5. Goethean neuen Ufern in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 85 - 100

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-85

Tectum, Baden-Baden
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85 5. Goe the an neuen Ufern Von 1946 bis 1950 wirkte Wolfgang Harich als Journalist für die Tägliche Rundschau.159 Sein erster Artikel erschien am 28. Juli 1946  – Und noch einmal: Ernst Jünger, kurz darauf folgte Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«. Wegen ihrer ideologisch-politischen Ausrichtung hatten (vor allem die gerade genannten) Texte Harichs den Bruch mit der französisch lizenzierten Zeitung Der Kurier hervorgerufen, für die er zuvor tätig gewesen war. Zeitlich parallel knüpfte Harich bereits Kontakte zu den russischen Kulturoffizieren. Dabei ging es um seine Pläne und seine Rolle bei der Neugründung der Weltbühne. Wolfgang Schivelbusch hat in der lesenswerten Monographie Vor dem Vorhang die entsprechenden damaligen Diskussionen nachgezeichnet und detailliert rekonstruiert, warum Harich scheiterte.160 Aber Harichs Niederlage bei dem Versuch, maßgeblicher Redakteur der Weltbühne zu werden, hatte positive Folgen. So schrieb er bis in die fünfziger Jahre nicht nur ca. vierzig Artikel für die Weltbühne, sondern die Vertreter der sowjetischen Militäradministration in der SBZ hielten sozusagen ein Trostpflaster für ihn parat: Die Anstellung bei der Täglichen Rundschau.161 159 Eine Auswahl der Artikel Harichs wurde gerade ediert. Siehe: Harich: Frühe Schriften, Bd. 2, S. 1013-1218. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Harich als Journalist der Täglichen Rundschau, S. 999-1012. Außerdem: Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 110-121. 160 Schivelbusch: Vor dem Vorhang. 161 Siegfried Prokop stellte heraus, dass Harichs »Freunde und Gönner in Karlshorst« den Übergang vom Kurier zur Täglichen Rundschau forcierten, Harich also 86 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für Harich war diese Konstellation vorteilhaft. Er intensivierte in den Jahren der SBZ/frühen DDR seine Kontakte zu den russischen Kulturoffizieren, auf privater, freundschaftlicher und beruflich-kollegialer Ebene, die ihm zwar im November 1956 bei seiner Verhaftung durch Ulbricht nicht mehr helfen konnten, bis zu diesem Zeitpunkt aber überaus nützlich waren: Sie öffneten Türen, halfen ihm bei Diskussionen (beispielsweise bei dem Streit um seine Hegel-Interpretation an der Berliner Humboldt-Universität)162, stärkten seine Rolle im Berlin der Nachkriegszeit. Sicherlich war es auch dieser Konstellation geschuldet, dass Harich neben Anna Seghers und anderen zu der Delegation der deutschen Schriftsteller gehörte, die 1948 knapp einen Monat lang die Sowjetunion besuchte. In der Anklageschrift gegen Wolfgang Harich (nach dessen Verhaftung im November 1956) stellten Staatssicherheit, Partei und Staatsanwaltschaft Harichs Laufbahn mit knappen Worten (und zudem verschiedenen inhaltlichen Fehlern in der Gesamtkonzeption) wie folgt dar: »Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes im Mai 1945 war der Beschuldigte Harich kurze Zeit in der Bezirksverwaltung in Berlin-Wilmersdorf tätig und wurde persönlicher Referent des Präsidenten der neugebildeten Kammer der Kunstschaffenden, die ihren Sitz in Berlin-Charlottenburg, Schlüterstraße 45 hatte. Diese Stellung gab er im Herbst 1945 auf und nahm eine Anstellung bei der französisch lizensierten Tageszeitung Der Kurier als erster Theaterkritiker an. Wegen fortgesetzten Differenzen mit dem französischen Zensur-Offizier, Oberst Ravour, wechselte er im Juli-August 1946 zur Redaktion der Täglichen Rundschau über. Bei dieser Zeitung war er bis Frühjahr 1950, erst als erster Theaterkritiker, dann als Leiter der Abteilung Theorie und Propaganda, tätig. Seit 1950 ist er als freischaffender Lektor am Aufbau Verlag in Berlin, V 8, Französische Straße 32, tätig gewesen und ab Herbst 1954 war er in diesem Verlag als Cheflektor für Klassikerausgaben, Philosophie und Literaturkritik angestellt.«163 eine Alternative anboten. Prokop: Ich bin zu fr üh geboren, S. 41. Das lässt sich allerdings in der gemeinten Deutlichkeit nicht belegen. 162 Die entsprechenden Texte und Debatten präsentiert der Band: Harich: An der ideologischen Front. Siehe zudem die Einblicke und Hinweise von: Eckholdt: Begegnungen mit Harich. 163 Harich: Aus der Anklageschrift gegen Harich, 1957, S. 152. 87 5. Goe the an neuen Ufern Und weiter heißt es: »Im Jahre 1946, und zwar im Juni dieses Jahres, wurde Harich Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Da er sich durch Selbststudium gute philosophische Kenntnisse angeeignet hatte, wurde er 1948 zu einem sechsmonatigen Dozentenlehrgang für dialektischen und historischen Materialismus an der Parteihochschule ‚Karl Marx‘ in Kleinmachnow delegiert, dessen Abschlussprüfung er mit dem Prädikat ausgezeichnet bestand. Danach führte er einen Lehrauftrag für marxistische Philosophie an der pädagogischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität durch, indem er dort bis 1951 Vorlesungen über dialektischen und historischen Materialismus hielt und die gesellschaftswissenschaftlichen Prüfungen leitete. In der gleichen Zeit hatte Harich eine wissenschaftliche Aspirantur für Philosophie an der Humboldt-Universität inne, die er im September 1951 mit dem Staatsexamen und der Erlangung der Würde eines Doktors der Philosophie abschloss. Da Ende 1951 an der Humboldt-Universität ein philosophisches Institut eröffnet wurde, hat Harich an diesem Institut eine Professur für Geschichte der Philosophie, neben seiner freischaffenden Tätigkeit am Aufbau Verlag, bis 1954 wahrgenommen. Seitdem er als Cheflektor beim Aufbau-Verlag angestellt ist, hat er nur noch von Zeit zu Zeit freiberufliche Vorlesungen an der Humboldt-Universität gehalten. Mit der Gründung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Jahre 1953 wurde er auch Chefredakteur dieser Zeitschrift und war als solcher bis zu seiner Festnahme tätig.«164 Im Verlag der Täglichen Rundschau erschien nicht nur die gleichnamige Zeitung, sondern auch alle zwei Wochen die Neue Welt, ein Periodikum, in dem viele theoretische und wissenschaftliche Fragen des Marxismus behandelt wurden. Mit dem klaren Auftrag der Darstellung der offiziellen sowjetischen Position zu verschiedenen tagesaktuellen, aber auch historischen und philosophiegeschichtlichen Fragestellungen. Die Bandbreite reichte von der Interpretation der Werke der »Klassiker« (der echten und der angeblichen) bis zur Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus und der Aufstellung/Klarstellung der Dogmen. Besondere Bedeutung kam 1949 der Zelebrierung des Goe the-Jubiläums zu, wobei die russischen Kulturoffiziere versuchten, über die An- 164 Harich: Aus der Anklageschrift gegen Harich, 1957, S. 153. 88 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe eignung des literarischen und philosophischen deutschen Erbes den Schulterschluss mit der sozialistischen und fortschrittlichen Intelligenz in Nachkriegsdeutschland herzustellen. Wenn sich die SBZ, die russischen Kulturoffiziere, die kulturellen Eliten der jungen DDR zu Goe the (und zu anderen Künstlern, Theoretikern etc.) bekannten, dann war dies ihrem Verständnis nach ein deutliches »Ja« zum humanistischen Erbe der deutschen Vergangenheit. Goe the repräsentierte für sie jene deutsche Kultur, die von den Nazis verfälscht werden musste, um rezipiert werden zu können. Jene Kultur, durch deren Popularisierung ein wichtiger Baustein gewonnen sei, Krieg und Faschismus auf deutschem Boden für immer zu verhindern. Vermittelt über die Ausgestaltung des Goe the-Jahres kam es zu einer Öffnung der Neuen Welt für die sich herausbildenden ostdeutschen Literaturwissenschaften sowie die entstehende eigenständige marxistische Philosophie der SBZ/DDR. In seinem von der Staatssicherheit aus dem Verkehr gezogenen Hegel-Aufsatz von 1956 sprach Harich dann von den »schönen Würdigungen Goe thes, die in den Nachkriegsjahren in der Sowjetunion entstanden sind«.165 Die Rezeption der »Klassiker« der deutschen Kultur in der SU sei vorbildlich und richtungsweisend. Ähnlich äußerte er sich auch in den Gleichschaltungs-Artikeln in der Weltbühne von 1948, in denen er ein überaus positives Bild der Pflege der deutschen Kultur in der Sowjetunion entwarf.166 Zu diesem, noch nicht einmal durch das bittere Leid durch den Nationalsozialismus getrübten Prozess der Aneignung der progressiven Teile des deutschen bürgerlichen Kulturerbes durch die SU stehe das philosophische Erbe-Verständnis der offiziellen DDR-Politik fast schon im Gegensatz, so Harich weiter. In dem gerade erwähnten Hegel-Aufsatz von 1956 heißt es: »Um es zugespitzt zu sagen: Wenn unsere Politiker sich hätten verhalten wollen wie einige unserer Philosophen, so hätten sie die Parolen der Nationalen Front aus gewissen übertemperierten Kriegsartikeln von Ehrenburg abschreiben müssen. Zum Glück haben unsere Politiker 165 Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 189. 166 Harich: Gleichschaltung?, S. 582-585; Gleichschaltung? II, S. 615-619; Gleichschaltung? Schluss, S. 664-668. Weitere Artikel zu diesem thematische Komplex erschienen in der Täglichen Rundschau. 89 5. Goe the an neuen Ufern das nicht getan, aber leider sind sie auch nicht ganz unbeteiligt daran, dass wir in der Deutschen Demokratischen Republik zwar großartige Goe theund Schiller- und Bach-Jubiläen gefeiert haben (bei denen die Aneignung des Erbes nicht immer sehr kritisch war), aber vom 225. Geburtstag Kants im Jahr 1949 und vom 120. Todestag Hegels im Jahr 1951 kaum Notiz nahmen. Wir müssen den Freunden der klassischen deutschen Philosophie in ganz Deutschland – auch denen und gerade denen, die wir von der Fruchtbarkeit der marxistischen Methode in der Philosophiegeschichte erst noch überzeugen wollen – offen einbekennen, dass das Fehler waren, die mit einer sozialistischen Einstellung zu Kant und Hegel nichts zu tun haben, und müssen überzeugend die Ursachen dieser Fehler aufdecken.«167 Doch dies war schon Rückblick – die Zeit lief damals rasend schnell. Einige Jahre vorher überwog die Euphorie, die Begeisterung für das Neue und den großen Aufbruch. Um sich die Rolle und die Aufgaben der Täglichen Rundschau und der Neuen Welt zu vergegenwärtigen, bietet es sich an, die Selbstdarstellung der DDR zu Rate zu ziehen (mit wachsamen, prüfenden Augen selbstverständlich), genauer gesagt den dritten Band der die Historie im ideologischen Auftrag mehr als nur verfälschenden Darstellung Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR ,168 jene abstruse Publikation, die es ja beispielsweise fertig bringt, mehrere Autoren Harich kritisieren zu lassen, ohne dass diese dessen Werke gelesen haben. Dort gibt es im ersten Teil Marxistisch-leninistische Philosophie und antifaschistisch-demokratische Umwälzung (1945-1949) neben der obligaten Kritik des Existenzialismus (die von den nicht ganz so plumpen Analysen von Lukács oder Georg Mende zu unterscheiden ist) oder der Darstellung des dialektischen und historischen Materialismus das Kapitel Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit bei der E ntwicklung der mar xistisch-leninistischen Philosophie.169 Vera Wrona, die verantwortliche Autorin, stellt darin in DDR-typischer Vermischung von Produktionsstatistik und »Interpretation« (in die- 167 Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 195. 168 AdW: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Band III: Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre. 169 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 147-173. 90 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sem Kontext ein eigentlich zu freundliches Wort) nach der Darstellung der Editionsarbeit russischer Verlage mit Blick auf die »Klassiker« fest: »Weitgehende Unterstützung leistete die SMAD bei der Verbreitung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, vor allem auch mit den von ihr herausgegebenen Publikationsorganen, der Täglichen Rundschau170, die als erste Tageszeitung im Nachkriegsdeutschland erschien, und der theoretischen Zeitschrift Neue Welt171, die zweimal monatlich erschien. Beide Publikationsorgane wurden bis 1954/1955 verlegt. Bis Ende des Jahres 1948 wurden sie auch in den westlichen Besatzungszonen verbreitet. Maßgeblicher Einfluss auf die politisch-ideologische, weltanschauliche und kulturell-geistige Bildung und Erziehung ging von der Zeitschrift Neue Welt aus. Anfangs erschien sie in einer Auflage von 10.000, bald darauf von 50.000 Exemplaren.«172 Auch zu der ideologischen Aufgabenstellung der Zeitung sowie der dazugehörigen Zweiwochenschrift nahm Wrona im Parteiauftrag Stellung: »Das Ziel, dass sich die Redaktion stellte, bestand darin, ‚weite Kreise der Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit dem sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Sowjetunion bekannt zu machen.‘173 Die Zeitschrift veröffentlichte Artikel sowjetischer Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller sowie in zunehmendem Maße auch Beiträge deutscher Autoren. Die außerordentlich hohe politisch-ideologische und theoretische Wirksamkeit der Zeitschrift Neue Welt beruhte vor allem darauf, dass durch aktuelle und auf hohem wissenschaftlichem Niveau stehende Beiträge eine breite Skala weltanschaulicher Fragen beantwortet wurde. Eine große Rolle spielten dabei vor allem jene Beiträge, die, ausgehend von der weltgeschichtlichen Rolle der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, das Wesen der sozialistischen Gesellschaftsordnung 170 Originalfußnote: Tägliche Rundschau. Der erste Untertitel lautete: Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung; nach kurzer Zeit wurde dieser in Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur umbenannt. Die Erscheinungszeit war: 15. Mai 1945 bis 30. Juli 1955 im Verlag Tägliche Rundschau Berlin. 171 Originalfußnote: Neue Welt (Halbmonatsschrift), Erscheinungszeit Mai 1946 bis Dezember 1954 im Verlag Tägliche Rundschau Berlin. 172 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 149f. 173 Originalfußnote: Neue Welt, 1946, Heft 1, S. 2. 91 5. Goe the an neuen Ufern in der Sowjetunion, ihre geschichtlichen Errungenschaften und ihre Pionierrolle im Kampf um den geschichtlichen Fortschritt zum Gegenstand hatten. Dabei wurde ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis nicht nur der sozialökonomischen, politischen und militärischen Ursachen des Sieges der Sowjetunion über den faschistischen Aggressor, sondern auch der moralischen Überlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung gegen- über dem Faschismus und jeglicher Ausbeuterordnung geleistet. Durch die Propagierung vieler Artikel zu Grundfragen der marxistisch-leninistischen Philosophie und Weltanschauung beeinfl usste die Neue Welt wesentlich den von der revolutionären Partei der deutschen Arbeiterklasse geführten Kampf, den dialektischen und historischen Materialismus im Bewusstsein der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen fest zu verankern. Sie erfüllte eine große Aufgabe bei der Verbreitung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und trug wesentlich zu der ideologischen Umwälzung bei, die im Prozess der antifaschistisch-demokratischen Umgestaltung in der sowjetischen Besatzungszone vollzogen wurde.«174 174 Wrona: Deutsch-sowjetische Zusammenarbeit etc., S. 150f. Modeillustration (oben) und »Wir lernen Russisch« in der Täglichen Rundschau (rechts) 92 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Soweit die offizielle Darstellung. Die betonte ideologische Wirksamkeit beider Publikationsorgane ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade auch in der Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR wird immer wieder aus Artikeln der Neuen Welt zitiert, die in der Tat den Charakter offizieller Verlautbarungen hatten. Die Tägliche Rundschau und die Neue Welt besaßen im Prinzip eine doppelte Funktion: Sie setzten die Themen und sie besetzten diese auch. Aus dieser Konstellation resultierte dann ihre Vorreiterrolle. Mit Blick auf die Etablierung der DDR-Philosophie durch die permanente Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Philosophie schrieb Norbert Kapferer: »Im Jahre 1946 waren der Aufbau und die vom SMAD herausgegebene Neue Welt die einzigen Zeitschriften in der SBZ mit philosophischem Profil. Während man sich im Aufbau aus Gründen der ‚Überparteilichkeit‘ mit der Propagierung des Marxismus, gar eines Marxismus-Leninismus, zurückhielt, wurde in der Neuen Welt die Philosophie des dialektischen und historischen Materialismus stalinistischer Provenienz schon 1946 offensiv verbreitet. Ab 1947 gingen die Autoren der Neuen Welt, zumeist sowjetische Philosophen, zum offenen Angriff auf die ‚bürgerliche Philosophie‘ über. Im selben Jahr gab auch das erste theoretische Organ der SED, die Einheit, seine bis dahin geübte philosophische Selbstbeschränkung auf und schaltete sich, nachdem 1946 fast ausschließlich politische Themenstellungen bearbeitet worden waren, in die philosophische Diskussion ein.«175 Abschließend sei, diese kurze Vermessung komplettierend, noch auf den Aufsatz Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung von Hans-Christoph Rauh, der sich um die Erforschung der DDR-Philosophie und der DDR-Nichtphilosophie mehr als nur verdient gemacht hat, hingewiesen. Seine Analyse erbrachte (bei der Auswertung der Zeitschriften Aufbau, Einheit und Neue Welt) das Ergebnis, dass die »geistig-philosophische Entnazifizierung« in letzter Konsequenz zu einer »unvorstellbar totalen sowjetrussischen Stalinisierung der ostdeutschen Philosophieanfänge« führte.176 Weiter heißt es bei Rauh: »Und in den ersten Nachkriegsjahren war 175 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 13. 176 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung etc., S. 89. 93 5. Goe the an neuen Ufern es natürlich wiederum vor allem die sowjetrussische Besatzerzeitschrift Neue Welt, die in allererster Linie nicht einfach nur ausführlich informierend, sondern bereits grundsätzlich richtungsweisend orientierend, zum Beispiel fortlaufend über die einzigartige Entwicklung des ‚philosophischen Lebens in der UdSSR‘ berichtete. (…) Wie jedoch sehr bald offenbar wurde, reduzierte sich diese Berichterstattung zunehmend immer eingeschränkter, schließlich (…) bis in ihre normierte Sprache hinein einfach nur auf dogmatisch-verschulte, lehrbuch-‘philosophische‘ Weiterbildungskurse und Themen, absolut ohne jeden wirklichen Erkenntnisgewinn (…).«177 Diese Versuche der allumfassenden sowjetischen Durchdringung jedweder politischer, aktueller und philosophischer Fragestellung führte auch zur Adaption »typisch deutscher« Themen. (Wobei freilich nicht unterschlagen werden darf, dass sich viele der sowjetischen Kulturoffiziere tatsächlich und ernsthaft für die deutsche Kultur und Philosophie interessierten, dass Schiller, Goe the, Heine und Hegel eine zweite Heimat gefunden hatten – während die faschistische Barbarei tobte.) Rauh führt aus: »Nicht unerwähnt soll hier bleiben, dass das sowjetische Besatzerorgan Neue Welt 1948/1949 es sich nicht nehmen ließ, besonders ausführlich der (allerdings gescheiterten) deutschen bürgerlichen März-Revolution 1848 (aber es ist ja zugleich das eigentlich entscheidende 100. Erscheinungsjahr des proletarisch-revolutionären Kommunistischen Manifests von Marx und Engels) zu gedenken, und dem bald nachfolgenden Goe the- Jubiläum 1949 beide August-Hefte gewidmet wurden, wobei in großer sowjetisch-ostdeutscher Gemeinsamkeit (die zahlreichen Sowjetautoren sind hier unaufzählbar) neben einem wichtigen Beitrag von Ernst Bloch – als Erstautor in einer ostdeutschen Zeitschrift überhaupt178 – zum Faust- 177 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung etc., S. 89. 178 Blochs Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozial-Utopien war nach dem Druck im New Yorker Aurora-Verlag bereits im Aufbau-Verlag erschienen. Wie auch bei Lukács hatte der Aufbau-Verlag gedruckt, ohne mit dem Autor einen Vertrag zu haben. Die entsprechenden Briefe präsentiert: Bloch: Briefwechsel mit dem Aufbau-Verlag, S. 25-38. Außerdem die (nicht ganz vollständigen) Dokumente bei: Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)«. In der Sinn und Form erschienen 1949 ebenfalls zwei Aufsätze von Bloch: Heft 3: Bloch: Die 94 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe motiv in der P hänomenologie (also Hegels, Heft 6, S. 71ff.) eine längere Analyse des jungen Wolfgang Harich zu Goe thes Naturanschauung mit abgedruckt wurden (S. 87ff.).«179 Zunächst ist festzustellen, dass diese Zuschreibungen stimmen. Sowohl die Tägliche Rundschau als auch die Neue Welt hatten klare ideologische Aufgaben und Funktionen. Diese äußerten sich, neben den bisher angesprochenen Faktoren, auch durch eine massive Darstellung der »Klassiker«, durch breite und umfassende »Würdigungen« Lenins und Stalins, selbstverständlich durch die obligaten Produktionsstatistiken und vieles andere mehr. Öffentliche Verlautbarungen wurden gedruckt, Dekrete, Reden Stalins, Jahrestage umfassend gefeiert. Aber gerade die Tägliche Rundschau war ein Stück weit auch eine ganz normale Zeitung. Es gab Werbung und Kleinanzeigen, etwas Klatsch und Tratsch, Mode- und Frisurentipps. Wichtig waren auch die Spalten, in denen ernsthaft versucht wurde, das Leben in der Sowjetunion den Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone näher zu bringen – die Serien hießen beispielsweise: »Wir lernen Russisch«; »Die Woche in der Sowjetunion«; »Was wollen Sie aus der Sowjetunion wissen?« Regelmäßige Rubriken waren außerdem etwa: »Das Stadtbild in der Sowjetunion« oder die »Briefe deutscher Kriegsgefangener« sowie die entsprechenden Versuche der Familienzusammenführung, Kontaktvermittlung, Angehörigensuche usw. Ein Schwergewicht war auch der heute leider aus der Mode gekommene Fortsetzungsroman, in dessen Rahmen nicht nur sowjetische Schriftsteller vorgestellt wurden, sondern auch (wirklich groß angekündigt) Anna Seghers oder im Goe the-Jahr eine Goe the-Biographie (Die Selbsterkenntnis. Heft 5: Bloch: Dargestellte Wunschlandschaft in M alerei, Oper, Dichtung. 179 Rauh: Zwischen Entnazifizierung und S talinisierung etc., S. 100. Weiter: »Auch der Aufbau und die Einheit veranstalteten selbstverständlich eben solche traditionsbewussten thematischen Goe the-Hefte, wobei dem wiederum von Johannes R. Becher (so wie dann nochmals im späteren Schiller-Jahr 1955) herbeigeführten doppelten, also zugleich west- und ostdeutschen Rede-Auftritt von Thomas Mann in Weimar (und Frankfurt am Main) eine unvergessliche, nicht zu unterschätzende kulturnational einigende Bedeutung zukam.« 95 5. Goe the an neuen Ufern Forderung des Tages – Ein Goe the-Bild für die deutschen Werktätigen, von Edith Braemer und Hedwig Voegt).180 Hinzuweisen ist zudem darauf, dass die Tägliche Rundschau sich immer stärker den ostdeutschen Intellektuellen öffnete. Nicht nur Georg Lukács wurde ab ca. 1948/1949 ein regelmäßiger Autor der Zeitschrift. Die Liste der Personen, die, um ein exemplarisches Beispiel zu nennen, 1948 in der Zeitung publizierten, ist fast ein Namensverzeichnis der politischen und intellektuellen deutschen »Elite« der sowjetischen Besatzungszone: Alexander Abusch, Anton Ackermann, Hermann Axen, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Willi Bredel, Eduard Claudius, Hanns Eisler, Fritz Erpenbeck, Otto Grotewohl, Klaus Gysi, Stephan Hermlin, Rudolf Herrnstadt, Helmut Holtzhauer, Alfred Kantorowicz, Bernhard Kellermann, Alfred Kurella, Jürgen Kuczynski, Wolfgang Langhoff, Hans Mayer, Paul Merker, Alfred Meusel, Ernst Niekisch, Fred Oelßner, Wilhelm Pieck, Karl Polak, Anna Seghers, Victor Stern, Erich Weinert, Günther Weisenborn, Arnold Zweig, Klaus Zweiling. 180 Harich leitete den Abdruck mit einem Artikel ein: Ein Goe the-Bild für die deutschen Werktätigen, S. 3 (Siehe Abbildung auf Seite 178 dieses Werks). Tägliche Rundschau 96 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe In seiner Autobiographie Ahnenpass hat Harich auch über seine journalistischen Jahre berichtet.181 Über die Zeit beim französisch lizensierten Kurier schrieb er: »Trotzdem mache ich sehr bald die Erfahrung, dass man mir, ungeachtet meiner Star-Position als Feuilletonist und Kritiker, nur so lange Meinungsfreiheit gewährt, so lange ich rein kulturelle Themen behandle, dass meinem publizistischen Wirken aber in politischer Hinsicht auch am Kurier enge Grenzen gesetzt sind.«182 Die Meinungsverschiedenheiten drehten sich um Ernst Jünger und Rudolf Pechel (Abdruck in der Täglichen Rundschau), um allgemeine politische Fragen sowie um die Beurteilung des Berliner Kulturlebens. Die »Streifzüge« durch Berlin brachten es mit sich, dass Harich, wie erwähnt, auch zu den Russen in Kontakt kam. Harich schrieb, dass er »von den sowjetischen Kulturoffizieren hellauf begeistert (ist); später bedauere ich aufs tiefste, dass diese kultivierten, sensiblen, hochgebildeten Männer mit wachsender Souveränität der DDR von viel unsichereren, unbeholfeneren, weniger kenntnisreichen, stureren Kulturfunktionären aus dem Parteiapparat der SED abgelöst werden.«183 Dieses Urteil Harichs sollte übrigens, dies sei nur erwähnt, auch bei der Beurteilung der Täglichen Rundschau zumindest berücksichtigt werden. Der Wechsel Harichs vom Kurier zur Täglichen Rundschau war nicht nur ideologischer Natur, war nicht nur ein Mehr an Freiheit beim Schreiben, sondern hatte auch zutiefst menschliche Aspekte. »Schon in den Wochen davor habe ich in der ‚Möwe‘ meinen neuen russischen Bekannten gegenüber gelegentlich etwas von meinen Schwierigkeiten beim Kurier erwähnt und dabei auch halb scherzhaft einmal die Bemerkung fallen gelassen: ‚Wenn das so weitergeht, dann komme ich zu Ihnen.‘ (…) Trotzdem sind die Russen zunächst dagegen, dass ich zu ihnen übergehe. Dymschitz meint, im Großen und Ganzen sei der Kurier doch eine recht achtbare linksliberale Zeitung, und man müsse vermeiden, dass sich die Linie dieses Blatts durch den Fortgang progressiv eingestellter Mitarbeiter nach rechts verschiebe. Aber dann kommt es am Kurier zu dem Krach 181 Harich: Ahnenpass, vor allem S. 156ff. 182 Ebd., S. 157. 183 Ebd., S. 161. 97 5. Goe the an neuen Ufern um Pechel, zu der Weigerung der Redaktion, meine Polemik gegen ihn abzudrucken.«184 Um Harichs Erinnerungen hier zu komplettieren und abzuschließen, sei noch kurz wiedergegeben, wie er sich zur Täglichen Rundschau und zur Neuen Welt äußerte: »Meine Tätigkeit an der Täglichen Rundschau dauert von Sommer 1946 bis Frühjahr 1950. Bis Anfang 1949 bin ich dort nur erster Theaterkritiker, gelegentlich Literaturkritiker und Feuilletonist. Dann übernehme ich außerdem noch als Ressortchef die neu gegründete Abteilung Theorie und Propaganda, die der Verbreitung der marxistischen Theorie mit journalistischen Mitteln dienen soll, und werde gleichzeitig, als einziger Deutscher, Mitglied des Redaktionskollegiums der im gleichen Verlag erscheinende Halbmonatsschrift Neue Welt. Auch deren Chefredakteur ist, in Personalunion, Oberst Kirsanow (…). Die redaktionelle Tätigkeit nehme ich Anfang 1949 nur mit dem Vorbehalt auf, dass sie nur bis zu dem Augenblick dauern darf, wo die Vorbereitung von Staatsexamen und Promotion an der Universität mich beanspruchen werden, also höchstens für anderthalb Jahre; bis dahin will ich ein Ressort aufbauen, das auch ohne mich funktionieren kann. Was die Neue Welt angeht, so hat sie bis Ende 1948 fast nur Übersetzungen aus sowjetischen Zeitschriften enthalten. Meine Aufgabe im Redaktionskollegium soll es sein, von Anfang 1949 an auch deutschsprachige Mitarbeiter zu gewinnen und vor allem für eine niveauvolle Würdigung Goe thes, aus Anlass seines 200. Geburtstages, in den Spalten der Zeitschrift zu sorgen. Ich gewinne dafür unter anderem Ernst Bloch, Hans Mayer und Paul Rilla, schreibe auch einen eigenen Essay über Goe the als Naturforscher und bringe die besten während des Jahres 1949 erschienenen Beiträge über Goe the Anfang 1950 in einem Sonderband, unter dem Sammeltitel Zu neuen Ufern, heraus.«185 In der Täglichen Rundschau war Harich federführend dafür verantwortlich, die verschiedenen Beiträge zum Goe the-Jubiläum zu sammeln und zu bearbeiten, den Kontakt mit den deutschen Autoren zu halten sowie die finale Buchpublikation aller Aufsätze vorzubereiten. Der ent- 184 Harich: Ahnenpass, S. 161f. Gemeint ist der Artikel: Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«, S. 3. 185 Harich: Ahnenpass, S. 164. 98 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sprechende Band erschien Ende des Jahres 1949 unter dem Titel Zu neuen Ufern. Essays über Goe the. Zum Abdruck kamen dabei unter anderem Texte von Hans Mayer (Goe thes Erbschaft), Ernst Bloch (Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes), Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte), Wilhelm Girnus (Die ästhetischen Auffassungen Goe thes) und Anton Ackermann (Ein Mitbürger der Zukunft). Harich steuerte den Aufsatz Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung bei.186 Welche Bedeutung der von Harich betreuten Goe the-Sammlung zukommt, lässt sich auch daran ermessen, dass es 1949 in der SBZ/DDR eine universitäre Literaturwissenschaft so gut wie nicht gab. »Erst mit dem 1948 aus dem Westen in die Ostzone übergewechselten Hans Mayer und Werner Krauss gewann eine marxistisch orientierte Literaturwissenschaft an Profil.«187 Werner Krauss versuchte, so ist zu ergänzen, seinerseits sofort, Ernst Bloch nach Leipzig zu holen, ihm also die Berufung auf einen Lehrstuhl zu ermöglichen. (Dazu gleich ausführlicher.) Es herrschte schlichtweg ein eklatanter Mangel an »eigenen« marxistischen Wissenschaftler, Philosophen sowieso. Fritz Behrens soll Ende der vierziger Jahre angesichts dieser »Knappheit« gesagt haben: »Da hilft nur eins, da muss 186 Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Abgedruckt wurden neben Harichs Aufsatz: Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. Kamnitzer: Weimar zwischen Potsdam und Paris, S. 19-37. Deiters: Goe the als Erzieher zur Humanität, S. 39-51. Girnus: Die ästhetischen Auffassungen Goe thes, S. 53-85. Ackermann: Ein Mitbürger der Zukunft, S. 87-103. Mann: Über Goe the, S. 105-108. Heimann: Marx und Engels über Goe the, S. 109-114. Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 115-159. Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161-178. Kaiser: Das Goe thebild der russischen Literatur, S. 233-242. Jurgew: Russische Schriftsteller und Demokraten über Goe the, S. 243-246. Zweig: Der Gehilfe, S. 247-255. Die Beiträge von Thomas Mann und Arnold Zweig waren Nachdrucke früherer Arbeiten. Mit B. Heimann und L. Jurgew waren zwei sowjetische Literaturwissenschaftler beteiligt. 187 Mandelkow: Restauration oder N euanfang?, S. 141. Dort heißt es weiter: »Besondere Bedeutung für die Konstituierung einer genuin sozialistischen Goetheforschung gewann der bereits 1946 aus dem Exil in die SBZ zurückgekehrte Marxist Gerhard Scholz, ein Außenseiter der Zunft, der in einem legendären Lehrgang für Germanisten im Winter 1950/1951 in Weimar einen Kreis junger Wissenschaftler um sich versammelte, die in der Folgezeit wichtige linientreue Lehrstühle besetzten.« Ausführlich zu Scholz der Aufsatz von Krenzlin: Gerhard Scholz und sein Kreis, 195-218. 99 5. Goe the an neuen Ufern ein Trupp jüdischer Emigranten aus Amerika her.«188 Karl Robert Mandelkow, aus dessen Aufsatz wir gerade zitiert haben, hat nicht nur wichtige Anmerkungen zum Unterschied der ost- und westdeutschen Goe the- Rezeption gemacht, sondern auch gezeigt, dass das Goe the-Jubiläum natürlich staatlich genutzt wurde, gleichwohl aber auch Forschung voraussetzte und Breitenwirkung entfaltete (und genau diese Ausgewogenheit gilt es zu beachten).189 Diesen wirklich emanzipativen Anspruch der SBZ-DDR-Goe the- Feiern müsste man noch weitaus stärker fokussieren als dies Mandelkow macht. (Genau diesem Unterfangen dienen unter anderem unsere Ausführungen.) Es war ein Prozess, der – staatlich-ideologisch – von Lukács’ Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur über Johannes R. Becher Rede Der Befreier (28. August 1949) bis hin zu Wilhelm Girnus’ Goe the. Der größte Realist deutscher Sprache reicht.190 Nicht zu vergessen die ganzen politischen Rede-Beiträge, der berühmte Amboss, der noch wichtigere Hammer sind zu nennen. Aber dies ragte auch in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich hinein, wirkte dort. Mit Goe the in der 188 Das berichtete Walter Markov im Gespräch mit Thomas Grimm: Markov: Zwiesprache mit dem Jahrhundert, S. 180. Dort zahlreiche weitere Betrachtungen zum Thema. Mit Blick auf die Leipziger Universität zählte Markov auf: »Ernst Bloch, Hermann Budzislawski, (…) Wieland Herzfelde, Albert Schreiner, (…) Eva und Julius Lips, (…) die alten Kämpen Bönheim und Eisler. Eisens trafen aus England ein, Baumgarten aus der Schweiz, Werner Krauss, Hans Mayer, Norbert Aresin und der unverwüstliche spätere Dauerrektor Mayer Schorsch (…) aus den Westzonen. Karl Polak und Käte Harig sowie später Basil Spiru und Gustav Hertz kehrten aus der Sowjetunion zurück. Als stets wohlgelaunter Gastprofessor schien Auguste Cornu aus Frankreich auf (…).« (S. 181f.) 189 Vgl.: Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 142ff. 190 Becher: Der Befreier. Girnus: Goe the. Harich sorgte dafür, dass Girnus’ Goethe-Buch nicht als eigenständige Monographie im Aufbau-Verlag erschien. Die entsprechenden Verweise etc. bietet der Aufsatz von Werner Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder »Harich dürstet nach großen Taten«, S. 229ff. Ganz verhindern konnte er die Publikation aber nicht, der Text erschien als Einleitung des gerade genannten Goe the-Bandes: Girnus: Goe the. Der größte Realist deutscher Sprache, S. 7-197. An der Goe the-Schrift der Täglichen Rundschau, den Neuen Ufern, war Girnus ja ebenfalls beteiligt: Girnus: Die ästhetischen Auffassungen Goe thes, S. 53- 85. Wichtig ist zudem, dass Harich Girnus wegen dessen Kant- und Hegel-Kritik ablehnte, also weil dieser aus dem hier skizzierten Rahmen der Analogisierung von Goe the und Hegel herausfiel. 100 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe SBZ/DDR ist auch Blochs erster Aufsatz seines neuen Lebensabschnittes verbunden, der Beginn der wissenschaftlichen Karrieren von Harich und Mayer. Letzterer wiederum hatte am Amboss und Hammer ja mitgearbeitet usw. Ein Th ema für sich. Schauen wir genauer. Frontilllustration der Täglichen Rundschau, 1. Mai 1949

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Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.