19. Wertungen des Ursprungs in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 418 - 429

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-418

Tectum, Baden-Baden
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418 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und ihrer Philosophie fast schon als eine Art Schlüssel, mit dessen Hilfe die bürgerliche Kultur, Literatur und Philosophie des vormarxistischen Jahrhunderts aufgeschlossen und erschlossen werden könne. Auf eine Wiedergabe der verschiedenen Positionen von Politikern, Staatsführung und Partei zur Erbe-Frage, Erbe-Politik, kann (und muss aus Platzgründen) hier verzichtet werden – die vorwiegend kritiklosen Apologien sind hinreichend bekannt. Mit den Ausführungen zu Becher haben wir das Interessanteste aus diesem Themenkreis erschlossen. Eine Rolle, die mit der von Goe the und Hegel vergleichbar ist, wurde nur noch Heinrich Heine zugesprochen. Dem Dichter, dem Marx-Freund Heine. Die hier versammelten Autoren haben sich zu Heine geäußert und diesen ebenfalls viel Anerkennung gezollt. Es war, wieder einmal, Harich, der nicht nur »Größe«, sondern auch die »Grenzen« von Heine benannte. Aber diese Geschichte ist hier nicht zu schreiben, einige Hinweise haben wir gegeben. Wo in vorgegebenen Bahnen gedacht wird, da hat die Ideologie keine Zeit für einen Mittagsschlaf. Sie ist also zurück, die Ideologie, durchaus ein bisschen müde, was man ihr anmerkt, denn sie hat die Intelligenz früherer Jahre verloren, ist nicht mehr schlagfertig, sondern nur noch dumm. (Man könnte an dieser Stelle beispielsweise auf die unsäglichen Bücher von Stefan Wolle verweisen, die, staatlich gewünscht und protegiert über die Bundeszentrale für politische Bildung – das klingt selbstverständlich rein zufällig wie ein DDR-Ausdruck – Verbreitung und Deutungsmacht gewinnen. Es wäre mir aber unangenehm, diese Publikationen in der Literaturliste zu nennen.) Geschichte und Philosophie sind unsere Aufgabe – und doch stehen wir mitten in den erneuten ideologischen Kämpfen unserer Zeit. Wer meint, die Geschichte der Goe the-Verfälschungen sei abgeschlossen, der irrt. Aus den ganzen Konvoluten der neueren Bücher, in denen die Ideologie ihre Rückkehr zelebrierte, staatlich gefördert, erneut, ist exemplarisch eine Publikation, zugegebenermaßen gehört sie zu den plumpesten, hier zu erwähnen. Im Oktober 1998 veranstaltete die Stiftung Weimarer Klassik eine Tagung, deren Beiträge 2000 unter dem Titel Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht in Druckform erschienen. Kurze Zeit später folgte 419 19. Wertungen des Ursprungs noch der Fortsetzungsband Weimarer Klassik in der Ä ra Honecker.978 In ihrer Einleitung setzten die Herausgeber Lothar Ehrlich, Gunther Mai und Ingeborg Cleve die Paradigmen ihrer »Aufarbeitung« fest. Bereits die Sprache offenbart das Denken: Wir lesen vom »staatlich gelenkten Umgang«, »unkritischer Verehrung«, »Instrumentalisierung« (»kulturpolitisch« und »manipulativ«), »Unrecht« usw.979 All dies ist heute in weiten Kreisen üblich, so dass es reicht, hier den Fakt zu konstatieren, der Kommentar und die Analyse erübrigen sich. Die Weimarer gehen aber über dieses Bedingungsgefüge weit hinaus. Bei ihnen ist zu lesen: »Denn zu keiner Zeit wurde in der deutschen Geschichte so zielstrebig und umfassend versucht, auf der Basis einer allgemein verbindlichen Theorie, die Weimarer Klassik für ideologische und kulturelle Zwecke zu verwerten wie in dieser Erziehungsdiktatur.«980 Nicht vom Faschismus ist hier die Rede, sondern – natürlich – von der SBZ/DDR. Die »roten Nazis« sind, so erklärt uns die Stiftung Weimarer Klassik, ihren braunen Brüdern meilenweit voraus. Fast schon grundlegenden Charakter für das gesamte Projekt und einige der edierten Aufsätze hat die überaus gefährliche Floskel vom »antifaschistischen Gründungsmythos«.981 Denn natürlich war der Antifaschismus in der DDR ein Stück weit, wie ihm auch vorgeworfen wird, von »oben« verordnet (ein Stück jedoch sicherlich auch von »unten« getragen und gewünscht), aber ganz sicher war er kein Mythos, sondern Realität, der vielleicht wichtigste Bestandteil des politischen, gesellschaftlichen, und kulturellen Gründungskonsenses des kleineren deutschen Staates.982 Damit ist entgegnet, was zu sagen ist. Abgeschwächt kehrt diese Formel etwa bei Gerd Dietrich wieder, der »die Berufung auf die deutsche Klassik« zu den »Gründungs- und Orientierungsmythen der DDR« zählt.983 978 Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht. Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Honecker. 979 Ebd., u. a. S. 8, 12, 21f.. Siehe: Hamm: Wie ein Projekt die Weimarer Klassik in der DDR wissenschaftlich »aufarbeitet«, S. 14. 980 Ehrlich/Mai/Cleve: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, S. 8. 981 Ebd. 982 Siehe hierzu: Wirth: Über die intellektuelle Vorgeschichte der DDR, S. 305-326. Bogisch: Nachdenken über deutsche Geschichte, S. 123-134. Karl: Die DDR, S. 135-150. 983 Dietrich: »Die Goe thepächter«, S. 151. 420 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge (Auch das war natürlich Realität, nicht Mythos, unser Buch berichtet ja davon. Aber wo kämen wir hin, wenn sich Germanisten bei Begriffen aufhalten würden.) Dort heißt es weiter: »‚Antifaschismus‘ – als moralischer Impuls – trieb die in Schuldgefühlen befangenen jungen Deutschen in die Arme jener antifaschistischen ‚Helden‘, die sie selbst nicht gewesen waren. Der antifaschistische Konsens (hier also nicht Mythos, AH), eingeschlossen die Berufung auf das klassische Erbe, firmierte als das verlockende Angebot, von der Seite der Verlierer auf die Seite der ‚Sieger‘ der Geschichte zu wechseln.«984 Für die späten vierziger Jahren stellt der Autor fest – als habe es nichts Wichtigeres zu tun gegeben: »Mit Lessings Nathan eröffneten das deutsche Theater in Berlin und viele Bühnen in der SBZ ihre Nachkriegsspielzeit. Das Bekenntnis zu Toleranz und Humanismus sollte die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Theaterbesucher anrühren.«985 Ein Robert-Havemann-Zitat – es wächst zusammen, was zusammen gehört – rundet das Ganze dann ab. Leonore Krenzlin hat aufgezeigt, wie Dietrich unüberprüft falsche Zitate verwendet, so beispielsweise das Ulbricht-Zitat zum angeblichen Faust III.986 Die Berliner Theaterbühnen des Westens eröffneten übrigens mit Schiller und Shakespeare, Harich hat darüber als Theaterkritiker in der Täglichen Rundschau berichtet. Und, es sei ergänzt, die Theater Ost-Berlins gehörten teilweise westdeutschen Lizenz- und Geldgebern. Was ja bedeuten würde, dass beispielsweise Gustav Gründgens für die schlimmsten Entwicklungen in der DDR mitverantwortlich ist. Dem Mitherausgeber Gunther Mai kam die Aufgabe zu, das ganze Konstrukt politisch zu unterfüttern – er tat dies mit der These, dass es von 1945-1952 eine »antifaschistisch-demokratische Phase« gegeben habe (in der Einleitung verwendete er noch den Topos der »Erziehungsdiktatur«), die später in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.987 Das Gegenteil einer »antifaschistisch-demokratische Phase« kann nur eine demokratisch-antifaschistische Phase sein oder eine antidemokratisch-faschistische Phase. Der Leser mag entscheiden, was Mai meint. 984 Dietrich: »Die Goe thepächter«, S. 155f. 985 Ebd., S. 162. 986 Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 987 Mai: Staatsgründungsprozess, S. 36. 421 19. Wertungen des Ursprungs Seinen Höhepunkt erreicht der Band dann mit dem Beitrag Buchenwald wird in die DDR eingemeindet von Rikola-Gunnar Lüttgenau. Die Ausgangsfrage lautet: »Wie war es möglich, das Irritationspotenzial Buchenwalds so souverän zu überspielen?«988 Die in den vorangegangenen Aufsätzen kritisierte »Annektion« der deutschen Klassik durch die DDR sollte Lüttgenau zu Folge dazu dienen, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu unterbinden, unmöglich zu machen. Das ist so absurd, dass man gar nicht weiß, was man darauf erwidern soll. (Jedes Schulkind der DDR besuchte Buchenwald, sprach mit Antifaschisten etc. Aber das sind ja deshalb keine Gegenargumente, da dies staatlich verordnet war.) Vielleicht kann hier der Hinweis genügen, dass Lüttgenau in dem Band keine Außenseiterposition bezieht, sondern bereits vorhandene Tendenzen aufgreift und radikalisiert. So ist beispielsweise in dem ansonsten ausgewogenen Aufsatz von Karl Robert Mandelkow, ohne irgendeinen Nachweis, zu lesen: »Für die DDR-Germanistik existierte das Problem einer NS-Vergangenheit offiziell nicht. Durch die Antifaschismus-Verordnung der SED war sie von jedem Schuldzusammenhang freigesprochen und bezog aus diesem Freispruch ihren ideologischen Führungsanspruch gegenüber der Bundesrepublik. Die westdeutsche Germanistik dagegen musste sich diesem problematischen Erbe stellen und übernahm stellvertretend die schwierige Aufgabe einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Gesamtgeschichte.«989 Das Gegenteil dieser Position war die Arbeitsgrundlage der herausragenden Heine-Edition, die Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke (Heine und die Nachwelt) veranstalteten. Wir sind geneigt, diesem, wissenschaftlich fruchtbaren, Ansatz zuzustimmen. Beweise für seine »These« kann Lüttgenau natürlich nicht beibringen. Erinnert sei nur daran, dass ja alle (!) hier behandelten Theoretiker sich mit der bürgerlichen, der westdeutschen Germanistik auseinandersetzten, am intensivsten Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte) und Georg Lukács. Und dabei, auch dies wurde und wird ihnen ja regelmäßig zum Vorwurf gemacht, sahen sie die faschistischen Verfälschungen, das Überleben faschistischer Thesen und Tendenzen in den Westzonen, forderten 988 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 360. 989 Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 149. 422 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge immer wieder die Auseinandersetzung mit den universitären Traditionen. Werner Krauss und Hans Mayer, um nur zwei Literaturwissenschaftler der DDR zu nennen, wären der These nach also in die SBZ/DDR übergesiedelt, um sich nicht, wie ihre westdeutschen Kollegen, mit dem Faschismus auseinandersetzen zu müssen. Aber darüber haben Mandelkow und Lüttgenau bestimmt nicht allzu intensiv nachgedacht, es sei ihnen verziehen, die Kommunistenjagd beansprucht sie genug. Johannes R. Becher hatte, wie gesehen mit viel Pathos, in seiner Rede zum Schiller-Jubiläum 1955 gesagt. »Und wiederum, in der Herrschaft des Hitlerfaschismus, wurde mit allem Großen und Edlen, dass die deutsche Nation hervorbrachte, auch das Andenken Schillers in Blut und Kot getreten, indem die deutsche Kunstperiode, unsere ruhmreiche Klassik, vor aller Welt geschändet wurde durch Verbrechen, die so fluchwürdig waren, als wären sie die Zerstörung unserer humanistischen klassischen Gedenkstätten selbst. Das klassische Bildungsideal, wie es Goe the und Schiller gelehrt und gestaltet hatten, wurde der Barbarei überantwortet. Bei der Bücherverbrennung an jenem 10. Mai 1933 wurde mit der modernen freiheitlichen Literatur auch das wahre Erbe Goe thes und Schillers ausgelöscht, und nur dasjenige durfte überleben, was befehlsgemäß, zweckentsprechend zu entstellen und zu verfälschen war. Und in unmittelbarer Nähe zu Weimar entstand Buchenwald.«990 Es bleibt für Lüttgenau der pure Zynismus, gepaart mit einer Sprache, die der Thematik nicht angemessen ist. Die Rede ist von: »Die Geschichte des KZ verkam dann zum Lehrstück für Arbeitsdisziplin«, »höhere Produktionszahlen zu Ehren der Toten«, es habe eine »Perfektionierung von Erinnerungsformen« gegeben, Buchenwald sei eine »‚Verpflichtungsstätte‘, in der heldenhafter Widerstand gepredigt und Anpassung eingefordert wurde« usw. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, alle Zitate stammen von einer einzigen Seite.991 Dazu muss der Zynismus, als letzte Bastion, 990 Becher: Denn er ist unser: F riedrich Schiller, S. 362f. Und weiter heißt es: »Wir haben der Sowjetunion zu danken auch dafür, dass sie in dieser Zeit unserer tiefsten nationalen Erniedrigung den deutschen Klassikern ein Asyl gewährte, eine Heimat für die Heimat, so wie sie all das Edle und Gute unseres Volkes schützend in sich aufnahm.« (Ebd., S. 363) 991 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 372. 423 19. Wertungen des Ursprungs auch noch die Beweis-Funktion übernehmen: »Das KZ galt als Keimzelle des neuen Staates und in dieser Perspektive konnten die Symbole Weimars und Buchenwalds nicht nur wie selbstverständlich nebeneinander dargestellt werden, sondern waren auch in der Lage, sich gegenseitig mit Bedeutung aufzuladen. Heute würde man so etwas wohl ‚Nutzung von Standortvorteilen für Synergieeffekte‘ nennen.«992 Mit diesen Sätzen endet der Band Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht. Die Wahrheit (ja, es gibt sie, und da müssen wir noch nicht einmal an Lenins »absolute Wahrheiten« erinnern) fehlt also, die Fakten wurden in den Keller gesperrt bzw. qua Evaluation aus dem Universitätsdienst entfernt. Das Schwierigste an diesen Passagen ist sicherlich, die richtige Wortwahl der Entgegnung zu finden, steht doch unser Versuch im Raum, hier ein wissenschaftliches, ein fundiertes Werk vorzulegen. Doch manchmal muss man zu Vokabeln greifen, die einen polemischen Unterton haben. Bei der Bewertung des Bandes der Weimarer reicht es nicht aus, einigen der Beiträge von neutraler Position aus die Wissenschaftlichkeit abzuerkennen, es muss deutlich von Geschichtsfälschung, Inhumanismus, Zynismus etc. gesprochen werden. Es gibt auch gute, positive wissenschaftliche Ansätze und Aufsätze in dem Band. Doch deren Funktion ist angesichts des Gesamtkonzeptes klar – sie wahren den Schein. Es ist keine Überraschung, dass dieses Konzept mehr als deutlich der Kritik ausgesetzt war. Hier ist ein kurzer Blick zu werfen auf eine Veranstaltung, die Thomas Höhle und andere am 30. November 2002 in Berlin durchführten und deren Beiträge in einer kleinen Broschüre gedruckt vorliegen.993 Ausgehend von der Feststellung, dass die »Erinnerungskultur« der beiden Weimarer Konferenzbände (die Veranstaltung thematisierte auch den Folgeband: Weimarer Klassik in der Ära Honecker)994 »ganz überwiegend nicht ganzheitlich, sondern einseitig prowestlich und antisozialistisch« sei, formulierten die Teilnehmer ihre Einwände – teils wissenschaftlich, teils biographisch motiviert.995 992 Lüttgenau: Buchenwald wird in die DDR eingemeindet, S. 373. 993 Mayer: Goe the in der DDR. 994 Ehrlich; Mai: Weimarer Klassik in der Ära Honecker. 995 Höhle: Goe the in der DDR, S. 5. 424 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Thomas Höhle hat sich in dem Einführungsreferat auch damit beschäftigt, wieso die Weimarer Bände eine eminent politisch-ideologische Funktion haben: »Das Thema Goe the in der DDR bzw. Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht und in der Ära Honecker erscheint zur Zerstörung wichtig und geeignet, weil man sich um Goe the in der DDR besonders bemüht hat unter einem riesigen Aufwand an geistigen und auch finanziellen Mitteln.«996 In der SBZ/DDR stand das Jahr 1949 ja tatsächlich im Zeichen Goe thes. In vielen Städten fanden Feiern und Vorträge statt, Ausstellungen, in Halle beispielsweise eine ganze Festspielwoche. Um das Gedenken an Goe the auch der Bevölkerung zu vermitteln, erschien im Berliner Aufbau-Verlag eine sechsbändige Jubiläumsausgabe, der sogenannte neue Volks-Goe the.997 Auch wenn die immer wieder auftauchende typische Verteidigungsthese, dass jedwede Entwicklung der DDR vor dem Hintergrund der internationalen Politik zu betrachten (gemeint ist: in ihren Fehlern zu entschuldigen) sei, auch bei Höhle grundlegend ist, so treffen seine Ausführungen dennoch ins Zentrum. Ganz einfach formuliert: Neben die Erforschung dessen, was alles schief gelaufen ist, sollte auch die Aufarbeitung von dem treten, was dem Anspruch nach wichtig war oder gar positive Auswirkungen hatte. »Die Sozialisten wollten seit Marx die gro- ßen geistigen Leistungen der Vergangenheit möglichst vielen Menschen, womöglich fast allen zugänglich machen. Das war eine große Konzeption und diesem Ziel dienten große Anstrengungen. Was gelungen ist, ist unerforscht. Die Absicht ist jedoch aller Ehren wert.«998 Diese Forderung steht freilich quer zu allen Trends der derzeitigen DDR-Forschung. Wobei Günter Hartung sogar die programmatische Definition der Weimarer Klassik durch die Herausgeber des Bandes Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht überaus negativ beurteilt – diese lasse »jedenfalls an Verschwommenheit, Bombast, sachlicher und sprachlicher Unschärfe alles bisher dazu Vorgelegte hinter sich«.999 996 Höhle: Goe the in der DDR, S. 6. 997 Hierzu: Martin: »Vom fortschrittlichen Interesse her«. 998 Höhle: Goe the in der DDR, S. 10. 999 Hartung: Was heißt Geschichte der Literaturgeschichte etc., S. 60. 425 19. Wertungen des Ursprungs Ähnlich äußerte sich, in einem zweiten Grundsatzreferat, Heinz Hamm. Dieser wendete sich vor allem gegen das, was er für die zwei grundlegenden Bedingungen/Paradigmen des Weimarer Ansatzes hielt. 1) »Das Projekt geht von der Voraussetzung aus, dass die DDR von Anfang bis Ende eine Diktatur war«, dass sich auch die Rezeption der Klassik nur erklären lasse, wenn die Bedingungen einer Diktatur berücksichtigt werden würden. 2) Dies ziehe dann fast zwangsläufig nach sich, dass jedwede Maßnahme der SED als »Instrumentalisierung« zu analysieren sei. Da die Aufsätze der Weimarer Bände eben dieses Bedingungsgefüge voraussetzen, würden sie ausschließlich Ideologie produzieren und so auch die richtungsweisenden Debatten und universitär-akademischen Projekte der DDR vernachlässigen. »Aber nicht ein einziges wissenschaftliches Werk dieser Forschung ist in diesem Projekt wirklich Gegenstand der Analyse. Das Projekt spricht von bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen, zeigt jedoch keinerlei Interesse, diese namhaft zu machen.«1000 Und Günter Hartung ergänzt: »Außer den Studien von Mandelkow und Krenzlin finde ich in den Tagungsbänden mit ihren insgesamt 700 Seiten nichts sonst, das für eine Aufarbeitung der DDR-Literaturwissenschaft und für die Forschung zur Klassik von Belang wäre.«1001 Diese Stellungnahmen abschließend ist noch kurz der Beitrag von Leonore Krenzlin, Faust im Produktionseinsatz?, zu erwähnen, nicht zuletzt, da Krenzlin an beiden Tagungen beteiligt war. Ihre These ist: »Es kann schon staunen machen, dass die offizielle DDR-Bemühung, Klassik und Arbeiterklasse unter einen Hut zu bekommen, auch noch im Nachhinein undifferenzierte Abwehr- und Abwertungsreaktionen auslöst.« Zudem betont sie, wie manche andere Kritiker, dass die Weimarer fast ausschließlich die Instrumentalisierung der Klassik thematisieren würden. Dies sei allerdings weder originell noch ein historisches Alleinstellungsmerkmal der DDR. »Doch als Besonderheit wäre der DDR immerhin gutzuschreiben, dass sie es – mit welch spärlichen oder deutlicheren Ergebnissen auch immer – wenigstens versucht hat, dieses Bildungsgut nicht nur an eine schmale Oberschicht, sondern auch an größere Gruppen der sozialen Un- 1000 Hamm: Wie ein Projekt etc., S. 15, 18, 20. 1001 Hartung: Was heißt Geschichte der Literaturgeschichte etc., S. 57. 426 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge terschichten zu vermitteln.« Ob es in der DDR auch bleibende Forschung gegeben habe, welche Ergebnisse diese erbrachte usw., spiele bedauerlicherweise bei der Analyse keinerlei Rolle.1002 Was von der Debatte bleibt, die Zeiten überdauert, sind vor allem die Peinlichkeiten. Die Herausgeber des Bandes Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht haben in ihrer Publikation (und auch in den anderen Bänden) zu viele inhaltliche Fehler zu verantworten, die positiven Tendenzen der DDR, die es ja auch gab, vollständig außen vor gelassen, etwa die gerade genannte Vermittlung der Bildung an sogenannte »bildungsferne Schichten«, verwenden in einer gewissen Naivität unreflektiert Begriffe, die politisch aufgeladen sind, verfolgen natürlich mit ihrer Arbeit ganz bestimmte (ideologische, politisch im Vorfeld gesetzte) Zwecke. Es war ein ideologischer Impuls, der die abwehrende Haltung der Protagonisten der untergegangenen DDR motivierte und auslöste, gestützt freilich durch die, nennen wir es ruhig bei seinem (freundlichsten) Namen, wissenschaftliche Schludrigkeit der Weimarer. Denn allzu viel Neues hatten die DDR-Professoren in ihrer Entgegnung nun auch wieder nicht vorzubringen, es überwiegen Erklärungen, Verteidigungen, sie reagieren mehr als zu agieren – was bedauerlich ist, da unter dieser Oberfläche echte Wissensbereicherungen durchscheinen. (Bei ihnen auch eher zu erwarten als in der Stiftung Weimarer Klassik.) Das zentrale Problem ist sicherlich, dass die Weimarer einfach nicht bemerken oder es nicht wahr haben wollen oder es bewusst in Kauf nehmen, dass sie mit ihren Arbeiten, genau so wie diese sind und von Anfang an, ihrerseits als Ideologieproduzenten erster Güte fungieren. (Kontrolleure sind nicht mehr Hager oder Ulbricht, sondern Pfarrer Eppelmann oder die BStU. Den neuen Manfred Buhr wissen sie aber schon längst in ihrer Mitte.) Wer über das bisher Gesagte hinaus weiter lesen möchte, kann dies tun. Denn es gibt auch gute, beeindruckende Schriften zu unserer Thematik. 1002 Krenzlin: Faust im P roduktionseinsatz?, S. 49. Weiter heißt es: »Doch manche Aufsätze des Bandes über die Weimarer Klassik in der Ä ra Ulbricht kommen in diesem Punkt über den Horizont Walter Ulbrichts auch nicht so recht hinaus. Die Frage, ob man in der DDR der Klassik noch etwas anderes abgewinnen konnte als legitimatorische Deklamationen, wird in vielen Beiträgen gar nicht erst gestellt, geschweige denn beantwortet.« (Ebd., S. 50) 427 19. Wertungen des Ursprungs Neben den genannten Erinnerungswerken von Hans Mayer sind zuvorderst zwei zentrale Monographien des Rückblicks von Werner Mittenzwei zu nennen: Die Intellektuellen und Zwielicht. Zwei etwas ältere Bücher geben fundierte Auskunft über Goe the und Hegel und die Interpretation ihres Verhältnisses aus marxistischer Sicht: Rüdiger Scholz’ Goe thes Faust in der wissenschaftlichen I nterpretation von Schelling und H egel bis heute und Rüdiger Bubners Hegel und Goe the. Wer auf wissenschaftliche Entdeckungsreise gehen will, dem seien die Dissertationen von Henrik Fronzek, Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945-1965, und Jens Saadhoff, Germanistik in der DDR. L iteraturwissenschaft zwischen »gesellschaftlichem Auftrag« und disziplinärer Eigenlogik, empfohlen, die beide eine beachtenswerte Material- und Quellenbasis aufarbeiten. Ab 1945 gingen die Marxisten in der SBZ/DDR daran, den ganzen Schutt, der auf dem humanistischen Erbe lag, bei Seite zu räumen, um auf diese Weise an die positiven und progressiven Bestrebungen der Vergangenheit anknüpfen zu können. Heute rollen die Schubkarren wieder, aber diese transportieren das Geröll nicht mehr ab, sondern bringen ständig neues und schleppen auch das alte wieder herbei. Die Weimarer assistieren dabei, mit Besen und Kehrschaufel und Staubsauger, damit kein Krümel verlorengeht. Alexander Dymschitz, der Leiter der Kulturabteilung der SMAD sagte im Oktober 1946: »Wir wollten die große deutsche Kultur, die Kunst eines Goe the, Beethoven, Schiller und Heine befreien vom Missbrauch und den Fälschungen der braunen Banditen. Und wir haben sie befreit! (…) Und gerade weil wir wussten, dass auch innerhalb Deutschlands die deutsche Kultur noch atmete, ließen wir uns von den Trümmern nicht täuschen, sondern gingen daran, gleichsam wie ‚Archäologen‘ diese Kunst wieder auszugraben .«1003 Nur für eine kurze Zeit gelang dieses ehrgeizige Werk. Eine letzte Anmerkung noch: Wieso ist es eigentlich so schwer, so unmöglich, den Protagonisten der späten vierziger und fünfziger Jahre zu glauben, dass sie das, was sie taten, tatsächlich Ernst meinten. (Mit den Verbrechen der DDR hat dies ja erst einmal nichts zu tun.) Wenn die russischen Kulturoffiziere an den Gräbern von Goe the und Schiller und 1003 Zit. bei: Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 61. 428 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Hegel weinten, warum sollten sie dabei bereits im Hinterkopf die Mauer geplant haben? Es passt wahrscheinlich einfach nicht in unser Weltbild, in das, was wir haben sollen, dass die Kulturoffiziere wirklich an »das Gute« im deutschen Menschen, in der deutschen Kultur und in der deutschen Gesellschaft glaubten – und das nach millionenfachem Mord an ihrem Volk. Dass sie nicht eine gleichsam genetische Veranlagung zum »Bösen« annahmen, sondern im Gegenteil davon ausgingen, dass unsere Gesellschaft wirklich gebessert werden könne – durch die Anknüpfung an die humanistischen Traditionen der Vergangenheit, durch die Aufhebung des bürgerlichen Bildungsprivilegs, durch die Emanzipation aller Menschen, durch die Hoffnung auf die Zukunft. Doch solche Thesen sind unerwünscht. 429 20. Nahe Vergangenheit »Geschlagen ziehen wir nach Haus, Unsre Enkel fechten‘s besser aus.« Das Lied der revolutionären Bauern nach ihrer Niederlage, 1525, in Frankenhausen. Eigentlich sind wir am Ende angelangt, haben das Thema abgeschlossen. Doch einige Ergänzungen, Anmerkungen sind noch zu geben, sollen nicht unberücksichtigt bleiben. Es war schon die Rede davon, mit welchem Engagement sich Harich in den letzten Jahren der DDR für Lukács und für eine vernünftige, humanistische, sozialistische Erbe-Politik einsetzte. Doch er stand, wie der Volksmund formuliert, allein auf weiter Flur. Die Umbrüche und Einschnitte des Jahres 1956 hatten unsere Protagonisten in die innere und äußere Emigration oder gar ins Gefängnis getrieben, sie waren verteilt über Europa, durch Grenzen und Mauern getrennt. Die Todestage nahmen zu, die Geburtstage verringerten sich. Was von ihnen selbst geblieben ist, dazu soll hier keine generalisierende Aussagen gemacht werden, jeder, der lesen kann, tue dies. Ein kleines Beispiel können wir aber geben – für eine Wirkung, der sich kaum einer bewusst ist: Im Aufbau-Verlag entwarf Harich 1955 den Plan einer großen und umfassenden Goe the-Ausgabe – 24 Bände zwischen 1956 und 1959, danach 11 weitere Ergänzungsbände. Diese Ausgabe sollte den Erbantritt quasi auch materiell greifbar machen, einen »sozialistischen Goe the« für sozialistische Leser präsentieren. »Harich hatte für dieses Unternehmen

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.