14. Zwischenstück IV:Hans Mayer und Wolfgang Harich in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 295 - 316

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-295

Tectum, Baden-Baden
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295 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Noch einmal ist die Zeit der Verhaftung Harichs hier zu betrachten – aus einem ganz anderen Blickwinkel. Denn es ist (neben einigen weiteren Dingen) kurz zu analysieren, wie Mayer auf Harichs Verhaftung (und die seiner Mitstreiter) reagierte. Mayers eigener Weg in der DDR nach dem November 1956 wird an anderer Stelle dargestellt. Es wäre natürlich auch möglich gewesen, das Verhältnis von Harich zu Lukács oder Bloch etwas ausführlicher zu untersuchen, allein diese Themen wären zu komplex und würden den Rahmen unserer Betrachtungen mehr als aufsprengen, die Gewichtung zu sehr verschieben. Mayers Stellung zu Harich wird hier behandelt, da so gut deutlich wird, wie schlimm Opportunismus und Anpassung in der DDR wüteten. In seinen Memoiren Schwierigkeiten mit der Wahrheit hat Walter Janka ja vor allem Becher und Anna Seghers ihr Schweigen vorgeworfen. (Harich seinerseits hat in den Wendezeiten Becher und Seghers verteidigt, gerade auf Anna Seghers, mit der er 1948 in der Sowjetunion war und deren Bücher er hoch schätzte, ließ er nichts kommen.) Aber auch andere hat diese Anklage zu treffen. Für Mayer lässt sich nach dem November 1956 ein Prozess des Arrangierens mit dem Gegebenen ausmachen, die anfänglich geäußerte private Wut verwandelte sich in Resignation, Stillschweigen, schließlich Vergessenheit. Ein Verhalten, das so, tausendfach praktiziert, auch zum Untergang der mehr als schäbig gewordenen DDR beitrug. 296 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Die Gruppierung um Harich und Janka war nicht der einzige Versuch, in der DDR trotz der gegenläufigen Tendenzen und Praktiken von Stasi und SED öffentliche freie Diskussionen über die potentielle Ausrichtung und Weiterentwicklung des sozialistischen Staates durchzuführen. So gab es beispielsweise den Donnerstagskreis, der 1956 im Club der Kulturschaffenden wöchentlich stattfand – initiiert und geleitet von Fritz J. Raddatz, der nach eigenen Angaben ca. 35 Intellektuelle regelmäßig einlud.689 Auch diese Gruppierung hatte Kontakt zu den herrschenden Eliten: »Raddatz berichtet sogar, er habe dem Minister Becher – unter dessen schweigender Duldung – die Ziele seines locker zusammengesetzten Kreises dargelegt: Abschaffung der Zensur, eine unabhängige Wochenzeitung und größeren Raum für ausländische Literatur in den Verlagsprogrammen, alles Forderungen, die für Becher damals wahrlich nichts Außergewöhnliches waren.«690 Der 29. November 1956 war nicht nur der Tag der Verhaftung Harichs, dieser hatte eigentlich zugesagt, bei dem Treffen des Donnerstagskreises am selben Tag einen Vortrag über Hegel zu halten.691 Die Wahl des Themas war natürlich kein Zufall – unsere bisherigen Anmerkungen haben gezeigt, dass um Hegel die intensivste Debatte in der jungen DDR-Philosophie geführt wurde, dass gerade dieses Gebiet wie kein zweites zur Aufarbeitung der Vergangenheit zwang und zwingen sollte, einen freien und undogmatischen Marxismus forderte, forcierte, implizierte. (Eben dies ist ja einer der Gründe, warum der Name Hegel, dessen Philosophie sowie die entsprechenden Wertungen und Interpretationen in den Goethe-Feierlichkeiten und nachfolgenden Goe the-Vermessungen so eine tragende Rolle einnahmen. Und es waren die Hegel-Artikel Harichs und Blochs aus dem fünften Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von 1956, die die Stasi für alle Zeiten unterdrücken und vernichten wollte.) Raddatz wird sich gewundert haben, weshalb Harich am 29. nicht zu seinem Vortrag erschien, vielleicht gab es sogar Versuche der Kontaktaufnahme. So lässt sich eventuell erklären, warum er gemeinsam mit Gerhard 689 Raddatz: Hermann Kants Mimikry, S. 65. 690 Schiller: Der Donnerstagskreis, S. 13. 691 Hierzu (allerdings mit einigen problematischen Einschätzungen und Schlussfolgerungen): Ebd., S. 25f. 297 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Schneider, einem seiner Mitstreiter im Donnerstagskreis, am 30. vormittags im Cafe Möhring am Berliner Kurfürstendamm sich aufhielt und bereits Gerüchte über Harichs Verhaftung aufgeschnappt hatte. »Beide gehen davon aus, dass nun auch ihr Schicksal besiegelt ist. Sie sind entschlossen, nicht wieder (in die DDR, AH) zurückzukehren. Da erscheint plötzlich der ahnungslose Hans Mayer im Café. Er explodierte förmlich, nachdem er die Nachricht von der Verhaftung Harichs vernommen hatte. Er müsse sofort Bloch sprechen, erklärte er und forderte die beiden auf, nach Ostberlin zurückzukehren. Das Verbleiben im Westen würde den ‚Donnerstagskreis‘ hochgehen lassen. Wenn Sie im Westen blieben, würden sie doch nur in den Sold der Imperialisten geraten. Mayer fährt nach Leipzig. Raddatz und Schneider kehren nach Ostberlin zurück.«692 (Raddatz verließ die DDR 1958.) Harich und Mayer sind einander immer wieder begegnet, gerade in der Frühphase der DDR führten sie viele Konferenzen und Veranstaltungen zusammen. Ihr Verhältnis war allerdings mehr als angespannt. Harich hatte 1950 Mayers Buch Thomas Mann. Werk und Entwicklung (erschienen 1950 in Berlin) in der Weltbühne – für die er zahlreiche Artikel schrieb693 – scharf kritisiert. Auch wenn sich Mayer dem Anspruch stelle, so Harichs Grundaussage, in den Fußstapfen Georg Lukács’ eine materialistische Ästhetik als Teil des Marxismus zu vertreten,694 so sei sein Buch doch »zutiefst unmarxistisch. Mayer untersucht nicht die historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen der modernen Literatur. Er versucht auch nicht, an Hand einer Analyse dieser Voraussetzungen die Entwicklung Thomas Manns begreiflich zu machen. Er legt vielmehr durch dessen Gesamtwerk sogenannte ‚große Längsschnitte‘, und er will damit vor allem die angebliche Konstanz seiner Thematik beweisen. Das ist genau das gleiche 692 Prokop: 1956, DDR am Scheideweg, S. 209. 693 Eine Auswahl wurde gerade veröffentlicht: Harich: Frühe Schriften, Band 1, S. 209-288. Siehe: Schivelbusch: Vor dem Vorhang. 694 »Der Verfasser erhebt den Anspruch, ‚die von Lukács gestellte Aufgabe historisch-systematischer Darstellung‘ erfüllen zu wollen, und er bekennt sich zur ‚materialistischen Ästhetik‘, deren Probleme, wie er sagt, ‚als gewaltige Zukunftsaufgabe vor uns stehen‘. Wir vermuten also, es hier mit marxistischer Literaturwissenschaft zu tun zu haben.« Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801. 298 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Verfahren, das die bürgerliche ‚Geisteswissenschaft‘ immer dann anzuwenden pflegt, wenn sie einen Dichter oder einen Philosophen auf einen ‚seelischen Strukturtypus’ festlegen möchte. Veränderung und Entwicklung der gesellschaftlichen Basis geraten dabei außer Sicht.«695 Einige der Kritikpunkte Harichs seien zum besseren Verständnis aufgezählt:696 • »Fast Seite für Seite lassen sich darin Missverständnisse und Fehlurteile nachweisen.« • »So löst sich das Leben Thomas Manns in Folge der Mayer‘schen ‚Längsschnitte‘ in lauter anekdotische Belanglosigkeiten auf.« • »Äußerste Rücksichtslosigkeit gegenüber den elementaren Bildungsbedürfnissen der weit überwiegenden Mehrzahl des Leserpublikums ist eines der hervorstechendsten Merkmale des Buches.« • »Mayer gibt weder über die objektiven gesellschaftlichen Grundlagen, die sich in Thomas Manns Werk widerspiegeln, noch über irgendwelche literarischen Zusammenhänge Auskunft.« • »Über ganz entscheidende Jugendnovellen Thomas Manns verliert er kein Sterbenswörtchen.« • »Aber das Schlimmste sind die zahlreichen Taktlosigkeiten dieses Buches.« • »Doch dies ist noch gar nichts gegen die Behauptung, dass Thomas Mann in seinem Leben eine bewusste Imitation Goe thes betreibe.« • »Es spricht alles dafür, dass Mayer seiner eigenen Einfälle nicht Herr zu werden vermag. Wo sich bei ihm eine Bildungsassoziation einstellt, flink wird sie aufs Papier gebracht (…).« Die Aufzählung verdeutlicht die Stoßrichtung der Besprechung Harichs, die als Fundamentalkritik zu bezeichnen ist. Noch einmal lässt sich erkennen, wie Harich argumentierte. In der DDR geriet die Art des Vorgehens in die Kritik. In seinen Ausführungen zum Zweiten Schriftstellerkongress schrieb Günther Cwojdrak: »Willi Bredel sprach allen Schriftstellern aus dem Herzen, als er eine scharfe aber kameradschaftliche Kritik forderte, 695 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801. 696 Aufzählung nach: Ebd., S. 801-804. 299 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich die nicht darauf ausgeht, einen Autor möglichst brillant zu erledigen, sondern ihm möglichst konkret zu helfen. Auch hier hätte ruhig von einem Beispiel gesprochen werden können, etwa von Wolfgang Harichs Kritik zu dem Buch von Hans Mayer über Thomas Mann. Von einem Vertrauensverhältnis zwischen Kritik und Schriftsteller kann vorläufig, wie sich zeigte, noch nicht die Rede sein.«697 Hans Mayer sagte im März 1982 in einem Gespräch mit Fritz J. Raddatz: »Mein Thomas-Mann-Buch des Jahres 1950 stieß in der DDR auf empörte Ablehnung. Johannes R. Becher, das hat er später mir selbst gegenüber ohne weiteres zugegeben, hat eine Kampagne eröffnet, und zwar hat zuerst Paul Rilla dagegen geschrieben, dann, das war unvermeidlich, auch er hat sich später geschämt, Wolfgang Harich in der Ost-Berliner Weltbühne. Das sei ja ein ganz schlimmes Buch, und was ich da über Thomas Manns Männer und Knaben geschrieben hätte, das gehe doch überhaupt nicht an, und ich hätte Thomas Mann als Lübecker und Gerhart Hauptmann als Schlesier bezeichnet, das sei ja sozusagen nazistisches Blut-und-Boden-Diskutieren, also es wurde alles getan, um mich, nicht nur mein Buch, fertig zu machen.«698 Mayer strich heraus, dass Bertolt Brecht ihm helfen wollte: »Das war nicht sehr angenehm Tag für Tag zu lesen. Morgens klingelt das Telephon in Leipzig, Brecht ist am Apparat: ‚Sagen Sie, Mayer, ich habe das alles gelesen, was geht hier vor? Was wird hier gespielt? Soll ich mich einschalten?‘ Ich sagte ‚nein‘. Sehen Sie, das vergisst man nicht.«699 Soweit der Rückblick, schauen wir etwas genauer. Am 25. Juli 1950 hatte Mayer Walter Wilhelm in einem Brief mitgeteilt: »Ich habe es bisher abgelehnt, einen Gegenartikel zu schreiben, weil ich gegenüber den Fälschungen und Verleumdungen einfach gar nichts anderes sagen könnte als: Die Leser möchten selbst mein Buch lesen und sich ein Urteil bilden, dann können sie ja sehen, ob ich Recht habe oder nicht. (…) Immerhin kann ich Dir nicht verschweigen, dass ich mich über dieses Manöver, dessen intrigenhafte Hintergründe ich genau kenne, doch sehr geärgert 697 Cwojdrak: Bemerkungen zum Deutschen Schriftstellerkongress, S. 864. 698 Raddatz: Skeptischer Aufklärer und roter Kämpfer noch immer, S. 41. 699 Ebd. 300 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche habe.«700 Einen Gegenartikel schrieb Mayer tatsächlich nicht, er machte etwas anderes, ging nicht den Weg der publizistischen Debatte, sondern den opportunistischen der Funktionärsbahn. An Willi Bredel (dessen Wortmeldung vom Zweiten Schriftstellerkongress gerade erwähnt wurde) schrieb er am 21. Juli 1950: »Da Du, wie ich aus der Zeitung ersehen, ja nun im engeren Vorstand des Schriftstellerverbandes bist, was mir sehr recht ist, wirst Du Dich demnächst mit meiner Klage auf Einleitung des Ehrengerichtsverfahrens gegen Wolfgang Harich befassen können. Kritik ist eine Sache, Fälschung und Verleumdung sind eine andere. Ich habe gegen Harich ein Disziplinarverfahren bei der Universität angestrengt, weil ich (und ich nicht allein!) der Meinung bin, dass solche literarischen Achtgroschenjungen und beauftragte Totschläger nicht als verantwortliche Lehrer der Jugend taugen. Da sie auch, meiner Ansicht nach, nicht an verantwortlicher Stelle in die literarische Öffentlichkeit gehören, werde ich den Fall auch dem Ehrengerichtsverfahren im Schriftstellerverband unterbreiten.«701 Die Partei sollte es also richten, hinter den Kulissen und abseits der Öffentlichkeit sollte Harich seine Lektion lernen. Es sind Momente wie diese, die klar zeigen, wie sich Mayer zur DDR positionierte, dass er bereit war, bestimmte Mechanismen der Anklage und Denunziation mitzutragen oder wahrzunehmen, die Macht der Partei dort einzusetzen, wo die freie Debatte versagen musste. Als ob jemals ein Gericht oder eine Verlautbarung der Partei ein publizistisches Problem auf Dauer gelöst hätte. Am 22. November 1950 schickte Mayer seine »offizielle Anklageschrift gegen Wolfgang Harich« an Rudolf Leonhard in dessen Funktion als Vorstandsmitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes »mit der Bitte um Weiterleitung an den Vorstand«.702 Gegen Becher und Rilla ging Mayer übrigens nicht auf diese Weise vor, auch nicht mit Disziplinarverfahren, vielleicht waren sie ihm einfach zu berühmt, um es sich mit ihnen dauerhaft zu verscherzen. 700 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 25. Juli 1950, S. 69. 701 Mayer: Brief an Willi Bredel vom 20. Juli 1950, S. 68. 702 Ebd., dort die Fußnoten des Herausgebers Lehmstedt, S. 68. 301 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Natürlich musste auch Thomas Mann Meldung gemacht werden. Am 30. Juli 1950 schrieb Mayer an den »sehr verehrten Herrn Professor« nicht nur die Nachricht, dass das Buch ein Verkaufserfolg sei: »Auf der anderen Seite bin ich durch zwei unserer Kritiker, die Herren Paul Rilla und Wolfgang Harich, mit einem Eifer ‚zerfetzt‘ worden, dass nicht bloß ich allein den Eindruck haben musste, hier liege blinder Eifer vor, Blindheit des Ärgers und Eifer als Nachbar von Eifersucht. Es ist nicht schön dabei zugegangen, wenn man Sätze aus dem Zusammenhang reißt, verfälschend zitiert, dem Buch nicht einen einzigen logischen Gedanken zubilligen möchte, wie es Rilla wahrhaftig getan hat.«703 Natürlich differenzierte Mayer, das Buch enthalte tatsächlich einige Schnitzer, auf die Thomas Mann »in so gütiger Weise« aufmerksam gemacht habe.704 Harich wird in dem Brief, das scheint fast für Mayer notwendig zu sein (wir kommen darauf zurück), als »sehr jugendlich und einigermaßen überheblich auftretend« bezeichnet, eine Charakterisierung die ihrer Art nach nur den trifft, der sie ausspricht.705 Der »sehr verehrte Herr Professor« darf also »in gütiger Weise« kritisieren, der überhebliche Jungspund nicht. Und Mayer differenzierte noch weiter: Gegenüber Thomas Mann erwähnte er Becher als angeblichen Mitverschwörer, gar Initiator der Kritik an ihm nicht – er wusste, dass Becher und Mann gut befreundet waren. Mayer und Harich sind sich früh begegnet. Schon 1948 musste es erste Kontakte gegeben haben, da Mayer in der Täglichen Rundschau verschiedene Artikel und Rezensionen publizierte und Harich in der Zeitung für den Bereich der Kultur verantwortlich war, vor allem aber die (in den ersten Jahren noch nicht allzu zahlreichen) deutschen Autoren und Beiträger betreute. Auch im Goe the-Jahr steuerte Mayer einen Aufsatz bei, den Harich nicht nur in der Neuen Welt druckte, sondern auch in die Jubiläums- 703 Mayer: Brief an Thomas Mann vom 30. Juli 1950, S. 72f. 704 Ebd., S. 73. 705 Ebd., S. 74. Dort: »Wenn der noch sehr jugendliche und einigermaßen überheblich auftretende Wolfgang Harich mir vorwirft, ein Buch geschrieben zu haben, das keinem unvorbereiteten Leser eine Einführung in Ihr Werk zu geben vermöchte, so muss ich darauf wohl antworten, dass mein Buch, wie es die Literaturgeschichte im allgemeinen tun muss, die Existenz und Kenntnis der Werke, von denen gesprochen wird, voraussetzt.« 302 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche schrift der Neuen Ufer mit aufnahm.706 Ab 1949/1950 war Harich dann Leiter des Ressorts »Theorie und Propaganda« und damit sogar so eine Art Vorgesetzter Mayers, da dieser als freier fester Mitarbeiter ihm zugeordnet war. 707 Am 14. Januar 1949 sprach Mayer in Berlin zum Thema Thomas Mann, Goe the und Deutschland und berichtete in einem Brief über »gro- ßen Erfolg beim Publikum (darunter das ganze intellektuelle Berlin mit Arnold Zweig, Becher, Abusch, Legal, Hermlin, Harich etc.)«.708 Schon in dieser Zeit, irgendwann in der Mitte des Jahres 1949, müssen sie gemerkt haben, dass sie sich gegenseitig nicht sympathisch waren, so etwas gibt es ja durchaus. Harichs Argumentieren und Polemisieren gegen Mayers Thomas-Mann-Buch ist freilich nur die eine Seite der Medaille, auch Mayer war kein Kind von Traurigkeit und konnte austeilen. Am 24. Oktober 1949 schrieb er an Stefan Hermlin: »Das Schuldkonto Harichs aber sieht bereits folgendermaßen aus: Eine pöbelhafte Auseinandersetzung mit Erpenbeck, worin die echte Diskussion über Brecht praktisch erstickt wurde; eine ebenfalls maßlose und damit wertlose Abfertigung des gewiss sehr anfechtbaren Buches von Kämpf, die ebenfalls eine echte Aussprache verhinderte und keineswegs diesem so begabten Schriftsteller half, seine Fehler zu überwinden und auf den richtigen Weg zu kommen.«709 Von Mayers Seite ging es hier nicht um das Thema, sondern um Persönliches. Ein Beispiel sei herausgegriffen: Der Herausgeber des Briefwechsels von Mayer, Mark Lehmstedt, merkte in einer Fußnote an, dass nicht nachvollziehbar sei, warum Mayer die Polemik Harichs gegen Erpenbeck ablehnte.710 In der Tat gibt es dafür keinen Grund, da Harich in seiner Verteidigung Brechts gegen die Angriffe aus der Partei, die mehr als nur stalinistisch motiviert waren, für weite Teile des intellektuellen Berliner Lebens sprach. Harich und Brecht standen freundschaftlich nebeneinander – und wenn es etwas gab, was sie von Mayer unterschied, dann die eine Tatsache, dass sie 1953 nicht zutiefst opportunistisch handelten 706 Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. 707 Siehe hierzu: Harich: Ahnenpass, S. 164f. 708 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 5. Februar 1949, S. 16. 709 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 710 Ebd., S. 35. 303 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich wie Mayer, sondern mutig und öffentlich Reformen forderten.711 Harichs Verteidigung Brechts hatte diesem einige Atemluft verschafft und zudem Erpenbeck in die Schranken gewiesen – ein echter Erfolg. Es überrascht nicht, dass die Kritik Mayers an Harich Vorwürfe umfasste wie der, dass Harich erst 25 Jahre alt sei:712 Einem derartigen jungen Menschen steht es natürlich nicht zu, einen Professor auf Fehler aufmerksam zu machen, gar etwas besser wissen zu wollen. Mayer sagte mit seinen privaten Polemiken gegen Harich mehr über sich selbst als über diesen. An Mayes Brief an Thomas Mann konnte schon studiert werden, zu welch subtiler Fertigkeit er es auf diesem Gebiet brachte (wem man was sagt, wer wo angeprangert wird etc.). Woyzeck grüßt aus der Ferne. Zu dem (von Mayer erwähnten) 1948 erschienenen Buch von Alfred Kämpf, Die Revolte der Instinkte, hatte Mayer ein Vorwort geschrieben und Harich eine treffende, berechtigte Kritik. (Dies sei schon vorweg gesagt.) Kämpfs Buch wurde übrigens auch im Westen kritisiert, etwa wegen Kämpfs Ablehnung des Goe theschen Humanismus.713 Harich fokussierte genau diese Momente: »Kämpf bringt Fortschritt und Reaktion hoffnungslos durcheinander und vermag nicht einmal zwischen den verschiedenen historischen Entwicklungsphasen des Bürgertums, seiner Blütezeit und seiner Zersetzung zu unterscheiden. Die klassischen Genies hätten sich rechtzeitig davor schützen sollen, von den Ideologen des Imperialismus einmal missbraucht zu werden. Es wäre ihnen dann erspart geblieben, von Kämpf mit Heidegger und Alfred Rosenberg in den gro- ßen Topf der ‚Instinktrevolte‘ geworfen zu werden. Weil die Nazis mit dem ‚Mythos‘ von der ‚Volksgemeinschaft‘ die Klassengegensätze aus der Welt logen, werden Herder und Hegel, die von ‚Volksgeistern‘ sprachen, bei Kämpf zu Vorläufern der Nazis, unbeschadet der Tatsache, dass sie den Sinn der Weltgeschichte in der fortschreitenden Verwirklichung von Humanität und Freiheit sahen (obwohl Hegel die Verwirklichung der Freiheit in der preußischen Monarchie fand). (…) Und Goe the war, man höre und staune, ‚ein Vorläufer des Pragmatismus‘! So geht es munter wei- 711 Hierzu: Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR, S. 55-69. 712 Mayer: Brief an Walter Wilhelm vom 25. Juli 1950, S. 70. 713 Hierzu: Peitsch: Der »junge« Hans Mayer, S. 49. 304 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter! Und das alles läuft auf eine großzügige Verfälschung des klassischen Erbes hinaus. Die Reaktionäre aller Schattierungen berufen sich, ohne das geringste Recht dazu zu haben, auf Goe the und Schiller, Kant und Herder, Saint-Simon und Hegel; Kämpf ruft ihnen zu: ‚Recht habt Ihr! Die Klassiker waren auch nicht besser als Ihr!‘«714 Kurz und prägnant lautete Harichs Vorwurf: »Mit einem Federstrich hat Kämpf die deutsche Aufklärung ausgestrichen und die großen humanistischen und progressiven Ideen der klassischen deutschen Literatur und Philosophie für null und nichtig erklärt.«715 Wie bereits gesagt ist dieser Vorwurf tatsächlich zutreffend und es erscheint rückblickend durchaus schleierhaft, wie Mayer das übersehen konnte, da er ja doch auch optimistisch und hoffnungsvoll im großen Bergwerk des humanistischen Erbes seine Steine klopfte. Wenn Harich, Rilla und andere gegen Kämpfs Buch argumentierten, dann, weil ihnen die Einheit Deutschlands am 714 Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 715 »Das tollste aber ist Kämpfs geradezu krankhafte Vorliebe für den Begriff ‚Anarchismus‘. Man glaubt nicht, wer alles ‚Anarchist‘ war! Weimar symbolisierte ‚das Rauschhafte, Lebendige, wie es sich im Anarchismus und Pantheismus der Faustdichtung (!) bekundete‘. Die Klassiker der deutschen Literatur waren durchweg ‚Anarchisten‘. Hamann war ‚Anarchist‘, die Dichter des ‚Sturm und Drang‘ waren es, weil sie Shakespeare zum ‚Prototyp des Originalgenies‘ ‚avancierten‘. Die Helden der klassischen Dichtung, Werther, Tasso und Clavigo sind ‚anarchistische Menschen‘. Schillers Wilhelm Tell ist ‚der Anarchist mit dem Evangelium der direkten Aktion‘. Die Räuber sind kein Freiheitsdrama, sondern ein ‚Produkt der Persönlichkeitsspaltung‘. Faust ist der ‚Träger eines hemmungslosen Machtwillens, der sich durch Magie zu verwirklichen sucht‘. Der II. Teil der Faustdichtung, worin Goe the über die Grenzen bürgerliche Ordnung hinaussah und das ‚freie Volk auf freiem Grund‘ prophezeite, wird bei Kämpf zum ‚Dokument einer Religion des Gefühls, des Instinkts (!)‘, in dem sich ‚das deutsche Bürgertum nicht zur Vernunft, sondern zu ihrem Gegenprinzip‘ bekennt. Und weiter: Goethes ‚kleinbürgerlich-pietistisches Ich‘ (!) schwärmt in den Gefühlserregungen der ‚echten Liebe‘ und der pantheistischen Gottesanbetung‘. Sein ‚Anarchismus‘ wurde ‚überfällig‘, nachdem Goe the ‚Zutritt zur aristokratischen Gesellschaft‘ gefunden hatte. Und das Fazit dieses ungeheuerlichen Blödsinns: ‚Mit Iphigenie und Tasso beginnt die kurze Scheinblüte (!) eines bürgerlichen Klassizismus. Die deutsche ideologische Revolution hat damit ihr Ende gefunden. Ihre Motive aber, der Antirationalismus (!), die Anbetung des Gefühlsrausches, des Lebens und der Tat, der antinomische Pantheismus, wirken unterirdisch fort.‘« Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 305 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Herzen lag, weil sie sich zum philosophischen und literarischen Erbe der deutschen Nation bekannten. »Im Grunde sind die Abschnitte in Kämpfs Buch, die sich auf die Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beziehen, ein einziger Anschlag auf unsere nationale Kultur, für deren Bestand heute alle ehrlichen patriotischen Kräfte des deutschen Volkes kämpfen. Das deutsche Volk hat allen Grund, seine geschichtliche Vergangenheit kritisch zu betrachten. Aber diese nationale Selbstkritik muss, wenn sie in der politischen Praxis zu fortschrittlichen Konsequenzen führen soll, die positiven und negativen Seiten sorgfältig gegeneinander abwägen und vor allem von echter patriotischer Gesinnung, von einem klaren Bekenntnis zu den großen Geistern der deutschen Aufklärung und Klassik, zu den Ideen des klassischen deutschen Humanismus getragen sein. Ohne Lessing, Goe the, Schiller, Heine und Büchner, ohne Leibniz und Kant, Herder, Fichte, Schelling und Hegel wären die deutsche Nation und ihre Kultur undenkbar. Der Kampf der patriotischen Kräfte des deutschen Volkes für die nationale Einheit Deutschlands wird gekrönt durch die liebevolle Pflege und schöpferische Weiterentwicklung dieses stolzen Kulturerbes. Der ‚Radikalismus‘ des Herrn Kämpf kann daher seiner antinationalen Tendenzen wegen gar nicht scharf genug zurückgewiesen werden.«716 Seine Überlegungen waren Harich übrigens derart wichtig, dass er sie in seiner Hegel-Denkschrift wiederholte. Dort fungierte Kämpfs Buch als Beleg dafür, dass man bei der Vermessung des klassischen philosophischen Erbes alle progressiven Kräfte bündeln müsse und nicht ablenken dürfe, wodurch es letztlich zu einem verzerrten Blick auf das nationale Erbe ebenso wie auf den Faschismus komme – und eben dies habe Kämpf gemacht.717 716 Harich: Verfälschung des klassischen Erbes, S. 3. 717 »In der pseudoantifaschistischen liberalen Publizistik des Westens wurde während der Nazizeit und insbesondere während des Krieges der Versuch gemacht, das deutsche Volk mit dem Faschismus zu identifizieren, den Faschismus als ein deutsches Nationallaster darzustellen. Damit sollte der Klassencharakter des Faschismus verschleiert werden. In diesem Zusammenhang wurden die deutschen Dichter und Denker der Vergangenheit und namentlich Hegel als Vorläufer des Faschismus hingestellt. Auch dadurch sind irrige Auffassungen entstanden. Viele kleinbürgerliche Intellektuelle glauben, den Faschismus am besten dadurch über- 306 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Doch genug von diesen Seitengleis. Kehren wir zu dem Brief Mayers an Hermlin zurück. Dort hieß es weiter: »Dann kam der Skandal seiner Pöbelei gegen Lukács, und jetzt teilt er mir freudestrahlend mit, dass Ernst Bloch und ich als nächste Opfer fallen werden. Blochs Hegel-Buch hält Harich für ‚snobistischen Feuilletonismus‘, wobei ihm immerhin zuzugeben ist, dass er von dieser Materie etwas versteht. Mein Hegel-Aufsatz hat es ihm gleichfalls angetan. Allerdings hatte ich nach seinen mündlichen Erläuterungen den Eindruck, dass er weder Hegel noch den Sinn meiner Studie richtig erfasst hatte. Nun, man wird sehen, was sich hier begibt.«718 Der thematische Aufhänger des Briefes von Mayer an Hermlin war übrigens, dass Hermlin Susanne Kerckhoff, die Halbschwester Harichs, die später unter so tragischen Umständen Selbstmord beging, scharf kritisiert hatte. Dies wurde von Mayer begrüßt. Und zwar aus folgendem Grund: »In jedem Fall war es äußerst nützlich, dass Sie nicht bloß den Fall Kerckhoff aufgerollt haben, sondern zugleich die Nutzanwendung allgemeiner Art zogen.«719 Der Knüppel ist gut, wenn man den Richtigen oder einen Stellvertreter treffen kann und gleichzeitig noch den, der daneben steht. Die Zerwürfnisse, Missverständnisse zwischen Harich und Bloch wurden bereits angesprochen, seit den frühen fünfziger Jahren waren sie, trotz kritischer Blicke auf das Werk des jeweils anderen, eng befreundet. Mit Stephan Hermlin, dem Briefpartner Mayers, hat es seine eigene Bewandtnis. 1948 waren Harich und Hermlin noch gemeinsam in der Sowjetuniwinden zu können, dass sie sich radikal von allen nationalen Kulturtraditionen losreißen. Typisch für diese Haltung ist das Buch Revolte der Instinkte von Kämpf. Gegen diese Gefahr kann man nur dann erfolgreich kämpfen, wenn man einerseits die wirklich reaktionären deutschen Denker der Vergangenheit (Schopenhauer, den alten Schelling, Nietzsche, die Neukantianer usw.) entlarvt, – aber andererseits alles Fortschrittliche in der Geschichte der deutschen Philosophie energisch betont. Zu diesem Fortschrittlichen gehört auch die bürgerlich-progressive Seite Hegels. Den Genossen Hager und Hoffmann muss vorgeworfen werden, dass sie sich über dieses ganze Problem und die daraus erwachsenden Aufgaben des ideologischen Kampfes nicht klar sind. Deshalb legen sie auf ihrem Arbeitsgebiet den Anstrengungen, ein fortschrittliches nationales Traditionsbewusstsein der Intelligenz zu entwickeln, ernste Hindernisse in den Weg.« Harich: Hegel-Denkschrift, S. 146. 718 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 719 Ebd., S. 33. 307 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich on – dort zeigten sich erste Risse: Politischer und philosophischer Art, Egoismen, da sich Hermlin von Anna Seghers missverstanden fühlte, die ihrerseits große Stücke auf Harich hielt. In den achtziger Jahren gehörte Hermlin dann in die Reihe jener Harich-Gegner, die von Manfred Buhr bis Kurt Hager reichte. Er beleidigte Harich mehrfach und verkündete diesem, dass es in der DDR selbstverständlich keinerlei Zensur gebe, jedes Buch, jedes Manuskript gedruckt werde. Die späte Rache schmeckte schal. (Harich hatte andere Geschichten zu erzählen, aber nicht die Möglichkeit dazu, Hermlin stand in einer festen Burg. Darauf kommen wir zurück.) 1948 hatten Hermlin und Mayer gemeinsam ein Buch publiziert – Ansichten über einige Bücher und Schriftsteller (ursprünglich waren es, bis auf einige Ausnahmen, Beiträge für Radio Frankfurt). In einem Beitrag hatte Hermlin Johannes R. Becher scharf kritisiert, was dieser Hermlin übel nachtrug.720 Eben jener Becher, der 1957 an Harichs Mut- 720 Hermlin hatte geschrieben: »Tragisch ist der Fall eines der bedeutendsten Lyriker des heutigen Deutschland, der Fall des Johannes R. Becher. Sein letzter Gedichtband (…) beweist neuerlich, dass Becher in seiner von sehr ernsten politisch-ästhetischen Motiven bestimmten Erneuerung, die er seit etwa 15 Jahren Harich, hintere Reihe (3. v. r.), zwischen Hermlin und Langhoff, vorne rechts Seghers und Kuczynski 308 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter schrieb, dass er ihren Sohn eigentlich gar nicht gekannt und niemals getroffen habe: Harichs Mutter hatte bei Becher nachgefragt, ob er etwas für ihren Sohn tun können. Mayer seinerseits schrieb im Oktober 1958 an den Aufbau-Verlag, dass schon einmal der Verlag Buchpublikationen von ihm zu verhindern versucht habe, der Verantwortliche sei damals – der ja mittlerweile in Bautzen inhaftierte – Harich gewesen, Mayer demnach ein Opfer der Konterrevolution.721 So verwirrend waren die Konstellationen in der DDR, so vieles persönlich geprägt, Differenz und Streit erzeugend wegen persönlicher Animositäten. Zurück zu Mayer. Dieser hatte geschrieben, dass Harich als Kritiker von Blochs Hegel-Buch durchaus etwas von der Materie verstünde, bei der Beurteilung seines Aufsatzes aber »weder Hegel noch den Sinn meiner Studie richtig erfasst«722 habe. Grund genug zu überprüfen, was Mayer in dem besagten Aufsatz präsentierte. Die Phänomenologie bezeichnete er als eines der »geheimnisvollsten und großartigen Bücher der deutschen Vergangenheit«, in dem »der Prozess der geistige Emanzipation des Menschen« geschildert werde.723 Auch weitere seiner knappen Äußerungen sind mit den Hegel-Bildern von Lukács, Bloch und Harich durchaus kompatibel, freilich ohne deren erschöpfende Tiefe zu erreichen. Kritischer wird es in dem Moment, wo Mayer zwar das richtige meint, aber in kleinen Nuancen bereits von der »allgemeinen Linie« des intellektuellen Konsenses abweicht: »Der idealistische Deuter der Gesellschaft erblickt den Kontrast ewiger Ideen mit einer zerrissenen Welt und erkennt, dass diese Gesellschaft und ihre Zerrissenheit ‚aufgehoben‘ werden müssen. Hegel selbst kam dabei schließlich nur zu einer Versöhnung im bloßen unternommen hat, über jedes mit seiner hohen dichterischen Begabung verträgliche Ziel hinausgeschossen ist. Dieser Fall ist sehr kompliziert und erfordert eine gründliche Auseinandersetzung. (…) Becher ist in neo-klassizistischer Glätte und konventioneller Verseschmiederei gelandet. Er hat eine politisch richtig gestellte Aufgabe mit dichterischen Mitteln falsch gelöst.« Hermlin: Bemerkungen zur Situation der zeitgenössischen Lyrik, S. 191. Konsequenterweise hätte Mayer ja anmerken müssen, dass hier ein überheblicher Jungspund einen »hochverehrten« So-und-so kritisiert. Aber seine »Prinzipien« waren flexibel. 721 Mayer: Brief an Günter Caspar vom 17. Oktober 1958, S. 380. 722 Mayer: Brief an Stephan Hermlin vom 24. Oktober 1949, S. 32. 723 Mayer: Hegel oder das Problem des unglücklichen Bewusstseins, S. 7. 309 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich Denken. Hier hat bekanntlich die Weiterbildung und Umgestaltung der Hegelschen Dialektik durch den historischen Materialismus eingesetzt, um diese Dialektik aus den zeitbedingten Banden des ‚Systems‘ zu befreien.« Dass Harich dies etwas anders beurteilte, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Was ihn aber sicherlich zum Widerspruch reizte, das war, dass Mayer den Existenzialismus (samt seiner Begleiterscheinungen) an Hegels Philosophie zurückband.724 Auch hier ist es wieder nicht so einfach: Die Aufwertung von Thornton Wilder nahmen beide vor, Harich und Mayer, beide zudem mit dem Versuch einer Abwehr potentieller dogmatischer Kritik. An Jean Giraudoux mögen sich dann schon die Geister geschieden haben, wobei auch in diesem Fall Harich weitaus positiver einordnete als aus marxistischer Perspektive zu erwarten, so dass wieder eine Übereinstimmung mit Mayers Position zu eruieren ist.725 Was ein Stein des Anstoßes gewesen sein kann, ist sicherlich die Protegierung Sartres durch Mayer. Denn während Mayer seine »Priorität als Entdecker Sartres für deutschsprachige Leser« einforderte,726 so war dieser für Harich (ganz im Sinne der 1951 vorgelegten Aufsatzsammlung Existenzialismus oder Marxismus? von Lukács) kaum mehr als ein Erbe des Faschismus. Wenn Mayer gar Die Fliegen von Sartre als wichtige und positive »Zeitenwende« charakterisierte, dann mussten Harich (und Lukács ebenso) die Haare zu Berge stehen.727 Der Stachel saß tief, Mayer, so hat es den Anschein, scheint durchaus nachtragend gewesen zu sein. (Was der Opportunist überhaupt nicht leiden kann als Wesenszug bei anderen, ist, wenn diese nicht oppor- 724 Mayer: Hegel oder das Problem des unglücklichen Bewusstseins, S. 14f.. 725 Von Mayer siehe exemplarisch aus dieser Zeit: Mayer: Thornton Wilders Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen, S. 97-103. Mayer: Der glückliche Dichter Jean Giraudoux, S. 104-112. Zu Mayers entsprechenden Aufsätzen in den gemeinsam mit Hermlin publizierten Ansichten siehe: Rahner: »Tout est neuf ici, tout est à recommencer…!« Harichs Theaterbesprechungen zu Wilder, Giraudoux, Sartre etc., die in den späten vierziger Jahren in der Täglichen Rundschau und in der Weltbühne erschienen, sind in Auswahl abgedruckt bei: Harich: Frühe Schriften, Bd. 1 und 2. 726 Peitsch: Der »junge« Hans Mayer, S. 50. 727 Mayer: Von der dritten zur vierten Republik, S. 41. 310 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche tunistisch sind, also ihre Meinung gerade heraus sagen.) Im Laufe der Jahre folgten so manche Briefe mit Seitenhieben auf Harich (und die »Mann-Verschwörer«). Etwa am 13. November 1952 an Max Schroeder vom Aufbau-Verlag.728 Oder am 7. Januar 1953 an Peter Huchel, den Chefredakteur der Sinn und Form: »Im übrigen muss ich zum ersten Mal sagen, dass mir ein Heft von Sinn und Form gründlich missfällt. In was für einer Nachbarschaft stehe ich, lieber Himmel! Dieses fürchterliche Zeug von Hanns Eisler, das ich inzwischen bereits in der Buchausgabe in vollendeter Schönheit erleben durfte. Dann der hymnische Quatsch von Fischer über Eislers Meisterwerk, dann Harichs Philosophie, die meines Erachtens bei Euch überhaupt nicht am Platze ist und die ich trotz vielen Nachdenkens nicht als ‚Beitrag zur Literatur‘ betrachten kann. Ob Sie ein Beitrag zur Philosophie ist, lasse ich dahingestellt.«729 (Das »fürchterliche Zeug« von Eisler übrigens, ist ein trauriges Kapitel der DDR-Kulturpo- 728 »Wenn ich sehe, mit welchem Aufwand Ihr die Einleitungen von Rilla in der Becher-Ausgabe prospektmäßig ankündigt, auch jene von Harich bei Heine und Herder etc., komme ich mir – ehrlich gesagt – doch ziemlich schäbig behandelt vor.« Mayer: Brief an Max Schroeder vom 13. November 1952, S. 141. 729 Mayer: Brief an Peter Huchel vom 07. Januar 1953, S. 147. Hanns Eisler im Gespräch mit Bertolt Brecht, 1950 311 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich litik für sich, wenn Mayer Harich seine Lukács-Kritik von 1949 vorwarf, dann saß er beim Werfen seines Steines also im Glashaus. Dem Eislerschen Ankläger Abusch standen, Eisler helfend, nur Brecht, Felsenstein und Zweig entgegen.) Kurze Zeit später, 1953, kritisierte Harich dann im Aufbau-Verlag das Manuskript des Buches Fortschritt und Reaktion in der deutschen Romantik von Mayer auf der Basis der entsprechenden Ausführungen Lukács’ scharf und lehnte eine Veröffentlichung im Verlag ab. Am 11. Juni hatte Mayer von Max Schroeder sein Manuskript zurückerhalten. Es war übersät mit Anstreichungen etc. Mayer war derartig brüskiert, dass er am nächsten Tag an Erich Wendt schrieb und seine Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag kündigte. Zuvor hatte er ja bereits mit den Zeitschriften Neue deutsche Literatur (Willi Bredel) und Aufbau (Bodo Uhse) wegen kritischer Anmerkungen zu seinen Werken gebrochen. Im Aufbau-Verlag vermutete Mayer, damit lag er richtig, Harich als den Lektor seines Manuskripts: »Kurzum: Ich musste mich fragen, was hier eigentlich gespielt wird. Oder vielmehr: Ich weiß sehr genau, was hier gespielt wird. Ich kenne diese Totschlägermanier. Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenne auch den Herrn Verfasser – um in diesem Zusammenhang vielleicht nicht unpassenderweise gerade Heinrich Heine zu zitieren!«730 (Peu a peu renkte sich die Zusammenarbeit zwischen Mayer und dem Aufbau-Verlag wieder ein, Janka kümmerte sich nun um den Autor. Max Schroeder hatte in einer Hausmitteilung an Erich Wendt geschrieben: »Ich habe ihn (Mayer, AH) nicht für so kindisch gehalten, dass ihm allein über die Anstreichungen der Kragen platzen würde.«731) Trotz der gemeinsamen Freundschaft zu Bloch hatten sich Harich und Mayer in den fünfziger Jahren nach diese Querelen nichts mehr zu sagen. Von daher überrascht es nicht, dass der »GI Lorenz« der Staatssicherheit am 4. Dezember 1956 mitteilen konnte, dass sich Mayer noch nicht zur Verhaftung Harichs geäußert habe: »Jedoch weiß der GI, dass Mayer eine Kontra-Stellung zu H. bezieht, obwohl er andererseits eng befreundet ist 730 Mayer: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1953, S. 164. 731 Fußnote des Herausgebers Lehmstedt zu: Mayer: Brief an Max Schroeder vom 22. Juni 1953, S. 168. 312 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche mit Professor Bloch, der sehr gute Verbindung zu Harich hat.«732 Mark Lehmstedt hat nicht nur die Briefe aus Mayers Leipziger Zeit ediert, sondern 2007 einen weiteren Band vorgelegt, der zahlreiche Dokumente zur Beobachtung und Observierung von Hans Mayer abdruckt und dabei den Zeitraum von 1956 bis 1963 erfasst. Die ersten Seiten dieses Werkes beschäftigen sich mit eben den im hiesigen Zusammenhang wichtigen historischen Abschnitten. Es bietet sich daher an, in einer Aufzählung die wichtigsten Feststellungen der Staatssicherheit über die Haltung Mayers kurz wiederzugeben:733 • Nach der Verhaftung von Janka am 6. Dezember teilte Karola Bloch dies am nächsten Tag Mayer mit: »Janka ist dem Professor Mayer ebenfalls bekannt. Mayer äußerte, dass die vollkommen wahnsinnig wären, was auch die Bloch bestätigte.« (S. 15: 07. 12. 1956) • »Mayer meinte, wahrscheinlich würde alles mit Lukács zusammenhängen, und man wahrscheinlich zu sehr für Lukács eingetreten wäre.« (S. 16: 07. 12. 1956) • »Zur Verhaftung des Harich und Janka sagte er in einem Gespräch mit der Frau Bloch, dass dies wahnsinnig sei, da es sich bei beiden um anständige Menschen handeln würde.« (S. 21: 15. 12. 1956) • »Mayer brachte zum Ausdruck, dass gewisse Leute wieder gegen den Ernst – gemeint ist Bloch – vorgehen würden.« (S. 27: 24. 01. 1957) • Ernst und Karola Bloch und Mayer gingen davon aus, dass das Vorgehen der DDR gegen Janka auch gegen die Familie Thomas Manns gerichtet sei. Mayer sagte: »Das wäre also die Frage und gleichzeitig die Erklärung für Harichs Bestrebungen die Konterrevolution auszurufen mit der Basis des Aufbau-Verlags und einer Wochenzeitung des Kulturbundes. Ihm sei nur nicht klar, wie man auf diese Weise die volkseigenen Betriebe und die MTS außer Gefecht setzt. Herr Bloch erwiderte darauf: ‚Unter uns gesagt, bei Harich ist das möglich.‘« (S. 34: 06. 02. 1957) 732 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 13. 733 Aufzählung nach: Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente. Seitenzahlen und Datumsangabe in Klammern im laufenden Text. 313 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich • »Professor Mayer (…) frage sich nur immer wieder, für wie dumm und infam man die Leser hält, indem man ihnen allen Ernstes sagt, mit der Wochenzeitung des Kulturbundes und einem belletristischen Roman kommt eben der Kapitalismus in die DDR.« (S. 34: 06. 02. 1957) • »Er sei der Meinung, der ganze Kampf gegen Bloch sei im Grunde genommen ein Kampf gegen Lukács, und es wäre bei einigen Leuten ein Missverständnis der Zusammenhänge, vor allem bei Ulbricht. Dieser sehe in Lukács den geistigen Wegbereiter des Petöfi-Clubs, die Anhängerschaft zu Lukács erzeuge eine gewisse Anti-Lukács-Stimmung.« (S. 39: 06. 02. 1957) • Karola Bloch berichtete über die Maßnahmen der Partei gegen ihren Mann: »Professor Mayer entgegnet ihr darauf, dass er so etwas jetzt nicht mehr hören mag, es wäre zu ekelhaft. Sie würden nur noch nach Mördermethoden arbeiten.« (S. 41: 06. 02. 1957) Durch die Berichte der Staatssicherheit können wir hören, was im Wohnzimmer von Hans Mayer besprochen wurde. Dies ist einerseits mehr als nur perfide, dass es das überhaupt gab, andererseits eröffnet es uns interessante Einblicke, die freilich unter zahlreichen Vorbehalten stehen: Wem sagte man was, wusste man von der Anwesenheit der Stasi etc. Die zentrale Frage für uns ist natürlich die nach dem politischen Engagement von Mayer. Was tat er, um Harich und den anderen zu helfen? Unterstützte, tolerierte, verteidigte er die Maßnahmen von Partei und Staatssicherheit? Entwickelte er oppositionelle Gedanken? Das Ergebnis ist mehr als nur ernüchternd. Am 10. März 1957, einen Tag nach der Verurteilung Harichs zu zehn Jahren Zuchthaus, trafen die Blochs mit Isot Kilian, der Ex-Frau Harichs, die diesen für Bertolt Brecht verlassen hatte, zusammen.734 In den Gesprächen ging es auch um Mayer und Bloch erklärte, dass nach der Verhaftung Harichs »dessen ganze Antipathie gegen Harich begraben« gewesen sei.735 Doch hatte sich dies offiziell irgendwie geäußert? (Beispielsweise in 734 Siehe die Biographie von: Arnim:  Brechts letzte L iebe. Harich und Isot Kilian waren von 1952 bis 1954 verheiratet. 735 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 56. Bericht der Quelle »Wild« vom 10. März 1957. 314 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Form eines Gespräches mit den Staatseliten, durch eine briefliche Eingabe, eine Petition, einen Zeitungsartikel oder ähnliches in der Westpresse.) Die Antwort ist ein klares Nein. Mayer tat absolut nichts – für keinen der Angeklagten in den verschiedenen Prozessen. Das einzige, was er überhaupt je angedacht hatte, datiert auf den 6.  Dezember 1956: »So wurde dem GI ‚Jak‘ durch den Parteisekretär Dr. Horn bekannt, (…) dass Professor Bloch gemeinsam mit Professor Hans Mayer eine Unterschriftensammlung unter den Wissenschaftlern durchführen wollte mit der Forderung der schnellsten Durchführung des Prozesses gegen Harich und dessen Freilassung.«736 Dieses Unterfangen kam aber nicht zu Stande. Knapp drei Monate später konnte die Stasi dann feststellen, dass Mayer »einen durchaus ausgeglichenen Eindruck« mache und kein Grund zu eruieren sei, »dass er nach Westdeutschland gehen könnte«.737 Wir können die Betrachtung der Rolle Mayers hier abschließen mit einem kurzen Blick auf den Bericht des GI »W ild« vom 14. März 1957 über einen Besuch Mayers bei den Blochs. Mayer erzählte zuerst von seiner Reise in den Westen. Dann sagte er: »Was der Harich gemacht habe, sei von einem Dilettantismus, der überhaupt nicht zu beschreiben sei.«738 Anschließend rekapitulierten die Anwesenden die verschiedenen Gerüchte um die Prozesse: »Mayer sagte auch, Harich hätte offensichtlich die Taktik gehabt, möglichst viele, sehr prominente Leute mit in dem Prozess hineinzuziehen, um zu erreichen, dass er eine solche Tragweite bekommt, dass es den Leuten mulmig wird. Er habe sicher gedacht: ‚Du kommst um das Todesurteil herum, wenn Du schon aussagt.‘ Frau Bloch bestätigte diese Auffassung.«739 Gemeint war damit unter anderem die Aussage Harichs gegen Bloch, dass dieser in seine Pläne eingeweiht gewesen sei. Bloch seinerseits stritt dies an jenem 14. März gegenüber Mayer ab. »Auf die Frage der Frau Bloch, ob Mayer glaube, dass alle Dinge, die Harich 736 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 14. Treffbericht mit GI »Jak« vom 7. Dezember 1956. 737 Ebd., S. 54. Bericht des GI »Lorenz« vom 27. Februar 1957. 738 Ebd., S. 57. 739 Ebd., S. 58. 315 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich vorgeworfen werden, auf Wahrheit beruhen, meinte Mayer, dass er das schon glaube.«740 Es lässt sich nicht sagen, auch nicht vermuten, unter welchen inneren Kämpfen sich Mayer zu dieser (nur resignierten oder doch zuvorderst opportunistischen?) Position durchgerungen hatte. Fakt ist – er bezog sie und blieb für die nächsten Jahre ein zuverlässiger Zuträger der DDR. Trotz oder vielleicht sogar wegen der auch an ihm geübten Kritik, die freilich nie die Intensität oder gar Gefährlichkeit erreichte wie im Falle Harichs (oder etwa mit dem Engagement von Lukács vergleichbar wäre). Das Absurdeste ist sicherlich, dass Mayer alle Informationen, die ihn zum – nennen wir es einmal – Umdenken in Sachen Harich hätten veranlassen können, ja ausschließlich von offizieller Seite bezog, also von der Partei, von den Verlautbarungen, durch die Staatsanwaltschaft etc. Also von eben jenen Personenkreisen, denen er kurz vorher noch Mördermethoden vorgeworfen hatte. Das ist beste stalinistische Tradition, das ist das Versagen der Intellektuellen vor den stalinschen Schauprozessen, die Ernst Bloch in den dreißiger Jahren so beredt verteidigt hatte. 740 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 58.

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.