17. Goethean der Leine –Hans Mayer in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 363 - 395

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-363

Tectum, Baden-Baden
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363 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Girnus, nach Mayers Abgang: »Na ja, der war schon immer etwas seltsam.« (Spiegel) Beginnen wir mit der Beschreibung von Jean Améry in dem, prägnant und programmatisch betitelten, Aufsatz Ein Lehrer der Deutschen: »Nach Kriegsende kehrte der Literat und homme des lettres Hans Mayer, Vertreter des anderen Deutschlands in der Emigrationszeit, in sein Vaterland zurück. Er war zunächst am Rundfunk in Frankfurt tätig, bis er sich dorthin wendete, wo Arnold Zweig sich schon befand und wo sich anzusiedeln Heinrich Mann nur der Tod verhindert hatte: In die DDR. Gleich seinem Freund Ernst Bloch lehrte er als Universitätsprofessor in Leipzig. Wo Bloch den Marxismus mit dem ‚Geist der Utopie‘ durchtränkte und neu formulierte, dort wandte Mayer die Methode marxistisch-dialektischen Denkens bei der Fassung von Kenntnis und Erkenntnis der Literatur an. Bis 1963 wirkte er in Leipzig, wo sein Lehrstuhl, nicht anders als der Ernst Blochs, ein Refugium der Geistesfreiheit war. Dann ging er, wiederum gleich Bloch, ohne seine Überzeugung preiszugeben, ohne das gute Geschäfte des ‚Freiheitswählers‘ machen zu wollen, in die Bundesrepublik. Geraume Weile schlug er sich dort als freier Publizist durch, bis er dann 1965 an der Hochschule von Hannover – an der gleichen, an der einst Theodor Lessing Philosophie gelesen hatte – einen Hafen und ein Forum 364 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge fand. Heute ist er der unzweifelbar angesehenste und einflussreichste literarische Universitätslehrer Deutschlands.«837 Zumindest in einer Hinsicht ist Hans Mayer ein Kuriosum. Über Georg Lukács und Ernst Bloch gibt es eine breite Forschungsliteratur, die sich entweder mit den jeweiligen Frühwerken oder den Schriften des Alters beschäftigt. Bei der Lektüre so manches Aufsatzes oder Buches könnte man durchaus überrascht sein, dass Bloch einige Jahre in Leipzig lebte oder Lukács Vorträge in der DDR hielt, dort agierte und eine immense Wirkung entfaltete. Eine seltsame, vorurteilsgeladene Forschungsatmosphäre, die, gespeist aus unterschiedlichen ideologischen Motiven (manchmal auch einfach nur aus promovierender Unbelesenheit oder Borniertheit), Bloch und Lukács mit Walter Benjamin vergleicht, stets und ständig nur Ontologie und Utopie ruft – und dabei immer konsequent die Jahre von 1946 bis 1956 ausklammert. Bei Mayer nun ist es gerade anders herum. Hier sind verschiedene Publikationen über seine Leipziger Zeit zu finden, dagegen fast gar nichts über die Jahre in Hannover.838 Wer beide Städte samt ihres intellektuellen Überbaus und Fundaments kennt (auch in unserer jetzigen Gegenwart), hat dafür sicherlich Verständnis, aber der Fakt zumindest ist zu konstatieren. Warum kann man sich den Leipziger Jahren Hans Mayers nähern, während die Zeit Blochs im gleichen Hörsaal 40 wenn überhaupt, dann nur aus linken Kreisen mit DDR-Sozialisation thematisiert wird. (Verteidigungs-, Beiß- und Besserwisserreflexe inklusive  – die jedwede Debatte mit und über Bloch als vermeintlichen Angriff auf irgendwelche 837 Améry: Ein Lehrer der Deutschen, S. 142. 838 Die entsprechenden Publikationen werden im Folgenden erwähnt, weitere Informationen bietet das Literaturverzeichnis. Verdienstvoll und für die Forschung unverzichtbar, sind zur Leipziger Zeit die beiden Editionen von Mark Lehmstedt: Hans Mayer. Briefe, 1948-1963 und Der Fall Hans Mayer. Dokumente, 1956-1963. Eine beeindruckende Informationsquelle ist zudem der Beitrag von Günter Albus: Hans Mayer in Leipzig, 1948-1963, S. 171-190. Albus verzeichnet alle Lehrveranstaltungen, universitären Aktivitäten und Publikationen von Mayer in Leipzig. Absurde Ansichten zu Mayers Hannover-Zeit liefert der Aufsatz von Manfred Lauermann: Die Gegenuniversität – bin ich selbst!, S. 149-162. Ebenfalls in weiten Teilen unbrauchbar oder ungenießbar sind die Akten des Mayer-Symposiums vom 5. und 6. Juni 2008, abgedruckt in: Treibhaus, S. 195-363. 365 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer selbstverschuldeten biographischen Verwerfungen stigmatisieren.839) Ein Grund, vielleicht sogar der wichtigste, ist darin zu sehen, dass die Auseinandersetzung der DDR mit Mayer, seinen Studenten, Schülern und Freunden, anders von statten ging als in den Fällen Lukács, Bloch, Harich, Loest, um nur einige zu nennen. Am Ende des Jahres 1956 mussten die Assistenten Blochs die Deutsche Demokratische Republik fluchtartig verlassen, sahen sich, so sie blieben, Schikanen ausgesetzt, Haftstrafen, kamen zur »Bewährung in die Produktion«.840 1996 erschien ein merkwürdiger Band: Literaturhistorische Streifzüge. Für Hans Mayer von Schülern der Leipziger Zeit.841 Ein Blick in das Personenregister zeigt uns zwölf Autoren mit zwölf Professorentiteln, Schüler Mayers, die von diesem das Streben gelernt hätten, »Literatur nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Geschichte und Kulturgeschichte zu sehen«.842 Doch Partei und Staatssicherheit hatten darauf offensichtlich einen anderen Blick. Denn die Assistenten Mayers schienen ihnen nicht, wie die Assistenten Blochs, subversive Renegaten und Revisionisten zu sein, vielmehr öffneten sich Türen für Karrieren. Rückblickend war es also möglich, in der DDR in den Geisteswissenschaften Karriere zu machen und gleichzeitig mindestens »genau so oppositionell zu sein« wie Hans Mayer – eine interessante Konstellation, die die eine oder andere Biographie sicherlich beflügelte. Das falsche Licht erwärmt die sprichwörtliche Leiche im Keller. Es geht nicht darum, irgendwem zu nahe zu treten. Jeder musste sich arrangieren, klarkommen, abwägen zwischen Parteilichkeit und eigenem Denken. Aber SED und Stasi taten dies zwischen 1956 und 1963 sowie in den folgenden Jahren ebenfalls und sahen keine Opposition. Alfred Klein, Aspirant und Assistent bei Mayer in Leipzig (von 1956 bis 1959), später dann Leiter des Instituts für Literaturgeschichte an der Berliner Akademie der Künste (also Teil der wissenschaftlich-ideologischen Führungsschicht 839 Welche Blüten das treiben kann – ist nachzulesen in dem unwissenschaftlichen und peinlich anmutenden Beitrag von Volker Caysa: Wunde Bloch, S. 49-58. 840 Trotz aller Schwächen, der penetranten Eitelkeiten etc. siehe: Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte. 841 Klein/Pezold/Schubert: Literaturhistorische Streifzüge. 842 Klein/Pezold/Schubert: Vorwort, S. 8. 366 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge der DDR)843, hat sein Buch über Mayers Leipziger Zeit überschrieben: Unästhetische Feldzüge. Der siebenjährige Krieg gegen Hans Mayer. Der Titel klingt nach Blut, Schlachten und Tränen, Verzweiflung, Plünderung, Mord und Totschlag – eben nach Feldzug und Krieg. Damit zielt er völlig an der Sache vorbei. (Erinnert sei nur daran, dass Harich 1957 zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde, Jürgen Teller, Blochs Assistent, in der Produktion seinen linken Arm verlor u. dgl. trauriges Schicksal mehr.) Mayers Stellung zur DDR ist ähnlich ambivalent wie etwa die Blochs. Er war ein überaus treuer und verlässlicher Erfüllungsgehilfe der Partei, beteiligte sich an so manchem, was ihm Jahre später sicherlich peinlich war. (So wurden ja gerade die meisten seiner Goe the-Aufsätze, ebenso wie weitere seiner ideologischen Zuträgertexte zur DDR, im Westen tunlichst verschwiegen und bis auf eine Ausnahme nicht erneut gedruckt, obwohl Mayer ansonsten jedes Produkt aus seiner Feder in diversen Büchern publizierte.) Er machte vor allem auch einiges, was nicht der Absicherung der eigenen Stellung diente, nicht notwendig war  – also ein freiwilliges ideologisches »Mehr« darstellt. Ab 1956 war er dann einer extremen Zermürbungs-, Ermüdungskampagne ausgesetzt: Permanente Kritik, ständige Attacken, Bloßstellungen, Demütigungen, keine Möglichkeit zur öffentlichen Rechtfertigung usw. (Bei gleichzeitiger partieller Unterstützung durch andere Teile der Partei – so paradox dies anmuten mag.) Mehrere Jahre hielt er noch durch, sogar zwei länger als Bloch, aber irgendwann war die Situation für ihn unerträglich geworden, er verließ die DDR. Joachim Pötschke hat dies (in einem Bericht über seine Promotion bei Mayer) treffend umschrieben: »Ein weiteres Jahr später hatte 843 Wie derartige DDR-Biographien nach außen transportiert werden können ist nachzuvollziehen anhand des Textes: Hörz/Wöltge: Gespräch über die AdW, 1989/1992, S. 166-191. Herbert Hörz geht dort an jedweder Kritik vorbei, seine Argumentationsstrategie des »Schön-Redens« gipfelt letztlich in dem: Wir waren doch nur Wissenschaftler. Dies ist charakteristisch für so manche DDR-Protagonisten der mitleren Führungsschichten – die nach 1989 ganz schnell vergaßen, dass sie in den Jahren zuvor immer nach oben geschielt hatten. 367 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Hans Mayer die DDR verlassen, oder besser: verlassen müssen, wenn er sich treu bleiben wollte.«844 Es ging einfach nicht mehr, das im Volksmund oft bemühte Fass war übergelaufen, die permanenten Debatten und Angriffe hatten Hans Mayer, wie schon geschrieben, aufgerieben. Es liest sich fast schon wie blanker Zynismus, wenn Klaus Gysi am 27. Februar 1963 in bester Stalinscher Manier an Mayer über eines von dessen Büchern schrieb (der Brief wird gleich ausführlicher betrachtet): »Ich brauche Dir nichts darüber zu sagen, dass wir die in dem Manuskript zusammengestellten Arbeiten für sehr interessant und wesentlich halten und ihre Publikation sehr begrü- ßen. Selbstverständlich ist vieles dabei sehr diskutabel, aber eine so ausgelöste Diskussion ist ja etwas völlig Normales und Positives.«845 Ja, diese »freiwilligen« Diskussionen des Volkes über Kunst und Wissenschaften – wie sehr haben sie den Sozialismus geprägt (und zwar nicht in Richtung des »Guten«). In der Sowjetunion verfasst Jewgeni Samjatin im Juni 1931 einen Brief an Stalin, der eines der wichtigsten Dokumente über das Verhältnis des Künstlers zur bürokratischen Staatsmaschinerie sowjetischen Typs ist. Er reagierte damit auf die gegen ihn laufende Kampagne des Parteiapparats und der Behörden. Einige Jahre vor dem Einsetzen der bekannten Moskauer Scheinprozesse und dem Beginn der Gulagisierung zahlreicher ehemaliger Revolutionäre und Kommunisten machte er sein eigenes Schicksal als paradigmatischen Fall öffentlich: »Mein Name ist ihnen sicherlich bekannt. Für mich als Schriftsteller kommt der Entzug jeder Möglichkeit zu schreiben einem Todesurteil gleich, und die Umstände haben sich so zugespitzt, dass ich meine Arbeit nicht fortsetzen kann, denn in einer Atmosphäre systematischer, sich von Jahr zu Jahr verstärkender Verfolgung ist jegliche Art schöpferischer Tätigkeit undenkbar.«846 Und weiter heißt es: »Im sowjetischen Strafgesetzbuch ist die der Todesstrafe folgende nächstgeringere Strafe die Ausweisung des Verbrechers aus dem Land. Wenn ich tatsächlich ein Verbrecher bin und Strafe verdiene, dann, so 844 Pötschke: Begegnungen mit Hans Mayer, S. 120. 845 Gysi: Brief an Hans Mayer vom 27. Februar 1963, S. 164. 846 Samjatin: Brief an Stalin, S. 147. 368 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge glaube ich, wohl doch nicht eine so schwere wie den literarischen Tod, und deshalb bitte ich, das Todesurteil in Ausweisung aus der UdSSR umzuwandeln – und meiner Frau zu gestatten, mich zu begleiten. Wenn ich hingegen kein Verbrecher bin, so bitte ich darum, mich und meine Frau zeitweilig, sei es nur für ein Jahr, ins Ausland reisen zu lassen – um wieder zurückkehren zu können, sobald es bei uns möglich ist, in der Literatur den großen Ideen zu dienen, ohne vor kleinen Leuten liebdienen zu müssen, und sobald sich bei uns, und sei es nur ansatzweise, die Auffassung von der Rolle des Wortkünstlers ändert. Diese Zeit, davon bin ich überzeugt, ist nahe, denn unmittelbar nach der Schaffung der materiellen Basis erhebt sich unausweichlich die Frage nach der Schaffung des Überbaus – nämlich einer Kunst und Literatur, die der Revolution wirklich würdig ist.«847 Wichtige, tief greifende Worte, die permanent zu erinnern sind. Doch zurück nach Leipzig, in die sechziger Jahre. Es schien fast so, als ob sich Mayers Situation in der DDR nach den Querelen vom Ende der fünfziger Jahre wieder etwas beruhigt hatte. Mayer hatte sogar die Möglichkeit, die Festrede zum 150. Todestag von Heinrich von Kleist zu halten. »Hans Bentzien, der neue Kulturminister nach der Beförderung Alexander Abuschs zum stellvertretenden Ministerpräsidenten, wollte mit der Einladung offenbar etwas gutmachen und lieber in die Fußstapfen Johannes R. Bechers als in die seines unmittelbaren Vorgängers treten.«848 Mayer überarbeitete und ergänzte seine Rede zu einem Buch. Er schilderte das Ganze wie folgt: »Meine Studie erschien bei Neske im Jahre 1962, also wieder im Westen. Übrigens nicht, weil meine Frankfurter Rede offiziell missfallen hätte. Das tat sie nicht. Ich hatte gut gesprochen, so wurde mir von allen Offiziellen bescheinigt. Doch gehörten sie zur zweiten Garnitur. Die eigentliche Macht blieb fern. Das war ein Fest der zweiten Garnitur. Immerhin wurde ich auch im Neuen Deutschland gelobt, es gab sogar ein paar Sätzchen aus dem Vortragstext.«849 Doch Mayer blieb skeptisch und dies zu Recht. So kam es beispielsweise zu Querelen bei der geplanten Veröffentlichung des Buches Über 847 Samjatin: Brief an Stalin, S. 151. 848 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 115. 849 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 244. 369 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer deutsche Klassik und R omantik. Studien und Versuche. Das Manuskript hatte Mayer Mitte 1962 an den Aufbau-Verlag geschickt. Am 27. Februar 1963 schrieb Klaus Gysi und »erbat« verschiedene Änderungen in den einzelnen Texten, die hier kurz zu rekapitulieren sind, da ihr Inhalt durchaus unser Thema betrifft. Gysi hatte mehrere Probleme ausgemacht, die seine ideologische Dummheit ebenso zeigen wie die der ganzen Partei. Zunächst Ernst Bloch, den Mayer dreimal zitiert hatte: »Es handelt sich dabei um Erwähnungen, die von der Sache und der Darstellung her nicht so wesentlich sind, dass sie sich nicht ohne die leiseste Einbuße für das Manuskript einfach streichen ließen.«850 Der Grund: »Ich denke, dass es unnötig ist, einen Mann in dieser Weise ohne Notwendigkeit von der Sache her zu erwähnen und damit erneut zu popularisieren, der unserer Republik in solcher Weise in den Rücken gefallen ist und das auch weiterhin tut, wie es Dir und uns bekannt ist.«851 Doch nicht nur Bloch, zu allem Unglück taucht auch noch Lukács im Buch auf. Gysi gestand Mayer zwar zu, dass er diesen vor allem kritisch behandle: »Aber bei der politisch schädlichen Rolle, die Lukács durch seinen Einfluss bei uns vor einigen Jahren gespielt hat, müsste man doch noch einmal gemeinsam prüfen, ob die – ich wiederhole: von der Sache her sehr kritische – Erwähnung und Beschäftigung mit Lukács hier wirklich notwendig und richtig ist.«852 Ein weiterer Punkt war die versuchte Neufassung der Romantik durch Mayer, wobei ihm Gysi attestierte, dass die Darstellung der Äußerungen von Marx und Engels zur Romantik zu eng und begrenzt sei. Hinzu trete, »dass man unserer Meinung nach nicht Lukács gewissermaßen in einem Atemzug mit Marx, Engels und Mehring als adäquate Größe der marxistischen Literaturwissenschaft auffassen und einstufen kann«.853 Und zu guter Letzt hatte Mayer dann auch noch die verheerende Rolle der Shdanow-Rede von 1946 angesprochen. Besonders der Lukács-Stachel saß tief im Fleisch der SED. Peter Goldammer, schon zu Zeiten Harichs und Jankas im Aufbau-Verlag im Themenbereich Philosophie und Erbe aktiv, wiederholte am 11. Juli 1963 den 850 Gysi: Brief an Hans Mayer vom 27. Februar 1963, S. 164. 851 Ebd. 852 Ebd. 853 Ebd., S. 165. 370 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge für die Partei wichtigsten Punkt: »Unsere Bedenken reduzieren sich auf eine Partie im Aufsatz Fragen der R omantikforschung, nämlich auf jene Stelle, wo Sie die Auffassungen Georg Lukács’ unmittelbar im Anschluss an die Romantik-Anschauungen von Marx, Engels und Mehring abhandeln. Dabei geht es uns gar nicht so sehr um die Frage, ob Lukács tatsächlich an ästhetische Urteile der Klassiker des Marxismus anknüpft, sondern vielmehr um dem politischen Aspekt der Sache. Wir glauben es nicht verantworten zu können, Lukács – und sei es auch nur unter diesem partiellen Aspekt – als einen genuinen Nachfahren Marx’ und Engels’ erscheinen zu lassen.«854 Natürlich wisse man, dass das »ideologische Kontinuum Marx-Lukács« von Mayer nicht beabsichtigt sei, aber die Leser könnten es daraus ableiten. So blieben nur zwei Alternativen. Entweder der Aufsatz zu Romantikforschung werde vollständig aus dem Buch entfernt, was eine »schmerzhafte Amputation« darstellen würde, oder Mayer könne sich entschließen, die Stelle zu eliminieren (was offensichtlich dann keine »schmerzhafte Amputation« wäre, da ja von der SED gewünscht).855 Es gibt ja durchaus Momente, wo man sich fragt, was man selber auf derlei ideologischen Unfug geantwortet hätte. Mayers Position war klar: »Natürlich gehört Lukács in die Geschichte der marxistischen Literaturwissenschaft. In welche denn sonst?«856 Das ebenso banale wie bezeichnende Ende dieser leidigen Angelegenheit bestand dann darin, dass das Buch ungekürzt im Westen erschien. (Mayer hatte diese Möglichkeit, fast allen anderen war diese Tür jedoch versperrt – ein Fakt, der nicht vergessen oder unterschlagen werden darf.) Alfred Klein hat die Lage von Mayer wie folgt charakterisiert: »Nach den scharfen Attacken von 1957/1958 musste sich Hans Mayer ernsthaft fragen, ob er in der DDR überhaupt noch gebraucht wurde. Sowohl seine Gabe zur Verwandlung literarischen Erbes in Gegenwartsbesitz als auch seine Fähigkeit zur Verwandlung moderner literarischer Phänomene und Probleme in historisch verfremdete Diskussionsgegenstände waren, wenn nicht verworfen, so doch schonungslos abgewertet worden. Die Kluft zwi- 854 Goldammer: Brief an Hans Mayer vom 11. Juli 1963, S. 166. 855 Ebd., S. 166f. 856 Mayer: Brief an Peter Goldammer vom 15. Juli 1963, S. 167f. 371 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer schen öffentlicher Diskriminierung und innerem Selbstwertgefühl hatte sich zum Dauerzustand entwickelt.«857 Hinzuzusetzen ist dieser Diagnose, um ein wirklich vollständiges Bild zu entwerfen, dass Mayer auch in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren noch zu den Privilegierten des DDR-Systems gehörte. »Sein Sonderstatus blieb ihm erhalten – und er nutzte ihn.«858 Wie die gerade kurz erwähnte Publikationsgeschichte des Streitobjekts Über deutsche Klassik und R omantik belegt. (Ein Stück weit war es bei Mayer so wie dann einige Jahre später bei Robert Haveman. Staat und Theoretiker wussten, allen Querelen zum Trotz, was sie aneinander hatten, Privilegien inklusive. Und beide wollten den Bruch nicht unumkehrbar machen.) Auch Mayer hatte schlichtweg einiges zu verlieren. Er unternahm viele Dienstreisen, auch ins westliche Ausland (Hans Altenhein gibt darüber einen kleinen Überblick),859 verfügte über Devisen, arbeitete mit Westverlagen zusammen (teilweise notgedrungen, teilweise freiwillig), konnte innerhalb fest gezogener Grenzen noch planen und organisieren. So beispielsweise die Konferenz zu Fragen der Romantikforschung, die er vom 2. bis 4. Juli 1962 veranstaltete.860 Das ist insofern bemerkenswert, da die Romantik ja ein ideologisches vermintes Gebiet war.861 Bernd Leistner konstatierte: »Namentlich ging es ihm – und dies im Zusammenspiel mit Werner Krauss – um eine differenzierende Bewertung der deutschen Romantik, die seinerzeit in der DDR noch immer als schlechthin ‚reaktionär‘ galt. Dafür, dass er zu diesem Zeitpunkt schon ernstlich mit dem Gedanken gespielt haben könnte, die DDR zu verlassen, sprach die Tagung keineswegs.«862 Mayer habe sich damit, so Leistner, wieder bewusst »ins Koordinatensystem der DDR-Literaturwissenschaft« begeben.863 Ernst Bloch wollte, blicken wir kurz zurück 857 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 114f. 858 Leistner: Hans Mayer als Literaturprofessor in Leipzig, S. 218. 859 Altenhein: Hans Mayer als Grenzgänger, S. 221-224. 860 Löffler: Die Romantik-Konferenz 1962, S.75-76. 861 Auf die entsprechenden Passagen in der Monographie von Norbert Kapferer wurde bereits verwiesen, ein guter Einstieg in die Thematik, da die größeren Kontexte nie vergessen, vernachlässigt werden. 862 Leistner: Hans Mayer als Literaturprofessor in Leipzig, S. 218. 863 Ebd. 372 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und in die Tiefen des DDR-Ideologiebetriebes, am 21. und 22. Mai 1954 eine große Konferenz über Kant durchführen, die Planungen waren weit fortgeschritten. Doch das Staatssekretariat für Hochschulwesen verbot die Tagung am 10. Mai.864 Die Verbindung von Bloch und Kant schien der SED offensichtlich zu riskant zu sein. Ein Jahr später erhielt der Philosoph den Nationalpreis. Und während Hans Mayer in Leipzig versuchte (und versuchen durfte!), dass Romantik-Bild des Marxismus neu zu bestimmen, untersagte man ihm eine Reise nach Budapest: Es stand die »Gefahr« im Raum, dass Mayer mit Lukács zusammentreffen könne.865 1957 wurden Harich, Walter Janka, mehrere Mitarbeiter des Aufbau-Verlags und Redakteure des Sonntag zu Zuchthausstrafen verurteilt – in den schlimmsten Schauprozessen der DDR. In Leipzig wurde unter anderem Erich Loest verhaftet, das Kesseltreiben gegen Ernst Bloch und »dessen Kreis« hatte begonnen. (So vieles weitere ließe sich ergänzen, das Thema kam ja in unseren Ausführungen bereits mehrfach zur Sprache.) Und Mayer? »1957 nahm Hans Mayer mit einer westdeutschen Reisegesellschaft (und vorübergehend auch mit westdeutschem Pass) an einer Kreuzfahrt zu den klassischen Stätten des Mittelmeerraums teil. Die Regierung der DDR hatte diesmal – zum 50. Geburtstag – für den Geldumtausch gesorgt.«866 Zugegeben, diese Kontrastierung hat einen bösartigen Unterton, dient aber vor allem der Warnung, genau zu differenzieren. Die DDR bestrafte nicht nur in diesen Schicksalsjahren, sie belohnte auch. Zumindest wissen wir heute, wen sie für oppositionell, revisionistisch, konterrevolutionär hielt und wen nicht. Im Sonntag war ja 864 Siehe: Feige: Willkommen und Abschied, S. 173. Aufgearbeitet im Kontext bei: Heyer: Kants Philosophie in den ersten J ahren der DDR , S. 359-418. Außerdem zum Kontext: Thom: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, S. 86-120. 865 Leistner: Hans Mayer als L iteraturprofessor in Leipzig, S. 218. Mayer schrieb an Peter Huchel: »Übrigens: Heute hätte ich eigentlich nach Budapest fliegen sollen. Ungarische Akademie, Universität, PEN-Club, Zeitschrift für Weltliteratur. Großer Bahnhof allerseits vorbereitet. Ausreiseverbot durch das Staatssekretariat. Kurt Hager telegrafiert, er könne nicht eingreifen. Begründung: Ich dürfe nicht mit Lukács zusammentreffen.« Mayer: Brief an Peter Huchel vom 13. April 1962, S. 545. 866 Altenhein: Hans Mayer als Grenzgänger, S. 222f. 373 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer das »Dokument« der »Mayer-Opposition« erschienen: Der ursprüngliche Radiobeitrag Zur Gegenwartslage unserer Literatur, jener über Gebühr aufgebauschte Text, der durchaus zeigt, dass Mayer gewisse Entwicklungen der DDR kritisch sah, aber gleichzeitig auch bereit war, bei der Besserung „von oben“ mitzuhelfen. Jenes Schriftstück, das die SED heftig kritisierte, das man aber vor der Kritik lesen durfte (ein wichtiger Hinweis!). Natürlich war das alles für Mayer nicht schön, eben zermürbend, demütigend, aber doch nicht zu verwechseln mit den Gitterstäben vor den Zellen in Bautzen. Mayer hatte aus den Kontroversen von 1956/1957 auch gelernt. Er war bereit, sich gegenüber der Regierung noch opportunistischer zu verhalten als bereits praktiziert, auf öffentliche Kritik zu verzichten. Die Spiegel-Anekdote von 1963 haben wir bereits wiedergegeben – inklusive der vom Nachrichtenmagazin festgestellten »Funktionärs-Flucht« als letztem Ausweg.867 Ein anderer Prüfstein war sicherlich der Mauerbau. »Beim Bau der Berliner Mauer im August 1961 befand sich Hans Mayer gerade in England. Auch Ernst Bloch war im Westen. Man traf sich am Chiemsee und beriet, wie es weitergehen solle.«868 Es ist bekannt, dass sich Bloch dafür entschied, im Westen zu bleiben – nachdem es gelungen war, seine noch in Leipzig befindlichen Manuskripte in Sicherheit zu bringen. Mayer hingegen kehrte in die DDR zurück: »Was ich am 13. August auf dem Bildschirm sah, oben in Yorkshire und weit weg vom Geschehenen, das traf. Nun ist es so weit. Sie haben es riskiert. Da war trotzdem in mir keine Regung, die man gleichfalls wiedergeben dürfte mit den Worten: Nun ist es so weit! Im Gegenteil. Jener Widerruf, den ich als Autor, der im Westen publizierte, als Leipziger Professor und als Nationalpreisträger der Deutschen Demokratischen Republik, schon seit einiger Zeit bezogen hatte, war in diesem Augenblick undenkbar. Es gab nur den Gedanken: Ich will nach Hause. Das war Leipzig.«869 Zudem hat Mayer auch die Differenz zwischen ihm und Bloch benannt: »Für Ernst Bloch sah es anders aus. Er fand sich in seinem Leipziger Haus seit nunmehr fünf Jahren, seit Ungarn 867 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 25. 868 Kesting: Hans Mayer und der Rundfunk, S. 257. 869 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 241. 374 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und den Prozessen gegen Harich und Walter Janka, wieder zurückgeworfen, freilich in durchaus anderer und inzwischen weltbekannter Weise, auf die Exilrolle in Cambridge, Massachusetts: Ein Gelehrter, der ein Buch nach dem anderen entwirft und schreibt, ohne dass man es dort, wo er lebt, von ihm verlangt oder gar erwartet. Öffentlich reden durfte er nicht mehr. Der dritte und letzte Band des Prinzip Hoffnung allerdings konnte noch im Jahre 1959 erscheinen, im Aufbau-Verlag. Ulbricht hielt sich formal an sein Versprechen, wusste er doch, dass die Hoffnung in seinem Machtbereich ein Buch bleiben müsse ohne Leser. Ernst Bloch muss sehr gelitten haben unter diesem Lehren ohne Schüler.«870 Der 2. Juli 1963 war für Mayer ein besonderes Datum: Er hielt in Leipzig seine letzte Vorlesung – was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, auch nicht der Berichterstatter an die Parteileitung der Germanisten, Anglisten und Romanisten der Universität, dem wir trotz perfiden Auftrags Information über diese Stunden verdanken. Mayer erhielt einen Blumenstrauß überreicht, das war der Dank für seine fünfzehnjährige Tätigkeit an der Universität, und redete – natürlich, wie könnte es anders sein – über Goe the. Der Berichterstatter notierte: »In der Vorlesung selbst sprach Professor Mayer über Goe thes Tasso. Er stützte sich dabei zunächst auf das Referat von Girnus in Weimar. Den Konflikt Tassos mit der Gesellschaft hob er dann allerdings aus der konkreten historischen Situation heraus. In der sozialistischen Gesellschaft sei zwar das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft nichtantagonistischer Natur; es könne sich aber zwischen den Interessen des einzelnen Künstlers und den Interessen der Gesellschaft an einer gesellschaftlichen Wirkung der Literatur ein antagonistischer Widerspruch ergeben.«871 Goe the war für Mayer also aktueller denn je. Ein trauriges Zeugnis stellte er der sozialistischen Gesellschaft aus, die Goe the so gern in ihrer Mitte sehen wollte und noch nicht einmal Hans Mayer, Ernst Bloch in Leipzig, Wolfgang Harich in Berlin, Georg Lukács als Besucher auszuhalten vermochte. »Am Beginn des Herbstsemesters 1963 mussten die einen wie die anderen zur Kenntnis nehmen, dass es mit Hans Mayer keine Vorlesun- 870 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 241f. 871 Zit. bei: Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 110. 375 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer gen und Seminare mehr geben würde. Der Literaturprofessor hatte dem siebenjährigen Krieg gegen ihn ein Ende gemacht. Er verweigerte die Rückkehr in eine Umgebung, in der er seit 1956/1957 fast pausenlos mit massiven Angriffen und zermürbendem Kleinkrieg zu kämpfen gehabt hatte. Ende Juli war er, nur mit dem Nötigsten und Wichtigsten im Gepäck, von Leipzig über Hof nach Erlangen gefahren, um dort an den alljährlich stattfindenden Internationalen Festspielen der Studententheater teilzunehmen und zum Thema ‚Brecht und Dürrenmatt oder die Zurücknahme‘ zu sprechen. Anders als sonst hatte er die Reise mit dem Vorsatz angetreten, im Westen zu bleiben.«872 Von Hamburg aus, Mayer war zu Gast im Rowohlt-Verlag, schrieb er einen Brief an das Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, an den Staatssekretär Heinz Herder, datiert auf den 17. August 1963: »Sehr geehrter Herr Staatssekretär, vermutlich werden Sie nicht sehr überrascht sein, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich mich nicht entschließen kann, am 18. August nach Leipzig zurückzukehren. Die Ereignisse des letzten Semesters haben mir bewiesen, dass nahezu alle Voraussetzungen weggefallen sind, die mich vor 15 Jahren veranlasst hatten, von Frankfurt am Main aus dem Ruf der Leipziger Universität Folge zu leisten.«873 Dies ist der eher allgemeine Anlass, Mayer bedauerte den Wegfall der fruchtbaren Euphorie des Neubeginns der ersten Jahre. Jene so kurze Dekade, in der beispielsweise anlässlich des Goe the-Jubiläums über das literarische und philosophische Erbe nachgedacht wurde – im Namen des Humanismus, des Fortschritts, des Friedens, der Menschheit. Weiter heißt es dann, einen ganz konkreten aktuellen Fall ansprechend, eben jenen letzten Tropfen im schon prall gefüllten Fass: »Man hat durch die Universitäts- und Parteileitung in Leipzig gegen mich und mein Buch Ansichten. Zur Literatur der Zeit eine böswillige und bösgläubige Kampagne geführt, die überhaupt nichts mit einer wissenschaftlichen Kritik zu tun hatte, sondern ausschließlich darauf abzielte, meine pädagogische und wissenschaftliche Einwirkung auf die Studenten unmöglich zu machen. (…) Wenn nun wirklich meine Lehrmeinung als überzählig 872 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 110f. 873 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 270. 376 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge und überfällig betrachtet wird, ist nicht mehr einzusehen, wie ich noch weiter amtieren sollte.«874 Unter dem Titel Eine Lehrmeinung zuviel hatte ein Student Mayers Lehre und Forschung im Auftrag der Partei als überzählig disqualifiziert, die Versuche Mayers, vom Rektorat Unterstützung zu erhalten, führten dazu, dass sich die Parteileitung des Instituts ausdrücklich hinter den Artikel des Studenten stellte. Das war der letzte Akt der Tragödie: Die Dogmatiker und Sektierer der SED gegen Hans Mayer. Elmar Faber sprach von den »Absurditäten« des gesamten Prozesses, ein zutreffendes Wort.875 Der Brief an den Staatssekretär sorgte für ein Novum. Da Mayer seinen Entschluss vor der westdeutschen Presse nicht öffentlich gemacht hatte, also tatsächlich nur dieser Brief existierte, kam es in der DDR zu Diskussionen, das Verhalten der Leipziger Parteileitung wurde kritisch hinterfragt. Der Staatssekretär Wilhelm Girnus, Vorgänger von Herder sowie Doktorand über Goe the bei Mayer, fuhr nach Hamburg, um diesen zur Rückkehr zu überreden. »Der Besucher blieb unerkannt. Es war Nacht, und der Portier vom Dienst im Verlagshaus Rowohlt in Reinbek bei Hamburg musste bedauern: ‚Herrn Mayer kenne ich nicht.‘ Freundlich erkundigte sich der Türhüter, ob der Herr nicht am Morgen wiederkommen wolle. ‚Morgen muss ich wieder in Ostberlin sein‘, erklärte der Unerkannte und verschwand in der Dunkelheit.«876 So beschrieb es der Spiegel. Das Unterfangen scheiterte, da Mayer nicht mehr in Hamburg war. Girnus hinterließ beim Pförtner des Verlages einen langen Brief und fuhr zurück nach Ostberlin. Mayer hat die Angelegenheit rückblickend wie folgt geschildert: »Man beschloss offenbar (…), mich zurückzuholen. Wer hätte sich besser dazu geeignet als Wilhelm Girnus: Zuverlässiger Genosse und einstiges Mitglied der Regierung, dazu mein Freund. Der sollte nach Hamburg fahren und klarmachen, dass alle Leipziger Intrigen und Polemiken amtlich missbilligt worden seien. (…) Über seine grenzenlose Verfügbarkeit staunte ich seit unserer ersten Begegnung. Wie dieser 874 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 270. 875 Faber: Hans Mayer und der Aufbau-Verlag, S. 57. 876 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 24. 377 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer schärfste Ideologe der Staatlichen Kunstkommission877 vor dem 17. Juni, der so viel als Hexenwerk und westlichen Abschaum zu bannen suchte: den toten Barlach und eine Oper der in Ostberlin lebenden Brecht und Paul Dessau, munter sich nach dem 17. Juni unter die wortgewaltigen Liberalisierer gemischt hatte. Opportunismus ohne Grenzen, doch aus politischer Überzeugung. Die freilich kann wechseln.«878 Der Spiegel hat in in dem gerade erwähnten Artikel über den Girnus-Besuch in Hamburg berichtet. Ein Zitat kann ergänzend verdeutlichen, wie auch der Spiegel die Ambivalenzen von Mayers Biographie betonte: »Nach dem betagten Philosophen Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung), der 1961 im Westen blieb, und dem engagierten Literaten Alfred Kantorowicz (Deutsches Tagebuch), der sich 1959 in die Bundesrepublik absetzte, hat die DDR mit Mayer ihre letzte geisteswissenschaftliche Attraktion verloren. Diesen Verlust müssen Ulbrichts Kulturfunktionäre 877 Harich hatte in dem Artikel Es geht um den Realismus, der 1953 in direkter Absprache mit Bertolt Brecht als Reaktion auf den Arbeiteraufstand erschienen war, Girnus hart attackiert und kritisiert. Dort war (mit dem direkten Ziel der Auflösung der Staatlichen Kunstkommission) u. a. zu lesen: »Und wer hält es für erheblich, dass Wilhelm Girnus mit seiner Kritik an Hanns Eislers radikalistischem Faustus-Libretto im Entscheidenden recht hat, wenn derselbe Girnus ohne jede Differenzierung das Erbe Ernst Barlachs schmäht, in der Architektur-Diskussion einen Schriftsteller vom Rang Ludwig Renns mit trotzkistischen Verbrechern auf eine Stufe stellt, im Fall des Buchenwald-Ehrenmals skandalöse Methoden der Auftragserteilung gegenüber Fritz Cremer auslöst usw., ohne dass es möglich wäre, ihm öffentlich zu erwidern?« »Maßgebend sind nicht einzelne Verdienste, die die Kunstkommission und die Kritiker Girnus und Magritz haben mögen; maßgebend ist die Grundtendenz ihrer Tätigkeit, die faktisch die Produktivität der Maler, Bildhauer, Graphiker, Illustratoren gehemmt, die Produktion der Kunstverlage (etwa verglichen mit den polnischen und tschechoslowakischen) eingeengt, unsere besten Kunsthistoriker abgestoßen und das Ansehen der kulturellen Errungenschaften unserer Republik in ganz Deutschland geschädigt hat.« »Für all dies sind Staatssekretär Holtzhauer und Ernst Hoffmann, Wilhelm Girnus und Kurt Magritz entweder direkt verantwortlich oder auch indirekt, sofern sie nämlich durch ihre Methoden in anderen Institutionen und Organisationen (wie dem Verband der bildenden Künstler), in Verlagen und Redaktionen, bei den Leitungen von Kunstkabinetten usw. einen Geist der Furcht, der Unaufrichtigkeit und der Kriecherei großgezüchtet haben.« Harich: Es geht um den Realismus, S. 3. Von Bloch oder Mayer gibt es ein so klares, deutliches Statement aus den Jahren der DDR nicht. Das ist genau die Differenz zwischen diesem und Harich. 878 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 271f. 378 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge um so mehr beklagen, als gerade die Freizügigkeit, die sie Hans Mayer stets zugestanden hatten, als Beweis für akademische Freiheit in der DDR ausgegeben werden konnte. Sie hatten Hans Mayer mit Privilegien ausgestattet, die für normale Ulbricht-Untertanen unerreichbar sind. Mayer durfte westdeutsche Autoren (…) in seinem Leipziger Germanistik-Institut lesen lassen, er reiste uneingeschränkt sowohl durch West- wie durch Osteuropa, hielt Vorträge in Paris, Frankfurt, Köln und Belgrad, trat bei den Tagungen der ‚Gruppe 47‘ auf, schrieb in der Hamburger Zeit und ließ seine Bücher nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik erscheinen (…). Nicht ungern sahen die Kultur-Politruks, dass der Professor ‚vielfach in Westdeutschland und im Ausland für unseren Staat und seine Politik parteilich aufgetreten ist‘.«879 * * * * * Wenn man die Fakten etwas poetisch ausdrücken möchte, so lässt sich sicherlich sagen, dass Goe the Hans Mayer durch seine Leipziger Krisenjahre geholfen hat – als ständiger Begleiter, als historische Figur, als Ideen- und Ratgeber. Mit den Worten von Inge Jens, 1999: »Goe the, der Wegführer und Lebensbegleiter: Es ist faszinierend zu sehen, wie Hans Mayer, bewegt und überzeugend, Goe the-Verse in den Rang von Maximen erhebt, die für ihn, über Jahrzehnte hinweg, bis in den Alltag hinein existenzprägend waren.«880 Und in diesem Sinne, im bisher schon umrissenen Kontext, überrascht der Inhalt des Bandes Goe the von Mayer, der 1999 von Jens herausgegeben wurde, nicht:881 Die frühen DDR-Arbeiten fehlen (bis auf die Ausnahme Eine Rede vor jungen Menschen, Weimar, 1949) vollständig. Abgebildet wird aber ein Panoptikum der steten Beschäftigung mit Goe the von der Mitte der fünfziger Jahre an: Von dem Aufsatz Goe thes Begriff der Realität, noch 1956 in Weimar publiziert, bis zu den Texten und Vorträgen des Westens, gipfelnd in den Vorlesungen von 1974 am Collège de France (die an anderer Stelle thematisiert werden).882 879 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 24. 880 Jens: Vorwort der Herausgeberin, S. 12. 881 Mayer: Goe the. 882 Mayer: Goe thes Begriff der Realität, S. 219-243. Mayer: Goe thes Märchen als Parabel der Revolution. 244-270. Mayer: Die Epen, S. 271-281. Mayer: Der Famulus 379 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Schließlich noch der Nachtrag Goe the, Tübingen 1999, mit der rückblickenden Suche nach dem, wie Goe the das Leben begleitete.883 Inklusive ironischer Brechung: »Nichts ist mithin törichter, als die modische Frage nach Goe thes Bedeutung ‚für uns heute‘. (Wer ist ‚uns‘?)«884 Es gehe nicht darum, Goe the krampfhaft zu aktualisieren, irgendwelche Bezüge zur eigenen Gegenwart zu suchen. Vielmehr bleibe und überdauere der fragende Goe the, der Analyst und Gestalter seiner Zeit. Die Aktualität Goe thes sei in dessen Werk bereits enthalten und müssen nicht hergestellt werden: »Goe the bleibt – damals so gut wie heute – Zeitgenosse.«885 Thomas Mann, dem sich Hans Mayer ja verbunden fühlte, hatte in seiner Ansprache im Goe thejahr formuliert: »Der wunderbare Mensch, den vor zweihundert Jahren ein junges deutsches Weib zur Welt gebar, und dessen leuchtender Lebensbogen nicht nur am deutschen Himmel steht, sondern überall auf Erden staunendes Schauen auf sich zieht, Goe the – was, so könnte man fragen, lehrt und rät uns sein Werk, was hat es je gelehrt und verkündigt? Nichts und alles. Wie die Natur, wie eines Götterbildes stilles, von keinem Streit berührtes, auf allen Streit ironisch herabblickendes Sein.«886 1973 erschien bei Suhrkamp die kleine Monographie. Goe the. Ein Versuch über den Erfolg (die in dem Goe the-Band von 1999 erneut enthalten ist). Natürlich verlangt es das hier gewählte Thema, dass wir auf vieles Wichtige, das Mayer zu Goe the zu sagen hat, an dieser Stelle wieder verzichten müssen und uns auf die Suche nach dem begeben, was sich mit Goe the dem Aufklärer, dem Dialektiker, dem Naturforscher, dem Sprecher des Bürgertums beschäftigt. Trotz der hier geschilderten Versuche, aus marxistischer Perspektive ein modernes Goe the-Bild unserer Zeit zu erringen, stellte Mayer sein Buch in folgendes Herausforderungsgefüge: Wagner, S. 282-318. Mayer: Höllenfahrt des Doktor Faustus, S. 319-355. Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France. Paris, 1974, S. 359-427. 883 »Was hat man wirklich von ihm gewusst? Was wissen wir heute von ihm, nach zweihundertundfünfzig Jahren? Auf den ersten Blick scheint alles offen zu liegen.« Mayer: Goe the, Tübingen 1999, S. 442. Das »aber« wäre interessant, leider ging Mayer diesem aus dem Weg, bezog da kaum Position. 884 Ebd., S. 445. 885 Ebd., S. 446. 886 Mann: Ansprache im Goe thejahr, S. 321. 380 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge »Es fehlt eine genauere, verstehende, nicht beschönigende Darstellung der Misserfolge, Anachronismen, Ungleichzeitigkeiten. Der Disproportion mithin im Wirken eines Menschen, der nichts sehnlicher anzustreben pflegte als eben dies: Harmonie zwischen einer – kaum auslotbaren – Individualität und ihrer Geschichtlichkeit innerhalb von Zeitverhältnissen. Weshalb der fragwürdige Begriff der Größe bei Goe the weit eher an den Misserfolgen ablesbar ist, den Disharmonien, viel Halbgeglücktem: Oft praktiziert als Abreise aus der Zeit. Ablesbar zugleich an den Enttäuschungen, die er bereitet und erlebt hat.«887 Joachim Gaudigs sprach Mayer zu, dass er dieser gestellten Herausforderung gerecht geworden sei: »Oft genug war die letzte Zuflucht einer andachtsvoll betriebenen Goethe-Philologie das Erschauern vorm Geheimnis. Mayer zeigt, dass man es nicht unbedingt dabei bewenden lassen muss (…). Mayer untersucht die Krisen, die sich in Goe thes Leben mit regelmäßiger Wiederkehr einstellten, er verfolgt die gescheiterten oder nur halbgeglückten Projekte, verzeichnet die Misserfolge. Natürlich geht es ohne Kritik an Goe the nicht ab, Kritik nicht gerade ‚auf den Knien‘ geübt, aber doch so, dass er dabei das Inkommensurable, das vollkommen Unvergleichliche der Gestalt stets voraussetzt und anerkennt.«888 Es ist festzustellen, dass Mayer in den siebziger Jahren bestimmte Punkte präziser und schärfer einschätzte als 1949. Damit ist nicht der völlige Bruch mit der Vergangenheit gemeint, aber Einzelheiten, die im Jubiläumsjahr nicht ins Weltbild passten, sind nun, mit historischem und, nach dem Weggang aus der DDR, auch geographischem Abstand bei gleichzeitigem Bekenntnis zum Sozialismus anders akzentuiert. So arbeitet er beispielsweise das Verhältnis Goe thes zur Französischen Revolution umfassender heraus. Bereits die Zeugnisse der italienischen Reise würden nichts von jenem Geist transportieren, der nur kurze Zeit später in der Revolution seinen vorläufigen Höhepunkt fand. (Das hatte Bloch ja schon 1955, im Schiller-Jahr, angemerkt.)889 Goe the habe die Französi- 887 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 15. 888 Gaudigs: Hans Mayer: Goe the, S. 153. 889 Siehe: Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 96-117. 381 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer sche Revolution nicht verstanden, so die mehrfach wiederholte These von Mayer.890 Was Goe the aber erkannt habe sei der Untergang des Ancien Régime gewesen. Exemplarisch sei von Mayer wiedergegeben: »Goe the hat die französische bürgerliche Revolution nicht verstanden. Allein er verstand den Untergang des Ancien Régime. Von Sympathie mit Rebellen, aktivistischen Rousseauisten, später gar Königsmördern ist der einstige Stürmer und Dränger weit entfernt. Prometheus und Tantalus wurden seit langem aus seinem Heiligenkalender – das Wort ist von ihm – eliminiert. In den dürftigen Bemühungen des Dramatikers, die Welt der bürgerlichen Ideologen und Revolutionäre auf der Schaubühne anschaulich zu machen, also in Texten wie dem Bürgergeneral und den Aufgeregten, wird das politisch-historische Urteil ersetzt durch ein ärmliches Moralisieren und Psychologisieren. Revolutionäre sind danach entweder Dummköpfe oder Schurken.«891 Joachim Gaudigs schrieb, genau diese Passage vor Augen: »Hier liegt für Hans Mayer ‚der tiefste Widerspruch in Goe thes geschichtlich-politischen Positionen‘, paradox zumal, bedenkt man seine Rolle im Dienste des Herzogs von Weimar. Der bereits zitierte Satz: ‚Goethe hat die französische bürgerliche Revolution nicht verstanden‘, hat sein Gegenstück in dem unmittelbar folgenden: ‚Allein er verstand den Untergang des Ancien Régime‘. Und wieder fällt auf, wie Mayer mit dem Begriff ‚verstehen‘ arbeitet. Man kann daraus beinahe die Gleichung ableiten: Für die historische Tendenz eintreten = verstehen, gegen sie sein = nicht verstehen. Wie immer man solche begriffliche Äquilibristik beurteilen mag, gewiss ist, dass hier ein spätes und auch überlegenes historisches Bewusstsein am Werk ist.«892 Im Prinzip, diese Konsequenz ließe sich aus den Ausführungen von Mayer fast ziehen, steckte Goe the weitaus tiefer in der deutschen Misere fest, als seine marxistischen Interpreten zugaben: »Goe the verharrte bei den Thesen des gescheiterten Sturm und Drang (…). Die Großstädte des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit mächtigen und aufgeklärten Bourgeois 890 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, etwa S. 37, 38, 42, 44. 891 Ebd., etwa S. 38. 892 Gaudigs: Hans Mayer: Goe the, S. 155. 382 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge (Bankiers, Handelsleuten, Steuerpächtern, gekaufter Magistratur), mit Stadtvierteln eines bewussten Plebejertums, mit den Abgründen einer Unterwelt, wo sich im Genuss der Austausch vollzieht zwischen Herren und Knechten: Goe the hat weder London nach Paris jemals besucht. Weshalb er – diese Grenzen seiner Einsicht wohl bedenkend – in allen kritischen Anmerkungen zu den französischen Zuständen, nur gelegentlich durchbrochen von Unmutsreflexen, die Grenze seines Urteils fest durchgezogen hat: Was er gegen Revolution und Revolte, kurzum: gegen Unordnung einzuwenden hat, ist die schematische Übertragung fremder, also französischer Konflikte auf andere Situationen, nämlich das vorbürgerliche Deutschland.«893 Viele andere, vor allem Lukács und Bloch, haben dies nie so deutlich herausgearbeitet, sondern die Fakten immer nur konstatiert, teilweise, um über diese dann hinwegzusehen. Bei Mayer scheint die Einsicht etwas klarer, Wortwahl und Formulierung zeigen an, dass er die Fehlurteile Goethes mit Blick auf die Revolution als ein Versagen begriff, was sie auch waren. Goe the ist nicht mehr der große progressive Geist auf allen Gebieten, er ist getrieben von seiner Gegenwart und Zeit, diesen ausgeliefert und von ihnen bestimmt. Wenn man so will – eine Erdung des marxistischen Goe the-Bildes, die Vermenschlichung des Olympiers. Goe the habe, diese bereits erwähnte These ist für Mayers Rekonstruktion zentral, bei der Analyse und Diagnose der Gegenwart der Französischen Revolution schlicht versagt: »Dennoch manifestiert sich in allem, wobei Goe thes programmatische Folgerichtigkeit außer Zweifel steht, ein profundes Missverstehen der französischen Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Allgemeinbedeutung. Wo ein Gesamtphänomen bürgerlicher und plebejischer Emanzipation zu konstatieren war, weigert sich Goe the, anderes sehen zu wollen als einen national-französischen Rückschlag auf das korrupte Königtum der Bourbonen.«894 Und kurz später: »Goe thes Verhältnis zum komplexen Vorgang der Französischen Revolution ist das einer negativen Dialektik. Darum misslingt die Farce vom Bürgergeneral; der Sozialkompromiss in den Aufgeregten ist so fragmentarisch, folglich so weit entfernt 893 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 40f. 894 Ebd., S. 42. 383 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer vom Verstehen der gesellschaftlichen Totalität, dass der Entwurf selbst fragmentarisch bleibt (…).«895 Im Zuge seiner Beschäftigung mit Schiller hatte Mayer dieses Urteil ebenfalls vorgebracht – und zwar bereits 1955.896 Für Goe the, den Dichter (für den Staatsmann ebenso, nach Mayer auch für den Naturwissenschaftler, den Harich im Jubiläumsjahr freilich in Schutz genommen hatte)897, bedeute das wiederholte Fehlurteil bei der Analyse der Gegenwart ein Scheitern der dichterischen Bewältigung des ja nicht Erkannten, sondern Verkannten.898 Es sei der »tiefste Widerspruch« in Goe thes politischer Philosophie gewesen, dass er die Französische Revolution ebenso wie die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung nicht als Teil der Emanzipationsbestrebungen der bürgerlichen Klasse zu deuten vermochte, gleichzeitig aber ein echter und deutlicher Kritiker der feudalabsolutistischen Zustände gewesen sei.899 In der Tat eine paradoxe Situation, die letztlich zu dem führte, was die marxistische Wissenschaft als bürgerlich-höfischen Kompromiss bezeichnet.900 Mayer hat die Konsequenzen aus diesen Überlegungen gezogen  – auch bzw. vielleicht sogar gerade weil sie ihn in Konflikt mit seinen ursprünglichen Positionen brachten, sein Hinausgehen über den modernen marxistischen Konsens von 1949 mehr als nur markieren. Eingangs unseres Buches war zu lesen, wie euphorisch Mayer den Besuch von Thomas Mann in Weimar beurteilt hatte. In Goe the. Ein Versuch über den E rfolg 895 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 43. 896 Die entsprechenden Anmerkungen wurden bereits wiedergegeben, siehe: Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 9-44. 897 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung, S. 179-232. Siehe: Mayer: Goethe. Ein Versuch über den Erfolg, S. 10-13. 898 »Wie immer: Auch der ernsthafteste Versuch einer dichterisch-dramatischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Revolution, nicht allein der französischen, bleibt unvollendet und wohl auch unvollendbar. Das innere Scheitern manifestiert sich diesmal auch als formaler Zusammenbruch. Geplant war eine Revolutionstrilogie, dann ein einziges Drama, das fragmentarisch bleibt. Goethes Auseinandersetzung mit der Revolution misslingt wegen einer Begrenzung der Reflexion auf Immanenz und Negativität. Der bürgerliche Aufklärer Goe the bekommt Dialektik der Aufklärung zu spüren: Das Phänomen verweigert sich einem Denken und Handeln, das lediglich auf den höfisch-bürgerlichen Kompromiss ausgeht, nicht jedoch auf Machtergreifung.« Ebd., S. 44. 899 Siehe: Ebd., S. 50f. 900 Hierzu: Ebd., S. 63. 384 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge erinnerte er dann an die Rede Manns von 1932, in der dieser Goe the als einen Repräsentanten des bürgerlichen Zeitalters dargestellt hatte. Eine Überlegung, die, 1949 wiederholt, mit den Positionen von Mayer, Lukács, Harich, Bloch, Rilla und vielen anderen kompatibel war. Nun allerdings kamen Mayer Zweifel, berechtigter Art, die er wie folgt formulierte: »Da jedoch im geschichtlichen Zusammenhang die Reformation wie die Revolution als Phasen des bürgerlichen Emanzipationsprozesses gedeutet werden müssen, auch von Hegel und Hölderlin, vorher von Lessing, später von Heine so interpretiert wurden (um sämtliche Zeitgenossen von Goe the zu benennen), wird gegen Thomas Mann die Antithese gestellt werden dürfen, Goe the sei, seit dem Scheitern seines bürgerlichen Emanzipationswirkens im ersten Weimarer Jahrzehnt, seit Tasso und Italien, immer folgerichtiger einen Weg gegangen, der ihn seiner bürgerlichen Klasse entfremdete. Kein Repräsentant der Bürgerlichkeit, aber auch kein Märtyrer der bürgerlichen Verkennung.«901 Hans Mayers geistige Entwicklung ist ein hochinteressanter Prozess, der, trotz aller Opportunismen und Eitelkeiten, wirklich als intellektuelle Emanzipation verstanden werden sollte. Es wurde bereits deutlich, dass er in den vierziger Jahren wie so viele andere im Bann von Georg Lukács stand, sich dann, sicherlich auch durch die Leipziger Nähe vermittelt, an Ernst Bloch annäherte, von Lukács abrückte. Der kurze Seitenblick auf Schiller (in dem entsprechenden Kapitel dieser Arbeit) zeigte bereits, wie umfassend Mayer in Goe the. Ein Versuch über den Erfolg sich von Lukács mehr als nur abnabelte. Ein durchaus auch opportunistisch brauchbarer Vorgang, lobten doch Gysi und Goldammer in den frühen sechziger 901 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 63f. Und weiter: »Wenn dagegen Goe the selbst die jeweilige Hauptaufgabe als ‚Forderung des Tages‘ formulierte, so handelte er selbst weit weniger danach, als die meisten seiner ‚lieben Deutschen‘, von anderen Menschen des bürgerlichen Zeitalters außerhalb deutscher Grenzen zu schweigen. An diesem Zwiespalt zerbrach schließlich auch der Bund mit Schiller.« (Ebd., S. 64) Zu ergänzen wäre sicherlich noch die wirklich bösartige Behandlung Herders in Weimar, auf die Harich mehrfach aufmerksam machte. In seiner Dissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft ebenso wie in der großen Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung. 385 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Jahren Mayers Lukács-Kritik sogar von offizieller Parteiseite.902 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es direkt gegen Lukács gerichtet war, wenn Mayer bei Fokussierung der widerspruchsvollen Persönlichkeit (in Theorie und den diversen Praxen) Goe thes formulierte: »Mit dem konventionellen Schema von Fortschritt und Dekadenz ist alledem nicht beizukommen. Man könnte die Gegenformel wagen, dass Goe the, tief verstört durch den deutschen Alltag nach den französischen Ereignissen von 1792, für sich eine singuläre Allianz herzustellen bemüht war zwischen der Vergangenheit und der Zukunft: Unter Aussparung der jeweiligen Gegenwart.«903 Es ist ein spannender Goe the, den Mayer uns präsentiert und der weitaus stärker noch ein »linker« Goe the zu sein scheint – in seiner visionären Arbeit für ein besseres Morgen. Die er übrigens, darauf wies Mayer hin, als Teil der bürgerlichen Klasse leistete: »Alles oszilliert zwischen gestern und morgen. Goe the hat den Begriff der Weltliteratur, das Wort dazu, gefunden: Zu einem geschichtlichen Zeitpunkt, da sich in Europa die neuen und jungen Nationalliteraturen langsam erst emanzipierten, da sich auch in Deutschland, dank den Romantikern, nicht zuletzt dank Goe thes und Herders einstiger Sorge um deutsche Art und Kunst, das politische Einigungs- und Liberalisierungsstreben an den Gedanken einer deutschen Nationalkultur fixiert hatte, wodurch – vielleicht – später auch die reale deutsche Nationalkultur geschaffen werden könnte. Historisches Programm einer Revolution von 1848/1849, die scheitern sollte.«904 902 Die entsprechenden Briefpassagen wurden am Anfang dieses Kapitels wiedergegeben. Was Gysi und Goldammer störte, war ja nicht die Kritik von Mayer an Lukács, sondern dass dieser überhaupt über den ungarischen Philosophen sprach. 903 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den E rfolg, S. 99. Weiter heißt es dann: »Seine tiefe Einsamkeit, die keinen Gesprächspartner mehr hatte oder zuließ, da so viele ins Gespräch gezogen werden konnten, gab ihm erstaunliche Visionen einer Welt von morgen und übermorgen. Bei Goe the wird bereits vom Suezkanal und vom Panamakanal spekuliert, erst recht vom Rhein-Donau-Kanal, auch von Problemen eines modernen Verkehrswesens. Andererseits wird die monarchische Hierarchie, mit einem Karl August an der Spitze, es darf aber auch ein Ludwig von Bayerland sein, oder ein guter Kaiser Franz, gegen alle denkerischen, erst recht praktischen Umsturzversuche heftig verteidigt.« (Ebd.) 904 Ebd., S. 100. 386 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Dem quasi offiziell gemachten Bruch mit Lukács korrespondiert, was nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein muss, die Adaption von dessen Thesen. Das haben viele übersehen, die Mayers Behauptungen widerspruchslos und ohne eigene Lektüreerfahrungen einfach glaubten. So zum Beispiel Wolfram Schütte, der es als Leistung ansah, dass Mayer Goe the vom »klassizistischen Putz (bürgerlicher oder Lukácsscher Observanz) gereinigt« habe.905 Doch davon kann, wie gesehen, keine Rede sein. Der plakativen Kritik an Lukács korrespondierte die klammheimliche Übernahme von dessen Thesen im angeblich neuen, doch immer noch sehr alten Gewand. Durchaus präziser sah da Peter Demetz, der schrieb: »Mayer bewundert auch dort, wo ihm das theoretische Erkenntnisvermögen noch Einhalt gebietet; energischer als Georg Lukács hat er sich (ein Conoisseur vom guten alten Schlag) freigehalten von den ‚Einseitigkeiten der apriorischen Konstruktion‘ (…).«906 Eine wichtige Bemerkung, denn sie zielt auf zweierlei. Zum einen auf die bei Lukács ja tatsächlich so manche Rezeption versperrende, mitunter grobschlächtig anmutende Einteilung von Literatur, Kultur, Philosophie in Fortschritt oder Reaktion, in Realismus oder Überflüssiges (die Mayer, wie gerade gesehen, zu Recht kritisierte), zum anderen aber verweist sie darauf, dass man, wenn man Lukács folgt, dies tat Mayer ja ebenfalls, trotz der brutalen Scheidungen im Ergebnis Wahrheit finden kann. Und diese ist allemal erhaltenswert, egal wie sie entstand. Der Eigenwert gegenüber dem ungarischen Philosophen sollte herausgestellt werden, was dieser gesagt hatte schien Mayer, trotz den von ihm georteten Verzerrungen, noch allemal präsentierenswert. Selbstverständlich als originaler Mayer: »Goe the erkannte, gleich in ihren Anfängen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung des Kapitalismus als ambivalentes Prinzip, welches allen produktiven Ganzheitsdilettantismus, nach Art des Goe theschen, durch hochspezialisierte Einzelkenner ersetzt, denen sich jedoch das gesellschaftliche Ganze, samt seiner Gesetzlichkeit, als ein angeblich Undurchschaubares entfremdet hat. (…) So entsteht ein neuer dialektischer Widerspruch. Goe thes geistige Vorwegnahmen kündigen 905 Schütte: Kein Repräsentant bürgerlichen Zeitalters, S. 162. 906 Demetz: Politik im Spiegel der Literatur, S. 145. 387 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer die vollständige Ausbildung der Entwicklungstendenzen dieser Gesellschaft bereits in ihren Anfängen an. Gleichzeitig jedoch erhofft sich der alte Mann davon eine Überwindung der Entfremdungen, nicht deren maximale Steigerung. Goe the deutet die Tendenzen der Bourgeoisie als Überwindung der provinziellen bürgerlichen deutschen Enge, womit er recht behält (…). Andererseits erwartet er sich, worin er Unrecht hat, von einer voll ausgebildeten Bourgeoisie die Überwindung des individualistischen Egoismus zu Gunsten einer gesamtheitlichen Solidarität, was einer Selbstaufhebung dieser Sozietät gleichkäme.«907 Diese Widersprüche hätten das Alterswerk von Goe the geprägt. Allem voran natürlich den Faust und den Wilhelm Meister. Auch an dieser Stelle suchte Mayer die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit und mit dem Theoriegebäude des Marxismus. Zwei Zitate können, die Betrachtungen abschließend, anzeigen, in welcher Art und Weise und mit welchen Argumenten Mayer die Debatte mit dem marxistischen Goe the- Bild seiner eigenen akademischen Jugend führte. Zuerst die theoretische Ebene: »Wenn Leben jedoch bereits als solches den erfüllten Augenblick garantiert, so ist Goe the weit davon entfernt, die Blindenvisionen des sterbenden Faust samt freiem Grund und Volk zu übernehmen. Faust missversteht das Werk der Lemuren, die Vergangenheit begraben sollen, als Praxis der Zukunft. Man hat es ihm geglaubt: Allen Warnungen in Goe thes Text zum Trotz. In den Wanderjahren verfiel Goe the selbst einer Utopie der Praxis. In Faust II hält er auch dazu die Distanz der Ironie. Was immer Faust unternahm, es war vom Augenblick des Paktes an absurd: unlösbare Hybris. Erfüllte Augenblicke erlebte Faust vor der Begegnung mit dem Teufel. Das erkennt er einen Augenblick lang: Als die Sorge erscheint und er Magie von seinem Pfad entfernen möchte. Dann trifft den Blinden neue Verblendung. So stirbt er.«908 Es folgt, als direkte Anwendung auf die Praxis der DDR, als Mahnung an die eigene Gegenwart, als Erinnerung an die gegebenen Versprechen der marxistischen Lehre: »Das Wort vom Nationalen Kulturerbe hilft nicht und niemand. Eine Formel mit lauter Unbekannten: National, Kul- 907 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 101f. 908 Ebd., S. 107. 388 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge tur, Erbe. Die Vision des blinden Faust vom freien Volk auf freiem Grund ist nicht Wirklichkeit geworden. Überdies wurde der Sterbende irregeführt durch die Lemuren, genarrt vom teuflischen Vertragspartner. Goethes sehr konkrete Utopien sind es geblieben; sein antizipierender Geist sah Möglichkeiten, die nicht zur Wirklichkeit werden konnten. Das ist Goe the nicht anzulasten, sondern entsprang den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft zur Goe thezeit, welche die heterogenen Tendenzen gleichzeitig produzierte und ausbildete (…). Sie sind geblieben, diese Widersprüche.«909 Mit deutlicheren Worten gingen in diesen Jahren nicht allzu viele von einem »linken« Standpunkt aus vor gegen den Anspruch der DDR, Goe the beerbt zu haben, in dessen progressiver, humanistischer Tradition zu stehen, gar dessen Visionen einzulösen. Für die DDR war diese Diagnose um so schlimmer, da gerade Johannes R. Becher dafür gesorgt hatte, dass Mayer eine der Schlüsselfiguren der DDR-Erbe-Politik der jungen Republik war. Elmar Faber schrieb über die Jahre vor 1956: »Die persönliche Zuneigung abgerechnet (durch Becher, AH), wurde Mayer zu sehr für die Beschwörung eines einheitlichen deutschen Kulturbegriffs gebraucht, den man damals noch ehrlichen Herzens wollte und dem man auch mit literarischem Austausch das Wort zu reden hoffte.«910 Volker Caysa hat diese Art des Denkens bereits in Hans Mayers DDR-Jugendschriften ausgemacht, in dessen verschiedenen Wortmeldungen zu Georg Lukács zwischen 1948/1949 und 1955, also vom Dank an Georg Lukács bis zum Beitrag in der Festschrift.911 Grund der Auseinandersetzung, auch dies ist keine Überraschung, ist Thomas Mann und die Suche nach einem neuen demokratischen Deutschland, nach einem deutschen Citoyen. (Diese Suche nach dem deutschen Citoyen sah Caysa als eines der Leitmotive im Denken von Thomas Mann, Bloch, Lukács und Mayer.)912 Er schrieb: »Es wäre ein schwerer Irrtum anzunehmen, dass Lukács meinte, und Hans Mayer schließt sich auch in dieser Frage Lukács an, mit der Gründung der DDR sei dieses Programm einer ande- 909 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 122. 910 Faber: Hans Mayer und der Aufbau-Verlag, S. 54. 911 Mayer: Dank an Georg Lukács, S. 218-225. Mayer: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, S. 160-172. 912 Caysa: »Auf der Suche nach dem Bürger«, S. 52. 389 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer ren, deutschen demokratischen Republik eingelöst worden. Sein Alterswerk beweist das Gegenteil.«913 Schon früh also Zweifel und Skepsis. Es ist mindestens zu diskutieren, ob Caysa mit dieser Einschätzung richtig trifft, die Goe the-Beiträge (und auch die Wortmeldungen zu Schiller sowie so manch andere Arbeit im Dienst und Auftrag der Partei) Mayers zumindest zeigen diese Distanz (von 1949 bis 1955) zur jungen DDR nicht an. Ganz im Gegenteil, wir haben den Nachweis ja durchaus detailliert erbracht. Und wenn Caysa Recht hätte, dann wäre dies auch nicht viel besser, denn dann würde sich noch die Kritik von Mayer an Lukács und der DDR, die miteinander verwoben ist und nicht getrennt zufällig neben einander steht, als Erbteil Lukács’ entpuppen. Am bedauerlichsten aber ist, dass Mayer (wie Bloch) die DDR verlassen musste, um zu einer Kritik an dieser zu kommen. Solche Mutlosigkeit ist kein Erbteil des Sozialismus, Marxisten sollen und müssen anders handeln. Der kleinen Monographie Goe the. Ein Versuch über den Erfolg ist der Aufsatz Goe the, Hegel und das neunz ehnte Jahrhundert angehängt, beigegeben, der im Folgenden zu betrachten ist, da er in den Kern der hier zur Debatte stehenden marxistischen Positionierung zu Goe the verweist. Wann genau der Aufsatz geschrieben wurde, hat Mayer (in dem kleinen erklärenden Nachtrag) nicht angemerkt. Erschienen ist er wie das Buch 1973. Auf einen ähnlichen zeitlichen Entstehungskontext verweisen die entwickelten Thesen ebenso wie die auch im Aufsatz vorhandene Kritik an Lukács.914 Mayers Analyse von Goe the und Hegel setzt mit dem Erfolg der »Modephilosophie« Schopenhauers ein (siehe auch die entsprechenden Wortmeldungen von Lukács, Harich, Bloch zu diesem Topos) und macht neben dem »toten Hund Hegel« auch für Goe the eine Geschichte des Vergessens, der Verfälschung, der Missdeutung aus.915 (Zur zeitlich parallelen Rezeption Schillers siehe die Rede Das Ideal und das Leben Mayers von 1955, auf die bereits verwiesen wurde.) Ludwig Börne sprach schon früh, Mayer erinnerte daran, vom »gereimten und vom ungereimten 913 Caysa: »Auf der Suche nach dem Bürger«, S. 51. 914 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, z. B. S. 160. 915 So Mayer bereits in seiner Leipziger Antrittsvorlesung: Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 390 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Knecht«. Womit gemeint war, dass beide, der Dichter und der Philosoph, gesenkten Ganges in der Zentrale der Macht endeten, und nicht aufrechten Hauptes an der Spitze der bürgerlichen Bewegung. Schon die Zeitgenossen, so Mayer, pflegten »den Philosophieprofessor zu Berlin und den Großherzoglich-Weimarischen Geheimen Rat in einem Atem zu nennen: Den allen Idealen seiner Jugend offenbar abschwörenden Höfling eines kleinen thüringischen Fürsten und den Staatsideologen des Königs von Preußen.«916 Zwar sei Goe the nicht vollständig vergessen worden wie Hegel. Aber auch sein Ruhm wäre brüchig gewesen, spärlich, beruhend auf einem Missverständnis. Im Prinzip ein vergleichbarer Prozess zur Missdeutung der Dialektik Hegels. (Der dritte, der diesem Bund hinzuzusetzen sei, wäre Ludwig van Beethoven, dem es ebenfalls nicht viel besser erging als Goe the und Hegel.)917 »Der vergessenen Hegel und der missverstandene Goe the. Will es nicht scheinen, als habe dieser Vorgang mit der Zurücknahme bürgerlicher Aufklärung durch das nachrevolutionäre Bürgertum seit 1850 zu tun, dem seine eigenen Frühformen – bei Goe the wie bei Hegel – fremd und unheimlich geworden waren. Zurücknahme bedeutet 916 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 162. Weiter: »Nach Goethes und Hegels Tod scheint kein Halten mehr zu sein. Die Hegel-Schule freilich ist für mehr als ein Jahrzehnt beschäftigt mit dem Diadochenstreit, hinter dem sich die Tatsache verbirgt, dass hier um die Nachfolge eines Mannes gestritten wird, an den so recht keiner mehr glaubt. Mit Goe the werden noch weniger Umstände gemacht. Der Faust II, als er postum als Ergänzungsband zur Ausgabe Letzter Hand gedruckt wird, erregt die entzückte Bewunderung einiger Philologen und spekulativer Philosophen aus Hegels Schule, allein der allgemeine Eindruck bei den Lesern ist Befremden und Langeweile.« 917 Siehe: Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 166ff. Johannes R. Becher hatte in seiner Rede zum Schiller-Jubiläum 1955 gesagt: »In dieser Symphonie (die 9., AH) ist Beethoven gleichsam neben Goe the und Schiller hingetreten und hat mit diesen beiden Genien ein Bündnis geschlossen im Zeichen der Freiheit, zum Ruhme unserer Nation. Ein Volk, das ein Dreigestirn solcher Genien sein eigen nennt, ist zu Hohem berufen – und wie viele andere Leuchtfeuer brennen noch an unserem Himmel! Zugleich aber ist auch eine schwere Bürde uns auferlegt, dieses Licht immer wieder von neuem zu entzünden und es weiterzutragen und, neue Errungenschaften hervorbringend, das Andenken der Meister lebendig zu erhalten und ihnen nachzufolgen.« Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 367. 391 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer den Übergang von der Evolution zur Restauration, von bewegtem zu beharrendem Denken.«918 Diese Entwicklung des 19. Jahrhunderts hat Mayer, das klang schon durch, als »große Zurücknahme« charakterisiert. Ein Ausdruck, der, verbunden mit einigen leichten Bauchschmerzen, auch die Zustimmung von Lukács, Bloch und Harich erhalten hätte. »Genau das ist gemeint: Hegels auf die Vernunft gegründetes System, das sich als dialektische Entwicklung des Geistes präsentiert, und Fausts Suche nach dem erfüllten Augenblick.«919 Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts brauchte einen eigenen Goe the und, wenn überhaupt, einen eigenen Hegel. Den »linken Hegel«, Dialektik, Entwicklungsgesetzlichkeit, Vernunft, hatten Marx und Engels in den Marxismus integriert, mit den zurückgebliebenen Resten arbeitete nun ein vor Arbeiterbewegung und Revolution zurückschreckendes Bürgertum – auf dem Weg in die Arme der Restauration und damit auf die Schlachtfelder der beiden Weltkriege. (Erinnert sei, was Hegels Vermächtnis im 19. Jahrhundert angeht, nur an die merkwürdige Rolle und Entwicklung, die die Junghegelianer nach dem Ausscheiden Marx’ aus den Berliner Kreisen spielten.) Mayer beschäftigt sich ebenfalls, da werden wir sofort hellhörig, mit dem Versuch, »zwischen Goe thes Faust-Konzept und Hegels System-Entwurf eine Affinität zu konstruieren«.920 Als Kronzeugen seiner Ausführungen nennt er Bloch und dessen Ausführungen im zweiten Teil des Prinzip Hoffnung, er unterschlägt also den Aufsatz Blochs in den Neuen Ufern sowie die entsprechenden Notate von Lukács.921 Und es ist mehr als Bloch, es ist tatsächlich auch Lukács, wenn Mayer die Phänomenologie als große Fahrt begreift – zum reinen Wissen oder zum absoluten Geist. »Ein Reisemotiv ist damit gegeben. Der Geist begibt sich auf Wanderschaft, durchzieht Etappen, die sich als Stationen auf seinem Wege zum Selbstbewusstsein darstellen. Ein faustischer Weg also, wie nicht zu verkennen ist. Mit dem Unterschied freilich, dass ihn kein Einzelner zurücklegt, sondern der Geist oder die Vernunft. Mit der Differenz überdies, dass für Hegel 918 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 178. 919 Ebd., S. 168. 920 Ebd., S. 169. 921 Ebd., S. 170. So auch in: Mayer: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 359-427. 392 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge das Ergebnis von vornherein feststeht.«922 Gipfelpunkt der Philosophie Hegels, um im Bild zu bleiben  – das Ende der Reise, ist der absolute Geist (oder das reine Wissen). Dieser Begriff des Absoluten, so Mayer zutreffend, wurde jenes denkerische Element, über das Goe the und Hegel zueinander fanden. Eine Annäherung, die Hegel von Anfang an sich erhofft habe. Die Berufung auf Goe the, die Herausstellung der Analogien zu Goe the sei von ihm bewusst initiiert gewesen, ermöglicht freilich durch einen »Zitierunfug«. Mit den Worten Mayers: »Was der Philosoph hier an Zitierunfug treibt, ist ein bisschen arg: Brutal abgeänderte Zitate, noch dazu ineinander montiert in einer Weise, die dem Ursprungsort der Zitate jäh entfremdet wurde. Hegel pflegte oft so zu verfahren. Philologische Skrupel störten ihn nicht. Es kam darauf an, durch den Dichterspruch den eigenen komplexen Gedankenvorgang sinnfälliger zu machen.«923 Schon Lukács hatte 1935 mit Blick auf Hegels Anleihen bei Schiller gesprochen von: »Wie bei Hegel stets, falsch zitierten Versen.«924 Doch gerade dort, wo Hegel zur Dialektik vorstoße (bei dem Versuch der philosophischen Vermessung dieses Prozesses zielte Mayer immer deutlich daneben), zeige sich, dass die Berufung auf Faust zu Recht bestehe: »Das Faust-Motiv in der Phänomenologie des Geistes offenbart sich mithin nicht bloß im stationenhaften Aufbau des Hegelschen Philosophierens und des Goe theschen ‚Heldenlebens‘, sondern auch in der doppelten Suche nach dem Verweile doch, du bist so schön.«925 Der Ausgangspunkt Hegels wäre ein »gleichsam überpersonaler Faust«, der die geschilderte Entwicklung in der Phänomenologie durchlaufe. Es sei aus dem Gesagten zu folgern: »Die Parallelität zwischen Hegels großem Frühwerk und Goe thes Faust-Konzeption des I. Teiles, vom Dichter selbst unbemerkt, vom Philosophen sorgfältig und bewusst herausgearbeitet, reicht weit hinaus über die Wahlverwandtschaft zweier großer Gestalten der deutschen Geschichte und Kulturgeschichte, Goe thes Faust und die Grundzüge des Hegel-Systems sind auch in einem historischen und gesellschaftlichen 922 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 169f. 923 Ebd., S. 172. 924 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 34. 925 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 173. 393 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer Verstande miteinander verknüpft, so dass ihre Zusammenschau durch die Zeitgenossen und die doppelte Ablehnung durch die Nachwelt hieraus eben erklärt werden muss.«926 Denn gerade Hegels Philosophie präsentiere sich als die Vollendung der europäischen Aufklärung, die Phänomenologie des G eistes wäre ein Werk der Aufklärung – ziele sie doch auf die Verwirklichung der Vernunft in der Welt. Eben dies bedinge »das immense Interesse der Marxisten, von Marx bis Brecht, an diesem Hegel-Ansatz des europäischen Denkens«.927 (Lukács und Harich fehlen hier und im dazugehörigen Kontext, wir notieren es nur.) Ähnliches gelte für Goe the. »Der Teufelspakt enthüllte auch für Faust jene dialektische Verknüpfung, die Hegel, als er das faustische Bewusstsein bei seiner Ausfahrt in die Welt darzustellen hatte, unter die Doppelbegriffe von Lust und Notwendigkeit stellte.«928 Faust, so spitzt Mayer seine Argumentation zu, sei bis zum Schluss getragen von den bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen des 18. Jahrhunderts, seine Dynamik gewinne die Faust-Figur durch die Kontrastierung mit der neuen und veränderten Umwelt.929 Goe thes Zeitgenossen hätte dies zutiefst befremdet – die nachrevolutionäre Existenz der Aufklärung ebenso wie die tiefe Ironie. Auch wenn Hegel lange Jahre nach Goe the suchte, die beiden eigentlich erst 1827 zueinander fanden, so sei die dann zu Tage getretene Übereinstimmung, verschiedenen kleineren und größeren Divergenzen zum Trotz,930 letztlich auch von einer Totalität gewesen, die ins Innerste beider reichte. So dass Mayer seine Überlegungen durchaus zutreffend mit der 926 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 174f. 927 Ebd., S. 176. 928 Ebd. 929 Vor allem: Ebd., S. 177ff. 930 »Es war also im letzten, in wichtigster Frage, doch nur eine scheinbare Übereinstimmung, wenn Hegel an Goe thes Tisch in Weimar, am 18. Oktober 1827, die Dialektik als den ‚methodisch ausgebildeten Widerspruchsgeist‘ bezeichnete, ‚der jedem Menschen innewohne‘, worauf Goe the, tief berührt von mancher Gemeinschaftlichkeit des Strebens, doch sogleich den Rückhalt bei der Natur zu suchen beschloss. Der Widerspruchsgeist in Hegels Fassung blieb, vom Menschen aus gesehen, passives Erleben und Erkennen. Goe the aber sah die Dialektik des Widerspruchs als schöpferisches Prinzip der Veränderung durch den Menschen, als Einheit aus Erkennen und Wirken.« (Ebd., S. 184f.) 394 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Bemerkung abschließt: »Hegel trat in Goe thes Leben erst spät, für wenige erfüllte Augenblicke. Doch ihre Affinität wurzelte, als jener Augenblick der Selbsterkenntnis gekommen war, vielleicht tiefer, als dies je zwischen Schiller und Goe the der Fall gewesen war.«931 931 Mayer: Goe the, Hegel und das neunzehnte Jahrhundert, S. 185. Werbeanzeige in der »Täglichen Rundschau«, 1949 395 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe Wir sind durch die Geschichte geeilt, den Jahren und Ereignissen auf der Spur. Das Goe the-Jubiläum 1949 und die damit zusammenhängende Herausbildung eines modernen marxistischen Goe the-Bildes, vorbereitet vor allem durch die frühen Arbeiten von Lukács, war der Auftakt dieses Buches. Die Geschichte in ihrer Brutalität musste in einem nächsten Schritt beleuchtet werden. Das Jahr 1956 brachte Umbruch, Einbruch, Einschnitt. In den sechziger Jahren kehrten Lukács, Bloch und Mayer aber zu Goe the, zu ihrem jeweiligen Goe the zurück. Es müsste nun noch Harichs Goe the-Bild und sein Verständnis von Kunst und Kultur aus den Jahren und Jahrzehnten nach seiner Haftentlassung rekonstruiert werden. Wichtige Anhaltspunkte dafür liegen vor: Die Freundschaft zu Lukács, die Bejahung des sozialistischen Erbes, die intensive Debatte beispielsweise um und mit Heinrich Heine. Nach seiner Haftentlassung begann Harich sofort mit der erneuten Arbeit an jenen Themen, die ihn vor 1956 beschäftigt hatten. Es ging um Hegel, natürlich, später trat Feuerbach hinzu, das Manuskript Widerspruch und Widerstreit entstand mit dem Ansatz einer Vermessung der idealistischen Philosophie. Harichs erste eigenständige Monographie nach der Entlassung war seine Abrechnung mit den Neo-Anarchisten der 68er-Bewegung in Zur Kritik der r evolutionären Ungeduld (erschienen 1971). Das Buch war, neben vielem anderen, ein klares Bekenntnis zum Marxismus. 1975

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.