18. Das einsame Arbeitszimmer –Wolfgang Harich und das Erbe in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 396 - 417

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-396

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
396 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge schließlich folgte Kommunismus ohne Wachstum. Beide Bücher erschienen im Westen. Aus literaturgeschichtlicher und philosophiehistorischer Perspektive ist jedoch ein ganz anderes Arbeitsfeld Harichs bedeutsam – seine groß angelegte Vermessung Jean Pauls. Auch dies war, im eigentlichen Sinne des Wortes, Rückkehr zu den Ursprüngen. (Bereits Harichs Vater hatte zu Jean Paul gearbeitet.) Denn wenn der Name Jean Paul fällt, dann ist im zweiten Satz sofort Herder zu erwähnen (über den Harich promoviert hatte), Weimar und Jena sind die geographischen Bezugspunkte, Goe the der vielleicht wichtigste Zeitgenosse. So überrascht es nicht, dass die Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung ein eigenes großes Goethe-Kapitel enthalten sollte. Als Harich sein Manuskript an den Akademie-Verlag schickte, war das Buch vollständig, im Verlag ging das Goe the- Kapitel dann »verloren«. Die Stasi erledigte nach wie vor ihre Arbeit. Der Text ist bis heute verschollen, das Rumpf-Buch erschien in Ost und West. In Jean Pauls Revolutionsdichtung steckt aber auch so genug Goe the, um Harichs Anschauungen nachzuvollziehen. Allein, wir erklären uns hier außer Stande, diese Arbeit zu leisten. Denn das Buch ist bis zum Bersten gefüllt mit Material, Interpretation, Analyse, so dass es sich der Zusammenfassung auf einigen Seiten schlichtweg querstellt. Der Leser muss selber lesen. Entdecken wird er dabei auch die Auseinandersetzung Harichs mit Lukács, dem Freund und Diskussionspartner, nicht aber der bedingungslosen Autorität.932 Es ist wichtig, das zu erwähnen, da Harich diese vermeintliche Lukács-Hörigkeit ja des Öfteren vorgeworfen wurde. Doch es ist noch nicht an der Zeit, uns von Harich zu verabschieden. Denn wenn wir bei seinem Denken verweilen, dann können wir unsere Reise durch die DDR abschließen – ein Weg, der vom Goe the-Jubiläum 1949 bis zur Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre führt. Der Aufbruch in 932 So lauten die Schlusssätze des Buches: »Sie (die Analyse der drei heroischen Romane Jean Pauls, AH) fußt auf dem Bild der klassischen deutschen Literatur, das Mehring und Lukács geschaffen haben, und ist beiden zu großem Dank verpflichtet. Aber sie will dieses Bild berichtigen und ergänzen an dem Punkt, wo es, bis heute zum Schaden des Traditionsbewusstseins der Linken, seine bedauerlichste Lücke aufweist.« Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung, S. 556. 397 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe eine bessere Zukunft mit Goe the, Ende und Zusammenbruch mit Nietzsche. Diese Kodierung spricht Bände. Man kann es drehen und wenden wie man will – ein Problem lässt sich immer finden. Da sich die intellektuellen und politischen Eliten der SBZ/DDR 1949 offensiv und deutlich zum großen humanistischen Erbe von Goe the bekannten, wird ihnen heute vorgeworfen, dass es natürlich nur um Instrumentalisierungen ging, darum, den »antifaschistischen Gründungsmythos« irgendwie zu untermauern.933 Dass man eigentlich statt Mythos Realität sagen müsste – das ist dann irrelevant angesichts der vermeintlichen staatlichen Vereinnahmung, die jedwede Diskussion unterdrückt habe. Die Kehrseite gibt es natürlich auch. Denn das Bekenntnis zu Goe the ging etwa einher mit einer Ablehnung der »barbarischen Irrlehre«934 von Nietzsche, wobei auch hier sofort der Vorwurf zur Hand ist: Wie konnte man nur, wiederum staatlich gelenkt, derart ausgrenzen. Man dürfe Nietzsche nicht nur »politisch lesen« usw. Legt man diese drei, fast beliebig ausgewählten Vorwürfe zusammen, so kommt man zu der These: Die keinesfalls antifaschistische (denn es war ja nur ein Mythos) DDR hätte statt Goe the auf jeden Fall Nietzsche feiern müssen. Lachen verbietet sich – das ist von den entsprechenden Personen durchaus ernst gemeint.935 Dem positiven Erbantritt korrespondierte natürlich auch eine Durchleuchtung der Vergangenheit unter Suche nach jenen Tendenzen, die die deutsche Katastrophe vorbereitet, ermöglicht hatten. Es war nicht nur zu diskutieren, wen der Marxismus in seine Ahnengalerie aufnehmen wollte, sondern auch, wer dort auf keinen Fall hineingehörte, da er Faschismus, Krieg, Rassismus, Imperialismus etc. ermöglicht, vorbereitet, gar legitimiert hatte. Eben diesem Unterfangen diente ja mehr als nur charakteristischer Art nach Paul Rillas Goe the in der Literaturgeschichte. Später dann 933 Diese These findet sich immer wieder, zuletzt bei: Ehrlich/Mai/Cleve: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, S. 7-32. Wir kommen auf das Buch zurück. 934 Harich: Rezension zu Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 41. 935 Dieses Kapitel ist in Teilen eine überarbeitete Version eines Vortrags von 2016. Ein erster Abdruck in der Broschüre: Heyer: Die Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahre, S. 21-34. Dort auch ein Brief Harichs an Walter Grab zur Erbe-Diskussion: Harich: Brief an Walter Grab vom 25. September 1988, S. 55-58. 398 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge in aller Breite Lukács’ Zerstörung der Vernunft. Alle unsere Protagonisten waren geeint durch die Auseinandersetzung mit den bürgerlichen bis faschistischen Verfälschungen des klassischen Erbes  – von Goe the und Hegel bis zu den großen humanistischen Entwürfen des 18. und auch 19. Jahrhunderts. Harich hat dies beispielsweise in seinen Editionsleistungen zu Rudolf Haym explizit ausgeführt.936 Auch wenn es in diesem Kapitel um die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre sowie die Rolle Wolfgang Harichs geht, so ist doch ein ganz kurzer Blick in die Geschichte zu werfen und explizit daran zu erinnern, dass die umfassende Kritik, die in der DDR an Nietzsche geübt wurde, nicht eine jener puren Bösartigkeiten der SED war, zu denen sie so neigte, sondern sich auf einen breiten Konsens stützen konnte, der vor allem die zweite Hälfte der vierziger und die fünfziger Jahre geprägt hatte. Kann man es den politisch, gesellschaftlich und kulturell Handelnden der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verdenken, dass sie ihren Versuch, Krieg und Faschismus für immer von deutschem Boden fernzuhalten, ohne die Philosophie von Nietzsche, ohne Carl Schmitt, Hans Freyer und Ernst Jünger angingen? Natürlich sind alle diese Personen und ihre Theorien differenzierter zu bewerten als dies in der SBZ und der DDR geschah. Doch dass man im sozialistischen Teil Deutschlands lieber Heinrich und Thomas Mann und Goe the rezipierte als Houston Stewart Chamberlain liegt in der Sache selbst begründet. Wer die Dokumente und Materialien des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses aufmerksam liest, der kann diesen Bezug auf das humanistische Erbe der Vergangenheit gut erkennen – ebenso die von Amerika ausgehenden Versuche der Zerstörung dieses Ansatzes gesamtdeutscher kultureller Besinnung und Bestimmung.937 Die Abrechnung mit jenen Tendenzen der Vergangenheit, die dabei geholfen hatten, den Faschismus in Deutschland vorzubereiten, stand neben anderen Dingen im Mittelpunkt des Interesses – von Paul Rillas 936 Siehe exemplarisch: Haym: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken. Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch. 937 Reinhold/Schlenstedt/Tanneberger: Erster Deutscher Schriftstellerkongress. Darin beispielsweise die Rede von Melvin J. Lasky. Aufgearbeitet bei: Heyer: Die ersten Schriftstellerkongresse in der DDR, 1947-1952, S. 85-124. Siehe zudem die entsprechenden Ausführungen von Werner Mittenzwei und Hans Mayer. 399 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Goe the in der L iteraturgeschichte über Hans Mayers Unendliche Kette bis zu Georg Lukács’ Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur. (Wir sind diesen Autoren und ihren Werken auf den zurückliegenden Seiten gefolgt.) Ob man zur Aufarbeitung der Vergangenheit wirklich den alles zertrümmernden und doch säuberlich scheidenden Dampfhammer von Lukács benötigt, das muss jeder für sich selbst entscheiden, einen Hammer braucht man aber auf jeden Fall. Harich, um den es auf den folgenden Seiten vor allem geht, hat die gerade angetippte Situation wie folgt beschrieben  – in einem Brief an den Leiter des Akademieverlages vom 26. Juli 1982: »Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger in Neuruppin einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des Bayreuther Bundes an, dessen dortige Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Oswald Spengler ein. Das spielte sich ab vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkriegs. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es vor allem deswegen immer wieder, weil die Menschen nicht genügend Phantasie hätten, sich vorzustellen, was ein Krieg ist. Damit ich davon eine realistische, illusionslose Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Barbusse, Gläser, Remarque, Renn, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Einfluss dieser Lektüre lernte ich den gleichzeitig genossenen Nietzsche nachhaltig und von Grund auf verabscheuen. Auch später hat er mich nie interessiert, geschweige denn irgend einen Einfluss auf mich ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültige und abschließend Zutreffende, was über Nietzsche gesagt werden kann. (Jetzt kommt der entscheidende Satz, AH.) An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest.«938 938 Harich: Brief über Nietzsche, S. 275f. 400 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge In einigen Arbeiten und Studien zu Harich wird gefragt, inwieweit seine autobiographischen Äußerungen zutreffend sind. Dies führt teilweise soweit, dass Forscher, die eigentlich nicht durch Arbeiten zur DDR-Philosophie der akademischen Öffentlichkeit bekannt sind, Mutmaßungen anstellen über »Schlüsselerlebnisse«, »Umbrüche« etc., die Harich geprägt hätten und dafür verantwortlich wären, dass er Nietzsche ablehne, obwohl er biographisch sowie auf Grund seiner Sozialisation (oder weil er einen bestimmten Lehrer gehabt habe oder aus Neuruppin komme) eigentlich Nietzsche-freundlich sein müsse. Derartige Kaffeesatzleserei markiert das Ende der Wissenschaft – und gebärdet sich natürlich Nietzsche-freundlich. Ein Beispiel derartiger »Lehrer-Psychologie« liefert der Beitrag von Matthias Steinbach, der zwar außer diesem einen Text noch nie eine Zeile zur DDR publiziert hat, sich aber dem laut vorgetragenen Selbst-Anspruch nach besser auskennt als jeder Experte.939 In der Diskussion zu seinem einen Beitrag führte er dann aus: »Harich ist, das ist meine feste Überzeugung, durch den Neuruppiner Einfluss, den Lesezirkel, ein begeisterter Leser und Kenner Nietzsches geworden, und zwar nicht ex negativo von Anfang an, sondern positiv.«940 Das ist nun das genaue Gegenteil von dem, was Harich gesagt hatte. Den Grund dafür liefert Steinbach mit: »Harich ist übrigens ein wunderbarer Schwindler und Lügner. Der lügt sich alles zurecht im Ahnenpass.«941 Woher Steinbach das alles weiß? Man weiß es nicht. In einem Archiv habe ich ihn nie getroffen. Aber er kennt Harich besser als dieser sich selbst, wie gesehen sogar die frühesten Kindheitserlebnisse. 1996 konnten Manfred Riedel und Gunnar Decker mit einigem Goldgräberpathos verkünden, dass es einen von ihnen »gefundenen« Text Harichs gebe, der, im Februar 1956 im Kurier publiziert (Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts), nicht dessen Nietzsche-Kritik, sondern ein überaus positives Nietzsche-Bild transportiere.942 Nun war a) dieser Fund beileibe keine Sensation und b) ist sicherlich jedem das Recht auf intellektuelle Entwicklung zuzusprechen, auch Wolfgang Harich. Für Riedel und De- 939 Steinbach: Der Donnerer hinter der Mauer, S. 5-20. 940 Mitschrift der Diskussion, S. 51. 941 Ebd. 942 Gemeint ist: Harich: Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts, S. 3f. 401 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe cker freilich stand außer Frage, dass von Entwicklung nur gesprochen werden könne, wenn diese bereits vorher festgelegte Ziele anvisiere. Anders formuliert: Aus Nietzsche-Kritik dürfe Nietzsche-Lob werden – der umgekehrte Prozess sei immer falsch.943 Und so überrascht es nicht, dass Riedel und Decker jene geistigen Emanzipationskämpfe Harichs, die ihn zu einem der bedeutendsten Marxisten des 20. Jahrhunderts werden ließen,944 mit weinenden Augen betrachten: »Drama eines Konvertiten, Folge unglücklicher historischer Wendungen – oder Posse, Narrenstück eines ewig Leichtfertigen, der mit mörderischem Ernst spielte? Ganz unvermeidlich stellt sich Melancholie ein angesichts der ausgebliebenen Blüte eines in den Anfängen so reichlich gesäten Geistes.«945 Im Nachlass von Wolfgang Harich befinden sich verschiedene Manuskripte, die Anfang der vierziger Jahre unter dem Einfluss von Nicolai Hartmann und Eduard Spranger an der Berliner Humboldt-Universität entstanden. Es sind die frühesten schriftlichen Studien Harichs. Verschiedene seiner späteren Kritikmuster klingen in diesen Manuskripten, u. a. in Einführung in die E rkenntnistheorie und Erlebnis und Bildung, bereits an. So findet sich eine, noch aus kulturell-wissenschaftlichen Motiven gespeiste Kritik an Nietzsche, Schopenhauer, Leibniz und an einigen mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Denkern. Das vermeintliche frühe Nietzsche-Bild Harichs, jenes aus dem Kurier, wird durch diese 943 Dies ist durchaus programmatisch zu sehen. Wenn man, wie der Autor dieser Zeilen, vorsichtig anfragt, ob denn nicht Nietzsche vielleicht doch jene Stimmung im deutschen Volk miterzeugt habe, die dann von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, so wird man als Harich-Apologet bezeichnet (es soll eine Beschimpfung sein) – als ob man nicht selbst darauf kommen könnte mit gesundem Menschenverstand. Diesem Vorwurf kann man nur entgehen, wenn man Nietzsche »verstehen möchte«, ihn nicht »nur politisch« liest etc., sondern ästhetisch, künstlerisch, in den Diskursen seiner Zeit. Diese Position bezeichnet dann das so genannte »freie Denken« – als ob dergleichen nicht schon hunderte Male geschwätzt wurde. Nachzulesen ist das Ganze in der Diskussion: Mitschrift der Diskussion, S. 35-54. 944 Hierzu: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, 1946-1956, S. 32- 63. Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. 945 Riedel/Decker: Weltenwechsel, S. 132. Noch subjektiver äußerte sich Riedel dann in seiner ausschließlich von Vorurteilen bestimmten und dadurch zutiefst unwissenschaftlichen Monographie Nietzsche in Weimar. 402 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Manuskriptfunde nicht bestätigt, ganz im Gegenteil. Der von Riedel und Decker neuedierte Text nimmt also eine Ausnahmestellung im Denken Harichs ein, bezeichnet keine Tendenz. Hinzu tritt die von Riedel und Decker völlig ignorierte Aussage Harichs, dass der Text eine Fälschung sei, nicht von ihm stamme. Sein Nachlass im Amsterdamer Internationalen Institut für Soziale Geschichte (IISG) bestätigt diese Aussage. Nicht zuletzt war es der einzige Artikel, der erst nachträglich, am nächsten Tag, in einer kleinen Notiz Harich zugeschrieben wurde, im Original aber ohne Namensnennung erschienen war. Schon vier Monate nach Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts leistete Harich (so er überhaupt der Autor ist) dann wieder eine deutliche Kritik an Nietzsche. In seinem Artikel über Ernst Jünger im Aufbau stehen 1946 Spengler und Nietzsche gleichberechtigt nebeneinander. Zusammen mit Spenglers Untergang des Abendlandes repräsentiere »Nietzsches Herrenmoral«946 den Kampf gegen die fortschrittlichen Kräfte. Jüngers Ästhetisierung des Krieges sowie die dieser Literatur entsprechende Politik sei durch Nietzsche ermöglicht worden. »Dafür lieferte Friedrich Nietzsches Lehre vom ‚Übermenschen‘ ihm (d. i. Jünger, AH) das ideologische Rüstzeug, mit dem er der Grausamkeit die strahlende, pathetische Weihe eines neuen, höheren Ethos gab. Was Nietzsche verkündet hatte, steigerte Jünger zu einem unverhüllten, brutalen Zynismus, der in einer Sprache von eherner Geformtheit doch faszinierend wirkte.«947 In den gerade angesprochenen frühesten Manuskripten Harichs sind die Erbteile der bürgerlichen Kulturauffassung in grundlegender Funktion enthalten. Die »klassischen« Werke bürgerlichen Denkens, gerade diejenigen, die die Weimarer Zeit prägten, sind in positiven Konnotationen präsent – von Weininger bis Spengler, von Heidegger (»mit seinem genialen Buch Sein und Zeit«948, wie es heißt) bis Jaspers. Man merkt den entsprechenden Passagen Harichs aber auch an, dass das verteilte Lob sich aus jenen Motiven speiste, die später seine Kritik eben dieser Werke stimulierten. Harich konnte, um es einfach zu formulieren, ohne radikale 946 Harich: Ernst Jünger und der Frieden, S. 557. 947 Ebd. 948 Harich: Einführung in die Erkenntnistheorie, S. 446. 403 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Brüche oder Kehrtwendungen von A nach B kommen – im Rahmen einer intellektuellen Entwicklung, die nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich war – vermittelt durch Lektüre von und Studien zu Lenin und Lukács. Unbedingt hervorzuheben ist außerdem ein weiterer Punkt. Gerade Erlebnis und Bildung transportiert in aller Deutlichkeit Harichs frühe Kritik am Nationalsozialismus. Selbst wenn es eine partielle Übernahme beispielsweise Heideggerscher Gedanken gab, so war doch für Harich die entscheidende Trennlinie zu den Tendenzen und den realen Entwicklungen der Kriegsjahre klar. Dem »Ja« zu Humanismus und Bildung korrespondierte das deutliche »Nein« zu Nationalsozialismus und Krieg. Dabei sah Harich zudem die tiefe Verwurzelung charakteristischer Merkmale der nationalsozialistischen Ideologie und Diktatur in der Gesellschaft. In einer Fußnote von Erlebnis und B ildung schrieb er (um 1942): »Es hat mich zutiefst erschreckt, als ich bemerken musste, dass die notwendigen soldatischen Verhaltensweisen im Felde einem bereits als Kind, verborgen im selbstgenügsamen Sport und in den dazugehörigen Spielen, beigebracht wurden, wie man auf den Krieg gedrillt wurde, ohne es zu ahnen. Das eben ist die tiefe Schuld unserer Erziehung, dass sie uns Kindern vormachte, wir würden für das Leben geschult, während sie uns systematisch zum Krieg und mithin zur Vernichtung des Lebens erzog! Das ist wohl vor dem Zweiten Weltkrieg in allen Ländern der Fall gewesen. Gerade die Erzieher, sowohl die ‚alten Knochen‘, als auch die jungen ‚Himmelsstürmer‘ hatten vom Ersten Weltkrieg noch nicht genug und fieberten auf den zweiten. Hinter ihrem Scheinpatriotismus verbarg sich die Wut über das Aufblühen einer neuen Jugend, ein Aufblühen, das ihnen selbst versagt geblieben war!«949 Und an anderer Stelle heißt es: »Vor allem pflegt der kollektiv gezüchtete politische Hass zu versiegen, wenn man sich reflektiv mit seinen Ursachen und seiner Berechtigung beschäftigt. Deshalb sind Nachdenken und Objektivität auch jenen politischen Führern so tief verdächtig, die den kollektiven Hass in den Gemütern ihre Gefolgsleute als politische Waffe und als seelischen Kraftquell militärischer Anstrengungen benötigen. Vor allem pflegt die heutige Führung in Deutschland dem deutschen 949 Harich: Erlebnis und Bildung, S. 600f. 404 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Volk vorzuwerfen, es sei viel zu human, viel zu objektiv und denke viel zu viel nach. Das sei gewissermaßen eine deutsche Nationalschwäche. Ich kann das nun eigentlich nicht finden, besonders wenn ich an den deutschen Antisemitismus denke! Jedoch hat die heutige deutsche Führung in dieser ihrer Auffassung einen klassischen Fürsprecher – in Heinrich von Kleist. Bekanntlich lässt Kleist Hermann in der Hermannsschlacht selbst die germanischen Dörfer niederbrennen, um dann die Nachricht verbreiten zu können, das seien die Römer gewesen. Hermann will durch dieses und durch viele andere Mittel seinen Germanen ihre humane Objektivität gewaltsam austreiben, und zwar in der Auffassung, dass diese die Kampfmoral schwäche. Wahrhaft gekämpft wird nur dann, wenn nicht nachgedacht wird. Die Ungebrochenheit des kämpferischen Mutes ist nur möglich auf dem Grund eines reflektionslos ausschließlichen Hasses.«950 Nach diesen wichtigen Anmerkungen zur Frühgeschichte des Denkens von Harich, das sich in seinen zentralen Aussagen ohne die Annahme von angeblichen Brüchen oder Zensuren in wichtigen Kontinuitätslinien bis hin zu seinem Spätwerk verankern lässt, auf der Basis der Skizzierung intellektueller Entwicklungsprozesse (siehe hierzu Harichs Anmerkungen in den Hartmann-Manuskripten), ist nun die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre zu rekonstruieren. Von 1979 bis 1981 war Harich in Österreich und der Bundesrepublik politisch und publizistisch aktiv – er widmete sich dort der ihm so wichtigen ökologischen Frage und entwickelte sein Konzept aus Kommunismus und Wachstum mit Blick auf die Ideen des Feminismus und der Rätedemokratie weiter.951 Während seines Aufenthaltes im Westen konnte er auch – viel besser und deutlich näher vor Ort als einige seiner späteren Kritiker – Anzeichen eruieren, die er dahingehend deutete, dass nicht nur in den bürgerlichen Schichten des Westens, sondern auch in linken Kreisen die Philosophie von Nietzsche wieder Gegenstand der Diskussion und Rezeption wurde. Nach seiner Rückkehr in die DDR war er dadurch 950 Harich: Erlebnis und Bildung, S. 579. 951 Die entsprechenden Schriften und Manuskripte liegen mittlerweile gesammelt vor. Harich: Ökologie, Frieden, Wachstumskritik. Siehe hierzu: Heyer: Die Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept, S. 569-670. Außerdem die Dissertation von Alexander Amberger: Bahro, Harich, Havemann. 405 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe für dieses Thema sensibilisiert und setzte sich frühzeitig dafür ein, dass Nietzsche nicht auch im sozialistischen Teil Deutschlands »salonfähig« werde. Den verschiedenen Bestrebungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Nietzsches Philosophie stand er von Anfang an kritisch und mahnend gegenüber (aber nicht vollständig ablehnend). Dabei ging es um verschiedene Punkte: Zuerst um die von Eike Midell geplante Nietzsche-Biographie, sodann um eine eventuelle Auswahl aus den Werken Nietzsches in einer DDR-Ausgabe, die auch durch Kommentare, Einleitungen, Stellungnahmen etc. dessen inhumanes Schaffen abbilden sollte, zudem um das von Stephan Hermlin verantwortete Deutsche Lesebuch, in das dieser Nietzsches Mistral-Gedicht aufgenommen hatte, schließlich um eine umfassende Kritik der Philosophie Nietzsches vom marxistischen Standpunkt aus. Und genau hier begannen die von Harich georteten Probleme: Denn eine explizite und intellektuell fundierte marxistische Kritik Nietzsches gab es ja bereits. Nicht nur an die Werke von Franz Mehring und Hans Günther ist dabei zu denken, sondern vor allem an die Ausführungen seines Weggefährten Georg Lukács – gebündelt und zusammengeführt in der Zerstörung der Vernunft. In den fünfziger Jahren hatte Harich mit Blick auf die Erbepflege der DDR mehrfach angemahnt, dass die unterschiedlichen Bereiche und Anknüpfungspunkte an die überlieferten Traditionen in einem intakten Verhältnis zueinander stehen müssen. Mit anderen Worten: Wenn beispielsweise Goe the oder Bach oder Heine intensiv im Sozialismus rezipiert würden, dann müssten ähnliche Bestrebungen auch Kant oder Hegel gelten. In den achtziger Jahren wandte Harich dieses Verfahren erneut an. Er verknüpfte dergestalt die Fälle Lukács und Nietzsche. Es war eine relativ einfache Frage, die er stellte: Warum beschäftige man sich mit Nietzsche, warum drucke man Nietzsche, wenn gleichzeitig das Werk und die Philosophie von Lukács nach wie vor unter dem Bannstrahl vergangener Zeiten stünden? (Auf Harichs Positionierung zu den leisen Rehabilitierungsversuchen durch Werner Mittenzwei und die entsprechenden Lukács-Editionen der späten DDR wurde bereits verwiesen.) Oder, mit Harich von der anderen Seite formuliert: Müsse man nicht zunächst mit der Rehabilitierung von Lukács beginnen, um überhaupt jenes Fundament zu schaffen, 406 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge auf dem man sich mit Nietzsche ernsthaft beschäftigen könne?952 (Dieses Argument wurde dann in seinem Beitrag in der Sinn und Form zentral.) Von offizieller Seite (Höpcke, Schirmer, Hager, Hahn etc.)953 wurden Harich immer wieder Versprechungen gemacht: Dass seine Stimme wichtig sei, dass er Gehör finde, dass er Teil der Debatte werde. Doch dies waren nur Ablenkungsmanöver, denn wo immer es ging, unternahm die Partei, assistiert von ihren philosophischen Schergen, alles, um Harich weiter zu isolieren, ihn mundtot zu machen, ihn aus jedweder Debatte und Öffentlichkeit herauszuhalten. Gerade das unwürdige Gezerre um seinen heute noch bekannten Lukács-Aufsatz zeigt deutlich an, welch falsches Spiel die Partei mit ihm trieb. Als Kommunist, als Marxist – der war Harich mehr als viele andere – versuchte er alles, um seinen Lukács-Aufsatz in irgendeiner Form in der DDR zu publizieren: Doch es half nichts, die SED jagte ihn erneut in den Westen. Obwohl Harich sich immer gesträubt hatte, erschien Mehr Respekt vor Lukács! in der Wiener Zeitschrift Aufrisse. Denn Respekt wollte die SED Lukács nicht zollen, trotz aller windschiefen und sich windenden Stellungnahmen der zurückliegenden Zeit. Und Harich hatte mehr als deutlich geschrieben, dass Lukács der Marxist sei, nicht seine Ächter. (In seinem Nachlass füllt der Briefwechsel um den Aufsatz mit Hager und Konsorten ganze Ordner – dort kann man all die Vertröstungen, falschen Versprechen, Lügen nachlesen, mit denen Harich in diesen Jahren von der Partei überzogen wurde.) Man muss diese Konstellation vor Augen haben, um Harichs Rolle und sein Engagement in der Nietzsche-Kontroverse richtig beurteilen zu können. Anders als üblicherweise zu lesen ist, ging es ihm am Anfang (in 952 Anne Harich hat die Erinnerungen an ihren Mann um diese »Leitfrage« aufgebaut und bietet wichtige Einblicke, Hinweise etc., die für die Forschung unverzichtbar sind. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. 953 Es ist mehr als nur merkwürdig, wenn man sich anschaut, wie diese Herren, abseits jeder Realität, heute in ihren Memoiren diese Dinge und Vorgänge schildern. Damit sind noch nicht einmal die Verfälschungen der Geschichte gemeint. Sondern etwa solche Unverschämtheiten wie die, dass etwa Höpcke, der am Überwachungssystem der DDR-Kultur und DDR-Wissenschaften maßgeblichen Anteil hat, Harich »schlechten Stil« vorwirft, nachdem er über Jahrzehnte jedwedes Verbrechen des Systems in seinem Teilbereich mittrug. Höpcke: In den Orkus mit ihm oder ins Bücherregal?, S. 161-177. 407 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe den frühen achtziger Jahren) vor allem darum, eine öffentliche Debatte über Nietzsche gerade zu vermeiden. Mehrfach verwies er darauf, dass, wenn er seine Meinung und Position öffentlich äußern würde (was die Partei und namentlich Schirmer und Höpcke mehrfach vorschlugen und zugleich »hintenherum« mit irgendwelchen Tricks etc. verhinderten), ein »Rummel«, »noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen vom Schlage eines Hermlin«, kaum zu vermeiden wäre.954 Ja, noch Ende der achtziger Jahre hielt Harich an dieser Einstellung fest. Um ein Beispiel zu nennen: Im November 1987 plante der Kulturbund der DDR, Abteilung Magdeburg, für das darauf folgende Jahr in der Reihe Wissenschaftliche Streitgespräche eine Diskussion zwischen Heinz Pepperle und Harich.955 Letzterer lehnte eine Teilnahme ab, da a) Pepperle ähnliche Einladungen in Berlin bereits ausgeschlagen habe und b): »Als der eigentliche Schöpfer der faschistischen Ideologie kann Nietzsche in einem sozialistischen Land nicht Gegenstand geistiger Auseinandersetzung sein.«956 Die Position, die Harich direkt in der Debatte bezog, ist zwischen diesen beiden Äußerungen anzusiedeln und steht zu ihnen nicht im Widerspruch: »Natürlich wäre es falsch, über Nietzsche partout zu schweigen, doch wo es unumgänglich ist, über ihn zu reden, da müssen die Maßstäbe stimmen, nach denen er beurteilt wird.«957 Im fünften Heft des Jahres 1986 der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlichte der gerade genannte Heinz Pepperle den Aufsatz Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, der Harichs Kritik herausforderte.958 Seine Antwort erschien genau ein Jahr später unter dem analogen Titel. Diese zwei Beiträge lösten wegen ihrer antagonistischen Ausrichtung dann die Nietzsche-Debatte aus, die durch Stephan Hermlin und dessen Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR im November 1987 weiter angeheizt wurde. Mit Behauptungen – wie: »Für Harich manifestiert sich Kul- 954 Harich: Brief über Nietzsche, S. 285. 955 Kulturbund der DDR, Stadtleitung Magdeburg: Brief an Harich, 1 Blatt, 25. November 1987. 956 Harich: Brief an Herrn Gandner, 2 Blatt, Zitat Blatt 1. 957 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1048. 958 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 934-969. 408 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge turpolitik vor allem durch Verbote und Vernichtung (…).«959 – und durch entstellende Zitate eines privaten Briefes von Harich an Hermlin stellte er diesen mehr als nur bloß. Sein Referat endete mit dem Sätzen: »Wo eine solche Stimme sich erhebt, warten andere auf ihren Einsatz. Es ist die Stunde der gebrannten Kinder. Auch ich bin ein gebranntes Kind.«960 Doch es erhoben sich nach Harich keine Stimmen, die ihm in der DDR zur Seite sprangen (als Prophet ist Hermlin also ebenso gescheitert wie als Autobiograph), ganz im Gegenteil verschärfte sich noch die Kritik an ihm. Hermann Kant verglich Harich mit Pol Pot961 und im ersten Heft der Sinn und Form von 1988 wurde Hermlins Rede erneut abgedruckt – diesmal waren ihm als Adjutanten beispielsweise Manfred Buhr und Gerd Irrlitz zur Seite gestellt.962 (Exakt jenes Szenario war entstanden, vor dem Harich eindringlich gewarnt hatte.) Die Fotos, die dem gerade erwähnten Sammelband des X. Schriftstellerkongresses beigegeben sind, zeigen uns dann Hermlin und Kant neben Erich Honecker. Und es war schon eine wirklich merkwürdige Koalition die da entstanden war: Kant, Hermlin, Irrlitz, Buhr (dazu die erwähnten Hager, Höpcke, Hahn, Schirmer etc.) und viele andere sahen sich genötigt, »ihre Freiheit«, das »freie Denken«, »ihre sozialistische Zukunft« zu verteidigen gegen den »Öko-Stalinisten« (so ja der Autor der Jungen Freiheit Günter Maschke mit Blick auf Kommunismus ohne Wachstum) Harich, der für ebendiese Freiheit – in ihrer wirklichen Bedeutung – Jahre des Leides im Zuchthaus in Bautzen verbracht hatte. Nationalpreise und Gratifikationen des sozialistischen Staates konnte er in dieser Zeit und in den Jahrzehnten danach nicht annehmen – das zuerst unterscheidet ihn von den gerade Genannten. 959 Hermlin: Rede, S. 73. 960 Ebd., S. 77. 961 Kant: Rede, S. 44f. Kant sprach dort von Harichs »Polpotterien«. 962 Das Heft 1, 1988, der Sinn und Form enthielt die Beiträge: Hermlin: Von älteren Tönen, S. 179-183; Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 183-186; Böhme: Das Erbe verfügbar besitzen, S. 186-189; Känder: »Nun ist dieses Erbe zu Ende …«!?, S. 189-192; Irrlitz: »Ich brauche nicht viel Phantasie«, S. 192-194; Eckardt: Im Schnellgang überwinden?, S. 195-198; Richter: Spektakulär und belastet, S. 198-200; Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 200-210; Pepperle: »Wer zuviel beweist, beweist nichts«, S. 210-220. 409 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Es ist hier leider nicht der Platz, die Debatte in der Sinn und Form in ihren verschiedenen Facetten exakt nachzuzeichnen. Herausgegriffen sei der zentrale Punkt, dessen Intentionen in den bisherigen Ausführungen bereits anklangen. Es war die Kritik an Lukács, die Harichs Stellungnahme herausforderte und motivierte: »In Georg Lukács greift er (Pepperle, AH) den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an.«963 In seinem Beitrag hatte Pepperle Lukács zwar gelobt, diesen aber tatsächlich weder in die Tradition marxistischer Nietzsche-Kritik eingereiht, noch dessen Position gleichsam als Folie seiner eigenen Ausführungen benutzt. Und so verbergen sich hinter dem offensichtlichen Lukács- Lob Momente der Kritik, die Harich registrierte. Ein Beispiel: »In der Tat 963 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1018. Weiter heißt es dann: »Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren.« Hermlin, Honecker und Kant auf dem X. Schriftstellerkongress, 1987 410 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge gehört Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr zu seinen unschuldigen Gedanken, und Lukács’ Polemik ist in diesem Punkte überzogen.«964 Was Harich zudem wirklich störte, war, dass Pepperle – eben genau hier verlässt er Lukács – die Verbindung von Nietzsches Philosophie mit dem Faschismus ein Stück weit kappte: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm findet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit, er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. (…) Doch dies ist nur eine Seite. Es gibt auch eine andere. Erstens waren es eben doch Nietzsches Worte, die die Faschisten im Munde führten (…). Nietzsche hat Lehren vertreten und Gedanken formuliert, die tatsächlich, wie Ernst Bloch einmal schrieb, ‚faschistisch brauchbar‘ waren.«965 An dieser Stelle wollte und musste Harich intervenieren, denn es widersprach zutiefst seiner Weltanschauung und Geschichtsphilosophie, Nietzsche als Missbrauchsopfer zu sehen, denn das impliziert, dass er auch richtig gebraucht werden könne. Harich hatte immer, darin wusste er sich mit Lukács, Bloch, Paul Rilla und vielen anderen einig, darauf hingewiesen, dass die Nazis Hegel, Goe the, Herder, so manchen Aufklärer und die meisten Vertreter der klassischen idealistischen Philosophie verfälscht hätten, um sie in ihre Traditionslinien einbeziehen zu können. Bei Nietzsche, so seine unumstößliche Position, sei dies nicht nötig gewesen. (Dagegen muss man erst einmal wirklich argumentieren. Die üblicherweise vorgetragene Rede vom »un-politisch« zu lesenden Nietzsche reicht da nicht aus.) Peter Feist hat den Streit zwischen Harich und Pepperle einmal als Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten bezeichnet.966 In diesem Punkt ist ihm zuzustimmen, es ist aber zu ergänzen, dass es auch ein Streit über unterschiedliche Themen war. Während Pepperle die Auseinandersetzung mit Nietzsche beleben wollte, war Harichs Position, dass Lukács 964 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 937. 965 Ebd., S. 965. Gegen diese Einschätzung waren schon in der SBZ, in den ersten Jahren der DDR viele Argumente von vielen Stimmen geltend gemacht worden, siehe die entsprechenden Nachweise bei: Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. 966 Feist: Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten, S. 289-300. 411 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe dazu Wichtiges bereits gesagt habe. Pepperle ging es um die Verteidigung einer Freiheit der Diskussion abseits ideologischer und moralischer Determinanten, Harich ging es um die Grundbedingungen und Konstanten marxistischen Denkens, um das Erbe von Lukács, um moralische Maßstäbe als Vorbedingung marxistischen Philosophierens. Mit dem Untergang der DDR verlor natürlich auch die Debatte um Nietzsche ihre aktuelle Dimension – gleichzeitig wurde der Umgang mit Nietzsche aber in andere Kontexte gestellt. Harich blickte so mancher neuen Diskussion entgegen und neben vielen tagespolitischen Herausforderungen, denen er sich mit aller notwendigen Energie stellte – zuvorderst ist dabei natürlich sein bis in die vierziger Jahre zurückreichendes Engagement für die deutsche Einheit zu nennen, das ihn nunmehr an die Spitze der Alternativen Enquetekommission führte967 –, blieb er auch seinen alten Freunden ebenso wie den Theorien der frühen Jahre verbunden. Von daher überrascht es nicht, dass sein letztes Buch, welches er noch veröffentlichen konnte, mit Nietzsche und seine B rüder betitelt ist (entstanden 1989, danach aktualisiert und gedruckt). Und es ist auch kein Zufall, dass das Werk erneut Diskussion mit und für Lukács ist – Harichs immerwährender Kampf. Im Rückblick auf die Nietzsche-Debatte heißt es: »Für Lukács wäre es eine nicht nachvollziehbar irrsinnige Vorstellung gewesen, dass Nietzsche im sozialistischen Teil der Welt jemals auch nur einen Millimeter an Boden zurückgewinnen könnte. Desgleichen hätte er das Auftreten von Nietzscheanern auf einem DKP-Symposium für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Und nicht dem leisesten Zweifel kann es unterliegen, dass er, hätte er diesen Tiefstand noch erlebt, davor aufs Eindringlichste gewarnt und mit aller Energie dagegen angekämpft haben würde. Soviel steht fest.«968 Yves Deville, der sich als Übersetzer und Herausgeber um Harich und Lukács in Frankreich echte Verdienste erwarb, hat Nietzsche und seine Brüder im Schaffen Harichs verankert: »Harich hat in seinem Kulturleben viele Kämpfe ausgefochten, immer zu Gunsten eines zu Unrecht 967 Hierzu: Prokop: Wolfgang Harich und die Alternative Enquete-Kommission, S. 70- 82. 968 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 99. 412 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Angegriffenen oder Verkannten. Er ist für Brecht eingetreten – dem ‚Formalismus‘ vorgeworfen worden war –, er hat für Hegel eine Lanze gebrochen – dieser sollte in der DDR der 1950er Jahre der Bedeutungslosigkeit anheimfallen –, er hat sich um das Werk Georg Lukács’ stark verdient gemacht, um die Anerkennung der Ontologie Nicolai Hartmanns und für ein neues Verständnis von Jean Paul gekämpft. Er machte sich stets Gedanken über die Probleme von Wandel und Kontinuität der kulturellen Werte in einem Land, das den Sozialismus aufbaut. Doch sein ausgesprochen integrativer Geist sperrt sich, als Nietzsche ihm in die Quere kommt. Nietzsches Werk erregt bei ihm nur Kritik und Widerwillen.«969 Harich erscheint bei Deville anders als üblich nicht als ewiger »Nörgler«, sondern habe ganz bewusst Entscheidungen für und wider philosophische Lehren und Theoreme getroffen. Und ein Weiteres ist wichtig: Deville sieht die Kontinuität der Nietzsche-Kritik Harichs: »Harich legt genauso viel Elan in seine Widerlegung Nietzsches wie in seine früheren solidarischen Hilfeleistungen bei anderen Denkern. Er zeigt den gleichen Mut und die gleiche Entschlossenheit, diesmal aber erfüllt er zähneknirschend den selbstgestellten Auftrag. Seine Verdrossenheit gegenüber Nietzsche ist schon alt, älter als seine Hinwendung zum Marxismus oder die Gründung der DDR, sie tritt in den 1980er Jahren wieder auf und ergibt sich aus einer kritischen Beurteilung mancher Entwicklungen im eigenen Land und in ganz Europa. Bereits mit 19 Jahren schrieb er an Ina Seidel, deren Sohn er vom Studium kannte: ‚Ich betrachte Nietzsche doch als meinen persönlichen Feind!‘ Sein bewährter Freund heißt damals Hegel.«970 Dieser »Geist« habe Harichs Nietzsche und seine Brüder geprägt – eine Schrift, die in Frankreich positiv aufgenommen wurde. Die Nietzsche-Freunde unter den Lehrern müssen das so kommentieren: »Spricht aber nicht gerade für die Franzosen.«971 Natürlich, denkt man, die wirkliche europäische Aussöhnung kann nur im Zeichen Nietzsches stattfinden. Der letzte derartige Versuch begann 1933, auch da klatschte das Bildungsbürgertum. 969 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 310. 970 Ebd., S. 310f. 971 So Matthias Steinbach in der: Mitschrift der Diskussion, S. 47 413 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Wenn Harichs Stellung zu Nietzsche in den Fokus rückt, dann ist dem zumeist sein Diktum beigegeben: »Ins Nichts mit ihm!«972 Und dieser Ausspruch, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus beendet, wird dann zumeist so gedeutet, dass Harich, etwa im Besitz des Feuerzeuges von Erich Honecker, den Nachlass Nietzsches und jede Gedenkstätte, hätte man ihn nur gelassen, den Flammen überantwortet hätte. Aber es ist doch Zweierlei, es ist zu differenzieren zwischen dem, was man in einer Debatte zugespitzt fordert, und dem, wie man tatsächlich handeln würde. Noch einmal kann Yves Deville zitiert werden, der von Frankreich aus genauer sah als so mancher deutsche Kritiker: »Harich geht es nicht darum, Nietzsche ins Nichts zu entlassen bzw. zu schleudern; in tiefster Besorgnis um eine demokratische Zukunft, möchte er jedoch auf die ernsthaften Implikationen hinweisen, die ein nonchalanter Umgang mit Nietzsche mit sich bringen würde. Er stemmt sich vehement gegen die gängige Meinung, Nietzsche sei als kulturelle Autorität und Meister der Philosophie einzuschätzen. Er selbst kennt keinen gewichtigen Grund, ‚uns erneut, uns immer noch einem Nietzsche zuzuwenden‘.«973 In diesem Sinn sind auch die letzten Sätze Harichs aus Nietzsche und seine Brüder zu lesen. Dort – Harich ist ja im Interview/Gespräch mit sich selbst, mit seinem Pseudonym Paul Falck – heißt es: »(WH) Wir können es uns unter keinen Umständen leisten, die Identität der DDR aufs Spiel zu setzen, und die steht und fällt mit ihrem zuverlässigen, kompromisslosen Antifaschismus, um den es schlecht bestellt wäre, gäbe sie dem Druck nach, Nietzsche in ihre Erbepflege aufzunehmen. (PF) Also doch: Ins Nichts mit ihm? (WH) Im Nichts befindet er sich nicht. Er hat sich nie darin befunden, so wenig wie sein Schüler Hitler, der ja, leider, auch nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aber wie Hitlers runde Gedenktage sollten weiterhin diejenigen Nietzsches sang- und klanglos bei uns vorübergehen. Ihm so wenig wie Hitler sollten Denkmäler oder sonstige Gedenkstätten errichtet werden. Es sollten Werke Nietzsches nicht in Büchern stehen, deren Titelblätter das Signet eines DDR-Verlages tragen. Das gebietet unsere Selbstachtung, unsere antifaschistische Ehre. 972 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1053. 973 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 317. 414 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Denn die Schande, dass einst Nietzsche in deutscher Sprache gedacht und geschrieben hat und damit Anklang fand, ist ebenso groß wie die, dass Deutsche sich einmal von Hitler haben regieren lassen. Dessen müssen Elisabeth Förster-Nietzsche, Empfang in Weimar 1933 (oben) und Hitler zu Besuch im Nietzsche-Haus, Weimar, 1934 415 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe wir uns bewusst bleiben, und eine Pflicht des sozialistischen deutschen Staates ist es, dieses Bewusstsein für immer wachzuhalten.«974 So manches Wichtiges ist damit zur Kritik Nietzsches durch Harich gesagt, andere mögen hinzufügen, was ihnen bedeutsam ist. Es sei erlaubt, zum Abschluss noch einige Überlegungen anzustellen. In der DDR war von Anfang an umstritten und umkämpft – erinnert sei nur an Hegel und Goe the (um die sich ja unser Buch dreht), Heine, die bürgerlichen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts und manches andere – welches Erbe der Staat anzutreten habe, welche Bekenntnisse zur Vergangenheit abzulegen und welche nicht, wen er, um es etwas pathetisch zu formulieren, aus der Vergangenheit mit in die vermeintliche Zukunft nehmen solle/müsse. Erbantritt bedeutet aber immer auch, das ist die Kehrseite, dass man ablehnen kann – und eben dies geschah in den vierziger Jahren mit Blick auf jene Personen und Theorien, von denen man meinte, dass sie, explizit oder implizit, mehr oder weniger deutlich, Teil der faschistischen Ideologie waren oder das faschistische Weltbild geprägt hatten. Diese Einstellung bestimmte ja über alle Zonengrenzen hinweg das kulturelle Leben im Nachkriegsdeutschland – exemplarisch zu studieren anhand der Beiträge zum Ersten Deutschen Schriftstellerkongress vom Oktober 1947.975 Es war eine eigene, ganz charakteristische Generation, die auf philosophischem und kulturellem Gebiet mit dem Aufbau des Sozialismus begann. Generation nicht in dem Sinne eines spezifischen Geburtsjahres, vielmehr mit Blick auf die gleichen leidvollen Erfahrungen und denselben Hoffnungshorizont. Den Protagonisten der Jahre zwischen 1945 und 1956 war so manches gemein: Viele hatten in zwei Weltkriegen, in den Weimarer Jahren für den Kommunismus gekämpft und gelitten, ihr klares Nein galt dem Faschismus, dem Krieg, dem Imperialismus. Dieser Generation – von Becher bis Lukács, von Niekisch bis Harich, von Abusch bis Bloch – war klar, dass Nietzsche und der Faschismus zusammengehörten. 974 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 204. 975 Die Beiträge der Tagung können nachgelesen werden: Reinhold/Schlenstedt/ Tanneberger: Erster Deutscher Schriftstellerkongress. 416 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Und es erschienen ihnen ein legitimes Ansinnen, ihn »aus der Gründung« der DDR auszuschließen. Diese Prägung wurde brüchig im Laufe der Jahrzehnte – eben deswegen kämpfte Harich so verbissen um die Erinnerung an Lukács. In den siebziger und achtziger Jahren fehlte so manchem auch in der DDR das direkte Gespür für jene historische Situation, die das Nietzsche-Verdikt notwendig gemacht hatte, fehlte das »Gewachsene« in der und die Verbundenheit mit der Tradition. Sie vermeinten, für intellektuelle Freiheit zu kämpfen, wenn sie Nietzsche-Lektüre forderten. Das Schlusswort soll Wolfgang Harich gehören – es ist datiert auf den 7. Juni 1991: »Heute stolzieren seine Verächter (Lukács, AH) aus der ostdeutschen Provinzelite, Leute, die Kandinsky, Schwitters und Beuys, die Schönberg, Nono und Stockhausen zu genießen vorgeben, nicht zu vergessen die ‚differenzierenden‘ Neubewerter des Zarathustra, Matadore künstlichen Formzertrümmerns, gedanklichen Nomadisierens, mit einer Selbstgefälligkeit einher, als wären sie Märtyrer, die sich ebenso tapfer wie mühselig ihrer Fesseln entledigt haben. Bestenfalls irren sie. Manche tischen, ihre tatsächlichen Erfahrungen verdrängend, über ihre Nationalpreise sich ausschweigend, uns Lügen auf. Ich erlaube mir, in ihnen Hätschelkinder der spätstalinistischen Oligarchie zu sehen, die es unzureichend fand, die parasitäre Intelligenzija ja bloß materiell zu korrumpieren, sondern sich erst sicher fühlte, wenn sie auch deren tiefere Sehnsüchte, faschistoide nicht ausgenommen, zufriedengestellt sah. Lukács hätte dem im Weg gestanden. Es gereicht ihm zum Ruhm.«976 Dieser Sprung in die Nietzsche-Debatte vom Ende der DDR war abschließend notwendig. Denn die Ursprünge dieses Diskurses weisen in die Jahre der SBZ und der Gründungsjahre der DDR. Es ist hochinteressant zu sehen, dass der kleinere Teil Deutschlands bis zu seinem letzten Atemzug um seine Identität rang. Die Kehrseite ist, das waren ja die Warnungen von Lukács und Harich (sowie etwa Brecht) aus den Umbruchzeiten 1953, 1956, dass der Marxismus durch die Jahrzehnte versagt hatte, da er diese Identität nicht herzustellen vermochte. 976 Harich: Zur Furcht der SED vor Georg Lukács, S. 70. 417 19. Wertungen des Ursprungs »Dieser Band stellt das werdende Wissen dar. Die Phänomenologie des Geistes soll an die Stelle der psychologischen Erklärungen oder auch der abstrakteren Erörterungen über die Begründung des Wissens treten. Sie betrachtet die Vorbereitung zur Wissenschaft aus einem Gesichtspunkte, wodurch sie eine neue, interessante, und die erste Wissenschaft der Philosophie ist. Sie fasst die verschiedenen Gestalten des Geistes als Stationen des Weges in sich, durch welchen er reines Wissen oder absoluter Geist wird.« Hegels »Werbetext« zur Ankündigung der Phänomenologie In seinem Aufsatz Bloch liest Goe the stellte Hans-Ernst Schiller fest: »Mit Goe the gibt es einen Dichter, auf den sich Bloch an zumindest zwei Knotenpunkten seiner Gedankenführung, an dem der Augenblicksutopie und an dem des Naturbegriffs, beruft.«977 Diese Einschätzung greift natürlich, das haben die bisherigen Anmerkungen gezeigt, viel zu kurz. Die Marxisten der DDR wollten das Erbe des bürgerlichen Humanismus antreten, an diese besten Traditionen deutscher Geschichte anknüpfen. Goe the und mit ihm Hegel waren die beiden zentralen Gestalten dieses Erbe-Verständnisses. (Hinzu treten viele andere, im Positiven etwa Schiller und Heine, im Negativen Nietzsche sowie die zu diesem führende Entwicklung des deutschen Geisteslebens, wie sie Lukács in der Zerstörung der Vernunft beschrieben hat.) Und sie wurden nicht nur um ihrer selbst willen wahrgenommen, es ging nicht nur um Geschichte oder Tradition. Vielmehr fungierten gerade Goe the und Hegel mit ihren Werken 977 Schiller: Bloch liest Goe the, S. 136.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.