15. Goethein Tübingen –Ernst Bloch in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 317 - 336

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-317

Tectum, Baden-Baden
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Teil 3: Nachklänge 319 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch »Ihre Freunde, Kollegen und Mitarbeiter wünschen Ihnen, hochverehrter Ernst Bloch, noch viele Jahre reichen Schaffens.« Rugard Otto Gropp in der Bloch-Festschrift Die letzten Jahre von Bloch in der DDR waren ein Zustand permanenter Demütigungen, Erniedrigungen. Fast schon eine Art zweites Exil: Wie in Amerika lebte er inmitten einer Gesellschaft, die ihn nicht wollte, die er nicht akzeptierte. Doch anders als in Amerika wurde er ab 1956/1957 mit zahlreichen schmähenden Zeitungsartikeln überzogen, es gab Parteiversammlungen über ihn auf allen Ebenen, offene Briefe, geheime Anschuldigungen  – und alles ohne die Chance auf öffentliche Erwiderung. In einem Interview formulierte Bloch das 1976 wie folgt: »Seit dem Aufstand in Ungarn beschuldigte man mich ununterbrochen des Abweichlertums und des Revisionismus.«741 Das war die übliche Strategie der Partei. Hans Mayer klagte 1963, dem Jahr seines Weggangs aus der DDR in einem Brief an Stefan Heym: »In der Tat, man fällt in konzentriertem Angriff gegenwärtig über mich her.«742 Das große Zerwürfnis mit der DDR, der SED, es hatte sich angekündigt, auch wenn Bloch, wie herausgestellt, immer wieder und auf 741 Bloch: Ein Marxist hat nicht das Recht, Pessimist zu sein, S. 113. 742 Mayer: Brief an Stefan Heym vom 20. Mai 1963, S. 592. 320 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge unterschiedlichen Feldern seine Treue zum sozialistischen Staat bekundet hatte. Gipfelnd ja in der Festschrift zu seinem 75. Geburtstag, der Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften und der Verleihung des Nationalpreises im selben Jahr. Der Dekan der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität hatte den parteilosen Bloch für die Verleihung noch mit den Worten vorgeschlagen: »Seine gesamte publizistische und pädagogische Arbeit stellt Ernst Bloch in den Dienst der humanen Bestrebungen unserer Zeit: Des Kampfes um die Sicherung des Weltfriedens und des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Er hat in dieser Beziehung in seiner Entwicklung keinen Bruch aufzuweisen, sondern ist konsequent von Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an einen Weg gegangen, der ihn sehr bald in unmittelbare Berührung mit diesen Zielsetzungen gebracht hat.«743 Das ist eine Feststellung, die a) gar nicht einmal so falsch ist und b) von Bloch sicherlich sogar unterschrieben worden 743 Vorschlag der Philosophischen Fakultät etc., S. 104. Verleihung des Nationalpreises an Ernst Bloch, 1955 321 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch wäre. Und Rugard Otto Gropp, der die Festschrift zu Blochs Geburtstag herausgeben musste (dieses Wort ist hier zu benutzen), schrieb (sicherlich mit geballter Faust in der Tasche) im Vorwort: »Ihre Freunde und Kollegen ehren in Ihnen mit dem Philosophen zugleich die Persönlichkeit, die sich leidenschaftlich zum Humanismus, zum historischen Progress, zum Sozialismus bekennt. Ihr Denken ist dem Leben, der Praxis zugewandt. (…) In Schrift und Wort, durch Buch, Artikel und Vortrag fördern Sie den Kampf der Menschheit um eine glückliche Zukunft.«744 Doch es gab zwei offizielle Wahrheiten gleichzeitig, nebeneinander in der DDR. Und die zweite, von Stasi und Partei als vertrauliche Verschlusssache deklariert, las sich wie folgt – bereits im April 1956: »An der philosophischen Fakultät herrscht ein ungesunder Zustand (…). Das hat auch seine Ursache darin, dass sie (die Assistenten und Studenten, AH) in ihrer Studienarbeit kritiklos die philosophischen Lektionen Professor Blochs entgegennehmen, der Auffassung sind, dass Bloch einer der größten Philosophen ist, der selbst sich so einschätzt, dass man ihn erst im Jahre 2000 richtig verstehen wird, zu ihm aufblicken, wie zu einem Unfehlbaren. Von dem Gesichtspunkt aus den Personenkult, den sie in aller Schärfe gegenüber Stalin verurteilen, doch selbst gegenüber Professor Bloch in Anwendung bringen und nicht sehen, dass die Philosophie Blochs nicht exakt basiert auf den Grundlagen des dialektischen Materialismus (…). Deswegen sehen sie auch nicht die politisch-ideologischen Entgleisungen Blochs gegenüber der Partei und damit gegenüber unserem Arbeiter- und Bauernstaat, der erst vor einigen Tagen aussprach: 744 Gropp: Vorwort (zur Bloch-Festschrift), S. 7. Ernst Bloch, Schriftstellerkongress in Berlin, 13. Januar 1956 322 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge ‚Wenn man zur Einheit Deutschlands kommen will, dann muss Ulbricht zurücktreten.‘«745 Gegen Bloch lag, das zeigen die Akten heute deutlich, im Herbst 1956 ebenfalls ein Haftbefehl vor. Die Staatssicherheit hatte bereits minutiös aufgelistet, welche Verbindungen Bloch zu Harich, Janka, Lukács usw. gehabt hatte. Aber in letzter Minute machte die Spitze des Staates einen Rückzieher, der Haftbefehl wurde nicht vollstreckt. Die Stasi wusste zu berichten: »Die Nachricht von der Verhaftung Dr. Harichs rief bei Professor Bloch ein starkes Zittern hervor, was nicht nur als Ausdruck eines Schreck-, sondern gleichzeitig als Ausdruck eines starken Angstgefühls gewertet wurde.«746 Das erklärt, wir dürfen es nicht vergessen, ein ganzes Stück weit Blochs Opportunismus, sein Schweigen. Anders als etwa Mayer befand er sich tatsächlich in einer gefährlichen Lage – und er war sich darüber klar. Es folgte jener gerade angesprochene Prozess der permanenten öffentlichen Demütigungen und Kritiken, der Bloch zermürben und ihm gleichzeitig zeigen sollte, wie die Partei auf Abweichungen von ihrer Meinung zu reagieren gedachte. Am 5. und 6. April 1957 fand die Konferenz über Fragen der Blochschen Philosophie statt, in der diese einer Generalabrechnung unterzogen wurde.747 Schon vorher war der Offene Brief des Philosophie-Instituts (18. Januar) in Umlauf gekommen – als Teil eines Drohszenarios, denn noch einmal wurden Blochs Kontakte und Verbindungen zu Harich und Lukács benannt.748 Da Bloch nicht öffentlich reagieren konnte/durfte, schrieb er seinerseits einen Offenen Brief (22. Januar), den er an die Partei- und Universitätsführung sendete (u. a. an Wilhelm Pieck, Ulbricht, den Präsidenten der Volkskammer 745 Beschluss des Büros der Bezirksleitung vom 19. April 1956, S. 109f. 746 Bericht der Staatssicherheit vom 15. Dezember 1956, S. 121. 747 Siehe: Caysa u. a.: Einleitung, S. 44. Der Konferenzband erschien unter dem Titel: Ernst Blochs Revision des Marxismus, herausgegeben von Johannes Heinz Horn. Mit dem Ergebnis: »(…) in Folge dessen ist die Philosophie Ernst Blochs kein Marxismus-Leninismus. Denn sie ist alles das, von dem wir feststellten, dass dafür kein Platz in der Lehre ist, die von Marx, Engels und Lenin herausgebildet wurde.« Horn: Kritische Bemerkungen zur Philosophie Blochs, S. 352. Das waren die Schlusssätze des Bandes. 748 Institut für Philosophie: Offener Brief an Ernst Bloch, S. 129-135. 323 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch J. Dieckmann, Hager, Harig, den Rektor und den Dekan der Universität). Darin wies er natürlich zuvorderst die politischen Anschuldigungen zurück und er legte dann seinen Finger in die Wunde der Absurdität: Dass die Verurteilung seiner Philosophie auf der Basis genau jener Bücher erfolge, für die er 1955 den Nationalpreis bekommen habe.749 Ulbricht persönlich sah sich veranlasst, mit der ihm eigenen Weltsicht aus Lügen und Verdrehung zu antworten.750 Die folgenden Jahre waren für Bloch nicht einfach, in seinem Offenen Brief hatte er geschrieben, »dass ich, wenn die Regierung es wünschen sollte, auch von meinem Recht, Vorlesungen weiter zu halten, keinen Gebrauch machen möchte«.751 Das war der Weg in die Isolation, der Rückzug ins Private, an den Schreibtisch. Verschiedene Privilegien konnte er behalten, etwa Reisevisa, die Möglichkeit, mit westdeutschen Verlagen zu verhandeln usw. Und so wurde auch für ihn, wie zeitlich parallel für Lukács, die von außen erzwungene universitäre und politische, also öffentliche Ruhe eine Phase produktiven Arbeitens. Es ist hier nicht der Platz, die parteioffizielle Kritik an Bloch in ihren Facetten nachzuzeichnen. Springen wir also chronologisch einige Jahre nach vorn. »1960 reiste Bloch zu mehreren Vorträgen nach Tübingen, Stuttgart, Heidelberg; der Erfolg war vor allem in Tübingen so überwältigend, dass die Universität ihn zu einer Gastprofessur für eines der nächsten Semester einlud. Die offizielle Einladung zum Gastsemester kam, die Formalitäten mussten allerdings erst noch mit Hilfe der Akademie der Wissenschaften erledigt werden. Bloch fuhr im Sommer 1961 wieder zu Vorträgen nach Tübingen und Bayreuth, dann zum Urlaub ins oberbayrische Marquartstein, von dort am 13. August weiter nach München, um Freunde zu besuchen. Die empfingen die Blochs mit der Nachricht vom Mauerbau.«752 Es stand eine Entscheidung an, deren Konsequenzen intensiv zu überlegen waren. »Bloch aber zögerte noch, obwohl er über den Mauerbau empört war, (…) obwohl klar war, dass die Arbeitsbedingungen in Leipzig für ihn nun noch eingeschränkter sein würden, fürchtete er gleichzeitig 749 Hierzu: Bloch: Offener Brief, S. 146f. 750 Ulbricht: Brief an Ernst Bloch vom 11. Februar 1957, S. 152-154. 751 Bloch: Offener Brief, S. 149. 752 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 243f. 324 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge auch, im Falle einer Nicht-Rückkehr erneut seine Bibliothek, besonders aber die Manuskripte zu verlieren (…). Bloch beschloss daher, erst einmal abzuwarten, war doch die Bundesrepublik Deutschland auch nicht gerade ein Paradies für Marxisten.«753 In diese Tage fiel eine Meldung des Pressedienstes der SPD, dass Bloch spurlos aus Leipzig verschwunden sei. Freunde und Bekannte von ihm würden befürchten, »er sei verschleppt oder verhaftet worden«.754 Doch Bloch hatte gemeinsam mit Unseld die Wartezeit genutzt. Der Verleger Dausien hatte eine Akkreditierung für die Leipziger Buchmesse. »Karola Bloch hatte ihm die Wohnungsschlüssel von Blochs Leipziger Domizil ausgehändigt sowie einen Lageplan des Arbeitszimmers und einen Schlüssel für den Schrank, in dem Blochs Manuskripte aufbewahrt waren. Dausien und seine Frau Margret betraten spät nachts mit einer Taschenlampe das Haus und luden die Manuskripte unbemerkt in den Kofferraum ihres Wagens. Den Argusaugen der Kontrolleure bei der Grenzkontrolle entging die wichtige Fracht (…).«755 Aus Marquartstein schrieb Bloch am 20. September, nunmehr im Besitz seiner Manuskripte, an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften – und teilte diesem mit, »dass ich bei künftigen Sitzungen der Deutschen Akademie der Wissenschaften, deren ordentliches Mitglied ich bin, zu meinem wahren Bedauern nicht mehr anwesend sein kann«.756 Der Bruch war vollzogen. Und an genau diesem Tag hörte auch das Versteckspiel auf und Bloch erklärte sich deutlich: »In den ersten Jahren meiner Universitätstätigkeit erfreute ich mich ungehindert der Freiheit des Wortes, der Schrift und der Lehre. In den letzten Jahren hat sich diese Situation zunehmend geändert. Ich wurde in Isolierung getrieben, hatte keine Möglichkeit zu lehren, der Kontakt mit Studenten wurde unterbro- 753 Münster: Bloch, S. 306. Dort weiter: »Schließlich war er jedoch bereit, dem Drängen seiner Freunde – Arnold Metzger in München, Walter Jens und Julie Gastl in Tübingen, Siegfried Unseld in Frankfurt – nachzugeben, allerdings nur, sofern in der Angelegenheit seiner Manuskripte eine Lösung gefunden würde, bevor die Staatssicherheit während seiner Abwesenheit in seine Leipziger Wohnung eindringen konnte und sie beschlagnahmte. Sonst würde er nach Leipzig zurückkehren.« (Ebd.) 754 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 244. 755 Münster: Bloch, S. 307. 756 Zitiert bei: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 245. 325 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch chen, meine besten Schüler wurden verfolgt und bestraft, die Möglichkeit für publizistisches Wirken wurde unterbunden, ich konnte in keiner Zeitschrift veröffentlichen, und der Aufbau-Verlag in Berlin kam seinen vertraglichen Verpflichtungen meinen Werken gegenüber nicht nach.757 So entstand die Tendenz, mich in Schweigen zu begraben. (…) Nach den Ereignissen vom 13. August, die erwarten lassen, dass für selbstständig Denkende überhaupt kein Lebens- und Wirkungsraum mehr bleibt, bin ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber unwürdigen Verhältnissen und der Bedrohung, die sie allein aufrechterhalten, auszusetzen. Mit meinen 76 Jahren habe ich mich entschieden, nicht nach Leipzig zurückzukehren.«758 Die Abrechnung mit dem DDR Regime war da und sie war deutlich formuliert. Aber es war kein Abschied vom Sozialismus, den Bloch begangen hatte. Vielmehr blieb ihm eben jene Kategorie, die sozialistische Hoffnung, in der er immer gedacht hatte: »Diese Hoffnung ist ja keine Ideologie, die im selben Maße zerfällt, wie die Augen aufgeschlagen werden und die Wirklichkeit sichtbar wird, sondern das gibt durch den Marxismus Aussicht nicht auf Hoffnung allein, vielmehr auf eine materialistisch fundierte Hoffnung, auf eine gelehrte Hoffnung der Gestalt, dass ja auch innerhalb der Leninschen Reihenfolge bei der Durchführung des Sozialismus und dann des Kommunismus es nur sehr allmählich vorwärts geht. Aber die Hoffnung auf das Endziel bleibt, und man wird auf das Endziel sehen müssen, damit die notwendigen konkreten Vermittlungen dazwischen nicht in der Vermittlung stecken bleiben, sondern immer eine Vermittlung wozu und wohin lebendig ist.«759 So Bloch, 1975. Im Westen kehrte Bloch in den sechziger Jahren zu Goe the und Hegel zurück, seine früheren Gedanken beibehaltend, weiterentwickelnd, modifizierend an ihre Ursprünge zurückführend. Wir finden die ersten Ergebnisse dieses Prozesses in seiner Vorlesungstätigkeit in Tübingen, 757 Die entsprechenden Briefe und Dokumente druckt: Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)« Dort lässt sich auch gut nachlesen, wie schäbig, falsch, hinterhältig sich die handelnden Personen auf Seiten der SED verhielten. 758 Zitiert bei: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 245. 759 Bloch: Schlüsse sind Kurzschlüsse, S. 250. 326 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge beginnend mit der Antrittsvorlesung (Bloch sprach von einer Eröffnungs-Vorlesung) unter dem Titel Kann Hoffnung enttäuscht werden?,760 gipfelnd in den publizierten Manuskripten der Tübinger Einleitung in die Philosophie – die im Folgenden zur Debatte stehen. In dem Band Literarische Aufsätze der (so vieles weglassenden) Gesamtausgabe ist die Antrittsveranstaltung publiziert, besser: deplatziert. Denn Literatur wollte Bloch im Westen nicht treiben. Es galt, das philosophische Werk zu vollenden. »Der Abschied von Leipzig und der DDR im September 1961 bedeutete für Ernst Bloch, dass er jetzt in Tübingen, der kleinen schwäbischen Universitätsstadt 40 km südlich von Stuttgart, im hohen Alter von 76 Jahren buchstäblich neu anfangen musste. (…) Die Haare waren inzwischen weiß, der Rücken krumm, und seine Augen verschwanden hinter dicken Brillengläsern. Aber er hatte den unerschütterlichen Willen, mit seiner akademischen Karriere im ‚freien Westen‘ jetzt wieder am Nullpunkt zu beginnen.«761 Diesen Nullpunkt, diese Stunde Null hat es so natürlich nicht gegeben. In der Forschungsliteratur ist sogar von einer »philosophischen Wende im Werk Blochs« die Rede, motiviert und vollzogen durch den Umzug von Leipzig nach Tübingen.762 Dieser These werden wir uns nicht anschließen, ganz im Gegenteil geht es hier um die Kontinuität durch Weiterentwicklung. Peter Zudeick schrieb: »Nach fünf Jahren Lehrverbot steht Ernst Bloch am 17. November 1961 zum ersten Mal wieder vor Studenten (…). Im Auditorium Maximum der Tübinger Universität geschieht Ungewöhnliches: ‚Die ersten Reihen wurden mühsam freigemacht für die Prominenz, eine Übertragung der Vorlesung in einen anderen Hörsaal wurde vorbereitet, und es begann ein abenteuerlicher Zustrom, der das Auditorium bis auf den letzten Quadratzentimeter füllte, so dass zu befürchten war, Bloch würde sich kaum zum Rednerpult durchkämpfen können.‘ Er konnte, (…) jung wie eh und je. ‚Meine Damen und Herren, ich freue mich, unter Ihnen zu sein. Hier möchte ich meine bisherige Arbeit fortsetzen. 760 Bloch: Kann Hoffnung enttäuscht werden?, S. 385-392. 761 Münster: Ernst Bloch, S. 311. 762 Behrens: Blochs marxistische Propädeutik, S. 72. 327 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch Meine bisherige, sagte ich, und sie werde in Freiheit als realer Humanismus fortgesetzt.‘«763 Also fortsetzen, nicht etwa wenden oder bei Null beginnen. Arno Münster selbst, der den merkwürdigen Topos des Nullpunktes ins Gespräch brachte, hat gleichzeitig das Gegenteil seiner These begründet. Denn die Tübinger Einleitung in die Philosophie, die Bloch seit November 1961 in zwei Semestern an der Universität vortrug, sah er nicht nur als eine »Einführung in die Philosophie Blochs«, sondern verortete sie im Rückgriff auf Bisheriges, auf den Hegel und das Prinzip Hoffnung, als Vorgriff auf Zukünftiges, auf Tendenz-Latenz-Utopie und Experimentum Mundi.764 Es ist über die Vorlesung zu erfahren: »Auch enthält sie eine Reihe von philosophischen Studien, die auf vorhergehende Werke Blochs verweisen: Auf das Hegel-Buch etwa die Studie über das Faustmotiv in Hegels Phänomenologie des Geistes, in dem sich für Bloch die gesamte Hegelsche Wissenschaft von der Erfahrung des Bewusstseins, angefangen bei der Erkenntnis als Selbstgewissheit bis hin zum absoluten Wissen, zusammenfassen lässt.«765 Eben diese neue Hegel-Deutung ist es, die uns hier interessiert. Bloch hat sie unter dem Titel Methodisches Fahrtmotiv zwischen den Teilen Erschwerungen und Weisungen utopischen I nhalts angesiedelt. Die erneute Debatte um Goe the und Hegel bildet also gleichsam den Auftakt, die Rampe hin zur Utopie. Ein insofern interessanter Zug, da ja gerade Goethe und Hegel für die »Versöhnung mit der Wirklichkeit« stehen – der eine Zeit seines Lebens parallel zur utopischen Vision, der andere am Endpunkte seines Lebens und Wirkens. Das Thema, das für Bloch wichtig war, kündigte dieser leise an. Verweise auf die Phänomenologie (»Streift nicht Hegels Phänomenologie eine untergegangene Lebensgeschichte, als eine des menschlichen Bewusstseins überhaupt, wie es sich großgezogen 763 Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 252f. 764 Münster: Ernst Bloch, S. 331. 765 Ebd. Die Ausführungen zum Faustmotiv gehen natürlich nicht auf das Hegel-Buch, sondern auf den gleichnamigen Aufsatz von 1949 zurück. Es hat aber auch noch kein Wissenschaftler Arno Münster unterstellt, dass seine Bloch-Biographie in ihren Details zutreffend und richtig wäre. 328 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge hat und bildet?«)766 und den Faust (»Faust, unruhig an seinem Pult, ist das bisher stärkst dargestellte Subjekt des menschlichen Hinstrebens, Hinfahrens zu wechselnd füllendem Etwas.«)767 bereiten den erneuten Vergleich beider Konzeption vor. Es dauert zwei oder drei Seiten (im Hörsaal also so ca. zehn Minuten), bis der Leser erfährt, wohin und worauf diese Hinweise zielen. Ihren Ausgang nimmt die Betrachtung, man kann schon sagen selbstverständlich, von Hegel. Dessen Phänomenologie sei von der ganzen Anlage »das ebenbürtige Lehr-Gegenstück zu Goe thes Faust. (…) Die ferneren ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs‘, wie Hegel an anderer Stelle sagt, entsprechen dem mythischen Zaubermantel, der Fortgang einer methodischen Subjekt-Objekt-Beziehung hat als Ziel nicht minder das ‚Erkenne dich selbst im schönen Sinn‘.«768 Die Phänomenologie, wir hören davon nicht zum ersten Mal, zeige Prozesse der Entwicklung. Jede neue erklommene Stufe zeige zugleich neue Herausforderungen, das Subjekt verändere das Objekt, das Objekt das Subjekt: »Das Dialektische ist kritisch, lässt sich durch nichts imponieren, genau der Fortgangs-Bund der Hegelschen Phänomenologie mit dem ‚Großziehenden‘ des Faustplans liegt auf der Hand.«769 Hegels Phänomenologie schildere eine Reise, die unglaublich sei  – ein »beständig aufbrechender Prozess«, immer wieder neu beginnend, von dem man vermeinen könnte, er habe kein Ende und sei für die Ewigkeit gemacht. Doch die Welt bei Hegel ist, so Bloch präzise, »ebenso fertig. Es bleibt danach keine Möglichkeit, die nicht bereits verwirklicht 766 Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 48. 767 Ebd., S. 50. 768 Ebd., S. 53. 769 Ebd., S. 54. Und weiter heißt es: »Hier wie dort gilt der Mensch als Frage und die Welt als Antwort, aber auch die Welt als Frage und der Mensch als Antwort. Hier wie dort will das Subjekt erfahren, was der ganzen Menschheit zuerteilt ist, aber auch das Objekt erfährt, dass ein Selbsterkennungsprozess es durchfahren und durcherfahren hat. Das Subjekt ist in beiden großen Exodus-Heimkehrbüchern nicht bloß betrachtend, gar konservierend und hütend; der Mensch ist in beiden nicht ein angeblicher Hirt des Seins. Er ist in beiden vielmehr das Agens, das gleiche, doch gesteigerte, das die Gestalten laufen, sich verwandeln und in uns immer adäquateren Sphären aufschlagen lässt.« (Ebd., S. 54f.) 329 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch wäre.«770 (Das ist, wir verweisen nur kurz darauf, exakt die Position von Lukács und Harich in den fünfziger Jahren.) Die Verwandtschaft von Hegel und Goe the, von Phänomenologie und Faust sei nichts von außen an die Werke Herangetragenes, sondern liege in der Sache selbst begründet. Ein Wesenszug, den beide Schriften exklusiv hätten. »Jedoch werkhaft durchgehalten ist das Faustmotiv, aus Gründen seiner Kraft wie Weite wie Tiefe, nur bei Goe the. Und eben nur ein einziges philosophisches Werk gibt – aus persistenter Durchführung des weltfahrenden Motivs – zu Goe thes Faust das Gegenstück: Hegels Phänomenologie des Geistes.«771 Der Grund hierfür liegt darin, dass jene Motive, die geschichtlich und gesellschaftlich bedingten, aus denen heraus Goe the an die Verwirklichung seines Faustplanes ging, in Hegels frühen Jahren fortwirkten und dessen frühes Schaffen und Denken prägten. »Die gesellschaftlich-geschichtlichen Antriebe, aus denen Goe the den Urfaust geschrieben hatte, 1774/1775, ein wenig nach Hegels Geburt, die Antriebe des revolutionären Bürgertums wirkten noch lange in Hegels Jugendzeit hinein. Es waren die gleichen, die den jungen Hegel einen Maibaum pflanzen ließen, die ihn mit dem Citoyen des Hölderlinschen Griechenland verbanden, mit dieser freien Polis und der glücklich scheinenden Alleins-Natur. Die Phänomenologie selber, gewiss, sie hat mit dem jakobinischen Maibaum nichts mehr gemein (…). Aber desto näher stand sie eben deshalb wieder dem späteren Goe theschen Ausgleich mit der Welt (…).«772 Diese Argumentation ist uns vertraut, sie bildet eine der Kontinuitätslinien, die vom amerikanischen Exil durch die Jahre in der DDR bis nach Tübingen reicht. Gleichzeitig ist es der Punkt, an dem Bloch und Lukács mehr als nur konform gingen, der eine Identität philosophischer Art illustriert, die nicht durch die gemeinsamen Jugendjahre legitimiert oder erklärt werden muss, sondern deren Begründung einzig und allein in der Adaption Hegels vom Standpunkt der marxistischen Philosophie aus zu suchen ist. Der junge Hegel von Lukács, der wie kein anderes Buch 770 Beide Zitate: Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 62. 771 Ebd., S. 64. 772 Ebd., S. 66. 330 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge die positiven, revolutionsbejahenden Gedanken der frühen Manuskripte und Schriften Hegels abbildet und fokussiert, war eben kein solitäres Phänomen, sondern Zusammenfassung der Tendenzen des philosophischen Aufbruchs. Und so finden wir keine Spuren des Jungen Hegel bei Bloch, sondern den gleichen Gedanken, geschöpft aus der gleichen Zeit und Erfahrung, verbunden der analogen Hoffnung, blickend auf das Ziel der Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie. Es geht nicht darum, ob Bloch sich der »Sklavensprache«773 bediente oder Opposition in Permanenz trieb – das sind Scheingefechte mit dem Ziel der Ablenkung vom Wesentlichen (die sie alle wollen, von Zwerenz bis Riedel): Dem marxistischen Konsens. Zurück zum Tübinger Bloch – der sich auf der Spurensuche in Sachen Goe the, Hegel und Lukács befand. Ein wenig müssen wir dann doch differenzieren (die eigene Ausgangsthese etwas zurücknehmen), es darf hier keine absolute Identität von Bloch und Lukács behauptet werden, dafür beobachteten sich die beiden in den fünfziger Jahren viel zu argwöhnisch. Wir sagten bereits: Der eine schaute immer ganz genau, was der andere tat, Bloch sogar noch etwas intensiver als der ungarische Marxist.774 Denn es ging ja ausgesprochen-unausgesprochen immer auch um die Frage der »Führung« innerhalb der modernen marxistischen Philosophie. Und so konnte es Bloch sich nicht verkneifen, seinen Leipziger Studenten in seiner Vorlesung zu erklären – nach seiner Darstellung der bürgerlichen Hegel-Interpretationen (es ist eine von zwei Wortmeldungen zu Lukács, die zweite beschäftigt sich mit der Zerstörung der Vernunft): »Ein guter Schlag dagegen ist enthalten in dem Buch Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft von Georg Lukács, einer fleißigen, kenntnisreichen Schrift mit sehr interessanten Partien, wodurch Hegel aus den Entstellungen des immer faschistischer werdenden Neuhegelianismus herausgebracht worden ist.«775 Aber Lukács schildere einen Hegel, den Marx nicht kannte, da die von Lukács verwendeten und interpretierten Schrif- 773 Siehe: Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte. 774 Einblicke gibt: Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107-126. 775 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271. 331 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch ten noch gar nicht vorlagen.776 Damit meinte Bloch die von Hermann Nohl edierten Jugendschriften Hegels, auf die sich auch Harich in seiner Hegel-Vorlesung intensiv stützte und die in Blochs Subjekt-Objekt in der Tat eine eher randständige Stellung einnehmen.777 Weiter sagte Bloch seinen Studenten: »Das Lehrreiche ist, dass die ökonomische Seite Hegels, sein ökonomisches Bewusstsein hier herausgestellt ist, vielleicht in einer übertriebenen Weise, eben als Gegenschlag. Es ist auch sonst alles sehr innerhalb Hegels gehalten. Der Blick auf Hegel geschieht vom späten Hegel auf den jungen Hegel, es ist ein von Hegel bezaubertes Buch, was zum Verständnis Hegels natürlich sehr beiträgt, aber auch die Grenzen ausmacht, denn das Buch ist doch philologisch, literarhistorisch und nicht philosophisch, im Zusammenhang mit den anderen Arbeiten von Lukács. Daneben hat es aber immer wieder, vor allen Dingen in einem kühnen Kapitel wie Die Arbeit und das P roblem der Teleologie, außerordentliche Fernblicke, wie es bei einem Verstand und einer Begabung und einem Umblick, wie sie Lukács besitzt, nicht verwunderlich ist.«778 Dies war natürlich, hintergründig, schon ein ganzes Stück weit boshaft. Nicht zuletzt, da Bloch sein Hegel-Buch, auch wenn er diese Titulierung dann wieder zurücknahm, als Gegenstück zum Jungen Hegel hinstellte: »Ich darf in diesem Zusammenhang noch auf ein kleines Gegenstück zu diesem Buch hinweisen, namens Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel, 776 »Allerdings ist es der Hegel, der auf Marx nicht eingewirkt hat, da dieses Schrifttum zu der Zeit von Marx überhaupt nicht gedruckt war. Das Buch schließt ab mit der Phänomenologie des Geistes, die Marx selbstverständlich kannte, aber das Vorhergehende war fast vollkommen unbekannt, soweit es nicht in dem 1. Band erschienen war.« Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271. 777 Hermann Nohl hatte die entsprechenden Dokumente und Manuskripte aus Hegels Jugendjahren 1907 herausgegeben (Hegels theologische Jugendschriften). Für Lukács und Harich war diese Publikation überaus wichtig. Lukács war im Jungen Hegel der erste, der die Jugendtexte Hegels wirklich tiefgreifend und systematisierend auswertete. Harich seinerseits zitierte in seiner Hegel-Vorlesung, inspiriert durch Lukács, ganze Seiten aus dieser Publikation (oftmals zusammen mit der entsprechenden Interpretation der Passagen durch Lukács). Siehe (neben den bisherigen Verweisen im laufenden Text): Heyer: Die Hegel-Debatte in der frühen DDR-Philosophie und ihre Ursprünge, S. 11-118. 778 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 271f. 332 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge von Bloch, in dem der junge Hegel keinen großen Umfang einnimmt, weil das ja schon abgehandelt war. Das heißt, ich wusste gar nicht, dass es geschah, die beiden Bücher sind ungefähr gleichzeitig geschrieben und auch ohne gegenseitige Kenntnis des Unternehmens angefertigt worden. Dafür ist Hegel von der Phänomenologie an behandelt, was bei Lukács fehlt, so dass man vielleicht von einer Ergänzung sprechen kann.«779 Die Genese der Blochschen Philosophie, ihr eigener prozesshafter Charakter der in der Kontinuität enthalten ist, diese erst gewährleistet, lässt sich hier kaum rekonstruieren. Mit Blick auf den Vergleich von Goethe und Hegel ist vor allem zu erkennen, dass dieser nun viel dichter und intensiver durchgeführt wird als in den früheren Schriften. Der Suche nach einigen Hauptpunkten des Vergleichs, wie sie Bloch noch in der ersten Fassung des Aufsatzes Das Faustmotiv in der P hänomenologie unternommen hatte, wurde verdrängt von einem fast überkochenden Topf zahlreicher Analogien auf unterschiedlichsten Ebenen. In der Folge sind einige wichtige Elemente des Verhältnisses von Phänomenologie und Faust, die für Bloch Anfang der sechziger Jahre relevant waren, stichpunktartig aufzuzählen (darunter so manche, die den jungen Hegel eigentlich voraussetzen, wir notieren das bloß ohne Kommentar):780 • Die gleiche ökonomische Basis. (S. 66) • »Beide Werke stehen im Sonnenaufgang der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, beide sind daher optimistisch.« (S. 66) • »Die objektive Selbsterziehung macht sich und bewährt sich in der durchgängigen Vita activa: Was fürs Faustsubjekt die rastlose Tätigkeit, ist fürs phänomenologische die seinsmächtig werdende Arbeit.« (S. 69) • Die »Objektwelt« Goe thes und Hegels verschiebe sich um 1800 – vom Ancien Régime nach Weimar und hin zum Rheinbund. Letztlich zu Napoleon. (S. 68) • »Derart überwand Hegel den subjektiven Idealismus, gewann eine Art geistmäßigen, doch objekthaft genährten Realismus, einen der Goe- 779 Bloch: Leipziger Vorlesungen, Bd. 4, S. 272. 780 Aufzählung nach: Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie. Die Seitenzahlen im laufenden Text. 333 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch theschen Gegenständlichkeit, Welthaltigkeit, auch Weltbeglücktheit durchaus verwandten.« (S. 69) • Ununterbrochen, nie anhaltend, sind beide Werke »in großer Fahrt«, immer neu beginnend. (S. 69f.) • Ihr Antrieb ist »das Ungenügen, der nicht getilgte und zu tilgende Mangel«. (S. 70) • »Weder das Wanderhafte noch die verschiedenen Stufen fehlen, geht man zu Hegels Werk über. (…) Das Wanderhafte, Ausfahrthafte der Phänomenologie durchläuft so eine Welt, in der keine Substanz ist und gilt, die nicht ebenso mit dem fahrenden Subjekt fährt und von ihm durchdrungen ist.« (S. 71) • »Wie Faust, so ist es derart auch die Phänomenologie der Aufstiegsform der Divina Commedia, mutatis mutandis, nicht unverwandt.« (S. 72) • Noch deutlicher als Faust nehme die Phänomenologie immer wieder ihren Anfang im Ursprung, bedenke die Tradition. (S. 73) • Eine besondere Verwandtschaft ergebe sich mit Blick auf die Dialektik. (S. 75ff.) • »Indem die Fahrt Fausts in der Phänomenologie eine des Ungenügens oder Mangels ist, geht sie aufs Füllende und Rechte hin, also muss sie allem, was ihr im Gegenständlichen auf die Dauer nicht Genüge tut, widersprechen.«781 (S. 75) • Die Dialektik Hegel gehe dadurch über alles Bisherige hinaus, so dass sie nicht bei der einfachen Gegensätzlichkeit stehen bleibe, sondern Bewegung, Entwicklung, Widerspruch überall orte und setze. (S. 77) • »Der Widerspruch von ‚Leben‘ und ‚toter Objektivität‘ hatte schon das Denken des jungen Hegel bewegt, in der Frankfurter Epoche. Jedoch 781 »Komprimierter dialektischer Umschlag erscheint in den Worten: ‚Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.‘ Und obwohl Goe the sonst sehr oft die Worte der Hegelschen Dialektik zu bizarr fand, nennt er umgekehrt in einem Brief an Niebuhr das Wort ‚Zustand‘ ein elendes, weil nichts eben stehe, alles beweglich sei. (…) Doch ist das Faustmotiv an und für sich ein fortlaufend dialektisches, es ist das Kräftig-Unbefriedigte, das zwar jeder Situation genüge tut, dem aber keine Situation bereits Genüge zu tun im ‚Zustand‘ ist. Infolgedessen gelingt die Einheit des strebenden Bemühens mit seinem Zielinhalt dem Faust sogar weniger fix und fertig als dem Schluss der Phänomenologie und seiner Angelangtheit im ‚sich wissenden Geist‘.« Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 75f. 334 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge noch als unvermittelter Widerspruch und so, dass die Objektivität eben noch lauter Tod sein sollte. Die unvermittelte Antinomie von ‚Leben‘ und angeblicher ‚toter Objektivität‘ vermehrte sich aber, als Hegels reife Dialektik mit einem Schlag durchbrach, um die Antinomie im bewegten, also lebendigen Objekt selber. Mephisto, der Geist, der stets verneint, kommt nun völlig in den Realprozess, muss durch Negation wirken, reizen.« (S. 76f.) • »Nicht nur Dialektik, auch tätige Realprobleme der Dialektik sind also in Faust und Phänomenologie gleichmäßig immanent, mindestens als Horizont.« (S. 79) • Wie kaum andere Werke in der Geschichte der Philosophie und Kunst sind Faust und Phänomenologie von Anfang an auf ein Ziel, auf ihr Ziel bezogen. (S. 79) • »Wonach das Subjekt mit dem Objekt nicht mehr behaftet ist als mit einem fremden; der Welt-Faust der Phänomenologie landet so im Ithaka seiner ihm eigentümlichen Heimat (…). Leider nur ist das Selbst der Phänomenologie darin nicht bloß mit keinem fremden, sondern überhaupt mit keinem Gegenstand mehr behaftet, und das trotz des bekundeten Weltsinns Hegels, seiner mit Goe the verbundenen Objektbezogenheit, seiner konkreten Auswendigkeits-Freude.« (S. 81) • »Faust bleibt bis ans Ende ebenso voll äußere Figur (…). In die Welt hat er sich eingeschifft, gleich dem Subjekt der Phänomenologie, aber materieller als dieses bleibt für Faust Gegenständlichkeit auch im Fürsichsein des erfüllten Augenblicks und gerade in diesem als rechte.« (S. 81) • »Und doch klingt auch im Chorus mysticus des Phänomenologie-Schlusses die antizipierte Augenblicksfülle des Faust-Schlusses unverkennbar verwandt wieder – kraft der Fülle, die es nie ohne Gegenständlichkeit aushält und gibt.« (S. 82) Phänomenologie und Faust schöpfen aus den gleichen gesellschaftlichen Grundlagen, aus historischen, ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten, die den Aufbruch des Bürgertums markieren. Dergestalt sei ihr Zusammenhang mit der Bewegung der Aufklärung verbürgt – trotz der sowohl bei Goe the wie bei Hegel (nach seiner euphorischen Jugendphase) 335 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch sich immer stärker akzentuierenden negativen Einstellung zur tatsächlichen Französischen Revolution und ihren spontan-revolutionären Ergebnissen bzw. Konsequenzen. Diese Feststellung war schon für Lukács und Harich überaus bedeutsam. Es handelt sich um eines der Fundamente, auf denen die marxistischen Goe the- und Hegel-Interpretationen ruhen. »Immer ist das Faustische in der Phänomenologie, das Phänomenologische in Faust wechselseitig gegenwärtig, kraft des gemeinsamen, so geheimnisvollen wie Geheimnis lösenden Weltwegs von innen nach außen. So dass mit einem hier Goe theschen dort Hegelschen Ausdruck gesagt werden kann: Fausts Monolog ist das ‚Urphänomen‘ der Phänomenologie, und die Substanz, die sich ebenso als vermitteltes Subjekt weiß, ist das ‚Absolutum‘ des Faust; beider Hermeneutik steht sich, steht unseren Angelegenheiten bei.«782 Abschließend sei angemerkt, dass es überaus bemerkenswert und bedeutsam ist, dass Bloch im Westen an den Intentionen und Motivationen seines Werkes festhielt. In diesem Sinne gipfeln auch seine Tübinger Überlegungen in jenem Bekenntnis zum Sozialismus, das sich schon 1949 nachweisen lässt (und noch weitaus tiefer in den Zeiten wurzelt)783: »Das Subjekt-Objekt in Faust und Phänomenologie ist auf gemeinsame Weise das der Menschheit, die in widerspruchsvolle Selbstbefreiung aus den Entäußerungen und durch sie hindurch aufsteigt. Wurde dieser Prozess visiert durch die damals noch progressive bürgerliche Gesellschaft, so stehen Faust und Phänomenologie mit uns nun an dem neuen Tor, an dem der sozialistischen Gesellschaft.«784 Die Vermittlung von Goe the und Hegel wurde dergestalt für Bloch zur Vermittlung des Sozialismus. Unter den Bergen der Verfälschungen, Verschüttungen des Dogmatismus hatten Bloch, Lukács, Harich und einige andere gegen die SED (teilweise aber auch mit dieser!) den originären Goe the und den originären Hegel gesucht und gefunden. Beide wurden dergestalt zur Mahnung an den sich immer mehr bürokratisierenden Sozialismus und waren gleichzeitig doch auch Symbol der Hoffnung auf 782 Bloch: Einleitung in die Tübinger Philosophie, S. 69. 783 Bloch selber ging bis zur 2. Auflage des Geistes der Utopie zurück, aus dem er eine Passage zitierte. Ebd., S. 84. 784 Ebd., S. 83. 336 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 3: Nachklänge die Verwirklichung der bis dato nicht eingelösten Versprechen. Stärker und intensiver konnte der Gedanke des marxistischen Erbantritts nicht gedacht werden. Dass es ein wahres, ein echtes Erbe war, davon zeugen die Positionen, die Lukács, Harich und Bloch einnahmen, nachdem sie ihre jeweils individuellen bitteren Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus gemacht hatten.

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Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.