2. Die Faust-Studien vonGeorg Lukács in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 29 - 48

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-29

Tectum, Baden-Baden
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2. Die Faust-studien von Georg Lukács Der Marxismus kann auf eine lange Tradition der eigenen Goe the-Lektüre und Goe the-Forschung zurückblicken. Neben Marx und Engels ist dabei natürlich zuvorderst Franz Mehring zu nennen. (Michail Lifschitz hatte die entsprechenden Ausführungen von Marx, Engels und Lenin zur Ästhetik zusammengestellt und interpretiert, wir kommen darauf an anderer Stelle zurück.31) Wenn die Analyse dieser Schriften hier ausgeklammert wird, so ist dies legitimiert a) dadurch, dass wir uns mit der Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, und b) dadurch, dass Georg Lukács, gerade auch als Kritiker Mehrings, ein modernes marxistisches Goe the- Bild schuf, dem prägender Charakter in den fünfziger Jahren mehr als nur zugesprochen werden muss. Lukács ist daher von der Bedeutung her mit seinen Ausführungen aus den dreißiger bis fünfziger Jahren höher einzuschätzen als beispielsweise »Lenins Ablehnung kulturrevolutionärer Traditionsfeindlichkeit«, von der Anne Hartmann ohne Belege behauptet, dass man sie in »den dreißiger Jahren zum kanonischen Lehrsatz« erhoben habe.32 Natürlich hatte Lenins Umreißung des Themas den Weg für Lukács frei gemacht, doch wenn man sich das Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg genau anschaut, so ist er dort mit seiner Position zwar 31 Gemeint sind die Bücher: Marx/Engels: Über Kunst und Literatur. Lifschitz: Karl Marx und die Ä sthetik. Siehe auch: Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 11. 32 Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 70. 30 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe unausgesprochen präsent, die Autorität, auch in der Kritik (!), ist aber Lukács (sowie neben diesem natürlich Johannes R. Becher). Noch weitaus stärker zu hinterfragen ist freilich die Einschätzung von Gunther Mai: »Aus der Tradition des zivilisationspessimistischen, aber kulturoptimistischen Diskurses zu Beginn des Jahrhunderts, der Lukács, Kurella und Becher, auch Bloch vor ihrer Wendung zum Marxismus geprägt hatte, galt die ‚ästhetische Erziehung‘ als Mittel zur erlösenden Überwindung der Fragmentierung der ‚Moderne‘, die Goe thezeit als Maßstab der seitherigen ‚Dekadenz‘-Erfahrung.«33 Präziser und deutlicher sah Manfred Jäger, der sich – erfindungsreich, aber leider auf der falschen Spur – auf die Suche nach Gründen begab, warum die ersten Jahre der SBZ/DDR nicht als Kulturrevolution bezeichnet werden könnten und dabei ausführte: »Die Berufung auf kulturrevolutionäre Vorstellungen Lenins wirkte in Deutschland deplatziert und blieb daher wirkungslos. Denn sie bezogen sich vor allem auf die Beseitigung des Analphabetismus bei den bäuerlichen Massen und einer zahlenmäßig schwachen Arbeiterschaft.«34 Lenin wirkte (neben der staatlich verordneten Rezeption), das lässt Jäger bei Seite, eher auf direkt philosophischem Gebiet, mit dem naiven Materialismus und Empiriokritizismus, in der frühen DDR mit seinem Philosophischen Nachlass (die Geschichte der Rezeption dieses Werkes muss unbedingt noch geschrieben werden) – nicht zuletzt, da seine Ausführungen in der Hegel-Debatte gegen Stalin geltend gemacht werden konnten. Thomas Höhle hat, um dieses Seitenthema hier abzuschließen, die Goe the-Beschäftigung in der DDR auf diese auf Marx und Engels zurückgehende Traditionslinie zurückgeführt. Deren Philosophie »verstand sich als dialektisches Erbe (was soll das sein?, AH) der bisherigen Philosophie- und Kulturgeschichte, als Fortsetzung und dialektische Aufhebung, besonders auch der klassischen deutschen Philosophie. Goe the hat bei den Überlegungen von Marx und Engels keine besonders große Rolle 33 Mai: Staatsgründungsprozess, S. 33. 34 Jäger: Kulturrevolution von oben, S. 108. Diese Feststellung lässt sich durchaus übertragen. Denn Lenin war zwar ein unumstrittener »Klassiker« des Marxismus, aber nicht auf allen Feldern und Themengebieten in vorderster Linie präsent. 31 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács gespielt. Sie kannten, schätzten und kritisierten ihn.«35 (Auch dies ist nicht so einfach, wie es scheint. Denn Goe the wirkte natürlich auch indirekt auf Marx und Engels, vermittelt durch Diderot-Lektüren, durch den Utopischen Sozialismus, durch die Herr-Knecht-Thematik, nicht zuletzt durch Hegel. Allein, Differenzierung bedarf des Intellekts und verursacht Mühe.) Es sei, so Höhle weiter, Franz Mehring gewesen, der, ganz allgemein gesprochen, die Literatur in die Philosophie des Marxismus integriert habe. Und in einem weiteren Schritt folgte dann Lukács. »Vor allem durch Georg Lukács, der wenig Verständnis für Mehring hatte, kam dann besonders in den dreißiger Jahren der viel berufene Goe thezentrismus in die sozialistisch-marxistische Literaturpolitik (…). Die für Lukács sonst eigentlich nicht typische grobe Einteilung der Literatur in Fortschritt und Reaktion (in der gleichnamigen Broschüre, AH) hatte er unter dem Einfluss der literaturpolitischen Debatten in der UdSSR vorgenommen. Er hatte die dortige unter stalinistischer Ägide durchgesetzte sehr starke Orientierung auf eine oder einige wenige herausragende Persönlichkeiten der Vergangenheit unter zugleich äußerst fragwürdiger und unmarxistischer Ablehnung moderner innovativer literarischer Bestrebungen übernommen. Lukács und die deutschen Marxisten wollten im Geiste Goe thes eine kulturelle Gemeinschafts- und Volksfront gegen den deutschen Faschismus errichten.«36 Es ist also nicht überflüssig, bevor das Goe the-Jubiläum von 1949 reflektiert werden kann, gut zehn Jahre in der Zeit zurückzugehen, nach Moskau, wo Lukács im sowjetischen Exil, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, seine positiven Erinnerungen an die deutsche Kultur und an die deutschen Menschen aufrecht erhielt, indem er sich mit den Höhepunkten der deutschen Geistesschöpfungen um und nach 1800 auseinandersetzte – mit Marx und Engels, Hegel und Goe the. Die Faust-Studien von Lukács sind auf der Suche nach Goe the, nach der immerwährenden Weiterentwicklung von Goe thes Denken, sie sind gleichzeitig auch Versuche, einen festen Ankergrund der eigenen Biographie und des Marxismus 35 Höhle: Goe the in der DDR, S. 8. 36 Ebd. 32 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe zu finden. Sie sind, nicht zuletzt, Teil einer umfangreichen Vermessung des klassischen deutschen Erbes in Kultur und Philosophie. Auf den 130 Seiten der Faust-Studien variierte Lukács einen für ihn zentralen Gedanken, dem er sich immer wieder und aus permanent wechselnden Gesichtspunkten näherte: »Gestaltet wird das Schicksal eines Menschen, und doch ist der Inhalt des Gedichts: Das Geschick der ganzen Menschheit.«37 Schon in seiner Jugend habe Goe the den Faust »als Weltgedicht empfunden«, aber das Werk sei mit »dem Leben und den Erfahrungen Goe thes« gewachsen, durchlief mehrere Phasen der »radikalen Umwandlung«.38 Es können im Folgenden nicht alle Facetten des Ansatzes von Lukács dargestellt werden, manches taucht später wieder auf und kann in diesem Zusammenhang behandelt werden, anderes ist für das Thema nicht von Relevanz, so dass die Beschränkung zugleich Chance intensiver Debatte ist. Verschiedene weitere Verweise auf entsprechende Arbeiten Lukács’ finden sich verstreut in der ganzen Abhandlung. Denn, wir haben es bereits gesagt, ohne die Berücksichtigung des Einflusses von Lukács kann die Entwicklung der Geisteswissenschaften und der Philosophie in der DDR nicht verstanden werden. Weggelassen werden an dieser Stelle beispielsweise die historischen Darstellungen zum geschichtlichen Hintergrund des Schaffens Goethes,39 die Lukács dann einige Jahre später in Fortschritt und Reaktion in der deutschen L iteratur und im Jungen Hegel erneut und weitaus zugespitzter zur Grundlage seiner Analyse machte. (Harichs Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität ruhten dann auf genau diesem Fundament.)40 Da im Folgenden hauptsächlich die Goe the-Interpretationen von Ernst Bloch, Wolfgang Harich und Hans Mayer zu untersuchen sind, ist hier zuvorderst zu berücksichtigen, welche Anmerkungen Lukács zum 37 Lukács: Faust-Studien, S. 200. 38 Ebd., S. 202. 39 Vgl. Lukács: Faust-Studien, S. 204-214. 40 Hierzu: Heyer: Harichs Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität, S. 236- 304. Außerdem: Warnke: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Die Vorlesungen liegen seit kurzer Zeit gedruckt vor, siehe u. a. den Überblick von der Antike bis zur Gegenwart in: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie, 2 Bde. Weitere Verweise im laufenden Text und im Literaturverzeichnis. 33 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács »Gleichklang« von Goe the und Hegel machte.41 Rainer Rosenberg formulierte im Kontext einer Auseinandersetzung mit Lukács’ Skizze einer Geschichte der neueren deutschen Literatur von 1953: »Hegel und Goe the: Der Weg zum ‚wissenschaftlichen Kommunismus‘ führte somit nicht nur über Hegel und Feuerbach, sondern auch über Goe the und Heine. Die Deutung des Fünften Akts von Faust II als symbolische Darstellung der produktiven und zugleich zerstörerischen Energien des Kapitalismus und als poetische Antizipation der befreiten Arbeit beglaubigte die Anbindung, die durch die einschlägigen Faust-Zitate bei Marx und durch Äußerungen von Engels untermauert werden konnte.«42 Das erste, woran man denkt (hoffentlich, so müsste es eigentlich sein), wenn inhaltliche Analogien zwischen Goe the und Hegel gesucht werden sollen, ist natürlich der Durchbruch zum dialektischen Denken. Für den jungen Goe the sah Lukács ein »Streben zum dialektischen Denken«, das seine Brisanz ebenso wie seine Motivation aus dem Gegensatz zur in Deutschland noch herrschenden metaphysischen Betrachtungsweise zog.43 (Die lange Wirksamkeit der »Schulmetaphysik« Christian Wolffs in Deutschland muss hier außen vor bleiben, ebenso die späte Leibniz-Renaissance, ausgelöst durch Rudolf Erich Raspe, die deutsche Spinoza-Rezeption. Diese Ereignisse waren für die marxistische Philosophiegeschichte sehr wichtig.) »Für seinen noch überwiegend gefühlsmäßigen Standpunkt bedeutet die Ahnung der Dialektik: Ein intuitives Erfassen der bewegenden und bewegten Einheit der Welt bei unbedingtem Verwerfen der trennenden Bestimmungen des Verstandes und in polarem Gegensatz zu ihnen.« Goe thes Streben nach permanenter dichterischer Vervollkommnung sei identisch mit seiner Suche nach dem »Weg zu einer 41 Hans-Ernst Schiller hat die Vermutung ausgesprochen, dass Blochs Goe the-Bild (sowie der Vergleich mit der Phänomenologie) von Lukács’ Faust-Studien beeinflusst sei. Allerdings bezieht er sich dabei nicht auf den im Folgenden analysierten Goe the-Aufsatz Blochs, sondern nur auf einige wahllos zusammengetragene Passagen aus dem Prinzip Hoffnung und dem Geist der Utopie. Alles, was aus der DDR stammt und nicht in die Gesamtausgabe Einzug gefunden hat, wird ausgeblendet. Schiller: Bloch liest Goe the, S. 142. 42 Rosenberg: Das klassische Erbe in der Literaturgeschichtsschreibung der DDR , S. 188. 43 Lukács: Faust-Studien, S. 215. 34 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wirklichen Erkenntnis der bewegten Widersprüchlichkeit des Lebens«.44 Die philosophische Positionierung des jungen Goe the, die Analyse der Zeit, deren Herausforderungen er verarbeitete, die Tendenzen jener Strömungen, in denen er wirkte oder gegen die er kämpfte – dies alles lässt sich Lukács zu Folge (und Bloch und Harich und viele andere sind ihm in dieser These nachgegangen) zusammenfassen in einem Entwicklungsstrang, der in letzter Konsequenz zur Vollendung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus führte, die ihrerseits eine, wenn nicht vom philosophischen Standpunkt die wichtigste Quelle des Marxismus ist. (Kaum etwas war in den Wissenschaften der DDR so absurd wie der frühzeitig einsetzende und von den Dogmatikern der SED mit Stalin und Shdanow forcierte Streit um die Rolle der klassischen deutschen Philosophie für Marx und Engels. Der Kern der Hegel-Debatte.) »Die Entdeckung, dass der Widerspruch das Zentrum von Leben und Erkenntnis ist, ist unzertrennbar verbunden mit der Historisierung des ganzen Lebensprozesses. Die Entwicklung in Natur und Gesellschaft wird zum Zentralproblem, und mit ihm nehmen die Deutschen führenden Anteil an jener Umgestaltung der Philosophie, die in Hegel gipfelt, in der Schaffung einer neuen Geschichtswissenschaft.«45 Die »weitgehenden Parallelen« des Denkens Goe thes mit »der objektiven Dialektik Hegels« dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Goe the »niemals irgendeiner Strömung dieser Philosophie vollständig« hingegeben/angeschlossen habe. »Wenn Goe the sich nunmehr (nach der Französischen Revolution, AH) bewusst der Philosophie zuwendet, so muss wiederholt werden, dass er sich keinem der entstehenden Systeme bedingungslos anschloss, wohl aber sich von dem Gesamtprozess der neuen objektiven Dialektik befruchten ließ. (…) Mit der Ideologie der Aufklärung selbst hat Goe the nie gebrochen. Seine Philosophie ist ein Hinüberwachsen des aufklärerischen Denkens in die Dialektik mit einem viel unversehrter bewahrten Aufklärungserbe, als man es sogar bei Hegel beobachten kann; ein radikaler Bruch, wie bei Schelling, liegt bei Goe- 44 Beide Zitate: Lukács: Faust-Studien, S. 216. 45 Ebd., S. 214. 35 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács the vollständig fern.«46 Goe the wird in der Interpretation von Lukács zu einem der wenigen Denker, die das fortschrittliche Erbe der Aufklärung durch die Zeiten und durch die Französische Revolution retteten und so der bürgerlichen Gesellschaft nach der Revolution fruchtbar machten bzw. zur Verfügung stellten. Ob sich diese Ansicht wirklich belegen lässt, erscheint durchaus als zweifelhaft. Denn zuerst »rettete« sich Goe the selbst (siehe exemplarisch seinen wirklich bösartigen Umgang mit Herder), die Ideale der Aufklärung waren im Prozess seiner Positionierung zur politischen Sphäre, zur Macht, ein Teil der entsprechenden Verhandlungsmasse. Bloch hat diese Aufgabe der Bewahrung der humanistischen Potentiale, der Träume der Jugend der Menschheit, der Utopie zugeschrieben – im Prinzip Hoffnung und vielen anderen Texten. Sein Utopieverständnis lebt ja geradezu davon, mit einem Skalpell und einer Waage fast jeden einzelnen Hoffungsschimmer der Menschen zu sezieren, zu messen und in seinem Gehalt zu bestimmen. Mit dem Ziel der Überführung in die sozialistische Zukunft. Schon im September 1936 hatte Bloch in dem Aufsatz Demokratie und Begabung in eigentlich direkt politischen Äußerungen und Analysen formuliert, dass der Sozialismus und die zukünftige kommunistische Gesellschaft die Befreiung des Menschen erbringen werden – mit dem Ziel- und Endpunkt der vollendeten Emanzipation aller Menschen sowie ihrer Potentiale und Fähigkeiten: »Die klassenlose Gesellschaft hebt die Verhältnisse auf, worin es zweierlei Arten Menschen gibt, Ausbeuter und Ausgebeutete. Aber sie hebt die charakteristische Vielfalt der Menschen, den Unterschied und Reichtum der einzelnen Naturen so wenig auf, dass sie ihn mit allen Mitteln des Ehrgeizes fördert, auswertet und reizt. (…) Doch die kanonischen Menschen und die wirklichen Begabungen ersticken oder werden erstickt; erst die kommunistische Demokratie – als Vollstreckung aller partialen von bisher – macht Olympia. Die Freiheit, nach seinen Fähigkeiten zu produzieren, nach seinen Bedürfnissen zu konsumieren, schafft den Zufall wie die Fessel ab, unter der beide Freiheiten bisher gelegen haben.«47 46 Alle Zitate: Lukács: Faust-Studien, S. 222f. 47 Bloch: Demokratie und Begabung, S. 78. 36 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Das Prinzip Hoffnung endet, trotz der damals schon unerträglich gewordenen Stellung Blochs (nicht nur »trotz«, es ist auch erneut eine Vorausschau auf die nächste Zukunft, nachdem die DDR keine mehr versprechen konnte), mit den Worten: »Der Mensch lebt überall noch in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«48 Mit dem Verhältnis von Goe the und Hegel beschäftigte sich Lukács vor allem im zweiten Kapitel, Das Drama der M enschengattung, der Faust-Studien. Das Fragment zum Faust von 1790 zeige deutlich die für Goe the wichtige Problemstellung: Anhand der Entwicklung eines Individuums soll das Schicksal der ganzen Gattung dargestellt werden. Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegung formulierte Lukács dann seine These: »Goe thes Faust und Hegels Phänomenologie des Geistes gehören als die größten künstlerischen und gedanklichen Leistungen der klassischen Periode in Deutschland zusammen. (Es ist interessant zu bemerken, dass die Phänomenologie fast gleichzeitig, 1807, mit dem ersten Teil des Faust vollendet wurde.)«49 Zudem, ergänzend, sah Lukács die Phänomenologie aber nicht als Solitär, als Wundererscheinung50, sondern 48 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1628. 49 Lukács: Faust-Studien, S. 227. 50 Diese Charakterisierung verwendete ja Auguste Cornu in der Hegel-Debatte gegen Rugard Otto Gropp, der durch seine völlige Negierung Hegels mit Blick auf die Entstehung des Marxismus Marx zur »Wundererscheinung« mache. Cornu: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 895. Gropps zweiteiliger Aufsatz, der in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien, löste (nach verschiedenen Vorgefechten) die zweite DDR-immanente Phase der Hegel-Debatte aus. Siehe: Gropp: Die marxistische dialektische Methode, Teil I, S. 69-344, Teil 1I, S. 344-383. Gropp wurde in seiner Position als Ordinarius für Philosophie in Leipzig von Harich als Blochs Aufpasser und »neiderfüllter Antipode« 37 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács als große Zusammenfassung aller progressiven Tendenzen der damaligen Zeit, als das höchste mögliche Produkt angesichts der Erkenntnisschranken der bürgerlichen Gesellschaft. (Genau das würde dann ja ebenso für Goe the gelten.) Dabei bestehe das eigentliche Verdienst Hegels darin, dass er nicht nur die offensichtlichen, sondern auch die verborgenen, keimhaften Potenziale seiner Zeit erkannt und gebündelt habe. Für die Phänomenologie gelte: »Hier kreuzen und durchdringen sich drei zusammenhängende Konzeptionen der Geschichte: Erstens die geschichtliche Erhebung des einzelnen Menschen von der einfachen Wahrnehmung der Welt bis zu ihrer vollendeten philosophischen Erkenntnis; zweitens die geschichtliche Erhebung der Menschheit von ihren primitivsten Anfängen bis zur Kulturhöhe der Hegelschen Gegenwart, zur Französischen Revolution, ihrer Überwindung durch Napoleon und jener modernen bürgerlichen Gesellschaft, die sich aus diesem Erdbeben aufrichtet. Und endlich, drittens, wird diese ganze geschichtliche Entwicklung als das Werk des Menschen selbst aufgefasst: Der Mensch schafft sich selbst durch seine Arbeit.«51 (Man erinnere die gerade wiedergegebene Passage aus Blochs Prinzip Hoffnung.) Natürlich, so Lukács weiter, sei das Individuum bei Goe the zentraler, wichtiger, unmittelbarer als bei Hegel. Doch die Komposition, wenn man so will Ziel, Funktion und Methode in einem, von Faust und Phänomenologie gleiche sich: »Der Dichter Goe the geht vom Individuum Faust aus, und jeder Schritt, den das Werk macht, muss sich von hier aus bewahrheiten, sonst ist die Einheit der Einzelperson zerrissen. Aber der dialektische Gang innerhalb der einzelnen Entwicklungsstadien, ihre Aufeinanderfolge, die als überflüssig oder selbstverständlich übersprungenen Zwischenetappen, dieser dialektische Gang geht schon über das bezeichnet. Harich: Ahnenpass, S. 202. Zuvor hatte er sich bereits im Fall Kofler »engagiert«. Guntolf Herzberg schrieb: »Gäbe es eine ‚Ehrentafel‘ der größten Schurken, die durch Denunziation, perfide Beurteilungen und brutales Abkanzeln ihrer Gegner in der Philosophie nur Schaden angerichtet haben, dann gäbe es nur einen Kandidaten für den obersten Platz: R. O. Gropp.« Herzberg: Abhängigkeit und Verstrickungen, S. 35. 51 Lukács: Faust-Studien, S. 228. 38 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Individuum hinaus und trägt seine Wahrheit in der historisch-sozialen, in der anthropologischen Entwicklung der Gattung selbst.«52 Auch wenn Goe the den Faust eine Tragödie genannt habe, so gehe das Werk doch weit über das rein Tragische hinaus – als Setzung und Aufhebung des Tragischen. Weder ein purer Pessimismus noch ein falscher Optimismus seien Goe thes Sache gewesen – vor beiden Arten der Weltanschauung habe er erschreckt zurückgezuckt: »Goe the und Hegel sehen hier gerade das Problem von Gattung und Individuum. Der Weg der Gattung ist untragisch, er führt aber durch unzählige, objektiv notwendige, individuelle Tragödien. Goe the wie Hegel besitzen die Überzeugung der Aufklärung, dass das Menschengeschlecht grenzenlos vervollkommnungsfähig ist, wenn es sich einmal aus den mittelalterlichen Fesseln befreit hat. Diese Überzeugung haben beide unzählige Male ausgesprochen.«53 Nach 1789 sei der alte Fortschrittsgedanke der Aufklärung, wenn er die Widersprüche der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft einfach verschweige, eben nur platter Optimismus und als solcher bereits mehr als nur in Ansätzen reaktionär. (Eine Ausnahme, vom Marxismus immer verzerrt interpretiert, ist beispielsweise Condorcet mit seinem Esquisse d‘un tableau historique des progrès de l‘esprit humain.)54 Ziel müsse vielmehr sein, beide Seiten der Sache in den Blick zu bekommen – die Fehler und Probleme ebenso wie die Potenziale (das sei die höchste Entwicklungsstufe innerhalb des Beziehungsgefüges bürgerlich-kapitalistische Welt). Das ist, mehr als nur implizit, ein Bekenntnis Lukács’ zu den Grundlagen des Marxismus, vor allem auch zum jungen Marx. Denn Marx und Engels hatten genau dieses Argumenten-Konglomerat immer wieder geltend gemacht. Den Utopischen Frühsozialisten (Owen, Fourier, Saint-Simon) warfen sie vor, die Fehler des Bürgerlichen zwar zu benennen, nicht aber die letzten Schranken und Hindernisse zu überwinden, noch nicht einmal in der Theorie. (Auch wenn die bessere Zukunft nur in ihren Köpfen existiere. An »die Stelle der gesellschaftlichen Tätigkeit« trete die »persönlich erfinderische Tätigkeit« der Utopisten – so heißt es im Kommunistischen Mani- 52 Lukács: Faust-Studien, S. 230. 53 Ebd., S. 232f. 54 Siehe: Heyer: Condorcets Selbstbestimmung zwischen Aufklärung und Revolution, S. 293-309. 39 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács fest.)55 Den Vertretern der ökonomischen Theorien von Smith bis Ricardo attestierten sie einen naiven Kinderglauben an die freie Marktwirtschaft. Genau in dieser Einsicht, so Lukács programmatisch, habe die Dialektik von Goe the und Hegel ihren Ursprung. »Die konkreten Widersprüche der aus der Französischen Revolution hervorgehenden kapitalistischen Gesellschaft rücken in den Mittelpunkt ihrer Weltwahrnehmung und ihres Weltdenkens. Diese Widersprüche wollen sie nun weder verschmieren oder abschwächen noch ihren dissonanten Charakter als letztes Prinzip der Geschichte anerkennen. Damit ist der denkbar höchste bürgerlichen Standpunkt zum Fortschritt der Menschheit errungen (…).«56 Die grundlegende Gemeinsamkeit von Faust und Phänomenologie kann dergestalt formuliert werden: »So entsteht für Goe the wie für Hegel der unaufhaltsame Fortschritt der Menschengattung aus einer Kette von individuel- 55 Und weiter: »Sie sind sich zwar bewusst, in ihren Plänen hauptsächlich das Interesse der arbeitenden Klasse als der leidensten Klasse zu vertreten. Nur unter diesem Gesichtspunkt der leidensten Klasse existiert das Proletariat für sie. Die unentwickelte Form des Klassenkampfes wie ihre eigene Lebenslage bringen es aber mit sich, dass sie weit über jenen Klassengegensatz erhaben zu sein glauben. (…) Sie verwerfen daher alle politische, namentlich alle revolutionäre Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Wege erreichen und versuchen, durch kleine, natürlich fehlgeschlagene Experimente, durch die Macht des Beispiels dem neuen gesellschaftlichen Evangelium Bahn zu brechen. (…) Die Bedeutung des kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus steht im umgekehrten Verhältnis zur geschichtlichen Entwicklung. In demselben Maße, worin der Klassenkampf sich entwickelt und gestaltet, verliert diese phantastische Erhebung über denselben, diese phantastische Bekämpfung desselben allen praktischen Wert, alle theoretische Berechtigung. Waren daher die Urheber dieser Systeme auch in vieler Beziehung revolutionär, so bilden ihre Schüler jedesmal reaktionäre Sekten. Sie halten die alten Anschauungen der Meister fest gegenüber der geschichtlichen Fortentwicklung des Proletariats. Sie suchen daher konsequent den Klassenkampf wieder abzustumpfen und die Gegensätze zu vermitteln. Sie träumen noch immer die versuchsweise Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Utopien, Stiftung einzelner Phalanstere, Gründung von Home-Kolonien, Errichtung eines kleinen Ikariens – Duodezausgaben des neuen Jerusalems –, und zum Aufbau aller dieser spanischen Schlösser müssen sie an die Philanthropie der bürgerlichen Herzen und Geldsäcke appellieren.« Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 79-81. Interpretation dieser Passagen, Hinweise zur Forschung etc. bei: Heyer: Sozialutopien der Neuzeit, Bd. 2, S. 569-579, dort auch zu den Utopischen Frühsozialisten: Fourier, S. 418ff., Owen, 607ff., Saint-Simon, 653ff. 56 Lukács: Faust-Studien, S. 233. 40 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe len Tragödien; die Tragödien im Mikrokosmos des Individuums sind das Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Gattung.«57 Neben der Dialektik bzw. den Vorstößen zum dialektischen Denken ist sicherlich die Französische Revolution sowie deren Bewertung ein Feld, auf dem über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Goe the und Hegel nachgedacht werden muss. Anfangs, nach seiner Rückkehr aus Italien, war Goe the entsetzt über die Revolution. Ab Mitte der neunziger Jahre habe sich diese Einstellung aber geändert. Lukács formulierte, dass Goe the die plebejischen Methoden der Revolution abgelehnt, dem sozialen Gehalt aber positiv gegenüber gestanden habe.58 Doch selbst wenn dies zutreffen sollte (der Autor vertritt eine andere Einschätzung), so war der Inhalt der Revolution doch immer maximal kleinbürgerlich. Als gute und echte Rousseauisten hielten noch die Jakobiner am Privateigentum fest, kamen nie über diese Schranke hinaus. Der soziale Gehalt war bis zum Auftreten Babeufs nach dem Ende der Jakobiner also gar nicht von Grund auf revolutionär, also anti-bürgerlich. Und noch Babeuf selbst sah die Sache schief, da er sich, ebenfalls Rousseauist, nach dem Thermidor auf Robespierre berief. Aber, dies sei ihm zu Gute gehalten, nicht auf den politischen Philosophen, den er zu dessen Lebzeiten heftig kritisiert hatte, sondern auf die Chiffre Robespierre, den Führer des Volkes, stammend aus dessen Mitte, Vollstrecker der Wünsche der kleinen Leute.59 Brot und 57 Lukács: Faust-Studien, S. 234. 58 »Und einige Jahre später (nach 1792, AH) fängt er an, die aus der Französischen Revolution hervorgehende neue bürgerliche Gesellschaft und ihren Staat mit wachsender Sympathie anzusehen, die ihren Gipfelpunkt in der Verehrung Napoleons, in der Parteinahme für ihn und gegen das Deutschland seiner Zeit erreichte. Goe thes Ablehnung bezieht sich also nur auf die plebejischen Methoden bei der Durchführung der Revolution, auf bestimmte plebejische Forderungen; den wesentlichen sozialen Inhalt der Französischen Revolution hat er jedoch in steigendem Maße bejaht.« Lukács: Faust-Studien, S. 221. 59 In seiner Zeitschrift Tribun du Peuple fasste Babeuf seine Ansichten in pathetische Worte: »Urne von Robespierre, teure heilige Asche, werde wieder lebendig und zerschmettere die faden Verleumder! Doch nein, verachtet sie, bleibt friedlich, edle Reste! Das ganze französische Volk, dessen Glück Du gewollt hast und für das Dein Genie allein mehr als jeder andere getan hat, das ganze französische Volk erhebt sich, um Dich zu rächen! Und ihr Schmierfinken, lernt besser die 41 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács die Verfassung von 1793 – das war damals die Parole, nicht mehr Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Für Hegel, so Lukács bestimmt und programmatisch, sei die Französische Revolution unentbehrlich gewesen – »als notwendiges Kettenglied der historischen Dialektik«.60 Und in der Phänomenologie erscheine sie gar als das Fundament der direkten Gegenwart Hegels. In seiner Monographie Der junge Hegel, an der Lukács zeitgleich arbeitete, hatte er auf die Darstellung der Rezeption und Adaption der Revolution durch Hegel viel intellektuelle Kraft verwendet. Neben den ökonomischen Studien Hegels stand dessen frühe Revolutionsbegeisterung im Mittelpunkt der Arbeit. Was den Jungen Hegel explizit von denjenigen Arbeiten unterscheidet, und zwar deutlich, die den alten Hegel, den preußischen Staatsphilosophen thematisieren (die Bandbreite derartiger Ansätze reicht von Shdanow und den DDR-Dogmatikern bis zu den faschistischen Hegel-Interpretationen). Für Harich und einige andere Denker der DDR war dies der wichtigste Punkt des Werkes von Lukács. Denn der revolutionäre Hegel ist kompatibel zu einem undogmatischen Marxismus, ist Bejahung des jungen Marx. In den Faust-Studien interessierte Lukács dieser (später auch für ihn so wichtige) Punkt jedoch nur mit Blick auf Goe the, vor allem, um dessen spezifisches Verhältnis zur Revolution herauszuarbeiten. »Goethe konnte unmöglich den Weg der demokratischen Revolution suchen, aber man findet in seinen entscheidenden Werken auch niemals einen reaktionären oder liberalen Kampf gegen sie. Der geniale Ausweg, den er findet und der selbstverständlich unmöglich von utopischen Elementen frei sein kann, ist eben der der Entwicklung der Produktivkräfte durch den Kapitalismus.«61 Damit war aus der Perspektive von Lukács aber zugleich die Grenze der Einsichten und Erkenntnisse von Goe the benannt: »Goe thes Horizont reicht über den Kapitalismus nicht hinaus. Seine tiefe denkerische und dichterische Ehrlichkeit führt deshalb zu einer Darstellung in nack- Erinnerung an einen Weisen achten, an einen Freund der Menschheit, einen großen Gesetzgeber, und lasst davon ab, den zu beleidigen, den die Nachwelt verehren wird.« Zit. bei: Heyer: Maximilien Robespierre, S. 963f. 60 Lukács: Faust-Studien, S. 245. 61 Ebd., S. 248. 42 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ten, unüberbrückbaren Gegensätzen.«62 Und weiter heißt es: »Aber wie immer man diese Schranke63 Goe thes auch kritisieren mag, sicher ist, dass die dichterische Phänomenologie des Geistes mit der realen Entwicklung der Produktivkräfte als jener Macht schließt, die aus dem fantasmagorischen Dasein des Feudalismus in die Welt der wirklichen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten, in die wirkliche Welt der menschlichen Tätigkeit führt. Der teuflische Charakter der kapitalistischen Form dieses Fortschritts wird bei Goe the (…) durch nichts beschönigt; aber zugleich wird gezeigt, dass hier erst das echte Feld der menschlichen Praxis eröffnet wird.«64 Neben diesen Ausführungen von Lukács ist für uns ein weiterer Schwerpunkt seiner Faust-Studien (das dritte Kapitel, Faust und Mephistopheles) wichtig, der wie folgt umrissen werden kann: »Der Kampf um den inneren Kern des Menschen ist der Gegenstand der eigentlichen Handlung des Faust (…).«65 Dabei hinge dieser Problemkomplex eng zusammen mit der gerade geschilderten Stellung Goe thes zur kapitalistischen Entwicklung sowie den dazugehörigen Ansätzen dialektischen Denkens. Es handle sich, so Lukács, bei dieser Dialektik um die Grundlage von Goe thes Zukunftsglauben – wie gesehen meint dies den Glauben an die Zukunft der ganzen Gattung auf der Basis der individuellen Tragödien. Die Selbstcharakterisierung von Mephistopheles als jene Kraft, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, sei der »prägnanteste Ausdruck« dieser Goe theschen Weltanschauung: Ein »Balancieren auf des Messers Schneide«.66 62 Lukács: Faust-Studien, S. 250. 63 Gemeint ist: »Aus dieser Perspektive entsteht bei Goe the die Illusion, dass die politische Revolution bei einem so ungehemmten und großartigen Aufschwung der Produktivkräfte überflüssig werden könnte. Hier ist eine der wichtigsten Einseitigkeiten und Schranken seiner Weltanschauung, die sich auch in seiner Naturphilosophie, in seiner Auffassung der Dialektik, in der Überbetonung der Evolution, in der Ablehnung jeder ‚Katastrophentheorie‘ spiegelt.« Lukács: Ebd., S. 249. 64 Ebd. 65 Ebd., S. 251. 66 Alle Zitate: Ebd., S. 255. 43 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács Es ist eine Analogie zu Hegel, die Klärung bringt  – zu betrachten sei das Verhältnis von Mensch und Natur.67 »Auch hier läuft der grundlegende Gedankengang Goe thes parallel mit dem Hegels: Im menschlichen Handeln entsteht objektiv immer etwas anderes, als die Menschen in ihrer Leidenschaft gewollt haben; die Bewegung, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geht von den Leidenschaften der Individuen aus, ihre Resultate gehen jedoch über die Individuen hinaus und machen den handelnden Menschen von den Konsequenzen seiner eigenen Taten abhängig.«68 Das Ergebnis einer Handlung ist also zu unterscheiden von dem Ziel, von dem Wunsch, den das Individuum mit seiner Tätigkeit verband. Diese These von Lukács ist ein weiterer Baustein seiner versuchten Rettung der Französischen Revolution sowie deren umwandelnder Rezeption in Deutschland. Das ethische Konzept Goe thes sah er in diesem Sinn darin, die freie Entfaltung der menschlichen Leidenschaften zu gewährleisten, gleichzeitig aber das harmonische Gleichgewicht der Lebens- äußerungen aller nicht außer Acht zu lassen. Angesichts der deutschen Misere ein Unterfangen, welches automatisch zum Entwurf utopischer Bilder führen müsse69 – die allerdings bei Goe the, so Lukács weiter, nicht der Weisheit letzter Schluss seien. Denn der Kapitalismus stehe jedweder Harmonie im Wege. Dieser Gedanke wird dann bei Bloch mit all seiner Wucht und Anklage wiederkehren. Erneut sind wir, den Spuren von Lukács folgend, bei der doppelten Einschätzung des Kapitalismus durch Goe the angelangt: »Goe the bringt, ohne das ökonomisch-soziale Leben des Kapitalismus durchschauen zu können, mit dichterischer Intuition dessen widerspruchsvolle Rolle in der 67 »Die Goe thesche Naturauffassung hat zum Zentralgedanken die Unabhängigkeit der Natur vom Menschen, von seinen moralischen und anderen Gesichtspunkten. (…) Im Netz solcher Bestimmungen lebt der Mensch nach Goe thes Auffassung; er ist zugleich selbst ein Stück Natur, ein Mikrokosmos, in dem die gleichen Naturkräfte wirksam sind, wie im Makrokosmos. Die menschlichen Leidenschaften betrachtet Goe the als eine Art von Naturkräften, die – unmittelbar angesehen – aus unbekannten Ursprüngen entstehen, an einem (zufällig scheinenden) Anlass sich entzünden und, freigelassen, einem nicht berechenbaren Ziel entgegenstürmen.« Lukács: Faust-Studien, S. 262 und 263. 68 Ebd., S. 262f.. 69 Ebd., S. 264. 44 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Menschheitsentwicklung zur Gestalt.«70 Er habe die Fakten festgestellt, teilweise gewertet, vor allem dichterisch umgesetzt, aber nie ihnen gegen- über eine »romantische Trauer«71 an den Tag gelegt, nie nach einem Zurück in die vermeintliche Idylle vergangener Zeiten gerufen. Für den klugen Marxismus, und um diesen geht es hier, war die Romantik Inbegriff solcher Fluchtbewegungen in die Vergangenheit, die doch nur danach trachten würden, das Morgen zu desavouieren. Beginnend mit der vollständigen Zerstörung der Ideale der Aufklärung. (Durch diesen intellektuellen Taschenspielertrick konnte dann beispielsweise Thomas Müntzers Andenken, der ja streng genommen und historisch exakt geblickt auch »zurück« wollte, gerettet werden.)72 70 Lukács: Faust-Studien, S. 278. 71 Ebd. 72 Das hatte Karl Kautsky argumentativ vorbereitet, bei ihm findet sich auch die Stilisierung Müntzers zum »Mann der Tat«, im Gegensatz zu Thomas Morus, dem Schöpfer der Utopia. Das eigentlich Morus emanzipativ über die Grenzen seiner Zeit hinausgriff und nach »vorn« wollte, während Müntzer die »gute alte Zeit«, die »alten Rechte« beschwor, spielt dann keine Rolle mehr. Kautsky: Thomas More und seine Utopie. Dort heißt es: »Der Gegensatz zwischen More (d. i. Morus) und Münzer enthält den Keim des großen Gegensatzes, der sich durch die ganze Geschichte des Sozialismus zieht und der erst dur ch das Kommunistische Manifest überwunden worden ist, des Gegensatzes zwischen dem Utopismus und der Arbeiterbewegung. Der Gegensatz zwischen More und Münzer, dem Theoretiker und dem Agitator, ist im wesentlichen derselbe wie der zwischen Owenismus und Chartismus, zwischen dem Fourierismus und dem Gleichheitskommunismus in Frankreich. So sehnsüchtig auch More wünschte, seinen Idealstaat verwirklicht zu sehen, so scheu bebte er doch vor jedem Versuch zurück, der Ausbeutung von unter her ein Ende zu machen. Der Kommunismus konnte sich daher von seinem Standpunkt aus nicht im Klassenkampf durch die Logik der Tatsachen entwickeln, er musste im Kopfe fertig sein, ehe man daran denken konnte, einen der Mächtigen für ihn zu gewinnen, der ihn der Menschheit von oben herab aufoktroyieren sollte. Das war eine Illusion. Aber gerade ihr verdankte More seinen höchsten Triumph, ihr verdanken wir den ersten Versuch, eine Produktionsweise zu malen, die den Gegensatz zur kapitalistischen bildet, gleichzeitig aber an den Errungenschaften festhält, die die kapitalistische Zivilisation über die vorherigen Entwicklungsstufen hinaus gemacht hat, eine Produktionsweise, deren Gegensatz zur kapitalistischen nicht in der Reaktion besteht.« (S. 248f.) Interpretation dieser Anschauung in: Heyer: Freiheit im N irgendwo, S. 34-38. Siehe auch: Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution. 45 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács Die Fortschrittlichkeit und der Optimismus von Goe the hätten eine romantische Flucht nicht zugelassen. »Goe the steht zu den Problemen der kapitalistischen Entwicklung so wie Hegel oder Ricardo. Was die Gegensätze, die dichterisch in schneidendem Kontrast zueinander stehen, ideell vermittelt, ist: Die objektive Unlösbarkeit des mephistophelischen Prinzips von der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte, von der objektiv wichtigsten und in richtiger Richtung gehenden menschlichen Praxis, von jenem Weg, der – das konnte Goe the, wie auch Ricardo und Hegel, nicht einmal ahnen – später dahin führt, dass auf diesem Boden Kräfte entstehen, die Menschheit wirklich von Mephistopheles erlösen.«73 Der teilweise Durchbruch zur Utopie, geschuldet (ja, Marxisten müssen so etwas auch ent-schulden) dem Stand der historischen Entwicklung, resultiere auch daraus, dass von Goe thes Standpunkt die komplizierten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft objektiv unlösbar seien. »Goe thes dichterische Größe besteht darin: Sie in ihrer durch nichts gemilderten Unlösbarkeit hingestellt zu haben. Darin ist er wahr wie Ricardo und Hegel.«74 Und eben dies ist es, was den Kampf um den menschlichen Kern des Individuums, um den menschlichen Kern von Faust ausmache. Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob eine objektive Perspektive für Faust vorhanden ist. »Eine objektive soziale Macht, die Mephistopheles auf der Goe the bekannten Erde erfolgreich hätte bekämpfen können, konnte er nicht sehen und wollte er darum auch nicht gestalten.«75 Diese Aufgabe übernahm dann nach Lukács, wie das Eingangszitat zeigt, der große Rote Oktober. 73 Lukács: Faust-Studien, S. 278. 74 Ebd., S. 278f. Das ist ein weiteres Kernelement marxistischer Philosophiegeschichte. Wo auch immer und wie eklatant ihre Schranken seien, Hegel und Ricardo hätten die Widersprüche des Kapitalismus erkannt und ausgesprochen. Ob zynisch, mit welchen Intentionen, beschränkt oder peinlich berührt – dies sei, ungeachtet der Motivation und der Konsequenzen, ein historisches Verdienst, hinter das die ganze bürgerliche Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückfalle, die Hegel verschweige (»der tote Hund«) und die Widersprüche des Kapitalismus verschleiere oder als allgemeine und damit unlösbare/unvermeidbare Menschheitsprobleme quasi anthropologischen Ursprungs ausgebe. 75 Ebd., S. 279. 46 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Einen Ausweg bzw. eine Art von Ausweg (d. h. laut Lukács in historischer Perspektive die mögliche Alternative vor der Entstehung des Marxismus, demnach innerhalb enger Erkenntnisschranken) bilde Goe thes Konzeption der menschlichen Vollendung, die zwei Tendenzen in sich vereine. Erstens die Vervollkommnung des Individuums durch Entwicklung aller seiner Fähigkeiten und Anlagen, zweitens die Generierung einer inneren Harmonie, so dass in letzter Konsequenz ein ganzer Mensch entsteht.76 »In der Wirklichkeit, in der er lebt, weiß Goe the, dass diese beiden Tendenzen, obwohl nur ihre Synthese den wirklich vielseitigen, harmonischen Menschen ausmacht, widerspruchsvoll, ja unvereinbar sind. In der glücklichsten Zeit seiner Reife entwirft er (in Wilhelm Meisters Wanderjahre) eine gesellschaftliche Utopie ihrer Vereinigung. Aber die sozialen Erfahrungen der späteren Jahrzehnte, das Erlebnis des Kapitalismus, dessen Rolle als Entwickler der Produktivkräfte er ohne sentimentale Vorbehalte bejaht, die aufdämmernde Einsicht in dessen gesellschaftliche Widersprüche, führen ihn in dieser Frage zu einer Resignation.«77 Die positive Kehrseite dieser dichterischen Resignation sei darin zu sehen, dass Goe the in der Wirklichkeit seiner Zeit nach realen Tendenzen und Tatsachen suche, um sein Programm – ohne Utopie – zu verwirklichen.78 Sein Optimismus falle nicht mit der Einsicht in das Wesen des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft. Ganz im Gegenteil gewinne er an Schärfe und Profil. Und so wie Goe the immer stärker die Wirklichkeit studierte, war auch für den von ihm geschaffenen Faust diese Entwicklung die letzte Konsequenz: »Der Weg zu dieser Vollendung war der Weg Fausts zur Praxis. Da- 76 Vgl. Lukács: Faust-Studien, S. 296f. Mit Blick auf die Aussöhnung von Vernunft und Leidenschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der »ganze Mensch« ein wichtiger Bestandteil der neueren Forschung. 77 Ebd., S. 297. 78 »Je mehr Goe the jedoch resigniert und die praktische Entfaltung der einzelnen menschlichen Fähigkeiten bejaht, die die Beherrschung der Naturkräfte und damit die Weiterentwicklung des Menschengeschlechts eben in ihrer und durch ihre Vereinzelung fördern, desto energischer sucht er überall in der Wirklichkeit nach realen Tendenzen und Tatsachen, in denen die menschliche Harmonie und Vollendung, wenn auch auf der Grundlage eines objektiven Verzichts anderer Art, verwirklicht worden ist.« Ebd., S. 297f. 47 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács rum gestaltete Goe the, wie schon erwähnt, nicht die nachträgliche Reue Fausts, sondern seine Heilung von den Wunden der Tragik durch eine neue Beziehung zur Natur, zum Leben, zur Praxis. (…) ‚Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan‘: Nicht umsonst ist dies das letzte Wort nicht nur der Faustdichtung, sondern auch des Dichters Goe the. Es ist ein letztes Bekenntnis zur Möglichkeit einer diesseitigen Vollendung des Menschen, einer Vollendung des Menschen als psychisch-geistiger Persönlichkeit, einer Vollendung auf der Grundlage des Beherrschens der äußeren Welt, der Erhebung der eigenen Natur zur Geistlichkeit, Kultur und Harmonie, ohne ihre Naturartigkeit aufzuheben.«79 Mit seinen Ausführungen hat Lukács, dies war und ist wichtig, die Grundlagen eines modernen marxistischen Goe the-Bildes geschaffen. Dieter Schiller schrieb: »Seine Goe the-Studien aus den Moskauer Jahren gehören zu den oft zitierten und positiv kritisch reflektierten Texten in der Klassik-Forschung während der fünfziger Jahre.«80 Lukács selber kehrte, wie wir sehen werden, immer wieder zu diesem Thema zurück. Schon 1940 war er sich überaus deutlich darüber klar, in welchem Bergwerk er die Rohstoffe seines Denkens ausgrub: »Goe the, der Zeitgenosse und Mitstreiter jener Tendenzen, die zu den ‚drei Quellen des Marxismus‘ geworden sind, ist dem Wesen nach ganz irdisch, ganz diesseitig.«81 Knapp zehn Jahre später sollte er diesen letzten Gedanken, der einer seiner Kerngedanken ist, viel stärker, pathetischer formulieren. Doch mitten im Weltkrieg war dafür kein Platz. Da galt es, die Erinnerung an die humanistischen Traditionen der deutschen Kultur und Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Diese als Erbe, ja gar als Vorboten eines aufziehenden deutschen Sozialismus zu begreifen, dessen mögliche Realität auch nur zu ahnen, daran war in jenen Jahren kein Gedanke zu verschwenden. Tief in sich wird es Lukács dennoch getan haben. Nicht umsonst arbeitete Bloch im amerikanischen Exil ja an seinem großen Utopieprojekt und damit im Bergwerk der Träume, Hoffnungen und Wünsche. Ebenfalls im amerika- 79 Lukács: Faust-Studien, S. 300 und 301. 80 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 81 Lukács: Faust-Studien, S. 302. 48 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe nischen Exil setzte Thomas Mann sein großes Romanwerk fort, hob es auf eine neue Stufe. Die Motivation war bei allen eine analoge. Der Urfaust, Fernsehfilm der DDR, 1961, Funk und Fernsehen der DDR, Nr. 14/1961, Monnika Lennartz und Hilmar Thate

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.