20. Nahe Vergangenheit in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 430 - 442

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-430

Tectum, Baden-Baden
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430 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge im Verlag eine Editorengruppe zusammengestellt, mit der er diese Aufgabe zu bewältigen gedachte. Obwohl sich die Verlagsleitung darüber im Klaren war, auf welche Schwierigkeiten, vor allem in Hinsicht auf das Papierkontingent, sie sich einließ, stellte sie sich hinter Harichs Vorschlag; denn eine Orientierung auf die Klassik ließ sich nicht ohne eine repräsentative Goe the-Ausgabe bewerkstelligen.«1004 Mit der Verhaftung Harichs wurde dessen Arbeit natürlich mehr als nur unterbrochen. Wir habe gesehen, mit welcher Intensität Stasi und Partei seine Wortmeldungen vernichteten, ihn in die Isolation trieben, in Bautzen und in den Jahren danach. Doch zwei Harich-Projekte überdauerten den großen Bruch. So erschien die von Harich abgeschlossene Ausgabe der Nietzsche-Kritiken von Franz Mehring noch 1957 – selbstredend natürlich ohne Harich auch nur zu erwähnen. Mit dem Fortgang des Goe the-Projektes verhielt es sich ähnlich: »Die 1960 begonnene und 1978 beendete Berliner Ausgabe der Werke Goe thes in 22 Bänden und einem Supplementband entspricht fast genau dem Grundriss Wolfgang Harichs. Die Berliner Goe the-Ausgabe führt keinen Herausgeber an.«1005 Marxisten haben einen interessanten Wesenszug. Wenn sie sich streiten (und das tun sie sehr häufig), dann geht es dabei nicht um Geld, Frauen oder Politik, weit gefehlt: Im Zentrum steht zumeist die Frage, wer mehr Marxist, wer der bessere, der größere Marxist ist. So auch im Fall unserer Protagonisten. Lukács und Bloch hatten sich, nach enger Freundschaft schon in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts mehr als nur auseinandergelebt. Dabei ging es dann übrigens doch auch um das liebe Geld, aber beide waren auch noch keine »wirklichen Marxisten« – so die damaligen und einige der heutigen Gralshüter (bekannt unter den Namen Dogmatiker, Sektierer usw.).1006 Dies ist natürlich Unfug, der Marxismus ist so dynamisch, dass er Bereicherungen durch Bloch ebenso wie durch Lukács problemlos verträgt. Und man kann über beide sagen was man will – den Marxismus 1004 Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder »Harich dürstet nach großen Taten«, S. 223. 1005 Ebd., S. 224. 1006 Der Briefwechsel zwischen Bloch und Lukács gibt Auskunft über die frühen Jahre der beiden, abgedruckt in: Bloch: Briefe, Bd. 1, S. 25-208. 431 20. Nahe Vergangenheit haben sie allemal ausgebaut und erweitert, ihm neue Dimensionen erschlossen, ihn zukunftsfähig gemacht. Wir können uns hier ganz kurz die Zeit nehmen, Bloch und Lukács selbst zu Wort kommen zu lassen, wie sie ihre Beziehung beschrieben haben – in einem Rundfunkgespräch von 1967 mit Iring Fetscher. Bloch schilderte die Heidelberger Jahre wie folgt: »Das alles kam zusammen auf seltsame Weise, aber Zentrum war sofort die wirkliche Symbiose mit Lukács, die drei oder vier Jahre gedauert hat. Wir waren so verwandt geworden, dass wir wie kommunizierende Röhren funktionierten. (…) Unsere Einheit, ja wie soll ich die ausdrücken: Die war von Eckhart bis Hegel; Lukács schoss Literaturwissenschaft zu, Kunstwissenschaft, Kierkegaard und Dostojewski, die mir fremd waren. Ich pflegte damals zu sagen: ‚Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles, was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich das lesen?‘ Ein hübsch jugendhafter Satz, jedenfalls entschieden. Hier war mir Lukács unermesslich überlegen.«1007 Lukács stellte das ganze von seiner Seite aus so dar: »Nur dann kam natürlich die Differenz heraus. Ich glaube, man muss heute nur den Geist der Utopie oder den Thomas Münzer von Bloch neben mein Geschichte und Klassenbewusstsein stellen, um zu sehen, dass damals schon eine vollkommene Scheidung der Wege da war, obwohl wir beide links und auf der Seite des Kommunismus waren. Ich meine, diese Scheidung hat sich für mich vertieft, mit jedem Schritt, mit dem ich ein echterer Marxist geworden bin.«1008 Soll dies nun also bedeuten, den getrennten Weg vorausgesetzt, dass Lukács immer marxistischer wurde und Bloch sich demnach anders entwickelte? Nein! »Ich möchte dabei nur betonen, dass – im Gegensatz zu sehr vielen Leuten, die radikal und sogar kommunistisch in den zwanziger Jahren waren und dann zu, wie ich zu sagen pflege, nonkonformistischen Konformisten geworden sind – Bloch seine linken Überzeugungen nie verraten hat. Er ist immer links geblieben, immer Sozialist geblieben, und ich glaube, das ist die eine Seite der Faszination. Die 1007 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 372f. 1008 Ebd., S. 374. 432 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge andere Seite ist, dass ich Bloch für einen der geistvollsten Schriftsteller halte, die ich überhaupt kenne.«1009 Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wer gar die ironischen Spitzen dieser Sätze hören möchte. Bloch antwortete: »Ich weiß nicht, ich würde das wahrscheinlich anders angeben als mein unvergessener Jugendfreund Georg Lukács, den ich im Geist der Utopie mit Kierkegaard das Genie der Moral nannte. Unsere beginnende Trennung kam 1914, als ich wieder nach München ging (…), und das damalige München hatte nichts mehr mit Sturm und Drang und mit Jugendstil zu tun, aber mit Expressionismus. Für Lukács blieb alles verschlossen, was hinausging über die Entwicklung von Giotto bis Cézanne, die er verwandt fand; was nicht in der streng gehaltenen Form war, das gehörte zu den ‚zerrissenen Nerven eines Zigeuners‘, und das war das negativste Urteil, das es für ihn überhaupt gab. An der Spitze stand ihm das Klassische. Er war ein Neoklassizist, er ist es bis heute geblieben, da hat sich bei ihm nicht so viel geändert, hier täuscht er sich wahrscheinlich. Lukács betreibt Neoklassizismus, den es in der Sowjetunion ohnehin gibt. Lukács blieb auf diesem Neoklassizismus stehen, und alles andere war – ein Wort hat er damals dafür noch nicht gehabt, heute würde er sagen: Dekadenz oder Entartung, eben die ‚zerrissenen Nerven eines Zigeuners‘.«1010 Beider Wortmeldungen haben einen interessanten Kern, der uns auf die Wahrheit stößt und uns gleichzeitig Abbiegungen schmackhaft machen soll. Lassen wir die Aussagen so stehen wie sie sind. Die Hochachtung war geblieben, auch in den fünfziger Jahren, die ja für uns hier so wichtig waren. Natürlich beobachteten die beiden sich, schauten genau, was der jeweils andere machte. Zwischen diesen beiden Stühlen stand bzw. saß, es sind ja Stühle, Harich. Seine Entscheidung pro Lukács war klar und eindeutig, schloss aber Bloch (in den fünfziger Jahren) nicht aus. Rückblickend schrieb Harich, dass seine »Bekehrung zu Lukács« auf drei »Bildungserlebnisse« zurückgehen würde: » Erstens: Seine Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik, gegen die Projektion von ‚echt deutschem‘ Irrationalismus in den Sturm und Drang, gegen 1009 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 374. 1010 Ebd., S. 375. 433 20. Nahe Vergangenheit die falsche Antithese von ‚Gefühl‘ und ‚Verstand‘ versetzte mich in die Lage, reaktionäre Verfälschungen des mir teuren Erbes von Herder als solche zu durchschauen und zu bekämpfen. So entstand 1950/1951 meine Doktordissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft. (…) Zweites Erlebnis. Mit Pascal, Kierkegaard, Heidegger und Jaspers, für die zu schwärmen in meiner Jugend schick war, hatte ich, zu meinem gro- ßen Leidwesen, nie etwas anzufangen gewusst. Ich fand einfach keinen Zugang zu ihnen, so sehr ich die um sie gescharte Adeptenschar beneidete. Als mir auch Sartre nicht einleuchten wollte, kam ich mir vor wie einer, dem Ananas nicht schmeckt. War ich etwa pervers? So empfand ich die Lektüre von Marxismus oder Existenzialismus? wie eine Erlösung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Weder davor noch danach ist mir das ein anderes Mal zugestoßen, dass ein Buch mir tiefdringende philosophische Erkenntnisse vermittelte und zugleich mein Selbstwertgefühl steigerte. Kein Wunder, dass ich nun für Lukács auf die Barrikaden stieg, als sektiererischer Unverstand das Erscheinen ausgerechnet dieses Werks von ihm – zum Glück vergeblich – bei uns zu verhindern suchte. Drittens – und da eskalierte die Bekehrung zum ‚Gnadendurchbruch‘ – Der junge Hegel. Mein Vademekum in den Jahren, als die Formel ‚aristokratische Reaktion gegen den französischen Materialismus und die bürgerliche Revolution‘ im Schwange war, als der ‚Rotteck-Welckersche Dreck‘ (so Marx) sich des Personenkults bedienen konnte. Muss ich mehr sagen? Da ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Universitätsdienst stehe, kann ich es mir heute leisten, einzugestehen, dass ich damals aus der Oprecht-Ausgabe (die Züricher Ausgabe von 1948 des Jungen Hegel, AH) herausgetrennte Seiten in mein Vorlesungsmanuskript gelegt und sie an passender Stelle wörtlich, unverändert vorgelesen habe, die Studenten glauben machend, dies sei von mir. Hochstapelei? Sicher, aber die Identifikation war vollkommen, und besser konnte ich das, was zu sagen war, mit eigenen Worten nicht vorbringen.«1011 So sah Harich Anfang der neunziger Jahre seinen Weg zu Lukács. Gipfelnd in dem Bekenntnis (das ein Stück weit sein Denken zu erklären vermag): »Ich verdanke Lukács viel, sehr viel. Das Beste, was ich im Leben 1011 Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 19f. 434 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge geleistet habe, besteht aus Versuchen, Lücken, die bei ihm sich finden, in seinem Geiste ausfüllen zu helfen.«1012 In den Hartmann-Manuskripten formulierte Harich in den achtziger Jahren, dies sei ergänzend hinzugefügt: »Der bedeutendste Marxist-Leninist unter den Denkern, die danach auftraten, war Georg Lukács; auch nach seinem Tod ist er, während der letzten drei Dezennien des Jahrhunderts, von niemand anderem mehr erreicht, geschweige denn übertroffen worden. Unter den nichtmarxistischen Philosophen, die Lukács’ Zeitgenossen gewesen sind, steht nun Bloch durch sein politisches und soziales Engagement uns verhältnismä- ßig am nächsten; jedoch nicht methodologisch und schon gar nicht hinsichtlich der allgemeinen Grundsätze seiner Philosophie, die einen durchaus idealistischen, ja einen religiös-eschatologischen Charakter hat.«1013 Unser Hauptinteresse gilt/galt, wir haben es ausführlich begründet, Lukács, Harich und Bloch. Doch auch Mayer darf hier bei diesen letzten Bemerkungen nicht vergessen werden. Sein Verhältnis zu Bloch klang immer wieder durch, nicht zuletzt ja vermittelt durch die gemeinsamen Jahre in Leipzig und Tübingen. Sein Nicht-Verhältnis zu Harich wurde beleuchtet. Mit Mayer und Lukács hat es eine ganz eigene Bewandtnis, es konnte bereits gezeigt werden, welche Art des Umgangs Mayer mit Lukács suchte. Aus den späten vierziger Jahren bis hin zu den Umbrüchen von 1956 sind verschiedene Texte Mayers zu nennen, in denen sich dieser zu Lukács bekannte – teilweise bereits mit Kritik vermischt, aber diese können wir hier außen vor lassen. So erschien 1948 der Text Dank an Georg Lukács, der mit den Worten endet: »Es ist nicht vermessen, heute zu erklären: Wer in unseren Tagen zu Fragen der Literatur und Philosophie, der Gesellschaftswissenschaften und Kulturkritik Stellung nehmen möchte, am Werke des Georg Lukács aber vorüber geht, hat sich selbst damit das Urteil der Unfruchtbarkeit und der Irrmeinung gesprochen.«1014 1012 Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 20. 1013 Harich: Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen, S. 106. 1014 Kurz vorher hieß es: »Jetzt liegen sechs Bände Lukács vor uns: Eine Unsumme an Wissen, Verständnis, geistiger und künstlerischer Eindringlichkeit. Sechs Handbücher – und ein einziger Beweis für die Fruchtbarkeit der Lehren von Marx und Engels im Gebiet der Ästhetik und Literaturgeschichte. Mit Ungeduld darf auch 435 20. Nahe Vergangenheit In seiner Leipziger Antrittsvorlesung Goe the und H egel formulierte Mayer: »Wenn wir nunmehr der inneren Beziehung zwischen diesen zwei gewaltigen Potenzen (gemeint sind Goe the und Hegel, AH) nachgehen, so sei zugleich auch vorangestellt, dass wir die Antriebe unserer Deutung vor allem zwei Männern schuldig bleiben, deren Wort seit Jahrzehnten unsere eigene geistige Entwicklung zu formen vermochte, die uns und einer ganzen Generation, wie es scheint, den Ansatzpunkt für ein neues Goe the-Bild und Hegel-Bild in unserer Zeit geliefert haben: Georg Lukács und Ernst Bloch. Es bleibt einfachstes Gebot der Dankbarkeit, diese geistige Schuld hier voranzustellen.«1015 Einige Jahre später in der Festschrift Lukács zum Siebzigsten Geburtstag analog: »Von Lukács sprechen heißt für manchen aus meiner Generation: Von sich selbst sprechen. (…) Das große Lebenswerk dieses Mannes ist unablässiger Gerichtstag über die Zeit  – und über sich selbst als ihren Zeitgenossen. (…) Ich habe Georg Lukács unendlich viel zu verdanken und weiß nicht, wo ich heute stünde, wäre ich ihm und seinem Denken nicht begegnet.«1016 Der Prozess der permanenten Annäherung an Bloch war gleichbedeutend mit einem Abrücken von Lukács. In letzter Konsequenz kam dann im Westen, beispielsweise 1964, die Abrechnung mit dem ungarischen Philosophen. Angesichts der Neupublikation von Skizze einer Geschichte der neueren Literatur und Deutsche Literatur im Zeitalter des Imperialismus, beide frühzeitig im Aufbau-Verlag erschienen, schrieb Mayer: »In beiden Teilen dieser literaturgeschichtlichen Skizze kommen die negativen Seiten von Lukács (permanente Antithetik von Fortschritt und Reaktion; Verwechslung von politischer Aussage und künstlerischer Gestaltung; undialektische Verwendung des Begriffs ‚Dekadenz‘; zeitbedingte Irrtümer und Lücken) fast überstark zum Ausdruck.«1017 Die Rede ist nunmehr von »großen Gegensätzen«, die keine »Kleinigkeiten« seien, von »Größe und Grenzen des Literaturhistorikers Georg Lukács« (von seiner »Größe« wird der deutsche Leser die großen Bücher von Lukács über Hegel und die Goe thezeit erwarten.« Mayer: Dank an Georg Lukács, S. 223f. 1015 Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 1016 Mayer: Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 160, 172. 1017 Mayer: Georg Lukács’ Größe und Grenzen, S. 3. 436 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge nichts erwähnt) usw. Und das Ganze schließt: »Auch aus den Irrtümern eines Georg Lukács lässt sich noch immer viel lernen.«1018 Diese Irrtümer, das, was er davon verstand, hielt Mayer 20 Jahre vorher, in den späten vierziger Jahren, für die »Wahrheit«. Worum es sich hier genau handelt, mag jeder für sich selbst entscheiden: Intellektuelle Entwicklung, Tyrannenmord, leiser Abschied? Wir brauchen diesem Prozess nicht minutiös folgen, sondern können einen zeitlichen Sprung in die Mitte der siebziger Jahre unternehmen. 1974 hielt Mayer am Pariser Collège de France drei Vorlesungen zu Goe the, die letzte beschäftigte sich mit Marxistischen Interpretationen. Den bürgerlichen Goe the-Interpretationen bescheinigte Mayer zuvor durchaus eine »Vielfalt der Produktionen«, freilich eher als Spezialistentum: »Eine umfassende Studie, die Goe the im Licht unserer Erfahrung (…) aus seiner Zeit heraus ins Blickfeld rückt, ist nicht in Sicht.«1019 Man kann durchaus davon sprechen, dass Mayer der bürgerlichen Goe the- Forschung kein gutes Zeugnis ausstellte, ganz im Gegenteil (von einzelnen Ausnahmen abgesehen, aber dass diese benannt werden können, ist eben auch kein gutes Zeichen). Es wäre also eine Herausforderung der marxistischen Philosophie und Literaturwissenschaften gewesen, diesen Missstand zu beheben: »Der Marxismus jedoch hatte erhebliche Schwierigkeiten, ein Gegenkonzept zu entwickeln. Allzu eng waren auch die Schüler von Marx und Engels, diese Liebknecht und Kautsky, und, dank ihrer auch ein August Bebel, infiziert vom deutsch-bürgerlichen Kulturideal. Statt sich um eine Neuinterpretation Goe thes zu bemühen, wie es die – vergessenen – Hegelianer versucht hatten, machte man sich lieber daran, das Werk der Klassiker, Goe thes also und Schillers, der Arbeiterschaft nahe zu bringen. Aber was man zu vermitteln versuchte, waren die bürgerlichen Bildungsklassiker. Diese Antinomie hat weitgehend auch noch die Leistungen eines Franz Mehring determiniert.«1020 In seiner Vorlesung beschäftigte sich Mayer auch mit dem Verhältnis von Lukács und Mehring, wobei er den ungarischen Philosophen weitaus 1018 Alle Zitate: Mayer: Georg Lukács’ Größe und Grenzen, S. 6. 1019 Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 408f. 1020 Ebd., S. 413. 437 20. Nahe Vergangenheit kritischer betrachtete als beispielsweise Mehrings Lessinglegende. Wichtig war ihm aber auch, darauf hinzuweisen, dass Lukács durchaus gewisse Momente des Denkens und Schreibens von Mehring in seine eigene Konzeption übernahm (trotz der überwiegend kritischen Sichtweise), etwa die Darstellung Mehrings der Weimarer Kultur.1021 Dennoch betonte Mayer mit Blick auf die frühen Werke von Lukács deren »arg sektiererischen Geist«,1022 den dieser erst mit jenen Goe the-Studien überwunden habe, die unsere Darstellung im vorliegenden Buch eröffneten. Aber auch in diese Feststellung mischt sich Kritik. »Zweifellos ist die Analyse materialistischer geworden; allein die Einwände liegen dennoch auf der Hand. Bei Lukács befindet sich eine allgemeine und normative Ästhetik, wie sie in der Sowjetunion propagiert wurde (im Kern jedoch schon beim jungen Autor selbst angelegt war), im Widerspruch mit der eigentlich dialektischen und historischen Interpretation.«1023 Ein ganzes Stück weit ist diese Art des Argumentierens jener Abrechnung verwandt, mit der Lukács ab 1956 in der DDR überzogen wurde. Zu ergänzen ist aber, dass Mayer darauf Wert legte, »den Lukács der Studien über Goe the und seine Zeit gegen die große und simplifizierende Abwertung zu verteidigen, die Theodor W. Adorno« gegeben hatte.1024 Bloch wurde von Mayer übrigens eine gewisse Beschränkung vorgeworfen, als Lob verkleidet zwar  – aber doch mit kritischem Unterton: »Ernst Bloch wiederum kommt weder in seinen Literaturaufsätzen noch im philosophischen Hauptwerk, dem Prinzip Hoffnung, von der Faust-Tragödie los. In höchst eindrucksvoller Weise hat er – wohl als erster – auf die innere Verwandtschaft und geschichtlichen Parallelismen zwischen Faust I 1021 Siehe: Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 413-417. 1022 Ebd., S. 416. 1023 Ebd., S. 420. Weiter heißt es: »Dieser spekulative Ästhetiker von großer Begabung ist so stark fasziniert von den eigenen Vorstellungen und Erwartungen, wie ein Kunstwerk der Zukunft, insbesondere ein Romanwerk, auszusehen habe, dass er alle vorhandenen Gebilde  – hier die Werke Goe thes  – an dieser Idee einer prästabilierten ästhetischen Harmonie misst. So kann er den gesellschaftlichen Bedingtheiten der Adelswelt, wie Goe the sie in den Lehrjahren darstellt, im Grunde ebenso wenig gerecht werden wie den realutopischen Elementen der Wanderjahre.« (Ebd.) 1024 Ebd., S. 421. 438 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und der Phänomenologie des Geistes hingewiesen.«1025 Was aber, diese Einwürfe, Einwände kurz außen vor gelassen, dem Marxismus zu verdanken sei, wäre die Verschiebung des Interesses an Goe the. Dieses sei, so Mayer Mitte der siebziger Jahre, »in neuerer Zeit nahezu ausschließlich ein Thema für das antibürgerliche Denken geworden«.1026 Immerhin, ein nicht zu unterschätzender Erfolg. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, von den vertrauten Freunden Georg Lukács und Wolfgang Harich, von Ernst Bloch, dem Magier der Utopie, von Hans Mayer, der vielleicht just in diesem Moment dem Teufel oder einem Engel einen langen Monolog darüber hält, warum er in diesem Buch zu kurz gekommen ist. Gleichzeitig gilt es, Goe the und Hegel endlich nicht zurückzulassen, sie nicht für eine Sache, sei sie noch so wichtig, zu vereinnahmen, sondern beide nicht nur im Bücherschrank regelmäßig abzustauben, vielmehr ihnen einen Platz an unserer Tafel anzubieten. Wir haben jenes Werk fortzusetzen, das 1949 begann, aber nur im intellektuellen Bereich zukunftsfähig wurde, im politischen Raum zügigst zur Karikatur verkam. Schauen wir ein letztes Mal zurück. Auf Hegel, auf die Französische Revolution – was ja immer auch Aussage zu Goe the ist. Das »im Grunde rein arithmetische Vorkommnis der neunzig Jahre« führte dazu, dass sich Bloch zu seinem Geburtstag 1975 für den Ehrendoktor der Universität Tübingen bedanken durfte. Dabei machte er zuvorderst eines geltend: »Die Wichtigkeit des Tatortes.«1027 Der Weg zur Freiheit des Menschen, in Tübingen begann er zu dämmern. »Die drei Tübinger Studenten Hölderlin, Schelling, Hegel haben den großen Stoß der Französischen Revolution in die kleine Universitätsstadt hineingebracht. Sie tanzten unter dem Maibaum, der geschmückt war mit der Trikolore, und zwar der Trikolore des Begriffs der Begriffe: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – mit denen nun Ernst gemacht werden sollte (…). Und in der ganzen Atmosphäre und Aura lag der Ernst dessen, was Kant weit weg in Königsberg verkündet hatte, in rein theoretischer und resignierender Form. Aber an anderem Ort zündete nun der Funke seines 1025 Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 426. 1026 Ebd., S. 427. 1027 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391. 439 20. Nahe Vergangenheit Satzes, der heißt: ‚Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.‘ So war es möglich, dass hier in Tübingen der Keim gelegt wurde zu dem, was später aus Hegels Philosophie kam, nachdem sie auf die Füße gestellt war.«1028 Das ist, erinnern wir uns, das Motiv der frühen Jahre: Die Denker und Theoretiker begrüßen eben jene Revolution, die die Dichter ablehnten. Goe the und Schiller waren damals von Bloch gemeint, Hölderlin ist die eine, die große Ausnahme, von seiner Revolutionsbejahung zu guter Letzt nur den Irrsinn behaltend. Der junge Marx habe diese Revolutionsbegeisterung wie kein Zweiter begriffen und daraus sein Ziel abgeleitet: Den Menschen zum Menschen werden zu lassen. Dieses Vermächtnis gelte es beizubehalten, zu bewahren, durch die Zeiten zu tragen – samt seinem Ursprung »bei den drei Gestalten: Bei Hölderlin und seinem Hyperion, bei Schelling, der später so reaktionär wurde, aber damals durchaus mitzog und zwanzigjährig eine kleine Schrift über Naturrecht schrieb als der großen Strategie der Freiheit, und vor allen Dingen bei Hegel, der am Anfang der Phänomenologie des Geistes das weit überholende, über die Zeit hinaussteigende Kapitel über Herr und Knecht einfügte, mit Herr und Knecht als Dualismus in der bisherigen Phänomenologie des Geistes, der unaufhebbar zu sein scheint, wobei der Herr den Knecht braucht, aber der Knecht nicht den Herrn. Denn der Knecht kann leben, auch wenn es keine Herren mehr gäbe; die Selbständigkeit des Bewusstseins ist nur durch Abwesenheit oder Abschaffung der Herren garantiert.«1029 * * * * * Auf den hinter uns liegenden Seiten war so viel von Goe the und Hegel die Rede, dass die Fakten manchmal etwas aus dem Blick geraten. Wenn man um 1800 als Autor einem Anderen sein Buch zukommen ließ, dann sah dies etwas anders aus als heute. Man schickte die Druckbögen, manchmal schon eingebunden, und der Beschenkte schnitt die einzelnen Bögen auf. Hegel sendete ein Exemplar der Phänomenologie des Geistes seinerzeit 1028 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391f. 1029 Ebd., S. 392. 440 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge an Goe the, doch dieser legte mangels Interesse das Paket einfach weg, er schnitt nicht auf, sortierte nicht und sein Augenlicht schonte er auch, indem er auf eine Lektüre verzichtete. Nun ist es zwar für eine Analogisierung der theoretischen Modelle von Goe the und Hegel irrelevant, ob diese sich gegenseitig gelesen haben oder nicht. Aber es wirft ein interessantes Licht auf die Protagonisten unseres kleinen Buches, dass es keiner für nötig hielt, uns diesen Umstand deutlich vor Augen zu führen, gar an den Beginn der Betrachtungen zu stellen. Hans Mayer immerhin erinnerte im Westen zwei Mal an diesen Fakt. Einmal in einem Nebensatz.1030 Das andere Mal in dem Aufsatz Goethe, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert. Dort ist zu lesen: »Man fand nach Goe thes Tod in seiner Bücherei ein Exemplar von Hegels Phänomenologie des Geistes von 1807 mit einer Widmung an Goe the. Das Buch war unaufgeschnitten. Dennoch ist – was Goe the damals nicht geahnt haben mochte, als Hegel für ihn nicht viel mehr war als ein Jenenser Professor – die Verbindung zwischen dem I. Faust und dieser Phänomenologie des Geistes höchst erstaunlich. Oder auch gar nicht erstaunlich, da von Hegel gewollt.«1031 Erst 20 Jahre später kam es dann zu jenem Treffen in Weimar, das als Durchbruch zur Entdeckung der Gemeinsamkeiten, der Übereinstimmungen auf persönlicher und theoretischer Ebene angesehen werden kann.1032 Es blieben nur einige Jahre, diesen Augenblick in seiner Fülle auszukosten. 1030 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 99. 1031 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 168f. 1032 Hans Mayer schrieb, zitieren wir dies zum Abschluss: »Die entscheidende Annäherung erfolgte am 16. Oktober 1827 in Weimar. Hegel kam aus Paris, wo er von seinen französischen Freunden und Schülern herzlich aufgenommen worden war. Nun bleibt er zwei Tage in Weimar und wird ausgiebig geehrt. Am Frauenplan ist zu seinen Ehren ein Abendessen gerichtet, dem Eckermann, Zelter, Knebel beiwohnen. Hegel berichtet über den Zustand des Bourbonenregimes in Paris, über die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen an der Französischen Akademie; er entwickelte in einer scherzhaft abgekürzten und doch tiefsinnigen Weise, gleichsam für den Hausgebrauch Goe thes, das Prinzip seiner Dialektik als eines dem Menschen innewohnenden Widerspruchsgeistes. Die Gespräche mit Hegel haben Goe the lebhaft berührt. Eckermann berichtet darüber; Goe the notiert seine Anteilnahme in das Tagebuch; er schreibt am 14. November 1827 an Knebel, wie ihm jetzt im mündlichen Gespräch viel stärker als nach Hegels Wer- 441 20. Nahe Vergangenheit Wir sind erfreut über die Redlichkeit des Germanisten, die diese Klärung zumindest versucht. Aus dem Fakt der hier erwähnten »Auslassung« durch die Philosophen lässt sich die Konsequenz ziehen, an etwas zu erinnern, das wir nicht vergessen dürfen. Alle Intellektuellen sind, gerade auf dem ihnen so vertrauten Gebiet des Intellekts, Schlawiner, manchmal Betrüger oder Ganoven. Wie eine Spinne sitzen sie in den Abend- und Nachtstunden still und grübelnd im Dunkeln und weben ihr Netz. Entscheidend ist, dass man nicht wie eine Fliege hinein fliegt und sich tödlich verheddert, dass man auch nicht mit einem kleinen Funken das ganze Netz in Flammen aufgehen lässt. Vielmehr muss man es erkennen als das was es ist: Ein kunstvolles, diffiziles Gebilde, das trotz seiner Schönheit nur mit einigen wenigen kleinen dünnen Fäden an der Decke befestigt ist. »Die Eule der Minerva beginnt – so der späte Hegel – leider erst bei einbrechender Dämmerung ihren Flug. Die Philosophie hätte also gar nicht umzudenken und einzugedenken, um zu verändern – das sagt der späte Hegel, der nachher noch einmal die Französische Revolution trotzdem so gepriesen hat.«1033 Dies formulierte Bloch, doch lassen wir, es soll keine Wertung sein, Lukács das Schlusswort: »Wir sind so lange jung, wie die Zukunft die Vergangenheit und die Gegenwart beleuchtet, erklärt, gestaltbar macht; das Altern äußert sich vor allem im ausschließlichen ideologischen und dichterischen Bestimmtsein der Gegenwartsfragen aus den Fragen einer oft weit zurückliegenden Vergangenheit.«1034 ken bewusst geworden sei, ‚dass wir in den Grundgedanken und Gesinnungen mit ihm übereinstimmen, und man also in beiderseitigem Entwickeln und Aufschließen sich gar wohl annähern und vereinigen könne‘. Auch Hegel berichtet seiner Frau nach Berlin voller Beglückung über die enge geistige Gemeinschaft, die diesmal hergestellt wurde.« Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 182f. 1033 Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 394f. 1034 Lukács: Gruß an Arnold Zweig, S. 18.

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.