Andreas Heyer

Der gereimte Genosse

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Andreas Heyer Der gereimte Genosse Andreas Heyer Der gereimte Genosse Goe the in der SBZ/DDR Tectum Andreas Heyer Der gereimte Genosse. Goe the in der SBZ/DDR. © Tectum – ein Verlag der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN 978-3-8288-6695-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3992-2 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar, 2015; Fotografie von Wikimedia-User »Ad Meskens«; https://upload.wikimedia. org/ wikipedia/commons/1/11/Weimar_Goethe-Schiller-Denkmal_02.JPG (CC-BY-SA 4.0) Ergänzende Bildnachweise: 28 | Bundesarchiv Bild 183-68776-0001, Weimar; 50 | Bundesarchiv; 51 | Bundesarchiv Bild 183-30557-0008, Foto von Horst Sturm, 14. Mai 1955; 52 | Bundesarchiv Bild 183-30557-0004; 55 | Bundesarchiv Bild 183-H25661; 68 | Bundesarchiv, Bild 183-81659-0008; 69 | Bundesarchiv, Bild 183-M0213-0307; 74 | Sächsische Landesbibliothek; 76 | Bundesarchiv Bild 183-30536-0001, Fotografie von Helmut Schaar, 13. Mai 1955; 83 | Bundesarchiv, Bild 183-59131-007, Foto von Hans-Günter Quaschinsky, 14. Oktober 1958; 101 | Bundesarchiv Bild 183-27348-0008, Foto von Hans-Günter Quaschinsky, 8. November 1954; 143 | Bundesarchiv, Bild 183-15304-0097; 151 | Bundesarchiv Bild 183-C0826-0014-001, Foto von Joachim Spremberg, 26. August 1964; 158 | Bundesarchiv, Bild: 183-27389-0001, Foto von Krueger, 10. Novem-ber 1954; 260 li. | Antiquariat Dr. Haack Leipzig; 310 | Bundesarchiv, Bild 183-19204-2132; 320 | Bundesarchiv , Bild 183-33285-0009, Foto Heilig, 6. Oktober 1955; 321 | Bun-desarchiv Bild 183-35545-0009, Foto von Krueger, 13. Januar 1956; 344 | Bundesarchiv Bild 183-15304-0097, Foto von Horst Sturm, 3. Juli 1952; 409 | Bundesarchiv Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 5 Vorwort Vor einigen Jahren hatte ich einen großartigen Plan. Es ging darum, die Philosophie, die Wissenschaften der DDR dadurch verständlich zu machen, dass ihre Ursprünge wahrgenommen werden und in den Mittelpunkt der Interpretation rücken. Klar war, dass die Debatten um das anzutretende Erbe der Schlüssel sein müssten. Die SBZ und spätere DDR schwebten nicht im luftleeren Raum, entstanden dort schon gar nicht. Sie wollten das auch nicht, sondern suchten bewusst Anschluss an »ihre« Tradition, die zuvor freilich erst einmal genau bestimmt und exakt vermessen werden musste. Entwickelt hatte sich diese Idee im Zuge der Herausgabe der Nachgelassenen Schriften von Wolfgang Harich. Denn eben darum drehten sich wichtige Teile seines Schaffens – um die so banal klingende Frage, welche Theoretiker, Politiker, Schriftsteller, Künstler usw. durch ihr Wirken und mit ihrem Wirken im Sozialismus einen Platz finden sollten. Ich verfasste verschiedene kleinere Arbeiten, beispielsweise zur Rezeption Jean-Jacques Rousseaus in der DDR, zur Wahrnehmung Friedrich Jodls, zur Logikdebatte der jungen DDR-Philosophie, zum Streit um Hegel, über Kant. Doch so bedeutsam all dies ist, man muss, das stand und steht mir deutlich vor Augen, über eine wichtige Rampe hinüber, um zum Erbe-Verständnis der DDR vorzudringen. Und diese Rampe, auf die euphorisch mit viel Schwung zuzurollen ist, um sie in ihrer Gänze zu bewältigen, von ihr abspringen zu können, hat einen Namen: Johann Wolfgang Goe the. Die DDR, die sich immer als Zukunft, als schon verwirklichte Zukunft verstand, bestimmte ihr Fundament teilweise über die Vergangen- 6 heit. Jubiläen waren in diesem Sinne Veranstaltungen, in denen um die eigene Identität gerungen wurde. Der Begriff des Erbes wird oft fallen – denn genau darum ging es: In welcher Tradition will man stehen? Wer hat Sozialismus und Humanismus vorbereitet? An welche Knotenpunkte der Geschichte knüpft die Entwicklung des Sozialismus an? Dem Goethejahr 1949 kam dabei besondere Bedeutung zu. Es ist der Anlass des vorliegenden Buches. Um Goe the also dreht es sich? Ja, auch, aber nicht ausschließlich. Denn es geht ja nicht um diesen selbst, sondern darum, was über ihn gesagt wurde, wie er verstanden und missverstanden Einzug in die DDR fand. Wenn man sich die in diesem Buch reflektierten Positionen der Intellektuellen anschaut, die die ersten Jahre der DDR prägten, dann fällt zudem sofort auf, dass in den entsprechenden Interpretationen nicht Goe the und Schiller nebeneinanderstehen, sondern Goe the und Hegel. Manchmal verschlägt es einem fast den Atem – bei der Lektüre der Schriften, die nicht mit der DDR untergegangen sind (da sie anderes markieren). Um Goe the soll der Aufsatz, die Rede, das Buch gehen, und ab der dritten Zeile wird über Hegel geredet. Geschuldet war dies nicht nur den gängigen marxistischen Interpretationen der Zeitenwende vom Ende des 18. bis hinein in die Mitte des 19. Jahrhunderts, es war vor allem motiviert durch die in den ersten Jahren der DDR auf Hochtouren laufende Hegel-Debatte. Wo es ging, versuchten die Intellektuellen der DDR zu ihrem Hegel Stellung zu nehmen, ihn aus der Verteufelung zu befreien, in ihm mehr zu sehen als den verschrobenen reaktionären »Erfinder« der Dialektik. »Ich lasse auf Hegel nicht scheißen!« Das rief wütend Wolfgang Harich, als er sich vor den Dogmatikern der Partei dafür rechtfertigen musste, dass er Hegel in seinen Vorlesungen nicht ausschließlich verdammte. Denn der, von dem man meinte, dass er da geschissen habe – nun, jene Person war bis 1956 der größte Philosoph aller Zeiten, bekannt unter dem Namen Stalin. Wenn also auf den folgenden Seiten von Goe the die Rede ist, dann wird dabei immer wieder der Name Hegel fallen. Lukács, Bloch, Harich, Mayer und viele andere verbanden beider Theorien. Der gereimte und der ungereimte Knecht, so ja die bösartige – aber eben deshalb auch zutreffende – Sentenz aus dem 19. Jahrhundert, gehörten für die Intellektu- 7 ellen der DDR zusammen. Aber nicht als Knechte des preußischen bzw. absolutistischen Staates, sondern, jeder auf seine Weise, als Sprecher des erwachenden Bürgertums. In diesem Sinne ist dem vorliegenden Band ein zweiter zur Seite zu stellen, der sich mit der Hegel-Debatte in der DDR-Philosophie beschäftigen wird. Von Goe the als Rampe haben wir gesprochen und wenn man diese bewältigt hat, dann steht man vor Hegels Philosophie. So war mein Plan, kurz die Goe the-Rezeption der DDR darzustellen, mich dann mit Hegel zu beschäftigen. Die Manuskripte und Notizen zur Hegel-Debatte waren angefertigt, es fehlte nur noch die prägnante und knappe Goe the- Einleitung. Nichts leichter als das. So zwanzig oder dreißig Seiten kann man ja schon schreiben, sagte ich mir beruhigend. Doch es wurde immer mehr. Schließlich entstand das vorliegende Buch – Idee und Text hatten sich, ohne nachzufragen, verselbständigt, die Konzeption war vollständig verändert. Was geblieben war vom Ursprünglichen, das war die mich primär interessierende Fokussierung auf die drei großen marxistischen Denker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts: Georg Lukács, Ernst Bloch, Wolfgang Harich. Ihr Werk steht heute vor uns, muss uns endlich wieder lebendig werden. Doch die drei haben so einiges getan, um sich der einfachen Lektüre zu entziehen. Zu allererst haben sie tatsächlich philosophiert – und dies macht die Sache zumeist etwas schwieriger. Diese drei prägten das moderne marxistische Goe the-Verständnis und, zeitlich parallel, die Diskussion um Hegel, ja, sie waren die zentralen Personen der Debatte. Mayer muss bei der Vermessung der Goethe-Rezeption der DDR Berücksichtigung finden, quantitativ steuerte er sicherlich die meisten Texten bei, an der Ausgestaltung des Jubiläums von 1949 war er maßgeblich beteiligt, nach seinem Weggang aus der DDR blieb er als Germanist dem Thema treu. Alle vier wirkten in der SBZ/ DDR bis zum großen Umbruch von 1956, danach verliefen ihre Schicksale in unterschiedlichen Richtungen: Harich wurde ins Zuchthaus gesteckt, Lukács nach Budapest verdammt (mit dem Umweg über Rumänien), Bloch und Mayer verließen in den frühen sechziger Jahren die DDR. Es wird kaum möglich sein, diese Eingrenzung aufrecht zu erhalten. Aber gewonnen ist auf diese Weise ein Fundament, ein fester Standpunkt, 8 von dem aus es möglich ist, zurück und nach vorn zu schauen, weitere Theoretiker in die Diskussion einzubeziehen, die Rezeption Goe thes in der allgemeinen Entwicklung zu verankern. Erwähnt sei an dieser Stelle nur, dass beispielsweise die Positionen von Johannes R. Becher und Paul Rilla betrachtet werden müssen, um ein tatsächlich rundes Goe the-Bild zu erhalten. Auch die Wirkung Thomas Manns ist gebührend zu berücksichtigen – sein Besuch in Weimar war ein Politikum ohne Vergleichbares in den damaligen Tagen. Geschildert wird ein Prozess, der sich permanent weiterentwickelte und immer neue Facetten generierte und integrierte. Abgeschlossen wird der vorliegende Band daher mit einer Darstellung des Wirkens Harichs in den achtziger Jahren, in der Zeit des Zusammenbruchs der DDR. (Lukács und Bloch waren ja 1971 bzw. 1977 verstorben.) Das Buch zerfällt in drei Teile. Zuerst geht es um die Rekonstruktion des Goe the-Jubiläums von 1949. Im Schatten dieses Ereignisses präsentierten unsere Protagonisten ihre (teilweise bereits Jahre vorher gebildeten) Konzeptionen. Unter der Überschrift Zwischenstücke wird dann nicht nur der epochale historische Umbruch von 1956 beleuchtet, sondern auch die Erbe-Aneignung der DDR für Schiller und Heine anhand exemplarischer Beispiele dargestellt. In den Biographien von Lukács und Harich hinterließ 1956 nicht nur mentale, sondern auch körperliche Spuren. Nach den fünfziger Jahren (Harich erst nach seiner Haftentlassung) kehrten unsere Protagonisten dann aus unterschiedlichen Perspektiven und über Europa verstreut zu Goe the zurück. Die marxistische Arbeit am Humanismus, an der deutschen Klassik, an der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus war noch längst nicht abgeschlossen oder gar zur ausschließlich historisch betrachtenden Herausforderung geworden. Damit beschäftigt sich der dritte Teil. Eine letzte Anmerkung: Die derzeitige Literatur zur DDR ist teilweise entsetzlich. Entweder wird ein Staat geschildert, der einem faschistischen Zuchthaus gleicht. (Wobei da natürlich sofort zu fragen wäre, was diejenigen, die heute diese These vertreten, vor 1989 getan haben, um den Opfern der roten Diktatur zu helfen.) Oder aber die Täter von gestern, solche gab es reichlich, die Zurückgebliebenen der Wendezeit, verteidigen ihre DDR, das sozialistische Paradies. (Wobei da natürlich sofort zu fragen wäre, warum das Volk den Staat beseitigte.) Die vorhandene Literatur 9 über die DDR lässt sich einem der beiden Pole zumeist zuordnen, eine dazwischen liegende Ausgewogenheit gibt es kaum. Auch darum geht es, diese Lücke endlich weiter zu füllen. Erich Kästner, das ist nun wirklich die allerletzte Anmerkung des Vorwortes, schrieb 1949 den kleinen Text Goe the-Derby vor dem Startschuss. Dort war zu lesen: »Das Rennen des Jahres hat begonnen: Das Goe the- Derby über die klassische 200-Jahr-Strecke! Ein Riesenfeld! Was da nicht alles mitläuft! (…) Es dürfte ziemlich schrecklich werden. Von der falschen Feierlichkeit bis zur echten Geschmacklosigkeit wird alles am Lager sein. (…) Die Schuld trifft das Vorhaben. Goe the, wie er es verdiente, zu feiern, mögen ein einziger Tag oder auch ein ganzes Leben zu kurz sein. Ein Jahr aber ist zu viel.« Andreas Heyer Braunschweig im März 2017 11 Inhalt Vorwort 5 Teil 1: Das Erbe 1. Das große Erbe 15 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács 29 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann 49 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher 69 5. Goe the an neuen Ufern 85 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch 101 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich 125 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács 143 9. Ein Vortrag in Berlin 167 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer 179 Teil 2: Umbrüche 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 199 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine 237 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 261 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich 295 12 Teil 3: Nachklänge 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch 319 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács 337 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer 363 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe 395 19. Wertungen des Ursprungs 417 20. Nahe Vergangenheit 429 Literatur 443 Personenregister 475 Teil 1: Das Erbe Gemälde von Joseph Karl Stieler, 1828 15 1. Das grosse Erbe »Der Große Oktober hat Mephistopheles samt seinen magischen Kräften von der Bühne der Geschichte verjagt.« (Lukács: Unser Goe the.) Zwischen 1945 und 1956/1961 entstand die Philosophie in der SBZ/DDR in einem doppelten Bezugsrahmen. Einerseits ging es um die Kritik des Bisherigen, des Bürgerlichen, das dem marxistischen Verständnis nach zum Faschismus geführt hatte und in den westlichen Besatzungszonen gerade reaktiviert wurde, also um die Kritik der nichtmarxistischen Philosophie – vom Neukantianismus bis zum Existenzialismus. Der Bruch mit der Vergangenheit sollte und musste (das Selbstverständnis war präzise und scharf ) auf allen Ebenen vollzogen werden. Im gesellschaftlichen Bereich ebenso wie im ökonomischen, im politischen und im kulturellen. Doch so radikal der Schnitt quer durch die Geschichte war, so überaus klar und deutlich die Eliten der SBZ/DDR sich gegen den Faschismus und dessen Wurzeln positionierten, ebenfalls klar und deutlich war auch das Bekenntnis zu den fortschrittlichen, humanistischen, progressiven Potenzialen und Theorien der Vergangenheit. Das ist das Andererseits. Den Weg in die sozialistische Zukunft wollten die Politiker, Philosophen und Intellektuellen der SBZ/DDR nicht alleine antreten. Es gab ein großes Erbe in der Vergangenheit, längst verstorbene Streiter für Menschlichkeit, denen sich die »Erbauer der Sozialismus« verpflichtet fühlten: Von Thomas Müntzer bis Heinrich Heine, von Lessing bis Rosa Luxem- 16 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe burg, von Fontane bis Thomas Mann, von Goe the bis Hegel. Die so genannten Klassiker – Marx, Engels und Lenin (anfänglich auch Stalin) – hatten dabei die Art und Weise des Umgangs mit dem Geschichtlichen vorgegeben. Die Werke und Taten der Vergangenheit sollten überprüft und analysiert, die entsprechenden reaktionären Bestandteile kritisiert, die vorwärtsweisenden Elemente aufbewahrt und weiterentwickelt werden. Marx, Engels, Lenin, Mehring und so manch anderer sollte als Diskussionspartner an den Tisch gebeten werden – als Partner wohlgemerkt, nicht als dogmatische Autorität. Genau hier liegt die Wurzel des oppositionellen Denkens in der DDR, Opposition gegen Dogmatismus und Schematismus der Partei. Es ist nicht Aufgabe der folgenden Zeilen und Seiten diesen doppelten Prozess in all seinen Facetten nachzuzeichnen – ein Scheitern wäre vorprogrammiert. Von daher bleibt vieles unerwähnt, zuvorderst die ganze kritische Auseinandersetzung der Intellektuellen der SBZ/DDR mit der bürgerlichen Philosophie und Kultur. (Norbert Kapferer hat in den Wendezeiten, ein chronologischer Zufall, eine noch heute lesenswerte Studie zu diesem Problemkontext vorgelegt, die uns, mit Blick auf das gewählte Thema, weiterer Ausführungen enthebt.)1 Hier geht es um den Erbantritt der SBZ/DDR in einem ganz konkreten historischen Fall: Johann Wolfgang Goe the. Die Auswahl des Beispiels (hat es exemplarischen Charakter, kann es ob seiner Spezifik verallgemeinert werden?) bedingt sich dadurch, dass 1949 der 200. Geburtstag von Goe the in ganz Deutschland begangen und zelebriert wurde, in der SBZ/DDR aber deutlich intensiver, positiv-bejahender, zukunftsorientierter als in den westlichen Besatzungszonen. 1 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR . Siehe zudem die verschiedenen von Hans-Christoph Rauh edierten Bände (mit manchen ausgezeichneten und manchen schlechten Beiträgen, wie das bei Herausgeberschaften nun Mal der Fall ist). Gerhardt/Rauh: Anfänge der DDR-Philosophie. Rauh/Ruben: Denkversuche. DDR-Philosophie in den 60er Jahren. Rauh/ Gerlach: Ausgänge. Zur DDR-Philosophie in den 70er und 80er Jahren. Gewarnt sei ausdrücklich vor der Erinnerungsliteratur, von Hager bis Schirmer oder Kosing, die nur den Zweck der Selbstinszenierung hat und in denen Verfälschungen, Geschichtslügen dann mit Erinnerungslücken oder vermeintlicher Zeitzeugenschaft begründet werden. 17 1. Das große Erbe Ein Jahr zuvor hatte man in der SBZ noch das hundertjährige Jubiläum der gescheiterten bürgerlichen Revolution in den Mittelpunkt gerückt, ebenso den 100. Geburtstag des Kommunistischen Manifests. Mit Blick auf Goe the ging es nun darum, den Sozialismus anschlussfähig zu machen an die großen humanistischen und progressiven Traditionen Deutschlands im Zeitalter der Französischen Revolution. (Die Genossen Robespierre, Saint-Just und Babeuf grüßten die neue Menschheit aus der Ferne. Reine Phantasie? Erinnert sei nur an die durchaus Ernst gemeinten Pläne der Utopisten aus dem Umkreis der Revolution, alle Kommunisten der Vergangenheit wiederzubeleben, um sie am neuen System teilhaben zu lassen, an die Überlegungen zur Auflösung der Materie, der Bluttransfusion, des ewigen kommunistischen Lebens, der Besiedlung des Mars usw.2 Gemeint ist: Was heute als Phantasie und Fiktion klingt, war auch Teil und Ausdruck von Euphorie und Hoffnung. Die Zukunft erschien als so gewaltig und groß, Marx und Engels hatten die Rolle von Noah übernommen und beluden die kommunistische Arche.) Die Geschichte der DDR ließe sich auch schreiben anhand jenes roten Fadens, der, gleich einer Perlenschnur, Jahr für Jahr die Selbstvergewisserung durch den Rückblick in die Vergangenheit ermöglichen sollte. Die Diskussion um das anzutretende Erbe wurde genau so alt wie der Staat selbst: Wer gehört dazu, wer nicht? Das Ganze nahm im Laufe der Jahre absurde Züge an, man braucht heute mehr als nur eine Schubkarre, um die ganze Regale füllende Kritik der bürgerlichen Ideologie, die die DDR produzierte, wegzufahren. Darunter, dahinter gibt es auch echten wissenschaftlichen Fortschritt, es überwog freilich die Produktion von – nennen wir es beim Namen – Unfug. Als Beispiel sei erwähnt die völlig absurde Materialismusforschung, also der Versuch, eine eigene deutsche Tradition 2 Vor einigen Jahren erschien ein Band mit den beeindruckendsten Utopien aus dem Umfeld der Russischen Revolution. Die einzelnen Texte transportieren sehr gut das heute mehr als nur fantastisch anmutende Hoffnungspotential, das mit einer Veränderung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Ordnung verbunden war. Siehe: Groys/Hagemeister: Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Siehe dazu: Heyer: Das utopische Denken im Umfeld und in der Nachfolge der Russischen Revolution, S. 197-218. 18 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe materialistischen Denkens vor Marx, Engels und Feuerbach zu begründen, die dazu führte, dass an sich unbedeutende Personen der Ideengeschichte über Gebühr aufgebauscht oder Theoretiker einfach zu Materialisten uminterpretiert wurden (so geschehen dem daran unschuldigen Georg Forster). Die eigene deutsche materialistische Philosophie musste gefunden werden, da ja nach Friedrich Engels der Materialismus immer mit dem Idealismus kämpfe – und Idealismus gab es in Deutschland zur Genüge. So gesehen, das war den Dogmatikern der SED klar, müsse es also auch Materialismus in Hülle und Fülle geben. Ein Engel(s) kann nicht irren. Es waren übrigens, dies sei zur Ehrenrettung des philosophischen Marxismus angemerkt, echte Marxisten, die dieses Unterfangen frühzeitig kritisierten, allen voran Wolfgang Harich.3 Die Bundesrepublik steht der DDR freilich in nichts nach. Denn wo die DDR vermeinte, mittels staatlicher Vorgaben und staatssicherheitlicher Kontrollen Philosophie »machen zu können«, begründete der Bundestag nach 1990 eine Kommission, um die Vergangenheit »von denen da drüben« von offiziell bestellten Eppelmann-Pfarrern aus Nazi-Elternhaus (der Vater war Wächter u. a. in Buchenwald) aufarbeiten zu lassen. Und diese Kommission war sich schnell einig: Die Berufung der DDR auf Goe the, Schiller, Lessing, auf die großen humanistischen Schöpfungen der Vergangenheit sei nichts als Instrumentalisierung gewesen. Differenzierung sucht man vergebens, wo die – sogar noch geweihte und gesalbte – Ideologie bei Kaffee und Keksen zur Konferenz einlädt. Wenn wir uns die DDR anschauen in jenem Jahr, 1989, als sie sangund klanglos unterging, dann sehen wir ein System, das den Kontakt zu seinen Bürgern völlig verloren hatte, das durch und durch marode und kaputt war, die Flüsse und Wälder von der Chemieindustrie vergiftet, die Kritiker abgeschoben oder im Gefängnis, die Verzweifelten an der Mauer erschossen. Ein Staat, der dem Volk misstraute und es bespitzelte, sich in lächerlich wirkenden Großveranstaltungen selbst inszenierte, vorgaukelnd, dass es etwas zu feiern gäbe, wo doch der Einzelne nur schnell nach 3 Interessante Einblicke und Hinweise bietet: Warnke: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, S. 159-166. 19 1. Das große Erbe Hause wollte. Nicht die Philosophen herrschten, sondern die anderen, Ulbricht, Honecker, Krenz, Modrow, Apparate ersetzten den Menschen. Das Licht der Reklametafeln lockte dann nach 1989 die Tierärzte und Pfarrer aus dem antikommunistischen Dunkel hervor: Neue Foren entstanden, gar ein Bündnis 90. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille, Geschichte darf nicht ausschließlich und allein von hinten beurteilt werden. Das römische Reich ist mehr als seine brennende Hauptstadt, die Europäische Union mehr als der Brexit. Und auch die SBZ/DDR war kein leeres Versprechen auf eine bessere Zukunft, sondern ein gewolltes und bewusst vorangetriebenes Projekt von Millionen Menschen. Handlung und Tat all jener, die wirklich den Faschismus überwinden und den Krieg für immer von deutschem Boden fernhalten wollten. Das ist die große und entscheidende Differenz zum Westen, hier begründet sich die Antinomie, nicht in Freiheit oder Sozialismus. Mit Blick auf Philosophie und Kultur lässt sich ein analoger Prozess erkennen. Am Ende der DDR gab es nur eine völlig gleichgeschaltete Kaderphilosophie ohne eigenes Denken, ohne Fantasie, ohne Niveau, ohne Intellekt. Doch die ersten Jahre waren auch hier Aufbruch und Diskussion. Die Partei hatte eine Stimme in den Debatten, sicherlich damals schon die dem Selbstanspruch nach wichtigste, war aber dennoch der Kritik, der Überprüfung und der Veränderung ausgesetzt. Das zeigt ja nicht zuletzt die im Folgenden zu entwickelnde Nachzeichnung der Debatte um Goethe, an der sich unterschiedliche Stimmen und Meinungen beteiligten, bei der selbst parteiliche Autorität vor Kritik nicht schützte.4 Um bei Goethe zu bleiben, sei nur die Konstellation erwähnt, dass Stephan Hermlin und Hans Mayer Johannes R. Becher kritisierten, dieser zusammen mit Harich und Paul Rilla Mayer, Hermlin im Auftrag der Partei in den achtziger Jahren dann Harich, der, trotz aller gegenseitiger Antipathie, wie 4 Das zeigt überaus deutlich die Logik-Debatte der jungen DDR-Philosophie, wo sich die Vertreter der klassischen Logik (ausgerechnet auf der Basis von Stalins Sprachwissenschaftsartikeln) gegen die Parteifunktionäre (u. a. Ernst Hoffmann) durchsetzten. Ihrerseits teilweise von der Partei unterstützt. Siehe: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, S. 577-592. 20 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Mayer eng mit Bloch befreundet war usw. (Noch einmal: Es ist nicht so einfach, wie die heute gängigen Bilder uns dies vermitteln wollen.) Das vorausgesetzt ist Norbert Kapferer zuzustimmen, der über die Jahre zwischen 1945 und 1960 schrieb: »In den hier untersuchten Zeitabschnitt fällt nicht nur die Gleichschaltung der Philosophie, sondern in den Jahren 1945 bis 1956 erlebte die marxistische und marxistisch-leninistische Philosophie in der SBZ/DDR ihre interessanteste Phase, mehr noch, innerhalb dieser zehn Jahre erschienen die wohl bedeutendsten Werke marxistischer Theoriebildung der Nachkriegszeit, und schließlich wurde in diesem Zeitraum das Fundament des marxistisch-leninistischen Feindbildes gelegt, von dem die gegenwärtige parteigebundene Philosophie im real existierenden Sozialismus immer noch zehrt bzw. von dem sie sich nur mit äußersten Schwierigkeiten abzunabeln versucht. Ohne eine ausführliche Darlegung dieser Entwicklungsphase könnten die späteren und gegenwärtigen Tendenzen in der DDR-Philosophie nicht verstanden oder eingeordnet werden.«5 In der Tat sind die ersten Jahre des kulturellen, gesellschaftlichen und philosophischen Neuaufbaus eine Epoche des Tastens, des Suchens, der Orientierung – kurzum: Eine leider viel zu kurze und früh von der Partei abgewürgte Phase der Diskussionen von Marxisten mit Marxisten, mit Antifaschisten, mit, wie es immer wieder hieß, allen progressiven Kräften der damaligen Zeit. Dabei trat ein akutes Problem zu Tage, das sich aus der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erklären lässt. Es herrschte schlichtweg ein eklatanter Mangel an »eigenen« marxistischen Philosophen. Die SED begann schon in der SBZ in Schnellstudiengängen eine erste neue Generation marxistischer Wissenschaftler auszubilden. Als Dozenten fungierten dabei unter anderem Anton Ackermann, Hermann Duncker, Klaus Zweiling, Fred Oelßner, Rudolf Lindau und Wolfgang Leonhard. Die Schüler des ersten Lehrgangs waren zum Beispiel: Kurt Hager, Wolfgang Harich, Klaus Schrickel, Georg Klaus, Georg Mende oder Ernst Hoffmann.6 Die Genannten prägten, daran kann kein 5 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 4 6 Aufzählung nach: Eckholdt: Begegnungen mit Harich, S. 44. 21 1. Das große Erbe Zweifel bestehen, die Herausbildung und Etablierung der Philosophie in der SBZ/DDR. Bereits die Aufzählung der Namen liest sich wie ein »Who‘s-Who« der Philosophie der DDR. Doch die Biographien der Genannten konnten unterschiedlicher nicht verlaufen. Opfer und Täter späterer Tage saßen gemeinsam auf der universitären Schulbank. Ende der vierziger sowie Anfang der fünfziger Jahre kam es derart in der SBZ/DDR zu verschiedenen Diskussionen, die sich jeweils um ein spezifisches thematisches Feld drehten. Hinzu trat dann später noch die so genannte Praxisdebatte (zum Verhältnis von Theorie und Praxis), die dann in den sechziger Jahren ihren Höhepunkt mit dem Text von Helmut Seidel und der darum geführten Diskussion hatte.7 Stichpunktartig sind folgende Diskussionsfelder zu nennen: (1) Erbe-Aneignung (2) Logik-Debatte (3) Hegel-Diskussion (4) Naturphilosophie und moderne Physik (5) Theorie-Praxis-Diskussion Im Spannungsfeld dieser Kontroversen bildete die frühe DDR-Philosophie ihr Profil aus. Hinzu trat die Beschäftigung mit anderen Themen, über die eine erste Orientierung innerhalb des marxistischen Lagers hergestellt wurde (beispielsweise die Feindbildbestimmung). Die DDR-Philosophie entstand also nicht aus sich selbst heraus. Und auch nicht über die eigenständige Aneignung der »Klassiker« des Marxismus-Leninismus. Diese spielten eine zentrale Rolle, aber ihre Rezeption erfolgte mit jeweils spezifischem Blick auf die geführten Debatten.8 Das lässt sich auch an der offiziellen Schilderung dieser Epoche ablesen, die die SED in Form einer allgemeinen marxistischen Philoso- 7 Seidel: Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit, S. 908-922. Seidels Thesen wurden in verschiedenen Studien aufgearbeitet. 8 Siehe hierzu die von Hans-Christoph Rauh gegebene Aufzählung der ideologischen Grundlagenartikel in der sowjetischen Zeitschrift Neue Welt. Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung, S. 69-118. 22 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe phiegeschichte in Auftrag gab und die 1979 erschien.9 Darin erfolgte die Darstellung der Erbe-Diskussion separat, d. h. von den anderen Debatten losgelöst. Die Hegel-Diskussion wurde vor allem unter dem Stichwort des Verhältnisses von Idealismus und Materialismus geführt.10 Die Logik-Debatte wurde mit der später stattfindenden Praxis-Diskussion zusammen abgehandelt – im Rahmen der Analyse der Generierung einer marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie (was übrigens hochgradig unwissenschaftlicher Unfug ist). Dadurch entstand dann, allerdings eher konstruierend denn verstehend, ein Zusammenhang mit der deutschen idealistischen Philosophie bzw. der vormarxistischen Philosophie.11 Neben der Logik-Debatte war sicherlich der Streit um Hegel im Speziellen sowie die klassische deutsche Philosophie des Idealismus im Allgemeinen von zentraler Bedeutung bei der Herausbildung der Philosophie in der DDR. Grundsätzlich wird deutlich, dass in den ersten Jahren der DDR in einigen wissenschaftlichen Bereichen halbwegs ergebnisoffene Diskussionen geführt werden konnten. Auch wenn am Ende dieses Prozesses eine Verhaftungs- und Repressionswelle stand, die kahlschlagartigen 9 Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. 10 Siehe: Richter: Die Entwicklung des dialektischen und historischen M aterialismus etc., S. 212-275. 11 Dieter Wittich schrieb in der von der SED herausgegebenen Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR: »Die inhaltliche Bereicherung und Weiterführung der erkenntnistheoretischen Grundlagen des dialektischen und historischen Materialismus erfolgte zunächst dadurch, dass neu erreichte einzelwissenschaftliche Ergebnisse erkenntnistheoretisch analysiert wurden. Schließlich ging es auch darum, das Instrument ‚marxistisch-leninistischer Erkenntnistheorie‘ selbst fortzubilden.« Für diesen Prozess seien die Debatten um die Logik und um das Verhältnis von Theorie und Praxis von zentraler Bedeutung gewesen: »In der ersten der beiden erwähnten Diskussionen wurde um ein noch ausstehendes marxistisches Verständnis der formalen Logik und besonders ihres modernen Standes gerungen. Sie ist für die Geschichte der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie in der DDR deshalb so wichtig, weil es in ihr allgemein um die Kriterien des Erkenntnisfortschritts ging sowie um das Verhältnis von erkenntnistheoretischen und einzelwissenschaftlichen Untersuchungen zum Erkenntnisprozess. Im Verlaufe der Praxisdiskussion wurde über die theoretischen Grundlagen der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie selbst beraten.« Wittich: Zur Entwicklung der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie, S. 282. 23 1. Das große Erbe Charakter hatte,12 so ist die erste Hälfte der fünfziger Jahre in einigen Facetten und innerhalb bestimmter Grenzen auch eine Zeit des Meinungsaustausches gewesen. Natürlich versuchte die SED mit allen Mitteln, in die Diskussionen einzugreifen, sie zu lenken und zu bestimmen (auch damals schon mit extremen Methoden). Doch die involvierten Personen ließen sich nicht ohne Weiteres die vorgefertigten und zumeist nicht konsequent durchdachten Positionen aufdrücken. Vielmehr vertraten sie eigenständige und kontroverse Thesen, die sich, auch das ist rückblickend zu erkennen, im Falle des Umgangs mit Hegel und der Logik durchsetzten. Zwar gab die SED die Paradigmenwechsel als ihre Erfolge aus (oder verschwieg sie schlichtweg), erstritten wurden diese aber gerade gegen sie. Die Kontroversen waren auf das Engste miteinander verquickt.13 Die verschiedenen Überlappungen zwischen den einzelnen Diskussionen zeigen sich auch, wenn bedacht wird, dass Harichs Engagement in der Logik-Debatte einer der Bausteine war, die die Gründung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie ermöglichten.14 In ihr sollte die Diskussion über die Logik weitergeführt und darüber hinausgehend die Einheit als zentrales Organ für philosophische Fragestellungen ablöst werden.15 Gleichzeitig wurde die neue Philosophie-Zeitschrift dann ab 1953/1954 auch der Hauptplatz der Auseinandersetzungen um Hegels Philosophie sowie, übergeordnet, das Verhältnis von Materialismus und Idealismus. 12 Verwiesen sei exemplarisch auf die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere. Mit den ausschließlich ideologisch motivierten Kampagnen gegen Ernst Bloch, Georg Lukács oder Jürgen Kuczynski signalisierte das Ulbricht-Regime den Intellektuellen, dass es nicht mehr zu Kompromissen bereit sei. Die Wissenschaften erlitten in der Folgezeit (d. h. ab Mitte der fünfziger Jahre) dasselbe Schicksal wie bereits die kulturellen und literarischen Bereiche – sie wurden intensiv geregelt, kontrolliert und bei »Fehlverhalten« sanktioniert. (Wir kommen darauf zurück.) 13 Norbert Kapferer schrieb: »Die Debatten um die ‚idealistische‘ oder ‚materialistische‘ Dialektik und die damit zusammenhängende Hegel-Diskussion verlangten ebenso nach einer Erörterung der ‚Logik‘ wie die philosophischen Auseinandersetzungen mit der modernen Physik und Biologie.« Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 77. 14 Verschiedene Hinweise sowie eine gute Einführung bietet: Heyer: Zur inhaltlichen Ausrichtung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Zeichen des Neuen Kurses der SED, S. 551-554. 15 Hierzu: Harich: Ahnenpass, S. 192-194. 24 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Von Anfang an stand sie auf diese Weise mitten auf den Schauplätzen der Generierung des Philosophieverständnisses der DDR. Herausgegeben wurde sie u. a. von Bloch und Harich, Chefredakteur war Harich, die Hauptautoren Lukács und Bloch – selbstverständlich nur bis Ende 1956. Es ergab sich eine auch im Rückblick gar nicht so leicht aufzulösende Situation. In der Logik-Diskussion wurde Hegel für die Zurückweisung der Logik kritisiert16 und in einem zweiten Schritt das marxistische Verständnis der Logik extrem aufgewertet. Nur so war die Logik als Teil des Marxismus, aber auch als eigenständige Wissenschaft zu retten. In der Hegel-Debatte wurde wiederum Hegels Philosophie aufgewertet und seine Vorläuferrolle für Marx und Engels fokussiert und überaus deutlich betont. Die Konstellation lautete also: In der Logik gegen Hegel und für Marx, in der Hegel-Debatte für beide bzw. zuvorderst für die intellektuelle Beziehung des jungen Marx zu Hegels Philosophie.17 In seinen Erinnerungen warf Harich Ernst Hoffmann und weiteren Parteiphilosophen vor, dass sie diese spezifischen Grenzziehungen bewusst verwischt hätten. Man könne »sehr wohl gegen Hegels Abwertung der formalen Logik sein und zugleich auf Hegels politisch-gesellschaftlicher Progressivität beharren«.18 Mit diesen sehr knappen Anmerkungen sollte der diffizile Charakter der jungen DDR-Philosophie zumindest kurz angesprochen werden. Im Hintergrund vieler dieser Themen und ihrer jeweiligen Spezialarbeiten stand die Erbe-Pflege der DDR. Oft ging es um die Frage, welche Texte dem eigenen Erbe zuzurechnen seien und welchen »Preis« man dafür zu zahlen bereit war. Der Streit um das philosophische, kulturelle und ästhetisch-literarische Erbe darf nicht unterschätzt werden.19 Ging es der DDR – den staatstragenden und -bildenden Eliten ebenso wie den In- 16 Siehe z. B.: Harich: Brief an Lukács vom 13. Dezember 1952, S. 287. 17 Siehe hierzu den gemeinsam von Harich und Lukács verfassten Aufsatz: Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, 1840-1844, S. 288-343. Außerdem Harich: Die Lehre von Marx und die philosophische Bildung der deutschen Intelligenz, S. 370-413. 18 Harich: Ahnenpass, S. 198. Hierzu neuerdings: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, S. 32-63. Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. 19 Siehe die Anmerkungen Günter Wirths: Über die intellektuelle Vorgeschichte der DDR, S. 305-326. 25 1. Das große Erbe tellektuellen  – doch tatsächlich um Identitätsstiftung. Um die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und potentieller sowie gewünschter Zukunft. Das zeigt mehr als exemplarisch der Erste Deutsche Schriftstellerkongress an, der im Oktober 1947 abgehalten wurde.20 Die große übergreifende Klammer all dieser Debatten war ein grundsätzliches »Ja« zum Marxismus (bzw. zu dem, von dem der jeweilig Einzelne glaubte, dass es Marxismus sei).21 * * * * * Am 28. August 1949 wurde Goe thes 200. Geburtstag begangen, in Ost und West. Dieser Hinweis ist wichtig, denn die westlichen Besatzungszonen vereinten sich in diesem Jahr zur Bundesrepublik und vollendeten damit nach vielen kleinen Schritten die Spaltung Deutschlands. Der Kalte Krieg hatte längst begonnen – im Bereich der Kultur am handgreiflichsten zu beobachten anhand jener Rede, die Melvin Lasky auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress gehalten hatte.22 Er referierte zu dem Thema Freiheit und Demokratie. Dabei attackierte er auch die Sowjetunion deutlich. Werner Mittenzwei schrieb rückblickend, dass mit Laskys Rede jene »Diktion« zu Wort kam, »die in den folgenden Jahrzehnten, fast ein halbes Jahrhundert lang, die literarische Auseinandersetzung zwischen Ost und West bestimmte. Dabei griff er in seiner Rede noch nicht einmal auf die schlimmsten Äußerungen des sowjetischen Kulturpolitikers Shdanow zurück. Aber Lasky ging auch nicht auf die Verhältnisse in Amerika ein, was nicht weniger schlimm und beschämend war. In seinem Land mussten sich Brecht und elf seiner amerikanischen Kollegen vor dem House 20 Die Beiträge der Tagung liegen in einer gelungenen Edition vor: Reinhold/ Schlenstedt/Tanneberger: Erster Deutscher Schriftstellerkongress. Siehe: Hartmann/ Eggeling: Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ. 21 Siehe: Amberger/Heyer: Der konstruierte Dissident. 22 Lasky: Redebeitrag, S. 295-302. Auch: Gansel/Walenski: Erinnerung als Aufgabe? Zu den Kongressen und ihren zeit- und kulturhistorischen Kontexten liegen einige Studien vor, zuletzt unter Aufarbeitung der vorhandenen Literatur: Heyer: Die ersten Schriftstellerkongresse in der DDR, 1947-1952, S. 85-124. 26 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe UN-American Activities Committee verantworten. Weil sich Brecht auf dieses Verhör vorbereitete, konnte er nicht am Kongress teilnehmen.«23 Hans Mayer notierte in seinen Erinnerungen, es habe sich schnell gezeigt, »dass die Tagung zwar von vier Besatzungsmächten gebilligt schien, dass es jedoch höchst verschiedene Wärmegrade der Zustimmung gab.«24 Vor allem die Sowjets förderten und unterstützten das Vorhaben und mischten sich dabei nicht in die Vorbereitung und Planung ein. Die westlichen Besatzungszonen standen dem Projekt allenfalls tolerierend gegenüber. Die Amerikaner nutzten den Kongress allerdings, um ihre antikommunistische Politik in Deutschland zu stärken. Sie provozierten so die Spaltung der versammelten Autoren und trugen damit die Politik des Kalten Krieges in das Feld der Literatur. Das wog auch deshalb schwer, da »unter den zahlreichen Kongressteilnehmern (…) Einigkeit und Einmütigkeit (bestand): Die drohende politische Spaltung Deutschlands müsse mit Vehemenz verhindert werden.«25 In der Tat war eines der zentralen Anliegen des Kongresses, die Spaltung Deutschlands zu verhindern. (Genau dagegen kämpfte Lasky – also direkt für die Teilung samt deutlich markierter Grenze, Mauer, auch wenn diese dann andere bauten.) In diesem Sinn machte Sigrid Bock zwei zentrale Momente des Kongresses aus. Als erstes sei der Versuch zu benennen, Einfluss auf die deutschen Verhältnisse zu gewinnen: »Die Stellung der Literatur innerhalb der sich verändernden Klassenauseinandersetzungen musste geklärt werden. Faschistische Kräfte und neu sich etablierende imperialistische Stimmen waren zurückzudrängen und die Kongressdebatten zur Sammlung und zum Zusammenschluss aller antifaschistisch-demokratischen Schriftsteller gegen eine Politik des Kalten Krieges und der Spaltung Deutschlands zu nutzen.«26 Zweitens ging es auch um die Rückkehr der deutschen Literatur auf die Weltbühne. Man wollte die »erneute und gleichberechtigte Teilhabe«27 an den Diskussionen 23 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 55f. 24 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 1, S. 387. 25 Wende-Hohenberger: Vorwort, S. V. Siehe: Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. S. 10f. 26 Bock: Literarische Programmbildung im Umbruch, S. 123. 27 Ebd. 27 1. Das große Erbe der Gegenwart. Nicht zuletzt, um die Bereitschaft für Frieden, Sozialismus und Antifaschismus zu zeigen und diese sowohl in die Diskussionen, als auch in die Politik einzubringen. Diesen Zielsetzungen trug das auf der Veranstaltung verabschiedete Manifest28 Rechnung. »Es war Bekenntnis zu einer Literatur, die das Bewusstsein moralischer Verantwortung für die von Hitlerdeutschland der Welt zugefügten Leiden wachhalten, die humanistischen Traditionen der deutschen Kultur bewahren und fortführen, die gegen die drohende Spaltung Deutschlands und für den Frieden in der Welt wirken sollte.«29 Was haben der Schriftstellerkongress vom Oktober 1947 und das Goethe-Jubiläum miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten vieles. Auf dem Kongress wurde die kulturelle Einheit zerstört und der ideologische Graben durch die Kulturlandschaft getrieben. Und eben diesen Graben sehen wir dann kurze Zeit später bei den Goe the- Feiern: Im Westen eine Sache der Honoratioren, im Osten Angelegenheit des Volkes – und zwar freiwillig, nicht von »oben« verordnet. (Das werden wir auf den nächsten Seiten immer deutlicher erkennen.) Wenn sich die SBZ, die russischen Kulturoffiziere, die kulturellen Eliten der jungen DDR zu Goe the bekannten, dann war dies ihrem Verständnis nach ein deutliches »Ja« zum humanistischen Erbe der deutschen Vergangenheit. Goe the repräsentierte für sie jene deutsche Kultur, die von den Nazis verfälscht werden musste, um rezipiert werden zu können. Jene Kultur, durch deren Popularisierung ein wichtiger Baustein gewonnen sei, Krieg und Faschismus auf deutschem Boden für immer zu verhindern. Vieles heute kritisch betrachtete galt und diente diesem Unterfangen. Manfred Jäger beschrieb in seinem Beitrag Kulturrevolution von oben, wie die sozialistische Klassik-Rezeption in die SBZ fand. »Die sowjetische Militäradministration arbeitete dabei eng mit Becher zusammen, dem Klassizisten, der für die große deutsche Kultur von Gryphius bis Hölderlin schwärmte und in seiner Person die endlich gelungene Symbiose von Geist und Macht zu repräsentieren gedachte, nach seinen jetzt verdrängten angstbesetzten Erfahrungen im Moskauer Exil. Von dort hatte auch 28 Manifest des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, S. 496f. 29 Reinhold/Schlenstedt: Vorgeschichte, Umfeld etc., S. 14. 28 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sein Freund Georg Lukács jene gebildeten, etwas trockenen theoretischen Schriften mitgebracht, deren Grundthesen Becher gern rhetorisch popularisierte (…): Es mochte Grenzen geben, die unsere Klassiker objektiv nicht zu übersteigen vermochten, Vorbildfiguren blieben sie allemal trotz idealistischer Weltanschauung.«30 Beginnen wir damit, die Entstehung des modernen marxistischen Goe the-Bildes durch die beiden gerade Genannten, durch Lukács und Becher nachzuvollziehen. Ein permanentes und immer wieder neu beginnendes Ringen um die Aneignung der Vergangenheit im Dienste von Gegenwart und Zukunft. Zwischengeschaltet wird eine kurze Auseinandersetzung mit Thomas Mann – denn ohne dessen Werk und Handeln ist weder das Goethe-Jubiläum von 1949 nachzuvollziehen noch die Thesen von Lukács und Becher. 30 Jäger: Kulturrevolution von oben, S. 99f. Goethe- und Schiller-Denkmal in Weimar, Kranzniederlegung zum 200. Geburtstag Schillers, 1959 2. Die Faust-studien von Georg Lukács Der Marxismus kann auf eine lange Tradition der eigenen Goe the-Lektüre und Goe the-Forschung zurückblicken. Neben Marx und Engels ist dabei natürlich zuvorderst Franz Mehring zu nennen. (Michail Lifschitz hatte die entsprechenden Ausführungen von Marx, Engels und Lenin zur Ästhetik zusammengestellt und interpretiert, wir kommen darauf an anderer Stelle zurück.31) Wenn die Analyse dieser Schriften hier ausgeklammert wird, so ist dies legitimiert a) dadurch, dass wir uns mit der Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, und b) dadurch, dass Georg Lukács, gerade auch als Kritiker Mehrings, ein modernes marxistisches Goe the- Bild schuf, dem prägender Charakter in den fünfziger Jahren mehr als nur zugesprochen werden muss. Lukács ist daher von der Bedeutung her mit seinen Ausführungen aus den dreißiger bis fünfziger Jahren höher einzuschätzen als beispielsweise »Lenins Ablehnung kulturrevolutionärer Traditionsfeindlichkeit«, von der Anne Hartmann ohne Belege behauptet, dass man sie in »den dreißiger Jahren zum kanonischen Lehrsatz« erhoben habe.32 Natürlich hatte Lenins Umreißung des Themas den Weg für Lukács frei gemacht, doch wenn man sich das Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg genau anschaut, so ist er dort mit seiner Position zwar 31 Gemeint sind die Bücher: Marx/Engels: Über Kunst und Literatur. Lifschitz: Karl Marx und die Ä sthetik. Siehe auch: Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 11. 32 Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 70. 30 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe unausgesprochen präsent, die Autorität, auch in der Kritik (!), ist aber Lukács (sowie neben diesem natürlich Johannes R. Becher). Noch weitaus stärker zu hinterfragen ist freilich die Einschätzung von Gunther Mai: »Aus der Tradition des zivilisationspessimistischen, aber kulturoptimistischen Diskurses zu Beginn des Jahrhunderts, der Lukács, Kurella und Becher, auch Bloch vor ihrer Wendung zum Marxismus geprägt hatte, galt die ‚ästhetische Erziehung‘ als Mittel zur erlösenden Überwindung der Fragmentierung der ‚Moderne‘, die Goe thezeit als Maßstab der seitherigen ‚Dekadenz‘-Erfahrung.«33 Präziser und deutlicher sah Manfred Jäger, der sich – erfindungsreich, aber leider auf der falschen Spur – auf die Suche nach Gründen begab, warum die ersten Jahre der SBZ/DDR nicht als Kulturrevolution bezeichnet werden könnten und dabei ausführte: »Die Berufung auf kulturrevolutionäre Vorstellungen Lenins wirkte in Deutschland deplatziert und blieb daher wirkungslos. Denn sie bezogen sich vor allem auf die Beseitigung des Analphabetismus bei den bäuerlichen Massen und einer zahlenmäßig schwachen Arbeiterschaft.«34 Lenin wirkte (neben der staatlich verordneten Rezeption), das lässt Jäger bei Seite, eher auf direkt philosophischem Gebiet, mit dem naiven Materialismus und Empiriokritizismus, in der frühen DDR mit seinem Philosophischen Nachlass (die Geschichte der Rezeption dieses Werkes muss unbedingt noch geschrieben werden) – nicht zuletzt, da seine Ausführungen in der Hegel-Debatte gegen Stalin geltend gemacht werden konnten. Thomas Höhle hat, um dieses Seitenthema hier abzuschließen, die Goe the-Beschäftigung in der DDR auf diese auf Marx und Engels zurückgehende Traditionslinie zurückgeführt. Deren Philosophie »verstand sich als dialektisches Erbe (was soll das sein?, AH) der bisherigen Philosophie- und Kulturgeschichte, als Fortsetzung und dialektische Aufhebung, besonders auch der klassischen deutschen Philosophie. Goe the hat bei den Überlegungen von Marx und Engels keine besonders große Rolle 33 Mai: Staatsgründungsprozess, S. 33. 34 Jäger: Kulturrevolution von oben, S. 108. Diese Feststellung lässt sich durchaus übertragen. Denn Lenin war zwar ein unumstrittener »Klassiker« des Marxismus, aber nicht auf allen Feldern und Themengebieten in vorderster Linie präsent. 31 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács gespielt. Sie kannten, schätzten und kritisierten ihn.«35 (Auch dies ist nicht so einfach, wie es scheint. Denn Goe the wirkte natürlich auch indirekt auf Marx und Engels, vermittelt durch Diderot-Lektüren, durch den Utopischen Sozialismus, durch die Herr-Knecht-Thematik, nicht zuletzt durch Hegel. Allein, Differenzierung bedarf des Intellekts und verursacht Mühe.) Es sei, so Höhle weiter, Franz Mehring gewesen, der, ganz allgemein gesprochen, die Literatur in die Philosophie des Marxismus integriert habe. Und in einem weiteren Schritt folgte dann Lukács. »Vor allem durch Georg Lukács, der wenig Verständnis für Mehring hatte, kam dann besonders in den dreißiger Jahren der viel berufene Goe thezentrismus in die sozialistisch-marxistische Literaturpolitik (…). Die für Lukács sonst eigentlich nicht typische grobe Einteilung der Literatur in Fortschritt und Reaktion (in der gleichnamigen Broschüre, AH) hatte er unter dem Einfluss der literaturpolitischen Debatten in der UdSSR vorgenommen. Er hatte die dortige unter stalinistischer Ägide durchgesetzte sehr starke Orientierung auf eine oder einige wenige herausragende Persönlichkeiten der Vergangenheit unter zugleich äußerst fragwürdiger und unmarxistischer Ablehnung moderner innovativer literarischer Bestrebungen übernommen. Lukács und die deutschen Marxisten wollten im Geiste Goe thes eine kulturelle Gemeinschafts- und Volksfront gegen den deutschen Faschismus errichten.«36 Es ist also nicht überflüssig, bevor das Goe the-Jubiläum von 1949 reflektiert werden kann, gut zehn Jahre in der Zeit zurückzugehen, nach Moskau, wo Lukács im sowjetischen Exil, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, seine positiven Erinnerungen an die deutsche Kultur und an die deutschen Menschen aufrecht erhielt, indem er sich mit den Höhepunkten der deutschen Geistesschöpfungen um und nach 1800 auseinandersetzte – mit Marx und Engels, Hegel und Goe the. Die Faust-Studien von Lukács sind auf der Suche nach Goe the, nach der immerwährenden Weiterentwicklung von Goe thes Denken, sie sind gleichzeitig auch Versuche, einen festen Ankergrund der eigenen Biographie und des Marxismus 35 Höhle: Goe the in der DDR, S. 8. 36 Ebd. 32 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe zu finden. Sie sind, nicht zuletzt, Teil einer umfangreichen Vermessung des klassischen deutschen Erbes in Kultur und Philosophie. Auf den 130 Seiten der Faust-Studien variierte Lukács einen für ihn zentralen Gedanken, dem er sich immer wieder und aus permanent wechselnden Gesichtspunkten näherte: »Gestaltet wird das Schicksal eines Menschen, und doch ist der Inhalt des Gedichts: Das Geschick der ganzen Menschheit.«37 Schon in seiner Jugend habe Goe the den Faust »als Weltgedicht empfunden«, aber das Werk sei mit »dem Leben und den Erfahrungen Goe thes« gewachsen, durchlief mehrere Phasen der »radikalen Umwandlung«.38 Es können im Folgenden nicht alle Facetten des Ansatzes von Lukács dargestellt werden, manches taucht später wieder auf und kann in diesem Zusammenhang behandelt werden, anderes ist für das Thema nicht von Relevanz, so dass die Beschränkung zugleich Chance intensiver Debatte ist. Verschiedene weitere Verweise auf entsprechende Arbeiten Lukács’ finden sich verstreut in der ganzen Abhandlung. Denn, wir haben es bereits gesagt, ohne die Berücksichtigung des Einflusses von Lukács kann die Entwicklung der Geisteswissenschaften und der Philosophie in der DDR nicht verstanden werden. Weggelassen werden an dieser Stelle beispielsweise die historischen Darstellungen zum geschichtlichen Hintergrund des Schaffens Goethes,39 die Lukács dann einige Jahre später in Fortschritt und Reaktion in der deutschen L iteratur und im Jungen Hegel erneut und weitaus zugespitzter zur Grundlage seiner Analyse machte. (Harichs Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität ruhten dann auf genau diesem Fundament.)40 Da im Folgenden hauptsächlich die Goe the-Interpretationen von Ernst Bloch, Wolfgang Harich und Hans Mayer zu untersuchen sind, ist hier zuvorderst zu berücksichtigen, welche Anmerkungen Lukács zum 37 Lukács: Faust-Studien, S. 200. 38 Ebd., S. 202. 39 Vgl. Lukács: Faust-Studien, S. 204-214. 40 Hierzu: Heyer: Harichs Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität, S. 236- 304. Außerdem: Warnke: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Die Vorlesungen liegen seit kurzer Zeit gedruckt vor, siehe u. a. den Überblick von der Antike bis zur Gegenwart in: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie, 2 Bde. Weitere Verweise im laufenden Text und im Literaturverzeichnis. 33 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács »Gleichklang« von Goe the und Hegel machte.41 Rainer Rosenberg formulierte im Kontext einer Auseinandersetzung mit Lukács’ Skizze einer Geschichte der neueren deutschen Literatur von 1953: »Hegel und Goe the: Der Weg zum ‚wissenschaftlichen Kommunismus‘ führte somit nicht nur über Hegel und Feuerbach, sondern auch über Goe the und Heine. Die Deutung des Fünften Akts von Faust II als symbolische Darstellung der produktiven und zugleich zerstörerischen Energien des Kapitalismus und als poetische Antizipation der befreiten Arbeit beglaubigte die Anbindung, die durch die einschlägigen Faust-Zitate bei Marx und durch Äußerungen von Engels untermauert werden konnte.«42 Das erste, woran man denkt (hoffentlich, so müsste es eigentlich sein), wenn inhaltliche Analogien zwischen Goe the und Hegel gesucht werden sollen, ist natürlich der Durchbruch zum dialektischen Denken. Für den jungen Goe the sah Lukács ein »Streben zum dialektischen Denken«, das seine Brisanz ebenso wie seine Motivation aus dem Gegensatz zur in Deutschland noch herrschenden metaphysischen Betrachtungsweise zog.43 (Die lange Wirksamkeit der »Schulmetaphysik« Christian Wolffs in Deutschland muss hier außen vor bleiben, ebenso die späte Leibniz-Renaissance, ausgelöst durch Rudolf Erich Raspe, die deutsche Spinoza-Rezeption. Diese Ereignisse waren für die marxistische Philosophiegeschichte sehr wichtig.) »Für seinen noch überwiegend gefühlsmäßigen Standpunkt bedeutet die Ahnung der Dialektik: Ein intuitives Erfassen der bewegenden und bewegten Einheit der Welt bei unbedingtem Verwerfen der trennenden Bestimmungen des Verstandes und in polarem Gegensatz zu ihnen.« Goe thes Streben nach permanenter dichterischer Vervollkommnung sei identisch mit seiner Suche nach dem »Weg zu einer 41 Hans-Ernst Schiller hat die Vermutung ausgesprochen, dass Blochs Goe the-Bild (sowie der Vergleich mit der Phänomenologie) von Lukács’ Faust-Studien beeinflusst sei. Allerdings bezieht er sich dabei nicht auf den im Folgenden analysierten Goe the-Aufsatz Blochs, sondern nur auf einige wahllos zusammengetragene Passagen aus dem Prinzip Hoffnung und dem Geist der Utopie. Alles, was aus der DDR stammt und nicht in die Gesamtausgabe Einzug gefunden hat, wird ausgeblendet. Schiller: Bloch liest Goe the, S. 142. 42 Rosenberg: Das klassische Erbe in der Literaturgeschichtsschreibung der DDR , S. 188. 43 Lukács: Faust-Studien, S. 215. 34 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wirklichen Erkenntnis der bewegten Widersprüchlichkeit des Lebens«.44 Die philosophische Positionierung des jungen Goe the, die Analyse der Zeit, deren Herausforderungen er verarbeitete, die Tendenzen jener Strömungen, in denen er wirkte oder gegen die er kämpfte – dies alles lässt sich Lukács zu Folge (und Bloch und Harich und viele andere sind ihm in dieser These nachgegangen) zusammenfassen in einem Entwicklungsstrang, der in letzter Konsequenz zur Vollendung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus führte, die ihrerseits eine, wenn nicht vom philosophischen Standpunkt die wichtigste Quelle des Marxismus ist. (Kaum etwas war in den Wissenschaften der DDR so absurd wie der frühzeitig einsetzende und von den Dogmatikern der SED mit Stalin und Shdanow forcierte Streit um die Rolle der klassischen deutschen Philosophie für Marx und Engels. Der Kern der Hegel-Debatte.) »Die Entdeckung, dass der Widerspruch das Zentrum von Leben und Erkenntnis ist, ist unzertrennbar verbunden mit der Historisierung des ganzen Lebensprozesses. Die Entwicklung in Natur und Gesellschaft wird zum Zentralproblem, und mit ihm nehmen die Deutschen führenden Anteil an jener Umgestaltung der Philosophie, die in Hegel gipfelt, in der Schaffung einer neuen Geschichtswissenschaft.«45 Die »weitgehenden Parallelen« des Denkens Goe thes mit »der objektiven Dialektik Hegels« dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Goe the »niemals irgendeiner Strömung dieser Philosophie vollständig« hingegeben/angeschlossen habe. »Wenn Goe the sich nunmehr (nach der Französischen Revolution, AH) bewusst der Philosophie zuwendet, so muss wiederholt werden, dass er sich keinem der entstehenden Systeme bedingungslos anschloss, wohl aber sich von dem Gesamtprozess der neuen objektiven Dialektik befruchten ließ. (…) Mit der Ideologie der Aufklärung selbst hat Goe the nie gebrochen. Seine Philosophie ist ein Hinüberwachsen des aufklärerischen Denkens in die Dialektik mit einem viel unversehrter bewahrten Aufklärungserbe, als man es sogar bei Hegel beobachten kann; ein radikaler Bruch, wie bei Schelling, liegt bei Goe- 44 Beide Zitate: Lukács: Faust-Studien, S. 216. 45 Ebd., S. 214. 35 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács the vollständig fern.«46 Goe the wird in der Interpretation von Lukács zu einem der wenigen Denker, die das fortschrittliche Erbe der Aufklärung durch die Zeiten und durch die Französische Revolution retteten und so der bürgerlichen Gesellschaft nach der Revolution fruchtbar machten bzw. zur Verfügung stellten. Ob sich diese Ansicht wirklich belegen lässt, erscheint durchaus als zweifelhaft. Denn zuerst »rettete« sich Goe the selbst (siehe exemplarisch seinen wirklich bösartigen Umgang mit Herder), die Ideale der Aufklärung waren im Prozess seiner Positionierung zur politischen Sphäre, zur Macht, ein Teil der entsprechenden Verhandlungsmasse. Bloch hat diese Aufgabe der Bewahrung der humanistischen Potentiale, der Träume der Jugend der Menschheit, der Utopie zugeschrieben – im Prinzip Hoffnung und vielen anderen Texten. Sein Utopieverständnis lebt ja geradezu davon, mit einem Skalpell und einer Waage fast jeden einzelnen Hoffungsschimmer der Menschen zu sezieren, zu messen und in seinem Gehalt zu bestimmen. Mit dem Ziel der Überführung in die sozialistische Zukunft. Schon im September 1936 hatte Bloch in dem Aufsatz Demokratie und Begabung in eigentlich direkt politischen Äußerungen und Analysen formuliert, dass der Sozialismus und die zukünftige kommunistische Gesellschaft die Befreiung des Menschen erbringen werden – mit dem Ziel- und Endpunkt der vollendeten Emanzipation aller Menschen sowie ihrer Potentiale und Fähigkeiten: »Die klassenlose Gesellschaft hebt die Verhältnisse auf, worin es zweierlei Arten Menschen gibt, Ausbeuter und Ausgebeutete. Aber sie hebt die charakteristische Vielfalt der Menschen, den Unterschied und Reichtum der einzelnen Naturen so wenig auf, dass sie ihn mit allen Mitteln des Ehrgeizes fördert, auswertet und reizt. (…) Doch die kanonischen Menschen und die wirklichen Begabungen ersticken oder werden erstickt; erst die kommunistische Demokratie – als Vollstreckung aller partialen von bisher – macht Olympia. Die Freiheit, nach seinen Fähigkeiten zu produzieren, nach seinen Bedürfnissen zu konsumieren, schafft den Zufall wie die Fessel ab, unter der beide Freiheiten bisher gelegen haben.«47 46 Alle Zitate: Lukács: Faust-Studien, S. 222f. 47 Bloch: Demokratie und Begabung, S. 78. 36 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Das Prinzip Hoffnung endet, trotz der damals schon unerträglich gewordenen Stellung Blochs (nicht nur »trotz«, es ist auch erneut eine Vorausschau auf die nächste Zukunft, nachdem die DDR keine mehr versprechen konnte), mit den Worten: »Der Mensch lebt überall noch in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«48 Mit dem Verhältnis von Goe the und Hegel beschäftigte sich Lukács vor allem im zweiten Kapitel, Das Drama der M enschengattung, der Faust-Studien. Das Fragment zum Faust von 1790 zeige deutlich die für Goe the wichtige Problemstellung: Anhand der Entwicklung eines Individuums soll das Schicksal der ganzen Gattung dargestellt werden. Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegung formulierte Lukács dann seine These: »Goe thes Faust und Hegels Phänomenologie des Geistes gehören als die größten künstlerischen und gedanklichen Leistungen der klassischen Periode in Deutschland zusammen. (Es ist interessant zu bemerken, dass die Phänomenologie fast gleichzeitig, 1807, mit dem ersten Teil des Faust vollendet wurde.)«49 Zudem, ergänzend, sah Lukács die Phänomenologie aber nicht als Solitär, als Wundererscheinung50, sondern 48 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1628. 49 Lukács: Faust-Studien, S. 227. 50 Diese Charakterisierung verwendete ja Auguste Cornu in der Hegel-Debatte gegen Rugard Otto Gropp, der durch seine völlige Negierung Hegels mit Blick auf die Entstehung des Marxismus Marx zur »Wundererscheinung« mache. Cornu: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 895. Gropps zweiteiliger Aufsatz, der in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien, löste (nach verschiedenen Vorgefechten) die zweite DDR-immanente Phase der Hegel-Debatte aus. Siehe: Gropp: Die marxistische dialektische Methode, Teil I, S. 69-344, Teil 1I, S. 344-383. Gropp wurde in seiner Position als Ordinarius für Philosophie in Leipzig von Harich als Blochs Aufpasser und »neiderfüllter Antipode« 37 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács als große Zusammenfassung aller progressiven Tendenzen der damaligen Zeit, als das höchste mögliche Produkt angesichts der Erkenntnisschranken der bürgerlichen Gesellschaft. (Genau das würde dann ja ebenso für Goe the gelten.) Dabei bestehe das eigentliche Verdienst Hegels darin, dass er nicht nur die offensichtlichen, sondern auch die verborgenen, keimhaften Potenziale seiner Zeit erkannt und gebündelt habe. Für die Phänomenologie gelte: »Hier kreuzen und durchdringen sich drei zusammenhängende Konzeptionen der Geschichte: Erstens die geschichtliche Erhebung des einzelnen Menschen von der einfachen Wahrnehmung der Welt bis zu ihrer vollendeten philosophischen Erkenntnis; zweitens die geschichtliche Erhebung der Menschheit von ihren primitivsten Anfängen bis zur Kulturhöhe der Hegelschen Gegenwart, zur Französischen Revolution, ihrer Überwindung durch Napoleon und jener modernen bürgerlichen Gesellschaft, die sich aus diesem Erdbeben aufrichtet. Und endlich, drittens, wird diese ganze geschichtliche Entwicklung als das Werk des Menschen selbst aufgefasst: Der Mensch schafft sich selbst durch seine Arbeit.«51 (Man erinnere die gerade wiedergegebene Passage aus Blochs Prinzip Hoffnung.) Natürlich, so Lukács weiter, sei das Individuum bei Goe the zentraler, wichtiger, unmittelbarer als bei Hegel. Doch die Komposition, wenn man so will Ziel, Funktion und Methode in einem, von Faust und Phänomenologie gleiche sich: »Der Dichter Goe the geht vom Individuum Faust aus, und jeder Schritt, den das Werk macht, muss sich von hier aus bewahrheiten, sonst ist die Einheit der Einzelperson zerrissen. Aber der dialektische Gang innerhalb der einzelnen Entwicklungsstadien, ihre Aufeinanderfolge, die als überflüssig oder selbstverständlich übersprungenen Zwischenetappen, dieser dialektische Gang geht schon über das bezeichnet. Harich: Ahnenpass, S. 202. Zuvor hatte er sich bereits im Fall Kofler »engagiert«. Guntolf Herzberg schrieb: »Gäbe es eine ‚Ehrentafel‘ der größten Schurken, die durch Denunziation, perfide Beurteilungen und brutales Abkanzeln ihrer Gegner in der Philosophie nur Schaden angerichtet haben, dann gäbe es nur einen Kandidaten für den obersten Platz: R. O. Gropp.« Herzberg: Abhängigkeit und Verstrickungen, S. 35. 51 Lukács: Faust-Studien, S. 228. 38 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Individuum hinaus und trägt seine Wahrheit in der historisch-sozialen, in der anthropologischen Entwicklung der Gattung selbst.«52 Auch wenn Goe the den Faust eine Tragödie genannt habe, so gehe das Werk doch weit über das rein Tragische hinaus – als Setzung und Aufhebung des Tragischen. Weder ein purer Pessimismus noch ein falscher Optimismus seien Goe thes Sache gewesen – vor beiden Arten der Weltanschauung habe er erschreckt zurückgezuckt: »Goe the und Hegel sehen hier gerade das Problem von Gattung und Individuum. Der Weg der Gattung ist untragisch, er führt aber durch unzählige, objektiv notwendige, individuelle Tragödien. Goe the wie Hegel besitzen die Überzeugung der Aufklärung, dass das Menschengeschlecht grenzenlos vervollkommnungsfähig ist, wenn es sich einmal aus den mittelalterlichen Fesseln befreit hat. Diese Überzeugung haben beide unzählige Male ausgesprochen.«53 Nach 1789 sei der alte Fortschrittsgedanke der Aufklärung, wenn er die Widersprüche der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft einfach verschweige, eben nur platter Optimismus und als solcher bereits mehr als nur in Ansätzen reaktionär. (Eine Ausnahme, vom Marxismus immer verzerrt interpretiert, ist beispielsweise Condorcet mit seinem Esquisse d‘un tableau historique des progrès de l‘esprit humain.)54 Ziel müsse vielmehr sein, beide Seiten der Sache in den Blick zu bekommen – die Fehler und Probleme ebenso wie die Potenziale (das sei die höchste Entwicklungsstufe innerhalb des Beziehungsgefüges bürgerlich-kapitalistische Welt). Das ist, mehr als nur implizit, ein Bekenntnis Lukács’ zu den Grundlagen des Marxismus, vor allem auch zum jungen Marx. Denn Marx und Engels hatten genau dieses Argumenten-Konglomerat immer wieder geltend gemacht. Den Utopischen Frühsozialisten (Owen, Fourier, Saint-Simon) warfen sie vor, die Fehler des Bürgerlichen zwar zu benennen, nicht aber die letzten Schranken und Hindernisse zu überwinden, noch nicht einmal in der Theorie. (Auch wenn die bessere Zukunft nur in ihren Köpfen existiere. An »die Stelle der gesellschaftlichen Tätigkeit« trete die »persönlich erfinderische Tätigkeit« der Utopisten – so heißt es im Kommunistischen Mani- 52 Lukács: Faust-Studien, S. 230. 53 Ebd., S. 232f. 54 Siehe: Heyer: Condorcets Selbstbestimmung zwischen Aufklärung und Revolution, S. 293-309. 39 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács fest.)55 Den Vertretern der ökonomischen Theorien von Smith bis Ricardo attestierten sie einen naiven Kinderglauben an die freie Marktwirtschaft. Genau in dieser Einsicht, so Lukács programmatisch, habe die Dialektik von Goe the und Hegel ihren Ursprung. »Die konkreten Widersprüche der aus der Französischen Revolution hervorgehenden kapitalistischen Gesellschaft rücken in den Mittelpunkt ihrer Weltwahrnehmung und ihres Weltdenkens. Diese Widersprüche wollen sie nun weder verschmieren oder abschwächen noch ihren dissonanten Charakter als letztes Prinzip der Geschichte anerkennen. Damit ist der denkbar höchste bürgerlichen Standpunkt zum Fortschritt der Menschheit errungen (…).«56 Die grundlegende Gemeinsamkeit von Faust und Phänomenologie kann dergestalt formuliert werden: »So entsteht für Goe the wie für Hegel der unaufhaltsame Fortschritt der Menschengattung aus einer Kette von individuel- 55 Und weiter: »Sie sind sich zwar bewusst, in ihren Plänen hauptsächlich das Interesse der arbeitenden Klasse als der leidensten Klasse zu vertreten. Nur unter diesem Gesichtspunkt der leidensten Klasse existiert das Proletariat für sie. Die unentwickelte Form des Klassenkampfes wie ihre eigene Lebenslage bringen es aber mit sich, dass sie weit über jenen Klassengegensatz erhaben zu sein glauben. (…) Sie verwerfen daher alle politische, namentlich alle revolutionäre Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Wege erreichen und versuchen, durch kleine, natürlich fehlgeschlagene Experimente, durch die Macht des Beispiels dem neuen gesellschaftlichen Evangelium Bahn zu brechen. (…) Die Bedeutung des kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus steht im umgekehrten Verhältnis zur geschichtlichen Entwicklung. In demselben Maße, worin der Klassenkampf sich entwickelt und gestaltet, verliert diese phantastische Erhebung über denselben, diese phantastische Bekämpfung desselben allen praktischen Wert, alle theoretische Berechtigung. Waren daher die Urheber dieser Systeme auch in vieler Beziehung revolutionär, so bilden ihre Schüler jedesmal reaktionäre Sekten. Sie halten die alten Anschauungen der Meister fest gegenüber der geschichtlichen Fortentwicklung des Proletariats. Sie suchen daher konsequent den Klassenkampf wieder abzustumpfen und die Gegensätze zu vermitteln. Sie träumen noch immer die versuchsweise Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Utopien, Stiftung einzelner Phalanstere, Gründung von Home-Kolonien, Errichtung eines kleinen Ikariens – Duodezausgaben des neuen Jerusalems –, und zum Aufbau aller dieser spanischen Schlösser müssen sie an die Philanthropie der bürgerlichen Herzen und Geldsäcke appellieren.« Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 79-81. Interpretation dieser Passagen, Hinweise zur Forschung etc. bei: Heyer: Sozialutopien der Neuzeit, Bd. 2, S. 569-579, dort auch zu den Utopischen Frühsozialisten: Fourier, S. 418ff., Owen, 607ff., Saint-Simon, 653ff. 56 Lukács: Faust-Studien, S. 233. 40 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe len Tragödien; die Tragödien im Mikrokosmos des Individuums sind das Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Gattung.«57 Neben der Dialektik bzw. den Vorstößen zum dialektischen Denken ist sicherlich die Französische Revolution sowie deren Bewertung ein Feld, auf dem über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Goe the und Hegel nachgedacht werden muss. Anfangs, nach seiner Rückkehr aus Italien, war Goe the entsetzt über die Revolution. Ab Mitte der neunziger Jahre habe sich diese Einstellung aber geändert. Lukács formulierte, dass Goe the die plebejischen Methoden der Revolution abgelehnt, dem sozialen Gehalt aber positiv gegenüber gestanden habe.58 Doch selbst wenn dies zutreffen sollte (der Autor vertritt eine andere Einschätzung), so war der Inhalt der Revolution doch immer maximal kleinbürgerlich. Als gute und echte Rousseauisten hielten noch die Jakobiner am Privateigentum fest, kamen nie über diese Schranke hinaus. Der soziale Gehalt war bis zum Auftreten Babeufs nach dem Ende der Jakobiner also gar nicht von Grund auf revolutionär, also anti-bürgerlich. Und noch Babeuf selbst sah die Sache schief, da er sich, ebenfalls Rousseauist, nach dem Thermidor auf Robespierre berief. Aber, dies sei ihm zu Gute gehalten, nicht auf den politischen Philosophen, den er zu dessen Lebzeiten heftig kritisiert hatte, sondern auf die Chiffre Robespierre, den Führer des Volkes, stammend aus dessen Mitte, Vollstrecker der Wünsche der kleinen Leute.59 Brot und 57 Lukács: Faust-Studien, S. 234. 58 »Und einige Jahre später (nach 1792, AH) fängt er an, die aus der Französischen Revolution hervorgehende neue bürgerliche Gesellschaft und ihren Staat mit wachsender Sympathie anzusehen, die ihren Gipfelpunkt in der Verehrung Napoleons, in der Parteinahme für ihn und gegen das Deutschland seiner Zeit erreichte. Goe thes Ablehnung bezieht sich also nur auf die plebejischen Methoden bei der Durchführung der Revolution, auf bestimmte plebejische Forderungen; den wesentlichen sozialen Inhalt der Französischen Revolution hat er jedoch in steigendem Maße bejaht.« Lukács: Faust-Studien, S. 221. 59 In seiner Zeitschrift Tribun du Peuple fasste Babeuf seine Ansichten in pathetische Worte: »Urne von Robespierre, teure heilige Asche, werde wieder lebendig und zerschmettere die faden Verleumder! Doch nein, verachtet sie, bleibt friedlich, edle Reste! Das ganze französische Volk, dessen Glück Du gewollt hast und für das Dein Genie allein mehr als jeder andere getan hat, das ganze französische Volk erhebt sich, um Dich zu rächen! Und ihr Schmierfinken, lernt besser die 41 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács die Verfassung von 1793 – das war damals die Parole, nicht mehr Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Für Hegel, so Lukács bestimmt und programmatisch, sei die Französische Revolution unentbehrlich gewesen – »als notwendiges Kettenglied der historischen Dialektik«.60 Und in der Phänomenologie erscheine sie gar als das Fundament der direkten Gegenwart Hegels. In seiner Monographie Der junge Hegel, an der Lukács zeitgleich arbeitete, hatte er auf die Darstellung der Rezeption und Adaption der Revolution durch Hegel viel intellektuelle Kraft verwendet. Neben den ökonomischen Studien Hegels stand dessen frühe Revolutionsbegeisterung im Mittelpunkt der Arbeit. Was den Jungen Hegel explizit von denjenigen Arbeiten unterscheidet, und zwar deutlich, die den alten Hegel, den preußischen Staatsphilosophen thematisieren (die Bandbreite derartiger Ansätze reicht von Shdanow und den DDR-Dogmatikern bis zu den faschistischen Hegel-Interpretationen). Für Harich und einige andere Denker der DDR war dies der wichtigste Punkt des Werkes von Lukács. Denn der revolutionäre Hegel ist kompatibel zu einem undogmatischen Marxismus, ist Bejahung des jungen Marx. In den Faust-Studien interessierte Lukács dieser (später auch für ihn so wichtige) Punkt jedoch nur mit Blick auf Goe the, vor allem, um dessen spezifisches Verhältnis zur Revolution herauszuarbeiten. »Goethe konnte unmöglich den Weg der demokratischen Revolution suchen, aber man findet in seinen entscheidenden Werken auch niemals einen reaktionären oder liberalen Kampf gegen sie. Der geniale Ausweg, den er findet und der selbstverständlich unmöglich von utopischen Elementen frei sein kann, ist eben der der Entwicklung der Produktivkräfte durch den Kapitalismus.«61 Damit war aus der Perspektive von Lukács aber zugleich die Grenze der Einsichten und Erkenntnisse von Goe the benannt: »Goe thes Horizont reicht über den Kapitalismus nicht hinaus. Seine tiefe denkerische und dichterische Ehrlichkeit führt deshalb zu einer Darstellung in nack- Erinnerung an einen Weisen achten, an einen Freund der Menschheit, einen großen Gesetzgeber, und lasst davon ab, den zu beleidigen, den die Nachwelt verehren wird.« Zit. bei: Heyer: Maximilien Robespierre, S. 963f. 60 Lukács: Faust-Studien, S. 245. 61 Ebd., S. 248. 42 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ten, unüberbrückbaren Gegensätzen.«62 Und weiter heißt es: »Aber wie immer man diese Schranke63 Goe thes auch kritisieren mag, sicher ist, dass die dichterische Phänomenologie des Geistes mit der realen Entwicklung der Produktivkräfte als jener Macht schließt, die aus dem fantasmagorischen Dasein des Feudalismus in die Welt der wirklichen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten, in die wirkliche Welt der menschlichen Tätigkeit führt. Der teuflische Charakter der kapitalistischen Form dieses Fortschritts wird bei Goe the (…) durch nichts beschönigt; aber zugleich wird gezeigt, dass hier erst das echte Feld der menschlichen Praxis eröffnet wird.«64 Neben diesen Ausführungen von Lukács ist für uns ein weiterer Schwerpunkt seiner Faust-Studien (das dritte Kapitel, Faust und Mephistopheles) wichtig, der wie folgt umrissen werden kann: »Der Kampf um den inneren Kern des Menschen ist der Gegenstand der eigentlichen Handlung des Faust (…).«65 Dabei hinge dieser Problemkomplex eng zusammen mit der gerade geschilderten Stellung Goe thes zur kapitalistischen Entwicklung sowie den dazugehörigen Ansätzen dialektischen Denkens. Es handle sich, so Lukács, bei dieser Dialektik um die Grundlage von Goe thes Zukunftsglauben – wie gesehen meint dies den Glauben an die Zukunft der ganzen Gattung auf der Basis der individuellen Tragödien. Die Selbstcharakterisierung von Mephistopheles als jene Kraft, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, sei der »prägnanteste Ausdruck« dieser Goe theschen Weltanschauung: Ein »Balancieren auf des Messers Schneide«.66 62 Lukács: Faust-Studien, S. 250. 63 Gemeint ist: »Aus dieser Perspektive entsteht bei Goe the die Illusion, dass die politische Revolution bei einem so ungehemmten und großartigen Aufschwung der Produktivkräfte überflüssig werden könnte. Hier ist eine der wichtigsten Einseitigkeiten und Schranken seiner Weltanschauung, die sich auch in seiner Naturphilosophie, in seiner Auffassung der Dialektik, in der Überbetonung der Evolution, in der Ablehnung jeder ‚Katastrophentheorie‘ spiegelt.« Lukács: Ebd., S. 249. 64 Ebd. 65 Ebd., S. 251. 66 Alle Zitate: Ebd., S. 255. 43 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács Es ist eine Analogie zu Hegel, die Klärung bringt  – zu betrachten sei das Verhältnis von Mensch und Natur.67 »Auch hier läuft der grundlegende Gedankengang Goe thes parallel mit dem Hegels: Im menschlichen Handeln entsteht objektiv immer etwas anderes, als die Menschen in ihrer Leidenschaft gewollt haben; die Bewegung, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geht von den Leidenschaften der Individuen aus, ihre Resultate gehen jedoch über die Individuen hinaus und machen den handelnden Menschen von den Konsequenzen seiner eigenen Taten abhängig.«68 Das Ergebnis einer Handlung ist also zu unterscheiden von dem Ziel, von dem Wunsch, den das Individuum mit seiner Tätigkeit verband. Diese These von Lukács ist ein weiterer Baustein seiner versuchten Rettung der Französischen Revolution sowie deren umwandelnder Rezeption in Deutschland. Das ethische Konzept Goe thes sah er in diesem Sinn darin, die freie Entfaltung der menschlichen Leidenschaften zu gewährleisten, gleichzeitig aber das harmonische Gleichgewicht der Lebens- äußerungen aller nicht außer Acht zu lassen. Angesichts der deutschen Misere ein Unterfangen, welches automatisch zum Entwurf utopischer Bilder führen müsse69 – die allerdings bei Goe the, so Lukács weiter, nicht der Weisheit letzter Schluss seien. Denn der Kapitalismus stehe jedweder Harmonie im Wege. Dieser Gedanke wird dann bei Bloch mit all seiner Wucht und Anklage wiederkehren. Erneut sind wir, den Spuren von Lukács folgend, bei der doppelten Einschätzung des Kapitalismus durch Goe the angelangt: »Goe the bringt, ohne das ökonomisch-soziale Leben des Kapitalismus durchschauen zu können, mit dichterischer Intuition dessen widerspruchsvolle Rolle in der 67 »Die Goe thesche Naturauffassung hat zum Zentralgedanken die Unabhängigkeit der Natur vom Menschen, von seinen moralischen und anderen Gesichtspunkten. (…) Im Netz solcher Bestimmungen lebt der Mensch nach Goe thes Auffassung; er ist zugleich selbst ein Stück Natur, ein Mikrokosmos, in dem die gleichen Naturkräfte wirksam sind, wie im Makrokosmos. Die menschlichen Leidenschaften betrachtet Goe the als eine Art von Naturkräften, die – unmittelbar angesehen – aus unbekannten Ursprüngen entstehen, an einem (zufällig scheinenden) Anlass sich entzünden und, freigelassen, einem nicht berechenbaren Ziel entgegenstürmen.« Lukács: Faust-Studien, S. 262 und 263. 68 Ebd., S. 262f.. 69 Ebd., S. 264. 44 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschheitsentwicklung zur Gestalt.«70 Er habe die Fakten festgestellt, teilweise gewertet, vor allem dichterisch umgesetzt, aber nie ihnen gegen- über eine »romantische Trauer«71 an den Tag gelegt, nie nach einem Zurück in die vermeintliche Idylle vergangener Zeiten gerufen. Für den klugen Marxismus, und um diesen geht es hier, war die Romantik Inbegriff solcher Fluchtbewegungen in die Vergangenheit, die doch nur danach trachten würden, das Morgen zu desavouieren. Beginnend mit der vollständigen Zerstörung der Ideale der Aufklärung. (Durch diesen intellektuellen Taschenspielertrick konnte dann beispielsweise Thomas Müntzers Andenken, der ja streng genommen und historisch exakt geblickt auch »zurück« wollte, gerettet werden.)72 70 Lukács: Faust-Studien, S. 278. 71 Ebd. 72 Das hatte Karl Kautsky argumentativ vorbereitet, bei ihm findet sich auch die Stilisierung Müntzers zum »Mann der Tat«, im Gegensatz zu Thomas Morus, dem Schöpfer der Utopia. Das eigentlich Morus emanzipativ über die Grenzen seiner Zeit hinausgriff und nach »vorn« wollte, während Müntzer die »gute alte Zeit«, die »alten Rechte« beschwor, spielt dann keine Rolle mehr. Kautsky: Thomas More und seine Utopie. Dort heißt es: »Der Gegensatz zwischen More (d. i. Morus) und Münzer enthält den Keim des großen Gegensatzes, der sich durch die ganze Geschichte des Sozialismus zieht und der erst dur ch das Kommunistische Manifest überwunden worden ist, des Gegensatzes zwischen dem Utopismus und der Arbeiterbewegung. Der Gegensatz zwischen More und Münzer, dem Theoretiker und dem Agitator, ist im wesentlichen derselbe wie der zwischen Owenismus und Chartismus, zwischen dem Fourierismus und dem Gleichheitskommunismus in Frankreich. So sehnsüchtig auch More wünschte, seinen Idealstaat verwirklicht zu sehen, so scheu bebte er doch vor jedem Versuch zurück, der Ausbeutung von unter her ein Ende zu machen. Der Kommunismus konnte sich daher von seinem Standpunkt aus nicht im Klassenkampf durch die Logik der Tatsachen entwickeln, er musste im Kopfe fertig sein, ehe man daran denken konnte, einen der Mächtigen für ihn zu gewinnen, der ihn der Menschheit von oben herab aufoktroyieren sollte. Das war eine Illusion. Aber gerade ihr verdankte More seinen höchsten Triumph, ihr verdanken wir den ersten Versuch, eine Produktionsweise zu malen, die den Gegensatz zur kapitalistischen bildet, gleichzeitig aber an den Errungenschaften festhält, die die kapitalistische Zivilisation über die vorherigen Entwicklungsstufen hinaus gemacht hat, eine Produktionsweise, deren Gegensatz zur kapitalistischen nicht in der Reaktion besteht.« (S. 248f.) Interpretation dieser Anschauung in: Heyer: Freiheit im N irgendwo, S. 34-38. Siehe auch: Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution. 45 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács Die Fortschrittlichkeit und der Optimismus von Goe the hätten eine romantische Flucht nicht zugelassen. »Goe the steht zu den Problemen der kapitalistischen Entwicklung so wie Hegel oder Ricardo. Was die Gegensätze, die dichterisch in schneidendem Kontrast zueinander stehen, ideell vermittelt, ist: Die objektive Unlösbarkeit des mephistophelischen Prinzips von der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte, von der objektiv wichtigsten und in richtiger Richtung gehenden menschlichen Praxis, von jenem Weg, der – das konnte Goe the, wie auch Ricardo und Hegel, nicht einmal ahnen – später dahin führt, dass auf diesem Boden Kräfte entstehen, die Menschheit wirklich von Mephistopheles erlösen.«73 Der teilweise Durchbruch zur Utopie, geschuldet (ja, Marxisten müssen so etwas auch ent-schulden) dem Stand der historischen Entwicklung, resultiere auch daraus, dass von Goe thes Standpunkt die komplizierten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft objektiv unlösbar seien. »Goe thes dichterische Größe besteht darin: Sie in ihrer durch nichts gemilderten Unlösbarkeit hingestellt zu haben. Darin ist er wahr wie Ricardo und Hegel.«74 Und eben dies ist es, was den Kampf um den menschlichen Kern des Individuums, um den menschlichen Kern von Faust ausmache. Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob eine objektive Perspektive für Faust vorhanden ist. »Eine objektive soziale Macht, die Mephistopheles auf der Goe the bekannten Erde erfolgreich hätte bekämpfen können, konnte er nicht sehen und wollte er darum auch nicht gestalten.«75 Diese Aufgabe übernahm dann nach Lukács, wie das Eingangszitat zeigt, der große Rote Oktober. 73 Lukács: Faust-Studien, S. 278. 74 Ebd., S. 278f. Das ist ein weiteres Kernelement marxistischer Philosophiegeschichte. Wo auch immer und wie eklatant ihre Schranken seien, Hegel und Ricardo hätten die Widersprüche des Kapitalismus erkannt und ausgesprochen. Ob zynisch, mit welchen Intentionen, beschränkt oder peinlich berührt – dies sei, ungeachtet der Motivation und der Konsequenzen, ein historisches Verdienst, hinter das die ganze bürgerliche Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückfalle, die Hegel verschweige (»der tote Hund«) und die Widersprüche des Kapitalismus verschleiere oder als allgemeine und damit unlösbare/unvermeidbare Menschheitsprobleme quasi anthropologischen Ursprungs ausgebe. 75 Ebd., S. 279. 46 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Einen Ausweg bzw. eine Art von Ausweg (d. h. laut Lukács in historischer Perspektive die mögliche Alternative vor der Entstehung des Marxismus, demnach innerhalb enger Erkenntnisschranken) bilde Goe thes Konzeption der menschlichen Vollendung, die zwei Tendenzen in sich vereine. Erstens die Vervollkommnung des Individuums durch Entwicklung aller seiner Fähigkeiten und Anlagen, zweitens die Generierung einer inneren Harmonie, so dass in letzter Konsequenz ein ganzer Mensch entsteht.76 »In der Wirklichkeit, in der er lebt, weiß Goe the, dass diese beiden Tendenzen, obwohl nur ihre Synthese den wirklich vielseitigen, harmonischen Menschen ausmacht, widerspruchsvoll, ja unvereinbar sind. In der glücklichsten Zeit seiner Reife entwirft er (in Wilhelm Meisters Wanderjahre) eine gesellschaftliche Utopie ihrer Vereinigung. Aber die sozialen Erfahrungen der späteren Jahrzehnte, das Erlebnis des Kapitalismus, dessen Rolle als Entwickler der Produktivkräfte er ohne sentimentale Vorbehalte bejaht, die aufdämmernde Einsicht in dessen gesellschaftliche Widersprüche, führen ihn in dieser Frage zu einer Resignation.«77 Die positive Kehrseite dieser dichterischen Resignation sei darin zu sehen, dass Goe the in der Wirklichkeit seiner Zeit nach realen Tendenzen und Tatsachen suche, um sein Programm – ohne Utopie – zu verwirklichen.78 Sein Optimismus falle nicht mit der Einsicht in das Wesen des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft. Ganz im Gegenteil gewinne er an Schärfe und Profil. Und so wie Goe the immer stärker die Wirklichkeit studierte, war auch für den von ihm geschaffenen Faust diese Entwicklung die letzte Konsequenz: »Der Weg zu dieser Vollendung war der Weg Fausts zur Praxis. Da- 76 Vgl. Lukács: Faust-Studien, S. 296f. Mit Blick auf die Aussöhnung von Vernunft und Leidenschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der »ganze Mensch« ein wichtiger Bestandteil der neueren Forschung. 77 Ebd., S. 297. 78 »Je mehr Goe the jedoch resigniert und die praktische Entfaltung der einzelnen menschlichen Fähigkeiten bejaht, die die Beherrschung der Naturkräfte und damit die Weiterentwicklung des Menschengeschlechts eben in ihrer und durch ihre Vereinzelung fördern, desto energischer sucht er überall in der Wirklichkeit nach realen Tendenzen und Tatsachen, in denen die menschliche Harmonie und Vollendung, wenn auch auf der Grundlage eines objektiven Verzichts anderer Art, verwirklicht worden ist.« Ebd., S. 297f. 47 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács rum gestaltete Goe the, wie schon erwähnt, nicht die nachträgliche Reue Fausts, sondern seine Heilung von den Wunden der Tragik durch eine neue Beziehung zur Natur, zum Leben, zur Praxis. (…) ‚Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan‘: Nicht umsonst ist dies das letzte Wort nicht nur der Faustdichtung, sondern auch des Dichters Goe the. Es ist ein letztes Bekenntnis zur Möglichkeit einer diesseitigen Vollendung des Menschen, einer Vollendung des Menschen als psychisch-geistiger Persönlichkeit, einer Vollendung auf der Grundlage des Beherrschens der äußeren Welt, der Erhebung der eigenen Natur zur Geistlichkeit, Kultur und Harmonie, ohne ihre Naturartigkeit aufzuheben.«79 Mit seinen Ausführungen hat Lukács, dies war und ist wichtig, die Grundlagen eines modernen marxistischen Goe the-Bildes geschaffen. Dieter Schiller schrieb: »Seine Goe the-Studien aus den Moskauer Jahren gehören zu den oft zitierten und positiv kritisch reflektierten Texten in der Klassik-Forschung während der fünfziger Jahre.«80 Lukács selber kehrte, wie wir sehen werden, immer wieder zu diesem Thema zurück. Schon 1940 war er sich überaus deutlich darüber klar, in welchem Bergwerk er die Rohstoffe seines Denkens ausgrub: »Goe the, der Zeitgenosse und Mitstreiter jener Tendenzen, die zu den ‚drei Quellen des Marxismus‘ geworden sind, ist dem Wesen nach ganz irdisch, ganz diesseitig.«81 Knapp zehn Jahre später sollte er diesen letzten Gedanken, der einer seiner Kerngedanken ist, viel stärker, pathetischer formulieren. Doch mitten im Weltkrieg war dafür kein Platz. Da galt es, die Erinnerung an die humanistischen Traditionen der deutschen Kultur und Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Diese als Erbe, ja gar als Vorboten eines aufziehenden deutschen Sozialismus zu begreifen, dessen mögliche Realität auch nur zu ahnen, daran war in jenen Jahren kein Gedanke zu verschwenden. Tief in sich wird es Lukács dennoch getan haben. Nicht umsonst arbeitete Bloch im amerikanischen Exil ja an seinem großen Utopieprojekt und damit im Bergwerk der Träume, Hoffnungen und Wünsche. Ebenfalls im amerika- 79 Lukács: Faust-Studien, S. 300 und 301. 80 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 81 Lukács: Faust-Studien, S. 302. 48 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe nischen Exil setzte Thomas Mann sein großes Romanwerk fort, hob es auf eine neue Stufe. Die Motivation war bei allen eine analoge. Der Urfaust, Fernsehfilm der DDR, 1961, Funk und Fernsehen der DDR, Nr. 14/1961, Monnika Lennartz und Hilmar Thate 49 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Thomas Mann zitiert Goe the: »Entzieht euch dem verstorbenen Zeug, Lebendiges lasst uns lieben!« »Hier brauchte er das Exil und die Emigranten nicht zu rechtfertigen: Viele Heimkehrer aus der Fremde waren jetzt um ihn. Auch sie gehörten zur Emigrantenliteratur. Im Dunstkreis von Buchenwald brauchte nichts beschönigt zu werden. So sprach Thomas Mann am Abend beim Bankett, als er sich für die Wünsche und Dankesworte zu bedanken hatte, voller Leidenschaft und Bewegung. Man sah, wie Katja Mann mit wachsender Sorge zuhörte. Ich sehe noch, wie sie ihn endlich sanft am Rocksaum zupfte, damit er sich nicht weiter ins Unheil rede. (… ) Nach der Abreise des berühmten Gastes herrschte bei uns Hochstimmung. Hoffnungen schienen erlaubt zu sein. Unser Weg war trotz allem richtig, wie wir uns jetzt eingestanden, wodurch wir zugleich unsere geheimen Zweifel bekannten. Im Westen wurde mürrisch über den Besuch in Weimar berichtet. Thomas Mann hatte uns ‚aufgewertet‘, daran war nicht zu zweifeln.«82 Mit diesen Worten beschrieb Hans Mayer rückblickend in seinen Erinnerungen den Besuch Thomas Manns in Weimar, jener zweite und umstrittene Teil von Manns Goe the-Reise im Jahr 1949, die zum Politikum 82 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 77 und 79. 50 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wurde, da dieser sich zu einem einigen Vaterland, aber auch zum neuen Deutschland bekannte, zum Bruch mit der Vergangenheit, den das Adenauer-Regime noch nicht einmal künstlich zu imaginieren vermochte. Mit den bekannt gewordenen Worten Manns: »Ich kenne keine Zonen, mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet. Wer sollte die Einheit Deutschlands gewährleisten und darstellen, wenn nicht ein unabhängiger Schriftsteller, dessen wahre Heimat, wie ich sagte, die freie, von Besatzungen unberührte deutsche Sprache ist? Gewähren Sie, meine Zuhörer, dem Gast aus Kalifornien diese Repräsentation und lassen Sie ihn den Augenblick unbekümmert vorwegnehmen, den Goe thes Faust seinen letzt-höchsten nennt: Den Augenblick, wo der Mensch, wo auch der Deutsche ‚auf freiem Grund mit freiem Volke steht‘!«83 83 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 319. Thomas Mann in Weimar, 1949 51 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Mann war 1949 erstmals seit seiner Emigration nach Europa und nach Deutschland zurückgekehrt. In Frankfurt hatte er den westdeutschen Goe the-Preis bekommen, um dann in Weimar das ostdeutsche Pendant entgegenzunehmen. Vor allem im Westen wurde er dafür kritisiert, dass er auch den Osten besuchte. Mayer hat in seinen Erinnerungen auch beschrieben, wie sehr sich diese beiden Veranstaltungen voneinander unterschieden. In Frankfurt habe es sich um eine elitäre Veranstaltung gehandelt, den Alltag der Menschen habe der Besuch des Dichters kaum tangiert.84 »Es ging anders zu in Weimar: Sowohl 1949 wie erst recht später, im Mai 1955. Was es mit dem spontanen, nämlich wohl organisierten 84 »In Frankfurt hatte man, wie den Berichten zu entnehmen war, wenig Aufhebens gemacht auf der Straße und im Alltag vom Besuch dieses exilierten Schriftstellers. Das glaube ich gern, denn noch im Mai 1955 konnte ich mit ansehen, dass man in Stuttgart keineswegs ‚die Straßen säumte‘, als Thomas Mann zur Schillerfeier ins Opernhaus fuhr, und in der Mittagssonne aufbrach zu einem festlichen Mittagessen in Bad Cannstatt.« Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 75. Thomas Mann, 1955, während der Schiller-Ehrung in Weimar 52 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Volksjubel auf sich hat, wenn ein Mitglied des Politbüros erscheint oder gar der oberste der Freunde in Gestalt von N. S. Chruschtschow, braucht man mir nicht zu erläutern. Die Menschenmassen aber in Weimar bei der Fahrt vom Hotel zum Nationaltheater hatte man nicht anlocken oder hinbefehlen müssen. (…) Über den Besuch Thomas Manns jedoch freute man sich in der Stadt und im Lande ringsum. Da wurden verschüttete Gefühle freigelegt. (…) Thomas Manns Ansprache wurde richtig gehört und verstanden. Das war keine literarische Zeremonie unter Honoratioren. Lautsprecher schallten über den Theaterplatz. Die Menschen standen dicht gedrängt und lauschten. Der Redner im Theater sprach klar, und auch deutlich.«85 Diese Schilderung des Besuchs von Mann ist letztlich auch eine Beschreibung des Umgangs mit Goe the. Im Westen als Teil des Bildungsbürgertums, hinter verschlossenen Türen, in elitären Zirkeln, im Osten hingegen als Sache des ganzen Volkes, als Teil der und Versprechen auf die Zukunft. So zumindest, das können wir unterstellen, sah Mayer die Sache – und zwar auch noch lange Jahre nach seinem Weggang aus der DDR. (Übrigens nicht die falscheste Einschätzung, es sei nur angemerkt.) Mann war nicht nur von Frankfurt nach Weimar gefahren, er hatte, so sah es der kleinere Teil unserer deutschen Heimat (und in ihr Mayer und viele andere), zwischen den Welten gewechselt, war von der Vergangenheit in die Zukunft gereist. Und es war der ganze Mann, den man im Osten se- 85 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 75f. Thomas Mann, 1955, Schiller-Ehrung in Weimar 53 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann hen und feiern wollte, sein Leben, das Werk, die Perspektiven: »Thomas Manns Ansprache war nicht gefühlvoll: Eben weil sie nahezu bis zum Bersten voll mit Emotionen zu kämpfen hatte. Welch ein Augenblick!, doch wie weit war man entfernt von aller Opern-Apotheose. Man hatte in Frankfurt, so kam es dem Redner vor, und so erläuterte er uns am Abend in Weimar, kaum einen Gedanken seiner Rede zu Goe thes Gedenken ernsthaft überdacht, für etwas anderes genommen als für Redekunst. Mehr noch: Über sein Werk hatte man ersichtlich mit Thomas Mann nicht sprechen wollen in Westdeutschland, bei Familienbesuch. Nun also der Kontrast: Hier bei den Russen und den Kommunisten. Auch das wurde nicht gesagt, musste auch nicht ausgesprochen werden, denn die Offiziere der Sowjetischen Militäradministration saßen mit am Tisch.«86 Weiter heißt es dann: »Dies war kein Familientreffen, es galt dem Werk Thomas Manns. So glaubte er die Aufnahme in Weimar zu deuten und sagte das auch. ‚Und wenn es stimmt, wenn Ihnen mein Werk wirklich etwas bedeutet und weiterhelfen kann, dann wäre ich sehr glücklich!‘ So ungefähr hatte er es an jenem Abend ausgedrückt. Den Gedankengang erinnere ich genau.«87 Als Wolfgang Harich 1950 Hans Mayers Buch über Thomas Mann (gemeint ist: Thomas Mann. Werk und Entwicklung) deutlich kritisierte, so teilte er doch diesen Gedankengang mit ihm – Mann habe in der SBZ/ DDR eine neue Heimat gefunden: »Mayer schreibt so, dass er all denen, die bislang von Thomas Mann nur wenig oder überhaupt nichts gelesen haben, absolut unverständlich sein muss. Man bedenke, was das heißt: Die Bücher Thomas Manns sind durch die Währungspaltung und die Kursmanipulationen des Westens für das Leserpublikum in der Deutschen Demokratischen Republik zu unerschwinglichen Wertobjekten geworden. Ausgerechnet in dem Teil Deutschlands also, in dem Thomas Mann nichts als Liebe und Verehrung entgegengebracht wird und in dem sich die denkbar besten Voraussetzungen für eine nationale Breiten- und Tiefenwirkung seiner humanistischen Lebensleistung zu entwickeln beginnen, können seine Werke nur in vereinzelten Exemplaren zirkulie- 86 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 78. 87 Ebd. 54 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ren – in sehr zerlesenen Exemplaren, zu unserer Ehre sei es gesagt. In den Massen unserer Jugend (der Leipziger Literarhistoriker kann das kaum übersehen haben!) ist ein Bildungshunger ohnegleichen erwacht. Alle diese Jugendlichen haben von Thomas Mann gehört. Alle lieben in ihm den Repräsentanten deutscher Ehre, den Vorkämpfer des Weltfriedens, den geschworenen Feind des Faschismus. Ihre ganze Erziehung ist darauf gerichtet, auf Thomas Manns Lebenswerk, wie auf alle Schätze unseres nationalen Kulturerbes, in einem hohen und edlen Sinne ‚neugierig‘ zu sein. Aber kaum einer von ihnen kennt seine Bücher. Und nun erscheint in einem Verlag der DDR ein Buch wenigstens über Thomas Mann und es findet reißenden Absatz. Aber was findet man darin? Keine Erklärung, keine Einführung, kein Wort, das irgendwas verständlich machte, sondern nur esoterische Andeutungen und Anspielungen für ‚Eingeweihte‘.«88 Schon zum 100. Todestag von Goe the hatte Thomas Mann am 18. März 1932 in der Preußischen Akademie der Künste, Berlin, geredet über Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters.89 Johannes R. Becher führte 1949 aus: »Eine imposante Feier war es im Jahre 1932, Goe thes 100. Todestag – sein Geist schien wieder zu erstehen in den Herzen vieler Deutscher, ja, man mochte davon träumen, das Reich, das Goe the hieß und das verwahrlost im Innern Deutschlands lag, sei wiederentdeckt und als ein kostbarster Nationalbesitz dem deutschen Volke zurückgewonnen worden. Thomas Mann sprach ernste und würdige Worte damals in Weimar, mahnend und ahnend sprach er davon, dass unter Umständen auch Gewalt nötig sei, um dem Verderben zu widerstehen und den Geiste des Guten, wie er in Goethe so vorbildlich verkörpert sei, zur Macht werden zu lassen.«90 88 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 283. Bereits 1946 formulierte Harich: »Wenn wir Lotte in Weimar aus der Hand legen, wird uns noch einmal in krasser Deutlichkeit bewusst, was der Faschismus dem deutschen Volke nahm, als er Thomas Mann in die Fremde trieb, ihm – welch blutiger Hohn! – sein Deutschtum absprach und seine Bücher verbot. Mit dem Erscheinen dieses Buches auf dem deutschen Büchermarkt ist Thomas Mann viel sicherer heimgekehrt, als wir es vor zwei Jahren noch zu hoffen wagten. Der zürnende Lehrer der Deutschen ist wieder zu ihrem schenkenden Freunde geworden.« Harich: Lotte in Weimar. Thomas Mann wieder auf dem deutschen Büchermarkt, S. 1046. 89 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 7-39. 90 Becher: Der Befreier, S. 320. 55 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Vor dem Hintergrund der Krisen der Weimarer Republik sah Thomas Mann beim »greisen Goe the« einen »träumerischen und kühnen Blick (…) in eine neue, nachbürgerliche Welt hinein«.91 Besser, als die Ausführungen von Mann zusammenzufassen, ist es, ihn selbst zu Wort kommen zu lassen. Über die Wanderjahre sagte er 1932: »Um was es sich in diesem Buch eigentlich handelt, ist die Selbstüberwindung der individualistischen Humanität und eine seherische kühne Abkehr von ihr zu Gunsten menschlicher und erzieherischer Grundsätze und Willensmeinungen (…). Es wetterleuchtet in dem Werk von Ideen, die weit abführen von allem, was man unter bürgerlicher Humanität versteht (…). Das Ideal privat-menschlicher Einseitigkeit wird fallen gelassen und ein Zeitalter der Einseitigkeit proklamiert. Das Ungenügen am Individuum ist da, das heute herrscht: Erst sämtliche Menschen vollenden das Menschliche, der Einzelne wird Funktion, der Begriff der Gemeinschaft tritt hervor, der Kommunität; und der jesuitisch-militaristische Geist der Pädagogischen Provinz, musisch durchheitert wie er ist, lässt vom individualistischen 91 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 36. Goethefeier der Akademie der Künste, Berlin, 1932, Thomas Mann am Rednerpult, in der ersten Reihe (2. v. l.) Heinrich Mann 56 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe und ‚liberalen‘, vom bürgerlichen Ideal kaum etwas übrig.«92 Mann proklamierte die gemeinsame Arbeit aller Menschen unter einigenden erzieherischen Grundsätzen und moralisch-humanen Ideen bzw. Idealen. »Im technisch-rationalen Utopismus geht das Bürgerliche in Weltgemeinschaftlichkeit, es geht, wenn man das Wort allgemein genug und undogmatisch verstehen will, ins Kommunistische über. Sie ist nüchtern, diese Begeisterung. Aber was heute not tut, ist die große Ernüchterung einer Welt, die an verdumpften und das Leben hindernden Seelentümern zu Grunde geht.«93 Seine Rede beendete Mann mit jenen Sätzen, die 1949 im Goe the- Jahr mehrfach zitiert wurden (in der SBZ, nicht in Frankfurt), die, so kann und muss man es formulieren, das Werk von Mann an den Marxismus anschlussfähig machten: »Die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt, in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein wird, diese Welt wird kommen, und sie wird das Werk jener großen Nüchternheit sein, zu der heute schon alle in Betracht kommenden (…) Geister sich bekennen. Sie wird kommen, denn eine äußere und rationale Ordnung, die der erreichten Stufe des Menschengeistes gemäß ist, muss geschaffen sein oder sich schlimmen Falles durch gewaltsame Umwälzung hergestellt haben, damit das Seelenhafte erst wieder Lebensrecht und ein menschlich gutes Gewissen gewinnen könne.«94 Dieser Antagonismus Manns zwischen rationaler neuer Ordnung und dem Untergang der Menschheit war ein Erbteil der marxistischen Theorie, das sich auch in anderen Themenfeldern zeigte. So machte sich Harich, um nur ein Beispiel zu nennen, seit Mitte der siebziger Jahre (Kommunismus ohne Wachstum) für die ökologische Umgestaltung stark. 1979 stellte er in einer Diskussion klar, dass ein neuer Staat kommen werde/müsse: »Die Frage ist, ob das ein demokratischer oder ein despotischer Staat sein wird. Das hängt davon ab, wie schnell und gründlich man den neuen Weg geht. Je schneller, desto mehr Freiheiten werden übrigbleiben. Je länger Ver- 92 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 36. 93 Ebd., S. 37f. 94 Ebd., S. 38. 57 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann schwendung und Umweltzerstörung weitergehen, umso härtere Maßnahmen wird es brauchen. Zu welchen Gunsten werden diese Maßnahmen sein? Werden sie menschenwürdiges Leben der breiten Massen garantieren – dann zu Ungunsten der Reichen. Damit aber wird die Gefahr eines Öko-Faschismus deutlich. Das ist die Wahl, vor der wir stehen: Öko-Faschismus oder ein homöostatischer wachstumsloser Kommunismus mit staatlicher Autorität. Angesichts dieser Wahl muss ein Liberaler zum Pessimismus neigen. Ich bin kein Liberaler.«95 Doch zurück zu Thomas Mann. Weiter war bei diesem zu hören: »Das Recht auf die Macht ist abhängig von dem historischen Auftrag, als dessen Träger man sich fühlt und fühlen darf. Verleugnet man ihn oder ist man ihm nicht gewachsen, so wird man verschwinden und abtreten, abdanken müssen zu Gunsten eines Menschentyps, der frei ist von den Voraussetzungen, Bindungen und überständigen Gemütsfesseln, die, wie man zuweilen fürchten muss, das europäische Bürgertum untauglich machen, Staat und Wirtschaft in eine neue Welt hinüberzuführen. Kein Zweifel, der Kredit, den die Geschichte der bürgerlichen Republik heute noch gewährt, dieser nachgerade kurzfristige Kredit, beruht auf dem noch aufrechterhaltenen Glauben, dass die Demokratie, was ihre zur Macht drängenden Feinde zu können vorgeben, auch kann, nämlich eben diese Führung ins Neue und Zukünftige zu übernehmen.«96 Von Lukács bis Bloch (Harichs gezeichneter Antagonismus aus einem anderen zeitlichen und thematischen Kontext wurde gerade erwähnt) erinnerten die marxistischen Goe the-Interpreten immer wieder an diese Wortmeldung Manns, nicht zuletzt, da kurz nach ihr die Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschlands Unglück besiegelte – sie also von der bürgerlichen Gesellschaft ungehört verhallte. Und Mann hatte deutlich die sozialistische Zukunft als Alternative zur bürgerlichen Welt formuliert und fokussiert. Dass sich die bürgerliche Gesellschaft kurz nach seiner Rede auf den faschistischen Weg, den man aus ihrer Mitte heraus beginnen kann, begab, konnte er nicht wissen. Es bestätigte aber vollauf seine Einschätzung der damaligen aktuellen Situation. Ha- 95 Harich: Kommunismus heute, S. 181. 96 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 38f. 58 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe rich kommentierte in einem Zeitungsartikel die gerade wiedergegebenen Ausführungen Manns 1949 wie folgt: »Mit dem verrotteten und dumpfen ‚Seelentum‘ war das ideologische Gift der irrationalen und antihumanen Spießerromantik des Faschismus gemeint, mit der ‚organisierten Einheitsund Planwelt‘ die konkrete Verwirklichung der Goe theschen Vision vom freien Volk auf freiem Grund. Kein Wunder, dass bei den offiziellen Vertretern des damaligen Deutschlands, die sich ‚pflichtgemäß‘ und völlig unverbindlich der gerade fälligen Goe the-Ehrung entledigten, um wenig später der faschistischen Mörderbande des deutschen Monopolkapitals bedenkenlos, ja, willig den Platz zu räumen, dass bei ihnen und ihresgleichen Thomas Manns Worte ungehört verhallten. In Deutschland stand nicht Vernunft und Nüchternheit, sondern ein abergläubischer Blutmythos, nicht die Verwirklichung des Sozialismus, sondern der Rückfall in die Barbarei auf der Tagesordnung. Das Unfassbare und Ungeheuerliche konnte geschehen, dass ein Jahr nach jener Goe the-Feier der Terror der blutigsten, finstersten Reaktion, demagogisch eingehüllt in verrottetes, dumpfes ‚Seelentum‘ in Deutschland triumphierte, dass der ‚Tag von Potsdam‘ und all das Schändliche, das ihm folgte, den Geist von Weimar liquidierte, dass Thomas Mann, der Goe the-Redner des Jahres 1932, seine Heimat verlassen musste, ausgestoßen und bespien von denen, die dann Deutschland in Unglück, Not und Schande stürzten, totgeschwiegen, preisgegeben und verraten vom gesamten deutschen Bürgertum, dessen letzter großer Repräsentant und Kritiker er ist.«97 Johannes R. Becher merkte zu dieser Passage Thomas Manns (die er genau wie Harich wörtlich zitierte) im Speziellen, zu dessen Rede im Allgemeinen an: »Diese imposante Kundgebung, bei der das beste Deutschland versammelt schien – was war aus ihrem Treuegelöbnis Goe the gegen- über geworden, als 1933 der Nationalsozialismus zur Macht kam. Wäre Goethe im deutschen Volke lebendig gewesen, so hätte diese seine lebendige Kraft solch einen überwältigenden Hass gegenüber der Nazibarbarei erzeugt, dass deren Bewegung hätte schon in den Ansätzen scheitern müssen. Und wieder hatte das Bürgertum versagt, dessen wunderbare 97 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1197. 59 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann menschliche Erhöhtheit ein Goe the gewesen war.«98 Und Hans Mayer schrieb 1948: »Das Goe thejahr 1932 musste eine Warnung sein: Dass sie nicht als solche empfunden wurde, erhöht noch unsere Verpflichtung, aus jenem Vorfall zu lernen.«99 * * * * * Am 25. Juli und am 1. August 1949 hielt Mann in der Frankfurter Paulskirche und im Weimarer Nationaltheater die gleiche Rede, die unter dem Titel Ansprache im Goe thejahr 1949 gedruckt vorliegt. Über die Hälfte der damaligen Ausführungen Manns waren Selbstreflexionen und Momenten des Nachdenkens über die deutsche Katastrophe gewidmet. Den in diesen Jahren vor allem im Westen ausgetragenen Streit um seine Person und sein Werk sah er als verzerrte Auseinandersetzung mit den zurückliegenden Jahren. »Ich weiß, dass der Emigrant in Deutschland wenig gilt, er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteuern heimgesuchten Lande.«100 Im Prinzip beklagte Mann überaus deutlich die in den westlichen Zonen kaum stattfindende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Diese Aufgabe sei aber mehr als vorderdringlich, 98 Becher: Der Befreier, S. 321. 99 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen L iteratur, S. 17. Am Ende des Aufsatzes die Feststellung: »Unser Goe thebild wird und muss anders sein als jenes der Romantiker, Börnes oder auch der blassen Klassizisten aus dem 20. Jahrhundert. 1932 erlebten wir das leere Gepränge eines unverbindlichen Festbetriebes, der synchronisiert war mit dem Zusammenbruch der Weimarer Republik. Das Goethejahr 1949 sollte uns eine ähnliche Geschäftigkeit vor dem Abgrund ersparen.« (Ebd., S. 30.) 100 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 317. Dort dann weiter: »Aber nicht nur zu dieser Danksagung bin ich hier, sondern auch, weil ein untrügliches Gefühl mir sagt, dass der Streit, der in Deutschland geht um mein Werk und meine Person, und dem ich mit Staunen zugesehen habe, an Bedeutung weit hinausreicht über diese gleichgültige Person, dies eben nur bemühte und gewiss von anderen übertroffene Werk. Die Erbitterung, mit der dieser Streit geführt wird von den Hassern, der Nachdruck, den Freunde in ihre Erwiderung und Abwehr legen, wäre sonst unerklärlich. Das ist nicht Literaturkritik mehr, es ist der Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, eine Auseinandersetzung, nur anlässlich meiner, über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes.« (Ebd., S. 318.) 60 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe müsse unbedingt und ohne Angst vor den Konsequenzen angegangen werden. Es gehe darum, und eben dabei könne Goe the helfen, einen Standpunkt zu erringen, der es dem Menschen ermögliche, »wieder den Segen einer moralischen Autorität zu gewinnen«.101 Thomas Mann ließ keinen Zweifel daran, dass er die Umbrüche in der sowjetischen Besatzungszone begrüßte. Seinem Spätwerk und seinen Reden und Wortmeldungen in den Zeiten des Faschismus sowie in den Jahren danach liegt die Idee zu Grunde, dass es einen moralischen, humanistischen Horizont gebe, der über die bürgerliche Gesellschaft hinausreiche und sich nur außerhalb dieser verwirklichen könne. Aber die bürgerliche Welt könne sich dennoch auf den Weg dorthin begeben, mit Änderungen beginnen. So wurde für ihn der Rückgriff auf Goe the zu einem Vorgriff auf, in die Zukunft: »Dem Dichter, dessen ganzes Alterswerk voll ist von sozialer Utopie und dessen Ideen und Gesichte in den Wanderjahren so gut wie im Faust weit hinausgehen über das 18. und 19. Jahrhundert bis in unser eigenes Zeitalter, war es von Herzen ernst mit Fausts letztem Abenteuer und seinem höchsten Augenblick, diesem ‚Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehen‘, auch wenn er die Tragik der Tat durchschaute und die Erlösung seines Heilsuchers der Liebe und Gnade von oben vorbehielt. Nie hätte er sich dazu hergegeben, gegen ein Neues, das kommen wollte oder schon da war, überalterte und schon heuchlerisch gewordene Ideale auszuspielen, denn er wusste, dass sich die Welt beständig erneuert, und hat sich den Namen eines Konservativen, der nur das Bestehende bewahren wolle, schönstens verbeten, denn vieles, was bestehe, sei gar dumm und schlecht, und was im Jahr 1800 vernünftig gewesen sei, das könne 1850 sträflicher Unsinn sein. Er hat gerufen: ‚Entzieht euch dem verstorbenen Zeug, Lebendiges lasst uns lieben!‘«102 Diese Einschätzung der deutschen Wirklichkeit und diese, nennen wir es: moralisch-ideologische Unbefangenheit gegenüber dem Neuen, gegenüber dem Sozialismus, war es, die Thomas Mann die Liebe und Anerkennung der Menschen der sowjetischen Besatzungszone einbrachte 101 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 320. 102 Ebd., S. 326. 61 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann und dazu führte, dass sein Werk, seine Worte von den Menschen gehört und, wichtiger noch, verstanden, beherzigt wurden. Es war Johannes R. Becher, der die Laudatio Zur Verleihung des Goe the-Preises an Thomas Mann in Weimar hielt. Seine Rede muss als das gelesen werden, was sie war: Als Bekenntnis zu Mann und zu dessen humanitären dichterischen Aussagen – mit dem Grundtenor »unser«.103 »Wir danken Ihnen, Thomas Mann, dass Sie über Länder- und Zonengrenzen hinweg nach Weimar gekommen sind, sich auch dadurch erneut und unmissverständlich zur Einheit unseres Vaterlandes bekannt und dem Zusammengehörigkeitsgefühl aller deutschen Menschen neue Hoffnung und eine neue freudige Stärke verliehen haben. Nach all den Tränen, die in unserem Vaterland vergossen wurden, (…) ist es ein Akt hoher Freude, den wir jetzt erleben, dass Sie, Thomas Mann, unter uns weilen.«104 Dennoch, trotz des Beharrens auf der deutschen Einheit, für die Becher und viele andere im Osten ernsthaft kämpften (es ist gerade heute notwendig, daran zu erinnern und diesen Fakt nicht zu vergessen, davon zeugt auch das Thomas-Mann-Zitat im nächsten Absatz), war für ihn klar, dass »der geistige und moralische Umschwung und Aufschwung«, zusammen mit dem »Friedenswillen unseres Volkes«, in der sowjetischen Besatzungszone beheimatet sei.105 Eine neue Gesellschaft wäre am Entstehen – und mit ihr, in ihr, als ihre Träger die neuen sozialistischen Menschen: »Es sind neue deutsche Menschen, die hier unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen geboren werden und aufwachsen, und ich glaube, im Namen dieser neuen deutschen Menschen auch sagen zu dürfen, dass wir Sie nicht nur verehren und bewundern, (…) sondern dass Thomas Mann und sein Werk auch eine Sache unseres Herzens ist, der 103 »Die schönste Huldigung, die wir Johann Wolfgang Goe the zu seinem 200. Geburtstag darbringen können, ist die, dass unser Thomas Mann die Goe the- Stätten in Frankfurt und Weimar besucht und dass an dem Geburtsort und dem Grabe Goe thes der Mann erschienen ist, auf den wir mit Stolz als auf einen der besten und edelsten Söhne unseres Volkes hinweisen können.« Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 418. 104 Ebd, S. 420. 105 Ebd. 62 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wir begeistert und leidenschaftlich anhängen und zu dessen Schöpfer wir sagen: Lieber, geliebter Thomas Mann!«106 Mann hat sich für diese Worte Bechers zwei Jahre später revanchiert (in der Festschrift zu Bechers 60. Geburtstag), obwohl dies das falsche Wort zu sein scheint, klingt es doch zu sehr nach Aufrechnung. Er hat die Hochachtung, die Becher ihm entgegenbrachte, erwidert: »Mehr noch, oder fast mehr noch als den Poeten und Schriftsteller liebe und ehre ich in Johannes R. Becher den Menschen – dies drängend bewegte, von innigen Impulsen getriebene Herz, das ich mir bei so mancher Begegnung, besonders aber bei unserem Zusammensein während meines Besuches in Weimar im Sommer 1949, entgegenschlagen fühlte – eine persönliche Erfahrung, die eine fortdauernde Ergriffenheit von seiner Natur, seiner Existenz in mir zurückgelassen hat. (…) Dieser sein Kommunismus ist durchaus patriotisch gefärbt, er erfüllt sich tatsächlich im Patriotismus, und sein Drang zum Dienst an der Gemeinschaft, dem Volke, ist – man lese nur seine Gedichte – zuerst und zuletzt der heiße Wunsch, seinem Volke, dem deutschen, zu dienen und ihm ein liebevoller, getreuer Berater nach bestem Wissen und Gewissen zu sein. Ich glaube, der Tag wird kommen, wo ihm das deutsche Volk in seiner Gesamtheit für diese Liebe Dank wissen wird.«107 Der Name Walter Janka wird uns noch mehrfach begegnen. Dieser setzte der gerade zitierten Passage in seinen Spuren eines Lebens sofort weitere Zitate von Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht zur Seite. Das Ziel war natürlich die explizite Abwertung der Worte Manns (ein Lob Bechers war für Janka offensichtlich eine Zumutung): »‚Mehr als den Poeten und Schriftsteller liebe und ehre ich den Menschen.‘ Die hervorgehobene Nähe zur Person, bei gleichzeitiger Distanz zum Werk, zeugen von Respekt und verhaltener Kritik. Dass sich Becher im stalinschen Sinne verstand, ist gewiss. Sein Werk, sein Tun, seine politische Gesinnung zeugen davon. Thomas Mann mag man verzeihen, dass er aus der geographischen Ferne nicht erkennen wollte. Wir aber, die wir in Bechers Nähe gearbeitet, zu Werkzeugen oder Opfern seiner Größe wurden, waren kritischer. 106 Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 420f. 107 Mann: Der Tag wird kommen, S. 170f. 63 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Als Dichter wäre Becher groß genug gewesen, um spätestens nach dem XX. Parteitag der KPdSU die Stimme gegen Unrecht zu erheben.«108 Natürlich hat Janka Recht mit seiner Kritik an Becher, dass dieser schwieg als er einer der wenigen war (etwa neben Bloch und Anna Seghers), die etwas hätten sagen können. Aber Becher war eine überaus ambivalente Persönlichkeit und es ist historisch irreführend, nur dessen opportunistische und stalinistische Seiten zu betonen. Nicht zuletzt sind Bechers Achtung der deutschen Klassik und sein Engagement für die deutsche Einheit, das hatte Thomas Mann »aus der geographischen Ferne« besser erkannt als Janka, wirklich und wahr gewesen. Die Kübel mit Schmutz sollte man nicht über die Toten entleeren – allein der niveauvolle Umgang mit anderen war Jankas Sache nicht. (Die Verleumdungen Harichs durch seinen früheren Vorgesetzten Janka können und sollen hier nicht wiedergegeben werden. Die deutsche Justiz hat nach 1989 alles Wesentliche zum Thema gesagt, die Geschichte pflichtet ihr bei, Harich hat seine Prozesse gegen Janka gewonnen.) In der Täglichen Rundschau setzte sich in den späten vierziger Jahren Harich in mehreren Artikeln für Thomas Mann und dessen Schriften ein (Thomas Mann und die D eutschen; Lotte in Weimar. Thomas Mann wieder auf dem deutschen B üchermarkt; Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann; Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset). In den tagesaktuellen Debatten verteidigte er mehrfach die moderne sozialistische Kultur ebenso wie die humanistische bürgerliche Gesinnung – erinnert sei neben seinen Artikeln zu Thomas Mann nur an sein Eintreten für Bertolt Brecht.109 Ein Spagat, der Lukács so nicht gelang. Einher ging dies, als ein wesentlicher charakteristischer Zug seines gesamten Denkens, Handelns und Schreibens, mit einer klar formulierten Ablehnung nationalsozialistischen Gedankenguts – zu stu- 108 Janka: Spuren eines Lebens, S. 250. 109 Von Harich siehe (neben verschiedenen Artikeln in der Täglichen Rundschau) vor allem den Text der Kontroverse mit Fritz Erpenbeck, die in der Weltbühne ausgetragen wurde: Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag, S. 215-219. Siehe: Heyer: Der erste S treit um B recht in der SBZ/DDR , S. 55-69. Mit vielen Seitenblicken auf Harich: Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht. 64 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe dieren exemplarisch an seiner frühzeitig geübten Kritik an Ernst Jünger110 (bis hin zur Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre und dem Wirken für die Herstellung der deutschen Einheit auf anti-militaristischer, anti-chauvinistischer, menschlich-humanistischer Grundlage in der Alternativen Enquetekommission)111. Wie Becher empfing auch Harich (in dem Zeitungsartikel Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann vom 31. Juli 1949) Mann »auf dem Boden der neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung der Ostzone«. Er sprach von »dankbarer Genugtuung« und »tiefer Freude«, die »alle fortschrittlichen Menschen des deutschen Volkes« empfinden würden.112 Er meinte damit einen doppelten Mann: Einerseits den Goethe-Redner von 1932 (wir haben die entsprechende Passage aus Harichs Text bereits wiedergegeben) und andererseits den Emigranten, der die Werte der deutschen Kultur und Humanität in den Jahren der Barbarei hochgehalten habe. Ja, erst im Exil habe Mann seine Vermutungen und Überlegungen von 1932 konkretisieren können, der Weg der bürgerlichen Gesellschaft in den Faschismus habe ihn den Idealen des Sozialismus (als Bruch mit der bürgerlichen Welt und deren brutalen Tendenzen/Konsequenzen) noch näher gebracht.113 110 Alle weiterführenden Hinweise, Literaturangaben, Harichs Beiträge etc. enthält: Heyer: Der erste Gegner wartet schon, S. 84-119. Außerdem: Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 28-44. 111 Hier reicht der Hinweis auf den Aufsatz von: Prokop: Wolfgang Harich und die Alternative Enquete-Kommission, S. 70-82. Wir kommen auf das Thema zurück. 112 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1196. 113 »Bei Thomas Mann selbst hat das Ideal des Humanismus, das 1932 in seinen Äußerungen noch vage und utopisch war (und das auch heute noch keineswegs mit der wichtigsten Konsequenz, mit dem Bekenntnis zum kämpfenden Proletariat, verbunden ist), in den Jahren des Exils eine wesentliche Konkretisierung erfahren: In Joseph der Ernährer hat der Dichter, der zeitlebens mit dem Problem des Individualismus, mit dem Problem des gesellschaftsentfremdeten Ausnahmemenschen rang, den Ausweg aus diesem Dilemma gezeigt: Die praktische, nützliche Tat im Dienste der Menschen. Im Doktor Faustus hat er erschütternd den tragischen Irrweg des modernen bürgerlichen Künstlers dargestellt, der der Dekadenz, dem Formalismus und der reaktionären Pseudoradikalität zum Opfer fällt, hat er den Ästhetizismus als Wegbereiter der Barbarei in der menschlichen Seele entlarvt (…).« (Ebd., S. 1199.) 65 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Es sei ein beeindruckender und wichtiger Schritt Manns gewesen, dass er »den von der Reaktion aus Lügen und Verleumdungen fabrizierten ‚Eisernen Vorhang‘ durchbrochen habe, um sich zur deutschen Einheit ebenso zu bekennen wie zu der ‚neuen antifaschistisch-demokratischen Ordnung der Ostzone‘«.114 Die sowjetische Besatzungszone habe, so lässt sich letztlich formulieren, Harich zu Folge die Ideen und Wünsche und Hoffnungen Manns in der Praxis realisiert: »Er findet eine soziale Ordnung, deren Struktur die reale Garantie gibt, dass – wenigstens in diesem Teil seines Heimatlandes – nie wieder die Mächte der Reaktion und des Krieges ihr Haupt erheben werden. Er findet werktätige Menschen, Arbeiter, Bauern, Ingenieure, Wissenschaftler und Künstler, deren ganze Arbeit ausschließlich im Dienste des friedlichen Aufbaus steht und die täglich und stündlich beweisen, dass man in Deutschland – sich selbst und der Menschheit zum Heil – ohne Kriegstreiber, ohne säbelrasselnde Militaristen, ohne ‚völkische‘ Volksverführer und profitlüsterne Monopolherren und Bankiers viel besser und aussichtsreicher für die Gegenwart und Zukunft sorgen kann, als dies jemals zuvor in unserer tragischen Geschichte geschah. Mit einem Wort: Thomas Mann betritt Weimarer Boden zu einem Zeitpunkt, da sich in einem Teil Deutschlands – und auch in Weimar selbst – erste Keime und Ansätze jener neuen, sozialen Welt, jener ‚organisierten Einheits- und Planwelt‘ zu entwickeln beginnen, von der er prophezeite, dass sie unweigerlich kommen werde.«115 Harich war klar, dass Mann natürlich kein Sozialist, sondern ein bürgerlicher Demokrat und Humanist sei, der seine Klasse zwar immer wieder »scharf kritisiert, aber nie verleugnet hat«.116 Von daher könne von einer totalen Identität zwischen Mann und den theoretischen und praktischen Gehalten der sowjetischen Besatzungszone natürlich keine Rede sein: »Aber wir sind der begründeten Überzeugung, dass er in entscheidenden Fragen unsere Haltung billigen wird: Unser Streben nach einer menschlichen Regelung der menschlichen Beziehungen, unser Bekenntnis zu Vernunft und Wissenschaft, unsere leidenschaftliche Verabscheu- 114 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1199. 115 Ebd., S. 1199f. 116 Ebd., S. 1200. 66 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ung der irrationalen und ‚mythischen‘ Irrlehren des Imperialismus und Faschismus, unser Kampf für die Erhaltung und Sicherung des Friedens – das ist Geist von seinem Geist. Vor allem aber entspricht unser Kampf für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands, unser Verlangen nach einem gerechten Friedensvertrag und dem Abzug der Besatzungstruppen zutiefst den patriotischen Motiven, die Thomas Mann bestimmten, nicht diese oder jene Zone, sondern das ganze, unteilbare Deutschland zu besuchen.«117 Letztlich ließe sich formulieren, dass Harich in Thomas Manns Werken und Wirken das letzte Aufflackern des bürgerlichen Geistes ausmachte, der schon Goe the geprägt hatte. Aus marxistischer Sicht jene Mischung aus zutreffender und tiefgreifender sezierender Analyse der bürgerlichen Welt bei gleichzeitiger Verhaftung in dieser Sphäre, die Grenzen sehend, auch beschreibend, aber sie doch nur unter mühsamsten inneren Kämpfen (gleich der Loslösung von der Religion in früheren Jahrhunderten) überwinden könnend. Dieser wohlwollende und gleichzeitig sorgfältige Blick auf Thomas Mann war nun freilich nicht jener der amerikanischen Kommunistenjäger. Ganz im Gegenteil. Es ist hier nicht der richtige Ort, um die Entwicklung von Mann in Amerika nachzuvollziehen. Uns kann der Hinweis genügen, den Johannes R. Becher in seiner Laudatio gegeben hatte: »Wir danken Ihnen, Thomas Mann, dafür, dass Sie, der streitbare Humanist, als der Sie sich bewährt haben, offen aufgetreten sind, als es an der Zeit war, gegen die ‚Grundtorheit unserer Epoche‘, wie Sie den Antibolschewismus genannt haben; und dass Sie von vornherein die Notwendigkeit erkannt haben, das historische Phänomen der großen Russischen Revolution gerecht und sachlich zu würdigen. Ihr besonderes Verdienst, und wenn man es so nennen darf, Ihre hervorragendste literarische Note ist es, dass Sie mit dem Besten der deutschen Tradition das Beste der Weltliteratur in sich vereinigen, dass Sie wie kein anderer deutscher Schriftsteller die große russische Literatur in sich aufgenommen haben und auch auf diese Weise völkerverbindend und wegweisend geworden sind.«118 117 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1200f. 118 Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 419f. 67 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann So weit Johannes R. Becher. Die amerikanischen Kommunistenjäger sahen genau die gleiche Konstellation, selbstverständlich richteten sie aber keinen Empfang aus, sondern polierten die Gefängnisschlüssel. »Im Juni 1951 wurde Th omas Mann vor dem Repräsentantenhaus im Kongress als ‚one of the world‘s foremost apologists for Stalin and company‘ (dt. ‚einer der weltweit bedeutendsten Verteidiger Stalins und seiner Anhänger‘) bezeichnet. Zwar blieb ihm, anders als zum Beispiel Hanns Eisler und Bertolt Brecht, das Verhör vor dem House Committee for Un-American Activities erspart, doch er musste einsehen, das seine 1943 in dem Vortrag Th e War and the Future geäußerte Überzeugung, er sei ‚vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein‘, nicht mehr galt.«119 (Weil Brecht vor diesem Ausschuss aussagen musste, konnte er nicht am Ersten Deutschen Schriftstellerkongress teilnehmen, darauf haben wir bereits verwiesen.) Ziemlich genau ein Jahr später kehrte Mann, tief enttäuscht von der amerikanischen Entwicklung, nach Europa zurück, aber nicht nach Deutschland West oder Ost, sondern in die Schweiz. Seine amerikanische Staatsbürgerschaft behielt er bis zu seinem Tod.120 Ein kurzes Nebengleis: Als Th omas Mann in Weimar war, hatte Becher eine wichtige Sache mit ihm zu besprechen. »Seit seiner eigenen Ankunft war Becher um die Rückkehr Heinrich Manns bemüht«, Versuche, die seit 1946 (durch den Th üringer Kulturbund) dauerten. Denn weitaus stärker als sein Bruder Th omas war Heinrich wirklich ein Kommunist bzw. zumindest diesen sehr nahe stehend. Becher hatte große Pläne: »Den Romancier, der 1933 in der Preußischen Dichterakademie zum Rücktritt genötigt wurde, weil er zur Einheit von KPD und SPD aufrief, der in Paris dem Volksfrontausschuss vorstand und seit Jahren in Amerika, vom FBI streng überwacht, das Leben eines öff entlich 119 Valentin: »Steine in Hitlers Fenster.« 120 Hierzu: Detering: Th omas Manns amerikanische Religion. Briefmarke 1971 68 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Vergessenen führte, hoffte er für die Präsidentschaft einer neuen Akademie zu gewinnen.«121 In Weimar besprachen Thomas Mann und Becher Details der Rückkehr von Heinrich Mann, der in die SBZ/DDR kommen wollte, sobald sein Gesundheitszustand eine Schiffsreise erlaubte.122 Doch Mann starb in Amerika, bevor diese Übersiedlung zu Stande kam. 1961, einige Jahre später, wurde seine Asche nach Berlin überführt, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof fand er seine letzte Ruhe. 121 Dwars: Abgrund des Widerspruchs, S. 611f. 122 Hierzu: Dwars: Abgrund des Widerspruchs, S. 612f. Beisetzung der Urne mit Heinrich Manns Asche, Berlin, 25. März 1961, feierlicher Zug von der Deutschen Akademie der Künste zum Dorotheenstädtischen Friedhof 69 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher »Goe the haben wir es zu danken und denen, die sich zu ihm bekannten, dass in den Zeiten der Barbarei der Glaube an ein anderes Deutschland in der Welt sich aufrecht hielt, mehr noch in uns selbst hielt Goe the diesen Glauben wach.« Johannes R. Becher: Der Befreier. In einem Gespräch hat Harich nach der Wende die intellektuelle Situation der Jahre der SBZ/DDR rückblickend beschrieben: »Ja, also Lukács war ja 1945 bis 1950 durch den gewaltigen enormen Einfluss vor Becher die maßgebliche Instanz in der Beurteilung von Literaturgeschichte. Ganz offiziell, in keiner Weise oppositionell oder abwegig oder Dissident oder so was. Er war die Autorität, Papst will ich nicht sagen, Papst war Becher. (…) Wenn Lukács über irgend etwas nicht geschrieben hatte – keine Zeile –, dann wusste man nicht, wie man‘s zu beurteilen hat.«123 123 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 57. Johannes R. Becher im August 1951 70 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für seine Dissertation (Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft), dies sei (den letzten Satz) ergänzend angeführt, machte Harich in seinem Beitrag zur Lukács-Festschrift geltend: »Mancher Genosse rechnet es mir als Verdienst an, dass ich damit eine Lücke ausgefüllt hätte, ein Thema erörternd, das von Ihnen nicht behandelt worden sei. Stimmt das wirklich? Gewiss: Sie haben niemals ein Buch oder einen Aufsatz über Herder verfasst. Aber Ihre Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik im 18. Jahrhundert, ferner die Ausführungen, die Sie in Ihrem Werther-Essay über die inneren Widersprüche der Aufklärung und über den deutschen Rousseauismus machen, sodann Ihre Bemerkungen über die Problematik des Kampfes, den der alte Herder gegen die Weimarer Klassik führte, und schließlich die auf Herders Geschichtsphilosophie bezüglichen Stellen im Jungen Hegel fügen sich, wie ich glaube, genau zu dem zusammen, was ich nicht erst zu entdecken, sondern, diesen Fingerzeigen folgend, nur näher auszuführen und mit konkreten Belegen zu versehen brauchte. Es waren Ihre Hinweise, diese ganz knappen, beiläufigen Andeutungen, die mir in dem uferlosen und widerspruchsvollen Schaffen des genialischen Superintendenten von Weimar das Wesentliche markiert und mich zugleich auf die zentralen Fehler seiner bürgerlichen Interpreten aufmerksam gemacht hatten. So hatte ich während der Arbeit auch stets das Gefühl, im Grunde nichts anderes zu tun, als das Herderbild von Lukács zu reproduzieren.«124 Harich hat uns mit dieser Schilderung, zuvorderst mit der zuerst wiedergegebenen Aussage, ein Stichwort geliefert, bei dem kurz zu verweilen ist, bevor wir zum eigentlichen, hier gesetzten Thema zurückkehren. Zu beobachten ist das Zweigespann Becher und Lukács. Es konnte bereits gezeigt werden, wie die Faust-Studien von Lukács das Goe the-Bild der SBZ/DDR vorbereiteten bzw. antizipierten. Aber theoretisch gilt es, noch weiter zurückzugehen  – bis in die dreißiger Jahre. In dem Gedicht G. L. hatte Becher 1938 den damaligen Einfluss von Lukács auf die marxistische Literatur und Literaturwissenschaft (und auf sein eigenes Schaffen) poetisch verarbeitet und dargestellt: »Durchdringend bist du. Von dir aufgespürt, / Kann uns das Wahre wieder neu durchdringen. / Du 124 Harich: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 82. 71 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher zeigst uns an den Wert, der uns gebührt, / Du wägst uns fein Gelingen und Misslingen. (…) Was Würde ist der Dichtung, ihre Ehre / Hast du gelehrt und wieder eingesetzt. / Du lehrtest uns Durch-Sicht und Über- Sicht. / Wir wurden mündig erst in deiner Lehre. / Wir sagen Dank.«125 In die Festschrift zum Siebzigsten Geburtstag von Lukács hatte Becher das Gedicht erneut aufnehmen lassen. Ein Kompliment, Erinnerung an das gemeinsame Ringen in der Vergangenheit. An die Verpflichtung auf das Erbe in der Gegenwart. Was Lukács und Becher neben so manch anderem vereinte, war ihre Positionierung zu Goe thes Schaffen. Schon in den dreißiger Jahren hatte Becher Goe the als »Zentralgestalt des nationalliterarischen Erbes«126 bezeichnet, nun, nach dem Ende des Krieges, konnte diese Theorie endlich in Praxis umgesetzt werden. Maria Brosig führte aus, dass »für das Konzept eines neuen, sozialistischen Entwicklungsromans, wie es wesentlich durch Johannes R. Becher propagiert wurde, die Interpretation von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre durch Georg Lukács grundlegend« gewesen sei.127 Wie wichtig Lukács für Becher war, zeigt sich auch an einer Begebenheit, von der Harich in seinen Erinnerungen berichtet (im Gespräch mit Thomas Grimm) – ausgehend von der Feststellung der Tatsache, dass Lukács vor allem in Deutschland gewirkt hat, fast alle seine Werke in deutscher Sprache schrieb und von 1931 bis 1945 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen ist: »Johannes R. Becher wollte Lukács schon 1945 in Berlin haben als den führenden geistigen Kopf der demokratischen antifaschistischen Erneuerung der deutschen Kultur, der deutschen Kultur, um die ja das ganze Werk von Lukács kreist. Das hat Becher mir bei unserer ersten Zusammenkunft im Mai oder Juni 1945 gesagt: Den will ich hier haben, den brauchen wir hier, was soll der in Ungarn. Und Wilhelm Pieck ist auch dafür.«128 Obwohl Simone Barck in dem Aufsatz »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre« (das als Titel verwendete Zitat stammt aus dem Gedicht G. 125 Becher: G. L., S. 8 126 Leistner: Unruhe um einen Klassiker, S. 22. 127 Brosig: »Es ist ein Experiment«, S. 123. 128 Harich: Ahnenpass, S. 278f. 72 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe L. von Becher, aus dem gerade zitiert wurde) von 1975 auf die in der DDR notwendige, wenn er nicht gar völlig verschwiegen wurde, Kritik an Georg Lukács zurückgriff, zurückgreifen musste, so ist ihr doch zu attestieren, dass sie in ihrer Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Lukács auf Becher beiden Persönlichkeiten durchaus gerecht wurde. Die »produktive Haltung Bechers zur Wissenschaft« führte sie auf den Einfluss von Lukács zurück – ein in der DDR nach 1956 durchaus mutiger und solitärer Ansatz.129 (Auf die Verdammung von Lukács nach 1956 in der DDR ist an anderer Stelle einzugehen.) Becher, so Barck weiter, habe »mit besonderem Interesse die Arbeiten von Lukács über die deutsche klassische Literatur« verfolgt.130 Neben Schiller und Goe the ist dabei natürlich Friedrich Hölderlin zu nennen. Vereint waren beide durch den schon in den zwanziger und dreißiger Jahren aktuellen (und damals intensiv diskutierten) Kampf um die Aneignung des klassischen deutschen Erbes durch den Marxismus: »Die Bemühungen der sozialistischen Schriftsteller und Kritiker um die Erschließung des kulturellen Erbes hatte eine doppelte Funktion: Einerseits ging es um die Verteidigung des humanistischen Erbes gegenüber dem Faschismus und damit um die Gewinnung von Bündnispartnern, andererseits ging es darum, die revolutionäre sozialistische Literaturkonzeption in ihrem Verhältnis zum Erbe und den progressiven Traditionen auszuarbeiten.«131 Vor diesem Hintergrund vollzog sich, im russischen Exil, die Annäherung Bechers an Lukács: »Becher entdeckt jetzt vor allem Goe the für sich. Auf die Rolle der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion für diesen Prozess verweisend, schreibt er: ‚Es ist kein Zufall, dass ich hier in der Sowjetunion wieder den Dichtern der Klassik begegnete. (…) Hier feiert die klassische Dichtung eine Auferstehung voller Unmittelbarkeit und Lebendigkeit.‘ Angeregt besonders durch Lukács’ Arbeit Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the und die dort behandelten Probleme wie Inhalt-Form-Beziehung, Theorie der Genres greift Becher zu den the- 129 Barck: »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre«, S. 249. 130 Ebd., S. 265. 131 Ebd., S. 264f. 73 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher oretischen Äußerungen Goe thes. Insbesondere studiert er die realistischen Prinzipien des späten Goe the.«132 Für Becher war die Literatur wichtig. Dieser an sich banale Satz, gerade wenn es um einen Dichter und Schriftsteller geht, kann eigentlich nicht mit genug Ausrufungszeichen versehen werden. Durch die Literatur, durch Kunst und Kultur sollte der neue sozialistische Mensch entstehen, Humanität und Würde sich verbreiten, Barbarei und Faschismus für immer unmöglich werden. Es sei erlaubt, ohne große Reflexion, drei Zitate von Becher aus unterschiedlichen Kontexten wiederzugeben, die sein Verständnis von Literatur und Kultur illustrieren: In seiner Rede auf dem Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur (21. bis 25. Juni 1935, Paris) sagte Becher: »Die großen Güter der Vergangenheit, Befreiung des Erbes aus den Händen derer, die es widerrechtlich in Besitz genommen haben; Erbkriege um Traumbesitz: Dante, Giordano Bruno, Thomas Morus, Campanella, Cervantes, Shakespeare: Ehre und Nachfolge jenen großen Träumern der Menschheit, jenen von einer tiefen Sehnsucht beunruhigten Realisten, Verherrlichern der Bestimmung des Menschen, die, indem sie die Größe der menschlichen Leidenschaften schilderten, die Macht des Menschen, seine Würde, seine umstürzende Schöpferkraft priesen. (…) Ehre jenen Brecheisen in den Steinbrüchen der Menschheit, die in wahnwitziger Verblendung selbstmörderisch das tödliche Werkzeug oft gegen sich selbst wandten. Die Wahrheit braucht Freiheit.«133 In dem bereits erwähnten Aufsatz Wachstum und Reife lauteten 1937 die Schlussworte: »Unsere Dichtung steht im Zeichen der Überwindung. (…) Wachstum und Reife unserer Literatur messen wir danach, bis zu welchem Grad Dichter und Volk eins werden. Das Volk wächst.«134 132 Barck: »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre«, S. 266. Das Becher-Zitat aus: Becher: Wachstum und Reife, S. 188. Das »hier« bei der Zitat-Wiedergabe durch Barck ist etwas irreführend, die Auslassung lautet: »Während im Ausland die Klassiker vielfach zu leeren Museums-Figuren geworden sind oder zum Ausbeutungsobjekt einer Unzahl von Epigonen, feiert (…).« 133 Becher: Im Zeichen des Menschen und der Menschheit, S. 155. 134 Becher: Wachstum und Reife, S. 189. 74 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Schließlich, 1946, in dem Aufsatz Über Literatur: »Literatur ist für ein Volk eine Frage auf Leben und Tod. Literatur ist das höchstentwickelte Organ eines Volkes zu seiner Selbstverständigung und Bewusstwerdung. (…) Die Literatur wendet sich an den ganzen Menschen, sie hat vor allem auch die Macht, den Menschen bis ins tiefste Innerste hinein, bis in die Regionen des Unbewussten und des Unterbewusstseins zu erschüttern und umzugestalten. (…) Indem sie sich an den ganzen Menschen wendet, erzeugt Literatur im Menschen: Ordnung, Einheit. (…) Es gibt keine nationale Politik ohne Nationalliteratur.«135 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Literatur für Becher zuvorderst politische Literatur war, als solche zu wirken hatte. (Das hatte ja beispielsweise Hermlin in den späten vierziger Jahren kritisiert.)136 Und nicht nur sein eigenes schriftstellerisches Schaffen, auch seine Entwicklung nach 1945 dokumentieren diesen Anspruch. »Becher hatte als Mit- 135 Becher: Über Literatur, S. 224f. 136 Siehe: Hermlin: Bemerkungen zur Situation der zeitgenössischen Lyrik, S. 186-192. Johannes R. Becher mit Ivo und Margarete Hauptmann, rechts Hauptmanns Krankenschwester, bei der Beerdigung Gerhart Hauptmanns am 28. Juli 1946 75 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher begründer und Präsident des Kulturbundes in den Nachkriegsjahren eine wichtige, wenn auch umstrittene Rolle gespielt, die Kulturpolitik in ihrer Ausrichtung auf Klassik und Humanismus mitgeprägt und für sich den Platz als Staatsdichter beansprucht. Als Mitglied des ZK (ab 1950) wurde er ein Teil der Macht und geriet in die schwierige Lage, klassische und sozialistische Kultur und stalinistische Politik gleichzeitig zu vertreten. Zu seiner schwankenden Haltung kann als Erklärung dienen, dass er nach der Rückkehr aus Jahrzehnten des Getriebenseins, des Scheiterns, des Verstricktseins in die Macht, der Mitzeugenschaft bei der Liquidierung von mehr als der Hälfte des Berliner KPD-Büros in Moskau, keine Kraft und schon gar nicht den Mut mehr fand, auszuscheren.«137 Wenn man die naive psychologische Küchentisch-Deutung von Herzberg einmal außen vor lässt (Woher will ausgerechnet er das wissen?), zudem berücksichtigt, dass Becher beispielsweise in die Präsidentschaft des Kulturbundes ohne eigenes (nennen wir es) »Verschulden« oder bewusstes machtgieriges »Wollen« gedrängt wurde,138 so sehen wir eine überaus ambivalente Persönlichkeit – opportunistisch und euphorisch, verräterisch und treu, gewillt und willig. Sein Biograph Jens-Fietje Dwars hat der Darstellung und Interpretation dieser Widersprüche über 800 Seiten gewidmet.139 (Wir erwähnen das Buch hier auch deshalb, da es Dwars hoch anzurechnen ist, dass er sich in den neunziger Jahren so intensiv und tiefgreifend mit Becher auseinandersetzte – den Zeitgeist völlig außer acht lassend bzw. ihm bewusst entgegentretend.) 137 Herzberg: Anpassung und Aufbegehren, S. 101. 138 Siegfried Prokop, der sich um die Erforschung der Geschichte des Kulturbundes verdient gemacht hat, hat, zusammen mit Dieter Zänker, die entsprechenden Dokumente ediert. Siehe: Prokop/Zänker: Einheit im Geistigen? Dort auch eine ausführliche Einleitung: Prokop: Einführung, S. 8-62. Zum Kulturbund mit zahlreichen persönlichen Erinnerungen siehe: Schulmeister: Siegfried Prokop, unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs, S. 14-25. 139 Dwars: Abgrund des Widerspruchs. Von der Biographie existiert noch eine Kurzfassung für den Hausgebrauch, zudem veranstaltete Dwars verschiedene Editionen. Bedauerlicherweise hat Dwars das für uns wichtige Goe the-Jubiläum und Bechers dortige Rolle nur randständig behandelt. Bei seiner Darstellung Harichs reproduziert er leider nur die gängigen Klischees und Vorurteile. 76 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe So hinterließen auch die beiden bedeutenden historischen Zäsuren, 1953 und 1956, bei Becher ihre Spuren. Während des Arbeiteraufstandes, dies sei abschließend noch angemerkt, durchaus mit positiven Konsequenzen, aufrecht gehend, die Freiheit der Kultur verteidigend. 1956 mit den bekannten Unterwerfungsgesten, ängstlich, rückgratlos. Aber auch diese so oft gehörte und vorgetragene Einschätzung ist zu revidieren bzw. kritisch zu hinterfragen. Wolfgang Harich – ausgerechnet, möchte man fast hinzufügen – hat es getan. In dessen Nachlass findet sich ein Aufsatz, Zur Tragik Johannes R. B echers von 1991, in dem er versucht, Bechers Rolle in den politischen Kämpfen der damaligen Zeit zu verstehen. Schon 1955 sei Becher resigniert gewesen, da er sein großen Projekt der Verwirklichung der deutschen Einheit als gescheitert angesehen habe. »Er war da im Grunde bereits am Ende, seine Unterwerfung 1956/1957 eigentlich nur noch Agonie. Ihm dafür Nachsicht zu gewähren, ist heute zu wenig. Deutschland, meine ich, schuldet ihm Dank.«140 Diese Feststellung liegt durchaus auf der Linie Thomas Manns, der ja ebenfalls Bechers Patriotismus hervorgehoben hatte. Harich seinerseits war, das konnte herausgestellt werden, ein Verehrer Manns. Am 28. August 1949 redete Becher im Nationaltheater in Weimar – der Titel seiner Ausführungen lautete, mehr als nur programmatisch gemeint: Der Befreier. Das bisherige bürgerliche Debattieren über Goe the müsse aufhören, »dieses herkömmliche und unfruchtbar gewordene Gespräch« 140 Dies sind die Schlusssätze von Harichs Beitrag: Zur Tragik Johannes R. Bechers, Blatt 4. Johannes R. Becher begrüßt Thomas Mann in Eisenach, Schiller-Ehrung, 1955 77 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher sei zu unterbrechen, zu intensivieren wären die Bemühungen, »Goe the mit anderen, mit neuen Augen zu sehen«, kurz, wie der Untertitel seiner Ausführungen lautet: Von einem Neuen sei die Rede.141 In der DDR wurde dies von Ilse Siebert und Ingeborg Ortloff wie folgt kommentiert: »Man muss nur seine Goe therede lesen, um zu erfahren, wie weit er diesen Rang der Gestaltung erreicht hatte. Mit welcher Kunst entwickelt Becher dort ein neues Goe thebild, dass er sich in Jahrzehnten erarbeitete! (…) Die Sprache, in der dieses Goe thebild vor uns wächst, entspricht dem Aufbau, ist geschult an klassischem Geist und bereichert durch lebenslanges Mühen um klare Gedanken und Ausdruck. Und vor allem: Sie ist poetisch.«142 Die Sprache Bechers in seiner Goe the-Rede ist nun freilich ganz und gar nicht poetisch, sondern hölzern, abgehackt, den neuen Satz immer mit dem Schlusswort des vorhergehenden beginnend. Aber das ist noch nicht einmal das eigentliche Problem. Dieses muss im Umgang mit dem historischen Material gesehen werden (wie im Folgenden deutlich zu erkennen ist). Denn mit dem tatsächlichen, dem historischen Goe the hat die Goe the-Rede Bechers nichts zu tun. Erst durch die Verwirklichung des Sozialismus in der Sowjetunion und später dann auch durch die gesellschaftlichen Umbrüche in der sowjetischen Besatzungszone sei es, so Becher, möglich, »dem großen und dem guten Genius unseres Volkes eine Huldigung darzubringen, die ihm gemäß und seiner würdig ist«. Becher sprach von dem »Reich, das Goethe heißt« (es liege in der Zukunft, noch vor uns). Er ließ keinen Zweifel daran, dass er Goe the als einen Vorläufer des Sozialismus ansah bzw. in Beschlag zu nehmen trachtete. (Erst der Sozialismus rücke Goe thes Werk in »ein klärendes und lebensspendendes Licht«, während die bürgerlichen Interpreten »es der Wahrheit entrückten und es verdunkelten«.) 143 Als Marxist und Sozialist könne man Goe the endlich als Mensch begegnen, »in der ungezwungenen Haltung freier Menschlichkeit. Das besagt, dass geschichtliche, gesellschaftliche Veränderungen erfolgt sind, welche die Grundvoraussetzung dafür bilden, eine ungezwungene Haltung freier 141 Becher: Der Befreier, S. 302f. 142 Siebert/Ortloff: Nachwort, S. 446. 143 Becher: Der Befreier, S. 302f. 78 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschlichkeit gegenüber den großen Persönlichkeiten und Begebenheiten der Geschichte einzunehmen. (…) Durch die Neugestaltung unserer Lebensform und durch das neue Leben, das wir hier zu leben begonnen haben, wurde unser Blick in einem unvergleichlichem Maße weiter geöffnet als bisher, nicht nur den Schwächen und den Verbrechen der Vergangenheit gegenüber, sondern auch für all das Schöne und Herrliche dieser Welt, und so sind wir auch im Stande, eine Gestalt wie Goe the tiefer und umfassender zu erkennen, als es den Generationen vor uns möglich gewesen ist.«144 Es ist ein schier unglaubliches Feuerwerk, welches Becher in seiner Rede entfaltete, um Goe the für den Sozialismus als Autorität hochzustilisieren. Es geht an dieser Stelle nicht darum, den Wahrheitsgehalt seiner verschiedenen Titulierung und Formulierungen zu überprüfen. Jeder, der sich etwas mit Goe the auskennt, kann den teilweise hanebüchenen Unfug sofort erkennen. Viel spannender und interessanter ist es zu sehen, welche Hoffnungen und Wünsche, welchen überschießenden utopischen Gehalt (um mit Bloch zu reden) Becher dem Sozialismus zuschrieb und dann in einem weiteren Schritt auf Goe the, in dessen Werke projizierte. Eine Aufzählung mag verdeutlichen, was eigentlich nicht zusammengefasst werden kann:145 • »Wie weit in Goe the die Menschheit fortgeschritten war (…).« (S. 305) • »In Goe the glühte die Renaissance nach, und in ihrem Schein widerspiegelte sich ihm die Antike.« (S. 310) • Goe the habe jeder Art von Volkspoesie und nationalem Liedgut positiv und freundschaftlich gegenüber gestanden. (S. 360, 310) • »Goe thes Ideale waren konkrete, Goe thes Menschenbild war kein abstraktes, Goe thes Humanismus war real.« (S. 313) • »Das ganze Werk Goe thes, kann man wohl sagen, drängte auf eine Vereinigung Deutschlands.« (S. 313) • Goe the sei der »große Menschheitserzieher«. (S. 322) Der »Künder einer neuen Menschenlehre«. S. 325) 144 Becher: Der Befreier, S. 303f. 145 Angaben nach: Ebd. Seitenzahlen im laufenden Text in Klammern. 79 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher • In der »genialen Selbstgestaltung Goe thes« sei »eine Antizipation, eine Vorwegnahme der Lösung wichtigster Menschheitsprobleme zu erblicken«. (S. 323) • »Er war Visionär, Elegiker, Idylliker«, »meisterhafter Prosaist, Romancier, Erzähler und Novellist in einem«. (S. 324) • »Wenn ein deutscher Dichter je ein diesseitiger war, so war es Goe the.« (S- 330) • »Goe the war der große deutsche Lobgesang des Lebens.« (S. 330) • »Unendlich überstieg der Mensch Goe the den deutschen Menschen, wie er uns vor der Geburt Goe thes entgegentritt.« (S. 335) • »Goe thes Werk ist das große humanistische Friedens- und Befreiungswerk der Deutschen.« (S. 335) Natürlich könne der bürgerlichen Gesellschaft nicht abgesprochen werden, dass sie versucht habe, ernsthaft an Goe the anzuknüpfen. Aber nur zwei Dichtern sei es gelungen, dessen Vermächtnis weiterzuführen: Gottfried Keller und Heinrich Heine.146 Und diesen beiden korrespondiere auf der anderen Seite, als Gegenpol, die Beschwörung des Bösen und der Katastrophe durch Friedrich Nietzsche. »Nicht Goe the wurde das Vorbild. Sondern Nietzsche wurde der Abgott. Welch ein Abfall!«147 Es gebe keine Frage, keine Facette, in der sich nicht der Geist von Goe the und Nietzsche konträr gegenüberstünden. Diese Nietzsche-Kritik war nach der deutschen faschistischen Katastrophe in der sowjetischen Besatzungszone ein wichtiger Bestandteil der kulturellen und geistigen Erneuerung. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurde dieser Konsens dann brüchig, am Ende der DDR stand Harich allein und auf verlorenem Posten, als er gegen die von ihm geortete Nietzsche-Renaissance in der DDR vorging und dabei an Lukács (und auch Becher) erinnerte. Anne Harich, seine Frau, hat diese Konstellation in den Mittelpunkt ihrer Erinnerungen – Wenn ich das gewusst hätte – gestellt. (Wir kommen auf dieses Thema zurück.) 146 Hierzu: Becher: Der Befreier, S. 306ff. 147 Ebd., S. 307. Becher sprach bei Nietzsche vom »trunkenen Nihilismus«, vom »Sadismus«, von der »Grausamkeit und Lust am Bösen« etc. (Ebd., S. 308) 80 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für den jungen Goe the sei die Begegnung mit dem Werk von Rousseau, mit dessen Ansichten von der Natur und dem natürlichen Menschen, maßgeblich gewesen.148 In seinem Alterswerk habe er diese Überlegungen dann aktualisiert. Erst auf diese Weise konnte er sich der Herausforderung seiner Epoche stellen, den Menschen vom Mittelalter zu befreien und den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft aufzuzeigen. »Goe the befreite uns damit auch von der Vorstellung, dass das Weltgeschehen von einer blinden Notwendigkeit beherrscht werde und dass dem Menschen nichts anderes gegeben sei, als sich willenlos dem Walten dieser geheimnisvollen Mächte zu unterwerfen. (…) Der Mensch als Gestalter seines Schicksals, keine andere Macht über ihm, und bestätigt fühlte sich Goe the auch durch den Ausspruch Napoleons, dass an Stelle des Schicksals die Politik getreten sei.«149 Die Konsequenzen, die Becher aus dieser Feststellung zog, sind freilich bar jeder historischen Wahrheit, sind schlichtweg Quatsch: »Es ist der Geist der Französischen Revolution, der ihn ergriffen und der ihn in seinen wesentlichen Zügen gestaltet hat und dessen Verkörperung er geworden ist wie keiner unter allen Deutschen. Dabei ist es unerheblich, wie er sich selbst da und dort, durch irgendwelche Eingebungen und Launen bestimmt, zu dem Ereignis der Französischen Revolution geäußert hat. Sein Wesen ist mit diesem Ereignis so zutiefst und auf Gedeih und Verderb verbunden, das, wie wir sehen werden, der Verrat der Französischen Revolution durch das deutsche Bürgertum zugleich auch den Niedergang seiner Wirkung bedeutet.«150 Man muss richtig stellen: Goe the hat sich nicht hier oder dort eventuell einmal nebenbei kritisch zur Revolution geäußert, sondern er hat sie vom ersten bis zum letzten Tag in allen ihren Äußerungen, in allen theoretischen und praktischen Manifestationen abgelehnt, kritisiert, verdammt. (Was Becher macht, das ist fast so, als würde man Martin Luther statt Thomas Müntzer zum Führer im deutschen 148 Zu Rousseaus Rezeption in der DDR-Philosophie und den DDR-Wissenschaften siehe: Bach/L‘Aminot: Rousseau et l‘Allemagne. Einen guten Überblick bieten: Bach: Rousseau  – réception et actualité, S. 11-23. Heyer: Ein Schmuddelkind der DDR-Philosophie. Dort alle weiterführenden Hinweise. 149 Becher: Der Befreier, S. 309f. 150 Ebd., S. 311. 81 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher Bauernkrieg erklären.) Und schließlich ist zu fragen, ob sich das deutsche Bürgertum nicht auch deshalb von der Französischen Revolution abwendete, weil seine Wortführer, Goe the und Schiller, mit jeder einzelnen Lebensäußerung eben dies zu tun empfahlen, befahlen. (Schiller sogar noch ausgestattet mit der Ehrenbürgerwürde der frühen Revolution, ein eklatantes Missverständnis der Geschichte.) Im besten Fall verwechselte Becher also Ursache und Wirkung. Immerhin, es sei ergänzt, hatte offensichtlich selbst Becher mit diesen Formulierungen Bauchschmerzen. So sprach er, das kam von Lukács, von der Schwäche des Bürgertums und sah diese deutsche Misere auch in Goe the wirksam.151 Noch einen Schritt weiter gedacht, erneut das Gegenteil vom gerade Gesagten behauptend, holte Becher dann zu der These aus: »Wie illusionslos war er, wie vertraut war er mit dessen Grenzen und Krisen, wenn er vom deutschen Bürgertum sprach und von dessen Unfähigkeit, zu Harmonie und Freiheit zu gelangen. (…) Goe the war kein Utopist. Er war allzu sehr Realist, um nicht billige Wunschbilder sich vorgaukeln zu lassen (…). So war er weder Pessimist noch Optimist, er war bald der eine, bald der andere, je nachdem die Wirklichkeit zu Pessimismus oder zu Optimismus Anlass gab.«152 Als Pessimist-Optimist, je nachdem, habe Goe the »an Deutschland gelitten wie kaum einer« und sich deswegen im Alter von der Gesellschaft zurückgezogen, von ihr distanziert:153 »Was blieb ihm übrig in dieser deutschen Misere, von Westen her nur erhellt wie von einem Wetterleuchten, was blieb ihm übrig, als einen Teil seines Wesens diesen unerquicklichen Verhältnissen zum Opfer zu bringen, wollte er nicht Hölderlins Schicksal teilen, dessen Traum von deutscher Freiheit im Irrenhaus endete.«154 Goe the habe sich zur Menschheit als Ganzes bekannt. Das Einzelne sei verwerflich, die Individualität problembehaftet. Es sei eine der zentralen Erkenntnisse Goe thes, »dass alle Menschen die Menschheit ausmachen« und »dass der Mensch des Menschen bedarf, um sich zum 151 Hierzu: Becher: Der Befreier, S. 311f. 152 Ebd., S. 315. 153 Ebd., S. 316. 154 Ebd., S. 317. 82 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschen auszubilden«.155 Daraus folge die Notwendigkeit einer vernünftigen Ordnung menschlicher Beziehung. Nicht zuletzt bedürfe es dieser gemeinsamen Anstrengungen und der gemeinsamen Arbeit, um die Aneignung der Natur als »vordringlichste menschliche Aufgabe« permanent voranzutreiben.156 Alle diese Aussagen, so falsch sie sind (die letzten zwei, drei Äußerungen Bechers in diesem Absatz sind tatsächlich teilweise zutreffend), drängen in Richtung Aktualisierung. Eine Goe the-Renaissance, wie sie im Osten seit der Russischen Revolution sich anbahne und nun in der sowjetischen Besatzungszone einen vorläufigen Höhepunkt erreiche, sei »gleichbedeutend mit dem Wiederauferstehen unseres Volkes«. Freie Menschen, und nur diese, könnten den Freiheitsprediger Goe the würdigen: »Der freie Mensch, dass freie Volk auf freiem Grund ist die Forderung unserer Epoche geworden, aus der Forderung der Epoche Goethes hervorgehend. Dem Licht im Westen, das zur Zeit Goe thes aufging, ist in unserem Zeitalter der Glanz gefolgt, den die Russische Revolution über uns ausstrahlte. Unser Blick in die Zukunft ist nicht verhängt, wie es der Goe thes war, denn nicht nur eine neue Klasse ist hinter dem Bürgertum aufgestiegen, diese Klasse hat sich auch zur Nation konstituiert in der Sowjetmacht, und es braucht uns nicht bange zu sein, die wir den Triumph der freien Menschen und der freien Völker auf freiem Grund herbeisehnen.«157 Wir können an dieser Stelle die Analyse und Wiedergabe der Ausführungen Bechers beenden. Dessen Rede gipfelte in einem seitenlangen (wahrscheinlich ca. 30 Minuten Redezeit) Appell an die neue deutsche sozialistische Jugend, im Zeichen Goe thes Deutschland zu erneuern.158 Wer ein paar Seiten Goe the gelesen hat, der fragt sich jetzt natürlich, was mit Becher los war, dass er die Auferstehung der höfischen Aristokratie in der sowjetischen Besatzungszone forderte – denn das wären ja die Zeichen Goe thes. Aber in Bechers Rede beschäftigte sich so gut wie kaum eine Zeile mit dem eigentlichen, dem verbürgten Goe the. Sondern es ging, wir haben dies bereits gesagt, darum, die Ideale des Sozialismus (die heute im- 155 Becher: Der Befreier, S. 326f. 156 Ebd., S. 330. 157 Ebd., S. 336f. 158 Hierzu: Ebd., S. 336-341. 83 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher mer noch Bestand haben, sich in der DDR aber als leere Versprechungen entpuppten) auf ein Phantasiebild Goe the zu projizieren. Nur in diesem Sinne kann die Rede Bechers gelesen werden, ansonsten hätte auch ihm das Schicksal Hölderlins, mit dem er sich so gern beschäftigte, als Warnung entgegengesetzt werden müssen. Aufbahrung von Johannes R. Becher am 14. Oktober 1958, stehend von links: Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Kurt Stern, Arnold Zweig, Jeanne Stern, Stefan Heym Werbung für die »Neue Welt« in der »Täglichen Rundschau«, 1949 85 5. Goe the an neuen Ufern Von 1946 bis 1950 wirkte Wolfgang Harich als Journalist für die Tägliche Rundschau.159 Sein erster Artikel erschien am 28. Juli 1946  – Und noch einmal: Ernst Jünger, kurz darauf folgte Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«. Wegen ihrer ideologisch-politischen Ausrichtung hatten (vor allem die gerade genannten) Texte Harichs den Bruch mit der französisch lizenzierten Zeitung Der Kurier hervorgerufen, für die er zuvor tätig gewesen war. Zeitlich parallel knüpfte Harich bereits Kontakte zu den russischen Kulturoffizieren. Dabei ging es um seine Pläne und seine Rolle bei der Neugründung der Weltbühne. Wolfgang Schivelbusch hat in der lesenswerten Monographie Vor dem Vorhang die entsprechenden damaligen Diskussionen nachgezeichnet und detailliert rekonstruiert, warum Harich scheiterte.160 Aber Harichs Niederlage bei dem Versuch, maßgeblicher Redakteur der Weltbühne zu werden, hatte positive Folgen. So schrieb er bis in die fünfziger Jahre nicht nur ca. vierzig Artikel für die Weltbühne, sondern die Vertreter der sowjetischen Militäradministration in der SBZ hielten sozusagen ein Trostpflaster für ihn parat: Die Anstellung bei der Täglichen Rundschau.161 159 Eine Auswahl der Artikel Harichs wurde gerade ediert. Siehe: Harich: Frühe Schriften, Bd. 2, S. 1013-1218. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Harich als Journalist der Täglichen Rundschau, S. 999-1012. Außerdem: Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 110-121. 160 Schivelbusch: Vor dem Vorhang. 161 Siegfried Prokop stellte heraus, dass Harichs »Freunde und Gönner in Karlshorst« den Übergang vom Kurier zur Täglichen Rundschau forcierten, Harich also 86 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für Harich war diese Konstellation vorteilhaft. Er intensivierte in den Jahren der SBZ/frühen DDR seine Kontakte zu den russischen Kulturoffizieren, auf privater, freundschaftlicher und beruflich-kollegialer Ebene, die ihm zwar im November 1956 bei seiner Verhaftung durch Ulbricht nicht mehr helfen konnten, bis zu diesem Zeitpunkt aber überaus nützlich waren: Sie öffneten Türen, halfen ihm bei Diskussionen (beispielsweise bei dem Streit um seine Hegel-Interpretation an der Berliner Humboldt-Universität)162, stärkten seine Rolle im Berlin der Nachkriegszeit. Sicherlich war es auch dieser Konstellation geschuldet, dass Harich neben Anna Seghers und anderen zu der Delegation der deutschen Schriftsteller gehörte, die 1948 knapp einen Monat lang die Sowjetunion besuchte. In der Anklageschrift gegen Wolfgang Harich (nach dessen Verhaftung im November 1956) stellten Staatssicherheit, Partei und Staatsanwaltschaft Harichs Laufbahn mit knappen Worten (und zudem verschiedenen inhaltlichen Fehlern in der Gesamtkonzeption) wie folgt dar: »Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes im Mai 1945 war der Beschuldigte Harich kurze Zeit in der Bezirksverwaltung in Berlin-Wilmersdorf tätig und wurde persönlicher Referent des Präsidenten der neugebildeten Kammer der Kunstschaffenden, die ihren Sitz in Berlin-Charlottenburg, Schlüterstraße 45 hatte. Diese Stellung gab er im Herbst 1945 auf und nahm eine Anstellung bei der französisch lizensierten Tageszeitung Der Kurier als erster Theaterkritiker an. Wegen fortgesetzten Differenzen mit dem französischen Zensur-Offizier, Oberst Ravour, wechselte er im Juli-August 1946 zur Redaktion der Täglichen Rundschau über. Bei dieser Zeitung war er bis Frühjahr 1950, erst als erster Theaterkritiker, dann als Leiter der Abteilung Theorie und Propaganda, tätig. Seit 1950 ist er als freischaffender Lektor am Aufbau Verlag in Berlin, V 8, Französische Straße 32, tätig gewesen und ab Herbst 1954 war er in diesem Verlag als Cheflektor für Klassikerausgaben, Philosophie und Literaturkritik angestellt.«163 eine Alternative anboten. Prokop: Ich bin zu fr üh geboren, S. 41. Das lässt sich allerdings in der gemeinten Deutlichkeit nicht belegen. 162 Die entsprechenden Texte und Debatten präsentiert der Band: Harich: An der ideologischen Front. Siehe zudem die Einblicke und Hinweise von: Eckholdt: Begegnungen mit Harich. 163 Harich: Aus der Anklageschrift gegen Harich, 1957, S. 152. 87 5. Goe the an neuen Ufern Und weiter heißt es: »Im Jahre 1946, und zwar im Juni dieses Jahres, wurde Harich Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Da er sich durch Selbststudium gute philosophische Kenntnisse angeeignet hatte, wurde er 1948 zu einem sechsmonatigen Dozentenlehrgang für dialektischen und historischen Materialismus an der Parteihochschule ‚Karl Marx‘ in Kleinmachnow delegiert, dessen Abschlussprüfung er mit dem Prädikat ausgezeichnet bestand. Danach führte er einen Lehrauftrag für marxistische Philosophie an der pädagogischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität durch, indem er dort bis 1951 Vorlesungen über dialektischen und historischen Materialismus hielt und die gesellschaftswissenschaftlichen Prüfungen leitete. In der gleichen Zeit hatte Harich eine wissenschaftliche Aspirantur für Philosophie an der Humboldt-Universität inne, die er im September 1951 mit dem Staatsexamen und der Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie abschloss. Da Ende 1951 an der Humboldt-Universität ein philosophisches Institut eröffnet wurde, hat Harich an diesem Institut eine Professur für Geschichte der Philosophie, neben seiner freischaffenden Tätigkeit am Aufbau Verlag, bis 1954 wahrgenommen. Seitdem er als Cheflektor beim Aufbau-Verlag angestellt ist, hat er nur noch von Zeit zu Zeit freiberufliche Vorlesungen an der Humboldt-Universität gehalten. Mit der Gründung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Jahre 1953 wurde er auch Chefredakteur dieser Zeitschrift und war als solcher bis zu seiner Festnahme tätig.«164 Im Verlag der Täglichen Rundschau erschien nicht nur die gleichnamige Zeitung, sondern auch alle zwei Wochen die Neue Welt, ein Periodikum, in dem viele theoretische und wissenschaftliche Fragen des Marxismus behandelt wurden. Mit dem klaren Auftrag der Darstellung der offiziellen sowjetischen Position zu verschiedenen tagesaktuellen, aber auch historischen und philosophiegeschichtlichen Fragestellungen. Die Bandbreite reichte von der Interpretation der Werke der »Klassiker« (der echten und der angeblichen) bis zur Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus und der Aufstellung/Klarstellung der Dogmen. Besondere Bedeutung kam 1949 der Zelebrierung des Goe the-Jubiläums zu, wobei die russischen Kulturoffiziere versuchten, über die An- 164 Harich: Aus der Anklageschrift gegen Harich, 1957, S. 153. 88 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe eignung des literarischen und philosophischen deutschen Erbes den Schulterschluss mit der sozialistischen und fortschrittlichen Intelligenz in Nachkriegsdeutschland herzustellen. Wenn sich die SBZ, die russischen Kulturoffiziere, die kulturellen Eliten der jungen DDR zu Goe the (und zu anderen Künstlern, Theoretikern etc.) bekannten, dann war dies ihrem Verständnis nach ein deutliches »Ja« zum humanistischen Erbe der deutschen Vergangenheit. Goe the repräsentierte für sie jene deutsche Kultur, die von den Nazis verfälscht werden musste, um rezipiert werden zu können. Jene Kultur, durch deren Popularisierung ein wichtiger Baustein gewonnen sei, Krieg und Faschismus auf deutschem Boden für immer zu verhindern. Vermittelt über die Ausgestaltung des Goe the-Jahres kam es zu einer Öffnung der Neuen Welt für die sich herausbildenden ostdeutschen Literaturwissenschaften sowie die entstehende eigenständige marxistische Philosophie der SBZ/DDR. In seinem von der Staatssicherheit aus dem Verkehr gezogenen Hegel-Aufsatz von 1956 sprach Harich dann von den »schönen Würdigungen Goe thes, die in den Nachkriegsjahren in der Sowjetunion entstanden sind«.165 Die Rezeption der »Klassiker« der deutschen Kultur in der SU sei vorbildlich und richtungsweisend. Ähnlich äußerte er sich auch in den Gleichschaltungs-Artikeln in der Weltbühne von 1948, in denen er ein überaus positives Bild der Pflege der deutschen Kultur in der Sowjetunion entwarf.166 Zu diesem, noch nicht einmal durch das bittere Leid durch den Nationalsozialismus getrübten Prozess der Aneignung der progressiven Teile des deutschen bürgerlichen Kulturerbes durch die SU stehe das philosophische Erbe-Verständnis der offiziellen DDR-Politik fast schon im Gegensatz, so Harich weiter. In dem gerade erwähnten Hegel-Aufsatz von 1956 heißt es: »Um es zugespitzt zu sagen: Wenn unsere Politiker sich hätten verhalten wollen wie einige unserer Philosophen, so hätten sie die Parolen der Nationalen Front aus gewissen übertemperierten Kriegsartikeln von Ehrenburg abschreiben müssen. Zum Glück haben unsere Politiker 165 Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 189. 166 Harich: Gleichschaltung?, S. 582-585; Gleichschaltung? II, S. 615-619; Gleichschaltung? Schluss, S. 664-668. Weitere Artikel zu diesem thematische Komplex erschienen in der Täglichen Rundschau. 89 5. Goe the an neuen Ufern das nicht getan, aber leider sind sie auch nicht ganz unbeteiligt daran, dass wir in der Deutschen Demokratischen Republik zwar großartige Goe theund Schiller- und Bach-Jubiläen gefeiert haben (bei denen die Aneignung des Erbes nicht immer sehr kritisch war), aber vom 225. Geburtstag Kants im Jahr 1949 und vom 120. Todestag Hegels im Jahr 1951 kaum Notiz nahmen. Wir müssen den Freunden der klassischen deutschen Philosophie in ganz Deutschland – auch denen und gerade denen, die wir von der Fruchtbarkeit der marxistischen Methode in der Philosophiegeschichte erst noch überzeugen wollen – offen einbekennen, dass das Fehler waren, die mit einer sozialistischen Einstellung zu Kant und Hegel nichts zu tun haben, und müssen überzeugend die Ursachen dieser Fehler aufdecken.«167 Doch dies war schon Rückblick – die Zeit lief damals rasend schnell. Einige Jahre vorher überwog die Euphorie, die Begeisterung für das Neue und den großen Aufbruch. Um sich die Rolle und die Aufgaben der Täglichen Rundschau und der Neuen Welt zu vergegenwärtigen, bietet es sich an, die Selbstdarstellung der DDR zu Rate zu ziehen (mit wachsamen, prüfenden Augen selbstverständlich), genauer gesagt den dritten Band der die Historie im ideologischen Auftrag mehr als nur verfälschenden Darstellung Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR ,168 jene abstruse Publikation, die es ja beispielsweise fertig bringt, mehrere Autoren Harich kritisieren zu lassen, ohne dass diese dessen Werke gelesen haben. Dort gibt es im ersten Teil Marxistisch-leninistische Philosophie und antifaschistisch-demokratische Umwälzung (1945-1949) neben der obligaten Kritik des Existenzialismus (die von den nicht ganz so plumpen Analysen von Lukács oder Georg Mende zu unterscheiden ist) oder der Darstellung des dialektischen und historischen Materialismus das Kapitel Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit bei der E ntwicklung der mar xistisch-leninistischen Philosophie.169 Vera Wrona, die verantwortliche Autorin, stellt darin in DDR-typischer Vermischung von Produktionsstatistik und »Interpretation« (in die- 167 Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 195. 168 AdW: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Band III: Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre. 169 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 147-173. 90 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sem Kontext ein eigentlich zu freundliches Wort) nach der Darstellung der Editionsarbeit russischer Verlage mit Blick auf die »Klassiker« fest: »Weitgehende Unterstützung leistete die SMAD bei der Verbreitung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, vor allem auch mit den von ihr herausgegebenen Publikationsorganen, der Täglichen Rundschau170, die als erste Tageszeitung im Nachkriegsdeutschland erschien, und der theoretischen Zeitschrift Neue Welt171, die zweimal monatlich erschien. Beide Publikationsorgane wurden bis 1954/1955 verlegt. Bis Ende des Jahres 1948 wurden sie auch in den westlichen Besatzungszonen verbreitet. Maßgeblicher Einfluss auf die politisch-ideologische, weltanschauliche und kulturell-geistige Bildung und Erziehung ging von der Zeitschrift Neue Welt aus. Anfangs erschien sie in einer Auflage von 10.000, bald darauf von 50.000 Exemplaren.«172 Auch zu der ideologischen Aufgabenstellung der Zeitung sowie der dazugehörigen Zweiwochenschrift nahm Wrona im Parteiauftrag Stellung: »Das Ziel, dass sich die Redaktion stellte, bestand darin, ‚weite Kreise der Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit dem sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Sowjetunion bekannt zu machen.‘173 Die Zeitschrift veröffentlichte Artikel sowjetischer Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller sowie in zunehmendem Maße auch Beiträge deutscher Autoren. Die außerordentlich hohe politisch-ideologische und theoretische Wirksamkeit der Zeitschrift Neue Welt beruhte vor allem darauf, dass durch aktuelle und auf hohem wissenschaftlichem Niveau stehende Beiträge eine breite Skala weltanschaulicher Fragen beantwortet wurde. Eine große Rolle spielten dabei vor allem jene Beiträge, die, ausgehend von der weltgeschichtlichen Rolle der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, das Wesen der sozialistischen Gesellschaftsordnung 170 Originalfußnote: Tägliche Rundschau. Der erste Untertitel lautete: Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung; nach kurzer Zeit wurde dieser in Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur umbenannt. Die Erscheinungszeit war: 15. Mai 1945 bis 30. Juli 1955 im Verlag Tägliche Rundschau Berlin. 171 Originalfußnote: Neue Welt (Halbmonatsschrift), Erscheinungszeit Mai 1946 bis Dezember 1954 im Verlag Tägliche Rundschau Berlin. 172 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 149f. 173 Originalfußnote: Neue Welt, 1946, Heft 1, S. 2. 91 5. Goe the an neuen Ufern in der Sowjetunion, ihre geschichtlichen Errungenschaften und ihre Pionierrolle im Kampf um den geschichtlichen Fortschritt zum Gegenstand hatten. Dabei wurde ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis nicht nur der sozialökonomischen, politischen und militärischen Ursachen des Sieges der Sowjetunion über den faschistischen Aggressor, sondern auch der moralischen Überlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung gegen- über dem Faschismus und jeglicher Ausbeuterordnung geleistet. Durch die Propagierung vieler Artikel zu Grundfragen der marxistisch-leninistischen Philosophie und Weltanschauung beeinfl usste die Neue Welt wesentlich den von der revolutionären Partei der deutschen Arbeiterklasse geführten Kampf, den dialektischen und historischen Materialismus im Bewusstsein der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen fest zu verankern. Sie erfüllte eine große Aufgabe bei der Verbreitung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und trug wesentlich zu der ideologischen Umwälzung bei, die im Prozess der antifaschistisch-demokratischen Umgestaltung in der sowjetischen Besatzungszone vollzogen wurde.«174 174 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 150f. Modeillustration (oben) und »Wir lernen Russisch« in der Täglichen Rundschau (rechts) 92 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Soweit die offizielle Darstellung. Die betonte ideologische Wirksamkeit beider Publikationsorgane ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade auch in der Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR wird immer wieder aus Artikeln der Neuen Welt zitiert, die in der Tat den Charakter offizieller Verlautbarungen hatten. Die Tägliche Rundschau und die Neue Welt besaßen im Prinzip eine doppelte Funktion: Sie setzten die Themen und sie besetzten diese auch. Aus dieser Konstellation resultierte dann ihre Vorreiterrolle. Mit Blick auf die Etablierung der DDR-Philosophie durch die permanente Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Philosophie schrieb Norbert Kapferer: »Im Jahre 1946 waren der Aufbau und die vom SMAD herausgegebene Neue Welt die einzigen Zeitschriften in der SBZ mit philosophischem Profil. Während man sich im Aufbau aus Gründen der ‚Überparteilichkeit‘ mit der Propagierung des Marxismus, gar eines Marxismus-Leninismus, zurückhielt, wurde in der Neuen Welt die Philosophie des dialektischen und historischen Materialismus stalinistischer Provenienz schon 1946 offensiv verbreitet. Ab 1947 gingen die Autoren der Neuen Welt, zumeist sowjetische Philosophen, zum offenen Angriff auf die ‚bürgerliche Philosophie‘ über. Im selben Jahr gab auch das erste theoretische Organ der SED, die Einheit, seine bis dahin geübte philosophische Selbstbeschränkung auf und schaltete sich, nachdem 1946 fast ausschließlich politische Themenstellungen bearbeitet worden waren, in die philosophische Diskussion ein.«175 Abschließend sei, diese kurze Vermessung komplettierend, noch auf den Aufsatz Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung von Hans-Christoph Rauh, der sich um die Erforschung der DDR-Philosophie und der DDR-Nichtphilosophie mehr als nur verdient gemacht hat, hingewiesen. Seine Analyse erbrachte (bei der Auswertung der Zeitschriften Aufbau, Einheit und Neue Welt) das Ergebnis, dass die »geistig-philosophische Entnazifizierung« in letzter Konsequenz zu einer »unvorstellbar totalen sowjetrussischen Stalinisierung der ostdeutschen Philosophieanfänge« führte.176 Weiter heißt es bei Rauh: »Und in den ersten Nachkriegsjahren war 175 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 13. 176 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung etc., S. 89. 93 5. Goe the an neuen Ufern es natürlich wiederum vor allem die sowjetrussische Besatzerzeitschrift Neue Welt, die in allererster Linie nicht einfach nur ausführlich informierend, sondern bereits grundsätzlich richtungsweisend orientierend, zum Beispiel fortlaufend über die einzigartige Entwicklung des ‚philosophischen Lebens in der UdSSR‘ berichtete. (…) Wie jedoch sehr bald offenbar wurde, reduzierte sich diese Berichterstattung zunehmend immer eingeschränkter, schließlich (…) bis in ihre normierte Sprache hinein einfach nur auf dogmatisch-verschulte, lehrbuch-‘philosophische‘ Weiterbildungskurse und Themen, absolut ohne jeden wirklichen Erkenntnisgewinn (…).«177 Diese Versuche der allumfassenden sowjetischen Durchdringung jedweder politischer, aktueller und philosophischer Fragestellung führte auch zur Adaption »typisch deutscher« Themen. (Wobei freilich nicht unterschlagen werden darf, dass sich viele der sowjetischen Kulturoffiziere tatsächlich und ernsthaft für die deutsche Kultur und Philosophie interessierten, dass Schiller, Goe the, Heine und Hegel eine zweite Heimat gefunden hatten – während die faschistische Barbarei tobte.) Rauh führt aus: »Nicht unerwähnt soll hier bleiben, dass das sowjetische Besatzerorgan Neue Welt 1948/1949 es sich nicht nehmen ließ, besonders ausführlich der (allerdings gescheiterten) deutschen bürgerlichen März-Revolution 1848 (aber es ist ja zugleich das eigentlich entscheidende 100. Erscheinungsjahr des proletarisch-revolutionären Kommunistischen Manifests von Marx und Engels) zu gedenken, und dem bald nachfolgenden Goe the- Jubiläum 1949 beide August-Hefte gewidmet wurden, wobei in großer sowjetisch-ostdeutscher Gemeinsamkeit (die zahlreichen Sowjetautoren sind hier unaufzählbar) neben einem wichtigen Beitrag von Ernst Bloch – als Erstautor in einer ostdeutschen Zeitschrift überhaupt178 – zum Faust- 177 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung etc., S. 89. 178 Blochs Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozial-Utopien war nach dem Druck im New Yorker Aurora-Verlag bereits im Aufbau-Verlag erschienen. Wie auch bei Lukács hatte der Aufbau-Verlag gedruckt, ohne mit dem Autor einen Vertrag zu haben. Die entsprechenden Briefe präsentiert: Bloch: Briefwechsel mit dem Aufbau-Verlag, S. 25-38. Außerdem die (nicht ganz vollständigen) Dokumente bei: Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)«. In der Sinn und Form erschienen 1949 ebenfalls zwei Aufsätze von Bloch: Heft 3: Bloch: Die 94 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe motiv in der P hänomenologie (also Hegels, Heft 6, S. 71ff.) eine längere Analyse des jungen Wolfgang Harich zu Goe thes Naturanschauung mit abgedruckt wurden (S. 87ff.).«179 Zunächst ist festzustellen, dass diese Zuschreibungen stimmen. Sowohl die Tägliche Rundschau als auch die Neue Welt hatten klare ideologische Aufgaben und Funktionen. Diese äußerten sich, neben den bisher angesprochenen Faktoren, auch durch eine massive Darstellung der »Klassiker«, durch breite und umfassende »Würdigungen« Lenins und Stalins, selbstverständlich durch die obligaten Produktionsstatistiken und vieles andere mehr. Öffentliche Verlautbarungen wurden gedruckt, Dekrete, Reden Stalins, Jahrestage umfassend gefeiert. Aber gerade die Tägliche Rundschau war ein Stück weit auch eine ganz normale Zeitung. Es gab Werbung und Kleinanzeigen, etwas Klatsch und Tratsch, Mode- und Frisurentipps. Wichtig waren auch die Spalten, in denen ernsthaft versucht wurde, das Leben in der Sowjetunion den Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone näher zu bringen – die Serien hießen beispielsweise: »Wir lernen Russisch«; »Die Woche in der Sowjetunion«; »Was wollen Sie aus der Sowjetunion wissen?« Regelmäßige Rubriken waren außerdem etwa: »Das Stadtbild in der Sowjetunion« oder die »Briefe deutscher Kriegsgefangener« sowie die entsprechenden Versuche der Familienzusammenführung, Kontaktvermittlung, Angehörigensuche usw. Ein Schwergewicht war auch der heute leider aus der Mode gekommene Fortsetzungsroman, in dessen Rahmen nicht nur sowjetische Schriftsteller vorgestellt wurden, sondern auch (wirklich groß angekündigt) Anna Seghers oder im Goe the-Jahr eine Goe the-Biographie (Die Selbsterkenntnis. Heft 5: Bloch: Dargestellte Wunschlandschaft in M alerei, Oper, Dichtung. 179 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und S talinisierung etc., S. 100. Weiter: »Auch der Aufbau und die Einheit veranstalteten selbstverständlich eben solche traditionsbewussten thematischen Goe the-Hefte, wobei dem wiederum von Johannes R. Becher (so wie dann nochmals im späteren Schiller-Jahr 1955) herbeigeführten doppelten, also zugleich west- und ostdeutschen Rede-Auftritt von Thomas Mann in Weimar (und Frankfurt am Main) eine unvergessliche, nicht zu unterschätzende kulturnational einigende Bedeutung zukam.« 95 5. Goe the an neuen Ufern Forderung des Tages – Ein Goe the-Bild für die deutschen Werktätigen, von Edith Braemer und Hedwig Voegt).180 Hinzuweisen ist zudem darauf, dass die Tägliche Rundschau sich immer stärker den ostdeutschen Intellektuellen öffnete. Nicht nur Georg Lukács wurde ab ca. 1948/1949 ein regelmäßiger Autor der Zeitschrift. Die Liste der Personen, die, um ein exemplarisches Beispiel zu nennen, 1948 in der Zeitung publizierten, ist fast ein Namensverzeichnis der politischen und intellektuellen deutschen »Elite« der sowjetischen Besatzungszone: Alexander Abusch, Anton Ackermann, Hermann Axen, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Willi Bredel, Eduard Claudius, Hanns Eisler, Fritz Erpenbeck, Otto Grotewohl, Klaus Gysi, Stephan Hermlin, Rudolf Herrnstadt, Helmut Holtzhauer, Alfred Kantorowicz, Bernhard Kellermann, Alfred Kurella, Jürgen Kuczynski, Wolfgang Langhoff, Hans Mayer, Paul Merker, Alfred Meusel, Ernst Niekisch, Fred Oelßner, Wilhelm Pieck, Karl Polak, Anna Seghers, Victor Stern, Erich Weinert, Günther Weisenborn, Arnold Zweig, Klaus Zweiling. 180 Harich leitete den Abdruck mit einem Artikel ein: Ein Goe the-Bild für die deutschen Werktätigen, S. 3 (Siehe Abbildung auf Seite 178 dieses Werks). Tägliche Rundschau 96 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe In seiner Autobiographie Ahnenpass hat Harich auch über seine journalistischen Jahre berichtet.181 Über die Zeit beim französisch lizensierten Kurier schrieb er: »Trotzdem mache ich sehr bald die Erfahrung, dass man mir, ungeachtet meiner Star-Position als Feuilletonist und Kritiker, nur so lange Meinungsfreiheit gewährt, so lange ich rein kulturelle Themen behandle, dass meinem publizistischen Wirken aber in politischer Hinsicht auch am Kurier enge Grenzen gesetzt sind.«182 Die Meinungsverschiedenheiten drehten sich um Ernst Jünger und Rudolf Pechel (Abdruck in der Täglichen Rundschau), um allgemeine politische Fragen sowie um die Beurteilung des Berliner Kulturlebens. Die »Streifzüge« durch Berlin brachten es mit sich, dass Harich, wie erwähnt, auch zu den Russen in Kontakt kam. Harich schrieb, dass er »von den sowjetischen Kulturoffizieren hellauf begeistert (ist); später bedauere ich aufs tiefste, dass diese kultivierten, sensiblen, hochgebildeten Männer mit wachsender Souveränität der DDR von viel unsichereren, unbeholfeneren, weniger kenntnisreichen, stureren Kulturfunktionären aus dem Parteiapparat der SED abgelöst werden.«183 Dieses Urteil Harichs sollte übrigens, dies sei nur erwähnt, auch bei der Beurteilung der Täglichen Rundschau zumindest berücksichtigt werden. Der Wechsel Harichs vom Kurier zur Täglichen Rundschau war nicht nur ideologischer Natur, war nicht nur ein Mehr an Freiheit beim Schreiben, sondern hatte auch zutiefst menschliche Aspekte. »Schon in den Wochen davor habe ich in der ‚Möwe‘ meinen neuen russischen Bekannten gegenüber gelegentlich etwas von meinen Schwierigkeiten beim Kurier erwähnt und dabei auch halb scherzhaft einmal die Bemerkung fallen gelassen: ‚Wenn das so weitergeht, dann komme ich zu Ihnen.‘ (…) Trotzdem sind die Russen zunächst dagegen, dass ich zu ihnen übergehe. Dymschitz meint, im Großen und Ganzen sei der Kurier doch eine recht achtbare linksliberale Zeitung, und man müsse vermeiden, dass sich die Linie dieses Blatts durch den Fortgang progressiv eingestellter Mitarbeiter nach rechts verschiebe. Aber dann kommt es am Kurier zu dem Krach 181 Harich: Ahnenpass, vor allem S. 156ff. 182 Ebd., S. 157. 183 Ebd., S. 161. 97 5. Goe the an neuen Ufern um Pechel, zu der Weigerung der Redaktion, meine Polemik gegen ihn abzudrucken.«184 Um Harichs Erinnerungen hier zu komplettieren und abzuschließen, sei noch kurz wiedergegeben, wie er sich zur Täglichen Rundschau und zur Neuen Welt äußerte: »Meine Tätigkeit an der Täglichen Rundschau dauert von Sommer 1946 bis Frühjahr 1950. Bis Anfang 1949 bin ich dort nur erster Theaterkritiker, gelegentlich Literaturkritiker und Feuilletonist. Dann übernehme ich außerdem noch als Ressortchef die neu gegründete Abteilung Theorie und Propaganda, die der Verbreitung der marxistischen Theorie mit journalistischen Mitteln dienen soll, und werde gleichzeitig, als einziger Deutscher, Mitglied des Redaktionskollegiums der im gleichen Verlag erscheinende Halbmonatsschrift Neue Welt. Auch deren Chefredakteur ist, in Personalunion, Oberst Kirsanow (…). Die redaktionelle Tätigkeit nehme ich Anfang 1949 nur mit dem Vorbehalt auf, dass sie nur bis zu dem Augenblick dauern darf, wo die Vorbereitung von Staatsexamen und Promotion an der Universität mich beanspruchen werden, also höchstens für anderthalb Jahre; bis dahin will ich ein Ressort aufbauen, das auch ohne mich funktionieren kann. Was die Neue Welt angeht, so hat sie bis Ende 1948 fast nur Übersetzungen aus sowjetischen Zeitschriften enthalten. Meine Aufgabe im Redaktionskollegium soll es sein, von Anfang 1949 an auch deutschsprachige Mitarbeiter zu gewinnen und vor allem für eine niveauvolle Würdigung Goe thes, aus Anlass seines 200. Geburtstages, in den Spalten der Zeitschrift zu sorgen. Ich gewinne dafür unter anderem Ernst Bloch, Hans Mayer und Paul Rilla, schreibe auch einen eigenen Essay über Goe the als Naturforscher und bringe die besten während des Jahres 1949 erschienenen Beiträge über Goe the Anfang 1950 in einem Sonderband, unter dem Sammeltitel Zu neuen Ufern, heraus.«185 In der Täglichen Rundschau war Harich federführend dafür verantwortlich, die verschiedenen Beiträge zum Goe the-Jubiläum zu sammeln und zu bearbeiten, den Kontakt mit den deutschen Autoren zu halten sowie die finale Buchpublikation aller Aufsätze vorzubereiten. Der ent- 184 Harich: Ahnenpass, S. 161f. Gemeint ist der Artikel: Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«, S. 3. 185 Harich: Ahnenpass, S. 164. 98 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sprechende Band erschien Ende des Jahres 1949 unter dem Titel Zu neuen Ufern. Essays über Goe the. Zum Abdruck kamen dabei unter anderem Texte von Hans Mayer (Goe thes Erbschaft), Ernst Bloch (Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes), Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte), Wilhelm Girnus (Die ästhetischen Auffassungen Goe thes) und Anton Ackermann (Ein Mitbürger der Zukunft). Harich steuerte den Aufsatz Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung bei.186 Welche Bedeutung der von Harich betreuten Goe the-Sammlung zukommt, lässt sich auch daran ermessen, dass es 1949 in der SBZ/DDR eine universitäre Literaturwissenschaft so gut wie nicht gab. »Erst mit dem 1948 aus dem Westen in die Ostzone übergewechselten Hans Mayer und Werner Krauss gewann eine marxistisch orientierte Literaturwissenschaft an Profil.«187 Werner Krauss versuchte, so ist zu ergänzen, seinerseits sofort, Ernst Bloch nach Leipzig zu holen, ihm also die Berufung auf einen Lehrstuhl zu ermöglichen. (Dazu gleich ausführlicher.) Es herrschte schlichtweg ein eklatanter Mangel an »eigenen« marxistischen Wissenschaftler, Philosophen sowieso. Fritz Behrens soll Ende der vierziger Jahre angesichts dieser »Knappheit« gesagt haben: »Da hilft nur eins, da muss 186 Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Abgedruckt wurden neben Harichs Aufsatz: Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. Kamnitzer: Weimar zwischen Potsdam und Paris, S. 19-37. Deiters: Goe the als Erzieher zur Humanität, S. 39-51. Girnus: Die ästhetischen Auffassungen Goe thes, S. 53-85. Ackermann: Ein Mitbürger der Zukunft, S. 87-103. Mann: Über Goe the, S. 105-108. Heimann: Marx und Engels über Goe the, S. 109-114. Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 115-159. Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161-178. Kaiser: Das Goe thebild der russischen Literatur, S. 233-242. Jurgew: Russische Schriftsteller und Demokraten über Goe the, S. 243-246. Zweig: Der Gehilfe, S. 247-255. Die Beiträge von Thomas Mann und Arnold Zweig waren Nachdrucke früherer Arbeiten. Mit B. Heimann und L. Jurgew waren zwei sowjetische Literaturwissenschaftler beteiligt. 187 Mandelkow: Restauration oder N euanfang?, S. 141. Dort heißt es weiter: »Besondere Bedeutung für die Konstituierung einer genuin sozialistischen Goetheforschung gewann der bereits 1946 aus dem Exil in die SBZ zurückgekehrte Marxist Gerhard Scholz, ein Außenseiter der Zunft, der in einem legendären Lehrgang für Germanisten im Winter 1950/1951 in Weimar einen Kreis junger Wissenschaftler um sich versammelte, die in der Folgezeit wichtige linientreue Lehrstühle besetzten.« Ausführlich zu Scholz der Aufsatz von Krenzlin: Gerhard Scholz und sein Kreis, 195-218. 99 5. Goe the an neuen Ufern ein Trupp jüdischer Emigranten aus Amerika her.«188 Karl Robert Mandelkow, aus dessen Aufsatz wir gerade zitiert haben, hat nicht nur wichtige Anmerkungen zum Unterschied der ost- und westdeutschen Goe the- Rezeption gemacht, sondern auch gezeigt, dass das Goe the-Jubiläum natürlich staatlich genutzt wurde, gleichwohl aber auch Forschung voraussetzte und Breitenwirkung entfaltete (und genau diese Ausgewogenheit gilt es zu beachten).189 Diesen wirklich emanzipativen Anspruch der SBZ-DDR-Goe the- Feiern müsste man noch weitaus stärker fokussieren als dies Mandelkow macht. (Genau diesem Unterfangen dienen unter anderem unsere Ausführungen.) Es war ein Prozess, der – staatlich-ideologisch – von Lukács’ Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur über Johannes R. Becher Rede Der Befreier (28. August 1949) bis hin zu Wilhelm Girnus’ Goe the. Der größte Realist deutscher Sprache reicht.190 Nicht zu vergessen die ganzen politischen Rede-Beiträge, der berühmte Amboss, der noch wichtigere Hammer sind zu nennen. Aber dies ragte auch in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich hinein, wirkte dort. Mit Goe the in der 188 Das berichtete Walter Markov im Gespräch mit Thomas Grimm: Markov: Zwiesprache mit dem Jahrhundert, S. 180. Dort zahlreiche weitere Betrachtungen zum Thema. Mit Blick auf die Leipziger Universität zählte Markov auf: »Ernst Bloch, Hermann Budzislawski, (…) Wieland Herzfelde, Albert Schreiner, (…) Eva und Julius Lips, (…) die alten Kämpen Bönheim und Eisler. Eisens trafen aus England ein, Baumgarten aus der Schweiz, Werner Krauss, Hans Mayer, Norbert Aresin und der unverwüstliche spätere Dauerrektor Mayer Schorsch (…) aus den Westzonen. Karl Polak und Käte Harig sowie später Basil Spiru und Gustav Hertz kehrten aus der Sowjetunion zurück. Als stets wohlgelaunter Gastprofessor schien Auguste Cornu aus Frankreich auf (…).« (S. 181f.) 189 Vgl.: Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 142ff. 190 Becher: Der Befreier. Girnus: Goe the. Harich sorgte dafür, dass Girnus’ Goethe-Buch nicht als eigenständige Monographie im Aufbau-Verlag erschien. Die entsprechenden Verweise etc. bietet der Aufsatz von Werner Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder »Harich dürstet nach großen Taten«, S. 229ff. Ganz verhindern konnte er die Publikation aber nicht, der Text erschien als Einleitung des gerade genannten Goe the-Bandes: Girnus: Goe the. Der größte Realist deutscher Sprache, S. 7-197. An der Goe the-Schrift der Täglichen Rundschau, den Neuen Ufern, war Girnus ja ebenfalls beteiligt: Girnus: Die ästhetischen Auffassungen Goe thes, S. 53- 85. Wichtig ist zudem, dass Harich Girnus wegen dessen Kant- und Hegel-Kritik ablehnte, also weil dieser aus dem hier skizzierten Rahmen der Analogisierung von Goe the und Hegel herausfiel. 100 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe SBZ/DDR ist auch Blochs erster Aufsatz seines neuen Lebensabschnittes verbunden, der Beginn der wissenschaftlichen Karrieren von Harich und Mayer. Letzterer wiederum hatte am Amboss und Hammer ja mitgearbeitet usw. Ein Th ema für sich. Schauen wir genauer. Frontilllustration der Täglichen Rundschau, 1. Mai 1949 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Der Ausspruch von Bloch ist bekannt, wenn man so will, berüchtigt. Hans Mayer hat ihn 1977 auf einer Gedenkveranstaltung der Stadt Ludwigshafen für ihren Ehrenbürger Bloch wiedergegeben: »Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich das lesen?«191 Natürlich hat er gelesen, seine Philosophie wurde erst dadurch möglich, dass er sich das Kulturerbe Europas aneignete, es gruppierte und ordnete, immer auf der Suche nach den Momenten, die ihn interessierten. Damit ist eine der Differenzen zwischen Bloch und Lukács bereits angesprochen: Bloch kam nicht von Goe the her, sondern er musste zu diesem hin, musste ihn finden. Nicht Besitz und Tradition aus dem Elternhaus waren ihm mitgegeben. Doch 191 Mayer: Ernst Bloch und die H eimat, S. 24. Wir kommen darauf zurück. Siehe auch: Bloch: Geladener Hohlraum, S. 372f. Ernst Bloch, Deutsche Begegnung der Geistesschaffenden in Berlin, 1954 102 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe dieser (der Bildungsbürger würde sagen:) Nachteil hatte auch seine Vorzüge. Denn Goe the (und viele andere Künstler ebenso) war für ihn keine Chiffre, kein Symbol für Untergegangenes oder Erstrebenswertes. Er war purer Text und diesen konnte man durcharbeiten, verstehen, kritisieren, verwerfen, aktualisieren. So überrascht es nicht, dass beispielsweise in der zweiten Fassung des Geistes der Utopie Goe the noch Dekorum ist, einige Male zitiert wird, immer dort, wo einer seiner Aussprüche etwas zu illustrieren vermag. Teil der Argumentation, Grundlage der Argumentation ist er mit seinem Schaffen noch längst nicht. Auch der dortige Hegel ist vom Subjekt-Objekt unterschieden, befindet sich in der Diskussion mit Kant.192 Das tiefe Wissen, welches Bloch erst seine Entscheidungen ermöglichte, war noch nicht vorhanden. Und doch wies der Vorschein bereits den richtigen Weg  – das Bekenntnis zum Marxismus verlangte Stellungnahme. Damit war der Weg frei zu jenem Standpunkt, von dem aus Bloch sich in den dreißiger Jahren, während der faschistischen Katastrophe, intellektuell positionierte. Das literarische und philosophische Erbe gewann nun für ihn eine Kraft und einen Eigenwert. Allerdings, das ist ein weiterer Unterschied zu Lukács, weitaus kritischer beäugt als durch den Ungarn, stärker seziert als über ein Jahrzehnt später in der SBZ/DDR. In dem Artikel Jubiläum der Renegaten von 1937 lässt sich seine damalige Position anhand der Betrachtungen zum Jahrestag der Russischen Revolution gut rekonstruieren. François Furet unternahm vor einigen Jahren einen breit angelegten und großartigen Versuch zur Vergleichbarkeit von Französischer und Russischer Revolution – überschrieben Das Ende der Illusion. (Gern erinnern wir an den bisher letzten großen Historiker der Französischen Revolution.) Bloch ging ihm damals (auf der Suche nach Hoffnung, der Stieftochter der Illusion) in einem Punkt voraus: Er thematisierte die anfängliche Revolutionsbegeisterung sowie den späteren Abfall vom kühnen Experiment auf Grund der beiden Ereignisse.193 »Oft wirkt 192 Bloch: Geist der Utopie. Zweite Fassung, Goe the wird knapp zehn Mal zitiert, zu Hegel etwa S. 224ff. 193 »Manche Guten sehen heute etwas betreten drein. Sie liebten vielleicht den russischen Anfang, doch in den letzten zwei Jahren wurden sie kühl. Sie kommen darüber nicht hinweg, dass der zwanzigjährige bolschewistische Staat sich so vie- 103 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch die heutige Treulosigkeit wie der Abklatsch einer älteren, wie die Wiederholung eines Unglücks, das viel größeren Geistern zugestoßen war. Wir meinen die Schwankungen deutscher Dichter und Denker im Verlauf der Französischen Revolution, wir meinen die Zweifel zehn, zwanzig Jahre nach 1789. Wir meinen den Schock, als der Westwind mit der Tugend auch Blutgeruch mit sich führte. Gewiss, es bestehen Unterschiede (und zwar nicht zu Gunsten der heutigen Schwenkung). Die Französische Revolution ist nicht die russische, die damalige Schreckenszeit nicht die der Prozesse.«194 Die Probe aufs Exempel sei es, wie der Einzelne zur Revolution in jenem Moment sich verhalte, da das Bekenntnis mehr als nur Sonntagspredigt ist und dergestalt Entscheidung verlange. (Diese Ansicht erklärt sicherlich auch ein ganzes Stück weit Blochs Bejahung der Schauprozesse und Stalinistischen Verbrechen in den dreißiger und vierziger Jahren – sie war ein »Ja« zu Revolution und Zukunft trotz »Blutgeruch«. Wir kommen darauf gleich zurück.) Wenn die deutsche Kultur und Philosophie der Revolutionszeit nicht per se (wie bei Lukács, noch stärker bei Becher) als großes humanistisches Erbe gelten und daher vor Einwürfen, vor allzu kritisch-tatsachenbezogener Lektüre, vor bürgerlichen Verfälschungen (und auch vor sich selbst) geschützt werden müssen, ist der Blick auf Schiller, Goe the und manch andere leichter (und auch schärfer): »Bis heute wirkt es nach, dass kaum ein deutscher Dichter damals treu blieb und begriffen hat. Sie verrieten mit der Form des bürgerlichen Aufruhrs auch diesen selbst. Ja, die Allergrößten wurden vor dem französischen Aristokratenschrecken am schwächsten; Schiller, erst recht Goe the sind hier nicht auf ihrer Höhe. Auch Schiller reizten die ‚Gesetzlosigkeit‘, des ‚Pöbels Geschrei‘, ‚der Missbrauch rasender Toren‘ zum Abfall. Ein besonderes Attachement an kleinbürgerliche Sitte und Ordnung (Lied von der Glocke) kam hinzu (…).«195 Diese »kleinbürgerliche Welt« von »Sitte und Ordnung« sei bei ler Feinde zu entledigen hat und sich ihrer oft gehetzt und schreckend blutig entledigt. Sie sind verwirrt, begreifen die traurigen Vorgänge nicht. So wird die lange gemeinsame Sache nicht mitgefeiert, sie wird fast verwünscht.« Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 225f. 194 Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 226. 195 Ebd., S. 229f. 104 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Schiller gar zur ganzen Natur geworden und trage damit Züge der Restauration, bereite diese vor. Evolution statt Revolution – dies ist nach Bloch die Einstellung von Goe the und Schiller zu ihrer Zeit.196 Bloch ging noch weiter: Die Versuche Goe thes, die Revolution zu verarbeiten, beispielsweise mit Der Bürgergeneral, »sind erschütternd wenig auf dieser Höhe der Zeit, noch nicht einmal auf der Höhe der raffinierten Reaktion«.197 Plump, naiv, völlig außerhalb des Zeitstroms stehend, die Erkenntnisse und Erfordernisse ihrer Gegenwart verkennend  – so und nicht anders charakterisierte Bloch die Olympier Goe the und Schiller. Die Welt, die 1789 unterging, konnte noch eine Sogkraft entwickeln, sie hatte auch anziehende Inhalte und Formen. Dies sei seit der Russischen Revolution jedoch anders, eine deutsche Misere gebe es nicht mehr, der Weg zur Bejahung der Revolution sei frei. Auch die Philosophie habe ein solches Bekenntnis zur neuen Welt abzulegen, nicht zuletzt, da schon in der Französischen Revolution die deutschen Denker das emanzipative Potenzial des Aufbruchs begriffen hätten. »Sinnlos übertriebene Kritik am Mutterland der Revolution befördert durchaus nicht, wie noch Klopstock und Schiller glauben konnten, das Ideal der Revolution; dem dient einzig die Volksfront. Und diese verlangt noch keineswegs ein heftiges, gar absolutes Bekenntnis für Russland, sondern nur das schlichte und, wie man meinen sollte, leicht unterschreibbare: Kein antifaschistischer Kampf und Sieg ohne Russland. Wie wichtig aber auch der Wille zum Verstehen ist, das zeigte sich zu guter Letzt darin, dass die Philosophen aus Klopstocks und Schillers Zeit sich dem poetischen Abfall nicht angeschlossen haben. 196 »Und die ‚Natur‘, dies von Schiller neu verwandte Schibboleth der Verwerfung, ist nicht mehr die Natur Rousseaus, die ‚unverfälschte‘, die den Contrat social kündigt, wenn er schlecht geworden ist, sondern Natur ist hier bereits die patriarchalische der Restauration, die angestammte Überlieferung, ‚das alte Gesetz‘. Es ist die gleiche ‚langsam bildende‘ und durchaus nicht ‚vulkanische‘ Natur, welche Goe the, den Former Schillers, sein Leben lang trug, welche ihn aber nach ihrer konservativen gewordenen Bergung, nach Seite der feudalen grande tenure, nur im klassizistischen Maß, eher eine Ungerechtigkeit ertragen ließ als eine Unordnung. Hier hat Goe the Schiller entscheidend abgelenkt (…); so fügte er dem Abfall die – interessierte Bagatellisierung hinzu.« Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 230. 197 Ebd., S. 231. 105 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Es ist recht beglückend, dass dasjenige, was heute Renegaten macht, damals wenigstens mehr unter Dichtern als unter Denkern vorkam. Wenn es auch große Dichter waren, die damals begrifflos wurden, so haben doch die großen Denker der gleichen Zeit nie in ähnlicher Art Treue und Erkenntnis gebrochen.«198 Als Beispiel bietet Bloch natürlich seinen Hegel auf (im Anschluss an ein Zitat aus Kants Streit der Fakultäten): »Und weniger verklausuliert erblickt der Hegel der Phänomenologie des Geistes sogar im französischen ‚Schrecken‘ (als der Robespierreschen ‚Tugend‘) ein notwendiges Durchgangsmoment des Geistes zur moralischen Welt. Der junge Hegel hatte mit seinen Freunden Hölderlin und Schelling in Tübingen einen Maibaum gepflanzt, der nachmalige preußische Staatsphilosoph ging freilich andere Wege. Aber er hat weder diesen Enthusiasmus noch das andere ‚Durchgangsmoment des Geistes’ vergessen, er erfüllt den Auftrag, den Schiller an Don Carlos ergehen lässt, er möge den Träumen seiner Jugend Achtung tragen.«199 Interessanterweise kam, wie bei Lukács schon in den dreißiger und vierziger Jahren zu erkennen, Blochs Aufwertung Goe thes später dann genau über diesen Punkt – durch die Analogisierung von Phänomenologie und Faust. Goe the wurde aus der gerade geübten Kritik ausgenommen, indem Blochs neue (und Lukács’ alte) These nun war, dass Phänomenologie und Faust zusammengehören. Das Dichterwerk ist nicht mehr charakteristisch für den Dichter und dessen Verortung, da es in den philosophischen Bereich der Denker gehört. Um dies durchführen zu können, musste Bloch den revolutions- 198 Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 233. 199 Ebd., S. 234. Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Gemälde von Jakob Schlesinger, 1831 106 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe begeisterten jungen Hegel (der Hegel Lukács’) einfach zurückdrängen zu Gunsten des reifen Hegels (der Hegel der »List der Vernunft«). Wir kommen darauf gleich zurück. Das ist die Grundbedingung einer nachholenden Analogisierung. Lukács ging ja genau den umgekehrten Weg, indem er Hegels Jugendideale in Goe thes Werke projizierte. Über Blochs Jahre im Exil wurde viel geschrieben, manches Interessante, anderes Vergessenswerte. Im Fokus stand dabei oft seine Verteidigung der Schauprozesse Stalins,200 die zu Recht kritisiert wurde, nicht allein durch die damalige historische Situation zu legitimieren ist, wie Blochs Verteidiger meinten, aber bei Ausblendung des historischen Hintergrundes gleichfalls halbgar bleiben muss. (Der Streit wurde seinerzeit um das Falsche geführt.) Oskar Negt formulierte: »Die geschichtlich gestellte Alternative, die weder im Denken noch im Handeln neutrale Frontstellungen erlaubt – die Alternative nämlich: Faschismus oder Sowjetunion, gültig selbst noch auf der Ebene der Personalisierung: Hitler oder Stalin.«201 Typisch Bloch, um nur ein Beispiel zu nennen, beginnt der Aufsatz Kritik einer Prozesskritik mit Sätzen, die das Thema aus der Ferne kommend vorbereiten: »Ja, es geht heutzutage bunt her. Wer A gesagt hat, zögert B zu sagen, der ehemals Liebende umwölkt sich.«202 Oder anders formuliert: Als es noch einfach war, sich zur Sowjetunion zu bekennen, taten es viele, jetzt, wo Schatten auf die Zukunft fallen, ist die Zahl derer, die die Ideale ihrer Jugend vergessen, zu groß. Und an anderer Stelle warnte Bloch davor, dass sich »gesunde Skepsis« allzu schnell in »kranke Skepsis« verwandeln könne. Die Sowjetunion sei auch nach den Moskauer Prozessen »der Halt der gesamten antifaschistischen Front«.203 In diesem Sinne werden die Moskauer Prozesse bei Bloch »als eine Art Bewährungspro- 200 Alle wichtigen Artikel enthält der Band: Bloch: Vom Hasard zur Katastrophe. Genannt seien exemplarisch: Bloch: Feuchtwangers Moskau 1937, S. 230-235. Bloch: Halbheit, Ganzheit und die Folgen, S. 321-325. Bloch: Kritik der Propaganda, S. 195- 206. Bloch: Kritik einer Prozesskritik, S. 175-184. Bloch: Bucharins Schlusswort, S. 351-359. Siehe: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 133ff., S. 146ff., S. 153ff. 201 Negt: Ernst Bloch, der deutsche Philosoph der Oktoberrevolution, S. 431. 202 Bloch: Kritik einer Prozesskritik, S. 175. 203 Alle Zitate: Ebd., S. 176. 107 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch be auf die Zuverlässigkeit des sozialistischen Intellektuellen und auf die Verbindlichkeit des Bekenntnisses zur Oktoberrevolution« angesehen,204 sie werden gleichsam zum Prüfstein der kollektiven marxistischen bzw. zumindest humanistischen Identität. Alle diese interessanten Entwicklungen sind leider aus unserem Buch zu verbannen, haben hier thematisch nichts zu suchen. Über verschiedene Stationen in Europa gelang Bloch schließlich mit seiner Frau die Übersiedlung nach Amerika  – dort arbeitete er an seinem philosophischen Werk, am Prinzip Hoffnung sowie dem Hegel-Buch. In diesen Jahren trat auch ein anderer Goe the in sein Leben als der eben geschilderte. Lukács arbeitete seinerseits, ebenfalls im Exil, am anderen Ende der Welt, in Moskau, auch über Hegel, intensiver noch als Bloch zu Goe the und Schiller (seine entsprechenden Arbeiten wurden teilweise bereits angesprochen). Es lässt sich nicht gesichert sagen, ob die Blochs nach dem Kriegsende nach Deutschland zurückkehren wollten, 1948 trat allerdings ein Ereignis ein, das eine Entscheidung erzwang: »Im Februar 1948 erreichte Ernst Bloch, wohnhaft Cambridge, Mass., USA, eine sicher unerwartete Nachricht aus Leipzig. In einem Brief von Werner Krauss, damals ordentlicher Professor für romanische Philologie an der Universität Leipzig, wurde dem im Exil lebenden Bloch eine Professur für Philosophie angeboten.«205 Bekannt ist, dass es an der Universität zahlreichen Widerstand gegen eine Berufung Blochs gab, erst die politischen Eliten ermöglichten schließlich seine Installierung. Am 9. Juli 1948 schrieb Bloch an den Minister für Volksbildung der Landesregierung Sachsen: »Sehr geehrter Herr Minister! Heute erhielt ich Ihr Ernennungsschreiben vom 25. Mai 1948. (…) Der schönen und großen Aufgabe, die mich erwartet, bin ich bewusst. Philosophie lehren heißt heute mehr als je: Die Schuppen von den Augen fallen lassen, den wahren Weg und das einzig Notwendige sehen lassen.«206 Im September schickte Bloch dann bereits eine Ankündigung seiner geplanten Vorlesung zur Geschichte der Philosophie, d. h. genauer zur »Darstellung der Entwicklung der dialektischen Subjekt-Objekt-Bezie- 204 Negt: Ernst Bloch, der deutsche Philosoph der Oktoberrevolution, S. 433. 205 Caysa u. a.: Einleitung, S. 22. 206 Abdruck in: Caysa u.a.: Hoffnung kann enttäuscht werden, S. 82. 108 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe hung in der deutschen klassischen Philosophie«. Der Plan sah vor, wie kann es anders sein: 6 Stunden Einleitung, 6 Stunden Fichte, 9 Stunden Schelling, 30 Stunden Hegel (unter Berücksichtigung von Engels, Marx, Feuerbach). 207 »Ich freue mich, zurückgekehrt zu sein.«208 Mit diesen Worten eröffnete Bloch im Mai 1949 seine Antrittsvorlesung in Leipzig. Die Widerstände gegen ihn waren immer noch spürbar, viele seiner Kollegen blieben der Veranstaltung fern. Bloch umriss sein Verständnis von Wissenschaft und Marxismus wie folgt – als Weg zu Kenntnis: »Die vorzüglichsten Mittel dazu sind Ökonomie und Philosophie, dialektisch-materialistische Philosophie. Letztere zu lehren und zu befördern, auf hiesiger Universität eines neuen Mittelpunkts, ist meines Amts. Es ist das Amt dieser Philosophie, immer weitere und tiefere Gebiete des Daseins mit ihr zu durchdringen. Es ist ihre Aufgabe, das gesamte Kulturerbe wachsend anzutreten und, im Unterschied zum Historismus, aktiv lebendig zu halten. Es ist ihr Anspruch und Postulat, den Satz bewähren zu können: Wer der Wahrheit nach will, muss in das mit Marx eröffnete Reich; es gibt sonst keine Wahrheit mehr, es gibt keine andere.«209 Von Bedeutung für uns ist natürlich das von Bloch abgelegte Bekenntnis zum kulturellen Erbe. Was für ihn hieß: Es war natürlich (neben Marx und Engels)210 ein Bekenntnis zu Hegel: »Marx und Engels haben Hegel, seine Phänomenologie des Geistes 207 Bloch: Ankündigung der Vorlesung, September 1948, S. 84-86. 208 Bloch: Universität, Marxismus, Philosophie, S. 270. 209 Ebd., S. 276. 210 Es gilt durchaus zu differenzieren, wir haben es zu wenig getan, auch Bloch selber ist dieser Vorwurf freilich nicht zu ersparen. Denn »den Marxismus« gibt es natürlich nicht. In einem Gespräch mit Jean-Michel Palmier antwortete Bloch 1976 auf die Frage, ob er sein Werk als »ganz und gar in der Marxschen Linie stehend« betrachte: »Ja, aber in der Tradition welches Marxismus? Sicherlich nicht des sowjetischen! Nein. Der Marxismus ist heute kein einheitliches System mehr, ebensowenig wie man von einer einzigen Form des Sozialismus sprechen kann. Selbstverständlich teile ich nicht die Anschauungen des Sowjet-Marxismus. Es gibt aber auch noch Frankreich und Italien. (…) Der von der französischen KP eingeschlagene Kurs ist sicherlich vernünftig. Es ist jedoch klar, dass man, wenn man sein ganzes Leben lang mit dem Begriff der ‚Diktatur des Proletariats’ operiert hat, nicht von heute auf morgen auf ihn verzichten kann.« Bloch: Ein Marxist hat nicht das Recht, Pessimist zu sein, S. 114f. 109 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch und seine Logik, seine Geschichtsphilosophie und Ästhetik, sogar seine Naturphilosophie zu einer Zeit hochgehalten, unvergessen erhalten, wo die bürgerlichen Neukantianer und andere Epigonen über Hegel Witze rissen oder über ihn sprachen als über einen toten Hund.«211 Dieses Vermächtnis, so Bloch weiter, müsse in der Gegenwart hochgehalten werden. (Wusste er zu diesem Zeitpunkt schon, konnte er ahnen, dass sich um seine Überlegungen ein Streit entfachen würde? Die Dogmatiker und Sektierer der kommunistischen Parteien hatten beschlossen, den toten Hund Hegel weiter zu prügeln.) Für Bloch war der Idealismus kein Gegenstand von gestern, nicht pure Reaktion, sondern auch Bergwerk, in dem man für die Zukunft wirken könne/müsse: »Die Dialektik selber stammt aus idealistischen Gedankengängen und lebte zuerst in ihnen. Der Marxismus entnimmt einen großen Teil seiner Überlegenheit über den alten und historischen naturwissenschaftlichen Materialismus aus der Hegelschen Philosophie, und Hegel ist unter anderem eine Art Summa der gesamten idealistischen Philosophie. Daher muss der Idealismus studiert, noch auf vielen Strecken weiter auf einen kryptomaterialistischen Sinn fruktifiziert werden; er darf nicht abstrakt-ungewusst bleiben. Bloße Gesinnungstüchtigkeit plus rasch erworbenem Schematismus macht noch keinen materialistischen Sommer. Eierschalen des Idealismus, gewiss, sie müssen weg, durchaus weg. Aber der Idealismus enthält auch Eidotter, und was für einen; kurz, das Erkenntnissubstrat von Platon bis Plotin, von Augustin bis Occam, von Descartes bis Hegel verlangt, nach ideologie-kundiger Prüfung, durchaus seine Ehre und Aufmerksamkeit.«212 * * * * * Wie bereits erwähnt war Blochs Aufsatz in den Neuen Ufern eine von dessen ersten schriftlichen Wortmeldungen in der SBZ/DDR.213 Doch bereits das Thema, Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, ver- 211 Bloch: Universität, Marxismus, Philosophie, S. 272. 212 Ebd.e, S. 285. 213 Siehe: Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung, S. 100. 110 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe weist deutlich auf die Quelle, auf den Ursprung seiner Ausführungen: Das im amerikanischen Exil entstandene Hegel-Buch: Subjekt-Objekt. Um die Analogien von Hegels Phänomenologie und Goe thes Faust, ihr gemeinsames emanzipatorisches Ringen um die Zukunft aufzeigen zu können, ist zunächst eine ganz kurze Bestimmung der Interpretation der Phänomenologie durch Bloch von Nöten. Aber erst Hegels Jugendperiode, seine Begeisterung für die Französische Revolution, ermöglicht das Verständnis, die richtige Einordnung jenes Alterswerkes, das zu Verzerrungen mehr als nur einlädt. Darin wussten sich Lukács und Harich (Mayer nur teilweise) immer einig. Bloch hat die Jugendschriften Hegels zumeist eher randständig behandelt, brachte ihnen kein gesteigertes Interesse entgegen. (Wir kommen darauf an anderer Stelle zurück.) In der SBZ und der frühen DDR war das Jugendwerk Hegels umstritten und umkämpft, da die dort enthaltene und von Lukács und Harich exakt herausgearbeitete Revolutionsbegeisterung des jungen Hegel quer stand zu der von Stalin, Shdanow und ihren ostdeutschen Apologeten (Ernst Hoffmann, Rugard Otto Gropp, Klaus Schrickel, Alfred Kosing, Joachim Höppner und andere trieben ihr Unwesen) vertretenen These des ausschließlich »reaktionären Hegel« – der von Marx und Engels nur überwundene, jedoch keinesfalls beerbte Hegel. Der junge Hegel verwies auf den jungen Marx: Und beides zielte letztlich auf die Freiheit der Diskussion, war ein Waffenarsenal gegen Dogmatismus und Sektierertum. In Subjekt-Objekt, seinem nach einigen Startschwierigkeiten und Zensurproblemen mit Verspätung in der DDR gedruckten Hegel-Buch, charakterisierte Bloch die für ihn so wichtige Phänomenologie wie folgt: »Drei Motive sozialer und ideologischer Herkunft haben sich in der Phänomenologie (erschienen 1807) vereinigt. Das Motiv des revolutionären Ich aus der Französischen Revolution, das sich zum Maß aller Dinge macht. Sodann das Motiv der souveränen mathematischen Erzeugung des Erkenntnisinhalts; dieses hat von Galilei, Hobbes, Descartes bis Kant den Stolz strenger, methodisch reiner Wissenschaftlichkeit ausgemacht. Schließlich wirkte – beidem entgegengesetzt – das Motiv der beginnenden historischen Schule. Diese, der Romantik entsprungene und durchaus nicht der 111 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch mathematisch-konstruktiven Aufklärung, sagte dem Räsonnement ab.«214 Und an anderer Stelle, kurz zuvor: »Die Phänomenologie des Geistes will ‚die Darstellung des erscheinenden Wissens’ sein, so eben war sie zunächst pädagogisch geplant. Das Individuum soll von seinem natürlichen Standpunkt zum wissenschaftlichen hinaufgeführt werden, zu dem sich wissenden Geist. (…) Dies soll dem Leser zugleich seine eigene philosophische Erziehung sein (…). Hier schon fällt die Ähnlichkeit des Plans zu dem in Goe thes Faust auf; bei Goe the trägt ein Zaubermantel durch die Reiche, und Faust durchfährt sie lernend, erfahrend, der Welt und seiner selbst immer genauer teilhaftig; bei Hegel ist es der ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs’, der das Subjekt durch die Welt bringt und Objekt wie Subjekt aneinander belehrt, miteinander durchdringt.«215 Gleichzeitig finden sich in Subjekt-Objekt auch schon erste Anmerkungen, gleichsam eine kleine Einführung, zum Verhältnis von Hegel und Goe the.216 Ein Zitat kann abschließend verdeutlichen, wie das Hegel-Buch die Arbeiten Blochs in den ersten Jahren der DDR prägte, indem es Richtung und Methode vorgab: »Dennoch, so entlegen die Phänomenologie ihre Straße zieht, gibt es ein verhältnismäßig zugänglicheres Schwesterwerk, an dem ihre Bewegung und das Ziel ihrer Fahrt immer wieder erläutert werden kann. Dies Werk ist, wie nun verständlich, Goe thes Faust, eine Dichtung, vielfach der gleichen geistigen Situation entsprungen wie die Phänomenologie. Beide sind Ausdruck des bürgerlichen Bewusstseins am Beginn der weltgeschichtlichen Sendung des Bürgertums: Der Entfesselung der Produktivkräfte. Beide zeigen den Menschen als Macher seiner Welt wie als ein sie werdend Durchschreitender.«217 Blochs Goe the-Bild 214 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 60. 215 Ebd., S. 59. 216 Ebd., S. 75-79. 217 Ebd., S. 75f. Dort weiter zum Faust: »Faust ist das unruhige, unerfüllte Subjekt, das erfahren will, was der ganzen Menschheit zuerteilt ist. Seine Darstellung schreitet im engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus; um das Unendliche zu erreichen, geht Faust, konkret erfahrend, im Endlichen nach allen Seiten. Sein Ziel ist die Sättigung seiner gewaltigen, an sich selbst so unbestimmten Unruhe; dazu beginnt die Weltfahrt auf Mephistos Zaubermantel. Genauer bestimmt wird das Ziel in der Wette mit Mephisto; es ist negativ dieses, sich auf kein Faulbett legen zu wollen, positiv wird es dieses, zu keinem Augenblick als 112 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe fand also in der SBZ/DDR eine Heimat, in seinen Grundzügen war es aber schon vorher in den Jahres des Exils entstanden, war wie bei Mann, Lukács und Becher Teil eines intellektuellen Abwehrmechanismus gegen die faschistische Barbarei. Für uns ist dies der Punkt, an dem wir das Hegel-Buch zur Seite legen und uns dem Aufsatz in den Neuen Ufern zuwenden können. Dieser startet mit einem klaren Bekenntnis (das uns bereits vertraut ist): »Nur ein einziges philosophisches Werk gibt – aus persistenter Durchführung des weltfahrenden Motivs  – zu Goe thes Faust das Gegenstück: Hegels Phänomenologie des Geistes.«218 Diese deutliche Gleichsetzung von Goethe und Hegel war keine Selbstverständlichkeit, kein ewiges Erbteil des Marxismus (Lukács, ausgerechnet!, hatte für Bloch den Weg freigeräumt), sondern musste an diesen und in diesen hineingetragen werden. Es ging – in der konkreten historischen Situation – um die Aufwertung Hegels eben in jener Zeit, als die Debatte um Hegel ihre ersten Schatten voraus warf. (Wir erwähnten bereits A. Demals219 radikale Hegel-Kritik, die die Verbreitung des Stalin-Shdanowschen Hegel-Verdikts angekündigt hatte.) Diese aktuelle Dimension, ihre Verarbeitung im Kontext, bezeichnet den Schritt, den Bloch über Lukács hinausging. Letztlich zählt die Qualität, nicht die Quantität, nicht das pure »Mehr« an Beschäftigung. In Blochs frühen Schriften in der DDR sind derartige »oppositionelle« (der Begriff ist hier etwas ungeeignet, aber ein besserer ist auch nicht bei der Hand) Aussagen, halb versteckt, doch offen ausgesprochen eine Seltenheit. (Auch wenn seine Apologeten von Volker Caysa bis Manfred Riedel sie überall zu finden glauben. Die beste (Peter Zudeicks Der Hintern des Teufels) und die schlechteste (Arno Münsters Ernst Bloch. Eine politische B iographie) Bloch-Biographie sind sich darin – gegen die selbst-biographisch motidem der substanziellen Erfüllung sagen zu können: Verweile doch, du bist so schön. Die Intention auf diesen Augenblick ist der Hegelschen Intention des Fürsichseins durchaus verwandt, obwohl der Inhalt der Faustwette sich bedeutend weniger im reinen Geist aufhält, bedeutend mehr auf Welt um den Menschen geht.« (Ebd., S. 76) 218 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161. 219 Demal: Wurzeln der nazistischen Ideologie in der Philosophie Hegels, S. 171-176. 113 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch vierte Geschichtsverdrehung– einig.)220 Um so interessanter ist es, dass sie sich ausgerechnet bei der Wahrnehmung von Goe the und Hegel finden, eruieren lassen. Zur Hegel-Debatte ist an anderer Stelle Position zu beziehen. Hier kann der Hinweis genügen, dass die Analogisierung von Hegel und Goe the intellektueller Protest war, die den Zweck hatte, Hegel vor dem Vorwurf in Schutz zu nehmen, dass dessen Philosophie »aristokratische Reaktion auf die Französische Revolution« darstelle – wie ja Shdanow behauptet hatte mit Verweis auf Stalin.221 Was übrigens eine völlig paradoxe Situation nach sich zog. Kurt Hager, der Blochs Hegel-Buch persönlich überprüfte, ließ diesem über Walter Janka mitteilen: »Es muss allerdings gesagt werden, dass unseres Erachtens in diesem Werk nicht klar zum Ausdruck kommen: 1) Die Einschätzung Stalins, Hegel sei der Ideologe der aristokratischen Reaktion gegen die Französische Revolution, 2) die grundlegende Umwälzung in der Philosophie durch den dialektischen Materialismus.«222 Die Pointe war nun, dass es eine entsprechende Stalin-Äußerung gar nicht gab, die Dogmatiker der DDR beriefen sich auf ein nicht-existentes Dogma. Vor allem Harich und Bloch kämpften gegen diesen Unfug an und verwiesen auf Stalins Anarchismus oder Sozialismus?, in dem dieser Hegel gerade genau andersherum charakterisiert hatte.223 Harich musste wegen seiner Meinungsäußerungen (die auf der Basis von Lukács’ Der junge Hegel erfolgten und Blochs Positionierung dabei durchaus im – auch kritischen – Blick hatten) sogar ein Parteiverfahren über sich ergehen lassen, bei dem ihm letztendlich seine russischen Freunde halfen.224 Der versammelten Parteielite der Berliner Humboldt-Universi- 220 Weiterführende Hinweise liefert der Aufsatz: Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107-126. 221 Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80-114. Diese verheerende Schrift ist an anderer Stelle ausführlicher darzustellen. 222 Janka: Brief an Ernst Bloch vom 6. Juni 1951, S. 38. 223 Siehe exemplarisch: Bloch: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1951, S. 39-40. Die entsprechenden Wortmeldungen Harichs finden sich in dem Band: An der ideologischen Front. 224 Harich geriet ja in die Parteikritik mit seinen Vorlesungen an der Berliner HU, die Vorwürfe gingen bis hin zur angeblichen feindlichen Einstellung zur Sowjet- 114 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe tät rief er zu: »Ich lasse auf Hegel nicht scheißen.«225 (Wir haben dies im Vorwort bereits erwähnt.) Gegen solche Windmühlen mussten die Intellektuellen der DDR kämpfen, Don Quichotte war es gelungen, sich als Minister zu verkleiden. Es war gleichsam ein programmatischer Entwurf und Einwurf, wenn Bloch jenen Zeitgeist, der Goe the zum Fauststoff führte, in Hegels Biographie hineindeutete. »Die gesellschaftlich-geschichtlichen Antriebe, aus denen Goe the den Urfaust geschrieben hatte, 1774/1775, ein wenig nach Hegels Geburt, die Antriebe des revolutionären Bürgertums wirkten noch lange in Hegels Jugendzeit hinein. Es waren die gleichen, die den jungen Hegel einen Maibaum pflanzen ließen, die ihn mit dem Citoyen des Hölderlinschen Griechenland verbanden, mit dieser freien Polis und der glücklich scheinenden Alleins-Natur. Die Phänomenologie selber, gewiss, sie hat mit dem jakobinischen Maibaum nichts mehr gemein, auch ihr war der Thermidor gekommen, der die Französische Revolution beendet hat. Aber desto näher stand sie eben deshalb wieder dem späteren Goe theschen Ausgleich mit der Welt, das ist, dem wechselwirkenden Ich-Objekt-Bezug, als demjenigen, worin zwar nicht das Subjekt des Urfaust (…), wohl aber das des Faustfragments sich Welt erfahrend hindurch bewegt.«226 Den Weg von dem Faustmotiv-Aufsatz bis zum Prinzip Hoffnung deutete auch Henrik Fronzek aus und benannte dabei vor allem die Bedeutung Fausts, von Figur und Werk, für Blochs Denken: »Im Faust erblickt Bloch eine quasi-historische Leitfigur, für die an der Schwelle des Epochenumbruchs vom Feudalismus zum Kapitalismus innerweltliche Grenzüberschreitung und metaphysische Entgrenzung in der Utopie des absoluten Augenblicks konvergieren. Fausts finale Hinwendung zur schöpferischen Tat offenbare, so Bloch sinngemäß, seinen über das rein Titanische hinausgehenden promethischen Charakter. (…) Eine starke, wissenschaft, und wendete sich an seine russischen Freunde, die sein Hegel-Bild mit den folgenden Worten kennzeichneten: »Genosse Harich, Sie nix Feind der Sowjetunion, im Gegenteil, Sie guter Freund.« Wiedergabe nach: Eckholdt: Begegnung mit Harich, S. 49. Dort weitere Hinweise. 225 Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen etc., S. 159-166. 226 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 162f. 115 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch keineswegs zufällige Affinität attestierte Bloch Goe thes Faust und Hegels Phänomenologie.«227 Welche Momente sind es, die – in/aus der Perspektive Blochs – Phänomenologie und Faust verbinden? Folgen wir seinen Spuren: 1) Beide Werke reagieren auf ihre Zeit, sind Ausdruck des sich nun endlich auch, überaus verspätet, in Deutschland regenden bürgerlichen Geistes. Sie stehen beide »im Sonnenaufgang der deutschen bürgerlichen Gesellschaft«228 und haben daher zuvorderst optimistische Tendenzen, sind uneingelöste Versprechen auf die Zukunft. Gleichzeitig spiegeln sie auch die Schwächen der bürgerlichen Welt wider, sie »enthalten das Ringen der bürgerlichen Individualität um volle Selbstentfaltung und zugleich um volle Einbeziehung der Welt in diese Individualität«.229 2) In diesem Sinne eignet ihnen eine Dynamik, die sie nach vorn treibt, dazu bringt, immer wieder aufs Neue zu beginnen, die Zukunft ins Visier zu nehmen. Gerade in Hegels Phänomenologie kann man ja studieren, das ist der Ansatz von Lukács, Bloch und Harich, wie derselbe Entwicklungsgang immer wieder und auf nächster Stufe in Angriff genommen und durchlaufen wird. (Harich hat die entsprechenden Ausführungen von Lukács in seiner Hegel-Vorlesung präzisiert.)230 Phänomenologie und Faust rasten nicht, sondern sind und verbürgen permanente Entwicklung, das »immer weiter« zu den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft, im Falle Hegels letztlich, als Abbiegung, in die Mitte des preußischen Staates. In Subjekt-Objekt hat Bloch diese Prozesse geschildert. Dort ist auch zu lesen: »Die Konsonanz enthält die Dissonanz und führt zu neuen Konsonanzen, die sich gleichfalls immer wieder entzweien, so lange, bis das ‚Unzulängliche Ereignis’ geworden, bis, wie Hegel formuliert, ‚der Geist die Zeit tilgt und seinen reinen Begriff erfasst‘. Die Einleitung zur Phänomenologie erläutert derart den Faustplan fast ebenso wie den der Phänomenologie; beide sind geeint im Fahrtmotiv, in der dialektisch sich hocharbeitenden 227 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 109. 228 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 163. 229 Ebd., S. 165. 230 Siehe vor allem die Sitzungen Enzyklopädie und Phänomenologie (7. März 1956), Zur Phänomenologie (9. März 1956), Phänomenologie des Geistes. 2. Teil (14. März 1956) der Hegel-Vorlesung, in: Harich: An der ideologischen Front, S. 699-711. 116 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Subjekt-Objekt-, Objekt-Subjekt-Durchdringung.«231 Es ist eindeutig, wo dieses Hegel-Bild Blochs seinen originären, kaum verborgenen Ursprung hat: Im Zentrum des intentionalen Utopiebegriffs, der so unterschiedliche Denker wie Bloch, Gustav Landauer (Aufruf zum Sozialismus und Die Revolution), Karl Mannheim (Ideologie und Utopie) oder Martin Buber (Der utopische Sozialismus) vereint.232 Es ist fast so, also habe Landauer die Feder in den entsprechenden Bloch-Passagen geführt, erinnert sei nur an seine Bestimmung von Topie und Utopie. Ebenfalls ein sich permanent erneuernder, nie zur Ruhe kommender Prozess – mit dem Bloch-Landauerschen Ziel der ständigen Erneuerung »des Utopischen«.233 3) Goe the und Hegel hätten die bürgerliche Welt nicht nur bejaht, sie haben nicht nur ihre Widersprüche gesehen, sondern, gleichsam um Chance und Fehltritt zu vermitteln, Ansätze und Ausführungen des dialektischen Denkens hervorgebracht. Damit ist bei Bloch nicht nur die Dialektik von Herr und Knecht gemeint234, sondern er interpretiert 231 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 76f. 232 Aufgearbeitet bei: Heyer: Freiheit im Nirgendwo, S. 91-130. 233 Der Begriff der Revolution ist eine der zentralen Denkkategorien Landauers: Denn er verweist auf die Definition und Stellung der Utopie, die bei ihm als Gegenpart der Topie erscheint. Letztere liegt vor, wenn ein geschichtlich stabiler Zustand erreicht ist. »Dies allgemeine und umfassende Gemenge des Mitlebens im Zustand relativer Stabilität nennen wir: die Topie. Die Topie schafft allen Wohlstand, alle Sättigung und allen Hunger, alle Behausung und alle Obdachlosigkeit; die Topie ordnet alle Angelegenheiten des Miteinanderlebens der Menschen, führt Kriege nach Außen, exportiert und importiert, verschließt oder öffnet die Grenzen; die Topie bildet den Geist und die Dummheit aus, gewöhnt an Anstand und Lasterhaftigkeit, schafft Glück und Unglück, Zufriedenheit und Unzufriedenheit.« Der Zustand einer Topie ist ein allumfassender und über das nötige Maß hinaus regelnder. In seinem Rahmen sind Entwicklungen möglich, ohne dass die gesetzten Grenzen ihr Profil verlieren. Die Topie ist das, was ist. Sie erzeugt dadurch aber über kurz oder lang den Widerspruch des Individuums, im Sinne dieser Interpretation Träger der Utopie, des fundamental-radikalen Widerstandes gegen die Topie. Dies ist die Aufgabe der Utopie. Sie organisiert die Kritik an der Topie, an der jeweiligen Gegenwart. In dem Moment jedoch, wo ihr Wirken in der Wirklichkeit Erfolg hat, wird sie selbst zur Topie. Diese Konstruktion sichert vor allem ein theoretisches Konzept Landauers ab: Die Offenheit der Geschichte. Zitat: Landauer: Die Revolution, S. 12. 234 Hierzu neuerdings mit einigen Fehlern, aber auch interessanten Hinweisen: Birk ner: Herr und Knecht in der literarischen Diskussion seit der Aufklärung. Siehe 117 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Goe thes Ausspruch »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.« als »völlig klassische Formel des dialektischen Umschlags«. Ebenso jene Sätze, mit denen Mephisto sich vorstellt – als die Kraft, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«.235 Zu Hegel und der Dialektik muss hier nichts mehr gesagt werden, eine gewisse Beschlagenheit in der Geschichte der Philosophie ist vorausgesetzt. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass »der Widerspruch von ‚Leben‘ und ‚toter Objektivität‘ (…) schon das Denken des jungen Hegel bewegt« hatte.236 Hegels Dialektik wurzle also in demselben Grund, aus dem seine ganze Philosophie erwachse. Eine deutliche Stellungnahme gegen jedwede Verdammung Hegels als »aristokratische Reaktion«. Und eben hier ist auch der Grund dafür, dass sich Lukács in seinem Hegel-Buch eine Beschränkung auferlegte, heißt es doch Der junge Hegel und diente dem exakten Nachweis dieser Überlegungen/Thesen (die Bloch nur antippte, gleichsam im Vorbeigehen in Richtung Phänomenologie). Bei Bloch ist zu lesen: »Der Widerspruch ist, wie Hegels Logik sagt, aber die Phänomenologie bereits belegen will, ‚die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit, nur insofern etwas in sich einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Triebe und Tätigkeit‘. Wobei die Einheit des Ausgleichs keineswegs in Harmonie zwischen den Gegensätzen ausläuft, gar die konstante Statik vor der Entzweiung wiederherstellt.«237 Hinzu trete schließlich noch, dies war Bloch wichtig, dass die Dialektik sich nicht nur auf theoretischer Ebene Bahn breche, sondern auch »Realprobleme der Dialektik« dem Faust und der Phänomenologie immanent sind, »mindest als Horizont«.238 Diesen Gedankengang hat Bloch später, im Prinzip Hoffnung, erneut aufgegriffen. Dort ist zu lesen: »Die Handlungsform im Faust legitimiert sich hegelianisch, das ist durch die dauernde dialektische Beziehung des Bewusstseins auf seinen Gegenstand, wodurch diese beiden sich fortwährend genauer bestimmen, bis eine Identität von Subjekt und Objekt entauch Bloch am Ende seines Lebens in: Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391-398. 235 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 170f. 236 Ebd., S. 171. 237 Ebd., S. 172. 238 Ebd., S. 173. 118 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wickelt ist. Aber die Kerndialektik der Phänomenologie legitimiert sich erst durch Fausts sich erfüllende Intensität und Moralität des intendierten Augenblicks; hieran erst erweist sich, einschlagend, was Hegel als besseres Wissen des Fürsichseins setzt.«239 4) Ein weiteres Ergebnis der Bezogenheit von Goe the und Hegel auf die erwachenden Wünsche und Hoffnungen der deutschen bürgerlichen Gesellschaft bestehe in der Zielfixierung ihrer Werke. Es ist klar, was einmal sein soll, der Weg und die Umwege sind Herausforderungen an den Einzelnen und die Gesellschaft. Bei Lukács heißt es gleichlautend, dass der Weg zur allgemeinen Aufwärtsentwicklung der Menschheit durch individuelle Tragödien führe, wie sowohl Goe the als auch Hegel begriffen hätten. Erneut verwies Bloch hier implizit auf sein Hegel-Buch, in dem zu erfahren ist: »Die Phänomenologie enthält aber erst recht Kritik am Bestehenden oder noch Bestehenden; so in der erwähnten Darstellung des ‚unglücklichen Bewusstseins’, als einer Kritik an der römischen Kirche; so in der Darstellung des ‚geistigen Tierreichs oder Betrugs’, als einer Kritik an dem individuellen Interesse, das sich hinter geistigen Phrasen verbirgt. Solche Kritik macht den Frieden mit der Welt, zu dem die Phänomenologie im Einklang mit der historischen Schule neigt, weit weniger penetrant, als es den Anschein hat. (…) So kontemplativ sich auch die Phänomenologie verhält, so sehr ihr Subjekt nur der Geist ist, so lebhaft ist hinter diesem Subjekt doch der reelle Mensch mit seinem Willen, mit seiner reell umgestaltenden Arbeit erkennbar. Und so stark ist damit die reelle Dialektik angekündigt, die bisher immer wieder aus verjährter Vernunft Unsinn werden ließ und frische Vernunft ansetzte.«240 5) Blochs Vermessung gipfelt in der Aussage: »Der Mensch als Frage, die Welt als Antwort: Diese Goe thesch-Hegelsche Zuwendung nach au- ßen ist ebenso ein immer wieder erneuter Start vom Menschen her. Vom strebenden Sichbemühen Fausts, von Hegels Lebendigkeit des Selbst her. (…) Die so verstandene Prävalenz des Subjekts über den jeweiligen Umkreis von Gesellschaft und Natur begründet die wahrhaft genetische Me- 239 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1199. 240 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 77. Noch einmal sei an den intentionalen Utopiebegriff und an Landauer erinnert, dessen Denken auch in diesen Passagen durchschimmert. 119 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch thode. (…) Der Mensch als Frage und die Welt als Antwort, das bedeutet darum bei den konkret bewegten Subjekt-Objekt-Bezügen Goe thes und Hegels ebenso: Die Welt als Frage, der Mensch als Antwort – nämlich der zu sich gekommene Mensch in einer mit ihm vermittelten, begriffenen, humanisierten Notwendigkeit und Natur.«241 Es ist die Arbeit, die in letzter Konsequenz die Erzeugungsgeschichte des Menschen und seiner Welt begreiflich macht und zur Darstellung zwingt – im Faust und in der Phänomenologie. Das Bekenntnis zu Goe the war in der DDR Konsens zwischen den Parteieneliten und den führenden Intellektuellen – Motivation und Illustration des gemeinsam unternommenen Aufbruchs zugleich, das können wir schon an dieser Stelle konstatieren. Über diesen Umweg Hegel aufzuwerten, seine Philosophie in die nicht durch Vorurteile belastete Diskussion zu bringen, den Begriff des Erbantritts samt seiner Inhalte ständig neu zu überprüfen: Dies war das charakteristische Moment des Denkens von Bloch, Lukács, Harich und so manch anderem Intellektuellen, Theoretiker und Schriftsteller – unabhängig davon, ob der Einzelne nun später in der Partei Karriere machte oder in Konflikte mit dieser geriet. Die Analogisierung von Faust und Phänomenologie blieb eine der Konstanten im Blochschen Denken – vom Subjekt-Objekt über verschiedene Aufsätze und Vorträge in der DDR und das Prinzip Hoffnung242 bis hin zum Tübinger Alterswerk. Wir müssen an dieser Stelle aber noch einmal einen Schritt zurückgehen, zum ersten Punkt der gerade wiedergegebenen Aufzählung. Denn auch das Wurzeln Goe thes in den emanzipatorischen Potenzialen der entstehenden bürgerlichen Bewegung und Denkart im 241 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 177. Im Prinzip Hoffnung heißt es: »Hegel macht in der Phänomenologie die große philosophische Kavalierstour an die Höfe der Welt, und fehlt ihm Fausts Zaubermantel, so besitzt er die ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs’. Im Faust wie im Phänomenologiegeist ist immer neu die Lust entzündet, sich als Frage, die Welt als Antwort, aber auch die Welt als Frage und sich als Antwort zu vernehmen. Immer wieder fährt das Subjekt durchs Objekt als einem antwortenden Gegenstand zu jeweiligen Subjektart hindurch, immer wieder wird mittels des Objekts selber, in seiner Durcherfahrung, eine neue Subjektstufe betreten.« Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1196. 242 In diesem ist ein Unterkapitel betitelt: Faust, Hegels Phänomenologie und das Ereignis. Ebd, S. 1194-1201. 120 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ist zwar einerseits durchaus ein Faktum, andererseits aber bereits Interpretation. So überrascht es nicht, dass im dritten und letzten Band des Prinzip Hoffnung Bloch sich intensiv mit der bürgerlichen Aufbruchzeit in Deutschland beschäftigte. Man muss sicherlich nicht so weit gehen, darin autobiographische Momente zu erkennen,243 aber es ist schon so, dass Bloch mehr beschrieb als nur historische Ereignisse, dass der große Hoffnungshorizont jener Generation, die kurz vor der Französischen Revolution mit der eigenen deutschen Misere klar zu kommen versuchte, in verschiedenen Zügen an jene nicht abgegoltenen, kaum eingelösten Versprechen erinnert und erinnern sollte, mit denen die sozialistische Umgestaltung eines kleinen Stückchens Deutschland nach 1945 begonnen hatte, pointierter Weise jener Teil, der (mehr als nur) geographisch Jena und Weimar umfasste. Die Jugend sei um 1770 nicht mehr bereit gewesen, die gegebene Zustände zu akzeptieren. Aus der Passivität ihrer leidenden Eltern trat sie heraus, Aufbruchstimmung und Kraft gleichermaßen in sich vereinend. Es sei eine Zeit der bürgerlich-revolutionären Unruhe gewesen, die Revolution schien sich auch in Deutschland vorzubereiten und scheiterte dann doch, ja, kam noch nicht einmal in den ersten Anfängen zu Stande. Die Revolution war vorbei, bevor sie begonnen hatte. So wurde sie nicht Sache der Menschheit, nicht der Gesellschaft, sondern des Individuums. »Das war die deutsche, höchst deutsche Zeitenwende, Mischwende, die Goe thes Jugend umgab – eine bürgerliche Revolution, trotz fehlendem Bürgertum dahinter, trotz der glühenden Unklarheit. Aus dem schmalen, auf Avantgarde und Jugend beschränkten Wesen kam diese übersteigerte, 243 Manfred Riedel hat ja Seite um Seite seines Buches über Bloch dem »Nachweis« gewidmet, dass Bloch, wo immer er über irgend eine historische Person sprach, die mit den Obrigkeiten in Konflikt stand – die Bandbreite reicht von Thomasius bis Nietzsche – eigentlich von sich selbst erzählte. Eine absurde These aus der Parallelwelt der Bloch-Apologie, die hier nicht kommentiert zu werden braucht. Nachzulesen in: Riedel: Tradition und Utopie. 121 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch aber auch fassliche Kategorie: Sturm und Drang, als die von Jugend, utopischer Überfülltheit zusammen.«244 Goe the habe genau diesen Zeitgeist verkörpert (der in diesem Zusammenhang nicht erwähnte Hegel ebenso, von Schiller ist an anderer Stelle – analog – zu sprechen). Und wie der bürgerliche Geist im Allgemeinen scheiterte, so zerbrachen auch die Hoffnungen von Goe the und Hegel, endeten in der – marxistisch gesprochen – zeitgemäßen, »an der Zeit seienden« Versöhnung mit der Wirklichkeit – die ihren höchsten theoretischen Ausdruck fand bei: Goe the und Hegel. »Opposition gegen die Obergewalt, und das kann auch lediglich Palastrevolution sein – und der spätere Goe the hat sich auf den Begriff der Palastrevolution beschränkt –, doch um 1770, in der aufsteigenden Epoche des Bürgertums, enthielt die Opposition ein Leben, das sich in bloßem Austausch der Fassaden nicht erschöpfen wollte.«245 Harich sah diese Zeit in seiner Hegel-Vorlesung 1956 etwas anders als Bloch und notierte in seinem Manuskript die Stichpunkte: »Philiströs, spießerhaft, altklug und alltäglich und vor allem: eine jedes Schwungs und jedes Feuers entbehrende durch und durch prosaische Natur. (…) Frei von der Sentimentalität des Sturm und Drang. Nichts von jenem Kultus der Individualität, von jener hypochondrischen Selbstbeobachtung, jenem Schöntun mit sich selbst, wie es sich in der bürgerlichen Intelligenz in Folge der allgemeinen Verödung des öffentlichen Lebens, durch den Mangel großer und allgemeiner Interessen in Deutschland ausgebildet hatte. Ungeheure Objektivität. Riesiger Tatsachen- und Stoffhunger, der alles Wissenswerte in die Scheuern umfangrei- 244 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1148. An anderer Stelle heißt es: »So kam der Glut einer Jugend eben die neue und besondere einer Zeitwende hinzu, die bürgerlich-revolutionäre Unruhe, wie sie gegen Leibeigenschaft, Regelzwang, Despotie und ‚Unnatur‘ sich empörte. Die Stürmer und Dränger insgesamt hatten das Glück, nicht nur subjektiv, auch objektiv so alt zu sein wie ihr Zeitalter und mit den Tendenzen des endlich erwachenden deutschen Bürgertums sich im Einklang zu fühlen. (…) Bürgerliche Revolution schien sich in Deutschland vorzubereiten, die dann doch nicht kam; und sie verwandte, bei der geringen kapitalistischen Entwicklung des Landes, nicht den kalkulierenden, regulierenden Verstand. Sie sprach wild-vages Freiheits- und Vaterlandsgefühl an, irrationale Schwärmerei, wie sie einem noch halbbarocken, nämlich pietistischen Kleinbürgertum, aber auch der Jugend lag.« (Ebd., S. 1146f.) 245 Ebd, S. 1150. 122 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe cher, immerfort wachsender Exzerpte einheimst. Nüchternes Interesse für die Sachen. Spezielles Interesse für die Geschichte, die er bereits in seinen ersten Anfängen philosophisch zu verstehen sucht.«246 Über Hegel war zu sprechen. Nur von Hegel? Lukács seinerseits hatte, um das Bild hier zu komplettieren, formuliert, »dass schon der junge Hegel gegen den plebejischen Jakobinismus feindlich eingestellt gewesen ist. Die Sonderstellung Hegels unter seinen deutschen Zeitgenossen liegt auch nicht in seinem politischen Radikalismus. Nicht nur Forster ging in dieser Frage viel weiter – er tat es auch praktisch –, sondern auch Fichte; und ältere Aufklärer wie Herder oder Wieland bewahrten viel länger eine lebendige Sympathie auch mit den Extremen der Französischen Revolution. Hegels spezielle Position liegt darin, dass er zwar von Anfang an den äußersten linken Flügel der Französischen Revolution ablehnt, jedoch sein ganzes Leben lang unerschütterlich an dem Gedanken der historischen Notwendigkeit dieser Revolution festhält, dass er bis an sein Lebensende in ihr die Grundlage der modernen bürgerlichen Gesellschaft erblickt. Freilich ändern sich in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft seine Anschauungen sehr energisch. In der Berner Jugendperiode (…) sieht Hegel, trotz seiner Ablehnung der Robespierreschen Politik, hier die Grundlage der kommenden Erneuerung der Gesellschaft. Später, nach der Frankfurter Krise, als er zu einer tieferen Einsicht in das ökonomische Wesen der bürgerlichen Gesellschaft gekommen ist, betrachtet er die Französische Revolution nicht mehr als den Anstoß, als das Vehikel zu einer zukünftigen Erneuerung der Gesellschaft, sondern im Gegenteil als die historisch vergangene, aber historisch notwendige Grundlage der Wirklichkeit, wie sie eben in der Gesellschaft seiner Gegenwart besteht. Dabei kommt er zu einer, freilich historisch temperierten Begeisterung auch für die radikalen Seiten der Französischen Revolution.«247 (Harich seinerseits, das sei ergänzt, hatte diese Passage aus Lukács’ Der junge Hegel in seiner Vorlesung zitiert.) Die beiden Kapitel, in denen sich Bloch im Prinzip Hoffnung mit Goethe und Hegel auseinandersetzte, sind überschrieben – einerseits ziem- 246 Harich: Hegel-Vorlesung, S. 468f. 247 Lukács: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft, S. 40f. 123 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch lich banal – Der junge Goe the, Nicht-Entsagung, Ariel und – andererseits überaus programmatisch – Leitfiguren der Grenzüberschreitung; Faust und die Wette um den erfüllten Augenblick. Auch wenn Goe the und Hegel im Alter den Ausgleich mit der Wirklichkeit suchten, Hegel sicherlich noch deutlicher als der Weimarer Politiker, zu dem Goe the ebenfalls geworden war, die Motive ihrer Jugend seien Leitfiguren der Grenzüberschreitung. Zu fragen wäre allerdings, ob sich Goe the und Hegel nach der Französischen Revolution noch von diesen Leitfiguren »leiten«, gar »verleiten« ließen. Wie Bloch vielleicht sagen würde: Zweifel verschwinden nicht in der Abenddämmerung. Aber erst dann fängt Hegels Eule an zu fliegen. Tägliche Rundschau«, 1948 Wolfgang Harich im Alter von 18 Jahren 125 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich Frau von Stein an Karl Ludwig von Knebel: »Goe the grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen, und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äußerst interessant.« Harich beschäftigte sich in seinem Aufsatz Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung (im gleichen Band gedruckt wie Blochs Faustmotiv, zuvor ebenfalls Vorabdruck in der Neuen Welt) mit den entsprechenden Arbeiten Goe thes, die er vor allem im Rahmen seiner Studien zur Geschichte des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung vermessen hatte. Inhaltlich gehört der Goe the-Text also in den Kontext von Harichs Studien zur deutschen Aufklärung (vor allem zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts) sowie der Analyse der bürgerlichen Ideologien und Wissenschaften des 19. Jahrhunderts. Dabei bediente er sich unterschiedlichster Präsentationsmedien. In der Täglichen Rundschau schrieb er verschiedene Artikel, die, im feuilletonistischen Bereich angesiedelt, sein Verständnis von Aufklärung, Idealismus und Materialismus, im Rahmen des Erb-Antritts, präzisierten. (Der eine oder andere findet auf den folgenden Seiten Erwähnung.) Neben verschiedenen Editionen (im Aufbau-Verlag), Aufsätzen und Projekten sind sicherlich seine mittlerweile publiziert vorlie- 126 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe genden Vorlesungsmanuskripte (wie schon im Fall von Blochs Leipziger Vorlesungen) eine echte Fundgrube. Zuvorderst zu erwähnen sind die nicht nur von Harich, sondern auch von Lukács, Mayer und Bloch248 herausgearbeiteten möglichen Traditionszusammenhänge, die, so die marxistische These, Goe thes und Hegels Ideenwelten verbinden und die in den Marxismus hineinreichen. So finden sich, im Falle Blochs haben wir dies gerade betrachtet, bei allein vier Anmerkungen zu Hegels Philosophie und deren Verhältnis zu Marx und Engels. Die eigentliche Hegel-Debatte der DDR249 hatte zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingesetzt, aber wichtige Texte und Stellungnahmen waren bereits bekannt: Der Angriff Shdanows auf Hegel und die deutsche idealistische Philosophie ebenso wie Lukács’ noch während des Zweiten Weltkriegs zuerst publizierte Verteidigung Hegels.250 (Die Debatte schwelte, kündigte sich an, das sah man später, nachdem Rugard Otto Gropps zentraler Angriff erfolgt war.) Dessen Philosophie, so Lukács programmatisch, habe mit dem Faschismus nichts zu tun. In diesem Sinne sind die positiven Äußerungen zu Hegel (vermittelt über Goe the) schon als Stellungnahmen zur Hegel-Verdammung (vermeintlich, angeblich) Stalins zu interpretieren. Sowohl Bloch als auch Harich ergriffen früh Partei für die klassische deutsche Philosophie des Idealismus und waren zu den damit einhergehenden Konfrontationen mit der offiziellen SED-Philosophie bereit: Harich jedoch mit weitaus offenerem Visier kämpfend als Bloch. Die Beschäftigung mit Goe the ist in diesem Sinne, das ist immer mitzudenken, kein solitäres Phänomen. Vielmehr ging es um die kulturelle Tradition, um die Deutung der Geschichte und nicht zuletzt um die deutsche Philosophie und Literatur auf dem Weg von der Aufklärung über den Marxismus hin zum realen Aufbau des Sozialismus. Daher interpretierte er Goe the, Schiller, wie wir noch sehen werden auch Heine, immer zuvorderst als 248 Diese These Blochs hat Burghart Schmidt im Kontext analysiert: Schmidt: Ernst Bloch, S. 59. 249 Warnke: Das Problem Hegel ist längst gelöst, S. 194-221. 250 Siehe vor allem: Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80-114. Lukács: Die Nazis und Hegel, S. 278-289. 127 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich politische Philosophen – tätig im kulturellen Bereich und wirksam über diesen hinaus. Nicht nur Literatur und Philosophie gehören Harich zu Folge in den Klassikerkanon des Marxismus. Auch die Naturwissenschaften müssten wahrgenommen, von ihren reaktionären Verzerrungen befreit und in die eigene Tradition integriert werden. Hinzuweisen ist darauf, dass Harich nach dem Zweiten Weltkrieg so manches Vorurteil des Marxismus gegenüber den Naturwissenschaften teilte. Da die Debatte um die moderne Physik sowie Naturphilosophie hier nicht analysiert werden kann, muss der Hinweis genügen, dass er zum Beispiel Einsteins Relativitätstheorie als »Schwindel« ablehnte.251 Dieses Missverstehen der modernen naturwissenschaftlichen Theorien hinderte Harich (er sprach beispielsweise von den »Physiker-Idealisten«252) allerdings nicht, sich den historischen Spielarten naturwissenschaftlichen Denkens zu widmen. Dabei kam er dann zu der These, dass die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goe thes für den Marxismus von eminent wichtiger Bedeutung seien. »Bei Goe the indessen geben die progressiven, humanistischen Tendenzen seiner Dichtung seiner naturwissenschaftlichen Arbeit deutlich das Gepräge, während umgekehrt Wirkung und Einfluss des wissenschaftlich Erkannten wiederum unmittelbar in das Gesamtkunstwerk eindringen.«253 251 Das berichtet Harichs erste Frau. Siehe: Luis: Erinnerungen an Harich, S. 166. Siehe exemplarisch zur Debatte um die moderne Physik: Maffeis: Zwischen Wissenschaft und Politik, S. 100-103. Mocek: Marxistische Naturphilosophie in der Diskussion, S. 180-193. 252 »Aus der erwiesenen Unzulänglichkeit des Mechanismus zogen die subjektiven Idealisten falsche und verwirrende fideistische Schlussfolgerungen. Dass sie mit diesem Versuch die materialistischen Prinzipien auch der Naturwissenschaft zu erschüttern, dem Mystizismus (und damit der Liquidierung der Wissenschaft durch die imperialistische Reaktion) Tür und Tor öffneten, zeigen die Theorien der heutigen Physiker-Idealisten, der Pasqual Jordan und Konsorten, die es fertig bringen, aus der Heisenbergschen Unschärferelation eine ‚Willensfreiheit im Atom‘ und einen ‚unerforschlichen Ratschluss Gottes’ herzuleiten. Alle diese wissenschaftsfeindlichen Theorien, wie ‚modern‘ sie sich geben mögen, sind von Lenin in Materialismus und Empiriokritizismus bereits vor vier Jahrzehnten schlagend widerlegt worden. Damit hat Lenin den Fortschritt aller Wissenschaften gegen die Attentate einer vernunftwidrigen, barbarischen Reaktion gesichert.« Harich: Triumph der Wahrheit, S. 1189. 253 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 189. 128 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Bei Goe the würden alle Bereiche seines Schaffens eine Einheit bilden, während zum Beispiel Voltaire die Physik nur als Zeitvertreib studiert und nicht in sein literarisches Schaffen integriert habe.254 Dieses Urteil kann man so aber nicht stehen lassen. Illustriert doch beispielsweise Voltaires Candide als »philosophischer Roman« (eine zentrale mediale Präsentationsform aufklärerischen Wissens, wenn man es so nennen will – von Diderot und Montesquieu bis de Sade) par excellence die Verbindung und das Ineinandergreifen von Kritik am Absolutismus sowie dessen Stützmächten, von Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften. Ja, die französische Aufklärung, für die der Candide hier stellvertretend erwähnt wurde, lebte geradezu von der Verschränkung der unterschiedlichsten Themenbereiche, der Verschränkung aller Wissensformen und Erkenntnisarten (alle benutzt und ausgebaut mit dem Ziel der permanenten Unterminierung des Absolutismus). Nicht nur die Encyclopédie ist dabei zu nennen: Es ist ein ganzer Traditionsstrang, beginnend bei Maupertuis, Voltaire, den Materialisten und La Mettrie und Diderot bis hin zu Bougainville und anderen (etwa den »Ideologues« in der Revolution).255 Der französische Materialismus, für den der Marxismus in seinen verschiedenen Schattierungen nie ein echtes, tiefgreifendes Verständnis entwickeln konnte, ist philosophisch angewandte Naturwissenschaft. Harich ließ in seinem Essay die Arbeiten Goe thes in den Naturwissenschaften Revue passieren: Neben der Mineralogie und der Botanik thematisierte er auch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens256 und Goe thes Beiträge (bzw. besser: Vorarbeiten) zur Evolutionstheorie. (Quasi eine Brücke zu Kant und Herder, über die Harich gegangen ist.) Außerdem machte er die Praxis als entscheidenden Faktor in Goe thes Denken aus. Erst sie ergebe die Theorie und überprüfe diese gleichzeitig. Es seien »Forderungen des Tages«257 gewesen, Probleme aus dem täglichen Leben, 254 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 189. 255 Aufgearbeitet ist die Thematik bei: Heyer: Das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, S. 255-272. 256 In der Täglichen Rundschau hatte Harich sogar einen Zeitungsartikel Zum 165.  Jahrestag der Entdeckung des Zwischenkieferknochens (so der Untertitel) geschrieben. Siehe: Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 257 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 194. 129 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich den Wirtschaftsprozessen oder aktuellen wissenschaftlichen Debatten, die Goe thes Forschungen stimulierten. Gleichzeitig habe dieser Theorien vom Ende der Geschichte abgelehnt. Theoretische und praktische Erfahrungen hätten einen Prozesscharakter und könnten nicht in endgültige Formen und Modelle überführt werden: »Goe the fasste die Erkenntnis als fortschreitenden Prozess auf. In der Unangemessenheit zwischen Theorie und Phänomen, in ihrem ‚Konflikt‘, ihrem ‚Widerstreit‘ und ‚Zwiespalt‘ sah er den ewigen Stachel zur Fortbewegung des Denkens und zur Bereicherung der Bewusstseinsinhalte, und er meinte, dass die Überwindung des ‚Konflikts‘ durch eine relativ angemessene Theorie, eine neu errungene Wahrheit und Einsicht nicht das Werk des mit sich selbst in der Reflektion beschäftigten Verstandes sein, sondern nur durch die Praxis erzielt werden könne.«258 Das Zitat zeigt, dass Harich Aristoteles gegen Platon ausspielte. Beider Theorien lernte er damals in Vorbereitung seiner Vorlesungen an der HU intensiv kennen (nach ersten Lektüren bei Nicolai Hartmann).259 Die aristotelische Erkenntnistheorie wird dem systemisch vorgehenden Gedankengebäude Platons vorgezogen – für einen Marxisten ein durchaus undogmatischer Schritt der Aneignung der europäischen Geistesgeschichte. Allerdings ging Harich nicht so weit, diese Überlegungen auch auf andere Gebiete der Kulturgeschichte anzuwenden. Das zeigt unter anderem seine Kritik des französischen Materialismus, dessen eigentlichen Sinn sowie die ihn umgebenden und hervorbringenden historischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedingungen er – der offiziellen marxistischen Theorie ebenso wie Engels und Mehring folgend – falsch einschätzte. Etwa dann, wenn er behauptete, dass die französische materialistische Philosophie »den dialektischen Gehalt der Wirklichkeit (…) nie zu fassen vermochte«.260 Die Ausnahme markiere dabei Denis Diderots Rameaus Neffe. Nun wurde freilich eben jener Dialog sowohl von Diderot als auch dem Übersetzer ins Deutsche, von Goe the, als Zusammenfassung der Prinzi- 258 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 200. 259 Siehe: Eckholdt: Begegnungen mit Harich, S. 44-47. Dort allerdings verschiedene Fehlurteile. Die Vorlesungen Harichs liegen mittlerweile gedruckt vor: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie. 260 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 228. 130 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe pien der Aufklärung sowie als spielerischer Umgang mit ihnen verstanden (darauf verwies Harich nicht). Rameaus Neffe ist also keine Ausnahme innerhalb des französischen Materialismus und des dialektischen Denkens, sondern ganz im Gegenteil der Versuch Diderots, eine Zusammenfassung des gesamten Diskurses in einen tragfähigen Konsens zu überführen. Naturwissenschaften und Literatur, so Harichs These in dem Goe the- Aufsatz, ergänzten sich bei Goe the gegenseitig. Beide speisten sich aus den gleichen Quellen und hätten identische Zielrichtungen. Vor allem der junge Goe the sei ein Mitstreiter der Aufklärung gewesen. Das würden die Leiden des jungen Werther ebenso aufzeigen wie Goe thes Reformeifer im Herzogtum Sachsen-Weimar oder seine naturwissenschaftlichen Forschungen.261 »Es sind dieselben humanistisch-progressiven Motive, dieselben methodologischen Gesichtspunkte und Maximen, nach denen sein dichterisches wie sein naturwissenschaftliches Vermächtnis gestaltet ist, und in diesen Maximen ist letztlich die gesellschaftliche Praxis widergespiegelt, um es konkret zu sagen: der Emanzipationskampf des Bürgertums gegen den Feudalismus, die Aufklärungsbewegung, die Französische Revolution, der Versuch also einer Bewältigung und Bemeisterung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch die Menschen und für die Menschen, wie sie die besten Köpfe des Bürgertums in dessen revolutionärer Epoche anstrebten und ersehnten, ohne dieses große Ziel in der Wirklichkeit freilich jemals erreichen zu können. Hier hat der ästhetische Realismus Goe thes so gut seine Wurzel wie sein naturwissenschaftlicher Forscherdrang – beides nur Modifikationen derselben, praktisch gerichteten, lebenbejahend aktiven Tätigkeit, deren großer Inhalt die Bewältigung der Welt ist.«262 In dem Zeitungsartikel Goe thes Beitrag zum Materialismus hieß es mit analoger Stoßrichtung: »Goe thes Entdeckung fällt zeitlich in die erste Periode seines Aufenthalts in Weimar (1775-1786). Wenn Goe thes dichterischer Schaffensprozess in dieser Periode seines Lebens komplizierter, schwieriger, langwieriger war, als er es in der Frankfurter Geniezeit gewesen, so lag das nicht zuletzt daran, dass Goe the jetzt das praktische 261 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 206. 262 Ebd, S. 205. 131 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich gesellschaftliche Handeln und die Vervollkommnung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse über die dichterische Schöpfung stellte. Dabei bestand zwischen seiner gesellschaftlichen und seiner wissenschaftlichen Praxis ein enger Zusammenhang. Beide Tätigkeitsgebiete waren erleuchtet von den großen Ideen der bürgerlichen Aufklärung. Und als kühner Aufklärer, der gewillt war, der Vernunft zum Siege über die Vorteile der Religion zu verhelfen, packte er auch die Probleme der Naturwissenschaft an.«263 Diese Ausführungen Harichs sind zu den entsprechenden Stellen bei Lukács und Bloch vollständig kompatibel. Damit ist angezeigt, dass seine Position in den Kontext der sich neu formierenden marxistischen Philosophie gehört. Wie der Politiker Goe the (als praktischer Politiker, als Höfling etc.) in dieses Aufklärer-Bild passt, darauf ging Harich nicht ein. (Darin argumentierte er ebenfalls analog zu Lukács, dem Bloch der Nachkriegszeit, Mayer.) Auch die Tatsache, dass die Aufklärung in Weimar kaum mehr als eine Chimäre war, eine Angelegenheit der Salons und Briefwechsel, nicht aber des realen Lebens, wurde von Harich nicht thematisiert. Vielmehr tat er dieses Konglomerat beinahe beiläufig ab. »Der Aufklärer, der in dem Naturforscher Goe the lebenslänglich fortwirkt, wird in dem Staatsmann Goe the 1788, nach der Rückkehr aus Italien, für immer pensioniert und auf den Altenteil des Hoftheaters verwiesen, während er sich in dem Dichter Goe the zum klassischen Humanisten Goe the sublimiert, der die großen Ideen der bürgerliche Revolution zum pädagogischen Ideal erhebt.«264 Es ist Harich zu Folge also möglich, als Politiker seine aufklärerischen Ideale zu pensionieren, so lange man als Naturwissenschaftler den Prinzipien der Aufklärung die Treue hält. Man stelle sich nur vor, Robespierre wäre Anwalt geblieben, Sieyès Priester, Rousseau Hauslehrer und Napoleon hätte nicht die bürgerliche Welt erzwungen, sondern sich weiter in die Integralrechnung vertieft. Der Zwischenkieferknochen wird so wichtiger als die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen, die sich in den deutschen Staaten gerade nicht vollzogen. 263 Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 264 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 207. 132 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Immerhin schränkte Harich seine Sichtweise partiell ein, indem er Goe the attestierte: »Aber welch mächtigen Alliierten er in der revolutionären Bewegung der Massen hatte, ahnte er nicht, der Künstler des fortschreitenden Lebens.«265 Am deutlichsten zeige sich Goe thes Bekenntnis zur Aufklärung in dessen Ablehnung von Systemen.266 Allerdings ergänzte Harich, dass er diese Maxime nur auf seine naturwissenschaftlichen Arbeiten bezog, während die französische Aufklärung die Überwindung des Systemsgeist ja gerade auf geisteswissenschaftlich-kulturellen Feldern unternahm. In dem Zeitungsartikel Goe thes Beitrag zum Materialismus hat er zeitlich parallel Goe thes gleichsam doppelte (wenn nicht gar dreifache: Politiker, Dichter, Naturforscher) Existenz prägnant zu vereinen versucht: »Aber während Goe the politisch in der deutschen Misere, der Stickluft feudalabsolutistischer Kleinstaaterei mit seiner Aufklärermission tragisch scheitern musste (die italienische Reise war 1786 eine Flucht aus dieser hoffnungslosen deutschen Kleinstaatenge), wuchs er als Naturwissenschaftler bereits weit über die Grenzen der Aufklärung hinaus. Denn was besagte die Entdeckung des ‚os intermaxillare‘? Dass der Mensch kein ‚autonomes‘, ewig unveränderliches Geistwesen, sondern dass er aus der Natur entstanden ist, aus niederen, tierischen Formen der Materie sich empor entwickelt hat und – wie hoch er sich geistig auch erheben mag – seiner elementaren Grundlage, der Natur, der Materie, verhaftet bleibt. Goe the war der Dialektik in der Natur auf die Spur gekommen: Der Einheit der Gegensätze, dem allseitigen Zusammenhang der Erscheinungen, der ständigen Bewegung und Veränderung, der Entwicklung vom Niederen zum Höheren – und diese bewegte und verschlungene Wirklichkeit in ihrer Kompliziertheit, Lebendigkeit und Fülle zu fassen, waren die Kategorien des mechanistischen Materialismus des 18. Jahrhunderts zu eng und starr.«267 Eingangs wurde auf Harichs These verwiesen, dass auch die Beschäftigung mit den naturwissenschaftlichen Studien Goe thes einen aktuellen 265 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 209. 266 Ebd., S. 216f. 267 Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 133 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich Bezug habe. Aus marxistischer Sicht müsse Goe the von den reaktionären Analysen und Interpretationen seines Denkens befreit werden. Allerdings dürfe der Marxismus nicht so weit gehen, ihn seinerseits kritiklos zu vereinnahmen. Ließen sich in Goe thes Weltsicht doch viele der Probleme und historisch bedingten Grenzen des deutschen Bürgertums aufzeigen. Größe und Grenze gehörten für Harich immer zusammen, bedingten sich gegenseitig. Daher sei Goe the als »der größte der Bürger in des Bürgertums großer, heroischer Zeit«268 zu betrachten. Außerdem gebe es durchaus Überschneidungen der marxistischen Theorie mit den Ansichten Goe thes.269 Erste Ansätze dialektischen und materialistischen Denkens seien in Goe thes Anschauungen eingeflossen bzw. hätten sich dort entwickelt. Gleichzeitig würden sie aber auch die Grenzen der Fortschrittlichkeit seines Schaffens markieren, die identisch mit den Grenzen der bürgerlichen Epoche wären: »Wo er wissenschaftlich vorging, gelangen ihm dialektische und auch materialistische Detailerkenntnisse, die einer heutigen Erfassung des Ganzen, vom Standpunkt des kämpfenden Proletariats, eminent fruchtbare Wege weisen. Wo er selbst es aber auf Weltschau anlegte, zerstob die Wissenschaft, und es blieb ‚Naturphilosophie‘ mit all ihren fatalen Übeln, ein grandioser, ungeheurer, doch zu früher Versuch, der Goe thes radikalen Denkmotiven, seinem Aufklärersinn zum Trotz in den Idealismus zurückmündete.«270 Im Prinzip wies Harich, das sehen wir jetzt, am naturwissenschaftlichen Goe the das nach, was Lukács und Bloch für den philosophischen und künstlerischen Goe the reklamierten. Das gerade eruierte Goe the-Bild Harichs kann um einen wichtigen Aspekt ergänzt werden, der bereits anklang. Zentrale Bedeutung maß er Goe thes Arbeiten im Hinblick auf Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen A ufklärung zu. Mit diesem Titel ist der erste Paragraph der Vorlesung Die deutsche P hilosophie im Z eitalter der Französischen Revolution überschrieben, die Harich im Wintersemester 1950 und im Sommersemester 1951 an der Berliner Humboldt-Universität 268 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 226. 269 »Goe thesch und marxistisch: oft geht das zusammen. Oft können wir ganze Passagen von ihm wörtlich übernehmen und in den Kämpfen der Gegenwart für die Sache des Fortschritts verwenden.« (Ebd.) 270 Ebd., S. 227. 134 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe hielt. In einer kurzen Aufzählung stellte er zu Beginn der Vorlesung die wichtigsten Stationen des Entwicklungsgedankens vor, ein Weg, der von Kants Allgemeiner Naturgeschichte und Theorie des Himmels bis zu Goe thes naturwissenschaftlichen Studien reicht und dann in der deutschen Naturphilosophie weiter wirkte. »I: Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1755 II: Kaspar Friedrich Wolffs Theoria generationis von 1759 III: Die Wiederentdeckung von Leibniz’ Nouveaux Essais sur l‘entendement humain von 1765 IV: Die Sprachphilosophie von Johann Georg Hamann, 1760 bis 1770 V: Die Entwicklung der Geschichtsphilosophie Johann Gottfried Herders ab 1764 VI: Lessings Erziehung des Menschengeschlechts VII: Goe thes Naturanschauung«271 Dieses Programm arbeitete Harich in seiner Vorlesung ab. Dabei ging es ihm außerdem darum, weitere Momente der Entstehungsgeschichte des Marxismus, des dialektischen und historischen Materialismus herauszuarbeiten. Insofern waren, eine wichtige Analogie zu Blochs Ausführung, auch seine Thesen und Anmerkungen Bausteine einer Positionierung zu den zeitlich parallel sich ankündigenden Debatten um Hegel und die Logik.272 »Die fruchtbaren Elemente vorwärtsweisender Erkenntnisse, die einen Fortschritt des menschlichen Wissens bedeuteten, sollen herausgearbeitet werden. Alle diese Elemente echter Erkenntnis sind – freilich auf einer ganz neuen, qualitativ höheren Grundlage – Elemente des dialektischen und historischen Materialismus. Die Herausarbeitung der fruchtbaren Elemente in der klassischen bürgerlichen Philosophie ist also gleichbedeutend mit der Klärung der Vorgeschichte des dialektischen und historischen Materialismus. Das wichtigste Resultat der westeuropäischen bürgerlichen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts: Der Materialis- 271 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847. 272 Siehe hierzu mit weiteren Hinweisen: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, S. 577-592. 135 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich mus. Aber es war nur ein mechanischer, ein metaphysischer Materialismus (von einzelnen Ansätzen zur Dialektik abgesehen). Deshalb war er nicht konsequent materialistisch. Bestimmte Probleme, deren materialistische, wissenschaftliche Lösung die Anwendung der dialektischen Methode voraussetzt, werden entweder überhaupt offen gelassen oder idealistisch gelöst. Der dialektische Materialismus ist daher der einzig konsequente Materialismus. Um zu diesem einzig konsequente Materialismus zu kommen, bedarf es der dialektischen Methode.«273 Harich sah einen Weg von den Errungenschaften der Aufklärung über die klassische deutsche Philosophie des Idealismus zur dialektischen Methode. Dies sei der Ausgangspunkt von Marx und Engels gewesen, den Schülern Hegels. Wichtig im vorliegenden Zusammenhang ist nun, dass Harich davon ausging, dass die Entwicklung und umfassende Anwendung der dialektischen Methode nicht nur die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch einen bestimmten Stand der naturwissenschaftlichen Forschung voraussetze.274 Erst auf dieser Basis konnten dann auch die Ansätze zur Dialektik, die es in der deutschen Aufklärung gegeben habe, fruchtbar gemacht werden, sich gleichsam von der Spekulation zur wissenschaftlichen Sättigung mit Fakten entwickeln. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts habe eine statische Naturauffassung vorgeherrscht, die These der Erschaffung der Welt durch Gott sei kaum hinterfragt worden. In Deutschland komme vor allem zwei Schriften, erschienen in der Mitte des Jahrhunderts, Bedeutung bei der Überwindung dieser falschen These zu: Zum einen Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755), zum zweiten Kaspar Friedrich Wolffs Theoria generationis (1759). Die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels hatte Harich immer wieder positiv hervorgehoben und in seiner Bedeutung gewürdigt. Das Werk erarbeitete Kant 1755 und veröffentlichte es anonym (nur wenige Exemplare kamen in Umlauf ). In dem Manuskript Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte schrieb Harich (kurze Zeit nach seiner Haftentlassung, also in der Mitte der sechziger Jahre): »Es sei nur daran 273 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847. 274 Ebd., S. 847f. 136 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe erinnert, dass im neuzeitlichen Philosophieren von Anfängen evolutionistischer Naturbetrachtung ja erst seit der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels des frühen Kant (1755) die Rede sein konnte, dass die universal verallgemeinerte Dialektik noch in der Naturphilosophie der Romantiker rein spekulativen Charakter besaß und dass, was den Geschichtsprozess anbelangt, z. B. das Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderung überhaupt erst durch die Französische Revolution als Phänomen der gesellschaftlichen Entwicklung fassbar geworden ist und erst von Hegel, 1806, übrigens unter Berufung auf vage Analogien aus der organischen Natur, auf den Begriff gebracht wurde. Es genügt, sich diese Daten der Wissenschaftsgeschichte und dazu die Entferntheit und anscheinende Unverbundenheit der verschiedenen Punkte, an denen das dialektische Weltbegreifen da ansetzte, zu vergegenwärtigen, um einzusehen, wie schwer es den Philosophen fallen musste, der allgemeinen Zusammenhangs- und Entwicklungsgesetzlichkeit auf die Spur zu kommen, die den neu gesehenen bzw. neu geschehenden und nur dialektisch zu erfassenden Sachverhalten zu Grunde lag.«275 Und in Widerspruch und Widerstreit hatte er zeitlich parallel formuliert: »Das besagt – einmal mehr, so müssen wir in Anbetracht der noch früheren Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels hinzufügen –, dass er durchaus schon dialektischen Gesetzmäßigkeiten im Sinn der marxistischen Ontologie und Naturauffassungen, namentlich im Sinn ihrer Lehre vom ‚Kampf der Gegensätze‘, auf der Spur gewesen ist. Gerade das wurde für ihn aber zum Anlass, das logisch Verbotene, den Widerspruch, trennscharf davon abzuheben und so darauf zu dringen, dass man ‚Naturdialektik‘ (im späteren Sinn des Marxismus) und logische Gesetzlichkeit nebeneinander möge gelten lassen. Und nebeneinander hätte man sie, hätte man im Besonderen die Realrepugnanz und den Widerspruchssatz bei aller Universalisierung des dialektischen Weltbegreifens, wie wir sie Herder, Goe the, Schelling, Hegel und Marx zu danken haben, in der Folgezeit getrost auch gelten lassen können, wären die Errungenschaften des ‚vorkritischen‘ Kant, zu denen auch diese wichtige Distinktion gehört, nicht zu Unrecht ignoriert und missachtet – oder allenfalls 275 Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 285. 137 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich sehr spät in philosophiehistorischen Spezialforschungen immer nur nach Gedankenkeimen des Kritizismus abgesucht  – worden. Das indes geschah, und dem derart einseitig orientierten Interesse an Kant verstellten die Antinomien der Kritik der reinen Vernunft, mitsamt der ihnen eigenen Inanspruchnahme des Begriffs ‚Widerstreit‘ für die bekannte vierfache Antithetik der transzendentalen Ideen, die Sicht. Schon Reinhold, Maimon, Beck und Fichte galten die ‚vorkritischen‘ Schriften Kants, falls sie sie überhaupt gelesen haben, als unerheblich, schon ihrer Generation kam daher der Begriff ‚Realrepugnanz‘ abhanden, und an seine Stelle trat eben doch der ‚Widerspruch‘ – ein kapitales Missverständnis, das die dialektische Ontologie und Methodologie, bis in den Marxismus-Leninismus der Gegenwart hinein, mit einer logikfeindlichen objektiv-idealistischen Konzeption belastet hat.«276 Diese Hochschätzung der Allgemeinen Naturgeschichte war innerhalb der Diskussionen der marxistischen Intellektuellen der DDR Allgemeingut (der dogmatischen SED-Kritik am Idealismus zum Trotz). Bei Bloch war in diesem Sinn zu lesen: »Denn wäre nichts von Kant übrig geblieben als die Allgemeine Naturgeschichte (…), dann würde er als der erste, der eine mechanische Kosmogonie gab, allein schon unsterblich sein. Er würde triumphierend mit Demokrit, Epikur, Lukrez, mit den französischen Materialisten gefeiert werden als philosophischer Vollender der Bahn Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton.«277 In der kleinen Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlags, die Harich thematisch verantwortete und herausgab, hatte Georg Klaus den Text ediert und neu herausgegeben, seine Einleitung war zudem als Aufsatz in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschienen.278 Goe thes naturwissenschaftliche Arbeiten markieren dann, kehren wir zum Thema zurück, Harich zu Folge, die dritte Stufe (nach Kant und der Theoria generationis). Für seine Vorlesung hatte sich Harich folgende stichpunktartige Notizen angefertigt: 276 Harich: Widerspruch und Widerstreit, S. 128f. 277 Bloch: Zweierlei Kant-Gedenkjahre, S. 455. 278 Klaus: Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels und das moderne Weltbild, S. 18-42. 138 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe (1) »Goe the, die dritte Station auf dem Weg der Einführung des Entwicklungsgedankens in die Naturwissenschaften. • Theologie: Urgeschiedenheit des Menschen vom Tier. Der Mensch wurde von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. • Anatomisches Stigma dieser Urgeschiedenheit: Der Zwischenkieferknochen, der beim Menschen fehlen soll. • Goe thes Arbeit an dieser Frage. Anatomische Untersuchungen seit 1783. Im März 1784 entdeckt er das Knöchlein bei einem Embryo. (2) Konsequenzen, die Goe the selbst aus dieser Entdeckung gezogen hat. Universelle Anwendung des Entwicklungsgedankens in der Biologie. Konsequenter Bruch mit der Lehre von der Konstanz der Arten. (Freilich nur spekulativ, im Gegensatz zum Darwinismus, der die Entwicklungslehre in der Biologie wissenschaftlich begründet.) • Wirbeltheorie des Schädels. Der Schädel hat sich aus der Erweiterung des obersten Rückenwirbels entwickelt. • Metamorphose der Pflanzen und Tieren. - Die Varietäten müssen aus den Arten genetisch entstanden sein. Typus, der vererbt wird, und der sich entsprechend den Umweltbedingungen verändert. - Die Arten selbst sind miteinander verwandt, höhere stammen von niederen ab. Urpflanze, Urtier, monophyletische Descendenzhypothese. • Goe thes Stellungnahme im Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire, der Schüler von Lamarck.«279 In den Jahren der produktiven Zusammenarbeit mit Herder (vor dem Bruch der Freundschaft wegen der unterschiedlichen Bewertung der Französischen Revolution) habe Goe the wiederholt seine Überzeugung formuliert, dass der Mensch von den Tieren abstamme.280 Wegen der Rückständigkeit der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, wegen des feh- 279 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 888f. 280 Siehe hierzu auch die verschiedenen Hinweise Harichs in: Harich: Ein Kant-Motiv im philosophischen Denken Herders, S. 319-358. 139 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich lenden Rückhalts der Intellektuellen in einem starken Bürgertum habe für Goe the aber die Notwendigkeit bestanden, seine Einsichten und Entdeckungen geheim zu halten. Ein Abwehrmechanismus, der beispielsweise auch in Herders Ausführungen zur Abstimmungsfrage in den Ideen zu erkennen sei.281 Es ist noch darauf hinzuweisen, dass Harich wie Lukács und Bloch die Analogien zwischen Hegel und Goe the mehrfach betonte sowie Friedrich Schiller in diesen Vergleich einbezog  – und zwar auch die Kritik, die Hegel an Schiller übte. Die Analyse und Wahrnehmung Schillers als Philosophen war ihm außerordentlich wichtig. So integrierte er dessen entsprechende Äußerungen in seine Vorlesung Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, die er 1955/1956 zum letzten Mal hielt. Der entsprechende Paragraph 13 Schiller als Philosoph findet sich in der Darstellung zwischen Fichte und Schelling, wobei er Schillers Positionen gerade im Vergleich zu Fichte herauskristallisierte.282 Hatte Bloch noch das gemeinsame Wurzeln von Goe the und Hegel im erwachenden deutschen Bürgertum thematisiert, so sah Harich Schiller und Fichte vereint im Ringen um die Aufarbeitung der Französischen Revolution – freilich mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen.283 Nicht zu unterschlagen ist zudem, dass sich Harich bei seiner Schiller-Analyse auf Georg Lukács stützte und diesen als einzigen namentlich erwähnte – und zwar dessen Aufsätze Schillers Theorie der modernen Literatur (Goe the und seine Z eit) und Zur 281 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 889. 282 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen P hilosophie, der Paragraph zu Schiller S. 1069-1086. 283 Harich schrieb: »Gemeinsamkeiten: a) Die philosophischen Leistungen beider Denker  – Fichtes und Schillers  – sind, soweit sie hier in Betracht kommen, Geistesprodukte, die historisch-gesellschaftlich der Periode unmittelbar nach der Französischen Revolution angehören und gleichermaßen von einem einzigen Ringen mit dem weltgeschichtlichen Ereignis der Französischen Revolution und ihren Resultaten erfüllt sind. b) Fichte und Schiller gehen beide gleichermaßen von Kant aus, sehen in Kants Theorien die führende progressive Philosophie der Epoche und versuchen, Kants Philosophie kritisch weiterzuentwickeln.« Weitaus evidenter aber: »Stellt man diese Gemeinsamkeiten fest, so ist es nun aber umso interessanter und aufschlussreicher, den Unterschieden und Gegensätzen auf den Grund zu gehen, die auf der Grundlage dieser Gemeinsamkeiten zwischen Fichte und Schiller bestehen.« (Ebd., S. 1070.) 140 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Ästhetik Schillers (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik).284 Wir kommen auf dieses Thema zurück. Harichs Analyse und Beurteilung der Phänomenologie, die sich freilich viel stärker an Lukács’ Der junge Hegel als an Blochs entsprechenden Äußerungen orientierte, ist nachzulesen in seiner Hegel-Vorlesung, in dem Manuskript Hegels Phänomenologie des Geistes, das in den fünfziger Jahren als Teil der Vorlesung entstand, sowie in den Aufsätzen, die er kurz nach seiner Entlassung aus der Haft in der Mitte der sechziger Jahre schrieb, darunter die beiden Beiträge Über Hegels Konzeption der P hilosophiegeschichte und Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus.285 Trotz der beginnenden Annäherung an Lukács (ab ca. 1950, nach der gleich noch zu schildernden frühen Kontroverse, Kritik) klingt es fast nach Bloch, wenn Harich formuliert: »In dem Abschnitt Die Lust und die Notwendigkeit denkt Hegel vor allem an Goe thes Faust. Faust ist das Individuum der anbrechenden neuen, bürgerlichen Zeit, das in seinem erhabenen Selbstgefühl die Welt an sich reißen und sie genießen will, nicht mehr auf dem Weg der Wissenschaft und Erkenntnis, der Beobachtungen und Erkenntnisse, der Sitten und der Gesetze. All diese Bestrebungen, die Hegel im Kapitel römisch V, Abschnitt A: Beobachtende Vernunft, durchgegangen ist, hat das faustische Individuum als ‚Theorie, als einen grauen, eben verschwindenden Schatten‘, wie Hegel sagt, hinter sich gelassen. Grau, Freund, ist alle Theorie. Nein, das faustische Individuum will die Welt an sich reißen durch die Gewalt seines unmittelbaren Wollens, seines Naturtriebs und seiner Begierde. Sein Selbstbewusstsein ist weltbegehrend und weltstürmend. Es verachtet, sagt Hegel, unter Verwendung Goe thescher Zitate, Verstand und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Gaben, es hat dem Teufel sich ergeben und muss deshalb zu Grunde gehen. Die Erfüllung dieser faustischen Begierde ist die Lust, ist der Genuss der Lust. Aber es kann diese Lust nicht finden; denn was 284 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1070. 285 Alle abgedruckt in dem Band: Harich: An der ideologischen Front. Hegel-Vorlesung, S. 437-714. Hegels Phänomenologie des Geistes, S. 221-246. Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 247-298. Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus, S. 299-312. 141 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich diesem weltbegehrenden Selbstbewusstsein entgegensteht, was seiner Einzelheit Trotz bietet, was sich durch keine Gewalt ergreifen und an sich reißen lässt, das ist die Welt als der feste Zusammenhang der objektiven Dinge, diese harte Wirklichkeit, an der das Individuum zerstäubt und scheitert.«286 Damit ist eine ganz interessante Situation gegeben. 1949 war Harich von seiner späteren Hochschätzung Lukács’ noch entfernt, übte sogar (wir kommen darauf zurück) an dessen Goe the-Verständnis Kritik. Ob er den Jungen Hegel von Lukács zu diesem Zeitpunkt schon kannte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, es ist aber eher unwahrscheinlich. Was er aber kannte war Blochs Hegel-Buch. Bloch seinerseits wusste noch nicht, wie er Harich einzuordnen habe. Bei ihm wirkte in den ersten gemeinsamen Jahren mit Harich im Aufbau-Verlag dessen Lukács-Kritik im Kontext der Goe the-Feiern nach. Ein Weiteres kam hinzu: Harich hatte sich offensichtlich ohne Rücksprache mit Bloch oder dem Verlagsleiter im Aufbau-Verlag die Korrekturfahnen des Hegel-Buches von Bloch geholt. Bloch war skeptisch, da der Druck des Buches seit einigen Monaten verzögert wurde. Vielleicht vermutete er in Harich einen offiziellen Zensor. Erich Wendt schrieb am 3. November 1949 an Bloch: »Die Geschichte mit Harich geschah ohne mein Wissen. Er holte sich die Abzüge von unserer Presse-Abteilung persönlich ab. Wenn Sie sich die Situation und Verhältnisse richtig vorstellen, werden Sie verstehen, dass solch eine Pres- 286 Harich: Hegels Phänomenologie des Geistes, S. 240f. Und an anderer Stelle, nach den Jahren seiner Haft: »Diese neue, dialektisch-historische Fassung des Fortschrittsprinzips, für die Goe the im Faust die schlagende Formel ‚Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage‘ geprägt hat, finden wir zuerst bei Lessing, in dessen Erziehung des Menschengeschlechts, wir finden sie vor allem aber, von einem universell gebildeten Geist anhand eines überreichen geschichtlichen Materials konkretisiert, in den meisten Schriften Herders, insbesondere in seinen geschichtsphilosophischen Werken. Allerdings haben damals aber weder Lessing noch Herder oder Goe the ihre Entdeckung für die Erforschung und Darstellung der Philosophiegeschichte fruchtbar gemacht, für ein Gebiet, auf dem sich schöpferisch zu betätigen ihnen nie in den Sinn kam. Vorerst also blieb die Philosophiegeschichte von der neuen, dialektischen Konzeption des Fortschritts, die die bedeutendsten deutschen Aufklärer geschaffen hatten, unberührt.« Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 257. 142 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe se-Abteilung keine Bedenken haben konnte, die Fahnen einem solchen Mann, wie Harich, zu geben.«287 Harich war zu jener Zeit allerdings bereits mit seinen Studien zur klassischen deutschen Philosophie des Idealismus beschäftigt, die ab 1952 – vermittelt über seine Vorlesungen an der Berliner HU  – in die Kritik der Partei gerieten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sah Bloch, dass er in Harich einen Verbündeten hatte. Zumindest aber wäre auf diese Weise zu verstehen, warum so manche Passage im frühen Schreiben Harichs eher nach Bloch denn nach Lukács klingt. Vor allem aber ist diese Überlegung ein Indikator dafür, dass die von Bloch formulierten Thesen zum Verhältnis von Phänomenologie und Faust innerhalb der intellektuellen Eliten der DDR konsensfähig waren. Wie Harich seinen Durchbruch zu Lukács schilderte (in Mein Weg zu Lukács), darauf kommen wir im letzten Kapitel zurück. 287 Wendt: Brief an Bloch vom 3. November 1949,S. 23. Dort weiter: »Selbstverständlich kann Harich über das fertige Buch schreiben, wird es wahrscheinlich tun und sollte es auch tun. Schließlich muss ja irgend jemand die Buchkritik besorgen. Doch die Fahnen werden von ihm zurückgefordert. Abgesehen davon, dass das Buch nicht die endgültige Fassung ist, sollte nicht gerade Harich der ausgewählte Kritiker sein.« (S. 23f.) Wolfgang Harich, 1951 143 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Wenn von und über Lukács die Rede ist, dann muss immer jenes sonderbar ambivalente Verhältnis beachtet werden, dessen Kern darin besteht, dass Lukács einerseits einer der einflussreichsten Marxisten des 20. Jahrhunderts war, dass er auch die intellektuelle Ausrichtung der DDR seit 1945 maßgeblich mit bestimmte, einige seiner Publikationen im direkten Parteiauftrag entstanden, andererseits aber verschiedene seiner Thesen und Theorien in die Kritik der Partei gerieten (nach 1956 gar der ganze Philosoph samt Werk  – inklusive verspäteter zaghafter Neu-Annäherungsversuche). Dies illustriert beispielsweise der Streit um den Druck seines Buches Der junge Hegel – sicherlich das beste marxistische Werk über Hegel. (Es lohnt ein Blick auf und in das Werk, so dass der folgende kleine Ausflug berechtigt ist.) Der ungarische Philosoph hatte die Arbeiten an dem Manuskript »im Spätherbst 1938 vollendet. Der baldige Kriegsausbruch verhinderte für viele Jahre sein Georg Lukács, 1952 144 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Erscheinen. Als 1947/48 die Drucklegung möglich wurde, habe ich den Text einer gründlichen Durchsicht unterworfen; infolge meiner vielfachen Inanspruchnahme war mir jedoch die Berücksichtigung der seit 1938 erschienenen Hegelliteratur nur zum geringen Teil möglich.«288 So Lukács 1954. Der junge Hegel war 1948 in Zürich erschienen, die DDR-Ausgabe folgte erst sechs Jahre später.289 Dass die Publikation überhaupt zu Stande kam, ist dem Engagement Harichs zu verdanken, der sich als Lukács’ Lektor im Aufbau-Verlag für dessen Bücher und Aufsätze einsetzte.290 Als die Kritik an Lukács mit Ernst Hoffmanns Aufsatz 1951 in der Einheit einsetzte,291 war Der junge Hegel in der DDR eigentlich noch gar nicht erhältlich. Dass die Schrift dennoch in die Kritik geriet, ist eine der »Anekdoten« aus der DDR (man könnte ja meinen, dass die SED anderes zu tun hatte, als ein Schweizer Buch zu kritisieren – wegen seines Einflusses in der DDR). Natürlich war derart von Anfang an deutlich zu sehen, dass es gar nicht um Inhalte, sondern um Personen ging. Aber auch die Diskussionen um Harichs Vorlesungen an der Berliner HU liefen ja ähnlich – niemand kannte sie und alle Partei-Philosophen kritisierten sie: wegen der großen Nähe von Lukács und Harich. Und als es darum ging, Harich zu treffen und seine Stellung im System der DDR zu unterminieren, erklärte Walter Hollitscher: »Er bezweifelt, dass wir bestimmte Bücher gelesen haben. Aber das Buch von Lukács haben wir alle gelesen.«292 Die Ausführungen Harichs, in denen er Lukács’ Hegel-Interpretation umfassend würdigt, liegen mittlerweile gedruckt vor.293 Von daher kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden, das Werk ausführlich zu inter- 288 Lukács: Der junge Hegel, S. 7. 289 Lukács: Der junge Hegel und die P robleme der kapitalistischen G esellschaft. Der erweiterte Titel der DDR-Ausgabe war auch für den Erstdruck in Zürich von Lukács vorgesehen, ließ sich dort aber wegen des Verlegers (Lukács sprach von »Feigheit«) nicht durchsetzen. Siehe: Lukács: Brief an Harich vom 4. Mai 1953, S. 296. 290 Alle wichtigen Dokumente druckt die kleine Broschüre: Heyer: Harich sprach über Lukács. 291 Hoffmann: Hegel, ein großer deutscher Denker, S. 1438-1454. 292 Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts (Mittwoch, den 16. April 1952), S. 160-169. 293 Heyer: Harich sprach über Lukács. 145 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács pretieren. Einige kurze Anmerkungen sind aber dennoch zu machen – zur Bestimmung der charakteristischen Momente von Lukács’ Hegel-Bild: (1) Lukács differenzierte sehr genau zwischen dem frühen und dem späten Hegel. Dieser habe eine geistige Entwicklung durchlaufen, die ihn am Ende seines Lebens nach Preußen (und zur preußisch-bürgerlichen Ideologie) führte. Aber dem ging eben eine intellektuelle Genese voraus, die genau nachgezeichnet werden müsse: (2) Der junge Hegel sei gesondert zu bewerten. Detailliert erbrachte Lukács den Nachweis, wie sich dieser die Antike sowie die antike Demokratie als Ideale aneignete, die er den konservativen und restaurativen Tendenzen seiner Zeit gegenübersstellte (inklusive der christlichen Religion). (3) Die Französische Revolution habe der junge Hegel bejaht und als Möglichkeit interpretiert, die verloren gegangenen Ideale der Antike auf höherer Ebene neu zu verwirklichen. »Die Analyse und Lobpreisung der antiken Demokratie hat also in diesem Zusammenhang (d. i. die Kritik am Christentum und die Erneuerung der gesellschaftlichen und politischen Zustände seiner Zeit, A. H.) für Hegel eine große aktuelle politische Bedeutung.«294 Und an anderer Stelle: »Es ist klar, dass Hegel hier den asketischen Heroismus der Französischen Revolution lobpreist und sogar in die Antike ihre der Antike vielfach fremden Züge hineinträgt.«295 (4) Der Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchziehe das gesamte Werk des jungen Hegel (bis zur später erfolgten »Versöhnung mit der Wirklichkeit«) und präge alle Ebenen der Kritik an seiner Zeit. »Der junge Hegel stellt also der christlich-spießbürgerlichen Moral des ‚Privatmenschen‘ die heroische Moral des öffentlichen Lebens gegenüber.«296 294 Lukács: Der junge Hegel, S. 66. 295 Ebd., S. 85. 296 Ebd., S. 86. Dort weiter: »Dies sind die wesentlichen Züge, mit denen der junge Hegel die Antike in ihrem Gegensatz zum Christentum charakterisiert. Nachdem der Leser sich mit diesem Material bekannt gemacht hat, muss es ihm, glaube ich, nicht nochmals nachgewiesen werden, dass beim jungen Hegel hier das Bild 146 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe (5) Lukács benannte Größe und Grenzen der Hegelschen Dialektik sowie der Gebiete, in denen Hegel dialektisch arbeitete. (6) Zudem würdigte er Hegel als Philosophiehistoriker und Systematisierer der Philosophie: »Der geniale historische Gedanke Hegels besteht in der Feststellung des inneren, dialektischen Zusammenhangs der philosophischen Systeme miteinander. Er hat als erster die Geschichte der Philosophie aus einer Sammlung von Anekdoten und Biographien, aus metaphysischen Feststellungen über die Richtigkeit oder Falschheit einzelner Anschauungen einzelner Philosophen zu der Höhe einer wirklichen historischen Wissenschaft erhoben.«297 Besonderes Gewicht legte Lukács darauf, Hegels ökonomische Studien und Ansichten herauszuarbeiten. In seinen Vorlesungen hat Harich diesen Ansatz als entscheidendes Verdienst Lukács’ gewürdigt, Fritz Behrens und einige andere schlossen sich dieser Feststellung – die zu den umkämpftesten Gebieten der Hegel-Debatte gehörte – an. Mit seinen Ausführungen betrat Lukács, darauf hat er berechtigterweise hingewiesen, wissenschaftliches Neuland.298 Dabei begann er mit der fundamentalen Ansicht, das bereits Hegels frühe ökonomische Studien (aller Naivität zum Trotz) dialektische Züge getragen hätten: »Schon bei den ersten, primitivsten Versuchen Hegels zur Systematisierung der ökonomischen Kategorien fällt es der Antike in die utopische Vorstellung der republikanischen Zukunft hinüberfließt, dass ununterbrochen aus dem einen in das andere Züge hinübergetragen werden. Vom Standpunkt der späteren Entwicklung Hegels ist diese Stellung zur Antike besonders zu unterstreichen – die Tatsache, dass für den jungen Hegel die Antike keine vergangene Geschichtsperiode, sondern das lebendige Vorbild für die Gegenwart war (…).« (Ebd., S. 88) 297 Lukács: Der junge Hegel, S. 11. 298 »Da die Literatur über Hegel mit sehr wenigen Ausnahmen die ökonomische Seite seiner Gesellschaftsphilosophie vollständig ignoriert hat, da sogar jene bürgerlichen Schriftsteller, die vor dem Faktum, dass Hegel sich eingehend mit Ökonomie beschäftigt hat, die Augen nicht schlossen, der Bedeutung der Hegelschen Ökonomie gegenüber ganz blind waren, ist es unseres Erachtens unbedingt notwendig, zuerst mit einer Darlegung der ökonomischen Anschauungen Hegels zu beginnen. Marx hat in seinen (…) Aussprüchen (gemeint sind die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, AH) sowohl die Bedeutung wie die Schranken der Hegelschen Ökonomie klar und richtig aufgezeigt.« (Ebd., S. 374f.) 147 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács auf, dass deren Gruppierung bei ihm nicht nur die Form der dialektischen Triade hat, sondern dass auch der Zusammenhang der zu einer Gruppe vereinigten ökonomischen Kategorien die Hegelsche Form des Schlusses annimmt.«299 Von zentraler Bedeutung war für Lukács zudem, darauf ist zu verweisen, dass Hegel auch die Kategorien der Arbeit sowie der Entfremdung entscheidend prägte. »Die dialektische Bewegung, die Hegel hier aufzuzeigen versucht, ist eine doppelte: Der Gegenstand der Arbeit, der eigentlich in der Arbeit und durch die Arbeit erst für den Menschen zum wirklichen Gegenstand wird, behält einerseits den Charakter, den er an sich hat. Es ist in der Hegelschen Auffassung der Arbeit eines der für die Dialektik wichtigsten Momente, dass gerade hier das aktive Prinzip (…) die Wirklichkeit, so wie sie ist, respektieren lernen muss. Im Gegenstand der Arbeit wirken unabänderliche Naturgesetzlichkeiten, die Arbeit kann nur auf der Grundlage ihrer Kenntnis, ihrer Anerkennung stattfinden und fruchtbar werden. Andererseits wird der Gegenstand durch die Arbeit ein anderer; nach der Hegelschen Terminologie wird die Form seiner Gesetzlichkeit vernichtet, er erhält durch die Arbeit eine neue. Diese Formwandlung ist das Resultat der Arbeit in dem ihr fremden eigengesetzlichen Material.«300 Vor allem aber, dies sprach Lukács immer wieder direkt und indirekt an, gehöre Hegel in die Traditionslinie der Genese des Marxismus. Vom Faschismus sei seine Philosophie energisch abzugrenzen – so ja auch die grundsätzliche Aussage seines bereits erwähnten Aufsatzes Die Nazis und Hegel. Das treffe gerade auf Hegels Jugendschriften, die Fragmente 299 Lukács: Der junge Hegel, S. 375. Mit den frühesten ökonomischen Studien Hegels hatte sich Lukács im Kontext von dessen Frankfurter Periode auseinandergesetzt, siehe S. 208-220. 300 Ebd., S. 376. Dort weiter: »Dieser Dialektik im Objekt entspricht einer Dialektik im Subjekt. In der Arbeit entfremdet sich der Mensch von sich selbst (…). Durch die Arbeit entsteht im Menschen selbst etwas Allgemeines. Gleichzeitig bedeutet die Arbeit das Verlassen der Unmittelbarkeit, den Bruch mit dem bloß naturhaften, triebhaften Leben des Menschen. (…) Erst dadurch, dass der Mensch zwischen seine Begierde und ihre Erfüllung die Arbeit einschaltet, erst dadurch, dass er mit der naturhaften Unmittelbarkeit bricht, wird er nach Hegel zum Menschen.« (Ebd.) 148 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe und Entwürfe der frühen Phase zu. Diese müssten, das war der Anspruch Lukács’, gründlich marxistisch interpretiert werden. Wenn etwa Hermann Nohl die frühen Fragmente Hegels als Theologische Jugendschriften edierte,301 so führte Lukács den Nachweis, dass es sich um religionskritische Schriften handelte. Aus alledem schlussfolgerte er, dass die Ansichten und Theorien des jungen Hegel als höchstmögliche fortschrittliche Philosophie der damaligen Epoche zu interpretieren seien. Sie markiere das »positive Gegenbild zur ‚klassischen‘ Periode des Irrationalismus, die ich in meinem Buch Die Zerstörung der Vernunft dargestellt habe. Derselbe Kampf, der dort als Kampf Schellings und seiner Nachfolger analysiert wird, erscheint in diesem Buch von der Seite Hegels als Kritik und Überwindung des Irrationalismus, freilich als bloß negativ-kritisches Motiv zur Begründung der neuen idealistisch-dialektischen Methode.«302 Die exakte wissenschaftliche und ideologische Verortung der unterschiedlichen Lebens- und Denkperioden Hegels sei »die« Voraussetzung zur Analyse und Bewertung des 19. Jahrhunderts. »In den vorliegenden Hegelstudien konnte es erst positiv geklärt werden, warum gerade die Hegelsche Philosophie der große Gegner der Irrationalisten dieser Periode war, warum diese – mit Recht – in Hegel den prägnantesten Vertreter des bürgerlich-philosophischen Fortschritts ihrer Zeit bekämpft haben, und zugleich, warum ihre Kritik der Dialektik des Historismus in Hegels idealistischen Fehlern und Schranken reale Anhaltspunkte, Vorwände für eine – relativ – zutreffende Kritik finden konnte.«303 Wichtig war für Lukács auch, Marx und Engels gleichsam bei der Lektüre und (kritischen) Rezeption der Werke Hegels zu zeigen bzw. abzubilden. »Um die nicht nur unmittelbare, sondern zuweilen weit vermittelte Rolle von Marx in der deutschen Gedankenentwicklung ganz zu 301 Nohl: Hegels theologische Jugendschriften. In seiner Hegel-Vorlesung griff Harich intensiv auf diese Publikation zurück und folgte damit dem Beispiel Lukács’. 302 Lukács: Der junge Hegel, S. 7f. 303 Ebd., S. 8. Dort weiter: »Darstellung und Kritik der Hegelschen Jugendentwicklung geben damit auch den Grund an, weshalb mit Nietzsche, nachdem der wissenschaftliche Sozialismus als Hauptfeind des Irrationalismus aufgetreten ist, auch jene Spuren einer philosophischen Fundiertheit verlorengehen mussten, die der Irrationalismus zu Zeiten des jungen Schelling noch besaß.« (Ebd.) 149 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács verstehen, ist eine wirkliche Kenntnis Hegels – seiner Größe und seiner Grenzen – unbedingt notwendig.«304 Die Beeinflussung der Schöpfer des Marxismus durch Hegel lasse sich nicht auf einzelne Felder beschränken, sie habe einen weitreichenden Charakter. Natürlich hätten Marx und Engels Hegel überall von dem Kopf auf die Füße stellen müssen, sie sahen Fehler, Irrungen und Verwirrungen, aber Hegel sei eben auch deshalb immer präsent. Das ist der entscheidende Punkt für Lukács (und in dessen Nachfolge ebenfalls für Harich): Auch wenn Hegel Idealist gewesen sei und den deutschen Idealismus zu seiner höchsten und vollendeten Form führte – sein Denken und seine Theorien waren fortschrittlich. In ihrer Zeit, aber auch über diese hinaus. Durch Marx und Engels und die diesen folgenden Theoretiker sei der Marxismus geschaffen worden, der über Idealismus und Materialismus gleichermaßen stehe und »das Beste« aus beiden auf einer neuen Stufe vereine. Doch solange dieser nicht eine allumfassende Philosophie repräsentiere, behalte der Idealismus in bestimmten Punkten seinen fortschrittlichen Wert und müsse erst noch überwunden werden. Zudem habe die klassische deutsche Philosophie des Idealismus einen Eigenwert, der nicht (!) im Marxismus aufgehoben werden könne. * * * * * Das Hegel-Buch lag also erst mit einiger Verspätung in der DDR vor. Direkt nach dem Krieg hatte der Aufbau-Verlag begonnen, Schriften von Lukács zu drucken, ohne mit diesem einen Vertrag, ja, noch nicht einmal dessen Einverständnis zu haben. Weitere Werke waren schon in Planung, als der Verlag am 18. Oktober 1946 versuchte, brieflich Kontakt mit Lukács aufzunehmen. Am 3. Dezember antwortete Lukács und verbat sich die Herausgabe weiterer Bücher von ihm, einzig Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur gab er frei.305 Im Herbst 1947 hatten sich beide Parteien dann etwas angenähert, Lukács genehmigte den Druck von Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur und Karl Marx und 304 Lukács: Der junge Hegel, S. 8. 305 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 172-175. 150 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Friedrich Engels als Literaturhistoriker – zwei Bücher, »bei denen es keine Meinungsverschiedenheiten gibt«.306 Für die geplante Edition der anderen Werke machte er aber erneut geltend, dass er mit Schweizer Verlagen entweder bereits Verträge geschlossen oder diese in Aussicht habe. Es gelang dem Aufbau-Verlag sowohl mit Lukács als auch mit den Schweizer Verlagen Arrangements zu treffen, die die Herausgabe in der Folge ermöglichten. »Mit der Publikation der Buchreihe zwischen 1947 und 1949 war ein Gesamtbild des literaturtheoretischen und literaturhistorischen Konzepts von Lukács öffentlich verfügbar geworden. Die Reihe dieser gelben Bände hat für die Entwicklung von Literaturkritik und Germanistik am Beginn der fünfziger Jahre prägend gewirkt.«307 Ausgerechnet das Goe the-Buch (und das ist doch unser Thema hier) blieb jedoch von dieser Vereinbarung ausgeschlossen. Lukács schrieb am 29. Oktober 1947 an Erich Wendt (den er aus gemeinsamen Moskauer Tagen kannte): »In Bezug auf das Goe the-Buch habe ich Euch meine Meinung wiederholt mitgeteilt. Die Vereinbarung mit Francke ist für mich – von allen anderen Gründen abgesehen – auch darum wichtig, weil in Eurem Buch nur zwei Faust-Studien enthalten sind, während der Originalaufsatz fünf Studien enthält und die fragmentarische Veröffentlichung geradezu irreführend wirken würde.«308 Fast gleichzeitig zu diesen Zeilen von Lukács erschien der Band Goe the und seine Zeit in Bern. Doch Erich Wendt und der Aufbau-Verlag ließen nicht locker. Da man sich mit Oprecht309, dem anderen Schweizer Verleger von Lukács, bereits geeinigt hatte, strebte man ähnliche Vereinbarungen auch mit dem Francke-Verlag an. »Von größter Bedeutung sind nur noch die Ar- 306 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 182. 307 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 13. 308 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 183f. 309 Über seine Arbeit im Aufbau-Verlag schrieb Harich Anfang der neunziger Jahre rückblickend: »Damals fiel mir erstmals aber auch auf, wie schlimm es sein kann, wenn ein Verleger – ein kapitalistischer, versteht sich – zu geizig ist, um einen Lukács-Text durch einen deutschen Redakteur entmagyarisieren zu lassen. Mit Stolz erfüllt es mich, der DDR-Ausgabe des Jungen Hegel und danach auch der Zerstörung der Vernunft, im Einverständnis mit dem Autor, diesen Dienst erwiesen zu haben. Ein ebensolches Ferkel wie Oprecht ist Luchterhand; was die Druckfehler angeht, ein noch schmutzigeres.« Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 20. 151 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács beiten über Goe the und die deutsche Literatur«, so Wendt Ende November 1947.310 Die DDR-Ausgabe lag dann schließlich 1950 vor, drei Jahre später dann zudem in neuer Ausstattung. Ergänzt hatte Lukács, in Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag, nicht nur ein Vorwort, sondern auch den Aufsatz Unser Goe the. Festrede, gehalten am 31. August 1949 im Berliner Kulturbund zur demokr atischen Erneuerung Deutschlands. Der ursprüngliche Titel des Vortrages war Das moderne Goe the- Bild. Für den Druck wurde dann ein neuer und mit Blick auf die Erbekonzeption der DDR prägnanterer Titel gewählt: »Die neue Überschrift Unser Goe the betont einen aktualisierenden Gestus.«311 Anne Hartmann hat, diese Einschätzung trifft auch hier zu, festgestellt: »Gleich, ob nun Städte nach Parteiführern benannt wurden, das Gedenken an Lenin ‚verewigt‘ wurde oder mit den Feiern anlässlich seines 100. Todestages Puschkin gehuldigt wurde – stets war bereits der Name Programm und Verheißung, als könne das mit dem Namen verbundene Potenzial sich auch losgelöst von seinem ursprünglichen Träger entfalten.«312 In diesem Sinne ist auch das »unser« zu verstehen – unser Goe the, unser Heine etc. Diese Autoren und Theoretiker, so der Anspruch der politischen und geistig-kulturellen Eliten der DDR (es war tatsächlich ein übergreifender Konsens), hatten in der DDR ein neues Zuhause gefunden. Dieter Schiller hat, das ist rezeptionsgeschicht- 310 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 185. 311 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 312 Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 86. Erich Wendt bei den Verhandlungen über das Passierscheinabkommen, 1964 152 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe lich wichtig, darauf hingewiesen, dass nicht vernachlässigt werden darf, dass Kennern der Materie die Schweizer Ausgabe des Goe the-Buches von Lukács natürlich bekannt war, das Werk in »der Öffentlichkeit der sowjetischen Besatzungszone (…) während des Goe the-Jahres« jedoch wegen des späten Veröffentlichungstermins kaum eine Rolle spielen konnte.313 Fritz J. Raddatz hat die Goe the-Studien sowie die damit zusammenhängenden Aufsätze zu den deutschen Realisten als Lukács’ »Eintrittskarte zum Partisanenkampf« interpretiert und ihnen gleichzeitig das Hegel-Buch (Der junge Hegel), an dem Lukács zeitgleich gearbeitet hatte und die in der DDR trotz aller Schwierigkeiten beide schließlich erschienen, kontrastiert.314 Eine Einschätzung, die insofern hinkt, als Lukács den Goe the und den Hegel zusammen betrachtete, beide als Beiträge zur wissenschaftlichen Fundierung des Marxismus ansah. Dass sein Hegel in die Kritik geraten würde, konnte er in den frühen vierziger Jahren nicht ahnen. Präziser als Raddatz sah Dieter Schiller: »Lukács rekapituliert hier vom Standpunkt der Gegenwart her die Veränderungen und Brüche des Goe the-Bildes von der Kunstperiode über die Niederlage der 48er Revolution bis zur gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft. Den Bildern vom apolitischen Olympier und vom Stammvater des Irrationalismus stellt er seine Deutung der Position Goe thes (…) gegenüber: Einerseits letzte epochale, universale Erscheinung seit der Renaissance, andererseits die erste große Erscheinung der Weltliteratur, die nicht mehr von ihrer Epoche getragen wird, sondern im Kampf gegen diese steht, nicht zuletzt durch Kritik an der Kapitalisierung der Welt. Das sind, wie man sieht, kaum neue Gesichtspunkte gegenüber der Emigrationszeit.«315 Der Text, so Schiller weiter, scheine sich »der platten Kampagne gegen den so genannten Formalismus anzubiedern«.316 Aber eben nicht, das ist entscheidend, weil Lukács seine Position den neuen Vorgaben anpasste, sondern vielmehr weil seine Äußerungen zur Parteilinie kompatibel waren – ob gewollt oder ungewollt ist zunächst erst einmal irrelevant. 313 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 314 Raddatz: Georg Lukács, S. 91f. 315 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 316 Ebd. 153 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Bevor wir uns den Goe the-Studien von Lukács zuwenden ist aber ein kurzer Blick auf seine 119 Seiten zählende Broschüre Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur zu richten, die wie keine zweite Publikation für die kulturelle und ideologische Neuausrichtung der DDR prägend war. »Zentral war in ihr der Abschnitt Das Zwischenspiel des klassischen Humanismus. Die Überschrift ist bereits Programm und benennt den fundamentalen Unterschied zur Argumentation Bechers. War der Rückgriff auf Goe the bei Becher bereits der verwirklichte Humanismus, so definiert Lukács die Klassik, die er in Engführung auf die Zeit zwischen 1789 und 1805 beschränkt, als ein ‚Zwischen‘ in geschichtsphilosophischer Perspektive, eine notwendige Übergangsepoche zwischen der Aufklärung und dem Realismus des 19. Jahrhunderts.«317 In seinen Theorien und dem umfassenden Bedingungszusammenhang ist das Werk an anderer Stelle zu analysieren, hier interessieren uns die Ausführungen über Goe the und dessen Zeit sowie die sozialen, ökonomischen und kulturellen Hintergründe. Karl Robert Mandelkow formulierte: »Die Klassik Goe thes und Schillers ist für ihn (Lukács, AH) die Antwort auf das politische Großereignis am Ende des 18. Jahrhunderts, die Französische Revolution, eine Antwort jedoch, die vermittelt ist durch eine ästhetische Revolution, der deutlich die Züge der politischen Entsagung eingeschrieben sind. Diese These liegt, bei aller Modifikation, den beiden großen Forschungsbereichen der DDR-Germanistik im Zeitraum bis 1960 zu Grunde: Die Frage nach dem Verhältnis von ästhetischer Form und politischer Aussage und die Untersuchung der Vorbildhaftigkeit der Klassik für die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.«318 Auch Lukács hat Goe the – wie schon in den Faust-Studien gesehen – begriffen als Teil seiner Epoche, in seiner tiefen Verwurzelung in der Zeit des erwachenden deutschen Bürgertums. (Dieter Schiller sieht dies, wie angesprochen, anders.) Die Hauptvertreter der deutschen Aufklärer seien »geistig wie künstlerisch echte Zeitgenossen der großen Vorbereitungsperiode der Französischen Revolution« gewesen.319 Revolutionäre ohne 317 Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 143. 318 Ebd. 319 Lukács: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, S. 23. 154 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe eigene Revolution und doch zutiefst berührt von der bürgerlichen Gesellschaft, von deren Chancen und Widersprüchen. Dieses Fehlen der Möglichkeit zu einer eigenen Revolution habe der deutschen Aufklärung jenes spezifische Gepräge gegeben, dass nur schwer entschlüsselt werden könne. Die Grenzen ihrer Zeit waren für die deutschen Aufklärer zugleich Aufforderungen eben diese hinter sich zu lassen, wenn schon nicht praktisch, so doch theoretisch die Zukunft zu antizipieren, an ihrer Ausgestaltung mitzuarbeiten.320 (Diese Thesen tauchen in Harichs Vorlesungen und wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder auf, hatten für diesen prägenden Charakter. Das ist ein beispielhafter Fall für die sich entwickelnden DDR-Wissenschaften.) Goe thes Werther bringe »bereits Bilder von den inneren Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, vor allem auf dem Gebiet der individuellen Moral, von den Widersprüchen, die noch nicht einmal in Frankreich, geschweige denn in Deutschland Inhalt und Form des Lebens beherrschen. Damit sind wir bei der entscheidenden Eigenart der deutschen Aufklärung angelangt. Sie ahnte den von Grund auf widerspruchsvollen Charakter des Lebens und erkämpft sich im engen Zusammenhang damit das Verständnis der historischen Bedingtheit eines jeden Daseins.«321 Dieses Gemisch aus Antizipation und historisch notwendiger Begrenztheit habe auch die deutsche Klassik geprägt – als Brücke zwischen dem Realismus der Aufklärung und dem Realismus des 19. Jahrhunderts: »Sie kann eine solche Brücke sein, weil sie geistig wie künstlerisch das Erbe der Aufklärung übernimmt (…), obwohl im Mittelpunkt der Arbeit Goe thes und Schillers die neuen Probleme des von der Französischen Revolution geschaffenen Weltzustandes stehen und die Erkenntnis in The- 320 »Deutschland ist in der geschichtlichen Wirklichkeit Zeitgenosse der Französischen Revolution. Seine ökonomisch-soziale Entwicklungsstufe und die Bewusstseinshöhe seiner Massen erlaubten es jedoch nicht, dass das Feuer der Revolution einen Brand der Befreiung entfachte und damit Deutschland zu einem Volk, zu einer Nation werden ließ.« An anderer Stelle: »Die klassische Literatur Deutschlands stieß auf einen widerspruchsvollen Stoff: Weltanschaulich und künstlerisch schwebten ihr gewaltige Probleme einer großen Zeit vor, und als unmittelbaren Stoff besaß sie die kleinliche Armseligkeit des deutschen Lebens.« Lukács: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, S. 37 und 40. 321 Ebd., S. 24. 155 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács orie und Praxis auf die veränderte Geltung der alten, aus der Antike entnommenen ewigen Formgesetze und auf die entsprechende Gestaltung des neuen Stoffes gerichtet ist.«322 Lukács hat mit der Schlacht von Jena auch klar das zeitliche Ende der knapp zehnjährigen Epoche der deutschen Klassik benannt: »Es wirkt wie ein historisches Symbol, dass sowohl der erste Teil von Goe thes Faust wie Hegels Phänomenologie des Geistes ungefähr um diese Zeit zum Abschluss gelangen.«323 Deutlicher als Bloch hat Lukács die Entwicklung Goe thes fokussiert, gleichsam jenen Weg, der, leicht simplifizierend formuliert, vom Blochschen zum Harichschen Goe the reicht. Im Vordergrund standen dabei für Lukács die Kontinuitäten. Jene Elemente, Tendenzen und Anschauungen, zu denen sich Goe the bereits in seiner Jugend durchgerungen hatte und die auch seinem Alterswerk einen festen Ankergrund gaben – freilich in modifizierter und veränderter Form. »In seiner Jugend gestaltete Goethe tragische ‚Selbsthelfer‘ im Kampf um den Grundsatz der Unantastbarkeit des Menschen gegen das feudalabsolutistische deutsche Elend. Zur Zeit der Zusammenarbeit mit Schiller ging der Kampf schon darum, die Menschenwürde inmitten der modern-kapitalistischen Arbeitsteilung zu retten. (…) Aber der humanistische Kampf um den Menschen hat nur seine Form geändert, nicht seine entscheidende Zielsetzung.«324 Die gerade wiedergegebenen Anschauungen Lukács’ sind programmatischer Art. Sie zeigen seine Vorstellungen vom Marxismus, vom dialektischen und historischen Materialismus, von der Anwendung des historischen Materialismus auf die konkreten Aufgaben und Herausforderungen 322 Lukács: Fortschritt und R eaktion in der deutschen L iteratur, S. 34. Kurz zuvor hieß es: »Goe the und mit ihm Schiller erkennen von Anfang an ganz klar die gesellschaftlich-geschichtliche Problematik ihrer klassischen Bestrebungen. Die ungeheure Bedeutung ihrer Schriften, die das Wesen dieser Periode theoretisch umreißen, (…) liegt darin, dass sie die Problematik ihrer eigenen Bestrebungen als historisch objektiv notwendig erkennen und die spezifischen Formgesetze der modernen Kunst, und zwar einer zeitgenössischen Klassik, gerade aus dieser widerspruchsvollen Grundlage ableiten.« (Ebd., S. 33) Die weiteren entsprechenden Aufsätze von Lukács zu diesem Themenkomplex werden an anderer Stelle abgehandelt. 323 Ebd., S. 34f. 324 Ebd., S. 49f. 156 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe der Philosophie-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Daher prägten sie auch seinen Eingangs erwähnten Vortrag Das moderne Goe the-Bild (gedruckt unter dem Titel Unser Goe the) vom 31. August 1949, der über die Geschichte hinausgehend ein Bekenntnis zu den Umbrüchen in der SBZ/ DDR war und auch sein sollte. Die Verwirklichung des Sozialismus erscheint geradezu als Einlösung der Hoffnungen und Versprechen Goethes. Da wir darauf noch zurückkommen werden, kann hier der Hinweis genügen, dass Lukács die »neue Geschichte« seiner Gegenwart als Praxis der Theorie Goe thes interpretierte und gleichzeitig diese Praxis als Prüfstein der Theorie verstand.325 Doch diese Einsicht, so Lukács weiter, sei kein Versuch einer naiven Aktualisierung Goe thes. Vielmehr habe dieser zu Menschheitsproblemen Stellung bezogen, die seit der Oktoberrevolution von realen Menschen in ihrer realen Gegenwart erneut thematisiert werden. Hans Mayer pflichtete im hierin (obwohl er sich da offiziell, nach eigener Verlautbarung bereits von Lukács emanzipiert hatte) noch am Ende des Jahrhunderts bei. In dem kleinen Text Goe the, Tübingen 1999, wies er darauf hin, dass nichts »törichter« sei, »als die modische Frage nach Goe thes Bedeutung« für die Gegenwart.326 * * * * * Diese implizierte Mahnung war für Lukács wichtig, denn sie richtete sich direkt gegen die zurückliegenden Versuche des bürgerlichen und imperialistischen Lagers, ein eigenes Goe the-Bild zu gewinnen, diesen in ihre Traditionslinien einzubauen. Paul Rilla, der mit Lukács und Harich befreundet war und leider viel zu früh verstarb,327 hatte im Goe the-Jahr in seinem Essay Goe the in der L iteraturgeschichte mit diesen Tendenzen überaus treffend und polemisch abgerechnet. (»Rillas Urteile waren ver- 325 Vgl. Lukács: Unser Goe the, S. 331. 326 Mayer: Goe the, Tübingen 1999, S. 445. Das Zitat später vollständig. 327 Harich und Hans Mayer hielten die Trauerreden für den am 5. November 1954 verstorbenen Paul Rilla. Harich: In Memoriam Paul Rilla, S. 114-119. Mayer: Gedenkrede, S. 120-134. Zum Verhältnis von Harich und Rilla siehe die Anmerkungen bei: Anne Harich: Wenn ich das gewusst hätte. Dort auch zu ihrem gemeinsamen Eintreten für die deutsche Einheit. 157 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács nichtend.«)328 Um ein wirkliches, sozialistisches Goe the-Bild zu bekommen, so Rilla, programmatisch, müssten zuerst die Verfälschungen der vergangenen Zeiten beiseite geräumt werden. Er suchte die Auseinandersetzung mit Wilhelm Scherer und Richard M. Meyer (»zwei, welche die historische Fibel-Essenz ergeben«), Friedrich Gundolf und Kurt Hildebrandt (»zwei, an denen die Identität des überhistorisch ästhetisierenden und des nationalsozialistisch politisierenden Goe the-Mythos nachweisbar ist«) und dem »katholisch-völkischen« Josef Nadler (»für den Nachweis, dass die reaktionäre Goe the-Hymnik ohne ihre Vorzeichen zu ändern, in typisch verklausulierte Goe the-Feindlichkeit umschlagen kann«).329 Hans Mayer sprach 1973 (in Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, wir kommen auf die Monographie später zurück) von einem »Material von schauerlicher Komik«: »Wilhelmischer Goe the; bei Friedrich Gundolf ein ‚Goe the als Kraft ohne Stoff‘; ein Klassiker im Dritten Reich. Geistesgeschichte tat ein übriges, um Goe thes Lebenslauf und Schaffensweg von allem geschichtlichen Substrat zu befreien. In den vier Bänden H. A. Korffs über den Geist der Goe thezeit kommt die Französische Revolution nicht vor. Hegels System und die Wanderjahre werden, einer formal-harmonischen Stoffdisponierung zuliebe, der ‚Romantik‘ zugeordnet. Eine Nacht, mit Hegel zu sprechen, worin alle Katzen bloß grau erscheinen können.«330 Im Rahmen der versuchten Vermessung der marxistischen Literaturtheorie in der DDR, unter der Leitung Werner Mittenzweis 1969 publiziert, schrieb Robert Weimann in einer auch heute noch interessant zu lesenden Analyse der Schriften Paul Rillas über dessen Goe the-Buch: »Er führte den Angriff auf breiter Front, gegen die preußische Apologie, gegen das schöngeistige Dunkelmännertum, von den akademischen Erben der Scherer-Schule bis zu den mythologischen Mitläufern des George-Kreises. Er forderte die gesamte bürgerliche Goe the-Wissenschaft in die Schranken, die ‚seit den siebziger Jahren ihren unaufhaltsamen Verfall als unaufhaltsamen wissenschaftlichen Fortschritt inszeniert hatte‘. Die literarhistorische Szene war vielleicht komplexer, als die ‚glossierende 328 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 110. 329 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, alle Zitate S. 8. 330 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 119. 158 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Darstellung‘ des einstigen Theaterkritikers erkennen ließ, aber ‚da sich sämtliche Tendenzen dieser Goe the-Wissenschaft auf die beiden oben erwähnten reduzieren lassen‘, so genügte für Rilla das literarhistorische Paradigma. (…) Und obschon sich das Gesamtbild damit notwendig vereinfachte, standen doch wirklich repräsentative und höchst einflussreiche Vertreter der bürgerlichen Goe the-Kritik zur öffentlichen Revision.«331 Eine jede Beschäftigung mit Goe the zeige, so Rilla direkt gegen die bürgerlichen Goe the-Analysen argumentierend, dass dieser, in seiner Jugend und in seinem Alter, ein fortschrittlicher Dichter und Denker gewesen sei. Andere Deutungen seien schlichtweg falsch: »Wer Goe the für irgend einen Irrationalismus, d. h. für irgendwelche widervernünftigen Zwecke okkupiert, stellt sich gegen Goe the. Denn Goe the ist das Genie 331 Weimann: Der humanistische Traditionsgedanke, S. 445f. 10. November 1954. Paul Rilla in der Deutschen Akademie der Künste aufgebahrt. Im Plenarsaal der Deutschen Akademie der Künste wurde der Literatur- und Theaterkritiker Paul Rilla aufgebahrt. Die Totenwache halten der Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste, Nationalpreisträger Otto Nagel (rechts) und Dr. Wolfgang Harich, Träger des Heinrich-Mann-Preises der Akademie (links). 159 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács der Vernunft, des hellen Tages, des tätigen Lebens. Er war kein Revolutionär. Doch das revolutionäre Prinzip der bürgerlichen Epoche, die Vernunft, blieb zeitlebens das Prinzip seines Wirkens. In seiner Jugend steht er in der Front der Aufklärung, die in all ihrer Vorläufigkeit doch der revolutionäre bürgerliche Protest war. Und im Alter ist ihm nichts so zuwider wie die Nacht- und Todespoesie der Romantik, mit ihrem Rückfall in ein mystisches Mittelalter (…). Das Romantische nennt er das Kranke, dass Klassische das Gesunde. Klassisch ist sein ganzes Lebenswerk.«332 Und an anderer Stelle, im Schlusskapitel, schrieb Rilla: »Die auf Marx und Engels zurückgehende historisch-dialektische Methode hat die geschichtlichen Maßstäbe der Literaturkritik wiederhergestellt. Sie ist die Methode einer Literaturwissenschaft, die diesen Namen verdient. (…) Als die Methode des wissenschaftlichen Sozialismus umfasst sie die Erneuerung der Goethe-Wirkung von einer gesellschaftlichen Erneuerung her (…). In einer menschenwürdigen Kultur wird die bürgerliche Bildung aufgehoben sein, aufgehoben im doppelten Sinne des Wortes: Als lebendiges Erbe, vernichtet als privilegierte Lebenswidrigkeit.«333 Die Zerstörung der Vernunft, einige Jahre später geschrieben, scheint in diesen Sätzen durch, klingt an, womit gesagt ist, dass das epochale Werk Lukács’ mehr ist und sein sollte, als parteilich gewollte Vernichtung des Anderen, intellektuellen Konsens also markierte. Rilla schoss, ebenso wie Lukács, mit seiner an sich berechtigten Kritik in einzelnen Bereichen über das eigentlich anzuvisierende Ziel hinaus – Fehlurteile inklusive. Doch dies ist kein Grund zur »üblen Nachrede«, kein Nachweis von Unwissenschaftlichkeit. Vielmehr fordert uns diese Konstellation auf, den damaligen Zeiten untersuchend näher zu kommen, sie zu verstehen mit all ihren Hoffnungen und Versprechen. Noch einmal kann Robert Weimann, diesen kleinen, aber notwendigen, Zwischenexkurs zu Rilla beendend, zu Wort kommen: »Rilla untersuchte die historischen Voraussetzungen und Folgen ihrer (die genannten Goe the-Forscher, AH) kritischen Deutungen, und das Resultat war über alle Maßen ertragreich: Die Überführung des preußischen und des höfi- 332 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 41. 333 Ebd., S. 87. 160 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe schen wie auch des dämonischen und ästhetischen Goe the-Bildes. Das war Ideologiekritik auf höchstem Niveau, mit erschütterndem Resultat, in glänzender Formulierung. Mochte auch der Furor ironicus in direkter Proportion zu der Weite des Feldes dieser Attacke stehen: Der Angriff war notwendig, seine Schärfe gerechtfertigt, die Ausbeute lohnend. Man muss diesen polemischen Beitrag zu ‚der tragischen deutschen Bildungsgeschichte‘ gelesen haben, um überhaupt die geistigen Voraussetzungen der Aufnahme Goe thes nach 1945 zu begreifen. Wiederum zielt Rillas Argumentation über alles Nur-Literarische, über alles Nur-Historische hinaus, und gerade darin ist sie so brillant wie konkret.«334 Und Harich hatte in seiner Trauerrede das Andenken an Paul Rilla wie folgt formuliert: »So steht das Werk des Toten vor uns, zwar unvollendet, doch in seinen Einzelheiten  – bis zur kleinsten Rezension  – so mustergültig vollkommen und als Ganzes von so richtungweisender Bedeutung, dass in Deutschland keine Literaturgeschichte und -kritik mehr denkbar ist, die daran vorbeiginge, die nicht davon lernte.«335 * * * * * Zurück zu Lukács, bei dem es analog zu Rilla heißt – und diese Überschneidung weist erneut darauf hin, dass das skizzierte Goe the-Bild ein Grundkonsens der Intellektuellen der jungen DDR war:336 »Jedes Goethe-Bild ist aus den gesellschaftlichen Strömungen und Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart heraus gewachsen. Diese Erkenntnis bedeutet jedoch keinen historischen Relativismus, wie man es in der bürgerlichen Philosophie der imperialistischen Periode geglaubt hat. (…) Deswegen beleuchtet schon das Herannahen des Sozialismus, das Herausarbeiten des marxistischen Standpunkts in der Beurteilung der Literatur immer klarer gerade die wesentlichen, die positiven Züge Goe thes.«337 Für Lukács 334 Weimann: Der humanistische Traditionsgedanke, S. 446. 335 Harich: In Memoriam Paul Rilla, S. 62. 336 Hierzu auch (mit Blick auf Gerhard Scholz): Wertheim: Die marxistische Rezeption des klassischen Erbes, vor allem S. 473ff. 337 Lukács: Unser Goe the, S. 336. 161 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács war Goe the, diese Position kennen wir bereits von Bloch, Harich, Rilla, Zeit seines Lebens Teil der Aufklärung oder Erbe der Aufklärung. Wenn der Sozialismus Goe the in seine Reihen aufnehmen will, so kann er damit, Lukács zu Folge, auch ein positives Verständnis der Nation gewinnen. Denn in Weimar habe Goe the »nicht nur eine antifeudale innere Politik, sondern auch eine antipreußische Außenpolitik treiben« wollen, ein »zaghafter und schüchterner Versuch in der Richtung der Herstellung der deutschen Einheit«.338 Auf Grund der deutschen Verhältnisse mussten aus marxistischer Sicht diese Bemühungen scheitern, es war nicht möglich, in einem deutschen Staat dieser Zeit eine progressive Politik durchzusetzen. (Es folgte, so die uns bereits bekannte Interpretation, bei Goe the wie bei Hegel die »Versöhnung mit der Wirklichkeit«.)339 Der, wenn man so formulieren will, Lichtblick am Horizont, der Ausweg aus der Resignation, sei für Goe the dann Napoleon gewesen: »Goe the seinerseits sah in Napoleon den Erben der sozialen Tendenzen der Französischen Revolution, den – nach Hegels Ausdruck – ‚großen Staatsrechtslehrer in Paris’, den erhofften Durchführer der Liquidierung des Feudalismus in Deutschland, der dazu die plebejischen Kräfte des Jakobinertums nicht in Anspruch zu nehmen braucht.«340 Gerade diese Ausführungen zeigen, dass sich die marxistische und die bürgerliche bis faschistische Einschätzung der Aufklärung und der Epoche nach der Französischen Revolution tatsächlich fundamental unter- 338 Lukács: Unser Goe the, S. 336f. 339 »Wenn wir auch beim alten Goe the, ebenso wie beim reifen Hegel, eine ‚Versöhnung mit der Wirklichkeit‘ finden, so hat diese bei beiden zwei Seiten, sie ist, wie Engels über Goe the schrieb, ‚bald kolossal, bald kleinlich‘. Sie ist einerseits die steigende und steigend vertiefte Erkenntnis des Wesens der neuen gesellschaftlichen Formation, des Kapitalismus, die denkerische und dichterische Untersuchung, wie unter den Bedingungen dieser neuen Gesellschaft eine Höherentwicklung der Menschheit möglich sei, also eine gleichzeitige Ablehnung von Utopismus und Pessimismus, ein Versuch, den wirklichen Gang der Geschichte mit der progressiven Entwicklung der Menschheit zu versöhnen, andererseits jedoch eine Kette von Kompromissen mit den schlechten, miserablen Erscheinungsweisen dieser Wirklichkeit, mit der langsamen Kapitalisierung Deutschlands unter Beibehaltung der Grundzüge der deutschen Misere.« (Ebd., S. 340.) 340 Ebd., S. 337f. 162 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe scheiden. Es ist hier nicht der Platz, dies erneut genauer auszuführen, Rilla, Harich, Bloch und Lukács haben auch heute noch Wesentliches dazu bereits gesagt. Zentral für die marxistische Wissenschaft sei laut Lukács: »Jetzt ist es unsere Aufgabe, alle diese Niederlagen und Kompromisse rücksichtslos aufzudecken, auch die, wo Goe the in der Anpassung an die schlechten Tendenzen seiner Zeit innerlich weiter ging, als dies zum Schutz des Kerns seiner menschlichen und dichterischen Persönlichkeit notwendig war.«341 Es ist fast schon die utopische Dichotomie aus Gegenwartskritik und alternativer Gesellschaft, wenn Lukács bei Goe the einerseits den »Kampf gegen die eigene Epoche« thematisiert und andererseits dessen Zukunftsvision deutlich positiv besetzt als Erbe des Sozialismus hervorhebt.342 (Das ist, von der intentionalistischen Motivation und Methode allerdings etwas gedrosselt, das Grundprinzip der Spurensuche in und nach Utopia in Blochs Prinzip Hoffnung.)343 Die Kritik Goe thes habe der deutschen 341 Lukács: Unser Goe the, S. 339. 342 Siehe beispielsweise: Ebd., S. 342. 343 Auf Blochs Utopiebegriff wurde bereits hingewiesen. Wichtige Hinweise etc. bei: Heyer: Sozialutopien der Neuzeit, 2 Bde. In der DDR entfaltete Bloch mit seiner »Hoffnungsphilosophie« eine breite Wirkung. Siehe hierzu die entsprechenden Dokumente der Leipziger Zeit bei: Caysa: Hoffnung kann enttäuscht w erden. Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)«. Eine gute Einführung bietet: Feige: Willkommen und Abschied, S. 159-190. Verena Kirchner hat in den einleitenden Anmerkungen ihrer Arbeit interessante Hinweise gegeben, die eigentliche Analyse mit Blick auf die DDR-Literatur ist dann aber inhaltlich mangelhaft und rein deskriptiv: Kirchner: Im Bann der Utopie. Siehe auch die Beiträge des Fünften Walter-Markov-Kolloquiums, das sich mit Bloch beschäftigte: Neuhaus/Seidel: Ernst Blochs Leipziger Jahre. Zuletzt zu Blochs Utopiebegriff vor dem Hintergrund der DDR die verschiedenen Arbeiten von Alexander Amberger: Amberger: »Aufrechter Gang« und Scheiter n, S. 229-247. Amberger: Ernst Bloch in der DDR, S. 561-576. Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107- 126. Guntolf Herzberg und Kurt Seifert haben in ihrer Biographie Rudolf Bahros beschrieben, dass Bahro, als er mit seiner Verhaftung durch die Staatssicherheit rechnete, extra das Prinzip Hoffnung gut sichtbar in seiner Wohnung ausgelegt hatte, um seinen Protest gegen die starren bürokratischen und verkrusteten (also gerade nicht-träumenden, nicht-utopischen, nicht-emanzipativen) Strukturen der DDR zu versinnbildlichen: Herzberg/Seifert: Rudolf Bahro. Glaube an das Veränderbare. (Weitere Hinweise im laufenden Text und im Literaturverzeichnis.) 163 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Misere gegolten, den Resten des Feudalismus, dem Absolutismus, der Kleinstaaterei und nationalen Zersplitterung. Den Kapitalismus habe er auch kritisiert, gleichzeitig jedoch das Positive und Fortschrittliche an diesem hervorgehoben. Gerade die Gestalt Fausts zeige aber, wie tief und deutlich Goe the die Probleme des Kapitalismus gesehen habe. Und so sei die Zukunftsvision des sterbenden Faust – »Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen.« – nur auf der Basis einer »echten Einsicht ins Wesen des Kapitalismus möglich geworden«.344 Um den bei Goe the vorhandenen dialektischen Einsichten gerecht zu werden, stellte Lukács das Verhältnis von Mensch und Menschheit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Es ist dies zugleich jenes Thema, bei dessen Analyse die Analogien von Hegel und Goe the, von Phänomenologie und Faust besonders deutlich hervortreten. »Was aber Goe the und Hegel hier ihren Vorgängern und Zeitgenossen gegenüber auszeichnet, ist, dass sie die zentrale Frage, Beziehung und Wechselwirkung zwischen Individuum und Menschengattung, nüchterner, wirklichkeitsnäher und dramatischer zu stellen im Stande sind.«345 Der Vorstoß zur Dialektik durch Goe the und Hegel sei auch deswegen so bedeutend, da beide die Gesetze der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung auf Grund der Erkenntnisschranken ihrer Zeit nur ahnen, nicht aber beweisen konnten. Es sind die Gedanken aus seinen Faust-Studien, die Lukács hier noch einmal aufnimmt. Hegels »List der Vernunft« und Goe thes Optimismus erscheinen als Ausdruck derselben Einsicht in die Widersprüche des Kapitalismus: »Eine solche  – unausgesprochene  – Philosophie (die Phänomenologie, AH) ist die Grundlage der Faustkomposition: Die Tragödien im Mikrokosmos der einzelnen Individualitäten bilden den Weg zum Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Menschengattung. Daher der unerschütterliche Optimismus Goethes, was das Ganze der Menschengattung betrifft, daher seine realistisch unsentimentale Auffassung und Darstellung der noch so tief empfundenen individuellen Tragödien.«346 344 Lukács: Unser Goe the, S. 346. 345 Ebd., S. 350. 346 Ebd., S. 352. 164 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Natürlich, so Lukács weiter, sei Goe the kein Sozialist gewesen »auch nicht Vorläufer, nicht einmal Vorahner«. Aber erst nach dem Sieg des Sozialismus könne Goe the in »seiner wahren Größe, mit seinen Niederlagen und Kompromissen« richtig erkannt werden. Seine Antizipationen der Zukunft wären erst nach der Verwirklichung dieser Zukunft zutreffend zu bewerten und einzuschätzen. »Goe the ist die größte, die universellste, die umfassendste Gestalt einer Vorstufe, in welcher vieles in die Zukunft Weisendes wirklich enthalten ist, aber freilich erst begriffen werden kann, wenn die höhere Stufe bereits verwirklicht wurde.«347 Der Erbantritt der sozialistischen Gesellschaft habe an verschiedene Elemente der Dichtungen und Schriften Goe thes heranzugehen. 1) Zuvorderst natürlich einerseits die Bejahung der progressiven Seiten des Kapitalismus, andererseits die Kritik am Kapitalismus. 2) Damit eng zusammenhängend die Problematik der Kunst im Kapitalismus, die Aufhebung der Isolation. 3) Goe the sei ein »großer nationaler Dichter ohne Nation« gewesen, »die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion« habe »das wirkliche Nationwerden vorbildlich gelöst«. 4) Goe thes Überlegungen zur Harmonie von Individuum und Menschengattung, von Mensch und Natur sowie der Menschen untereinander seien vorbildlich und wegweisend. 5) Genau in diesem Problem habe die »Größe« von Goe the und auch von Hegel ihre Wurzel: »Was Goe the und Hegel gesehen und geahnt, was sie in den damals gegebenen Verhältnissen nur in tragisch antagonistischer Verbundenheit zu gestalten bzw. auf den Begriff zu bringen vermocht haben, ist heute in der sozialistischen Sowjetunion eine alltägliche und große, nüchterne und heroische Erfahrung von hunderten Millionen Menschen.«348 347 Alle Zitate: Lukács: Unser Goe the, S. 361. 348 Ebd., S. 361f. Dort dann weiter: »Und die mehr als dreißigjährige sozialistische Praxis der Sowjetunion zeigt: Ein jeder Mensch steht auf freiem Grund mit freiem Volke; ein jeder Mensch, indem er arbeitet, indem er die Arbeitserfahrung der Menschheit bewusst in sich aufnimmt, indem er seine persönliche Entfaltung in seiner Arbeit zur Bereicherung der Erfahrungen der Menschheitsgattung ausnützt, indem seine Tätigkeit in ihm selbst und in jenen, die mit ihm zusammenarbeiten, die wahren Gattungskräfte erweckt, steht real dort, wirkt und entwickelt sich real dort, wohin Faust nach langen, schweren, tragischen Irrungen bloß in seinen Zukunftsvisionen gelangt.« (Ebd., S. 365) 165 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Die dichterischen und wissenschaftlichen Werke Goe thes würden eine Bereicherung des Sozialismus darstellen, den Bürgern des Sozialismus Freude vermitteln und sie in ihrer beständigen Aufbauarbeit unterstützen. Goe the erscheint »als Freund und Weggenosse der heutigen Erbauer einer neuen, des Menschen würdigen Welt, als künstlerischer Führer zur Gesundheit aus dem Morast einer Krankhaftigkeit der Kunst, aus dem Morast einer Sympathie mit Krankheit und Verwesung, mit Auflösung und Tod«.349 Lukács’ Vortrag gipfelte dann in einem Bekenntnis zum Marxismus im Allgemeinen und zum sozialistischen Aufbau in der SBZ/ DDR im Speziellen, das an Pathos nur knapp hinter Bechers Rede zurückbleibt. Aber wer hätte, außer Becher und Lukács, diese Rolle übernehmen können, die SBZ/DDR in den großen Traditionszusammenhang des Humanismus zu stellen? 349 Alle Zitate: Lukács: Unser Goe the, S. 365. Tägliche Rundschau, 28. August 1949 167 9. Ein Vortrag in Berlin Die Beziehung zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács begann unter keinem guten Stern, sondern mit einem echten Missverständnis. Bei der Beschäftigung mit Johann Wolfgang Goe the kreuzten sich ihre Wege zum ersten Mal. Wir haben bereits rekonstruiert, in welchem Umfang Harich für die Tägliche Rundschau und die im gleichen Verlag erscheinende Neue Welt arbeitete. Am 31. August gehörte Harich dann zu den Besuchern des gerade analysierten Goe the-Vortrages von Lukács. Harich kritisierte dessen Beitrag zu Goe the in einem Zeitungsartikel Georg Lukács sprach über Goe the vom 2. September 1949 in der Täglichen Rundschau.350 Zwar, so berichtete er gegenüber Siegfried Prokop, habe er seine Kritik an Lukács in eine intensive Würdigung eingebettet. Doch die aktuelle Politik (»ich hatte ja gar keine Ahnung«)351 habe dieses doppelte Verfahren von Lob und Kritik nicht zugelassen. Auf Anweisung aus Karlshorst sei der Artikel so umgeschrieben und gekürzt worden, dass 350 Der Artikel wurde gerade neu herausgegeben: Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 22-25. Harichs Kritik an Lukács war kein Einzelfall, also nicht auf diesen im Speziellen bezogen. So kritisierte Harich beispielsweise Günther Weisenborns Theaterstück Babel derart deutlich, dass sich die Tägliche Rundschau verpflichtet fühlte, in einer redaktionellen Anmerkung unter dem Artikel darauf hinzuweisen, dass Harichs Artikel dessen Ansicht widerspiegele und die Zeitung auch für zustimmende Kommentare offen stehe. Siehe: Harich: Berauschung am Gigantischen, S. 3. Es ging Harich also im wahrsten Sinn des Wortes um seine Meinung, sein Empfinden – und dabei scheute er schon frühzeitig keine Autoritäten und anerkannte keine Dogmen. 351 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 57. 168 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ein Lukács-Verriss übriggeblieben sei. Dieser Rückblick ist so allerdings nicht vollständig zutreffend, da Harichs Artikel sehr wohl Momente des Lobes für Lukács enthält. Der kurze Text Harichs beginnt mit den Sätzen: »Mit enthusiastischem Applaus wurde am Mittwochabend Professor Georg Lukács, der bedeutende ungarische Literaturhistoriker und Kritiker, im überfüllten Vortragssaal des Klubs der Kulturschaffenden willkommen geheißen. Ein überaus zahlreich erschienenes Publikum versuchte, durch herzlichste Sympathiebezeigung dem bewährten Freund und Mitstreiter des demokratischen Deutschland zu danken, der viel dazu beigetragen hat, eine fortschrittliche Deutung der klassischen deutschen Literatur und Philosophie zu erarbeiten und den literarischen Faschismus auch in seinen raffiniertesten Erscheinungsformen zu entlarven.«352 Die kritische Hauptstoßrichtung ist allerdings im Laufe des Textes unübersehbar. Lukács habe in seinen Ausführungen treffende Bemerkungen über die Goe the-Deutungen der Vergangenheit gemacht. (Das entsprechende Buch von Paul Rilla, Goe the in der Literaturgeschichte, kannte Harich zu diesem Zeitpunkt bereits.)353 Zudem hob Harich hervor, dass Lukács es vermieden habe, Goe the zum Sozialisten zu stempeln und dessen Schwächen und Kompromisse deutlich herausarbeitete. Im Anschluss daran thematisierte er dann fünf Punkte, drei positive und zwei negative: 1) Die Ausführungen von Lukács über den gescheiterten Politiker Goe the würden sich bis zu Marx, Engels und Mehring zurückführen lassen und Lukács habe sich ausdrücklich zu dieser Tradition bekannt. Auch wenn Goe the als Politiker in der Enge des absolutistischen Kleinstaates versagte, Kompromisse schloss, »so habe er sich objektiv in seinen Werken doch aufs Entschiedenste zum Fortschritt bekannt und zugleich die ganze Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit genial erfasst«.354 2) Der zweite Punkt würdigt die von 352 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 22. 353 In den Neuen Ufern war ja Rillas gleichnamiger Aufsatz vertreten. Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 115-159. In den Memoiren von Anne Harich (Wenn ich das gewusst hätte) finden sich Briefe Harichs an Rilla sowie interessante Anmerkungen zu diesem Thema. Alles weitere hier Relevante wurde bereits erwähnt. 354 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23. 169 9. Ein Vortrag in Berlin Lukács ausführlich dargestellte ästhetische Methode Goe thes.355 3)  Den Höhepunkt der Ausführung von Lukács sah Harich dann in dessen »Interpretation der Auffassungen Goe thes über die gesellschaftliche Entwicklung«. Außerdem fokussierte er die von Lukács herausgestellte Dichotomie zwischen der Zukunftsvision Goe thes (ausgesprochen durch Faust) und der Enge der deutschen Misere sowie den sozialistischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Harich schrieb. »Wie Goe the sich am Fortschritt der Technik begeistert habe, so habe er überhaupt jeden Fortschritt bejaht und auch die Zerstörung patriarchalischer und idyllischer Verhältnisse durch den Kapitalismus als notwendig erkannt. Aber wie Hegel habe Goe the seine größten Werke geschaffen, nachdem das ‚Reich der Freiheit‘ bereits als ‚Reich der Bourgeoisie‘ erwiesen war, und wie Hegel habe er erkannt, dass die Vorwärtsentwicklung der Menschheit, die er als Ganzes optimistisch beurteilte, eine Kette individueller Tragödien sei. Das vorwärtstreibende, daher notwendige Prinzip des Kapitalismus sei zugleich mephistophelisch und zerstörerisch. Gegen diese zerstörenden und entmenschlichenden Tendenzen habe Goe the die Kunst und die allseitig entwickelte Künstlerpersönlichkeit verteidigen wollen, und am Schluss von Faust II habe er die grandiose Erkenntnis ausgesprochen, dass – bei Erhaltung und schöpferischer Weiterentwicklung des Technisch-Zivi- 355 »Lukács wies das an Goe thes ästhetischer Methode und an seiner Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugend nach. Goe the sei einer der größten und am meisten bewussten Realisten der gesamten bürgerlichen Literatur. Bezeichnend für die Tiefe und Vielseitigkeit seines Realismus sei die Tatsache, dass er niemals der Gefahr des Manierismus verfallen sei, sondern jedem Inhalt die genau adäquate Form gegeben habe. So gebe es keinen Goe theschen Dramenstil wie es einen Shakespeareschen Dramenstil gebe: Unmöglich sei es, die Formen von Götz, Pandora, Iphigenie und Faust auf einen Nenner zu bringen. Immer wieder sei die Form neu und organisch aus dem spezifischen Inhalt erwachsen. Ebenso verhalte es sich mit Goe thes Prosadichtung und seiner Lyrik. Dem Baudelaireschen Lyrikstil stehe kein Goe thescher Lyrikstil, sondern die konkret unterschiedene Fülle von Ausdrucksformen gegenüber, wie wir sie z. B. im Heideröslein, in der Harzreise im Winter, im Prometheus-Gedicht und in der Marienbader Elegie finden. Und während es einen Balzacschen Romantypus gebe, habe Goe the im Werther, im Wilhelm Meister und den Wahlverwandtschaften völlig verschiedene Prosaformen entwickelt.« Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23. 170 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe lisatorischen – das mephistophelische Prinzip nur überwunden und die Freiheit der Persönlichkeit nur gerettet werden könnte durch das ‚freie Volk auf freiem Grund‘.«356 Diese Überlegung prägte Harichs Werk viele Jahrzehnte lang, bis hinein in die Wendezeiten. Die beiden letzten Punkte enthalten die Kritik an Lukács. Es sei klar, dass Lukács in seinem Vortrag natürlich nicht alle Elemente und Tendenzen Goe thes behandeln konnte, die für ein modernes Goe the-Bild wichtig seien. 4) In seinem Aufsatz in den Neuen Ufern hatte Harich ja den Naturwissenschaftler Goe the thematisiert. Von daher überrascht es nicht, dass er folgenden Punkt geltend machte: »Es ist jedoch zu bemerken, dass eine marxistische Goe the-Darstellung in ihrer ganzen Anlage umfassend sein muss, keinesfalls – wie es bei Lukács der Fall ist – an Goe thes naturwissenschaftlicher Leistung vorübergehen kann.«357 Entscheidend sei, dass dieser Mangel bei Lukács auch in anderen Schriften vorkomme, so dass eine Ergänzung und Weiterentwicklung von Lukács’ Thesen für die modernen Wissenschaften notwendig seien:358 »Das aber bedeutet, dass man im marxistischen Sinn nur dann die Literatur- und Philosophiegeschichte 356 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23f. Und weiter heißt es: »Freilich habe Goe the in der Wirklichkeit seiner Zeit keine reale Kraft erkennen können, die fähig gewesen wäre, diese letzte und höchste Sehnsucht Faustens zu verwirklichen. Um so höher sei zu bewerten, dass er niemals in einen romantisch-reaktionären Antikapitalismus zurückgesunken oder hoffnungsloser Verzweiflung verfallen sei, sondern das Höchste gegeben habe, was in seiner Zeit möglich war: Die vorahnende, wenn auch utopische Vision einer harmonischen Zukunft der Menschheit. Damit kehrte Lukács zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zurück: Was Goe the erahnt und über alle Widersprüche seiner Gegenwart hinweg ersehnt habe, sei in unserer Zeit radikal irdisch geworden in der Sowjetunion, und so erschließe Goe thes Werk seinen tiefsten Sinn erst den fortschrittlichen Menschen von heute, die sich zum Lager der Demokratie und des Sozialismus bekennen und seine Humanität bejahen, die in bewusster menschlicher Vervollkommnung und Höherentwicklung durch Arbeit und Arbeitserfahrung bestehe und in der restlosen Harmonie zwischen persönlichem Glück und gesellschaftlichem Nutzen ihre Vollendung finde.« (Ebd., S. 24) 357 Ebd. 358 »Lukács selbst hat die tragischen Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Bewusstsein der Intelligenz derart scharfsinnig analysiert, dass er sich dieses Mangels zweifellos bewusst ist. Im Vorwort zu seinem Buch über den jungen Hegel, wo er ebenfalls die naturwissenschaftliche Seite unberücksichtigt lässt und Hegels wichtige Jugendschrift De orbitis planetarum (Hegels Dissertation, AH) mit 171 9. Ein Vortrag in Berlin sachgerecht darstellen kann, wenn man Lukács’ Errungenschaften weiterentwickelt und seine Beschränktheiten kritisiert und überwindet, statt ihn – wie es oft geschieht – für das A und O marxistischer Literaturhistorie zu halten und ihn in steriler Kritiklosigkeit abzuschreiben, wie das die Klosterschüler von Padua mit der Summa des Thomas von Aquin taten.«359 Der Vorwurf Harichs ist jedoch nicht zutreffend, da Lukács im Jungen Hegel (auf die entsprechenden Passagen verwies Hans Mayer in der Unendlichen Kette, dazu gleich ausführlicher) und beispielsweise in seinen Faust-Studien den Naturwissenschaftler Goe the sehr wohl positiv hervorgehoben hatte. Er begriff dort die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes als Reaktion auf dessen Scheitern in der Weimarer Realpolitik sowie die Erfahrungen der sich anschließenden Italienreise. Lukács schrieb (die Passage ist hier wiederzugeben, da sie gut zeigt, wie Lukács das Problem einschätzte): »Der Versuch Goe thes, seine Weltanschauung in politische Aktivität umzusetzen, ist gescheitert und hat zu einer tiefen Enttäuschung geführt. Freilich, wie dies bei Goe the selbstverständlich ist, zugleich zu einer großen Bereicherung seiner Erfahrungen, seines historisch-sozialen Horizonts, deren bewusste Konsequenzen sich jedoch erst viel später zeigen. Die Weimarer Zeit ist aber zugleich die seiner Wendung zur systematischen Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, der Überwindung des gefühlsmäßigen Intuitismus der Jugendzeit. Diese Beschäftigung geht vorerst von praktischen Bedürfnissen aus, führt jedoch schon in Weimar und Italien zu wichtigen Entdeckungen auf dem Gebiet der neuen Naturlehre, zu der Auffassung der Natur als einheitlichem Entwicklungsprozess (Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, Urpflanze usw.).«360 Das ist durchaus die von Harich in Bemerkungen zu G oe thes Naturanschauung vertretene Position. Durchaus ähnlich, dies sei ergänzt, äußerte sich übrigens Paul Rilla in seinem kleinen Buch Goe the in der Literaturgeschichte:361 »Auf Goe thes keinem Wort erwähnt, hat er den Mangel sogar eingestanden.« Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 24. 359 Ebd., S. 24f. 360 Lukács: Faust-Studien, S. 218. 361 Derartige Analogien stellte auch Dieter Schiller fest, der schrieb: »Auffällig ist, dass Paul Rillas polemischer Essay Goe the in der Literaturgeschichte bei mancher 172 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wichtige naturwissenschaftliche Schriften kann hier nicht eingegangen werden. Nur soviel: Indem Goe the dem naturwissenschaftlichen Entwicklungsgedanken die Bahn brach und eine organische Entwicklungstheorie aufbaute, ist er ein Vorläufer der materialistischen Dialektik, durch welche das naturwissenschaftliche Denken von schematischen Prinzipien zu eigenständiger Praxis und praktischer Folge gelangte. Der Naturwissenschaftler und der Dichter Goe the sind nicht zu trennen. Worauf es ihm ankommt, ist der Mensch, der um so bestimmter seinen geschichtlichen und gesellschaftlichen Bezirk ausmisst, je bewusster er sich als Glied einer natürlichen Ordnung fühlt, die nichts Gemachtes, sondern ein Gewordenes, nichts ein- für allemal Fertiges, sondern ein immer Werdendes ist. Goe the sieht die Welt ganz, und er sieht sie schön. Denn sie schließt Willkür aus, auch die Willkür eines Schöpfungsanstoßes. Ihr Entwicklungsgesetz bleibt in den Naturformen so klar erkennbar, wie es im tätigen Menschen wirksam bleibt. Die Welt: Das ist diese Welt.«362 Hans Mayer hat 1973 die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goe thes übrigens weitaus nüchterner eingeschätzt. Bei ihm ist über die verschiedenen Arbeitsfelder Goe thes zu lesen: »Weniger verständnisvoll hatten Zeitgenossen die so divergierenden Tätigkeiten, wo nicht gar Dilettantismen, eines berühmten Dichter beurteilt. Selbst die Entdeckung des Zwischenkieferknochens vermochte daran nichts zu ändern. Goe thes Sympathie für Hegel stieg jäh an, als der Philosoph sich zur Farbenlehre bekannte. Allein Hegel war leider gleichfalls nicht vom Fach.«363 Und einige Seiten später: »Noch eine von Goe thes letzten Arbeiten zur Naturwissenschaft und Naturphilosophie entscheidet sich, bei Darstellung des Pariser Akademiestreits von 1830, wissenschaftlich wie historisch falsch. Für Geoffroy de Saint-Hilaire und gegen Cuvier.«364 inhaltlichen Berührung keinerlei Bezug auf Arbeiten von Lukács nimmt. Thesen, Theoreme und historische Wertungen, die solche Übereinstimmungen aufweisen, wurden – mit hoher Wahrscheinlichkeit – als geistiges Gemeingut empfunden, während Differenzen ausgeklammert blieben, um keine Fronten im eigenen Lager zu schaffen.« Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 17. 362 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 47. 363 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 10. 364 Ebd., S. 13. 173 9. Ein Vortrag in Berlin Harich richtete sich mit seinen Anmerkungen nicht nur gegen Lukács, sondern auch gegen die von ihm geortete Tendenz, dessen Schriften und Thesen gleichsam unreflektiert als Wahrheiten letzter Instanz auszugeben. (Auch wenn Harich in den fünfziger bis achtziger Jahren zum sicherlich wichtigsten Lukács-Verteidiger im marxistischen Lager wurde, so war dies bei ihm doch auch immer mit partieller Kritik am ungarischen Philosophen verbunden, er akzeptierte Lukács als Freund und Diskussionspartner, als Autorität und Institution, aber er hob ihn nicht als Denkmal auf einen Sockel.) 5) Der zweite Mangel von Lukács’ Vortrag müsse darin gesehen werden, dass es dieser versäumt habe, »Goe thes große Bedeutung als nationaler deutscher Dichter, seine bewusste Repräsentanz der nationalen Einheit Deutschlands und der Unteilbarkeit der deutschen Kultur herauszustellen«.365 Dieser Vorwurf greift aber ebenfalls zu kurz, da Lukács in seinen Ausführungen sehr wohl auf Goe thes Verständnis der Nation eingegangen war und zudem gezeigt hatte, wie und in welcher Weise seine entsprechenden Gedanken für die sozialistische deutsche Nation fruchtbar gemacht werden könnten. Bei Harich heißt es: »Wie ein Marxist im Jahr 1949 in Deutschland über Goe the sprechen kann, ohne den Kosmopolitismus zu entlarven, ist eine unbegreifliche Verfehlung dessen, was Goe the die ‚Forderung des Tages’ nannte. Auch hier haben wir es mit einer Begrenztheit von Lukács zu tun, auf die unbedingt hingewiesen werden muss, wenn seine Leistungen nicht durch kritikloses Nachschwätzen zerredet, sondern kritisch weiterentwickelt, bereichert, vertieft, konkretisiert und von ihren Mängeln und Schwächen befreit werden sollen.«366 Die Folgen des Artikels waren für Harich deutlich zu spüren: »Der Artikel erscheint, und ich bin furchtbaren Anfeindungen ausgesetzt – von 365 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 25. Dort heißt es weiter: »Dieses Versäumnis wurzelt offenbar darin, dass Lukács in der Auseinandersetzung mit der profaschistischen und faschistischen Goe the-Verfälschung von gestern (Gundolf, Spengler, Klages, Weinhandl, Hildebrandt usw.) stecken geblieben ist und nicht klar genug erkannt hat, dass es heute bereits eine neue, ebenso gefährliche, ja, aktuellere Version der Goe the-Verfälschung gibt, die der kosmopolitischen Demagogie des amerikanischen Monopolkapitals entspricht.« (Ebd.) Siehe außerdem: Harich: Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset, S. 4. 366 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 25. 174 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wem? Von Hanns Eisler: ‚Sie sind vollständig abhängig von den Erkenntnissen von Lukács, wie können Sie sich gegen Ihren Lehrer wenden? Das ist ja unerhört, Sie sind ein Schwein. Und Pfui Deibel! Da hätten Sie nicht mitmachen dürfen!‘ Mir ist der Mund verschlossen, weil hier in der Redaktion gesagt worden war: ‚Redaktionsgeheimnis – dass wir gestrichen haben, darf keiner wissen. Sonst ist Schluss bei uns, sonst sitzen Sie vor der Tür. Ja, ja, Sie haben nichts gewusst, Sie dürfen darüber nicht reden.‘ Wie kann ich mich vor Eisler verteidigen?«367 Auch andere übten Kritik, z. B. Ernst Bloch368 – der ja gerade noch eng mit Harich in Sachen Goe the zusammengearbeitet hatte. Bei seinen verschiedenen Versuchen, wieder mit Lukács Kontakt aufzunehmen, hatte Bloch am 4. November 1949 an diesen geschrieben: »Mit Ekel las ich die Frechheiten des playboy W. Harich gegen Dich. Dem Lausejungen muss das Handwerk gelegt werden.«369 Harichs Zeitgenossen gingen also davon aus, dass Harichs Artikel in der vorliegenden Form nicht auf Lukács’ Goe the-Interpretation zielte, sondern auf dessen Philosophie und deren Einfluss sowie Ausrichtung im Allgemeinen. Den geschichtlichen Hintergrund bildeten dabei, es sei zumindest ergänzt, die damaligen Debatten um Lukács in Ungarn. (Lukács antwortete übrigens nicht auf diesen Brief Blochs, auch andere Kontaktversuche ließ er unbeantwortet. Erst im Herbst 1952 meldete er sich wieder bei Bloch – der Grund war die geplante Deutsche Zeitschrift für Philosophie, zu der Lukács Artikel beisteuern sollte. Die entsprechende Korrespondenz in diesem Zusammenhang führten dann Harich und Lukács.) In einem der radikalen Kritik an Harich gewidmeten Artikel in der Utopie kreativ interpretierte Bernd Florath 1994 den Vorgang wie folgt: »Auf der antisemitischen und intellektuellenfeindlichen Welle des Kampfes gegen den Kosmopolitismus schwimmend, greift Harich 1949 jenen Georg Lukács an, zu dessen Großkopfeten er sich spätestens 1986 ernennen wollte.«370 Harich hat besonders auf diese Vorwürfe reagiert: »Da- 367 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 368 Siehe: Mesterházi: Ernst Bloch und Georg Lukács, S. 130. Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 369 Bloch: Brief an Lukács vom 4. November 1949, S. 196. 370 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. 175 9. Ein Vortrag in Berlin gegen haben wir den nationalen Gedanken vertreten und gesagt: Gegen den Kosmopolitismus setzen wir unsere Bejahung der Nation und den Internationalismus des Proletariats. Was ja in Deutschland besondere Bedeutung hatte. (…) Das war hier die Linie. Die hatte aber mit Antisemitismus oder Intellektuellenfeindlichkeit gar nichts zu tun. Und ich konnte ja auch nicht die Idee haben, dass die Sowjetunion damit zu tun hat, denn wir hatten lauter jüdische Redakteure an der Täglichen Rundschau.«371 Doch Florath sprach »von einer billigen Denunziation (…), die überdies zu einem Zeitpunkt vorgebracht wurde, da Lukács in Ungarn schwersten ideologischen Angriffen ausgesetzt ist, Angriffen, die in der Atmosphäre des Rajk-Prozesses in anderen Fällen tödlich endeten. Mag sein, es war Harichs Ahnungslosigkeit, mit der er Lukács in dieser verfänglichen Lage traktierte, mag sein, dass er sich mit Lukács über den Casus später verständigte. Mag sein, dass er zutiefst von der Richtigkeit und Notwendigkeit der Attacke überzeugt war. Jedenfalls wandelte sich seine Haltung zu Lukács in den folgenden Jahren fundamental.«372 Wenn Florath Harich »denunzierende« Absichten vorwarf, so beschrieb er damit doch vor allem seine eigene Motivation. Es ist hier nicht der Ort, ausführlich zu schildern, für welche Gruppe Florath sprach, wo sein Irrtum aufhört und die Tatsachenverfälschung beginnt. Zu konstatieren bleibt, dass Floraths Generalangriff diesen in die Havemann-Gesellschaft (Harichs Gegner seit den fünfziger Jahren)373 und an die Fleischtöp- 371 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 372 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. Dort weiter, versuchend, den Wandel in Harichs Lukács-Bild zu verstehen: »1986 erklärt er das Werk von Georg Lukács für sakrosant. Die Extremität dieser Wandlungen ist überraschend. Sie ist einem Außenstehenden nicht nachvollziehbar, und will man keinen billigen Opportunismus unterstellen, so müsste konstatiert werden, dass Harich dazu neigt, die von ihm gewonnene Überzeugung, selbst wenn sie einer älteren ins Gesicht schlüge, mit derselben Intransingenz vorzutragen: einer Intransingenz, die sich selbst als letzte Wahrheit dünkt.« (Ebd., S. 61). Der Verweis auf 1986 bezeichnet: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, S. 31-37. Allein das Datum 1986 als Festsetzung der Pro-Lukács-Aktivitäten Harichs durch Florath bezeugt dessen völlige Unkenntnis der damaligen Vorgänge. Er hätte dies problemlos erfahren können, so er gewollt hätte. 373 Die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen von Harichs Beschäftigung mit Havemann auf theoretisch-wissenschaftlichem Gebiet dokumentiert der kürzlich 176 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe fe der offiziellen, ideologischen und politisch motivierten »Aufarbeitung« der DDR-Vergangenheit brachte, während Harich die letzten Jahre seines Lebens als Vorsitzender der Alternativen Enquetekommission gerade der Kritik der bundesrepublikanischen »Interpretation« der Geschichte, Kultur, Wissenschaften, Philosophie der DDR widmete – immer unter Bezug auf seinen Freund und Weggefährten Georg Lukács und immer im Namen seines Hauptanliegens: Die Herbeiführung und gerechte, menschliche Ausgestaltung der deutschen Einheit. (Eben dafür hatte die Bürgerbewegung der DDR ja nichts übrig, man muss daran erinnern, dass sie »ihre« separate DDR erhalten wollte – von Bärbel Bohley über Christa Wolf bis hin zum Havemann-Kreis.) Es ist eine grundsätzliche Angelegenheit: Die Genese des Marxismus-Verständnisses von Harich ist ohne den Einfluss von Georg Lukács nicht zu erklären. Ja, Lukács war die zentrale Autorität des Denkens von Harich. Er stand als Stichwortgeber noch vor Nicolai Hartmann. Zuzurechnen wäre dieser Denkkonstellation dann ebenfalls Arnold Gehlen. Helmut Steiner, der Harich in den achtziger Jahren im Zusammenhang mit seinen Studien zur Soziologie kennen gelernt hatte, schrieb: »Und obwohl wir im Verlauf unserer Gespräche von Beginn an am Beispiel unserer konträren Beurteilungen von Arnold Gehlen und Ferdinand Tönnies dennoch auch über Fach-Soziologen zu sprechen kamen, kreisten seine intellektuellen Darlegungen immer wieder um Leben und Werk von Georg Lukács einerseits und Friedrich Nietzsche andererseits. Fühlte ich mich bei letzterem als Gesprächspartner inkompetent, so befanden wir uns mit seiner Forderung ‚Wieder mehr Einfluss dem Lukács!‘ in voller Übereinstimmung.«374 Innerhalb dieses intellektuellen Bezugrahmens lässt sich Harichs Philosophie und auch sein literaturwissenschaftliches Schreiben gewinnbringend verankern – mit Blick auf die fünfziger ebenso wie auf die achtziger Jahre. Die Annäherung an Lukács auf der einen, die radikale Kritik an publizierte Aufsatz: Harich: Über Robert Havemanns politische Konzeption, S. 363- 379. Dort auch eine kleine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Wolfgang Harichs Kritik am demokratischen Sozialismus Robert Havemanns, S. 359-362. Siehe außerdem: Prokop: Der Harich-Havemann-Disput im Jahre 1956, S. 131-143. 374 Steiner: Wolfgang Harichs Briefwechsel mit Georg Lukács, S. 67. 177 9. Ein Vortrag in Berlin Nietzsche auf der anderen Seite.375 Und beides verpflichtet dem nationalen humanistischen Erbe, der Weiterentwicklung des Marxismus. Als zum Ende der DDR die Nietzsche-Renaissance einsetzte und von vielen als Aufbruch in eine neue intellektuelle Freiheit gefeiert wurde, erinnerte Harich an Lukács.376 An dessen überaus deutliches Nietzsche-Urteil und auch daran, dass dieser in der DDR keine wissenschaftliche Heimat gefunden hatte. Jürgen Große führte zuletzt aus, dass Harich in der Nietzsche-Renaissance zum Ende der DDR »nur einen ideologischen Ausverkauf des DDR-Sozialismus erkennen« konnte.377 Doch der Zeit und Chronologie vorzugreifen ist Aufgabe nicht. Am Ende unseres Buches ist von diesen Dingen die Rede. Einige Monate nach dem Zeitungsartikel hatten Lukács und Harich ihrer Differenzen ausgeräumt und waren bis zu den politischen Umbrüchen von 1956 enge Weggefährten. Ihre gemeinsame Arbeit trug viele Früchte. Beide kehrten, man kann schon sagen Jahrzehnte später, erneut zu einer intensiven Beschäftigung mit Goe the zurück. Lukács in der Eigenart des Ästhetischen, zuerst erschienen 1965, Harich im Rahmen seiner Beschäftigung mit Jean Paul (Jean Pauls Revolutionsdichtung). 375 Dieser Antagonismus prägte auch Harichs radikale (und fast ausschließlich negativ bewertete/eingeschätzte) Kritik an Nietzsche in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Siehe: Harich: Nietzsche und seine Brüder. Anne Harich hat ihre Erinnerungen an Wolfgang Harich ebenfalls in dieser Konstellation aufgebaut. Dadurch gelang es ihr überaus stark, das Denken Harichs in den achtziger Jahren nachvollziehbar zu machen, d. h. in seinen Ursprüngen und Determinanten zu erklären. Siehe: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. 376 Siehe: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, S. 31-37. 377 Große: Ernstfall Nietzsche, S. 23. Tägliche Rundschau, 16. Juli 1949 (oben) und 26. August 1949 (unten) 179 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Es ist fast schon ein Grund, um Verzeihung zu bitten: So vieles haben wir weggelassen, konnten wir nicht gebührend behandeln, da die auferlegte Fokussierung auf Lukács, Harich und Bloch (gerade wenn die an anderer Stelle zu analysierende Hegel-Debatte, die mit dem Goe the-Thema mehr als nur verbunden ist, berücksichtigt wird) uns zwingt, unser Thema nicht aus den Augen zu verlieren. (Zu nennen wären: Der Scholz-Kreis, die politischen Aussagen und Reden, angrenzende Diskurse, das enorme kulturelle Engagement, die Debatte um Hanns Eisler usw.)378 Das Bedauern darüber bleibt, denn die Beschäftigung mit Goe the, mit dem Goe the-Bild der jungen DDR ermöglicht interessante Einblicke in das Innenleben des entstehenden sozialistischen Staates. Auf Paul Rilla wurde verwiesen, viele andere Querverbindungen konnten aufgezeigt werden, ohne allzu sehr vom Thema abzudriften. Zwei Ergänzungen sind aber nötig, eine kleinere und eine ausführliche. Zunächst ist zumindest kurz daran zu erinnern, dass durch die Debatten über das Goe the-Bild der DDR noch immer jener Ausspruch geistert, den man Walter Ulbricht zuschreibt und der auf den III. Teil des Faust abzielt. Es ist bezeichnend für die Forschungssituation, dass Leonore Krenzlin sich 2003 genötigt sah, die verschiedenen Fehlurteile zu korri- 378 Fast schon ein Kompendium zum Nachschlagen aller wichtigen Debatten ist: Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945-1965. 180 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe gieren. »Zwar kam bereits in den sechziger Jahren der DDR das kichernd kolportierte Gerücht in Umlauf, Walter Ulbricht habe den Autoren seines Landes eine solche Aufgabe gestellt (d. i. die Abfassung des III. Faust-Teiles, AH).«379 Aber es sei ihr nicht gelungen, eine Quelle für diese Vermutung zu eruieren. Die Rede Walter Ulbrichts von 1962, die des Öfteren als Beleg angeführt wird, enthalte keine Aufforderung an die Schriftsteller der DDR. Vielmehr begreife Ulbricht dort die DDR selbst als Verwirklichung der Antizipationen Goe thes. Er sagte: »Erst weit über 100 Jahre, nachdem Goe the die Feder für immer aus der Hand legen musste, haben die Arbeiter und Bauern, die Angestellten und Handwerker, die Wissenschaftler und Techniker, haben alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik begonnen, diesen dritten Teil des Faust mit ihrer Arbeit, ihrem Kampf für Frieden und Sozialismus zu schreiben.«380 Ob das »Kichern« damit verstummt – leise Zweifel bleiben. Dieser Satz Ulbrichts erinnert an die Aufbruchstimmung des Goe the- Jahres 1949. (Dass es eben dieser Ulbricht mit seinen Helfern war, der die DDR frühzeitig zum eigenen Machterhalt ruinierte und in einen Spitzelstaat unterster Qualität verwandelte – daran darf kein Zweifel aufkommen. Gerade angesichts der überaus fatalen Ulbricht-Huldigungsansätze der letzten Jahre, etwa das perfide Buch, das Egon Krenz herausgegeben hat.) Und damit sind wir bei der größeren notwendigen Ergänzung (die hier einige Seiten füllen wird): Zu den wichtigsten Protagonisten und Rednern des Jubiläums – gerade auch aus offizieller, staatspolitischer Perspektive – gehörte Hans Mayer, auch wenn dieser nach dem Krieg ein »Außenseiter der Zunft« war.381 (Ein Urteil, das in dieser Allgemeingültigkeit zumindest zu diskutieren ist.) Der Name Hans Mayer ist uns schon mehrfach begegnet und wird uns bis zu den letzten Seiten immer wieder begleiten. Von Mayer erschien eine Auswahl seiner Goe the-Beiträge 1949 unter dem Titel Unendliche 379 Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 380 Ulbricht: An alle B ürger der D eutschen Demokratischen Republik! An die ganz e deutsche Nation! Rede (…) in B erlin, 23. März 1962, S. 456. Zit. bei: Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 381 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 106. 181 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Kette.382 Den dort versammelten Goe the-Beiträgen sind weitere Publikationen von Mayer hinzuzusetzen, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. (Alle weiteren Hinweise im Literaturverzeichnis, in den laufenden Text sind verschiedene Querverweise eingearbeitet.) Zu erinnern ist auch daran, dass Mayer ebenfalls an den Neuen Ufern beteiligt war – mit dem Aufsatz Goe thes Erbschaft (die Studie eröffnet als Neuabdruck die Unendliche Kette).383 Henrik Fronzek schrieb: »Wenngleich sich Mayer in seinen Analysen vordergründiger Aktualisierung zu enthalten wusste, sind seine Bemühungen um einen Brückenschlag zwischen einer sozialutopischen Deutung der vermeintlich kapitalismuskritischen Elemente in Goe thes Werk und den gesellschaftspolitischen Ansprüchen der Rezeptionsgegenwart evident.«384 Die Unendliche Kette umfasst insgesamt sieben Studien und Vorträge, die vollständig im gerade geschilderten Kontext der marxistischen Goethe-Interpretation aufgehen. Dies betrifft zuvorderst die Analogiesierung von Goe the und Hegel, die sich, wie gleich zu zeigen ist, auch bei Hans Mayer findet. Zudem hat Mayer bewusst die Verbindung zu den vorliegenden Arbeiten von Rilla und Bloch hergestellt (das Buch von Lukács war ja in der DDR noch nicht erschienen): »Nimmt man zu unseren Studien noch den umfangreichen Essay von Paul Rilla über Goe the in der Literaturgeschichte und Ernst Blochs Beitrag über Das Faustmotiv in Hegel zur Phänomenologie des Geistes, so sind wesentliche Elemente für eine kritische Neudeutung des Goe the-Bildes in unserer Zeit damit zusammengefasst.«385 So ist im Nachwort zu lesen. Alfred Klein hat darauf hingewiesen, dass die Orientierung von Mayer auf die Schriften von Lukács für diesen in den Jahren der SBZ und der jungen DDR fast schon die Grundlage des eigenen Denkens gewesen ist. War es ihm doch so möglich, Literatur, Kunst und Kultur als Teil der gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen zu begreifen: »In der ers- 382 Der Band enthält die Texte: Die Erbschaft, S. 11-26; Goe the als deutscher Dichter , S. 27-39; Die Kränze, S. 40-43; Goe the und Hegel, S. 44-59; »Tasso« auf dem Theater, S. 60-64; Goe the in unserer Zeit, S. 65-85; Unsere Zukunft mit Goe the, S. 86-96. 383 Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. 384 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 108. 385 Mayer: Hinweise, S. 98. 182 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ten Hälfte seiner Leipziger Zeit hat sich Hans Mayer allerdings mehr um die Zusammenführung der gesellschaftlichen mit den literarischen Aspekten gekümmert. (…) Franz Mehring und mehr noch Georg Lukács wurden ihm zu Leitfiguren, ihre Arbeiten zu Wegweisern für die eigene Mission. (…) In Georg Lukács sah Hans Mayer einen kompetenten Mitstreiter für die Erneuerung der Literatur und der Literaturwissenschaft nach der faschistischen Gleichschaltung; einen Antipoden nationalistischer Überheblichkeit und povinzialistischen Dünkels, der universalgeschichtliche und weltliterarische Kriterien gegenüber dem eklatanten Mangel an Urteilswilligkeit und -kraft aufbot; einen entschiedenen Gegner aller Wolkenkuckucksheime und einen entschiedenen Freund vernünftiger und realitätsbezogener Denkgebäude.«386 Doch die Prioritäten von Mayer verschoben sich, in den Leipziger Jahren näherte er sich immer stärker an Bloch an, er ging also, um in der Terminologie von Klein zu bleiben, ins Wolkenkuckucksheim (das ist übrigens Aristophanes, nicht Blochsche Schöpfung!) über. In diesem Sinne ist es fast schon symptomatisch, dass Hans Mayer nach 1956, als die Jagd auf ihn eröffnet war und Harich und andere im Zuchthaus saßen, weiter zu Goe the arbeitete und Vorträge hielt, sich mit Bloch über diesen unterhielt. So notiert der Bericht des GI Wild vom 30. November 1960 gegenüber der Staatssicherheit – es ging um ein Telefonat zwischen Karola Bloch und Hans Mayer: »Herr M. wollte wissen, was dem Ernst fehlen würde. Fr. Bl. meinte, dass gar nichts mit ihm sei, sondern es würde alles jetzt kommen, denn zum Beispiel eine vom Hegelaktiv, da sei auch etwas. Er (M.) habe wissen wollen, was Herr Bl. für denen geschrieben habe. Fr. Bl. erwiderte, dass er das Faustmotiv in der Terminologie (Phänomenologie) des Geistes geschrieben habe. Herr M. erwiderte, dass dies aber doch nichts neues sagt (sei). Fr. Bl. sagte, dass er dieses aber überarbeiten würde und die Fahnen seien angekommen und da liest er dieses durch.«387 386 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 18. 387 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 313. Lehmstedt hat die Stasiberichte etc. mit allen Rechtschreibfehlern etc. abgedruckt. Es ist aber überflüssig, die Dummheit (neben dem Inhumanismus, der Menschenverachtung das beherrschende Motiv) dieser Institution uns auf diese Weise vor Augen zu führen. 183 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer In seinen verschiedenen (bzw. unzähligen, dies klingt aber etwas böse) Erinnerungen und Memoirenwerken hat Mayer mehrfach über das Goethe-Jahr berichtet. Auch wenn der 28. August als Goe thes Geburtstag das eigentliche Jubiläumsdatum bildete, so kam doch dem 22. März, Goe thes Todestag, ebenfalls kultur- und parteipolitische Bedeutung zu. Am 21. und 22. März fand in Weimar eine »Feier der Jugend« statt. »Das Programm war in hellblau gehalten, im Farbton der blauen Hemden einer Freien Deutschen Jugend (FDJ).«388 Erich Honecker war damals der Vorsitzende der FDJ und, so Mayer weiter, »hatte offensichtlich die richtigen Worte gefunden und die richtige Einladung ausgesandt, denn das Deutsche Nationaltheater zu Weimar, das wir am 21. März um 10 Uhr morgens betraten, Erich Honecker und ich, war überfüllt mit jungen Menschen im Blauhemd, die ersichtlich weder herkommandiert waren, noch die Veranstaltung als lästiges Bildungsgetue empfanden. Viele waren aus dem Westen gekommen (…).«389 Der Vortrag, den Mayer hielt, kam unter dem Titel Goe the in unserer Zeit (ursprünglich lautete er Spiegelungen Goe thes in der Gegenwart) zum Abdruck. Es ist der einzige Text Mayers aus dem Band Unendliche Kette, den er im Westen nach seinem Weggang aus der DDR neu drucken ließ. »Ich hänge an dieser Erinnerung, und damit an meinen Worten von damals. Es war meine erste große und ernstzunehmende Rede vor der Öffentlichkeit.«390 Gemeinsam mit Alexander Abusch und Wilhelm Girnus war Mayer auch an den Zuarbeiten zu Otto Grotewohls Rede beteiligt, der Titel ist noch heute bekannt: Hammer oder Amboss. Zudem unterscheidet er sich, je nach eigener subjektiver Einstellung zu den Anfangsjahren der DDR kann man auch sagen wohltuend, von so manchem ehemaligen Marxisten oder Halbmarxisten aus dem Osten: Er ist frei davon, den Anfang nach Maßstäben zu beurteilen, die dem Zustand am eigenen sozialistischen Ende entnommen sind. »Damals, im März 1949, war noch nichts verspielt. Während meiner Rede war, in lautloser Stille, die geistige Gemeint ist in dem Zitat: Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 155-171. 388 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 31f. 389 Ebd., S. 32. 390 Ebd., S. 35. 184 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Leidenschaft der jungen Menschen zu spüren. Auch ich war bewegt, an einigen Stellen drohte Emotion fast die Stimme zu drosseln. Honecker freute sich über unsere Veranstaltung. Der Ablauf in Weimar hatte allgemeine und herzliche Akklamation bedeutet für seine Rolle als Sprecher einer deutschen Jugend. Mein Erfolg, der sich noch steigerte nach Erscheinen der Rede im Verlag der FDJ, führte bis etwa zum Sommer 1950 dazu, dass ich gleichsam als kultureller Festredner vom Dienst amtieren musste.«391 Eben diese unterschiedlichen Reden vereint der Band Unendliche Kette. Die Analyse ist zu beginnen mit dem Text Goe the in unserer Zeit, dem Mayer wie gesehen offensichtlich einen Wert zumaß, der die Zeiten und die buchstäblichen Grenzen zwischen Ost und West überdauerte. Mayer bekannte sich – hier Lukács, Bloch, Harich, Rilla, Abusch und vielen anderen folgend/vorausgehend – zum Erbe Goe thes als Teil der zu verwirklichenden sozialistischen Gesellschaft. Die sprachliche Kraft von Lukács und Bloch (jeder der beiden ja auf seine ganz eigene Weise) fehlte ihm etwas, ebenso deren famoses Spiel auf der Klaviatur des Intellekts (das entsprechende Wissen eignete er sich im Laufe der Jahre teilweise an). Aber dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass auch Mayer Goe the »in die DDR mitnehmen« wollte. (Nicht umsonst hielt er seine 391 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 37. Goethes Gartenhaus 185 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Antrittsvorlesung in Leipzig zu diesem Thema.) Es sind der tätige und tatkräftige Faust und mit ihm sein Schöpfer Goe the, die das Leitbild der damaligen bürgerlichen Gesellschaft projizieren und damit gleichzeitig die einengenden Mauern dieser Gesellschaft aufzeigen und in Gedanken aufsprengen: »Der erblindete, sterbende Faust vernimmt das Geklirr der Spaten und ist erfüllt von der Vision eines freien Volkes auf freiem Grund, einer menschlichen Gemeinschaft, die siegreich den Nahrungskampf gegen die Mächte der Natur besteht. (…) Faust meinte die große gesellschaftsnützliche Arbeit, die er angeregt hatte: Den entschlossenen Kampf der Menschen um fruchtbares Land, das man dem Meer abgewinnt.«392 Faust selber habe seine Zukunftsvision nicht mehr erlebt, er konnte sie nur ahnen.393 Goe the habe also nicht seine gesamte Weltbetrachtung in die Figur des Faust hineingelegt, einige Ansichten und Einsichten behielt er gleichsam für sich. Faust ist eine Figur, die sich in den Umbrüchen der da- 392 Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 66. 393 Vgl. Mayer: Ebd., S. 67f. Goethes Juno-Zimmer 186 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe maligen Zeit bewegt.394 »Was Goe the aber von der Höhe seines Alters, seiner Weisheit, gleichsam wie von einem Turm aus erblickte, war ein undurchdringliches Gewirr aus Neubau und Zerstörung, von schöpferischen und zerstörerischen Mächten. (…) Auch dies hat Goe the gewusst: Dass ein neues technisches Zeitalter noch nicht durch die bloße Technik den Menschen frei und glücklich machen könne, dass neue Formen der Gesellschaft und der menschlichen Lebensform notwendig seien, um die Kräfte der Arbeit und der Technik und der Natur nicht in Bahnen der Zerstörung, sondern des friedlichen Glückes der Völker zu lenken.«395 Wie schon Lukács explizit und Bloch implizit formulierte auch Mayer, dass mit dem Erbantritt der DDR aus Goe the natürlich kein Vorläufer des Sozialismus gemacht werden soll. Denn Goe the habe die Grenzen seines Zeitalters sehr wohl gesehen. Daraus resultiere die von Goe the bewusst vorgenommene Unterscheidung zwischen der »näheren und weiteren Zukunft«, zwischen der »nächsten Wirklichkeit« und »den dahinterliegenden großen Zielen sozialer Erneuerung in der Form einer befreiten und solidarisch wirkenden, über Spezialistentum und Egoismus hinausgewachsenen Menschheit«.396 Größe und Grenzen Goe thes seien gleichermaßen wichtig – auch dies ist eine der Konstanten der marxistischen Annäherung an Goe the. Sein Wirken in der Realität ist also zu unterscheiden von den Einsichten und Visionen seiner Werke und Schriften.397 In diesem Sinne galt für Mayer: Goe thes Erbe antreten ja, ihn verfälschen nein. Ein modernes Goe the-Bild müsse generiert werden – in (das kennen wir bereits) bewusster Abwehr der bürgerlichen und faschisti- 394 »Die Welt des modernen Kapitalismus hat keine Beziehung mehr zur Tradition. (…) Die neue Zeit, die Goe the heraufkommen sah, begann mit Zerstörungen, mit rücksichtsloser Gewalt, als eine Macht des Aufbaus und der Zerstörung in einem.« Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 67. 395 Ebd., S. 67f. 396 Ebd., S. 70. 397 »Goe the erlebt und versteht diese großen Zeichen seiner Zeit. Aber er durchlebt sie im Umkreis engster deutscher Misere, in dieser Stadt und am Hofe dieser Stadt, wo sich gleichzeitig das Schauspiel höchster geistiger Regsamkeit und engster Klatschsucht und Miniaturintrige bietet. Und beide Aspekte erlebt man auch in Werk und Lebenshaltung dieses Mannes, der aus der Forderung des Tages zu schaffen strebt, die Forderungen aber gleichzeitig in welthistorischer Weite und provinziellster Enge gestellt findet.« (Ebd., S. 75.) 187 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer schen Verfälschungen: »Ein Goe the-Bild ferner, das nicht versucht, einen abstrakten Weltbürger, einen deutschen Nationalisten oder auch einen sich selber unbewussten Marxisten aus Goe the zu machen. Ein Goethe-Bild unserer Generation also, das einen gewaltig strebenden Geist in größter Weite und teilweise in jammervoller Enge des Lebenskreises wirkend vorfindet: Einen Geist, der um den Menschen bemüht ist und seine Möglichkeiten, der an die Entwicklung des Menschen glaubt und dieser Entwicklung mit jedem Atemzug seines Lebens zu dienen bestrebt ist.«398 Und dennoch: Auch wenn aus Goe the kein Sozialist gemacht werden soll, so findet sich auch bei Mayer der Hinweis, dass nur der Sozialismus Goe the richtig verstehen könne. Denn den bürgerlichen Theorien der Moderne  – vom Ende der Geschichte, vom Untergang des Abendlandes, vom Fatalismus, von »Verzweiflung und Barbarei« usw. – stünden die Kernaussagen von Goe thes Werken diametral gegenüber. Diese Thesen weisen deutlich in Richtung Lukács und, vor allem, Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte). Aber auch die Zeitungsartikel Harichs sind in diesem Kontext zu erwähnen, exemplarisch der Text Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den F aschisten Ortega y Gasset aus dem September 1949. Dort heißt es eingangs: »Die Westberliner Hautevolee wird sich heute Abend in einem Klubhaus am Wannsee zu einer Goethe-‘Ehrung‘ zusammenfinden, die es den Verderbern der Hauptstadt Deutschlands als ewige Kulturschande anzukreiden gilt. Als Redner des Abends ist der Spanier José Ortega y Gasset vorgesehen, auf den die Bezeichnung Reaktionär in einem so exakten und buchstäblichen Sinne zutrifft wie auf kaum einen anderen Vertreter bürgerlicher Ideologie in unserer Zeit. Ortega y Gasset, der ‚große Europäer‘ (wie ihn die Westpresse zu nennen beliebt), gelangte vor zwanzig Jahren durch sein Buch La rebelion de las masas (Der Aufstand der Massen) zu trauriger Berühmtheit. Das Buch ist eines der niederträchtigsten Machwerke kapitalistische Apologie, die je zur Verächtlichmachung des Volkes veröffentlicht wurden.«399 Im Schatten von und unter Protegierung durch Franco setze Ortega y Gasset die Goe the-Verfälschung des Nazis nahtlos fort. Es war für die Intellektu- 398 Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 77. 399 Harich: Goe the-Schändung in Westberlin, S. 4. 188 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ellen der DDR ein mehr als nur signifikanter, charakteristischer Vorgang, dass er im Westen zu Goe the redete. Die bürgerliche Welt, so Mayer, könne Goe the nicht rezipieren, schon gar nicht verstehen oder an seine Zukunftsvisionen anknüpfen:400 »Ein neues Geschlecht ist heute aufgerufen, die Erbschaft Goe thes zu verwalten, eine Menschheit, die nicht mehr bürgerlich sein kann in jenem engen klassenmäßigen Begriff – die Welt arbeitender Menschen, denen Goe the stets so freundlich zugetan war, und die in seinem Werk von nun an allen Reichtum der Schönheit, der Sprachgewalt, der tiefen menschlichen Erfahrung entdecken sollen.«401 Und die letzten Worte seines Vortrages: »Wo immer in der Welt etwas den Menschen zuliebe geschieht, wo immer gesellschaftliche Aufgaben im Geiste des Vertrauens und der Zusammenarbeit tatkräftig gelöst werden, da wirkt Goe thes Vermächtnis in unserer Zeit.«402 Gemeint war mit diesen Sätzen, daran besteht kein Zweifel, der Aufbau des Sozialismus im kleineren Teil unserer deutschen Heimat. Mit seiner Antrittsvorlesung vom 20. Juli 1949 an der Leipziger Universität, gedruckt unter dem Titel Goe the und Hegel, suchte Mayer bewusst den Anschluss an Lukács und Bloch, darauf haben wir bereits verwiesen. Wie diesen beiden ging es ihm um den Marxismus – verstanden als Heimstätte der Gedanken und Theorien von Goe the und Hegel. Schöpferisch und kritisch zugleich müsse an das Erbe von Goe the und Hegel herangegangen werden, um es für den Aufbau der Zukunft nutzbar zu machen. »Wir möchten versuchen, durch diese Namen eines der bedeutendsten Anliegen moderner Kulturgeschichte zu umschreiben: Die gleichzeitig schöpferische wie kritische Aneignung unseres großen geistigen Erbes. Dass wir allerdings dieses Erbe auch als ein großes deutsches anzutreten vermögen, beweisen diese zwei Namen: Der des Dichters wie des Philosophen, die beide zu ihrer Zeit (und bis heute) Weltgeltung besessen haben. 400 »Die Goe the-Welt und die Goe the-Zeit liegen fern. Das bürgerliche Zeitalter, dessen höchsten Ausdruck wir in Goe the bewundern, geht heute in grauenvollen Zuckungen und Krisen zu Ende. Wer heute Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters bleiben will, landet unweigerlich in Verzweiflung und Barbarei (…).« Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 81. 401 Ebd., S. 84. 402 Ebd, S. 84f. 189 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Es gibt keine moderne Philosophie, die es sich leisten dürfte, Hegel wie einen ‚toten Hund‘ zu behandeln, um ein bitteres Wort von Marx über die unwissenden Hegelgegner zu zitieren. Gerade Marxens, später Lenins tiefe und angelegentliche Beschäftigung mit Hegels Werk kann hier die Richtung angeben.«403 Hans Heinz Holz hat geschlussfolgert, dass sich aus dieser Stellung Mayers (Holz zitierte exakt die gerade wiedergegebene Passage) eine »hegelianische Position des Verfassers« schließen lasse, was so aber sicherlich nicht zutrifft.404 Nach einigen einleitenden Anmerkungen und der Rekonstruktion der Begegnungen und Kontakte zwischen Goe the und Hegel405 umriss Mayer seine Erkenntnisinteresse: »Wir verzichten also wesentlich auf eine Darstellung goethescher Elemente in Hegels Werk, vor allem in seiner Ästhetik, und wollen versuchen, das Problem des Hegelschen Geistes, anders ausgedrückt, des dialektischen Denkens in Goe thes Weltbild aufzuzeigen.«406 Als Ausgangspunkt wählte Mayer die naturwissenschaftlichen Arbeiten von Goe the und bezog sich dabei explizit auf Lukács und dessen Der junge Hegel. Damit nahm er quasi die Gegenposition zu Harich ein und erbrachte den Nachweis, dass Lukács sehr wohl die naturwissenschaftlichen Theorien von Goe the gekannt und in seinen Interpretationen berücksichtigt habe.407 Gesagt war so zudem, dass man dieses Thema sehr wohl in Lukács’ Werk finden könne. Gerade Goe thes Bezug zu den Naturwissenschaften habe ihn zur Annäherung an Schiller und Hegel sowie Herder geführt. (Eine These, die Harich seit den frühen fünfziger Jahren übrigens ebenfalls vertrat. Wie Mayer von Lukács herkommend dabei.) Die Rezeption von Goe the in diesem Beziehungsgeflecht zeige, dass dieser nicht einseitig als Naturwissenschaftler oder Naturforscher interpretiert werden dürfe, sondern die verschiedenen Teile seines Schaffens ineinander greifen würden: »Goe the selbst empfand sein Wirken und Werk als eine große Einheit, als eine ‚konkrete Totalität‘, um es in der Sprache Hegels zu 403 Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 404 Holz: Hans Mayers Beitrag zur Ideologietheorie, S. 41. 405 Siehe: Mayer: Goe the und Hegel, S. 48-50. 406 Mayer: Goe the und Hegel, S. 50. 407 Vgl. Ebd., S. 51f. 190 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sagen. In solcher Haltung ist er Hegel sehr nahe; denn auch dessen große Enzyklopädie hatte den Versuch unternommen, das Ganze menschlicher Tätigkeit nicht bloß einer Gesamtbetrachtung einzuordnen, sondern solches System aus Urzellen gleichsam herauswachsen zu lassen.«408 Wenn aus marxistischer Perspektive Gemeinsamkeiten von Goe the und Hegel gesucht werden, dann ist es im Prinzip selbstverständlich, dass die Dialektik, das dialektische Denken im Mittelpunkt steht. Mayer widersprach der Einschätzung von Lukács, dass Goe the bestimmte dialektische Einsichten Hegels nicht nachvollziehen konnte. Aus dem vorletzten Absatz von Lukács Der junge Hegel hatte er die entsprechenden Stellen angeführt. Es bietet sich an, diese Passage hier wiederzugeben, da sie einerseits noch einmal den Blick von Lukács auf die Beziehungen zwischen Goe the und Hegel verdeutlicht, andererseits die von Mayer angesprochenen Differenzen so verständlicher werden. »Goe the und Hegel leben am Anfang der letzten tragischen großen Periode der bürgerlichen Entwicklung. Für beide eröffnen sich schon die unauflösbaren Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft, das Auseinandergerissenwerden von Individuum und Gattung durch diese Entwicklung.«409 Die sich daran anschließende These von Lukács mit Blick auf die historische Verortung von Goe the und Hegel kennen wir bereits: Widersprüche und Probleme dieser Zeit hätten sie genauso erkannt wie die Chancen und Potenziale.410 »Wilhelm Meister und Faust sind in dieser Hinsicht ebenso unvergängliche Dokumente der Menschheitsentwicklung wie die Phänomenologie, die Logik und die Enzyklopädie.« Es schließt sich dann die Stelle an, die Hans Mayer zitierte: »Selbstverständlich darf über diese tiefe Verwandtschaft ihrer letzten Grundtendenzen ihre gedankliche Scheidung nicht völlig 408 Mayer: Goe the und Hegel, S. 52. 409 Lukács: Der junge Hegel, S. 645. 410 »Ihre Größe besteht einerseits darin, dass sie diesen Widersprüchen unerschrocken ins Gesicht sehen und dem Versuch machen, für diese Widersprüche den höchsten, dichterischen oder philosophischen Ausdruck zu finden. Andererseits leben sie am Anfang dieser Periode, so dass es beiden – wenn auch nicht ohne Künstlichkeiten und Widersprüche – noch möglich ist, umfassende und doch tiefe und wahre Bestimmungen enthaltende synthetische Bilder über die Gattungserfahrung der Menschheit, über die Entwicklung des menschlichen Gattungsbewusstsein zu schaffen.« (Ebd., S. 645.) 191 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer außer acht gelassen werden: Goe the hat sich viel stärker an der Natur orientiert als Hegel, stand Zeit seines Lebens dem Materialismus sehr nahe, andererseits aber hatte er für sehr wichtige dialektische Entdeckungen Hegels keinen Sinn mehr.«411 Eine Geschichte der Periode der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus und der entsprechenden literarischen Strömungen der Zeit müsse die Unterschiede zwischen Goe the und Hegel ausführlich berücksichtigen und analysieren. Grundlegend aber sei, daran ließ Lukács keinen Zweifel, die beiden gemeinsame Einsicht in die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft: Jener Gedanke an das Wesen der Arbeit, den dann Marx so fulminant entwickelt habe. (Von dieser Überlegung nimmt übrigens auch Blochs Vermessung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Goe the und Hegel in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie 1963 ihren Ausgang. Wir kommen darauf zurück.)412 Noch einmal kann Lukács zu Wort kommen: »Wir brauchen hier nicht die komplizierte Dialektik jener Ursachen und Folgen detailliert zu untersuchen, die die Auseinandersetzung Goe thes mit den Problemen der kapitalistischen Gesellschaft teils realistischer, teils weiter in die Zukunft schauend, teils aber weniger dialektisch, weniger widerspruchsvoll gemacht haben als die von Hegel. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis, dass der Ausgang von der menschlichen Arbeit als Selbsterzeugungsprozess des Menschen der gemeinsame Grundgedanke Goe thes und Hegels gewesen ist.«413 Und so lautet der letzte Satz des Jungen Hegels, charakteristisch und paradigmatisch zugleich: »Es wäre lächerlich und pedantisch, zwischen den großen Werken Goe thes und der Philosophie Hegels mechanische und in Einzelheiten gehende Parallelen zu ziehen. (Genau das macht ja ein Stück weit Bloch im Faustmotiv.) Aber der Weg, auf dem Goe the seinen Wilhelm Meister oder Faust findet, ist in einem großen historischen Sinne derselbe Weg, den der Geist in der Hegelschen Phänomenologie durchläuft.«414 411 Lukács: Der junge Hegel, S. 645. 412 Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosophie, S. 54ff. 413 Lukács: Der junge Hegel, S. 645f. 414 Ebd., S. 646. In der Fußnote zu diesem letzten Satz verwies Lukács auf sein Goethe und seine Zeit und bildete auf diese Weise einen Entwicklungsprozess ab, der von den Jahren des Exils bis hinein in die Wirklichkeit der fünfziger Jahre reicht. 192 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Zurück zu Hans Mayer: Als Schriftsteller, so führte dieser in der Debatte mit den gerade wiedergegebenen Lukács-Passagen aus, habe Goe the die Möglichkeiten des künstlerischen Schaffens in Form einer dialektischen Triade aufgefasst. »Die dialektischen Triaden Hegels haben den Begriff, den Logos als Ausgangspunkt. Die Natur erscheint bei ihm erst in der Antithese als ‚Entäußerung‘ des Begriffs. Bei Goe the dagegen steht auch hier wieder das Dasein der Natur, das Objektive an sich am Beginn der dialektischen Entwicklung. Darum gibt es für Goe the auch nicht die Dreiheit von subjektivem, objektivem und absolutem Geist. Denn dieses dialektische Schema ist nur auf der Grundlage des Idealismus möglich, die nicht eine solche Goe thes ist.«415 Mayer illustrierte dies an einem Beispiel: Goe the habe die Metamorphose der Pflanzen als einen dialektischen Prozess aufgefasst. Darüber hinaus habe er als Grundlage dieses dialektischen Prozesses ewige Gesetze der Natur angenommen und nicht reine bewusstlose Wandlungen. Hegel hingegen habe, vor allem in seiner Geschichte der Philosophie, den Keim, also den Ursprung als »Ansicht der Verwirklichung« aufgefasst.416 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Auffassungen von Goe the und Hegel lassen sich dieser Art erkennen: »Auch bei Hegel der dialektische Gesamtprozess im Verhältnis von Pflanze, Tier und Mensch. Aber als Ausgangspunkt ist bei Hegel das Bewusstsein, die Einsicht, die bloße Erkenntnis gesetzt. Auch Goe thes Metamorphosen sind dialektisch gefasst; allein als Ausgangspunkt steht entschieden die Objektivität der Natur. Und der Prozess ist bei ihm immer wieder ein solcher menschlicher Tätigkeit. Des Menschen Verhältnis zu Pflanze und Tier ist nicht bloß ein solches der Einsicht, sondern des Wirkens. (…) Auch hier also möchten wir meinen (gegen Lukács’ These aus dem Jungen Hegel, AH), dass Goe the nicht bloß dem Materialismus näher steht als Hegel, sondern dass er auch die Dialektik in diese Deutung nach Tat und Wahrheit einbezogen hat.«417 415 Mayer: Goe the und Hegel, S. 54. 416 Vgl. Ebd., S. 55. 417 Ebd., S. 56. 193 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Das Verhältnis von Goe the und Hegel zur Geschichte zeige allerdings ein Stück weit das Gegenteil des gerade Gesagten, denn auf diesem Gebiet habe Hegel auf idealistischer Grundlage die Dialektik weiter geführt als Goe the. »Und wenn Goe the die Gesetze der Natur in der Form der Wechselwirkung aus Erkenntnis und Praxis versteht, so ist er, allerdings wohl skeptisch gemacht durch die idealistischen Geschichtskonstruktionen Hegels und seiner Schüler, auf dem Gebiet der menschlichen sozialen Praxis darin viel zurückhaltender.«418 Als Naturwissenschaftler sei Goe the weitaus tiefer und deutlicher zur Dialektik vorgestoßen als in seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen. In Konsequenz müsste man also formulieren, dass mit Blick auf die Dialektik gerade nicht von einer Einheit des Werkes Goe thes gesprochen werden kann. Doch so weit wollte Mayer nicht gehen. Seine These – oder Ausrede, je nachdem, wie man will  – ist eines Germanisten würdig (und scheidet diesen akkurat vom Philosophen): »Der Dichter Goe the nämlich besaß noch eine andere, vielleicht tiefere Einsicht in die geschichtlichen Zusammenhänge als der Historiker Goe the. Abermals wäre dabei zu zeigen, dass Goe thes starkes Verhältnis zur Realität der Außenwelt ihn auch über Hegel hinauszuführen vermochte.«419 Gerade im Faust werde deutlich, dass Goe the dem Menschen die Fähigkeit zugestehe, sein Leben selbst zu gestalten, durch Tragödien hindurch zu erstarken, sich selbst zu verwirklichen. Gott habe in dieser Konzeption nur noch die Funktion, den ersten Anstoß zu geben, »der sich schließlich gegen ihn selbst wendet. Man könnte meinen, dass auch Hegels Vorstellung von der ‚List der Idee‘ einen ähnlichen Vorgang beschreibt: Ein Wirken, das sich durchsetzt im Widerspruch zu dem, was gewollt wurde. Und doch zeigt sich gerade hier der tiefste Gegensatz zwischen Goe the und Hegel. Die List des Weltgeistes nämlich verwandelt nicht den verneinenden Geist in einen solchen, der schließlich Tätigkeit erzeugt und Gutes schafft. Der Prozess der Weltgeschichte triumphiert für Hegel über alle Tätigkeit des Menschen, um sich siegreich ihm gegen- über durchzusetzen. Hier bleibt Hegel Determinist, während Goe the den 418 Mayer: Goe the und Hegel, S. 56. 419 Ebd. 194 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Ausblick findet zur menschlichen Praxis.«420 Auch wenn sich Mayer im Anschluss an diese These erneut direkt auf Lukács bezog, so hatte er doch einen (in Teilen zu diskutierenden) Gegenentwurf zu den Überlegungen von Lukács und auch zu denen von Bloch vorgelegt. Von daher überrascht es nicht, dass Mayer aus seinen Überlegungen Konsequenzen ziehen musste, die Goe the eindeutig vor Hegel setzen. »Versteht man dies aber recht, so wird auch begreiflich, warum die Weltgeschichte als eine Geschichte des Bewusstseins, eigentlich gar der Philosophie, bei Hegel schließlich in der Beharrung enden musste. Im abgeschlossenen System, das abgeschlossen war im gesellschaftlichen Rahmen des preußischen Staates als der nun zur Wirklichkeit gewordenen angeblich sittlichen Idee, und das abgeschlossen war im System des Philosophen Hegel.«421 In dem Aufsatz Goe thes Erbschaft in der deutschen Literatur hatte Mayer 1948 geschrieben: »Allein Hegel hatte in seinen letzten Jahren nahezu verzweifelt den Ausgleich zwischen geistiger Einheit (auch religiöser Einheit), bürgerlicher Gesellschaft und preußischer Staatlichkeit angestrebt. Er war darüber gestorben – als ein Scheiternder. Die Abrundung seines Systems war bloß scheinbar. Alle von ihm gestellten und scheinbar beantworteten Fragen standen von neuem in den nun anhebenden Auseinandersetzungen zwischen den konservativen Anhängern des preußischen ‚vernünftigen‘ Staates und den Junghegelianern mit ihren Drang nach Ausdehnung und kritischer Überprüfung aller Bestandteile des geistigen und sozialen Lebens.«422 Dort dann weiter, ergänzend, spitzte Mayer zu, dass auch Goe the gescheitert sei: »Das klassische Persönlichkeitsideal des Weimarer Humanismus (…) war zerbröckelt. Goe the hatte im Schluss des Faust, vor allem in den Wanderjahren, ein neues Gesellschaftsbild entworfen, das nur wenig Gemeinsames mehr hatte mit dem Individualitätsprinzip der Lehrjahre, mit der Humanitas Herders wie auch 420 Mayer: Goe the und Hegel, S. 58. 421 Ebd., S. 59. Und weiter heißt es: »Erst die Zerbrechung der Form, die Freisetzung der dialektischen Methode durch Marx und Engels, konnte den zukunftsweisenden Erkenntnissen Hegels wieder die Freiheit zurückgeben. Vor Goe thes Weltbild ist ein solches Zerbrechen der Form, solche schöpferische Aufhebung in weit geringerem Maße nötig.« (Ebd., S. 59) 422 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen Literatur, S. 17f. 195 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Schillers und mit der individuellen Pädagogik aus liberalem Geist. Abermals war ein Abschied und ein Neubeginn notwendig geworden.«423 Letztlich reduzierte Mayer in Goe the und Hegel (und auch in anderen Aufsätzen) den Vollender der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus auf den »preußischen Staatsphilosophen«. Das muss deswegen erwähnt werden, da die Hegel-Debatte ihre Schatten ja bereits vorauswarf. So konnte die ostdeutsche Intelligenz in der Einheit seit Februar 1947 bereits den (schon erwähnten) Artikel von A. Demal lesen, in dem Hegel als vermeintlicher Vorläufer des Faschismus kritisiert wurde. Hegels Anschauungen konnten, so Demal, »in großem Maße durch die Ideologen der deutschen Reaktion des Imperialismus und des Nazismus ausgenutzt werden« und wurden auch ausgenutzt – und zwar, das ist entscheidend, ohne Momente der Verfälschung.424 Viele hatten diese Position, wenn sie sich in dieser Zeit über Hegel äußerten, bereits klar vor Augen und versuchten das Erbe Hegels zu retten, ihn aus diesem Verdacht zu befreien. Kurze Zeit später kam dann Shdanows Gerede vom »aristokratischen Reaktionär« Hegel – mit Bezug auf Stalins Autorität und unter sofortiger Verbreitung durch die »philosophischen« Helfer des Dogmatismus in der SU und der SBZ/DDR. Gegen diese These standen die modernen marxistischen Hegel-Interpretationen von Lukács, Bloch, Cornu, Harich und anderen. Mayer nun hatte nicht den Dialektiker Hegel, den Vorläufer von Marx und Engels mit Goe the verglichen, sondern den reaktionären preußischen Staatsphilosophen. Dass seine Argumente, ungewollt, dies sei (vermutender Weise) zugestanden, nur kurze Zeit später gegen seinen Verbündeten im Kampf für einen offenen und modernen Marxismus geltend gemacht wurden, scheint ihm rückblickend klar geworden zu sein – vielleicht ist genau darin einer der Gründe zu suchen, warum er seine 423 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen L iteratur, S. 18. Dort dann weiter: »Goe the war in Weimar Beamter und Politiker, und als solcher gescheitert. Der Versuch, ‚die Ideen der Aufklärung im politischen und sozialen Leben des Miniaturstaates zu verwirklichen‘ (Lukács) war missglückt. Die Freiheitskriege, anschließend die deutsche Restauration, hatten in der neuen Wirklichkeit eine Widerlegung der humanistischen Klassik dargestellt. Der spätere Goe the wird nun sozialer Denker und Erzieher.« (Ebd.) 424 Demal: Wurzeln der nazistischen Ideologie in der Philosophie Hegels, S. 172. 196 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Goe the-Studien aus den Jahren der SBZ und der jungen DDR bis auf eine Ausnahme dem Vergessen anheim gegeben wollte. Alter (oben) und neuer 20-Mark-Schein der DDR Teil 2: Umbrüche Briefmarkensatz der DDR, 1982 199 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Marx und Engels gehören zusammen, Goe the und Schiller ebenso. Man kann die Namen nur schwer trennen, der eine ist ohne den anderen kaum zu verstehen, zu haben schon gar nicht. Von daher sei es erlaubt, hier einmal eine Ausfahrt zu nehmen, vom Thema abzubiegen – auf Friedrich Schiller zu blicken. Dessen Jubiläen wurden 1955 und 1959 (der 200. Geburtstag) begangen, das erste Datum, der 150. Todestag, ist hier für uns interessant. Vor allem, da seit den Goe the-Feiern sechs Jahre vergangen waren, die damals beschworenen Ideale, Wünsche und Hoffnungen also genug Zeit hatten, sich in der Realität niederzuschlagen – was sie nicht taten, ganz im Gegenteil. Insgesamt vier Zwischenstücke werden im Fortgang dieser Analyse nun geliefert: Das zu Schiller, danach eines zu Harichs Heine-Bild und schließlich folgt ein Schritt in die Geschichte, in die Ereignisse des Jahres 1956. Zudem wird das Verhältnis von Harich und Mayer kurz beleuchtet, da Mayers Opportunismus exemplarisch ist für den Untergang der DDR. Anschließend können wir dann schauen und, hoffentlich, überblicken, wie sich die Goe the-Sicht unserer Protagonisten weiterentwickelte, veränderte, sich dennoch treu blieb (oder auch nicht). Die bereits bei der Rekonstruktion des Goe the-Bildes der DDR erwähnten und analysierten Theoretiker, Lukács, Harich, Mayer, Bloch (und Becher, als Minister), äußerten sich auch alle zu Schiller, so dass es möglich ist, jeden in der Folge kurz zu Wort kommen zu lassen, um zu sehen, wie sie Schiller beurteilten und einschätzten, welches Erbe sie ausmachten, welche Chancen und Potenziale sie sahen. Wie schon im 200 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Fall Goe the bietet es sich an, mit den Ausführungen von Georg Lukács zu beginnen, der in der Mitte der dreißiger Jahre ein modernes marxistisches Bild der deutschen Literatur zwischen 1750 und 1850 entwarf – immer bei gleichzeitiger Mit-Betrachtung, Mit-Analyse der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus (am deutlichsten in den Aufsätzen Hölderlins Hyperion und Schillers Theorie der modernen Literatur).425 Lukács’ Beschäftigung mit Schiller fand im engen Zusammenhang mit seinen Goe the-Studien statt. Folgende Texte sind, chronologisch geordnet, für diese marxistische Frühphase (nach Geschichte und Klassenbewusstsein) von Relevanz. Eine Gruppe, die Lukács dadurch gebildet sah, dass er in den einzelnen Beiträgen versucht habe, die ästhetischen Bemerkungen von Marx und Engels zu sammeln, anzuwenden und zu konkretisieren:426 Franz Mehring, 1933; Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, 1934; Hölderlins Hyperion, 1934; Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer, 1934; Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ä sthetik, 1934; Zur Ästhetik Schillers, 1935; Schillers Theorie der modernen Literatur, 1935; Die Leiden des jungen Werther, 1936; Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1936; Faust-Studien, 1940.427 Schon diese rein quantitative Aufzählung verdeutlicht, dass Lukács’ Erkenntnisinteresse äußerst weit gespannt war, von Mehring bis Nietzsche, von der Bestimmung der Ästhetik bis zur Vermessung der idealistischen Philosophie. Es ist hier schlichtweg nicht möglich, diese frühen Ansätze einer systematischen Ästhetik des Marxismus gebührend abzu- 425 Lukács: Hölderlins Hyperion, S. 171-199. Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 118-170. 426 Siehe: Lukács: Vorwort zu den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik, S. 5. »Mit dieser Bestrebung hängen meine aus dieser Zeit stammenden Versuche zusammen, den dialektischen Zusammenhang der fortschrittlichen und reaktionären Tendenzen der deutschen idealistischen Ästhetik aufzuzeigen (Schiller); das Zurückprallen und Reaktionärwerden der ästhetischen Entwicklung im Zusammenhang mit der Revolution von 1848 klarzumachen (Vischer); die ideologische Krise, die Verdunkelung der Lehren des Marxismus im Zeitalter der II. Internationale im Zusammenhang mit der Tätigkeit eines Revolutionärs und bedeutenden Schriftstellers vom Range Mehrings aufzuweisen; und endlich: Den Vorläufer der dunkelsten Reaktion, des Faschismus, Nietzsche, auch auf dem Gebiete der Ästhetik zu entlarven.« (Ebd., S. 5) 427 Alle weiteren Hinweise im Literaturverzeichnis. 201 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 handeln. Vielmehr geht es darum, in Ergänzung der Ausführungen zu den Faust-Studien das Schiller-Bild von Lukács mit einigen knappen Strichen zu skizzieren. Wie für ihn üblich begann Lukács in dem Aufsatz Schillers Theorie der modernen Literatur mit einer Analyse und Schilderung der damaligen bürgerlichen Gesellschaft, um den Hintergrund von Schillers Wirken zu kennzeichnen. Dabei thematisierte er vor allem den »Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung«.428 Da dieser die Einsicht in die bewegenden Kräfte der gesellschaftlichen Gegenwart permanent schwerer mache, sei die bürgerliche Literatur nur noch durch Idealisierung in der Lage, positive Helden zu schaffen. Die Schranken Schillers, seine Begrenztheiten und Missverständnisse, würden aus den »tragischen Widersprüchen des bürgerlichen Humanismus entspringen«.429 Ganz pragmatisch formuliert: »Der Dualismus von Ideal und Wirklichkeit ist auf dem Boden der bürgerlichen Ideologie nicht zu überwinden.«430 Zusammen mit der spezifisch deutschen Situation (deren Sichtweise durch Lukács wir bereits wiedergegeben haben), ergebe sich, dass, von einigen Ausnahmen abgesehen (Georg Forster, Hölderlin), die bürgerliche Klasse in Deutschland die Französische Revolution ablehnen musste. Und dies wiederum 428 Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 125. 429 Ebd., S. 133. 430 Ebd., S. 150. Friedrich Schiller, Stahlstich von Johann Leonhard Raab, 1865 202 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche habe das Scheitern der dichterischen Versuche der Gestaltung der eigenen Gegenwart zur Folge.431 Wie schon bei Goe the vermag der Vergleich mit Hegel Einsicht zu erbringen: »Die Entwicklung des jungen Hegel zeigt am klarsten, wie sehr im damaligen Deutschland die beiden Komplexe, einerseits die Bejahung der Französischen Revolution und das Kulturprogramm der Erneuerung der Antike und andererseits die themidorianische Abkehr von den revolutionären Methoden und die Auffassung der Antike als einer endgültig vergangenen Epoche, aufs Engste miteinander zusammenhängen. Es ist sehr bezeichnend, dass beim jungen Hegel die eingehende Beschäftigung mit der klassischen englischen Ökonomie im Mittelpunkt jener Krisenperiode steht, die diese politische Wendung in der Beurteilung des Griechentums zu Stande bringt. Bei Schiller fehlt diese ökonomische Einsicht Hegels; er formuliert seine geschichtsphilosophischen Probleme immer rein ideologisch, wenn auch unter dieser ideologischen Hülle oft eine nicht unbeträchtliche Höhe von Geschichtserkenntnis verborgen ist.«432 Doch nicht die Kontrastierung von Schiller und Hegel war Lukács’ Ziel. Ganz im Gegenteil. Gerade für das Gebiet der Ästhetik machte er Schiller als Vorläufer von Hegel aus.433 Der Durchbruch zum objekti- 431 »Es gab immer wieder einzelne, die diese Ablehnung nicht mitgemacht, die dieses Zurückschrecken vor den letzten Konsequenzen der bürgerlichen Revolution individuell überwunden haben (…). Ausschlaggebend ist vielmehr, dass in dieser Periode der große Weg der bürgerlichen Klasse der einer solchen Ablehnung der plebejischen Weiterführung der bürgerlichen Revolution sein musste: Der Weg der Goe the, Hegel und Balzac (…). Schiller hat seine Entscheidung gegen die plebejischen Tendenzen getroffen. Darum war es notwendig, dass er das inhaltlich-geschichtliche Problem der Ungünstigkeit des modernen bürgerlichen Lebens als Gegenstand einer großzügigen und darum notwendigen öffentlichen dramatischen Gestaltung nicht lösen konnte.« Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 134. 432 Ebd., S. 136. Vor allem Harich hat diese Analyse des jungen Hegel, des ökonomisch denkenden Hegel mehrfach als wichtige wissenschaftliche Leistung von Lukács herausgestellt, siehe vor allem die Hegel-Vorlesung sowie das Gutachten Harichs zu Lukàcs’ Jungem Hegel: Beide abgedruckt in dem Band: Harich: An der ideologischen Front, die Vorlesung S. 437-713, das Gutachten S. 170-174. 433 »Schiller ist darin der Vorläufer Hegels in der Ästhetik, dass seinen ästhetischen Kategorien die Ahnung wichtiger gesellschaftlicher Bestimmungen des bürgerlichen Lebens zu Grunde liegt. Darin, dass er diese gesellschaftlichen Bestimmun- 203 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 ven Idealismus sei Schiller jedoch immer versperrt gewesen, da es ihm nicht gelungen wäre, sich von Kant zu lösen. (Diese These wurde eine der Grundlagen des modernen marxistischen Schiller-Bildes der fünfziger Jahre.) Aber selbst diese Elemente der Stagnation, und nichts anderes war nach Lukács das Festhalten an Kant nach dem Auftauchen von Fichte und Schelling, wirkten auf Hegel ein bzw. nahmen diesen vorweg (nach Lukács: »sehr oft Hegel vorwegnehmend«)434. Es gebe eine »methodologische Verwandtschaft Schillers mit der genialen und verwirrenden Doppeldeutigkeit der Phänomenologie des Geistes«,435 die sich darin offenbare, dass es Schiller gelinge, zur Problematik der Literatur im Kapitalismus vorzustoßen. Ahnung, mehr aber auch nicht! Schiller habe an der Schwelle stehen bleiben müssen, zur real vorhandenen Einheit der Widersprüche konnte er nicht vordringen: »Diese Schranke der Schillerschen Methodologie hängt aufs Allerengste mit seinem unüberwundenem Kantianismus zusammen.«436 Schillers Denken als Vorstufe zur Philosophie Hegels. Der Chronologie nach Leben und Tod entspricht, das ist der mehr als nur künstlich konstruierende Lukács, der historische Ablauf in finalistischer Perspektive: »Es ist klar, dass die bürgerliche Gesellschaft in Hegels Ästhetik in einer viel entfalteteren Form erscheint, dass in Bezug auf ihre Entwicklungsperspektiven schon die Illusionen der heroischen Periode als endgültig vergangen betrachtet werden müssen. Selbstverständlich spielen bei der relativen Illusionslosigkeit Hegels in dieser Hinsicht auch noch andere Motive eine Rolle. So sein ausgebildeter objektiver Idealismus, seine tiefere Einsicht in die ökonomische Struktur der kapitalistischen gen und ihren ästhetischen Widerschein vorbehaltslos als Tatsachen akzeptiert und auf der Basis ihrer Erforschung die spezifischen Grundzüge der modernen Literatur herausarbeitet. Und schließlich darin, dass er sich nicht mit einer blo- ßen Feststellung der Struktur und Eigenart der bürgerlichen Kunst zufrieden gibt, sondern nach einem allgemeinen Maßstab für die Kunst strebt, mit Hilfe dessen ihre bürgerliche Entwicklungsetappe nicht nur in ihrer Eigenart erkannt, sondern zugleich ihrem Wert nach beurteilt werden kann.« Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 152. 434 Ebd., S. 166. 435 Ebd., S. 156. 436 Ebd., S. 160. 204 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Gesellschaft usw. Aber dieser Fortschritt der Erkenntnis ist auch nicht bloß ein persönliches Vorwärtsschreiten Hegels im Vergleich mit Schiller, sondern vor allem der gedankliche Widerschein der objektiven Weiterentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft selbst.«437 In dem Aufsatz Zur Ästhetik Schillers hat Lukács dieses Gedankenkonstrukt noch präziser umrissen, dort ging es ihm um die Frage, wo Schillers Überlegungen einzuordnen sind in dem »Entwicklungsweg von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Phänomenologie des Geistes«.438 (Das ist ja der Entwicklungsweg der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus.) Lukács führte aus, dass sich Schiller bewusst gewesen sei über den praktischen und aktuellen Charakter der Erörterung geschichtlicher Probleme. Daraus resultiere die seinen Werken inhärente Progressivität, die schließlich zu Hegel führte. Schiller gelange »zuweilen ganz in die Nähe jener dialektischen Konzeption der Geschichte, die Hegel später mit dem idealistischen Terminus ‚List der Vernunft‘ bezeichnet hat«.439 Maßgeblich dafür sei vor allem seine ästhetische Konzeption: »Aber wenn Schiller die Ästhetik ins Zentrum rückt, so hat das auch eine (…) Seite, die für die Entwicklung der klassischen deutschen Philosophie in positivem Sinne außerordentlich folgenschwer geworden ist. Schiller ist einerseits ein Kantianer, der die Grundlinien der Kantschen Erkenntnistheorie, das unerkennbare Ding an sich, niemals einer Kritik unterworfen hat. Er ist aber andererseits – wie dies Hegel wiederholt hervorhebt – der erste, der den Weg zum objektiven Idealismus eingeschlagen hat.«440 Schiller könne und dürfe nicht nur als Kantianer betrachtet werden, er habe vielmehr dazu beigetragen, den objektiven Idealismus vorzubereiten. (Ebenso wie Kant nicht nur Sackgasse, sondern auch Wegbereiter, Vorbereiter sei. Nicht nur Kompromiss, auch radikaler Bruch mit dem 437 Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 168. 438 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 94. 439 Ebd., S. 95f. 440 Ebd., S. 17. Und weiter heißt es: »Dass die Ästhetik ein solcher Weg zum objektiven Idealismus gewesen ist, ist aus der Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, aus der Rolle der Ästhetik in dem Aufbau des objektiven Idealismus Schellings in dessen Jenenser Periode hinlänglich bekannt. Es ist auch bekannt, dass der Ausgangspunkt dieser Entwicklung die Kritik der Urteilskraft Kants gewesen ist.« (Ebd.) 205 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Vergangenen.)441 Das vor allem repräsentiere das Progressive bei ihm. Und es ist laut Lukács so stark, wichtig, zentral, dass es alle rückschrittlichen Elemente interpretativ überlagern müsse, also zentral zu fokussieren sei. Schiller »erweist sich als wichtiger Mitkämpfer jener Richtung in Philosophie und Literatur, die nach der Französischen Revolution, gestützt auf ihre Erfahrungen, den Fortschritt des Menschengeschlechts mit der Methode des Historismus verteidigte, also nicht mehr bloß auf der Grundlage des Gegensatzes von Vernunft und Unvernunft, wie die Aufklärung. Die Gegenwart als Produkt und Weiterbeweger der geschichtlichen Bewegung ist naturgemäß auch für die Kunstauffassung Motiv der Umwälzung. Jene Dialektik des Absoluten und Relativen, des Fortschritts, der künstlerischen Produktion und des Bewahrtbleibens der ästhetischen Werte steht im Mittelpunkt der Schillerschen Bestrebungen, die Kunst seiner Gegenwart gleichzeitig historisch und ästhetisch richtig zu erfassen.«442 Der dritte Aufsatz von Lukács, der hier abschließend kurz rekapituliert werden soll, beschäftigt sich mit dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the (dieser umfasst den Zeitraum 1794-1805, also aus marxistischer Perspektive die hochinteressante Zeit der Verarbeitung der Erfahrungen der Französischen Revolution) und ist 1934 entstanden. Hans Mayer stellte knapp vierzig Jahre später fest – nach der kurzen Darstellung der kritischen Stimmen zum Briefwechsel, von Grabbe bis Nietzsche: »Es ist nur scheinbar paradox, dass die marxistische Literaturwissenschaft, von Franz Mehring bis Georg Lukács, mit Begeisterung und Scharfsinn bemüht war, den ästhetischen Gehalt des Briefwechsels zu erschließen, um ihn gar in den Rang einer ästhetischen Normativität zu erheben.«443 In der Tat sah Lukács in dem Briefwechsel einen »noch ungehobenen Schatz unseres kritischen und literaturtheoretischen Erbes« (was wieder einmal eine Spitze gegen Mehring ist), der seinerseits kritisch verarbeitet werden 441 Zur Kant-Rezeption in der DDR: Heyer: Kants Philosophie in den ersten J ahren der DDR, S. 359-418. Thom: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, S. 86-120. 442 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 96. 443 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 77f. 206 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche müsse.444 Als »einzigartiges Dokument« sei der Briefwechsel von herausgehobener Bedeutung: »Denn Goe the und Schiller waren nicht nur die bedeutendsten Schriftsteller ihrer Periode, sondern standen auch kunsttheoretisch auf der Höhe einer außerordentlich hohen philosophischen Entwicklung, der Entwicklung der idealistischen Dialektik in Deutschland, der Entwicklung der Philosophie und Kunsttheorie von Kant bis Hegel. Die theoretischen Werke Goe thes und Schillers bilden eine der wichtigsten Etappen auf dem Entwicklungsweg der deutschen Philosophie und Ästhetik von der subjektiv idealistischen Dialektik Kants zu der objektiv idealistischen Dialektik Hegels.«445 Es schließen sich dann die für Lukács typischen Ausführungen zur politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Situation Deutschlands um 1800 an. Wichtig ist, dass Lukács exakt herauszuarbeiten versuchte, dass vor allem die Positionierung zur Französischen Revolution die Grundlage des gemeinsamen Arbeitens von Goe the und Schiller war. Die Ablehnung der Revolution und der revolutionären Methode bilde »die gesellschaftlich-ideologische Grundlage für den deutschen ‚Klassizismus‘«.446 Und dennoch, auch in der Ablehnung der Revolution, in dem Bekenntnis zur bürgerlichen Welt der vorrevolutionären Zeit wären grundlegende Differenzen zwischen Goe the und Schiller gut zu erkennen, die ihrer, dies meinte Lukács durchaus programmatisch, »Freundschaft von Anfang an bestimmte Grenzen« setzten (diese Differenzen seien »auf allen Gebieten und ständig vorhanden« gewesen und hätten sich »im Lauf der Zeit immer mehr« vertieft):447 »Goe the steht von Anfang an auf einem aufklärerisch-humanistischen, im wesentlichen evolutionären Standpunkt. Sein Realismus verhilft ihm dazu, diese Gesamtanschauung durch die Periode der Französischen Revolution hindurch zu bewahren und den neuen Ver- 444 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 68f. 445 Ebd., S. 70. 446 Ebd., S. 75. »Wir können also zusammenfassend sagen, dass die gesellschaftlich-politische Zusammengehörigkeit den Rahmen der gemeinsamen Wirksamkeit Goe thes und Schillers bestimmt. Im Zentrum dieser Zusammenarbeit steht das Trachten nach Schaffung einer bürgerlich-klassischen Kunst. Die Versuche, die großen theoretischen Probleme der Kunst zu klären, stehen ausnahmslos im Dienst dieser dichterisch-praktischen Frage.« (Ebd., S. 80.) 447 Ebd., S. 75f. 207 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 hältnissen ideologisch anzupassen. Schiller ist ein kleinbürgerlich-idealistischer Revolutionär, dessen revolutionärer Humanismus, dessen ideologischer Ansturm gegen das feudal-absolutistische Deutschland schon vor der Französischen Revolution zum Scheitern kommt.«448 Im Folgenden können einige knapp gehaltene Stichpunkte die Thesen von Lukács zur Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit (teilweise aber auch zu den trennenden Motiven) von Goe the und Schiller weiter verdeutlichen:449 • Beide arbeiteten für eine bürgerlich-klassische Kunst. (S. 82) • Im Vordergrund habe dabei das Problem der Form gestanden. (S. 82) • Sie erkannten die negativen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Entwicklung der Kunst. (S. 84) Vor allem mit Blick auf die Arbeitsteilung. (S. 82f.) • Das Leitbild der Antike sei nicht prinzipiell unerreichbar, es könnte verwirklicht werden. (S. 92) • Damit werde die idealistische Seite ihres Denkens erkennbar. Es sei ihnen nicht möglich, »das Problem der künstlerischen Form als ein (…) Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung aufzufassen«. (S. 92) • »Sie verirren sich in den idealistischen Utopismus, in die Illusion, Krankheiten, die aus dem gesellschaftlichen Sein entspringen, durch Heilung des künstlerischen Bewusstseins aus der Welt schaffen zu können, in die Illusion, die Problematik der modernen Kunst von der Formseite aus überwinden zu können.« (S. 92) • Beide hätten das »große zentrale Problem« der Kunst des 19. Jahrhunderts erkannt: »Die Frage der künstlerischen Überwindung der Hässlichkeit, des unkünstlerischen Charakters des bürgerlichen Lebens«. (S. 98) • Ihr Grundproblem sei die Darstellung der wirklichen Widersprüche des modernen Lebens gewesen. (S. 101) Während Goe the Zeit seines Lebens ein bedeutender Realist war, müsse von Schiller als dem »geborenen Tragiker« gesprochen werden, »dessen 448 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 75. 449 Alle Angaben nach: Ebd. Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 208 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Lebenselement der Widerspruch in seiner tragischen Zuspitzung gewesen ist«.450 Daraus resultiere, dass bei ihm, anders als bei Goe the, seine an sich richtigen Fragestellungen nur in echten Verzerrungen gelöst werden konnten. Eine Problematik, die zudem seine Stellung und Verortung in der Philosophie der damaligen Zeit ermöglichte, gleichzeitig auch aus dieser resultierte: »Als philosophischer Idealist, der den Weg vom subjektiven Idealismus zum objektiven gesucht hat, konnte Schiller das Hinausgehen über die kleinliche Reproduktion der unmittelbaren Wirklichkeit anders formulieren, indem er die wesentlichen Bestimmungen des Lebens, die die Kunst gestalten soll, von jedem Zusammenhang mit dem Leben loslöst und als Bestandteile einer Ideenwelt auffasst. Diese allgemeine Verzerrung der Probleme ins Idealistische steigert sich bei Schiller noch dadurch, dass er zwischen einer großartigen objektiven Auffassung der Widersprüche des historischen Lebens und einer moralisierenden Verengung dieser Probleme – philosophisch zwischen einem objektiven Idealismus, der aus ihm einen der wichtigsten Vorläufer Hegels macht, und einer bloßen Nachfolge, Auslegung und Anwendung des Kantischen subjektiven Idealismus – hin und her schwankt. Seine künstlerische Praxis ist somit ein ziemlich genaues Spiegelbild seiner philosophischen Zwischenstellung zwischen Kant und Hegel.«451 Banal formuliert lässt sich also zusammenfassen, wenn wir die bisher dargestellten Ausführungen von Lukács rekapitulieren: Hegel suchte Goe the und fand diesen, Schiller stand zwischen Kant und Hegel und konnte nie das Erbe Kants überwinden, die Verständigung über die Gemeinsamkeiten, auch die unausgesprochenen, die nicht bewussten, ist zwischen Goe the und Hegel eigentlich größer gewesen als zwischen Goe the und Schiller. Diese Betrachtungen abschließend, ein letztes größeres Zitat (es bildet bei Lukács den Schluss seiner Ausführungen): »Goe the und Schiller treten mit voller Bewusstheit das Erbe des ganzen bürgerlichen Aufschwung von der Renaissance bis zur Aufklärung an und bilden diese Erbschaft im Sinne der neuen Probleme des beginnenden 19. Jahrhunderts, der Periode nach der Französischen Revolution um. Sie sind also stets zugleich 450 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 99. 451 Ebd., S. 100f. 209 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Erben und Überwinder der Aufklärung. Selbstverständlich würde eine sehr eingehende Betrachtung ihrer Anschauungen zeigen, dass sie auch in manchen Punkten bei Schwächen und Vorurteilen der im großen Ganzen überwundenen Periode stehen geblieben sind.«452 Es ist nicht so einfach, diesen Sätzen zu folgen. Denn die Aufklärung, das Erbe der Aufklärung, so denkt man doch, führte in die Französische Revolution. In vielfältigen und differenzierten Nuancierungen wurde es dort von eigentlich allen politischen Richtungen bemüht, lebendig gehalten, in praktische Tätigkeit umgesetzt. In der Revolution waren ja eigentlich so ziemlich alle Protagonisten Rousseauisten – wobei Rousseau als Chiffre für die Ideale fungierte, die die jeweilige Person als Erbe der Aufklärung auf Rousseau projizierte. Dass die Ideale der Aufklärung in Weimar überwinterten, dort die bösartige Revolution überlebten, und dann in neu gestalteter Form das 19. Jahrhundert prägten – diese These müsste bewiesen werden, die Schriften von Lukács können das nicht. An diesem Punkt ist eine Debatte mit Lukács notwendig, sie ist aber zu unterscheiden von jener Kritik, die Hans Mayer 1973 an Lukács übte. Denn diesem ging es um seine Sonderstellung, um die eigene Originalität, aber nicht um die Sache. (Im Fortgang des Buches wird noch mehrfach deutlich werden, dass Mayer spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre versuchte, sich in seinen Publikationen von Lukács zu lösen, dessen Thesen freilich beibehielt und als seine eigenen ausgab. Ab 1956 war er damit im Prinzip sogar auf Parteilinie, wenn man davon absieht, dass die SED den Namen Lukács eigentlich gar nicht mehr nennen oder hören wollte. Wir kommen darauf zurück.) Mayer schrieb: »In seiner Abhandlung von 1934 über den Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the unternimmt Georg Lukács eine differenzierte Bewertung der Partner. Unlieb muss es ihm dabei sein, was er nicht verhindern kann, dass er in die Nachbarschaft Friedrich Nietzsches gerät, denn auch Lukács sieht das Ereignis dieses Gedankenaustauschs und seiner poetischen Resultate im Anteil Goe thes.«453 Wenn dies allerdings der Maßstab sein soll, mit dem wir zu messen haben nach Mayer, dann ist diesem zu attestieren, was er gerade Lukács vorwarf. 452 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 116. 453 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 78. 210 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Denn als er 1955 die Rede Das Ideal und das Leben zum Schiller-Jubiläum hielt, da zitierte er ein paar Zeilen aus dem Gedicht Die Künstler von Schiller, sagte exakt einen Satz zu diesem und widmete sich danach ausführlich Goe the, um anhand von dessen Begriff en die Person Schillers messen zu können.454 Aber Pfeile, die man selber abschießt, treff en einen nicht. Mayer störte sich daran, dass Lukács den »kleinbürgerlich-idealistischen Revolutionär« Schiller dem Realisten Goe the gegenübergestellt hatte. Und dies ist in der Tat eine sehr schwierige Konstruktion von Lukács, die aus dessen Methode, aus der zu sehr einteilenden Sicht auf Literatur und Philosophie resultierte. Mayer formulierte: »Dies sind Gleichungen mit vielen Unbekannten. Evolution und Revolution, Humanismus und Realismus. Zwei theoretische Prämissen verhindern, dass die Gleichung aufgehen kann: Die grundsätzliche Abwertung der national-deutschen Bewegung samt ihrer romantischen Verkleidung innerhalb des Aufklärungsprozesses, und die Fixierung von Lukács auf das sowjetische, von ihm selbst inaugurierte Dogma vom Primat des Realismus.«455 Wichtig ist auch, was Mayer 1973 für die Verortung von Goe the und Schiller innerhalb der klassischen deutschen idealistischen Philosophie kritisch anmerkte. Wie gesehen, hatte Lukács nicht nur in seinen Schiller-Aufsätzen, sondern bis hinein in die fünfziger Jahre in seinen allgemeinen theoretischen Schriften zur deutschen Literatur, den Weimarer Klas- 454 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 9f. 455 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 78f. Sondermarken der DDR zum Schiller-Jahr, 1955 211 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 sizismus deswegen also progressiv eingestuft, da dieser »vorwegnehme«. Also antizipiere, über das Gegebene hinausgehe, demnach auch dort, wo er eigentlich zurückschaue, nach vorn blicke. Dies war ein, wie Mayer mit aller Berechtigung feststellt, misslungener Versuch der Ehrenrettung Goethes und Schillers: »Diese These ist nicht neu: Sie darf als – unberechtigte – Abwandlung von Gedanken Heines interpretiert werden. Der Autor einer Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland konfrontierte die Radikalität der deutschen philosophischen Ideologie, von Kant bis zu Hegel, mit den Etappen der Französischen Revolution und befand: Hegel sei, wie eine künftige Praxis erweisen werde, radikaler als Robespierre. Lukács möchte eben dies auch für den Weimarer Klassizismus in Anspruch nehmen: Womit er freilich in Heine durchaus keinen Alliierten gewinnen kann.«456 Die Gründe für diese Fehleinschätzungen Lukács’ machte Mayer nicht nur in dessen starren Antinomien, ja, dieser Begriff erscheint durchaus angebracht, aus (»guter Realismus und schlechter Formalismus, Fortschritt und Dekadenz, guter Rationalismus und schlechter Mythos«), sondern etwa auch in der Abwertung der Romantik.457 Diese kritische Sicht auf die Romantik war nun ihrerseits ein wichtiger integrativer Bestandteil der marxistischen Philosophie und Literaturbetrachtung in der jungen DDR und gleichzeitig kompatibel mit der offiziellen staatlichen Einschätzung der Kulturgeschichte.458 Doch Mayer hat sich nicht an der einseitigen Verteufelung beteiligt, in den frühen sechziger Jahren unternahm er in Leipzig, es war sein letztes Forschungsfeld vor dem Weggang aus der DDR, eine Neubestimmung des Romantik-Bildes. (Wir kommen darauf später zurück.) Mit seiner Kritik an Lukács traf 456 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 79f. 457 Ebd., S. 80. »Hier rächt sich die Abwertung der Romantik und der deutschen au- ßenpolitischen Emanzipationsbewegung gegen napoleonische Fremdherrschaft. Von Mehring, den Lukács im allgemeinen herunter zu machen liebt, wird die Fehldeutung der Romantischen Schule als einer junkerlichen Regression übernommen, wodurch ein ästhetischer und harmonikaler Klassizismus gestärkt werden kann: Viele Argumente von Lukács gegen Kleist finden sich bereits, und aus ähnlicher Deduktion, bei Friedrich Gundolf.« (Ebd.) 458 Siehe: Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 27-34, dort auch zur Romantik-Debatte in der zweiten Lebenshälfte der DDR-Wissenschaften, S. 229-256. 212 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Mayer durchaus die richtigen Punkte. Aber es gibt ja auch noch die Frage der Motivation (die in den weiteren Ausführungen noch deutlicher werden wird). Und so ist es nur eine Kritik um der Kritik willen, wenn Mayer Lukács beispielsweise vorwirft, dass dieser sich in dem Aufsatz zum Briefwechsel zwischen Schiller und G oe the ausschließlich an den Briefwechsel halte (was noch nicht einmal stimmt) und diesen für bare Münze nehme (was erst recht nicht zutrifft).459 Doch nicht die Kritik an Lukács stand in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre an. Vielmehr war dieser (bis zu den ungarischen Ereignissen von 1956) eine der (die?!) zentralen Instanzen in marxistischer Philosophie und Literatur. Im Herbstsemester 1955 begann Harich an der Berliner Humboldt-Universität erneut mit seinem Zyklus zur Geschichte der klassischen deutschen Philosophie. Im Prinzip lässt sich sagen, dass Harich in der Vorlesung zwei große Themenblöcke bildete: Zum einen die Philosophie Kants, die den ganzen Kant, von den vorkritischen Schriften bis zu den Kritiken, umfasst,460 und zum anderen die Philosophie Hegels, die Gegenstand des zweiten Teils der Vorlesung im folgenden Semester war (es ist die überarbeitete Version seiner skandalträchtigen, ja, die Partei hielt die Positivierung Hegels für einen Skandal, Hegel-Vorlesung).461 Diese Schwerpunktbildung passt gut zu Harichs chronologischer Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, die er immer von 459 »Charakteristischer Weise hält sich der Analytiker ausschließlich an den Briefwechsel, den er absolut setzt, niemals in seiner Aufrichtigkeit anzweifelt, nie auch zu konfrontieren versucht mit den während der Jahre dieser Korrespondenz entstehenden Dichtungen von Goe the und Schiller.« Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 781. 460 Harichs umfangreichen Kant-Studien liegen gedruckt vor. Harich: Widerspruch und Widerstreit. Dort auch Vorträge, Manuskripte und Notizen aus den fünfziger Jahren sowie eine zwei Sitzungen umfassende Vorlesung von 1956 zur klassischen deutschen Philosophie. 461 Siehe hierzu vor allem das Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts der HU vom 16. April 1952, das der Debatte um Harichs Hegel-Vorlesung gewidmet ist. Harich: An der ideologischen Front, S. 160-169. Die Hegel-Vorlesung, S. 437-714. Auf Camilla Warnkes Schilderungen und Interpretationen der Hegel-Vorlesungen Harichs wurde bereits verwiesen. Siehe auch die Wiedergabe ihrer Mitschrift zu: Warnke: Wolfgang Harich über den deutschen Pantheismus, S. 167-198. Davor die Einführung: Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, S. 159-166. 213 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Kants Kritik der reinen Vernunft bis zu Hegels Tod zeitlich ansetzte.462 Andere Werke, Personen, Theorien dieser Epoche wurden von Harich zumeist unter dem Gesichtspunkt analysiert und interpretiert, welche Rolle sie bei der Entwicklung von Kant zu Hegel spielen. Ein ideengeschichtliches Verfahren, das er mit Georg Lukács teilte. Harichs Vorlesung ist hier von Interesse, da er in dieser ein marxistisches Bekenntnis zum klassischen Erbe abgelegt hat, das in der frühen DDR-Philosophie seinesgleichen sucht. Der 13. und abschließende Paragraph (die Behandlung Schellings war Harich zeitlich nicht mehr möglich) beschäftigt sich mit Schiller als Philosoph. Der normale Weg bei der Behandlung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus gehe von Kant über Fichte zu Schelling und dann zu Hegel. Harich spitzte nun pointiert zu, dass Schelling in einem doppelten Bezugsgefüge verstanden werden müsse: Zum einen der deutsche Pantheismus der achtziger Jahre, zum anderen die philosophischen Errungenschaften Schillers. Ausschließlich der philosophische Schiller wurde von Harich behandelt, der sich dabei explizit auf Lukács berief (und zwar auf dessen Aufsätze Schillers 462 In dem § 3: Die klassische deutsche Philosophie in der Vorlesung Die Entstehungsgeschichte des Marxismus trug Harich folgende Aufzählung als Grundlage seiner Ausführungen vor den Studenten vor: »Was versteht man darunter? Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Zeitraum: Von 1781 (Kritik der r einen Vernunft) bis 1830 (Hegels Tod). Keine Voraussetzung der bürgerlichen Revolution. Ökonomische Rückständigkeit (Verlagerung der Handelsstraßen nach der Entdeckung Amerikas). Kein einheitlicher Nationalstaat. Dreißigjähriger Krieg. Wechselseitige Bedingtheit der nationalen Zersplitterung und der ökonomischen Rückständigkeit. Schwäche der Bourgeoisie. Keine Kraft zur Überwindung des territorialen Feudalabsolutismus. Zur Zeit der Französischen Revolution war eine bürgerliche Revolution in Deutschland unmöglich. Die bürgerlichen Reformen wurden von außen aufgezwungen (Napoleon). Resultat der Befreiungskriege: Stärkung der feudalen Reaktion. Erst nach 1815 Entwicklung einer modernen Industrie. Das Fehlen einer bürgerlich-revolutionären Emanzipationsbewegung bedingt, dass keine Voraussetzungen für materialistische und atheistische Philosophie bestehen. Lessing, Kant, Herder, Goe the usw. bis Hegel halten in der einen oder anderen Form an der Religion fest. Kant bis Hegel – idealistische Grundlage. Aber Vorzüge: Entwickelt sich, nachdem die Beschränktheiten des klassischen westeuropäischen Materialismus in Erscheinung getreten sind. Entwickelt sich, nachdem die Resultate der bürgerlichen Revolution offenbar geworden sind.« Harich: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, S. 1128f. 214 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Theorie der moder nen Literatur und Zur Ästhetik Schillers).463 Mit dem Dramatiker Schiller hatte er sich beispielsweise in seinen Anfangsjahren als Journalist bei der Täglichen Rundschau beschäftigt. Schillers Philosophie lasse sich sehr gut im Vergleich mit den Anschauungen Fichtes herausarbeiten. Gemeinsam sei beiden, dass sie von Kant herkommen, »in Kants Theorien die führende progressive Philosophie der Epoche« sehen und »versuchen, Kants Philosophie kritisch weiterzuentwickeln«.464 Der historische Hintergrund werde dabei von der Französischen Revolution geprägt, mit der sie sich auseinandersetzten. Weitaus bedeutsamer als diese Gemeinsamkeiten, die sie ja nicht unbedingt exklusiv hatten, seien allerdings die Unterschiede und Differenzen zwischen ihren Überlegungen. »Fichte ist durch und durch eine unpoetische Natur. Er war ohne Sinn für Fragen der Kunst. Ästhetik kommt in seiner Philosophie oder in seiner späteren Systematisierung seiner Gedanken nur ganz am Rande vor.«465 Schiller hingegen gehe – als bedeutendster deutscher Nationalautor neben Goe the – als Dichter an die philosophischen Probleme seiner Zeit heran. Die Kritik der reinen Vernunft habe auf ihn keinen messbaren Einfluss ausgeübt. »Schiller interessieren von vornherein zunächst und vor allem ästhetische und sodann moralische Fragen. Und zwar beides  – Ästhetik und Moralphilosophie  – in unlösbarer Einheit, derart, dass er im Moralischen das Ästhetische und im Ästhetischen das Moralische sucht. Er sucht im Moralischen das Ästhetische, d. h. (…) ihm geht es darum, den ästhetischen Wert zu untersuchen, der einem Handeln von hinreißender, begeisternder sittlicher Größe innewohnt. Die Helden Schillers vor dessen Berührung mit Kant – etwa Karl Moor oder Fiesco – offenbaren auch Größe, aber Größe im Sinne einer gewaltigen Kraftentfaltung. Die späteren Helden Schillers zeigen dagegen Größe in 463 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1069f.. »Also: Von Schiller nur die Philosophie, von dem Philosophen Schiller nur das, was für den Übergang von Kant zu Schelling und Hegel in Betracht kommt.« (Ebd., S. 1070) 464 Ebd., S. 1070. 465 Ebd., S. 1071. 215 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 einem anderen, neuen Sinne, sittliche Größe, Größe der Selbstüberwindung (…).«466 Auch die Begegnung mit der Philosophie Kants habe bei Schiller nicht dazu geführt, dass dieser eine harte Moralisierung der Kunst unternehmen wollte. Es gehe um die Darstellung des Schönen, um das Erlebnis des Schönen. Schillers Ansatzpunkt sei: »Als Ganzes genommen, ist der Mensch ein nicht nur moralisches Wesen, sondern ein Wesen von moralischer und sinnlicher Natur, und wenn er sich im Kampf mit den niederen Antrieben, die in seinem Verhalten wirksam sind, zur Moralität erheben soll, dann bedarf er dazu einer Hilfe und Stützung durch die ästhetische Bildung, eine Bildung, die nicht nur moralisch an ihn appelliert, sondern die den ganzen Menschen ergreift und zum Besseren umgestaltet. In diesem Sinne sucht Schiller im Ästhetischen das letzten Endes Moralische.«467 Diesem Anliegen war das Bündnis mit Goe the verpflichtet, die gemeinsame Gedankenarbeit, die Frage nach der Erneuerung der Antike – alles im Bannkreis des deutschen Pantheismus der achtziger Jahre. Auch auf die aus marxistischer Perspektive wichtigste Frage, auf die Stellung zur Französischen Revolution, ging Harich ein. Schiller habe zu den Wegbereitern der Revolution gehört, vor allem mit den Räubern, Fiesco, Kabale und Liebe und Don Carlos. Aber bereits der Gironde habe er »ablehnend gegenübergestanden, und die Jakobiner gar, der jakobinische ‚terreur‘ erfüllen ihn vollends mit Schauder und Entsetzen. Schiller schreibt 1793 nicht eine Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution (wie Fichte), sondern, im Gegenteil, Schillers Parole lautet: Wo sich die Völker selbst befreien, da kann die Wohlfahrt nicht 466 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen P hilosophie, S. 1071. Bei Bloch war zu lesen und zu hören: »Und doch ermangeln Schillers positiv-ideale Helden nicht eines damals höchst vorhandenen Elements, mitten in der Schwärmerei, der nicht nur einfach, sondern doppelt und dreifach idealisierten Bourgeoisie. Es ist das Element Citoyen, ist jener heroische Typ und Gehalt, mit dem die bürgerliche Revolution vorandrang, ohne den sie überhaupt nicht vorangekommen wäre.« Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 109. Die entsprechenden Ausführungen von Lukács wurden bereits wiedergegeben. 467 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1072. 216 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche gedeihen.«468 Wegen der Einschätzung der Jakobiner und dem Verlauf der Revolution habe Schiller in einem positiven Verhältnis zur Revolution nach dem Thermidor gestanden: »Schillers politischer Ausgangspunkt ist kein jakobinischer, sondern ein thermidorianischer, kein plebejisch-demokratisch-revolutionärer, sondern ein großbürgerlich-evolutionärer,469 und es entsteht bei Schiller in Folge dessen nicht, wie bei Fichte, eine ra- 468 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1074. Das indirekte Schiller-Zitat aus der Glocke. 469 Diese Einteilung der Epoche der Aufklärung findet sich auch in Harichs Kommunismus ohne Wachstum. Dort heißt es (1975): »Die europäische Geistesgeschichte kennt eine Traditionslinie des sozialen Denkens, die letztlich großbürgerlichen Ursprungs ist. Sie führt von Voltaire über Condorcet zu Saint-Simon und von ihm und seinen Anhängern (darunter Heine) zum Marxismus. Sie zeichnet sich aus durch Zivilisationsfreundlichkeit und Bejahung des Fortschritts und war jederzeit mit dem Aufstieg der industriellen Produktion, den sie reflektierte, so eng verbunden, dass sie schon vor dem Auftreten von Marx und Engels bei den klassenbewussten Arbeitern in dem Maße, wie die sich als modernes Industrieproletariat verstanden, das Vermächtnis Babeufs teils zu modifizieren, teils gänzlich zu verdrängen begann. Ich denke dabei an die Resonanz der Utopie Cabets, an Neobabouvisten wie Dezamy und auch, was Deutschland angeht, an Weitling. Das von da herstammende utopisch-sozialistische Gedankenerbe haben Marx und Engels in erster Linie kritisch aufgearbeitet und mit dem, was sich ihnen an der Geschichtsschreibung der Restaurationszeit, an der Hegelschen Dialektik, an Feuerbachs Materialismus, an den Theorien der klassischen englischen Nationalökonomie (Smith, Ricardo) als rationell darbot, synthetisiert. Und sie taten gut daran, all dem den Vorzug zu geben. (…) Jetzt aber erleben wir, dass der industrielle Fortschritt, auch unter sozialistischen, erst recht unter kapitalistischen Bedingungen, an seine unaufhebbare Naturschranke stößt, und da hört das Dominieren der Voltaireschen Traditionslinie im Marxismus, so behaupte ich, auf, noch zeitgemäß zu sein. Und wenn ich in dem Zusammenhang an Babeuf erinnere, so deshalb, weil ich ihn als den ersten kommunistisch orientierten Jünger Jean-Jacques Rousseaus gebührend gewürdigt zu sehen wünsche, von dem eine andere Traditionslinie ausgeht, die, meiner Meinung nach, für den Marxismus in Zukunft bedeutsamer sein wird als die Voltaires, Condorcets und Saint-Simons. Sie ist vorindustriell, kleinbürgerlich-bäurischer Herkunft und – von Anbeginn radikal demokratisch; demokratisch freilich nicht im Sinne des politisch-pluralistischen Systems der Monopolbourgeoisie, das sich derzeit Demokratie zu nennen wagt, sondern im Sinne des – höchst autoritären, extrem diktatorischen – Jakobinertums; wobei zu beachten bleibt, dass dessen rühmwürdigster Repräsentant, dass Robespierre, genau wie sein kommunistischer Fortsetzer Babeuf, zu den enthusiastischsten Rousseauisten zählte.« Harich: Kommunismus ohne Wachstum, S. 185f. 217 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 dikalistische Konzeption der absoluten Entgegensetzung von Sollen und Sein, die die Wirklichkeit als bloße Schranke gelten lässt und sie um der Überwindbarkeit dieser Schranke willen zum bloßen Geisteserzeugnis herabsetzt, sondern es entsteht bei Schiller eine ganz andere, dem entgegengesetzte Konzeption, die auf eine spezifisch ästhetische Weise die spätere Hegelsche Versöhnung mit der Wirklichkeit vorbereitet.«470 Zentral sei, diesen Ausgangspunkt Schillers richtig zu beurteilen, ihn historisch zu verstehen und zu erklären. Handle es sich doch zweifellos um eine konterrevolutionäre Position: »Aber nicht in dem Sinne eines Zurücksinkens in eine feudalabsolutistische Position. Davon kann bei Schiller – und auch bei dem politisch ganz ähnlich urteilenden Goe the – keine Rede sein. Goe the und Schiller verneinen die gewaltsam-terroristische Durchsetzung der bürgerlichen Klassenziele, aber sie verneinen keineswegs diese Klassenziele selbst. Sie bejahen nach wie vor die Umgestaltung der deutschen Zustände in progressiver, bürgerlicher Richtung, nur eben nicht auf dem Wege des gewaltsamen Umsturzes, sondern durch freiwillige Liquidierung der feudalen Überreste durch den Adel, auf dem Weg einer Verbürgerlichung des Adels. Diesen Weg weist Goe the im Wilhelm Meister. Diesen Weg weist Schiller im Wilhelm Tell. Die Verneinung der jakobinischen Konsequenzen bedeutet ja nicht eine Verneinung des epochalen sozialen Inhalts der bürgerlichen Revolution überhaupt.«471 Dort, wo Goe the und Schiller nach Ansicht vieler Interpreten Schwäche zeigten, Angst, wo sie versagten, sah Harich ihre eigentliche Leistung. Sie hätten die bürgerliche Gesellschaft tiefer verstanden als eben Fichte, denn sie hätten erkannt, dass die Revolution noch nicht an der Zeit sei und daher scheitern müsse, so dass nur ihre grausamen Begleiterscheinungen und Konsequenzen bleiben würden, nicht aber ihr großartiges Befreiungswerk. Harich sah, das kann jetzt schon festgehalten werden, klarer als Lukács und Mayer, gerade bei der Beurteilung der Stellung Schillers zur Revolution. Dies vorausgesetzt, werde die Frage von Schiller verständlich: »Wie lässt sich in dieser Wirklichkeit gleichwohl die Integrität der Persönlich- 470 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1074. 471 Ebd., S. 1074f. 218 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche keit und vor allem die Ausbildung der Persönlichkeit zur allseitig entwickelten Totalität aller ihrer bildungsmäßigen, ästhetischen und moralischen Fähigkeiten erreichen?«472 Fichte und Schiller, beide von Kant ausgehend und dabei völlig unterschiedliche Interessen verfolgend, hätten in der Konsequenz dessen Philosophie in jeweils andere Richtungen ausgebaut. »Bei Schiller finden wir nicht, wie bei Fichte, eine extreme Steigerung des ethischen Rigorismus Kants, sondern, im Gegenteil, ein Synthetisieren und Harmonisieren dessen, was Kant streng auseinandergehalten hatte, nämlich des Moralischen und des Ästhetischen unter dem Gesichtspunkt einer harmonischen Vollendung des Individuums als Persönlichkeit. Wobei von der vorhergegangenen Erziehung und Bildung ästhetisch-moralisch vollkommener und vollkommen harmonischer Menschen die politische Legitimität jeder künftigen  – selbstverständlich evolutionären  – Umgestaltung der Gesellschaft abhängig gemacht wird.«473 Es ist offensichtlich, dass Harichs Überlegungen mit denen von Lukács kompatibel sind (obwohl er, wie gerade gesehen, teilweise sogar präziser als dieser urteilte). Am sinnfälligsten wird das, da auch Harich nicht davor zurückschreckte, trotz aller Verehrung für Schiller, diesen wie es schon Lukács getan hatte, als kleinbürgerlichen Denker zu begreifen.474 Aber, das war Harich wichtig, dieses Kleinbürgerliche sei keine Mauer, die den marxistischen Zugang zu Schiller versperre. Es wäre vielmehr ein zu konstatierender Fakt, die wichtigen und aufbewahrenswerten Errungenschaften Schillers wären trotz allem in den Marxismus hereinzuholen – Größe und Grenze als zwei Seiten einer Medaille: »Dieses Idealisieren der Antike bei gleichzeitigem Verwerfen aller spezifisch modernen, 472 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1077. 473 Ebd. 474 »Einerseits stellt Schillers Persönlichkeitsideal selbstverständlich eine höhere, reifere Stufe des humanistischen Gedankens dar als der ganze enge und einseitige, moralisch-rigorose jakobinisch-asketische Aktivismus Fichtes, andererseits aber muss auch gesagt werden, dass mit Schiller das spießbürgerlich so beliebte und weit verbreitete Argument in die Welt gekommen ist, erst einmal müsse der Mensch von innen heraus umgestaltet werden und dann erst lasse sich an eine Umgestaltung der Verhältnisse denken, in denen er lebe. Ein Argument, das die Volksrevolution auf den Zeitpunkt vertagt, wo die Menschheit eine moralisch-ästhetische Sonntagsschule mit Erfolg absolviert haben wird.« (Ebd., S. 1077f.) 219 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 subjektiven, privaten Lebensäußerungen, bei gleichzeitigem Betonen des Unnatürlichen, Verkrüppelten des modernen Lebens und den entsprechenden Unnatürlichkeiten und Künstlichkeiten der modernen Kunst, das ist eine durchgehende Tendenz, die wir bei all den Denkern finden, die in dieser Zeit direkt oder indirekt unter dem Einfluss des Jakobinertums gestanden und sich unter diesem Einfluss mit ästhetischen Fragen beschäftigt haben. Nun muss man allerdings sagen, dass es für die Zeitgenossen Goe thes, Schillers, Herders, Wielands usw. ein starkes Stück war, von einer völligen Nichtigkeit der modernen Kunst und Literatur zu sprechen, dass es eine recht verzerrte und bodenlos ungerechte Art war, in der hier die Zeitgenossen der größten Kulturepoche unserer Nation über eben diese Epoche urteilten. Und wir erkennen in diesem Punkt nun ganz klar, inwiefern in jener Zeit der radikalere Standpunkt keineswegs auch die tiefere Einsicht verbürgte. Wo finden wir die tiefere Einsicht? Wir finden sie eben bei Friedrich Schiller. Und es hängt aufs Tiefste mit dem thermidorianischen Standpunkt Schillers zusammen, dass Schiller der erste gewesen ist, der den Eigenwert der modernen, der bürgerlichen Kunst und Literatur gegenüber den Kulturschöpfungen der Antike erkannt und auf den Begriff gebracht hat. Denn die Voraussetzung für diese Erkenntnis war eben ein anderes, ein – bei aller humanistisch motivierten Kritik – positives Verhältnis zu den Resultaten der Französischen Revolution.«475 Harichs Vorlesung fand im Schiller-Jubiläumsjahr statt, aber die Behandlung Schillers im Rahmen der Vermessung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus war für ihn kein Novum, so dass die Äußerungen nicht als Reminiszenz an das Jubiläum verstanden werden können, sondern als allgemeine philosophische Grundaussage. Am 9. Mai 1955 redete Johannes R. Becher im Nationaltheater in Weimar. Die Druckfassung seiner Ausführungen ist überschrieben: »Denn er ist unser: Friedrich Schiller, der Dichter der F reiheit. Es ist klar, dass Festreden keine wissenschaftlichen Ausführungen sind (Bechers Formulierungen also schon insofern von den gerade rekonstruierten Ausführungen Harichs abzusetzen sind), dass es nicht um Diskussion und Debatte mit dem Gegenstand der Ehrerbietung geht, um Fortschrittliches und kritisch zu Sehendes, son- 475 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1079. 220 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche dern dass das Lob naturgemäß den Taktstock schwingt. Selbst dies vorausgesetzt, ist Becher aber – wie schon bei seiner Goe the-Ansprache Der Befreier von 1949 – deutlich übers Ziel hinaus geschossen. Für ihn war Schiller »der Dichter der Freiheit«, dessen eigentliche Botschaften erst in der DDR entschlüsselt werden könnten: Jener deutsche Staat, »Auferstanden aus Ruinen«, der »die Grundlage geschaffen hat, um Schillers Vermächtnis zu erfüllen«.476 Lukács stand bei Becher Pate für diese Ansichten, was sich vor allem dann zeigt, wenn Becher die Gestalt Schillers aus jener geschichtsphilosophischen Sicht ableitete, die Lukács seit den dreißiger Jahren geprägt hatte. Das Verhängnis der Einschätzung Bechers nimmt seinen Ausgang von einem der großen Fehler der Französischen Revolution. Es sei »mehr als eine persönliche Auszeichnung« gewesen, dass die Revolutionäre »Klopstock und Schiller zu Ehrenbürgern der französischen Republik ernannt« hatten. In der Tat war es mehr – nämlich, so müssen wir feststellen, ein echtes Missverständnis. Doch bei Becher fungierte die Französische Revolution als »Geburtshelferin des großen Jahrhunderts unserer Literatur, der Kunstperiode, unserer deutschen Klassik«.477 Diese Einschätzung kennen wir bereits aus dem Goethe-Vortrag. Auch diese Einschätzung wäre so falsch nicht, wenn Becher nicht bei Schiller eine ausschließlich positive und würdigende und jederzeit unterstützende Haltung zur Revolution in allen ihren Perioden ausmachen würde – abseits jedweder historischen Wahrheit. Doch da die Adaption der Französischen Revolution durch das deutsche Bürgertum gescheitert sei, musste auch Schiller scheitern: »Ruf der Marseillaise, die nicht das Echo bei den Deutschen fand, um die vielen Bastillen zu stürmen. Und eine Elite wartete auf ihre Zeit und war verurteilt zum Abwarten. Nachdem die Deutschen nicht die Kraft hatten, angesichts der Französischen Revolution ihre Tragödie zu überwinden, vertiefte sich auch Schillers Tragik, der seinerseits alles unternommen hatte, seinem Volke, in dem Bestreben, ein freies Reich deutscher Nation zu gründen, Kraft und Mut zu 476 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 342f. 477 Ebd., S. 348. 221 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 verleihen.«478 Und dann weiter: »Wohin er seinen Blick richtete, fand er unter den Deutschen keine politische Bewegung, die im Stande gewesen wäre, das Erbe des Bauernkrieges, das Erbe des niederländischen Befreiungskampfes, das Erbe der Französischen Revolution anzutreten. Schiller floh nicht in die Antike, das Studium der Griechen war für ihn ebenso wenig Selbstzweck wie das der Geschichte. Schiller wollte Zeit gewinnen, und bis dorthin wollte er das Beste nutzen und an sich ziehen, was die Welt zu vergeben hatte.«479 Um die völlige ideologische Aufladung einer zuvor konstruierten Idealfigur Schiller durch Becher hier irgendwie aufzeigen zu können (ohne den Text abzudrucken), bietet sich der Ausweg, in einigen Stichpunkten seine pathetischsten Äußerungen wiederzugeben:480 • Schiller, »der Dichter der ganzen, gewaltigen, unteilbaren Menschenfreiheit«. (S. 343) • Gegenüber der deutschen Misere konnte er sich nur behaupten durch eine »kühne geschichtliche Perspektive«, die nur als »Mission, als Traum staat sichtbar war«. (S. 345) • Trotz aller Rückschläge habe Schiller den Kampf gegen die deutsche Misere immer wieder aufs Neue begonnen. (S. 346) • »Das persönliche Freiheitsgefühl des Dichters verband sich mit der sozialen Anklage gegen die gesellschaftlichen Missstände, und diese Anklage wiederum erhob sich zum nationalen Protest.« (S. 349) • Wie kaum einer seiner Zeitgenossen habe er das »Fragmentarische, das Torsohafte des modernen Menschen«, denn der Kapitalismus schuf, erkannt. (S. 351) • »Für Schiller stellt sich sein Werk dar als ein sozialer und nationaler Befreiungsakt, und sein größtes Glück war, sein persönliches Freiheitsgefühl erlebte er darin, seinem Volk diese Freiheiten mit zu erkämpfen.« (S. 352) 478 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 359. 479 Ebd., S. 360. 480 Die Aufzählung folgt der hier zur Debatte stehenden Rede, ebd., die Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 222 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche • Alle »deutschen Menschen guten Willens sind heute diese Stunde vereint, um aufzublicken zu dem Freiheitsdichter unserer Nation«. (S. 367) • Schiller sei der »Dichter all derer, die vorwärts wollen, die strebend sich bemühen«. (S. 368) • In Schiller brannte »ein Feuer von der revolutionären Intensität Thomas Müntzers«. (S. 368) Schiller erscheint bei Becher und durch Becher als großer Freiheitskämpfer, der Schriftsteller wurde, um sein Volk zu einen und zu befreien und, gleich Thomas Müntzer, alle sozialen Missstände aufzuheben. »Wenn ich Eingangs davon gesprochen habe, dass ‚Auferstanden aus Ruinen‘ ein deutscher Staat sei, der die Grundlage geschaffen habe, um das Vermächtnis Friedrich Schillers zu erfüllen, so heißt das nicht nur, dass das Problem der Freiheit in der Deutschen Demokratischen Republik im Begriffe ist, eine allseitige und die für unser Jahrhundert geschichtlich notwendige Lösung zu finden, sondern dieser Satz will auch besagen, dass die Werke unserer Dichter und Denker auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen allmählich zu einem Besitztum des ganzen Volkes werden und auf diese Weise das ganze Volk daran teilnehmen kann, wenn es gilt, ein neues Bild unserer Dichter zu schaffen.«481 Die Rede von Becher wurde hier behandelt, da in ihr sehr gut zu erkennen ist, mit welchem Pathos, mit welchem Versprechen und Hoffnungen die Aneignung des klassischen Erbes durch die DDR noch 1955 verbunden war. Jeder, der ein paar Zeilen von Schiller gelesen hat, weiß natürlich, dass nur einige Prozent von dem, was Becher so wortgewaltig und blumig ausführte, tatsächlich stimmen. Aber darum geht es gar nicht. Man merkt den Ausführungen deutlich an, dass Becher auch bei Schiller von Lukács herkam. Die bei dem ungarischen Philosophen schon vorhandenen Determinationen, Verzerrungen hat er noch weiter zugespitzt. Überspitzt formuliert ist es die Vereinfachung der Vereinfachung: Lukács hat die Zitrone geschält und behauptet, diese habe keine Schale (gestützt auf ein Zitat von Marx, Engels und/oder Lenin). Becher hat 481 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 364. 223 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 dann die Kerne aus dem Fruchtfleich entfernt, für das Ganze genommen und festgestellt, dass diese noch nicht einmal sauer schmecken würden, die Geschichte der Zitrone also eine Lüge der Bourgeoisie sei. Die Kerne könne man dann in den Boden der Deutschen Demokratischen Republik einpflanzen, dem neuen Baum beim Wachsen zusehen. Und wenn eines Tages gelbe saure Früchte am Zitrus-Stamm hängen, dann sind jene, die solches konstatieren, Revisionisten, Verräter, Klassenfeinde. Das anzuvisierende Ziel war für Becher immer klar. Schon der Titel der Rede sagt ausdrücklich: Denn er ist unser. Was bedeutet, dass er nicht den andern gehört, nicht denen da drüben. Schillers Platz sei in der Mitte der sozialistischen Gesellschaft, die Aufgabe dieser Gesellschaft wird genau umrissen: »In diesem Bemühen dürfen wir aber auch nicht davor zurückweichen, einen Dichter wie Friedrich Schiller zu verteidigen gegen alle diejenigen, die in zeitgemäßer Aufmachung als die Finsterlinge und Bösewichte, als die Schurken und Schinder, als die Ignoranten und Intriganten vor uns hin treten, wie sie Schiller gestaltet und angeprangert hat, und die sich nicht scheuen, den Dichter für ihre Missetaten in Anspruch zu nehmen.«482 Das Bekenntnis kennt keine Grenze: »Friedrich Schiller geht uns voran. Friedrich Schillers Werk liegt vor uns. Friedrich Schiller – wir sind auf dem Weg zu ihm.«483 Und zum Abschluss: »Friedrich Schiller ist unser, weil er unsere Jugend, weil er unsere Heimat ist; Friedrich Schiller bleibt unser, weil er unser Volk ist, weil er an das Beste rührt, was unser Volk hervorzubringen vermochte; Friedrich Schiller ist unser, weil er unser ganzes Deutschland, unsere freie, wiedervereinigte deutsche Nation ist.«484 Von daher musste Becher aus Schiller einen Revolutionär machen, einen Freiheitsprediger, einen Demokraten und Sozialisten, einen so überhaupt nicht elitären Freund des Volkes. Was Schiller davon wirklich war – nun ja, jeder prüfe für sich selbst bei unvoreingenommener Lektüre. Letztlich hatte Becher die Ideale der DDR auf Schiller übertragen. Die 482 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 364f. 483 Ebd., S. 367. 484 Ebd., S. 369. 224 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Konstruktion musste völlig windschief werden. Die DDR verwirklichte nie, was Schiller nicht versprochen hatte. Im Schiller-Jahr 1955 äußerte sich auch Ernst Bloch. Unter dem Titel Weimar als Schillers A bwägung und Höhe kam die Rede auch in der Gesamtausgabe zum Abdruck. Da es sich bei der Bloch-Gesamtausgabe höchstwahrscheinlich um die scheußlichste Werksammlung handelt, die einem Philosophen der letzten Jahrhunderte angetan wurde, erfährt man natürlich nichts darüber, wie der Text entstand, wo er vorgetragen wurde, wo er zuerst zum Abdruck kam usw. Die Blochianer, ein elitärer Zirkel ohne echte Elite, wollen keine Gesellschaft, schon gar nicht durch neugierige Leser der Meister-Götze. Es wird also ein Bloch-Studium vorausgesetzt, um Bloch studieren zu können. (Aber wir haben ja schon darauf hingewiesen, dass die ganzen »merkwürdigen DDR-Sachen« Blochs, seine »Schriften aus der Zone«, in der westdeutschen Analyse, die sich nach 1989 ohne jeden Bruch oder Zäsur gesamtdeutsch ausdehnte, sowieso keine Rolle spielen.) Aus dem Briefwechsel mit Peter Huchel ist zu erfahren, dass Bloch mit dem »Schiller-Komitee 1955« eine Vereinbarung über einen Beitrag hatte. An Huchel schrieb er dann im Februar, dass ihm sein gerade verfasster Text eigentlich zu schade sei für eine Schiller-Festschrift, letztlich ein »Mausoleum« ohne Leser.485 Der Text erschien dann unter dem Titel Schiller und Weimar als seine Abbiegung und seine Höhe (ursprünglich hatte Bloch noch an ein »oder« statt des »und« gedacht, zuerst an »Ablenkung« statt »Abbiegung«) in der Sinn und Form. In der Festschrift des Komitees erschien ein kleiner Auszug von drei Seiten.486 Günter Mieth, der sich mit Blochs Schiller-Text auseinander gesetzt hat, schrieb: »Der Essay trägt ja den konzeptionell gemeinten Titel: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe. Damit ist bereits verdeutlicht: Bloch zielt auf den ganzen Schiller, nicht nur auf einen Ausschnitt seines Lebens und Schaffens.«487 Schiller, das war für Bloch: »Der Gewalttätige, am 485 Bloch: Brief an Peter Huchel vom 28. Februar 1955, S. 872. Siehe auch die folgenden Briefe Blochs an Huchel, dort auch zu dem Schiller-Beitrag. 486 Bloch: Schiller und Weimar als seine Abbiegung und seine Höhe, S. 157-175. Bloch: Volkstümlichkeit und Größe, S. 25-27. 487 Mieth: Blochs Schiller-Rede, S. 114. 225 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 liebsten Schlag auf Schlag, obwohl er oft davor erschrickt und sich besonders in Zucht fasst.«488 Nicht zuletzt dies mache die Modernität Schillers aus: »Wenig Veraltetes ist an ihm und kaum etwas, das uns im fortschreitenden Bewusstsein nichts mehr angeht.«489 1932 hatte Bloch in dem Aufsatz Die Kunst, Schiller zu spr echen, bei der Betrachtung der damals aktuellen Versuche, Schiller auf die Bühne zu bringen, andere Feststellungen gemacht: »Die Sonne Schillers leuchtet noch, aber merkwürdig: Man weiß sie als Sonne, sieht sie jedoch nur indirekt, streifig, vielfältig, verzerrt, je nachdem. Keine Aufführung Schillers gelingt daher noch aus einem Guss, es mischen sich die verschiedensten Stile. Nicht nur der volle Jambus machte Schiller schwierig, auch noch sein hohes Pathos aus Lebensferne, die Leidenschaft im abstrakt idealistischen Gewand. Das ist bereits die objektive Schwierigkeit oder Unstimmigkeit in Schiller selber; die ‚sachliche‘ Zeit von heute plaudert nur viel davon aus. Ein Stück Schicksal der bürgerlichen Klasse an Fürstenhöfen, in übernommener Adelskultur ist darin enthalten; ein Stück Instinktlosigkeit, ein Stück Verrat, ein Stück verratenes und dadurch verdorbenes Pathos selber, das – ohne adäquate Gegenstände – zum Ballast der Sprechbarkeit und zum Bombast dem Sinn nach geworden ist.«490 Wie ist diese Differenz zu erklären? Vor allem dadurch, dass sich Bloch 1932 inmitten einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft sah, die auf die faschistische Katastrophe zusteuerte und an der kein sozialistischer Hoffnungshorizont zu erkennen war. Schiller werde erst dann wieder in der Gegenwart wirken und durch die neue Gegenwart verstanden werden, wenn »Freiheit kein Wort ist, das die Menschen weder hören noch sprechen können, sondern das fassbar ist.«491 Diese Situation war für Bloch in den fünfziger Jahren in der DDR gegeben bzw. zum greifen nahe – daran hat er nie einen Zweifel gelassen und seine Apologeten können es drehen und wenden wie sie wollen, er bekannte sich zur DDR mit all ihren Fehlern. (Man muss diese Einschätzung Blochs zunächst einmal konstatieren, bevor man sie in einem 488 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 96. 489 Ebd., S. 97. 490 Bloch: Die Kunst, Schiller zu sprechen, S. 92. 491 Ebd., S. 95f. 226 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche zweiten Schritt diskutieren oder, so gewollt, kritisieren kann. Verschweigen und Verdrehen sind keine Lösungen.) Das »fremde Marmorwesen« sei endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, Schiller könne in seiner Größe und mit seinen Fehlern als der »größte Volksschriftsteller aller Zeiten« erkannt werden.492 Folgende historische Stationen sah Bloch: »1859, am Ende des finsteren gegenrevolutionären Jahrzehnts, wurde Schillers 100. Geburtstag als ein einziges forderndes demokratisches Nationalfest gefeiert. Zwar 1905, beim 100. Todestag, dröhnte um den Dichter die imperialistische Blechmusik des Nationalismus (Friedrich Naumann hielt damals die bemerkenswerte Festrede aus Demokratie und Kaisertum zugleich). Aber 1955 kann Schiller endlich wieder in Erinnerung an 1859 und viel genauer als damals gefeiert werden, Schillers demokratischer Patriotismus mit dem sprechbaren Pathos von jenem Inhalt her, der jetzt erst, von Herr und Ausbeuter frei, nach Hause kommen könnte.«493 Bloch sah Schiller als Teil des Sturm und Drang und er erkannte auch, dass sich diese Ideale der Jugend bei Schiller zu einem Zeitpunkt noch erhielten und lebendig waren, da die Wirklichkeit sie bereits überholt hatte. So kam es zu der merkwürdigen Konstellation, dass Schiller für das Volk redete, an das Volk redete, doch dem »wirklichen Volkston dieser Zeit, nämlich der Marseillaise« nicht folgen konnte. »Und Schiller, dessen plebejisch-revolutionäre Anlage eine ununterdrückbare war, tat dennoch das Seine dazu, sich das Volk keinesfalls jakobinisch zu denken. Ein unterbrochener Brutus in Schiller sah die Nation nie ganz ohne die Herren außerhalb seiner; so bereitete der wirkliche Nationaldichter, der Schiller ist, doch zugleich schon den späteren Missbrauch des Wortes ‚national‘ vor.«494 Vor allem das Moralische an Schiller sei hervorzuheben – und zwar nicht nur als sein Vermächtnis, sondern auch als sein Scheitern. Denn um in den Jahren seines Lebens so wirken zu können, wie er es wollte, hätte es »Kenntnis und Bejahung der Französischen Revolution gebraucht«. Doch nicht die »Wahlverwandtschaft mit den Jakobinern« erkannte und suchte 492 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 97. 493 Ebd., S. 101. 494 Ebd., S. 98f. 227 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Schiller, sondern »eine selbst im Deutschland der Misere ungewöhnliche Fremdheit, ja bald Feindschaft gegen die größte Tendenz seines Jahrhunderts«. Derartig deutlich hat, außer Harich, kein anderer Marxist Schiller in diesen Jahren kritisiert. Dieser habe »nicht nur die Formen, auch die spezifischen Inhalte (Freiheit und Gleichheit) der bürgerlichen Revolution« verneint.495 Entscheidend war für Bloch, dies ist innerhalb des marxistischen Schrifttums seiner Tage ein moderner und emanzipierender Zug, dass Schillers Versagen (ja, so kann, muss man es nennen) vor der Revolution eben nicht allein durch die spezifischen deutschen Umstände erklärt werden könne. Es habe dazu auch gehört Schillers ganz individuelle und von diesem selbst zu verantwortende Entscheidung. Bloch legte seinen Finger in jene Wunde, über die gerade Lukács und auch Mayer immer mit einer gewissen Nonchalance, einem »Es war halt so« hinweggingen. Hans Mayer hat diese Einsichten Blochs 1980 in dem Rundfunkbeitrag Der Lehrer und die Lehren kritisiert. Blochs These, dass Schiller auch die Inhalte der Revolution abgelehnt habe (deren Außendarstellung 1955 für Blochsche Verhältnisse ein mutiger Akt war, ein Beweis seines in der DDR so seltenen aufrechten Ganges), sei »nur bedingt richtig, wenn man den Parallelismus der historischen Ereignisse und der philosophischen Spekulationen genauer untersucht«.496 Legt man diese Worte auf den Seziertisch, dann bedeuten sie, dass es also Mayer zu Folge eine Parallele zwischen der Revolution und Schillers philosophischen Überlegungen geben muss. Das klingt dann so: »Weit davon entfernt also, eine Art ‚Flucht in die Philosophie‘ zu bedeuten, sind die theoretischen Arbeiten 495 Bloch: Weimar als Schillers A bbiegung und Höhe, S. 105f. Dort dann außerdem: »Erst recht wurde die Angst vor der Freiheit, die Kolosse und Extremitäten ausbrüten sollte, durch die aristokratische Form des Klassizismus gefördert. Die Folge war, in Ansehung des überholenden Ungestühms, Schillers Umschlag ins Resignierte, Elegische, relativ Abdankende. (…) Und es war nicht, durchaus nicht der gekommene Thermidor, der Weg vom Citoyen zur Bourgeoisie, welcher dergestalt, wie später bei Hölderlin, verzweifelt machte, sondern Schiller verdammt ‚Sturm‘ und ‚Mord‘ fasst so, als wären sie Fortsetzung der Revolution. Die Welt erschien nun insgesamt als irreparabel entsetzlich, das heißt, nicht nur ihr wirkliches Elend, sondern auch jener wirkliche Protest gegen ihr Elend, der Vormarsch der Revolutionsarmee hieß.« (Ebd., S. 106) 496 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 155. 228 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Schillers zwischen 1790 und 1794 als Versuche zu bestimmen, dem Zeitgeschehen durch zeitloses Denken beizukommen. Weshalb Schiller die höchste Ausformung der Humanität in einer Sphäre des Spiels festzustellen glaubt, die sich als Übergipfelung des Ethischen und des Ästhetischen darzustellen schien: Wobei der spielende Mensch, der homo ludens, das Modell abzugeben hatte einer künftigen, richtig verstandenen Humanität. Hier wurde das Philosophieren in einem zur Selbstdarstellung und zur geschichtlichen Therapie.«497 Mit einer Philosophie, die mit den realen Ereignissen der Gegenwart nichts zu tun hatte, versuchte sich Schiller also selber zu therapieren. Dies ist das Gegenargument Mayers gegen die von Bloch thematisierte Ablehnung der Inhalte der Revolution durch Schiller  – eine Ablehnung, die jede Zeile, jedes Wort von Schillers Schaffens ausdünstet. Andere gibt es nicht. Natürlich ist das purer Unfug und Quatsch, verwenden wir ruhig diese deutlichen Worte. (Es haben schon andere weit komplizierter noch weniger gesagt.) Wieder einmal sehen wir bei Mayer, dass sein Drang, sich mit Alleinstellungsmerkmalen zu positionieren durch die Kritik an allen anderen nur eine Folge hat – die Absurdität der Vermessung von Geschichte, Philosophie und Literatur. Überlassen wir Mayer das Schlusswort zu seinem Einwurf: »Das philosophische Zwischenspiel war beendet. Die Verbindung mit Goe the hatte ganz neue Lebensaspekte eröffnet. Übrigens war die Revolution gleichfalls zu Ende. Der Thermidor hatte auch Robespierre und Saint-Just unters Fallbeil geschickt. Nun herrschten in Paris die Revolutionsgewinner des Directoire. Das Zwischenspiel eines scheinbar objektiven Philosophierens war für Schiller abgeschlossen.«498 Noch einmal kurz zurück zu Bloch: Schillers Weg sei der der Entfernung von der Wirklichkeit. Aber eben dies hatte zur Konsequenz, dass er das bürgerlich-humane Ideal aufrechterhalten und seiner Zeit konfrontieren konnte. Dies führte sein Denken über die Schranken der damaligen Zeit hinaus. Die von und durch Schiller thematisierte Freiheit weise nicht nur zurück, gehöre nicht in das Reich der weltflüchtigen Träume, sondern deute nach vorn. »Das klassenlos werdende Menschenbild hat daran ein 497 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 156. 498 Ebd., S. 156f. 229 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 moralisches Erbe, das besonders schön gezeichnet in die Gewinnungsgeschichte des aufrechten Gangs gehört.«499 Das Bekenntnis zu Schiller darf nicht die Marmorstatue meinen, nicht den fälschlicherweise überhöhten zweiten (oder ersten – je nachdem) Olympier. Zu erinnern sei vielmehr an Schillers großes Ideal  – und dieses heiße: »Lied an die Freude. Ein solcher Dichter geht, wie wenig andere, auf unseren guten Wegen vor. Er erglänzt nicht so weit hinaus wie das Meer, wie Goe the ins Ferne, Helle, in allem bedeutend. Doch durch Weimar kam Schiller außer der Ablenkung, Abkühlung, die hoftheaterhaft machte, auch auf seine Höhe, mit Narben bedeckt, ein Unterbrochener wie neu Bewahrter, und die Höhe Weimars ist nicht denkbar ohne Schiller. Es gibt größere Dichter, jedoch keinen, der zugleich feuriger, volkshafter, packender und verantwortlicher war.«500 In Leipzig redete am 10. Mai 1955 Hans Mayer, sein Text kam zum Abdruck unter dem Titel Das Ideal und das Leben. Wie schon bei Johannes R. Becher ist seine Rede getragen durch den Anlass, ist also einnehmend, vereinnahmend. Schiller  – eine »unvergleichliche und unvergleichbare Persönlichkeit«, ein »Mensch und Künstler, der mit nichts anderem verglichen werden kann, der in all seinen Äußerungen unverkennbar er selbst ist«. Dies zeige bereits das Grundmotiv in seinem »Leben und Schaffen: Was er von sich selbst forderte, gedachte er als große Aufgabe vom Menschen seiner Zeit und künftiger Zeiten schlechthin zu fordern. Oder umgekehrt: Seine Vision von künftiger Menschheit gedachte er an sich selbst und durch sich selbst zu verwirklichen.«501 Schillers Werk – es sei das Zusammentreffen eines »großen geschichtlichen Moments mit einem großen Menschen, (…) der im Stande war, diesen Moment zu empfinden und in sich wirken zu machen.«502 Das Pathos der Festtagsrede umschließt den Vortrag wie der Honigtopf den darin gierig kreisenden Löffel. Noch 499 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 111. 500 Ebd., S. 111. 501 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 10f. 502 Ebd., S. 13. 230 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche einmal greifen wir zur Aufzählung, um zu verdeutlichen, wie Mayer Schiller zelebrierte:503 • »Menschenstolz, Aufgeschlossenheit des Geistes, Aufbau einer Ordnung der Vernunft, Streben nach rationaler Gesetzlichkeit in Wissenschaft, Kunst, gesellschaftlichem Leben, Erkenntnis der Naturgesetze und Dienstbarmachung der Natur für die menschliche Höherentwicklung.« (S. 13) • »So groß hatte (…) noch keiner vom Menschen gedacht und gesprochen.« (S. 14) • Die Lyrik Schillers sei ein »Aufbruch menschlichen Emanzipationsstrebens, eine Poesie menschlicher Selbstverwirklichung«. (S. 14) • Die eigentliche künstlerische Größe Schillers liege in dessen dramatischem Schaffen. (S. 19ff.) • Er wirkte vor allem für die nationale Sache der Deutschen. (S. 24) • »Seine Dichtung war moralisch-politischer Art.« (S. 25) • »Schiller ist seit seinen Anfängen ein eminent philosophischer Denker und philosophierender Künstler.« (S. 27) • »Schillers Ideale sind Forderungen an den Menschen.« (S. 33) Für Mayer war Schiller »ein stolzer Sohn der europäischen Aufklärung, ein bürgerlicher Humanist«.504 Schiller habe versucht, das zu Ende gehende Jahrhundert zusammenzufassen und den Geist und die Errungenschaften der Aufklärungsepoche in die neue Zeit zu retten. Die Französische Revolution sei für ihn ein Anfang und die von der Revolution propagierten Ziele wären seine eigenen gewesen, so dass es ein Fehler wäre, bei der Deutung Schillers auf seine Stellung zu den Jakobinern zurückzugreifen. »Den Geist der bürgerlichen Revolution, wenn auch nicht ihrer konsequent plebejischen und jakobinischen Fraktion, atmet Schillers gesamtes Werk. Schillers Ideale sind nur der Theorie nach den ‚heiteren Regionen‘ entnommen, ‚wo die reinen Formen wohnen‘. In Wahrheit sind sie fast 503 Alle Angaben nach: Mayer: Das Ideal und das Leben. Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 504 Ebd., S. 13. 231 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 immer ein Ausdruck damaligen Lebens und damaliger Zeitwirklichkeit. Die Morgenröte gesellschaftlichen Anfangs und Neubeginns liegt über der Zeit, dem Leben und den idealistischen Forderungen, die der Zeitgenosse Schiller an sich und die Mitwelt stellt.«505 Dies ist nun freilich eine gewalttätige, eine vergewaltigende Konstruktion. Schiller, der Revolutionär, sei dermaßen deutlich ein Revolutionär gewesen, dass man übersehen dürfe und müsse, dass er die tatsächlich stattfindende Revolution in allen ihren Einzelheiten kritisierte. Wie problematisch die Argumentation von Mayer ist, sieht man auch daran, dass er den Dramatiker Schiller, den er, wie in der Aufzählung gerade gesehen, extrem aufgewertet und positiviert sowie zudem mit einem revolutionären Grundanspruch versehen hatte, dann doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte: »Denn diese historische Dramatik sollte zwar auf die Zeitgenossen wirken, aber nicht in einem unmittelbaren moralisch-politischen Sinne, sondern mittelbar politisch: auf dem Umwege über die Ästhetik.«506 Der wahre Revolutionär beteiligt sich eigentlich nicht an der Revolution, sendet auch keine moralischen und keine politischen Botschaften, aber dank des »Umwegs über die Ästhetik« habe er wie kein Zweiter gewirkt und die positiven Tendenzen der Revolution transportiert, ja, gar verstärkt. Bloch sah da etwas genauer und schärfer als Mayer. 1968 wurde er in einem Interview gefragt, welche geistesgeschichtlich bedeutenden Personen sich das Recht des aufrechten Ganges verdient, erkämpft hätten. Bloch antwortete, dass dieses Recht in allen Rebellionen und Revoluti- 505 Mayer: Das Ideal und das Leben , S. 15. Kurz zuvor hieß es: »Schillers Größe ist in hohem Maße verbunden mit der Größe des geschichtlichen Augenblicks, in dem er lebte und wirkte. Dass hier ein menschlicher Anfang sichtbar wurde, war Schillers unbeirrbare Überzeugung. Davon muss immer ausgegangen werden, will man Schillers Wirken in seiner Zeit und für die Nachwelt richtig verstehen und nicht verkennen. Darum kann man die Deutung Schillers nicht bloß, und wohl überhaupt nicht allzusehr, von seiner Stellung zu Jakobinertum und Robespierre abhängig machen, die er ablehnte, vor denen ihm graute. Die Revolution selbst, die Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Umstände im Vollzug der Vernunftsgesetze: Ihr fühlte auch er sich verbunden. Das war Schillers tiefste Überzeugung, (…) sein ganzes Leben hindurch (…).« (Ebd., S. 14f.) 506 Ebd., S. 31. 232 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche onen vorhanden sei, da es diese ja sonst nicht gäbe. »Im Übrigen ist die Spiegelung des Naturrechts in der Praxis sehr deutlich in der Französischen Revolution, die nicht von Sozialutopien aktiviert worden ist, sondern von Naturrechtsgedanken. Das Naturrecht spiegelt sich ebenso in großen klassischen Dramen (…), und dann in manchen Gestalten des frühen Schiller, zum Beispiel Karl Moor in den Räubern, der Musikus Miller in Kabale und Liebe und später noch Wilhelm Tell sowie selbst Goethes Götz von Berlichingen. Also, von der Bühne herab ertönt Naturrecht in Gestalten klassischer Dramen. In der Wirklichkeit ertönt es seltener: Der stärkste Ausbruch war die Englische, die Französische und die Amerikanische Revolution.«507 Es sind also zwei Paar Schuhe, zwar im selben Laden zu kaufen, aber das eine doch eher für den Hausgebrauch, das andere der solide und grob gearbeitete Stiefel der Revolution. Doch zurück zu der von Mayer behaupteten Wirkung auf Umwegen. Wie diese sich in den Jahren nach Schillers Tod äußerte, darüber sagt Mayer nichts. Aber offensichtlich änderte sie sich mit dem »Eintritt in das Stadium des Imperialismus«.508 Schiller und Nietzsche würden die beiden Pole der bürgerlichen Entwicklung markieren, der eine die Morgenröte bürgerlicher und nationaler Literatur, der andere der Apologet des Untergangs. »Und wir? Wir haben erlebt, was es in der Wirklichkeit bedeutet: Bürgerliche Endzeit, oder überhaupt Endzeit einer Klasse. Wir wissen, was mit der Erkenntnis von Karl Marx gemeint ist, dass es in der Geschichte bisher noch keine Klassiker geben hätte, die freiwillig abgetre- 507 Bloch: Um das Recht des aufrechten Ganges, S. 124. 508 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 40. Dort weiter: »Einerseits blieb er das Lieblingsobjekt für Zitate, die man bei Festreden und Kaisergeburtstagsfeiern wiederholte, um dem selbst erhobenen Anspruch, ein ‚Volk der Denker und Dichter‘ zu sein, gerecht zu werden. Schiller wurde verfälscht und gleichsam zum Vorläufer des Hohenzollerntums und des kriegerischen deutschen Nationalismus gemacht. Sein Appell zur gerechten Vaterlandsverteidigung wurde für die ungerechten Aggressionsziele des Imperialismus missbraucht. (…) Auf der anderen Seite aber ist es eigentümlich, dass Schillers demokratisches Pathos und seine humanistische Gesinnung den eigentlichen Ideologen des Imperialismus unbequem werden, so dass man sich damit hilft, Schiller zu bewitzeln und als Museumsgegenstand bei Seite zu schieben. Die Hauptarbeit leistete auch hier Friedrich Nietzsche.« (Ebd., S. 40) Zur bürgerlichen und imperialistischen Schiller-Forschung äußerte sich Mayer beispielsweise 1955 in dem Text: Die Vorreden zu den »Räubern«, S. 72-94. 233 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 ten wäre. 150 Jahre nach Schillers Tod steht die Welt zwischen den beiden Leitbildern unermesslicher künftiger Emanzipation und Höherentwicklung des Menschen – und dem Verschwinden der Menschheit von diesem Planeten, wenn nicht gar – auch das scheint wissenschaftliche Möglichkeit geworden zu sein – zusammen mit diesem Planeten.«509 Verstehen, Lektüre, Rezeption Schillers hätten eine Voraussetzung – den Bruch mit der bürgerlichen Welt und den Aufbau des Sozialismus. Wie schon bei den Goe the-Feiern ist die Wandlung der DDR, ihr, wenn man so formulieren will, »Ausbruch aus der Geschichte«, die Initialzündung der Aneignung des humanistischen Erbes: »Nein, ein Mensch und Künstler wie Schiller ist nicht über unser Volk dahingeschwebt, ohne dass sich etwas in diesem Volk geändert hätte. Das beweist die Vergangenheit, beweisen die hundertfünfzig Jahre seit seinem Entschwinden. Auch unser Schiller-Jahr 1955 möge dazu helfen, dass wieder sichtbar werde, was und wie viel an gutem und bestem Deutschtum bei uns lebendig ist. Im Aufblick zur reinen Größe dieses Mannes möge auch in uns das Gefühl erglühen, dass wir nicht bloß Dankbarkeit schuldig sind, sondern dass die höchste Dankbarkeit darin besteht, dafür zu sorgen, dass das Bild des Menschen, das Schiller so groß gesehen und gezeichnet hat, nicht durch uns und unsere Taten verdunkelt werde.«510 Ein Vierteljahrhundert später sah Mayer die ganze Sache anders und treffender und doch weiterhin verzerrt. Immerhin hatte er, anders als bei Goe the, dieses Mal seine frühen Arbeiten aus der DDR nicht völlig mit Vergessenheit gestraft. Gerade seine Auseinandersetzung mit Schiller zeigt aber, dass er seine Position ziemlich deutlich verändert hatte. Ein Beispiel aus dem Rundfunkvortrag (vom 12. Mai 1980) Der Lehrer und die Lehren: »Die Lehren Friedrich Schillers sind nicht am dramatischen Werk abzulesen. Auch die großen philosophischen Gedichte (…) sind nur in vermittelter Form als Träger einer Lehrmeinung anzusehen.«511 1955 war der Dramatiker Schiller, wie gerade gesehen, für Mayer noch der Inbegriff des politischen, moralischen und ästhetischen Aufklärers. Doch 509 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 41. 510 Ebd., S. 45. 511 Ebd., S. 149. 234 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche der zeitliche Abstand zum Jubiläum und der geographische Abstand zur DDR und der innere Abstand zum Sozialismus (trotz aller gegenteiligen Behauptungen), führten zu der These: »In dieser Konstellation (d. i. während der Revolution, AH) wird für Schiller, abermals als Ersatzhandlung, die Philosophie zum Versuch, die rousseauistische Naivität der eigenen Anfänge zu überprüfen, besonders aber den Freiheitsgehalt des europäischen Aufklärungsdenkens vom Terrorismus der Jakobiner zu trennen. Mit welchem Ziel? Eine Sphäre zu finden, worin sich Humanität verwirklicht, ohne Gefahr zu laufen, durch kontrastierendes Zweckdenken in bare Unmenschlichkeit verwandelt zu werden.«512 Schiller als Lehrer sei dort zu erkennen, wo er das moderne Dichten als Kontrast zur bestehenden Kultur begreife.513 Dies ist ein ganz anderer Schiller als der von 1955. Der Dichter wird quasi von all seinen politischen und philosophisch-ideologischen Ummantelungen befreit (wobei nicht vergessen werden darf, dass ihm gerade Becher und Mayer diese Mäntelchen umgehängt hatten) – es bleibt der Ästhetiker, der allen progressiven realen politischen Tendenzen seiner Zeit kritisch gegenüber stand. Zwei Jahre später, 1982, in dem Aufsatz Skizzen zu einem Porträt begriff Mayer das Denken Schillers dann noch stärker im Scheitern der Person: »Nichts von allem, was in Schiller stecken mochte, jenseits der Schriftstellerei, hat er verwirklichen können.«514 Schillers politisches Engagement sei im Grunde genommen ziellos gewesen, ebenso inhaltslos, seine verschiedenen Zeitschriften entwickelten keinen Einfluss auf die damalige Gegenwart, als Philosoph habe er versagt, seine entsprechenden Schriften seien kein Gegenstück zu Platons Politeia, sondern erinnerten »eher an ein umfassendes Programm der Entpolitisierung«.515 Schillers philosophische Gedichte wären formlos, »oft nahezu drauflosgereimt, und sie entbehren der durch Überlieferung und eigenes Einverständnis des Dichters gefestigten Aussage über Mensch und Umwelt. Daher wimmelt es, bei 512 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 153f. 513 Ebd., S. 161. 514 Mayer: Skizzen zu einem Porträt, S. 166. 515 Ebd., S. 168, zum Kontext S. 166ff. 235 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 näherer Betrachtung, in Schillers philosophischen Gedichten von Widersprüchen.«516 Schiller habe »die geschichtliche Zeitgenossenschaft verweigert« zu Gunsten einer »geschichtslosen Ewigkeit«.517 Und so kommt Mayer zu einem Schluss, der seinen Betrachtungen von 1955 Hohn spottet: »Dass man nämlich Schillers Gesamtwerk auch als eigenständige und fast zwanghafte Flucht aus den poetischen Gattungen und den wissenschaftlichen Bereichen interpretieren könnte.«518 Ist nun ein Fragezeichen mitgedacht bei dieser Feststellung? Das ist schwer zu entscheiden. Was feststeht ist, dass sich Mayers Schiller-Bild radikal gewandelt hat. Gerade diese Perspektive zeigt aber ebenso, wie sehr er 1955 noch in die DDR verstrickt war, den Gedanken des verwirklichten Sozialismus, dessen Versprechungen hoch hielt und daran glaubte. Nicht an Sozialismus und Marxismus im Allgemeinen, das wäre ein sympathischer Zug, sondern an die Praxis der DDR. Wir sind mit der einen oder anderen Äußerung hart ins Gericht gegangen. Aber die Schiller-Ehrung trieb echte Blüten, gerade bei Becher und Mayer. Anders ließe sich der gerade nachgezeichnete Weg von Mayer nicht erklären. Vom Goe the-Jubiläum unterscheidet sich die Schiller-Zelebrierung schlichtweg dadurch, dass sie einige Jahre später stattfand, in einer Zeit, da die großen Versprechen des sozialistischen Staates schon längst mit einer Realität in Konflikt geraten waren, die zwei Jahre vorher, 1953, die ein Jahr später, 1956, in ihrer Differenz zu den Idealen mehr als nur greifbar wurde. Dass ausgerechnet Mayer dies nicht sah, dass 1953 (und später 1956) in seinem Denken keine Spuren hinterlassen hatte, anders als bei Harich, Lukács, Bertolt Brecht, ist durchaus überraschend und, fügen wir es ruhig hinzu, bedauerlich. Wie man diese Entwicklung beurteilt und einschätzt, das kann und soll hier nicht vorgegeben werden. Es war aber, was nicht vergessen werden darf, ein Prozess, der in der Mitte des Stalinismus begann und dessen Methoden sowie Inhalte nur spärlich hinter sich ließ. 516 Mayer: Skizzen zu einem Porträt, S. 171. 517 Ebd., S. 176. 518 Ebd., S. 173. Titelblatt des Vorwärts mit Heines Weberlied, 1844 237 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Mit der Darstellung der verschiedenen Positionierungen zu Schiller haben wir bereits einen Seitenblick gewagt, der wichtige Einblicke in das Erbe-Verständnis der DDR ermöglichte – der parteipolitischen Führungskader, der Intellektuellen und der offiziellen Verlautbarungen. Aber es gab neben dem Gespann Goe the und Schiller einen weiteren Dichter, der von der DDR für die eigene Tradition reklamiert wurde – Heinrich Heine.519 Vor allem Wolfgang Harich machte sich um dessen Werke in den ersten Jahren der DDR mehr als nur verdient, so dass auf den folgenden Seiten seine Interpretation vorzustellen ist. Natürlich gibt es ebenfalls bedeutende Ansätze der Vermessung durch Georg Lukács und Hans Mayer, die hier aber weggelassen werden wegen der – wie zu zeigen sein wird – maßgeblichen Rolle Harichs. In einem Artikel für die Tägliche Rundschau äußerte sich dieser am 13. Dezember 1947 erstmals zu Heinrich Heine.520 Neun Jahre später folg- 519 Abdruck als eigenständiger Aufsatz unter dem Titel: Heyer: Wolfgang Harich über Heinrich Heine, S. 45-66. Hier überarbeitet. 520 Harich: Zwischen Romantik und Demokratie. Zu Heinrich Heines 150. Geburtstag. Heinrich Heine 238 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche te dann der große Aufsatz Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie in der Sinn und Form. Er erlebte mehrere Neuauflagen, vor allem als Einleitung zu Heines Schriften.521 Zeitlich zwischen diesen beiden Texten erschien eine der ersten großen Editionsleistungen der jungen Germanistik der DDR: Harich gab 1951 in sechs Bänden die Gesammelten Werke Heines im Aufbau-Verlag heraus und verfasste außerdem ein Vorwort (Vorbemerkung des Herausgebers). Wegen dieser allein schon quantitativ beeindruckenden Beschäftigung kann Harichs intensive Auseinandersetzung mit Heine als zentral für die entstehenden Wissenschaften der DDR bezeichnet werden. Der Hauptgrund hierfür ist offensichtlich: Mit Blick auf die sozialistische Erbe-Pflege kam Heine eine besondere Bedeutung zu. Kaum ein anderer Schriftsteller wurde derart lautstark für die eigene Tradition in Beschlag genommen. Walter Reese hat in seiner Studie Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption das entsprechende Kapitel über die DDR mit der Überschrift »Unser Heine« versehen und adaptierte damit den Titel des 1952 erschienenen Buches von Werner Ilberg.522 »Heine ist angekommen in der DDR und hat hier eine neue Heimat gefunden – das ist das Bewusstsein aller DDR-Autoren die von nun an über ihn schreiben.«523 Was auf den ersten Blick etwas euphorisch klingt, hatte jedoch ein reales Fundament. In ihrer großangelegten Publikation Heine und die Nachwelt beleuchteten Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke die Differenzen in der ost- und westdeutschen Heine-Rezeption. Die bundesrepublikanische Heine-Beschäftigung sei »eher spärlich« zu nennen. 521 U. a.: Berlin, 1956. 3. Aufl., Leipzig, 1966. Frankfurt am Main, 1966, S. 7-52. In der letztgenannten Ausgabe des Insel-Verlages, Frankfurt am Main, vermeldete Harich zwar, dass die Neuausgabe seines Aufsatzes für Insel und den Leipziger Reclam-Verlag überarbeitet sei (S. 52), allerdings sind allenfalls geringfügige Änderungen feststellbar. Im Prinzip hat er an dem Erstdruck von 1956 in der Sinn und Form nichts inhaltlich Relevantes verändert. Neuabdruck in: Harich: An der ideologischen Front, S. 339-369. 522 Ilberg: Unser Heine. Zu Ilberg siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147f. Reese: Zur Geschichte der sozialistischen H eine-Rezeption in Deutschland, S. 286. Hermand: Streitobjekt Heine, S. 23. 523 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption in Deutschland, S. 286. 239 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Hinzu sei ein »Wunsch zur Entpolitisierung« getreten, der teilweise mit einer Geringschätzung Heines einherging.524 Im Fahrwasser dieser Annäherungsversuche sei es dann auch bei einigen Wissenschaftlern und Publizisten zu einer Reaktivierung der Vorurteile gegen Heine aus der bürgerlichen Zeit der Weimarer Republik und der Epoche des Faschismus gekommen. »So ist der Umgang mit Heine in der frühen Bundesrepublik – von Ausnahmen abgesehen – geprägt von Verdrängen, Berührungs- ängsten und zögernden Wiedergutmachungsversuchen.«525 Noch weitaus stärker als Goltschnigg und Steinecke fokussierte Jost Hermand in seiner 1975 publizierten Studie (Streitobjekt Heine) die Rückkehr der faschistisch motivierten Vorurteile gegen Heine im westdeutschen Nachkriegsdiskurs.526 Anders als die Bundesrepublik versuchte die DDR, sich Werk und Handeln von Heine, dem Freund von Marx, anzueignen. Neben dieser im politischen Bereich angesiedelten und damit ideologisch motivierten offiziellen Politik stand aber gleichzeitig eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Heine, die sich auf Franz Mehring und Georg Lukács berufen konnte527 und unter anderem mit den Namen Hans Mayer, Hans Kaufmann und Harich verbunden ist.528 524 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, erstes Zitat S. 135, zweites Zitat S. 137. 525 Ebd., S. 139. 526 Hermand: Streitobjekt Heine, S. 17-21. In einem Aufsatz hat Hermand den Kontext geschildert, in dem seine Arbeiten und editorischen Leistungen der späten sechziger und siebziger Jahre zu verankern sind. Siehe: Hermand: Die Kontroverse um die Klassik-Legende, S. 21-30. 527 Franz Mehrings Heine-Essay von 1911 publizierte Harich erneut als Einleitung seiner Heine-Ausgabe, er folgte auf seine Vorbemerkung des Herausgebers, S. 5-20. Mehring: Heinrich Heine, S. 21-72. Lukács hatte sich mehrfach zu Heine ge- äußert, im öffentlichen Diskurs war sein 1937 veröffentlichter Aufsatz präsent. Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter, S. 406-413. 528 Kaufmanns Beschäftigung mit Heine setzte zeitgleich zu den Arbeiten Harichs ein. Nach der Verhaftung Harichs avancierte er zum führenden Heine-Experten der DDR, der auch im Ausland mit seinen Werken und Editionen viel positive Resonanz fand. Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Heine, der uns allen gehör t, S. 55-58 sowie passim. Über Hans Mayer, der einen »Sonderfall innerhalb der 240 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Anfang der fünfziger Jahre kam es dann zu einer Politisierung des Heine-Bildes, der nun immer stärker als politischer Dichter interpretiert wurde. Die Heine-Rezeption verschob sich vom kulturellen Feld in den »ideologisch-propagandistischen Zentralbereich eines entstehenden und hart um seine Existenz ringenden neuen Staates«.529 Goltschnigg und Steinecke wiesen auch darauf hin, dass die Bundesrepublik der DDR in den Anfangsjahren das Erbe Heines nicht streitig machte. Weder gegen den Nationaldichter Heine noch gegen »unser Heine« gab es Stellungnahmen von Seiten der Politik oder der Wissenschaften der BRD.530 »Heine als ‚unser‘ Nationalautor – das heißt konkret: Die DDR wählt sich die mit dem Namen und Werk Heines verbundene kulturelle und literarische Ausrichtung als Zentrum ihrer eigenen Traditionsbildung. Wenn Heine damit neben der Weimarer Klassik in den Mittelpunkt des ‚literarischen Erbes‘ tritt, erklärt sich die DDR zum Erben seines freiheitlichen und sozialen (sowie zur Weiterführung seines kommunistischen) Denkens und Schreibens. Zweifellos hat dieser Umgang mit Heine zum kulturellen Ansehen der DDR in der westlichen Welt beigetragen.«531 Universitätsgermanistik der DDR« darstelle, schrieben die beiden im 3. Band ihrer Heine-Dokumentation: »Er hatte sich durch einen Vortrag im Gedenkjahr 1947 an der Universität Frankfurt am Main, Ahnen und Erinnern Heinrich Heines, als profunder Kenner des Dichters erwiesen. Dieser Aufsatz – gedruckt 1949 in einem Sammelband seiner Essays – und ein kurzer Vortrag von 1951 blieben allerdings die einzigen Publikationen Mayers über Heine in seiner Zeit als Leipziger Hochschullehrer. So beschränkte sich die Wirksamkeit seines innerhalb der DDR-Literaturwissenschaft ungewöhnlich offenen, vielseitigen Heine-Bildes auf die Hörer seiner legendären Vorlesungen, in denen er auch Heine ausführlich behandelte (…).« (Ebd., S. 58) 529 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 290. 530 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 160. 531 Ebd. Dort weiter zu den Konsequenzen der Aufwertung Heines: »Eine starke Förderung sowohl im populären als auch im wissenschaftlichen Bereich sowie, nicht zuletzt, an den Schulen. Aus welchen Motiven heraus solche Förderung auch erfolgte, mit welchen Funktionalisierungen und Verzerrungen sie auch verbunden war: Es beginnt damit in der Rezeptionsgeschichte Heines, aber auch in der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte, ein neues und wichtiges Kapitel.« (Ebd., S. 160f.) 241 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Als 1956 dann der 100. Todestag von Heine im Rahmen eines offiziellen Gedenkjahres in der DDR begangen wurde, publizierte das ZK der SED eine Stellungnahme, die die ganze Wucht und Bandbreite der Versuche der DDR, Heine in das eigene Erbe zu integrieren, aufzeigt. Eine Aufzählung kann verdeutlichen, an welchen Punkten die DDR Heine als »ihren« Vorkämpfer ansah, wie sie ihn und sein Schaffen charakterisierte:532 • Der »revolutionär-demokratische Denker und Publizist«. • Der »unermüdliche Streiter für eine bessere Zukunft«. • Der »Repräsentant der edelsten Bestrebungen im deutschen Volk«. • Der »Vorkämpfer eines fortschrittlichen, friedliebenden und demokratischen Deutschlands«. • »Er durchbrach die Schranken des bürgerlichen Denkens und wurde zu einem Vorläufer des sozialistischen Denkens.« • Die »Freundschaft und Zusammenarbeit mit Marx«. • Die »Liebe zum Vaterland«. • Er unterstützte »den konsequentesten Flügel der revolutionären Bewegung«. Zu diesen Leistungen sei Heine befähigt gewesen, da er sich »auf die fortschrittlichsten philosophischen und sozialen Theorien der vormarxistischen Periode stützte und sie an den geschichtlichen Vorgängen seiner Tage überprüfte«.533 Geehrt wurde demnach der Dichter Heine, vor allem aber ging es der DDR natürlich um den politischen Heine. Im Rahmen des Heine-Jahres erschienen zahlreiche Aufsätze, Studien und Artikel, die dieses Verständnis in unterschiedlichen Facetten transportierten.534 Ex- 532 Aufzählung nach: ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 497-500. Zuerst in: Neues Deutschland vom 12. Februar 1956, S. 1f. 533 ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 498. 534 Hinzu trat eine Vielzahl von Veranstaltungen, allein im ersten Halbjahr über 800, »mit Vorträgen, Lesungen, Liederabenden, Seminaren, ferner einer Wanderausstellung, Hinweisen zur Schaufenstergestaltung und zu Straßenumbenennungen«. Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 153. 242 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche emplarisch dafür kann Stephan Hermlins Aufsatz Über Heine von 1956 genannt werden. Für Hermlin war klar, dass die DDR jener Staat sei, in »dem Heines literarische Bestrebungen gesellschaftliche Realität werden«.535 Stärker konnte man die Idee des kulturellen Erbes kaum denken. Heine, der seine Zeit mit bitterböser Satire überzog, der gesellschaftliche Zustände der Repression und Unterdrückung kritisierte und vor allem eines forderte: die Freiheit der Kunst, wird so zum intellektuellen Gründungsvater der DDR verklärt. Der Pazifist Heine mutiert zum »Soldaten der Menschheit«, denn für das sozialistische Glück schien nach Meinung der DDR und ihrer Apologeten auch dem Friedliebensten keine Schlacht zu blutig.536 Hermlin schrieb: »Dem deutschen Gedanken, in der Höhe, zu der ihn Heine, Marx und Engels erhoben haben, entspricht eine Republik, die in die Reihe neuer Menschen-Staaten tritt, in denen uralter Hader geschlichtet wird, in denen Wahrheit und Schönheit sich für immer verbinden werden. Die Bürger der ersten deutschen Republik im Geiste Heinrich Heines grüßen an diesem Tag voller Ehrfurcht Heines Andenken (…).«537 Doch neben dieser plumpen Vereinnahmung Heines, die Harich vom marxistischen Standpunkt aus kritisierte, setzte sich auch eine wissenschaftlich fundierte Forschung durch. »Eine der ersten wesentlichen Leistungen der Heine-Forschung in der DDR war die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen Heine und Marx. Das war der handgreiflichste, weil biographisch fassbare Beweis seiner Nähe zum Kommunismus.«538 Auch für Harich spielte das Verhältnis Heines zu Marx eine wichtige Rolle. Die Beziehung beider wurde bei ihm zu einem zentralen Baustein der Interpretation der marxistischen Philosophie. Eine der Konsequenzen dieser intensiven Annäherung an Heine war die (schon erwähnte) Herausgabe der sechsbändigen Gesamtausgabe im Berliner Aufbau-Verlag 1951 durch Harich. In einer Rezension über diese Edition schrieb Hans Kaufmann: »Diese Ausgabe ist in dem immer 535 Hermlin: Über Heine, S. 78. 536 Ebd., S. 90. 537 Ebd. 538 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 288. 243 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine reicher werdenden Strom wertvoller Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt der DDR ein Ereignis. Sowohl Inhalt als auch Äußeres dokumentieren einen wichtigen Fortschritt: Den Übergang vom provisorischen Einzeldruck ausgewählter Texte unseres Erbes zu vollständigeren, gründlicheren und dauerhafteren ‚Gesammelten Werken‘. Sechs geschmackvoll ausgestattete Ganzleinenbände mit holzfreiem Papier zeugen von den Erfolgen des Aufbaus, die vor allem auch der würdigen Pflege der Kultur zugute kommen.«539 Doch nicht nur die Ausstattung, die in der Tat einen wesentlichen Qualitätssprung des DDR-Buchhandels markierte, auch die »geleisteten quellenkritischen Arbeiten verdienen alle Anerkennung«.540 Die Edition war daher mehr als nur ein »Schnellschuss«, wie Siegfried Prokop meinte.541 Ganz im Gegenteil stellt sie einen Ernst zu nehmenden Beitrag zur Erbe-Debatte der DDR dar und war das Resultat intensiven Arbeitens. Harichs Angaben zu Folge umfasst die Ausgabe »alle wesentlichen Schriften« sowie »möglichst alle Werke Heines, die für das Verständnis seiner Entwicklung unentbehrlich sind und die die Gipfelleistungen seines publizistischen Schaffens darstellen«. So Harich in der Vorbemerkung des Herausgebers.542 Darüber hinaus wird deutlich, dass die Edition vor allem den politischen und philosophischen Heine abbilden wollte.543 Diese Herangehensweise hat Hans Kaufmann als Literaturwissenschaftler in seiner Rezension kritisiert: »Aus einem zu eng gefassten Begriff von ‚politischer Relevanz‘ misst Harich den literatur- und kunsttheoretischen Arbeiten Heines eine zu geringe Bedeutung bei. (…) Dabei wird übersehen, dass zur Schaffung der theoretischen Grundlagen einer realistischen Kunst und Literatur des demokratischen Deutschland Heines Arbeiten zur Ästhetik ganz unentbehrlich sind und folglich an ‚politischer Relevanz‘ mancherlei 539 Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 283. Eine weitere Rezension verfasste Johanna Rudolph für die Einheit: Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 569-578. 540 Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 283. 541 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 62. 542 Harich: Heinrich Heines Werke, S. 338. 543 Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147-162. 244 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Berichten über Kabinettsaffären Thiers’ und Guizots (in Lutetia) gewiss nicht nachstehen.«544 Kaufmann warf Harich also vor, dass dessen Konzept politischer Kunst zu kurz greife. Harich erkenne nicht, dass auch ästhetische oder literaturtheoretische Konzeptionen in einer zweiten Dimension politische Inhalte und Konsequenzen haben bzw. wirksam transportieren. Mit Blick auf Harichs Frühwerk ist dieser Vorwurf jedoch nicht zutreffend. War es doch gerade Harich, der die ästhetische Eigenständigkeit von Literatur zu Gunsten einer politischen Interpretation zurückdrängte, d. h. politische Philosophie, geschichtsphilosophische Ansätze und ideengeschichtliche Traditionen in allen Quellenarten aufsuchte.545 Harich stellte der Heine-Ausgabe wie bereits erwähnt im 1. Band eine Vorbemerkung des Herausgebers voran.546 Außerdem druckte er als weiteren Teil der Einleitung den biographisch orientierten Aufsatz Heinrich Heine von Franz Mehring:547 »Diese Arbeit ist das Beste, was über Heines Leben und Werk in der ganzen Epoche der Zweiten Internationale geschrieben wurde, und allen bürgerlichen Interpretationen, auch den wenigen wohlwollenden, weit überlegen.«548 Mit dieser Einschätzung gab Harich den Konsens der DDR-Intellektuellen wieder, der auch in Übereinstimmung mit der SED-Politik stand (eine Ausnahme ist dabei teilweise Lukács). Bei 544 Weiter heißt es: »Können Gründe der Raumersparnis diesen Mangel ausreichend entschuldigen? Die ausgelassenen Vorreden zur zweiten und dritten Auflage des Buches der Lieder umfassen zusammen dreieinhalb Druckseiten, und auf diesen wenigen Seiten spricht Heine den untrennbaren Zusammenhang seines poetischen mit seinem politischen und philosophischen Schaffen aus und erklärt seine zeitweilige Wendung von der Lyrik zur Prosa aus der verschärften vorrevolutionären Situation zu Ende der dreißiger Jahre. Es lohnte sich wahrhaftig, dreieinhalb Seiten dafür zu opfern.« Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 285. 545 Als exemplarisches Beispiel dieser Art wissenschaftlichen Arbeitens sei von Harich genannt: Harichs Auseinandersetzung mit Erik Reger: Union der festen Hand, S. 808-827. In dem Aufsatz Über die Empfindung des Schönen, S. 122-166, arbeitete er Anfang der fünfziger Jahre seine Kunsttheorie in ersten Ansätzen heraus. 546 Harich: Vorbemerkung des Herausgebers, S. 5-20. Neu unter dem Titel: Heinrich Heines Werke. 547 Mehring: Heinrich Heine, S. 21-72. Zu Harichs Interpretation von Mehrings Heine-Aufsatz siehe auch: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, 71f. 548 Harich: Heinrich Heines Werke, S. 331. 245 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Johanna Rudolph hieß es: »Die Ehrenrettung für Heine vollzog die deutsche Arbeiterklasse. Mehring leistete mit seiner biographischen Abhandlung, die er der 1911 im Vorwärts-Verlag erschienenen Heine-Ausgabe voranstellte, einen bedeutenden Beitrag zur Popularisierung des Dichters bei den Massen der Werktätigen. Seine Arbeit nimmt unter den Dokumenten, die zum Verständnis und zur Aneignung des Erbes unserer Nationalliteratur führen, einen wichtigen Platz ein. Sie stellt eine Abrechnung mit Heines Gegnern dar, die den Dichter als ‚undeutsch‘ verleumdeten. Sie führt glänzende Schläge gegen das literarische Gewürm, das Heines Leben auf persönliche Affären und unfruchtbare Polemik zu reduzieren sucht, in ihm nur den Spötter sehen will. (…). Es war daher richtig, Mehrings Abhandlung mit in die neue Heine-Ausgabe zu übernehmen, zumal der Herausgeber sich kritisch mit ihren Fehlern auseinandersetzt (…).«549 Ähnlich hatte sich Hans Kaufmann geäußert, auch er positivierte Harichs Umgang mit Mehrings Heine-Bild.550 Da die Rekonstruktion von Harichs Heine-Verständnis anhand seines Aufsatzes noch erfolgt, steht an dieser Stelle sein Umgang mit Mehrings Schrift im Vordergrund. Diese enthalte, wie bereits die Rezensenten Rudolph und Kaufmann hervorhoben, trotz ihrer enormen Vorzüge verschiedene Fehler. Das war der für Harich typische Umgang mit den Schriften Mehrings, die er immer als in ihrer Zeit fortschrittlich einschätzte, aus moderner Sicht aber kritisierte.551 Gleichzeitig lässt sich diese methodische Herangehensweise an die Arbeiten des älteren Marxismus bzw. der älteren Sozialdemokratie bei Harich auch mit Blick auf andere Autoren und Theoretiker eruieren, Mehring markierte also keine Ausnahme. Insgesamt machte Harich vier Fehler in Mehrings Ansatz aus:552 549 Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 575. 550 Hans Kaufmann schrieb: »Es war eine gute Idee, Franz Mehrings Heine-Biographie der Ausgabe voranzuschicken, gleichzeitig aber einige Mängel in Mehrings Heine-Bild in der Vorbemerkung zu korrigieren.« Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 285. 551 Siehe die Anmerkungen Harichs zu seiner Schopenhauer-Edition: Harich: Vorwort zu Schopenhauer, S. 6. Positiv zu Mehring, z. B.: Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch, S. 9. 552 Alle Angaben der folgenden Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heines Werke, S. 331ff. 246 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche (1) Anders als zum Beispiel Friedrich Engels berücksichtige Mehring Heines Zur Geschichte der R eligion und P hilosophie in D eutschland nicht hinreichend. Er unterschätze die revolutionäre philosophische Aussagekraft des Textes. (2) Mehring habe die politische und philosophische Theoriebildung Heines nicht in ihrem gesamten Umfang erkannt. Das zeige gerade seine Rezeption der Polemik Heines gegen Platen (Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde) – in Bäder von Lucca. Da Mehring den Urteilen Ferdinand Lassalles zu häufig unkritisch folgte, bewertete er diese Auseinandersetzung falsch. Denn es habe sich dabei um mehr als nur einen »literarischer ‚Sumpf‘« gehandelt. Vielmehr seien Platen, der die »Beschränktheit des vormärzlichen Liberalismus« nie überwand, und der revolutionäre Heine aufeinandergetroffen. Heines »grandiose Ironie der Platen-Polemik« zeige also vor allem die Weiterentwicklung Heines. (3) Auch zu den Differenzen zwischen Heine und Ludwig Börne sowie dem Jungen Deuschland habe Mehring nicht entschieden genug Position bezogen und verkannt, dass Heine die »Symptome des geschichtlichen Versagens« des Bürgertums »als erster bewusst gemacht« habe. (4) Der vierte Fehler Mehrings bestehe in seinem Versuch, »die Tatsache zu rechtfertigen, dass Heine jahrelang von der Regierung der Juli-Monarchie in Frankreich eine Pension bezog«. Doch diese Verfehlung dürfe nicht verteidigt werden. Aber, und darauf kam es Harich an, sie tangiere nicht Heines Werk und auch nicht die positive Rezeption seines Denkens durch die marxistische Literaturwissenschaft. Das war eine durchaus grundsätzliche Stellungnahme, die über Heine hinausreichte. Denn mit Blick auf die bürgerliche Gesellschaft ließen sich bei vielen Künstlern und Wissenschaftlern des 18. und 19. Jahrhunderts Verstrickungen in den jeweiligen politischen Überbau/Staatsapparat ausmachen. Neben Goe the, um nur das vielleicht bekannteste Beispiel zu nennen, zeigt das gerade der »Fall Hegels« überdeutlich an – von Börne wurden beide ja als der »gereimte Knecht« und der »ungereimte Knecht« 247 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine tituliert.553 Doch selbst wenn Hegel als preußischer Hofphilosoph endete oder Heine von der französischen Aristokratie und Bourgeoisie alimentiert wurde – ihre intellektuellen Leistungen würden dadurch nicht geschmälert (selbstredend nach gründlicher marxistischer Durchleuchtung und Entrümpelung). Im Grunde genommen zielte der Kern von Harichs Kritik an Mehring auf den Punkt der fehlenden eindeutigen marxistischen Interpretation Heines. Dadurch bedingt sei es dann noch zu einer partiellen Entpolitisierung Heines gekommen. Mehring konnte nicht alle positiven und nach vorn weisenden Aspekte des Oeuvres von Heine erkennen, da er diesen nicht konsequent genug als Demokraten und Revolutionär verstanden habe. Die Rekonstruktion des Streits zwischen Heine und Platen durch Harich hat in der Forschungsliteratur Niederschlag gefunden. Ausgelöst wurde er, darauf hat Harich explizit verwiesen, durch Platens abwertende Äußerungen über Heines jüdische Herkunft. Heine reagierte, indem er Platens homoerotische Anspielungen in dessen Werken ironisierte und damit zudem öffentlich machte. Darauf nahm Harich Bezug und äußerte sich wie folgt:554 • »Platens Homoerotik zieht sich penetrant, wenn auch oft in prüde verschämten Andeutungen, durch sein ganzes Werk. Sie ist somit gar nichts Privates mehr, sondern durchaus eine Sache der literarischen Öffentlichkeit.« • Heines »Spott gilt ausschließlich dem höchst unzeitgemäßen, geschichtlich deplazierten Tatbestand, dass diese abwegigen Neigungen feierlich genommen werden (…)«. • »Heine stellt fest, dass diese Liebesverirrung und ihre poetische Idealisierung (…) unmöglich mit edlen ‚klassischen‘ Prätentionen ausgestattet werden kann, ohne heillos lächerlich zu werden.« Womit haben wir es zu tun? Handelt es sich um die für Harich typische Überspitzung einer Polemik, die kaum Rücksichten nimmt? Walter Reese 553 Lukács: Unser Goe the, S. 333. 554 Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heines Werke, S. 332-333. 248 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche machte in seiner Studie zur Heine-Rezeption tiefer liegende Beweggründe aus. »‚Abwegige Neigungen‘: Das nimmt sich erschreckend aus im Munde eines aufgeklärten Marxisten, der sich hier an der Diffamierung einer gesellschaftlichen Minderheit beteiligt, die nur wenige Jahre vorher von den Nationalsozialisten verfolgt und in KZs gesperrt worden war.«555 Harich habe mit der »vornehmen Distanzierung« Mehrings zu diesem Thema gebrochen. Reese unterstellte damit sowohl Mehring als auch Harich ein bewusstes Handeln. Und er ging noch weiter. Harichs »Affirmation antihomosexueller Vorurteile«556 sei kein Einzelfall, sondern vielmehr offizielle Politik der DDR, die dann letztlich von Harich nur auf ein Spezialthema angewandt wurde. Damit verkannte Reese Harichs Rolle in der DDR, der eben nicht vollständig Teil der Partei- und Kaderphilosophie war, sondern frühzeitig emanzipative und undogmatische Entwicklungen absolvierte, die ihn in immer stärkere Diskrepanz zur Partei brachten. Gleichzeitig kritisierte Reese Harichs Vorgehen (das sich auch bei anderen marxistischen Heine-Forschern nachweisen lasse), Heines Angriff gegen Platen als persönliche Revanche zu missinterpretierten.557 »Harichs Neudeutung der Platen-Polemik und ihre Gefolgschaft gehört zu den problematischsten Kapiteln sozialistischer Heine-Rezeption. Erkennbar ist, wie an Hand von Heines Polemik Vorbehalte gegen Homosexualität, Formalismus, Modernismus und Liberalismus mobilisiert werden, wie die Probleme in jeweils angrenzende Bereiche projiziert werden, unter Affirmation bzw. Verschweigen des eigentlichen Skandalons.«558 Harich und neben diesem etwa auch Georg Lukács hätten Heine einer »antimodernistischen Ausschlachtung«559 unterzogen. Damit stünden ihre Interpretationsansätze in einer Gemengelage, die die allgemeine Repression der Kulturlandschaft der DDR ebenso umfasse wie die Entwicklung eines sozialistischen Menschenbildes, das Uniformität vor In- 555 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 281. 556 Beide Zitate: Ebd. 557 »Diese interpretatorischen Verrenkungen sind allesamt auf eine gesellschaftliche Ursache zurückzuführen: auf die Unterdrückung der Homosexualität auch in der DDR (…).« (Ebd., S. 283.) 558 Ebd. 559 Ebd., S. 283f. 249 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine dividualität setze. Mit diesem Fazit ist Reese sehr deutlich über das Ziel hinausgeschossen und setzte die Spekulation vor den wissenschaftlichen Diskurs.560 Vor allem aber sicherlich mit seiner These, dass Harich einer der intellektuellen Gründungsväter der Ressentiments der DDR gegen- über Homosexuellen sei. So warf Harich ja Hans Mayer vor, dass dieser in seinem Buch über Thomas Mann un-marxistisch arbeite, wenn er biographische Fragen, wie etwa die nach Manns eventueller Homosexualität, fokussiere.561 Die Biographie ist irrelevant in diesen Punkten, so Harich programmatisch. (Diesen Aufsatz hätte Reese zu Kenntnis nehmen können, viele andere Äußerungen Harichs ebenfalls.) Wenn Harichs Frühwerk rekapituliert wird, wie es sich zwischen 1946 und 1956 in einzelnen Schritten herausbildete, ist es nicht möglich, ihn mit den von Reese genannten Entwicklungen in Zusammenhang zu setzen. Ganz im Gegenteil steht gerade Harichs intellektueller Werdegang exemplarisch für die Emanzipation der Intellektuellen der DDR von der Führung der SED.562 Seine Biographie zeigt deutlich den Kampf gegen Bevormundung und für die Freiheit der Kunst sowie des Individuums als Produzent und Rezipient von Kunst. Ihm antimodernistische oder gar formalistische Tendenzen zu unterstellen, ist nach einer unvoreingenommenen Lektüre seiner Schriften nicht möglich.563 Gerade wenn man berücksichtigt, wie er sich frühzeitig für Bertolt Brecht einsetzte und diesen massiv und polemisch treffend gegen die im Auftrag der SED vorgetragenen Formalismus- und Dekadenzanschuldigungen Fritz Erpenbecks verteidigte.564 Und gemeinsam mit Brecht gehörte er dann zu den ganz 560 Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke stellten in einem anderen Zusammenhang fest, dass Reese »wohl etwas zu hart« urteile. Goltschnigg/Steinecke: Heine, der uns allen gehört, S. 52. 561 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801-804. 562 Aufgearbeitet bei: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, S. 32- 63. 563 Reese urteilt höchstwahrscheinlich rückblickend, d. h. mit Blick auf jene Positionen, die Harich beispielsweise in den siebziger Jahren in seiner Thematisierung des Schaffens Heiner Müllers vertrat. Das ist aber eine zutiefst unhistorische Herangehensweise. 564 Siehe: Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens, S. 215-219. Wichtige Hinweise etc. liefert: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR, S. 55-69. 250 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche wenigen Wissenschaftlern und Künstlern der DDR, die 1953 die Energie des Arbeiteraufstandes zur Durchsetzung von Reformen nutzten. Nicht zuletzt ist es eine überaus merkwürdige Vorstellung, dass die verbindende Klammer der DDR-Intellektuellen und der SED ausgerechnet die Homophobie gewesen sein soll. Harich hätte sich für so etwas nie hergegeben. Und schon gar nicht im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams der Studierstube. Sein Schaffen galt immer dem Ringen um die Ermöglichung der freien Entfaltung aller leidenschaftlichen und intellektuellen Potentiale eines jeden Menschen. Harich ist mit seinen Schriften Teil des geschilderten Prozesses der Politisierung der Interpretation Heines, dessen Rahmenbedingungen er allerdings teilweise durchbrach. Walter Reese hat den Beitrag Harichs zur Entstehung des Heine-Bildes der DDR benannt: »Er arbeitete, deutlicher noch als Lukács, die philosophiehistorische Leistung Heines heraus. Zusammen mit Hans Kaufmanns565 Dokumentation und Analyse der ästhetischen Anschauungen Heines ist dieser Aufsatz (d. i. Heinrich Heine und das Schulgeheimnis, A. H.) Ausdruck einer Art von Paradigmenwechsel in der DDR-Rezeption. Er steht für die Entdeckung des ‚theoretischen Heine‘. Das Interesse verlagert sich vom vorwiegend biographisch abgeleiteten Bild des Kämpfers und Marxfreundes zu einer Einordnung in die kulturtheoretischen, philosophischen und ästhetischen Diskussionsprozesse in der Phase der Auflösung der klassischen deutschen Philosophie.«566 Dieser Befund ist nicht überraschend. Denn es ist einer der charakteristischen Züge von Harichs Denken, dass er Kunst immer in ihren politischen Dimensionen begriff. Gleichzeitig war für ihn auch klar, dass ein Schriftsteller wie Heine in den hochgradig ideologisierten Zeiten des 19. Jahrhunderts nicht einfach nur Gedichte verfasst habe. Ganz im Gegenteil war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihn ebenso wie etwa der Umbruch nach 1945 einer jener Knotenpunkte, an denen jede Handlung, jedes Wort politisches Bekenntnis ist. In Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland prophezeite Heine, dass aus der deutschen Philosophie um Hegel eine ähnliche 565 Gemeint ist: Kaufmann: Über die ästhetischen Anschauungen Heines, S. 5-48. 566 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 308. 251 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Revolution hervorgehen werde wie in Frankreich 1789. Im Prinzip haben in diesem Sinne, darauf will Harich hinaus, drei der großen europäischen Kernländer ihre eigene Revolution initiiert: In Frankreich war sie direktes Handeln, in England zeigte sie sich als industrielle Revolution, in Deutschland bezeichnet sie in marxistischer Lesart den Prozess der Entwicklung von der klassischen Philosophie bis hin zum Manifest sowie der darauf folgenden Konvergenz von marxistischer Theorie und proletarischer Praxis.567 Harich zu Folge findet sich die frühe, noch tastende Formulierung dieses Gleichklangs bei Heine: »Richtig verstanden, hat Heine hier als erster einen wirklichen, wesentlichen Zusammenhang unserer nationalen geistesgeschichtlichen Überlieferung ahnend erfasst, und fest steht, dass sein gebieterisches Wort die latenten revolutionären Energien des deutschen Denkens seiner Zeit, indem es sie, übertreibend sogar, beim Namen nannte, in folgenreicher Weise hat mobilisieren helfen. Wie das ökonomische Erstarken der preußischen Bourgeoisie dem Junghegelianertum die soziale Basis gab und die Julirevolution es ins Leben rief, so scheint Heine es sprechen gelehrt zu haben.«568 Es ist ein typisches Argumentationsschema Harichs, wenn er den bürgerlichen Wissenschaften und Ideologien unterstellt, dass sie diese Tendenzen in Heines Werk nicht erkennen konnten bzw., wenn sie sie erblickten, dann nur, um sie zu verfälschen. (Das ist ja exakt die Position von Lukács und Rilla mit Blick auf die bürgerlichen Goe the- Interpretationen.) Die von ihm genannten Gründe sind identisch mit seinem Blick auf das 19. Jahrhundert. Wenn Heine also von Revolution spreche, dann habe er damit nicht den gescheiterten bürgerlichen Versuch der Paulskirche gemeint, sondern die philosophischen Veränderungen. »Denn Heines Prophezeiung ist eben insofern kein bloßer Irrtum, als sie auf die Entstehung des Marxismus in Deutschland hindeutet, auf die deutsche Revolution also, die keineswegs gescheitert ist; die freilich unmittelbar, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zunächst 567 Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. Den soeben beschriebenen Weg verfolgen: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 288-343. Siehe auch Harichs Vorlesung: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, S. 1117-1281. 568 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 340. 252 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche auch wieder eine Gedankenrevolution blieb, aber eine solche, von der alle Erfahrungen unserer Epoche beweisen, dass ihre welthistorisch-praktische Tragweite noch weit über das hinausgeht, was Heine in seinen kühnsten Träumen sich vorstellen mochte.«569 Im Prinzip führte Harich mit diesen Passagen aus, dass durch den Marxismus bzw. sogar bereits durch die diesem vorausgehenden Änderungen in der Philosophie das Ende der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam vorprogrammiert war. Alle drei aus marxistischer Sicht wichtigsten philosophischen Strömungen des 19. Jahrhunderts wurden damit aufgewertet: der Marxismus, der dialektische und historische Materialismus und der Idealismus (d. h. die klassische deutsche Philosophie). Letzterer sicherlich am deutlichsten, da er sonst oftmals in der von der SED initiierten und organisierten Kritik stand. In dem Moment, wo sich der Marxismus formiere, sei, in mittel- oder langfristiger Perspektive, das Ende der bürgerlichen Welt besiegelt. Das habe Heine als einer der ersten angesprochen und eben in dieser Einsicht bestehe sein Verdienst um die Sache des Kommunismus. Damit ist dann auch gesagt, dass jede revolutionäre Aktivität innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und jede anarchistische ad-hoc-Aktion, die nicht den Horizont der bürgerlichen Welt durchbrechen wollen, ebenfalls zwangsläufig scheitern müssten.570 Mit seiner überaus deutlichen Aufwertung von Heines Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland prägte Harich das Heine-Bild der frühen DDR.571 In der bereits angesprochenen Stellungnahme des ZK der SED zum Heine-Jahr 1956 wurden drei Schriften Heines in den Vordergrund gerückt: Deutschland. Ein Wintermärchen, Die schlesischen Weber und Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.572 In dieser Schrift »charakterisierte Heine treffend die Rolle, die religiöse Vorstellungen in der Geschichte spielten, und gab eine Darstellung der klassischen 569 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 343. 570 Diesen Gedanken formulierte Harich anhand zahlreicher Belege in: Harich: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Hierzu: Heyer: Wolfgang Harichs Staatsbegriff, S. 9-78. 571 Das stellte Johanna Rudolph frühzeitig in ihrer Rezension heraus: Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 571f. 572 Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 153f. 253 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine deutschen Philosophie, die von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, als bahnbrechend eingeschätzt worden ist.«573 Die Position Harichs und die offiziellen Stellungnahmen der SED waren an diesem Punkt also kongruent. Auch wenn Heine keine »philosophischen Leistungen, die diesen Namen verdienen« hervorgebracht habe, so sei er doch ein politischer Schriftsteller gewesen. Wie bereits aufgezeigt, bestehe seine bedeutende philosophische Leistung in der Thematisierung der revolutionären Potentiale des Marxismus. Darüber hinaus »war (…) er ein wahrhaft universeller, allseitig gebildeter Publizist«, der sich vor allem »den Resultaten des fortschrittlichen Denkens« seiner Zeit verpflichtet fühlte.574 Ermöglicht wurde diese Positionierung Heines durch seine enge Anlehnung an Hegel. Harich nutzte seine Beschäftigung mit Heine nun, um in diesem Zusammenhang erneut Stellung zu nehmen und interpretierte Hegel als Stichwortgeber Heines. Ein interessanter intellektueller Schachzug, der die Aufwertung der Philosophie Hegels mehr als nur impliziert. Gleichzeitig wurde Heine so zum entscheidenden Bindeglied beim Übergang von der Auflösung der Philosophie Hegels hin zum Marxismus. In der Hegel-Denkschrift von 1952 hatte Harich bereits den hohen Stellenwert Heines in diesem Sinne herausgestellt. Wenn also Marx tatsächlich Hegel auf die Füße gestellt hat, dann zeigte Heine ihm den Platz, an dem Hegel seinen Kopfstand machte. Darüber hinaus habe Hegel auch das literarische Schaffen Heines geprägt. »Es ist nicht der schlagende Witz allein, es ist diese Nähe zu Hegel, es ist das Umprägen Hegelscher Ahnungen und Einsichten in einen ironischen, geistreich aggressiven, volkstümlich-verständlichen Journalismus, mithin das Hineintragen der höchsten philosophischen Kultur der Epoche in die oppositionelle Publizistik, was das Prosaschaffen Heines, von den Reisebildern an, die gesamte liberale und demokratischen Tagesliteratur im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre haushoch überragen lässt und was namentlich den weiten Abstand zu dem ja gleichfalls höchst witzigen Börne schafft.«575 573 ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 498. 574 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 345. 575 Ebd., S. 348. 254 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Und dennoch, trotz des hohen Einflusses Hegels sei Heine nie ein »vorbehaltloser Hegelianer« gewesen. Da er revolutionäre und demokratische Ideen vertrat, habe er zwangsläufig in Kontrast zu Hegel kommen müssen,576 der »als preußischer Staatsphilosoph endete«. Das zeige beider Geschichtsverständnis: Heine habe zwar nie die »objektiv-idealistischen Grundlagen« der Hegelschen Geschichtsauffassung überwunden, da die von Hegel vorgenommene Periodisierung der Geschichte zu den Fundamenten seines Denkens gehörte. Doch dadurch, dass sich Heine den Volksmassen verbunden fühlte, wendete er Hegels Ansichten gleichsam nach vorn, d. h. er machte sie modifizierend an sein revolutionäres Gedankengut anschlussfähig. »Und diese ganze Umbildung der Hegelschen Philosophie kulminiert nun in einer Revolutionserwartung, die weit den Horizont der Zukunft aufreißt. Während für Hegel die Weltgeschichte in der Gegenwart des preußischen Staates vollendet ist, steht für Heine ihr Ziel, die Befreiung der Menschheit von Unterdrückung, Armut und Not, noch aus.«577 Damit hatte Harich den in der Tat fundamentalen Unterschied beider Geschichtskonzeptionen benannt. Harich ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass seines Erachtens Heine durch seine Adaption der Philosophie Hegels sowie deren revolutionäre Umwandlung zum politischen Schriftsteller wurde.578 Über den »Umweg« Hegel öffnete er sich außerdem den großen französischen Historikern (Guizot, Mignet, Thiers, Thierry) und wurde zum »Anhänger des utopischen Sozialismus«.579 Und auch sein sich ständig verschärfender 576 Auf diese Weise hatte bereits Marx Hegels Philosophie überwunden. Siehe: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen M arx, 1840, S. 288-343. 577 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 350. 578 Walter Reese führt zutreffend aus, dass »die Erkenntnis der engen Verwandtschaft Heines und Hegels ein Verdienst der marxistischen Heine-Rezeption« ist. Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 312. 579 Hierzu mit analogen Aussagen: Harich: Arbeiterklasse und Intelligenz, S. 64. Auch: Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter , S. 406-413. Ausführlich Harichs Positionierung zu den Quellen des Marxismus, also zum Utopischen Frühsozialismus, zu den französischen Historikern und zu den englischen Ökonomen, nachzulesen in der Vorlesung Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, vor allem: § 4: Der Utopische Sozialismus, S. 1152-1179; § 5: Die Entdeckung des Klassenkampfs, S. 1179-1183; § 6: Die klassische englische Nationalökonomie, S. 1183-1197. Dort auch 255 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Atheismus habe hier seine Wurzeln. Harich nannte drei positive Aspekte des Denkens und Schreibens Heines, die im Rahmen der sozialistischen Erbe-Pflege von Relevanz seien:580 (1) Er habe die Frontstellungen zwischen Fortschritt und Reaktion581 in der deutschen Geschichte erkannt. (2) Er schilderte »mit oft genialer Treffsicherheit« die Zusammenhänge zwischen den realen politisch-sozialen Problemen und Kämpfen auf der einen und den jeweiligen philosophischen Konzeptionen auf der anderer Seite. (3) Er argumentierte gegen die deutsche Rückständigkeit und Kleinstaaterei, übte eine »unnachsichtige nationale Selbstkritik« und sei dennoch als »militanter Demokrat« ein überzeugter Patriot gewesen.582 In diesem Sinne stand Heine Harich zu Folge also in einem überaus Marx-konformen Spannungsfeld. Hinzu trete natürlich die persönliche Bekanntschaft mit Marx sowie die teilweise intensive persönliche und publizistische Zusammenarbeit. Diese Punkte wurden in der offiziellen Heine-Lesart der DDR oft fokussiert.583 Gleichzeitig, so Harich weiter, habe Heine auch die deutschen Kommunisten seiner Zeit positiv gewürdigt. Aber Heine sei nie ein Verfechter des wissenschaftlichen Sozialismus oder gar ein Marxist gewesen. Es ist sicherlich das herausragende Moment des Aufsatzes von Harich, dass er sich gegen die allumschlingende Heider Abdruck weiterer ergänzender Dokumente sowie des Zeitungsartikels: Entstehung des Marxismus, S. 1282-1294. 580 Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 361ff. 581 Wichtig ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass Harich an dieser Stelle (und auch in anderen Kontexten) von Fortschritt und Reaktion sprach, nicht von Materialismus und Idealismus. Gesagt war damit, dass auch der Idealismus fortschrittliche Momente, Theorien und Systeme hervorgebracht habe. Die Trennlinie zwischen Fortschritt und Reaktion ist nicht mit der zwischen Materialismus und Idealismus identisch, so seine These. 582 Siehe auch: Harich: Herder und die nationale Frage, S. 103-117. 583 Siehe hierzu: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147f. ZK der SED: Der deutsche Dichter H einrich Heine, S. 498f. Rudolph: Heines Werke dem Volke!, S. 576f. 256 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ne-Vereinnahmung der DDR und deren einseitig-verzerrende Ausrichtung wendete. Am Anfang wurde bereits Stephan Hermlins Heine-Bild als charakteristisches Beispiel der offiziellen Sichtweise der SED erwähnt, in dem dieser fast schon als Gründungsvater der DDR erscheint. »Harich, und das ist eine Leistung, die anerkannt werden muss, hat sich ausdrücklich von solchen jubiläumsrednerischen Überschwenglichkeiten abgesetzt und gefolgert, dass gerade, um ein solches kritikloses subalternes Denken zu vermeiden, ‚sehr scharf auch die Unterschiede und Gegensätze‘ herausgearbeitet werden müssen, die Heine vom marxistischen Denken trennen. So überwiegt in seinem Essay letzten Endes doch das Moment der kritischen Auseinandersetzung gegenüber dem der blindwütigen Vereinnahmung.«584 Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke sprachen davon, dass es sich bei Harichs Ausführungen um eine »Fundamentalkritik« an der DDR-Praxis handelte.585 Harich selbst verstand seine Heine-Kritik als Hinweis an die »Adresse voreiliger Adepten«.586 Und es ist eindeutig, dass er damit die offiziellen Stellungnahmen der SED sowie der Teile der DDR-Intelligenz, wie wir sie in Hermlins Beitrag kennen gelernt haben, meinte. Die Idee des kulturellen, philosophischen und wissenschaftlichen Erbes hat er immer bejaht. Doch dieses sei nur dann richtig nutzbar, wenn es eben gerade nicht rein apologetisch oder einseitig verneinend gewonnen werde. Erbe-Pflege bedeute und impliziere kritische Hinterfragung – nicht zuletzt zeuge dies auch von dem Respekt, dem man den Vorläufern zubillige.587 Wenn dies nicht berücksichtigt werde, dann drohe die 584 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 310. 585 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 158. Deren Zielrichtung machten sie einerseits in den offiziellen Aufsätzen, Publikationen etc. aus. Gleichzeitig betonten sie, dass Harich auch die Weimarer Heine-Tagung im Visier hatte. Denn die Planungen für das eigentliche wissenschaftliche Hauptereignis des Heine-Jahres waren zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgeschlossen. (S. 158f.) Siehe grundlegend: Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 586 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 361. 587 Einige vorsichtige Momente der Kritik an Heine finden sich auch im SED-Papier: ZK der SED: Der deutsche Dichter H einrich Heine, S. 499. Dort: »Wenn Heine auch leidenschaftlich für die Revolution und sozialistische Ziele kämpfte, 257 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine »falsche Kanonisierung der Heineschen Methode«.588 Die Momente der »partiellen Übereinstimmung« mit dem Marxismus dürften die grundlegenden Differenzen zwischen den beiden Ansätzen nicht überlagern. Harich machte mehrere Punkte gegen Heine geltend, die in der Folge aufzuzählen sind:589 • Heine gelang es nie, »über eine geistreich politisierende Beleuchtung der großen Ideenkämpfe, über ein oft geniales, oft aber auch ganz oberflächliches Analogisieren politischer und ideengeschichtlicher Ereignisse hinauszugehen«. Das heißt, im fehlte schlicht der wissenschaftliche Blick des Marxismus, die Fähigkeit zum »realen Erkennen«.590 • In diesem Sinne seien seine philosophischen Leistungen zuvorderst feuilletonistische Arbeiten. Heine gebe treffende und gute Charakteristiken von Ereignissen und Personen, mehr aber auch nicht. • Auch wenn bei Heine von einer »Politisierung der Philosophiegeschichte« zu sprechen sei, so habe er doch »vielfach die wirklichen Zusammenhänge verfehlt«. Diese stelle erst der Marxismus her. • Grundsätzlich sei einzuwenden, dass Heine sich nicht auf den Standpunkt des historischen Materialismus stelle. Seine Weltanschauung gebärde sich als eine »eigentümliche Synthese von Hegel, Goe the und Saint-Simon«.591 so nahm er dennoch nicht völlig den Klassenstandpunkt des Proletariats ein. Seine Unklarheiten und Schwankungen wurden verstärkt durch die Isolierung, in die der kranke Dichter nach 1848 geriet. Heine wirkte trotz dieser im einzelnen irrigen Ansichten bis zu seinem Tode entschlossen für die Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, für den Sieg des gesellschaftlichen Fortschritts, des Sozialismus.« (S. 499) 588 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 362. 589 In der Vorbemerkung zur Heine-Gesamtausgabe (Heines Werke) findet sich diese Kritik in der hier wiedergegebenen Zusammenstellung noch nicht. Sie bildete sich also nach 1951 heraus und steht in Zusammenhang mit Harichs Interpretation der Erbe-Pflege der DDR. Die folgende Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 356-367. 590 Am konkreten Beispiel argumentierend, äußerte sich Hermann Klenner anders als Harich. Siehe: Klenner: Hegel und der Klassencharakter des Staates, S. 648. 591 Diese Aussage zeigt Harichs Nähe zur Konzeption von Lukács, der schrieb: »Die Vereinigung von sozialistischer Theorie und revolutionärer Arbeiterbewegung bleibt bei Heine ein rein theoretisches Postulat, bestenfalls die aphoristische Fest- 258 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche • Heines Geschichtskonzeption sei idealistisch. Daraus resultiere, dass seine Sichtweise der Geschichte immer dort zu kurz greife, »wo es darauf ankäme, sie aus den Besonderheiten der ökonomisch-sozialen Entwicklung Deutschlands, aus den Veränderungen der materiellen Basis, aus dem Verhältnis der Klassen zueinander zu erklären«. • Harichs abschließender Kritikpunkt zielte auf Heines Art und Weise der Generierung seiner Theorie: »Mit dem Hervorgehen der neuen, revolutionären Weltanschauung und politischen Praxis aus der klassischen deutschen Philosophie hat Heine es sich entschieden zu leicht gemacht.« Er habe also durchaus das »Richtige« gesagt, es aber auf falsche Weise gewonnen. Im Prinzip ergibt sich durch diese Vorgehensweise eine merkwürdige Situation. Zuerst wurde Heine mit aller Macht als politischer Philosoph mit dichterischen Einschlägen bzw. einem lyrischen Hobby präsentiert. Und dann erklärte Harich in einem weiteren Schritt, welche zahlreichen Fehler er dabei gemacht habe. Walter Reese hat als charakteristisches Merkmal von Harichs Aufsatz herausgestellt, dass in dessen Darstellung, die kritisch-distanzierter Natur sei, »schärfste Kritik mit höchstem Lob wechselt«.592 Zu diesem Urteil passt sicherlich Harichs Schlusskommentar zu Heine: »Man kann von ihm zwar nicht behaupten, dass ihm die Zugehörigkeit der deutschen Philosophie zur deutschen Welt verborgen geblieben wäre: seine satirische Kritik an den philiströsen Schwächen und den spekulativen Verstiegenheiten der Klassiker des deutschen Idealismus, in deren problematischen Zügen er die Schwächen ihrer Nation kenntlich macht, bezeugt das Gegenteil. (…) Allerdings aber hat Heine ‚anderweitig hergeholte Forderungen und Resultate‘, nämlich die Ideen Saint-Simons stellung einer Notwendigkeit, sie wird aber niemals zu einer praktisch konkreten Erkenntnis. Die sozialistische Perspektive Heines schwebt also für ihn in der Luft. (…) Alle konkreten Vorstellungen fehlen. Von der sozialistischen Revolution als konkretem historischen Prozess hat Heine keine Vorstellung. In dieser Hinsicht bleibt er Zeit seines Lebens auf dem methodologischen Standpunkt des Utopismus: der Sozialismus ist für ihn ein Zustand, eine kommende Weltlage. (…) In dieser Hinsicht bleibt er ein saint-simonistischer Hegelianer.« Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter, S. 407. 592 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 311. 259 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine und Enfantins und die Forderungen der klassenbewussten französischen Arbeiter, dazu sein eigenes Revolutionärtum, nur zu oft als Schlussfolgerungen, die er aus den Prämissen von Kant, Fichte und Hegel gezogen habe, ausgegeben.«593 Vom 8. bis zum 13. Oktober 1956 fand dann in Weimar die große Heine Konferenz der DDR statt, die den Höhepunkt des Heine-Jahres markieren sollte. Dieter Schiller hat die Geschichte der Konferenz 2007 erstmals rekonstruiert.594 »Der Eröffnungsvortrag sollte von einer ‚Persönlichkeit des öffentlichen Lebens’ gehalten werden; da sich kein geeigneter Redner aus diesem Kreis fand, wurde diese repräsentative Aufgabe Harich übertragen.«595 Harich trug eine leicht überarbeitete Fassung seines gerade analysierten Aufsatzes aus der Sinn und Form vor und redete insgesamt knapp zweieinhalb Stunden.596 Die Tagung lief für DDR-Verhältnisse überaus kontrovers ab. Dabei geriet dann auch Harichs Ansatz in die Kritik. So forderte zum Beispiel Paul Reimann die Trennung zwischen Dichtung und Philosophie. Und Marianne Lange ergänzte in ähnlicher Richtung, dass das künstlerische Werk an sich auch zu untersuchen sei.597 Beide Einwände zielten also auf Harichs Konzept der politischen Sichtweise auf per se politische Kunst. Damit war er seinen Kritikern insofern voraus, als er den Marxismus auf seiner Seite hatte.598 Allerdings blieben in den folgenden Jahren die Grenzen einer möglichen Heine-Kritik in der DDR äußerst eng. Die SED und ihre philosophischen sowie kulturellen Eliten wollten nicht auf »ihren Heine« verzichten. Das allerdings evidiert noch einmal den hohen Stellenwert von Harichs Aufsatz. 593 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 368f. 594 Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 595 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 159. 596 Hermand: Streitobjekt Heine, S. 24. 597 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen H eine-Rezeption, S. 312. Von Marianne Lange erschien am 20. Oktober auch ein Artikel im Neuen Deutschland über die Konferenz. Lange: Nach der wissenschaftlichen Heine-Konferenz, S. 4. 598 Hierzu auch die entsprechenden Passagen in: Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR, S. 14. 260 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Am 29. November 1956 wurde Harich auf Befehl Walter Ulbrichts verhaftet und im März des nächsten Jahres wegen angeblicher Bildung einer »konterrevolutionären Gruppierung« zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.599 Mit diesem Thema werden wir uns gleich beschäftigen. Da Harichs Werk mit allen Mitteln aus dem öffentlichen Gedächtnis der DDR-Intelligenz getilgt werden sollte, kamen seine Schriften auf den Index. So wurden die Vorträge des Heine-Kongresses nicht schriftlich herausgegeben. Nach Harichs Verhaftung etablierte sich Hans Kaufmann als Heine-Experte der DDR, er hatte endlich freie Fahrt. Der Preis, den er dafür zu bezahlen hatte, war allerdings sehr hoch: Als nur einer von zwei Deutschen war er an der Schmähschrift gegen Lukács (Georg Lukács und der Revisionismus) beteiligt, die 1960 im Aufbau-Verlag erschien. Der Titel seines Beitrags lautete: Lukács’ Konzeption eines »dritten Weges«. Diese Konstellation ist sicherlich kein Zufall. 599 Diese Ereignisse sind relativ gut erforscht, erste Einblicke und Orientierungen bietet: Heyer: Wolfgang Harichs Demokratiekonzeption aus dem Jahr 1956, S. 529- 550. Der kranke Heinrich Heine (oben), Bleistiftzeichnung von Charles Gleyre, 1851; Heine: Der Doktor Faust, 1851 261 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Harich (Plattform): »Klarstellung der Tatsachen, dass es sich bei der Politik der jugoslawischen Bruderpartei seit 1948, beim Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, beim XX. Parteitag der KPdSU, beim Posener Volksaufstand vom Juni 1956, beim VIII. Parteitag der KP Chinas, beim VIII. Plenum des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und bei dem ungarischen Volksaufstand vom Oktober 1956 um Glieder eines revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse gegen den Bürokratismus der Stalinschen Periode (…) handelt.« Es ist notwendig, dass wir für einen kurzen Augenblick Goe the, Schiller und Heine, dass wir die philosophischen und wissenschaftlichen Debatten der jungen DDR verlassen und uns den historischen Ereignissen zuwenden. Das Jahr 1956 war eine Zäsur in der Geschichte des Sozialismus und Marxismus und brachte mit seinem Ereignissen tiefe Einschnitte in die Biographien unserer Protagonisten. (Auf den folgenden Seiten steht, nach einer kurzen Betrachtung der ungarischen Unruhen, vor allem das Schicksal Harichs im Mittelpunkt, da es die Einstellung, das Selbstverständnis der Intellektuellen in der DDR und in der Bundesrepublik auf Jahre hinaus determinierte.) In der DDR versuchten Partei und Staatssicherheit die vielfältigen Diskussionen in den einzelnen Wissenschaften, die die Dynamik des intellektuellen Aufschwungs der DDR verbürgt hatten (vor allem in der Philosophie), ein- für allemal zu unterbinden. Es sollte sie nicht mehr 262 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche geben, sondern ausschließlich den Parteidogmatismus. Für 1956 wurde daher ein ausführlicher Plan entwickelt, wie das akademische Leben zu gestalten sei, um die notwendige Konformität herzustellen. Jede Konferenz, jeder Vortrag, jeder Redner war detailliert erfasst und schon im Vorfeld genehmigt oder abgelehnt.600 Der Geschichte freilich war es egal, was die Stasi sich ausgedacht hatte: Sie konterkarierte schon immer jedwede Vorherberechenbarkeit. Von Chruschtschows Stalin-Rede bis zum ungarischen Aufstand setzte sie, wie es ihrem Wesen entspricht, auf die Unberechenbarkeit des Seins. Das Jahr 1956 begann im sozialistischen Lager mit einem echten Paukenschlag.601 Vom 14. bis 25. Februar fand der XX. Parteitag der KPdSU statt, auf dem Chruschtschow am letzten Tag ab 10 Uhr vormittags hinter verschlossenen Türen die radikale Abrechnung mit Stalin suchte. Über Monate hinweg war das entsprechende Material zusammengetragen worden und der vor Entsetzen gelähmte Saal erfuhr nun von den Verbrechen des Diktators. Die Lektüre der Rede zeigt, dass es Chruschtschow gerade nicht um den Beginn einer innerparteilichen oder gar öffentlichen Diskussion der Prinzipien der real existierenden sozialistischen Staaten bzw. der Sowjetunion ging. Vielmehr zielte sie fast ausschließlich darauf, die Fehlentwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte, salopp formuliert, Stalin anzulasten und damit gerade der Diskussion zu entziehen. »Nach dem Tode Stalins begann das ZK der Partei, exakt und konsequent eine Politik durchzuführen, die darin bestand nachzuweisen, dass es unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus fremd ist, eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermenschen mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln.«602 Die Abrechnung rüttelte am Weltbild und Selbstverständnis vieler Marxisten und Kommunisten im gesamten Ostblock. Die CIA versuchte, irgendwie Kenntnis von der Rede zu erhalten – was schließlich auch gelang. Parallel veröffentlichte die 600 Hierzu die entsprechenden Passagen in: Herzberg: Anpassung und Aufbegehren. 601 Verschiedene der Passagen dieses Kapitels sind ausführlich im Kontext entwickelt in dem Aufsatz: Heyer: Wolfgang Harichs Demokratiekonzeption aus dem Jahr 1956, S. 529-550. 602 Chruschtschow: Über den Personenkult und seine Folgen, S. 8. 263 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Sowjetunion selbst Teile des Referats. In der DDR war der Text über die Westberliner Zeitungskioske erhältlich. Im Ostblock wertete man die Kritik an Stalin als Beginn einer Neubestimmung der real existierenden sozialistischen Verhältnisse. Stanislav Sikora schrieb einleitend in seine Darstellung der ungarischen und tschechoslowakischen Umbrüche als Reaktion auf die Stalin-Kritik des Parteitags der KPdSU: »Die Beschlüsse dieses Parteitages weckten in den Ländern Mittel- und Südosteuropas – auch wenn sie keine direkte Systemkritik des totalitären Sozialismus mit sich brachten  – Hoffnungen auf seine Humanisierung und Liberalisierung in der Praxis.«603 Aufruf zu Reformen und Veränderungen, Versprechen auf Hoffnung und Verbesserung. Doch diese Einschätzung der verschiedenen oppositionellen und reformorientierten Gruppierungen war völlig falsch. Denn Chruschtschow hatte Stalin für alle Fehlentwicklungen des Sozialismus verantwortlich gemacht. Woraus sich der Schluss ziehen ließ, dass durch Stalins Tod gerade keine Reformen mehr notwendig seien. Der König ist tot, lang lebe der König! In Ungarn und Polen kam es zu den heute noch bekannten Unruhen und Auseinandersetzungen. Wer einmal Ungarn besucht hat, der weiß, wie patriotisch aufgeladen die Erinnerung an den Aufstand von 1956 ist, wie sehr dieser zum ungarischen Nationalbewusstsein gehört. (Der Autor dieser Zeilen war, zufällig, 2006 während der offiziellen Gedenkveranstaltungen in Budapest.) Georg Lukács war Teil der revolutionären Regierung in Budapest und wurde nach der Machtübernahme durch die Sowjets für kurze Zeit verhaftet und interniert. Den ungarischen Ereignissen soll kurz unser Interesse gelten, da Lukács in ihnen als Treibender und Getriebener agierte. »Der nachhaltige Einfluss, den Lukács mit seinen Büchern ein Jahrzehnt lang in der SBZ und frühen DDR ausgeübt hatte, hat zweifellos dazu beigetragen, dass der ungarische Petöfi-Klub für viele zu einem Symbol der gesellschaftlichen Erneuerungswünsche und für die Parteiführung der SED zur Inkarnation aller drohenden politischen und ideologischen Aufweichungs-Gefahren wurde. Der ursprünglich als Diskussionsforum junger Intellektueller un- 603 Sikora: Die Wirkung der ungarischen Ereignisse etc., S. 73. 264 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter der Leitung des Jugendverbandes gegründete Petöfi-Klub war seit Mai 1956 zu einem Zentrum antistalinistischer Opposition geworden.«604 Norbert Kapferer beschrieb die Situation wie folgt: »Nach dem Tode Stalins setzten sich in dem besonders rigiden, stalinistisch geprägten Regime in Ungarn gewisse Auflockerungstendenzen durch. Im selben Jahr wurde der Reformer Imre Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt. Der von Nagy verfolgte Kurs eines ungarischen Weges zum Sozialismus scheiterte aber schon zwei Jahre später am Widerstand der Altstalinisten in der Kommunistischen Partei Ungarns. Die Spannungen zwischen Reformern und Konservativen verschärften sich in der Gefolgschaft des XX. Parteitags der KPdSU und ermunterten gleichzeitig viele ungarische Intellektuelle zur kritischen Stellungnahme. Lukács nahm mit einer im März 1956 gegründeten oppositionellen Gruppierung von Intellektuellen und Schriftstellern, dem so genannten Petöfi-Kreis, Kontakt auf. Hier, in diesem Kreis, begann Lukács dann auch erstmals seine kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus.«605 Erinnert wurde mit dem Namen an den ungarischen Revolutionsdichter Sándor Petöfi. Lukács nahm in der Gruppierung eine wichtige Rolle ein: »Er leitete die philosophischen Diskussionen, hielt einige Vorträge, mit denen er zum ersten Mal öffentlich in die Debatten eingriff, die der XX. Parteitag der KPdSU auslöste, unter anderem mit dem Text Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, der wiederum in der DDR zuerst gedruckt wurde.«606 Lukács blieb aber nicht bei den philosophischen Debatten stehen, sondern engagierte sich direkt politisch, versuchte die Forderungen des Klubs »nach individuellen Freiheiten, Wiederzulassung verschiedener politischer Parteien, freien Wahlen und nach der Abschaffung der Geheimpolizei«607 in staats- und gesellschaftstragende Richtlinien umzusetzen: »Im Oktober 1956 tritt er als Volksbildungsminister in die Regierung Nagy ein, ist nach genau 37 Jahren zum zweiten Mal in diesem Amt – das ihn wieder außer Landes treibt. Obwohl Lukács am Vorabend der 604 Schiller: Der Donnerstagskreis, S. 9f.. 605 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 144f. 606 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. 607 Amos: Politik und Organisation der SED-Zentrale, S. 454. 265 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 sowjetischen Intervention aus der Regierung Nagy zurückgetreten war, weil er den offiziell erklärten Austritt aus dem Warschauer Paktsystem als verhängnisvoll verurteilte, wird er von den Sowjets mit Imre Nagy und anderen Politikern verhaftet und nach Rumänien deportiert. Nagy wird ermordet, Lukács kehrt im April 1957 nach Budapest zurück – nun ein aus allen Ämtern und Würden gejagter, sogar aus der Partei ausgeschlossener Privatgelehrter.«608 Am 28. Oktober hielte Lukács eine Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, in der er, die damaligen Unruhen fokussierend, ausführte, dass er selber bereits seit Jahren ein Kritiker der ungarischen Politik sei: »Diese berechtigte Unzufriedenheit entstand durch den undemokratischen Charakter der Politik, wegen der Vernachlässigung der nationalen Unabhängigkeit, der nationalen Traditionen und der nationalen Eigenart. Daher halte ich es auch für verständlich und gerechtfertigt, dass die Unzufriedenheit der Jugend so offen zu Tage trat. Die berechtigte Unzufriedenheit nahm bedauerlicherweise Formen an, die zahlreiche Opfer forderte und ein Betätigungsfeld für die in unserem Land noch immer vorhandenen revolutionären Strömungen bot. Eine solche Feststellung darf jedoch die Tatsache nicht schmälern, dass der überwiegende Teil der Forderungen der Jugend nach demokratischer und nationaler Unabhängigkeit berechtigt war und dass er verwirklicht werden muss.«609 Lukács nahm sich in die Pflicht, die Umsetzung der Forderungen selbst von der Philosophie in die direkte Politik zu begleiten: »Die Hauptaufgabe der neuen Regierung wird es sein, ein solches demokratisches und nationales Programm auszuarbeiten und durchzuführen. Aus den schrecklichen Beispielen der letzten Tage muss jedermann die Lehre ziehen. Die drängendsten Lehren sind: Unser staatliches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Leben im Geiste einer wahren Demokratie neu zu formen. Ein solcher wahrer Demokratismus ist in der Lage, alle Überreste des Stalinismus zu beseitigen. Der Aufbau einer demokratischen Freiheit, der Selbstbestimmungsgewalt des Volkes in jeder Richtung ist die wirkliche Grundlage, 608 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. 609 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 266 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche den ungarischen Weg des Sozialismus zu finden und den ungarischen Weg zum Sozialismus überall erfolgreich zu verwirklichen.«610 Erst 1969 wurde er wieder in die Kommunistische Partei Ungarns aufgenommen, in Ost-Berlin wertete Harich dies dann einige Jahre später als Zeichen dafür, dass Lukács auch in der DDR zu rehabilitieren und wieder in seine Funktion als philosophische Autorität einzusetzen sei. Doch er konnte sich mit dieser Position kaum durchsetzen. Lukács war und blieb in der DDR eine überaus unerwünschte Person, deren Namen man am besten noch nicht einmal nennen wollte. Erst in den späten siebziger unad achtziger Jahren änderte sich dies etwas – wir werden an anderer Stelle darauf zurückkommen. Hier geht es nun noch darum, die ungarischen Ereignisse verlassend, ein Kuriosum zu erwähnen, dass sich in dieser Zeit sogar zwei Mal zutrug – für ein Kuriosum ein seltener Fall. 1955 hatten, zu ihrem 70. Geburtstag, sowohl Lukács als auch Bloch in der DDR eine Festschrift bekommen. Geehrt wurden, mit vielen offiziellen Stimmen und zusätzlichen Preisen, die damals bekanntesten marxistischen Philosophen. (Wie kritisch sich die beiden dabei beäugten, wie vor allem Bloch penibel Seiten zählte und Parteikontakte nutzte, damit seine Festschrift ein paar Gramm schwerer sei als die des ungarischen Philosophen, kann hier nicht rekonstruiert werden. Diese Geschichte ist an anderer Stelle zu erzählen.) Da nun beide von der Partei nach 1956 als schlimmste Revisionisten gebrandmarkt wurden, gerieten die Jubiläumsgaben in Vergessenheit und wurden ersetzt durch Schmäh- und Verleumdungsschriften – wobei teilweise dieselben Autoren sowohl 1955 als auch in den Jahren danach in den Bänden vertreten waren. Noch einmal kann Norbert Kapferer beschreiben: »Nachdem sich im Jahre 1955 Freunde, Verehrer, Schüler und Kritiker des Ungarn versammelt hatten, um den Siebzigjährigen als bedeutenden marxistischen Theoretiker zu würdigen, forderten die politischen Ereignisse des Jahres 1956 zur Entscheidung für oder gegen Lukács.«611 610 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 611 Gemeint ist die Festschrift: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag. Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 144. Dort weiter zur ungarischen Situation: »Seit dem Revisionismusvorwurf aus dem Jahre 1951 hatte sich Lukács aus der Politik in Ungarn zurückgezogen. An den ungari- 267 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Hans Koch, der als Herausgeber den 1960 erschienenen Band Georg Lukács und der R evisionismus zu verantworten hat, stellte in seiner Vorbemerkung fest: »Lukács’ Werk hat lange Zeit einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie, Ästhetik und Literaturwissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik ausgeübt – einen Einfluss, der vielfach selbst noch dort spürbar ist, wo offensichtlich um die Überwindung Lukácsscher Gedankengänge gerungen wird.«612 Die Anklage Kochs gipfelt im Namen von Partei und Staatssicherheit in der Feststellung: »Es ist ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ‚hervorragenden Theoretiker‘ ziehen zu wollen, wie dies mancherorts versucht wird.«613 Da Lukács sich als Politiker an dem Versuch beteiligte, den Sozialismus in Ungarn zu verbessern, gehe es nun also darum, seine Schriften ausschließlich unter diesem Blickwinkel zu lesen: Als Vorbereitung von Revisionismus und Konterrevolution. Die nächste Absurdität, die nicht kommentiert werden muss. Dass Hans Koch mit seinen Ausführungen in der Tat die neue offizielle Linie verkündet hatte, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich noch Werner Mittenzwei 1975 bei seinem Versuch der leisen Rehabilitierung Lukács’ in den Literaturwissenschaften gezwungen sah, diese Paradigmen zu wiederholen. Zu lesen war: »Es war unausbleiblich, dass Lukács’ Theorie in den fünfziger Jahren immer mehr die Kritik herausforderte. Diese Situation spitzte sich vor allem während der Konterrevolution 1956 in Ungarn zu. Obwohl Lukács’ Tätigkeit in dieser Phase nicht mit der Imre-Nagy-Losonczy-Gruppe identisch war, diente er mit seinen Erklärungen im Petöfi-Kreis objektiv den konterrevolutionären Kräften. In diesen Jahren nutzte der internationale Revisionismus das theoretische Werk Lukács’ auf seine Weise aus. Indem Lukács seine Polemik einseitig gegen die Entstellungen und Hemmnisse durch die Phase des Personenkult richtete und meinte, nur so könne eine ‚Erneuerung‘ des Marxismus-Leninismus herbeigeführt werden, wurde sein Werk von Leuten in Anspruch genommen und ausgelegt, die Lukács selbst immer bekämpft schen Universitäten durfte er ab dem Jahre 1952 keine Vorlesungen mehr halten.« (Ebd.) 612 Koch: Vorbemerkung, S. 8. 613 Ebd. 268 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche hatte und die bisher stets seine Gegner gewesen waren. Erst später, und nicht zuletzt durch die geduldige Diskussion, die leitende Genossen der ungarischen Partei mit Lukács führten, fand er die Verbindung zur ungarischen Partei der Arbeiterklasse, in deren Reihen er wieder aufgenommen wurde.«614 (Was Lukács tatsächlich gesagt hatte, ist an anderer Stelle zu rekonstruieren. Wir werden am Ende dieses Kapitels einige kleine Hinweise geben.) Doch wir müssen in der Chronologie einige Jahre zurückgehen. In Ostberlin versuchte Johannes R. Becher am Ende des Jahres 1956 alles, um seinem Freund Lukács zu helfen. Walter Janka hat die damaligen Vorgänge in seinen Erinnerungen beschrieben: »Die von den Volksmassen hinweggefegte Rákosi-Regierung hinterließ im Oktober 1956 ein Chaos. Niemand wusste, wie sich eine neue Regierung konstituieren soll. Bis Imre Nagy, ehemals Emigrant in der SU, einst selbst den Intrigen Rákosis ausgesetzt, eine neue Regierung bildete und auch Lukács zu einem seiner Minister ernannte.«615 Als sich die Situation weiter zuspitzte, wusste niemand mehr, wie es Lukács während der Unruhen ging, wo er sich aufhielt, ob er in Gefahr war. Die Pressemeldungen überschlugen sich – natürlich mit einigen Unterschieden in der Darstellung in Ost und West: »Wollte man den Meldungen über Rundfunk, Fernsehen und Presse glauben, sah es in Ungarn verheerend aus. Die Medien in der DDR sprachen von Konterrevolution. Verrat der Intellektuellen, Einmischung der Westmächte. Die westlichen Sender und Zeitungen meldeten Generalstreik, Plünderungen, brennende Partei- und Regierungsgebäude, Kommunisten, die gelyncht wurden. Kein Wunder, dass wir die Ereignisse mit Sorge verfolgten.«616 Walter Janka sprach mit Anna Seghers über die Probleme, die wiederum Becher einschaltete. Becher beschloss, dass Janka, chauffiert von seinem Fahrer, ausgestattet mit Pässen, Visa von westlichen Botschaften, nach Ungern reisen sollte, um Lukács dort herauszuholen, notfalls sogar 614 Mittenzwei: Gesichtspunkte, S. 93f. 615 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 14. Dort zur Situation in der DDR weiter: »In Berlin war man ratlos. Viele fürchteten, dass die Aufstände in Polen und Ungarn über die Grenzen ausufern würden. Der 17. Juni 1953 war noch nicht vergessen.« (Ebd.) 616 Ebd., S. 29. 269 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 freizukaufen.617 Doch Jankas Abfahrt verzögerte sich, wurde verschoben. Becher gelang es dann endlich, mit Ulbricht zu sprechen und er teilte das Ergebnis Janka telefonisch mit: »Tut mir leid. Ihr könnt nicht fahren. Ulbricht hat die Reise untersagt. Es sei Sache der sowjetischen Genossen, zu handeln. Die wären in Ungarn präsent und wüssten allein, was zu tun ist. Einmischung unsererseits kommt nicht in Frage.«618 Diese kurze Geschichte zeigt an, dass auch die Intellektuellen der DDR die Situation falsch einschätzten. Sie glaubten, agieren zu können. Im Aufbau-Verlag und in der Redaktion der Zeitung Sonntag hatten sich im Laufe des Jahres 1956 mehrere Personen unter der Leitung Harichs zusammengeschlossen, um mögliche Veränderungen in der DDR zu diskutieren, ja, diese, so möglich, herbeizuführen. Gedacht war, neben verschiedenen Reformen, sogar an eine Absetzung Walter Ulbrichts und der Regierung. Die historische Situation schien günstig zu sein.619 Im Juli brachte Harich seine Gedanken erstmals zu Papier. Es entstand als Diskussionsgrundlage und für den eigenen Gebrauch das Memorandum. Außerdem verfasste er auch sein Vademekum, das in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, im vierten Heft, erscheinen sollte. (Dazu später ausführlicher.) Ende Juli machte dann Lukács Urlaub im Harz (wo ihn u. a. Johannes R. Becher besuchte). In Berlin kam es im Anschluss zu mehreren Treffen und angeregten Diskussionen mit Harich, der sich dadurch in seinen Ansichten bestätigt fühlte. Ähnliche Gespräche führte er auch mit Bloch. Die folgenden Wochen vergingen mit verschiedenen Diskussionen und Zusammenkünften, der normalen Arbeit im Verlag, im Oktober nahm Harich zum Beispiel als einer der Hauptredner an der großen Heine-Konferenz teil. Es kann vermutet werden, dass das Konferenzprotokoll wegen seiner Teilnahme nie gedruckt wurde.620 In der Mitte des Oktobers beschleunigten sich dann die Ereignisse. Am 25. war Harich ab Mittag in der sowjetischen Botschaft und sprach dort mit Georgij Puschkin über das Memorandum. Die großen Hoffnungen, die Harich, Gustav Just und Walter Janka in das Treffen gesetzt 617 Hierzu: Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 30ff. 618 Ebd., S. 35. 619 Siehe: Loth: Stalins ungeliebtes Kind, S. 193-216. 620 Siehe hierzu: Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 270 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche hatten, wurden enttäuscht. Denn Botschafter Puschkin stellte sich auf die Seite Ulbrichts und wies die dargelegten Pläne in so ziemlich allen Punkten zurück. Weitere Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Administration folgten in den nächsten Wochen. Da er sich von den Sowjets enttäuscht sah, suchte Harich nunmehr den Kontakt zur Westberliner SPD. Diese jedoch spielte von Anfang an mit falschen Karten und vermittelte ihn an das so genannte »Ostbüro« – damals ein Tummelplatz für Agenten, Spione und zwielichtige Gestalten jeder Art. Man agierte mit Decknamen, kodierten Telefonnummern, Geheimtreffen usw. Willy Brandt hat sich Ende der siebziger Jahre dafür bei Harich entschuldigt. Seinen Mitstreitern hatte er diese Kontakte verschwiegen, er war sich also der Gefährlichkeit seines Unterfangens offensichtlich bewusst. Am 7. November war Harich dann zu einem kurzen Gespräch bei Walter Ulbricht. Dieser kritisierte die Vorgänge in Polen und Ungarn heftig. Es ist heute klar, dass Ulbricht bereits über Harichs Tätigkeiten Bescheid wusste. Ebenso über die verschiedenen Diskussionszirkel in Berlin und anderen Städten der DDR. Es war also mehr als nur eine Warnung, dass Ulbricht Harich unmissverständlich sagte, dass er eine Gruppe wie den Budapester Petöfi-Kreis, die intellektuelle Keimzelle des ungarischen Aufstands, nicht dulden und mit aller Härte zerschlagen werde. Gemeinsam mit dem Minister für Staatssicherheit, Ernst Wollweber, hatte Ulbricht beschlossen, die von Harich geplante Reise nach Hamburg noch zuzulassen, um weiteres Material gegen diesen und seine »Mitverschwörer« zu sammeln. Am 26. November brach Harich auf, er traf unter anderem mit Rudolf Augstein und Hans Huffzky zusammen. Dabei ging es neben persönlichen Kontakten auch um verschiedene Artikel Harichs für westdeutsche Zeitschriften, in denen er seine Position darstellen wollte. Im November begann Harich damit, an seiner Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus zu arbeiten. Zuerst ruhig und kontinuierlich, ab dem 20. dann mit immer größerer Energie und von der Zeit getrieben. Jochen Cerny schrieb: »Vielleicht war Harich der einzige, der die vom XX. Parteitag der KPdSU im Februar eröffneten politischen Aussichten in ihrer ganzen Reichweite erfasste. Zumindest war er der einzige, dem zuzutrauen war, er könnte ein angemessenes Programm ent- 271 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 werfen. Als er es in der dritten November-Dekade endlich niederschrieb, waren die Aussichten für die Parteiopposition zwar schon schlechter geworden. (Hier sei nur an den Suez-Konflikt, den ungarischen Bürgerkrieg und die Interventionen der Großmächte erinnert.) Doch zum Zeitpunkt der Konzipierung hatte die Welt anders ausgesehen.«621 Am 29. November kehrte Harich mittags aus Hamburg zurück. Er ging kurz in den Aufbau-Verlag und führte einige Gespräche. In seiner Wohnung traf er dann seine damalige Lebensgefährtin Irene Giersch und wurde kurz darauf gemeinsam mit dieser verhaftet. In den Abendstunden kam es zur ersten Vernehmung Harichs in der Haftanstalt Hohenschönhausen. Weitere restriktive Maßnahmen folgen in der ganzen Republik, am 6. Dezember wurde auch Walter Janka verhaftet. Viele noch heute bekannte Namen sind mit dieser Säuberungswelle von Partei und Staatssicherheit verbunden (mit unterschiedlichen Konsequenzen): Von Ernst Bloch bis Erich Loest in Leipzig, viele Namenlose in der Provinz, Harich und seine Mitstreiter in Berlin. Die Institutionen überprüften sich selbst, führende Funktionäre übten »Selbstkritik«, so mancher musste in die Produktion oder floh in den Westen. Die kulturellen Eliten wurden von Ulbricht gezwungen, alles aus nächster Nähe zu betrachten. Gegenrede, öffentlich gar, leistete kaum jemand. Vom 7. bis 9. März und vom 23. bis 26. Juli 1957, die Verfahren gegen Harich und Janka waren getrennt worden, fanden die Gerichtsverhandlungen gegen die »konterrevolutionäre Gruppe Harich« statt, in denen die Angeklagten Harich, Manfred Hertwig, Bernhard Steinberger, Walter Janka, Gustav Just, Heinz Zöger und Richard Wolf zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Harich erhielt wegen »Boykotthetze« mit zehn Jahren die höchste Haftstrafe. Seine Kontakte zum Ostbüro wurden als streng geheim eingestuft. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass gerade sie für die hohe Strafe verantwortlich waren. Mit dem Prozess hatte Ulbricht seine Macht demonstriert und für die nächsten Jahre gerettet. Er hatte gezeigt, dass er nicht bereit war, irgendwelche Kritik zu dulden. Das Ende der DDR – es ist in diesen Wochen und Monaten schon vorgeprägt. 621 Cerny: Einführung zu Wolfgang Harichs Programm etc., S. 50. 272 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Gerade auch im Schweigen derer, die eigentlich etwas hätten sagen sollen/ können. Wer die entsprechenden Dokumente über Harichs Haftzeit liest oder durchblättert, der begreift das ganze Entsetzen dieses radikalen biographischen Bruchs. Von der Außenwelt abgeschnitten, von Büchern, Diskussionen und Debatten ferngehalten, stupiden Arbeiten ausgesetzt: Die Isolation Harichs, die bis zu seinem Tod ein ständiger Begleiter blieb, hatte begonnen. 1963 durfte er zum ersten Mal wieder ein Buch lesen: Die Parteigeschichte der KPdSU (B).622 Zu erinnern ist auch daran, dass die Partei alles tat, seinen Namen und sein Werk in der Öffentlichkeit der DDR für immer zu tilgen. (Einige Beispiele dafür wurden bereits erwähnt.) So wurde der Protokollband zu der Konferenz Das Problem der F reiheit im L ichte des wissenschaftli chen Sozialismus, auf der Harich (und etwa auch Bloch) geredet hatte, direkt nach seinem Erscheinen und dem Beginn der Auslieferung mühsam wieder Exemplar für Exemplar eingezogen und vernichtet. Das fünfte Heft des Jahres 1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in dem die bedeutenden Hegel-Aufsätze von Bloch und Harich enthalten waren, wurde ebenfalls nicht veröffentlicht und mit einiger Verspätung Anfang 1957 durch ein neues Doppelheft, Nr. 5/6, ersetzt. Statt Bloch und Harich hießen die Autoren nun Hager und Ulbricht.623 Kurze Zeit vorher war es Bloch und Harich noch gelungen, ein Ulbricht-Jubiläumsheft, geplant von Klaus Schrickel ganz im Sinne des Stalinismus, zu verhindern. Nun hielt der Parteivorsitzende mit seinem Stab Einzug und großen Hof, philosophische Ehren nach dem Ende der Philosophie. Im Dezember 1964 wurde Harich etwas vorzeitig aus der Haft entlassen. Es begann der zweite Abschnitt seines Lebens. Und diesen ver- 622 Hierzu: Heyer: Gefängnisnotizen zur Logik am B eispiel Plechanows und H artmanns, S. 691-696. 623 Die Aufsätze von Bloch und Harich liegen trotz allem gedruckt vor: Bloch: Problem der Engelsschen Trennung von Methode und System bei Hegel, S. 461-481. Au- ßerdem: Bloch: Hegel und die Gewalt des Systems, S. 481-500. Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 185-220. Die neuen Beiträge von Ulbricht und Hager: Ulbricht: Zum Kampf zwischen dem M arxismus-Leninismus und den Ideologien der Bourgeoisie, S. 518-532. Hager: Der Kampf gegen bürgerliche Ideologien und Revisionismus, S. 533-538. 273 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 brachte er, das ist sicherlich ein starkes Bekenntnis zum Marxismus, in der DDR. Ernst Bloch beispielsweise hat er nie verziehen, dass dieser in den Westen ging und sich dort aus Geldgründen als politischer Flüchtling registrieren ließ. Das berühmte Geburtstagstelegramm Harichs an Bloch zu dessem 90. Geburtstag lautete ja: »Lieber Ernst, in der Hölle, Abteilung für Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Müntzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges Lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müssten. Es wird schwer sein, dies bis zu Deinem 150. Geburtstag wieder einzurenken. Trotz Bitterkeit darüber grüße ich Dich zu Deinem 90. in Verehrung und Liebe, Dein Wolfgang Harich.«624 Es ist überraschend und spricht doch in ausgezeichneter Weise für ihn, dass Bloch ein knappes Jahr zuvor in ähnliche Richtung gedacht hatte. In einem Interview sagte er über die Zeit nach Harichs Verhaftung: »Da ich in der Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied ich blieb, große Unterstützung fand, konnte ich jederzeit ausreisen und bekam sofort einen Pass. Und als ich wieder einmal, mit einem Pass ausgestattet, nach Bayern in die Sommerferien reiste, wurde die Mauer gebaut, und ich kehrte nicht mehr in die DDR zurück, weil ich nicht mehr glaubte, dass es dort noch Unabhängigkeit und relative Selbständigkeit gab. Ich bin also nicht aus der Republik geflohen, sondern ich war schon in Bayern und kehrte nur nicht mehr zurück. Juristisch besteht da zur Republikflucht ein Unterschied – moralisch bedeutete es aber dasselbe.«625 * * * * * Die Chronologie ruft uns zur Räson. Schon wieder sind wir zu weit vorgeprescht – auf der Suche nach Interessantem, Anekdoten, Erzählenswertem. Kehren wir in das Jahr 1956 zurück. Es ist nunmehr zu schauen, wie 624 Zitiert bei: Markun: Ernst Bloch, S. 120. 625 Bloch: Die Welt bis zur Kenntlichkeit verändern, S. 79. 274 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche sich die Protagonisten unseres Buches zu den Umbrüchen des Jahres äu- ßerten, ob und, wenn ja, wie sie die tiefen Einschnitte des XX. Parteitags verarbeiteten. 1956 suchte Harich, auch dies war ein Grund für seine Verhaftung (zentral waren aber die Kontakte zum Ostbüro sowie die Umsturzpläne, wie gerade gesehen), immer wieder die Möglichkeit, seine Überlegungen zu einer Reformierung des Marxismus und Sozialismus vorzutragen. Es entstanden nicht nur die »internen« Dokumente Memorandum und Plattform, im Sonntag veröffentlichte er mehrere Artikel, in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie hielt er beispielsweise die Hegel-Debatte am Laufen und wollte dort auch sein Kleines Vademekum für Schematiker veröffentlichen, das seit 1956 als verschollen galt und nur durch die entsprechende parteioffizielle Kritik überhaupt noch bekannt war. Hans-Christoph Rauh hat es 2006 ediert und mit einer prägnanten Einleitung versehen.626 Seinerzeit lag der Beitrag schon in den Druckfahnen vor, aber Alfred Kosing und Matthäus Klein zensierten diese und schrieben Harich in den Urlaub einen Brief, dass vor dem Druck zuerst die Partei über die Thesen diskutieren müsse.627 Diesem Text kann im Folgenden unsere Aufmerksamkeit gelten, um Harichs Denken exemplarisch darzustellen. Harichs Schrift transportierte all die Differenzen und das Unbehagen, das im Laufe der Jahre zwischen den Intellektuellen und der SED entstan- 626 Der Text trug ursprünglich den Titel Vademekum für Dogmatiker, Harich änderte ihn in Kleines Vademekum für Schematiker. Siehe: Prokop: Was befähigt Marxisten? Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus (Vademekum), S. 759-765. Die Einleitung: Rauh: Ein kleines Vademekum für Schematiker , S. 751-757. Paradoxerweise verurteilte die SED in mehreren Studien Harichs Artikel explizit, sogar noch in der offiziellen Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie von 1979. Einen Text, den bis 2006 keiner kannte und lesen konnte (auch nicht die, die ihn im Auftrag der SED zu kritisieren hatten). Akademie für Gesellschaftswissenschaften: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, Band III. Dort: Wrona: Marxistisch-leninistische Philosophie und sozialistische Revolution in der DDR, S. 174-211. Zur Geschichte des Textes: Wessel: Ein Denker zwischen Dichter namen, S. 302. Redaktion der DZfPhil: Über die neue Aufgabenstellung etc., S. 7. 627 Kosing »erinnert« sich nicht an diese Vorgänge und hat eine andere Version mitgeteilt. Im Harich-Nachlass in Amsterdam sind die entsprechenden Schriftstücke aber archiviert. 275 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 den war. Dabei ging es nicht um den Sozialismus an sich. Sondern um Druckorte und -genehmigungen, die Einmischung der Partei in Lehre und Forschung, Angriffe, auf die man nicht reagieren konnte und ähnliches. Fast jeder hatte zwar seine eigenen schlechten Erfahrungen mit dem Apparat gemacht, und doch wurden gerade kaum Fundamentalkritiken erzeugt. Ganz im Gegenteil gingen auch die von der SED kritisierten, abgestraften und gemaßregelten Wissenschaftler und Künstler davon aus, dass genau sie für den weiteren Aufbau des Sozialismus gebraucht würden. Harichs Biographie in den frühen fünfziger Jahren ist dafür ein Beispiel, für Bloch und Mayer muss dies noch stärker geltend gemacht werden. Harich schrieb: »Der Marxismus ist keine dogmatische Konstruktion, die mit dem Anspruch einer ein- für allemal abgeschlossenen Totalität der Erkenntnis auftritt.«628 Das einzige Buch, das Harich nannte, war Blochs Prinzip Hoffnung. Das war ein deutliches Bekenntnis Harichs zur »unabhängigen« (soweit man davon sprechen kann), zumindest aber zur nicht-dogmatischen und parteifernen DDR-Philosophie. Repräsentiert durch das zu diesem Zeitpunkt bereits in der Kritik stehende epochale Prinzip Hoffnung Blochs. Damit stand er am Anfang einer Tradition, die – über alle Differenzen hinweg  – unterschiedliche Oppositionelle vereinte: Robert Havemann ebenso wie Rudolf Bahro.629 In diesem Sinn ergab sich für Harich ein ganz einfacher Antagonismus: Dogmatismus contra Dynamik. Der Marxismus selbst könne in seiner dogmatisierten Lesart (d. h. aus Sicht der Partei) nur auf Probleme Anwendung finden, die die »Klassiker« bewusst ansprachen.630 Aus der permanenten Veränderung der Realität folge »zwingend, dass Einsichten, 628 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 759. 629 Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Außerdem: Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. Weber: Sozialismus in der DDR . Außerdem: Weber: Sozialistisches Denken in der DDR, S. 65-98. 630 Siehe: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des M arxismus, S. 759. Dort: »Selbst wenn eine absolute Garantie bestünde, dass kein einziger Satz der marxistischen Klassiker sich jemals als korrekturbedürftig erweisen könnte, so wäre immer noch daran zu erinnern, dass die nicht zu bezweifelnde Wahrheit ihrer Worte sich schlechterdings nur auf Fragen beziehen kann, die in ihren Werken tatsächlich behandelt werden. (S. 759) 276 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche die den marxistischen Klassikern zu danken sind, unbeschadet ihrer Wahrheit, auch insgesamt genommen die Realität nur teilweise widerspiegeln können«.631 Die »bei weitem gefährlichste Erscheinungsform des Dogmatismus« stelle das »Festhalten an Denkgewohnheiten, die sich im Bann der Kämpfe von gestern herausgebildet haben«, dar.632 Die Konsequenzen aus dem bisher Gesagten seien klar: »Dem Anspruch des Marxismus, die führende Weltanschauung der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu sein und alle Gebiete ihres geistigen Lebens zu durchdringen, sind durch den Stand seiner eigenen Entwicklung und Ausarbeitung deutlich Grenzen gezogen. (…) Der Hauptfehler des Stalinismus auf kulturpolitischem Gebiet war der verzweifelte Versuch, diese Grenze durch Dekrete und administrativen und psychologischen Druck auf die Intellektuellen gewaltsam aufheben zu wollen, was um so sicherer scheitern musste, als gleichzeitig der Marxismus durch Verpönung jedes neuen Gedankens daran gehindert wurde, sie wirklich aufzuheben.«633 Ja, die Entwicklung des 20. Jahrhunderts habe die marxistische Idee »aufs glänzendste bestätigt«. Es sei aber eine Illusion, aus dieser Tatsache zu folgern, dass der Marxismus im Volk verbreitet wäre. Vielmehr sei eher das Gegenteil der Fall: »Die Kirchen und die Vorträge bürgerlicher Professoren« wären »in den meisten sozialistischen Ländern überfüllt«.634 Im Prinzip sagte Harich damit, dass es dem Marxismus bzw. der SED in der DDR bisher nicht gelungen wäre, das Volk zu überzeugen, dass der Sozialismus als gesellschaftliche, kulturelle und staatliche Organisationsform ein Erfolg sei. In letzter Wendung war dies auch eine nachträgliche Erklärung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953. Harich war damit einer der ganz wenigen Theoretiker der DDR, die auch rückblickend noch versuchten, das Ereignis abseits der offiziellen Deutungsmechanismen zu 631 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 760. »Das aber heißt gerade nicht, dass die neu entstandenen sozialen Realitäten als solche den ausschließlichen Gegenstand jener neuen Erkenntnisse zu bilden hätten, um die es den Marxismus jetzt zu bereichern gilt. Es ist zwar die Gegenwart, die der Theorie ihre Aufgaben stellt, aber diese Aufgaben sind weit umfassender, als dass sie mit einer Analyse der Verhältnisse der Gegenwart erledigt wären.« (Ebd., S. 762) 632 Ebd. 633 Ebd., S. 763. 634 Ebd. 277 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 verstehen. Er machte drei Bereiche aus, in denen der Marxismus bisher versagt habe:635 (1) Über die politische Ökonomie hinaus habe der Marxismus in seiner derzeitigen Form keine Möglichkeiten, »die Überzeugungen und Gesinnungen (der Menschen) zu durchdringen«. (2) Der Marxismus erreiche die Menschen nicht, könne ihr »normales« Leben nicht anleiten. »Was hat er ihnen in Bezug auf ihre Arbeit, ihre Lebensführung, ihre moralischen Wertungen und Kollisionen, ihr Verhältnis zu Liebe, Ehe, Heimat, Lebensgenuss, Krankheit, Tod zu sagen?« (3) Die »intellektuellen Interessen« des Volkes würden durch den Marxismus kaum berührt. Denn die Kultur wäre »so reich und differenziert«, dass ihr der Marxismus bisher nicht gerecht geworden sei. Die marxistische Philosophie scheitere also an den ganz einfachen, aber für das Individuum doch so eminent wichtigen Fragen. An dieser Stelle wusste sich Harich mit Bloch einig, der im Rahmen seiner Hoffnungsphilosophie nach Antworten auf genau diese Fragenkomplexe gesucht hatte. Heimat, Kultur, Zukunft etc. – in diesen Kategorien solle der Marxismus Denk- und Identifikationsangebote unterbreiten. Er müsse die Menschen mitnehmen und gleichzeitig genau dort erreichen, wo sie dankbar für Orientierung wären: In ihrem täglichen Leben.636 Eine andere, eigentlich eine komplett neue Beziehung von Mensch und Marxismus, von Individuum und Staat müsse erzeugt werden. Hierfür sei der Marxismus weiterzuentwickeln – innerhalb eines freien und nicht-kontrollierten Diskurses der besten Köpfe und Denker des Landes. Dass auch die Führungsschichten 635 Die Aufzählung nach: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 636 »Seiner Intention nach mag der Marxismus noch so universell und allseitig orientiert sein, diese Universalität und Allseitigkeit sind in erheblichem Maße bisher nur Möglichkeiten, und er ist auf demjenigen Stande seiner Entwicklung, der im wesentlichen den theoretischen Bedürfnissen des klassenbewussten Proletariats in der Ära des Kapitalismus entspricht, noch weit davon entfernt, explizit zu allen Aspekten des sozialen und geistigen Lebens Stellung nehmen zu können.« (Ebd.) 278 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche der SED bzw. DDR die Sprengkraft des Vademekum erkannten, lässt sich daran ablesen, dass die Hetzkampagne nach Harichs Verhaftung auch auf dessen verschollenen, d. h. von der Stasi vernichteten Text Bezug nahm.637 Auf den bisherigen Seiten war mehrfach die Sprache davon, wie eng und intensiv Lukács und Harich zusammenarbeiteten. Von daher überrascht es sicherlich nicht, dass es auch zwischen Harichs Vademekum und den Texten und Wortmeldungen von Lukács bezüglich des XX. Parteitages zahlreiche Überschneidungen gibt – was die Kritik angeht ebenso wie bei der Fokussierung der Potenziale und Chancen des innersozialistischen Umbruchs und Wandels. Im Prinzip durchlief Lukács im Zeitraffer einiger weniger Monate einen Radikalisierungsprozess, der ihn zu seinen eigenen Wurzeln und zu den Grundlagen des Marxismus zurückführte. Peter Ludz beschrieb dies als eine Entwicklung, die von den frühen politischen Schriften bis zu den sechziger Jahren reichte.638 Am 15. Juni 1956 redete Lukács im Petöfi-Klub, zu dem ja bereits verschiedene Anmerkungen gemacht wurden. Dabei ging er davon aus, dass der XX. Parteitag nicht nur Umbruch, Einschnitt, Aufklärung über die Stalinschen Verbrechen bedeute, sondern zugleich dem Marxismus-Leninismus »begeisternde Möglichkeiten« der »Verbreitung im Weltmaßstab« in Aussicht stelle. »Dieses Ereignis muss uns mit Pathos und Begeisterung erfüllen. Gewaltige Möglichkeiten stehen vor uns (…).«639 Nachdem der Parteitag die Verbrechen und Verfehlungen der letzten Jahre benannt habe, sei nun der Weg frei, jene Debatten und Diskussionen weiter zu fokussieren und zu intensivieren, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Kritik durch die Partei gestanden hätten. Dadurch könne und müsse es gelingen, den Marxismus als »ehrliche« und einzig zukunftsfähige Weltanschauung weitaus stärker zu verbreiten als bisher. Dieser Hoffnungshorizont verweise aber auch auf die Kehrseite der zukünftigen Möglichkeiten, nämlich das, Lukács zu Folge eine nicht zu leugnen Tatsache, fast schon völlige Versagen des Marxismus in der Gegenwart der 637 Hierzu neben den bisher genannten Texten: Redaktion der DZfPhil: Über die neue Aufgabenstellung etc., S. 6f. 638 Ludz: Der Begriff der »demokratischen Diktatur« etc., S. XVIIIf. Ebenso: Ludz: Vorwort, S. 11. 639 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 279 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 fünfziger Jahre. Eine bittere und traurige Zeitdiagnose: »Der Marxismus war in der öffentlichen Meinung des Landes noch nie in einer so prekären Lage wie heute.«640 Es wurde nicht Debatte geübt und Philosophie unterrichtet, sondern »Philosophen am laufenden Band hergestellt«. Es sei nicht darum gegangen, den Marxismus zu vermitteln, sondern lediglich die Aufgabe zu stellen, »auf eine aktuelle Frage das passende Lenin- oder Stalin-Zitat zu finden, um das jeweils ‚politisch Richtige‘ auszubrüten«.641 Gerade außerhalb der Geisteswissenschaften zeige sich dies, beispielsweise bei Naturwissenschaftlern, wo man an längst überholten bürgerlichen Meinungen festhalten könne, ja, diese mit einem Stalin-Zitat sogar als Marxismus auszugeben vermöge.642 Wie wichtig diese Gedanken für Lukács waren, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er sie knapp ein Jahr später im Vorwort zur italienischen Ausgabe der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik erneut vortrug. Damit also gleichsam internationalisierte, aus dem ungarischen Kontext herausnahm und zur breiten Diskussion stellte. Dort äußerte sich Lukács auch zu den verheerenden Folgen des Stalinismus auf dem Gebiet der Philosophie und gab wichtige Inneneinblicke in seine eigene Arbeitsweise.643 In der politischen Akademie der Partei der Ungarischen Werktätigen hielt Lukács am 28. Juni 1956 einen Vortrag, der unter dem Titel Der Kampf des Fortschritts und der R eaktion in der heutigen K ultur auch in der DDR gedruckt wurde, im neunten Heft der Zeitschrift Aufbau. »Auf diesen Beitrag sollten sich dann später, nach den Ereignissen in Ungarn vom Oktober und November 1956, seine Kritiker stürzen.«644 Zuerst ging es Lukács um allgemeine Fragen des Marxismus: Wie wird sich der So- 640 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 641 Ebd., S. 595. Dort: »Vor ein paar Jahren jedoch bestand das individuelle Lernen, wenn jemand Philosoph war, darin, dass er den Anti-Dühring von Seite 40-70, den Feuerbach von Seite 80-85 usw. lesen musste und um keinen Preis der Welt dazu angehalten wurde, ein Werk im Zusammenhang ganz durchzulesen.« (Ebd., S. 594f.) 642 Siehe: Ebd., S. 596. 643 Lukács: Vorwort zur italienischen Ausgabe der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, S. 643-645. 644 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 145. 280 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche zialismus entwickeln? Wo verlaufen die Trennlinien von Fortschritt und Reaktion? Wie weit kann man gehen beim Kampf gegen den Faschismus? Dabei richtete er sich immer wieder gegen dogmatische und sektiererische Ansichten, wehrte sich gegen Versuche, einfache Antworten auf diese komplizierten Herausforderungen zu finden. Die »Verzerrung und dogmatische Einengung des dialektischen Materialismus« der letzten Jahrzehnte, eingeführt »unter dem Vorwand der Parteilichkeit«, müssten radikal überwunden werden.645 Wichtiger denn je sei es, den Marxismus zu einer vollständigen Wissenschaft und Philosophie auszubauen, für die kommenden Aufgaben zu stärken und zu festigen und gleichzeitig in seinem prozesshaften, sich permanent weiterentwickelnden Charakter zu stärken: »Die bürgerliche Ideologie wird nicht von selber zusammenbrechen; die bürgerliche Philosophie, die bürgerliche Wissenschaft ist in eine ideelle Krise geraten, aber wir müssen sie stürzen; stürzen aber nicht mit von der Roten Armee geliehenen Waffen, sondern mit den Waffen des Marxismus-Leninismus, des wahren Wissens und der Sachkenntnis.«646 Lukács entwickelt seine Thesen auf verschiedenen Feldern, etwa dem der Religion, der Friedenspolitik usw. Wir können hier als Beispiel auf das zurückgreifen, was er zur modernen Kunst und Ästhetik sagte, da es unser Thema natürlich am meisten tangiert. Damit der Marxismus an den Auseinandersetzungen um die »dekadente avantgardistische Kunst« sowie bei der Bestimmung von »Realismus und Antirealismus« kompetent mitreden könne, sei es notwendig, »auf die übernommenen Momente aus der Stalinschen Epoche hinzuweisen, die ein Hindernis für eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Kampf sind«.647 Er machte dabei zuvorderst drei Punkte geltend:648 (1) »Dies als erstes: Die Auffassung, die bei uns herrschte, und wie ich glaube, zum Teil noch in unserer Literaturtheorie herrscht, dass nämlich mit dem Heraufkommen des sozialistischen Realismus die Zeit des kritischen Realismus abgelaufen sei.« 645 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 625. 646 Ebd., S. 626. 647 Ebd., S. 626f. 648 Aufzählung nach: Lukács: Ebd., S. 627f. 281 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 (2) »Zweitens fassen wir die Kriterien der Dekadenz außergewöhnlich dogmatisch und formalistisch auf.«649 (3) »Zum Dritten beurteilen wir die literarischen Werke und die Autoren von kleinlichen, alltäglichen politischen Gesichtspunkten aus.« Dies vor Augen schrieb Norbert Kapferer: »Auch hier trat Lukács – ohne eine Spur von Selbstkritik – gegen die Geister an, die er mit seiner eigenen Kritik an der ‚Dekadenz‘ heraufbeschworen hatte.«650 In der Tat argumentierte Lukács gegen seine eigenen Überzeugungen und Aussagen der zurückliegenden Jahre, ja, er versuchte sogar beispielsweise die Schrift Existenzialismus oder Marxismus von 1951 in andere Kontexte zu stellen bzw. seine damals entwickelten Gedanken aus anderer Perspektive verständlich zu machen, um sie so zu retten und aus der nun von ihm geleisteten Kritik herauszunehmen.651 Es lässt sich also durchaus fragen, 649 Diese Überlegung hatte Harich frühzeitig in seiner Polemik gegen Fritz Erpenbeck entwickelt, der ja Brecht »volksfremde Dekadenz« und anderes vorgeworfen hatte. Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens, S. 215-219. Eine gute Einführung in die Kritik der SBZ/DDR und der führenden SED-Funktionäre an Brecht bietet: Esslin: Brecht, S. 224-226. Von Fritz Erpembeck: Einige Bemerkungen zu Brechts Mutter Courage, S. 101-103. Dieser Artikel hatte Harichs Replik ausgelöst. Siehe die ausführliche Aufarbeitung bei: Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. 650 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 149. 651 Lukács: Existenzialismus oder M arxismus? Dort schon im Vorwort: »Die große Mode des Existenzialismus ist vorbei; dass er noch immer eine nicht unwichtige Rolle spielt, entspringt allein der beispiellosen Unfruchtbarkeit des heutigen bürgerlichen Denkens; er nimmt nur darum noch immer einen gewichtigen Platz ein, weil nach ihm nichts oder so gut wie nichts entstand. Sogar die vorfaschistische Periode – wahrhaft ein erschreckender Tiefpunkt bürgerlichen Denkens – zeigt ein weniger gesunkenes Niveau im Vergleich zu den philosophischen Manifestationen der ‚amerikanischen Lebensform‘«. (Ebd., S. 5) Seine Studien, so Lukács, würden sich »nicht auf bloße Polemik« beschränken, sondern »den philosophischen Sackgassen des Existenzialismus die echten Lösungen des Marxismus-Leninismus« gegenüberstellen. (Ebd. S. 6) Nun denkt man, undifferenzierter kann kaum gegen »die« bürgerliche Welt argumentiert werden, doch die Parteidogmatiker (ihr Sprachrohr war in diesem Fall Klaus Schrickel, der im 1. Heft der Einheit von 1952 gegen Lukács’ Buch polemisiert hatte) warfen Lukács vor, dass er die bürgerliche Philosophie nicht hart genug kritisiere bzw. sogar über Gebühr aufwerte. Harich erhob dagegen Einspruch und argumentierte seinerseits, Lukács vereidigend, gegen Schrickel (in einer Stellungnahme an die 282 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche inwieweit verschiedene Schriften Lukács’ von jenem Zeugnis betroffen sind, das er dem Marxismus des Jahrzehnts der Nachkriegszeit ausstellte: »Unsere sich zwischen Extremen bewegende, so genannte marxistische Kritik, die außer Lob und Niederknüppelung keinen vermittelnden Standpunkt kannte, beförderte die zu Stande kommende Differenzierung nicht, sondern trieb mehr als einmal diejenigen ins Lager der Reaktion, bei denen vielleicht die Neigung zu einer Annäherung bestanden hätte.«652 Doch eine alles vernichtende Kritik an Lukács ist unsere Sache nicht, schon gar nicht wollen wir ihm mangelnde Selbstkritik vorwerfen, denn das wiederum ist finsterster Stalinismus. Er hat vielmehr, genau wie Harich, im Herbst 1956 nicht versagt, sondern Moral, Anständigkeit und Emanzipation versucht zu verbreiten und gleichzeitig vorgelebt. Kurz: Er handelte als Kommunist. Für Lukács war der XX. Parteitag nicht nur von »außergewöhnlich großer Bedeutung«.653 Es gelte auch, die richtigen Schlüsse aus den Chancen zu ziehen die sich ergeben würden, bereits schon ergeben hätten. Insofern war Lukács tatsächlich ein Reformer des Sozialismus. »Das be- Einheit, die aber nicht gedruckt wurde): Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, S. 25-33. Ein Jahr später wurde Schrickel dann Sekretär der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (als »Aufpasser« der SED), der Harich als Chefredakteur vorstand. Später gelang es Bloch und Harich gemeinsam, Schrickel aus der Redaktion zu entfernen. Harich interpretierte daher zu Recht Schrickels Angriff auf Lukács als Positionierung der Partei – mitten in der beginnenden Hegel-Debatte und begleitet von den in der DDR immer mehr oder weniger offen existierenden Vorurteilen gegenüber Lukács. 652 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630. 653 »Es ist klar, dass die Auswirkungen des XX. Parteikongresses in dieser Lage von außergewöhnlich großer Bedeutung sind. Das können heute einige noch nicht erkennen, denn die Propaganda der Bourgeoisie versucht, das gesamte Problem auf das Niveau der Sensationen, der Entlarvungen, der Story zu drücken, und auch in unseren Reihen hat sich noch keine so klar dem XX. Parteikongress folgende Umwandlung vollzogen, dass diese reaktionären Angriffe überall erfolgreich zurückgeschlagen werden können. (…) Der Versuch der Bourgeoisie, die Ergebnisse des XX. Parteikongresses gegen uns zu verwenden, wird keinen Erfolg haben. Die Aussicht jedoch, dass die Ergebnisse des XX Parteikongresses wirklich wirksam werden, gründet sich auf deren wahres Verständnis.« Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630. 283 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 deutet eine radikale Abrechnung mit dem Sektierertum und dem Dogmatismus; dies ist nicht nur die Vorbedingung dafür, dass wir die Vorgänge in der Welt verstehen, sondern auch dafür, dass wir auf die neue langsam und widerspruchsvoll sich differenzierende Welt einwirken können. Wir müssen wissen, dass jede wirkliche (aber nicht nur in der Presse angepriesene) Erhöhung des Lebensstandards; jeder wirkliche (nicht nur von der Kulturbürokratie angepriesene) Erfolg unserer Wissenschaft und unserer Kunst; das Offenbarwerden dessen, dass die völlige Entfaltung der Demokratie die Diktatur des Proletariats stärkt und nicht untergräbt usw. (…).«654 Im Sonntag, wo ja auch Harich verschiedene Artikel publiziert hatte, erschien am 2. Dezember 1956 Mayers Zur Gegenwartslage unserer Literatur – ein Text, der eigentlich als Rundfunkbeitrag geplant war, aber wegen der Verhaftungen nicht ausgestrahlt wurde. Der kleine Beitrag gilt gemeinhin als Nachweis der oppositionellen Tätigkeit Mayers, als Nachweis, dass dieser Klartext geredet habe und vor keiner Konfrontation zurückschreckte. Doch von dieser Einschätzung bleibt nicht allzu viel übrig, wenn man Mayers Darstellung durcharbeitet. Er kritisierte den Zustand der Literatur und Kultur, sprach von »Symptomen (…), die auf einen Krisenzustand hindeuten, um nicht von Krankheitszustand zu sprechen«, kritisierte etwa die Vergabe des Nationalpreises an Hans Marchwitza (für dessen Roman Roheisen).655 Aber er bettete diese Analyse sofort in eine Kritik der gesamten internationalen Literaturentwicklung ein, auch in Westdeutschland, in Frankreich, teilweise in Amerika (wo es nicht ganz so schlimm sei), in der Sowjetunion stehe die Sache nicht besser.656 Damit relativierte er seine Kritik an der DDR etwas, eben durch die Kontextualisierung der allgemeinen Krisensymptome, kam dann allerdings auf die spezifische Situation in Ostdeutschland zu sprechen. Die »meisten unserer Schriftsteller (…) versuchten eine schematische Darstellung unserer Wirklichkeit, die auch dann nicht aufhört, schematisch zu sein, wenn sie geschwätzig von wissenschaftlichem Sozialismus und 654 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630f. 655 Mayer: Zur Gegenwartslage unserer Literatur, S. 66. 656 Siehe: Ebd., S. 66-69. 284 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche werktätigen Menschen spricht, vom Volk und angeblicher Volkstümlichkeit. Die Produkte solchen Tuns kennen wir alle.«657 Die DDR müsse sich öffnen und, ganz banal formuliert, die Kultur der Welt in ihrer Mitte zulassen, um eigene Weltkultur schaffen zu können. »Moderne Literatur ist nicht möglich ohne Kenntnis der modernen Literatur.«658 Das Ziel des Sozialismus sei der mündige Mensch und der Staat habe daher dafür zu sorgen, dass seine Bürger mündig sein können, sich selber Urteile bilden. Zu brechen sei beispielsweise mit der Praxis, Werken der Vergangenheit Vor- und Nachworte beizugeben, in denen die jeweiligen Schöpfer ideologisch eingeordnet würden.659 »Das Reich der Zitate und der Zitierer verdunkelt sich. Viele landläufige ästhetische Axiome müssen in Frage gestellt werden. Man wird dabei vom einzelnen Kunstwerk auszugehen haben und nicht von Begriffen wie realistisch, typisch, positiv, optimistisch und dergleichen.«660 Das war mutig formuliert, daran kann kein Zweifel bestehen. Uwe Johnson hat zudem darüber berichtet, wie Mayer vor der geschlossenen Gesellschaft des Hörsaals Klartext sprach (oder auch in Chiffren): »Nieder mit der Stalinschule des kritischen Realismus! (…) Die Literatur ist nicht teilbar!«661 Doch der Hörsaal ist zu unterscheiden von der direkten Wirkung in der Öffentlichkeit. Für diese gab es als einzige Wortmeldung die Gegenwartslage unserer Literatur. Ein Ansatz der, von einigen Nuancen abgesehen, zwar einerseits Intellektuellen der DDR aus der Seele sprach, andererseits aber durchaus mit der Parteilinie kompatibel schien. So steckte Mayer für seinen Artikel viel Kritik ein, seine Rolle in der DDR und in Leipzig blieb aber weitgehend unangetastet. (Wir kommen darauf später zurück.) 657 Mayer: Zur Gegenwartslage unserer Literatur, S. 71f. 658 Ebd., S. 72. Kurz vorher war zu lesen: »Will man immer noch so tun, als habe Franz Kafka nie gelebt, als sei der Ulysses von James Joyce nie geschrieben worden, als sei das so genannte epische Theater bloß ein Hirngespinst des im übrigen recht achtbaren Bertolt Brecht?« 659 Siehe: Ebd., S. 73. 660 Ebd., S. 74. 661 Johnson: Einer meiner Lehrer, S. 76. Johnson hat aber auch darauf hingewiesen, dass diese Äußerungen nicht immer tatsächlich allgemein-kritisch gemeint waren, sondern beispielsweise spontanen Leseerlebnissen entstammten. 285 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Der Spiegel schrieb in einem Artikel 1963, dass Mayer der Beitrag Zur Gegenwartslage unserer Literatur nicht verziehen wurde. Vergleiche mit Lukács wurden von den strammen Partei-Dogmatikern gezogen. »Mayer wurde vorsichtiger. Als er 1961 in Köln während eines Vortrags behauptete, einer offenen Diskussion seien in der DDR keine Grenzen gesetzt, erhob sich der in den Westen geflohene Ostberliner Redakteur Zöger, der Mayers Aufsatz im Sonntag gedruckt hatte: ‚Herr Professor Mayer, am 28. November 1956 wollten Sie im Deutschlandsender einen Vortrag halten: Zur Gegenwartslage unserer Literatur. Der Vortrag durfte nicht gesendet werden. Ich habe mir damals erlaubt, ihn im Sonntag zu veröffentlichen. Als ich kurz darauf mit Wolfgang Harich und anderen Freunden verurteilt wurde, warf man mir die Publizierung Ihres Artikels vor. Ihnen geschah nichts. Aber wollen Sie wirklich behaupten, in der Zone herrsche Meinungsfreiheit?‘ Der Leipziger Intellektuelle ergriff die Funktionärs-Flucht: ‚Ich lasse mich nicht provozieren.‘«662 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Bloch auch und wegen der Partei in der DDR, an der Leipziger Universität wirkte.663 So mancher Text aus seiner Feder bereitet noch heute Schülern und Apologeten Bauchschmerzen  – die Aufarbeitungsansätze (das Wort passt eigentlich nicht) oszillieren dann zumeist um einen der Pole Verschweigen oder Verdrehen. Dieses Vorgehen ist auch deshalb bedauerlich, da sich in Blochs Wirken selbstverständlich auch Elemente oppositionellen Geistes finden lassen, Versuche der Reformierung von Marxismus und Sozialismus. (Diese werden dadurch negiert, abgewertet, verlieren ihren realen Gehalt.) 1953 erschien der Text Marx und die bürger lichen Menschenrechte, in dem Bloch auf die für ihn so üblichen Verklausulierungen verzichtete und deutlicher redete. Er sprach von »Kritikrecht, ja Kritikpflicht« der Werktätigen beim Aufbau des Sozialismus. »Der vorläufig verbleibende und noch organisatorisch verfahrende Staat kann kein über seine sozialistischen Auftraggeber und Teilhaber erhobener sein, alte Untertanen enthaltend oder gar altneue Yesmen vor Administrationen und unbefug- 662 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 25. 663 Es wurde bereits darauf verwiesen, dass die entsprechenden Dokumente etc. zu Blochs Berufung gedruckt vorliegen, siehe: Caysa: Hoffnung kann enttäuscht werden. 286 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter Weisheit. Wonach keine Entzweiung zwischen Volk und Staat, Staat und Volk nötig ist, wenn es mit rechten sozialistischen Dingen zugeht.«664 Wichtig ist: Wir schreiben das Jahr 1953, es sagten nicht viele etwas in diesem Jahr, so dass Respekt zu gelten hat, es sagten aber manche auch mehr, warfen ihre ganze Autorität in die Waagschale, beispielsweise Brecht und Harich. Arno Münster hat diese Ausführungen Blochs ebenfalls wiedergegeben und die Tatsache, dass Bloch zum Arbeiteraufstand keinerlei direkte Aussagen machte, mit der »Furcht vor Repressalien« begründet.665 »Dass Bloch hier schwieg, könnte auch noch einen anderen Grund gehabt haben: Die im Ostberliner Aufbau-Verlag vorgesehene Veröffentlichung der beiden ersten Bände von Das Prinzip Hoffnung, die er unter keinerlei Umständen gefährden wollte, sowie seine Mitherausgeberschaft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie.666 Erst sollte sein Hauptwerk erscheinen, bevor er sich wieder (d. h., das hat er vorher schon getan? AH) verstärkt in die innenpolitischen Angelegenheiten der DDR einmischen würde. Aufgrund dieser Haltung blieb Bloch zunächst unbehelligt, und am 8. Juli 1955 – noch galt er als der Vorzeigephilosoph der DDR – wurde sein 70. Geburtstag gar mit einer offiziellen Gratulationscour in Leipzig gefeiert.«667 Den Nationalpreis bekam er im selben Jahr. Wie ein roter Faden durchzieht dieses permanent wiederkehrende Argument Münsters Biographie von Bloch: Diesem sei die Veröffentlichung seiner Schriften so wichtig gewesen, dass er dafür auf offizielle Kritik an der DDR verzichtete. Es muss nur an das Wirken von Lukács und Harich (oder etwa Brecht 1953) erinnert werden, wir haben es gerade wiedergegeben. Im Prinzip kann man als Linker nur froh sein, dass Lenin 1917 nicht seine Gesamtausgabe plante und so Zeit hatte, sich um die Revolution zu kümmern. 664 Bloch: Marx und die bürgerlichen Menschenrechte, S. 349f. 665 Münster schrieb auch, dass Bloch »betroffen und wie gelähmt« gewesen sei, dies ist für 1953 allerdings pure Mutmaßung, es gibt dafür keine Indizien. Münster: Ernst Bloch, S. 268. 666 Der Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Harich, offensichtlich ohne Angst um seine Position im Journal, war in den Monaten nach dem Aufstand neben Brecht und gemeinsam mit diesem einer der wenigen Intellektuellen, die sich für eine Reform des Sozialismus einsetzten. 667 Münster: Ernst Bloch, S. 269. 287 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Man merkt der Biographie von Münster an, zu welchen Tricks und Kniffen ihr Autor greifen musste, um irgendwie erklären zu können, warum sich Bloch in der DDR verhielt wie er es tat. Wenn sich Opposition schon nicht finden lässt, dann sei wenigstens konstatiert (als Einschub in einer Klammer): »Und dazu gehörte schon etwas Mut, um dies in der DDR der fünfziger Jahre öffentlich zu sagen!«668 Was ist gemeint? Dass Bloch auf den subjektiven Faktor in der Praxis hingewiesen hatte – in seinem Referat auf der Großen Freiheitskonferenz, das Harich vor versammeltem Publikum wegen der von ihm ausgemachten Unwissenschaftlichkeit (sowie der entsprechenden Begriffs- und Definitionsfehler Blochs) derart in der Luft zerfetzt hatte, dass Bloch mehrere Wochen nicht mit ihm sprach.669 Noch ärger freilich als Arno Münster ist der Ansatz von Manfred Riedel. Dieser behauptet dass der Aufsatz Blochs über Christian Thomasius autobiographische Züge trage. Da er 1953 erschien, wäre dort also Blochs Kritik an der Politik der SED im Jahr des Arbeiteraufstands nachzulesen.670 Da auch Riedel direkte Opposition Blochs nicht nachweisen konnte, ging er den Weg der Behauptung, dass so ziemlich jede Äußerung Blochs über einen philosophiegeschichtlich relevanten Denker, so dieser etwas gegen seinen damaligen Staat gesagt habe, eigentlich eine autobiographische Äußerung Blochs zur aktuellen Situation gewesen sei. Es kommt zu Analogien in der Art, dass der Geschlossene Handelsstaat von Fichte ein »dem späteren DDR-Staat nicht unähnliches Staatsgebilde« darstelle.671 (Wahrscheinlich wegen dem »geschlossen«. Zwischen 668 Münster: Ernst Bloch, S. 272. 669 Deutsche Akademie der Wissenschaften: Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Konferenzband wurde nach den Ereignissen des Herbst 1956 von der Stasi trotz der bereits erfolgten Auslieferung wieder eingezogen und fast vollständig vernichtet. Nur einige wenige Exemplare überdauerten die Zeit. Bloch: Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur Wahrheit, S. 573-598. Harichs Text: Harich: Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit, S. 65-75. Harich hielt seinen ursprünglich ausformulierten Vortrag nicht, sondern ging auf seine Vorredner ein. 670 Riedel: Tradition und Utopie, S. 126. Gemeint ist der Aufsatz: Bloch: Christian Thomasius, ein deutscher Gelehrter ohne Misere, S. 315-356. 671 Riedel: Tradition und Utopie, S. 117. 288 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Atlantis und der DDR hat Riedel diesen Vergleich übrigens nicht gezogen.) »In der Hoffnung darauf, dass der geschlossene Staat seine Grenzen öffnen werde, hatte Bloch schließlich gewagt, eine Wahrheit zu sagen, die so nur er aussprechen, die außer ihm niemand öffentlich artikulieren konnte. Nationalerziehung, wie sie Fichte forderte, ist keine für den Staat um seiner selbst willen, sondern eine zur Arbeit, zur Einigkeit in deutscher Gesinnung und europäischer Verantwortung, ohne Einmischung in die Welthändel: Erziehung zu sittlicher Ganzheit in der besonderen Aufgabe der deutschen Nation. Und Bloch berief sich dann auf jenen Erziehungsgrundsatz, der nicht von Fichte, sondern von Pestalozzi stammt und dem studentischen Publikum im Hörsaal 40 aus dem Herzen gesprochen war: ‚Wir wollen keine Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates.‘«672 Natürlich musste auch Riedel zur Kenntnis nehmen, dass Ernst Bloch in seinen Jahren in der DDR so manches machte, was der Partei nutzte und recht war und von dieser gefordert wurde. Beispielsweise seine Auseinandersetzung mit der Weltlage auf dem Gebiet der Kultur.673 Riedel erklärt das wie folgt: »Bloch wollte nicht den Weg von Lukács gehen, wurde aber durch die Umstände dahin getrieben. Das ist ein Kapitel für sich, so betrüblich, ja, finster, dass es auch mir nicht möglich ist, den gedanklichen Abfall ins zeitliche Dunkel des gelebten Augenblicks durch die geschichtlichen Umstände des Lebens im Schatten Stalins und seiner ostdeutschen Musterschüler zu erhellen.«674 Warum Bloch etwas (es war eigentlich sogar ziemlich vieles, aber das nur am Rande) Positives über die 672 Riedel: Tradition und Utopie, S. 122. Das Zitat aus Blochs Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Bd. 4, S. 284. Dort hat Riedel offensichtlich auch die originelle Idee für seinen DDR-Vergleich her, denn es ist zu lesen  – ausgehend von der Idee einer disziplinierten Wirtschaft: »Fichte sagt dazu: ‚Die Leichtigkeit der Staatsverwaltung, sowie aller Arbeit, hängt davon ab, dass man mit Ordnung, Übersicht des Ganzen und nach einem festen Plane zu Werke schreite.‘ (…) Wenn der Satz in einem Leitartikel des Neuen Deutschland stünde, würde er keinem auffallen, und dabei steht er im Geschlossenen Handelsstaat.« (Ebd., S. 185f.) 673 Riedel verweist auf die Aufsätze. Bloch: Die Todesschleife, S. 334-337. Bloch: Wahre Rettung der abendländischen K ultur, S. 337-342. Riedel: Tradition und Utopie, S. 110. 674 Ebd., S. 110f. 289 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 DDR sagte, kann also nicht nachvollzogen, gar erklärt werden. Es gibt demnach auch keinen Grund, dies zu versuchen oder wenigstens empirisch aufzulisten. Wichtiger ist die Suche der verborgenen Chiffre. Riedels Verklärungsversuch ist ein charakteristisches Beispiel des Arbeitens der Blochianer. Nachdem die Bösartigkeiten nun genügend verteilt sind (es ist eine Grundbedingung des Bösartigen, dass es im großen Teil zutreffend ist), ist abschließend ein Text Blochs zu rekapitulieren, der überraschenderweise in der Forschungsliteratur oftmals zu kurz kommt, obwohl er eigentlich illustrieren könnte, was die Bloch-Schüler und Bloch-Apologeten so gern begründen würden: Über die Bedeutung des XX. Parteitags. Bloch war der Text so wichtig, dass er in die Gesamtausgabe Eingang fand. (Die Apologeten können sich nicht auf ihn beziehen, weil er, für sie bedauerlicher Weise, auch Verteidigung des bestehenden Sozialismus ist.) Er beginnt mit einer Feststellung, der nichts hinzuzusetzen ist: »Wie doch ein bloßes Wegtun uns reich machen kann. Diesfalls ein Wegtun des Drückenden, Falschen, Hemmenden, das sich an der großen Sache angesetzt hatte. Mit einem ist die Luft verändert und das überall dort, wo man begreift, begreifen will.« Auch die Verlierer des radikalen Chruschtschowschen Einschnitts hat Bloch benannt: »Dem kapitalistischen Westen ist die Wendung höchst verdrießlich, obwohl er doch so sehr auf freie Welt aus ist. Den Abtrünnigen ist der Parteitag besonders bitter und verschlägt ihnen den Atem, obwohl sie in einigem doch Recht bekommen zu haben scheinen. (…) Sie haben auch gar keine Kritik ausgeschüttet, sondern Kübel voll Unrat in Bausch und hohem Bogen, wenn er nur die Sowjetunion traf, ausnahmslos traf.«675 Im Westen, als da sind: Die »alten Menschenverächter und Despoten, von den Karlsbader Beschlüssen bis McCarthy (…), Adenauer freut sich über alle Fortlebe des im Kreml Kritisierten« usw.676 Der XX. Parteitag wurde von Bloch vollumfänglich anerkannt. Er dürfe nicht abgewertet werden, indem man ihn beispielsweise zur bloßen Fehlerdiskussion reduziere. Er müsse »zur Konsequenz gebracht werden, 675 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 357f. 676 Ebd., S. 359. 290 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche und das mit dem eigenen, in ihm selbst gegebenen Maß«.677 Der Schlusssatz des Aufsatzes von Bloch lautet: »Mit einem solchen Parteitag, wohlverstanden: Nicht als Sonntag und Oase, sondern als Quellwerk für den Alltag, das nicht einfriert.«678 Dies vorausgesetzt, weise der XX. Parteitag den Weg, auf dem die Reformierung des Sozialismus vorgenommen werden müsse. 1) Zuerst sei wichtig, dass das Volk den Staat nicht als Druck empfinde, nur die inneren Feinde sollen die ganze Härte des Staates zu spüren bekommen.679 2) Der Kampf gegen den Personenkult (und nicht nur gegen diesen) müsse vollständig und dauerhaft geführt werden. Bloch sprach von »Bestialitäten« der Stalinschen Periode: »Die Bewährung heißt im ganzen sozialistischen Lager innerparteiliche Demokratie mit endlich wieder vorstehender, belehrt-lehrender Theorie, und im Westen neue Volksfront dazu.«680 3) Wichtig sei zudem, dass man sich daran halte und es verinnerliche, dass die Sowjetunion nicht »das einzige Modell des Sozialismus« sei. »Die Sowjetunion hat Ruhm bis in die fernste Zeit als Land der Oktoberrevolution und erster sozialistischer Staat; sie hat es nicht nötig, ihre späteren so genannten Kulturpaläste angehimmelt zu sehen.«681 4) Schließlich, für Bloch und die Intellektuellen sicherlich am wichtigsten, müsse das selbstständige und freie Denken gefördert werden. Auch bei Bloch fällt das Schlagwort der Überwindung des Dogmatismus und Schematismus, zusammen mit einer auch ironischen Abrechnung 677 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 359. 678 Ebd., S. 365. 679 Ebd., S. 359f. 680 Ebd., S. 361. Dort weiter: »Denn purste Bestialitäten ohne alles barbarische Beiwerk von Personenkult waren, wie erst der XX. Parteitag auch draußen ans Licht brachte, außerhalb der Schauprozesse jene Millionen lautloser Morde durch ganz Russland hindurch, an kleinen Leuten, gutgläubigen Kommunisten, Unschuldigen, Hilflosen, nichts als Opfern. Freilich wurden auch diese Verbrechen erst durch das Moskauer Zentralexempel zu ihrem subalternen Sadismus freigesetzt. Gar die so viel späteren anderen Schauprozesse gegen Rajk in Ungarn und Slansky in der Tschechoslowakei wären ohne den damaligen Kreml nicht möglich gewesen. Trotzdem verlangt das konkrete Maß: Die erkannten Barbarismen und himmelschreienden Bestialitäten können nicht dazu führen, dass man (was allen Antimarxisten ja so gelegen käme) den in Russland begonnenen Sozialismus mit der Person Stalins, gleichsam in negativem Personenkult, so übel zusammenfallen lässt.« (Ebd.) 681 Ebd. 291 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 mit der Vergangenheit: »Unter Stalin (obwohl nicht unter ihm allein, durch ihn allein) konnte es bisweilen scheinen, als sei der Marxismus eine abgeschlossene Lehre und eine Idee nichts anderes als eine Verbindung zwischen zwei Zitaten. Zugespitzt formiert: Bislang hatte nur Stalin das Recht, ein anderes als Zitate zu sagen, ein Anderes, das nun sogleich und vor allem wieder ein Zitat wurde.«682 In diesem Text steckt der Bloch, den wir so sehr wollen, der uns imponiert und Respekt abringt. Ein Theoretiker mit scharfem Intellekt, ein deutliches Bekenntnis zum Marxismus in Theorie und Praxis, mit beiden Beinen im Sozialismus stehen und für diesen kämpfend – aber eben einen Sozialismus der Freiheit und Diskussion einfordernd, der die von Marx und Engels verkündeten Paradigmen der Zukunft nicht sofort und ad hoc in die Gegenwart holen will, sie aber nie als normative Zielperspektiven außer Acht lässt. Der nicht das Klassiker-Zitat sucht, sondern die Debatte braucht. Doch die Sache hat einen Haken. Bloch hatte den Text geschrieben, war damit zufrieden und legte ihn in die Schublade. Zu einer Veröffentlichung kam es nie (in der Gesamtausgabe wird darauf übrigens nicht hingewiesen, es wird der Eindruck vermittelt, als sei der Text gedruckt worden) – und diese wäre so wichtig gewesen, so notwendig das geschlossene Bekenntnis der Intellektuellen zum Aufbruch in die Zukunft, zur sezierenden Analyse der Gegenwart. Warum Bloch den Text nicht veröffentlichte oder wenigstens zur Veröffentlichung anbot? Da rüber lässt sich nichts sagen. Unbestreitbar ist, damit wollen wir schließen und so gehört es sich auch, dass Bloch seine Studenten und Zuhörer zu freiem und kritischem Denken erzog. Dass er tatsächlich Menschen und Philosophen bildete und keine Sektierer und Dogmatiker. 1965, im Westen, formulierte Bloch dann endlich öffentlich, was er die Jahre zuvor für sich gedacht (und im Hörsaal 40 manchmal direkt, oft verklausuliert gesagt) hatte. (Was seine Haltung in der DDR als um so bedauerlicher erscheinen lässt, da ja offensichtlich Meinung vorhanden war.) Im Gespräch mit Fritz Vilmar führte er zunächst aus, dass der Marxismus erst dann richtig bestimmt werden könne, wenn man berücksichtige, dass einiges, was ihn hemmte, gar nichts mit ihm zu tun hatte, sondern viel- 682 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 364. 292 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche mehr »eine Standortfrage des Ausgangs« sei, »erst dann kann diese Frage, die ich einmal scharf und bösartig formulierte, behandelt werden: Hat sich in der Sowjetunion der Marxismus bis zur Kenntlichkeit oder bis zur Unkenntlichkeit verändert? Bis zur Unkenntlichkeit verändert, ist eine übliche Wendung; zweifellos stimmt sie auch. Aber intellektuelle Redlichkeit verlangt auch das zu formulieren: Hat er sich bis zur Kenntlichkeit verändert? Als Frage, als eine wissenschaftliche Aufgabenstellung, nicht als eine Beschimpfung und nicht als nur die Spur einer Ideologie für reaktionäre Tendenzen, die dann an Hitler anschließen könnten, indem sie schlechthin antikommunistisch sind.«683 Wieder einmal ist Hegel der Ausgangspunkt – nun allerdings in einem anderen Beziehungsgefüge: »Es hat sich also gezeigt, dass die Prämissen zum aufrechten Gang im Marxismus nicht genügend angedacht sind, der eben nicht nur an die Französische Revolution anschloss, sondern auch an die Hegelsche Philosophie, an deren autoritären, objektiven Geist. Die staatskritischen Prämissen, die anarchosyndikalistisch in Frankreich entwickelt waren, die auch in der italienischen Partei im 19. Jahrhundert lebendig waren – dieses: Wie rette ich den einzelnen Menschen vor dem Staat?  – sind nicht zu Ende gedacht worden. Das Absterben des Staates kommt nicht, und die individuelle Freiheit, ein besonderes Ziel im Marxismus, ist schlimmer dran als irgendwo.«684 Bloch spitzte zu, dass nur ein radikaler Wechsel diese Situation ändern können. Der Marxismus müsse sich entwickeln, um Anziehungskraft für alle Menschen zu erreichen.685 »Eine Angst vor dem Vakuum, die sich an den allgemeinen Nihilismus sehr leicht anschließen kann, und eine Angst, die innerhalb der bestehenden kapitalistischen Wirtschaft übertäubt wird durch die sehr nahe liegenden Sorgen des Erwerbs, womit die Ohren in Krisenzeiten besonders erfüllt sind; und die Konjunkturzeiten bewirken Ablenkung und Betäubung durch Konsum. Wenn das wegfällt, wenn also eintritt, 683 Bloch: Über ungelöste Aufgaben der sozialistischen Theorie, S. 81. 684 Ebd., S. 85f. 685 »Evolution reicht nicht aus, ein Umbruch müsste stattfinden, ein theoretischer zunächst. Ein Umbruch, durch den das Diktatorische institutionell verhindert wird, wie im Westen ja auch einiges institutionell durch die Verfassungen verhindert wird.« (Ebd., S. 84.) 293 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 was Marx sagt: nicht Freiheit des Erwerbs, sondern Freiheit vom Erwerb, als unser Ziel, dann stehen die Menschen mit Angst vor einer Leere. So also brauchen wir eine neue Ästhetik; auch eine neue Religionsphilosophie; auch eine neue Ethik. Eine Ethik ohne Erwerb; eine Ästhetik ohne Illusion; eine Dogmatik ohne Aberglaube. Dies ist ein Geschäft innerhalb eines recht verstandenen und sich fortentwickelnden Marxismus. Wobei die Prämissen dazu endlich blühen.«686 Dies ist, wir erinnern daran, exakt die Position von Lukács und Harich im Jahr 1956 – zu der Bloch damals mehr als nur der Mut fehlte. Und 1974, damit ist unsere Rekapitulation beendet, antwortete Bloch auf die Frage, ob der Marxismus ohne Moral nicht leben könne: »Nicht durchdringen und auch nicht leben. Es wäre kein Marxismus mehr. Was in der Sowjetunion unter Stalin geschehen ist, ist eben nicht moralisch, und wir beurteilen es auch nicht allein ökonomisch. (…) Und Moral geht um Verhaltensformen und Lebensweisen. Lenin ist völlig einwandfrei, sonst wäre er nicht Lenin. (…) Und die Revolution als solche ist doch moralisch: Dass man es nicht mehr aushält, dass es zwei Arten von Menschen gibt, Herr und Knecht, ist doch kein ökonomisches Urteil, sondern ein moralisches.«687 Der Blick auf 1956/1957 ist ein ganzes Stück weit ernüchternd. Es sei abschließend angemerkt, dass man gerade im Vergleich erkennt, wie wirklich beeindruckend und mutig die Wortmeldungen von Harich und Lukács waren. Beide zahlten einen hohen Preis dafür. Mit ihnen waren es viele heute Namenlose, die ihr Leben riskierten für eine Verbesserung des Sozialismus. Eben dies bringt uns aber zur Ernüchterung. Es ist ein hochgradig peinlicher Anblick, heute zu sehen, wer in diesen Wochen und Monaten alles schwieg  – von unseren Protagonisten sind zu nennen Johannes R. Becher, Bloch und Mayer. Natürlich lassen sich, ihrer Apologeten haben das in nach Zentnern zu messender Sekundärliteratur eifrigst getan, zahlreiche Gründe anbringen, warum gerade Bloch und Mayer schwiegen: Die Bandbreite reicht von der schlichten Angst bis hin zu den bereits genossenen und noch in Aussicht stehenden Vorteilen und 686 Bloch: Über ungelöste Aufgaben der sozialistischen Theorie, S. 89. 687 Bloch: Rosa Luxemburg, Lenin und die Lehren oder Marxismus als Moral, S. 215f. 294 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Privilegien. Man kann und darf niemandem einen Vorwurf machen, aber sehr wohl Fakten konstatieren. Keine Kritik ihrer Wissenschaftlichkeit soll es sein, die hier geleistet wird, auch nicht ihrer privaten Einstellung. Es geht einzig darum, dass es falsch ist, sie zu sich verklausuliert ausdrückenden Oppositionellen zu machen. Denn das waren sie in der Außendarstellung nicht und wollten es auch nicht sein. Deutlich wird dies nicht nur durch die sichtbaren Unterschiede zwischen ihren Äußerungen und denen von Harich und Lukács (und so manch anderen), sondern auch durch die Offenheit, mit der sie dann ein paar Jahre später im Westen sprachen. Das waren andere Menschen mit einer anderen Einstellung. Das Versteckspiel hatte aufgehört, es bedeutet aber auch, dass sie sich vorher eben tatsächlich versteckt hatten. Exemplarisch nachzulesen ist das etwa in der kurzen Notiz Brüderliche Kampfesgrüße in Prag von 1968, wo Bloch das »grauenvolle Prager Geschehen« zutreffend charakterisiert mit Worten wie: »russische Kolonie«, »Lüge über Lüge«, »Panzer und Blutvergießen« usw.688 Keine einzige dieser Vokabeln, noch nicht einmal ihre geduckten kleinen Brüder, lassen sich eruieren wenn es darum geht, herauszufinden, was Bloch zu den Schauprozessen nach 1945 zu sagen hatte, zum Arbeiteraufstand, zu den Umbrüchen von 1956. Das ist das mehr als nur Bedauerliche. Bloch und Mayer – wie oft mögen sie sich gegenseitig versichert haben (in Leipzig und später dann in Tübingen), dass sie Marxisten sind, Intellektuelle, die für die Freiheit und die Aufhebung der Entfremdung jedes Einzelnen kämpfen? Man weiß es nicht. Ende 1956 zeigten beide ihr wahres inneres Ich. Warum auch immer – dieses Ich war ein Egoist, ein Angsthase, ein Opportunist. Eine solche Haltung ist menschlich überaus legitim, hat mit dem Marxismus aber nichts zu tun. 688 Bloch: Brüderliche Kampfesgrüße in Prag, S. 418-419. 295 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Noch einmal ist die Zeit der Verhaftung Harichs hier zu betrachten – aus einem ganz anderen Blickwinkel. Denn es ist (neben einigen weiteren Dingen) kurz zu analysieren, wie Mayer auf Harichs Verhaftung (und die seiner Mitstreiter) reagierte. Mayers eigener Weg in der DDR nach dem November 1956 wird an anderer Stelle dargestellt. Es wäre natürlich auch möglich gewesen, das Verhältnis von Harich zu Lukács oder Bloch etwas ausführlicher zu untersuchen, allein diese Themen wären zu komplex und würden den Rahmen unserer Betrachtungen mehr als aufsprengen, die Gewichtung zu sehr verschieben. Mayers Stellung zu Harich wird hier behandelt, da so gut deutlich wird, wie schlimm Opportunismus und Anpassung in der DDR wüteten. In seinen Memoiren Schwierigkeiten mit der Wahrheit hat Walter Janka ja vor allem Becher und Anna Seghers ihr Schweigen vorgeworfen. (Harich seinerseits hat in den Wendezeiten Becher und Seghers verteidigt, gerade auf Anna Seghers, mit der er 1948 in der Sowjetunion war und deren Bücher er hoch schätzte, ließ er nichts kommen.) Aber auch andere hat diese Anklage zu treffen. Für Mayer lässt sich nach dem November 1956 ein Prozess des Arrangierens mit dem Gegebenen ausmachen, die anfänglich geäußerte private Wut verwandelte sich in Resignation, Stillschweigen, schließlich Vergessenheit. Ein Verhalten, das so, tausendfach praktiziert, auch zum Untergang der mehr als schäbig gewordenen DDR beitrug. 296 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Die Gruppierung um Harich und Janka war nicht der einzige Versuch, in der DDR trotz der gegenläufigen Tendenzen und Praktiken von Stasi und SED öffentliche freie Diskussionen über die potentielle Ausrichtung und Weiterentwicklung des sozialistischen Staates durchzuführen. So gab es beispielsweise den Donnerstagskreis, der 1956 im Club der Kulturschaffenden wöchentlich stattfand – initiiert und geleitet von Fritz J. Raddatz, der nach eigenen Angaben ca. 35 Intellektuelle regelmäßig einlud.689 Auch diese Gruppierung hatte Kontakt zu den herrschenden Eliten: »Raddatz berichtet sogar, er habe dem Minister Becher – unter dessen schweigender Duldung – die Ziele seines locker zusammengesetzten Kreises dargelegt: Abschaffung der Zensur, eine unabhängige Wochenzeitung und größeren Raum für ausländische Literatur in den Verlagsprogrammen, alles Forderungen, die für Becher damals wahrlich nichts Außergewöhnliches waren.«690 Der 29. November 1956 war nicht nur der Tag der Verhaftung Harichs, dieser hatte eigentlich zugesagt, bei dem Treffen des Donnerstagskreises am selben Tag einen Vortrag über Hegel zu halten.691 Die Wahl des Themas war natürlich kein Zufall – unsere bisherigen Anmerkungen haben gezeigt, dass um Hegel die intensivste Debatte in der jungen DDR-Philosophie geführt wurde, dass gerade dieses Gebiet wie kein zweites zur Aufarbeitung der Vergangenheit zwang und zwingen sollte, einen freien und undogmatischen Marxismus forderte, forcierte, implizierte. (Eben dies ist ja einer der Gründe, warum der Name Hegel, dessen Philosophie sowie die entsprechenden Wertungen und Interpretationen in den Goethe-Feierlichkeiten und nachfolgenden Goe the-Vermessungen so eine tragende Rolle einnahmen. Und es waren die Hegel-Artikel Harichs und Blochs aus dem fünften Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von 1956, die die Stasi für alle Zeiten unterdrücken und vernichten wollte.) Raddatz wird sich gewundert haben, weshalb Harich am 29. nicht zu seinem Vortrag erschien, vielleicht gab es sogar Versuche der Kontaktaufnahme. So lässt sich eventuell erklären, warum er gemeinsam mit Gerhard 689 Raddatz: Hermann Kants Mimikry, S. 65. 690 Schiller: Der Donnerstagskreis, S. 13. 691 Hierzu (allerdings mit einigen problematischen Einschätzungen und Schlussfolgerungen): Ebd., S. 25f. 297 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Schneider, einem seiner Mitstreiter im Donnerstagskreis, am 30. vormittags im Cafe Möhring am Berliner Kurfürstendamm sich aufhielt und bereits Gerüchte über Harichs Verhaftung aufgeschnappt hatte. »Beide gehen davon aus, dass nun auch ihr Schicksal besiegelt ist. Sie sind entschlossen, nicht wieder (in die DDR, AH) zurückzukehren. Da erscheint plötzlich der ahnungslose Hans Mayer im Café. Er explodierte förmlich, nachdem er die Nachricht von der Verhaftung Harichs vernommen hatte. Er müsse sofort Bloch sprechen, erklärte er und forderte die beiden auf, nach Ostberlin zurückzukehren. Das Verbleiben im Westen würde den ‚Donnerstagskreis‘ hochgehen lassen. Wenn Sie im Westen blieben, würden sie doch nur in den Sold der Imperialisten geraten. Mayer fährt nach Leipzig. Raddatz und Schneider kehren nach Ostberlin zurück.«692 (Raddatz verließ die DDR 1958.) Harich und Mayer sind einander immer wieder begegnet, gerade in der Frühphase der DDR führten sie viele Konferenzen und Veranstaltungen zusammen. Ihr Verhältnis war allerdings mehr als angespannt. Harich hatte 1950 Mayers Buch Thomas Mann. Werk und Entwicklung (erschienen 1950 in Berlin) in der Weltbühne – für die er zahlreiche Artikel schrieb693 – scharf kritisiert. Auch wenn sich Mayer dem Anspruch stelle, so Harichs Grundaussage, in den Fußstapfen Georg Lukács’ eine materialistische Ästhetik als Teil des Marxismus zu vertreten,694 so sei sein Buch doch »zutiefst unmarxistisch. Mayer untersucht nicht die historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen der modernen Literatur. Er versucht auch nicht, an Hand einer Analyse dieser Voraussetzungen die Entwicklung Thomas Manns begreiflich zu machen. Er legt vielmehr durch dessen Gesamtwerk sogenannte ‚große Längsschnitte‘, und er will damit vor allem die angebliche Konstanz seiner Thematik beweisen. Das ist genau das gleiche 692 Prokop: 1956, DDR am Scheideweg, S. 209. 693 Eine Auswahl wurde gerade veröffentlicht: Harich: Frühe Schriften, Band 1, S. 209-288. Siehe: Schivelbusch: Vor dem Vorhang. 694 »Der Verfasser erhebt den Anspruch, ‚die von Lukács gestellte Aufgabe historisch-systematischer Darstellung‘ erfüllen zu wollen, und er bekennt sich zur ‚materialistischen Ästhetik‘, deren Probleme, wie er sagt, ‚als gewaltige Zukunftsaufgabe vor uns stehen‘. Wir vermuten also, es hier mit marxistischer Literaturwissenschaft zu tun zu haben.« Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801. 298 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Verfahren, das die bürgerliche ‚Geisteswissenschaft‘ immer dann anzuwenden pflegt, wenn sie einen Dichter oder einen Philosophen auf einen ‚seelischen Strukturtypus’ festlegen möchte. Veränderung und Entwicklung der gesellschaftlichen Basis geraten dabei außer Sicht.«695 Einige der Kritikpunkte Harichs seien zum besseren Verständnis aufgezählt:696 • »Fast Seite für Seite lassen sich darin Missverständnisse und Fehlurteile nachweisen.« • »So löst sich das Leben Thomas Manns in Folge der Mayer‘schen ‚Längsschnitte‘ in lauter anekdotische Belanglosigkeiten auf.« • »Äußerste Rücksichtslosigkeit gegenüber den elementaren Bildungsbedürfnissen der weit überwiegenden Mehrzahl des Leserpublikums ist eines der hervorstechendsten Merkmale des Buches.« • »Mayer gibt weder über die objektiven gesellschaftlichen Grundlagen, die sich in Thomas Manns Werk widerspiegeln, noch über irgendwelche literarischen Zusammenhänge Auskunft.« • »Über ganz entscheidende Jugendnovellen Thomas Manns verliert er kein Sterbenswörtchen.« • »Aber das Schlimmste sind die zahlreichen Taktlosigkeiten dieses Buches.« • »Doch dies ist noch gar nichts gegen die Behauptung, dass Thomas Mann in seinem Leben eine bewusste Imitation Goe thes betreibe.« • »Es spricht alles dafür, dass Mayer seiner eigenen Einfälle nicht Herr zu werden vermag. Wo sich bei ihm eine Bildungsassoziation einstellt, flink wird sie aufs Papier gebracht (…).« Die Aufzählung verdeutlicht die Stoßrichtung der Besprechung Harichs, die als Fundamentalkritik zu bezeichnen ist. Noch einmal lässt sich erkennen, wie Harich argumentierte. In der DDR geriet die Art des Vorgehens in die Kritik. In seinen Ausführungen zum Zweiten Schriftstellerkongress schrieb Günther Cwojdrak: »Willi Bredel sprach allen Schriftstellern aus dem Herzen, als er eine scharfe aber kameradschaftliche Kritik forderte, 695 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801. 696 Aufzählung nach: Ebd., S. 801-804. 299 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich die nicht darauf ausgeht, einen Autor möglichst brillant zu erledigen, sondern ihm möglichst konkret zu helfen. Auch hier hätte ruhig von einem Beispiel gesprochen werden können, etwa von Wolfgang Harichs Kritik zu dem Buch von Hans Mayer über Thomas Mann. Von einem Vertrauensverhältnis zwischen Kritik und Schriftsteller kann vorläufig, wie sich zeigte, noch nicht die Rede sein.«697 Hans Mayer sagte im März 1982 in einem Gespräch mit Fritz J. Raddatz: »Mein Thomas-Mann-Buch des Jahres 1950 stieß in der DDR auf empörte Ablehnung. Johannes R. Becher, das hat er später mir selbst gegenüber ohne weiteres zugegeben, hat eine Kampagne eröffnet, und zwar hat zuerst Paul Rilla dagegen geschrieben, dann, das war unvermeidlich, auch er hat sich später geschämt, Wolfgang Harich in der Ost-Berliner Weltbühne. Das sei ja ein ganz schlimmes Buch, und was ich da über Thomas Manns Männer und Knaben geschrieben hätte, das gehe doch überhaupt nicht an, und ich hätte Thomas Mann als Lübecker und Gerhart Hauptmann als Schlesier bezeichnet, das sei ja sozusagen nazistisches Blut-und-Boden-Diskutieren, also es wurde alles getan, um mich, nicht nur mein Buch, fertig zu machen.«698 Mayer strich heraus, dass Bertolt Brecht ihm helfen wollte: »Das war nicht sehr angenehm Tag für Tag zu lesen. Morgens klingelt das Telephon in Leipzig, Brecht ist am Apparat: ‚Sagen Sie, Mayer, ich habe das alles gelesen, was geht hier vor? Was wird hier gespielt? Soll ich mich einschalten?‘ Ich sagte ‚nein‘. Sehen Sie, das vergisst man nicht.«699 Soweit der Rückblick, schauen wir etwas genauer. Am 25. Juli 1950 hatte Mayer Walter Wilhelm in einem Brief mitgeteilt: »Ich habe es bisher abgelehnt, einen Gegenartikel zu schreiben, weil ich gegenüber den Fälschungen und Verleumdungen einfach gar nichts anderes sagen könnte als: Die Leser möchten selbst mein Buch lesen und sich ein Urteil bilden, dann können sie ja sehen, ob ich Recht habe oder nicht. (…) Immerhin kann ich Dir nicht verschweigen, dass ich mich über dieses Manöver, dessen intrigenhafte Hintergründe ich genau kenne, doch sehr geärgert 697 Cwojdrak: Bemerkungen zum Deutschen Schriftstellerkongress, S. 864. 698 Raddatz: Skeptischer Aufklärer und roter Kämpfer noch immer, S. 41. 699 Ebd. 300 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche habe.«700 Einen Gegenartikel schrieb Mayer tatsächlich nicht, er machte etwas anderes, ging nicht den Weg der publizistischen Debatte, sondern den opportunistischen der Funktionärsbahn. An Willi Bredel (dessen Wortmeldung vom Zweiten Schriftstellerkongress gerade erwähnt wurde) schrieb er am 21. Juli 1950: »Da Du, wie ich aus der Zeitung ersehen, ja nun im engeren Vorstand des Schriftstellerverbandes bist, was mir sehr recht ist, wirst Du Dich demnächst mit meiner Klage auf Einleitung des Ehrengerichtsverfahrens gegen Wolfgang Harich befassen können. Kritik ist eine Sache, Fälschung und Verleumdung sind eine andere. Ich habe gegen Harich ein Disziplinarverfahren bei der Universität angestrengt, weil ich (und ich nicht allein!) der Meinung bin, dass solche literarischen Achtgroschenjungen und beauftragte Totschläger nicht als verantwortliche Lehrer der Jugend taugen. Da sie auch, meiner Ansicht nach, nicht an verantwortlicher Stelle in die literarische Öffentlichkeit gehören, werde ich den Fall auch dem Ehrengerichtsverfahren im Schriftstellerverband unterbreiten.«701 Die Partei sollte es also richten, hinter den Kulissen und abseits der Öffentlichkeit sollte Harich seine Lektion lernen. Es sind Momente wie diese, die klar zeigen, wie sich Mayer zur DDR positionierte, dass er bereit war, bestimmte Mechanismen der Anklage und Denunziation mitzutragen oder wahrzunehmen, die Macht der Partei dort einzusetzen, wo die freie Debatte versagen musste. Als ob jemals ein Gericht oder eine Verlautbarung der Partei ein publizistisches Problem auf Dauer gelöst hätte. Am 22. November 1950 schickte Mayer seine »offizielle Anklageschrift gegen Wolfgang Harich« an Rudolf Leonhard in dessen Funktion als Vorstandsmitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes »mit der Bitte um Weiterleitung an den Vorstand«.702 Gegen Becher und Rilla ging Mayer übrigens nicht auf diese Weise vor, auch nicht mit Disziplinarverfahren, vielleicht waren sie ihm einfach zu berühmt, um es sich mit ihnen dauerhaft zu verscherzen. 700 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 25. Juli 1950, S. 69. 701 Mayer: Brief an Willi Bredel vom 20. Juli 1950, S. 68. 702 Ebd., dort die Fußnoten des Herausgebers Lehmstedt, S. 68. 301 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Natürlich musste auch Thomas Mann Meldung gemacht werden. Am 30. Juli 1950 schrieb Mayer an den »sehr verehrten Herrn Professor« nicht nur die Nachricht, dass das Buch ein Verkaufserfolg sei: »Auf der anderen Seite bin ich durch zwei unserer Kritiker, die Herren Paul Rilla und Wolfgang Harich, mit einem Eifer ‚zerfetzt‘ worden, dass nicht bloß ich allein den Eindruck haben musste, hier liege blinder Eifer vor, Blindheit des Ärgers und Eifer als Nachbar von Eifersucht. Es ist nicht schön dabei zugegangen, wenn man Sätze aus dem Zusammenhang reißt, verfälschend zitiert, dem Buch nicht einen einzigen logischen Gedanken zubilligen möchte, wie es Rilla wahrhaftig getan hat.«703 Natürlich differenzierte Mayer, das Buch enthalte tatsächlich einige Schnitzer, auf die Thomas Mann »in so gütiger Weise« aufmerksam gemacht habe.704 Harich wird in dem Brief, das scheint fast für Mayer notwendig zu sein (wir kommen darauf zurück), als »sehr jugendlich und einigermaßen überheblich auftretend« bezeichnet, eine Charakterisierung die ihrer Art nach nur den trifft, der sie ausspricht.705 Der »sehr verehrte Herr Professor« darf also »in gütiger Weise« kritisieren, der überhebliche Jungspund nicht. Und Mayer differenzierte noch weiter: Gegenüber Thomas Mann erwähnte er Becher als angeblichen Mitverschwörer, gar Initiator der Kritik an ihm nicht – er wusste, dass Becher und Mann gut befreundet waren. Mayer und Harich sind sich früh begegnet. Schon 1948 musste es erste Kontakte gegeben haben, da Mayer in der Täglichen Rundschau verschiedene Artikel und Rezensionen publizierte und Harich in der Zeitung für den Bereich der Kultur verantwortlich war, vor allem aber die (in den ersten Jahren noch nicht allzu zahlreichen) deutschen Autoren und Beiträger betreute. Auch im Goe the-Jahr steuerte Mayer einen Aufsatz bei, den Harich nicht nur in der Neuen Welt druckte, sondern auch in die Jubiläums- 703 Mayer: Brief an Thomas Mann vom 30. Juli 1950, S. 72f. 704 Ebd., S. 73. 705 Ebd., S. 74. Dort: »Wenn der noch sehr jugendliche und einigermaßen überheblich auftretende Wolfgang Harich mir vorwirft, ein Buch geschrieben zu haben, das keinem unvorbereiteten Leser eine Einführung in Ihr Werk zu geben vermöchte, so muss ich darauf wohl antworten, dass mein Buch, wie es die Literaturgeschichte im allgemeinen tun muss, die Existenz und Kenntnis der Werke, von denen gesprochen wird, voraussetzt.« 302 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche schrift der Neuen Ufer mit aufnahm.706 Ab 1949/1950 war Harich dann Leiter des Ressorts »Theorie und Propaganda« und damit sogar so eine Art Vorgesetzter Mayers, da dieser als freier fester Mitarbeiter ihm zugeordnet war. 707 Am 14. Januar 1949 sprach Mayer in Berlin zum Thema Thomas Mann, Goe the und Deutschland und berichtete in einem Brief über »gro- ßen Erfolg beim Publikum (darunter das ganze intellektuelle Berlin mit Arnold Zweig, Becher, Abusch, Legal, Hermlin, Harich etc.)«.708 Schon in dieser Zeit, irgendwann in der Mitte des Jahres 1949, müssen sie gemerkt haben, dass sie sich gegenseitig nicht sympathisch waren, so etwas gibt es ja durchaus. Harichs Argumentieren und Polemisieren gegen Mayers Thomas-Mann-Buch ist freilich nur die eine Seite der Medaille, auch Mayer war kein Kind von Traurigkeit und konnte austeilen. Am 24. Oktober 1949 schrieb er an Stefan Hermlin: »Das Schuldkonto Harichs aber sieht bereits folgendermaßen aus: Eine pöbelhafte Auseinandersetzung mit Erpenbeck, worin die echte Diskussion über Brecht praktisch erstickt wurde; eine ebenfalls maßlose und damit wertlose Abfertigung des gewiss sehr anfechtbaren Buches von Kämpf, die ebenfalls eine echte Aussprache verhinderte und keineswegs diesem so begabten Schriftsteller half, seine Fehler zu überwinden und auf den richtigen Weg zu kommen.«709 Von Mayers Seite ging es hier nicht um das Thema, sondern um Persönliches. Ein Beispiel sei herausgegriffen: Der Herausgeber des Briefwechsels von Mayer, Mark Lehmstedt, merkte in einer Fußnote an, dass nicht nachvollziehbar sei, warum Mayer die Polemik Harichs gegen Erpenbeck ablehnte.710 In der Tat gibt es dafür keinen Grund, da Harich in seiner Verteidigung Brechts gegen die Angriffe aus der Partei, die mehr als nur stalinistisch motiviert waren, für weite Teile des intellektuellen Berliner Lebens sprach. Harich und Brecht standen freundschaftlich nebeneinander – und wenn es etwas gab, was sie von Mayer unterschied, dann die eine Tatsache, dass sie 1953 nicht zutiefst opportunistisch handelten 706 Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. 707 Siehe hierzu: Harich: Ahnenpass, S. 164f. 708 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 5. Februar 1949, S. 16. 709 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 710 Ebd., S. 35. 303 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich wie Mayer, sondern mutig und öffentlich Reformen forderten.711 Harichs Verteidigung Brechts hatte diesem einige Atemluft verschafft und zudem Erpenbeck in die Schranken gewiesen – ein echter Erfolg. Es überrascht nicht, dass die Kritik Mayers an Harich Vorwürfe umfasste wie der, dass Harich erst 25 Jahre alt sei:712 Einem derartigen jungen Menschen steht es natürlich nicht zu, einen Professor auf Fehler aufmerksam zu machen, gar etwas besser wissen zu wollen. Mayer sagte mit seinen privaten Polemiken gegen Harich mehr über sich selbst als über diesen. An Mayes Brief an Thomas Mann konnte schon studiert werden, zu welch subtiler Fertigkeit er es auf diesem Gebiet brachte (wem man was sagt, wer wo angeprangert wird etc.). Woyzeck grüßt aus der Ferne. Zu dem (von Mayer erwähnten) 1948 erschienenen Buch von Alfred Kämpf, Die Revolte der Instinkte, hatte Mayer ein Vorwort geschrieben und Harich eine treffende, berechtigte Kritik. (Dies sei schon vorweg gesagt.) Kämpfs Buch wurde übrigens auch im Westen kritisiert, etwa wegen Kämpfs Ablehnung des Goe theschen Humanismus.713 Harich fokussierte genau diese Momente: »Kämpf bringt Fortschritt und Reaktion hoffnungslos durcheinander und vermag nicht einmal zwischen den verschiedenen historischen Entwicklungsphasen des Bürgertums, seiner Blütezeit und seiner Zersetzung zu unterscheiden. Die klassischen Genies hätten sich rechtzeitig davor schützen sollen, von den Ideologen des Imperialismus einmal missbraucht zu werden. Es wäre ihnen dann erspart geblieben, von Kämpf mit Heidegger und Alfred Rosenberg in den gro- ßen Topf der ‚Instinktrevolte‘ geworfen zu werden. Weil die Nazis mit dem ‚Mythos‘ von der ‚Volksgemeinschaft‘ die Klassengegensätze aus der Welt logen, werden Herder und Hegel, die von ‚Volksgeistern‘ sprachen, bei Kämpf zu Vorläufern der Nazis, unbeschadet der Tatsache, dass sie den Sinn der Weltgeschichte in der fortschreitenden Verwirklichung von Humanität und Freiheit sahen (obwohl Hegel die Verwirklichung der Freiheit in der preußischen Monarchie fand). (…) Und Goe the war, man höre und staune, ‚ein Vorläufer des Pragmatismus‘! So geht es munter wei- 711 Hierzu: Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR, S. 55-69. 712 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 25. Juli 1950, S. 70. 713 Hierzu: Peitsch: Der »junge« Hans Mayer, S. 49. 304 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter! Und das alles läuft auf eine großzügige Verfälschung des klassischen Erbes hinaus. Die Reaktionäre aller Schattierungen berufen sich, ohne das geringste Recht dazu zu haben, auf Goe the und Schiller, Kant und Herder, Saint-Simon und Hegel; Kämpf ruft ihnen zu: ‚Recht habt Ihr! Die Klassiker waren auch nicht besser als Ihr!‘«714 Kurz und prägnant lautete Harichs Vorwurf: »Mit einem Federstrich hat Kämpf die deutsche Aufklärung ausgestrichen und die großen humanistischen und progressiven Ideen der klassischen deutschen Literatur und Philosophie für null und nichtig erklärt.«715 Wie bereits gesagt ist dieser Vorwurf tatsächlich zutreffend und es erscheint rückblickend durchaus schleierhaft, wie Mayer das übersehen konnte, da er ja doch auch optimistisch und hoffnungsvoll im großen Bergwerk des humanistischen Erbes seine Steine klopfte. Wenn Harich, Rilla und andere gegen Kämpfs Buch argumentierten, dann, weil ihnen die Einheit Deutschlands am 714 Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 715 »Das tollste aber ist Kämpfs geradezu krankhafte Vorliebe für den Begriff ‚Anarchismus‘. Man glaubt nicht, wer alles ‚Anarchist‘ war! Weimar symbolisierte ‚das Rauschhafte, Lebendige, wie es sich im Anarchismus und Pantheismus der Faustdichtung (!) bekundete‘. Die Klassiker der deutschen Literatur waren durchweg ‚Anarchisten‘. Hamann war ‚Anarchist‘, die Dichter des ‚Sturm und Drang‘ waren es, weil sie Shakespeare zum ‚Prototyp des Originalgenies‘ ‚avancierten‘. Die Helden der klassischen Dichtung, Werther, Tasso und Clavigo sind ‚anarchistische Menschen‘. Schillers Wilhelm Tell ist ‚der Anarchist mit dem Evangelium der direkten Aktion‘. Die Räuber sind kein Freiheitsdrama, sondern ein ‚Produkt der Persönlichkeitsspaltung‘. Faust ist der ‚Träger eines hemmungslosen Machtwillens, der sich durch Magie zu verwirklichen sucht‘. Der II. Teil der Faustdichtung, worin Goe the über die Grenzen bürgerliche Ordnung hinaussah und das ‚freie Volk auf freiem Grund‘ prophezeite, wird bei Kämpf zum ‚Dokument einer Religion des Gefühls, des Instinkts (!)‘, in dem sich ‚das deutsche Bürgertum nicht zur Vernunft, sondern zu ihrem Gegenprinzip‘ bekennt. Und weiter: Goethes ‚kleinbürgerlich-pietistisches Ich‘ (!) schwärmt in den Gefühlserregungen der ‚echten Liebe‘ und der pantheistischen Gottesanbetung‘. Sein ‚Anarchismus‘ wurde ‚überfällig‘, nachdem Goe the ‚Zutritt zur aristokratischen Gesellschaft‘ gefunden hatte. Und das Fazit dieses ungeheuerlichen Blödsinns: ‚Mit Iphigenie und Tasso beginnt die kurze Scheinblüte (!) eines bürgerlichen Klassizismus. Die deutsche ideologische Revolution hat damit ihr Ende gefunden. Ihre Motive aber, der Antirationalismus (!), die Anbetung des Gefühlsrausches, des Lebens und der Tat, der antinomische Pantheismus, wirken unterirdisch fort.‘« Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 305 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Herzen lag, weil sie sich zum philosophischen und literarischen Erbe der deutschen Nation bekannten. »Im Grunde sind die Abschnitte in Kämpfs Buch, die sich auf die Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beziehen, ein einziger Anschlag auf unsere nationale Kultur, für deren Bestand heute alle ehrlichen patriotischen Kräfte des deutschen Volkes kämpfen. Das deutsche Volk hat allen Grund, seine geschichtliche Vergangenheit kritisch zu betrachten. Aber diese nationale Selbstkritik muss, wenn sie in der politischen Praxis zu fortschrittlichen Konsequenzen führen soll, die positiven und negativen Seiten sorgfältig gegeneinander abwägen und vor allem von echter patriotischer Gesinnung, von einem klaren Bekenntnis zu den großen Geistern der deutschen Aufklärung und Klassik, zu den Ideen des klassischen deutschen Humanismus getragen sein. Ohne Lessing, Goe the, Schiller, Heine und Büchner, ohne Leibniz und Kant, Herder, Fichte, Schelling und Hegel wären die deutsche Nation und ihre Kultur undenkbar. Der Kampf der patriotischen Kräfte des deutschen Volkes für die nationale Einheit Deutschlands wird gekrönt durch die liebevolle Pflege und schöpferische Weiterentwicklung dieses stolzen Kulturerbes. Der ‚Radikalismus‘ des Herrn Kämpf kann daher seiner antinationalen Tendenzen wegen gar nicht scharf genug zurückgewiesen werden.«716 Seine Überlegungen waren Harich übrigens derart wichtig, dass er sie in seiner Hegel-Denkschrift wiederholte. Dort fungierte Kämpfs Buch als Beleg dafür, dass man bei der Vermessung des klassischen philosophischen Erbes alle progressiven Kräfte bündeln müsse und nicht ablenken dürfe, wodurch es letztlich zu einem verzerrten Blick auf das nationale Erbe ebenso wie auf den Faschismus komme – und eben dies habe Kämpf gemacht.717 716 Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 717 »In der pseudoantifaschistischen liberalen Publizistik des Westens wurde während der Nazizeit und insbesondere während des Krieges der Versuch gemacht, das deutsche Volk mit dem Faschismus zu identifizieren, den Faschismus als ein deutsches Nationallaster darzustellen. Damit sollte der Klassencharakter des Faschismus verschleiert werden. In diesem Zusammenhang wurden die deutschen Dichter und Denker der Vergangenheit und namentlich Hegel als Vorläufer des Faschismus hingestellt. Auch dadurch sind irrige Auffassungen entstanden. Viele kleinbürgerliche Intellektuelle glauben, den Faschismus am besten dadurch über- 306 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Doch genug von diesen Seitengleis. Kehren wir zu dem Brief Mayers an Hermlin zurück. Dort hieß es weiter: »Dann kam der Skandal seiner Pöbelei gegen Lukács, und jetzt teilt er mir freudestrahlend mit, dass Ernst Bloch und ich als nächste Opfer fallen werden. Blochs Hegel-Buch hält Harich für ‚snobistischen Feuilletonismus‘, wobei ihm immerhin zuzugeben ist, dass er von dieser Materie etwas versteht. Mein Hegel-Aufsatz hat es ihm gleichfalls angetan. Allerdings hatte ich nach seinen mündlichen Erläuterungen den Eindruck, dass er weder Hegel noch den Sinn meiner Studie richtig erfasst hatte. Nun, man wird sehen, was sich hier begibt.«718 Der thematische Aufhänger des Briefes von Mayer an Hermlin war übrigens, dass Hermlin Susanne Kerckhoff, die Halbschwester Harichs, die später unter so tragischen Umständen Selbstmord beging, scharf kritisiert hatte. Dies wurde von Mayer begrüßt. Und zwar aus folgendem Grund: »In jedem Fall war es äußerst nützlich, dass Sie nicht bloß den Fall Kerckhoff aufgerollt haben, sondern zugleich die Nutzanwendung allgemeiner Art zogen.«719 Der Knüppel ist gut, wenn man den Richtigen oder einen Stellvertreter treffen kann und gleichzeitig noch den, der daneben steht. Die Zerwürfnisse, Missverständnisse zwischen Harich und Bloch wurden bereits angesprochen, seit den frühen fünfziger Jahren waren sie, trotz kritischer Blicke auf das Werk des jeweils anderen, eng befreundet. Mit Stephan Hermlin, dem Briefpartner Mayers, hat es seine eigene Bewandtnis. 1948 waren Harich und Hermlin noch gemeinsam in der Sowjetuniwinden zu können, dass sie sich radikal von allen nationalen Kulturtraditionen losreißen. Typisch für diese Haltung ist das Buch Revolte der Instinkte von Kämpf. Gegen diese Gefahr kann man nur dann erfolgreich kämpfen, wenn man einerseits die wirklich reaktionären deutschen Denker der Vergangenheit (Schopenhauer, den alten Schelling, Nietzsche, die Neukantianer usw.) entlarvt, – aber andererseits alles Fortschrittliche in der Geschichte der deutschen Philosophie energisch betont. Zu diesem Fortschrittlichen gehört auch die bürgerlich-progressive Seite Hegels. Den Genossen Hager und Hoffmann muss vorgeworfen werden, dass sie sich über dieses ganze Problem und die daraus erwachsenden Aufgaben des ideologischen Kampfes nicht klar sind. Deshalb legen sie auf ihrem Arbeitsgebiet den Anstrengungen, ein fortschrittliches nationales Traditionsbewusstsein der Intelligenz zu entwickeln, ernste Hindernisse in den Weg.« Harich: Hegel-Denkschrift, S. 146. 718 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 719 Ebd., S. 33. 307 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich on – dort zeigten sich erste Risse: Politischer und philosophischer Art, Egoismen, da sich Hermlin von Anna Seghers missverstanden fühlte, die ihrerseits große Stücke auf Harich hielt. In den achtziger Jahren gehörte Hermlin dann in die Reihe jener Harich-Gegner, die von Manfred Buhr bis Kurt Hager reichte. Er beleidigte Harich mehrfach und verkündete diesem, dass es in der DDR selbstverständlich keinerlei Zensur gebe, jedes Buch, jedes Manuskript gedruckt werde. Die späte Rache schmeckte schal. (Harich hatte andere Geschichten zu erzählen, aber nicht die Möglichkeit dazu, Hermlin stand in einer festen Burg. Darauf kommen wir zurück.) 1948 hatten Hermlin und Mayer gemeinsam ein Buch publiziert – Ansichten über einige Bücher und Schriftsteller (ursprünglich waren es, bis auf einige Ausnahmen, Beiträge für Radio Frankfurt). In einem Beitrag hatte Hermlin Johannes R. Becher scharf kritisiert, was dieser Hermlin übel nachtrug.720 Eben jener Becher, der 1957 an Harichs Mut- 720 Hermlin hatte geschrieben: »Tragisch ist der Fall eines der bedeutendsten Lyriker des heutigen Deutschland, der Fall des Johannes R. Becher. Sein letzter Gedichtband (…) beweist neuerlich, dass Becher in seiner von sehr ernsten politisch-ästhetischen Motiven bestimmten Erneuerung, die er seit etwa 15 Jahren Harich, hintere Reihe (3. v. r.), zwischen Hermlin und Langhoff, vorne rechts Seghers und Kuczynski 308 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter schrieb, dass er ihren Sohn eigentlich gar nicht gekannt und niemals getroffen habe: Harichs Mutter hatte bei Becher nachgefragt, ob er etwas für ihren Sohn tun können. Mayer seinerseits schrieb im Oktober 1958 an den Aufbau-Verlag, dass schon einmal der Verlag Buchpublikationen von ihm zu verhindern versucht habe, der Verantwortliche sei damals – der ja mittlerweile in Bautzen inhaftierte – Harich gewesen, Mayer demnach ein Opfer der Konterrevolution.721 So verwirrend waren die Konstellationen in der DDR, so vieles persönlich geprägt, Differenz und Streit erzeugend wegen persönlicher Animositäten. Zurück zu Mayer. Dieser hatte geschrieben, dass Harich als Kritiker von Blochs Hegel-Buch durchaus etwas von der Materie verstünde, bei der Beurteilung seines Aufsatzes aber »weder Hegel noch den Sinn meiner Studie richtig erfasst«722 habe. Grund genug zu überprüfen, was Mayer in dem besagten Aufsatz präsentierte. Die Phänomenologie bezeichnete er als eines der »geheimnisvollsten und großartigen Bücher der deutschen Vergangenheit«, in dem »der Prozess der geistige Emanzipation des Menschen« geschildert werde.723 Auch weitere seiner knappen Äußerungen sind mit den Hegel-Bildern von Lukács, Bloch und Harich durchaus kompatibel, freilich ohne deren erschöpfende Tiefe zu erreichen. Kritischer wird es in dem Moment, wo Mayer zwar das richtige meint, aber in kleinen Nuancen bereits von der »allgemeinen Linie« des intellektuellen Konsenses abweicht: »Der idealistische Deuter der Gesellschaft erblickt den Kontrast ewiger Ideen mit einer zerrissenen Welt und erkennt, dass diese Gesellschaft und ihre Zerrissenheit ‚aufgehoben‘ werden müssen. Hegel selbst kam dabei schließlich nur zu einer Versöhnung im bloßen unternommen hat, über jedes mit seiner hohen dichterischen Begabung verträgliche Ziel hinausgeschossen ist. Dieser Fall ist sehr kompliziert und erfordert eine gründliche Auseinandersetzung. (…) Becher ist in neo-klassizistischer Glätte und konventioneller Verseschmiederei gelandet. Er hat eine politisch richtig gestellte Aufgabe mit dichterischen Mitteln falsch gelöst.« Hermlin: Bemerkungen zur Situation der zeitgenössischen Lyrik, S. 191. Konsequenterweise hätte Mayer ja anmerken müssen, dass hier ein überheblicher Jungspund einen »hochverehrten« So-und-so kritisiert. Aber seine »Prinzipien« waren flexibel. 721 Mayer: Brief an Günter Caspar vom 17. Oktober 1958, S. 380. 722 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 723 Mayer: Hegel oder das Problem des unglücklichen Bewusstseins, S. 7. 309 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Denken. Hier hat bekanntlich die Weiterbildung und Umgestaltung der Hegelschen Dialektik durch den historischen Materialismus eingesetzt, um diese Dialektik aus den zeitbedingten Banden des ‚Systems‘ zu befreien.« Dass Harich dies etwas anders beurteilte, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Was ihn aber sicherlich zum Widerspruch reizte, das war, dass Mayer den Existenzialismus (samt seiner Begleiterscheinungen) an Hegels Philosophie zurückband.724 Auch hier ist es wieder nicht so einfach: Die Aufwertung von Thornton Wilder nahmen beide vor, Harich und Mayer, beide zudem mit dem Versuch einer Abwehr potentieller dogmatischer Kritik. An Jean Giraudoux mögen sich dann schon die Geister geschieden haben, wobei auch in diesem Fall Harich weitaus positiver einordnete als aus marxistischer Perspektive zu erwarten, so dass wieder eine Übereinstimmung mit Mayers Position zu eruieren ist.725 Was ein Stein des Anstoßes gewesen sein kann, ist sicherlich die Protegierung Sartres durch Mayer. Denn während Mayer seine »Priorität als Entdecker Sartres für deutschsprachige Leser« einforderte,726 so war dieser für Harich (ganz im Sinne der 1951 vorgelegten Aufsatzsammlung Existenzialismus oder Marxismus? von Lukács) kaum mehr als ein Erbe des Faschismus. Wenn Mayer gar Die Fliegen von Sartre als wichtige und positive »Zeitenwende« charakterisierte, dann mussten Harich (und Lukács ebenso) die Haare zu Berge stehen.727 Der Stachel saß tief, Mayer, so hat es den Anschein, scheint durchaus nachtragend gewesen zu sein. (Was der Opportunist überhaupt nicht leiden kann als Wesenszug bei anderen, ist, wenn diese nicht oppor- 724 Mayer: Hegel oder das Problem des unglücklichen Bewusstseins, S. 14f.. 725 Von Mayer siehe exemplarisch aus dieser Zeit: Mayer: Thornton Wilders Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen, S. 97-103. Mayer: Der glückliche Dichter Jean Giraudoux, S. 104-112. Zu Mayers entsprechenden Aufsätzen in den gemeinsam mit Hermlin publizierten Ansichten siehe: Rahner: »Tout est neuf ici, tout est à recommencer…!« Harichs Theaterbesprechungen zu Wilder, Giraudoux, Sartre etc., die in den späten vierziger Jahren in der Täglichen Rundschau und in der Weltbühne erschienen, sind in Auswahl abgedruckt bei: Harich: Frühe Schriften, Bd. 1 und 2. 726 Peitsch: Der »junge« Hans Mayer, S. 50. 727 Mayer: Von der dritten zur vierten Republik, S. 41. 310 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche tunistisch sind, also ihre Meinung gerade heraus sagen.) Im Laufe der Jahre folgten so manche Briefe mit Seitenhieben auf Harich (und die »Mann-Verschwörer«). Etwa am 13. November 1952 an Max Schroeder vom Aufbau-Verlag.728 Oder am 7. Januar 1953 an Peter Huchel, den Chefredakteur der Sinn und Form: »Im übrigen muss ich zum ersten Mal sagen, dass mir ein Heft von Sinn und Form gründlich missfällt. In was für einer Nachbarschaft stehe ich, lieber Himmel! Dieses fürchterliche Zeug von Hanns Eisler, das ich inzwischen bereits in der Buchausgabe in vollendeter Schönheit erleben durfte. Dann der hymnische Quatsch von Fischer über Eislers Meisterwerk, dann Harichs Philosophie, die meines Erachtens bei Euch überhaupt nicht am Platze ist und die ich trotz vielen Nachdenkens nicht als ‚Beitrag zur Literatur‘ betrachten kann. Ob Sie ein Beitrag zur Philosophie ist, lasse ich dahingestellt.«729 (Das »fürchterliche Zeug« von Eisler übrigens, ist ein trauriges Kapitel der DDR-Kulturpo- 728 »Wenn ich sehe, mit welchem Aufwand Ihr die Einleitungen von Rilla in der Becher-Ausgabe prospektmäßig ankündigt, auch jene von Harich bei Heine und Herder etc., komme ich mir – ehrlich gesagt – doch ziemlich schäbig behandelt vor.« Mayer: Brief an Max Schroeder vom 13. November 1952, S. 141. 729 Mayer: Brief an Peter Huchel vom 07. Januar 1953, S. 147. Hanns Eisler im Gespräch mit Bertolt Brecht, 1950 311 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich litik für sich, wenn Mayer Harich seine Lukács-Kritik von 1949 vorwarf, dann saß er beim Werfen seines Steines also im Glashaus. Dem Eislerschen Ankläger Abusch standen, Eisler helfend, nur Brecht, Felsenstein und Zweig entgegen.) Kurze Zeit später, 1953, kritisierte Harich dann im Aufbau-Verlag das Manuskript des Buches Fortschritt und Reaktion in der deutschen Romantik von Mayer auf der Basis der entsprechenden Ausführungen Lukács’ scharf und lehnte eine Veröffentlichung im Verlag ab. Am 11. Juni hatte Mayer von Max Schroeder sein Manuskript zurückerhalten. Es war übersät mit Anstreichungen etc. Mayer war derartig brüskiert, dass er am nächsten Tag an Erich Wendt schrieb und seine Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag kündigte. Zuvor hatte er ja bereits mit den Zeitschriften Neue deutsche Literatur (Willi Bredel) und Aufbau (Bodo Uhse) wegen kritischer Anmerkungen zu seinen Werken gebrochen. Im Aufbau-Verlag vermutete Mayer, damit lag er richtig, Harich als den Lektor seines Manuskripts: »Kurzum: Ich musste mich fragen, was hier eigentlich gespielt wird. Oder vielmehr: Ich weiß sehr genau, was hier gespielt wird. Ich kenne diese Totschlägermanier. Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenne auch den Herrn Verfasser – um in diesem Zusammenhang vielleicht nicht unpassenderweise gerade Heinrich Heine zu zitieren!«730 (Peu a peu renkte sich die Zusammenarbeit zwischen Mayer und dem Aufbau-Verlag wieder ein, Janka kümmerte sich nun um den Autor. Max Schroeder hatte in einer Hausmitteilung an Erich Wendt geschrieben: »Ich habe ihn (Mayer, AH) nicht für so kindisch gehalten, dass ihm allein über die Anstreichungen der Kragen platzen würde.«731) Trotz der gemeinsamen Freundschaft zu Bloch hatten sich Harich und Mayer in den fünfziger Jahren nach diese Querelen nichts mehr zu sagen. Von daher überrascht es nicht, dass der »GI Lorenz« der Staatssicherheit am 4. Dezember 1956 mitteilen konnte, dass sich Mayer noch nicht zur Verhaftung Harichs geäußert habe: »Jedoch weiß der GI, dass Mayer eine Kontra-Stellung zu H. bezieht, obwohl er andererseits eng befreundet ist 730 Mayer: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1953, S. 164. 731 Fußnote des Herausgebers Lehmstedt zu: Mayer: Brief an Max Schroeder vom 22. Juni 1953, S. 168. 312 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche mit Professor Bloch, der sehr gute Verbindung zu Harich hat.«732 Mark Lehmstedt hat nicht nur die Briefe aus Mayers Leipziger Zeit ediert, sondern 2007 einen weiteren Band vorgelegt, der zahlreiche Dokumente zur Beobachtung und Observierung von Hans Mayer abdruckt und dabei den Zeitraum von 1956 bis 1963 erfasst. Die ersten Seiten dieses Werkes beschäftigen sich mit eben den im hiesigen Zusammenhang wichtigen historischen Abschnitten. Es bietet sich daher an, in einer Aufzählung die wichtigsten Feststellungen der Staatssicherheit über die Haltung Mayers kurz wiederzugeben:733 • Nach der Verhaftung von Janka am 6. Dezember teilte Karola Bloch dies am nächsten Tag Mayer mit: »Janka ist dem Professor Mayer ebenfalls bekannt. Mayer äußerte, dass die vollkommen wahnsinnig wären, was auch die Bloch bestätigte.« (S. 15: 07. 12. 1956) • »Mayer meinte, wahrscheinlich würde alles mit Lukács zusammenhängen, und man wahrscheinlich zu sehr für Lukács eingetreten wäre.« (S. 16: 07. 12. 1956) • »Zur Verhaftung des Harich und Janka sagte er in einem Gespräch mit der Frau Bloch, dass dies wahnsinnig sei, da es sich bei beiden um anständige Menschen handeln würde.« (S. 21: 15. 12. 1956) • »Mayer brachte zum Ausdruck, dass gewisse Leute wieder gegen den Ernst – gemeint ist Bloch – vorgehen würden.« (S. 27: 24. 01. 1957) • Ernst und Karola Bloch und Mayer gingen davon aus, dass das Vorgehen der DDR gegen Janka auch gegen die Familie Thomas Manns gerichtet sei. Mayer sagte: »Das wäre also die Frage und gleichzeitig die Erklärung für Harichs Bestrebungen die Konterrevolution auszurufen mit der Basis des Aufbau-Verlags und einer Wochenzeitung des Kulturbundes. Ihm sei nur nicht klar, wie man auf diese Weise die volkseigenen Betriebe und die MTS außer Gefecht setzt. Herr Bloch erwiderte darauf: ‚Unter uns gesagt, bei Harich ist das möglich.‘« (S. 34: 06. 02. 1957) 732 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 13. 733 Aufzählung nach: Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente. Seitenzahlen und Datumsangabe in Klammern im laufenden Text. 313 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich • »Professor Mayer (…) frage sich nur immer wieder, für wie dumm und infam man die Leser hält, indem man ihnen allen Ernstes sagt, mit der Wochenzeitung des Kulturbundes und einem belletristischen Roman kommt eben der Kapitalismus in die DDR.« (S. 34: 06. 02. 1957) • »Er sei der Meinung, der ganze Kampf gegen Bloch sei im Grunde genommen ein Kampf gegen Lukács, und es wäre bei einigen Leuten ein Missverständnis der Zusammenhänge, vor allem bei Ulbricht. Dieser sehe in Lukács den geistigen Wegbereiter des Petöfi-Clubs, die Anhängerschaft zu Lukács erzeuge eine gewisse Anti-Lukács-Stimmung.« (S. 39: 06. 02. 1957) • Karola Bloch berichtete über die Maßnahmen der Partei gegen ihren Mann: »Professor Mayer entgegnet ihr darauf, dass er so etwas jetzt nicht mehr hören mag, es wäre zu ekelhaft. Sie würden nur noch nach Mördermethoden arbeiten.« (S. 41: 06. 02. 1957) Durch die Berichte der Staatssicherheit können wir hören, was im Wohnzimmer von Hans Mayer besprochen wurde. Dies ist einerseits mehr als nur perfide, dass es das überhaupt gab, andererseits eröffnet es uns interessante Einblicke, die freilich unter zahlreichen Vorbehalten stehen: Wem sagte man was, wusste man von der Anwesenheit der Stasi etc. Die zentrale Frage für uns ist natürlich die nach dem politischen Engagement von Mayer. Was tat er, um Harich und den anderen zu helfen? Unterstützte, tolerierte, verteidigte er die Maßnahmen von Partei und Staatssicherheit? Entwickelte er oppositionelle Gedanken? Das Ergebnis ist mehr als nur ernüchternd. Am 10. März 1957, einen Tag nach der Verurteilung Harichs zu zehn Jahren Zuchthaus, trafen die Blochs mit Isot Kilian, der Ex-Frau Harichs, die diesen für Bertolt Brecht verlassen hatte, zusammen.734 In den Gesprächen ging es auch um Mayer und Bloch erklärte, dass nach der Verhaftung Harichs »dessen ganze Antipathie gegen Harich begraben« gewesen sei.735 Doch hatte sich dies offiziell irgendwie geäußert? (Beispielsweise in 734 Siehe die Biographie von: Arnim:  Brechts letzte L iebe. Harich und Isot Kilian waren von 1952 bis 1954 verheiratet. 735 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 56. Bericht der Quelle »Wild« vom 10. März 1957. 314 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Form eines Gespräches mit den Staatseliten, durch eine briefliche Eingabe, eine Petition, einen Zeitungsartikel oder ähnliches in der Westpresse.) Die Antwort ist ein klares Nein. Mayer tat absolut nichts – für keinen der Angeklagten in den verschiedenen Prozessen. Das einzige, was er überhaupt je angedacht hatte, datiert auf den 6.  Dezember 1956: »So wurde dem GI ‚Jak‘ durch den Parteisekretär Dr. Horn bekannt, (…) dass Professor Bloch gemeinsam mit Professor Hans Mayer eine Unterschriftensammlung unter den Wissenschaftlern durchführen wollte mit der Forderung der schnellsten Durchführung des Prozesses gegen Harich und dessen Freilassung.«736 Dieses Unterfangen kam aber nicht zu Stande. Knapp drei Monate später konnte die Stasi dann feststellen, dass Mayer »einen durchaus ausgeglichenen Eindruck« mache und kein Grund zu eruieren sei, »dass er nach Westdeutschland gehen könnte«.737 Wir können die Betrachtung der Rolle Mayers hier abschließen mit einem kurzen Blick auf den Bericht des GI »W ild« vom 14. März 1957 über einen Besuch Mayers bei den Blochs. Mayer erzählte zuerst von seiner Reise in den Westen. Dann sagte er: »Was der Harich gemacht habe, sei von einem Dilettantismus, der überhaupt nicht zu beschreiben sei.«738 Anschließend rekapitulierten die Anwesenden die verschiedenen Gerüchte um die Prozesse: »Mayer sagte auch, Harich hätte offensichtlich die Taktik gehabt, möglichst viele, sehr prominente Leute mit in dem Prozess hineinzuziehen, um zu erreichen, dass er eine solche Tragweite bekommt, dass es den Leuten mulmig wird. Er habe sicher gedacht: ‚Du kommst um das Todesurteil herum, wenn Du schon aussagt.‘ Frau Bloch bestätigte diese Auffassung.«739 Gemeint war damit unter anderem die Aussage Harichs gegen Bloch, dass dieser in seine Pläne eingeweiht gewesen sei. Bloch seinerseits stritt dies an jenem 14. März gegenüber Mayer ab. »Auf die Frage der Frau Bloch, ob Mayer glaube, dass alle Dinge, die Harich 736 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 14. Treffbericht mit GI »Jak« vom 7. Dezember 1956. 737 Ebd., S. 54. Bericht des GI »Lorenz« vom 27. Februar 1957. 738 Ebd., S. 57. 739 Ebd., S. 58. 315 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich vorgeworfen werden, auf Wahrheit beruhen, meinte Mayer, dass er das schon glaube.«740 Es lässt sich nicht sagen, auch nicht vermuten, unter welchen inneren Kämpfen sich Mayer zu dieser (nur resignierten oder doch zuvorderst opportunistischen?) Position durchgerungen hatte. Fakt ist – er bezog sie und blieb für die nächsten Jahre ein zuverlässiger Zuträger der DDR. Trotz oder vielleicht sogar wegen der auch an ihm geübten Kritik, die freilich nie die Intensität oder gar Gefährlichkeit erreichte wie im Falle Harichs (oder etwa mit dem Engagement von Lukács vergleichbar wäre). Das Absurdeste ist sicherlich, dass Mayer alle Informationen, die ihn zum – nennen wir es einmal – Umdenken in Sachen Harich hätten veranlassen können, ja ausschließlich von offizieller Seite bezog, also von der Partei, von den Verlautbarungen, durch die Staatsanwaltschaft etc. Also von eben jenen Personenkreisen, denen er kurz vorher noch Mördermethoden vorgeworfen hatte. Das ist beste stalinistische Tradition, das ist das Versagen der Intellektuellen vor den stalinschen Schauprozessen, die Ernst Bloch in den dreißiger Jahren so beredt verteidigt hatte. 740 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 58. Teil 3: Nachklänge 319 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch »Ihre Freunde, Kollegen und Mitarbeiter wünschen Ihnen, hochverehrter Ernst Bloch, noch viele Jahre reichen Schaffens.« Rugard Otto Gropp in der Bloch-Festschrift Die letzten Jahre von Bloch in der DDR waren ein Zustand permanenter Demütigungen, Erniedrigungen. Fast schon eine Art zweites Exil: Wie in Amerika lebte er inmitten einer Gesellschaft, die ihn nicht wollte, die er nicht akzeptierte. Doch anders als in Amerika wurde er ab 1956/1957 mit zahlreichen schmähenden Zeitungsartikeln überzogen, es gab Parteiversammlungen über ihn auf allen Ebenen, offene Briefe, geheime Anschuldigungen  – und alles ohne die Chance auf öffentliche Erwiderung. In einem Interview formulierte Bloch das 1976 wie folgt: »Seit dem Aufstand in Ungarn beschuldigte man mich ununterbrochen des Abweichlertums und des Revisionismus.«741 Das war die übliche Strategie der Partei. Hans Mayer klagte 1963, dem Jahr seines Weggangs aus der DDR in einem Brief an Stefan Heym: »In der Tat, man fällt in konzentriertem Angriff gegenwärtig über mich her.«742 Das große Zerwürfnis mit der DDR, der SED, es hatte sich angekündigt, auch wenn Bloch, wie herausgestellt, immer wieder und auf 741 Bloch: Ein Marxist hat nicht das Recht, Pessimist zu sein, S. 113. 742 Mayer: Brief an Stefan Heym vom 20. Mai 1963, S. 592. 320 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge unterschiedlichen Feldern seine Treue zum sozialistischen Staat bekundet hatte. Gipfelnd ja in der Festschrift zu seinem 75. Geburtstag, der Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften und der Verleihung des Nationalpreises im selben Jahr. Der Dekan der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität hatte den parteilosen Bloch für die Verleihung noch mit den Worten vorgeschlagen: »Seine gesamte publizistische und pädagogische Arbeit stellt Ernst Bloch in den Dienst der humanen Bestrebungen unserer Zeit: Des Kampfes um die Sicherung des Weltfriedens und des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Er hat in dieser Beziehung in seiner Entwicklung keinen Bruch aufzuweisen, sondern ist konsequent von Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an einen Weg gegangen, der ihn sehr bald in unmittelbare Berührung mit diesen Zielsetzungen gebracht hat.«743 Das ist eine Feststellung, die a) gar nicht einmal so falsch ist und b) von Bloch sicherlich sogar unterschrieben worden 743 Vorschlag der Philosophischen Fakultät etc., S. 104. Verleihung des Nationalpreises an Ernst Bloch, 1955 321 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch wäre. Und Rugard Otto Gropp, der die Festschrift zu Blochs Geburtstag herausgeben musste (dieses Wort ist hier zu benutzen), schrieb (sicherlich mit geballter Faust in der Tasche) im Vorwort: »Ihre Freunde und Kollegen ehren in Ihnen mit dem Philosophen zugleich die Persönlichkeit, die sich leidenschaftlich zum Humanismus, zum historischen Progress, zum Sozialismus bekennt. Ihr Denken ist dem Leben, der Praxis zugewandt. (…) In Schrift und Wort, durch Buch, Artikel und Vortrag fördern Sie den Kampf der Menschheit um eine glückliche Zukunft.«744 Doch es gab zwei offizielle Wahrheiten gleichzeitig, nebeneinander in der DDR. Und die zweite, von Stasi und Partei als vertrauliche Verschlusssache deklariert, las sich wie folgt – bereits im April 1956: »An der philosophischen Fakultät herrscht ein ungesunder Zustand (…). Das hat auch seine Ursache darin, dass sie (die Assistenten und Studenten, AH) in ihrer Studienarbeit kritiklos die philosophischen Lektionen Professor Blochs entgegennehmen, der Auffassung sind, dass Bloch einer der größten Philosophen ist, der selbst sich so einschätzt, dass man ihn erst im Jahre 2000 richtig verstehen wird, zu ihm aufblicken, wie zu einem Unfehlbaren. Von dem Gesichtspunkt aus den Personenkult, den sie in aller Schärfe gegenüber Stalin verurteilen, doch selbst gegenüber Professor Bloch in Anwendung bringen und nicht sehen, dass die Philosophie Blochs nicht exakt basiert auf den Grundlagen des dialektischen Materialismus (…). Deswegen sehen sie auch nicht die politisch-ideologischen Entgleisungen Blochs gegenüber der Partei und damit gegenüber unserem Arbeiter- und Bauernstaat, der erst vor einigen Tagen aussprach: 744 Gropp: Vorwort (zur Bloch-Festschrift), S. 7. Ernst Bloch, Schriftstellerkongress in Berlin, 13. Januar 1956 322 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge ‚Wenn man zur Einheit Deutschlands kommen will, dann muss Ulbricht zurücktreten.‘«745 Gegen Bloch lag, das zeigen die Akten heute deutlich, im Herbst 1956 ebenfalls ein Haftbefehl vor. Die Staatssicherheit hatte bereits minutiös aufgelistet, welche Verbindungen Bloch zu Harich, Janka, Lukács usw. gehabt hatte. Aber in letzter Minute machte die Spitze des Staates einen Rückzieher, der Haftbefehl wurde nicht vollstreckt. Die Stasi wusste zu berichten: »Die Nachricht von der Verhaftung Dr. Harichs rief bei Professor Bloch ein starkes Zittern hervor, was nicht nur als Ausdruck eines Schreck-, sondern gleichzeitig als Ausdruck eines starken Angstgefühls gewertet wurde.«746 Das erklärt, wir dürfen es nicht vergessen, ein ganzes Stück weit Blochs Opportunismus, sein Schweigen. Anders als etwa Mayer befand er sich tatsächlich in einer gefährlichen Lage – und er war sich darüber klar. Es folgte jener gerade angesprochene Prozess der permanenten öffentlichen Demütigungen und Kritiken, der Bloch zermürben und ihm gleichzeitig zeigen sollte, wie die Partei auf Abweichungen von ihrer Meinung zu reagieren gedachte. Am 5. und 6. April 1957 fand die Konferenz über Fragen der Blochschen Philosophie statt, in der diese einer Generalabrechnung unterzogen wurde.747 Schon vorher war der Offene Brief des Philosophie-Instituts (18. Januar) in Umlauf gekommen – als Teil eines Drohszenarios, denn noch einmal wurden Blochs Kontakte und Verbindungen zu Harich und Lukács benannt.748 Da Bloch nicht öffentlich reagieren konnte/durfte, schrieb er seinerseits einen Offenen Brief (22. Januar), den er an die Partei- und Universitätsführung sendete (u. a. an Wilhelm Pieck, Ulbricht, den Präsidenten der Volkskammer 745 Beschluss des Büros der Bezirksleitung vom 19. April 1956, S. 109f. 746 Bericht der Staatssicherheit vom 15. Dezember 1956, S. 121. 747 Siehe: Caysa u. a.: Einleitung, S. 44. Der Konferenzband erschien unter dem Titel: Ernst Blochs Revision des Marxismus, herausgegeben von Johannes Heinz Horn. Mit dem Ergebnis: »(…) in Folge dessen ist die Philosophie Ernst Blochs kein Marxismus-Leninismus. Denn sie ist alles das, von dem wir feststellten, dass dafür kein Platz in der Lehre ist, die von Marx, Engels und Lenin herausgebildet wurde.« Horn: Kritische Bemerkungen zur Philosophie Blochs, S. 352. Das waren die Schlusssätze des Bandes. 748 Institut für Philosophie: Offener Brief an Ernst Bloch, S. 129-135. 323 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch J. Dieckmann, Hager, Harig, den Rektor und den Dekan der Universität). Darin wies er natürlich zuvorderst die politischen Anschuldigungen zurück und er legte dann seinen Finger in die Wunde der Absurdität: Dass die Verurteilung seiner Philosophie auf der Basis genau jener Bücher erfolge, für die er 1955 den Nationalpreis bekommen habe.749 Ulbricht persönlich sah sich veranlasst, mit der ihm eigenen Weltsicht aus Lügen und Verdrehung zu antworten.750 Die folgenden Jahre waren für Bloch nicht einfach, in seinem Offenen Brief hatte er geschrieben, »dass ich, wenn die Regierung es wünschen sollte, auch von meinem Recht, Vorlesungen weiter zu halten, keinen Gebrauch machen möchte«.751 Das war der Weg in die Isolation, der Rückzug ins Private, an den Schreibtisch. Verschiedene Privilegien konnte er behalten, etwa Reisevisa, die Möglichkeit, mit westdeutschen Verlagen zu verhandeln usw. Und so wurde auch für ihn, wie zeitlich parallel für Lukács, die von außen erzwungene universitäre und politische, also öffentliche Ruhe eine Phase produktiven Arbeitens. Es ist hier nicht der Platz, die parteioffizielle Kritik an Bloch in ihren Facetten nachzuzeichnen. Springen wir also chronologisch einige Jahre nach vorn. »1960 reiste Bloch zu mehreren Vorträgen nach Tübingen, Stuttgart, Heidelberg; der Erfolg war vor allem in Tübingen so überwältigend, dass die Universität ihn zu einer Gastprofessur für eines der nächsten Semester einlud. Die offizielle Einladung zum Gastsemester kam, die Formalitäten mussten allerdings erst noch mit Hilfe der Akademie der Wissenschaften erledigt werden. Bloch fuhr im Sommer 1961 wieder zu Vorträgen nach Tübingen und Bayreuth, dann zum Urlaub ins oberbayrische Marquartstein, von dort am 13. August weiter nach München, um Freunde zu besuchen. Die empfingen die Blochs mit der Nachricht vom Mauerbau.«752 Es stand eine Entscheidung an, deren Konsequenzen intensiv zu überlegen waren. »Bloch aber zögerte noch, obwohl er über den Mauerbau empört war, (…) obwohl klar war, dass die Arbeitsbedingungen in Leipzig für ihn nun noch eingeschränkter sein würden, fürchtete er gleichzeitig 749 Hierzu: Bloch: Offener Brief, S. 146f. 750 Ulbricht: Brief an Ernst Bloch vom 11. Februar 1957, S. 152-154. 751 Bloch: Offener Brief, S. 149. 752 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 243f. 324 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge auch, im Falle einer Nicht-Rückkehr erneut seine Bibliothek, besonders aber die Manuskripte zu verlieren (…). Bloch beschloss daher, erst einmal abzuwarten, war doch die Bundesrepublik Deutschland auch nicht gerade ein Paradies für Marxisten.«753 In diese Tage fiel eine Meldung des Pressedienstes der SPD, dass Bloch spurlos aus Leipzig verschwunden sei. Freunde und Bekannte von ihm würden befürchten, »er sei verschleppt oder verhaftet worden«.754 Doch Bloch hatte gemeinsam mit Unseld die Wartezeit genutzt. Der Verleger Dausien hatte eine Akkreditierung für die Leipziger Buchmesse. »Karola Bloch hatte ihm die Wohnungsschlüssel von Blochs Leipziger Domizil ausgehändigt sowie einen Lageplan des Arbeitszimmers und einen Schlüssel für den Schrank, in dem Blochs Manuskripte aufbewahrt waren. Dausien und seine Frau Margret betraten spät nachts mit einer Taschenlampe das Haus und luden die Manuskripte unbemerkt in den Kofferraum ihres Wagens. Den Argusaugen der Kontrolleure bei der Grenzkontrolle entging die wichtige Fracht (…).«755 Aus Marquartstein schrieb Bloch am 20. September, nunmehr im Besitz seiner Manuskripte, an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften – und teilte diesem mit, »dass ich bei künftigen Sitzungen der Deutschen Akademie der Wissenschaften, deren ordentliches Mitglied ich bin, zu meinem wahren Bedauern nicht mehr anwesend sein kann«.756 Der Bruch war vollzogen. Und an genau diesem Tag hörte auch das Versteckspiel auf und Bloch erklärte sich deutlich: »In den ersten Jahren meiner Universitätstätigkeit erfreute ich mich ungehindert der Freiheit des Wortes, der Schrift und der Lehre. In den letzten Jahren hat sich diese Situation zunehmend geändert. Ich wurde in Isolierung getrieben, hatte keine Möglichkeit zu lehren, der Kontakt mit Studenten wurde unterbro- 753 Münster: Bloch, S. 306. Dort weiter: »Schließlich war er jedoch bereit, dem Drängen seiner Freunde – Arnold Metzger in München, Walter Jens und Julie Gastl in Tübingen, Siegfried Unseld in Frankfurt – nachzugeben, allerdings nur, sofern in der Angelegenheit seiner Manuskripte eine Lösung gefunden würde, bevor die Staatssicherheit während seiner Abwesenheit in seine Leipziger Wohnung eindringen konnte und sie beschlagnahmte. Sonst würde er nach Leipzig zurückkehren.« (Ebd.) 754 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 244. 755 Münster: Bloch, S. 307. 756 Zitiert bei: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 245. 325 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch chen, meine besten Schüler wurden verfolgt und bestraft, die Möglichkeit für publizistisches Wirken wurde unterbunden, ich konnte in keiner Zeitschrift veröffentlichen, und der Aufbau-Verlag in Berlin kam seinen vertraglichen Verpflichtungen meinen Werken gegenüber nicht nach.757 So entstand die Tendenz, mich in Schweigen zu begraben. (…) Nach den Ereignissen vom 13. August, die erwarten lassen, dass für selbstständig Denkende überhaupt kein Lebens- und Wirkungsraum mehr bleibt, bin ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber unwürdigen Verhältnissen und der Bedrohung, die sie allein aufrechterhalten, auszusetzen. Mit meinen 76 Jahren habe ich mich entschieden, nicht nach Leipzig zurückzukehren.«758 Die Abrechnung mit dem DDR Regime war da und sie war deutlich formuliert. Aber es war kein Abschied vom Sozialismus, den Bloch begangen hatte. Vielmehr blieb ihm eben jene Kategorie, die sozialistische Hoffnung, in der er immer gedacht hatte: »Diese Hoffnung ist ja keine Ideologie, die im selben Maße zerfällt, wie die Augen aufgeschlagen werden und die Wirklichkeit sichtbar wird, sondern das gibt durch den Marxismus Aussicht nicht auf Hoffnung allein, vielmehr auf eine materialistisch fundierte Hoffnung, auf eine gelehrte Hoffnung der Gestalt, dass ja auch innerhalb der Leninschen Reihenfolge bei der Durchführung des Sozialismus und dann des Kommunismus es nur sehr allmählich vorwärts geht. Aber die Hoffnung auf das Endziel bleibt, und man wird auf das Endziel sehen müssen, damit die notwendigen konkreten Vermittlungen dazwischen nicht in der Vermittlung stecken bleiben, sondern immer eine Vermittlung wozu und wohin lebendig ist.«759 So Bloch, 1975. Im Westen kehrte Bloch in den sechziger Jahren zu Goe the und Hegel zurück, seine früheren Gedanken beibehaltend, weiterentwickelnd, modifizierend an ihre Ursprünge zurückführend. Wir finden die ersten Ergebnisse dieses Prozesses in seiner Vorlesungstätigkeit in Tübingen, 757 Die entsprechenden Briefe und Dokumente druckt: Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)« Dort lässt sich auch gut nachlesen, wie schäbig, falsch, hinterhältig sich die handelnden Personen auf Seiten der SED verhielten. 758 Zitiert bei: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 245. 759 Bloch: Schlüsse sind Kurzschlüsse, S. 250. 326 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge beginnend mit der Antrittsvorlesung (Bloch sprach von einer Eröffnungs-Vorlesung) unter dem Titel Kann Hoffnung enttäuscht werden?,760 gipfelnd in den publizierten Manuskripten der Tübinger Einleitung in die Philosophie – die im Folgenden zur Debatte stehen. In dem Band Literarische Aufsätze der (so vieles weglassenden) Gesamtausgabe ist die Antrittsveranstaltung publiziert, besser: deplatziert. Denn Literatur wollte Bloch im Westen nicht treiben. Es galt, das philosophische Werk zu vollenden. »Der Abschied von Leipzig und der DDR im September 1961 bedeutete für Ernst Bloch, dass er jetzt in Tübingen, der kleinen schwäbischen Universitätsstadt 40 km südlich von Stuttgart, im hohen Alter von 76 Jahren buchstäblich neu anfangen musste. (…) Die Haare waren inzwischen weiß, der Rücken krumm, und seine Augen verschwanden hinter dicken Brillengläsern. Aber er hatte den unerschütterlichen Willen, mit seiner akademischen Karriere im ‚freien Westen‘ jetzt wieder am Nullpunkt zu beginnen.«761 Diesen Nullpunkt, diese Stunde Null hat es so natürlich nicht gegeben. In der Forschungsliteratur ist sogar von einer »philosophischen Wende im Werk Blochs« die Rede, motiviert und vollzogen durch den Umzug von Leipzig nach Tübingen.762 Dieser These werden wir uns nicht anschließen, ganz im Gegenteil geht es hier um die Kontinuität durch Weiterentwicklung. Peter Zudeick schrieb: »Nach fünf Jahren Lehrverbot steht Ernst Bloch am 17. November 1961 zum ersten Mal wieder vor Studenten (…). Im Auditorium Maximum der Tübinger Universität geschieht Ungewöhnliches: ‚Die ersten Reihen wurden mühsam freigemacht für die Prominenz, eine Übertragung der Vorlesung in einen anderen Hörsaal wurde vorbereitet, und es begann ein abenteuerlicher Zustrom, der das Auditorium bis auf den letzten Quadratzentimeter füllte, so dass zu befürchten war, Bloch würde sich kaum zum Rednerpult durchkämpfen können.‘ Er konnte, (…) jung wie eh und je. ‚Meine Damen und Herren, ich freue mich, unter Ihnen zu sein. Hier möchte ich meine bisherige Arbeit fortsetzen. 760 Bloch: Kann Hoffnung enttäuscht werden?, S. 385-392. 761 Münster: Ernst Bloch, S. 311. 762 Behrens: Blochs marxistische Propädeutik, S. 72. 327 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch Meine bisherige, sagte ich, und sie werde in Freiheit als realer Humanismus fortgesetzt.‘«763 Also fortsetzen, nicht etwa wenden oder bei Null beginnen. Arno Münster selbst, der den merkwürdigen Topos des Nullpunktes ins Gespräch brachte, hat gleichzeitig das Gegenteil seiner These begründet. Denn die Tübinger Einleitung in die Philosophie, die Bloch seit November 1961 in zwei Semestern an der Universität vortrug, sah er nicht nur als eine »Einführung in die Philosophie Blochs«, sondern verortete sie im Rückgriff auf Bisheriges, auf den Hegel und das Prinzip Hoffnung, als Vorgriff auf Zukünftiges, auf Tendenz-Latenz-Utopie und Experimentum Mundi.764 Es ist über die Vorlesung zu erfahren: »Auch enthält sie eine Reihe von philosophischen Studien, die auf vorhergehende Werke Blochs verweisen: Auf das Hegel-Buch etwa die Studie über das Faustmotiv in Hegels Phänomenologie des Geistes, in dem sich für Bloch die gesamte Hegelsche Wissenschaft von der Erfahrung des Bewusstseins, angefangen bei der Erkenntnis als Selbstgewissheit bis hin zum absoluten Wissen, zusammenfassen lässt.«765 Eben diese neue Hegel-Deutung ist es, die uns hier interessiert. Bloch hat sie unter dem Titel Methodisches Fahrtmotiv zwischen den Teilen Erschwerungen und Weisungen utopischen I nhalts angesiedelt. Die erneute Debatte um Goe the und Hegel bildet also gleichsam den Auftakt, die Rampe hin zur Utopie. Ein insofern interessanter Zug, da ja gerade Goethe und Hegel für die »Versöhnung mit der Wirklichkeit« stehen – der eine Zeit seines Lebens parallel zur utopischen Vision, der andere am Endpunkte seines Lebens und Wirkens. Das Thema, das für Bloch wichtig war, kündigte dieser leise an. Verweise auf die Phänomenologie (»Streift nicht Hegels Phänomenologie eine untergegangene Lebensgeschichte, als eine des menschlichen Bewusstseins überhaupt, wie es sich großgezogen 763 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 252f. 764 Münster: Ernst Bloch, S. 331. 765 Ebd. Die Ausführungen zum Faustmotiv gehen natürlich nicht auf das Hegel-Buch, sondern auf den gleichnamigen Aufsatz von 1949 zurück. Es hat aber auch noch kein Wissenschaftler Arno Münster unterstellt, dass seine Bloch-Biographie in ihren Details zutreffend und richtig wäre. 328 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge hat und bildet?«)766 und den Faust (»Faust, unruhig an seinem Pult, ist das bisher stärkst dargestellte Subjekt des menschlichen Hinstrebens, Hinfahrens zu wechselnd füllendem Etwas.«)767 bereiten den erneuten Vergleich beider Konzeption vor. Es dauert zwei oder drei Seiten (im Hörsaal also so ca. zehn Minuten), bis der Leser erfährt, wohin und worauf diese Hinweise zielen. Ihren Ausgang nimmt die Betrachtung, man kann schon sagen selbstverständlich, von Hegel. Dessen Phänomenologie sei von der ganzen Anlage »das ebenbürtige Lehr-Gegenstück zu Goe thes Faust. (…) Die ferneren ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs‘, wie Hegel an anderer Stelle sagt, entsprechen dem mythischen Zaubermantel, der Fortgang einer methodischen Subjekt-Objekt-Beziehung hat als Ziel nicht minder das ‚Erkenne dich selbst im schönen Sinn‘.«768 Die Phänomenologie, wir hören davon nicht zum ersten Mal, zeige Prozesse der Entwicklung. Jede neue erklommene Stufe zeige zugleich neue Herausforderungen, das Subjekt verändere das Objekt, das Objekt das Subjekt: »Das Dialektische ist kritisch, lässt sich durch nichts imponieren, genau der Fortgangs-Bund der Hegelschen Phänomenologie mit dem ‚Großziehenden‘ des Faustplans liegt auf der Hand.«769 Hegels Phänomenologie schildere eine Reise, die unglaublich sei  – ein »beständig aufbrechender Prozess«, immer wieder neu beginnend, von dem man vermeinen könnte, er habe kein Ende und sei für die Ewigkeit gemacht. Doch die Welt bei Hegel ist, so Bloch präzise, »ebenso fertig. Es bleibt danach keine Möglichkeit, die nicht bereits verwirklicht 766 Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 48. 767 Ebd., S. 50. 768 Ebd., S. 53. 769 Ebd., S. 54. Und weiter heißt es: »Hier wie dort gilt der Mensch als Frage und die Welt als Antwort, aber auch die Welt als Frage und der Mensch als Antwort. Hier wie dort will das Subjekt erfahren, was der ganzen Menschheit zuerteilt ist, aber auch das Objekt erfährt, dass ein Selbsterkennungsprozess es durchfahren und durcherfahren hat. Das Subjekt ist in beiden großen Exodus-Heimkehrbüchern nicht bloß betrachtend, gar konservierend und hütend; der Mensch ist in beiden nicht ein angeblicher Hirt des Seins. Er ist in beiden vielmehr das Agens, das gleiche, doch gesteigerte, das die Gestalten laufen, sich verwandeln und in uns immer adäquateren Sphären aufschlagen lässt.« (Ebd., S. 54f.) 329 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch wäre.«770 (Das ist, wir verweisen nur kurz darauf, exakt die Position von Lukács und Harich in den fünfziger Jahren.) Die Verwandtschaft von Hegel und Goe the, von Phänomenologie und Faust sei nichts von außen an die Werke Herangetragenes, sondern liege in der Sache selbst begründet. Ein Wesenszug, den beide Schriften exklusiv hätten. »Jedoch werkhaft durchgehalten ist das Faustmotiv, aus Gründen seiner Kraft wie Weite wie Tiefe, nur bei Goe the. Und eben nur ein einziges philosophisches Werk gibt – aus persistenter Durchführung des weltfahrenden Motivs – zu Goe thes Faust das Gegenstück: Hegels Phänomenologie des Geistes.«771 Der Grund hierfür liegt darin, dass jene Motive, die geschichtlich und gesellschaftlich bedingten, aus denen heraus Goe the an die Verwirklichung seines Faustplanes ging, in Hegels frühen Jahren fortwirkten und dessen frühes Schaffen und Denken prägten. »Die gesellschaftlich-geschichtlichen Antriebe, aus denen Goe the den Urfaust geschrieben hatte, 1774/1775, ein wenig nach Hegels Geburt, die Antriebe des revolutionären Bürgertums wirkten noch lange in Hegels Jugendzeit hinein. Es waren die gleichen, die den jungen Hegel einen Maibaum pflanzen ließen, die ihn mit dem Citoyen des Hölderlinschen Griechenland verbanden, mit dieser freien Polis und der glücklich scheinenden Alleins-Natur. Die Phänomenologie selber, gewiss, sie hat mit dem jakobinischen Maibaum nichts mehr gemein (…). Aber desto näher stand sie eben deshalb wieder dem späteren Goe theschen Ausgleich mit der Welt (…).«772 Diese Argumentation ist uns vertraut, sie bildet eine der Kontinuitätslinien, die vom amerikanischen Exil durch die Jahre in der DDR bis nach Tübingen reicht. Gleichzeitig ist es der Punkt, an dem Bloch und Lukács mehr als nur konform gingen, der eine Identität philosophischer Art illustriert, die nicht durch die gemeinsamen Jugendjahre legitimiert oder erklärt werden muss, sondern deren Begründung einzig und allein in der Adaption Hegels vom Standpunkt der marxistischen Philosophie aus zu suchen ist. Der junge Hegel von Lukács, der wie kein anderes Buch 770 Beide Zitate: Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 62. 771 Ebd., S. 64. 772 Ebd., S. 66. 330 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge die positiven, revolutionsbejahenden Gedanken der frühen Manuskripte und Schriften Hegels abbildet und fokussiert, war eben kein solitäres Phänomen, sondern Zusammenfassung der Tendenzen des philosophischen Aufbruchs. Und so finden wir keine Spuren des Jungen Hegel bei Bloch, sondern den gleichen Gedanken, geschöpft aus der gleichen Zeit und Erfahrung, verbunden der analogen Hoffnung, blickend auf das Ziel der Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie. Es geht nicht darum, ob Bloch sich der »Sklavensprache«773 bediente oder Opposition in Permanenz trieb – das sind Scheingefechte mit dem Ziel der Ablenkung vom Wesentlichen (die sie alle wollen, von Zwerenz bis Riedel): Dem marxistischen Konsens. Zurück zum Tübinger Bloch – der sich auf der Spurensuche in Sachen Goe the, Hegel und Lukács befand. Ein wenig müssen wir dann doch differenzieren (die eigene Ausgangsthese etwas zurücknehmen), es darf hier keine absolute Identität von Bloch und Lukács behauptet werden, dafür beobachteten sich die beiden in den fünfziger Jahren viel zu argwöhnisch. Wir sagten bereits: Der eine schaute immer ganz genau, was der andere tat, Bloch sogar noch etwas intensiver als der ungarische Marxist.774 Denn es ging ja ausgesprochen-unausgesprochen immer auch um die Frage der »Führung« innerhalb der modernen marxistischen Philosophie. Und so konnte es Bloch sich nicht verkneifen, seinen Leipziger Studenten in seiner Vorlesung zu erklären – nach seiner Darstellung der bürgerlichen Hegel-Interpretationen (es ist eine von zwei Wortmeldungen zu Lukács, die zweite beschäftigt sich mit der Zerstörung der Vernunft): »Ein guter Schlag dagegen ist enthalten in dem Buch Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft von Georg Lukács, einer fleißigen, kenntnisreichen Schrift mit sehr interessanten Partien, wodurch Hegel aus den Entstellungen des immer faschistischer werdenden Neuhegelianismus herausgebracht worden ist.«775 Aber Lukács schildere einen Hegel, den Marx nicht kannte, da die von Lukács verwendeten und interpretierten Schrif- 773 Siehe: Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte. 774 Einblicke gibt: Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107-126. 775 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271. 331 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch ten noch gar nicht vorlagen.776 Damit meinte Bloch die von Hermann Nohl edierten Jugendschriften Hegels, auf die sich auch Harich in seiner Hegel-Vorlesung intensiv stützte und die in Blochs Subjekt-Objekt in der Tat eine eher randständige Stellung einnehmen.777 Weiter sagte Bloch seinen Studenten: »Das Lehrreiche ist, dass die ökonomische Seite Hegels, sein ökonomisches Bewusstsein hier herausgestellt ist, vielleicht in einer übertriebenen Weise, eben als Gegenschlag. Es ist auch sonst alles sehr innerhalb Hegels gehalten. Der Blick auf Hegel geschieht vom späten Hegel auf den jungen Hegel, es ist ein von Hegel bezaubertes Buch, was zum Verständnis Hegels natürlich sehr beiträgt, aber auch die Grenzen ausmacht, denn das Buch ist doch philologisch, literarhistorisch und nicht philosophisch, im Zusammenhang mit den anderen Arbeiten von Lukács. Daneben hat es aber immer wieder, vor allen Dingen in einem kühnen Kapitel wie Die Arbeit und das P roblem der Teleologie, außerordentliche Fernblicke, wie es bei einem Verstand und einer Begabung und einem Umblick, wie sie Lukács besitzt, nicht verwunderlich ist.«778 Dies war natürlich, hintergründig, schon ein ganzes Stück weit boshaft. Nicht zuletzt, da Bloch sein Hegel-Buch, auch wenn er diese Titulierung dann wieder zurücknahm, als Gegenstück zum Jungen Hegel hinstellte: »Ich darf in diesem Zusammenhang noch auf ein kleines Gegenstück zu diesem Buch hinweisen, namens Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel, 776 »Allerdings ist es der Hegel, der auf Marx nicht eingewirkt hat, da dieses Schrifttum zu der Zeit von Marx überhaupt nicht gedruckt war. Das Buch schließt ab mit der Phänomenologie des Geistes, die Marx selbstverständlich kannte, aber das Vorhergehende war fast vollkommen unbekannt, soweit es nicht in dem 1. Band erschienen war.« Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271. 777 Hermann Nohl hatte die entsprechenden Dokumente und Manuskripte aus Hegels Jugendjahren 1907 herausgegeben (Hegels theologische Jugendschriften). Für Lukács und Harich war diese Publikation überaus wichtig. Lukács war im Jungen Hegel der erste, der die Jugendtexte Hegels wirklich tiefgreifend und systematisierend auswertete. Harich seinerseits zitierte in seiner Hegel-Vorlesung, inspiriert durch Lukács, ganze Seiten aus dieser Publikation (oftmals zusammen mit der entsprechenden Interpretation der Passagen durch Lukács). Siehe (neben den bisherigen Verweisen im laufenden Text): Heyer: Die Hegel-Debatte in der frühen DDR-Philosophie und ihre Ursprünge, S. 11-118. 778 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271f. 332 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge von Bloch, in dem der junge Hegel keinen großen Umfang einnimmt, weil das ja schon abgehandelt war. Das heißt, ich wusste gar nicht, dass es geschah, die beiden Bücher sind ungefähr gleichzeitig geschrieben und auch ohne gegenseitige Kenntnis des Unternehmens angefertigt worden. Dafür ist Hegel von der Phänomenologie an behandelt, was bei Lukács fehlt, so dass man vielleicht von einer Ergänzung sprechen kann.«779 Die Genese der Blochschen Philosophie, ihr eigener prozesshafter Charakter der in der Kontinuität enthalten ist, diese erst gewährleistet, lässt sich hier kaum rekonstruieren. Mit Blick auf den Vergleich von Goethe und Hegel ist vor allem zu erkennen, dass dieser nun viel dichter und intensiver durchgeführt wird als in den früheren Schriften. Der Suche nach einigen Hauptpunkten des Vergleichs, wie sie Bloch noch in der ersten Fassung des Aufsatzes Das Faustmotiv in der P hänomenologie unternommen hatte, wurde verdrängt von einem fast überkochenden Topf zahlreicher Analogien auf unterschiedlichsten Ebenen. In der Folge sind einige wichtige Elemente des Verhältnisses von Phänomenologie und Faust, die für Bloch Anfang der sechziger Jahre relevant waren, stichpunktartig aufzuzählen (darunter so manche, die den jungen Hegel eigentlich voraussetzen, wir notieren das bloß ohne Kommentar):780 • Die gleiche ökonomische Basis. (S. 66) • »Beide Werke stehen im Sonnenaufgang der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, beide sind daher optimistisch.« (S. 66) • »Die objektive Selbsterziehung macht sich und bewährt sich in der durchgängigen Vita activa: Was fürs Faustsubjekt die rastlose Tätigkeit, ist fürs phänomenologische die seinsmächtig werdende Arbeit.« (S. 69) • Die »Objektwelt« Goe thes und Hegels verschiebe sich um 1800 – vom Ancien Régime nach Weimar und hin zum Rheinbund. Letztlich zu Napoleon. (S. 68) • »Derart überwand Hegel den subjektiven Idealismus, gewann eine Art geistmäßigen, doch objekthaft genährten Realismus, einen der Goe- 779 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 272. 780 Aufzählung nach: Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie. Die Seitenzahlen im laufenden Text. 333 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch theschen Gegenständlichkeit, Welthaltigkeit, auch Weltbeglücktheit durchaus verwandten.« (S. 69) • Ununterbrochen, nie anhaltend, sind beide Werke »in großer Fahrt«, immer neu beginnend. (S. 69f.) • Ihr Antrieb ist »das Ungenügen, der nicht getilgte und zu tilgende Mangel«. (S. 70) • »Weder das Wanderhafte noch die verschiedenen Stufen fehlen, geht man zu Hegels Werk über. (…) Das Wanderhafte, Ausfahrthafte der Phänomenologie durchläuft so eine Welt, in der keine Substanz ist und gilt, die nicht ebenso mit dem fahrenden Subjekt fährt und von ihm durchdrungen ist.« (S. 71) • »Wie Faust, so ist es derart auch die Phänomenologie der Aufstiegsform der Divina Commedia, mutatis mutandis, nicht unverwandt.« (S. 72) • Noch deutlicher als Faust nehme die Phänomenologie immer wieder ihren Anfang im Ursprung, bedenke die Tradition. (S. 73) • Eine besondere Verwandtschaft ergebe sich mit Blick auf die Dialektik. (S. 75ff.) • »Indem die Fahrt Fausts in der Phänomenologie eine des Ungenügens oder Mangels ist, geht sie aufs Füllende und Rechte hin, also muss sie allem, was ihr im Gegenständlichen auf die Dauer nicht Genüge tut, widersprechen.«781 (S. 75) • Die Dialektik Hegel gehe dadurch über alles Bisherige hinaus, so dass sie nicht bei der einfachen Gegensätzlichkeit stehen bleibe, sondern Bewegung, Entwicklung, Widerspruch überall orte und setze. (S. 77) • »Der Widerspruch von ‚Leben‘ und ‚toter Objektivität‘ hatte schon das Denken des jungen Hegel bewegt, in der Frankfurter Epoche. Jedoch 781 »Komprimierter dialektischer Umschlag erscheint in den Worten: ‚Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.‘ Und obwohl Goe the sonst sehr oft die Worte der Hegelschen Dialektik zu bizarr fand, nennt er umgekehrt in einem Brief an Niebuhr das Wort ‚Zustand‘ ein elendes, weil nichts eben stehe, alles beweglich sei. (…) Doch ist das Faustmotiv an und für sich ein fortlaufend dialektisches, es ist das Kräftig-Unbefriedigte, das zwar jeder Situation genüge tut, dem aber keine Situation bereits Genüge zu tun im ‚Zustand‘ ist. Infolgedessen gelingt die Einheit des strebenden Bemühens mit seinem Zielinhalt dem Faust sogar weniger fix und fertig als dem Schluss der Phänomenologie und seiner Angelangtheit im ‚sich wissenden Geist‘.« Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 75f. 334 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge noch als unvermittelter Widerspruch und so, dass die Objektivität eben noch lauter Tod sein sollte. Die unvermittelte Antinomie von ‚Leben‘ und angeblicher ‚toter Objektivität‘ vermehrte sich aber, als Hegels reife Dialektik mit einem Schlag durchbrach, um die Antinomie im bewegten, also lebendigen Objekt selber. Mephisto, der Geist, der stets verneint, kommt nun völlig in den Realprozess, muss durch Negation wirken, reizen.« (S. 76f.) • »Nicht nur Dialektik, auch tätige Realprobleme der Dialektik sind also in Faust und Phänomenologie gleichmäßig immanent, mindestens als Horizont.« (S. 79) • Wie kaum andere Werke in der Geschichte der Philosophie und Kunst sind Faust und Phänomenologie von Anfang an auf ein Ziel, auf ihr Ziel bezogen. (S. 79) • »Wonach das Subjekt mit dem Objekt nicht mehr behaftet ist als mit einem fremden; der Welt-Faust der Phänomenologie landet so im Ithaka seiner ihm eigentümlichen Heimat (…). Leider nur ist das Selbst der Phänomenologie darin nicht bloß mit keinem fremden, sondern überhaupt mit keinem Gegenstand mehr behaftet, und das trotz des bekundeten Weltsinns Hegels, seiner mit Goe the verbundenen Objektbezogenheit, seiner konkreten Auswendigkeits-Freude.« (S. 81) • »Faust bleibt bis ans Ende ebenso voll äußere Figur (…). In die Welt hat er sich eingeschifft, gleich dem Subjekt der Phänomenologie, aber materieller als dieses bleibt für Faust Gegenständlichkeit auch im Fürsichsein des erfüllten Augenblicks und gerade in diesem als rechte.« (S. 81) • »Und doch klingt auch im Chorus mysticus des Phänomenologie-Schlusses die antizipierte Augenblicksfülle des Faust-Schlusses unverkennbar verwandt wieder – kraft der Fülle, die es nie ohne Gegenständlichkeit aushält und gibt.« (S. 82) Phänomenologie und Faust schöpfen aus den gleichen gesellschaftlichen Grundlagen, aus historischen, ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten, die den Aufbruch des Bürgertums markieren. Dergestalt sei ihr Zusammenhang mit der Bewegung der Aufklärung verbürgt – trotz der sowohl bei Goe the wie bei Hegel (nach seiner euphorischen Jugendphase) 335 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch sich immer stärker akzentuierenden negativen Einstellung zur tatsächlichen Französischen Revolution und ihren spontan-revolutionären Ergebnissen bzw. Konsequenzen. Diese Feststellung war schon für Lukács und Harich überaus bedeutsam. Es handelt sich um eines der Fundamente, auf denen die marxistischen Goe the- und Hegel-Interpretationen ruhen. »Immer ist das Faustische in der Phänomenologie, das Phänomenologische in Faust wechselseitig gegenwärtig, kraft des gemeinsamen, so geheimnisvollen wie Geheimnis lösenden Weltwegs von innen nach außen. So dass mit einem hier Goe theschen dort Hegelschen Ausdruck gesagt werden kann: Fausts Monolog ist das ‚Urphänomen‘ der Phänomenologie, und die Substanz, die sich ebenso als vermitteltes Subjekt weiß, ist das ‚Absolutum‘ des Faust; beider Hermeneutik steht sich, steht unseren Angelegenheiten bei.«782 Abschließend sei angemerkt, dass es überaus bemerkenswert und bedeutsam ist, dass Bloch im Westen an den Intentionen und Motivationen seines Werkes festhielt. In diesem Sinne gipfeln auch seine Tübinger Überlegungen in jenem Bekenntnis zum Sozialismus, das sich schon 1949 nachweisen lässt (und noch weitaus tiefer in den Zeiten wurzelt)783: »Das Subjekt-Objekt in Faust und Phänomenologie ist auf gemeinsame Weise das der Menschheit, die in widerspruchsvolle Selbstbefreiung aus den Entäußerungen und durch sie hindurch aufsteigt. Wurde dieser Prozess visiert durch die damals noch progressive bürgerliche Gesellschaft, so stehen Faust und Phänomenologie mit uns nun an dem neuen Tor, an dem der sozialistischen Gesellschaft.«784 Die Vermittlung von Goe the und Hegel wurde dergestalt für Bloch zur Vermittlung des Sozialismus. Unter den Bergen der Verfälschungen, Verschüttungen des Dogmatismus hatten Bloch, Lukács, Harich und einige andere gegen die SED (teilweise aber auch mit dieser!) den originären Goe the und den originären Hegel gesucht und gefunden. Beide wurden dergestalt zur Mahnung an den sich immer mehr bürokratisierenden Sozialismus und waren gleichzeitig doch auch Symbol der Hoffnung auf 782 Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 69. 783 Bloch selber ging bis zur 2. Auflage des Geistes der Utopie zurück, aus dem er eine Passage zitierte. Ebd., S. 84. 784 Ebd., S. 83. 336 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge die Verwirklichung der bis dato nicht eingelösten Versprechen. Stärker und intensiver konnte der Gedanke des marxistischen Erbantritts nicht gedacht werden. Dass es ein wahres, ein echtes Erbe war, davon zeugen die Positionen, die Lukács, Harich und Bloch einnahmen, nachdem sie ihre jeweils individuellen bitteren Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus gemacht hatten. 337 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Wenn die dicken und schweren Bände des Alterswerkes von Lukács (die im wahrsten Sinn der Bemerkung als »Waffen« im Kampf gegen die bürgerlichen Wissenschaften dienen können, etwa als Wurfgeschosse oder zum Barrikadenbau) auf ihren Inhalt und ihre Thesen hin überprüft werden, so wird dem Leser sehr schnell deutlich, dass sie Zusammenfassung, Zusammenführung des Bisherigen unter großen, allgemeinen, übergreifenden Gesichtspunkten sind. Dies trifft zu auf die Ontologie, erst recht auf Die Eigenart des Ä sthetischen, nicht zuletzt auf die Arbeit an der Gesamtausgabe durch neue Vorworte, Versuche der Einordnung, Bewertung des Vergangenen. (Manches Neue kam natürlich auch hinzu, hervorzuheben sind dabei besonders die Elemente einer Neubestimmung des real existierenden Sozialismus, genannt sei nur die posthume Edition von Sozialismus und Demokratisierung – begleitet von verschiedenen, die Vergangenheit aufarbeitenden Interviews Lukács’.) Die Eigenart des Ästhetischen (»eine der bedeutendsten großen systematischen Ästhetiken seit Hegel und Friedrich Th. Vischer«)785, erschienen 1963, ist dergestalt eine Gesamtschau der ästhetischen Vermessungen Lukács’ – begonnen gleichsam am Anfang des Jahrhunderts, dessen Mitte der ungarische Philosoph als Marxist durchschritten hatte. Die Verwirkli- 785 Bahr: Georg Lukács, S. 78. 338 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge chung eines/des »Jugendtraums«.786 Im Vorwort formulierte Lukács: »Ich begann als Literaturkritiker und Essayist, der in den Ästhetiken Kants, später Hegels theoretische Stütze suchte. Im Winter 1911/1912 entstand in Florenz der erste Plan einer selbständigen systematischen Ästhetik, an deren Ausarbeitung ich mich in den Jahren 1912-1914 in Heidelberg machte. Ich denke noch immer mit Dankbarkeit an das wohlwollend-kritische Interesse, das Ernst Bloch, Emil Lask und vor allem Max Weber meinem Versuch gegenüber zeigten. Er ist vollständig gescheitert. Und wenn ich hier leidenschaftlich gegen den philosophischen Idealismus auftrete, so ist diese Kritik auch gegen meine eigenen Jugendtendenzen gerichtet. Äu- ßerlich gesehen, unterbrach der Kriegsausbruch diese Arbeit. Schon die Theorie des Romans, entstanden im ersten Kriegsjahr, richtet sich mehr auf geschichtsphilosophische Probleme, für welche die ästhetischen nur Symptome, Signale sein sollten. Dann traten Ethik, Geschichte, Ökonomie immer stärker in den Mittelpunkt meiner Interessen. Ich wurde Marxist, und das Jahrzehnt meiner aktiven politischen Tätigkeit ist zugleich die Periode einer inneren Auseinandersetzung mit dem Marxismus, die seiner wirklichen Aneignung. Als ich – um 1930 – mich wieder der intensiven Beschäftigung mit künstlerischen Problemen zuwandte, stand eine systematische Ästhetik nur als sehr ferne Perspektive an meinem Horizont. Erst zwei Jahrzehnte später, Anfang der fünfziger Jahre, konnte ich daran denken, mit ganz anderer Weltanschauung und Methode an die Verwirklichung meines Jugendtraums heranzutreten und ihn mit völlig anderen Inhalten, mit radikal entgegengesetzten Methoden auszuführen.«787 Rüdiger Dannemann, einer der Lukács-Forscher unserer Tage, der sich freilich zu oft in alten ideologischen Debatten verstrickt, der bedauerlicherweise das Jahrzehnt von »Lukács in der DDR« fast systematisch verschweigt, ignoriert, setzte sich damit auseinander, warum Lukács Anlauf um Anlauf unternehmen musste, um endlich zu seiner Ästhetik durchzubrechen: »Dass es Jahrzehnte dauert, bis Lukács zur Fertigstellung einer systematischen Ästhetik gelangt, hat unterschiedliche Gründe. Entscheidend sind wohl zwei Faktoren: Lukács befindet sich nach der 786 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 839. 787 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 25. 339 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Verabschiedung der utopischen Philosopheme der zwanziger Jahre in einer Orientierungskrise. Es dauert lange, bis er mit seinem Buch über den Jungen Hegel, schließlich dann mit der Ontologie seine philosophischen Grundlagen neu zu formulieren vermag. Der Weg zu Marx, wie Lukács seine Denkbewegung übertrieben bescheiden, auch irreführend nennt, wird erschwert durch die Zeitabläufe und die Verstrickungen in sie. Stalinismus und Faschismus werfen die radikale Philosophie der Weimarer Republik weit zurück. Anders als Adorno, Brecht oder Bloch betrifft den engagierten Kommunisten Lukács die Zerstörung einer theoretischen Öffentlichkeit in der kommunistischen Internationale unmittelbar. Erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU findet er Gelegenheit, seinen Traum einer systematischen Ästhetik zu verwirklichen. Ironischerweise fördert die erzwungene Isolation nach dem Ungarn-Aufstand die Arbeit an der Eigenart des Ästhetischen nicht unerheblich.«788 Wer in der Eigenart des Ästhetischen ein selbstständiges Goe the-Kapitel sucht, sieht sich enttäuscht. Dass es fehlt, ist (neben der systematischmeta theoretischen Ausrichtung) nicht damit zu begründen, dass Goethe keine Rolle mehr spielte für Lukács. Ganz im Gegenteil ist er neben Marx und Engels zur unumschränkten Autorität geworden. Wann immer Lukács etwas illustrieren, vertiefen, durch Querverweise absichern wollte – ein Goe the-Zitat erledigte diese Arbeit für ihn, durch ihn. Tiefer kann ein Verständnis von und die Liebe zu Goe the nicht greifen. Hans Mayer brachte das auf die Formel: »Der Goe theanismus von Lukács ist größer als derjenige von Goe the.«789 Und ein weiteres ist das Werk: »Es ist der große Versuch, Hegel noch einmal für die Ästhetik nutzbar zu machen.«790 Erneut stehen also Hegel und Goe the nebeneinander, ergänzten sich, werden interpretiert, nutzbar gemacht als Ausdruck analoger Tendenzen im Denken und Fühlen der bürgerlichen Gesellschaft. Lukács selbst nannte Aristoteles, Goe the und Hegel als Ahnherren seiner theoretischen Kon- 788 Dannemann: Georg Lukács, S. 32 789 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den E rfolg, S. 81. Ehrhard Bahr schrieb analog, dass Lukács »Goe thescher gewesen sei als der historische Goe the«. Bahr: Lukács’ »Goe theanismus«, S. 94. 790 Raddatz: Lukács, S. 110. 340 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge zeption, daneben noch Epikur, Bacon, Hobbes, Spinoza, Vico, Diderot, Lessing und die revolutionären russischen Denker.791 George Lichtheim hatte in seiner Analyse die Kontinuitäten der Eigenart des Ästhetischen, ihr gleichsam evolutionäres Emporringen aus den Ursprüngen von Lukács’ frühen Schriften betont. Die zentrale Neuerung des großen Werkes sah er in der Art und Weise, wie Lukács nun seine Theorien präsentierte. Ein Bruch, der 1956 von außen herbeigeführt worden war, der gleichzeitig aber Lukács auch darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er seinen Platz, seine Position der marxistischen Literaturgeschichte neu beziehen, ausgewählte frühere Stellungen verteidigen musste. Lichtheim zu Folge verbunden mit einer Neuakzentuierung des zur Debatte stehenden Themas. »Die ruhige, leidenschaftslose Diktion, die er wählte, stand in scharfem Gegensatz zu seinen Schriften in den fünfziger Jahren, wodurch sowohl eine Änderung im geistigen Klima als auch Lukács’ nunmehr klassisch gewordener Status innerhalb des von ihm bevorzugten Sektors angezeigt wurde; letzterer Umstand wurde durch häufige Zitierungen Goe thes hervorgehoben, dessen Olympierweise einem System ästhetischer Prinzipien, die größtenteils aus der Weimarer Klassik abgeleitet sind, angemessen war. Lukács hatte niemals versäumt, seine Leser darauf hinzuweisen, dass Goe the und Hegel Zeitgenossen waren und dass Hegel (wenn man sich auf seine eigenen Auslassungen zu diesem Thema verlässt) Goe thes Werk viel verdankte. Noch nie zuvor hatte er eine hegelianische Ästhetik in einem auf der Weimarer Klassik fußenden Vokabular entwickelt. Genau dies tat er dann 1963, wenn man zahlreiche Zitate von Marx und gelegentliche kurze Abstecher in den Leninismus außer acht lässt.«792 Es ist hier nicht der Platz, schon gar nicht der richtige Ort, um Die Eigenart des Ästhetischen in der ihr gebührenden Ausführlichkeit zu analysieren. (Was aus marxistischer ebenso wie aus bürgerlicher Perspektive 791 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 13f. »Die Liste der Autoren, denen ich mich für diese Arbeit, im Ganzen wie im Detail, verpflichtet fühle, ist damit noch lange nicht erschöpft.« (Ebd., S. 14) Diese Aufzählung war Konsens und Grundlage des Arbeitens von Lukács, Bloch und Harich, die sich alle drei, natürlich mit divergenten Schwerpunkten und Nuancierungen, mit diesen Denkern auseinandersetzten. 792 Lichtheim: Georg Lukács, S. 111. 341 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács immer noch zu leisten ist.) Hervorzuheben ist, dass Lukács tatsächlich eine marxistische Ästhetik vorgelegt hat (gerade der Aufbau versuche »eine möglichst richtige Anwendung des Marxismus auf die Probleme der Ästhetik«)793 – und zwar ausgehend von der Ästhetik Hegels. Diese enthalte zwar viele »Fragwürdigkeiten« und idealistische Verzerrungen, aber der »philosophische Universalismus ihrer Konzeption« sei »auf Dauer beispielgebend für den Entwurf einer jeden Ästhetik«.794 Der Erbantritt in Sachen Hegel, in Sachen Ästhetik war für Lukács also lebendig, Aufgabe und Herausforderung seiner veränderten Gegenwart. Das Erbe Hegels sei um so zentraler und wichtiger, da der Marxismus keine eigene Ästhetik habe. Auch die Analyse und Zusammenstellung der entsprechenden Passagen von Marx, Engels und Lenin könne diese Lücke nicht schließen: »Denn wäre in den gesammelten und systematisch geordneten Aussprüchen der Klassiker des Marxismus eine Ästhetik oder zumindest ihr perfektes Skelett bereits explizit enthalten, so wäre nichts anderes nötig als ein guter Verbindungstext, und die marxistische Ästhetik stünde fertig vor uns. Davon kann keine Rede sein! (…) Man steht also vor der paradoxen Situation, dass es eine marxistische Ästhetik gleichzeitig gibt und nicht gibt, dass sie durch selbständige Forschungen erobert, ja, geschaffen werden muss und dass das Resultat zugleich doch nur etwas der Idee nach Vorhandenes begrifflich darlegt und fixiert.«795 An diese, durchaus vernichtende Diagnose, schloss Lukács eine Abrechnung mit jenen Vulgärmarxisten, Dogmatikern, Sektierern an, die für die Starre und Dokumentgläubigkeit des Marxismus des 20. Jahrhunderts verantwortlich waren, die ihn und Bloch und viele andere geschmäht, Harich gar ins Zuchthaus gesteckt hatten: »Wer die Illusion hegt, mit Hilfe einer bloßen Marx-Interpretation die Wirklichkeit und zugleich damit Marxens Erfassen der Wirklichkeit gedanklich zu reproduzieren, muss beides verfehlen. Nur eine unbefangene Betrachtung der Wirklichkeit und ihrer 793 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 10. 794 Ebd., S. 8. Weiter: »Die aus dem objektiven Idealismus entspringenden Starrheiten der Hegelschen Systematisierung wurden durch den Marxismus richtig gestellt.« (Ebd., S. 9) 795 Ebd., S. 11. 342 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Aufarbeitung mittels der von Marx entdeckten Methode kann beides erringen: Treue zur Wirklichkeit und zugleich Treue zum Marxismus.«796 Die Sammlung und Analyse der Äußerungen der Klassiker sei also wichtig, enthebe den einzelnen Intellektuellen jedoch nicht der weiteren Arbeit. Es drohe schlicht das Sektierertum. Immerhin aber könne eine Zusammenstellung der Klassiker-Zitate zumindest deren Erbe-Verständnis aufzeigen. »Seit der geistvollen Studie von Michail Lifschitz über die Entwicklung der ästhetischen Anschauungen von Marx, seit seiner sorgfältigen Sammlung und Systematisierung der zerstreuten Aussprüche von Marx, Engels und Lenin über ästhetische Fragen kann kein Zweifel mehr über Zusammenhang und Kohärenz dieser Gedankengänge bestehen.«797 Der 1905 geborene Lifschitz gehörte zu den engen Freunden Lukács’ in dessen russischen Jahren. Seit 1929 war er am Marx-Engels-Institut, ein Jahr später traf er dort auf Lukács und die beiden diskutierten intensiv über ästhetische Probleme, Fragestellungen des Marxismus, wobei der russische dem ungarischen Philosophen die entsprechenden Thesen der »Klassiker« näher brachte. Schon einige Jahre zuvor, in einer Rede, die er am 15. Juli 1956 im Petöfi-Klub hielt, hatte Lukács die Sache analog umrissen. Wir haben in dem entsprechenden Kapitel bereits gesehen, dass er dort überaus deutlich formulierte, dass es noch »keine marxistische Logik, keine marxistische Ästhetik« usw. gebe, der Marxismus seit den Tagen Stalins also auf philosophischem Gebiet völlig versagt habe.798 Diese Probleme seien so zügig wie möglich zu beheben: »Das heißt natürlich nicht, dass wir diese Wissenschaften aus dem Nichts heraus aufbauen werden. Ohne die gro- ßen Arbeiten der Klassiker, ohne die Ausarbeitung unzähliger Fragen der von den Klassikern geschaffenen methodischen Grundlagen können wir keinen Schritt vorwärts gehen.«799 Der Dogmatiker würde an genau dieser Stelle stehen bleiben, doch ein solcher war Lukács gerade nicht. Ganz 796 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 12. 797 Ebd., S. 11. Gemeint sind die Bücher: Marx/Engels: Über Kunst und Literatur. Lifschitz: Karl Marx und die Ästhetik. 798 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. Die entsprechenden Passagen wurden bereits wiedergegeben. 799 Ebd. 343 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács im Gegenteil. Erneut zeigt sich im Fortgang seiner Argumentation, dass Marx und Engels für ihn keine unumstößlichen Autoritäten, sondern, wie auch für Harich und Bloch, Diskussionspartner waren, denen er auf Augenhöhe begegnete. Die Beschäftigung mit den Klassikern dürfe kein reiner Selbstzweck sein, sondern müsse immer der Lösung der gerade aktuellen Probleme und Herausforderungen dienen. Zu diesen hätten Marx und Engels und viele andere gerade nicht die spezifische Antwort geliefert, eben wegen der Aktualität und Gegenwärtigkeit, aber zahlreiche methodische Hinweise, Denkanstöße, Traditionsgefüge. Marxismus sei die permanente Aufforderung zum Selbstdenken. Auch wenn man, wie Lukács gerade sagte, ohne die Klassiker »keinen Schritt vorwärts gehen« könne, so ist an dieser Aussage doch das Wichtigste das folgende »Aber«. Hören wir Lukács: »Aber das heißt nicht etwa, dass, wenn wir alle Äußerungen von Marx, Engels und Lenin über die Ästhetik sammeln (um über mein Fach zu sprechen) – dann in diesen Äußerungen bereits die ganze marxistische Ästhetik enthalten ist. Ohne diese Äußerungen können wir zwar keine Ästhetik schaffen, aber unsere Generation muss jetzt diese Wissenschaft der Ästhetik aufbauen. Dies gilt natürlich auch für die andere Wissenschaft. Dies darf, Genossen, auf niemanden entmutigend wirken. Im Gegenteil: Ich fühle tief, welche Verantwortung wir hier nicht nur vor den Proletariern aller Länder, sondern auch vor der ganzen Menschheit tragen.«800 Die Intentionen von Lifschitz (und auch Lukács) falsch verstehend schrieb Alfred Klein über Hans Mayers Denken der Mitte der fünfziger Jahre: »Er wollte ins Bewusstsein heben, dass Marx und Engels außer ihren prinzipiellen Äußerungen über das Sickingen-Drama von Ferdinand Lassalle nur fragmentarische Bemerkungen über Kunst und Literatur hinterlassen hatten und nicht etwa ein geschlossenes System unanfechtbarer ästhetischer Normen, wie es Michail Lifschitz und Georg Lukács seit dem Beginn der dreißiger Jahre suggerierten.«801 Das hatte Lukács freilich 800 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. 801 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 29f. Dort heißt es weiter: »Hans Mayer setzte Franz Mehring als ‚ganz große Gestalt‘ von den späteren Kanonisierungsversuchen ab, während er dem inzwischen zum ‚Klassiker‘ gewordenen Lukács den Vorwurf nicht ersparte, dass in seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu 344 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge nie behauptet, Klein wiederholte hier also unreflektiert die Thesen seines Lehrers. Die Theorie ebenso wie die fehlende Reflektion von diesem übernehmend. Die hier geschilderte Position von Lukács ist außerdem kein Bruch mit seinen frühen Ansichten. Denn 1952 hatte er im Vorwort der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik geschrieben, dass es einmal eine Zeit gegeben habe (in der auch seine Goe the- und Schiller-Studien entstanden, in der Mitte der dreißiger Jahre), »da man beweisen musste, dass die formell zerstreuten, gelegentlichen Bemerkungen von Marx und Engels über Literatur und Kunst ein streng zusammenhängendes, konkretisierbares und zu konkretisierendes System bilden«.802 Dieser Nachweis sei nun aber erbracht und damit die Möglichkeit gegeben, auf diesem Fundament selbständig weiter nach vorn zu gehen, ein Rückfall hinter diese neuen Positionen, auf die längst gewonnene Basis sei eben Rückschritt, Dogmatismus. Harich hat in den achtziger Jahren, als er das Erbe von Lukács verteidigte, die größeren Zusammenhänge dieses Seitenzweiges der ästhetischen Theorie gesehen und Lukács im »linken« Umfeld mit seiner Position verortet: »Als Lukács 1931 aus Moskau in Berlin eintraf, mit der ‚Sickingen-Debatte‘ im Kopf (respektive im Koffer), zu konsequentem Materialismus bekehrt durch noch unveröffentlichte Marxsche Frühschriften, da hießen die wirklichen, die ihm vergleichbaren Gegenspieler, die er hier im linken Umfeld vorfand, Korsch, Benjamin und Bloch. Brecht, mit seinem Hang zum theoretischen Dilettieren (wobei es ihm zustieß, dass er Theodor Lipps für Aristoteles hielt), stand unter ihrem Einfluss, weshalb Lukács sich vergebens um ihn bemühte. Ernst Bloch saß damals an Erbschaft dieser Z eit. Er hatte Brecht den Floh ins Ohr gesetzt, gerade Fäulnisprodukte spätkapitalistischer Kultur ließen sich revolutionär ‚umfunktionieren‘ (daher Brechts Forderung, nicht ans gute Alte, sondern ans schlechte Neue anzuknüpfen). Walter Benjamin wieder belehrte ihn über vermeintliches Auseinanderklaffen kritischer und genießender Haltung beim Publikum, über die angebliche Hinfälligkeit der viel philosophischer Ballast und zu wenig künstlerischer Spürsinn walte.« (Ebd., S. 30) Bei Mayer ist dies nachzulesen in seinen: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 359-427. 802 Lukács: Vorwort zu den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik, S. 5. 345 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Kunstgattung und dergleichen. Auch von der Seite also ward Brecht auf den Modefimmel einer linksbürgerlichen Avantgarde eingedrillt, die sich, aufgewühlt von der großen Krise, doch ohne von heut auf morgen ihren mitgeschleppten Snobismus loszuwerden, der kommunistischen Bewegung näherte. Lukács hat sich der KP gleich bei ihrer Gründung angeschlossen, Ausgeschlossen aus ihr, wegen Beharrens auf ultralinken Dummheiten, war seit 1926 Karl Korsch. Und eben auf Korsch geht noch Brechts sektiererisches Unbehagen an der späteren Volksfrontpolitik, gehen desgleichen seine gelegentlichen Missverständnisse der Dialektik zurück.«803 Weiter heißt es dann, um den Gedankengang Harichs zu vervollständigen: »Es ist wahr: Um einzusehen, dass Lukács’ materialistisch-dialektische Methode, dass seine Einstellung zum Kulturerbe, seine anspruchsvollen Maßstäbe auch für die Würdigung proletarisch-revolutionärer, 803 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 63. Gut aufgearbeitet ist Brechts Ästhetik sowie ihre Debatte mit Lukács bei: Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit Welträtseln. Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. Tagung des Weltfriedensrats, Berlin 1952, Georg Lukács und Anna Seghers 346 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge sozialistischer Kunst und Literatur immens brauchbar sind, muss man sich an die ihm zu verdankenden Analysen sowjetischer Erzählwerke, namentlich Gorkis, Fadejews, Wirtas, Scholochows, Makarenkos, Beks, Kasakewitschs halten. Brecht hat er lange unterschätzt. Er hat, als er ihn kennenlernte, ihm offenbar nicht zugetraut, dass die Kraft seiner realistischen Dichtkunst sich in der Praxis des künstlerischen Schaffens gegen die ideologischen Irritationen behaupten werde, denen er in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung ausgesetzt war. So hat Lukács erst unmittelbar nach dem Tode Brechts in dessen reifsten Stücken das Festhalten an der aristotelischen Katharsis wahrgenommen. Das ändert nichts daran, dass von ihm die tiefe Fragwürdigkeit der Brechtschen ästhetischen Doktrin und ihrer – ich muss das einmal offen aussprechen – pseudo- und antimarxistsichen Quellen jederzeit richtig beurteilt worden ist; richtig und obendrein unbestechlich auch bei genauer, von hoher Wertschätzung getragener Kenntnis sowohl der Lyrik Brechts wie seiner reifen dramatischen Produktionen in der Eigenart des Ästhetischen (1963).«804 Das war ein Themengebiet, das Harich tief bewegte. Schon Anfang der fünfziger Jahre sah er sich ja zwischen Lukács und Brecht gestellt, war mit beiden befreundet, verteidigte den einen, Brecht, gegen Fritz Erpenbecks dumme Dekadenz-Vorwürfe, den anderen, Lukács, gegen die noch dümmeren Sektierer-Philosophen der SED.805 Roland Links hat daran erinnert, dass auch Hans Mayer einen ähnlichen Spagat zwischen Brecht und Lukács vollzog.806 Waltraud Engelberg (wir werden darauf noch zurückkommen und den Kontext etwas ausführlicher schildern) schrieb: »Bei Hans Mayer jedenfalls gab es nicht Lukács oder Brecht, sondern Ge- 804 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 63f. 805 Harichs Texte und Schriften zu Lukács in der Publikation: Heyer: Harich sprach über Lukács. Auf die Konstellation Harich und Brecht wurde bereits verwiesen, siehe die entsprechenden Publikationen von Werner Mittenzwei. 806 »Mit seiner Argumentationshilfe hatte ich damals schon und erst recht dann als Lektor im Verlag Volk und Welt zu Bertolt Brecht gefunden, den Lukács tunlichst umging.« Aber auch an Lukács habe Mayer eben festgehalten, nicht den einen gegen den anderen ausgespielt. Links: Hans Mayer, der »engagierte Beobachter«, S. 234. 347 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács org Lukács und Bertolt Brecht.«807 Doch zurück zur Ästhetik von Lukács (an deren Herkommen von der Anthropologie Harich übrigens seinen Anteil hat). Bereits die gerade wiedergegebenen Passagen von Lukács verdeutlichen, dass dieser seine Ästhetik nicht im »luftleeren Raum« formulierte, sondern ganz bewusst und explizit die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit suchte. In diesem Sinn ist es eminent bedeutsam, darauf hinzuweisen, dass er mit deutlichen Worten Kritik an der damals aktuellen Gegenwart sowie ihren, im sozialistischen Lager verheerenden, Umbrüchen, Auswüchsen übte. Gleichzeitig sind sie eine Reflexion über seine eigene Rolle, über die Notwendigkeit marxistischen Philosophierens gegen den parteilich verordneten Dogmatismus, eine Abrechnung mit den politischen Führern des sozialistischen Lagers: »Die Treue zum Marxismus bedeutet aber zugleich die Anhänglichkeit an die großen Traditionen der bisherigen gedanklichen Bewältigung der Wirklichkeit. Es ist in der Stalinschen Periode, besonders seitens Shdanows, ausschließlich das hervorgehoben worden, was den Marxismus von den großen Überlieferungen des menschlichen Denkens trennt. Wenn dabei nur das qualitativ Neue am Marxismus betont worden wäre, nämlich der Sprung, der seine Dialektik von der seiner entwickeltsten Vorläufer, etwa von Aristoteles oder Hegel, trennt, so könnte das relativ berechtigt sein. Ein solcher Standpunkt könnte sogar als notwendig und nützlich bewertet werden, wenn er nicht – in tief undialektischer Weise – das radikal Neue am Marxismus einseitig, isolierend und darum metaphysisch hervorhöbe, wenn er dabei nicht das Moment der Kontinuität in der menschlichen Gedankenentwicklung vernachlässigte.«808 807 Engelberg: Bert Brecht bei H ans Mayer, S. 134. Zur Konstellation Mayer und Brecht reicht es, auf die entsprechenden Schriften Mayers zu verweisen, gut beleuchtet in: Völker: Hans Mayer und Bertolt Brecht, S. 323-333. 808 Lukács: Die Eigenart des Ä sthetischen, Bd.  1, S. 12. Und weiter heißt es: »Das einseitige Hervorheben des Trennenden und Neuen beschwört die Gefahr, alles Konkrete und Bestimmungsreiche am wahrhaft Neuen in eine abstrakte Andersheit einzuengen und darin verarmen zu lassen. Die Gegenüberstellung der Kennzeichen der Dialektik bei Lenin und Stalin zeigt die Folgen einer solchen methodologischen Differenz ganz deutlich; und die vielfachen unvernünftigen Stellungnahmen zum Erbe der Hegelschen Philosophie führten zu einer oft er- 348 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Was aber hat dies mit Goe the zu tun? Lukács selbst stellte die Frage von der anderen Seite. Als er einige Jahre nach der Eigenart des Ä sthetischen über Goe the sprach, machte er die Zwischennotiz: Was aber hat das mit Marx zu tun? In welchem Kontext dies geschah – damit haben wir uns als nächstes zu beschäftigen. Auf den 28. August 1970 datiert die Verleihung des Goe the-Preises der Stadt Frankfurt am Main an Georg Lukács. Die Begründung liest sich wie folgt: »Sie ehrt damit den bedeutenden marxistischen Philosophen, Literaturwissenschaftler und Humanisten, der in seinem Buch Goe the und seine Zeit überzeugend traditionelle und reaktionäre Goe the-Klischees widerlegt und die lebendige Gestalt Goe thes in ihrer Tiefe und Progressivität, aber auch in ihrer Widersprüchlichkeit und Grenze sichtbar gemacht hat. Sie zeichnet damit zugleich ein Lebenswerk aus, das – von der volkspädagogischen Verantwortung der Wissenschaft getragen – entscheidend zum kritischen Verständnis und zur Bewahrung der klassischen deutschen Kultur beigetragen hat.«809 Man könnte nun denken, gerade angesichts des Verweises auf Goethe und seine Z eit und mit dem Wissen um die permanente Aneignung der progressiven deutschen Klassik in Literatur und Philosophie durch Lukács, dass die Preisverleihung gerechtfertigt, sinnvoll, durchaus verdient war. Aber die westdeutsche Konservative stand 1970 unter Druck: Seit einigen Jahren war sie gezwungen, sich mit ihrer faschistischen Vergangenheit und Gegenwart auseinander zu setzen. Der Reflex, damals wie heute, ist immer der gleiche: Ja, ja, aber die anderen. Man dürfe den Linksextremismus nicht vergessen usw. Das alles ist bekannt, Totalitarismustheorie, Populismus, es gibt viele Schlagworte, die das transportieren. William S. Schlamm, einstmals Kommunist, dann im amerikanischen Exil unter Jospeh McCarthy zu einem der engagierten Kommunistenjäger avanciert, nach seiner Rückkehr nach Deutschland von Axel Springer schreckenden Inhaltsarmut der logischen Untersuchungen in der Stalinschen Periode.« (Ebd., S. 13) Dies war eines der zentralen Argumente der Hegel-Debatte der fünfziger Jahre, an deren Auswüchse Lukács mit seinen Ausführungen sicherlich auch erinnern wollte. 809 Stadt Frankfurt: Verleihungsurkunde des Goe the-Preises, S. 99. 349 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács für Die Welt als Kommentator verpflichtet und schließlich, der krönende Höhepunkt, mit dem Konrad-Adenauer-Preis bedacht, machte klar, dass für die Konservative die alten ideologischen Grenzen noch völlig intakt waren. Lukács war für Schlamm ein »zutiefst opportunistischer Schriftgelehrter«, es habe nie einen »zur gebotenen Lüge bereiteren Kommunisten« gegeben.810 Nach verschiedenen niveaulosen Schmähungen (dass Lukács kein Deutsch könne usw.) schrieb Schlamm dann: »Diesem Mann den Goe the-Preis zu verleihen ist eine Niedertracht gegenüber Goe the, gegen- über Frankfurt, gegenüber der deutschen Kulturgeschichte. (…) Einem Volk, das lethargisch mit ansieht, wie sein größter Dichter für politische Perversitäten ordinärster Art missbraucht wird, einem solchen Volk ist nicht mehr zu helfen. Wenn der Goe the-Preis widerstandslos an Georg Lukács verliehen werden kann, dann sind die Deutschen offenbar auch aus ihrer Kulturgeschichte ausgetreten. (…) Denn nicht einmal neudeutsche Literaturprofessoren konnten geglaubt haben, der orthodoxteste aller kommunistischen Literaturpäpste sei in Goe thes geistiger Landschaft zu Hause! Lukács, wie sich‘s gehört, hasst Goe thes Lebensgefühl, Sprachgefühl, Glücksgefühl.«811 Der primitiven konservativen Dümmlichkeit würde ein Bein fehlen, wenn sie sich auf den kulturellen Bereich beschränken würde. Also musste Schlamm natürlich auch die politische Dimension des Vorgangs betonen: »Nicht genug daran, dass Willy Brandt eine gute Hälfte Deutschlands Ulbricht, Gomulka und Gromyko abtreten will, soll nun auch Goe the an den Osten abgetreten werden. Die Oder-Neiße-Linie wird in die deutsche Klassik hinein verlängert, und da Ulbricht ohnehin schon Weimar hat, wird ihm auch noch Goe the selbst nachgeworfen. Schließlich, nicht wahr, hat Deutschland den Krieg verloren und muss nun eben, wie Brandt zu sagen pflegt, endlich die Kosten bezahlen. Also, zum Beispiel, den Goethe-Preis an Lukács.«812 (Verzichtet sei an dieser Stelle auf eine Gegen-Polemik, die ja fokussieren müsste, dass, so haben wir gerade erfahren, beispielsweise jemand, der Goe the liebt, die Oder-Neiße-Grenze nicht 810 Schlamm: Frankfurt verdient eine Lenin-Medaille, S. 136. 811 Ebd., S. 137. 812 Ebd., S. 137f. 350 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge anerkennen darf. Schlamm sagt genügend über sich selbst. Mit seinen Erben haben wir uns noch an anderer Stelle zu beschäftigen.) Lukács selbst sah die ganze Angelegenheit natürlich anders und, so fügen wir hinzu, selbstverständlich auch richtiger: »Ich fühle mich also zur Annahme der hohen Auszeichnung insofern literarisch-moralisch berechtigt, als die intensive Beschäftigung mit Goe thes Lebenswerk bis heute meine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bestimmt.«813 Er habe, so Lukács weiter, eine enge Verbundenheit zu Goe the, zu dessen Werk, Lebensführung und Weltanschauung. Eine Einstellung bzw. Grundhaltung, die mit seiner marxistischen Philosophie zusammenhänge. Denn auch für Marx sei die Beschäftigung mit Goe the »ein wichtiges Element seines geistigen Lebens« gewesen. Gerade deshalb dürften nicht die Differenzen zwischen Marx und Goe the in den Vordergrund gestellt werden. Es drohe, dass der »wesentliche Gehalt« verblasse »bis zum Verschwinden«.814 (Wir haben bereits darauf verwiesen, dass dieses Argument aus der Hegel-Debatte herkam, wo die Dogmatiker und Sektierer ja immer Marx und Engels derart stark von Hegel abgesetzt hatten, dass allein das Trennende blieb. Es war Auguste Cornu, der daraufhin feststellte, dass dergestalt Marx fast zu »Wundererscheinung« werde.)815 Auch 1970 war Goe the für Lukács ein »Kind seiner Zeit« und gleichzeitig ein Gestalter der krisenhaften (das ist für Lukács nach wie vor sehr bedeutsam) Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. »Das tief in der ‚deutschen Misere‘ versunkene deutsche Volk war zwar außer Stande, als politische, aktuell mobilisierende geistige Kraft der Aufklärung praktisch zu folgen und sich später an die große Revolution anzuschließen. Dafür war es jedoch geistiger Mittelpunkt seiner intellektuellen Vorhut: Das 813 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 121. 814 Ebd., S. 122. Weiter heißt es: »Werden, was philologisch zumeist geschieht, in der Unmittelbarkeit wirksame Motive in den Vordergrund gestellt, so ist es leicht, Goe the als einseitigen Verherrlichter so genannter ‚organischer‘ Entwicklungen, Marx als dem Revolutionär ‚um jeden Preis‘, allen Übergang ausschließend gegenüberzustellen.« 815 Cornu: Über das Verhältnis des M arxismus zur P hilosophie Hegels, S. 895. (Wir haben auf diese treffend zugespitzte Äußerung Cornus aus dem Kontext der Hegel-Debatte bereits verwiesen.) 351 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács welthistorisch Neue an Aufklärung und Revolution, dessen entscheidende Möglichkeiten, dichterisch wie denkerisch ins Weltbild einer bewusst, historisch gewordenen Gattungsmäßigkeit einzubauen. Das bedeutet einerseits eine Konkretisierung dieser Tendenzen, sie in einem individuellen, nicht mehr transzendenten Weltbild zu verankern, andererseits, der großen historischen Erschütterung dieser Ereignisse folgend, eine Historisierung dessen, was früher bloß als abstraktes Postulat der Vernunft mit dem Alltag des feudalen oder halbfeudalen Lebenskreises kontrastiert werden konnte.«816 Verschiedene philosophische Theorien hätten in genau dieser Richtung gewirkt: Die Naturphilosophie Goe thes, die Geschichtsphilosophie von Herder und Hegel mitsamt den entsprechenden Zwischenstücken. Genau diesen Themenkreisen, daran erinnern wir nur, waren Lukács, Harich und Bloch ja in den fünfziger Jahren auf der Spur gewesen. Ein weiterer Rekurs auf die theoretischen Modelle der fünfziger Jahre ist darin zu sehen, dass Lukács zudem die Rolle Spinozas in der deutschen Philosophie und Kultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts betonte – eine inhaltliche Setzung, die vor allem Harichs frühe wissenschaftliche Arbeiten und Vorlesungen getragen hatte und die sich, allerdings nicht ganz so ausgeprägt, auch in Blochs Leipziger Vorlesungen findet. »Konkreter: Das unmittelbar gegebene Dilemma des Handelns in der bürgerlichen Gesellschaft ist das Dilemma einer Wahl zwischen unmittelbarem und darum abstrakten Egoismus und einem postulierten und darum gleichfalls abstrakten Altruismus. Erst der Mensch, der in seinen Handlungen – auch gegen seine eigene Partikularität – sich als Gattungswesen zu verwirklichen bestrebt ist, kann im innersten Innern seines Selbst bewegt sein, ohne sich abstrakt-konventionellen Normen zu unterwerfen. Nur der Mensch kann sich so seiner eigenen Gattungsmäßigkeit annähern.«817 Das ist die uns bekannte Aussöhnung von individueller Tragödie und optimistischer Gattungsgeschichte, wie sie auch Mayer und Bloch vertreten hatten. Lukács ging 1970 davon aus, dass er mit der gerade wiedergegebenen Passage die grundlegende Einstellung Goe thes formuliert 816 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 123. 817 Ebd., S. 124. 352 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge habe, die dessen Persönlichkeit samt dem dazugehörigen Werk bestimmte. »Und gerade diese scheinbare Zwiespältigkeit, die sich einerseits als tief begründete Skepsis aller so genannten Originalität gegenüber äußert, die angeblich die Persönlichkeit des Menschen ausmacht, andererseits in der Einsicht, dass wir eine feste Richtschnur für die Entscheidungen unserer praktisch fruchtbar werdenden – und in diesem Sinne für wahrhaft menschliches Leben unentbehrlichen – Innerlichkeit nur in der Gattungsmächtigkeit besitzen, diese Zwiespältigkeit bestimmte die Menschenentwürfe aller bedeutenden Werke Goe thes; ihr Aufbauprinzip der Gestaltung von Welt gründet sich auf diesen Fragestellungen im Leben.«818 Der Goe the der Faust-Studien, der fünfziger und der siebziger Jahre (dazwischen wie gesehen noch die Eigenart des Ästhetischen) ist bei Lukács im Kern identisch. Wenn sich das Goe the-Bild gewandelt hat, dann dadurch, dass Lukács Goe the noch innerlicher besaß als vorher. An die gerade wiedergegebenen Bemerkungen anschließend formulierte Lukács dann die bereits erwähnte Frage: Was aber hat das mit Marx zu tun? »Nun, ich habe nie behauptet, dass Goe the ein – auch nur unbewusster Vorläufer des Marxismus war. Es ist evident, dass auch der von mir skizzierte Goethe zu den größtenteils ökonomischen und politischen Problemen, über die die Menschen im allgemeinen zu Marx kommen, keine innere Beziehung haben konnte.«819 Aber Marx sei davon ausgegangen, dass sich der Mensch zu seiner eigentlichen Ordnungsmäßigkeit entfalten könne. Mit Marx sei es möglich, Goe the als Teil, als einen Sprecher der damaligen bürgerlichen Welt zu interpretieren, und ihm gleichzeitig eine wichtige Rolle bei der Menschwerdung, der Bewusstwerdung des Menschen zuzuschreiben. Klar sei, »dass aber das ‚Reich der Freiheit‘ ebenso ein Produkt der Geschichte der Selbsttätigkeit des Menschen ist, wie wir das für das ‚Reich der Notwendigkeit‘ ununterbrochen erleben. Wenn diese Entwicklung sich nicht zum subjektiven Faktor des ‚Reichs der Freiheit‘ vertiefen und ausdehnen könnte, bliebe dieses eine abstrakte Utopie. Darum glaube ich nicht nur auf dem richtigen Weg zum Verständnis Goe thes zu sein, sondern dies 818 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 125f. 819 Ebd., S. 127. 353 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács auch auf einem von Marx aufgezeichneten Weg gesucht zu haben, indem ich in Goe the einen jener Ideologen erblicke, die eine bestimmte Etappe der menschlichen Gattungsentwicklung in ihren wesentlichen und normalen Bestimmungen erkannt und bewusst gemacht haben.«820 Auch wenn Lukács den Begriff der Ideologie im Sinn von Marx verwendet (»Nach Marx ist sie vielmehr der Inbegriff jener geistigen Mittel, mit deren Hilfe sich die Menschen der gesellschaftlichen Konflikte ihres Lebens bewusst werden und diese auszufechten in Stande gesetzt sind.«)821, so bleibt doch ein großes Bedauern. Denn Lukács’ Goe the ist kein Dichter und Schriftsteller mehr, kein Wortschöpfer, kein Gestalter von menschlichen Situationen, sondern, auch ohne ihn zum Vorläufer des Marxismus zu machen, letztlich doch »nur« ein Denker und Wissenschaftler, der den Weg zum Marxismus frei gemacht hat. Eine Reduktion, die man so nicht akzeptieren sollte. Derartige Verengungen sind für das Werk von Lukács in gewisser Weise durchaus charakteristisch. (Wir haben dies bereits hinreichend aufgezeigt.) Manchmal sind sie offen angesprochen und bilden sogar das Fundament der Untersuchung (beispielsweise in Fortschritt und Reaktion in der deutschen L iteratur und in der Zerstörung der Vernunft), an anderer Stelle sind sie implizit und doch ziemlich schwerwiegend eingeschoben (etwa im Jungen Hegel), wieder in anderer Weise scheinen sie erst das Ergebnis der Untersuchung zu sein und sind doch stillschweigend vorausgesetzt. Dieses Letztere trifft auch auf die Goe the-Beiträge zu. George Lichtheim hat sich in seiner kleinen Lukács-Monographie auch mit dessen Eigenart des Ä sthetischen auseinandersetzt  – als Höhepunkt der Entwicklung des Denkens von Lukács (Lichtheims Buch ist 1971 erschienen). Dabei sah er eine ähnliche Problemlage wie wir. Über Lukács’ Version einer marxistischen Ästhetik schrieb er: »Seine Darstellung der Ästhetik Hegels sondert systematisch das aus, was Hegels zentrales Thema ist, nämlich die unlösliche Verbindung von Kunst, Philosophie und Religion.«822 Ob dieses Dreigestirn wirklich von Hegel als unlösbar 820 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 130f. 821 Ebd., S. 128. 822 Lichtheim: Georg Lukács, S. 112. 354 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge miteinander verbunden gesehen wurde, sollte zumindest zum Gegenstand einer Diskussion gemacht werden. Aber was Lichtheim richtig sah, ist, wie stark der Junge Hegel im Denken von Lukács präsent war und nachwirkte. »Goe the und Hegel hatten jedoch, indem sie die Kunst stillschweigend in den Rang der Offenbarung empor hoben, die Theologie tangiert; beide waren sich dessen wohl bewusst. Was später bei Marx und Engels als eine ausgeprägte Missachtung Kants und Schillers hervortrat, verbunden mit einer begeisterten Bevorzugung der Dichtung Goe thes und der Philosophie Hegels, war die notwendige Folge des Faktums, dass Hegel und Goe the auf ihre jeweils sehr verschiedene Weise heimlich die damals schier unnennbare Philosophie Spinozas sich angeeignet hatten. Eine Kritik der Belesenheit Lukács’ darf davon ausgehen, dass er sich dieser Verbindungslinie bewusst war. (…) Er beraubte sich so selbst einer Gelegenheit, die marxistische Ästhetik von dem Utilitarismus zu befreien, der sich unfehlbar an sie heften muss, sobald die metaphysische Dimension beseitigt wird.«823 Der Einwand von Lichtheim zielt letztlich darauf, dass Lukács sich vor der Interpretation seinen Gegenstand passend arrangierte. Ein Vorwurf, der auch seiner Goe the-Interpretation gemacht werden müsse. Dies zeige beispielsweise das für den Marxismus peinliche Thema des Verhältnisses von Goe the und Schelling: »Der junge Goe the gehörte der Vorromantik an, der Goe the der Reifejahre stand Schelling, dem Vater der romantischen Naturphilosophie, nahe. Davon fügte sich nichts in das simplifiizierte Bild ein, das Lukács zeichnet, ein Bild, worin die Hegelsche Philosophie und die Weimarer Klassik den Gegenpol zu Irrationalismus und romantischer Bewegung bilden. Goe thes einziges philosophisches Werk, 1784-1785 geschrieben (Die Geheimnisse, AH), bezog sich nach eigener Bezeugung auf die Grundlage seiner gesamten Existenz, nämlich Gott in der Natur zu schauen und die Natur in Gott. Diese Form des spinozistischen Pantheismus war vom theologischen Standpunkt sicherlich unorthodox; genau so wenig war sie aber ‚materialistisch‘. Da Lukács ohne Goe the nicht auskommt, breitet er über den fraglichen Punkt Stillschweigen. Desgleichen hat er zu Hegels Pessimismus hinsichtlich des Schicksals der 823 Lichtheim: Georg Lukács, S. 112f. 355 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Kunst in einer mittels Philosophie und Wissenschaft durchsichtig gewordenen Welt (…) nichts zu sagen.«824 Bedeutsam ist letztlich, dass dieses Verschweigen, Selektieren, kein originärer Wesenszug des Marxismus, sondern Teil jedweder Denkart ist. (Wobei natürlich alle die Wahrheit für sich reklamieren. Und sei es dadurch, dass man sich, wie es immer heißt, bewusst in den Klassenkämpfen positioniert. Also ob man mehr von Goe the versteht, wenn man eine Interesseneinheit mit der Arbeiterklasse bildet, zum, wie es immer hieß, Proletariat übergeht. Ebenso falsch ist es aber, dies von vornherein auszuschließen.) Natürlich ist der Goe the Lukács’ ein ganz spezifischer Goethe – entstanden aus einer bestimmten biographischen Situation, geprägt durch die historischen Erfordernisse, Ergebnis intellektueller Emanzipationsprozesse. (Nicht ist er, wir wollen es uns nicht versagen, Lukács daran zu erinnern, etwa Ergebnis, Resultat der damaligen sozial-ökonomischen Verhältnisse. Mit derlei Unfug erklärt man Kultur und Philosophie nicht.) Die Frage, die ein jeder für sich selbst beantworten muss, lautet schlicht: Ist man bereit, die Sichtweise von Lukács auf Goe the trotz der Verzerrungen Ernst zu nehmen, als Teil des Marxismus zu akzeptieren oder nicht? Harich war bereit, diesen Weg mit Lukács zu gehen. In der DDR war er damit fast ein Einzelkämpfer. Erst Werner Mittenzwei gelang es in den späten siebziger Jahren etwas, Lukács aus der parteipolitischen Verdammung zu befreien. Der Band, erschienen 1975, heißt Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács – und war tatsächlich mehr Kontroverse als Dialog. Aber es ist, gerade bei Mittenzwei, das ernsthafte Bemühen um Lukács spürbar. Dieser agierte, auch das muss berücksichtigt werden, in einem damals noch immer ideologisch mehr als nur gefährlichem Grenzgebiet. So erklärte er, dass es vor allem um das literaturtheoretische Werk des ungarischen Philosophen gehe, um seine Wirkung auf die sozialistische Literatur zwischen 1931 und dem Anfang der fünfziger Jahre. »Der Philosoph und Ästhetiker« blieb ausgegrenzt. Aber es war eine Aufwertung, wenn Mittenzwei anmerkte, dass die entsprechenden Literaturdebatten unter Gleichgesinnten 824 Lichtheim: Georg Lukács, S. 113. 356 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge geführt wurden, keine »Fraktionskämpfe« waren.825 Zumindest auf dem engen Gebiet der Literaturtheorie war Lukács damit vom Vorwurf des Revisionismus in ersten Ansätzen freigesprochen. Eine erwähnens- und erinnernswerte Leistung Mittenzweis. Weiter schrieb dieser: »Dass in den Arbeiten vergangener Jahre vor allem die Polemik gegenüber seinen Fehlern, Abweichungen und eingleisigen methodologischen Vorstellungen dominierte, muss als eine notwendige Stufe in der Auseinandersetzung mit seinem Werk angesehen werden. Auch wir betrachten unsere Arbeit als eine Auseinandersetzung, aber es kommt uns vor allem darauf an, seine literaturtheoretischen Vorschläge, seine ästhetischen Kategorien, wie den ganzen Streit mit und um Georg Lukács stärker zu historisieren, und dahin zu überprüfen, inwieweit seine Vorschläge zu Gewinn oder Verlust oder auch zu Gewinn und Verlust in unserer Literaturentwicklung beigetragen haben. Eine solche differenzierte Untersuchung wird eben am besten zu bewältigen sein, wenn Lukács’ literaturtheoretisches Werk in den Zusammenhang mit den vielfältigen Vorschlägen und Alternativen gestellt wird, die von marxistischer Seite in die großen, lang dauernden Literaturdebatten eingebracht wurden.«826 Mehr Respekt vor Lukács – dies war der Titel jenes Aufsatzes, den Harich jahrelang in der DDR zu veröffentlichen versuchte und der schließlich dann doch in Österreich erschien. Einige Sachen von Lukács konnte man wieder lesen, auch das Zitieren des und die Diskussion mit dem, über den ungarischen Philosophen war nach dessen Tod wieder halbwegs möglich. Intakt blieb aber ebenfalls jenes Verdikt, das Hans Kaufmann 1959 als eifriger Helfer von Partei und Staatssicherheit (und als einer von zwei Deutschen, die bereit waren, sich an der niveaulosen Schmähung Georg Lukács und der R evisionismus zu beteiligen) formuliert hatte: »Da 825 »Wir wollen mit unserer Darstellung zeigen, dass es sich hier um produktive, gelegentlich auch erbittert geführte Literaturdebatten unter Gleichgesinnten handelt, nicht aber um so genannte ‚Fraktionskämpfe‘. Damit wenden wir uns gegen jene revisionistischen Auffassungen verschiedener Spielart, die die Darstellung der widerspruchsvollen Entwicklung und die Diskussion über unterschiedliche ästhetische Auffassungen dazu benutzen, um einen ‚Pluralismus‘ im marxistischen ästhetischen Denken nachzuweisen.« Mittenzwei: Vorbemerkungen, S. 6. 826 Ebd. 357 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Lukács’ Ästhetik einerseits die Folge, andererseits aber auch die theoretische Zementierung einer politischen, klassenmäßigen Haltung bildet, ist die Rückbeziehung darauf unvermeidlich, auch wenn uns diese Fragen nicht mehr so auf den Nägeln brennen wie 1956 und unser Interesse dieser oder jener ästhetischen Einzelfrage gilt. Versuche, Lukács’ ästhetische Theorie zu ‚retten‘, indem man sie von seiner politischen Haltung trennte, die nicht zu verteidigen war, sind gescheitert.«827 Die Eigenart des Ästhetischen erschien 1981 in der DDR (unter Verweis auf die ungarische Edition, die westdeutsche Ausgabe verschwieg man). Das Nachwort des Herausgebers Günther K. Lehmann zeigt die ganzen Ambivalenzen des damaligen Umgangs mit Lukács. Man merkt seinen Ausführungen an, dass er sich mit Lukács’ Theorien auseinandergesetzt hatte, dass er gern über sie arbeitete. Und doch, wie können es ja marxistisch formulieren, blieb er (anders als Mittenzwei) in den Erkenntnisschranken der DDR-Ideologie-Welt befangen: »Das Fehlen einer systematischen Ästhetik des Marxismus-Leninismus musste Lukács nach Lage der Dinge geradezu als eine persönliche Herausforderung empfinden. (…) Die marxistische Ästhetik wird beinahe zur Aristotelischen Entelechie, einer Idee, die auf dem Wege zu einem Ziel ist, und Lukács begreift sich als Geburtshelfer und Vollstrecker dieser ‚ihrer Idee nach‘ bereits fertigen Ästhetik. Konsequent weist Lukács jeden Anspruch auf Originalität in der Ausführung seiner, der ‚marxistischen‘ Ästhetik zurück.«828 Es folgt die zu ziehende Konsequenz: »Natürlich wäre es voreilig, deswegen die Ästhetik von Georg Lukács für eine authentische Ästhetik des Marxismus-Leninismus zu halten. Vielmehr darf Lukács bescheinigt werden, dass er eine durchaus eigenständige, sogar eigenwillige Ästhetik geschaffen hat, die ein Ausdruck seiner Weltsicht ist. Dies tut ihrem wissenschaftlichen Wert keinerlei Abbruch, auch wenn Lukács, in Hegelscher Nachfolge stehend, die persönliche Note seiner wissenschaftlichen Leistung gering schätzt. Hinzu kommt, dass Lukács längst vor seiner Begegnung mit dem Marxismus eine ‚systematische‘ Ästhetik geplant hatte.«829 827 Kaufmann: Lukács’ Konzeption eines »dritten Weges«, S.338f. 828 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 848. 829 Ebd. 358 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Dies war die zentrale Grenze, über die man in der DDR (die Ausnahme war Harich) nicht hinaus konnte, wollte, durfte: Lukács sei kein Marxist gewesen, das Haar in der Suppe müsse immer benannt werden. Wobei der Argumentation von Lehmann zumindest Originalität nicht abgesprochen werden kann: Da Lukács seine Ästhetik bereits vor seiner Berührung mit dem Marxismus schreiben wollte und innerhalb seines ästhetischen Denkens eher Entwicklung, denn Bruch zu eruieren sei, wäre die Ästhetik vor-marxistisch, un-marxistisch. »Lukács war und bleibt ein streitbarer Bundesgenossen für die zeitgenössische marxistische Ästhetik, vor allem im Kampf für den realen Humanismus und Sozialismus und gegen die politische Irreführung der künstlerischen Intelligenz sowie gegen die weltanschauliche Entleerung der Kunst. (…) Lukács weist auf die Gefährdungen der Kunst hin und auf ihre sozialistischen Chancen. Lukács war ein kritischer Kopf, und man wird ihm gerecht, wenn man seine Ästhetik kritisch liest.«830 1955 hatte sich Alexander Abusch in der Lukács-Festschrift übrigens bereits ähnlich geäußert: »Ein großer kritischer Geist wie Georg Lukács erwartet keine höflich-äußerliche Anerkennung, sondern auch von seinen Freunden Aufrichtigkeit und Diskussion. (…) So erscheinen mir in einigen Arbeiten, die im Kampfe gegen den Faschismus die notwendige schärfste Kritik an den negativen, reaktionären Zügen der deutschen Vergangenheit übten, nicht in einem genügenden Maße die nationale Verwurzelung mancher klassischen Meisterwerke und ihre positiven, fortschrittlichen Züge beachtet zu sein. Lukács scheint mir auch manchmal, zum Beispiel in seiner Darstellung Schillers, Dichter zu sehr nur philosophiegeschichtlich zu analysieren, wobei er verabsäumt, sie in ihrer Besonderheit als Künstler, deren Schöpfertum sich in der Wechselbeziehung mit den realen Kämpfen ihres Volkes entwickelt, allseitig darzustellen.«831 So entpuppt sich das letzte Lob als das was es ist, eine Bösartigkeit. Lukács ein Bundesgenosse des Marxismus, den die DDR parteioffiziell betrieb. Es ist eine bösartige Titulierung auch deshalb, da die DDR nach 1945 beispielsweise Christen oder liberale Demokraten als »Bundesgenos- 830 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 878f. 831 Abusch: Grußadresse, S. 5f. 359 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács sen« im Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen versucht hatte – trotz deren, so hieß es ja, Begrenztheiten, Verfehlungen, absurden Trugbilder, für diese eine Sache seien sie bedingt brauchbar. Weil Lukács ein kritischer Kopf gewesen sei, müsse man seine Ästhetik kritisch lesen – so ja Lehmann. Muss man auch ein Dummkopf sein, um Idiotie zu verstehen? Mephisto, um Bosheit zu beschreiben? Und dass Lukács schließlich, wie Abusch vermeinte, die nationale Tiefe der deutschen Literatur und Philosophie nicht genügend gewürdigt habe, ist vollendeter Quatsch (ein anderes Wort würde nicht so treffend dies umschreiben). Harich konnte diese ganze Lukács-Kritik nicht unkommentiert lassen. Fast schon wie ein Seismograph beobachtete und verzeichnete er jede positive und kritische Äußerung über Lukács, seinen Weggefährten vergangener Tage. In dem bereits erwähnten Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács schrieb er: »Dies muss jetzt und an dieser Stelle gesagt werden. Jetzt angesichts einer Neuerscheinung, die eine Wendung zum Besseren verspricht, die Wiederentdeckung von Lukács’ Vermächtnis im Verlagswesen unserer Republik, vor über einem Jahrzehnt vorbereitet durch eine dankenswerte Initiative Werner Mittenzweis, ist mit dem Reclamband 1120, Über die Vernunft in der K ultur, in ein neues Stadium getreten; in das der Angemessenheit. Dokumentiert wird darin Lukács’ gesamte Entwicklung, von den ganz frühen Schriften, vor dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Gesellschaftsontologie des Achtzigjährigen, mittels ausgewählter Texte, von denen nur zwei in der DDR früher bereits erschienen sind. Besprochen werden soll das Buch hier nicht. Aber hingewiesen sei auf die essayistisch angelegte, des Mannes wie der Sache inhaltlich würdige Einleitung, die der Herausgeber, Sebastian Kleinschmidt, der Auswahl vorangestellt hat. Und gerühmt sei, vor allem, der Überdruss an Mäkelei und Besserwisserei, dem es zuzuschreiben sein dürfte, dass jedwede Beanstandung von Fehlern, in den Anmerkungen, kein anderer vorträgt als Lukács selbst. Außer Zitaten, die dessen Stellungnahmen zu überwundenen eigenen Positionen wiedergeben, fällt da kein kritisches Wort. So, meine ich, gehört sich das. So sollte es weitergehen. Das darf nicht heißen, dass Kritik an Lukács künftig zu verstummen hätte. Sie gehört aber keinesfalls, als ideologische Verdauungshilfe, verabfolgt von Epigonen, die sich weiser 360 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge dünken, in seine Bücher, es sei denn, er selber hätte dies nachgewiesenermaßen legitimiert.«832 Soweit der zu verteilende Zuspruch, es folgt die Kritik: »Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgaben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen: Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind so anmaßend wie überflüssig. Selbst weiterführende Gedanken, die sie hier und da, teilweise und sehr bedingt, enthalten, hätten woanders publiziert werden sollen: in Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukács-Texten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie da den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken. Gesetzt, Lehmann verhielte sich zu Lukács wie, sagen wir, Fichte zu Kant. Hätte denn Verleger Hartknoch nach dem Ableben Kants zu einer Neuauflage der Kritik der reinen Vernunft Fichte ein Nachwort schreiben lassen? Und wäre es Fichte lieb gewesen, die Leute glauben zu machen, er schelte Kant im Auftrag Friedrich Wilhelm III. einen ‚Dreiviertelkopf‘? Das sind keine ideologischen, es sind Taktfragen. Ideologisch freilich, desgleichen historisch hapert es mitunter ebenfalls. Die Anhänger der ästhetischen Theorien Brechts, nicht zu verwechseln mit den Bewunderern seiner Gedichte und Stücke, haben die Zeit, in der Lukács ungedruckt bei uns blieb, emsig genutzt, ihren Meister als eine Alternative zu ihm aufzubauen, die marxistischen Grundsätzen gemäßer sei. Zu dem Behuf sind die beiden zu Antipoden stilisiert worden, und man redet uns ein, dies seien sie seit Anfang der dreißiger Jahre gewesen. Die Konstruktion ist windschief. Ein junger Dichter kommt für einen nicht unerheblich älteren Philosophen als Antipode schwerlich in Betracht, ein Neuling aus der Sympathisantenszene erst recht nicht für einen in Klassenschlachten gereiften Parteifunktionär.«833 Das ist jene Vermittlung von Lukács und Brecht, die auch Hans Mayer in den fünfziger Jahren versucht hatte.834 Mit dem einen Unterschied, dass Harich das Andenken an Lukács immer bewahrte und nicht der eigenen vermeintlichen Originalität zuliebe opferte. 832 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 62. 833 Ebd., S. 63. 834 Siehe: Engelberg: Bert Brecht bei Hans Mayer, S. 133-136. 361 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Im Zauberberg hat Thomas Mann Lukács ein bleibendes Denkmal gesetzt  – freilich kein schmeichelhaftes. Leo Naphta, Jesuit, Kommunist, Jude, »ein kleiner, magerer Mann« von »ätzender Hässlichkeit«. Gleichzeitig aber hat Mann betont, dass ihm Naphta in Wirklichkeit nie begegnet sei, dass zwischen dem gezeichneten Bild und der geistigen Welt von Lukács mehr als zu unterscheiden sei. »Thomas Mann hat in Naphta einen Jesuiten so dargestellt, dass er neben ihm auch etwas von Georg Lukács erfasst hat. Es spricht für die dichterische Leistung der Ironie Thomas Manns, dass ihm diese Gestalt so gelungen ist, aber in diesem Falle spricht es ebenso sehr für Georg Lukács’ künstlerisches Verstehen und seine Humanität, dass er sich durch dieses Porträt nicht beleidigt fühlte.«835 Es geht in unseren Ausführungen um Goe the – und an verschiedenen Stellen (sogar gerade eben) fiel in diesem Zusammenhang bereits der Name Thomas Mann. Daher kann dieser, verabschieden wir uns aus den mehr als nur ideologisch geprägten Debatten um Lukács, hier das Schlusswort zum ungarischen Philosophen, zu einem der bedeutendsten marxistischen Philosophen bekommen. In seiner Grußadresse zum 70.  Geburtstag von Lukács formulierte Mann  – ausgehend von seiner Lektüreerfahrung von Die Seele und die Formen: »Seitdem habe ich sein kritisches Werk mit Aufmerksamkeit, Respekt und sehr zu meinem Nutzen verfolgt. Was vor allem daran meine Sympathie erregt, ist der Sinn für Kontinuität und Tradition, von dem es geleitet ist, und dem es gro- ßenteils sein Dasein verdankt. Denn geradezu vorzugsweise geht es ihm um eine Analyse von älterem literarischem Kulturgut, in dem er belesen ist wie der konservativste Historiker und mit dem er die neue Welt seines Glaubens in Verbindung zu bringen, ihren Wissens- und Lerneifer dafür zu erwecken sucht. Dass er dabei vornehmlich die gesellschaftskritischen Elemente dieser Leistungen der bürgerlichen Kultur aufsucht und aufzeigt, ist nur recht und billig und verringert keineswegs meine Wertschätzung eines Mittlerwerkes zwischen den Sphären und Zeitaltern, das mir inspiriert scheint von einer Idee, welche heute vielerorts in beklagenswert geringen Ehren steht: Der Idee der Bildung.«836 835 Bahr: Georg Lukács, S. 6f. 836 Mann: Grußadresse, S. 141. Tägliche Rundschau 363 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Girnus, nach Mayers Abgang: »Na ja, der war schon immer etwas seltsam.« (Spiegel) Beginnen wir mit der Beschreibung von Jean Améry in dem, prägnant und programmatisch betitelten, Aufsatz Ein Lehrer der Deutschen: »Nach Kriegsende kehrte der Literat und homme des lettres Hans Mayer, Vertreter des anderen Deutschlands in der Emigrationszeit, in sein Vaterland zurück. Er war zunächst am Rundfunk in Frankfurt tätig, bis er sich dorthin wendete, wo Arnold Zweig sich schon befand und wo sich anzusiedeln Heinrich Mann nur der Tod verhindert hatte: In die DDR. Gleich seinem Freund Ernst Bloch lehrte er als Universitätsprofessor in Leipzig. Wo Bloch den Marxismus mit dem ‚Geist der Utopie‘ durchtränkte und neu formulierte, dort wandte Mayer die Methode marxistisch-dialektischen Denkens bei der Fassung von Kenntnis und Erkenntnis der Literatur an. Bis 1963 wirkte er in Leipzig, wo sein Lehrstuhl, nicht anders als der Ernst Blochs, ein Refugium der Geistesfreiheit war. Dann ging er, wiederum gleich Bloch, ohne seine Überzeugung preiszugeben, ohne das gute Geschäfte des ‚Freiheitswählers‘ machen zu wollen, in die Bundesrepublik. Geraume Weile schlug er sich dort als freier Publizist durch, bis er dann 1965 an der Hochschule von Hannover – an der gleichen, an der einst Theodor Lessing Philosophie gelesen hatte – einen Hafen und ein Forum 364 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge fand. Heute ist er der unzweifelbar angesehenste und einflussreichste literarische Universitätslehrer Deutschlands.«837 Zumindest in einer Hinsicht ist Hans Mayer ein Kuriosum. Über Georg Lukács und Ernst Bloch gibt es eine breite Forschungsliteratur, die sich entweder mit den jeweiligen Frühwerken oder den Schriften des Alters beschäftigt. Bei der Lektüre so manches Aufsatzes oder Buches könnte man durchaus überrascht sein, dass Bloch einige Jahre in Leipzig lebte oder Lukács Vorträge in der DDR hielt, dort agierte und eine immense Wirkung entfaltete. Eine seltsame, vorurteilsgeladene Forschungsatmosphäre, die, gespeist aus unterschiedlichen ideologischen Motiven (manchmal auch einfach nur aus promovierender Unbelesenheit oder Borniertheit), Bloch und Lukács mit Walter Benjamin vergleicht, stets und ständig nur Ontologie und Utopie ruft – und dabei immer konsequent die Jahre von 1946 bis 1956 ausklammert. Bei Mayer nun ist es gerade anders herum. Hier sind verschiedene Publikationen über seine Leipziger Zeit zu finden, dagegen fast gar nichts über die Jahre in Hannover.838 Wer beide Städte samt ihres intellektuellen Überbaus und Fundaments kennt (auch in unserer jetzigen Gegenwart), hat dafür sicherlich Verständnis, aber der Fakt zumindest ist zu konstatieren. Warum kann man sich den Leipziger Jahren Hans Mayers nähern, während die Zeit Blochs im gleichen Hörsaal 40 wenn überhaupt, dann nur aus linken Kreisen mit DDR-Sozialisation thematisiert wird. (Verteidigungs-, Beiß- und Besserwisserreflexe inklusive  – die jedwede Debatte mit und über Bloch als vermeintlichen Angriff auf irgendwelche 837 Améry: Ein Lehrer der Deutschen, S. 142. 838 Die entsprechenden Publikationen werden im Folgenden erwähnt, weitere Informationen bietet das Literaturverzeichnis. Verdienstvoll und für die Forschung unverzichtbar, sind zur Leipziger Zeit die beiden Editionen von Mark Lehmstedt: Hans Mayer. Briefe, 1948-1963 und Der Fall Hans Mayer. Dokumente, 1956-1963. Eine beeindruckende Informationsquelle ist zudem der Beitrag von Günter Albus: Hans Mayer in Leipzig, 1948-1963, S. 171-190. Albus verzeichnet alle Lehrveranstaltungen, universitären Aktivitäten und Publikationen von Mayer in Leipzig. Absurde Ansichten zu Mayers Hannover-Zeit liefert der Aufsatz von Manfred Lauermann: Die Gegenuniversität – bin ich selbst!, S. 149-162. Ebenfalls in weiten Teilen unbrauchbar oder ungenießbar sind die Akten des Mayer-Symposiums vom 5. und 6. Juni 2008, abgedruckt in: Treibhaus, S. 195-363. 365 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer selbstverschuldeten biographischen Verwerfungen stigmatisieren.839) Ein Grund, vielleicht sogar der wichtigste, ist darin zu sehen, dass die Auseinandersetzung der DDR mit Mayer, seinen Studenten, Schülern und Freunden, anders von statten ging als in den Fällen Lukács, Bloch, Harich, Loest, um nur einige zu nennen. Am Ende des Jahres 1956 mussten die Assistenten Blochs die Deutsche Demokratische Republik fluchtartig verlassen, sahen sich, so sie blieben, Schikanen ausgesetzt, Haftstrafen, kamen zur »Bewährung in die Produktion«.840 1996 erschien ein merkwürdiger Band: Literaturhistorische Streifzüge. Für Hans Mayer von Schülern der Leipziger Zeit.841 Ein Blick in das Personenregister zeigt uns zwölf Autoren mit zwölf Professorentiteln, Schüler Mayers, die von diesem das Streben gelernt hätten, »Literatur nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Geschichte und Kulturgeschichte zu sehen«.842 Doch Partei und Staatssicherheit hatten darauf offensichtlich einen anderen Blick. Denn die Assistenten Mayers schienen ihnen nicht, wie die Assistenten Blochs, subversive Renegaten und Revisionisten zu sein, vielmehr öffneten sich Türen für Karrieren. Rückblickend war es also möglich, in der DDR in den Geisteswissenschaften Karriere zu machen und gleichzeitig mindestens »genau so oppositionell zu sein« wie Hans Mayer – eine interessante Konstellation, die die eine oder andere Biographie sicherlich beflügelte. Das falsche Licht erwärmt die sprichwörtliche Leiche im Keller. Es geht nicht darum, irgendwem zu nahe zu treten. Jeder musste sich arrangieren, klarkommen, abwägen zwischen Parteilichkeit und eigenem Denken. Aber SED und Stasi taten dies zwischen 1956 und 1963 sowie in den folgenden Jahren ebenfalls und sahen keine Opposition. Alfred Klein, Aspirant und Assistent bei Mayer in Leipzig (von 1956 bis 1959), später dann Leiter des Instituts für Literaturgeschichte an der Berliner Akademie der Künste (also Teil der wissenschaftlich-ideologischen Führungsschicht 839 Welche Blüten das treiben kann – ist nachzulesen in dem unwissenschaftlichen und peinlich anmutenden Beitrag von Volker Caysa: Wunde Bloch, S. 49-58. 840 Trotz aller Schwächen, der penetranten Eitelkeiten etc. siehe: Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte. 841 Klein/Pezold/Schubert: Literaturhistorische Streifzüge. 842 Klein/Pezold/Schubert: Vorwort, S. 8. 366 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge der DDR)843, hat sein Buch über Mayers Leipziger Zeit überschrieben: Unästhetische Feldzüge. Der siebenjährige Krieg gegen Hans Mayer. Der Titel klingt nach Blut, Schlachten und Tränen, Verzweiflung, Plünderung, Mord und Totschlag – eben nach Feldzug und Krieg. Damit zielt er völlig an der Sache vorbei. (Erinnert sei nur daran, dass Harich 1957 zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde, Jürgen Teller, Blochs Assistent, in der Produktion seinen linken Arm verlor u. dgl. trauriges Schicksal mehr.) Mayers Stellung zur DDR ist ähnlich ambivalent wie etwa die Blochs. Er war ein überaus treuer und verlässlicher Erfüllungsgehilfe der Partei, beteiligte sich an so manchem, was ihm Jahre später sicherlich peinlich war. (So wurden ja gerade die meisten seiner Goe the-Aufsätze, ebenso wie weitere seiner ideologischen Zuträgertexte zur DDR, im Westen tunlichst verschwiegen und bis auf eine Ausnahme nicht erneut gedruckt, obwohl Mayer ansonsten jedes Produkt aus seiner Feder in diversen Büchern publizierte.) Er machte vor allem auch einiges, was nicht der Absicherung der eigenen Stellung diente, nicht notwendig war  – also ein freiwilliges ideologisches »Mehr« darstellt. Ab 1956 war er dann einer extremen Zermürbungs-, Ermüdungskampagne ausgesetzt: Permanente Kritik, ständige Attacken, Bloßstellungen, Demütigungen, keine Möglichkeit zur öffentlichen Rechtfertigung usw. (Bei gleichzeitiger partieller Unterstützung durch andere Teile der Partei – so paradox dies anmuten mag.) Mehrere Jahre hielt er noch durch, sogar zwei länger als Bloch, aber irgendwann war die Situation für ihn unerträglich geworden, er verließ die DDR. Joachim Pötschke hat dies (in einem Bericht über seine Promotion bei Mayer) treffend umschrieben: »Ein weiteres Jahr später hatte 843 Wie derartige DDR-Biographien nach außen transportiert werden können ist nachzuvollziehen anhand des Textes: Hörz/Wöltge: Gespräch über die AdW, 1989/1992, S. 166-191. Herbert Hörz geht dort an jedweder Kritik vorbei, seine Argumentationsstrategie des »Schön-Redens« gipfelt letztlich in dem: Wir waren doch nur Wissenschaftler. Dies ist charakteristisch für so manche DDR-Protagonisten der mitleren Führungsschichten – die nach 1989 ganz schnell vergaßen, dass sie in den Jahren zuvor immer nach oben geschielt hatten. 367 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Hans Mayer die DDR verlassen, oder besser: verlassen müssen, wenn er sich treu bleiben wollte.«844 Es ging einfach nicht mehr, das im Volksmund oft bemühte Fass war übergelaufen, die permanenten Debatten und Angriffe hatten Hans Mayer, wie schon geschrieben, aufgerieben. Es liest sich fast schon wie blanker Zynismus, wenn Klaus Gysi am 27. Februar 1963 in bester Stalinscher Manier an Mayer über eines von dessen Büchern schrieb (der Brief wird gleich ausführlicher betrachtet): »Ich brauche Dir nichts darüber zu sagen, dass wir die in dem Manuskript zusammengestellten Arbeiten für sehr interessant und wesentlich halten und ihre Publikation sehr begrü- ßen. Selbstverständlich ist vieles dabei sehr diskutabel, aber eine so ausgelöste Diskussion ist ja etwas völlig Normales und Positives.«845 Ja, diese »freiwilligen« Diskussionen des Volkes über Kunst und Wissenschaften – wie sehr haben sie den Sozialismus geprägt (und zwar nicht in Richtung des »Guten«). In der Sowjetunion verfasst Jewgeni Samjatin im Juni 1931 einen Brief an Stalin, der eines der wichtigsten Dokumente über das Verhältnis des Künstlers zur bürokratischen Staatsmaschinerie sowjetischen Typs ist. Er reagierte damit auf die gegen ihn laufende Kampagne des Parteiapparats und der Behörden. Einige Jahre vor dem Einsetzen der bekannten Moskauer Scheinprozesse und dem Beginn der Gulagisierung zahlreicher ehemaliger Revolutionäre und Kommunisten machte er sein eigenes Schicksal als paradigmatischen Fall öffentlich: »Mein Name ist ihnen sicherlich bekannt. Für mich als Schriftsteller kommt der Entzug jeder Möglichkeit zu schreiben einem Todesurteil gleich, und die Umstände haben sich so zugespitzt, dass ich meine Arbeit nicht fortsetzen kann, denn in einer Atmosphäre systematischer, sich von Jahr zu Jahr verstärkender Verfolgung ist jegliche Art schöpferischer Tätigkeit undenkbar.«846 Und weiter heißt es: »Im sowjetischen Strafgesetzbuch ist die der Todesstrafe folgende nächstgeringere Strafe die Ausweisung des Verbrechers aus dem Land. Wenn ich tatsächlich ein Verbrecher bin und Strafe verdiene, dann, so 844 Pötschke: Begegnungen mit Hans Mayer, S. 120. 845 Gysi: Brief an Hans Mayer vom 27. Februar 1963, S. 164. 846 Samjatin: Brief an Stalin, S. 147. 368 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge glaube ich, wohl doch nicht eine so schwere wie den literarischen Tod, und deshalb bitte ich, das Todesurteil in Ausweisung aus der UdSSR umzuwandeln – und meiner Frau zu gestatten, mich zu begleiten. Wenn ich hingegen kein Verbrecher bin, so bitte ich darum, mich und meine Frau zeitweilig, sei es nur für ein Jahr, ins Ausland reisen zu lassen – um wieder zurückkehren zu können, sobald es bei uns möglich ist, in der Literatur den großen Ideen zu dienen, ohne vor kleinen Leuten liebdienen zu müssen, und sobald sich bei uns, und sei es nur ansatzweise, die Auffassung von der Rolle des Wortkünstlers ändert. Diese Zeit, davon bin ich überzeugt, ist nahe, denn unmittelbar nach der Schaffung der materiellen Basis erhebt sich unausweichlich die Frage nach der Schaffung des Überbaus – nämlich einer Kunst und Literatur, die der Revolution wirklich würdig ist.«847 Wichtige, tief greifende Worte, die permanent zu erinnern sind. Doch zurück nach Leipzig, in die sechziger Jahre. Es schien fast so, als ob sich Mayers Situation in der DDR nach den Querelen vom Ende der fünfziger Jahre wieder etwas beruhigt hatte. Mayer hatte sogar die Möglichkeit, die Festrede zum 150. Todestag von Heinrich von Kleist zu halten. »Hans Bentzien, der neue Kulturminister nach der Beförderung Alexander Abuschs zum stellvertretenden Ministerpräsidenten, wollte mit der Einladung offenbar etwas gutmachen und lieber in die Fußstapfen Johannes R. Bechers als in die seines unmittelbaren Vorgängers treten.«848 Mayer überarbeitete und ergänzte seine Rede zu einem Buch. Er schilderte das Ganze wie folgt: »Meine Studie erschien bei Neske im Jahre 1962, also wieder im Westen. Übrigens nicht, weil meine Frankfurter Rede offiziell missfallen hätte. Das tat sie nicht. Ich hatte gut gesprochen, so wurde mir von allen Offiziellen bescheinigt. Doch gehörten sie zur zweiten Garnitur. Die eigentliche Macht blieb fern. Das war ein Fest der zweiten Garnitur. Immerhin wurde ich auch im Neuen Deutschland gelobt, es gab sogar ein paar Sätzchen aus dem Vortragstext.«849 Doch Mayer blieb skeptisch und dies zu Recht. So kam es beispielsweise zu Querelen bei der geplanten Veröffentlichung des Buches Über 847 Samjatin: Brief an Stalin, S. 151. 848 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 115. 849 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 244. 369 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer deutsche Klassik und R omantik. Studien und Versuche. Das Manuskript hatte Mayer Mitte 1962 an den Aufbau-Verlag geschickt. Am 27. Februar 1963 schrieb Klaus Gysi und »erbat« verschiedene Änderungen in den einzelnen Texten, die hier kurz zu rekapitulieren sind, da ihr Inhalt durchaus unser Thema betrifft. Gysi hatte mehrere Probleme ausgemacht, die seine ideologische Dummheit ebenso zeigen wie die der ganzen Partei. Zunächst Ernst Bloch, den Mayer dreimal zitiert hatte: »Es handelt sich dabei um Erwähnungen, die von der Sache und der Darstellung her nicht so wesentlich sind, dass sie sich nicht ohne die leiseste Einbuße für das Manuskript einfach streichen ließen.«850 Der Grund: »Ich denke, dass es unnötig ist, einen Mann in dieser Weise ohne Notwendigkeit von der Sache her zu erwähnen und damit erneut zu popularisieren, der unserer Republik in solcher Weise in den Rücken gefallen ist und das auch weiterhin tut, wie es Dir und uns bekannt ist.«851 Doch nicht nur Bloch, zu allem Unglück taucht auch noch Lukács im Buch auf. Gysi gestand Mayer zwar zu, dass er diesen vor allem kritisch behandle: »Aber bei der politisch schädlichen Rolle, die Lukács durch seinen Einfluss bei uns vor einigen Jahren gespielt hat, müsste man doch noch einmal gemeinsam prüfen, ob die – ich wiederhole: von der Sache her sehr kritische – Erwähnung und Beschäftigung mit Lukács hier wirklich notwendig und richtig ist.«852 Ein weiterer Punkt war die versuchte Neufassung der Romantik durch Mayer, wobei ihm Gysi attestierte, dass die Darstellung der Äußerungen von Marx und Engels zur Romantik zu eng und begrenzt sei. Hinzu trete, »dass man unserer Meinung nach nicht Lukács gewissermaßen in einem Atemzug mit Marx, Engels und Mehring als adäquate Größe der marxistischen Literaturwissenschaft auffassen und einstufen kann«.853 Und zu guter Letzt hatte Mayer dann auch noch die verheerende Rolle der Shdanow-Rede von 1946 angesprochen. Besonders der Lukács-Stachel saß tief im Fleisch der SED. Peter Goldammer, schon zu Zeiten Harichs und Jankas im Aufbau-Verlag im Themenbereich Philosophie und Erbe aktiv, wiederholte am 11. Juli 1963 den 850 Gysi: Brief an Hans Mayer vom 27. Februar 1963, S. 164. 851 Ebd. 852 Ebd. 853 Ebd., S. 165. 370 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge für die Partei wichtigsten Punkt: »Unsere Bedenken reduzieren sich auf eine Partie im Aufsatz Fragen der R omantikforschung, nämlich auf jene Stelle, wo Sie die Auffassungen Georg Lukács’ unmittelbar im Anschluss an die Romantik-Anschauungen von Marx, Engels und Mehring abhandeln. Dabei geht es uns gar nicht so sehr um die Frage, ob Lukács tatsächlich an ästhetische Urteile der Klassiker des Marxismus anknüpft, sondern vielmehr um dem politischen Aspekt der Sache. Wir glauben es nicht verantworten zu können, Lukács – und sei es auch nur unter diesem partiellen Aspekt – als einen genuinen Nachfahren Marx’ und Engels’ erscheinen zu lassen.«854 Natürlich wisse man, dass das »ideologische Kontinuum Marx-Lukács« von Mayer nicht beabsichtigt sei, aber die Leser könnten es daraus ableiten. So blieben nur zwei Alternativen. Entweder der Aufsatz zu Romantikforschung werde vollständig aus dem Buch entfernt, was eine »schmerzhafte Amputation« darstellen würde, oder Mayer könne sich entschließen, die Stelle zu eliminieren (was offensichtlich dann keine »schmerzhafte Amputation« wäre, da ja von der SED gewünscht).855 Es gibt ja durchaus Momente, wo man sich fragt, was man selber auf derlei ideologischen Unfug geantwortet hätte. Mayers Position war klar: »Natürlich gehört Lukács in die Geschichte der marxistischen Literaturwissenschaft. In welche denn sonst?«856 Das ebenso banale wie bezeichnende Ende dieser leidigen Angelegenheit bestand dann darin, dass das Buch ungekürzt im Westen erschien. (Mayer hatte diese Möglichkeit, fast allen anderen war diese Tür jedoch versperrt – ein Fakt, der nicht vergessen oder unterschlagen werden darf.) Alfred Klein hat die Lage von Mayer wie folgt charakterisiert: »Nach den scharfen Attacken von 1957/1958 musste sich Hans Mayer ernsthaft fragen, ob er in der DDR überhaupt noch gebraucht wurde. Sowohl seine Gabe zur Verwandlung literarischen Erbes in Gegenwartsbesitz als auch seine Fähigkeit zur Verwandlung moderner literarischer Phänomene und Probleme in historisch verfremdete Diskussionsgegenstände waren, wenn nicht verworfen, so doch schonungslos abgewertet worden. Die Kluft zwi- 854 Goldammer: Brief an Hans Mayer vom 11. Juli 1963, S. 166. 855 Ebd., S. 166f. 856 Mayer: Brief an Peter Goldammer vom 15. Juli 1963, S. 167f. 371 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer schen öffentlicher Diskriminierung und innerem Selbstwertgefühl hatte sich zum Dauerzustand entwickelt.«857 Hinzuzusetzen ist dieser Diagnose, um ein wirklich vollständiges Bild zu entwerfen, dass Mayer auch in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren noch zu den Privilegierten des DDR-Systems gehörte. »Sein Sonderstatus blieb ihm erhalten – und er nutzte ihn.«858 Wie die gerade kurz erwähnte Publikationsgeschichte des Streitobjekts Über deutsche Klassik und R omantik belegt. (Ein Stück weit war es bei Mayer so wie dann einige Jahre später bei Robert Haveman. Staat und Theoretiker wussten, allen Querelen zum Trotz, was sie aneinander hatten, Privilegien inklusive. Und beide wollten den Bruch nicht unumkehrbar machen.) Auch Mayer hatte schlichtweg einiges zu verlieren. Er unternahm viele Dienstreisen, auch ins westliche Ausland (Hans Altenhein gibt darüber einen kleinen Überblick),859 verfügte über Devisen, arbeitete mit Westverlagen zusammen (teilweise notgedrungen, teilweise freiwillig), konnte innerhalb fest gezogener Grenzen noch planen und organisieren. So beispielsweise die Konferenz zu Fragen der Romantikforschung, die er vom 2. bis 4. Juli 1962 veranstaltete.860 Das ist insofern bemerkenswert, da die Romantik ja ein ideologisches vermintes Gebiet war.861 Bernd Leistner konstatierte: »Namentlich ging es ihm – und dies im Zusammenspiel mit Werner Krauss – um eine differenzierende Bewertung der deutschen Romantik, die seinerzeit in der DDR noch immer als schlechthin ‚reaktionär‘ galt. Dafür, dass er zu diesem Zeitpunkt schon ernstlich mit dem Gedanken gespielt haben könnte, die DDR zu verlassen, sprach die Tagung keineswegs.«862 Mayer habe sich damit, so Leistner, wieder bewusst »ins Koordinatensystem der DDR-Literaturwissenschaft« begeben.863 Ernst Bloch wollte, blicken wir kurz zurück 857 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 114f. 858 Leistner: Hans Mayer als Literaturprofessor in Leipzig, S. 218. 859 Altenhein: Hans Mayer als Grenzgänger, S. 221-224. 860 Löffler: Die Romantik-Konferenz 1962, S.75-76. 861 Auf die entsprechenden Passagen in der Monographie von Norbert Kapferer wurde bereits verwiesen, ein guter Einstieg in die Thematik, da die größeren Kontexte nie vergessen, vernachlässigt werden. 862 Leistner: Hans Mayer als Literaturprofessor in Leipzig, S. 218. 863 Ebd. 372 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und in die Tiefen des DDR-Ideologiebetriebes, am 21. und 22. Mai 1954 eine große Konferenz über Kant durchführen, die Planungen waren weit fortgeschritten. Doch das Staatssekretariat für Hochschulwesen verbot die Tagung am 10. Mai.864 Die Verbindung von Bloch und Kant schien der SED offensichtlich zu riskant zu sein. Ein Jahr später erhielt der Philosoph den Nationalpreis. Und während Hans Mayer in Leipzig versuchte (und versuchen durfte!), dass Romantik-Bild des Marxismus neu zu bestimmen, untersagte man ihm eine Reise nach Budapest: Es stand die »Gefahr« im Raum, dass Mayer mit Lukács zusammentreffen könne.865 1957 wurden Harich, Walter Janka, mehrere Mitarbeiter des Aufbau-Verlags und Redakteure des Sonntag zu Zuchthausstrafen verurteilt – in den schlimmsten Schauprozessen der DDR. In Leipzig wurde unter anderem Erich Loest verhaftet, das Kesseltreiben gegen Ernst Bloch und »dessen Kreis« hatte begonnen. (So vieles weitere ließe sich ergänzen, das Thema kam ja in unseren Ausführungen bereits mehrfach zur Sprache.) Und Mayer? »1957 nahm Hans Mayer mit einer westdeutschen Reisegesellschaft (und vorübergehend auch mit westdeutschem Pass) an einer Kreuzfahrt zu den klassischen Stätten des Mittelmeerraums teil. Die Regierung der DDR hatte diesmal – zum 50. Geburtstag – für den Geldumtausch gesorgt.«866 Zugegeben, diese Kontrastierung hat einen bösartigen Unterton, dient aber vor allem der Warnung, genau zu differenzieren. Die DDR bestrafte nicht nur in diesen Schicksalsjahren, sie belohnte auch. Zumindest wissen wir heute, wen sie für oppositionell, revisionistisch, konterrevolutionär hielt und wen nicht. Im Sonntag war ja 864 Siehe: Feige: Willkommen und Abschied, S. 173. Aufgearbeitet im Kontext bei: Heyer: Kants Philosophie in den ersten J ahren der DDR , S. 359-418. Außerdem zum Kontext: Thom: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, S. 86-120. 865 Leistner: Hans Mayer als L iteraturprofessor in Leipzig, S. 218. Mayer schrieb an Peter Huchel: »Übrigens: Heute hätte ich eigentlich nach Budapest fliegen sollen. Ungarische Akademie, Universität, PEN-Club, Zeitschrift für Weltliteratur. Großer Bahnhof allerseits vorbereitet. Ausreiseverbot durch das Staatssekretariat. Kurt Hager telegrafiert, er könne nicht eingreifen. Begründung: Ich dürfe nicht mit Lukács zusammentreffen.« Mayer: Brief an Peter Huchel vom 13. April 1962, S. 545. 866 Altenhein: Hans Mayer als Grenzgänger, S. 222f. 373 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer das »Dokument« der »Mayer-Opposition« erschienen: Der ursprüngliche Radiobeitrag Zur Gegenwartslage unserer Literatur, jener über Gebühr aufgebauschte Text, der durchaus zeigt, dass Mayer gewisse Entwicklungen der DDR kritisch sah, aber gleichzeitig auch bereit war, bei der Besserung „von oben“ mitzuhelfen. Jenes Schriftstück, das die SED heftig kritisierte, das man aber vor der Kritik lesen durfte (ein wichtiger Hinweis!). Natürlich war das alles für Mayer nicht schön, eben zermürbend, demütigend, aber doch nicht zu verwechseln mit den Gitterstäben vor den Zellen in Bautzen. Mayer hatte aus den Kontroversen von 1956/1957 auch gelernt. Er war bereit, sich gegenüber der Regierung noch opportunistischer zu verhalten als bereits praktiziert, auf öffentliche Kritik zu verzichten. Die Spiegel-Anekdote von 1963 haben wir bereits wiedergegeben – inklusive der vom Nachrichtenmagazin festgestellten »Funktionärs-Flucht« als letztem Ausweg.867 Ein anderer Prüfstein war sicherlich der Mauerbau. »Beim Bau der Berliner Mauer im August 1961 befand sich Hans Mayer gerade in England. Auch Ernst Bloch war im Westen. Man traf sich am Chiemsee und beriet, wie es weitergehen solle.«868 Es ist bekannt, dass sich Bloch dafür entschied, im Westen zu bleiben – nachdem es gelungen war, seine noch in Leipzig befindlichen Manuskripte in Sicherheit zu bringen. Mayer hingegen kehrte in die DDR zurück: »Was ich am 13. August auf dem Bildschirm sah, oben in Yorkshire und weit weg vom Geschehenen, das traf. Nun ist es so weit. Sie haben es riskiert. Da war trotzdem in mir keine Regung, die man gleichfalls wiedergeben dürfte mit den Worten: Nun ist es so weit! Im Gegenteil. Jener Widerruf, den ich als Autor, der im Westen publizierte, als Leipziger Professor und als Nationalpreisträger der Deutschen Demokratischen Republik, schon seit einiger Zeit bezogen hatte, war in diesem Augenblick undenkbar. Es gab nur den Gedanken: Ich will nach Hause. Das war Leipzig.«869 Zudem hat Mayer auch die Differenz zwischen ihm und Bloch benannt: »Für Ernst Bloch sah es anders aus. Er fand sich in seinem Leipziger Haus seit nunmehr fünf Jahren, seit Ungarn 867 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 25. 868 Kesting: Hans Mayer und der Rundfunk, S. 257. 869 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 241. 374 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und den Prozessen gegen Harich und Walter Janka, wieder zurückgeworfen, freilich in durchaus anderer und inzwischen weltbekannter Weise, auf die Exilrolle in Cambridge, Massachusetts: Ein Gelehrter, der ein Buch nach dem anderen entwirft und schreibt, ohne dass man es dort, wo er lebt, von ihm verlangt oder gar erwartet. Öffentlich reden durfte er nicht mehr. Der dritte und letzte Band des Prinzip Hoffnung allerdings konnte noch im Jahre 1959 erscheinen, im Aufbau-Verlag. Ulbricht hielt sich formal an sein Versprechen, wusste er doch, dass die Hoffnung in seinem Machtbereich ein Buch bleiben müsse ohne Leser. Ernst Bloch muss sehr gelitten haben unter diesem Lehren ohne Schüler.«870 Der 2. Juli 1963 war für Mayer ein besonderes Datum: Er hielt in Leipzig seine letzte Vorlesung – was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, auch nicht der Berichterstatter an die Parteileitung der Germanisten, Anglisten und Romanisten der Universität, dem wir trotz perfiden Auftrags Information über diese Stunden verdanken. Mayer erhielt einen Blumenstrauß überreicht, das war der Dank für seine fünfzehnjährige Tätigkeit an der Universität, und redete – natürlich, wie könnte es anders sein – über Goe the. Der Berichterstatter notierte: »In der Vorlesung selbst sprach Professor Mayer über Goe thes Tasso. Er stützte sich dabei zunächst auf das Referat von Girnus in Weimar. Den Konflikt Tassos mit der Gesellschaft hob er dann allerdings aus der konkreten historischen Situation heraus. In der sozialistischen Gesellschaft sei zwar das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft nichtantagonistischer Natur; es könne sich aber zwischen den Interessen des einzelnen Künstlers und den Interessen der Gesellschaft an einer gesellschaftlichen Wirkung der Literatur ein antagonistischer Widerspruch ergeben.«871 Goe the war für Mayer also aktueller denn je. Ein trauriges Zeugnis stellte er der sozialistischen Gesellschaft aus, die Goe the so gern in ihrer Mitte sehen wollte und noch nicht einmal Hans Mayer, Ernst Bloch in Leipzig, Wolfgang Harich in Berlin, Georg Lukács als Besucher auszuhalten vermochte. »Am Beginn des Herbstsemesters 1963 mussten die einen wie die anderen zur Kenntnis nehmen, dass es mit Hans Mayer keine Vorlesun- 870 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 241f. 871 Zit. bei: Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 110. 375 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer gen und Seminare mehr geben würde. Der Literaturprofessor hatte dem siebenjährigen Krieg gegen ihn ein Ende gemacht. Er verweigerte die Rückkehr in eine Umgebung, in der er seit 1956/1957 fast pausenlos mit massiven Angriffen und zermürbendem Kleinkrieg zu kämpfen gehabt hatte. Ende Juli war er, nur mit dem Nötigsten und Wichtigsten im Gepäck, von Leipzig über Hof nach Erlangen gefahren, um dort an den alljährlich stattfindenden Internationalen Festspielen der Studententheater teilzunehmen und zum Thema ‚Brecht und Dürrenmatt oder die Zurücknahme‘ zu sprechen. Anders als sonst hatte er die Reise mit dem Vorsatz angetreten, im Westen zu bleiben.«872 Von Hamburg aus, Mayer war zu Gast im Rowohlt-Verlag, schrieb er einen Brief an das Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, an den Staatssekretär Heinz Herder, datiert auf den 17. August 1963: »Sehr geehrter Herr Staatssekretär, vermutlich werden Sie nicht sehr überrascht sein, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich mich nicht entschließen kann, am 18. August nach Leipzig zurückzukehren. Die Ereignisse des letzten Semesters haben mir bewiesen, dass nahezu alle Voraussetzungen weggefallen sind, die mich vor 15 Jahren veranlasst hatten, von Frankfurt am Main aus dem Ruf der Leipziger Universität Folge zu leisten.«873 Dies ist der eher allgemeine Anlass, Mayer bedauerte den Wegfall der fruchtbaren Euphorie des Neubeginns der ersten Jahre. Jene so kurze Dekade, in der beispielsweise anlässlich des Goe the-Jubiläums über das literarische und philosophische Erbe nachgedacht wurde – im Namen des Humanismus, des Fortschritts, des Friedens, der Menschheit. Weiter heißt es dann, einen ganz konkreten aktuellen Fall ansprechend, eben jenen letzten Tropfen im schon prall gefüllten Fass: »Man hat durch die Universitäts- und Parteileitung in Leipzig gegen mich und mein Buch Ansichten. Zur Literatur der Zeit eine böswillige und bösgläubige Kampagne geführt, die überhaupt nichts mit einer wissenschaftlichen Kritik zu tun hatte, sondern ausschließlich darauf abzielte, meine pädagogische und wissenschaftliche Einwirkung auf die Studenten unmöglich zu machen. (…) Wenn nun wirklich meine Lehrmeinung als überzählig 872 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 110f. 873 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 270. 376 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und überfällig betrachtet wird, ist nicht mehr einzusehen, wie ich noch weiter amtieren sollte.«874 Unter dem Titel Eine Lehrmeinung zuviel hatte ein Student Mayers Lehre und Forschung im Auftrag der Partei als überzählig disqualifiziert, die Versuche Mayers, vom Rektorat Unterstützung zu erhalten, führten dazu, dass sich die Parteileitung des Instituts ausdrücklich hinter den Artikel des Studenten stellte. Das war der letzte Akt der Tragödie: Die Dogmatiker und Sektierer der SED gegen Hans Mayer. Elmar Faber sprach von den »Absurditäten« des gesamten Prozesses, ein zutreffendes Wort.875 Der Brief an den Staatssekretär sorgte für ein Novum. Da Mayer seinen Entschluss vor der westdeutschen Presse nicht öffentlich gemacht hatte, also tatsächlich nur dieser Brief existierte, kam es in der DDR zu Diskussionen, das Verhalten der Leipziger Parteileitung wurde kritisch hinterfragt. Der Staatssekretär Wilhelm Girnus, Vorgänger von Herder sowie Doktorand über Goe the bei Mayer, fuhr nach Hamburg, um diesen zur Rückkehr zu überreden. »Der Besucher blieb unerkannt. Es war Nacht, und der Portier vom Dienst im Verlagshaus Rowohlt in Reinbek bei Hamburg musste bedauern: ‚Herrn Mayer kenne ich nicht.‘ Freundlich erkundigte sich der Türhüter, ob der Herr nicht am Morgen wiederkommen wolle. ‚Morgen muss ich wieder in Ostberlin sein‘, erklärte der Unerkannte und verschwand in der Dunkelheit.«876 So beschrieb es der Spiegel. Das Unterfangen scheiterte, da Mayer nicht mehr in Hamburg war. Girnus hinterließ beim Pförtner des Verlages einen langen Brief und fuhr zurück nach Ostberlin. Mayer hat die Angelegenheit rückblickend wie folgt geschildert: »Man beschloss offenbar (…), mich zurückzuholen. Wer hätte sich besser dazu geeignet als Wilhelm Girnus: Zuverlässiger Genosse und einstiges Mitglied der Regierung, dazu mein Freund. Der sollte nach Hamburg fahren und klarmachen, dass alle Leipziger Intrigen und Polemiken amtlich missbilligt worden seien. (…) Über seine grenzenlose Verfügbarkeit staunte ich seit unserer ersten Begegnung. Wie dieser 874 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 270. 875 Faber: Hans Mayer und der Aufbau-Verlag, S. 57. 876 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 24. 377 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer schärfste Ideologe der Staatlichen Kunstkommission877 vor dem 17. Juni, der so viel als Hexenwerk und westlichen Abschaum zu bannen suchte: den toten Barlach und eine Oper der in Ostberlin lebenden Brecht und Paul Dessau, munter sich nach dem 17. Juni unter die wortgewaltigen Liberalisierer gemischt hatte. Opportunismus ohne Grenzen, doch aus politischer Überzeugung. Die freilich kann wechseln.«878 Der Spiegel hat in in dem gerade erwähnten Artikel über den Girnus-Besuch in Hamburg berichtet. Ein Zitat kann ergänzend verdeutlichen, wie auch der Spiegel die Ambivalenzen von Mayers Biographie betonte: »Nach dem betagten Philosophen Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung), der 1961 im Westen blieb, und dem engagierten Literaten Alfred Kantorowicz (Deutsches Tagebuch), der sich 1959 in die Bundesrepublik absetzte, hat die DDR mit Mayer ihre letzte geisteswissenschaftliche Attraktion verloren. Diesen Verlust müssen Ulbrichts Kulturfunktionäre 877 Harich hatte in dem Artikel Es geht um den Realismus, der 1953 in direkter Absprache mit Bertolt Brecht als Reaktion auf den Arbeiteraufstand erschienen war, Girnus hart attackiert und kritisiert. Dort war (mit dem direkten Ziel der Auflösung der Staatlichen Kunstkommission) u. a. zu lesen: »Und wer hält es für erheblich, dass Wilhelm Girnus mit seiner Kritik an Hanns Eislers radikalistischem Faustus-Libretto im Entscheidenden recht hat, wenn derselbe Girnus ohne jede Differenzierung das Erbe Ernst Barlachs schmäht, in der Architektur-Diskussion einen Schriftsteller vom Rang Ludwig Renns mit trotzkistischen Verbrechern auf eine Stufe stellt, im Fall des Buchenwald-Ehrenmals skandalöse Methoden der Auftragserteilung gegenüber Fritz Cremer auslöst usw., ohne dass es möglich wäre, ihm öffentlich zu erwidern?« »Maßgebend sind nicht einzelne Verdienste, die die Kunstkommission und die Kritiker Girnus und Magritz haben mögen; maßgebend ist die Grundtendenz ihrer Tätigkeit, die faktisch die Produktivität der Maler, Bildhauer, Graphiker, Illustratoren gehemmt, die Produktion der Kunstverlage (etwa verglichen mit den polnischen und tschechoslowakischen) eingeengt, unsere besten Kunsthistoriker abgestoßen und das Ansehen der kulturellen Errungenschaften unserer Republik in ganz Deutschland geschädigt hat.« »Für all dies sind Staatssekretär Holtzhauer und Ernst Hoffmann, Wilhelm Girnus und Kurt Magritz entweder direkt verantwortlich oder auch indirekt, sofern sie nämlich durch ihre Methoden in anderen Institutionen und Organisationen (wie dem Verband der bildenden Künstler), in Verlagen und Redaktionen, bei den Leitungen von Kunstkabinetten usw. einen Geist der Furcht, der Unaufrichtigkeit und der Kriecherei großgezüchtet haben.« Harich: Es geht um den Realismus, S. 3. Von Bloch oder Mayer gibt es ein so klares, deutliches Statement aus den Jahren der DDR nicht. Das ist genau die Differenz zwischen diesem und Harich. 878 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 271f. 378 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge um so mehr beklagen, als gerade die Freizügigkeit, die sie Hans Mayer stets zugestanden hatten, als Beweis für akademische Freiheit in der DDR ausgegeben werden konnte. Sie hatten Hans Mayer mit Privilegien ausgestattet, die für normale Ulbricht-Untertanen unerreichbar sind. Mayer durfte westdeutsche Autoren (…) in seinem Leipziger Germanistik-Institut lesen lassen, er reiste uneingeschränkt sowohl durch West- wie durch Osteuropa, hielt Vorträge in Paris, Frankfurt, Köln und Belgrad, trat bei den Tagungen der ‚Gruppe 47‘ auf, schrieb in der Hamburger Zeit und ließ seine Bücher nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik erscheinen (…). Nicht ungern sahen die Kultur-Politruks, dass der Professor ‚vielfach in Westdeutschland und im Ausland für unseren Staat und seine Politik parteilich aufgetreten ist‘.«879 * * * * * Wenn man die Fakten etwas poetisch ausdrücken möchte, so lässt sich sicherlich sagen, dass Goe the Hans Mayer durch seine Leipziger Krisenjahre geholfen hat – als ständiger Begleiter, als historische Figur, als Ideen- und Ratgeber. Mit den Worten von Inge Jens, 1999: »Goe the, der Wegführer und Lebensbegleiter: Es ist faszinierend zu sehen, wie Hans Mayer, bewegt und überzeugend, Goe the-Verse in den Rang von Maximen erhebt, die für ihn, über Jahrzehnte hinweg, bis in den Alltag hinein existenzprägend waren.«880 Und in diesem Sinne, im bisher schon umrissenen Kontext, überrascht der Inhalt des Bandes Goe the von Mayer, der 1999 von Jens herausgegeben wurde, nicht:881 Die frühen DDR-Arbeiten fehlen (bis auf die Ausnahme Eine Rede vor jungen Menschen, Weimar, 1949) vollständig. Abgebildet wird aber ein Panoptikum der steten Beschäftigung mit Goe the von der Mitte der fünfziger Jahre an: Von dem Aufsatz Goe thes Begriff der Realität, noch 1956 in Weimar publiziert, bis zu den Texten und Vorträgen des Westens, gipfelnd in den Vorlesungen von 1974 am Collège de France (die an anderer Stelle thematisiert werden).882 879 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 24. 880 Jens: Vorwort der Herausgeberin, S. 12. 881 Mayer: Goe the. 882 Mayer: Goe thes Begriff der Realität, S. 219-243. Mayer: Goe thes Märchen als Parabel der Revolution. 244-270. Mayer: Die Epen, S. 271-281. Mayer: Der Famulus 379 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Schließlich noch der Nachtrag Goe the, Tübingen 1999, mit der rückblickenden Suche nach dem, wie Goe the das Leben begleitete.883 Inklusive ironischer Brechung: »Nichts ist mithin törichter, als die modische Frage nach Goe thes Bedeutung ‚für uns heute‘. (Wer ist ‚uns‘?)«884 Es gehe nicht darum, Goe the krampfhaft zu aktualisieren, irgendwelche Bezüge zur eigenen Gegenwart zu suchen. Vielmehr bleibe und überdauere der fragende Goe the, der Analyst und Gestalter seiner Zeit. Die Aktualität Goe thes sei in dessen Werk bereits enthalten und müssen nicht hergestellt werden: »Goe the bleibt – damals so gut wie heute – Zeitgenosse.«885 Thomas Mann, dem sich Hans Mayer ja verbunden fühlte, hatte in seiner Ansprache im Goe thejahr formuliert: »Der wunderbare Mensch, den vor zweihundert Jahren ein junges deutsches Weib zur Welt gebar, und dessen leuchtender Lebensbogen nicht nur am deutschen Himmel steht, sondern überall auf Erden staunendes Schauen auf sich zieht, Goe the – was, so könnte man fragen, lehrt und rät uns sein Werk, was hat es je gelehrt und verkündigt? Nichts und alles. Wie die Natur, wie eines Götterbildes stilles, von keinem Streit berührtes, auf allen Streit ironisch herabblickendes Sein.«886 1973 erschien bei Suhrkamp die kleine Monographie. Goe the. Ein Versuch über den Erfolg (die in dem Goe the-Band von 1999 erneut enthalten ist). Natürlich verlangt es das hier gewählte Thema, dass wir auf vieles Wichtige, das Mayer zu Goe the zu sagen hat, an dieser Stelle wieder verzichten müssen und uns auf die Suche nach dem begeben, was sich mit Goe the dem Aufklärer, dem Dialektiker, dem Naturforscher, dem Sprecher des Bürgertums beschäftigt. Trotz der hier geschilderten Versuche, aus marxistischer Perspektive ein modernes Goe the-Bild unserer Zeit zu erringen, stellte Mayer sein Buch in folgendes Herausforderungsgefüge: Wagner, S. 282-318. Mayer: Höllenfahrt des Doktor Faustus, S. 319-355. Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France. Paris, 1974, S. 359-427. 883 »Was hat man wirklich von ihm gewusst? Was wissen wir heute von ihm, nach zweihundertundfünfzig Jahren? Auf den ersten Blick scheint alles offen zu liegen.« Mayer: Goe the, Tübingen 1999, S. 442. Das »aber« wäre interessant, leider ging Mayer diesem aus dem Weg, bezog da kaum Position. 884 Ebd., S. 445. 885 Ebd., S. 446. 886 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 321. 380 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge »Es fehlt eine genauere, verstehende, nicht beschönigende Darstellung der Misserfolge, Anachronismen, Ungleichzeitigkeiten. Der Disproportion mithin im Wirken eines Menschen, der nichts sehnlicher anzustreben pflegte als eben dies: Harmonie zwischen einer – kaum auslotbaren – Individualität und ihrer Geschichtlichkeit innerhalb von Zeitverhältnissen. Weshalb der fragwürdige Begriff der Größe bei Goe the weit eher an den Misserfolgen ablesbar ist, den Disharmonien, viel Halbgeglücktem: Oft praktiziert als Abreise aus der Zeit. Ablesbar zugleich an den Enttäuschungen, die er bereitet und erlebt hat.«887 Joachim Gaudigs sprach Mayer zu, dass er dieser gestellten Herausforderung gerecht geworden sei: »Oft genug war die letzte Zuflucht einer andachtsvoll betriebenen Goethe-Philologie das Erschauern vorm Geheimnis. Mayer zeigt, dass man es nicht unbedingt dabei bewenden lassen muss (…). Mayer untersucht die Krisen, die sich in Goe thes Leben mit regelmäßiger Wiederkehr einstellten, er verfolgt die gescheiterten oder nur halbgeglückten Projekte, verzeichnet die Misserfolge. Natürlich geht es ohne Kritik an Goe the nicht ab, Kritik nicht gerade ‚auf den Knien‘ geübt, aber doch so, dass er dabei das Inkommensurable, das vollkommen Unvergleichliche der Gestalt stets voraussetzt und anerkennt.«888 Es ist festzustellen, dass Mayer in den siebziger Jahren bestimmte Punkte präziser und schärfer einschätzte als 1949. Damit ist nicht der völlige Bruch mit der Vergangenheit gemeint, aber Einzelheiten, die im Jubiläumsjahr nicht ins Weltbild passten, sind nun, mit historischem und, nach dem Weggang aus der DDR, auch geographischem Abstand bei gleichzeitigem Bekenntnis zum Sozialismus anders akzentuiert. So arbeitet er beispielsweise das Verhältnis Goe thes zur Französischen Revolution umfassender heraus. Bereits die Zeugnisse der italienischen Reise würden nichts von jenem Geist transportieren, der nur kurze Zeit später in der Revolution seinen vorläufigen Höhepunkt fand. (Das hatte Bloch ja schon 1955, im Schiller-Jahr, angemerkt.)889 Goe the habe die Französi- 887 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 15. 888 Gaudigs: Hans Mayer: Goe the, S. 153. 889 Siehe: Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 96-117. 381 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer sche Revolution nicht verstanden, so die mehrfach wiederholte These von Mayer.890 Was Goe the aber erkannt habe sei der Untergang des Ancien Régime gewesen. Exemplarisch sei von Mayer wiedergegeben: »Goe the hat die französische bürgerliche Revolution nicht verstanden. Allein er verstand den Untergang des Ancien Régime. Von Sympathie mit Rebellen, aktivistischen Rousseauisten, später gar Königsmördern ist der einstige Stürmer und Dränger weit entfernt. Prometheus und Tantalus wurden seit langem aus seinem Heiligenkalender – das Wort ist von ihm – eliminiert. In den dürftigen Bemühungen des Dramatikers, die Welt der bürgerlichen Ideologen und Revolutionäre auf der Schaubühne anschaulich zu machen, also in Texten wie dem Bürgergeneral und den Aufgeregten, wird das politisch-historische Urteil ersetzt durch ein ärmliches Moralisieren und Psychologisieren. Revolutionäre sind danach entweder Dummköpfe oder Schurken.«891 Joachim Gaudigs schrieb, genau diese Passage vor Augen: »Hier liegt für Hans Mayer ‚der tiefste Widerspruch in Goe thes geschichtlich-politischen Positionen‘, paradox zumal, bedenkt man seine Rolle im Dienste des Herzogs von Weimar. Der bereits zitierte Satz: ‚Goethe hat die französische bürgerliche Revolution nicht verstanden‘, hat sein Gegenstück in dem unmittelbar folgenden: ‚Allein er verstand den Untergang des Ancien Régime‘. Und wieder fällt auf, wie Mayer mit dem Begriff ‚verstehen‘ arbeitet. Man kann daraus beinahe die Gleichung ableiten: Für die historische Tendenz eintreten = verstehen, gegen sie sein = nicht verstehen. Wie immer man solche begriffliche Äquilibristik beurteilen mag, gewiss ist, dass hier ein spätes und auch überlegenes historisches Bewusstsein am Werk ist.«892 Im Prinzip, diese Konsequenz ließe sich aus den Ausführungen von Mayer fast ziehen, steckte Goe the weitaus tiefer in der deutschen Misere fest, als seine marxistischen Interpreten zugaben: »Goe the verharrte bei den Thesen des gescheiterten Sturm und Drang (…). Die Großstädte des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit mächtigen und aufgeklärten Bourgeois 890 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, etwa S. 37, 38, 42, 44. 891 Ebd., etwa S. 38. 892 Gaudigs: Hans Mayer: Goe the, S. 155. 382 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge (Bankiers, Handelsleuten, Steuerpächtern, gekaufter Magistratur), mit Stadtvierteln eines bewussten Plebejertums, mit den Abgründen einer Unterwelt, wo sich im Genuss der Austausch vollzieht zwischen Herren und Knechten: Goe the hat weder London nach Paris jemals besucht. Weshalb er – diese Grenzen seiner Einsicht wohl bedenkend – in allen kritischen Anmerkungen zu den französischen Zuständen, nur gelegentlich durchbrochen von Unmutsreflexen, die Grenze seines Urteils fest durchgezogen hat: Was er gegen Revolution und Revolte, kurzum: gegen Unordnung einzuwenden hat, ist die schematische Übertragung fremder, also französischer Konflikte auf andere Situationen, nämlich das vorbürgerliche Deutschland.«893 Viele andere, vor allem Lukács und Bloch, haben dies nie so deutlich herausgearbeitet, sondern die Fakten immer nur konstatiert, teilweise, um über diese dann hinwegzusehen. Bei Mayer scheint die Einsicht etwas klarer, Wortwahl und Formulierung zeigen an, dass er die Fehlurteile Goethes mit Blick auf die Revolution als ein Versagen begriff, was sie auch waren. Goe the ist nicht mehr der große progressive Geist auf allen Gebieten, er ist getrieben von seiner Gegenwart und Zeit, diesen ausgeliefert und von ihnen bestimmt. Wenn man so will – eine Erdung des marxistischen Goe the-Bildes, die Vermenschlichung des Olympiers. Goe the habe, diese bereits erwähnte These ist für Mayers Rekonstruktion zentral, bei der Analyse und Diagnose der Gegenwart der Französischen Revolution schlicht versagt: »Dennoch manifestiert sich in allem, wobei Goe thes programmatische Folgerichtigkeit außer Zweifel steht, ein profundes Missverstehen der französischen Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Allgemeinbedeutung. Wo ein Gesamtphänomen bürgerlicher und plebejischer Emanzipation zu konstatieren war, weigert sich Goe the, anderes sehen zu wollen als einen national-französischen Rückschlag auf das korrupte Königtum der Bourbonen.«894 Und kurz später: »Goe thes Verhältnis zum komplexen Vorgang der Französischen Revolution ist das einer negativen Dialektik. Darum misslingt die Farce vom Bürgergeneral; der Sozialkompromiss in den Aufgeregten ist so fragmentarisch, folglich so weit entfernt 893 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 40f. 894 Ebd., S. 42. 383 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer vom Verstehen der gesellschaftlichen Totalität, dass der Entwurf selbst fragmentarisch bleibt (…).«895 Im Zuge seiner Beschäftigung mit Schiller hatte Mayer dieses Urteil ebenfalls vorgebracht – und zwar bereits 1955.896 Für Goe the, den Dichter (für den Staatsmann ebenso, nach Mayer auch für den Naturwissenschaftler, den Harich im Jubiläumsjahr freilich in Schutz genommen hatte)897, bedeute das wiederholte Fehlurteil bei der Analyse der Gegenwart ein Scheitern der dichterischen Bewältigung des ja nicht Erkannten, sondern Verkannten.898 Es sei der »tiefste Widerspruch« in Goe thes politischer Philosophie gewesen, dass er die Französische Revolution ebenso wie die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung nicht als Teil der Emanzipationsbestrebungen der bürgerlichen Klasse zu deuten vermochte, gleichzeitig aber ein echter und deutlicher Kritiker der feudalabsolutistischen Zustände gewesen sei.899 In der Tat eine paradoxe Situation, die letztlich zu dem führte, was die marxistische Wissenschaft als bürgerlich-höfischen Kompromiss bezeichnet.900 Mayer hat die Konsequenzen aus diesen Überlegungen gezogen  – auch bzw. vielleicht sogar gerade weil sie ihn in Konflikt mit seinen ursprünglichen Positionen brachten, sein Hinausgehen über den modernen marxistischen Konsens von 1949 mehr als nur markieren. Eingangs unseres Buches war zu lesen, wie euphorisch Mayer den Besuch von Thomas Mann in Weimar beurteilt hatte. In Goe the. Ein Versuch über den E rfolg 895 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 43. 896 Die entsprechenden Anmerkungen wurden bereits wiedergegeben, siehe: Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 9-44. 897 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung, S. 179-232. Siehe: Mayer: Goethe. Ein Versuch über den Erfolg, S. 10-13. 898 »Wie immer: Auch der ernsthafteste Versuch einer dichterisch-dramatischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Revolution, nicht allein der französischen, bleibt unvollendet und wohl auch unvollendbar. Das innere Scheitern manifestiert sich diesmal auch als formaler Zusammenbruch. Geplant war eine Revolutionstrilogie, dann ein einziges Drama, das fragmentarisch bleibt. Goethes Auseinandersetzung mit der Revolution misslingt wegen einer Begrenzung der Reflexion auf Immanenz und Negativität. Der bürgerliche Aufklärer Goe the bekommt Dialektik der Aufklärung zu spüren: Das Phänomen verweigert sich einem Denken und Handeln, das lediglich auf den höfisch-bürgerlichen Kompromiss ausgeht, nicht jedoch auf Machtergreifung.« Ebd., S. 44. 899 Siehe: Ebd., S. 50f. 900 Hierzu: Ebd., S. 63. 384 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge erinnerte er dann an die Rede Manns von 1932, in der dieser Goe the als einen Repräsentanten des bürgerlichen Zeitalters dargestellt hatte. Eine Überlegung, die, 1949 wiederholt, mit den Positionen von Mayer, Lukács, Harich, Bloch, Rilla und vielen anderen kompatibel war. Nun allerdings kamen Mayer Zweifel, berechtigter Art, die er wie folgt formulierte: »Da jedoch im geschichtlichen Zusammenhang die Reformation wie die Revolution als Phasen des bürgerlichen Emanzipationsprozesses gedeutet werden müssen, auch von Hegel und Hölderlin, vorher von Lessing, später von Heine so interpretiert wurden (um sämtliche Zeitgenossen von Goe the zu benennen), wird gegen Thomas Mann die Antithese gestellt werden dürfen, Goe the sei, seit dem Scheitern seines bürgerlichen Emanzipationswirkens im ersten Weimarer Jahrzehnt, seit Tasso und Italien, immer folgerichtiger einen Weg gegangen, der ihn seiner bürgerlichen Klasse entfremdete. Kein Repräsentant der Bürgerlichkeit, aber auch kein Märtyrer der bürgerlichen Verkennung.«901 Hans Mayers geistige Entwicklung ist ein hochinteressanter Prozess, der, trotz aller Opportunismen und Eitelkeiten, wirklich als intellektuelle Emanzipation verstanden werden sollte. Es wurde bereits deutlich, dass er in den vierziger Jahren wie so viele andere im Bann von Georg Lukács stand, sich dann, sicherlich auch durch die Leipziger Nähe vermittelt, an Ernst Bloch annäherte, von Lukács abrückte. Der kurze Seitenblick auf Schiller (in dem entsprechenden Kapitel dieser Arbeit) zeigte bereits, wie umfassend Mayer in Goe the. Ein Versuch über den Erfolg sich von Lukács mehr als nur abnabelte. Ein durchaus auch opportunistisch brauchbarer Vorgang, lobten doch Gysi und Goldammer in den frühen sechziger 901 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 63f. Und weiter: »Wenn dagegen Goe the selbst die jeweilige Hauptaufgabe als ‚Forderung des Tages‘ formulierte, so handelte er selbst weit weniger danach, als die meisten seiner ‚lieben Deutschen‘, von anderen Menschen des bürgerlichen Zeitalters außerhalb deutscher Grenzen zu schweigen. An diesem Zwiespalt zerbrach schließlich auch der Bund mit Schiller.« (Ebd., S. 64) Zu ergänzen wäre sicherlich noch die wirklich bösartige Behandlung Herders in Weimar, auf die Harich mehrfach aufmerksam machte. In seiner Dissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft ebenso wie in der großen Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung. 385 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Jahren Mayers Lukács-Kritik sogar von offizieller Parteiseite.902 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es direkt gegen Lukács gerichtet war, wenn Mayer bei Fokussierung der widerspruchsvollen Persönlichkeit (in Theorie und den diversen Praxen) Goe thes formulierte: »Mit dem konventionellen Schema von Fortschritt und Dekadenz ist alledem nicht beizukommen. Man könnte die Gegenformel wagen, dass Goe the, tief verstört durch den deutschen Alltag nach den französischen Ereignissen von 1792, für sich eine singuläre Allianz herzustellen bemüht war zwischen der Vergangenheit und der Zukunft: Unter Aussparung der jeweiligen Gegenwart.«903 Es ist ein spannender Goe the, den Mayer uns präsentiert und der weitaus stärker noch ein »linker« Goe the zu sein scheint – in seiner visionären Arbeit für ein besseres Morgen. Die er übrigens, darauf wies Mayer hin, als Teil der bürgerlichen Klasse leistete: »Alles oszilliert zwischen gestern und morgen. Goe the hat den Begriff der Weltliteratur, das Wort dazu, gefunden: Zu einem geschichtlichen Zeitpunkt, da sich in Europa die neuen und jungen Nationalliteraturen langsam erst emanzipierten, da sich auch in Deutschland, dank den Romantikern, nicht zuletzt dank Goe thes und Herders einstiger Sorge um deutsche Art und Kunst, das politische Einigungs- und Liberalisierungsstreben an den Gedanken einer deutschen Nationalkultur fixiert hatte, wodurch – vielleicht – später auch die reale deutsche Nationalkultur geschaffen werden könnte. Historisches Programm einer Revolution von 1848/1849, die scheitern sollte.«904 902 Die entsprechenden Briefpassagen wurden am Anfang dieses Kapitels wiedergegeben. Was Gysi und Goldammer störte, war ja nicht die Kritik von Mayer an Lukács, sondern dass dieser überhaupt über den ungarischen Philosophen sprach. 903 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den E rfolg, S. 99. Weiter heißt es dann: »Seine tiefe Einsamkeit, die keinen Gesprächspartner mehr hatte oder zuließ, da so viele ins Gespräch gezogen werden konnten, gab ihm erstaunliche Visionen einer Welt von morgen und übermorgen. Bei Goe the wird bereits vom Suezkanal und vom Panamakanal spekuliert, erst recht vom Rhein-Donau-Kanal, auch von Problemen eines modernen Verkehrswesens. Andererseits wird die monarchische Hierarchie, mit einem Karl August an der Spitze, es darf aber auch ein Ludwig von Bayerland sein, oder ein guter Kaiser Franz, gegen alle denkerischen, erst recht praktischen Umsturzversuche heftig verteidigt.« (Ebd.) 904 Ebd., S. 100. 386 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Dem quasi offiziell gemachten Bruch mit Lukács korrespondiert, was nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein muss, die Adaption von dessen Thesen. Das haben viele übersehen, die Mayers Behauptungen widerspruchslos und ohne eigene Lektüreerfahrungen einfach glaubten. So zum Beispiel Wolfram Schütte, der es als Leistung ansah, dass Mayer Goe the vom »klassizistischen Putz (bürgerlicher oder Lukácsscher Observanz) gereinigt« habe.905 Doch davon kann, wie gesehen, keine Rede sein. Der plakativen Kritik an Lukács korrespondierte die klammheimliche Übernahme von dessen Thesen im angeblich neuen, doch immer noch sehr alten Gewand. Durchaus präziser sah da Peter Demetz, der schrieb: »Mayer bewundert auch dort, wo ihm das theoretische Erkenntnisvermögen noch Einhalt gebietet; energischer als Georg Lukács hat er sich (ein Conoisseur vom guten alten Schlag) freigehalten von den ‚Einseitigkeiten der apriorischen Konstruktion‘ (…).«906 Eine wichtige Bemerkung, denn sie zielt auf zweierlei. Zum einen auf die bei Lukács ja tatsächlich so manche Rezeption versperrende, mitunter grobschlächtig anmutende Einteilung von Literatur, Kultur, Philosophie in Fortschritt oder Reaktion, in Realismus oder Überflüssiges (die Mayer, wie gerade gesehen, zu Recht kritisierte), zum anderen aber verweist sie darauf, dass man, wenn man Lukács folgt, dies tat Mayer ja ebenfalls, trotz der brutalen Scheidungen im Ergebnis Wahrheit finden kann. Und diese ist allemal erhaltenswert, egal wie sie entstand. Der Eigenwert gegenüber dem ungarischen Philosophen sollte herausgestellt werden, was dieser gesagt hatte schien Mayer, trotz den von ihm georteten Verzerrungen, noch allemal präsentierenswert. Selbstverständlich als originaler Mayer: »Goe the erkannte, gleich in ihren Anfängen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung des Kapitalismus als ambivalentes Prinzip, welches allen produktiven Ganzheitsdilettantismus, nach Art des Goe theschen, durch hochspezialisierte Einzelkenner ersetzt, denen sich jedoch das gesellschaftliche Ganze, samt seiner Gesetzlichkeit, als ein angeblich Undurchschaubares entfremdet hat. (…) So entsteht ein neuer dialektischer Widerspruch. Goe thes geistige Vorwegnahmen kündigen 905 Schütte: Kein Repräsentant bürgerlichen Zeitalters, S. 162. 906 Demetz: Politik im Spiegel der Literatur, S. 145. 387 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer die vollständige Ausbildung der Entwicklungstendenzen dieser Gesellschaft bereits in ihren Anfängen an. Gleichzeitig jedoch erhofft sich der alte Mann davon eine Überwindung der Entfremdungen, nicht deren maximale Steigerung. Goe the deutet die Tendenzen der Bourgeoisie als Überwindung der provinziellen bürgerlichen deutschen Enge, womit er recht behält (…). Andererseits erwartet er sich, worin er Unrecht hat, von einer voll ausgebildeten Bourgeoisie die Überwindung des individualistischen Egoismus zu Gunsten einer gesamtheitlichen Solidarität, was einer Selbstaufhebung dieser Sozietät gleichkäme.«907 Diese Widersprüche hätten das Alterswerk von Goe the geprägt. Allem voran natürlich den Faust und den Wilhelm Meister. Auch an dieser Stelle suchte Mayer die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit und mit dem Theoriegebäude des Marxismus. Zwei Zitate können, die Betrachtungen abschließend, anzeigen, in welcher Art und Weise und mit welchen Argumenten Mayer die Debatte mit dem marxistischen Goe the- Bild seiner eigenen akademischen Jugend führte. Zuerst die theoretische Ebene: »Wenn Leben jedoch bereits als solches den erfüllten Augenblick garantiert, so ist Goe the weit davon entfernt, die Blindenvisionen des sterbenden Faust samt freiem Grund und Volk zu übernehmen. Faust missversteht das Werk der Lemuren, die Vergangenheit begraben sollen, als Praxis der Zukunft. Man hat es ihm geglaubt: Allen Warnungen in Goe thes Text zum Trotz. In den Wanderjahren verfiel Goe the selbst einer Utopie der Praxis. In Faust II hält er auch dazu die Distanz der Ironie. Was immer Faust unternahm, es war vom Augenblick des Paktes an absurd: unlösbare Hybris. Erfüllte Augenblicke erlebte Faust vor der Begegnung mit dem Teufel. Das erkennt er einen Augenblick lang: Als die Sorge erscheint und er Magie von seinem Pfad entfernen möchte. Dann trifft den Blinden neue Verblendung. So stirbt er.«908 Es folgt, als direkte Anwendung auf die Praxis der DDR, als Mahnung an die eigene Gegenwart, als Erinnerung an die gegebenen Versprechen der marxistischen Lehre: »Das Wort vom Nationalen Kulturerbe hilft nicht und niemand. Eine Formel mit lauter Unbekannten: National, Kul- 907 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 101f. 908 Ebd., S. 107. 388 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge tur, Erbe. Die Vision des blinden Faust vom freien Volk auf freiem Grund ist nicht Wirklichkeit geworden. Überdies wurde der Sterbende irregeführt durch die Lemuren, genarrt vom teuflischen Vertragspartner. Goethes sehr konkrete Utopien sind es geblieben; sein antizipierender Geist sah Möglichkeiten, die nicht zur Wirklichkeit werden konnten. Das ist Goe the nicht anzulasten, sondern entsprang den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft zur Goe thezeit, welche die heterogenen Tendenzen gleichzeitig produzierte und ausbildete (…). Sie sind geblieben, diese Widersprüche.«909 Mit deutlicheren Worten gingen in diesen Jahren nicht allzu viele von einem »linken« Standpunkt aus vor gegen den Anspruch der DDR, Goe the beerbt zu haben, in dessen progressiver, humanistischer Tradition zu stehen, gar dessen Visionen einzulösen. Für die DDR war diese Diagnose um so schlimmer, da gerade Johannes R. Becher dafür gesorgt hatte, dass Mayer eine der Schlüsselfiguren der DDR-Erbe-Politik der jungen Republik war. Elmar Faber schrieb über die Jahre vor 1956: »Die persönliche Zuneigung abgerechnet (durch Becher, AH), wurde Mayer zu sehr für die Beschwörung eines einheitlichen deutschen Kulturbegriffs gebraucht, den man damals noch ehrlichen Herzens wollte und dem man auch mit literarischem Austausch das Wort zu reden hoffte.«910 Volker Caysa hat diese Art des Denkens bereits in Hans Mayers DDR-Jugendschriften ausgemacht, in dessen verschiedenen Wortmeldungen zu Georg Lukács zwischen 1948/1949 und 1955, also vom Dank an Georg Lukács bis zum Beitrag in der Festschrift.911 Grund der Auseinandersetzung, auch dies ist keine Überraschung, ist Thomas Mann und die Suche nach einem neuen demokratischen Deutschland, nach einem deutschen Citoyen. (Diese Suche nach dem deutschen Citoyen sah Caysa als eines der Leitmotive im Denken von Thomas Mann, Bloch, Lukács und Mayer.)912 Er schrieb: »Es wäre ein schwerer Irrtum anzunehmen, dass Lukács meinte, und Hans Mayer schließt sich auch in dieser Frage Lukács an, mit der Gründung der DDR sei dieses Programm einer ande- 909 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 122. 910 Faber: Hans Mayer und der Aufbau-Verlag, S. 54. 911 Mayer: Dank an Georg Lukács, S. 218-225. Mayer: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 160-172. 912 Caysa: »Auf der Suche nach dem Bürger«, S. 52. 389 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer ren, deutschen demokratischen Republik eingelöst worden. Sein Alterswerk beweist das Gegenteil.«913 Schon früh also Zweifel und Skepsis. Es ist mindestens zu diskutieren, ob Caysa mit dieser Einschätzung richtig trifft, die Goe the-Beiträge (und auch die Wortmeldungen zu Schiller sowie so manch andere Arbeit im Dienst und Auftrag der Partei) Mayers zumindest zeigen diese Distanz (von 1949 bis 1955) zur jungen DDR nicht an. Ganz im Gegenteil, wir haben den Nachweis ja durchaus detailliert erbracht. Und wenn Caysa Recht hätte, dann wäre dies auch nicht viel besser, denn dann würde sich noch die Kritik von Mayer an Lukács und der DDR, die miteinander verwoben ist und nicht getrennt zufällig neben einander steht, als Erbteil Lukács’ entpuppen. Am bedauerlichsten aber ist, dass Mayer (wie Bloch) die DDR verlassen musste, um zu einer Kritik an dieser zu kommen. Solche Mutlosigkeit ist kein Erbteil des Sozialismus, Marxisten sollen und müssen anders handeln. Der kleinen Monographie Goe the. Ein Versuch über den Erfolg ist der Aufsatz Goe the, Hegel und das neunz ehnte Jahrhundert angehängt, beigegeben, der im Folgenden zu betrachten ist, da er in den Kern der hier zur Debatte stehenden marxistischen Positionierung zu Goe the verweist. Wann genau der Aufsatz geschrieben wurde, hat Mayer (in dem kleinen erklärenden Nachtrag) nicht angemerkt. Erschienen ist er wie das Buch 1973. Auf einen ähnlichen zeitlichen Entstehungskontext verweisen die entwickelten Thesen ebenso wie die auch im Aufsatz vorhandene Kritik an Lukács.914 Mayers Analyse von Goe the und Hegel setzt mit dem Erfolg der »Modephilosophie« Schopenhauers ein (siehe auch die entsprechenden Wortmeldungen von Lukács, Harich, Bloch zu diesem Topos) und macht neben dem »toten Hund Hegel« auch für Goe the eine Geschichte des Vergessens, der Verfälschung, der Missdeutung aus.915 (Zur zeitlich parallelen Rezeption Schillers siehe die Rede Das Ideal und das Leben Mayers von 1955, auf die bereits verwiesen wurde.) Ludwig Börne sprach schon früh, Mayer erinnerte daran, vom »gereimten und vom ungereimten 913 Caysa: »Auf der Suche nach dem Bürger«, S. 51. 914 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, z. B. S. 160. 915 So Mayer bereits in seiner Leipziger Antrittsvorlesung: Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 390 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Knecht«. Womit gemeint war, dass beide, der Dichter und der Philosoph, gesenkten Ganges in der Zentrale der Macht endeten, und nicht aufrechten Hauptes an der Spitze der bürgerlichen Bewegung. Schon die Zeitgenossen, so Mayer, pflegten »den Philosophieprofessor zu Berlin und den Großherzoglich-Weimarischen Geheimen Rat in einem Atem zu nennen: Den allen Idealen seiner Jugend offenbar abschwörenden Höfling eines kleinen thüringischen Fürsten und den Staatsideologen des Königs von Preußen.«916 Zwar sei Goe the nicht vollständig vergessen worden wie Hegel. Aber auch sein Ruhm wäre brüchig gewesen, spärlich, beruhend auf einem Missverständnis. Im Prinzip ein vergleichbarer Prozess zur Missdeutung der Dialektik Hegels. (Der dritte, der diesem Bund hinzuzusetzen sei, wäre Ludwig van Beethoven, dem es ebenfalls nicht viel besser erging als Goe the und Hegel.)917 »Der vergessenen Hegel und der missverstandene Goe the. Will es nicht scheinen, als habe dieser Vorgang mit der Zurücknahme bürgerlicher Aufklärung durch das nachrevolutionäre Bürgertum seit 1850 zu tun, dem seine eigenen Frühformen – bei Goe the wie bei Hegel – fremd und unheimlich geworden waren. Zurücknahme bedeutet 916 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 162. Weiter: »Nach Goethes und Hegels Tod scheint kein Halten mehr zu sein. Die Hegel-Schule freilich ist für mehr als ein Jahrzehnt beschäftigt mit dem Diadochenstreit, hinter dem sich die Tatsache verbirgt, dass hier um die Nachfolge eines Mannes gestritten wird, an den so recht keiner mehr glaubt. Mit Goe the werden noch weniger Umstände gemacht. Der Faust II, als er postum als Ergänzungsband zur Ausgabe Letzter Hand gedruckt wird, erregt die entzückte Bewunderung einiger Philologen und spekulativer Philosophen aus Hegels Schule, allein der allgemeine Eindruck bei den Lesern ist Befremden und Langeweile.« 917 Siehe: Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 166ff. Johannes R. Becher hatte in seiner Rede zum Schiller-Jubiläum 1955 gesagt: »In dieser Symphonie (die 9., AH) ist Beethoven gleichsam neben Goe the und Schiller hingetreten und hat mit diesen beiden Genien ein Bündnis geschlossen im Zeichen der Freiheit, zum Ruhme unserer Nation. Ein Volk, das ein Dreigestirn solcher Genien sein eigen nennt, ist zu Hohem berufen – und wie viele andere Leuchtfeuer brennen noch an unserem Himmel! Zugleich aber ist auch eine schwere Bürde uns auferlegt, dieses Licht immer wieder von neuem zu entzünden und es weiterzutragen und, neue Errungenschaften hervorbringend, das Andenken der Meister lebendig zu erhalten und ihnen nachzufolgen.« Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 367. 391 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer den Übergang von der Evolution zur Restauration, von bewegtem zu beharrendem Denken.«918 Diese Entwicklung des 19. Jahrhunderts hat Mayer, das klang schon durch, als »große Zurücknahme« charakterisiert. Ein Ausdruck, der, verbunden mit einigen leichten Bauchschmerzen, auch die Zustimmung von Lukács, Bloch und Harich erhalten hätte. »Genau das ist gemeint: Hegels auf die Vernunft gegründetes System, das sich als dialektische Entwicklung des Geistes präsentiert, und Fausts Suche nach dem erfüllten Augenblick.«919 Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts brauchte einen eigenen Goe the und, wenn überhaupt, einen eigenen Hegel. Den »linken Hegel«, Dialektik, Entwicklungsgesetzlichkeit, Vernunft, hatten Marx und Engels in den Marxismus integriert, mit den zurückgebliebenen Resten arbeitete nun ein vor Arbeiterbewegung und Revolution zurückschreckendes Bürgertum – auf dem Weg in die Arme der Restauration und damit auf die Schlachtfelder der beiden Weltkriege. (Erinnert sei, was Hegels Vermächtnis im 19. Jahrhundert angeht, nur an die merkwürdige Rolle und Entwicklung, die die Junghegelianer nach dem Ausscheiden Marx’ aus den Berliner Kreisen spielten.) Mayer beschäftigt sich ebenfalls, da werden wir sofort hellhörig, mit dem Versuch, »zwischen Goe thes Faust-Konzept und Hegels System-Entwurf eine Affinität zu konstruieren«.920 Als Kronzeugen seiner Ausführungen nennt er Bloch und dessen Ausführungen im zweiten Teil des Prinzip Hoffnung, er unterschlägt also den Aufsatz Blochs in den Neuen Ufern sowie die entsprechenden Notate von Lukács.921 Und es ist mehr als Bloch, es ist tatsächlich auch Lukács, wenn Mayer die Phänomenologie als große Fahrt begreift – zum reinen Wissen oder zum absoluten Geist. »Ein Reisemotiv ist damit gegeben. Der Geist begibt sich auf Wanderschaft, durchzieht Etappen, die sich als Stationen auf seinem Wege zum Selbstbewusstsein darstellen. Ein faustischer Weg also, wie nicht zu verkennen ist. Mit dem Unterschied freilich, dass ihn kein Einzelner zurücklegt, sondern der Geist oder die Vernunft. Mit der Differenz überdies, dass für Hegel 918 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 178. 919 Ebd., S. 168. 920 Ebd., S. 169. 921 Ebd., S. 170. So auch in: Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 359-427. 392 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge das Ergebnis von vornherein feststeht.«922 Gipfelpunkt der Philosophie Hegels, um im Bild zu bleiben  – das Ende der Reise, ist der absolute Geist (oder das reine Wissen). Dieser Begriff des Absoluten, so Mayer zutreffend, wurde jenes denkerische Element, über das Goe the und Hegel zueinander fanden. Eine Annäherung, die Hegel von Anfang an sich erhofft habe. Die Berufung auf Goe the, die Herausstellung der Analogien zu Goe the sei von ihm bewusst initiiert gewesen, ermöglicht freilich durch einen »Zitierunfug«. Mit den Worten Mayers: »Was der Philosoph hier an Zitierunfug treibt, ist ein bisschen arg: Brutal abgeänderte Zitate, noch dazu ineinander montiert in einer Weise, die dem Ursprungsort der Zitate jäh entfremdet wurde. Hegel pflegte oft so zu verfahren. Philologische Skrupel störten ihn nicht. Es kam darauf an, durch den Dichterspruch den eigenen komplexen Gedankenvorgang sinnfälliger zu machen.«923 Schon Lukács hatte 1935 mit Blick auf Hegels Anleihen bei Schiller gesprochen von: »Wie bei Hegel stets, falsch zitierten Versen.«924 Doch gerade dort, wo Hegel zur Dialektik vorstoße (bei dem Versuch der philosophischen Vermessung dieses Prozesses zielte Mayer immer deutlich daneben), zeige sich, dass die Berufung auf Faust zu Recht bestehe: »Das Faust-Motiv in der Phänomenologie des Geistes offenbart sich mithin nicht bloß im stationenhaften Aufbau des Hegelschen Philosophierens und des Goe theschen ‚Heldenlebens‘, sondern auch in der doppelten Suche nach dem Verweile doch, du bist so schön.«925 Der Ausgangspunkt Hegels wäre ein »gleichsam überpersonaler Faust«, der die geschilderte Entwicklung in der Phänomenologie durchlaufe. Es sei aus dem Gesagten zu folgern: »Die Parallelität zwischen Hegels großem Frühwerk und Goe thes Faust-Konzeption des I. Teiles, vom Dichter selbst unbemerkt, vom Philosophen sorgfältig und bewusst herausgearbeitet, reicht weit hinaus über die Wahlverwandtschaft zweier großer Gestalten der deutschen Geschichte und Kulturgeschichte, Goe thes Faust und die Grundzüge des Hegel-Systems sind auch in einem historischen und gesellschaftlichen 922 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 169f. 923 Ebd., S. 172. 924 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 34. 925 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 173. 393 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Verstande miteinander verknüpft, so dass ihre Zusammenschau durch die Zeitgenossen und die doppelte Ablehnung durch die Nachwelt hieraus eben erklärt werden muss.«926 Denn gerade Hegels Philosophie präsentiere sich als die Vollendung der europäischen Aufklärung, die Phänomenologie des G eistes wäre ein Werk der Aufklärung – ziele sie doch auf die Verwirklichung der Vernunft in der Welt. Eben dies bedinge »das immense Interesse der Marxisten, von Marx bis Brecht, an diesem Hegel-Ansatz des europäischen Denkens«.927 (Lukács und Harich fehlen hier und im dazugehörigen Kontext, wir notieren es nur.) Ähnliches gelte für Goe the. »Der Teufelspakt enthüllte auch für Faust jene dialektische Verknüpfung, die Hegel, als er das faustische Bewusstsein bei seiner Ausfahrt in die Welt darzustellen hatte, unter die Doppelbegriffe von Lust und Notwendigkeit stellte.«928 Faust, so spitzt Mayer seine Argumentation zu, sei bis zum Schluss getragen von den bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen des 18. Jahrhunderts, seine Dynamik gewinne die Faust-Figur durch die Kontrastierung mit der neuen und veränderten Umwelt.929 Goe thes Zeitgenossen hätte dies zutiefst befremdet – die nachrevolutionäre Existenz der Aufklärung ebenso wie die tiefe Ironie. Auch wenn Hegel lange Jahre nach Goe the suchte, die beiden eigentlich erst 1827 zueinander fanden, so sei die dann zu Tage getretene Übereinstimmung, verschiedenen kleineren und größeren Divergenzen zum Trotz,930 letztlich auch von einer Totalität gewesen, die ins Innerste beider reichte. So dass Mayer seine Überlegungen durchaus zutreffend mit der 926 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 174f. 927 Ebd., S. 176. 928 Ebd. 929 Vor allem: Ebd., S. 177ff. 930 »Es war also im letzten, in wichtigster Frage, doch nur eine scheinbare Übereinstimmung, wenn Hegel an Goe thes Tisch in Weimar, am 18. Oktober 1827, die Dialektik als den ‚methodisch ausgebildeten Widerspruchsgeist‘ bezeichnete, ‚der jedem Menschen innewohne‘, worauf Goe the, tief berührt von mancher Gemeinschaftlichkeit des Strebens, doch sogleich den Rückhalt bei der Natur zu suchen beschloss. Der Widerspruchsgeist in Hegels Fassung blieb, vom Menschen aus gesehen, passives Erleben und Erkennen. Goe the aber sah die Dialektik des Widerspruchs als schöpferisches Prinzip der Veränderung durch den Menschen, als Einheit aus Erkennen und Wirken.« (Ebd., S. 184f.) 394 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Bemerkung abschließt: »Hegel trat in Goe thes Leben erst spät, für wenige erfüllte Augenblicke. Doch ihre Affinität wurzelte, als jener Augenblick der Selbsterkenntnis gekommen war, vielleicht tiefer, als dies je zwischen Schiller und Goe the der Fall gewesen war.«931 931 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 185. Werbeanzeige in der »Täglichen Rundschau«, 1949 395 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Wir sind durch die Geschichte geeilt, den Jahren und Ereignissen auf der Spur. Das Goe the-Jubiläum 1949 und die damit zusammenhängende Herausbildung eines modernen marxistischen Goe the-Bildes, vorbereitet vor allem durch die frühen Arbeiten von Lukács, war der Auftakt dieses Buches. Die Geschichte in ihrer Brutalität musste in einem nächsten Schritt beleuchtet werden. Das Jahr 1956 brachte Umbruch, Einbruch, Einschnitt. In den sechziger Jahren kehrten Lukács, Bloch und Mayer aber zu Goe the, zu ihrem jeweiligen Goe the zurück. Es müsste nun noch Harichs Goe the-Bild und sein Verständnis von Kunst und Kultur aus den Jahren und Jahrzehnten nach seiner Haftentlassung rekonstruiert werden. Wichtige Anhaltspunkte dafür liegen vor: Die Freundschaft zu Lukács, die Bejahung des sozialistischen Erbes, die intensive Debatte beispielsweise um und mit Heinrich Heine. Nach seiner Haftentlassung begann Harich sofort mit der erneuten Arbeit an jenen Themen, die ihn vor 1956 beschäftigt hatten. Es ging um Hegel, natürlich, später trat Feuerbach hinzu, das Manuskript Widerspruch und Widerstreit entstand mit dem Ansatz einer Vermessung der idealistischen Philosophie. Harichs erste eigenständige Monographie nach der Entlassung war seine Abrechnung mit den Neo-Anarchisten der 68er-Bewegung in Zur Kritik der r evolutionären Ungeduld (erschienen 1971). Das Buch war, neben vielem anderen, ein klares Bekenntnis zum Marxismus. 1975 396 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge schließlich folgte Kommunismus ohne Wachstum. Beide Bücher erschienen im Westen. Aus literaturgeschichtlicher und philosophiehistorischer Perspektive ist jedoch ein ganz anderes Arbeitsfeld Harichs bedeutsam – seine groß angelegte Vermessung Jean Pauls. Auch dies war, im eigentlichen Sinne des Wortes, Rückkehr zu den Ursprüngen. (Bereits Harichs Vater hatte zu Jean Paul gearbeitet.) Denn wenn der Name Jean Paul fällt, dann ist im zweiten Satz sofort Herder zu erwähnen (über den Harich promoviert hatte), Weimar und Jena sind die geographischen Bezugspunkte, Goe the der vielleicht wichtigste Zeitgenosse. So überrascht es nicht, dass die Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung ein eigenes großes Goethe-Kapitel enthalten sollte. Als Harich sein Manuskript an den Akademie-Verlag schickte, war das Buch vollständig, im Verlag ging das Goe the- Kapitel dann »verloren«. Die Stasi erledigte nach wie vor ihre Arbeit. Der Text ist bis heute verschollen, das Rumpf-Buch erschien in Ost und West. In Jean Pauls Revolutionsdichtung steckt aber auch so genug Goe the, um Harichs Anschauungen nachzuvollziehen. Allein, wir erklären uns hier außer Stande, diese Arbeit zu leisten. Denn das Buch ist bis zum Bersten gefüllt mit Material, Interpretation, Analyse, so dass es sich der Zusammenfassung auf einigen Seiten schlichtweg querstellt. Der Leser muss selber lesen. Entdecken wird er dabei auch die Auseinandersetzung Harichs mit Lukács, dem Freund und Diskussionspartner, nicht aber der bedingungslosen Autorität.932 Es ist wichtig, das zu erwähnen, da Harich diese vermeintliche Lukács-Hörigkeit ja des Öfteren vorgeworfen wurde. Doch es ist noch nicht an der Zeit, uns von Harich zu verabschieden. Denn wenn wir bei seinem Denken verweilen, dann können wir unsere Reise durch die DDR abschließen – ein Weg, der vom Goe the-Jubiläum 1949 bis zur Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre führt. Der Aufbruch in 932 So lauten die Schlusssätze des Buches: »Sie (die Analyse der drei heroischen Romane Jean Pauls, AH) fußt auf dem Bild der klassischen deutschen Literatur, das Mehring und Lukács geschaffen haben, und ist beiden zu großem Dank verpflichtet. Aber sie will dieses Bild berichtigen und ergänzen an dem Punkt, wo es, bis heute zum Schaden des Traditionsbewusstseins der Linken, seine bedauerlichste Lücke aufweist.« Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung, S. 556. 397 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe eine bessere Zukunft mit Goe the, Ende und Zusammenbruch mit Nietzsche. Diese Kodierung spricht Bände. Man kann es drehen und wenden wie man will – ein Problem lässt sich immer finden. Da sich die intellektuellen und politischen Eliten der SBZ/DDR 1949 offensiv und deutlich zum großen humanistischen Erbe von Goe the bekannten, wird ihnen heute vorgeworfen, dass es natürlich nur um Instrumentalisierungen ging, darum, den »antifaschistischen Gründungsmythos« irgendwie zu untermauern.933 Dass man eigentlich statt Mythos Realität sagen müsste – das ist dann irrelevant angesichts der vermeintlichen staatlichen Vereinnahmung, die jedwede Diskussion unterdrückt habe. Die Kehrseite gibt es natürlich auch. Denn das Bekenntnis zu Goe the ging etwa einher mit einer Ablehnung der »barbarischen Irrlehre«934 von Nietzsche, wobei auch hier sofort der Vorwurf zur Hand ist: Wie konnte man nur, wiederum staatlich gelenkt, derart ausgrenzen. Man dürfe Nietzsche nicht nur »politisch lesen« usw. Legt man diese drei, fast beliebig ausgewählten Vorwürfe zusammen, so kommt man zu der These: Die keinesfalls antifaschistische (denn es war ja nur ein Mythos) DDR hätte statt Goe the auf jeden Fall Nietzsche feiern müssen. Lachen verbietet sich – das ist von den entsprechenden Personen durchaus ernst gemeint.935 Dem positiven Erbantritt korrespondierte natürlich auch eine Durchleuchtung der Vergangenheit unter Suche nach jenen Tendenzen, die die deutsche Katastrophe vorbereitet, ermöglicht hatten. Es war nicht nur zu diskutieren, wen der Marxismus in seine Ahnengalerie aufnehmen wollte, sondern auch, wer dort auf keinen Fall hineingehörte, da er Faschismus, Krieg, Rassismus, Imperialismus etc. ermöglicht, vorbereitet, gar legitimiert hatte. Eben diesem Unterfangen diente ja mehr als nur charakteristischer Art nach Paul Rillas Goe the in der Literaturgeschichte. Später dann 933 Diese These findet sich immer wieder, zuletzt bei: Ehrlich/Mai/Cleve: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, S. 7-32. Wir kommen auf das Buch zurück. 934 Harich: Rezension zu Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 41. 935 Dieses Kapitel ist in Teilen eine überarbeitete Version eines Vortrags von 2016. Ein erster Abdruck in der Broschüre: Heyer: Die Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahre, S. 21-34. Dort auch ein Brief Harichs an Walter Grab zur Erbe-Diskussion: Harich: Brief an Walter Grab vom 25. September 1988, S. 55-58. 398 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge in aller Breite Lukács’ Zerstörung der Vernunft. Alle unsere Protagonisten waren geeint durch die Auseinandersetzung mit den bürgerlichen bis faschistischen Verfälschungen des klassischen Erbes  – von Goe the und Hegel bis zu den großen humanistischen Entwürfen des 18. und auch 19. Jahrhunderts. Harich hat dies beispielsweise in seinen Editionsleistungen zu Rudolf Haym explizit ausgeführt.936 Auch wenn es in diesem Kapitel um die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre sowie die Rolle Wolfgang Harichs geht, so ist doch ein ganz kurzer Blick in die Geschichte zu werfen und explizit daran zu erinnern, dass die umfassende Kritik, die in der DDR an Nietzsche geübt wurde, nicht eine jener puren Bösartigkeiten der SED war, zu denen sie so neigte, sondern sich auf einen breiten Konsens stützen konnte, der vor allem die zweite Hälfte der vierziger und die fünfziger Jahre geprägt hatte. Kann man es den politisch, gesellschaftlich und kulturell Handelnden der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verdenken, dass sie ihren Versuch, Krieg und Faschismus für immer von deutschem Boden fernzuhalten, ohne die Philosophie von Nietzsche, ohne Carl Schmitt, Hans Freyer und Ernst Jünger angingen? Natürlich sind alle diese Personen und ihre Theorien differenzierter zu bewerten als dies in der SBZ und der DDR geschah. Doch dass man im sozialistischen Teil Deutschlands lieber Heinrich und Thomas Mann und Goe the rezipierte als Houston Stewart Chamberlain liegt in der Sache selbst begründet. Wer die Dokumente und Materialien des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses aufmerksam liest, der kann diesen Bezug auf das humanistische Erbe der Vergangenheit gut erkennen – ebenso die von Amerika ausgehenden Versuche der Zerstörung dieses Ansatzes gesamtdeutscher kultureller Besinnung und Bestimmung.937 Die Abrechnung mit jenen Tendenzen der Vergangenheit, die dabei geholfen hatten, den Faschismus in Deutschland vorzubereiten, stand neben anderen Dingen im Mittelpunkt des Interesses – von Paul Rillas 936 Siehe exemplarisch: Haym: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken. Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch. 937 Reinhold/Schlenstedt/Tanneberger: Erster Deutscher Schriftstellerkongress. Darin beispielsweise die Rede von Melvin J. Lasky. Aufgearbeitet bei: Heyer: Die ersten Schriftstellerkongresse in der DDR, 1947-1952, S. 85-124. Siehe zudem die entsprechenden Ausführungen von Werner Mittenzwei und Hans Mayer. 399 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Goe the in der L iteraturgeschichte über Hans Mayers Unendliche Kette bis zu Georg Lukács’ Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur. (Wir sind diesen Autoren und ihren Werken auf den zurückliegenden Seiten gefolgt.) Ob man zur Aufarbeitung der Vergangenheit wirklich den alles zertrümmernden und doch säuberlich scheidenden Dampfhammer von Lukács benötigt, das muss jeder für sich selbst entscheiden, einen Hammer braucht man aber auf jeden Fall. Harich, um den es auf den folgenden Seiten vor allem geht, hat die gerade angetippte Situation wie folgt beschrieben  – in einem Brief an den Leiter des Akademieverlages vom 26. Juli 1982: »Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger in Neuruppin einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des Bayreuther Bundes an, dessen dortige Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Oswald Spengler ein. Das spielte sich ab vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkriegs. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es vor allem deswegen immer wieder, weil die Menschen nicht genügend Phantasie hätten, sich vorzustellen, was ein Krieg ist. Damit ich davon eine realistische, illusionslose Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Barbusse, Gläser, Remarque, Renn, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Einfluss dieser Lektüre lernte ich den gleichzeitig genossenen Nietzsche nachhaltig und von Grund auf verabscheuen. Auch später hat er mich nie interessiert, geschweige denn irgend einen Einfluss auf mich ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültige und abschließend Zutreffende, was über Nietzsche gesagt werden kann. (Jetzt kommt der entscheidende Satz, AH.) An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest.«938 938 Harich: Brief über Nietzsche, S. 275f. 400 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge In einigen Arbeiten und Studien zu Harich wird gefragt, inwieweit seine autobiographischen Äußerungen zutreffend sind. Dies führt teilweise soweit, dass Forscher, die eigentlich nicht durch Arbeiten zur DDR-Philosophie der akademischen Öffentlichkeit bekannt sind, Mutmaßungen anstellen über »Schlüsselerlebnisse«, »Umbrüche« etc., die Harich geprägt hätten und dafür verantwortlich wären, dass er Nietzsche ablehne, obwohl er biographisch sowie auf Grund seiner Sozialisation (oder weil er einen bestimmten Lehrer gehabt habe oder aus Neuruppin komme) eigentlich Nietzsche-freundlich sein müsse. Derartige Kaffeesatzleserei markiert das Ende der Wissenschaft – und gebärdet sich natürlich Nietzsche-freundlich. Ein Beispiel derartiger »Lehrer-Psychologie« liefert der Beitrag von Matthias Steinbach, der zwar außer diesem einen Text noch nie eine Zeile zur DDR publiziert hat, sich aber dem laut vorgetragenen Selbst-Anspruch nach besser auskennt als jeder Experte.939 In der Diskussion zu seinem einen Beitrag führte er dann aus: »Harich ist, das ist meine feste Überzeugung, durch den Neuruppiner Einfluss, den Lesezirkel, ein begeisterter Leser und Kenner Nietzsches geworden, und zwar nicht ex negativo von Anfang an, sondern positiv.«940 Das ist nun das genaue Gegenteil von dem, was Harich gesagt hatte. Den Grund dafür liefert Steinbach mit: »Harich ist übrigens ein wunderbarer Schwindler und Lügner. Der lügt sich alles zurecht im Ahnenpass.«941 Woher Steinbach das alles weiß? Man weiß es nicht. In einem Archiv habe ich ihn nie getroffen. Aber er kennt Harich besser als dieser sich selbst, wie gesehen sogar die frühesten Kindheitserlebnisse. 1996 konnten Manfred Riedel und Gunnar Decker mit einigem Goldgräberpathos verkünden, dass es einen von ihnen »gefundenen« Text Harichs gebe, der, im Februar 1956 im Kurier publiziert (Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts), nicht dessen Nietzsche-Kritik, sondern ein überaus positives Nietzsche-Bild transportiere.942 Nun war a) dieser Fund beileibe keine Sensation und b) ist sicherlich jedem das Recht auf intellektuelle Entwicklung zuzusprechen, auch Wolfgang Harich. Für Riedel und De- 939 Steinbach: Der Donnerer hinter der Mauer, S. 5-20. 940 Mitschrift der Diskussion, S. 51. 941 Ebd. 942 Gemeint ist: Harich: Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts, S. 3f. 401 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe cker freilich stand außer Frage, dass von Entwicklung nur gesprochen werden könne, wenn diese bereits vorher festgelegte Ziele anvisiere. Anders formuliert: Aus Nietzsche-Kritik dürfe Nietzsche-Lob werden – der umgekehrte Prozess sei immer falsch.943 Und so überrascht es nicht, dass Riedel und Decker jene geistigen Emanzipationskämpfe Harichs, die ihn zu einem der bedeutendsten Marxisten des 20. Jahrhunderts werden ließen,944 mit weinenden Augen betrachten: »Drama eines Konvertiten, Folge unglücklicher historischer Wendungen – oder Posse, Narrenstück eines ewig Leichtfertigen, der mit mörderischem Ernst spielte? Ganz unvermeidlich stellt sich Melancholie ein angesichts der ausgebliebenen Blüte eines in den Anfängen so reichlich gesäten Geistes.«945 Im Nachlass von Wolfgang Harich befinden sich verschiedene Manuskripte, die Anfang der vierziger Jahre unter dem Einfluss von Nicolai Hartmann und Eduard Spranger an der Berliner Humboldt-Universität entstanden. Es sind die frühesten schriftlichen Studien Harichs. Verschiedene seiner späteren Kritikmuster klingen in diesen Manuskripten, u. a. in Einführung in die E rkenntnistheorie und Erlebnis und Bildung, bereits an. So findet sich eine, noch aus kulturell-wissenschaftlichen Motiven gespeiste Kritik an Nietzsche, Schopenhauer, Leibniz und an einigen mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Denkern. Das vermeintliche frühe Nietzsche-Bild Harichs, jenes aus dem Kurier, wird durch diese 943 Dies ist durchaus programmatisch zu sehen. Wenn man, wie der Autor dieser Zeilen, vorsichtig anfragt, ob denn nicht Nietzsche vielleicht doch jene Stimmung im deutschen Volk miterzeugt habe, die dann von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, so wird man als Harich-Apologet bezeichnet (es soll eine Beschimpfung sein) – als ob man nicht selbst darauf kommen könnte mit gesundem Menschenverstand. Diesem Vorwurf kann man nur entgehen, wenn man Nietzsche »verstehen möchte«, ihn nicht »nur politisch« liest etc., sondern ästhetisch, künstlerisch, in den Diskursen seiner Zeit. Diese Position bezeichnet dann das so genannte »freie Denken« – als ob dergleichen nicht schon hunderte Male geschwätzt wurde. Nachzulesen ist das Ganze in der Diskussion: Mitschrift der Diskussion, S. 35-54. 944 Hierzu: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, 1946-1956, S. 32- 63. Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. 945 Riedel/Decker: Weltenwechsel, S. 132. Noch subjektiver äußerte sich Riedel dann in seiner ausschließlich von Vorurteilen bestimmten und dadurch zutiefst unwissenschaftlichen Monographie Nietzsche in Weimar. 402 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Manuskriptfunde nicht bestätigt, ganz im Gegenteil. Der von Riedel und Decker neuedierte Text nimmt also eine Ausnahmestellung im Denken Harichs ein, bezeichnet keine Tendenz. Hinzu tritt die von Riedel und Decker völlig ignorierte Aussage Harichs, dass der Text eine Fälschung sei, nicht von ihm stamme. Sein Nachlass im Amsterdamer Internationalen Institut für Soziale Geschichte (IISG) bestätigt diese Aussage. Nicht zuletzt war es der einzige Artikel, der erst nachträglich, am nächsten Tag, in einer kleinen Notiz Harich zugeschrieben wurde, im Original aber ohne Namensnennung erschienen war. Schon vier Monate nach Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts leistete Harich (so er überhaupt der Autor ist) dann wieder eine deutliche Kritik an Nietzsche. In seinem Artikel über Ernst Jünger im Aufbau stehen 1946 Spengler und Nietzsche gleichberechtigt nebeneinander. Zusammen mit Spenglers Untergang des Abendlandes repräsentiere »Nietzsches Herrenmoral«946 den Kampf gegen die fortschrittlichen Kräfte. Jüngers Ästhetisierung des Krieges sowie die dieser Literatur entsprechende Politik sei durch Nietzsche ermöglicht worden. »Dafür lieferte Friedrich Nietzsches Lehre vom ‚Übermenschen‘ ihm (d. i. Jünger, AH) das ideologische Rüstzeug, mit dem er der Grausamkeit die strahlende, pathetische Weihe eines neuen, höheren Ethos gab. Was Nietzsche verkündet hatte, steigerte Jünger zu einem unverhüllten, brutalen Zynismus, der in einer Sprache von eherner Geformtheit doch faszinierend wirkte.«947 In den gerade angesprochenen frühesten Manuskripten Harichs sind die Erbteile der bürgerlichen Kulturauffassung in grundlegender Funktion enthalten. Die »klassischen« Werke bürgerlichen Denkens, gerade diejenigen, die die Weimarer Zeit prägten, sind in positiven Konnotationen präsent – von Weininger bis Spengler, von Heidegger (»mit seinem genialen Buch Sein und Zeit«948, wie es heißt) bis Jaspers. Man merkt den entsprechenden Passagen Harichs aber auch an, dass das verteilte Lob sich aus jenen Motiven speiste, die später seine Kritik eben dieser Werke stimulierten. Harich konnte, um es einfach zu formulieren, ohne radikale 946 Harich: Ernst Jünger und der Frieden, S. 557. 947 Ebd. 948 Harich: Einführung in die Erkenntnistheorie, S. 446. 403 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Brüche oder Kehrtwendungen von A nach B kommen – im Rahmen einer intellektuellen Entwicklung, die nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich war – vermittelt durch Lektüre von und Studien zu Lenin und Lukács. Unbedingt hervorzuheben ist außerdem ein weiterer Punkt. Gerade Erlebnis und Bildung transportiert in aller Deutlichkeit Harichs frühe Kritik am Nationalsozialismus. Selbst wenn es eine partielle Übernahme beispielsweise Heideggerscher Gedanken gab, so war doch für Harich die entscheidende Trennlinie zu den Tendenzen und den realen Entwicklungen der Kriegsjahre klar. Dem »Ja« zu Humanismus und Bildung korrespondierte das deutliche »Nein« zu Nationalsozialismus und Krieg. Dabei sah Harich zudem die tiefe Verwurzelung charakteristischer Merkmale der nationalsozialistischen Ideologie und Diktatur in der Gesellschaft. In einer Fußnote von Erlebnis und B ildung schrieb er (um 1942): »Es hat mich zutiefst erschreckt, als ich bemerken musste, dass die notwendigen soldatischen Verhaltensweisen im Felde einem bereits als Kind, verborgen im selbstgenügsamen Sport und in den dazugehörigen Spielen, beigebracht wurden, wie man auf den Krieg gedrillt wurde, ohne es zu ahnen. Das eben ist die tiefe Schuld unserer Erziehung, dass sie uns Kindern vormachte, wir würden für das Leben geschult, während sie uns systematisch zum Krieg und mithin zur Vernichtung des Lebens erzog! Das ist wohl vor dem Zweiten Weltkrieg in allen Ländern der Fall gewesen. Gerade die Erzieher, sowohl die ‚alten Knochen‘, als auch die jungen ‚Himmelsstürmer‘ hatten vom Ersten Weltkrieg noch nicht genug und fieberten auf den zweiten. Hinter ihrem Scheinpatriotismus verbarg sich die Wut über das Aufblühen einer neuen Jugend, ein Aufblühen, das ihnen selbst versagt geblieben war!«949 Und an anderer Stelle heißt es: »Vor allem pflegt der kollektiv gezüchtete politische Hass zu versiegen, wenn man sich reflektiv mit seinen Ursachen und seiner Berechtigung beschäftigt. Deshalb sind Nachdenken und Objektivität auch jenen politischen Führern so tief verdächtig, die den kollektiven Hass in den Gemütern ihre Gefolgsleute als politische Waffe und als seelischen Kraftquell militärischer Anstrengungen benötigen. Vor allem pflegt die heutige Führung in Deutschland dem deutschen 949 Harich: Erlebnis und Bildung, S. 600f. 404 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Volk vorzuwerfen, es sei viel zu human, viel zu objektiv und denke viel zu viel nach. Das sei gewissermaßen eine deutsche Nationalschwäche. Ich kann das nun eigentlich nicht finden, besonders wenn ich an den deutschen Antisemitismus denke! Jedoch hat die heutige deutsche Führung in dieser ihrer Auffassung einen klassischen Fürsprecher – in Heinrich von Kleist. Bekanntlich lässt Kleist Hermann in der Hermannsschlacht selbst die germanischen Dörfer niederbrennen, um dann die Nachricht verbreiten zu können, das seien die Römer gewesen. Hermann will durch dieses und durch viele andere Mittel seinen Germanen ihre humane Objektivität gewaltsam austreiben, und zwar in der Auffassung, dass diese die Kampfmoral schwäche. Wahrhaft gekämpft wird nur dann, wenn nicht nachgedacht wird. Die Ungebrochenheit des kämpferischen Mutes ist nur möglich auf dem Grund eines reflektionslos ausschließlichen Hasses.«950 Nach diesen wichtigen Anmerkungen zur Frühgeschichte des Denkens von Harich, das sich in seinen zentralen Aussagen ohne die Annahme von angeblichen Brüchen oder Zensuren in wichtigen Kontinuitätslinien bis hin zu seinem Spätwerk verankern lässt, auf der Basis der Skizzierung intellektueller Entwicklungsprozesse (siehe hierzu Harichs Anmerkungen in den Hartmann-Manuskripten), ist nun die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre zu rekonstruieren. Von 1979 bis 1981 war Harich in Österreich und der Bundesrepublik politisch und publizistisch aktiv – er widmete sich dort der ihm so wichtigen ökologischen Frage und entwickelte sein Konzept aus Kommunismus und Wachstum mit Blick auf die Ideen des Feminismus und der Rätedemokratie weiter.951 Während seines Aufenthaltes im Westen konnte er auch – viel besser und deutlich näher vor Ort als einige seiner späteren Kritiker – Anzeichen eruieren, die er dahingehend deutete, dass nicht nur in den bürgerlichen Schichten des Westens, sondern auch in linken Kreisen die Philosophie von Nietzsche wieder Gegenstand der Diskussion und Rezeption wurde. Nach seiner Rückkehr in die DDR war er dadurch 950 Harich: Erlebnis und Bildung, S. 579. 951 Die entsprechenden Schriften und Manuskripte liegen mittlerweile gesammelt vor. Harich: Ökologie, Frieden, Wachstumskritik. Siehe hierzu: Heyer: Die Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept, S. 569-670. Außerdem die Dissertation von Alexander Amberger: Bahro, Harich, Havemann. 405 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe für dieses Thema sensibilisiert und setzte sich frühzeitig dafür ein, dass Nietzsche nicht auch im sozialistischen Teil Deutschlands »salonfähig« werde. Den verschiedenen Bestrebungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Nietzsches Philosophie stand er von Anfang an kritisch und mahnend gegenüber (aber nicht vollständig ablehnend). Dabei ging es um verschiedene Punkte: Zuerst um die von Eike Midell geplante Nietzsche-Biographie, sodann um eine eventuelle Auswahl aus den Werken Nietzsches in einer DDR-Ausgabe, die auch durch Kommentare, Einleitungen, Stellungnahmen etc. dessen inhumanes Schaffen abbilden sollte, zudem um das von Stephan Hermlin verantwortete Deutsche Lesebuch, in das dieser Nietzsches Mistral-Gedicht aufgenommen hatte, schließlich um eine umfassende Kritik der Philosophie Nietzsches vom marxistischen Standpunkt aus. Und genau hier begannen die von Harich georteten Probleme: Denn eine explizite und intellektuell fundierte marxistische Kritik Nietzsches gab es ja bereits. Nicht nur an die Werke von Franz Mehring und Hans Günther ist dabei zu denken, sondern vor allem an die Ausführungen seines Weggefährten Georg Lukács – gebündelt und zusammengeführt in der Zerstörung der Vernunft. In den fünfziger Jahren hatte Harich mit Blick auf die Erbepflege der DDR mehrfach angemahnt, dass die unterschiedlichen Bereiche und Anknüpfungspunkte an die überlieferten Traditionen in einem intakten Verhältnis zueinander stehen müssen. Mit anderen Worten: Wenn beispielsweise Goe the oder Bach oder Heine intensiv im Sozialismus rezipiert würden, dann müssten ähnliche Bestrebungen auch Kant oder Hegel gelten. In den achtziger Jahren wandte Harich dieses Verfahren erneut an. Er verknüpfte dergestalt die Fälle Lukács und Nietzsche. Es war eine relativ einfache Frage, die er stellte: Warum beschäftige man sich mit Nietzsche, warum drucke man Nietzsche, wenn gleichzeitig das Werk und die Philosophie von Lukács nach wie vor unter dem Bannstrahl vergangener Zeiten stünden? (Auf Harichs Positionierung zu den leisen Rehabilitierungsversuchen durch Werner Mittenzwei und die entsprechenden Lukács-Editionen der späten DDR wurde bereits verwiesen.) Oder, mit Harich von der anderen Seite formuliert: Müsse man nicht zunächst mit der Rehabilitierung von Lukács beginnen, um überhaupt jenes Fundament zu schaffen, 406 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge auf dem man sich mit Nietzsche ernsthaft beschäftigen könne?952 (Dieses Argument wurde dann in seinem Beitrag in der Sinn und Form zentral.) Von offizieller Seite (Höpcke, Schirmer, Hager, Hahn etc.)953 wurden Harich immer wieder Versprechungen gemacht: Dass seine Stimme wichtig sei, dass er Gehör finde, dass er Teil der Debatte werde. Doch dies waren nur Ablenkungsmanöver, denn wo immer es ging, unternahm die Partei, assistiert von ihren philosophischen Schergen, alles, um Harich weiter zu isolieren, ihn mundtot zu machen, ihn aus jedweder Debatte und Öffentlichkeit herauszuhalten. Gerade das unwürdige Gezerre um seinen heute noch bekannten Lukács-Aufsatz zeigt deutlich an, welch falsches Spiel die Partei mit ihm trieb. Als Kommunist, als Marxist – der war Harich mehr als viele andere – versuchte er alles, um seinen Lukács-Aufsatz in irgendeiner Form in der DDR zu publizieren: Doch es half nichts, die SED jagte ihn erneut in den Westen. Obwohl Harich sich immer gesträubt hatte, erschien Mehr Respekt vor Lukács! in der Wiener Zeitschrift Aufrisse. Denn Respekt wollte die SED Lukács nicht zollen, trotz aller windschiefen und sich windenden Stellungnahmen der zurückliegenden Zeit. Und Harich hatte mehr als deutlich geschrieben, dass Lukács der Marxist sei, nicht seine Ächter. (In seinem Nachlass füllt der Briefwechsel um den Aufsatz mit Hager und Konsorten ganze Ordner – dort kann man all die Vertröstungen, falschen Versprechen, Lügen nachlesen, mit denen Harich in diesen Jahren von der Partei überzogen wurde.) Man muss diese Konstellation vor Augen haben, um Harichs Rolle und sein Engagement in der Nietzsche-Kontroverse richtig beurteilen zu können. Anders als üblicherweise zu lesen ist, ging es ihm am Anfang (in 952 Anne Harich hat die Erinnerungen an ihren Mann um diese »Leitfrage« aufgebaut und bietet wichtige Einblicke, Hinweise etc., die für die Forschung unverzichtbar sind. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. 953 Es ist mehr als nur merkwürdig, wenn man sich anschaut, wie diese Herren, abseits jeder Realität, heute in ihren Memoiren diese Dinge und Vorgänge schildern. Damit sind noch nicht einmal die Verfälschungen der Geschichte gemeint. Sondern etwa solche Unverschämtheiten wie die, dass etwa Höpcke, der am Überwachungssystem der DDR-Kultur und DDR-Wissenschaften maßgeblichen Anteil hat, Harich »schlechten Stil« vorwirft, nachdem er über Jahrzehnte jedwedes Verbrechen des Systems in seinem Teilbereich mittrug. Höpcke: In den Orkus mit ihm oder ins Bücherregal?, S. 161-177. 407 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe den frühen achtziger Jahren) vor allem darum, eine öffentliche Debatte über Nietzsche gerade zu vermeiden. Mehrfach verwies er darauf, dass, wenn er seine Meinung und Position öffentlich äußern würde (was die Partei und namentlich Schirmer und Höpcke mehrfach vorschlugen und zugleich »hintenherum« mit irgendwelchen Tricks etc. verhinderten), ein »Rummel«, »noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen vom Schlage eines Hermlin«, kaum zu vermeiden wäre.954 Ja, noch Ende der achtziger Jahre hielt Harich an dieser Einstellung fest. Um ein Beispiel zu nennen: Im November 1987 plante der Kulturbund der DDR, Abteilung Magdeburg, für das darauf folgende Jahr in der Reihe Wissenschaftliche Streitgespräche eine Diskussion zwischen Heinz Pepperle und Harich.955 Letzterer lehnte eine Teilnahme ab, da a) Pepperle ähnliche Einladungen in Berlin bereits ausgeschlagen habe und b): »Als der eigentliche Schöpfer der faschistischen Ideologie kann Nietzsche in einem sozialistischen Land nicht Gegenstand geistiger Auseinandersetzung sein.«956 Die Position, die Harich direkt in der Debatte bezog, ist zwischen diesen beiden Äußerungen anzusiedeln und steht zu ihnen nicht im Widerspruch: »Natürlich wäre es falsch, über Nietzsche partout zu schweigen, doch wo es unumgänglich ist, über ihn zu reden, da müssen die Maßstäbe stimmen, nach denen er beurteilt wird.«957 Im fünften Heft des Jahres 1986 der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlichte der gerade genannte Heinz Pepperle den Aufsatz Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, der Harichs Kritik herausforderte.958 Seine Antwort erschien genau ein Jahr später unter dem analogen Titel. Diese zwei Beiträge lösten wegen ihrer antagonistischen Ausrichtung dann die Nietzsche-Debatte aus, die durch Stephan Hermlin und dessen Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR im November 1987 weiter angeheizt wurde. Mit Behauptungen – wie: »Für Harich manifestiert sich Kul- 954 Harich: Brief über Nietzsche, S. 285. 955 Kulturbund der DDR, Stadtleitung Magdeburg: Brief an Harich, 1 Blatt, 25. November 1987. 956 Harich: Brief an Herrn Gandner, 2 Blatt, Zitat Blatt 1. 957 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1048. 958 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 934-969. 408 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge turpolitik vor allem durch Verbote und Vernichtung (…).«959 – und durch entstellende Zitate eines privaten Briefes von Harich an Hermlin stellte er diesen mehr als nur bloß. Sein Referat endete mit dem Sätzen: »Wo eine solche Stimme sich erhebt, warten andere auf ihren Einsatz. Es ist die Stunde der gebrannten Kinder. Auch ich bin ein gebranntes Kind.«960 Doch es erhoben sich nach Harich keine Stimmen, die ihm in der DDR zur Seite sprangen (als Prophet ist Hermlin also ebenso gescheitert wie als Autobiograph), ganz im Gegenteil verschärfte sich noch die Kritik an ihm. Hermann Kant verglich Harich mit Pol Pot961 und im ersten Heft der Sinn und Form von 1988 wurde Hermlins Rede erneut abgedruckt – diesmal waren ihm als Adjutanten beispielsweise Manfred Buhr und Gerd Irrlitz zur Seite gestellt.962 (Exakt jenes Szenario war entstanden, vor dem Harich eindringlich gewarnt hatte.) Die Fotos, die dem gerade erwähnten Sammelband des X. Schriftstellerkongresses beigegeben sind, zeigen uns dann Hermlin und Kant neben Erich Honecker. Und es war schon eine wirklich merkwürdige Koalition die da entstanden war: Kant, Hermlin, Irrlitz, Buhr (dazu die erwähnten Hager, Höpcke, Hahn, Schirmer etc.) und viele andere sahen sich genötigt, »ihre Freiheit«, das »freie Denken«, »ihre sozialistische Zukunft« zu verteidigen gegen den »Öko-Stalinisten« (so ja der Autor der Jungen Freiheit Günter Maschke mit Blick auf Kommunismus ohne Wachstum) Harich, der für ebendiese Freiheit – in ihrer wirklichen Bedeutung – Jahre des Leides im Zuchthaus in Bautzen verbracht hatte. Nationalpreise und Gratifikationen des sozialistischen Staates konnte er in dieser Zeit und in den Jahrzehnten danach nicht annehmen – das zuerst unterscheidet ihn von den gerade Genannten. 959 Hermlin: Rede, S. 73. 960 Ebd., S. 77. 961 Kant: Rede, S. 44f. Kant sprach dort von Harichs »Polpotterien«. 962 Das Heft 1, 1988, der Sinn und Form enthielt die Beiträge: Hermlin: Von älteren Tönen, S. 179-183; Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 183-186; Böhme: Das Erbe verfügbar besitzen, S. 186-189; Känder: »Nun ist dieses Erbe zu Ende …«!?, S. 189-192; Irrlitz: »Ich brauche nicht viel Phantasie«, S. 192-194; Eckardt: Im Schnellgang überwinden?, S. 195-198; Richter: Spektakulär und belastet, S. 198-200; Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 200-210; Pepperle: »Wer zuviel beweist, beweist nichts«, S. 210-220. 409 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Es ist hier leider nicht der Platz, die Debatte in der Sinn und Form in ihren verschiedenen Facetten exakt nachzuzeichnen. Herausgegriffen sei der zentrale Punkt, dessen Intentionen in den bisherigen Ausführungen bereits anklangen. Es war die Kritik an Lukács, die Harichs Stellungnahme herausforderte und motivierte: »In Georg Lukács greift er (Pepperle, AH) den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an.«963 In seinem Beitrag hatte Pepperle Lukács zwar gelobt, diesen aber tatsächlich weder in die Tradition marxistischer Nietzsche-Kritik eingereiht, noch dessen Position gleichsam als Folie seiner eigenen Ausführungen benutzt. Und so verbergen sich hinter dem offensichtlichen Lukács- Lob Momente der Kritik, die Harich registrierte. Ein Beispiel: »In der Tat 963 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1018. Weiter heißt es dann: »Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren.« Hermlin, Honecker und Kant auf dem X. Schriftstellerkongress, 1987 410 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge gehört Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr zu seinen unschuldigen Gedanken, und Lukács’ Polemik ist in diesem Punkte überzogen.«964 Was Harich zudem wirklich störte, war, dass Pepperle – eben genau hier verlässt er Lukács – die Verbindung von Nietzsches Philosophie mit dem Faschismus ein Stück weit kappte: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm findet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit, er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. (…) Doch dies ist nur eine Seite. Es gibt auch eine andere. Erstens waren es eben doch Nietzsches Worte, die die Faschisten im Munde führten (…). Nietzsche hat Lehren vertreten und Gedanken formuliert, die tatsächlich, wie Ernst Bloch einmal schrieb, ‚faschistisch brauchbar‘ waren.«965 An dieser Stelle wollte und musste Harich intervenieren, denn es widersprach zutiefst seiner Weltanschauung und Geschichtsphilosophie, Nietzsche als Missbrauchsopfer zu sehen, denn das impliziert, dass er auch richtig gebraucht werden könne. Harich hatte immer, darin wusste er sich mit Lukács, Bloch, Paul Rilla und vielen anderen einig, darauf hingewiesen, dass die Nazis Hegel, Goe the, Herder, so manchen Aufklärer und die meisten Vertreter der klassischen idealistischen Philosophie verfälscht hätten, um sie in ihre Traditionslinien einbeziehen zu können. Bei Nietzsche, so seine unumstößliche Position, sei dies nicht nötig gewesen. (Dagegen muss man erst einmal wirklich argumentieren. Die üblicherweise vorgetragene Rede vom »un-politisch« zu lesenden Nietzsche reicht da nicht aus.) Peter Feist hat den Streit zwischen Harich und Pepperle einmal als Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten bezeichnet.966 In diesem Punkt ist ihm zuzustimmen, es ist aber zu ergänzen, dass es auch ein Streit über unterschiedliche Themen war. Während Pepperle die Auseinandersetzung mit Nietzsche beleben wollte, war Harichs Position, dass Lukács 964 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 937. 965 Ebd., S. 965. Gegen diese Einschätzung waren schon in der SBZ, in den ersten Jahren der DDR viele Argumente von vielen Stimmen geltend gemacht worden, siehe die entsprechenden Nachweise bei: Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. 966 Feist: Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten, S. 289-300. 411 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe dazu Wichtiges bereits gesagt habe. Pepperle ging es um die Verteidigung einer Freiheit der Diskussion abseits ideologischer und moralischer Determinanten, Harich ging es um die Grundbedingungen und Konstanten marxistischen Denkens, um das Erbe von Lukács, um moralische Maßstäbe als Vorbedingung marxistischen Philosophierens. Mit dem Untergang der DDR verlor natürlich auch die Debatte um Nietzsche ihre aktuelle Dimension – gleichzeitig wurde der Umgang mit Nietzsche aber in andere Kontexte gestellt. Harich blickte so mancher neuen Diskussion entgegen und neben vielen tagespolitischen Herausforderungen, denen er sich mit aller notwendigen Energie stellte – zuvorderst ist dabei natürlich sein bis in die vierziger Jahre zurückreichendes Engagement für die deutsche Einheit zu nennen, das ihn nunmehr an die Spitze der Alternativen Enquetekommission führte967 –, blieb er auch seinen alten Freunden ebenso wie den Theorien der frühen Jahre verbunden. Von daher überrascht es nicht, dass sein letztes Buch, welches er noch veröffentlichen konnte, mit Nietzsche und seine B rüder betitelt ist (entstanden 1989, danach aktualisiert und gedruckt). Und es ist auch kein Zufall, dass das Werk erneut Diskussion mit und für Lukács ist – Harichs immerwährender Kampf. Im Rückblick auf die Nietzsche-Debatte heißt es: »Für Lukács wäre es eine nicht nachvollziehbar irrsinnige Vorstellung gewesen, dass Nietzsche im sozialistischen Teil der Welt jemals auch nur einen Millimeter an Boden zurückgewinnen könnte. Desgleichen hätte er das Auftreten von Nietzscheanern auf einem DKP-Symposium für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Und nicht dem leisesten Zweifel kann es unterliegen, dass er, hätte er diesen Tiefstand noch erlebt, davor aufs Eindringlichste gewarnt und mit aller Energie dagegen angekämpft haben würde. Soviel steht fest.«968 Yves Deville, der sich als Übersetzer und Herausgeber um Harich und Lukács in Frankreich echte Verdienste erwarb, hat Nietzsche und seine Brüder im Schaffen Harichs verankert: »Harich hat in seinem Kulturleben viele Kämpfe ausgefochten, immer zu Gunsten eines zu Unrecht 967 Hierzu: Prokop: Wolfgang Harich und die Alternative Enquete-Kommission, S. 70- 82. 968 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 99. 412 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Angegriffenen oder Verkannten. Er ist für Brecht eingetreten – dem ‚Formalismus‘ vorgeworfen worden war –, er hat für Hegel eine Lanze gebrochen – dieser sollte in der DDR der 1950er Jahre der Bedeutungslosigkeit anheimfallen –, er hat sich um das Werk Georg Lukács’ stark verdient gemacht, um die Anerkennung der Ontologie Nicolai Hartmanns und für ein neues Verständnis von Jean Paul gekämpft. Er machte sich stets Gedanken über die Probleme von Wandel und Kontinuität der kulturellen Werte in einem Land, das den Sozialismus aufbaut. Doch sein ausgesprochen integrativer Geist sperrt sich, als Nietzsche ihm in die Quere kommt. Nietzsches Werk erregt bei ihm nur Kritik und Widerwillen.«969 Harich erscheint bei Deville anders als üblich nicht als ewiger »Nörgler«, sondern habe ganz bewusst Entscheidungen für und wider philosophische Lehren und Theoreme getroffen. Und ein Weiteres ist wichtig: Deville sieht die Kontinuität der Nietzsche-Kritik Harichs: »Harich legt genauso viel Elan in seine Widerlegung Nietzsches wie in seine früheren solidarischen Hilfeleistungen bei anderen Denkern. Er zeigt den gleichen Mut und die gleiche Entschlossenheit, diesmal aber erfüllt er zähneknirschend den selbstgestellten Auftrag. Seine Verdrossenheit gegenüber Nietzsche ist schon alt, älter als seine Hinwendung zum Marxismus oder die Gründung der DDR, sie tritt in den 1980er Jahren wieder auf und ergibt sich aus einer kritischen Beurteilung mancher Entwicklungen im eigenen Land und in ganz Europa. Bereits mit 19 Jahren schrieb er an Ina Seidel, deren Sohn er vom Studium kannte: ‚Ich betrachte Nietzsche doch als meinen persönlichen Feind!‘ Sein bewährter Freund heißt damals Hegel.«970 Dieser »Geist« habe Harichs Nietzsche und seine Brüder geprägt – eine Schrift, die in Frankreich positiv aufgenommen wurde. Die Nietzsche-Freunde unter den Lehrern müssen das so kommentieren: »Spricht aber nicht gerade für die Franzosen.«971 Natürlich, denkt man, die wirkliche europäische Aussöhnung kann nur im Zeichen Nietzsches stattfinden. Der letzte derartige Versuch begann 1933, auch da klatschte das Bildungsbürgertum. 969 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 310. 970 Ebd., S. 310f. 971 So Matthias Steinbach in der: Mitschrift der Diskussion, S. 47 413 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Wenn Harichs Stellung zu Nietzsche in den Fokus rückt, dann ist dem zumeist sein Diktum beigegeben: »Ins Nichts mit ihm!«972 Und dieser Ausspruch, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus beendet, wird dann zumeist so gedeutet, dass Harich, etwa im Besitz des Feuerzeuges von Erich Honecker, den Nachlass Nietzsches und jede Gedenkstätte, hätte man ihn nur gelassen, den Flammen überantwortet hätte. Aber es ist doch Zweierlei, es ist zu differenzieren zwischen dem, was man in einer Debatte zugespitzt fordert, und dem, wie man tatsächlich handeln würde. Noch einmal kann Yves Deville zitiert werden, der von Frankreich aus genauer sah als so mancher deutsche Kritiker: »Harich geht es nicht darum, Nietzsche ins Nichts zu entlassen bzw. zu schleudern; in tiefster Besorgnis um eine demokratische Zukunft, möchte er jedoch auf die ernsthaften Implikationen hinweisen, die ein nonchalanter Umgang mit Nietzsche mit sich bringen würde. Er stemmt sich vehement gegen die gängige Meinung, Nietzsche sei als kulturelle Autorität und Meister der Philosophie einzuschätzen. Er selbst kennt keinen gewichtigen Grund, ‚uns erneut, uns immer noch einem Nietzsche zuzuwenden‘.«973 In diesem Sinn sind auch die letzten Sätze Harichs aus Nietzsche und seine Brüder zu lesen. Dort – Harich ist ja im Interview/Gespräch mit sich selbst, mit seinem Pseudonym Paul Falck – heißt es: »(WH) Wir können es uns unter keinen Umständen leisten, die Identität der DDR aufs Spiel zu setzen, und die steht und fällt mit ihrem zuverlässigen, kompromisslosen Antifaschismus, um den es schlecht bestellt wäre, gäbe sie dem Druck nach, Nietzsche in ihre Erbepflege aufzunehmen. (PF) Also doch: Ins Nichts mit ihm? (WH) Im Nichts befindet er sich nicht. Er hat sich nie darin befunden, so wenig wie sein Schüler Hitler, der ja, leider, auch nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aber wie Hitlers runde Gedenktage sollten weiterhin diejenigen Nietzsches sang- und klanglos bei uns vorübergehen. Ihm so wenig wie Hitler sollten Denkmäler oder sonstige Gedenkstätten errichtet werden. Es sollten Werke Nietzsches nicht in Büchern stehen, deren Titelblätter das Signet eines DDR-Verlages tragen. Das gebietet unsere Selbstachtung, unsere antifaschistische Ehre. 972 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1053. 973 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 317. 414 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Denn die Schande, dass einst Nietzsche in deutscher Sprache gedacht und geschrieben hat und damit Anklang fand, ist ebenso groß wie die, dass Deutsche sich einmal von Hitler haben regieren lassen. Dessen müssen Elisabeth Förster-Nietzsche, Empfang in Weimar 1933 (oben) und Hitler zu Besuch im Nietzsche-Haus, Weimar, 1934 415 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe wir uns bewusst bleiben, und eine Pflicht des sozialistischen deutschen Staates ist es, dieses Bewusstsein für immer wachzuhalten.«974 So manches Wichtiges ist damit zur Kritik Nietzsches durch Harich gesagt, andere mögen hinzufügen, was ihnen bedeutsam ist. Es sei erlaubt, zum Abschluss noch einige Überlegungen anzustellen. In der DDR war von Anfang an umstritten und umkämpft – erinnert sei nur an Hegel und Goe the (um die sich ja unser Buch dreht), Heine, die bürgerlichen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts und manches andere – welches Erbe der Staat anzutreten habe, welche Bekenntnisse zur Vergangenheit abzulegen und welche nicht, wen er, um es etwas pathetisch zu formulieren, aus der Vergangenheit mit in die vermeintliche Zukunft nehmen solle/müsse. Erbantritt bedeutet aber immer auch, das ist die Kehrseite, dass man ablehnen kann – und eben dies geschah in den vierziger Jahren mit Blick auf jene Personen und Theorien, von denen man meinte, dass sie, explizit oder implizit, mehr oder weniger deutlich, Teil der faschistischen Ideologie waren oder das faschistische Weltbild geprägt hatten. Diese Einstellung bestimmte ja über alle Zonengrenzen hinweg das kulturelle Leben im Nachkriegsdeutschland – exemplarisch zu studieren anhand der Beiträge zum Ersten Deutschen Schriftstellerkongress vom Oktober 1947.975 Es war eine eigene, ganz charakteristische Generation, die auf philosophischem und kulturellem Gebiet mit dem Aufbau des Sozialismus begann. Generation nicht in dem Sinne eines spezifischen Geburtsjahres, vielmehr mit Blick auf die gleichen leidvollen Erfahrungen und denselben Hoffnungshorizont. Den Protagonisten der Jahre zwischen 1945 und 1956 war so manches gemein: Viele hatten in zwei Weltkriegen, in den Weimarer Jahren für den Kommunismus gekämpft und gelitten, ihr klares Nein galt dem Faschismus, dem Krieg, dem Imperialismus. Dieser Generation – von Becher bis Lukács, von Niekisch bis Harich, von Abusch bis Bloch – war klar, dass Nietzsche und der Faschismus zusammengehörten. 974 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 204. 975 Die Beiträge der Tagung können nachgelesen werden: Reinhold/Schlenstedt/ Tanneberger: Erster Deutscher Schriftstellerkongress. 416 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Und es erschienen ihnen ein legitimes Ansinnen, ihn »aus der Gründung« der DDR auszuschließen. Diese Prägung wurde brüchig im Laufe der Jahrzehnte – eben deswegen kämpfte Harich so verbissen um die Erinnerung an Lukács. In den siebziger und achtziger Jahren fehlte so manchem auch in der DDR das direkte Gespür für jene historische Situation, die das Nietzsche-Verdikt notwendig gemacht hatte, fehlte das »Gewachsene« in der und die Verbundenheit mit der Tradition. Sie vermeinten, für intellektuelle Freiheit zu kämpfen, wenn sie Nietzsche-Lektüre forderten. Das Schlusswort soll Wolfgang Harich gehören – es ist datiert auf den 7. Juni 1991: »Heute stolzieren seine Verächter (Lukács, AH) aus der ostdeutschen Provinzelite, Leute, die Kandinsky, Schwitters und Beuys, die Schönberg, Nono und Stockhausen zu genießen vorgeben, nicht zu vergessen die ‚differenzierenden‘ Neubewerter des Zarathustra, Matadore künstlichen Formzertrümmerns, gedanklichen Nomadisierens, mit einer Selbstgefälligkeit einher, als wären sie Märtyrer, die sich ebenso tapfer wie mühselig ihrer Fesseln entledigt haben. Bestenfalls irren sie. Manche tischen, ihre tatsächlichen Erfahrungen verdrängend, über ihre Nationalpreise sich ausschweigend, uns Lügen auf. Ich erlaube mir, in ihnen Hätschelkinder der spätstalinistischen Oligarchie zu sehen, die es unzureichend fand, die parasitäre Intelligenzija ja bloß materiell zu korrumpieren, sondern sich erst sicher fühlte, wenn sie auch deren tiefere Sehnsüchte, faschistoide nicht ausgenommen, zufriedengestellt sah. Lukács hätte dem im Weg gestanden. Es gereicht ihm zum Ruhm.«976 Dieser Sprung in die Nietzsche-Debatte vom Ende der DDR war abschließend notwendig. Denn die Ursprünge dieses Diskurses weisen in die Jahre der SBZ und der Gründungsjahre der DDR. Es ist hochinteressant zu sehen, dass der kleinere Teil Deutschlands bis zu seinem letzten Atemzug um seine Identität rang. Die Kehrseite ist, das waren ja die Warnungen von Lukács und Harich (sowie etwa Brecht) aus den Umbruchzeiten 1953, 1956, dass der Marxismus durch die Jahrzehnte versagt hatte, da er diese Identität nicht herzustellen vermochte. 976 Harich: Zur Furcht der SED vor Georg Lukács, S. 70. 417 19. Wertungen des Ursprungs »Dieser Band stellt das werdende Wissen dar. Die Phänomenologie des Geistes soll an die Stelle der psychologischen Erklärungen oder auch der abstrakteren Erörterungen über die Begründung des Wissens treten. Sie betrachtet die Vorbereitung zur Wissenschaft aus einem Gesichtspunkte, wodurch sie eine neue, interessante, und die erste Wissenschaft der Philosophie ist. Sie fasst die verschiedenen Gestalten des Geistes als Stationen des Weges in sich, durch welchen er reines Wissen oder absoluter Geist wird.« Hegels »Werbetext« zur Ankündigung der Phänomenologie In seinem Aufsatz Bloch liest Goe the stellte Hans-Ernst Schiller fest: »Mit Goe the gibt es einen Dichter, auf den sich Bloch an zumindest zwei Knotenpunkten seiner Gedankenführung, an dem der Augenblicksutopie und an dem des Naturbegriffs, beruft.«977 Diese Einschätzung greift natürlich, das haben die bisherigen Anmerkungen gezeigt, viel zu kurz. Die Marxisten der DDR wollten das Erbe des bürgerlichen Humanismus antreten, an diese besten Traditionen deutscher Geschichte anknüpfen. Goe the und mit ihm Hegel waren die beiden zentralen Gestalten dieses Erbe-Verständnisses. (Hinzu treten viele andere, im Positiven etwa Schiller und Heine, im Negativen Nietzsche sowie die zu diesem führende Entwicklung des deutschen Geisteslebens, wie sie Lukács in der Zerstörung der Vernunft beschrieben hat.) Und sie wurden nicht nur um ihrer selbst willen wahrgenommen, es ging nicht nur um Geschichte oder Tradition. Vielmehr fungierten gerade Goe the und Hegel mit ihren Werken 977 Schiller: Bloch liest Goe the, S. 136. 418 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und ihrer Philosophie fast schon als eine Art Schlüssel, mit dessen Hilfe die bürgerliche Kultur, Literatur und Philosophie des vormarxistischen Jahrhunderts aufgeschlossen und erschlossen werden könne. Auf eine Wiedergabe der verschiedenen Positionen von Politikern, Staatsführung und Partei zur Erbe-Frage, Erbe-Politik, kann (und muss aus Platzgründen) hier verzichtet werden – die vorwiegend kritiklosen Apologien sind hinreichend bekannt. Mit den Ausführungen zu Becher haben wir das Interessanteste aus diesem Themenkreis erschlossen. Eine Rolle, die mit der von Goe the und Hegel vergleichbar ist, wurde nur noch Heinrich Heine zugesprochen. Dem Dichter, dem Marx-Freund Heine. Die hier versammelten Autoren haben sich zu Heine geäußert und diesen ebenfalls viel Anerkennung gezollt. Es war, wieder einmal, Harich, der nicht nur »Größe«, sondern auch die »Grenzen« von Heine benannte. Aber diese Geschichte ist hier nicht zu schreiben, einige Hinweise haben wir gegeben. Wo in vorgegebenen Bahnen gedacht wird, da hat die Ideologie keine Zeit für einen Mittagsschlaf. Sie ist also zurück, die Ideologie, durchaus ein bisschen müde, was man ihr anmerkt, denn sie hat die Intelligenz früherer Jahre verloren, ist nicht mehr schlagfertig, sondern nur noch dumm. (Man könnte an dieser Stelle beispielsweise auf die unsäglichen Bücher von Stefan Wolle verweisen, die, staatlich gewünscht und protegiert über die Bundeszentrale für politische Bildung – das klingt selbstverständlich rein zufällig wie ein DDR-Ausdruck – Verbreitung und Deutungsmacht gewinnen. Es wäre mir aber unangenehm, diese Publikationen in der Literaturliste zu nennen.) Geschichte und Philosophie sind unsere Aufgabe – und doch stehen wir mitten in den erneuten ideologischen Kämpfen unserer Zeit. Wer meint, die Geschichte der Goe the-Verfälschungen sei abgeschlossen, der irrt. Aus den ganzen Konvoluten der neueren Bücher, in denen die Ideologie ihre Rückkehr zelebrierte, staatlich gefördert, erneut, ist exemplarisch eine Publikation, zugegebenermaßen gehört sie zu den plumpesten, hier zu erwähnen. Im Oktober 1998 veranstaltete die Stiftung Weimarer Klassik eine Tagung, deren Beiträge 2000 unter dem Titel Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht in Druckform erschienen. Kurze Zeit später folgte 419 19. Wertungen des Ursprungs noch der Fortsetzungsband Weimarer Klassik in der Ä ra Honecker.978 In ihrer Einleitung setzten die Herausgeber Lothar Ehrlich, Gunther Mai und Ingeborg Cleve die Paradigmen ihrer »Aufarbeitung« fest. Bereits die Sprache offenbart das Denken: Wir lesen vom »staatlich gelenkten Umgang«, »unkritischer Verehrung«, »Instrumentalisierung« (»kulturpolitisch« und »manipulativ«), »Unrecht« usw.979 All dies ist heute in weiten Kreisen üblich, so dass es reicht, hier den Fakt zu konstatieren, der Kommentar und die Analyse erübrigen sich. Die Weimarer gehen aber über dieses Bedingungsgefüge weit hinaus. Bei ihnen ist zu lesen: »Denn zu keiner Zeit wurde in der deutschen Geschichte so zielstrebig und umfassend versucht, auf der Basis einer allgemein verbindlichen Theorie, die Weimarer Klassik für ideologische und kulturelle Zwecke zu verwerten wie in dieser Erziehungsdiktatur.«980 Nicht vom Faschismus ist hier die Rede, sondern – natürlich – von der SBZ/DDR. Die »roten Nazis« sind, so erklärt uns die Stiftung Weimarer Klassik, ihren braunen Brüdern meilenweit voraus. Fast schon grundlegenden Charakter für das gesamte Projekt und einige der edierten Aufsätze hat die überaus gefährliche Floskel vom »antifaschistischen Gründungsmythos«.981 Denn natürlich war der Antifaschismus in der DDR ein Stück weit, wie ihm auch vorgeworfen wird, von »oben« verordnet (ein Stück jedoch sicherlich auch von »unten« getragen und gewünscht), aber ganz sicher war er kein Mythos, sondern Realität, der vielleicht wichtigste Bestandteil des politischen, gesellschaftlichen, und kulturellen Gründungskonsenses des kleineren deutschen Staates.982 Damit ist entgegnet, was zu sagen ist. Abgeschwächt kehrt diese Formel etwa bei Gerd Dietrich wieder, der »die Berufung auf die deutsche Klassik« zu den »Gründungs- und Orientierungsmythen der DDR« zählt.983 978 Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht. Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Honecker. 979 Ebd., u. a. S. 8, 12, 21f.. Siehe: Hamm: Wie ein Projekt die Weimarer Klassik in der DDR wissenschaftlich »aufarbeitet«, S. 14. 980 Ehrlich/Mai/Cleve: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, S. 8. 981 Ebd. 982 Siehe hierzu: Wirth: Über die intellektuelle Vorgeschichte der DDR, S. 305-326. Bogisch: Nachdenken über deutsche Geschichte, S. 123-134. Karl: Die DDR, S. 135-150. 983 Dietrich: »Die Goe thepächter«, S. 151. 420 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge (Auch das war natürlich Realität, nicht Mythos, unser Buch berichtet ja davon. Aber wo kämen wir hin, wenn sich Germanisten bei Begriffen aufhalten würden.) Dort heißt es weiter: »‚Antifaschismus‘ – als moralischer Impuls – trieb die in Schuldgefühlen befangenen jungen Deutschen in die Arme jener antifaschistischen ‚Helden‘, die sie selbst nicht gewesen waren. Der antifaschistische Konsens (hier also nicht Mythos, AH), eingeschlossen die Berufung auf das klassische Erbe, firmierte als das verlockende Angebot, von der Seite der Verlierer auf die Seite der ‚Sieger‘ der Geschichte zu wechseln.«984 Für die späten vierziger Jahren stellt der Autor fest – als habe es nichts Wichtigeres zu tun gegeben: »Mit Lessings Nathan eröffneten das deutsche Theater in Berlin und viele Bühnen in der SBZ ihre Nachkriegsspielzeit. Das Bekenntnis zu Toleranz und Humanismus sollte die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Theaterbesucher anrühren.«985 Ein Robert-Havemann-Zitat – es wächst zusammen, was zusammen gehört – rundet das Ganze dann ab. Leonore Krenzlin hat aufgezeigt, wie Dietrich unüberprüft falsche Zitate verwendet, so beispielsweise das Ulbricht-Zitat zum angeblichen Faust III.986 Die Berliner Theaterbühnen des Westens eröffneten übrigens mit Schiller und Shakespeare, Harich hat darüber als Theaterkritiker in der Täglichen Rundschau berichtet. Und, es sei ergänzt, die Theater Ost-Berlins gehörten teilweise westdeutschen Lizenz- und Geldgebern. Was ja bedeuten würde, dass beispielsweise Gustav Gründgens für die schlimmsten Entwicklungen in der DDR mitverantwortlich ist. Dem Mitherausgeber Gunther Mai kam die Aufgabe zu, das ganze Konstrukt politisch zu unterfüttern – er tat dies mit der These, dass es von 1945-1952 eine »antifaschistisch-demokratische Phase« gegeben habe (in der Einleitung verwendete er noch den Topos der »Erziehungsdiktatur«), die später in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.987 Das Gegenteil einer »antifaschistisch-demokratische Phase« kann nur eine demokratisch-antifaschistische Phase sein oder eine antidemokratisch-faschistische Phase. Der Leser mag entscheiden, was Mai meint. 984 Dietrich: »Die Goe thepächter«, S. 155f. 985 Ebd., S. 162. 986 Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 987 Mai: Staatsgründungsprozess, S. 36. 421 19. Wertungen des Ursprungs Seinen Höhepunkt erreicht der Band dann mit dem Beitrag Buchenwald wird in die DDR eingemeindet von Rikola-Gunnar Lüttgenau. Die Ausgangsfrage lautet: »Wie war es möglich, das Irritationspotenzial Buchenwalds so souverän zu überspielen?«988 Die in den vorangegangenen Aufsätzen kritisierte »Annektion« der deutschen Klassik durch die DDR sollte Lüttgenau zu Folge dazu dienen, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu unterbinden, unmöglich zu machen. Das ist so absurd, dass man gar nicht weiß, was man darauf erwidern soll. (Jedes Schulkind der DDR besuchte Buchenwald, sprach mit Antifaschisten etc. Aber das sind ja deshalb keine Gegenargumente, da dies staatlich verordnet war.) Vielleicht kann hier der Hinweis genügen, dass Lüttgenau in dem Band keine Außenseiterposition bezieht, sondern bereits vorhandene Tendenzen aufgreift und radikalisiert. So ist beispielsweise in dem ansonsten ausgewogenen Aufsatz von Karl Robert Mandelkow, ohne irgendeinen Nachweis, zu lesen: »Für die DDR-Germanistik existierte das Problem einer NS-Vergangenheit offiziell nicht. Durch die Antifaschismus-Verordnung der SED war sie von jedem Schuldzusammenhang freigesprochen und bezog aus diesem Freispruch ihren ideologischen Führungsanspruch gegenüber der Bundesrepublik. Die westdeutsche Germanistik dagegen musste sich diesem problematischen Erbe stellen und übernahm stellvertretend die schwierige Aufgabe einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Gesamtgeschichte.«989 Das Gegenteil dieser Position war die Arbeitsgrundlage der herausragenden Heine-Edition, die Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke (Heine und die Nachwelt) veranstalteten. Wir sind geneigt, diesem, wissenschaftlich fruchtbaren, Ansatz zuzustimmen. Beweise für seine »These« kann Lüttgenau natürlich nicht beibringen. Erinnert sei nur daran, dass ja alle (!) hier behandelten Theoretiker sich mit der bürgerlichen, der westdeutschen Germanistik auseinandersetzten, am intensivsten Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte) und Georg Lukács. Und dabei, auch dies wurde und wird ihnen ja regelmäßig zum Vorwurf gemacht, sahen sie die faschistischen Verfälschungen, das Überleben faschistischer Thesen und Tendenzen in den Westzonen, forderten 988 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 360. 989 Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 149. 422 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge immer wieder die Auseinandersetzung mit den universitären Traditionen. Werner Krauss und Hans Mayer, um nur zwei Literaturwissenschaftler der DDR zu nennen, wären der These nach also in die SBZ/DDR übergesiedelt, um sich nicht, wie ihre westdeutschen Kollegen, mit dem Faschismus auseinandersetzen zu müssen. Aber darüber haben Mandelkow und Lüttgenau bestimmt nicht allzu intensiv nachgedacht, es sei ihnen verziehen, die Kommunistenjagd beansprucht sie genug. Johannes R. Becher hatte, wie gesehen mit viel Pathos, in seiner Rede zum Schiller-Jubiläum 1955 gesagt. »Und wiederum, in der Herrschaft des Hitlerfaschismus, wurde mit allem Großen und Edlen, dass die deutsche Nation hervorbrachte, auch das Andenken Schillers in Blut und Kot getreten, indem die deutsche Kunstperiode, unsere ruhmreiche Klassik, vor aller Welt geschändet wurde durch Verbrechen, die so fluchwürdig waren, als wären sie die Zerstörung unserer humanistischen klassischen Gedenkstätten selbst. Das klassische Bildungsideal, wie es Goe the und Schiller gelehrt und gestaltet hatten, wurde der Barbarei überantwortet. Bei der Bücherverbrennung an jenem 10. Mai 1933 wurde mit der modernen freiheitlichen Literatur auch das wahre Erbe Goe thes und Schillers ausgelöscht, und nur dasjenige durfte überleben, was befehlsgemäß, zweckentsprechend zu entstellen und zu verfälschen war. Und in unmittelbarer Nähe zu Weimar entstand Buchenwald.«990 Es bleibt für Lüttgenau der pure Zynismus, gepaart mit einer Sprache, die der Thematik nicht angemessen ist. Die Rede ist von: »Die Geschichte des KZ verkam dann zum Lehrstück für Arbeitsdisziplin«, »höhere Produktionszahlen zu Ehren der Toten«, es habe eine »Perfektionierung von Erinnerungsformen« gegeben, Buchenwald sei eine »‚Verpflichtungsstätte‘, in der heldenhafter Widerstand gepredigt und Anpassung eingefordert wurde« usw. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, alle Zitate stammen von einer einzigen Seite.991 Dazu muss der Zynismus, als letzte Bastion, 990 Becher: Denn er ist unser: F riedrich Schiller, S. 362f. Und weiter heißt es: »Wir haben der Sowjetunion zu danken auch dafür, dass sie in dieser Zeit unserer tiefsten nationalen Erniedrigung den deutschen Klassikern ein Asyl gewährte, eine Heimat für die Heimat, so wie sie all das Edle und Gute unseres Volkes schützend in sich aufnahm.« (Ebd., S. 363) 991 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 372. 423 19. Wertungen des Ursprungs auch noch die Beweis-Funktion übernehmen: »Das KZ galt als Keimzelle des neuen Staates und in dieser Perspektive konnten die Symbole Weimars und Buchenwalds nicht nur wie selbstverständlich nebeneinander dargestellt werden, sondern waren auch in der Lage, sich gegenseitig mit Bedeutung aufzuladen. Heute würde man so etwas wohl ‚Nutzung von Standortvorteilen für Synergieeffekte‘ nennen.«992 Mit diesen Sätzen endet der Band Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht. Die Wahrheit (ja, es gibt sie, und da müssen wir noch nicht einmal an Lenins »absolute Wahrheiten« erinnern) fehlt also, die Fakten wurden in den Keller gesperrt bzw. qua Evaluation aus dem Universitätsdienst entfernt. Das Schwierigste an diesen Passagen ist sicherlich, die richtige Wortwahl der Entgegnung zu finden, steht doch unser Versuch im Raum, hier ein wissenschaftliches, ein fundiertes Werk vorzulegen. Doch manchmal muss man zu Vokabeln greifen, die einen polemischen Unterton haben. Bei der Bewertung des Bandes der Weimarer reicht es nicht aus, einigen der Beiträge von neutraler Position aus die Wissenschaftlichkeit abzuerkennen, es muss deutlich von Geschichtsfälschung, Inhumanismus, Zynismus etc. gesprochen werden. Es gibt auch gute, positive wissenschaftliche Ansätze und Aufsätze in dem Band. Doch deren Funktion ist angesichts des Gesamtkonzeptes klar – sie wahren den Schein. Es ist keine Überraschung, dass dieses Konzept mehr als deutlich der Kritik ausgesetzt war. Hier ist ein kurzer Blick zu werfen auf eine Veranstaltung, die Thomas Höhle und andere am 30. November 2002 in Berlin durchführten und deren Beiträge in einer kleinen Broschüre gedruckt vorliegen.993 Ausgehend von der Feststellung, dass die »Erinnerungskultur« der beiden Weimarer Konferenzbände (die Veranstaltung thematisierte auch den Folgeband: Weimarer Klassik in der Ära Honecker)994 »ganz überwiegend nicht ganzheitlich, sondern einseitig prowestlich und antisozialistisch« sei, formulierten die Teilnehmer ihre Einwände – teils wissenschaftlich, teils biographisch motiviert.995 992 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 373. 993 Mayer: Goe the in der DDR. 994 Ehrlich; Mai: Weimarer Klassik in der Ära Honecker. 995 Höhle: Goe the in der DDR, S. 5. 424 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Thomas Höhle hat sich in dem Einführungsreferat auch damit beschäftigt, wieso die Weimarer Bände eine eminent politisch-ideologische Funktion haben: »Das Thema Goe the in der DDR bzw. Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht und in der Ära Honecker erscheint zur Zerstörung wichtig und geeignet, weil man sich um Goe the in der DDR besonders bemüht hat unter einem riesigen Aufwand an geistigen und auch finanziellen Mitteln.«996 In der SBZ/DDR stand das Jahr 1949 ja tatsächlich im Zeichen Goe thes. In vielen Städten fanden Feiern und Vorträge statt, Ausstellungen, in Halle beispielsweise eine ganze Festspielwoche. Um das Gedenken an Goe the auch der Bevölkerung zu vermitteln, erschien im Berliner Aufbau-Verlag eine sechsbändige Jubiläumsausgabe, der sogenannte neue Volks-Goe the.997 Auch wenn die immer wieder auftauchende typische Verteidigungsthese, dass jedwede Entwicklung der DDR vor dem Hintergrund der internationalen Politik zu betrachten (gemeint ist: in ihren Fehlern zu entschuldigen) sei, auch bei Höhle grundlegend ist, so treffen seine Ausführungen dennoch ins Zentrum. Ganz einfach formuliert: Neben die Erforschung dessen, was alles schief gelaufen ist, sollte auch die Aufarbeitung von dem treten, was dem Anspruch nach wichtig war oder gar positive Auswirkungen hatte. »Die Sozialisten wollten seit Marx die gro- ßen geistigen Leistungen der Vergangenheit möglichst vielen Menschen, womöglich fast allen zugänglich machen. Das war eine große Konzeption und diesem Ziel dienten große Anstrengungen. Was gelungen ist, ist unerforscht. Die Absicht ist jedoch aller Ehren wert.«998 Diese Forderung steht freilich quer zu allen Trends der derzeitigen DDR-Forschung. Wobei Günter Hartung sogar die programmatische Definition der Weimarer Klassik durch die Herausgeber des Bandes Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht überaus negativ beurteilt – diese lasse »jedenfalls an Verschwommenheit, Bombast, sachlicher und sprachlicher Unschärfe alles bisher dazu Vorgelegte hinter sich«.999 996 Höhle: Goe the in der DDR, S. 6. 997 Hierzu: Martin: »Vom fortschrittlichen Interesse her«. 998 Höhle: Goe the in der DDR, S. 10. 999 Hartung: Was heißt Geschichte der Literaturgeschichte etc., S. 60. 425 19. Wertungen des Ursprungs Ähnlich äußerte sich, in einem zweiten Grundsatzreferat, Heinz Hamm. Dieser wendete sich vor allem gegen das, was er für die zwei grundlegenden Bedingungen/Paradigmen des Weimarer Ansatzes hielt. 1) »Das Projekt geht von der Voraussetzung aus, dass die DDR von Anfang bis Ende eine Diktatur war«, dass sich auch die Rezeption der Klassik nur erklären lasse, wenn die Bedingungen einer Diktatur berücksichtigt werden würden. 2) Dies ziehe dann fast zwangsläufig nach sich, dass jedwede Maßnahme der SED als »Instrumentalisierung« zu analysieren sei. Da die Aufsätze der Weimarer Bände eben dieses Bedingungsgefüge voraussetzen, würden sie ausschließlich Ideologie produzieren und so auch die richtungsweisenden Debatten und universitär-akademischen Projekte der DDR vernachlässigen. »Aber nicht ein einziges wissenschaftliches Werk dieser Forschung ist in diesem Projekt wirklich Gegenstand der Analyse. Das Projekt spricht von bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen, zeigt jedoch keinerlei Interesse, diese namhaft zu machen.«1000 Und Günter Hartung ergänzt: »Außer den Studien von Mandelkow und Krenzlin finde ich in den Tagungsbänden mit ihren insgesamt 700 Seiten nichts sonst, das für eine Aufarbeitung der DDR-Literaturwissenschaft und für die Forschung zur Klassik von Belang wäre.«1001 Diese Stellungnahmen abschließend ist noch kurz der Beitrag von Leonore Krenzlin, Faust im Produktionseinsatz?, zu erwähnen, nicht zuletzt, da Krenzlin an beiden Tagungen beteiligt war. Ihre These ist: »Es kann schon staunen machen, dass die offizielle DDR-Bemühung, Klassik und Arbeiterklasse unter einen Hut zu bekommen, auch noch im Nachhinein undifferenzierte Abwehr- und Abwertungsreaktionen auslöst.« Zudem betont sie, wie manche andere Kritiker, dass die Weimarer fast ausschließlich die Instrumentalisierung der Klassik thematisieren würden. Dies sei allerdings weder originell noch ein historisches Alleinstellungsmerkmal der DDR. »Doch als Besonderheit wäre der DDR immerhin gutzuschreiben, dass sie es – mit welch spärlichen oder deutlicheren Ergebnissen auch immer – wenigstens versucht hat, dieses Bildungsgut nicht nur an eine schmale Oberschicht, sondern auch an größere Gruppen der sozialen Un- 1000 Hamm: Wie ein Projekt etc., S. 15, 18, 20. 1001 Hartung: Was heißt Geschichte der Literaturgeschichte etc., S. 57. 426 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge terschichten zu vermitteln.« Ob es in der DDR auch bleibende Forschung gegeben habe, welche Ergebnisse diese erbrachte usw., spiele bedauerlicherweise bei der Analyse keinerlei Rolle.1002 Was von der Debatte bleibt, die Zeiten überdauert, sind vor allem die Peinlichkeiten. Die Herausgeber des Bandes Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht haben in ihrer Publikation (und auch in den anderen Bänden) zu viele inhaltliche Fehler zu verantworten, die positiven Tendenzen der DDR, die es ja auch gab, vollständig außen vor gelassen, etwa die gerade genannte Vermittlung der Bildung an sogenannte »bildungsferne Schichten«, verwenden in einer gewissen Naivität unreflektiert Begriffe, die politisch aufgeladen sind, verfolgen natürlich mit ihrer Arbeit ganz bestimmte (ideologische, politisch im Vorfeld gesetzte) Zwecke. Es war ein ideologischer Impuls, der die abwehrende Haltung der Protagonisten der untergegangenen DDR motivierte und auslöste, gestützt freilich durch die, nennen wir es ruhig bei seinem (freundlichsten) Namen, wissenschaftliche Schludrigkeit der Weimarer. Denn allzu viel Neues hatten die DDR-Professoren in ihrer Entgegnung nun auch wieder nicht vorzubringen, es überwiegen Erklärungen, Verteidigungen, sie reagieren mehr als zu agieren – was bedauerlich ist, da unter dieser Oberfläche echte Wissensbereicherungen durchscheinen. (Bei ihnen auch eher zu erwarten als in der Stiftung Weimarer Klassik.) Das zentrale Problem ist sicherlich, dass die Weimarer einfach nicht bemerken oder es nicht wahr haben wollen oder es bewusst in Kauf nehmen, dass sie mit ihren Arbeiten, genau so wie diese sind und von Anfang an, ihrerseits als Ideologieproduzenten erster Güte fungieren. (Kontrolleure sind nicht mehr Hager oder Ulbricht, sondern Pfarrer Eppelmann oder die BStU. Den neuen Manfred Buhr wissen sie aber schon längst in ihrer Mitte.) Wer über das bisher Gesagte hinaus weiter lesen möchte, kann dies tun. Denn es gibt auch gute, beeindruckende Schriften zu unserer Thematik. 1002 Krenzlin: Faust im P roduktionseinsatz?, S. 49. Weiter heißt es: »Doch manche Aufsätze des Bandes über die Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht kommen in diesem Punkt über den Horizont Walter Ulbrichts auch nicht so recht hinaus. Die Frage, ob man in der DDR der Klassik noch etwas anderes abgewinnen konnte als legitimatorische Deklamationen, wird in vielen Beiträgen gar nicht erst gestellt, geschweige denn beantwortet.« (Ebd., S. 50) 427 19. Wertungen des Ursprungs Neben den genannten Erinnerungswerken von Hans Mayer sind zuvorderst zwei zentrale Monographien des Rückblicks von Werner Mittenzwei zu nennen: Die Intellektuellen und Zwielicht. Zwei etwas ältere Bücher geben fundierte Auskunft über Goe the und Hegel und die Interpretation ihres Verhältnisses aus marxistischer Sicht: Rüdiger Scholz’ Goe thes Faust in der wissenschaftlichen I nterpretation von Schelling und H egel bis heute und Rüdiger Bubners Hegel und Goe the. Wer auf wissenschaftliche Entdeckungsreise gehen will, dem seien die Dissertationen von Henrik Fronzek, Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945-1965, und Jens Saadhoff, Germanistik in der DDR. L iteraturwissenschaft zwischen »gesellschaftlichem Auftrag« und disziplinärer Eigenlogik, empfohlen, die beide eine beachtenswerte Material- und Quellenbasis aufarbeiten. Ab 1945 gingen die Marxisten in der SBZ/DDR daran, den ganzen Schutt, der auf dem humanistischen Erbe lag, bei Seite zu räumen, um auf diese Weise an die positiven und progressiven Bestrebungen der Vergangenheit anknüpfen zu können. Heute rollen die Schubkarren wieder, aber diese transportieren das Geröll nicht mehr ab, sondern bringen ständig neues und schleppen auch das alte wieder herbei. Die Weimarer assistieren dabei, mit Besen und Kehrschaufel und Staubsauger, damit kein Krümel verlorengeht. Alexander Dymschitz, der Leiter der Kulturabteilung der SMAD sagte im Oktober 1946: »Wir wollten die große deutsche Kultur, die Kunst eines Goe the, Beethoven, Schiller und Heine befreien vom Missbrauch und den Fälschungen der braunen Banditen. Und wir haben sie befreit! (…) Und gerade weil wir wussten, dass auch innerhalb Deutschlands die deutsche Kultur noch atmete, ließen wir uns von den Trümmern nicht täuschen, sondern gingen daran, gleichsam wie ‚Archäologen‘ diese Kunst wieder auszugraben .«1003 Nur für eine kurze Zeit gelang dieses ehrgeizige Werk. Eine letzte Anmerkung noch: Wieso ist es eigentlich so schwer, so unmöglich, den Protagonisten der späten vierziger und fünfziger Jahre zu glauben, dass sie das, was sie taten, tatsächlich Ernst meinten. (Mit den Verbrechen der DDR hat dies ja erst einmal nichts zu tun.) Wenn die russischen Kulturoffiziere an den Gräbern von Goe the und Schiller und 1003 Zit. bei: Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 61. 428 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Hegel weinten, warum sollten sie dabei bereits im Hinterkopf die Mauer geplant haben? Es passt wahrscheinlich einfach nicht in unser Weltbild, in das, was wir haben sollen, dass die Kulturoffiziere wirklich an »das Gute« im deutschen Menschen, in der deutschen Kultur und in der deutschen Gesellschaft glaubten – und das nach millionenfachem Mord an ihrem Volk. Dass sie nicht eine gleichsam genetische Veranlagung zum »Bösen« annahmen, sondern im Gegenteil davon ausgingen, dass unsere Gesellschaft wirklich gebessert werden könne – durch die Anknüpfung an die humanistischen Traditionen der Vergangenheit, durch die Aufhebung des bürgerlichen Bildungsprivilegs, durch die Emanzipation aller Menschen, durch die Hoffnung auf die Zukunft. Doch solche Thesen sind unerwünscht. 429 20. Nahe Vergangenheit »Geschlagen ziehen wir nach Haus, Unsre Enkel fechten‘s besser aus.« Das Lied der revolutionären Bauern nach ihrer Niederlage, 1525, in Frankenhausen. Eigentlich sind wir am Ende angelangt, haben das Thema abgeschlossen. Doch einige Ergänzungen, Anmerkungen sind noch zu geben, sollen nicht unberücksichtigt bleiben. Es war schon die Rede davon, mit welchem Engagement sich Harich in den letzten Jahren der DDR für Lukács und für eine vernünftige, humanistische, sozialistische Erbe-Politik einsetzte. Doch er stand, wie der Volksmund formuliert, allein auf weiter Flur. Die Umbrüche und Einschnitte des Jahres 1956 hatten unsere Protagonisten in die innere und äußere Emigration oder gar ins Gefängnis getrieben, sie waren verteilt über Europa, durch Grenzen und Mauern getrennt. Die Todestage nahmen zu, die Geburtstage verringerten sich. Was von ihnen selbst geblieben ist, dazu soll hier keine generalisierende Aussagen gemacht werden, jeder, der lesen kann, tue dies. Ein kleines Beispiel können wir aber geben – für eine Wirkung, der sich kaum einer bewusst ist: Im Aufbau-Verlag entwarf Harich 1955 den Plan einer großen und umfassenden Goe the-Ausgabe – 24 Bände zwischen 1956 und 1959, danach 11 weitere Ergänzungsbände. Diese Ausgabe sollte den Erbantritt quasi auch materiell greifbar machen, einen »sozialistischen Goe the« für sozialistische Leser präsentieren. »Harich hatte für dieses Unternehmen 430 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge im Verlag eine Editorengruppe zusammengestellt, mit der er diese Aufgabe zu bewältigen gedachte. Obwohl sich die Verlagsleitung darüber im Klaren war, auf welche Schwierigkeiten, vor allem in Hinsicht auf das Papierkontingent, sie sich einließ, stellte sie sich hinter Harichs Vorschlag; denn eine Orientierung auf die Klassik ließ sich nicht ohne eine repräsentative Goe the-Ausgabe bewerkstelligen.«1004 Mit der Verhaftung Harichs wurde dessen Arbeit natürlich mehr als nur unterbrochen. Wir habe gesehen, mit welcher Intensität Stasi und Partei seine Wortmeldungen vernichteten, ihn in die Isolation trieben, in Bautzen und in den Jahren danach. Doch zwei Harich-Projekte überdauerten den großen Bruch. So erschien die von Harich abgeschlossene Ausgabe der Nietzsche-Kritiken von Franz Mehring noch 1957 – selbstredend natürlich ohne Harich auch nur zu erwähnen. Mit dem Fortgang des Goe the-Projektes verhielt es sich ähnlich: »Die 1960 begonnene und 1978 beendete Berliner Ausgabe der Werke Goe thes in 22 Bänden und einem Supplementband entspricht fast genau dem Grundriss Wolfgang Harichs. Die Berliner Goe the-Ausgabe führt keinen Herausgeber an.«1005 Marxisten haben einen interessanten Wesenszug. Wenn sie sich streiten (und das tun sie sehr häufig), dann geht es dabei nicht um Geld, Frauen oder Politik, weit gefehlt: Im Zentrum steht zumeist die Frage, wer mehr Marxist, wer der bessere, der größere Marxist ist. So auch im Fall unserer Protagonisten. Lukács und Bloch hatten sich, nach enger Freundschaft schon in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts mehr als nur auseinandergelebt. Dabei ging es dann übrigens doch auch um das liebe Geld, aber beide waren auch noch keine »wirklichen Marxisten« – so die damaligen und einige der heutigen Gralshüter (bekannt unter den Namen Dogmatiker, Sektierer usw.).1006 Dies ist natürlich Unfug, der Marxismus ist so dynamisch, dass er Bereicherungen durch Bloch ebenso wie durch Lukács problemlos verträgt. Und man kann über beide sagen was man will – den Marxismus 1004 Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder »Harich dürstet nach großen Taten«, S. 223. 1005 Ebd., S. 224. 1006 Der Briefwechsel zwischen Bloch und Lukács gibt Auskunft über die frühen Jahre der beiden, abgedruckt in: Bloch: Briefe, Bd. 1, S. 25-208. 431 20. Nahe Vergangenheit haben sie allemal ausgebaut und erweitert, ihm neue Dimensionen erschlossen, ihn zukunftsfähig gemacht. Wir können uns hier ganz kurz die Zeit nehmen, Bloch und Lukács selbst zu Wort kommen zu lassen, wie sie ihre Beziehung beschrieben haben – in einem Rundfunkgespräch von 1967 mit Iring Fetscher. Bloch schilderte die Heidelberger Jahre wie folgt: »Das alles kam zusammen auf seltsame Weise, aber Zentrum war sofort die wirkliche Symbiose mit Lukács, die drei oder vier Jahre gedauert hat. Wir waren so verwandt geworden, dass wir wie kommunizierende Röhren funktionierten. (…) Unsere Einheit, ja wie soll ich die ausdrücken: Die war von Eckhart bis Hegel; Lukács schoss Literaturwissenschaft zu, Kunstwissenschaft, Kierkegaard und Dostojewski, die mir fremd waren. Ich pflegte damals zu sagen: ‚Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles, was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich das lesen?‘ Ein hübsch jugendhafter Satz, jedenfalls entschieden. Hier war mir Lukács unermesslich überlegen.«1007 Lukács stellte das ganze von seiner Seite aus so dar: »Nur dann kam natürlich die Differenz heraus. Ich glaube, man muss heute nur den Geist der Utopie oder den Thomas Münzer von Bloch neben mein Geschichte und Klassenbewusstsein stellen, um zu sehen, dass damals schon eine vollkommene Scheidung der Wege da war, obwohl wir beide links und auf der Seite des Kommunismus waren. Ich meine, diese Scheidung hat sich für mich vertieft, mit jedem Schritt, mit dem ich ein echterer Marxist geworden bin.«1008 Soll dies nun also bedeuten, den getrennten Weg vorausgesetzt, dass Lukács immer marxistischer wurde und Bloch sich demnach anders entwickelte? Nein! »Ich möchte dabei nur betonen, dass – im Gegensatz zu sehr vielen Leuten, die radikal und sogar kommunistisch in den zwanziger Jahren waren und dann zu, wie ich zu sagen pflege, nonkonformistischen Konformisten geworden sind – Bloch seine linken Überzeugungen nie verraten hat. Er ist immer links geblieben, immer Sozialist geblieben, und ich glaube, das ist die eine Seite der Faszination. Die 1007 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 372f. 1008 Ebd., S. 374. 432 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge andere Seite ist, dass ich Bloch für einen der geistvollsten Schriftsteller halte, die ich überhaupt kenne.«1009 Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wer gar die ironischen Spitzen dieser Sätze hören möchte. Bloch antwortete: »Ich weiß nicht, ich würde das wahrscheinlich anders angeben als mein unvergessener Jugendfreund Georg Lukács, den ich im Geist der Utopie mit Kierkegaard das Genie der Moral nannte. Unsere beginnende Trennung kam 1914, als ich wieder nach München ging (…), und das damalige München hatte nichts mehr mit Sturm und Drang und mit Jugendstil zu tun, aber mit Expressionismus. Für Lukács blieb alles verschlossen, was hinausging über die Entwicklung von Giotto bis Cézanne, die er verwandt fand; was nicht in der streng gehaltenen Form war, das gehörte zu den ‚zerrissenen Nerven eines Zigeuners‘, und das war das negativste Urteil, das es für ihn überhaupt gab. An der Spitze stand ihm das Klassische. Er war ein Neoklassizist, er ist es bis heute geblieben, da hat sich bei ihm nicht so viel geändert, hier täuscht er sich wahrscheinlich. Lukács betreibt Neoklassizismus, den es in der Sowjetunion ohnehin gibt. Lukács blieb auf diesem Neoklassizismus stehen, und alles andere war – ein Wort hat er damals dafür noch nicht gehabt, heute würde er sagen: Dekadenz oder Entartung, eben die ‚zerrissenen Nerven eines Zigeuners‘.«1010 Beider Wortmeldungen haben einen interessanten Kern, der uns auf die Wahrheit stößt und uns gleichzeitig Abbiegungen schmackhaft machen soll. Lassen wir die Aussagen so stehen wie sie sind. Die Hochachtung war geblieben, auch in den fünfziger Jahren, die ja für uns hier so wichtig waren. Natürlich beobachteten die beiden sich, schauten genau, was der jeweils andere machte. Zwischen diesen beiden Stühlen stand bzw. saß, es sind ja Stühle, Harich. Seine Entscheidung pro Lukács war klar und eindeutig, schloss aber Bloch (in den fünfziger Jahren) nicht aus. Rückblickend schrieb Harich, dass seine »Bekehrung zu Lukács« auf drei »Bildungserlebnisse« zurückgehen würde: » Erstens: Seine Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik, gegen die Projektion von ‚echt deutschem‘ Irrationalismus in den Sturm und Drang, gegen 1009 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 374. 1010 Ebd., S. 375. 433 20. Nahe Vergangenheit die falsche Antithese von ‚Gefühl‘ und ‚Verstand‘ versetzte mich in die Lage, reaktionäre Verfälschungen des mir teuren Erbes von Herder als solche zu durchschauen und zu bekämpfen. So entstand 1950/1951 meine Doktordissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft. (…) Zweites Erlebnis. Mit Pascal, Kierkegaard, Heidegger und Jaspers, für die zu schwärmen in meiner Jugend schick war, hatte ich, zu meinem gro- ßen Leidwesen, nie etwas anzufangen gewusst. Ich fand einfach keinen Zugang zu ihnen, so sehr ich die um sie gescharte Adeptenschar beneidete. Als mir auch Sartre nicht einleuchten wollte, kam ich mir vor wie einer, dem Ananas nicht schmeckt. War ich etwa pervers? So empfand ich die Lektüre von Marxismus oder Existenzialismus? wie eine Erlösung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Weder davor noch danach ist mir das ein anderes Mal zugestoßen, dass ein Buch mir tiefdringende philosophische Erkenntnisse vermittelte und zugleich mein Selbstwertgefühl steigerte. Kein Wunder, dass ich nun für Lukács auf die Barrikaden stieg, als sektiererischer Unverstand das Erscheinen ausgerechnet dieses Werks von ihm – zum Glück vergeblich – bei uns zu verhindern suchte. Drittens – und da eskalierte die Bekehrung zum ‚Gnadendurchbruch‘ – Der junge Hegel. Mein Vademekum in den Jahren, als die Formel ‚aristokratische Reaktion gegen den französischen Materialismus und die bürgerliche Revolution‘ im Schwange war, als der ‚Rotteck-Welckersche Dreck‘ (so Marx) sich des Personenkults bedienen konnte. Muss ich mehr sagen? Da ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Universitätsdienst stehe, kann ich es mir heute leisten, einzugestehen, dass ich damals aus der Oprecht-Ausgabe (die Züricher Ausgabe von 1948 des Jungen Hegel, AH) herausgetrennte Seiten in mein Vorlesungsmanuskript gelegt und sie an passender Stelle wörtlich, unverändert vorgelesen habe, die Studenten glauben machend, dies sei von mir. Hochstapelei? Sicher, aber die Identifikation war vollkommen, und besser konnte ich das, was zu sagen war, mit eigenen Worten nicht vorbringen.«1011 So sah Harich Anfang der neunziger Jahre seinen Weg zu Lukács. Gipfelnd in dem Bekenntnis (das ein Stück weit sein Denken zu erklären vermag): »Ich verdanke Lukács viel, sehr viel. Das Beste, was ich im Leben 1011 Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 19f. 434 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge geleistet habe, besteht aus Versuchen, Lücken, die bei ihm sich finden, in seinem Geiste ausfüllen zu helfen.«1012 In den Hartmann-Manuskripten formulierte Harich in den achtziger Jahren, dies sei ergänzend hinzugefügt: »Der bedeutendste Marxist-Leninist unter den Denkern, die danach auftraten, war Georg Lukács; auch nach seinem Tod ist er, während der letzten drei Dezennien des Jahrhunderts, von niemand anderem mehr erreicht, geschweige denn übertroffen worden. Unter den nichtmarxistischen Philosophen, die Lukács’ Zeitgenossen gewesen sind, steht nun Bloch durch sein politisches und soziales Engagement uns verhältnismä- ßig am nächsten; jedoch nicht methodologisch und schon gar nicht hinsichtlich der allgemeinen Grundsätze seiner Philosophie, die einen durchaus idealistischen, ja einen religiös-eschatologischen Charakter hat.«1013 Unser Hauptinteresse gilt/galt, wir haben es ausführlich begründet, Lukács, Harich und Bloch. Doch auch Mayer darf hier bei diesen letzten Bemerkungen nicht vergessen werden. Sein Verhältnis zu Bloch klang immer wieder durch, nicht zuletzt ja vermittelt durch die gemeinsamen Jahre in Leipzig und Tübingen. Sein Nicht-Verhältnis zu Harich wurde beleuchtet. Mit Mayer und Lukács hat es eine ganz eigene Bewandtnis, es konnte bereits gezeigt werden, welche Art des Umgangs Mayer mit Lukács suchte. Aus den späten vierziger Jahren bis hin zu den Umbrüchen von 1956 sind verschiedene Texte Mayers zu nennen, in denen sich dieser zu Lukács bekannte – teilweise bereits mit Kritik vermischt, aber diese können wir hier außen vor lassen. So erschien 1948 der Text Dank an Georg Lukács, der mit den Worten endet: »Es ist nicht vermessen, heute zu erklären: Wer in unseren Tagen zu Fragen der Literatur und Philosophie, der Gesellschaftswissenschaften und Kulturkritik Stellung nehmen möchte, am Werke des Georg Lukács aber vorüber geht, hat sich selbst damit das Urteil der Unfruchtbarkeit und der Irrmeinung gesprochen.«1014 1012 Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 20. 1013 Harich: Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen, S. 106. 1014 Kurz vorher hieß es: »Jetzt liegen sechs Bände Lukács vor uns: Eine Unsumme an Wissen, Verständnis, geistiger und künstlerischer Eindringlichkeit. Sechs Handbücher – und ein einziger Beweis für die Fruchtbarkeit der Lehren von Marx und Engels im Gebiet der Ästhetik und Literaturgeschichte. Mit Ungeduld darf auch 435 20. Nahe Vergangenheit In seiner Leipziger Antrittsvorlesung Goe the und H egel formulierte Mayer: »Wenn wir nunmehr der inneren Beziehung zwischen diesen zwei gewaltigen Potenzen (gemeint sind Goe the und Hegel, AH) nachgehen, so sei zugleich auch vorangestellt, dass wir die Antriebe unserer Deutung vor allem zwei Männern schuldig bleiben, deren Wort seit Jahrzehnten unsere eigene geistige Entwicklung zu formen vermochte, die uns und einer ganzen Generation, wie es scheint, den Ansatzpunkt für ein neues Goe the-Bild und Hegel-Bild in unserer Zeit geliefert haben: Georg Lukács und Ernst Bloch. Es bleibt einfachstes Gebot der Dankbarkeit, diese geistige Schuld hier voranzustellen.«1015 Einige Jahre später in der Festschrift Lukács zum Siebzigsten Geburtstag analog: »Von Lukács sprechen heißt für manchen aus meiner Generation: Von sich selbst sprechen. (…) Das große Lebenswerk dieses Mannes ist unablässiger Gerichtstag über die Zeit  – und über sich selbst als ihren Zeitgenossen. (…) Ich habe Georg Lukács unendlich viel zu verdanken und weiß nicht, wo ich heute stünde, wäre ich ihm und seinem Denken nicht begegnet.«1016 Der Prozess der permanenten Annäherung an Bloch war gleichbedeutend mit einem Abrücken von Lukács. In letzter Konsequenz kam dann im Westen, beispielsweise 1964, die Abrechnung mit dem ungarischen Philosophen. Angesichts der Neupublikation von Skizze einer Geschichte der neueren Literatur und Deutsche Literatur im Zeitalter des Imperialismus, beide frühzeitig im Aufbau-Verlag erschienen, schrieb Mayer: »In beiden Teilen dieser literaturgeschichtlichen Skizze kommen die negativen Seiten von Lukács (permanente Antithetik von Fortschritt und Reaktion; Verwechslung von politischer Aussage und künstlerischer Gestaltung; undialektische Verwendung des Begriffs ‚Dekadenz‘; zeitbedingte Irrtümer und Lücken) fast überstark zum Ausdruck.«1017 Die Rede ist nunmehr von »großen Gegensätzen«, die keine »Kleinigkeiten« seien, von »Größe und Grenzen des Literaturhistorikers Georg Lukács« (von seiner »Größe« wird der deutsche Leser die großen Bücher von Lukács über Hegel und die Goe thezeit erwarten.« Mayer: Dank an Georg Lukács, S. 223f. 1015 Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 1016 Mayer: Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 160, 172. 1017 Mayer: Georg Lukács’ Größe und Grenzen, S. 3. 436 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge nichts erwähnt) usw. Und das Ganze schließt: »Auch aus den Irrtümern eines Georg Lukács lässt sich noch immer viel lernen.«1018 Diese Irrtümer, das, was er davon verstand, hielt Mayer 20 Jahre vorher, in den späten vierziger Jahren, für die »Wahrheit«. Worum es sich hier genau handelt, mag jeder für sich selbst entscheiden: Intellektuelle Entwicklung, Tyrannenmord, leiser Abschied? Wir brauchen diesem Prozess nicht minutiös folgen, sondern können einen zeitlichen Sprung in die Mitte der siebziger Jahre unternehmen. 1974 hielt Mayer am Pariser Collège de France drei Vorlesungen zu Goe the, die letzte beschäftigte sich mit Marxistischen Interpretationen. Den bürgerlichen Goe the-Interpretationen bescheinigte Mayer zuvor durchaus eine »Vielfalt der Produktionen«, freilich eher als Spezialistentum: »Eine umfassende Studie, die Goe the im Licht unserer Erfahrung (…) aus seiner Zeit heraus ins Blickfeld rückt, ist nicht in Sicht.«1019 Man kann durchaus davon sprechen, dass Mayer der bürgerlichen Goe the- Forschung kein gutes Zeugnis ausstellte, ganz im Gegenteil (von einzelnen Ausnahmen abgesehen, aber dass diese benannt werden können, ist eben auch kein gutes Zeichen). Es wäre also eine Herausforderung der marxistischen Philosophie und Literaturwissenschaften gewesen, diesen Missstand zu beheben: »Der Marxismus jedoch hatte erhebliche Schwierigkeiten, ein Gegenkonzept zu entwickeln. Allzu eng waren auch die Schüler von Marx und Engels, diese Liebknecht und Kautsky, und, dank ihrer auch ein August Bebel, infiziert vom deutsch-bürgerlichen Kulturideal. Statt sich um eine Neuinterpretation Goe thes zu bemühen, wie es die – vergessenen – Hegelianer versucht hatten, machte man sich lieber daran, das Werk der Klassiker, Goe thes also und Schillers, der Arbeiterschaft nahe zu bringen. Aber was man zu vermitteln versuchte, waren die bürgerlichen Bildungsklassiker. Diese Antinomie hat weitgehend auch noch die Leistungen eines Franz Mehring determiniert.«1020 In seiner Vorlesung beschäftigte sich Mayer auch mit dem Verhältnis von Lukács und Mehring, wobei er den ungarischen Philosophen weitaus 1018 Alle Zitate: Mayer: Georg Lukács’ Größe und Grenzen, S. 6. 1019 Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 408f. 1020 Ebd., S. 413. 437 20. Nahe Vergangenheit kritischer betrachtete als beispielsweise Mehrings Lessinglegende. Wichtig war ihm aber auch, darauf hinzuweisen, dass Lukács durchaus gewisse Momente des Denkens und Schreibens von Mehring in seine eigene Konzeption übernahm (trotz der überwiegend kritischen Sichtweise), etwa die Darstellung Mehrings der Weimarer Kultur.1021 Dennoch betonte Mayer mit Blick auf die frühen Werke von Lukács deren »arg sektiererischen Geist«,1022 den dieser erst mit jenen Goe the-Studien überwunden habe, die unsere Darstellung im vorliegenden Buch eröffneten. Aber auch in diese Feststellung mischt sich Kritik. »Zweifellos ist die Analyse materialistischer geworden; allein die Einwände liegen dennoch auf der Hand. Bei Lukács befindet sich eine allgemeine und normative Ästhetik, wie sie in der Sowjetunion propagiert wurde (im Kern jedoch schon beim jungen Autor selbst angelegt war), im Widerspruch mit der eigentlich dialektischen und historischen Interpretation.«1023 Ein ganzes Stück weit ist diese Art des Argumentierens jener Abrechnung verwandt, mit der Lukács ab 1956 in der DDR überzogen wurde. Zu ergänzen ist aber, dass Mayer darauf Wert legte, »den Lukács der Studien über Goe the und seine Zeit gegen die große und simplifizierende Abwertung zu verteidigen, die Theodor W. Adorno« gegeben hatte.1024 Bloch wurde von Mayer übrigens eine gewisse Beschränkung vorgeworfen, als Lob verkleidet zwar  – aber doch mit kritischem Unterton: »Ernst Bloch wiederum kommt weder in seinen Literaturaufsätzen noch im philosophischen Hauptwerk, dem Prinzip Hoffnung, von der Faust-Tragödie los. In höchst eindrucksvoller Weise hat er – wohl als erster – auf die innere Verwandtschaft und geschichtlichen Parallelismen zwischen Faust I 1021 Siehe: Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 413-417. 1022 Ebd., S. 416. 1023 Ebd., S. 420. Weiter heißt es: »Dieser spekulative Ästhetiker von großer Begabung ist so stark fasziniert von den eigenen Vorstellungen und Erwartungen, wie ein Kunstwerk der Zukunft, insbesondere ein Romanwerk, auszusehen habe, dass er alle vorhandenen Gebilde  – hier die Werke Goe thes  – an dieser Idee einer prästabilierten ästhetischen Harmonie misst. So kann er den gesellschaftlichen Bedingtheiten der Adelswelt, wie Goe the sie in den Lehrjahren darstellt, im Grunde ebenso wenig gerecht werden wie den realutopischen Elementen der Wanderjahre.« (Ebd.) 1024 Ebd., S. 421. 438 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und der Phänomenologie des Geistes hingewiesen.«1025 Was aber, diese Einwürfe, Einwände kurz außen vor gelassen, dem Marxismus zu verdanken sei, wäre die Verschiebung des Interesses an Goe the. Dieses sei, so Mayer Mitte der siebziger Jahre, »in neuerer Zeit nahezu ausschließlich ein Thema für das antibürgerliche Denken geworden«.1026 Immerhin, ein nicht zu unterschätzender Erfolg. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, von den vertrauten Freunden Georg Lukács und Wolfgang Harich, von Ernst Bloch, dem Magier der Utopie, von Hans Mayer, der vielleicht just in diesem Moment dem Teufel oder einem Engel einen langen Monolog darüber hält, warum er in diesem Buch zu kurz gekommen ist. Gleichzeitig gilt es, Goe the und Hegel endlich nicht zurückzulassen, sie nicht für eine Sache, sei sie noch so wichtig, zu vereinnahmen, sondern beide nicht nur im Bücherschrank regelmäßig abzustauben, vielmehr ihnen einen Platz an unserer Tafel anzubieten. Wir haben jenes Werk fortzusetzen, das 1949 begann, aber nur im intellektuellen Bereich zukunftsfähig wurde, im politischen Raum zügigst zur Karikatur verkam. Schauen wir ein letztes Mal zurück. Auf Hegel, auf die Französische Revolution – was ja immer auch Aussage zu Goe the ist. Das »im Grunde rein arithmetische Vorkommnis der neunzig Jahre« führte dazu, dass sich Bloch zu seinem Geburtstag 1975 für den Ehrendoktor der Universität Tübingen bedanken durfte. Dabei machte er zuvorderst eines geltend: »Die Wichtigkeit des Tatortes.«1027 Der Weg zur Freiheit des Menschen, in Tübingen begann er zu dämmern. »Die drei Tübinger Studenten Hölderlin, Schelling, Hegel haben den großen Stoß der Französischen Revolution in die kleine Universitätsstadt hineingebracht. Sie tanzten unter dem Maibaum, der geschmückt war mit der Trikolore, und zwar der Trikolore des Begriffs der Begriffe: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – mit denen nun Ernst gemacht werden sollte (…). Und in der ganzen Atmosphäre und Aura lag der Ernst dessen, was Kant weit weg in Königsberg verkündet hatte, in rein theoretischer und resignierender Form. Aber an anderem Ort zündete nun der Funke seines 1025 Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 426. 1026 Ebd., S. 427. 1027 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391. 439 20. Nahe Vergangenheit Satzes, der heißt: ‚Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.‘ So war es möglich, dass hier in Tübingen der Keim gelegt wurde zu dem, was später aus Hegels Philosophie kam, nachdem sie auf die Füße gestellt war.«1028 Das ist, erinnern wir uns, das Motiv der frühen Jahre: Die Denker und Theoretiker begrüßen eben jene Revolution, die die Dichter ablehnten. Goe the und Schiller waren damals von Bloch gemeint, Hölderlin ist die eine, die große Ausnahme, von seiner Revolutionsbejahung zu guter Letzt nur den Irrsinn behaltend. Der junge Marx habe diese Revolutionsbegeisterung wie kein Zweiter begriffen und daraus sein Ziel abgeleitet: Den Menschen zum Menschen werden zu lassen. Dieses Vermächtnis gelte es beizubehalten, zu bewahren, durch die Zeiten zu tragen – samt seinem Ursprung »bei den drei Gestalten: Bei Hölderlin und seinem Hyperion, bei Schelling, der später so reaktionär wurde, aber damals durchaus mitzog und zwanzigjährig eine kleine Schrift über Naturrecht schrieb als der großen Strategie der Freiheit, und vor allen Dingen bei Hegel, der am Anfang der Phänomenologie des Geistes das weit überholende, über die Zeit hinaussteigende Kapitel über Herr und Knecht einfügte, mit Herr und Knecht als Dualismus in der bisherigen Phänomenologie des Geistes, der unaufhebbar zu sein scheint, wobei der Herr den Knecht braucht, aber der Knecht nicht den Herrn. Denn der Knecht kann leben, auch wenn es keine Herren mehr gäbe; die Selbständigkeit des Bewusstseins ist nur durch Abwesenheit oder Abschaffung der Herren garantiert.«1029 * * * * * Auf den hinter uns liegenden Seiten war so viel von Goe the und Hegel die Rede, dass die Fakten manchmal etwas aus dem Blick geraten. Wenn man um 1800 als Autor einem Anderen sein Buch zukommen ließ, dann sah dies etwas anders aus als heute. Man schickte die Druckbögen, manchmal schon eingebunden, und der Beschenkte schnitt die einzelnen Bögen auf. Hegel sendete ein Exemplar der Phänomenologie des Geistes seinerzeit 1028 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391f. 1029 Ebd., S. 392. 440 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge an Goe the, doch dieser legte mangels Interesse das Paket einfach weg, er schnitt nicht auf, sortierte nicht und sein Augenlicht schonte er auch, indem er auf eine Lektüre verzichtete. Nun ist es zwar für eine Analogisierung der theoretischen Modelle von Goe the und Hegel irrelevant, ob diese sich gegenseitig gelesen haben oder nicht. Aber es wirft ein interessantes Licht auf die Protagonisten unseres kleinen Buches, dass es keiner für nötig hielt, uns diesen Umstand deutlich vor Augen zu führen, gar an den Beginn der Betrachtungen zu stellen. Hans Mayer immerhin erinnerte im Westen zwei Mal an diesen Fakt. Einmal in einem Nebensatz.1030 Das andere Mal in dem Aufsatz Goethe, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert. Dort ist zu lesen: »Man fand nach Goe thes Tod in seiner Bücherei ein Exemplar von Hegels Phänomenologie des Geistes von 1807 mit einer Widmung an Goe the. Das Buch war unaufgeschnitten. Dennoch ist – was Goe the damals nicht geahnt haben mochte, als Hegel für ihn nicht viel mehr war als ein Jenenser Professor – die Verbindung zwischen dem I. Faust und dieser Phänomenologie des Geistes höchst erstaunlich. Oder auch gar nicht erstaunlich, da von Hegel gewollt.«1031 Erst 20 Jahre später kam es dann zu jenem Treffen in Weimar, das als Durchbruch zur Entdeckung der Gemeinsamkeiten, der Übereinstimmungen auf persönlicher und theoretischer Ebene angesehen werden kann.1032 Es blieben nur einige Jahre, diesen Augenblick in seiner Fülle auszukosten. 1030 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 99. 1031 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 168f. 1032 Hans Mayer schrieb, zitieren wir dies zum Abschluss: »Die entscheidende Annäherung erfolgte am 16. Oktober 1827 in Weimar. Hegel kam aus Paris, wo er von seinen französischen Freunden und Schülern herzlich aufgenommen worden war. Nun bleibt er zwei Tage in Weimar und wird ausgiebig geehrt. Am Frauenplan ist zu seinen Ehren ein Abendessen gerichtet, dem Eckermann, Zelter, Knebel beiwohnen. Hegel berichtet über den Zustand des Bourbonenregimes in Paris, über die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen an der Französischen Akademie; er entwickelte in einer scherzhaft abgekürzten und doch tiefsinnigen Weise, gleichsam für den Hausgebrauch Goe thes, das Prinzip seiner Dialektik als eines dem Menschen innewohnenden Widerspruchsgeistes. Die Gespräche mit Hegel haben Goe the lebhaft berührt. Eckermann berichtet darüber; Goe the notiert seine Anteilnahme in das Tagebuch; er schreibt am 14. November 1827 an Knebel, wie ihm jetzt im mündlichen Gespräch viel stärker als nach Hegels Wer- 441 20. Nahe Vergangenheit Wir sind erfreut über die Redlichkeit des Germanisten, die diese Klärung zumindest versucht. Aus dem Fakt der hier erwähnten »Auslassung« durch die Philosophen lässt sich die Konsequenz ziehen, an etwas zu erinnern, das wir nicht vergessen dürfen. Alle Intellektuellen sind, gerade auf dem ihnen so vertrauten Gebiet des Intellekts, Schlawiner, manchmal Betrüger oder Ganoven. Wie eine Spinne sitzen sie in den Abend- und Nachtstunden still und grübelnd im Dunkeln und weben ihr Netz. Entscheidend ist, dass man nicht wie eine Fliege hinein fliegt und sich tödlich verheddert, dass man auch nicht mit einem kleinen Funken das ganze Netz in Flammen aufgehen lässt. Vielmehr muss man es erkennen als das was es ist: Ein kunstvolles, diffiziles Gebilde, das trotz seiner Schönheit nur mit einigen wenigen kleinen dünnen Fäden an der Decke befestigt ist. »Die Eule der Minerva beginnt – so der späte Hegel – leider erst bei einbrechender Dämmerung ihren Flug. Die Philosophie hätte also gar nicht umzudenken und einzugedenken, um zu verändern – das sagt der späte Hegel, der nachher noch einmal die Französische Revolution trotzdem so gepriesen hat.«1033 Dies formulierte Bloch, doch lassen wir, es soll keine Wertung sein, Lukács das Schlusswort: »Wir sind so lange jung, wie die Zukunft die Vergangenheit und die Gegenwart beleuchtet, erklärt, gestaltbar macht; das Altern äußert sich vor allem im ausschließlichen ideologischen und dichterischen Bestimmtsein der Gegenwartsfragen aus den Fragen einer oft weit zurückliegenden Vergangenheit.«1034 ken bewusst geworden sei, ‚dass wir in den Grundgedanken und Gesinnungen mit ihm übereinstimmen, und man also in beiderseitigem Entwickeln und Aufschließen sich gar wohl annähern und vereinigen könne‘. Auch Hegel berichtet seiner Frau nach Berlin voller Beglückung über die enge geistige Gemeinschaft, die diesmal hergestellt wurde.« Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 182f. 1033 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 394f. 1034 Lukács: Gruß an Arnold Zweig, S. 18. 443 Literatur Abusch, Alexander: Grußadresse, in: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 5-6. Ackermann, Anton: Ein Mitbürger der Zukunft, in: Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern, S. 87-103. Akademie für G esellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg.): Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Band III: Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, hrsg. von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, Vera Wrona, Leiterin des Autorenkollektivs, Berlin, 1979. Albus, Günter: Hans Mayer in Leipzig, 1948-1963. Eine bio-bibliographische Chronik in: Klein/Neuhaus/Pezold: Hans Mayers Leipziger Jahre, S. 171-190. 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