. Unterstützt wird diese Aussage von Seidel, die angibt, dass bei der Analyse sowohl entwicklungspsychologisches und psychologisches Grundlagenwissen, sowie klinisch-psychologische Erfahrungen Grundbedingung für eine erfolgreiche Analyse sind. (Vgl. Seidel 2007, S. 346) Durch Gespräche mit den Kindern und einer genaueren Analyse ihres momentanen geistigen und körperlichen Zustandes könnte sich diesem Bereich allerdings angenähert werden. 152 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Kriterien- und Bildkatalog zur Auswertung von Kinderzeichnungen Teil 1/2: Beobachtung Wer führt die Untersuchung durch? Marie Wittig, Helferin (Lehramtsstudentin für Kunst und Englisch an Gymnasien und Gesamtschulen) Für wen zeichnet das Kind? Für sich/für die die Durchführung leitende Helferin Wo wird gezeichnet? In der Bücherei des Kinderheimes, Ghana Stehend am Tisch Wann wurde gezeichnet? Am Abend des 17.08.14 und 18.08.14 Die freien Arbeiten entstanden verteilt über den Monat August Wird allein od. in der Gruppe gezeichnet? Wie groß ist die Gruppe? Es wird in der Gruppe gezeichnet, die Konstellation wechselt Es zeichnen etwa 5-10 Kinder zur gleichen Zeit Um die zeichnenden Kinder herum spielen andere Kinder Wie ist der allgemeine Gesundheitszustand einzuschätzen? Die meisten Kinder sind unterernährt Wie war das Arbeitsverhalten? Mit zunehmenden Alter konzentrierter Meist unruhig Häufig unsicher, was gezeichnet werden soll, lange »Vorbereitungsphase« Gab es Verhaltensauffälligkeiten? Allgemein laute Stimmung Nur wenige Kinder sind während der ganzen Zeit zur Bearbeitung der Aufgabe konzentriert Das Verhalten untereinander ist oft unfreundlich, Stifte werden einander weggenommen Gab es eine Aufgabenstellung? Wie lautete diese? 1) Stelle das Tier dar, das du gerne wärst. 2) Zeichne den Ort, wo du dich am liebsten aufhältst. Welches Material wurde zur Verfügung gestellt? Papier in DIN A5 Größe Buntstifte, wenige Bleistiften Wie ist der Gesamteindruck? Allgemein hohe Motivation Hohe Begeisterung bezüglich des kurzen Besitzes von Papier und Stift Am 2. Tag wird der Aufgabe mit deutlich weniger Begeisterung nachgegangen, lieber möchten eigene Muster, Briefe etc. gemalt werden Lassen sich bereits Hypothesen bezüglich der Auswertung der Kinderzeichnungen formulieren? Mädchen und Jungen zeichnen sehr ähnlich. Viele Zeichnungen werden unfertig erscheinen. Die Zeichnungen werden einander ähneln. Die Zeichnungen verweisen auf kulturelle Besonderheiten. 153 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Teil 2/2: Auswertung der Ergebnisse Tierbilder Ortbilder freie Arbeiten alle Arbeiten m 131 w 9 insg. 22 m 4 w 3 insg. 7 m 4 w 10 insg. 14 m 21 w 22 insg. 43 INHALT Darstellung K at ze , H uh n, S ch m et te rli ng , H un d, A ffe , S ch la ng e, F is ch , L öw e K at ze , S ch m et te rli ng , H as e, T au be , Vo ge l, M au s, Fi sc h H au s, H ot el , B üc he re i Sc hu le , K irc he Su pe rh el d, M ar ie , C om ic , B lu m e H er z g es ic ht (2 x) , B lu m e (4 x) , F en st er , ? , B au m , F ee hohe Differenzierung des Motivs 45 70 57 50 25 38 90 70 80 55 52 54 Realistische Größendarstellung Es wird kein Umraum dargestellt kein Maßstab 100 100 100 100 90 95 100 95 98 Auftreten von illustrierenden Elementen 31 56 41 25 33 29 - 30 21 24 41 33 Verwendung kulturspezifischer Attribute - - - 25 100 57 25 - 7 10 14 12 Auftreten von Karikaturen 13 22 14 - - - 25 10 14 10 14 12 Bild ist eindeutig abgeschlossen 23 67 41 50 67 57 100 70 79 43 68 56 Die Rückseite wird für ein weiteres Bild verwendet 13 - 5 - - - - 20 14 5 9 7 Auf der Rückseite wird neu angefangen 46 11 32 - 33 14 - 20 14 29 18 23 Menschdarstellung Ist vorhanden - - - 25 100 57 50 30 36 14 27 21 1-2 - - - 25 - 14 50 30 36 14 14 12 3-4 - - - - - - - - - - - - 5-6 - - - 25 - 14 - - - 5 - 2 >6 - - - - 100 43 - - - - 14 7 154 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Tierbilder Ortbilder freie Arbeiten alle Arbeiten m 131 w 9 insg. 22 m 4 w 3 insg. 7 m 4 w 10 insg. 14 m 21 w 22 insg. 43 Vollständigkeit der menschlichen Figur (Merkmale: Kopf, Hals, Oberkörper, Unterkörper, mind. 1 Arm, mind. 1 Hand, mind. 1 Bein, mind. 1 Fuß, Charakteristische Merkmale) 1-3 Merkmale - - - - - - - - - - - - 3-4 Merkmale - - - 25 - 14 - - - 5 - 2 5-6 Merkmale - - - - 67 29 - - - - 9 5 7-8 Merkmale - - - 25 33 29 25 10 14 10 9 9 Merkmale - - - - - - 25 20 21 5 9 7 Strichmännchen - - - 25 100 57 50 20 29 14 23 19 Statisch, ohne Tätigkeit - - - 25 33 29 25 10 14 10 9 9 Aktiv - - - 25 67 43 25 20 21 10 18 14 Figurendarstellung im Zusammenhang zum Bildinhalt - - - 50 100 71 - - - 10 14 12 Mimik, Gestik ist vorhanden - - - - 67 29 25 30 29 5 23 14 Bezug der Personen ist untereinander - - - - 100 43 - 10 7 - 18 9 Einsatz von Zeichen Einsatz von kulturspezifischen Zeichen 15 11 14 - - - - - - 10 5 7 Einsatz kulturübergreifender Zeichen 8 22 14 - - - 50 40 43 14 23 19 Einsatz erfundener Zeichen - 11 5 - - - - - - - 5 2 Einsatz von Formeln 15 33 23 25 33 29 25 40 36 14 36 26 Bildtexte Titel/Untertitel 31 22 27 - - - - - - 19 9 14 Name des Kindes 38 44 41 - - - 75 30 43 38 32 35 Begriffe zur Erläuterung - - - - 33 14 - - - - 5 2 Botschaft an den Empfänger - 33 14 25 33 29 25 30 29 10 32 21 155 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation GRAPHISCHE MITTEL Tierbilder Ortbilder freie Arbeiten alle Arbeiten m 13* w 9 insg. 22 m 4 w 3 insg. 7 m 4 w 10 insg. 14 m 21 w 22 insg. 43 Bildorganisation Blattausnutzung 0-25 % 8 11 9 - - - - - - 5 5 5 25-50% 46 - 27 - - - - - - 29 - 14 50-75% 31 11 23 25 33 29 - 10 7 24 14 19 75-100% 15 78 41 75 67 71 100 90 93 43 82 63 Bildaufteilung Streubild 91 70 85 - - - 75 60 64 55 43 50 Standlinienbild 9 10 10 100 75 88 - 40 29 36 42 42 Steilbild - 20 10 - 25 13 - - - - 15 8 Überschneidungen 8 - 5 - - - - 10 7 5 5 5 Streichungen (nicht auf der Rückseite) 8 - 5 - - - - - - 5 - 2 Andeutungen von Raumillusionen - 22 - 25 67 43 - - - 5 18 12 Farbe Quantität der Farbe mehr als 2 Farben 18 40 28 50 50 50 75 30 43 48 40 40 Bleistift 15 33 23 - 66 29 25 10 14 13 36 22 Qualität der Farbe bunt, leuchtend 9 40 23 50 50 50 75 40 50 45 43 41 bunt, pastellartig 27 - 14 50 50 50 - 50 36 26 33 33 Tendenz zu schwarz/ grau/weiß 9 40 23 - 50 25 25 10 14 11 33 21 Färbung von Flächen 63 40 52 50 25 38 25 40 36 46 35 42 Dominanz des Untergrundes 54 30 42 25 50 38 50 60 57 43 47 46 * Die Zahlen dieser Zeile geben die Anzahl der eingesammelten Werke im jeweiligen Bereich an 156 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Tierbilder Ortbilder freie Arbeiten alle Arbeiten m 131 w 9 insg. 22 m 4 w 3 insg. 7 m 4 w 10 insg. 14 m 21 w 22 insg. 43 Graphomotorik Flächenbildung … durch Umriss 38 - 23 75 100 86 19 23 21 57 36 47 … durch Schraffur - - - - - - - - - - - - … durch Ausmalen/ Gestalten der Fläche 54 67 59 25 - 14 5 18 12 43 45 44 Linienführung Gleichverteilung von runden und eckigen/ geraden Linien 38 33 36 25 - 14 100 90 93 48 55 51 Bevorzugung von runden Linien 31 33 32 - - - - - - 19 14 16 Bevorzugung von eckigen/geraden Linien 15 - 9 75 100 86 - 10 7 24 18 21 auffällig häufiger Einsatz des rechten Winkels 8 - 5 75 - 43 - - - 19 - 9 Strichcharakter Anzahl kurzer und langer Linien ist ausgewogen 62 55 59 75 100 86 25 70 57 57 68 63 Umrisskontur wird mehrfach wiederholt 8 - 5 - - - - 10 7 5 5 5 der Umriss besteht aus einer Vielzahl kurzer, aufeinanderfolgender Striche 23 44 32 25 - 14 75 20 36 33 27 30 eine Form wird überwiegend aus wenigen langen Formen zusammen gesetzt 231 - 14 - - - - - - 14 - 7 Alle Angaben sind auf die ganze Zahl gerundet und in Prozent angegeben Graphik 1: Ausgefüllter Kriterienkatalog zur Auswertung von Kinderzeichnung 157 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Graphik 2: Verkleinerte Darstellung der Kopiervorlage für die Folie zur Einordnung der genutzten Bildfläche Gumyoko* Kumasi** Heimbilder Blattausnutzung 0-25% 36 12 5 25-50% 59 27 14 50-75% - - 19 75-100% 7 18 63 Figurendarstellung in Bewegung 88 11 14 ganze Figur 36 - 88 Figurendarstellung mit Zusammenhang 40 13 22 Farbeinsatz bunt, leuchtend 55 18 41 bunt, pastellartig 32 64 33 Tendenz zu einer Farbe 5 29 Tendenz zu schwarz/weiß/grau 9 - 21 Dominanz des Untergrundes - - 46 Bildaufteilung Streubild 61 100 50 Standlinienbild 5 - 42 Steilbild 35 - 8 Graphik 3: Gegenüberstellung der Ergebnisse aus Gumyoko, Kumasi und dem Kinderheim (alle Angaben sind auf die ganze Zahl gerundet und in Prozent angegeben) * Die hier verwendeten Zahlen beruhen auf den Ergebnissen von Heidrun Wolter. ** Vgl. Ebd. 158 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 1: T1, männlich, 9 Jahre, »Dog«, DIN A5 Abb. 4: T3, männlich, 8 Jahre, »Snake«, DIN A5 159 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation A bb . 5 : T 4, m än nl ic h, 8 Ja hr e, » B ut te rfl y« , D IN A 5 A bb . 9 : T 7, m än nl ic h, 8 Ja hr e, » B ut te rfl y« , D IN A 5 160 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 14: T10, männlich, 10 Jahre, »Hen« Abb. 12: T8 R 161 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abb. 16: T11 R Abb. 22: T16, weiblich, 12 Jahre, »Cat«, DIN A5 162 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 25: T18, weiblich, 11 Jahre, DIN A5 Abb. 23: T17, weiblich, 7 Jahre, »Butterfly«, DIN A5 163 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abb. 26: T19, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 28: T21, weiblich, 16 Jahre, DIN A5 164 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 29: T22, weiblich, 9 Jahre, DIN A5 Abb. 31: O2, männlich, DIN A5, »The Contimental« 165 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abb. 33: O5, männlich, 12 Jahre, DIN A5 Abb. 32: O3, männlich, 8 Jahre, DIN A5 166 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 35: O6, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 34: O5, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 167 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation A bb . 3 6: O 7, w ei bl ic h, 7 Ja hr e, » Sc ho ol «, D IN A 5 Abb. 38: FA1, männlich, 9 Jahre, DIN A6 168 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 40: FA3, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 39: FA2, männlich, 20 x 20cm 169 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abb. 41: FA4, weiblich, 7 Jahre (T19 R), DIN A5 Abb. 43: FA8, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 170 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung A bb . 4 4: F A 9, w ei bl ic h, 7 Ja hr e, D IN A 5 A bb . 4 7: F A 12 , w ei bl ic h, 5 Ja hr e, 1 8 x 23 c m 171 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abb. 46: FA11, männlich, 9 Jahre, DIN A6 Abb. 48: FA13, weiblich, 9 Jahre, DIN A6 172 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 52: FA15, weiblich, 12 Jahre, DIN A5 Abb. 50: FA14, weiblich, 6 Jahre, DIN A5 173 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation A bb . 5 5: F A 18 , m än nl ic h, 9 Ja hr e, D IN A 4 A bb . 5 4: F A 17 , w ei bl ic h, 7 Ja hr e, 2 1 x 20 c m 174 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Literatur Aissen-Crewett, Maike: Kinderzeichnungen verstehen. Von der Kritzelphase bis zum Grundschulalter. München: Don Bosco Verlag, 1988. Bibliographisches Institut GmbH: Kind, das, http://www.duden.de/rechtschreibung/Kind, Download am 10.01.2015. John-Winde, Helga; Gertrud Roth-Bojadzhiev: Kinder, Jugendliche, Erwachsene zeichnen: Untersuchung zur Veränderung von der Kinder- zur Erwachenenzeichnung. Baltmannsweiler: Schneiderverlag Hohengehren, 1993. Paget, G.W.. Some drawings of men and women made by children of certain non-european races. In: The journal of the Royal Anthropological Institut of Great Britain and Ireland. Oxford (01/1932) Vol. 62, S. 127-144. Reiß, Wolfgang: Kinderzeichnungen. Wege zum Kind durch seine Zeichnung. Berlin: Luchterhand, 1996. Richter, Hans-Günther: Kinderzeichnung interkulturell. Zur vergleichenden Erforschung der Bildnerei von Heranwachsenden aus verschiedenen Kulturen. Münster/Hamburg: LIT, 2001. Schoppe, Andreas: Kinderzeichnung und Lebenswelt: neue Wege zum Verständnis kindlichen Gestaltens. Herne: Verl. für Wiss. und Kunst, 1991. Schuster, Martin: Die Psychologie der Kinderzeichnung. Berlin: Springer Verlag Berlin Heidelberg, 1993. Seidel, Chista: Leitlinien zur Interpretation von Kinderzeichnung: praxisbezogene Anwendung in Diagnostik, Beratung, Förderung und Therapie. Lienz i. Ostt.: Journal-Verlag, 2007. Wolter, Heidrun: Kinderzeichnungen – Empirische Forschungen und Interkulturalität unter besonderer Berücksichtigung von Ghana. Paderborn. 2007. Univ. Dissertation. Digital abrufbar. Widlöcher, Daniel: Was eine Kinderzeichnung verrät. Methode und Beispiele psychoanalytischer Deutung. Frankfurt am Main: Geist und Psyche Fischer, 1984. Graphiken Graphik 1: Ausgefüllter Kriterienkatalog zur Auswertung von Kinderzeichnungen Graphik 2: Verkleinerte Darstellung der Kopiervorlage für die Folie zur Einordnung der genutzten Bildfläche Graphik 3: Tabellarische Gegenüberstellung der Ergebnisse aus dem Heim, Kumasi und Gumyoko 175 Wittig | Kinderzeichnungen in Ghana unter besonderer Berücksichtigung der ästhetischen Sozialisation Abbildungen Abb. 1: T1, männlich, 9 Jahre, »Dog«, DIN A5 Abb. 4: T3, männlich, 8 Jahre, »Snake«, DIN A5 Abb. 5: T4, männlich, 8 Jahre, »Butterfly«, DIN A5 Abb. 9: T7, männlich, 8 Jahre, »Butterfly«, DIN A5 Abb. 12: T8 R Abb. 14: T10, männlich, 10 Jahre, »Hen«, DIN A5 Abb. 16: T11 R Abb. 22: T16, weiblich, 12 Jahre, »Cat«, DIN A5 Abb. 23: T17, weiblich, 7 Jahre, »Butterfly«, DIN A5 Abb. 25: T18, weiblich, 11 Jahre, DIN A5 Abb. 26: T19, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 28: T21, weiblich, 16 Jahre, DIN A5 Abb. 29: T22, weiblich, 9 Jahre, DIN A5 Abb. 31: O2, männlich, 9 Jahre, »The Contimental«, DIN A5 Abb. 32: O3, männlich, 8 Jahre, DIN A5 Abb. 33: O5, männlich, 12 Jahre, DIN A5 Abb. 34: O5, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 35: O6, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 36: O7, weiblich, 7 Jahre, »School«, DIN A5 Abb. 38: FA1, männlich, 9 Jahre, DIN A6 Abb. 39: FA2, männlich, 20 x 20cm Abb. 40: FA3, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 41: FA4, weiblich, 7 Jahre (T19 R), DIN A5 Abb. 43: FA8, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 44: FA9, weiblich, 7 Jahre, DIN A5 Abb. 47: FA12, weiblich, 5 Jahre, 18 x 23 cm Abb. 46: FA11, männlich, 9 Jahre, DIN A6 Abb. 48: FA13, weiblich, 9 Jahre, DIN A6 176 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 50: FA14, weiblich, 6 Jahre, DIN A5 Abb. 52: FA15, weiblich, 12 Jahre, DIN A5 Abb. 55: FA18, männlich, 9 Jahre, DIN A4 Abb. 54: FA17, weiblich, 7 Jahre, 21 x 20 cm 177 Reyhan Dural Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen Es ist allgemein bekannt, dass Kinder in ihren Bildern stets ihre Wünsche, Hoffnungen, Visionen und Erwartungen, aber auch ihre negativen Erfahrungen, wie ihre Ängste, Befürchtungen, Verletzungen, einfließen lassen. (Vgl. Seitz 1998, S. 23) Bildnerische Werke von Kindern und Jugendlichen dienen dem aufmerksamen und geschulten Betrachter als Informationsquelle über deren Wahrnehmung der Umwelt gepaart mit ihrem Verständnis für alles was um sie herum und zugleich in ihrem tiefsten Inneren vor sich geht. Somit sind sie eine Ausdrucksform von hoher Informationsdichte. »Kinder finden ihre Themen aus den Ereignissen, Erlebnissen, Eindrücken, Hoffnungen und Ängsten, ihren Traurigkeiten und gefühlsmäßig besetzten Gedanken und nicht aus irgendwelchen Themen, die Erwachsene vorgeben und zur Darstellung für angemessen halten.« (Krenz 2010: 166) Doch wie sehen die Bilder und Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen aus, die den Schrecken des Krieges am eigenen Leibe erfahren haben? Die folgende Untersuchung von Kinderzeichnungen im Zusammenhang mit einem, vom Krieg geprägten, Hintergrund intendierte die Erforschung inwieweit diese Ereignisse Kinder und Jugendliche in ihrem kreativen Gestaltungsprozess beeinflussen und inwiefern sich Motive erkennen lassen, die sich als Produkt eben dieser Erfahrungen definieren lassen. Da es sich hierbei um die Zeichnungen von Flüchtlingskindern handelt, untersuchte ich insbesondere ob und inwieweit die Probanden ihre Kriegserfahrungen aus der Heimat und ihre gegenwärtige Situation als Flüchtling in Deutschland, in ihren Arbeiten thematisieren. Elementar für die Untersuchung der Mitteilungsabsicht der Probanden war die freie Wahl des Themas sowie die Ermutigung zu Kommentaren über ihre Bilder. Die Vorgabe eines Themas hätte die Unterschätzung der Kinder in ihrer eigenen Ausdrucksfähigkeit bedeutet und die Ergebnisse verfälscht. Während der bildnerischen Tätigkeit mit den drei Probanden (Malak, Rowla und Maysam), gab es aus diesem Grund nie eine Aufgabenstellung, keine zeitliche Begrenzung und keine Einschränkung in Bezug auf die Quantität bzw. Anzahl der anzufertigenden Bilder, sodass diese vollkommen frei in ihrem kreativen Schaffensprozess waren. Meine Intention war es, der Gruppe die Möglichkeit zu bieten, sich vollkommen frei auszudrücken, weswegen ich versuchte, während des gesamten Prozesses, passiv zu bleiben, um diese nicht in eine Richtung zu lenken. Die Kinder- und Jugendzeichnung, als ein Medium der Interaktion zwischen dem Kind bzw. Jugendlichen und seiner Umwelt, benötigt eine umfassende Untersuchung und Analyse des Entstehungsprozesses sowie die Berücksichtigung der währenddessen auftretenden kommunikativen Momente und eine Beleuchtung der biografischen Bezüge des Kindes bzw. Jugendlichen, um ganzheitlich erfasst werden zu können. Im Zuge meiner Forschung habe ich mit folgenden qualitativ-empirischen Forschungsmethoden gearbeitet: Bei dem Untersuchungsdesign fiel meine Wahl auf die Fallforschung, um mich auf den zu untersuchenden Gegenstandsbereich in seiner Komplexität konzentrieren zu können. Die Erhebung sozialer Daten erfolgte in meinem Fall auf der Basis der qualitativ-teilnehmenden Beobachtung. Mit dieser Methode verbunden ist das nicht standardisierte 178 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Interview, das Interview als informelles Gespräch, welches die Ergebnisse aus der teilnehmenden Beobachtung ergänzt. Das Material wurde anschließend mithilfe der phänomenologisch-orientierten Analyse ausgewertet. Im Zentrum meiner Arbeit stand die Interpretation dreier, aus einer Bilderserie ausgewählter, Bilder im Hinblick auf die Motivfindung und die Mitteilungsabsicht der drei Probanden. Dazu wurden die, aus der teilnehmenden Beobachtung und dem Interview, erhobenen Informationen hinzugezogen, um den gesamten ästhetischen Entstehungsprozess nachvollziehen zu können. Alle Bilder und Beobachtungsprotokolle der einzelnen Workshops sind im Anhang aufgeführt. Für jeden Probanden wurde während des bildnerischen Schaffensprozesses ein Beobachtungsprotokoll ausgefüllt, welches aus sechs Kategorien besteht. Diese sollen im Folgenden genauer erläutert werden. Kategorie Beobachtung Herangehensweise Bei der Herangehensweise ging es in erster Linie darum zu beobachten, wie motiviert die Probanden an die Arbeit gingen, wie schnell sie eine Idee für ihr Werk entwickelten und wie schnell sie sich für ein dazu geeignetes Material entschieden, um mit der malerischen Tätigkeit zu beginnen. Weiterhin wurde dokumentiert, wie die Probanden mögliche Darstellungsprobleme lösten und wie konzentriert sie arbeiteten. Auswahl und Umgang mit den Materialien In dieser Kategorie wird genau festgehalten, welche Materialien die Probanden nutzten und welche Fertigkeiten diese im Umgang mit den Materialien zeigten. Selbstständigkeit Bezüglich der Selbstständigkeit wurde dokumentiert, ob die Probanden während des Schaffensprozesses eigenständig arbeiteten oder die Hilfe von mir oder den anderen Probanden in Anspruch nahmen. Beeinflussung In dieser Rubrik wurde festgehalten, inwieweit sich die Probanden untereinander beeinflussen ließen und sich Bildinhalte abschauten. Arbeitstempo In der Spalte zum Arbeitstempo wurde beobachtet, wie zügig die Probanden arbeiteten, um ihr angestrebtes Bild zu erreichen oder ob diese sich ablenken ließen. Motiv/Endprodukt Bei diesem Abschnitt wurden die Bildinhalte und das Endprodukt des jeweiligen Probanden beschrieben. Im Folgenden sollen die Biographien der drei Mädchen grob erläutert werden. 179 Dural | Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen Biographien der Probanden Maysam Die Fünfzehnjährige Maysam ist eine Palästinenserin, die in Hama, eine Stadt in Syrien geboren ist. Sie hat drei ältere Brüder und eine Schwester. Ihr Vater ist Arzt und ihre Mutter Hausfrau. Seit einem Monat lebt sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in der Busdorfschule, welche als Notunterkunft für Flüchtlinge in Paderborn dient. Ihre beiden anderen Brüder sind in Dortmund und Meschede untergebracht. Zwei ihrer Brüder mussten ihr Ingenieursstudium wegen der Flucht abbrechen und erhoffen sich nun in Deutschland studieren zu dürfen. Der Vater Maysams konnte sie, aufgrund seiner gesundheitlichen Lage, nicht mit nach Deutschland begleiten. Da die Flucht mit einem Flugzeug nicht möglich war, ist dieser gemeinsam mit seiner älteren Tochter in Syrien geblieben, welche ihr Englischstudium nicht abbrechen wollte. Bevor Maysam mit ihren Brüdern und ihrer Mutter nach Deutschland geflohen ist, hat sie in Syrien ein sehr gutes Leben in Wohlstand geführt. Sie hat in ihrem Heimatland die 9. Klasse besucht und war eine sehr fleißige sowie gute Schülerin. Ihr größter Wunsch ist es Medizin zu studieren und in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Die deutsche Sprache beherrscht Maysam kaum, da sie erst seit drei Monaten in Deutschland lebt und bisher nicht die Schule besuchen darf. Sie vermisst die Schule sehr und erhofft sich bald auch hier eingeschult zu werden. Ihren Angaben zufolge gefällt ihr Deutschland und sie kann sich vorstellen, ihr Leben in diesem Land künftig fortzuführen. Rowla Rowla ist ein siebzehnjähriges syrisches Mädchen, welches in Damaskus, in Syrien, geboren ist. Ihre Eltern stammen ursprünglich aus Palästina. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern, Samah (20) und Malak (9), ist sie vor drei Monaten nach Deutschland geflohen. Ihr fünfundzwanzigjähriger Bruder ist in Syrien geblieben, um sein Ingenieursstudium für Erdöl- und Erdgastechnik zu beenden. Auch Rowla ist die Tochter eines Akademikers und einer Hausfrau. Nach dem Ausbruch des Krieges ist die Familie vor vier Jahren nach Latakia, die einzige große Hansestadt Syriens, gezogen, weil ihnen Letzteres sicherer erschien. Rowlas Vater ist vor seiner Ermordung, seitens der IS-Soldaten, ein ansehnlicher Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik gewesen. Vor drei Jahren wurde dieser in seinem luxuriösen Auto beraubt und anschließend getötet. Die alleinerziehende Mutter hat sich gemeinsam mit ihren drei Töchtern auf die Flucht nach Deutschland begeben, wo sie zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gronau untergebracht wurden. Seit einem Monat leben alle gemeinsam in der Notunterkunft für Flüchtlinge in Paderborn. Sie haben in ihrer Heimat ein Leben in Wohlstand geführt, wo es ihnen an nichts gefehlt hat. Vor ihrer Flucht hat Rowla die 12. Klasse besucht und war ebenfalls eine sehr erfolgreiche Schülerin. Nach ihrem Abschluss beabsichtigt sie ein Pharmaziestudium zu beginnen. Auch sie spricht kaum Deutsch und wünscht sich, ihre Deutschkenntnisse nach der Aufnahme an einer Schule zu verbessern. Sie kann sich jedoch nicht mit dem Gedanken anfreunden, für immer in Deutschland zu leben und möchte am liebsten nach der Beendigung des Kriegszustandes zurück in ihre Heimat. Ausschlaggebend dafür ist die Tatsache, dass Rowla seit sechs Monaten verlobt ist und durch die Flucht von ihrem Geliebten getrennt wurde, den sie sehr vermisst. Dieser ist in einer Flüchtlingseinrichtung in Alsdorf untergebracht und versucht Rowla so oft es geht zu besuchen. 180 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Malak Malak, die jüngere Schwester von Rowla, ist neun Jahre alt. Wie o.g. lebt sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern als Asylbewerberin in der Busdorfschule in Paderborn. Eingeschult wurde Malak in Latakia, wo sie eine Hochbegabtenschule besucht hat. Dort lernte sie bereits ab der ersten Klasse Englisch. Ihre Englischkenntnisse sind so gut, dass wir uns problemlos verständigen konnten. Da sie seit einer Woche, als einzige der drei Mädchen, zur Schule geht, hat sie bereits etwas Deutsch gelernt und versucht bei unseren Gesprächen ihr Können unter Beweis zu stellen. Auch sie möchte, wie ihre ältere Schwester Rowla, Pharmazeutikerin werden. Das Leben als Flüchtling Gemäß der Angaben des Landrats Manfred Müller, leben derzeit im Kreis Paderborn rund 3.900 Flüchtlinge. (Vgl. Blickpunkt-OWL) Das Deutsche Rote Kreuz im Kreis Paderborn wurde wegen den anhaltend hohen Flüchtlingszahlen mit der Errichtung einer Erstaufnahmeeinrichtung für 200 Flüchtlinge in der ehemaligen Busdorfschule beauftragt. Die Klassenzimmer wurden dementsprechend hergerichtet. Pro Klassenraum wurden durchschnittlich drei bis vier Familien untergebracht, so dass ca. zwanzig Personen auf engstem Raum schliefen. Die Schlafbereiche wurden mit Stellwänden abgetrennt, um die Privatsphäre der Familien zu wahren. Den Mädchen zufolge fühlten diese sich in der Einrichtung unwohl und konnten es kaum erwarten, in eine Wohnung zu ziehen, was zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar zu sein schien. An der Busdorfschule standen jedem registrierten Asylanten bis zu einem Alter von achtzehn Jahren monatlich 120 Euro und jedem Volljährigen 180 Euro zu. Das Essen im Camp ließ sich als eintönig beschreiben. Dies lag zum einen daran, dass sowohl das Frühstück als auch das Abendessen identisch waren und zum anderen an der Tatsache, dass das Menü generell wenig bis gar nicht variiert wurde. Hinzu kam, dass sich die deutsche Küche sehr stark von der syrischen unterschied, weshalb die drei Mädchen ungern in der Einrichtung speisten, sondern ihr gesamtes Taschengeld dazu verwendeten so zu speisen, wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt waren. Zusammenfassend lässt sich im speziellen Fall der drei Mädchen sagen, dass sich ihre momentane Situation sehr stark von ihrem früheren Leben unterscheidet, da sie ein Leben in Wohlstand und Luxus gewohnt waren und nun ihre Bedürfnisse auf ein Minimum reduzieren müssen. Hierbei ist zu erwähnen, dass alle genannten Informationen auf Aussagen der Mädchen beruhen, da mir die Johanniter aus datenschutzrechtlichen Gründen keine nähere Auskunft geben konnten. Ort der Forschung Die Treffen fanden in meiner Wohnung in Marienloh (Paderborn) statt, weil es mir wichtig erschien, dass sich die Mädchen wohlfühlten, um sich frei entfalten zu können. Durch die einladende und informelle Umgebung sorgte ich für eine freundliche und angenehme Atmosphäre, in der die genannte Entfaltung möglich war. Die lockere Umgebung sorgte zusätzlich für eine persönliche und vertraute Beziehung, die keine hierarchischen Strukturen zuließ und intime Gespräche ermöglichte. 181 Dural | Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen Ich bemühte mich sehr, ihnen, mittels traditionellen Speisen und Getränken der türkischen Küche, welche der syrischen sehr ähnelt, ein Gefühl von Heimat zu vermitteln und sie, wenn auch nur für eine kurze Zeit, von ihrem aktuell trostlosen Flüchtlingsdasein loszulösen. Im Hintergrund ließ ich leise arabische Musik laufen, über die sich die Mädchen sehr freuten. Sie spielten auch ihre Musik ab, um mir ihre Lieblingslieder zu zeigen und sangen mir mit Freude etwas vor. Untersuchungsverlauf Jeden Mittwoch fanden die insgesamt drei, geplant waren vier, Treffen mit den drei Mädchen statt. Die Regelmäßigkeit der Treffen sowie der geringe Zeitabstand ermöglichten einen schnelleren Vertrauensaufbau und die Gewöhnung aneinander. Das Forschungsmaterial wurde jedes Mal auf die gleiche Art und Weise erhoben. Nach jedem Treffen wurden alle Gedanken, Eindrücke und zentralen Gesprächsinhalte ausführlich notiert und den erhobenen Beobachtungsprotokollen ergänzend beigefügt. Das letzte geplante Treffen sollte am 24. Dezember, an Heiligabend, stattfinden, wo ich zum Abschluss der Untersuchung mit den Mädchen u. a. Weihnachtsplätzchen backen und Weihnachtslieder singen wollte. Leider kam es nicht dazu, da Maysams Familie ganz plötzlich, gegen ihren Willen, in ein anderes Lager verlegt worden war, sodass ich diese zunächst nicht erreichen konnte. Die Familie von Rowla war aus Angst ebenfalls verlegt zu werden, für eine längere Zeit nach Aachen zu Rowlas Verlobten gereist. Inhaltliches Resümee Durch die ganzheitliche Betrachtung der Fallstudien von Malak, Rowla und Maysam konnten interessante Einblicke in die ästhetische Praxis von Flüchtlingskindern gewonnen werden. Die These von Kerschensteiner, Luquet und Widlöcher, welche besagt, dass im Mittelpunkt der Kinderzeichnung die Funktion des Erzählens, Informierens sowie Kommunizierens steht, zeigt sich in meinen Forschungsergebnissen sehr deutlich. (Vgl. Glas 2010, S. 43) Die im kreativen Schöpfungsprozess entstandenen Bilder von Kindern und Jugendlichen repräsentieren gewissermaßen das Bildnis ihrer Seele, die es Erwachsenen zulässt auf Wünsche und Hoffnungen jener zu schließen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, was sie dadurch einzufordern versuchen. Dabei geht es weniger um eine Einforderung auf materieller Ebene, vielmehr um einen stummen Schrei nach einem seelischen Gleichgewicht. (Vgl. Krenz 2010, S. 19) Die Mädchen haben versucht, sich mir, mittels der Bildsprache mitzuteilen. Anhand der entstandenen Bilder und dazugehörigen Erläuterungen, war ein Einblick in das soziale und emotionale Empfinden möglich. Durch das Zeichnen bzw. die Malerei setzten sich alle mit ihrer Umwelt auseinander und thematisierten ihre Freude, Trauer, Angst, Visionen, Sehnsüchte und Träume. Auffällig war, dass sich die Motive der Bilder sowohl auf die Vergangenheit (Syrien und Latakia), die Gegenwart (Bilder von Deutschland und dem gegenwärtigen Krieg in Syrien), als auch die Zukunft (Maysams Traumberuf und Malaks Wunsch einer eigenen Wohnung für die Familie) bezogen haben. Die Bildinhalte der drei Probanden 182 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung waren sehr breit gefächert und variierten häufig im Laufe der Untersuchungen, was mithilfe der Beschreibung der gesamten Bilderreihen äußerst deutlich wurde. Maysam bearbeitete in ihren Bildern viele verschiedene Aspekte, wie z. B. ihre Sehnsucht nach dem Schulalltag (Repräsentativ durch die Vase), ihre Trauer über ihr zerstörtes Heimatland (Kriegsdarstellung), ihre Pubertät (heranwachsende Blume) sowie ihre Zukunftsvision (Arztpraxis) und berichtete zugleich detailliert über all diese Themen. In den Gesprächen wurde deutlich, dass sie enormen Redebedarf hatte, ihre Erlebnisse reflektierte und diese mittels der Zeichnungen ausdrücken wollte. Während des Prozesses zeigte sich, dass es ihr, insbesondere durch ihre künstlerische Sicherheit und Kreativität, nicht schwer viel, in ihren Bildern die genannten Thematiken darzustellen. Maysam ist in meiner Untersuchung, durch ihre Offenheit und ihren Mut, zu einer Schlüsselfigur geworden. Anders war es bei Rowla, die diese Themen zwar in ihren Bildern zum Ausdruck bringen wollte, sich aber ihre Motive aus sozialen Netzwerken abschaute. Rowla, die älteste der drei Probanden, schien sich sehr viele Gedanken über die Situation in Syrien zu machen. Bei der Präsentation ihrer Werke entwickelten sich interessante Gespräche, die von zunehmender Intensität waren. Es kam mir überdies fast so vor, als würde sie bewusst solche Motive wählen, um anschließend darüber erzählen und diskutieren zu können. Die neunjährige Malak, meine jüngste Probandin, thematisierte in ihren Bildern hauptsächlich ihre gegenwärtige Situation in Deutschland, zu der auch ihre Eindrücke der Weihnachtszeit und das Erlernen einer neuen Sprache gehörten. Sie war die Einzige, die sich vollkommen von der Kriegsthematik distanzierte. Dabei ist unklar, ob es daran lag, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Bewusstsein dafür entwickelt hatte oder ob sie versucht hatte zu verdrängen, was geschehen war, um sich mit ihrem neuen Leben zufrieden geben zu können. In dem letzten Bild ihrer Bildreihe thematisierte sie zum ersten Mal, eigenständig, ein vergangenes Ereignis und erinnerte sich an die schöne Zeit in ihrer Heimat zurück. Denkbar ist, dass sie länger brauchte, um sich zu öffnen und so auf tiefgründigere Inhalte einzugehen. Aus diesem Grund ist es nicht auszuschließen, dass sie in den nächsten Sitzungen weitere Themen aus der Vergangenheit abgebildet hätte. Um genauere Aussagen darüber treffen zu können, hätten weitere Sitzungen stattfinden müssen. Bedauerlicherweise musste die Untersuchung aus dem bereits zuvor erwähnten Grund abgebrochen werden. Die Untersuchung der Kinderzeichnungen von den drei Flüchtlingskindern ergab, dass diese in ihren Arbeiten in unterschiedlicher Form Bezug zu ihren Kriegserfahrungen aus der Heimat sowie ihrer gegenwärtigen Situation als Flüchtlinge in Deutschland nahmen. Sie thematisierten nicht nur die Grausamkeit des Krieges und die Zerstörung ihrer Heimat, sondern auch ihr neues Leben in Deutschland. Doch vor allem das Motiv der Sehnsucht ist von den drei syrischen Flüchtlingskindern des Öfteren in den Bildern sowie in den Gesprächen zum Ausdruck gebracht worden. Die abrupte Flucht in ein fremdes Land, bedingt durch den grausamen Kriegszustand, verursachte die Sehnsucht nach ihrer Heimat und dem einst unbeschwerten, friedlichen Leben. Der Vergleich des Kommunikations- und Mitteilungsbedürfnisses der drei Probanden unterschiedlichen Alters zeigte zudem große Unterschiede in der bildlichen Darstellungsweise von Kindern und Jugendlichen. Denn, während Malak über das Symbolsystem Zeichnung ein angemessenes Mittel sah, sich mitzuteilen und aus diesem Grund die sprachliche Artikulation für das Verständnis ihrer Bildthematik nicht für notwendig hielt, versuchten Rowla 183 Dural | Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen und Maysam ihre Bildinhalte immer wieder mit Textfragmenten, Überschriften und Kommentaren zu verdeutlichen. Es fiel vor allem der experimentelle und spielerische Umgang mit Symbolen und Schriftsprache in den Bildern auf sowie die detaillierten Erläuterungen der entstandenen Arbeiten in den Gesprächssituationen. Der Grund dafür könnten die, so empfundenen, Defizite des eigenen gestalterischen Produktes sein, da Jugendliche oft dazu neigen, diese in Beziehung mit künstlerischen Darstellungsweisen oder medialen Vorlagen zu setzen. Vordergründig ist innerhalb der Bilder die Widerspiegelung und die geeignete Repräsentation der Gefühle und Gedanken, was unter anderem Sehnsüchte, Fantasien und Ängste beinhaltet. Zentrale Aspekte innerhalb der Zeichnung sind die Suche nach dem Sinn und der Orientierung, sowie die begrifflich-sprachliche Natur der Mitteilungsebene. Ideen, steigender Komplexität, die besonders bewegende und bedeutsame Inhalte thematisieren, gehen den Zeichnungen voraus, was auch der Grund dafür sein kann, dass ihnen die reine Zeichnung nicht ausreichte, um das Beabsichtigte abzubilden. »Das Ergreifende an Kinderbildern ist nicht ihr Können, der ästhetische Ausdruck, die Kunst des Beherrschens bestimmter Techniken oder das »Schöne« einer bildnerischen Darstellung, sondern das Ursprüngliche, der Seelenausdruck, das Ehrliche und damit der Spiegel des ganzen Menschenkindes!« (Krenz 2010: 20) Abb. 1: Rowla, Untitlet, Buntstiftzeichnung (Zweites Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). 184 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 3: Maysam, »Syria«, Acrylmalerei (Erstes Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). Abb. 2: Rowla, Untitlet, Buntstift- und Bleistiftzeichnung (Zweites Bild des letzten Workshops am 16.12.2015). 185 Dural | Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen Abb. 4: Maysam, »My Dream«, Buntstiftzeichnung (Bild des letzten Workshops am 16.12.2015). Abb. 5: Malak, »Germany«, Buntstiftzeichnung (Erstes Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). 186 Kinderzeichnungen | 3. Interkulturelle Kinderzeichnung Abb. 6: Malak, »Latakia«, Buntstiftzeichnung (Zweites Bild des letzten Workshops am 16.12.2015). Literatur Blickpunkt-OWL: Flüchtlingssituation im Kreis PB, http://blickpunkt-owl.de/content/news/ artikel-owl/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=296&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D= News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=acbca27ccc665b21fc08b313d01 3222c, Download am 23.01.2016. Glas, Alexander: Bildhaftes Denken im Wort- und Bild-Verhältnis. In: Kirchner, Constanze; Kirschenmann, Johannes; Miller, Monika: Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck: Forschungsstand, Forschungsperspektiven. München: Kopaed Verlag, 2010. Krenz, Armin: Was Kinderzeichnungen erzählen: Kinder in ihrer Bildsprache verstehen. 3. Auflage. Dortmund: Verlag-Modernes-Lernen, 2010. Peez, Georg: Einführung in die Kunstpädagogik. 4.Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2012. Seitz, Rudolf: Zeichnen und Malen mit Kindern. Vom Kritzelalter bis zum 8. Lebensjahr. München: Don Bosco Verlag, 1998. 187 Dural | Aktuelle Kinderzeichnungen von Flüchtlingen Ausgewählte Abbildungen aus den drei Workshops Abb. 1: Rowla, Untitlet, Buntstiftzeichnung (Zweites Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). Abb. 2: Rowla, Untitlet, Buntstift- und Bleistiftzeichnung (Zweites Bild des letzten Workshops am 16.12.2015). Abb. 3: Maysam, »Syria«, Acrylmalerei (Erstes Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). Abb. 4: Maysam, »My Dream«, Buntstiftzeichnung (Bild des letzten Workshops am 16.12.2015). Abb. 5: Malak, »Germany«, Buntstiftzeichnung (Erstes Bild des zweiten Workshops am 09.12.2015). Abb. 6: Malak, »Latakia«, Buntstiftzeichnung (Zweites Bild des letzten Workshops am 16.12.2015).

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Zusammenfassung

Kinder- und Jugendzeichnungen eröffnen nicht nur Einblicke in die Sehweisen und zeichnerischen Fähigkeiten vorangegangener und gegenwärtiger Generationen, sondern sind auch wertvolle Kommentare zum Zeitgeschehen, zum Alltagsleben, zu Wünschen und Sehnsüchten. In ihnen ist geschichtlicher Wandel ablesbar, ebenso können Erziehungssysteme, Normen, Unterrichtsvorgaben wie aber auch die kulturpolitischen und sozialen Bedingungen wahrgenommen werden. Sie erlauben zugleich erweiterte Einblicke in die unterschiedlichen Bedingungen der ästhetischen Sozialisation, in das Aufwachsen von Jungen und Mädchen und sind damit sensible Seismographen gesellschaftspolitischer Entwicklungen und Veränderung von Kindheit.

Der langjährige Forschungsverbund im Fach Kunst, Universität Paderborn, widmet sich in vielfältigen Perspektiven der Untersuchung von „historischen und aktuellen Kinder- und Jugendzeichnungen“. In einer rasanten gesellschaftlichen Umbruchphase von Globalisierung, Veränderung der Medienkindheit, Intensivierung der Geschlechterbilder und Migration werden Forschungsthemen aufgegriffen, die exemplarische Einblicke mit repräsentativen Einsichten ermöglichen.