4. Im Jubelrausch –Johannes R. Becher in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 69 - 84

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-69

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
69 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher »Goe the haben wir es zu danken und denen, die sich zu ihm bekannten, dass in den Zeiten der Barbarei der Glaube an ein anderes Deutschland in der Welt sich aufrecht hielt, mehr noch in uns selbst hielt Goe the diesen Glauben wach.« Johannes R. Becher: Der Befreier. In einem Gespräch hat Harich nach der Wende die intellektuelle Situation der Jahre der SBZ/DDR rückblickend beschrieben: »Ja, also Lukács war ja 1945 bis 1950 durch den gewaltigen enormen Einfluss vor Becher die maßgebliche Instanz in der Beurteilung von Literaturgeschichte. Ganz offiziell, in keiner Weise oppositionell oder abwegig oder Dissident oder so was. Er war die Autorität, Papst will ich nicht sagen, Papst war Becher. (…) Wenn Lukács über irgend etwas nicht geschrieben hatte – keine Zeile –, dann wusste man nicht, wie man‘s zu beurteilen hat.«123 123 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 57. Johannes R. Becher im August 1951 70 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für seine Dissertation (Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft), dies sei (den letzten Satz) ergänzend angeführt, machte Harich in seinem Beitrag zur Lukács-Festschrift geltend: »Mancher Genosse rechnet es mir als Verdienst an, dass ich damit eine Lücke ausgefüllt hätte, ein Thema erörternd, das von Ihnen nicht behandelt worden sei. Stimmt das wirklich? Gewiss: Sie haben niemals ein Buch oder einen Aufsatz über Herder verfasst. Aber Ihre Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik im 18. Jahrhundert, ferner die Ausführungen, die Sie in Ihrem Werther-Essay über die inneren Widersprüche der Aufklärung und über den deutschen Rousseauismus machen, sodann Ihre Bemerkungen über die Problematik des Kampfes, den der alte Herder gegen die Weimarer Klassik führte, und schließlich die auf Herders Geschichtsphilosophie bezüglichen Stellen im Jungen Hegel fügen sich, wie ich glaube, genau zu dem zusammen, was ich nicht erst zu entdecken, sondern, diesen Fingerzeigen folgend, nur näher auszuführen und mit konkreten Belegen zu versehen brauchte. Es waren Ihre Hinweise, diese ganz knappen, beiläufigen Andeutungen, die mir in dem uferlosen und widerspruchsvollen Schaffen des genialischen Superintendenten von Weimar das Wesentliche markiert und mich zugleich auf die zentralen Fehler seiner bürgerlichen Interpreten aufmerksam gemacht hatten. So hatte ich während der Arbeit auch stets das Gefühl, im Grunde nichts anderes zu tun, als das Herderbild von Lukács zu reproduzieren.«124 Harich hat uns mit dieser Schilderung, zuvorderst mit der zuerst wiedergegebenen Aussage, ein Stichwort geliefert, bei dem kurz zu verweilen ist, bevor wir zum eigentlichen, hier gesetzten Thema zurückkehren. Zu beobachten ist das Zweigespann Becher und Lukács. Es konnte bereits gezeigt werden, wie die Faust-Studien von Lukács das Goe the-Bild der SBZ/DDR vorbereiteten bzw. antizipierten. Aber theoretisch gilt es, noch weiter zurückzugehen  – bis in die dreißiger Jahre. In dem Gedicht G. L. hatte Becher 1938 den damaligen Einfluss von Lukács auf die marxistische Literatur und Literaturwissenschaft (und auf sein eigenes Schaffen) poetisch verarbeitet und dargestellt: »Durchdringend bist du. Von dir aufgespürt, / Kann uns das Wahre wieder neu durchdringen. / Du 124 Harich: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 82. 71 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher zeigst uns an den Wert, der uns gebührt, / Du wägst uns fein Gelingen und Misslingen. (…) Was Würde ist der Dichtung, ihre Ehre / Hast du gelehrt und wieder eingesetzt. / Du lehrtest uns Durch-Sicht und Über- Sicht. / Wir wurden mündig erst in deiner Lehre. / Wir sagen Dank.«125 In die Festschrift zum Siebzigsten Geburtstag von Lukács hatte Becher das Gedicht erneut aufnehmen lassen. Ein Kompliment, Erinnerung an das gemeinsame Ringen in der Vergangenheit. An die Verpflichtung auf das Erbe in der Gegenwart. Was Lukács und Becher neben so manch anderem vereinte, war ihre Positionierung zu Goe thes Schaffen. Schon in den dreißiger Jahren hatte Becher Goe the als »Zentralgestalt des nationalliterarischen Erbes«126 bezeichnet, nun, nach dem Ende des Krieges, konnte diese Theorie endlich in Praxis umgesetzt werden. Maria Brosig führte aus, dass »für das Konzept eines neuen, sozialistischen Entwicklungsromans, wie es wesentlich durch Johannes R. Becher propagiert wurde, die Interpretation von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre durch Georg Lukács grundlegend« gewesen sei.127 Wie wichtig Lukács für Becher war, zeigt sich auch an einer Begebenheit, von der Harich in seinen Erinnerungen berichtet (im Gespräch mit Thomas Grimm) – ausgehend von der Feststellung der Tatsache, dass Lukács vor allem in Deutschland gewirkt hat, fast alle seine Werke in deutscher Sprache schrieb und von 1931 bis 1945 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen ist: »Johannes R. Becher wollte Lukács schon 1945 in Berlin haben als den führenden geistigen Kopf der demokratischen antifaschistischen Erneuerung der deutschen Kultur, der deutschen Kultur, um die ja das ganze Werk von Lukács kreist. Das hat Becher mir bei unserer ersten Zusammenkunft im Mai oder Juni 1945 gesagt: Den will ich hier haben, den brauchen wir hier, was soll der in Ungarn. Und Wilhelm Pieck ist auch dafür.«128 Obwohl Simone Barck in dem Aufsatz »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre« (das als Titel verwendete Zitat stammt aus dem Gedicht G. 125 Becher: G. L., S. 8 126 Leistner: Unruhe um einen Klassiker, S. 22. 127 Brosig: »Es ist ein Experiment«, S. 123. 128 Harich: Ahnenpass, S. 278f. 72 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe L. von Becher, aus dem gerade zitiert wurde) von 1975 auf die in der DDR notwendige, wenn er nicht gar völlig verschwiegen wurde, Kritik an Georg Lukács zurückgriff, zurückgreifen musste, so ist ihr doch zu attestieren, dass sie in ihrer Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Lukács auf Becher beiden Persönlichkeiten durchaus gerecht wurde. Die »produktive Haltung Bechers zur Wissenschaft« führte sie auf den Einfluss von Lukács zurück – ein in der DDR nach 1956 durchaus mutiger und solitärer Ansatz.129 (Auf die Verdammung von Lukács nach 1956 in der DDR ist an anderer Stelle einzugehen.) Becher, so Barck weiter, habe »mit besonderem Interesse die Arbeiten von Lukács über die deutsche klassische Literatur« verfolgt.130 Neben Schiller und Goe the ist dabei natürlich Friedrich Hölderlin zu nennen. Vereint waren beide durch den schon in den zwanziger und dreißiger Jahren aktuellen (und damals intensiv diskutierten) Kampf um die Aneignung des klassischen deutschen Erbes durch den Marxismus: »Die Bemühungen der sozialistischen Schriftsteller und Kritiker um die Erschließung des kulturellen Erbes hatte eine doppelte Funktion: Einerseits ging es um die Verteidigung des humanistischen Erbes gegenüber dem Faschismus und damit um die Gewinnung von Bündnispartnern, andererseits ging es darum, die revolutionäre sozialistische Literaturkonzeption in ihrem Verhältnis zum Erbe und den progressiven Traditionen auszuarbeiten.«131 Vor diesem Hintergrund vollzog sich, im russischen Exil, die Annäherung Bechers an Lukács: »Becher entdeckt jetzt vor allem Goe the für sich. Auf die Rolle der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion für diesen Prozess verweisend, schreibt er: ‚Es ist kein Zufall, dass ich hier in der Sowjetunion wieder den Dichtern der Klassik begegnete. (…) Hier feiert die klassische Dichtung eine Auferstehung voller Unmittelbarkeit und Lebendigkeit.‘ Angeregt besonders durch Lukács’ Arbeit Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the und die dort behandelten Probleme wie Inhalt-Form-Beziehung, Theorie der Genres greift Becher zu den the- 129 Barck: »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre«, S. 249. 130 Ebd., S. 265. 131 Ebd., S. 264f. 73 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher oretischen Äußerungen Goe thes. Insbesondere studiert er die realistischen Prinzipien des späten Goe the.«132 Für Becher war die Literatur wichtig. Dieser an sich banale Satz, gerade wenn es um einen Dichter und Schriftsteller geht, kann eigentlich nicht mit genug Ausrufungszeichen versehen werden. Durch die Literatur, durch Kunst und Kultur sollte der neue sozialistische Mensch entstehen, Humanität und Würde sich verbreiten, Barbarei und Faschismus für immer unmöglich werden. Es sei erlaubt, ohne große Reflexion, drei Zitate von Becher aus unterschiedlichen Kontexten wiederzugeben, die sein Verständnis von Literatur und Kultur illustrieren: In seiner Rede auf dem Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur (21. bis 25. Juni 1935, Paris) sagte Becher: »Die großen Güter der Vergangenheit, Befreiung des Erbes aus den Händen derer, die es widerrechtlich in Besitz genommen haben; Erbkriege um Traumbesitz: Dante, Giordano Bruno, Thomas Morus, Campanella, Cervantes, Shakespeare: Ehre und Nachfolge jenen großen Träumern der Menschheit, jenen von einer tiefen Sehnsucht beunruhigten Realisten, Verherrlichern der Bestimmung des Menschen, die, indem sie die Größe der menschlichen Leidenschaften schilderten, die Macht des Menschen, seine Würde, seine umstürzende Schöpferkraft priesen. (…) Ehre jenen Brecheisen in den Steinbrüchen der Menschheit, die in wahnwitziger Verblendung selbstmörderisch das tödliche Werkzeug oft gegen sich selbst wandten. Die Wahrheit braucht Freiheit.«133 In dem bereits erwähnten Aufsatz Wachstum und Reife lauteten 1937 die Schlussworte: »Unsere Dichtung steht im Zeichen der Überwindung. (…) Wachstum und Reife unserer Literatur messen wir danach, bis zu welchem Grad Dichter und Volk eins werden. Das Volk wächst.«134 132 Barck: »Wir wurden mündig erst in deiner Lehre«, S. 266. Das Becher-Zitat aus: Becher: Wachstum und Reife, S. 188. Das »hier« bei der Zitat-Wiedergabe durch Barck ist etwas irreführend, die Auslassung lautet: »Während im Ausland die Klassiker vielfach zu leeren Museums-Figuren geworden sind oder zum Ausbeutungsobjekt einer Unzahl von Epigonen, feiert (…).« 133 Becher: Im Zeichen des Menschen und der Menschheit, S. 155. 134 Becher: Wachstum und Reife, S. 189. 74 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Schließlich, 1946, in dem Aufsatz Über Literatur: »Literatur ist für ein Volk eine Frage auf Leben und Tod. Literatur ist das höchstentwickelte Organ eines Volkes zu seiner Selbstverständigung und Bewusstwerdung. (…) Die Literatur wendet sich an den ganzen Menschen, sie hat vor allem auch die Macht, den Menschen bis ins tiefste Innerste hinein, bis in die Regionen des Unbewussten und des Unterbewusstseins zu erschüttern und umzugestalten. (…) Indem sie sich an den ganzen Menschen wendet, erzeugt Literatur im Menschen: Ordnung, Einheit. (…) Es gibt keine nationale Politik ohne Nationalliteratur.«135 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Literatur für Becher zuvorderst politische Literatur war, als solche zu wirken hatte. (Das hatte ja beispielsweise Hermlin in den späten vierziger Jahren kritisiert.)136 Und nicht nur sein eigenes schriftstellerisches Schaffen, auch seine Entwicklung nach 1945 dokumentieren diesen Anspruch. »Becher hatte als Mit- 135 Becher: Über Literatur, S. 224f. 136 Siehe: Hermlin: Bemerkungen zur Situation der zeitgenössischen Lyrik, S. 186-192. Johannes R. Becher mit Ivo und Margarete Hauptmann, rechts Hauptmanns Krankenschwester, bei der Beerdigung Gerhart Hauptmanns am 28. Juli 1946 75 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher begründer und Präsident des Kulturbundes in den Nachkriegsjahren eine wichtige, wenn auch umstrittene Rolle gespielt, die Kulturpolitik in ihrer Ausrichtung auf Klassik und Humanismus mitgeprägt und für sich den Platz als Staatsdichter beansprucht. Als Mitglied des ZK (ab 1950) wurde er ein Teil der Macht und geriet in die schwierige Lage, klassische und sozialistische Kultur und stalinistische Politik gleichzeitig zu vertreten. Zu seiner schwankenden Haltung kann als Erklärung dienen, dass er nach der Rückkehr aus Jahrzehnten des Getriebenseins, des Scheiterns, des Verstricktseins in die Macht, der Mitzeugenschaft bei der Liquidierung von mehr als der Hälfte des Berliner KPD-Büros in Moskau, keine Kraft und schon gar nicht den Mut mehr fand, auszuscheren.«137 Wenn man die naive psychologische Küchentisch-Deutung von Herzberg einmal außen vor lässt (Woher will ausgerechnet er das wissen?), zudem berücksichtigt, dass Becher beispielsweise in die Präsidentschaft des Kulturbundes ohne eigenes (nennen wir es) »Verschulden« oder bewusstes machtgieriges »Wollen« gedrängt wurde,138 so sehen wir eine überaus ambivalente Persönlichkeit – opportunistisch und euphorisch, verräterisch und treu, gewillt und willig. Sein Biograph Jens-Fietje Dwars hat der Darstellung und Interpretation dieser Widersprüche über 800 Seiten gewidmet.139 (Wir erwähnen das Buch hier auch deshalb, da es Dwars hoch anzurechnen ist, dass er sich in den neunziger Jahren so intensiv und tiefgreifend mit Becher auseinandersetzte – den Zeitgeist völlig außer acht lassend bzw. ihm bewusst entgegentretend.) 137 Herzberg: Anpassung und Aufbegehren, S. 101. 138 Siegfried Prokop, der sich um die Erforschung der Geschichte des Kulturbundes verdient gemacht hat, hat, zusammen mit Dieter Zänker, die entsprechenden Dokumente ediert. Siehe: Prokop/Zänker: Einheit im Geistigen? Dort auch eine ausführliche Einleitung: Prokop: Einführung, S. 8-62. Zum Kulturbund mit zahlreichen persönlichen Erinnerungen siehe: Schulmeister: Siegfried Prokop, unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs, S. 14-25. 139 Dwars: Abgrund des Widerspruchs. Von der Biographie existiert noch eine Kurzfassung für den Hausgebrauch, zudem veranstaltete Dwars verschiedene Editionen. Bedauerlicherweise hat Dwars das für uns wichtige Goe the-Jubiläum und Bechers dortige Rolle nur randständig behandelt. Bei seiner Darstellung Harichs reproduziert er leider nur die gängigen Klischees und Vorurteile. 76 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe So hinterließen auch die beiden bedeutenden historischen Zäsuren, 1953 und 1956, bei Becher ihre Spuren. Während des Arbeiteraufstandes, dies sei abschließend noch angemerkt, durchaus mit positiven Konsequenzen, aufrecht gehend, die Freiheit der Kultur verteidigend. 1956 mit den bekannten Unterwerfungsgesten, ängstlich, rückgratlos. Aber auch diese so oft gehörte und vorgetragene Einschätzung ist zu revidieren bzw. kritisch zu hinterfragen. Wolfgang Harich – ausgerechnet, möchte man fast hinzufügen – hat es getan. In dessen Nachlass findet sich ein Aufsatz, Zur Tragik Johannes R. B echers von 1991, in dem er versucht, Bechers Rolle in den politischen Kämpfen der damaligen Zeit zu verstehen. Schon 1955 sei Becher resigniert gewesen, da er sein großen Projekt der Verwirklichung der deutschen Einheit als gescheitert angesehen habe. »Er war da im Grunde bereits am Ende, seine Unterwerfung 1956/1957 eigentlich nur noch Agonie. Ihm dafür Nachsicht zu gewähren, ist heute zu wenig. Deutschland, meine ich, schuldet ihm Dank.«140 Diese Feststellung liegt durchaus auf der Linie Thomas Manns, der ja ebenfalls Bechers Patriotismus hervorgehoben hatte. Harich seinerseits war, das konnte herausgestellt werden, ein Verehrer Manns. Am 28. August 1949 redete Becher im Nationaltheater in Weimar – der Titel seiner Ausführungen lautete, mehr als nur programmatisch gemeint: Der Befreier. Das bisherige bürgerliche Debattieren über Goe the müsse aufhören, »dieses herkömmliche und unfruchtbar gewordene Gespräch« 140 Dies sind die Schlusssätze von Harichs Beitrag: Zur Tragik Johannes R. Bechers, Blatt 4. Johannes R. Becher begrüßt Thomas Mann in Eisenach, Schiller-Ehrung, 1955 77 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher sei zu unterbrechen, zu intensivieren wären die Bemühungen, »Goe the mit anderen, mit neuen Augen zu sehen«, kurz, wie der Untertitel seiner Ausführungen lautet: Von einem Neuen sei die Rede.141 In der DDR wurde dies von Ilse Siebert und Ingeborg Ortloff wie folgt kommentiert: »Man muss nur seine Goe therede lesen, um zu erfahren, wie weit er diesen Rang der Gestaltung erreicht hatte. Mit welcher Kunst entwickelt Becher dort ein neues Goe thebild, dass er sich in Jahrzehnten erarbeitete! (…) Die Sprache, in der dieses Goe thebild vor uns wächst, entspricht dem Aufbau, ist geschult an klassischem Geist und bereichert durch lebenslanges Mühen um klare Gedanken und Ausdruck. Und vor allem: Sie ist poetisch.«142 Die Sprache Bechers in seiner Goe the-Rede ist nun freilich ganz und gar nicht poetisch, sondern hölzern, abgehackt, den neuen Satz immer mit dem Schlusswort des vorhergehenden beginnend. Aber das ist noch nicht einmal das eigentliche Problem. Dieses muss im Umgang mit dem historischen Material gesehen werden (wie im Folgenden deutlich zu erkennen ist). Denn mit dem tatsächlichen, dem historischen Goe the hat die Goe the-Rede Bechers nichts zu tun. Erst durch die Verwirklichung des Sozialismus in der Sowjetunion und später dann auch durch die gesellschaftlichen Umbrüche in der sowjetischen Besatzungszone sei es, so Becher, möglich, »dem großen und dem guten Genius unseres Volkes eine Huldigung darzubringen, die ihm gemäß und seiner würdig ist«. Becher sprach von dem »Reich, das Goethe heißt« (es liege in der Zukunft, noch vor uns). Er ließ keinen Zweifel daran, dass er Goe the als einen Vorläufer des Sozialismus ansah bzw. in Beschlag zu nehmen trachtete. (Erst der Sozialismus rücke Goe thes Werk in »ein klärendes und lebensspendendes Licht«, während die bürgerlichen Interpreten »es der Wahrheit entrückten und es verdunkelten«.) 143 Als Marxist und Sozialist könne man Goe the endlich als Mensch begegnen, »in der ungezwungenen Haltung freier Menschlichkeit. Das besagt, dass geschichtliche, gesellschaftliche Veränderungen erfolgt sind, welche die Grundvoraussetzung dafür bilden, eine ungezwungene Haltung freier 141 Becher: Der Befreier, S. 302f. 142 Siebert/Ortloff: Nachwort, S. 446. 143 Becher: Der Befreier, S. 302f. 78 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschlichkeit gegenüber den großen Persönlichkeiten und Begebenheiten der Geschichte einzunehmen. (…) Durch die Neugestaltung unserer Lebensform und durch das neue Leben, das wir hier zu leben begonnen haben, wurde unser Blick in einem unvergleichlichem Maße weiter geöffnet als bisher, nicht nur den Schwächen und den Verbrechen der Vergangenheit gegenüber, sondern auch für all das Schöne und Herrliche dieser Welt, und so sind wir auch im Stande, eine Gestalt wie Goe the tiefer und umfassender zu erkennen, als es den Generationen vor uns möglich gewesen ist.«144 Es ist ein schier unglaubliches Feuerwerk, welches Becher in seiner Rede entfaltete, um Goe the für den Sozialismus als Autorität hochzustilisieren. Es geht an dieser Stelle nicht darum, den Wahrheitsgehalt seiner verschiedenen Titulierung und Formulierungen zu überprüfen. Jeder, der sich etwas mit Goe the auskennt, kann den teilweise hanebüchenen Unfug sofort erkennen. Viel spannender und interessanter ist es zu sehen, welche Hoffnungen und Wünsche, welchen überschießenden utopischen Gehalt (um mit Bloch zu reden) Becher dem Sozialismus zuschrieb und dann in einem weiteren Schritt auf Goe the, in dessen Werke projizierte. Eine Aufzählung mag verdeutlichen, was eigentlich nicht zusammengefasst werden kann:145 • »Wie weit in Goe the die Menschheit fortgeschritten war (…).« (S. 305) • »In Goe the glühte die Renaissance nach, und in ihrem Schein widerspiegelte sich ihm die Antike.« (S. 310) • Goe the habe jeder Art von Volkspoesie und nationalem Liedgut positiv und freundschaftlich gegenüber gestanden. (S. 360, 310) • »Goe thes Ideale waren konkrete, Goe thes Menschenbild war kein abstraktes, Goe thes Humanismus war real.« (S. 313) • »Das ganze Werk Goe thes, kann man wohl sagen, drängte auf eine Vereinigung Deutschlands.« (S. 313) • Goe the sei der »große Menschheitserzieher«. (S. 322) Der »Künder einer neuen Menschenlehre«. S. 325) 144 Becher: Der Befreier, S. 303f. 145 Angaben nach: Ebd. Seitenzahlen im laufenden Text in Klammern. 79 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher • In der »genialen Selbstgestaltung Goe thes« sei »eine Antizipation, eine Vorwegnahme der Lösung wichtigster Menschheitsprobleme zu erblicken«. (S. 323) • »Er war Visionär, Elegiker, Idylliker«, »meisterhafter Prosaist, Romancier, Erzähler und Novellist in einem«. (S. 324) • »Wenn ein deutscher Dichter je ein diesseitiger war, so war es Goe the.« (S- 330) • »Goe the war der große deutsche Lobgesang des Lebens.« (S. 330) • »Unendlich überstieg der Mensch Goe the den deutschen Menschen, wie er uns vor der Geburt Goe thes entgegentritt.« (S. 335) • »Goe thes Werk ist das große humanistische Friedens- und Befreiungswerk der Deutschen.« (S. 335) Natürlich könne der bürgerlichen Gesellschaft nicht abgesprochen werden, dass sie versucht habe, ernsthaft an Goe the anzuknüpfen. Aber nur zwei Dichtern sei es gelungen, dessen Vermächtnis weiterzuführen: Gottfried Keller und Heinrich Heine.146 Und diesen beiden korrespondiere auf der anderen Seite, als Gegenpol, die Beschwörung des Bösen und der Katastrophe durch Friedrich Nietzsche. »Nicht Goe the wurde das Vorbild. Sondern Nietzsche wurde der Abgott. Welch ein Abfall!«147 Es gebe keine Frage, keine Facette, in der sich nicht der Geist von Goe the und Nietzsche konträr gegenüberstünden. Diese Nietzsche-Kritik war nach der deutschen faschistischen Katastrophe in der sowjetischen Besatzungszone ein wichtiger Bestandteil der kulturellen und geistigen Erneuerung. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurde dieser Konsens dann brüchig, am Ende der DDR stand Harich allein und auf verlorenem Posten, als er gegen die von ihm geortete Nietzsche-Renaissance in der DDR vorging und dabei an Lukács (und auch Becher) erinnerte. Anne Harich, seine Frau, hat diese Konstellation in den Mittelpunkt ihrer Erinnerungen – Wenn ich das gewusst hätte – gestellt. (Wir kommen auf dieses Thema zurück.) 146 Hierzu: Becher: Der Befreier, S. 306ff. 147 Ebd., S. 307. Becher sprach bei Nietzsche vom »trunkenen Nihilismus«, vom »Sadismus«, von der »Grausamkeit und Lust am Bösen« etc. (Ebd., S. 308) 80 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Für den jungen Goe the sei die Begegnung mit dem Werk von Rousseau, mit dessen Ansichten von der Natur und dem natürlichen Menschen, maßgeblich gewesen.148 In seinem Alterswerk habe er diese Überlegungen dann aktualisiert. Erst auf diese Weise konnte er sich der Herausforderung seiner Epoche stellen, den Menschen vom Mittelalter zu befreien und den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft aufzuzeigen. »Goe the befreite uns damit auch von der Vorstellung, dass das Weltgeschehen von einer blinden Notwendigkeit beherrscht werde und dass dem Menschen nichts anderes gegeben sei, als sich willenlos dem Walten dieser geheimnisvollen Mächte zu unterwerfen. (…) Der Mensch als Gestalter seines Schicksals, keine andere Macht über ihm, und bestätigt fühlte sich Goe the auch durch den Ausspruch Napoleons, dass an Stelle des Schicksals die Politik getreten sei.«149 Die Konsequenzen, die Becher aus dieser Feststellung zog, sind freilich bar jeder historischen Wahrheit, sind schlichtweg Quatsch: »Es ist der Geist der Französischen Revolution, der ihn ergriffen und der ihn in seinen wesentlichen Zügen gestaltet hat und dessen Verkörperung er geworden ist wie keiner unter allen Deutschen. Dabei ist es unerheblich, wie er sich selbst da und dort, durch irgendwelche Eingebungen und Launen bestimmt, zu dem Ereignis der Französischen Revolution geäußert hat. Sein Wesen ist mit diesem Ereignis so zutiefst und auf Gedeih und Verderb verbunden, das, wie wir sehen werden, der Verrat der Französischen Revolution durch das deutsche Bürgertum zugleich auch den Niedergang seiner Wirkung bedeutet.«150 Man muss richtig stellen: Goe the hat sich nicht hier oder dort eventuell einmal nebenbei kritisch zur Revolution geäußert, sondern er hat sie vom ersten bis zum letzten Tag in allen ihren Äußerungen, in allen theoretischen und praktischen Manifestationen abgelehnt, kritisiert, verdammt. (Was Becher macht, das ist fast so, als würde man Martin Luther statt Thomas Müntzer zum Führer im deutschen 148 Zu Rousseaus Rezeption in der DDR-Philosophie und den DDR-Wissenschaften siehe: Bach/L‘Aminot: Rousseau et l‘Allemagne. Einen guten Überblick bieten: Bach: Rousseau  – réception et actualité, S. 11-23. Heyer: Ein Schmuddelkind der DDR-Philosophie. Dort alle weiterführenden Hinweise. 149 Becher: Der Befreier, S. 309f. 150 Ebd., S. 311. 81 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher Bauernkrieg erklären.) Und schließlich ist zu fragen, ob sich das deutsche Bürgertum nicht auch deshalb von der Französischen Revolution abwendete, weil seine Wortführer, Goe the und Schiller, mit jeder einzelnen Lebensäußerung eben dies zu tun empfahlen, befahlen. (Schiller sogar noch ausgestattet mit der Ehrenbürgerwürde der frühen Revolution, ein eklatantes Missverständnis der Geschichte.) Im besten Fall verwechselte Becher also Ursache und Wirkung. Immerhin, es sei ergänzt, hatte offensichtlich selbst Becher mit diesen Formulierungen Bauchschmerzen. So sprach er, das kam von Lukács, von der Schwäche des Bürgertums und sah diese deutsche Misere auch in Goe the wirksam.151 Noch einen Schritt weiter gedacht, erneut das Gegenteil vom gerade Gesagten behauptend, holte Becher dann zu der These aus: »Wie illusionslos war er, wie vertraut war er mit dessen Grenzen und Krisen, wenn er vom deutschen Bürgertum sprach und von dessen Unfähigkeit, zu Harmonie und Freiheit zu gelangen. (…) Goe the war kein Utopist. Er war allzu sehr Realist, um nicht billige Wunschbilder sich vorgaukeln zu lassen (…). So war er weder Pessimist noch Optimist, er war bald der eine, bald der andere, je nachdem die Wirklichkeit zu Pessimismus oder zu Optimismus Anlass gab.«152 Als Pessimist-Optimist, je nachdem, habe Goe the »an Deutschland gelitten wie kaum einer« und sich deswegen im Alter von der Gesellschaft zurückgezogen, von ihr distanziert:153 »Was blieb ihm übrig in dieser deutschen Misere, von Westen her nur erhellt wie von einem Wetterleuchten, was blieb ihm übrig, als einen Teil seines Wesens diesen unerquicklichen Verhältnissen zum Opfer zu bringen, wollte er nicht Hölderlins Schicksal teilen, dessen Traum von deutscher Freiheit im Irrenhaus endete.«154 Goe the habe sich zur Menschheit als Ganzes bekannt. Das Einzelne sei verwerflich, die Individualität problembehaftet. Es sei eine der zentralen Erkenntnisse Goe thes, »dass alle Menschen die Menschheit ausmachen« und »dass der Mensch des Menschen bedarf, um sich zum 151 Hierzu: Becher: Der Befreier, S. 311f. 152 Ebd., S. 315. 153 Ebd., S. 316. 154 Ebd., S. 317. 82 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschen auszubilden«.155 Daraus folge die Notwendigkeit einer vernünftigen Ordnung menschlicher Beziehung. Nicht zuletzt bedürfe es dieser gemeinsamen Anstrengungen und der gemeinsamen Arbeit, um die Aneignung der Natur als »vordringlichste menschliche Aufgabe« permanent voranzutreiben.156 Alle diese Aussagen, so falsch sie sind (die letzten zwei, drei Äußerungen Bechers in diesem Absatz sind tatsächlich teilweise zutreffend), drängen in Richtung Aktualisierung. Eine Goe the-Renaissance, wie sie im Osten seit der Russischen Revolution sich anbahne und nun in der sowjetischen Besatzungszone einen vorläufigen Höhepunkt erreiche, sei »gleichbedeutend mit dem Wiederauferstehen unseres Volkes«. Freie Menschen, und nur diese, könnten den Freiheitsprediger Goe the würdigen: »Der freie Mensch, dass freie Volk auf freiem Grund ist die Forderung unserer Epoche geworden, aus der Forderung der Epoche Goethes hervorgehend. Dem Licht im Westen, das zur Zeit Goe thes aufging, ist in unserem Zeitalter der Glanz gefolgt, den die Russische Revolution über uns ausstrahlte. Unser Blick in die Zukunft ist nicht verhängt, wie es der Goe thes war, denn nicht nur eine neue Klasse ist hinter dem Bürgertum aufgestiegen, diese Klasse hat sich auch zur Nation konstituiert in der Sowjetmacht, und es braucht uns nicht bange zu sein, die wir den Triumph der freien Menschen und der freien Völker auf freiem Grund herbeisehnen.«157 Wir können an dieser Stelle die Analyse und Wiedergabe der Ausführungen Bechers beenden. Dessen Rede gipfelte in einem seitenlangen (wahrscheinlich ca. 30 Minuten Redezeit) Appell an die neue deutsche sozialistische Jugend, im Zeichen Goe thes Deutschland zu erneuern.158 Wer ein paar Seiten Goe the gelesen hat, der fragt sich jetzt natürlich, was mit Becher los war, dass er die Auferstehung der höfischen Aristokratie in der sowjetischen Besatzungszone forderte – denn das wären ja die Zeichen Goe thes. Aber in Bechers Rede beschäftigte sich so gut wie kaum eine Zeile mit dem eigentlichen, dem verbürgten Goe the. Sondern es ging, wir haben dies bereits gesagt, darum, die Ideale des Sozialismus (die heute im- 155 Becher: Der Befreier, S. 326f. 156 Ebd., S. 330. 157 Ebd., S. 336f. 158 Hierzu: Ebd., S. 336-341. 83 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher mer noch Bestand haben, sich in der DDR aber als leere Versprechungen entpuppten) auf ein Phantasiebild Goe the zu projizieren. Nur in diesem Sinne kann die Rede Bechers gelesen werden, ansonsten hätte auch ihm das Schicksal Hölderlins, mit dem er sich so gern beschäftigte, als Warnung entgegengesetzt werden müssen. Aufbahrung von Johannes R. Becher am 14. Oktober 1958, stehend von links: Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Kurt Stern, Arnold Zweig, Jeanne Stern, Stefan Heym Werbung für die »Neue Welt« in der »Täglichen Rundschau«, 1949

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.