16. Schwerwiegende BudapesterNotizen – Georg Lukács in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 337 - 362

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-337

Tectum, Baden-Baden
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337 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Wenn die dicken und schweren Bände des Alterswerkes von Lukács (die im wahrsten Sinn der Bemerkung als »Waffen« im Kampf gegen die bürgerlichen Wissenschaften dienen können, etwa als Wurfgeschosse oder zum Barrikadenbau) auf ihren Inhalt und ihre Thesen hin überprüft werden, so wird dem Leser sehr schnell deutlich, dass sie Zusammenfassung, Zusammenführung des Bisherigen unter großen, allgemeinen, übergreifenden Gesichtspunkten sind. Dies trifft zu auf die Ontologie, erst recht auf Die Eigenart des Ä sthetischen, nicht zuletzt auf die Arbeit an der Gesamtausgabe durch neue Vorworte, Versuche der Einordnung, Bewertung des Vergangenen. (Manches Neue kam natürlich auch hinzu, hervorzuheben sind dabei besonders die Elemente einer Neubestimmung des real existierenden Sozialismus, genannt sei nur die posthume Edition von Sozialismus und Demokratisierung – begleitet von verschiedenen, die Vergangenheit aufarbeitenden Interviews Lukács’.) Die Eigenart des Ästhetischen (»eine der bedeutendsten großen systematischen Ästhetiken seit Hegel und Friedrich Th. Vischer«)785, erschienen 1963, ist dergestalt eine Gesamtschau der ästhetischen Vermessungen Lukács’ – begonnen gleichsam am Anfang des Jahrhunderts, dessen Mitte der ungarische Philosoph als Marxist durchschritten hatte. Die Verwirkli- 785 Bahr: Georg Lukács, S. 78. 338 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge chung eines/des »Jugendtraums«.786 Im Vorwort formulierte Lukács: »Ich begann als Literaturkritiker und Essayist, der in den Ästhetiken Kants, später Hegels theoretische Stütze suchte. Im Winter 1911/1912 entstand in Florenz der erste Plan einer selbständigen systematischen Ästhetik, an deren Ausarbeitung ich mich in den Jahren 1912-1914 in Heidelberg machte. Ich denke noch immer mit Dankbarkeit an das wohlwollend-kritische Interesse, das Ernst Bloch, Emil Lask und vor allem Max Weber meinem Versuch gegenüber zeigten. Er ist vollständig gescheitert. Und wenn ich hier leidenschaftlich gegen den philosophischen Idealismus auftrete, so ist diese Kritik auch gegen meine eigenen Jugendtendenzen gerichtet. Äu- ßerlich gesehen, unterbrach der Kriegsausbruch diese Arbeit. Schon die Theorie des Romans, entstanden im ersten Kriegsjahr, richtet sich mehr auf geschichtsphilosophische Probleme, für welche die ästhetischen nur Symptome, Signale sein sollten. Dann traten Ethik, Geschichte, Ökonomie immer stärker in den Mittelpunkt meiner Interessen. Ich wurde Marxist, und das Jahrzehnt meiner aktiven politischen Tätigkeit ist zugleich die Periode einer inneren Auseinandersetzung mit dem Marxismus, die seiner wirklichen Aneignung. Als ich – um 1930 – mich wieder der intensiven Beschäftigung mit künstlerischen Problemen zuwandte, stand eine systematische Ästhetik nur als sehr ferne Perspektive an meinem Horizont. Erst zwei Jahrzehnte später, Anfang der fünfziger Jahre, konnte ich daran denken, mit ganz anderer Weltanschauung und Methode an die Verwirklichung meines Jugendtraums heranzutreten und ihn mit völlig anderen Inhalten, mit radikal entgegengesetzten Methoden auszuführen.«787 Rüdiger Dannemann, einer der Lukács-Forscher unserer Tage, der sich freilich zu oft in alten ideologischen Debatten verstrickt, der bedauerlicherweise das Jahrzehnt von »Lukács in der DDR« fast systematisch verschweigt, ignoriert, setzte sich damit auseinander, warum Lukács Anlauf um Anlauf unternehmen musste, um endlich zu seiner Ästhetik durchzubrechen: »Dass es Jahrzehnte dauert, bis Lukács zur Fertigstellung einer systematischen Ästhetik gelangt, hat unterschiedliche Gründe. Entscheidend sind wohl zwei Faktoren: Lukács befindet sich nach der 786 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 839. 787 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 25. 339 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Verabschiedung der utopischen Philosopheme der zwanziger Jahre in einer Orientierungskrise. Es dauert lange, bis er mit seinem Buch über den Jungen Hegel, schließlich dann mit der Ontologie seine philosophischen Grundlagen neu zu formulieren vermag. Der Weg zu Marx, wie Lukács seine Denkbewegung übertrieben bescheiden, auch irreführend nennt, wird erschwert durch die Zeitabläufe und die Verstrickungen in sie. Stalinismus und Faschismus werfen die radikale Philosophie der Weimarer Republik weit zurück. Anders als Adorno, Brecht oder Bloch betrifft den engagierten Kommunisten Lukács die Zerstörung einer theoretischen Öffentlichkeit in der kommunistischen Internationale unmittelbar. Erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU findet er Gelegenheit, seinen Traum einer systematischen Ästhetik zu verwirklichen. Ironischerweise fördert die erzwungene Isolation nach dem Ungarn-Aufstand die Arbeit an der Eigenart des Ästhetischen nicht unerheblich.«788 Wer in der Eigenart des Ästhetischen ein selbstständiges Goe the-Kapitel sucht, sieht sich enttäuscht. Dass es fehlt, ist (neben der systematischmeta theoretischen Ausrichtung) nicht damit zu begründen, dass Goethe keine Rolle mehr spielte für Lukács. Ganz im Gegenteil ist er neben Marx und Engels zur unumschränkten Autorität geworden. Wann immer Lukács etwas illustrieren, vertiefen, durch Querverweise absichern wollte – ein Goe the-Zitat erledigte diese Arbeit für ihn, durch ihn. Tiefer kann ein Verständnis von und die Liebe zu Goe the nicht greifen. Hans Mayer brachte das auf die Formel: »Der Goe theanismus von Lukács ist größer als derjenige von Goe the.«789 Und ein weiteres ist das Werk: »Es ist der große Versuch, Hegel noch einmal für die Ästhetik nutzbar zu machen.«790 Erneut stehen also Hegel und Goe the nebeneinander, ergänzten sich, werden interpretiert, nutzbar gemacht als Ausdruck analoger Tendenzen im Denken und Fühlen der bürgerlichen Gesellschaft. Lukács selbst nannte Aristoteles, Goe the und Hegel als Ahnherren seiner theoretischen Kon- 788 Dannemann: Georg Lukács, S. 32 789 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den E rfolg, S. 81. Ehrhard Bahr schrieb analog, dass Lukács »Goe thescher gewesen sei als der historische Goe the«. Bahr: Lukács’ »Goe theanismus«, S. 94. 790 Raddatz: Lukács, S. 110. 340 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge zeption, daneben noch Epikur, Bacon, Hobbes, Spinoza, Vico, Diderot, Lessing und die revolutionären russischen Denker.791 George Lichtheim hatte in seiner Analyse die Kontinuitäten der Eigenart des Ästhetischen, ihr gleichsam evolutionäres Emporringen aus den Ursprüngen von Lukács’ frühen Schriften betont. Die zentrale Neuerung des großen Werkes sah er in der Art und Weise, wie Lukács nun seine Theorien präsentierte. Ein Bruch, der 1956 von außen herbeigeführt worden war, der gleichzeitig aber Lukács auch darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er seinen Platz, seine Position der marxistischen Literaturgeschichte neu beziehen, ausgewählte frühere Stellungen verteidigen musste. Lichtheim zu Folge verbunden mit einer Neuakzentuierung des zur Debatte stehenden Themas. »Die ruhige, leidenschaftslose Diktion, die er wählte, stand in scharfem Gegensatz zu seinen Schriften in den fünfziger Jahren, wodurch sowohl eine Änderung im geistigen Klima als auch Lukács’ nunmehr klassisch gewordener Status innerhalb des von ihm bevorzugten Sektors angezeigt wurde; letzterer Umstand wurde durch häufige Zitierungen Goe thes hervorgehoben, dessen Olympierweise einem System ästhetischer Prinzipien, die größtenteils aus der Weimarer Klassik abgeleitet sind, angemessen war. Lukács hatte niemals versäumt, seine Leser darauf hinzuweisen, dass Goe the und Hegel Zeitgenossen waren und dass Hegel (wenn man sich auf seine eigenen Auslassungen zu diesem Thema verlässt) Goe thes Werk viel verdankte. Noch nie zuvor hatte er eine hegelianische Ästhetik in einem auf der Weimarer Klassik fußenden Vokabular entwickelt. Genau dies tat er dann 1963, wenn man zahlreiche Zitate von Marx und gelegentliche kurze Abstecher in den Leninismus außer acht lässt.«792 Es ist hier nicht der Platz, schon gar nicht der richtige Ort, um Die Eigenart des Ästhetischen in der ihr gebührenden Ausführlichkeit zu analysieren. (Was aus marxistischer ebenso wie aus bürgerlicher Perspektive 791 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 13f. »Die Liste der Autoren, denen ich mich für diese Arbeit, im Ganzen wie im Detail, verpflichtet fühle, ist damit noch lange nicht erschöpft.« (Ebd., S. 14) Diese Aufzählung war Konsens und Grundlage des Arbeitens von Lukács, Bloch und Harich, die sich alle drei, natürlich mit divergenten Schwerpunkten und Nuancierungen, mit diesen Denkern auseinandersetzten. 792 Lichtheim: Georg Lukács, S. 111. 341 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács immer noch zu leisten ist.) Hervorzuheben ist, dass Lukács tatsächlich eine marxistische Ästhetik vorgelegt hat (gerade der Aufbau versuche »eine möglichst richtige Anwendung des Marxismus auf die Probleme der Ästhetik«)793 – und zwar ausgehend von der Ästhetik Hegels. Diese enthalte zwar viele »Fragwürdigkeiten« und idealistische Verzerrungen, aber der »philosophische Universalismus ihrer Konzeption« sei »auf Dauer beispielgebend für den Entwurf einer jeden Ästhetik«.794 Der Erbantritt in Sachen Hegel, in Sachen Ästhetik war für Lukács also lebendig, Aufgabe und Herausforderung seiner veränderten Gegenwart. Das Erbe Hegels sei um so zentraler und wichtiger, da der Marxismus keine eigene Ästhetik habe. Auch die Analyse und Zusammenstellung der entsprechenden Passagen von Marx, Engels und Lenin könne diese Lücke nicht schließen: »Denn wäre in den gesammelten und systematisch geordneten Aussprüchen der Klassiker des Marxismus eine Ästhetik oder zumindest ihr perfektes Skelett bereits explizit enthalten, so wäre nichts anderes nötig als ein guter Verbindungstext, und die marxistische Ästhetik stünde fertig vor uns. Davon kann keine Rede sein! (…) Man steht also vor der paradoxen Situation, dass es eine marxistische Ästhetik gleichzeitig gibt und nicht gibt, dass sie durch selbständige Forschungen erobert, ja, geschaffen werden muss und dass das Resultat zugleich doch nur etwas der Idee nach Vorhandenes begrifflich darlegt und fixiert.«795 An diese, durchaus vernichtende Diagnose, schloss Lukács eine Abrechnung mit jenen Vulgärmarxisten, Dogmatikern, Sektierern an, die für die Starre und Dokumentgläubigkeit des Marxismus des 20. Jahrhunderts verantwortlich waren, die ihn und Bloch und viele andere geschmäht, Harich gar ins Zuchthaus gesteckt hatten: »Wer die Illusion hegt, mit Hilfe einer bloßen Marx-Interpretation die Wirklichkeit und zugleich damit Marxens Erfassen der Wirklichkeit gedanklich zu reproduzieren, muss beides verfehlen. Nur eine unbefangene Betrachtung der Wirklichkeit und ihrer 793 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 10. 794 Ebd., S. 8. Weiter: »Die aus dem objektiven Idealismus entspringenden Starrheiten der Hegelschen Systematisierung wurden durch den Marxismus richtig gestellt.« (Ebd., S. 9) 795 Ebd., S. 11. 342 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Aufarbeitung mittels der von Marx entdeckten Methode kann beides erringen: Treue zur Wirklichkeit und zugleich Treue zum Marxismus.«796 Die Sammlung und Analyse der Äußerungen der Klassiker sei also wichtig, enthebe den einzelnen Intellektuellen jedoch nicht der weiteren Arbeit. Es drohe schlicht das Sektierertum. Immerhin aber könne eine Zusammenstellung der Klassiker-Zitate zumindest deren Erbe-Verständnis aufzeigen. »Seit der geistvollen Studie von Michail Lifschitz über die Entwicklung der ästhetischen Anschauungen von Marx, seit seiner sorgfältigen Sammlung und Systematisierung der zerstreuten Aussprüche von Marx, Engels und Lenin über ästhetische Fragen kann kein Zweifel mehr über Zusammenhang und Kohärenz dieser Gedankengänge bestehen.«797 Der 1905 geborene Lifschitz gehörte zu den engen Freunden Lukács’ in dessen russischen Jahren. Seit 1929 war er am Marx-Engels-Institut, ein Jahr später traf er dort auf Lukács und die beiden diskutierten intensiv über ästhetische Probleme, Fragestellungen des Marxismus, wobei der russische dem ungarischen Philosophen die entsprechenden Thesen der »Klassiker« näher brachte. Schon einige Jahre zuvor, in einer Rede, die er am 15. Juli 1956 im Petöfi-Klub hielt, hatte Lukács die Sache analog umrissen. Wir haben in dem entsprechenden Kapitel bereits gesehen, dass er dort überaus deutlich formulierte, dass es noch »keine marxistische Logik, keine marxistische Ästhetik« usw. gebe, der Marxismus seit den Tagen Stalins also auf philosophischem Gebiet völlig versagt habe.798 Diese Probleme seien so zügig wie möglich zu beheben: »Das heißt natürlich nicht, dass wir diese Wissenschaften aus dem Nichts heraus aufbauen werden. Ohne die gro- ßen Arbeiten der Klassiker, ohne die Ausarbeitung unzähliger Fragen der von den Klassikern geschaffenen methodischen Grundlagen können wir keinen Schritt vorwärts gehen.«799 Der Dogmatiker würde an genau dieser Stelle stehen bleiben, doch ein solcher war Lukács gerade nicht. Ganz 796 Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 12. 797 Ebd., S. 11. Gemeint sind die Bücher: Marx/Engels: Über Kunst und Literatur. Lifschitz: Karl Marx und die Ästhetik. 798 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. Die entsprechenden Passagen wurden bereits wiedergegeben. 799 Ebd. 343 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács im Gegenteil. Erneut zeigt sich im Fortgang seiner Argumentation, dass Marx und Engels für ihn keine unumstößlichen Autoritäten, sondern, wie auch für Harich und Bloch, Diskussionspartner waren, denen er auf Augenhöhe begegnete. Die Beschäftigung mit den Klassikern dürfe kein reiner Selbstzweck sein, sondern müsse immer der Lösung der gerade aktuellen Probleme und Herausforderungen dienen. Zu diesen hätten Marx und Engels und viele andere gerade nicht die spezifische Antwort geliefert, eben wegen der Aktualität und Gegenwärtigkeit, aber zahlreiche methodische Hinweise, Denkanstöße, Traditionsgefüge. Marxismus sei die permanente Aufforderung zum Selbstdenken. Auch wenn man, wie Lukács gerade sagte, ohne die Klassiker »keinen Schritt vorwärts gehen« könne, so ist an dieser Aussage doch das Wichtigste das folgende »Aber«. Hören wir Lukács: »Aber das heißt nicht etwa, dass, wenn wir alle Äußerungen von Marx, Engels und Lenin über die Ästhetik sammeln (um über mein Fach zu sprechen) – dann in diesen Äußerungen bereits die ganze marxistische Ästhetik enthalten ist. Ohne diese Äußerungen können wir zwar keine Ästhetik schaffen, aber unsere Generation muss jetzt diese Wissenschaft der Ästhetik aufbauen. Dies gilt natürlich auch für die andere Wissenschaft. Dies darf, Genossen, auf niemanden entmutigend wirken. Im Gegenteil: Ich fühle tief, welche Verantwortung wir hier nicht nur vor den Proletariern aller Länder, sondern auch vor der ganzen Menschheit tragen.«800 Die Intentionen von Lifschitz (und auch Lukács) falsch verstehend schrieb Alfred Klein über Hans Mayers Denken der Mitte der fünfziger Jahre: »Er wollte ins Bewusstsein heben, dass Marx und Engels außer ihren prinzipiellen Äußerungen über das Sickingen-Drama von Ferdinand Lassalle nur fragmentarische Bemerkungen über Kunst und Literatur hinterlassen hatten und nicht etwa ein geschlossenes System unanfechtbarer ästhetischer Normen, wie es Michail Lifschitz und Georg Lukács seit dem Beginn der dreißiger Jahre suggerierten.«801 Das hatte Lukács freilich 800 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. 801 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 29f. Dort heißt es weiter: »Hans Mayer setzte Franz Mehring als ‚ganz große Gestalt‘ von den späteren Kanonisierungsversuchen ab, während er dem inzwischen zum ‚Klassiker‘ gewordenen Lukács den Vorwurf nicht ersparte, dass in seinen literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu 344 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge nie behauptet, Klein wiederholte hier also unreflektiert die Thesen seines Lehrers. Die Theorie ebenso wie die fehlende Reflektion von diesem übernehmend. Die hier geschilderte Position von Lukács ist außerdem kein Bruch mit seinen frühen Ansichten. Denn 1952 hatte er im Vorwort der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik geschrieben, dass es einmal eine Zeit gegeben habe (in der auch seine Goe the- und Schiller-Studien entstanden, in der Mitte der dreißiger Jahre), »da man beweisen musste, dass die formell zerstreuten, gelegentlichen Bemerkungen von Marx und Engels über Literatur und Kunst ein streng zusammenhängendes, konkretisierbares und zu konkretisierendes System bilden«.802 Dieser Nachweis sei nun aber erbracht und damit die Möglichkeit gegeben, auf diesem Fundament selbständig weiter nach vorn zu gehen, ein Rückfall hinter diese neuen Positionen, auf die längst gewonnene Basis sei eben Rückschritt, Dogmatismus. Harich hat in den achtziger Jahren, als er das Erbe von Lukács verteidigte, die größeren Zusammenhänge dieses Seitenzweiges der ästhetischen Theorie gesehen und Lukács im »linken« Umfeld mit seiner Position verortet: »Als Lukács 1931 aus Moskau in Berlin eintraf, mit der ‚Sickingen-Debatte‘ im Kopf (respektive im Koffer), zu konsequentem Materialismus bekehrt durch noch unveröffentlichte Marxsche Frühschriften, da hießen die wirklichen, die ihm vergleichbaren Gegenspieler, die er hier im linken Umfeld vorfand, Korsch, Benjamin und Bloch. Brecht, mit seinem Hang zum theoretischen Dilettieren (wobei es ihm zustieß, dass er Theodor Lipps für Aristoteles hielt), stand unter ihrem Einfluss, weshalb Lukács sich vergebens um ihn bemühte. Ernst Bloch saß damals an Erbschaft dieser Z eit. Er hatte Brecht den Floh ins Ohr gesetzt, gerade Fäulnisprodukte spätkapitalistischer Kultur ließen sich revolutionär ‚umfunktionieren‘ (daher Brechts Forderung, nicht ans gute Alte, sondern ans schlechte Neue anzuknüpfen). Walter Benjamin wieder belehrte ihn über vermeintliches Auseinanderklaffen kritischer und genießender Haltung beim Publikum, über die angebliche Hinfälligkeit der viel philosophischer Ballast und zu wenig künstlerischer Spürsinn walte.« (Ebd., S. 30) Bei Mayer ist dies nachzulesen in seinen: Drei Vorlesungen am Collège de France, S. 359-427. 802 Lukács: Vorwort zu den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik, S. 5. 345 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Kunstgattung und dergleichen. Auch von der Seite also ward Brecht auf den Modefimmel einer linksbürgerlichen Avantgarde eingedrillt, die sich, aufgewühlt von der großen Krise, doch ohne von heut auf morgen ihren mitgeschleppten Snobismus loszuwerden, der kommunistischen Bewegung näherte. Lukács hat sich der KP gleich bei ihrer Gründung angeschlossen, Ausgeschlossen aus ihr, wegen Beharrens auf ultralinken Dummheiten, war seit 1926 Karl Korsch. Und eben auf Korsch geht noch Brechts sektiererisches Unbehagen an der späteren Volksfrontpolitik, gehen desgleichen seine gelegentlichen Missverständnisse der Dialektik zurück.«803 Weiter heißt es dann, um den Gedankengang Harichs zu vervollständigen: »Es ist wahr: Um einzusehen, dass Lukács’ materialistisch-dialektische Methode, dass seine Einstellung zum Kulturerbe, seine anspruchsvollen Maßstäbe auch für die Würdigung proletarisch-revolutionärer, 803 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 63. Gut aufgearbeitet ist Brechts Ästhetik sowie ihre Debatte mit Lukács bei: Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit Welträtseln. Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. Tagung des Weltfriedensrats, Berlin 1952, Georg Lukács und Anna Seghers 346 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge sozialistischer Kunst und Literatur immens brauchbar sind, muss man sich an die ihm zu verdankenden Analysen sowjetischer Erzählwerke, namentlich Gorkis, Fadejews, Wirtas, Scholochows, Makarenkos, Beks, Kasakewitschs halten. Brecht hat er lange unterschätzt. Er hat, als er ihn kennenlernte, ihm offenbar nicht zugetraut, dass die Kraft seiner realistischen Dichtkunst sich in der Praxis des künstlerischen Schaffens gegen die ideologischen Irritationen behaupten werde, denen er in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung ausgesetzt war. So hat Lukács erst unmittelbar nach dem Tode Brechts in dessen reifsten Stücken das Festhalten an der aristotelischen Katharsis wahrgenommen. Das ändert nichts daran, dass von ihm die tiefe Fragwürdigkeit der Brechtschen ästhetischen Doktrin und ihrer – ich muss das einmal offen aussprechen – pseudo- und antimarxistsichen Quellen jederzeit richtig beurteilt worden ist; richtig und obendrein unbestechlich auch bei genauer, von hoher Wertschätzung getragener Kenntnis sowohl der Lyrik Brechts wie seiner reifen dramatischen Produktionen in der Eigenart des Ästhetischen (1963).«804 Das war ein Themengebiet, das Harich tief bewegte. Schon Anfang der fünfziger Jahre sah er sich ja zwischen Lukács und Brecht gestellt, war mit beiden befreundet, verteidigte den einen, Brecht, gegen Fritz Erpenbecks dumme Dekadenz-Vorwürfe, den anderen, Lukács, gegen die noch dümmeren Sektierer-Philosophen der SED.805 Roland Links hat daran erinnert, dass auch Hans Mayer einen ähnlichen Spagat zwischen Brecht und Lukács vollzog.806 Waltraud Engelberg (wir werden darauf noch zurückkommen und den Kontext etwas ausführlicher schildern) schrieb: »Bei Hans Mayer jedenfalls gab es nicht Lukács oder Brecht, sondern Ge- 804 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 63f. 805 Harichs Texte und Schriften zu Lukács in der Publikation: Heyer: Harich sprach über Lukács. Auf die Konstellation Harich und Brecht wurde bereits verwiesen, siehe die entsprechenden Publikationen von Werner Mittenzwei. 806 »Mit seiner Argumentationshilfe hatte ich damals schon und erst recht dann als Lektor im Verlag Volk und Welt zu Bertolt Brecht gefunden, den Lukács tunlichst umging.« Aber auch an Lukács habe Mayer eben festgehalten, nicht den einen gegen den anderen ausgespielt. Links: Hans Mayer, der »engagierte Beobachter«, S. 234. 347 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács org Lukács und Bertolt Brecht.«807 Doch zurück zur Ästhetik von Lukács (an deren Herkommen von der Anthropologie Harich übrigens seinen Anteil hat). Bereits die gerade wiedergegebenen Passagen von Lukács verdeutlichen, dass dieser seine Ästhetik nicht im »luftleeren Raum« formulierte, sondern ganz bewusst und explizit die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit suchte. In diesem Sinn ist es eminent bedeutsam, darauf hinzuweisen, dass er mit deutlichen Worten Kritik an der damals aktuellen Gegenwart sowie ihren, im sozialistischen Lager verheerenden, Umbrüchen, Auswüchsen übte. Gleichzeitig sind sie eine Reflexion über seine eigene Rolle, über die Notwendigkeit marxistischen Philosophierens gegen den parteilich verordneten Dogmatismus, eine Abrechnung mit den politischen Führern des sozialistischen Lagers: »Die Treue zum Marxismus bedeutet aber zugleich die Anhänglichkeit an die großen Traditionen der bisherigen gedanklichen Bewältigung der Wirklichkeit. Es ist in der Stalinschen Periode, besonders seitens Shdanows, ausschließlich das hervorgehoben worden, was den Marxismus von den großen Überlieferungen des menschlichen Denkens trennt. Wenn dabei nur das qualitativ Neue am Marxismus betont worden wäre, nämlich der Sprung, der seine Dialektik von der seiner entwickeltsten Vorläufer, etwa von Aristoteles oder Hegel, trennt, so könnte das relativ berechtigt sein. Ein solcher Standpunkt könnte sogar als notwendig und nützlich bewertet werden, wenn er nicht – in tief undialektischer Weise – das radikal Neue am Marxismus einseitig, isolierend und darum metaphysisch hervorhöbe, wenn er dabei nicht das Moment der Kontinuität in der menschlichen Gedankenentwicklung vernachlässigte.«808 807 Engelberg: Bert Brecht bei H ans Mayer, S. 134. Zur Konstellation Mayer und Brecht reicht es, auf die entsprechenden Schriften Mayers zu verweisen, gut beleuchtet in: Völker: Hans Mayer und Bertolt Brecht, S. 323-333. 808 Lukács: Die Eigenart des Ä sthetischen, Bd.  1, S. 12. Und weiter heißt es: »Das einseitige Hervorheben des Trennenden und Neuen beschwört die Gefahr, alles Konkrete und Bestimmungsreiche am wahrhaft Neuen in eine abstrakte Andersheit einzuengen und darin verarmen zu lassen. Die Gegenüberstellung der Kennzeichen der Dialektik bei Lenin und Stalin zeigt die Folgen einer solchen methodologischen Differenz ganz deutlich; und die vielfachen unvernünftigen Stellungnahmen zum Erbe der Hegelschen Philosophie führten zu einer oft er- 348 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Was aber hat dies mit Goe the zu tun? Lukács selbst stellte die Frage von der anderen Seite. Als er einige Jahre nach der Eigenart des Ä sthetischen über Goe the sprach, machte er die Zwischennotiz: Was aber hat das mit Marx zu tun? In welchem Kontext dies geschah – damit haben wir uns als nächstes zu beschäftigen. Auf den 28. August 1970 datiert die Verleihung des Goe the-Preises der Stadt Frankfurt am Main an Georg Lukács. Die Begründung liest sich wie folgt: »Sie ehrt damit den bedeutenden marxistischen Philosophen, Literaturwissenschaftler und Humanisten, der in seinem Buch Goe the und seine Zeit überzeugend traditionelle und reaktionäre Goe the-Klischees widerlegt und die lebendige Gestalt Goe thes in ihrer Tiefe und Progressivität, aber auch in ihrer Widersprüchlichkeit und Grenze sichtbar gemacht hat. Sie zeichnet damit zugleich ein Lebenswerk aus, das – von der volkspädagogischen Verantwortung der Wissenschaft getragen – entscheidend zum kritischen Verständnis und zur Bewahrung der klassischen deutschen Kultur beigetragen hat.«809 Man könnte nun denken, gerade angesichts des Verweises auf Goethe und seine Z eit und mit dem Wissen um die permanente Aneignung der progressiven deutschen Klassik in Literatur und Philosophie durch Lukács, dass die Preisverleihung gerechtfertigt, sinnvoll, durchaus verdient war. Aber die westdeutsche Konservative stand 1970 unter Druck: Seit einigen Jahren war sie gezwungen, sich mit ihrer faschistischen Vergangenheit und Gegenwart auseinander zu setzen. Der Reflex, damals wie heute, ist immer der gleiche: Ja, ja, aber die anderen. Man dürfe den Linksextremismus nicht vergessen usw. Das alles ist bekannt, Totalitarismustheorie, Populismus, es gibt viele Schlagworte, die das transportieren. William S. Schlamm, einstmals Kommunist, dann im amerikanischen Exil unter Jospeh McCarthy zu einem der engagierten Kommunistenjäger avanciert, nach seiner Rückkehr nach Deutschland von Axel Springer schreckenden Inhaltsarmut der logischen Untersuchungen in der Stalinschen Periode.« (Ebd., S. 13) Dies war eines der zentralen Argumente der Hegel-Debatte der fünfziger Jahre, an deren Auswüchse Lukács mit seinen Ausführungen sicherlich auch erinnern wollte. 809 Stadt Frankfurt: Verleihungsurkunde des Goe the-Preises, S. 99. 349 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács für Die Welt als Kommentator verpflichtet und schließlich, der krönende Höhepunkt, mit dem Konrad-Adenauer-Preis bedacht, machte klar, dass für die Konservative die alten ideologischen Grenzen noch völlig intakt waren. Lukács war für Schlamm ein »zutiefst opportunistischer Schriftgelehrter«, es habe nie einen »zur gebotenen Lüge bereiteren Kommunisten« gegeben.810 Nach verschiedenen niveaulosen Schmähungen (dass Lukács kein Deutsch könne usw.) schrieb Schlamm dann: »Diesem Mann den Goe the-Preis zu verleihen ist eine Niedertracht gegenüber Goe the, gegen- über Frankfurt, gegenüber der deutschen Kulturgeschichte. (…) Einem Volk, das lethargisch mit ansieht, wie sein größter Dichter für politische Perversitäten ordinärster Art missbraucht wird, einem solchen Volk ist nicht mehr zu helfen. Wenn der Goe the-Preis widerstandslos an Georg Lukács verliehen werden kann, dann sind die Deutschen offenbar auch aus ihrer Kulturgeschichte ausgetreten. (…) Denn nicht einmal neudeutsche Literaturprofessoren konnten geglaubt haben, der orthodoxteste aller kommunistischen Literaturpäpste sei in Goe thes geistiger Landschaft zu Hause! Lukács, wie sich‘s gehört, hasst Goe thes Lebensgefühl, Sprachgefühl, Glücksgefühl.«811 Der primitiven konservativen Dümmlichkeit würde ein Bein fehlen, wenn sie sich auf den kulturellen Bereich beschränken würde. Also musste Schlamm natürlich auch die politische Dimension des Vorgangs betonen: »Nicht genug daran, dass Willy Brandt eine gute Hälfte Deutschlands Ulbricht, Gomulka und Gromyko abtreten will, soll nun auch Goe the an den Osten abgetreten werden. Die Oder-Neiße-Linie wird in die deutsche Klassik hinein verlängert, und da Ulbricht ohnehin schon Weimar hat, wird ihm auch noch Goe the selbst nachgeworfen. Schließlich, nicht wahr, hat Deutschland den Krieg verloren und muss nun eben, wie Brandt zu sagen pflegt, endlich die Kosten bezahlen. Also, zum Beispiel, den Goethe-Preis an Lukács.«812 (Verzichtet sei an dieser Stelle auf eine Gegen-Polemik, die ja fokussieren müsste, dass, so haben wir gerade erfahren, beispielsweise jemand, der Goe the liebt, die Oder-Neiße-Grenze nicht 810 Schlamm: Frankfurt verdient eine Lenin-Medaille, S. 136. 811 Ebd., S. 137. 812 Ebd., S. 137f. 350 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge anerkennen darf. Schlamm sagt genügend über sich selbst. Mit seinen Erben haben wir uns noch an anderer Stelle zu beschäftigen.) Lukács selbst sah die ganze Angelegenheit natürlich anders und, so fügen wir hinzu, selbstverständlich auch richtiger: »Ich fühle mich also zur Annahme der hohen Auszeichnung insofern literarisch-moralisch berechtigt, als die intensive Beschäftigung mit Goe thes Lebenswerk bis heute meine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bestimmt.«813 Er habe, so Lukács weiter, eine enge Verbundenheit zu Goe the, zu dessen Werk, Lebensführung und Weltanschauung. Eine Einstellung bzw. Grundhaltung, die mit seiner marxistischen Philosophie zusammenhänge. Denn auch für Marx sei die Beschäftigung mit Goe the »ein wichtiges Element seines geistigen Lebens« gewesen. Gerade deshalb dürften nicht die Differenzen zwischen Marx und Goe the in den Vordergrund gestellt werden. Es drohe, dass der »wesentliche Gehalt« verblasse »bis zum Verschwinden«.814 (Wir haben bereits darauf verwiesen, dass dieses Argument aus der Hegel-Debatte herkam, wo die Dogmatiker und Sektierer ja immer Marx und Engels derart stark von Hegel abgesetzt hatten, dass allein das Trennende blieb. Es war Auguste Cornu, der daraufhin feststellte, dass dergestalt Marx fast zu »Wundererscheinung« werde.)815 Auch 1970 war Goe the für Lukács ein »Kind seiner Zeit« und gleichzeitig ein Gestalter der krisenhaften (das ist für Lukács nach wie vor sehr bedeutsam) Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. »Das tief in der ‚deutschen Misere‘ versunkene deutsche Volk war zwar außer Stande, als politische, aktuell mobilisierende geistige Kraft der Aufklärung praktisch zu folgen und sich später an die große Revolution anzuschließen. Dafür war es jedoch geistiger Mittelpunkt seiner intellektuellen Vorhut: Das 813 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 121. 814 Ebd., S. 122. Weiter heißt es: »Werden, was philologisch zumeist geschieht, in der Unmittelbarkeit wirksame Motive in den Vordergrund gestellt, so ist es leicht, Goe the als einseitigen Verherrlichter so genannter ‚organischer‘ Entwicklungen, Marx als dem Revolutionär ‚um jeden Preis‘, allen Übergang ausschließend gegenüberzustellen.« 815 Cornu: Über das Verhältnis des M arxismus zur P hilosophie Hegels, S. 895. (Wir haben auf diese treffend zugespitzte Äußerung Cornus aus dem Kontext der Hegel-Debatte bereits verwiesen.) 351 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács welthistorisch Neue an Aufklärung und Revolution, dessen entscheidende Möglichkeiten, dichterisch wie denkerisch ins Weltbild einer bewusst, historisch gewordenen Gattungsmäßigkeit einzubauen. Das bedeutet einerseits eine Konkretisierung dieser Tendenzen, sie in einem individuellen, nicht mehr transzendenten Weltbild zu verankern, andererseits, der großen historischen Erschütterung dieser Ereignisse folgend, eine Historisierung dessen, was früher bloß als abstraktes Postulat der Vernunft mit dem Alltag des feudalen oder halbfeudalen Lebenskreises kontrastiert werden konnte.«816 Verschiedene philosophische Theorien hätten in genau dieser Richtung gewirkt: Die Naturphilosophie Goe thes, die Geschichtsphilosophie von Herder und Hegel mitsamt den entsprechenden Zwischenstücken. Genau diesen Themenkreisen, daran erinnern wir nur, waren Lukács, Harich und Bloch ja in den fünfziger Jahren auf der Spur gewesen. Ein weiterer Rekurs auf die theoretischen Modelle der fünfziger Jahre ist darin zu sehen, dass Lukács zudem die Rolle Spinozas in der deutschen Philosophie und Kultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts betonte – eine inhaltliche Setzung, die vor allem Harichs frühe wissenschaftliche Arbeiten und Vorlesungen getragen hatte und die sich, allerdings nicht ganz so ausgeprägt, auch in Blochs Leipziger Vorlesungen findet. »Konkreter: Das unmittelbar gegebene Dilemma des Handelns in der bürgerlichen Gesellschaft ist das Dilemma einer Wahl zwischen unmittelbarem und darum abstrakten Egoismus und einem postulierten und darum gleichfalls abstrakten Altruismus. Erst der Mensch, der in seinen Handlungen – auch gegen seine eigene Partikularität – sich als Gattungswesen zu verwirklichen bestrebt ist, kann im innersten Innern seines Selbst bewegt sein, ohne sich abstrakt-konventionellen Normen zu unterwerfen. Nur der Mensch kann sich so seiner eigenen Gattungsmäßigkeit annähern.«817 Das ist die uns bekannte Aussöhnung von individueller Tragödie und optimistischer Gattungsgeschichte, wie sie auch Mayer und Bloch vertreten hatten. Lukács ging 1970 davon aus, dass er mit der gerade wiedergegebenen Passage die grundlegende Einstellung Goe thes formuliert 816 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 123. 817 Ebd., S. 124. 352 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge habe, die dessen Persönlichkeit samt dem dazugehörigen Werk bestimmte. »Und gerade diese scheinbare Zwiespältigkeit, die sich einerseits als tief begründete Skepsis aller so genannten Originalität gegenüber äußert, die angeblich die Persönlichkeit des Menschen ausmacht, andererseits in der Einsicht, dass wir eine feste Richtschnur für die Entscheidungen unserer praktisch fruchtbar werdenden – und in diesem Sinne für wahrhaft menschliches Leben unentbehrlichen – Innerlichkeit nur in der Gattungsmächtigkeit besitzen, diese Zwiespältigkeit bestimmte die Menschenentwürfe aller bedeutenden Werke Goe thes; ihr Aufbauprinzip der Gestaltung von Welt gründet sich auf diesen Fragestellungen im Leben.«818 Der Goe the der Faust-Studien, der fünfziger und der siebziger Jahre (dazwischen wie gesehen noch die Eigenart des Ästhetischen) ist bei Lukács im Kern identisch. Wenn sich das Goe the-Bild gewandelt hat, dann dadurch, dass Lukács Goe the noch innerlicher besaß als vorher. An die gerade wiedergegebenen Bemerkungen anschließend formulierte Lukács dann die bereits erwähnte Frage: Was aber hat das mit Marx zu tun? »Nun, ich habe nie behauptet, dass Goe the ein – auch nur unbewusster Vorläufer des Marxismus war. Es ist evident, dass auch der von mir skizzierte Goethe zu den größtenteils ökonomischen und politischen Problemen, über die die Menschen im allgemeinen zu Marx kommen, keine innere Beziehung haben konnte.«819 Aber Marx sei davon ausgegangen, dass sich der Mensch zu seiner eigentlichen Ordnungsmäßigkeit entfalten könne. Mit Marx sei es möglich, Goe the als Teil, als einen Sprecher der damaligen bürgerlichen Welt zu interpretieren, und ihm gleichzeitig eine wichtige Rolle bei der Menschwerdung, der Bewusstwerdung des Menschen zuzuschreiben. Klar sei, »dass aber das ‚Reich der Freiheit‘ ebenso ein Produkt der Geschichte der Selbsttätigkeit des Menschen ist, wie wir das für das ‚Reich der Notwendigkeit‘ ununterbrochen erleben. Wenn diese Entwicklung sich nicht zum subjektiven Faktor des ‚Reichs der Freiheit‘ vertiefen und ausdehnen könnte, bliebe dieses eine abstrakte Utopie. Darum glaube ich nicht nur auf dem richtigen Weg zum Verständnis Goe thes zu sein, sondern dies 818 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 125f. 819 Ebd., S. 127. 353 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács auch auf einem von Marx aufgezeichneten Weg gesucht zu haben, indem ich in Goe the einen jener Ideologen erblicke, die eine bestimmte Etappe der menschlichen Gattungsentwicklung in ihren wesentlichen und normalen Bestimmungen erkannt und bewusst gemacht haben.«820 Auch wenn Lukács den Begriff der Ideologie im Sinn von Marx verwendet (»Nach Marx ist sie vielmehr der Inbegriff jener geistigen Mittel, mit deren Hilfe sich die Menschen der gesellschaftlichen Konflikte ihres Lebens bewusst werden und diese auszufechten in Stande gesetzt sind.«)821, so bleibt doch ein großes Bedauern. Denn Lukács’ Goe the ist kein Dichter und Schriftsteller mehr, kein Wortschöpfer, kein Gestalter von menschlichen Situationen, sondern, auch ohne ihn zum Vorläufer des Marxismus zu machen, letztlich doch »nur« ein Denker und Wissenschaftler, der den Weg zum Marxismus frei gemacht hat. Eine Reduktion, die man so nicht akzeptieren sollte. Derartige Verengungen sind für das Werk von Lukács in gewisser Weise durchaus charakteristisch. (Wir haben dies bereits hinreichend aufgezeigt.) Manchmal sind sie offen angesprochen und bilden sogar das Fundament der Untersuchung (beispielsweise in Fortschritt und Reaktion in der deutschen L iteratur und in der Zerstörung der Vernunft), an anderer Stelle sind sie implizit und doch ziemlich schwerwiegend eingeschoben (etwa im Jungen Hegel), wieder in anderer Weise scheinen sie erst das Ergebnis der Untersuchung zu sein und sind doch stillschweigend vorausgesetzt. Dieses Letztere trifft auch auf die Goe the-Beiträge zu. George Lichtheim hat sich in seiner kleinen Lukács-Monographie auch mit dessen Eigenart des Ä sthetischen auseinandersetzt  – als Höhepunkt der Entwicklung des Denkens von Lukács (Lichtheims Buch ist 1971 erschienen). Dabei sah er eine ähnliche Problemlage wie wir. Über Lukács’ Version einer marxistischen Ästhetik schrieb er: »Seine Darstellung der Ästhetik Hegels sondert systematisch das aus, was Hegels zentrales Thema ist, nämlich die unlösliche Verbindung von Kunst, Philosophie und Religion.«822 Ob dieses Dreigestirn wirklich von Hegel als unlösbar 820 Lukács: Rede zur Verleihung des Goe the-Preises, S. 130f. 821 Ebd., S. 128. 822 Lichtheim: Georg Lukács, S. 112. 354 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge miteinander verbunden gesehen wurde, sollte zumindest zum Gegenstand einer Diskussion gemacht werden. Aber was Lichtheim richtig sah, ist, wie stark der Junge Hegel im Denken von Lukács präsent war und nachwirkte. »Goe the und Hegel hatten jedoch, indem sie die Kunst stillschweigend in den Rang der Offenbarung empor hoben, die Theologie tangiert; beide waren sich dessen wohl bewusst. Was später bei Marx und Engels als eine ausgeprägte Missachtung Kants und Schillers hervortrat, verbunden mit einer begeisterten Bevorzugung der Dichtung Goe thes und der Philosophie Hegels, war die notwendige Folge des Faktums, dass Hegel und Goe the auf ihre jeweils sehr verschiedene Weise heimlich die damals schier unnennbare Philosophie Spinozas sich angeeignet hatten. Eine Kritik der Belesenheit Lukács’ darf davon ausgehen, dass er sich dieser Verbindungslinie bewusst war. (…) Er beraubte sich so selbst einer Gelegenheit, die marxistische Ästhetik von dem Utilitarismus zu befreien, der sich unfehlbar an sie heften muss, sobald die metaphysische Dimension beseitigt wird.«823 Der Einwand von Lichtheim zielt letztlich darauf, dass Lukács sich vor der Interpretation seinen Gegenstand passend arrangierte. Ein Vorwurf, der auch seiner Goe the-Interpretation gemacht werden müsse. Dies zeige beispielsweise das für den Marxismus peinliche Thema des Verhältnisses von Goe the und Schelling: »Der junge Goe the gehörte der Vorromantik an, der Goe the der Reifejahre stand Schelling, dem Vater der romantischen Naturphilosophie, nahe. Davon fügte sich nichts in das simplifiizierte Bild ein, das Lukács zeichnet, ein Bild, worin die Hegelsche Philosophie und die Weimarer Klassik den Gegenpol zu Irrationalismus und romantischer Bewegung bilden. Goe thes einziges philosophisches Werk, 1784-1785 geschrieben (Die Geheimnisse, AH), bezog sich nach eigener Bezeugung auf die Grundlage seiner gesamten Existenz, nämlich Gott in der Natur zu schauen und die Natur in Gott. Diese Form des spinozistischen Pantheismus war vom theologischen Standpunkt sicherlich unorthodox; genau so wenig war sie aber ‚materialistisch‘. Da Lukács ohne Goe the nicht auskommt, breitet er über den fraglichen Punkt Stillschweigen. Desgleichen hat er zu Hegels Pessimismus hinsichtlich des Schicksals der 823 Lichtheim: Georg Lukács, S. 112f. 355 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Kunst in einer mittels Philosophie und Wissenschaft durchsichtig gewordenen Welt (…) nichts zu sagen.«824 Bedeutsam ist letztlich, dass dieses Verschweigen, Selektieren, kein originärer Wesenszug des Marxismus, sondern Teil jedweder Denkart ist. (Wobei natürlich alle die Wahrheit für sich reklamieren. Und sei es dadurch, dass man sich, wie es immer heißt, bewusst in den Klassenkämpfen positioniert. Also ob man mehr von Goe the versteht, wenn man eine Interesseneinheit mit der Arbeiterklasse bildet, zum, wie es immer hieß, Proletariat übergeht. Ebenso falsch ist es aber, dies von vornherein auszuschließen.) Natürlich ist der Goe the Lukács’ ein ganz spezifischer Goethe – entstanden aus einer bestimmten biographischen Situation, geprägt durch die historischen Erfordernisse, Ergebnis intellektueller Emanzipationsprozesse. (Nicht ist er, wir wollen es uns nicht versagen, Lukács daran zu erinnern, etwa Ergebnis, Resultat der damaligen sozial-ökonomischen Verhältnisse. Mit derlei Unfug erklärt man Kultur und Philosophie nicht.) Die Frage, die ein jeder für sich selbst beantworten muss, lautet schlicht: Ist man bereit, die Sichtweise von Lukács auf Goe the trotz der Verzerrungen Ernst zu nehmen, als Teil des Marxismus zu akzeptieren oder nicht? Harich war bereit, diesen Weg mit Lukács zu gehen. In der DDR war er damit fast ein Einzelkämpfer. Erst Werner Mittenzwei gelang es in den späten siebziger Jahren etwas, Lukács aus der parteipolitischen Verdammung zu befreien. Der Band, erschienen 1975, heißt Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács – und war tatsächlich mehr Kontroverse als Dialog. Aber es ist, gerade bei Mittenzwei, das ernsthafte Bemühen um Lukács spürbar. Dieser agierte, auch das muss berücksichtigt werden, in einem damals noch immer ideologisch mehr als nur gefährlichem Grenzgebiet. So erklärte er, dass es vor allem um das literaturtheoretische Werk des ungarischen Philosophen gehe, um seine Wirkung auf die sozialistische Literatur zwischen 1931 und dem Anfang der fünfziger Jahre. »Der Philosoph und Ästhetiker« blieb ausgegrenzt. Aber es war eine Aufwertung, wenn Mittenzwei anmerkte, dass die entsprechenden Literaturdebatten unter Gleichgesinnten 824 Lichtheim: Georg Lukács, S. 113. 356 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge geführt wurden, keine »Fraktionskämpfe« waren.825 Zumindest auf dem engen Gebiet der Literaturtheorie war Lukács damit vom Vorwurf des Revisionismus in ersten Ansätzen freigesprochen. Eine erwähnens- und erinnernswerte Leistung Mittenzweis. Weiter schrieb dieser: »Dass in den Arbeiten vergangener Jahre vor allem die Polemik gegenüber seinen Fehlern, Abweichungen und eingleisigen methodologischen Vorstellungen dominierte, muss als eine notwendige Stufe in der Auseinandersetzung mit seinem Werk angesehen werden. Auch wir betrachten unsere Arbeit als eine Auseinandersetzung, aber es kommt uns vor allem darauf an, seine literaturtheoretischen Vorschläge, seine ästhetischen Kategorien, wie den ganzen Streit mit und um Georg Lukács stärker zu historisieren, und dahin zu überprüfen, inwieweit seine Vorschläge zu Gewinn oder Verlust oder auch zu Gewinn und Verlust in unserer Literaturentwicklung beigetragen haben. Eine solche differenzierte Untersuchung wird eben am besten zu bewältigen sein, wenn Lukács’ literaturtheoretisches Werk in den Zusammenhang mit den vielfältigen Vorschlägen und Alternativen gestellt wird, die von marxistischer Seite in die großen, lang dauernden Literaturdebatten eingebracht wurden.«826 Mehr Respekt vor Lukács – dies war der Titel jenes Aufsatzes, den Harich jahrelang in der DDR zu veröffentlichen versuchte und der schließlich dann doch in Österreich erschien. Einige Sachen von Lukács konnte man wieder lesen, auch das Zitieren des und die Diskussion mit dem, über den ungarischen Philosophen war nach dessen Tod wieder halbwegs möglich. Intakt blieb aber ebenfalls jenes Verdikt, das Hans Kaufmann 1959 als eifriger Helfer von Partei und Staatssicherheit (und als einer von zwei Deutschen, die bereit waren, sich an der niveaulosen Schmähung Georg Lukács und der R evisionismus zu beteiligen) formuliert hatte: »Da 825 »Wir wollen mit unserer Darstellung zeigen, dass es sich hier um produktive, gelegentlich auch erbittert geführte Literaturdebatten unter Gleichgesinnten handelt, nicht aber um so genannte ‚Fraktionskämpfe‘. Damit wenden wir uns gegen jene revisionistischen Auffassungen verschiedener Spielart, die die Darstellung der widerspruchsvollen Entwicklung und die Diskussion über unterschiedliche ästhetische Auffassungen dazu benutzen, um einen ‚Pluralismus‘ im marxistischen ästhetischen Denken nachzuweisen.« Mittenzwei: Vorbemerkungen, S. 6. 826 Ebd. 357 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Lukács’ Ästhetik einerseits die Folge, andererseits aber auch die theoretische Zementierung einer politischen, klassenmäßigen Haltung bildet, ist die Rückbeziehung darauf unvermeidlich, auch wenn uns diese Fragen nicht mehr so auf den Nägeln brennen wie 1956 und unser Interesse dieser oder jener ästhetischen Einzelfrage gilt. Versuche, Lukács’ ästhetische Theorie zu ‚retten‘, indem man sie von seiner politischen Haltung trennte, die nicht zu verteidigen war, sind gescheitert.«827 Die Eigenart des Ästhetischen erschien 1981 in der DDR (unter Verweis auf die ungarische Edition, die westdeutsche Ausgabe verschwieg man). Das Nachwort des Herausgebers Günther K. Lehmann zeigt die ganzen Ambivalenzen des damaligen Umgangs mit Lukács. Man merkt seinen Ausführungen an, dass er sich mit Lukács’ Theorien auseinandergesetzt hatte, dass er gern über sie arbeitete. Und doch, wie können es ja marxistisch formulieren, blieb er (anders als Mittenzwei) in den Erkenntnisschranken der DDR-Ideologie-Welt befangen: »Das Fehlen einer systematischen Ästhetik des Marxismus-Leninismus musste Lukács nach Lage der Dinge geradezu als eine persönliche Herausforderung empfinden. (…) Die marxistische Ästhetik wird beinahe zur Aristotelischen Entelechie, einer Idee, die auf dem Wege zu einem Ziel ist, und Lukács begreift sich als Geburtshelfer und Vollstrecker dieser ‚ihrer Idee nach‘ bereits fertigen Ästhetik. Konsequent weist Lukács jeden Anspruch auf Originalität in der Ausführung seiner, der ‚marxistischen‘ Ästhetik zurück.«828 Es folgt die zu ziehende Konsequenz: »Natürlich wäre es voreilig, deswegen die Ästhetik von Georg Lukács für eine authentische Ästhetik des Marxismus-Leninismus zu halten. Vielmehr darf Lukács bescheinigt werden, dass er eine durchaus eigenständige, sogar eigenwillige Ästhetik geschaffen hat, die ein Ausdruck seiner Weltsicht ist. Dies tut ihrem wissenschaftlichen Wert keinerlei Abbruch, auch wenn Lukács, in Hegelscher Nachfolge stehend, die persönliche Note seiner wissenschaftlichen Leistung gering schätzt. Hinzu kommt, dass Lukács längst vor seiner Begegnung mit dem Marxismus eine ‚systematische‘ Ästhetik geplant hatte.«829 827 Kaufmann: Lukács’ Konzeption eines »dritten Weges«, S.338f. 828 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 848. 829 Ebd. 358 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge Dies war die zentrale Grenze, über die man in der DDR (die Ausnahme war Harich) nicht hinaus konnte, wollte, durfte: Lukács sei kein Marxist gewesen, das Haar in der Suppe müsse immer benannt werden. Wobei der Argumentation von Lehmann zumindest Originalität nicht abgesprochen werden kann: Da Lukács seine Ästhetik bereits vor seiner Berührung mit dem Marxismus schreiben wollte und innerhalb seines ästhetischen Denkens eher Entwicklung, denn Bruch zu eruieren sei, wäre die Ästhetik vor-marxistisch, un-marxistisch. »Lukács war und bleibt ein streitbarer Bundesgenossen für die zeitgenössische marxistische Ästhetik, vor allem im Kampf für den realen Humanismus und Sozialismus und gegen die politische Irreführung der künstlerischen Intelligenz sowie gegen die weltanschauliche Entleerung der Kunst. (…) Lukács weist auf die Gefährdungen der Kunst hin und auf ihre sozialistischen Chancen. Lukács war ein kritischer Kopf, und man wird ihm gerecht, wenn man seine Ästhetik kritisch liest.«830 1955 hatte sich Alexander Abusch in der Lukács-Festschrift übrigens bereits ähnlich geäußert: »Ein großer kritischer Geist wie Georg Lukács erwartet keine höflich-äußerliche Anerkennung, sondern auch von seinen Freunden Aufrichtigkeit und Diskussion. (…) So erscheinen mir in einigen Arbeiten, die im Kampfe gegen den Faschismus die notwendige schärfste Kritik an den negativen, reaktionären Zügen der deutschen Vergangenheit übten, nicht in einem genügenden Maße die nationale Verwurzelung mancher klassischen Meisterwerke und ihre positiven, fortschrittlichen Züge beachtet zu sein. Lukács scheint mir auch manchmal, zum Beispiel in seiner Darstellung Schillers, Dichter zu sehr nur philosophiegeschichtlich zu analysieren, wobei er verabsäumt, sie in ihrer Besonderheit als Künstler, deren Schöpfertum sich in der Wechselbeziehung mit den realen Kämpfen ihres Volkes entwickelt, allseitig darzustellen.«831 So entpuppt sich das letzte Lob als das was es ist, eine Bösartigkeit. Lukács ein Bundesgenosse des Marxismus, den die DDR parteioffiziell betrieb. Es ist eine bösartige Titulierung auch deshalb, da die DDR nach 1945 beispielsweise Christen oder liberale Demokraten als »Bundesgenos- 830 Lehmann: Ästhetik im Streben nach Vollendung, S. 878f. 831 Abusch: Grußadresse, S. 5f. 359 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács sen« im Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen versucht hatte – trotz deren, so hieß es ja, Begrenztheiten, Verfehlungen, absurden Trugbilder, für diese eine Sache seien sie bedingt brauchbar. Weil Lukács ein kritischer Kopf gewesen sei, müsse man seine Ästhetik kritisch lesen – so ja Lehmann. Muss man auch ein Dummkopf sein, um Idiotie zu verstehen? Mephisto, um Bosheit zu beschreiben? Und dass Lukács schließlich, wie Abusch vermeinte, die nationale Tiefe der deutschen Literatur und Philosophie nicht genügend gewürdigt habe, ist vollendeter Quatsch (ein anderes Wort würde nicht so treffend dies umschreiben). Harich konnte diese ganze Lukács-Kritik nicht unkommentiert lassen. Fast schon wie ein Seismograph beobachtete und verzeichnete er jede positive und kritische Äußerung über Lukács, seinen Weggefährten vergangener Tage. In dem bereits erwähnten Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács schrieb er: »Dies muss jetzt und an dieser Stelle gesagt werden. Jetzt angesichts einer Neuerscheinung, die eine Wendung zum Besseren verspricht, die Wiederentdeckung von Lukács’ Vermächtnis im Verlagswesen unserer Republik, vor über einem Jahrzehnt vorbereitet durch eine dankenswerte Initiative Werner Mittenzweis, ist mit dem Reclamband 1120, Über die Vernunft in der K ultur, in ein neues Stadium getreten; in das der Angemessenheit. Dokumentiert wird darin Lukács’ gesamte Entwicklung, von den ganz frühen Schriften, vor dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Gesellschaftsontologie des Achtzigjährigen, mittels ausgewählter Texte, von denen nur zwei in der DDR früher bereits erschienen sind. Besprochen werden soll das Buch hier nicht. Aber hingewiesen sei auf die essayistisch angelegte, des Mannes wie der Sache inhaltlich würdige Einleitung, die der Herausgeber, Sebastian Kleinschmidt, der Auswahl vorangestellt hat. Und gerühmt sei, vor allem, der Überdruss an Mäkelei und Besserwisserei, dem es zuzuschreiben sein dürfte, dass jedwede Beanstandung von Fehlern, in den Anmerkungen, kein anderer vorträgt als Lukács selbst. Außer Zitaten, die dessen Stellungnahmen zu überwundenen eigenen Positionen wiedergeben, fällt da kein kritisches Wort. So, meine ich, gehört sich das. So sollte es weitergehen. Das darf nicht heißen, dass Kritik an Lukács künftig zu verstummen hätte. Sie gehört aber keinesfalls, als ideologische Verdauungshilfe, verabfolgt von Epigonen, die sich weiser 360 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge dünken, in seine Bücher, es sei denn, er selber hätte dies nachgewiesenermaßen legitimiert.«832 Soweit der zu verteilende Zuspruch, es folgt die Kritik: »Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgaben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen: Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind so anmaßend wie überflüssig. Selbst weiterführende Gedanken, die sie hier und da, teilweise und sehr bedingt, enthalten, hätten woanders publiziert werden sollen: in Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukács-Texten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie da den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken. Gesetzt, Lehmann verhielte sich zu Lukács wie, sagen wir, Fichte zu Kant. Hätte denn Verleger Hartknoch nach dem Ableben Kants zu einer Neuauflage der Kritik der reinen Vernunft Fichte ein Nachwort schreiben lassen? Und wäre es Fichte lieb gewesen, die Leute glauben zu machen, er schelte Kant im Auftrag Friedrich Wilhelm III. einen ‚Dreiviertelkopf‘? Das sind keine ideologischen, es sind Taktfragen. Ideologisch freilich, desgleichen historisch hapert es mitunter ebenfalls. Die Anhänger der ästhetischen Theorien Brechts, nicht zu verwechseln mit den Bewunderern seiner Gedichte und Stücke, haben die Zeit, in der Lukács ungedruckt bei uns blieb, emsig genutzt, ihren Meister als eine Alternative zu ihm aufzubauen, die marxistischen Grundsätzen gemäßer sei. Zu dem Behuf sind die beiden zu Antipoden stilisiert worden, und man redet uns ein, dies seien sie seit Anfang der dreißiger Jahre gewesen. Die Konstruktion ist windschief. Ein junger Dichter kommt für einen nicht unerheblich älteren Philosophen als Antipode schwerlich in Betracht, ein Neuling aus der Sympathisantenszene erst recht nicht für einen in Klassenschlachten gereiften Parteifunktionär.«833 Das ist jene Vermittlung von Lukács und Brecht, die auch Hans Mayer in den fünfziger Jahren versucht hatte.834 Mit dem einen Unterschied, dass Harich das Andenken an Lukács immer bewahrte und nicht der eigenen vermeintlichen Originalität zuliebe opferte. 832 Harich: Mehr Respekt vor Lukács, S. 62. 833 Ebd., S. 63. 834 Siehe: Engelberg: Bert Brecht bei Hans Mayer, S. 133-136. 361 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács Im Zauberberg hat Thomas Mann Lukács ein bleibendes Denkmal gesetzt  – freilich kein schmeichelhaftes. Leo Naphta, Jesuit, Kommunist, Jude, »ein kleiner, magerer Mann« von »ätzender Hässlichkeit«. Gleichzeitig aber hat Mann betont, dass ihm Naphta in Wirklichkeit nie begegnet sei, dass zwischen dem gezeichneten Bild und der geistigen Welt von Lukács mehr als zu unterscheiden sei. »Thomas Mann hat in Naphta einen Jesuiten so dargestellt, dass er neben ihm auch etwas von Georg Lukács erfasst hat. Es spricht für die dichterische Leistung der Ironie Thomas Manns, dass ihm diese Gestalt so gelungen ist, aber in diesem Falle spricht es ebenso sehr für Georg Lukács’ künstlerisches Verstehen und seine Humanität, dass er sich durch dieses Porträt nicht beleidigt fühlte.«835 Es geht in unseren Ausführungen um Goe the – und an verschiedenen Stellen (sogar gerade eben) fiel in diesem Zusammenhang bereits der Name Thomas Mann. Daher kann dieser, verabschieden wir uns aus den mehr als nur ideologisch geprägten Debatten um Lukács, hier das Schlusswort zum ungarischen Philosophen, zu einem der bedeutendsten marxistischen Philosophen bekommen. In seiner Grußadresse zum 70.  Geburtstag von Lukács formulierte Mann  – ausgehend von seiner Lektüreerfahrung von Die Seele und die Formen: »Seitdem habe ich sein kritisches Werk mit Aufmerksamkeit, Respekt und sehr zu meinem Nutzen verfolgt. Was vor allem daran meine Sympathie erregt, ist der Sinn für Kontinuität und Tradition, von dem es geleitet ist, und dem es gro- ßenteils sein Dasein verdankt. Denn geradezu vorzugsweise geht es ihm um eine Analyse von älterem literarischem Kulturgut, in dem er belesen ist wie der konservativste Historiker und mit dem er die neue Welt seines Glaubens in Verbindung zu bringen, ihren Wissens- und Lerneifer dafür zu erwecken sucht. Dass er dabei vornehmlich die gesellschaftskritischen Elemente dieser Leistungen der bürgerlichen Kultur aufsucht und aufzeigt, ist nur recht und billig und verringert keineswegs meine Wertschätzung eines Mittlerwerkes zwischen den Sphären und Zeitaltern, das mir inspiriert scheint von einer Idee, welche heute vielerorts in beklagenswert geringen Ehren steht: Der Idee der Bildung.«836 835 Bahr: Georg Lukács, S. 6f. 836 Mann: Grußadresse, S. 141. Tägliche Rundschau

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.