3. Eine Dienstreise, zwei Visa –Thomas Mann in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 49 - 68

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-49

Tectum, Baden-Baden
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49 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Thomas Mann zitiert Goe the: »Entzieht euch dem verstorbenen Zeug, Lebendiges lasst uns lieben!« »Hier brauchte er das Exil und die Emigranten nicht zu rechtfertigen: Viele Heimkehrer aus der Fremde waren jetzt um ihn. Auch sie gehörten zur Emigrantenliteratur. Im Dunstkreis von Buchenwald brauchte nichts beschönigt zu werden. So sprach Thomas Mann am Abend beim Bankett, als er sich für die Wünsche und Dankesworte zu bedanken hatte, voller Leidenschaft und Bewegung. Man sah, wie Katja Mann mit wachsender Sorge zuhörte. Ich sehe noch, wie sie ihn endlich sanft am Rocksaum zupfte, damit er sich nicht weiter ins Unheil rede. (… ) Nach der Abreise des berühmten Gastes herrschte bei uns Hochstimmung. Hoffnungen schienen erlaubt zu sein. Unser Weg war trotz allem richtig, wie wir uns jetzt eingestanden, wodurch wir zugleich unsere geheimen Zweifel bekannten. Im Westen wurde mürrisch über den Besuch in Weimar berichtet. Thomas Mann hatte uns ‚aufgewertet‘, daran war nicht zu zweifeln.«82 Mit diesen Worten beschrieb Hans Mayer rückblickend in seinen Erinnerungen den Besuch Thomas Manns in Weimar, jener zweite und umstrittene Teil von Manns Goe the-Reise im Jahr 1949, die zum Politikum 82 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 77 und 79. 50 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wurde, da dieser sich zu einem einigen Vaterland, aber auch zum neuen Deutschland bekannte, zum Bruch mit der Vergangenheit, den das Adenauer-Regime noch nicht einmal künstlich zu imaginieren vermochte. Mit den bekannt gewordenen Worten Manns: »Ich kenne keine Zonen, mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet. Wer sollte die Einheit Deutschlands gewährleisten und darstellen, wenn nicht ein unabhängiger Schriftsteller, dessen wahre Heimat, wie ich sagte, die freie, von Besatzungen unberührte deutsche Sprache ist? Gewähren Sie, meine Zuhörer, dem Gast aus Kalifornien diese Repräsentation und lassen Sie ihn den Augenblick unbekümmert vorwegnehmen, den Goe thes Faust seinen letzt-höchsten nennt: Den Augenblick, wo der Mensch, wo auch der Deutsche ‚auf freiem Grund mit freiem Volke steht‘!«83 83 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 319. Thomas Mann in Weimar, 1949 51 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Mann war 1949 erstmals seit seiner Emigration nach Europa und nach Deutschland zurückgekehrt. In Frankfurt hatte er den westdeutschen Goe the-Preis bekommen, um dann in Weimar das ostdeutsche Pendant entgegenzunehmen. Vor allem im Westen wurde er dafür kritisiert, dass er auch den Osten besuchte. Mayer hat in seinen Erinnerungen auch beschrieben, wie sehr sich diese beiden Veranstaltungen voneinander unterschieden. In Frankfurt habe es sich um eine elitäre Veranstaltung gehandelt, den Alltag der Menschen habe der Besuch des Dichters kaum tangiert.84 »Es ging anders zu in Weimar: Sowohl 1949 wie erst recht später, im Mai 1955. Was es mit dem spontanen, nämlich wohl organisierten 84 »In Frankfurt hatte man, wie den Berichten zu entnehmen war, wenig Aufhebens gemacht auf der Straße und im Alltag vom Besuch dieses exilierten Schriftstellers. Das glaube ich gern, denn noch im Mai 1955 konnte ich mit ansehen, dass man in Stuttgart keineswegs ‚die Straßen säumte‘, als Thomas Mann zur Schillerfeier ins Opernhaus fuhr, und in der Mittagssonne aufbrach zu einem festlichen Mittagessen in Bad Cannstatt.« Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 75. Thomas Mann, 1955, während der Schiller-Ehrung in Weimar 52 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Volksjubel auf sich hat, wenn ein Mitglied des Politbüros erscheint oder gar der oberste der Freunde in Gestalt von N. S. Chruschtschow, braucht man mir nicht zu erläutern. Die Menschenmassen aber in Weimar bei der Fahrt vom Hotel zum Nationaltheater hatte man nicht anlocken oder hinbefehlen müssen. (…) Über den Besuch Thomas Manns jedoch freute man sich in der Stadt und im Lande ringsum. Da wurden verschüttete Gefühle freigelegt. (…) Thomas Manns Ansprache wurde richtig gehört und verstanden. Das war keine literarische Zeremonie unter Honoratioren. Lautsprecher schallten über den Theaterplatz. Die Menschen standen dicht gedrängt und lauschten. Der Redner im Theater sprach klar, und auch deutlich.«85 Diese Schilderung des Besuchs von Mann ist letztlich auch eine Beschreibung des Umgangs mit Goe the. Im Westen als Teil des Bildungsbürgertums, hinter verschlossenen Türen, in elitären Zirkeln, im Osten hingegen als Sache des ganzen Volkes, als Teil der und Versprechen auf die Zukunft. So zumindest, das können wir unterstellen, sah Mayer die Sache – und zwar auch noch lange Jahre nach seinem Weggang aus der DDR. (Übrigens nicht die falscheste Einschätzung, es sei nur angemerkt.) Mann war nicht nur von Frankfurt nach Weimar gefahren, er hatte, so sah es der kleinere Teil unserer deutschen Heimat (und in ihr Mayer und viele andere), zwischen den Welten gewechselt, war von der Vergangenheit in die Zukunft gereist. Und es war der ganze Mann, den man im Osten se- 85 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 75f. Thomas Mann, 1955, Schiller-Ehrung in Weimar 53 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann hen und feiern wollte, sein Leben, das Werk, die Perspektiven: »Thomas Manns Ansprache war nicht gefühlvoll: Eben weil sie nahezu bis zum Bersten voll mit Emotionen zu kämpfen hatte. Welch ein Augenblick!, doch wie weit war man entfernt von aller Opern-Apotheose. Man hatte in Frankfurt, so kam es dem Redner vor, und so erläuterte er uns am Abend in Weimar, kaum einen Gedanken seiner Rede zu Goe thes Gedenken ernsthaft überdacht, für etwas anderes genommen als für Redekunst. Mehr noch: Über sein Werk hatte man ersichtlich mit Thomas Mann nicht sprechen wollen in Westdeutschland, bei Familienbesuch. Nun also der Kontrast: Hier bei den Russen und den Kommunisten. Auch das wurde nicht gesagt, musste auch nicht ausgesprochen werden, denn die Offiziere der Sowjetischen Militäradministration saßen mit am Tisch.«86 Weiter heißt es dann: »Dies war kein Familientreffen, es galt dem Werk Thomas Manns. So glaubte er die Aufnahme in Weimar zu deuten und sagte das auch. ‚Und wenn es stimmt, wenn Ihnen mein Werk wirklich etwas bedeutet und weiterhelfen kann, dann wäre ich sehr glücklich!‘ So ungefähr hatte er es an jenem Abend ausgedrückt. Den Gedankengang erinnere ich genau.«87 Als Wolfgang Harich 1950 Hans Mayers Buch über Thomas Mann (gemeint ist: Thomas Mann. Werk und Entwicklung) deutlich kritisierte, so teilte er doch diesen Gedankengang mit ihm – Mann habe in der SBZ/ DDR eine neue Heimat gefunden: »Mayer schreibt so, dass er all denen, die bislang von Thomas Mann nur wenig oder überhaupt nichts gelesen haben, absolut unverständlich sein muss. Man bedenke, was das heißt: Die Bücher Thomas Manns sind durch die Währungspaltung und die Kursmanipulationen des Westens für das Leserpublikum in der Deutschen Demokratischen Republik zu unerschwinglichen Wertobjekten geworden. Ausgerechnet in dem Teil Deutschlands also, in dem Thomas Mann nichts als Liebe und Verehrung entgegengebracht wird und in dem sich die denkbar besten Voraussetzungen für eine nationale Breiten- und Tiefenwirkung seiner humanistischen Lebensleistung zu entwickeln beginnen, können seine Werke nur in vereinzelten Exemplaren zirkulie- 86 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 78. 87 Ebd. 54 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ren – in sehr zerlesenen Exemplaren, zu unserer Ehre sei es gesagt. In den Massen unserer Jugend (der Leipziger Literarhistoriker kann das kaum übersehen haben!) ist ein Bildungshunger ohnegleichen erwacht. Alle diese Jugendlichen haben von Thomas Mann gehört. Alle lieben in ihm den Repräsentanten deutscher Ehre, den Vorkämpfer des Weltfriedens, den geschworenen Feind des Faschismus. Ihre ganze Erziehung ist darauf gerichtet, auf Thomas Manns Lebenswerk, wie auf alle Schätze unseres nationalen Kulturerbes, in einem hohen und edlen Sinne ‚neugierig‘ zu sein. Aber kaum einer von ihnen kennt seine Bücher. Und nun erscheint in einem Verlag der DDR ein Buch wenigstens über Thomas Mann und es findet reißenden Absatz. Aber was findet man darin? Keine Erklärung, keine Einführung, kein Wort, das irgendwas verständlich machte, sondern nur esoterische Andeutungen und Anspielungen für ‚Eingeweihte‘.«88 Schon zum 100. Todestag von Goe the hatte Thomas Mann am 18. März 1932 in der Preußischen Akademie der Künste, Berlin, geredet über Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters.89 Johannes R. Becher führte 1949 aus: »Eine imposante Feier war es im Jahre 1932, Goe thes 100. Todestag – sein Geist schien wieder zu erstehen in den Herzen vieler Deutscher, ja, man mochte davon träumen, das Reich, das Goe the hieß und das verwahrlost im Innern Deutschlands lag, sei wiederentdeckt und als ein kostbarster Nationalbesitz dem deutschen Volke zurückgewonnen worden. Thomas Mann sprach ernste und würdige Worte damals in Weimar, mahnend und ahnend sprach er davon, dass unter Umständen auch Gewalt nötig sei, um dem Verderben zu widerstehen und den Geiste des Guten, wie er in Goethe so vorbildlich verkörpert sei, zur Macht werden zu lassen.«90 88 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 283. Bereits 1946 formulierte Harich: »Wenn wir Lotte in Weimar aus der Hand legen, wird uns noch einmal in krasser Deutlichkeit bewusst, was der Faschismus dem deutschen Volke nahm, als er Thomas Mann in die Fremde trieb, ihm – welch blutiger Hohn! – sein Deutschtum absprach und seine Bücher verbot. Mit dem Erscheinen dieses Buches auf dem deutschen Büchermarkt ist Thomas Mann viel sicherer heimgekehrt, als wir es vor zwei Jahren noch zu hoffen wagten. Der zürnende Lehrer der Deutschen ist wieder zu ihrem schenkenden Freunde geworden.« Harich: Lotte in Weimar. Thomas Mann wieder auf dem deutschen Büchermarkt, S. 1046. 89 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 7-39. 90 Becher: Der Befreier, S. 320. 55 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Vor dem Hintergrund der Krisen der Weimarer Republik sah Thomas Mann beim »greisen Goe the« einen »träumerischen und kühnen Blick (…) in eine neue, nachbürgerliche Welt hinein«.91 Besser, als die Ausführungen von Mann zusammenzufassen, ist es, ihn selbst zu Wort kommen zu lassen. Über die Wanderjahre sagte er 1932: »Um was es sich in diesem Buch eigentlich handelt, ist die Selbstüberwindung der individualistischen Humanität und eine seherische kühne Abkehr von ihr zu Gunsten menschlicher und erzieherischer Grundsätze und Willensmeinungen (…). Es wetterleuchtet in dem Werk von Ideen, die weit abführen von allem, was man unter bürgerlicher Humanität versteht (…). Das Ideal privat-menschlicher Einseitigkeit wird fallen gelassen und ein Zeitalter der Einseitigkeit proklamiert. Das Ungenügen am Individuum ist da, das heute herrscht: Erst sämtliche Menschen vollenden das Menschliche, der Einzelne wird Funktion, der Begriff der Gemeinschaft tritt hervor, der Kommunität; und der jesuitisch-militaristische Geist der Pädagogischen Provinz, musisch durchheitert wie er ist, lässt vom individualistischen 91 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 36. Goethefeier der Akademie der Künste, Berlin, 1932, Thomas Mann am Rednerpult, in der ersten Reihe (2. v. l.) Heinrich Mann 56 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe und ‚liberalen‘, vom bürgerlichen Ideal kaum etwas übrig.«92 Mann proklamierte die gemeinsame Arbeit aller Menschen unter einigenden erzieherischen Grundsätzen und moralisch-humanen Ideen bzw. Idealen. »Im technisch-rationalen Utopismus geht das Bürgerliche in Weltgemeinschaftlichkeit, es geht, wenn man das Wort allgemein genug und undogmatisch verstehen will, ins Kommunistische über. Sie ist nüchtern, diese Begeisterung. Aber was heute not tut, ist die große Ernüchterung einer Welt, die an verdumpften und das Leben hindernden Seelentümern zu Grunde geht.«93 Seine Rede beendete Mann mit jenen Sätzen, die 1949 im Goe the- Jahr mehrfach zitiert wurden (in der SBZ, nicht in Frankfurt), die, so kann und muss man es formulieren, das Werk von Mann an den Marxismus anschlussfähig machten: »Die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt, in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein wird, diese Welt wird kommen, und sie wird das Werk jener großen Nüchternheit sein, zu der heute schon alle in Betracht kommenden (…) Geister sich bekennen. Sie wird kommen, denn eine äußere und rationale Ordnung, die der erreichten Stufe des Menschengeistes gemäß ist, muss geschaffen sein oder sich schlimmen Falles durch gewaltsame Umwälzung hergestellt haben, damit das Seelenhafte erst wieder Lebensrecht und ein menschlich gutes Gewissen gewinnen könne.«94 Dieser Antagonismus Manns zwischen rationaler neuer Ordnung und dem Untergang der Menschheit war ein Erbteil der marxistischen Theorie, das sich auch in anderen Themenfeldern zeigte. So machte sich Harich, um nur ein Beispiel zu nennen, seit Mitte der siebziger Jahre (Kommunismus ohne Wachstum) für die ökologische Umgestaltung stark. 1979 stellte er in einer Diskussion klar, dass ein neuer Staat kommen werde/müsse: »Die Frage ist, ob das ein demokratischer oder ein despotischer Staat sein wird. Das hängt davon ab, wie schnell und gründlich man den neuen Weg geht. Je schneller, desto mehr Freiheiten werden übrigbleiben. Je länger Ver- 92 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 36. 93 Ebd., S. 37f. 94 Ebd., S. 38. 57 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann schwendung und Umweltzerstörung weitergehen, umso härtere Maßnahmen wird es brauchen. Zu welchen Gunsten werden diese Maßnahmen sein? Werden sie menschenwürdiges Leben der breiten Massen garantieren – dann zu Ungunsten der Reichen. Damit aber wird die Gefahr eines Öko-Faschismus deutlich. Das ist die Wahl, vor der wir stehen: Öko-Faschismus oder ein homöostatischer wachstumsloser Kommunismus mit staatlicher Autorität. Angesichts dieser Wahl muss ein Liberaler zum Pessimismus neigen. Ich bin kein Liberaler.«95 Doch zurück zu Thomas Mann. Weiter war bei diesem zu hören: »Das Recht auf die Macht ist abhängig von dem historischen Auftrag, als dessen Träger man sich fühlt und fühlen darf. Verleugnet man ihn oder ist man ihm nicht gewachsen, so wird man verschwinden und abtreten, abdanken müssen zu Gunsten eines Menschentyps, der frei ist von den Voraussetzungen, Bindungen und überständigen Gemütsfesseln, die, wie man zuweilen fürchten muss, das europäische Bürgertum untauglich machen, Staat und Wirtschaft in eine neue Welt hinüberzuführen. Kein Zweifel, der Kredit, den die Geschichte der bürgerlichen Republik heute noch gewährt, dieser nachgerade kurzfristige Kredit, beruht auf dem noch aufrechterhaltenen Glauben, dass die Demokratie, was ihre zur Macht drängenden Feinde zu können vorgeben, auch kann, nämlich eben diese Führung ins Neue und Zukünftige zu übernehmen.«96 Von Lukács bis Bloch (Harichs gezeichneter Antagonismus aus einem anderen zeitlichen und thematischen Kontext wurde gerade erwähnt) erinnerten die marxistischen Goe the-Interpreten immer wieder an diese Wortmeldung Manns, nicht zuletzt, da kurz nach ihr die Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschlands Unglück besiegelte – sie also von der bürgerlichen Gesellschaft ungehört verhallte. Und Mann hatte deutlich die sozialistische Zukunft als Alternative zur bürgerlichen Welt formuliert und fokussiert. Dass sich die bürgerliche Gesellschaft kurz nach seiner Rede auf den faschistischen Weg, den man aus ihrer Mitte heraus beginnen kann, begab, konnte er nicht wissen. Es bestätigte aber vollauf seine Einschätzung der damaligen aktuellen Situation. Ha- 95 Harich: Kommunismus heute, S. 181. 96 Mann: Goe the als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 38f. 58 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe rich kommentierte in einem Zeitungsartikel die gerade wiedergegebenen Ausführungen Manns 1949 wie folgt: »Mit dem verrotteten und dumpfen ‚Seelentum‘ war das ideologische Gift der irrationalen und antihumanen Spießerromantik des Faschismus gemeint, mit der ‚organisierten Einheitsund Planwelt‘ die konkrete Verwirklichung der Goe theschen Vision vom freien Volk auf freiem Grund. Kein Wunder, dass bei den offiziellen Vertretern des damaligen Deutschlands, die sich ‚pflichtgemäß‘ und völlig unverbindlich der gerade fälligen Goe the-Ehrung entledigten, um wenig später der faschistischen Mörderbande des deutschen Monopolkapitals bedenkenlos, ja, willig den Platz zu räumen, dass bei ihnen und ihresgleichen Thomas Manns Worte ungehört verhallten. In Deutschland stand nicht Vernunft und Nüchternheit, sondern ein abergläubischer Blutmythos, nicht die Verwirklichung des Sozialismus, sondern der Rückfall in die Barbarei auf der Tagesordnung. Das Unfassbare und Ungeheuerliche konnte geschehen, dass ein Jahr nach jener Goe the-Feier der Terror der blutigsten, finstersten Reaktion, demagogisch eingehüllt in verrottetes, dumpfes ‚Seelentum‘ in Deutschland triumphierte, dass der ‚Tag von Potsdam‘ und all das Schändliche, das ihm folgte, den Geist von Weimar liquidierte, dass Thomas Mann, der Goe the-Redner des Jahres 1932, seine Heimat verlassen musste, ausgestoßen und bespien von denen, die dann Deutschland in Unglück, Not und Schande stürzten, totgeschwiegen, preisgegeben und verraten vom gesamten deutschen Bürgertum, dessen letzter großer Repräsentant und Kritiker er ist.«97 Johannes R. Becher merkte zu dieser Passage Thomas Manns (die er genau wie Harich wörtlich zitierte) im Speziellen, zu dessen Rede im Allgemeinen an: »Diese imposante Kundgebung, bei der das beste Deutschland versammelt schien – was war aus ihrem Treuegelöbnis Goe the gegen- über geworden, als 1933 der Nationalsozialismus zur Macht kam. Wäre Goethe im deutschen Volke lebendig gewesen, so hätte diese seine lebendige Kraft solch einen überwältigenden Hass gegenüber der Nazibarbarei erzeugt, dass deren Bewegung hätte schon in den Ansätzen scheitern müssen. Und wieder hatte das Bürgertum versagt, dessen wunderbare 97 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1197. 59 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann menschliche Erhöhtheit ein Goe the gewesen war.«98 Und Hans Mayer schrieb 1948: »Das Goe thejahr 1932 musste eine Warnung sein: Dass sie nicht als solche empfunden wurde, erhöht noch unsere Verpflichtung, aus jenem Vorfall zu lernen.«99 * * * * * Am 25. Juli und am 1. August 1949 hielt Mann in der Frankfurter Paulskirche und im Weimarer Nationaltheater die gleiche Rede, die unter dem Titel Ansprache im Goe thejahr 1949 gedruckt vorliegt. Über die Hälfte der damaligen Ausführungen Manns waren Selbstreflexionen und Momenten des Nachdenkens über die deutsche Katastrophe gewidmet. Den in diesen Jahren vor allem im Westen ausgetragenen Streit um seine Person und sein Werk sah er als verzerrte Auseinandersetzung mit den zurückliegenden Jahren. »Ich weiß, dass der Emigrant in Deutschland wenig gilt, er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteuern heimgesuchten Lande.«100 Im Prinzip beklagte Mann überaus deutlich die in den westlichen Zonen kaum stattfindende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Diese Aufgabe sei aber mehr als vorderdringlich, 98 Becher: Der Befreier, S. 321. 99 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen L iteratur, S. 17. Am Ende des Aufsatzes die Feststellung: »Unser Goe thebild wird und muss anders sein als jenes der Romantiker, Börnes oder auch der blassen Klassizisten aus dem 20. Jahrhundert. 1932 erlebten wir das leere Gepränge eines unverbindlichen Festbetriebes, der synchronisiert war mit dem Zusammenbruch der Weimarer Republik. Das Goethejahr 1949 sollte uns eine ähnliche Geschäftigkeit vor dem Abgrund ersparen.« (Ebd., S. 30.) 100 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 317. Dort dann weiter: »Aber nicht nur zu dieser Danksagung bin ich hier, sondern auch, weil ein untrügliches Gefühl mir sagt, dass der Streit, der in Deutschland geht um mein Werk und meine Person, und dem ich mit Staunen zugesehen habe, an Bedeutung weit hinausreicht über diese gleichgültige Person, dies eben nur bemühte und gewiss von anderen übertroffene Werk. Die Erbitterung, mit der dieser Streit geführt wird von den Hassern, der Nachdruck, den Freunde in ihre Erwiderung und Abwehr legen, wäre sonst unerklärlich. Das ist nicht Literaturkritik mehr, es ist der Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, eine Auseinandersetzung, nur anlässlich meiner, über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes.« (Ebd., S. 318.) 60 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe müsse unbedingt und ohne Angst vor den Konsequenzen angegangen werden. Es gehe darum, und eben dabei könne Goe the helfen, einen Standpunkt zu erringen, der es dem Menschen ermögliche, »wieder den Segen einer moralischen Autorität zu gewinnen«.101 Thomas Mann ließ keinen Zweifel daran, dass er die Umbrüche in der sowjetischen Besatzungszone begrüßte. Seinem Spätwerk und seinen Reden und Wortmeldungen in den Zeiten des Faschismus sowie in den Jahren danach liegt die Idee zu Grunde, dass es einen moralischen, humanistischen Horizont gebe, der über die bürgerliche Gesellschaft hinausreiche und sich nur außerhalb dieser verwirklichen könne. Aber die bürgerliche Welt könne sich dennoch auf den Weg dorthin begeben, mit Änderungen beginnen. So wurde für ihn der Rückgriff auf Goe the zu einem Vorgriff auf, in die Zukunft: »Dem Dichter, dessen ganzes Alterswerk voll ist von sozialer Utopie und dessen Ideen und Gesichte in den Wanderjahren so gut wie im Faust weit hinausgehen über das 18. und 19. Jahrhundert bis in unser eigenes Zeitalter, war es von Herzen ernst mit Fausts letztem Abenteuer und seinem höchsten Augenblick, diesem ‚Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehen‘, auch wenn er die Tragik der Tat durchschaute und die Erlösung seines Heilsuchers der Liebe und Gnade von oben vorbehielt. Nie hätte er sich dazu hergegeben, gegen ein Neues, das kommen wollte oder schon da war, überalterte und schon heuchlerisch gewordene Ideale auszuspielen, denn er wusste, dass sich die Welt beständig erneuert, und hat sich den Namen eines Konservativen, der nur das Bestehende bewahren wolle, schönstens verbeten, denn vieles, was bestehe, sei gar dumm und schlecht, und was im Jahr 1800 vernünftig gewesen sei, das könne 1850 sträflicher Unsinn sein. Er hat gerufen: ‚Entzieht euch dem verstorbenen Zeug, Lebendiges lasst uns lieben!‘«102 Diese Einschätzung der deutschen Wirklichkeit und diese, nennen wir es: moralisch-ideologische Unbefangenheit gegenüber dem Neuen, gegenüber dem Sozialismus, war es, die Thomas Mann die Liebe und Anerkennung der Menschen der sowjetischen Besatzungszone einbrachte 101 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 320. 102 Ebd., S. 326. 61 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann und dazu führte, dass sein Werk, seine Worte von den Menschen gehört und, wichtiger noch, verstanden, beherzigt wurden. Es war Johannes R. Becher, der die Laudatio Zur Verleihung des Goe the-Preises an Thomas Mann in Weimar hielt. Seine Rede muss als das gelesen werden, was sie war: Als Bekenntnis zu Mann und zu dessen humanitären dichterischen Aussagen – mit dem Grundtenor »unser«.103 »Wir danken Ihnen, Thomas Mann, dass Sie über Länder- und Zonengrenzen hinweg nach Weimar gekommen sind, sich auch dadurch erneut und unmissverständlich zur Einheit unseres Vaterlandes bekannt und dem Zusammengehörigkeitsgefühl aller deutschen Menschen neue Hoffnung und eine neue freudige Stärke verliehen haben. Nach all den Tränen, die in unserem Vaterland vergossen wurden, (…) ist es ein Akt hoher Freude, den wir jetzt erleben, dass Sie, Thomas Mann, unter uns weilen.«104 Dennoch, trotz des Beharrens auf der deutschen Einheit, für die Becher und viele andere im Osten ernsthaft kämpften (es ist gerade heute notwendig, daran zu erinnern und diesen Fakt nicht zu vergessen, davon zeugt auch das Thomas-Mann-Zitat im nächsten Absatz), war für ihn klar, dass »der geistige und moralische Umschwung und Aufschwung«, zusammen mit dem »Friedenswillen unseres Volkes«, in der sowjetischen Besatzungszone beheimatet sei.105 Eine neue Gesellschaft wäre am Entstehen – und mit ihr, in ihr, als ihre Träger die neuen sozialistischen Menschen: »Es sind neue deutsche Menschen, die hier unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen geboren werden und aufwachsen, und ich glaube, im Namen dieser neuen deutschen Menschen auch sagen zu dürfen, dass wir Sie nicht nur verehren und bewundern, (…) sondern dass Thomas Mann und sein Werk auch eine Sache unseres Herzens ist, der 103 »Die schönste Huldigung, die wir Johann Wolfgang Goe the zu seinem 200. Geburtstag darbringen können, ist die, dass unser Thomas Mann die Goe the- Stätten in Frankfurt und Weimar besucht und dass an dem Geburtsort und dem Grabe Goe thes der Mann erschienen ist, auf den wir mit Stolz als auf einen der besten und edelsten Söhne unseres Volkes hinweisen können.« Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 418. 104 Ebd, S. 420. 105 Ebd. 62 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wir begeistert und leidenschaftlich anhängen und zu dessen Schöpfer wir sagen: Lieber, geliebter Thomas Mann!«106 Mann hat sich für diese Worte Bechers zwei Jahre später revanchiert (in der Festschrift zu Bechers 60. Geburtstag), obwohl dies das falsche Wort zu sein scheint, klingt es doch zu sehr nach Aufrechnung. Er hat die Hochachtung, die Becher ihm entgegenbrachte, erwidert: »Mehr noch, oder fast mehr noch als den Poeten und Schriftsteller liebe und ehre ich in Johannes R. Becher den Menschen – dies drängend bewegte, von innigen Impulsen getriebene Herz, das ich mir bei so mancher Begegnung, besonders aber bei unserem Zusammensein während meines Besuches in Weimar im Sommer 1949, entgegenschlagen fühlte – eine persönliche Erfahrung, die eine fortdauernde Ergriffenheit von seiner Natur, seiner Existenz in mir zurückgelassen hat. (…) Dieser sein Kommunismus ist durchaus patriotisch gefärbt, er erfüllt sich tatsächlich im Patriotismus, und sein Drang zum Dienst an der Gemeinschaft, dem Volke, ist – man lese nur seine Gedichte – zuerst und zuletzt der heiße Wunsch, seinem Volke, dem deutschen, zu dienen und ihm ein liebevoller, getreuer Berater nach bestem Wissen und Gewissen zu sein. Ich glaube, der Tag wird kommen, wo ihm das deutsche Volk in seiner Gesamtheit für diese Liebe Dank wissen wird.«107 Der Name Walter Janka wird uns noch mehrfach begegnen. Dieser setzte der gerade zitierten Passage in seinen Spuren eines Lebens sofort weitere Zitate von Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht zur Seite. Das Ziel war natürlich die explizite Abwertung der Worte Manns (ein Lob Bechers war für Janka offensichtlich eine Zumutung): »‚Mehr als den Poeten und Schriftsteller liebe und ehre ich den Menschen.‘ Die hervorgehobene Nähe zur Person, bei gleichzeitiger Distanz zum Werk, zeugen von Respekt und verhaltener Kritik. Dass sich Becher im stalinschen Sinne verstand, ist gewiss. Sein Werk, sein Tun, seine politische Gesinnung zeugen davon. Thomas Mann mag man verzeihen, dass er aus der geographischen Ferne nicht erkennen wollte. Wir aber, die wir in Bechers Nähe gearbeitet, zu Werkzeugen oder Opfern seiner Größe wurden, waren kritischer. 106 Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 420f. 107 Mann: Der Tag wird kommen, S. 170f. 63 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Als Dichter wäre Becher groß genug gewesen, um spätestens nach dem XX. Parteitag der KPdSU die Stimme gegen Unrecht zu erheben.«108 Natürlich hat Janka Recht mit seiner Kritik an Becher, dass dieser schwieg als er einer der wenigen war (etwa neben Bloch und Anna Seghers), die etwas hätten sagen können. Aber Becher war eine überaus ambivalente Persönlichkeit und es ist historisch irreführend, nur dessen opportunistische und stalinistische Seiten zu betonen. Nicht zuletzt sind Bechers Achtung der deutschen Klassik und sein Engagement für die deutsche Einheit, das hatte Thomas Mann »aus der geographischen Ferne« besser erkannt als Janka, wirklich und wahr gewesen. Die Kübel mit Schmutz sollte man nicht über die Toten entleeren – allein der niveauvolle Umgang mit anderen war Jankas Sache nicht. (Die Verleumdungen Harichs durch seinen früheren Vorgesetzten Janka können und sollen hier nicht wiedergegeben werden. Die deutsche Justiz hat nach 1989 alles Wesentliche zum Thema gesagt, die Geschichte pflichtet ihr bei, Harich hat seine Prozesse gegen Janka gewonnen.) In der Täglichen Rundschau setzte sich in den späten vierziger Jahren Harich in mehreren Artikeln für Thomas Mann und dessen Schriften ein (Thomas Mann und die D eutschen; Lotte in Weimar. Thomas Mann wieder auf dem deutschen B üchermarkt; Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann; Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset). In den tagesaktuellen Debatten verteidigte er mehrfach die moderne sozialistische Kultur ebenso wie die humanistische bürgerliche Gesinnung – erinnert sei neben seinen Artikeln zu Thomas Mann nur an sein Eintreten für Bertolt Brecht.109 Ein Spagat, der Lukács so nicht gelang. Einher ging dies, als ein wesentlicher charakteristischer Zug seines gesamten Denkens, Handelns und Schreibens, mit einer klar formulierten Ablehnung nationalsozialistischen Gedankenguts – zu stu- 108 Janka: Spuren eines Lebens, S. 250. 109 Von Harich siehe (neben verschiedenen Artikeln in der Täglichen Rundschau) vor allem den Text der Kontroverse mit Fritz Erpenbeck, die in der Weltbühne ausgetragen wurde: Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag, S. 215-219. Siehe: Heyer: Der erste S treit um B recht in der SBZ/DDR , S. 55-69. Mit vielen Seitenblicken auf Harich: Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht. 64 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe dieren exemplarisch an seiner frühzeitig geübten Kritik an Ernst Jünger110 (bis hin zur Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre und dem Wirken für die Herstellung der deutschen Einheit auf anti-militaristischer, anti-chauvinistischer, menschlich-humanistischer Grundlage in der Alternativen Enquetekommission)111. Wie Becher empfing auch Harich (in dem Zeitungsartikel Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann vom 31. Juli 1949) Mann »auf dem Boden der neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung der Ostzone«. Er sprach von »dankbarer Genugtuung« und »tiefer Freude«, die »alle fortschrittlichen Menschen des deutschen Volkes« empfinden würden.112 Er meinte damit einen doppelten Mann: Einerseits den Goethe-Redner von 1932 (wir haben die entsprechende Passage aus Harichs Text bereits wiedergegeben) und andererseits den Emigranten, der die Werte der deutschen Kultur und Humanität in den Jahren der Barbarei hochgehalten habe. Ja, erst im Exil habe Mann seine Vermutungen und Überlegungen von 1932 konkretisieren können, der Weg der bürgerlichen Gesellschaft in den Faschismus habe ihn den Idealen des Sozialismus (als Bruch mit der bürgerlichen Welt und deren brutalen Tendenzen/Konsequenzen) noch näher gebracht.113 110 Alle weiterführenden Hinweise, Literaturangaben, Harichs Beiträge etc. enthält: Heyer: Der erste Gegner wartet schon, S. 84-119. Außerdem: Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 28-44. 111 Hier reicht der Hinweis auf den Aufsatz von: Prokop: Wolfgang Harich und die Alternative Enquete-Kommission, S. 70-82. Wir kommen auf das Thema zurück. 112 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1196. 113 »Bei Thomas Mann selbst hat das Ideal des Humanismus, das 1932 in seinen Äußerungen noch vage und utopisch war (und das auch heute noch keineswegs mit der wichtigsten Konsequenz, mit dem Bekenntnis zum kämpfenden Proletariat, verbunden ist), in den Jahren des Exils eine wesentliche Konkretisierung erfahren: In Joseph der Ernährer hat der Dichter, der zeitlebens mit dem Problem des Individualismus, mit dem Problem des gesellschaftsentfremdeten Ausnahmemenschen rang, den Ausweg aus diesem Dilemma gezeigt: Die praktische, nützliche Tat im Dienste der Menschen. Im Doktor Faustus hat er erschütternd den tragischen Irrweg des modernen bürgerlichen Künstlers dargestellt, der der Dekadenz, dem Formalismus und der reaktionären Pseudoradikalität zum Opfer fällt, hat er den Ästhetizismus als Wegbereiter der Barbarei in der menschlichen Seele entlarvt (…).« (Ebd., S. 1199.) 65 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann Es sei ein beeindruckender und wichtiger Schritt Manns gewesen, dass er »den von der Reaktion aus Lügen und Verleumdungen fabrizierten ‚Eisernen Vorhang‘ durchbrochen habe, um sich zur deutschen Einheit ebenso zu bekennen wie zu der ‚neuen antifaschistisch-demokratischen Ordnung der Ostzone‘«.114 Die sowjetische Besatzungszone habe, so lässt sich letztlich formulieren, Harich zu Folge die Ideen und Wünsche und Hoffnungen Manns in der Praxis realisiert: »Er findet eine soziale Ordnung, deren Struktur die reale Garantie gibt, dass – wenigstens in diesem Teil seines Heimatlandes – nie wieder die Mächte der Reaktion und des Krieges ihr Haupt erheben werden. Er findet werktätige Menschen, Arbeiter, Bauern, Ingenieure, Wissenschaftler und Künstler, deren ganze Arbeit ausschließlich im Dienste des friedlichen Aufbaus steht und die täglich und stündlich beweisen, dass man in Deutschland – sich selbst und der Menschheit zum Heil – ohne Kriegstreiber, ohne säbelrasselnde Militaristen, ohne ‚völkische‘ Volksverführer und profitlüsterne Monopolherren und Bankiers viel besser und aussichtsreicher für die Gegenwart und Zukunft sorgen kann, als dies jemals zuvor in unserer tragischen Geschichte geschah. Mit einem Wort: Thomas Mann betritt Weimarer Boden zu einem Zeitpunkt, da sich in einem Teil Deutschlands – und auch in Weimar selbst – erste Keime und Ansätze jener neuen, sozialen Welt, jener ‚organisierten Einheits- und Planwelt‘ zu entwickeln beginnen, von der er prophezeite, dass sie unweigerlich kommen werde.«115 Harich war klar, dass Mann natürlich kein Sozialist, sondern ein bürgerlicher Demokrat und Humanist sei, der seine Klasse zwar immer wieder »scharf kritisiert, aber nie verleugnet hat«.116 Von daher könne von einer totalen Identität zwischen Mann und den theoretischen und praktischen Gehalten der sowjetischen Besatzungszone natürlich keine Rede sein: »Aber wir sind der begründeten Überzeugung, dass er in entscheidenden Fragen unsere Haltung billigen wird: Unser Streben nach einer menschlichen Regelung der menschlichen Beziehungen, unser Bekenntnis zu Vernunft und Wissenschaft, unsere leidenschaftliche Verabscheu- 114 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1199. 115 Ebd., S. 1199f. 116 Ebd., S. 1200. 66 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ung der irrationalen und ‚mythischen‘ Irrlehren des Imperialismus und Faschismus, unser Kampf für die Erhaltung und Sicherung des Friedens – das ist Geist von seinem Geist. Vor allem aber entspricht unser Kampf für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands, unser Verlangen nach einem gerechten Friedensvertrag und dem Abzug der Besatzungstruppen zutiefst den patriotischen Motiven, die Thomas Mann bestimmten, nicht diese oder jene Zone, sondern das ganze, unteilbare Deutschland zu besuchen.«117 Letztlich ließe sich formulieren, dass Harich in Thomas Manns Werken und Wirken das letzte Aufflackern des bürgerlichen Geistes ausmachte, der schon Goe the geprägt hatte. Aus marxistischer Sicht jene Mischung aus zutreffender und tiefgreifender sezierender Analyse der bürgerlichen Welt bei gleichzeitiger Verhaftung in dieser Sphäre, die Grenzen sehend, auch beschreibend, aber sie doch nur unter mühsamsten inneren Kämpfen (gleich der Loslösung von der Religion in früheren Jahrhunderten) überwinden könnend. Dieser wohlwollende und gleichzeitig sorgfältige Blick auf Thomas Mann war nun freilich nicht jener der amerikanischen Kommunistenjäger. Ganz im Gegenteil. Es ist hier nicht der richtige Ort, um die Entwicklung von Mann in Amerika nachzuvollziehen. Uns kann der Hinweis genügen, den Johannes R. Becher in seiner Laudatio gegeben hatte: »Wir danken Ihnen, Thomas Mann, dafür, dass Sie, der streitbare Humanist, als der Sie sich bewährt haben, offen aufgetreten sind, als es an der Zeit war, gegen die ‚Grundtorheit unserer Epoche‘, wie Sie den Antibolschewismus genannt haben; und dass Sie von vornherein die Notwendigkeit erkannt haben, das historische Phänomen der großen Russischen Revolution gerecht und sachlich zu würdigen. Ihr besonderes Verdienst, und wenn man es so nennen darf, Ihre hervorragendste literarische Note ist es, dass Sie mit dem Besten der deutschen Tradition das Beste der Weltliteratur in sich vereinigen, dass Sie wie kein anderer deutscher Schriftsteller die große russische Literatur in sich aufgenommen haben und auch auf diese Weise völkerverbindend und wegweisend geworden sind.«118 117 Harich: Das demokratische Deutschland grüßt Thomas Mann, S. 1200f. 118 Becher: Zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 419f. 67 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann So weit Johannes R. Becher. Die amerikanischen Kommunistenjäger sahen genau die gleiche Konstellation, selbstverständlich richteten sie aber keinen Empfang aus, sondern polierten die Gefängnisschlüssel. »Im Juni 1951 wurde Th omas Mann vor dem Repräsentantenhaus im Kongress als ‚one of the world‘s foremost apologists for Stalin and company‘ (dt. ‚einer der weltweit bedeutendsten Verteidiger Stalins und seiner Anhänger‘) bezeichnet. Zwar blieb ihm, anders als zum Beispiel Hanns Eisler und Bertolt Brecht, das Verhör vor dem House Committee for Un-American Activities erspart, doch er musste einsehen, das seine 1943 in dem Vortrag Th e War and the Future geäußerte Überzeugung, er sei ‚vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein‘, nicht mehr galt.«119 (Weil Brecht vor diesem Ausschuss aussagen musste, konnte er nicht am Ersten Deutschen Schriftstellerkongress teilnehmen, darauf haben wir bereits verwiesen.) Ziemlich genau ein Jahr später kehrte Mann, tief enttäuscht von der amerikanischen Entwicklung, nach Europa zurück, aber nicht nach Deutschland West oder Ost, sondern in die Schweiz. Seine amerikanische Staatsbürgerschaft behielt er bis zu seinem Tod.120 Ein kurzes Nebengleis: Als Th omas Mann in Weimar war, hatte Becher eine wichtige Sache mit ihm zu besprechen. »Seit seiner eigenen Ankunft war Becher um die Rückkehr Heinrich Manns bemüht«, Versuche, die seit 1946 (durch den Th üringer Kulturbund) dauerten. Denn weitaus stärker als sein Bruder Th omas war Heinrich wirklich ein Kommunist bzw. zumindest diesen sehr nahe stehend. Becher hatte große Pläne: »Den Romancier, der 1933 in der Preußischen Dichterakademie zum Rücktritt genötigt wurde, weil er zur Einheit von KPD und SPD aufrief, der in Paris dem Volksfrontausschuss vorstand und seit Jahren in Amerika, vom FBI streng überwacht, das Leben eines öff entlich 119 Valentin: »Steine in Hitlers Fenster.« 120 Hierzu: Detering: Th omas Manns amerikanische Religion. Briefmarke 1971 68 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Vergessenen führte, hoffte er für die Präsidentschaft einer neuen Akademie zu gewinnen.«121 In Weimar besprachen Thomas Mann und Becher Details der Rückkehr von Heinrich Mann, der in die SBZ/DDR kommen wollte, sobald sein Gesundheitszustand eine Schiffsreise erlaubte.122 Doch Mann starb in Amerika, bevor diese Übersiedlung zu Stande kam. 1961, einige Jahre später, wurde seine Asche nach Berlin überführt, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof fand er seine letzte Ruhe. 121 Dwars: Abgrund des Widerspruchs, S. 611f. 122 Hierzu: Dwars: Abgrund des Widerspruchs, S. 612f. Beisetzung der Urne mit Heinrich Manns Asche, Berlin, 25. März 1961, feierlicher Zug von der Deutschen Akademie der Künste zum Dorotheenstädtischen Friedhof

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Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.