13. Zwischenstück III:Die brutale Geschichte, 1956 in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 261 - 294

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-261

Tectum, Baden-Baden
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261 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Harich (Plattform): »Klarstellung der Tatsachen, dass es sich bei der Politik der jugoslawischen Bruderpartei seit 1948, beim Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, beim XX. Parteitag der KPdSU, beim Posener Volksaufstand vom Juni 1956, beim VIII. Parteitag der KP Chinas, beim VIII. Plenum des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und bei dem ungarischen Volksaufstand vom Oktober 1956 um Glieder eines revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse gegen den Bürokratismus der Stalinschen Periode (…) handelt.« Es ist notwendig, dass wir für einen kurzen Augenblick Goe the, Schiller und Heine, dass wir die philosophischen und wissenschaftlichen Debatten der jungen DDR verlassen und uns den historischen Ereignissen zuwenden. Das Jahr 1956 war eine Zäsur in der Geschichte des Sozialismus und Marxismus und brachte mit seinem Ereignissen tiefe Einschnitte in die Biographien unserer Protagonisten. (Auf den folgenden Seiten steht, nach einer kurzen Betrachtung der ungarischen Unruhen, vor allem das Schicksal Harichs im Mittelpunkt, da es die Einstellung, das Selbstverständnis der Intellektuellen in der DDR und in der Bundesrepublik auf Jahre hinaus determinierte.) In der DDR versuchten Partei und Staatssicherheit die vielfältigen Diskussionen in den einzelnen Wissenschaften, die die Dynamik des intellektuellen Aufschwungs der DDR verbürgt hatten (vor allem in der Philosophie), ein- für allemal zu unterbinden. Es sollte sie nicht mehr 262 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche geben, sondern ausschließlich den Parteidogmatismus. Für 1956 wurde daher ein ausführlicher Plan entwickelt, wie das akademische Leben zu gestalten sei, um die notwendige Konformität herzustellen. Jede Konferenz, jeder Vortrag, jeder Redner war detailliert erfasst und schon im Vorfeld genehmigt oder abgelehnt.600 Der Geschichte freilich war es egal, was die Stasi sich ausgedacht hatte: Sie konterkarierte schon immer jedwede Vorherberechenbarkeit. Von Chruschtschows Stalin-Rede bis zum ungarischen Aufstand setzte sie, wie es ihrem Wesen entspricht, auf die Unberechenbarkeit des Seins. Das Jahr 1956 begann im sozialistischen Lager mit einem echten Paukenschlag.601 Vom 14. bis 25. Februar fand der XX. Parteitag der KPdSU statt, auf dem Chruschtschow am letzten Tag ab 10 Uhr vormittags hinter verschlossenen Türen die radikale Abrechnung mit Stalin suchte. Über Monate hinweg war das entsprechende Material zusammengetragen worden und der vor Entsetzen gelähmte Saal erfuhr nun von den Verbrechen des Diktators. Die Lektüre der Rede zeigt, dass es Chruschtschow gerade nicht um den Beginn einer innerparteilichen oder gar öffentlichen Diskussion der Prinzipien der real existierenden sozialistischen Staaten bzw. der Sowjetunion ging. Vielmehr zielte sie fast ausschließlich darauf, die Fehlentwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte, salopp formuliert, Stalin anzulasten und damit gerade der Diskussion zu entziehen. »Nach dem Tode Stalins begann das ZK der Partei, exakt und konsequent eine Politik durchzuführen, die darin bestand nachzuweisen, dass es unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus fremd ist, eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermenschen mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln.«602 Die Abrechnung rüttelte am Weltbild und Selbstverständnis vieler Marxisten und Kommunisten im gesamten Ostblock. Die CIA versuchte, irgendwie Kenntnis von der Rede zu erhalten – was schließlich auch gelang. Parallel veröffentlichte die 600 Hierzu die entsprechenden Passagen in: Herzberg: Anpassung und Aufbegehren. 601 Verschiedene der Passagen dieses Kapitels sind ausführlich im Kontext entwickelt in dem Aufsatz: Heyer: Wolfgang Harichs Demokratiekonzeption aus dem Jahr 1956, S. 529-550. 602 Chruschtschow: Über den Personenkult und seine Folgen, S. 8. 263 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Sowjetunion selbst Teile des Referats. In der DDR war der Text über die Westberliner Zeitungskioske erhältlich. Im Ostblock wertete man die Kritik an Stalin als Beginn einer Neubestimmung der real existierenden sozialistischen Verhältnisse. Stanislav Sikora schrieb einleitend in seine Darstellung der ungarischen und tschechoslowakischen Umbrüche als Reaktion auf die Stalin-Kritik des Parteitags der KPdSU: »Die Beschlüsse dieses Parteitages weckten in den Ländern Mittel- und Südosteuropas – auch wenn sie keine direkte Systemkritik des totalitären Sozialismus mit sich brachten  – Hoffnungen auf seine Humanisierung und Liberalisierung in der Praxis.«603 Aufruf zu Reformen und Veränderungen, Versprechen auf Hoffnung und Verbesserung. Doch diese Einschätzung der verschiedenen oppositionellen und reformorientierten Gruppierungen war völlig falsch. Denn Chruschtschow hatte Stalin für alle Fehlentwicklungen des Sozialismus verantwortlich gemacht. Woraus sich der Schluss ziehen ließ, dass durch Stalins Tod gerade keine Reformen mehr notwendig seien. Der König ist tot, lang lebe der König! In Ungarn und Polen kam es zu den heute noch bekannten Unruhen und Auseinandersetzungen. Wer einmal Ungarn besucht hat, der weiß, wie patriotisch aufgeladen die Erinnerung an den Aufstand von 1956 ist, wie sehr dieser zum ungarischen Nationalbewusstsein gehört. (Der Autor dieser Zeilen war, zufällig, 2006 während der offiziellen Gedenkveranstaltungen in Budapest.) Georg Lukács war Teil der revolutionären Regierung in Budapest und wurde nach der Machtübernahme durch die Sowjets für kurze Zeit verhaftet und interniert. Den ungarischen Ereignissen soll kurz unser Interesse gelten, da Lukács in ihnen als Treibender und Getriebener agierte. »Der nachhaltige Einfluss, den Lukács mit seinen Büchern ein Jahrzehnt lang in der SBZ und frühen DDR ausgeübt hatte, hat zweifellos dazu beigetragen, dass der ungarische Petöfi-Klub für viele zu einem Symbol der gesellschaftlichen Erneuerungswünsche und für die Parteiführung der SED zur Inkarnation aller drohenden politischen und ideologischen Aufweichungs-Gefahren wurde. Der ursprünglich als Diskussionsforum junger Intellektueller un- 603 Sikora: Die Wirkung der ungarischen Ereignisse etc., S. 73. 264 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter der Leitung des Jugendverbandes gegründete Petöfi-Klub war seit Mai 1956 zu einem Zentrum antistalinistischer Opposition geworden.«604 Norbert Kapferer beschrieb die Situation wie folgt: »Nach dem Tode Stalins setzten sich in dem besonders rigiden, stalinistisch geprägten Regime in Ungarn gewisse Auflockerungstendenzen durch. Im selben Jahr wurde der Reformer Imre Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt. Der von Nagy verfolgte Kurs eines ungarischen Weges zum Sozialismus scheiterte aber schon zwei Jahre später am Widerstand der Altstalinisten in der Kommunistischen Partei Ungarns. Die Spannungen zwischen Reformern und Konservativen verschärften sich in der Gefolgschaft des XX. Parteitags der KPdSU und ermunterten gleichzeitig viele ungarische Intellektuelle zur kritischen Stellungnahme. Lukács nahm mit einer im März 1956 gegründeten oppositionellen Gruppierung von Intellektuellen und Schriftstellern, dem so genannten Petöfi-Kreis, Kontakt auf. Hier, in diesem Kreis, begann Lukács dann auch erstmals seine kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus.«605 Erinnert wurde mit dem Namen an den ungarischen Revolutionsdichter Sándor Petöfi. Lukács nahm in der Gruppierung eine wichtige Rolle ein: »Er leitete die philosophischen Diskussionen, hielt einige Vorträge, mit denen er zum ersten Mal öffentlich in die Debatten eingriff, die der XX. Parteitag der KPdSU auslöste, unter anderem mit dem Text Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, der wiederum in der DDR zuerst gedruckt wurde.«606 Lukács blieb aber nicht bei den philosophischen Debatten stehen, sondern engagierte sich direkt politisch, versuchte die Forderungen des Klubs »nach individuellen Freiheiten, Wiederzulassung verschiedener politischer Parteien, freien Wahlen und nach der Abschaffung der Geheimpolizei«607 in staats- und gesellschaftstragende Richtlinien umzusetzen: »Im Oktober 1956 tritt er als Volksbildungsminister in die Regierung Nagy ein, ist nach genau 37 Jahren zum zweiten Mal in diesem Amt – das ihn wieder außer Landes treibt. Obwohl Lukács am Vorabend der 604 Schiller: Der Donnerstagskreis, S. 9f.. 605 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 144f. 606 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. 607 Amos: Politik und Organisation der SED-Zentrale, S. 454. 265 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 sowjetischen Intervention aus der Regierung Nagy zurückgetreten war, weil er den offiziell erklärten Austritt aus dem Warschauer Paktsystem als verhängnisvoll verurteilte, wird er von den Sowjets mit Imre Nagy und anderen Politikern verhaftet und nach Rumänien deportiert. Nagy wird ermordet, Lukács kehrt im April 1957 nach Budapest zurück – nun ein aus allen Ämtern und Würden gejagter, sogar aus der Partei ausgeschlossener Privatgelehrter.«608 Am 28. Oktober hielte Lukács eine Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, in der er, die damaligen Unruhen fokussierend, ausführte, dass er selber bereits seit Jahren ein Kritiker der ungarischen Politik sei: »Diese berechtigte Unzufriedenheit entstand durch den undemokratischen Charakter der Politik, wegen der Vernachlässigung der nationalen Unabhängigkeit, der nationalen Traditionen und der nationalen Eigenart. Daher halte ich es auch für verständlich und gerechtfertigt, dass die Unzufriedenheit der Jugend so offen zu Tage trat. Die berechtigte Unzufriedenheit nahm bedauerlicherweise Formen an, die zahlreiche Opfer forderte und ein Betätigungsfeld für die in unserem Land noch immer vorhandenen revolutionären Strömungen bot. Eine solche Feststellung darf jedoch die Tatsache nicht schmälern, dass der überwiegende Teil der Forderungen der Jugend nach demokratischer und nationaler Unabhängigkeit berechtigt war und dass er verwirklicht werden muss.«609 Lukács nahm sich in die Pflicht, die Umsetzung der Forderungen selbst von der Philosophie in die direkte Politik zu begleiten: »Die Hauptaufgabe der neuen Regierung wird es sein, ein solches demokratisches und nationales Programm auszuarbeiten und durchzuführen. Aus den schrecklichen Beispielen der letzten Tage muss jedermann die Lehre ziehen. Die drängendsten Lehren sind: Unser staatliches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Leben im Geiste einer wahren Demokratie neu zu formen. Ein solcher wahrer Demokratismus ist in der Lage, alle Überreste des Stalinismus zu beseitigen. Der Aufbau einer demokratischen Freiheit, der Selbstbestimmungsgewalt des Volkes in jeder Richtung ist die wirkliche Grundlage, 608 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. 609 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 266 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche den ungarischen Weg des Sozialismus zu finden und den ungarischen Weg zum Sozialismus überall erfolgreich zu verwirklichen.«610 Erst 1969 wurde er wieder in die Kommunistische Partei Ungarns aufgenommen, in Ost-Berlin wertete Harich dies dann einige Jahre später als Zeichen dafür, dass Lukács auch in der DDR zu rehabilitieren und wieder in seine Funktion als philosophische Autorität einzusetzen sei. Doch er konnte sich mit dieser Position kaum durchsetzen. Lukács war und blieb in der DDR eine überaus unerwünschte Person, deren Namen man am besten noch nicht einmal nennen wollte. Erst in den späten siebziger unad achtziger Jahren änderte sich dies etwas – wir werden an anderer Stelle darauf zurückkommen. Hier geht es nun noch darum, die ungarischen Ereignisse verlassend, ein Kuriosum zu erwähnen, dass sich in dieser Zeit sogar zwei Mal zutrug – für ein Kuriosum ein seltener Fall. 1955 hatten, zu ihrem 70. Geburtstag, sowohl Lukács als auch Bloch in der DDR eine Festschrift bekommen. Geehrt wurden, mit vielen offiziellen Stimmen und zusätzlichen Preisen, die damals bekanntesten marxistischen Philosophen. (Wie kritisch sich die beiden dabei beäugten, wie vor allem Bloch penibel Seiten zählte und Parteikontakte nutzte, damit seine Festschrift ein paar Gramm schwerer sei als die des ungarischen Philosophen, kann hier nicht rekonstruiert werden. Diese Geschichte ist an anderer Stelle zu erzählen.) Da nun beide von der Partei nach 1956 als schlimmste Revisionisten gebrandmarkt wurden, gerieten die Jubiläumsgaben in Vergessenheit und wurden ersetzt durch Schmäh- und Verleumdungsschriften – wobei teilweise dieselben Autoren sowohl 1955 als auch in den Jahren danach in den Bänden vertreten waren. Noch einmal kann Norbert Kapferer beschreiben: »Nachdem sich im Jahre 1955 Freunde, Verehrer, Schüler und Kritiker des Ungarn versammelt hatten, um den Siebzigjährigen als bedeutenden marxistischen Theoretiker zu würdigen, forderten die politischen Ereignisse des Jahres 1956 zur Entscheidung für oder gegen Lukács.«611 610 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 611 Gemeint ist die Festschrift: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag. Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 144. Dort weiter zur ungarischen Situation: »Seit dem Revisionismusvorwurf aus dem Jahre 1951 hatte sich Lukács aus der Politik in Ungarn zurückgezogen. An den ungari- 267 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Hans Koch, der als Herausgeber den 1960 erschienenen Band Georg Lukács und der R evisionismus zu verantworten hat, stellte in seiner Vorbemerkung fest: »Lukács’ Werk hat lange Zeit einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie, Ästhetik und Literaturwissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik ausgeübt – einen Einfluss, der vielfach selbst noch dort spürbar ist, wo offensichtlich um die Überwindung Lukácsscher Gedankengänge gerungen wird.«612 Die Anklage Kochs gipfelt im Namen von Partei und Staatssicherheit in der Feststellung: »Es ist ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ‚hervorragenden Theoretiker‘ ziehen zu wollen, wie dies mancherorts versucht wird.«613 Da Lukács sich als Politiker an dem Versuch beteiligte, den Sozialismus in Ungarn zu verbessern, gehe es nun also darum, seine Schriften ausschließlich unter diesem Blickwinkel zu lesen: Als Vorbereitung von Revisionismus und Konterrevolution. Die nächste Absurdität, die nicht kommentiert werden muss. Dass Hans Koch mit seinen Ausführungen in der Tat die neue offizielle Linie verkündet hatte, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich noch Werner Mittenzwei 1975 bei seinem Versuch der leisen Rehabilitierung Lukács’ in den Literaturwissenschaften gezwungen sah, diese Paradigmen zu wiederholen. Zu lesen war: »Es war unausbleiblich, dass Lukács’ Theorie in den fünfziger Jahren immer mehr die Kritik herausforderte. Diese Situation spitzte sich vor allem während der Konterrevolution 1956 in Ungarn zu. Obwohl Lukács’ Tätigkeit in dieser Phase nicht mit der Imre-Nagy-Losonczy-Gruppe identisch war, diente er mit seinen Erklärungen im Petöfi-Kreis objektiv den konterrevolutionären Kräften. In diesen Jahren nutzte der internationale Revisionismus das theoretische Werk Lukács’ auf seine Weise aus. Indem Lukács seine Polemik einseitig gegen die Entstellungen und Hemmnisse durch die Phase des Personenkult richtete und meinte, nur so könne eine ‚Erneuerung‘ des Marxismus-Leninismus herbeigeführt werden, wurde sein Werk von Leuten in Anspruch genommen und ausgelegt, die Lukács selbst immer bekämpft schen Universitäten durfte er ab dem Jahre 1952 keine Vorlesungen mehr halten.« (Ebd.) 612 Koch: Vorbemerkung, S. 8. 613 Ebd. 268 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche hatte und die bisher stets seine Gegner gewesen waren. Erst später, und nicht zuletzt durch die geduldige Diskussion, die leitende Genossen der ungarischen Partei mit Lukács führten, fand er die Verbindung zur ungarischen Partei der Arbeiterklasse, in deren Reihen er wieder aufgenommen wurde.«614 (Was Lukács tatsächlich gesagt hatte, ist an anderer Stelle zu rekonstruieren. Wir werden am Ende dieses Kapitels einige kleine Hinweise geben.) Doch wir müssen in der Chronologie einige Jahre zurückgehen. In Ostberlin versuchte Johannes R. Becher am Ende des Jahres 1956 alles, um seinem Freund Lukács zu helfen. Walter Janka hat die damaligen Vorgänge in seinen Erinnerungen beschrieben: »Die von den Volksmassen hinweggefegte Rákosi-Regierung hinterließ im Oktober 1956 ein Chaos. Niemand wusste, wie sich eine neue Regierung konstituieren soll. Bis Imre Nagy, ehemals Emigrant in der SU, einst selbst den Intrigen Rákosis ausgesetzt, eine neue Regierung bildete und auch Lukács zu einem seiner Minister ernannte.«615 Als sich die Situation weiter zuspitzte, wusste niemand mehr, wie es Lukács während der Unruhen ging, wo er sich aufhielt, ob er in Gefahr war. Die Pressemeldungen überschlugen sich – natürlich mit einigen Unterschieden in der Darstellung in Ost und West: »Wollte man den Meldungen über Rundfunk, Fernsehen und Presse glauben, sah es in Ungarn verheerend aus. Die Medien in der DDR sprachen von Konterrevolution. Verrat der Intellektuellen, Einmischung der Westmächte. Die westlichen Sender und Zeitungen meldeten Generalstreik, Plünderungen, brennende Partei- und Regierungsgebäude, Kommunisten, die gelyncht wurden. Kein Wunder, dass wir die Ereignisse mit Sorge verfolgten.«616 Walter Janka sprach mit Anna Seghers über die Probleme, die wiederum Becher einschaltete. Becher beschloss, dass Janka, chauffiert von seinem Fahrer, ausgestattet mit Pässen, Visa von westlichen Botschaften, nach Ungern reisen sollte, um Lukács dort herauszuholen, notfalls sogar 614 Mittenzwei: Gesichtspunkte, S. 93f. 615 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 14. Dort zur Situation in der DDR weiter: »In Berlin war man ratlos. Viele fürchteten, dass die Aufstände in Polen und Ungarn über die Grenzen ausufern würden. Der 17. Juni 1953 war noch nicht vergessen.« (Ebd.) 616 Ebd., S. 29. 269 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 freizukaufen.617 Doch Jankas Abfahrt verzögerte sich, wurde verschoben. Becher gelang es dann endlich, mit Ulbricht zu sprechen und er teilte das Ergebnis Janka telefonisch mit: »Tut mir leid. Ihr könnt nicht fahren. Ulbricht hat die Reise untersagt. Es sei Sache der sowjetischen Genossen, zu handeln. Die wären in Ungarn präsent und wüssten allein, was zu tun ist. Einmischung unsererseits kommt nicht in Frage.«618 Diese kurze Geschichte zeigt an, dass auch die Intellektuellen der DDR die Situation falsch einschätzten. Sie glaubten, agieren zu können. Im Aufbau-Verlag und in der Redaktion der Zeitung Sonntag hatten sich im Laufe des Jahres 1956 mehrere Personen unter der Leitung Harichs zusammengeschlossen, um mögliche Veränderungen in der DDR zu diskutieren, ja, diese, so möglich, herbeizuführen. Gedacht war, neben verschiedenen Reformen, sogar an eine Absetzung Walter Ulbrichts und der Regierung. Die historische Situation schien günstig zu sein.619 Im Juli brachte Harich seine Gedanken erstmals zu Papier. Es entstand als Diskussionsgrundlage und für den eigenen Gebrauch das Memorandum. Außerdem verfasste er auch sein Vademekum, das in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, im vierten Heft, erscheinen sollte. (Dazu später ausführlicher.) Ende Juli machte dann Lukács Urlaub im Harz (wo ihn u. a. Johannes R. Becher besuchte). In Berlin kam es im Anschluss zu mehreren Treffen und angeregten Diskussionen mit Harich, der sich dadurch in seinen Ansichten bestätigt fühlte. Ähnliche Gespräche führte er auch mit Bloch. Die folgenden Wochen vergingen mit verschiedenen Diskussionen und Zusammenkünften, der normalen Arbeit im Verlag, im Oktober nahm Harich zum Beispiel als einer der Hauptredner an der großen Heine-Konferenz teil. Es kann vermutet werden, dass das Konferenzprotokoll wegen seiner Teilnahme nie gedruckt wurde.620 In der Mitte des Oktobers beschleunigten sich dann die Ereignisse. Am 25. war Harich ab Mittag in der sowjetischen Botschaft und sprach dort mit Georgij Puschkin über das Memorandum. Die großen Hoffnungen, die Harich, Gustav Just und Walter Janka in das Treffen gesetzt 617 Hierzu: Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 30ff. 618 Ebd., S. 35. 619 Siehe: Loth: Stalins ungeliebtes Kind, S. 193-216. 620 Siehe hierzu: Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 270 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche hatten, wurden enttäuscht. Denn Botschafter Puschkin stellte sich auf die Seite Ulbrichts und wies die dargelegten Pläne in so ziemlich allen Punkten zurück. Weitere Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Administration folgten in den nächsten Wochen. Da er sich von den Sowjets enttäuscht sah, suchte Harich nunmehr den Kontakt zur Westberliner SPD. Diese jedoch spielte von Anfang an mit falschen Karten und vermittelte ihn an das so genannte »Ostbüro« – damals ein Tummelplatz für Agenten, Spione und zwielichtige Gestalten jeder Art. Man agierte mit Decknamen, kodierten Telefonnummern, Geheimtreffen usw. Willy Brandt hat sich Ende der siebziger Jahre dafür bei Harich entschuldigt. Seinen Mitstreitern hatte er diese Kontakte verschwiegen, er war sich also der Gefährlichkeit seines Unterfangens offensichtlich bewusst. Am 7. November war Harich dann zu einem kurzen Gespräch bei Walter Ulbricht. Dieser kritisierte die Vorgänge in Polen und Ungarn heftig. Es ist heute klar, dass Ulbricht bereits über Harichs Tätigkeiten Bescheid wusste. Ebenso über die verschiedenen Diskussionszirkel in Berlin und anderen Städten der DDR. Es war also mehr als nur eine Warnung, dass Ulbricht Harich unmissverständlich sagte, dass er eine Gruppe wie den Budapester Petöfi-Kreis, die intellektuelle Keimzelle des ungarischen Aufstands, nicht dulden und mit aller Härte zerschlagen werde. Gemeinsam mit dem Minister für Staatssicherheit, Ernst Wollweber, hatte Ulbricht beschlossen, die von Harich geplante Reise nach Hamburg noch zuzulassen, um weiteres Material gegen diesen und seine »Mitverschwörer« zu sammeln. Am 26. November brach Harich auf, er traf unter anderem mit Rudolf Augstein und Hans Huffzky zusammen. Dabei ging es neben persönlichen Kontakten auch um verschiedene Artikel Harichs für westdeutsche Zeitschriften, in denen er seine Position darstellen wollte. Im November begann Harich damit, an seiner Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus zu arbeiten. Zuerst ruhig und kontinuierlich, ab dem 20. dann mit immer größerer Energie und von der Zeit getrieben. Jochen Cerny schrieb: »Vielleicht war Harich der einzige, der die vom XX. Parteitag der KPdSU im Februar eröffneten politischen Aussichten in ihrer ganzen Reichweite erfasste. Zumindest war er der einzige, dem zuzutrauen war, er könnte ein angemessenes Programm ent- 271 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 werfen. Als er es in der dritten November-Dekade endlich niederschrieb, waren die Aussichten für die Parteiopposition zwar schon schlechter geworden. (Hier sei nur an den Suez-Konflikt, den ungarischen Bürgerkrieg und die Interventionen der Großmächte erinnert.) Doch zum Zeitpunkt der Konzipierung hatte die Welt anders ausgesehen.«621 Am 29. November kehrte Harich mittags aus Hamburg zurück. Er ging kurz in den Aufbau-Verlag und führte einige Gespräche. In seiner Wohnung traf er dann seine damalige Lebensgefährtin Irene Giersch und wurde kurz darauf gemeinsam mit dieser verhaftet. In den Abendstunden kam es zur ersten Vernehmung Harichs in der Haftanstalt Hohenschönhausen. Weitere restriktive Maßnahmen folgen in der ganzen Republik, am 6. Dezember wurde auch Walter Janka verhaftet. Viele noch heute bekannte Namen sind mit dieser Säuberungswelle von Partei und Staatssicherheit verbunden (mit unterschiedlichen Konsequenzen): Von Ernst Bloch bis Erich Loest in Leipzig, viele Namenlose in der Provinz, Harich und seine Mitstreiter in Berlin. Die Institutionen überprüften sich selbst, führende Funktionäre übten »Selbstkritik«, so mancher musste in die Produktion oder floh in den Westen. Die kulturellen Eliten wurden von Ulbricht gezwungen, alles aus nächster Nähe zu betrachten. Gegenrede, öffentlich gar, leistete kaum jemand. Vom 7. bis 9. März und vom 23. bis 26. Juli 1957, die Verfahren gegen Harich und Janka waren getrennt worden, fanden die Gerichtsverhandlungen gegen die »konterrevolutionäre Gruppe Harich« statt, in denen die Angeklagten Harich, Manfred Hertwig, Bernhard Steinberger, Walter Janka, Gustav Just, Heinz Zöger und Richard Wolf zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Harich erhielt wegen »Boykotthetze« mit zehn Jahren die höchste Haftstrafe. Seine Kontakte zum Ostbüro wurden als streng geheim eingestuft. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass gerade sie für die hohe Strafe verantwortlich waren. Mit dem Prozess hatte Ulbricht seine Macht demonstriert und für die nächsten Jahre gerettet. Er hatte gezeigt, dass er nicht bereit war, irgendwelche Kritik zu dulden. Das Ende der DDR – es ist in diesen Wochen und Monaten schon vorgeprägt. 621 Cerny: Einführung zu Wolfgang Harichs Programm etc., S. 50. 272 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Gerade auch im Schweigen derer, die eigentlich etwas hätten sagen sollen/ können. Wer die entsprechenden Dokumente über Harichs Haftzeit liest oder durchblättert, der begreift das ganze Entsetzen dieses radikalen biographischen Bruchs. Von der Außenwelt abgeschnitten, von Büchern, Diskussionen und Debatten ferngehalten, stupiden Arbeiten ausgesetzt: Die Isolation Harichs, die bis zu seinem Tod ein ständiger Begleiter blieb, hatte begonnen. 1963 durfte er zum ersten Mal wieder ein Buch lesen: Die Parteigeschichte der KPdSU (B).622 Zu erinnern ist auch daran, dass die Partei alles tat, seinen Namen und sein Werk in der Öffentlichkeit der DDR für immer zu tilgen. (Einige Beispiele dafür wurden bereits erwähnt.) So wurde der Protokollband zu der Konferenz Das Problem der F reiheit im L ichte des wissenschaftli chen Sozialismus, auf der Harich (und etwa auch Bloch) geredet hatte, direkt nach seinem Erscheinen und dem Beginn der Auslieferung mühsam wieder Exemplar für Exemplar eingezogen und vernichtet. Das fünfte Heft des Jahres 1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in dem die bedeutenden Hegel-Aufsätze von Bloch und Harich enthalten waren, wurde ebenfalls nicht veröffentlicht und mit einiger Verspätung Anfang 1957 durch ein neues Doppelheft, Nr. 5/6, ersetzt. Statt Bloch und Harich hießen die Autoren nun Hager und Ulbricht.623 Kurze Zeit vorher war es Bloch und Harich noch gelungen, ein Ulbricht-Jubiläumsheft, geplant von Klaus Schrickel ganz im Sinne des Stalinismus, zu verhindern. Nun hielt der Parteivorsitzende mit seinem Stab Einzug und großen Hof, philosophische Ehren nach dem Ende der Philosophie. Im Dezember 1964 wurde Harich etwas vorzeitig aus der Haft entlassen. Es begann der zweite Abschnitt seines Lebens. Und diesen ver- 622 Hierzu: Heyer: Gefängnisnotizen zur Logik am B eispiel Plechanows und H artmanns, S. 691-696. 623 Die Aufsätze von Bloch und Harich liegen trotz allem gedruckt vor: Bloch: Problem der Engelsschen Trennung von Methode und System bei Hegel, S. 461-481. Au- ßerdem: Bloch: Hegel und die Gewalt des Systems, S. 481-500. Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 185-220. Die neuen Beiträge von Ulbricht und Hager: Ulbricht: Zum Kampf zwischen dem M arxismus-Leninismus und den Ideologien der Bourgeoisie, S. 518-532. Hager: Der Kampf gegen bürgerliche Ideologien und Revisionismus, S. 533-538. 273 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 brachte er, das ist sicherlich ein starkes Bekenntnis zum Marxismus, in der DDR. Ernst Bloch beispielsweise hat er nie verziehen, dass dieser in den Westen ging und sich dort aus Geldgründen als politischer Flüchtling registrieren ließ. Das berühmte Geburtstagstelegramm Harichs an Bloch zu dessem 90. Geburtstag lautete ja: »Lieber Ernst, in der Hölle, Abteilung für Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Müntzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges Lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müssten. Es wird schwer sein, dies bis zu Deinem 150. Geburtstag wieder einzurenken. Trotz Bitterkeit darüber grüße ich Dich zu Deinem 90. in Verehrung und Liebe, Dein Wolfgang Harich.«624 Es ist überraschend und spricht doch in ausgezeichneter Weise für ihn, dass Bloch ein knappes Jahr zuvor in ähnliche Richtung gedacht hatte. In einem Interview sagte er über die Zeit nach Harichs Verhaftung: »Da ich in der Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied ich blieb, große Unterstützung fand, konnte ich jederzeit ausreisen und bekam sofort einen Pass. Und als ich wieder einmal, mit einem Pass ausgestattet, nach Bayern in die Sommerferien reiste, wurde die Mauer gebaut, und ich kehrte nicht mehr in die DDR zurück, weil ich nicht mehr glaubte, dass es dort noch Unabhängigkeit und relative Selbständigkeit gab. Ich bin also nicht aus der Republik geflohen, sondern ich war schon in Bayern und kehrte nur nicht mehr zurück. Juristisch besteht da zur Republikflucht ein Unterschied – moralisch bedeutete es aber dasselbe.«625 * * * * * Die Chronologie ruft uns zur Räson. Schon wieder sind wir zu weit vorgeprescht – auf der Suche nach Interessantem, Anekdoten, Erzählenswertem. Kehren wir in das Jahr 1956 zurück. Es ist nunmehr zu schauen, wie 624 Zitiert bei: Markun: Ernst Bloch, S. 120. 625 Bloch: Die Welt bis zur Kenntlichkeit verändern, S. 79. 274 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche sich die Protagonisten unseres Buches zu den Umbrüchen des Jahres äu- ßerten, ob und, wenn ja, wie sie die tiefen Einschnitte des XX. Parteitags verarbeiteten. 1956 suchte Harich, auch dies war ein Grund für seine Verhaftung (zentral waren aber die Kontakte zum Ostbüro sowie die Umsturzpläne, wie gerade gesehen), immer wieder die Möglichkeit, seine Überlegungen zu einer Reformierung des Marxismus und Sozialismus vorzutragen. Es entstanden nicht nur die »internen« Dokumente Memorandum und Plattform, im Sonntag veröffentlichte er mehrere Artikel, in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie hielt er beispielsweise die Hegel-Debatte am Laufen und wollte dort auch sein Kleines Vademekum für Schematiker veröffentlichen, das seit 1956 als verschollen galt und nur durch die entsprechende parteioffizielle Kritik überhaupt noch bekannt war. Hans-Christoph Rauh hat es 2006 ediert und mit einer prägnanten Einleitung versehen.626 Seinerzeit lag der Beitrag schon in den Druckfahnen vor, aber Alfred Kosing und Matthäus Klein zensierten diese und schrieben Harich in den Urlaub einen Brief, dass vor dem Druck zuerst die Partei über die Thesen diskutieren müsse.627 Diesem Text kann im Folgenden unsere Aufmerksamkeit gelten, um Harichs Denken exemplarisch darzustellen. Harichs Schrift transportierte all die Differenzen und das Unbehagen, das im Laufe der Jahre zwischen den Intellektuellen und der SED entstan- 626 Der Text trug ursprünglich den Titel Vademekum für Dogmatiker, Harich änderte ihn in Kleines Vademekum für Schematiker. Siehe: Prokop: Was befähigt Marxisten? Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus (Vademekum), S. 759-765. Die Einleitung: Rauh: Ein kleines Vademekum für Schematiker , S. 751-757. Paradoxerweise verurteilte die SED in mehreren Studien Harichs Artikel explizit, sogar noch in der offiziellen Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie von 1979. Einen Text, den bis 2006 keiner kannte und lesen konnte (auch nicht die, die ihn im Auftrag der SED zu kritisieren hatten). Akademie für Gesellschaftswissenschaften: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, Band III. Dort: Wrona: Marxistisch-leninistische Philosophie und sozialistische Revolution in der DDR, S. 174-211. Zur Geschichte des Textes: Wessel: Ein Denker zwischen Dichter namen, S. 302. Redaktion der DZfPhil: Über die neue Aufgabenstellung etc., S. 7. 627 Kosing »erinnert« sich nicht an diese Vorgänge und hat eine andere Version mitgeteilt. Im Harich-Nachlass in Amsterdam sind die entsprechenden Schriftstücke aber archiviert. 275 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 den war. Dabei ging es nicht um den Sozialismus an sich. Sondern um Druckorte und -genehmigungen, die Einmischung der Partei in Lehre und Forschung, Angriffe, auf die man nicht reagieren konnte und ähnliches. Fast jeder hatte zwar seine eigenen schlechten Erfahrungen mit dem Apparat gemacht, und doch wurden gerade kaum Fundamentalkritiken erzeugt. Ganz im Gegenteil gingen auch die von der SED kritisierten, abgestraften und gemaßregelten Wissenschaftler und Künstler davon aus, dass genau sie für den weiteren Aufbau des Sozialismus gebraucht würden. Harichs Biographie in den frühen fünfziger Jahren ist dafür ein Beispiel, für Bloch und Mayer muss dies noch stärker geltend gemacht werden. Harich schrieb: »Der Marxismus ist keine dogmatische Konstruktion, die mit dem Anspruch einer ein- für allemal abgeschlossenen Totalität der Erkenntnis auftritt.«628 Das einzige Buch, das Harich nannte, war Blochs Prinzip Hoffnung. Das war ein deutliches Bekenntnis Harichs zur »unabhängigen« (soweit man davon sprechen kann), zumindest aber zur nicht-dogmatischen und parteifernen DDR-Philosophie. Repräsentiert durch das zu diesem Zeitpunkt bereits in der Kritik stehende epochale Prinzip Hoffnung Blochs. Damit stand er am Anfang einer Tradition, die – über alle Differenzen hinweg  – unterschiedliche Oppositionelle vereinte: Robert Havemann ebenso wie Rudolf Bahro.629 In diesem Sinn ergab sich für Harich ein ganz einfacher Antagonismus: Dogmatismus contra Dynamik. Der Marxismus selbst könne in seiner dogmatisierten Lesart (d. h. aus Sicht der Partei) nur auf Probleme Anwendung finden, die die »Klassiker« bewusst ansprachen.630 Aus der permanenten Veränderung der Realität folge »zwingend, dass Einsichten, 628 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 759. 629 Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Außerdem: Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5-31. Weber: Sozialismus in der DDR . Außerdem: Weber: Sozialistisches Denken in der DDR, S. 65-98. 630 Siehe: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des M arxismus, S. 759. Dort: »Selbst wenn eine absolute Garantie bestünde, dass kein einziger Satz der marxistischen Klassiker sich jemals als korrekturbedürftig erweisen könnte, so wäre immer noch daran zu erinnern, dass die nicht zu bezweifelnde Wahrheit ihrer Worte sich schlechterdings nur auf Fragen beziehen kann, die in ihren Werken tatsächlich behandelt werden. (S. 759) 276 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche die den marxistischen Klassikern zu danken sind, unbeschadet ihrer Wahrheit, auch insgesamt genommen die Realität nur teilweise widerspiegeln können«.631 Die »bei weitem gefährlichste Erscheinungsform des Dogmatismus« stelle das »Festhalten an Denkgewohnheiten, die sich im Bann der Kämpfe von gestern herausgebildet haben«, dar.632 Die Konsequenzen aus dem bisher Gesagten seien klar: »Dem Anspruch des Marxismus, die führende Weltanschauung der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu sein und alle Gebiete ihres geistigen Lebens zu durchdringen, sind durch den Stand seiner eigenen Entwicklung und Ausarbeitung deutlich Grenzen gezogen. (…) Der Hauptfehler des Stalinismus auf kulturpolitischem Gebiet war der verzweifelte Versuch, diese Grenze durch Dekrete und administrativen und psychologischen Druck auf die Intellektuellen gewaltsam aufheben zu wollen, was um so sicherer scheitern musste, als gleichzeitig der Marxismus durch Verpönung jedes neuen Gedankens daran gehindert wurde, sie wirklich aufzuheben.«633 Ja, die Entwicklung des 20. Jahrhunderts habe die marxistische Idee »aufs glänzendste bestätigt«. Es sei aber eine Illusion, aus dieser Tatsache zu folgern, dass der Marxismus im Volk verbreitet wäre. Vielmehr sei eher das Gegenteil der Fall: »Die Kirchen und die Vorträge bürgerlicher Professoren« wären »in den meisten sozialistischen Ländern überfüllt«.634 Im Prinzip sagte Harich damit, dass es dem Marxismus bzw. der SED in der DDR bisher nicht gelungen wäre, das Volk zu überzeugen, dass der Sozialismus als gesellschaftliche, kulturelle und staatliche Organisationsform ein Erfolg sei. In letzter Wendung war dies auch eine nachträgliche Erklärung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953. Harich war damit einer der ganz wenigen Theoretiker der DDR, die auch rückblickend noch versuchten, das Ereignis abseits der offiziellen Deutungsmechanismen zu 631 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 760. »Das aber heißt gerade nicht, dass die neu entstandenen sozialen Realitäten als solche den ausschließlichen Gegenstand jener neuen Erkenntnisse zu bilden hätten, um die es den Marxismus jetzt zu bereichern gilt. Es ist zwar die Gegenwart, die der Theorie ihre Aufgaben stellt, aber diese Aufgaben sind weit umfassender, als dass sie mit einer Analyse der Verhältnisse der Gegenwart erledigt wären.« (Ebd., S. 762) 632 Ebd. 633 Ebd., S. 763. 634 Ebd. 277 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 verstehen. Er machte drei Bereiche aus, in denen der Marxismus bisher versagt habe:635 (1) Über die politische Ökonomie hinaus habe der Marxismus in seiner derzeitigen Form keine Möglichkeiten, »die Überzeugungen und Gesinnungen (der Menschen) zu durchdringen«. (2) Der Marxismus erreiche die Menschen nicht, könne ihr »normales« Leben nicht anleiten. »Was hat er ihnen in Bezug auf ihre Arbeit, ihre Lebensführung, ihre moralischen Wertungen und Kollisionen, ihr Verhältnis zu Liebe, Ehe, Heimat, Lebensgenuss, Krankheit, Tod zu sagen?« (3) Die »intellektuellen Interessen« des Volkes würden durch den Marxismus kaum berührt. Denn die Kultur wäre »so reich und differenziert«, dass ihr der Marxismus bisher nicht gerecht geworden sei. Die marxistische Philosophie scheitere also an den ganz einfachen, aber für das Individuum doch so eminent wichtigen Fragen. An dieser Stelle wusste sich Harich mit Bloch einig, der im Rahmen seiner Hoffnungsphilosophie nach Antworten auf genau diese Fragenkomplexe gesucht hatte. Heimat, Kultur, Zukunft etc. – in diesen Kategorien solle der Marxismus Denk- und Identifikationsangebote unterbreiten. Er müsse die Menschen mitnehmen und gleichzeitig genau dort erreichen, wo sie dankbar für Orientierung wären: In ihrem täglichen Leben.636 Eine andere, eigentlich eine komplett neue Beziehung von Mensch und Marxismus, von Individuum und Staat müsse erzeugt werden. Hierfür sei der Marxismus weiterzuentwickeln – innerhalb eines freien und nicht-kontrollierten Diskurses der besten Köpfe und Denker des Landes. Dass auch die Führungsschichten 635 Die Aufzählung nach: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 636 »Seiner Intention nach mag der Marxismus noch so universell und allseitig orientiert sein, diese Universalität und Allseitigkeit sind in erheblichem Maße bisher nur Möglichkeiten, und er ist auf demjenigen Stande seiner Entwicklung, der im wesentlichen den theoretischen Bedürfnissen des klassenbewussten Proletariats in der Ära des Kapitalismus entspricht, noch weit davon entfernt, explizit zu allen Aspekten des sozialen und geistigen Lebens Stellung nehmen zu können.« (Ebd.) 278 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche der SED bzw. DDR die Sprengkraft des Vademekum erkannten, lässt sich daran ablesen, dass die Hetzkampagne nach Harichs Verhaftung auch auf dessen verschollenen, d. h. von der Stasi vernichteten Text Bezug nahm.637 Auf den bisherigen Seiten war mehrfach die Sprache davon, wie eng und intensiv Lukács und Harich zusammenarbeiteten. Von daher überrascht es sicherlich nicht, dass es auch zwischen Harichs Vademekum und den Texten und Wortmeldungen von Lukács bezüglich des XX. Parteitages zahlreiche Überschneidungen gibt – was die Kritik angeht ebenso wie bei der Fokussierung der Potenziale und Chancen des innersozialistischen Umbruchs und Wandels. Im Prinzip durchlief Lukács im Zeitraffer einiger weniger Monate einen Radikalisierungsprozess, der ihn zu seinen eigenen Wurzeln und zu den Grundlagen des Marxismus zurückführte. Peter Ludz beschrieb dies als eine Entwicklung, die von den frühen politischen Schriften bis zu den sechziger Jahren reichte.638 Am 15. Juni 1956 redete Lukács im Petöfi-Klub, zu dem ja bereits verschiedene Anmerkungen gemacht wurden. Dabei ging er davon aus, dass der XX. Parteitag nicht nur Umbruch, Einschnitt, Aufklärung über die Stalinschen Verbrechen bedeute, sondern zugleich dem Marxismus-Leninismus »begeisternde Möglichkeiten« der »Verbreitung im Weltmaßstab« in Aussicht stelle. »Dieses Ereignis muss uns mit Pathos und Begeisterung erfüllen. Gewaltige Möglichkeiten stehen vor uns (…).«639 Nachdem der Parteitag die Verbrechen und Verfehlungen der letzten Jahre benannt habe, sei nun der Weg frei, jene Debatten und Diskussionen weiter zu fokussieren und zu intensivieren, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Kritik durch die Partei gestanden hätten. Dadurch könne und müsse es gelingen, den Marxismus als »ehrliche« und einzig zukunftsfähige Weltanschauung weitaus stärker zu verbreiten als bisher. Dieser Hoffnungshorizont verweise aber auch auf die Kehrseite der zukünftigen Möglichkeiten, nämlich das, Lukács zu Folge eine nicht zu leugnen Tatsache, fast schon völlige Versagen des Marxismus in der Gegenwart der 637 Hierzu neben den bisher genannten Texten: Redaktion der DZfPhil: Über die neue Aufgabenstellung etc., S. 6f. 638 Ludz: Der Begriff der »demokratischen Diktatur« etc., S. XVIIIf. Ebenso: Ludz: Vorwort, S. 11. 639 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 279 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 fünfziger Jahre. Eine bittere und traurige Zeitdiagnose: »Der Marxismus war in der öffentlichen Meinung des Landes noch nie in einer so prekären Lage wie heute.«640 Es wurde nicht Debatte geübt und Philosophie unterrichtet, sondern »Philosophen am laufenden Band hergestellt«. Es sei nicht darum gegangen, den Marxismus zu vermitteln, sondern lediglich die Aufgabe zu stellen, »auf eine aktuelle Frage das passende Lenin- oder Stalin-Zitat zu finden, um das jeweils ‚politisch Richtige‘ auszubrüten«.641 Gerade außerhalb der Geisteswissenschaften zeige sich dies, beispielsweise bei Naturwissenschaftlern, wo man an längst überholten bürgerlichen Meinungen festhalten könne, ja, diese mit einem Stalin-Zitat sogar als Marxismus auszugeben vermöge.642 Wie wichtig diese Gedanken für Lukács waren, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er sie knapp ein Jahr später im Vorwort zur italienischen Ausgabe der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik erneut vortrug. Damit also gleichsam internationalisierte, aus dem ungarischen Kontext herausnahm und zur breiten Diskussion stellte. Dort äußerte sich Lukács auch zu den verheerenden Folgen des Stalinismus auf dem Gebiet der Philosophie und gab wichtige Inneneinblicke in seine eigene Arbeitsweise.643 In der politischen Akademie der Partei der Ungarischen Werktätigen hielt Lukács am 28. Juni 1956 einen Vortrag, der unter dem Titel Der Kampf des Fortschritts und der R eaktion in der heutigen K ultur auch in der DDR gedruckt wurde, im neunten Heft der Zeitschrift Aufbau. »Auf diesen Beitrag sollten sich dann später, nach den Ereignissen in Ungarn vom Oktober und November 1956, seine Kritiker stürzen.«644 Zuerst ging es Lukács um allgemeine Fragen des Marxismus: Wie wird sich der So- 640 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 641 Ebd., S. 595. Dort: »Vor ein paar Jahren jedoch bestand das individuelle Lernen, wenn jemand Philosoph war, darin, dass er den Anti-Dühring von Seite 40-70, den Feuerbach von Seite 80-85 usw. lesen musste und um keinen Preis der Welt dazu angehalten wurde, ein Werk im Zusammenhang ganz durchzulesen.« (Ebd., S. 594f.) 642 Siehe: Ebd., S. 596. 643 Lukács: Vorwort zur italienischen Ausgabe der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, S. 643-645. 644 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 145. 280 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche zialismus entwickeln? Wo verlaufen die Trennlinien von Fortschritt und Reaktion? Wie weit kann man gehen beim Kampf gegen den Faschismus? Dabei richtete er sich immer wieder gegen dogmatische und sektiererische Ansichten, wehrte sich gegen Versuche, einfache Antworten auf diese komplizierten Herausforderungen zu finden. Die »Verzerrung und dogmatische Einengung des dialektischen Materialismus« der letzten Jahrzehnte, eingeführt »unter dem Vorwand der Parteilichkeit«, müssten radikal überwunden werden.645 Wichtiger denn je sei es, den Marxismus zu einer vollständigen Wissenschaft und Philosophie auszubauen, für die kommenden Aufgaben zu stärken und zu festigen und gleichzeitig in seinem prozesshaften, sich permanent weiterentwickelnden Charakter zu stärken: »Die bürgerliche Ideologie wird nicht von selber zusammenbrechen; die bürgerliche Philosophie, die bürgerliche Wissenschaft ist in eine ideelle Krise geraten, aber wir müssen sie stürzen; stürzen aber nicht mit von der Roten Armee geliehenen Waffen, sondern mit den Waffen des Marxismus-Leninismus, des wahren Wissens und der Sachkenntnis.«646 Lukács entwickelt seine Thesen auf verschiedenen Feldern, etwa dem der Religion, der Friedenspolitik usw. Wir können hier als Beispiel auf das zurückgreifen, was er zur modernen Kunst und Ästhetik sagte, da es unser Thema natürlich am meisten tangiert. Damit der Marxismus an den Auseinandersetzungen um die »dekadente avantgardistische Kunst« sowie bei der Bestimmung von »Realismus und Antirealismus« kompetent mitreden könne, sei es notwendig, »auf die übernommenen Momente aus der Stalinschen Epoche hinzuweisen, die ein Hindernis für eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Kampf sind«.647 Er machte dabei zuvorderst drei Punkte geltend:648 (1) »Dies als erstes: Die Auffassung, die bei uns herrschte, und wie ich glaube, zum Teil noch in unserer Literaturtheorie herrscht, dass nämlich mit dem Heraufkommen des sozialistischen Realismus die Zeit des kritischen Realismus abgelaufen sei.« 645 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 625. 646 Ebd., S. 626. 647 Ebd., S. 626f. 648 Aufzählung nach: Lukács: Ebd., S. 627f. 281 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 (2) »Zweitens fassen wir die Kriterien der Dekadenz außergewöhnlich dogmatisch und formalistisch auf.«649 (3) »Zum Dritten beurteilen wir die literarischen Werke und die Autoren von kleinlichen, alltäglichen politischen Gesichtspunkten aus.« Dies vor Augen schrieb Norbert Kapferer: »Auch hier trat Lukács – ohne eine Spur von Selbstkritik – gegen die Geister an, die er mit seiner eigenen Kritik an der ‚Dekadenz‘ heraufbeschworen hatte.«650 In der Tat argumentierte Lukács gegen seine eigenen Überzeugungen und Aussagen der zurückliegenden Jahre, ja, er versuchte sogar beispielsweise die Schrift Existenzialismus oder Marxismus von 1951 in andere Kontexte zu stellen bzw. seine damals entwickelten Gedanken aus anderer Perspektive verständlich zu machen, um sie so zu retten und aus der nun von ihm geleisteten Kritik herauszunehmen.651 Es lässt sich also durchaus fragen, 649 Diese Überlegung hatte Harich frühzeitig in seiner Polemik gegen Fritz Erpenbeck entwickelt, der ja Brecht »volksfremde Dekadenz« und anderes vorgeworfen hatte. Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens, S. 215-219. Eine gute Einführung in die Kritik der SBZ/DDR und der führenden SED-Funktionäre an Brecht bietet: Esslin: Brecht, S. 224-226. Von Fritz Erpembeck: Einige Bemerkungen zu Brechts Mutter Courage, S. 101-103. Dieser Artikel hatte Harichs Replik ausgelöst. Siehe die ausführliche Aufarbeitung bei: Mittenzwei: Der Realismus-Streit um Brecht. 650 Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR , S. 149. 651 Lukács: Existenzialismus oder M arxismus? Dort schon im Vorwort: »Die große Mode des Existenzialismus ist vorbei; dass er noch immer eine nicht unwichtige Rolle spielt, entspringt allein der beispiellosen Unfruchtbarkeit des heutigen bürgerlichen Denkens; er nimmt nur darum noch immer einen gewichtigen Platz ein, weil nach ihm nichts oder so gut wie nichts entstand. Sogar die vorfaschistische Periode – wahrhaft ein erschreckender Tiefpunkt bürgerlichen Denkens – zeigt ein weniger gesunkenes Niveau im Vergleich zu den philosophischen Manifestationen der ‚amerikanischen Lebensform‘«. (Ebd., S. 5) Seine Studien, so Lukács, würden sich »nicht auf bloße Polemik« beschränken, sondern »den philosophischen Sackgassen des Existenzialismus die echten Lösungen des Marxismus-Leninismus« gegenüberstellen. (Ebd. S. 6) Nun denkt man, undifferenzierter kann kaum gegen »die« bürgerliche Welt argumentiert werden, doch die Parteidogmatiker (ihr Sprachrohr war in diesem Fall Klaus Schrickel, der im 1. Heft der Einheit von 1952 gegen Lukács’ Buch polemisiert hatte) warfen Lukács vor, dass er die bürgerliche Philosophie nicht hart genug kritisiere bzw. sogar über Gebühr aufwerte. Harich erhob dagegen Einspruch und argumentierte seinerseits, Lukács vereidigend, gegen Schrickel (in einer Stellungnahme an die 282 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche inwieweit verschiedene Schriften Lukács’ von jenem Zeugnis betroffen sind, das er dem Marxismus des Jahrzehnts der Nachkriegszeit ausstellte: »Unsere sich zwischen Extremen bewegende, so genannte marxistische Kritik, die außer Lob und Niederknüppelung keinen vermittelnden Standpunkt kannte, beförderte die zu Stande kommende Differenzierung nicht, sondern trieb mehr als einmal diejenigen ins Lager der Reaktion, bei denen vielleicht die Neigung zu einer Annäherung bestanden hätte.«652 Doch eine alles vernichtende Kritik an Lukács ist unsere Sache nicht, schon gar nicht wollen wir ihm mangelnde Selbstkritik vorwerfen, denn das wiederum ist finsterster Stalinismus. Er hat vielmehr, genau wie Harich, im Herbst 1956 nicht versagt, sondern Moral, Anständigkeit und Emanzipation versucht zu verbreiten und gleichzeitig vorgelebt. Kurz: Er handelte als Kommunist. Für Lukács war der XX. Parteitag nicht nur von »außergewöhnlich großer Bedeutung«.653 Es gelte auch, die richtigen Schlüsse aus den Chancen zu ziehen die sich ergeben würden, bereits schon ergeben hätten. Insofern war Lukács tatsächlich ein Reformer des Sozialismus. »Das be- Einheit, die aber nicht gedruckt wurde): Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, S. 25-33. Ein Jahr später wurde Schrickel dann Sekretär der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (als »Aufpasser« der SED), der Harich als Chefredakteur vorstand. Später gelang es Bloch und Harich gemeinsam, Schrickel aus der Redaktion zu entfernen. Harich interpretierte daher zu Recht Schrickels Angriff auf Lukács als Positionierung der Partei – mitten in der beginnenden Hegel-Debatte und begleitet von den in der DDR immer mehr oder weniger offen existierenden Vorurteilen gegenüber Lukács. 652 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630. 653 »Es ist klar, dass die Auswirkungen des XX. Parteikongresses in dieser Lage von außergewöhnlich großer Bedeutung sind. Das können heute einige noch nicht erkennen, denn die Propaganda der Bourgeoisie versucht, das gesamte Problem auf das Niveau der Sensationen, der Entlarvungen, der Story zu drücken, und auch in unseren Reihen hat sich noch keine so klar dem XX. Parteikongress folgende Umwandlung vollzogen, dass diese reaktionären Angriffe überall erfolgreich zurückgeschlagen werden können. (…) Der Versuch der Bourgeoisie, die Ergebnisse des XX. Parteikongresses gegen uns zu verwenden, wird keinen Erfolg haben. Die Aussicht jedoch, dass die Ergebnisse des XX Parteikongresses wirklich wirksam werden, gründet sich auf deren wahres Verständnis.« Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630. 283 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 deutet eine radikale Abrechnung mit dem Sektierertum und dem Dogmatismus; dies ist nicht nur die Vorbedingung dafür, dass wir die Vorgänge in der Welt verstehen, sondern auch dafür, dass wir auf die neue langsam und widerspruchsvoll sich differenzierende Welt einwirken können. Wir müssen wissen, dass jede wirkliche (aber nicht nur in der Presse angepriesene) Erhöhung des Lebensstandards; jeder wirkliche (nicht nur von der Kulturbürokratie angepriesene) Erfolg unserer Wissenschaft und unserer Kunst; das Offenbarwerden dessen, dass die völlige Entfaltung der Demokratie die Diktatur des Proletariats stärkt und nicht untergräbt usw. (…).«654 Im Sonntag, wo ja auch Harich verschiedene Artikel publiziert hatte, erschien am 2. Dezember 1956 Mayers Zur Gegenwartslage unserer Literatur – ein Text, der eigentlich als Rundfunkbeitrag geplant war, aber wegen der Verhaftungen nicht ausgestrahlt wurde. Der kleine Beitrag gilt gemeinhin als Nachweis der oppositionellen Tätigkeit Mayers, als Nachweis, dass dieser Klartext geredet habe und vor keiner Konfrontation zurückschreckte. Doch von dieser Einschätzung bleibt nicht allzu viel übrig, wenn man Mayers Darstellung durcharbeitet. Er kritisierte den Zustand der Literatur und Kultur, sprach von »Symptomen (…), die auf einen Krisenzustand hindeuten, um nicht von Krankheitszustand zu sprechen«, kritisierte etwa die Vergabe des Nationalpreises an Hans Marchwitza (für dessen Roman Roheisen).655 Aber er bettete diese Analyse sofort in eine Kritik der gesamten internationalen Literaturentwicklung ein, auch in Westdeutschland, in Frankreich, teilweise in Amerika (wo es nicht ganz so schlimm sei), in der Sowjetunion stehe die Sache nicht besser.656 Damit relativierte er seine Kritik an der DDR etwas, eben durch die Kontextualisierung der allgemeinen Krisensymptome, kam dann allerdings auf die spezifische Situation in Ostdeutschland zu sprechen. Die »meisten unserer Schriftsteller (…) versuchten eine schematische Darstellung unserer Wirklichkeit, die auch dann nicht aufhört, schematisch zu sein, wenn sie geschwätzig von wissenschaftlichem Sozialismus und 654 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630f. 655 Mayer: Zur Gegenwartslage unserer Literatur, S. 66. 656 Siehe: Ebd., S. 66-69. 284 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche werktätigen Menschen spricht, vom Volk und angeblicher Volkstümlichkeit. Die Produkte solchen Tuns kennen wir alle.«657 Die DDR müsse sich öffnen und, ganz banal formuliert, die Kultur der Welt in ihrer Mitte zulassen, um eigene Weltkultur schaffen zu können. »Moderne Literatur ist nicht möglich ohne Kenntnis der modernen Literatur.«658 Das Ziel des Sozialismus sei der mündige Mensch und der Staat habe daher dafür zu sorgen, dass seine Bürger mündig sein können, sich selber Urteile bilden. Zu brechen sei beispielsweise mit der Praxis, Werken der Vergangenheit Vor- und Nachworte beizugeben, in denen die jeweiligen Schöpfer ideologisch eingeordnet würden.659 »Das Reich der Zitate und der Zitierer verdunkelt sich. Viele landläufige ästhetische Axiome müssen in Frage gestellt werden. Man wird dabei vom einzelnen Kunstwerk auszugehen haben und nicht von Begriffen wie realistisch, typisch, positiv, optimistisch und dergleichen.«660 Das war mutig formuliert, daran kann kein Zweifel bestehen. Uwe Johnson hat zudem darüber berichtet, wie Mayer vor der geschlossenen Gesellschaft des Hörsaals Klartext sprach (oder auch in Chiffren): »Nieder mit der Stalinschule des kritischen Realismus! (…) Die Literatur ist nicht teilbar!«661 Doch der Hörsaal ist zu unterscheiden von der direkten Wirkung in der Öffentlichkeit. Für diese gab es als einzige Wortmeldung die Gegenwartslage unserer Literatur. Ein Ansatz der, von einigen Nuancen abgesehen, zwar einerseits Intellektuellen der DDR aus der Seele sprach, andererseits aber durchaus mit der Parteilinie kompatibel schien. So steckte Mayer für seinen Artikel viel Kritik ein, seine Rolle in der DDR und in Leipzig blieb aber weitgehend unangetastet. (Wir kommen darauf später zurück.) 657 Mayer: Zur Gegenwartslage unserer Literatur, S. 71f. 658 Ebd., S. 72. Kurz vorher war zu lesen: »Will man immer noch so tun, als habe Franz Kafka nie gelebt, als sei der Ulysses von James Joyce nie geschrieben worden, als sei das so genannte epische Theater bloß ein Hirngespinst des im übrigen recht achtbaren Bertolt Brecht?« 659 Siehe: Ebd., S. 73. 660 Ebd., S. 74. 661 Johnson: Einer meiner Lehrer, S. 76. Johnson hat aber auch darauf hingewiesen, dass diese Äußerungen nicht immer tatsächlich allgemein-kritisch gemeint waren, sondern beispielsweise spontanen Leseerlebnissen entstammten. 285 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Der Spiegel schrieb in einem Artikel 1963, dass Mayer der Beitrag Zur Gegenwartslage unserer Literatur nicht verziehen wurde. Vergleiche mit Lukács wurden von den strammen Partei-Dogmatikern gezogen. »Mayer wurde vorsichtiger. Als er 1961 in Köln während eines Vortrags behauptete, einer offenen Diskussion seien in der DDR keine Grenzen gesetzt, erhob sich der in den Westen geflohene Ostberliner Redakteur Zöger, der Mayers Aufsatz im Sonntag gedruckt hatte: ‚Herr Professor Mayer, am 28. November 1956 wollten Sie im Deutschlandsender einen Vortrag halten: Zur Gegenwartslage unserer Literatur. Der Vortrag durfte nicht gesendet werden. Ich habe mir damals erlaubt, ihn im Sonntag zu veröffentlichen. Als ich kurz darauf mit Wolfgang Harich und anderen Freunden verurteilt wurde, warf man mir die Publizierung Ihres Artikels vor. Ihnen geschah nichts. Aber wollen Sie wirklich behaupten, in der Zone herrsche Meinungsfreiheit?‘ Der Leipziger Intellektuelle ergriff die Funktionärs-Flucht: ‚Ich lasse mich nicht provozieren.‘«662 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Bloch auch und wegen der Partei in der DDR, an der Leipziger Universität wirkte.663 So mancher Text aus seiner Feder bereitet noch heute Schülern und Apologeten Bauchschmerzen  – die Aufarbeitungsansätze (das Wort passt eigentlich nicht) oszillieren dann zumeist um einen der Pole Verschweigen oder Verdrehen. Dieses Vorgehen ist auch deshalb bedauerlich, da sich in Blochs Wirken selbstverständlich auch Elemente oppositionellen Geistes finden lassen, Versuche der Reformierung von Marxismus und Sozialismus. (Diese werden dadurch negiert, abgewertet, verlieren ihren realen Gehalt.) 1953 erschien der Text Marx und die bürger lichen Menschenrechte, in dem Bloch auf die für ihn so üblichen Verklausulierungen verzichtete und deutlicher redete. Er sprach von »Kritikrecht, ja Kritikpflicht« der Werktätigen beim Aufbau des Sozialismus. »Der vorläufig verbleibende und noch organisatorisch verfahrende Staat kann kein über seine sozialistischen Auftraggeber und Teilhaber erhobener sein, alte Untertanen enthaltend oder gar altneue Yesmen vor Administrationen und unbefug- 662 Spiegel: Mayer-Flucht. Immer etwas seltsam, S. 25. 663 Es wurde bereits darauf verwiesen, dass die entsprechenden Dokumente etc. zu Blochs Berufung gedruckt vorliegen, siehe: Caysa: Hoffnung kann enttäuscht werden. 286 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ter Weisheit. Wonach keine Entzweiung zwischen Volk und Staat, Staat und Volk nötig ist, wenn es mit rechten sozialistischen Dingen zugeht.«664 Wichtig ist: Wir schreiben das Jahr 1953, es sagten nicht viele etwas in diesem Jahr, so dass Respekt zu gelten hat, es sagten aber manche auch mehr, warfen ihre ganze Autorität in die Waagschale, beispielsweise Brecht und Harich. Arno Münster hat diese Ausführungen Blochs ebenfalls wiedergegeben und die Tatsache, dass Bloch zum Arbeiteraufstand keinerlei direkte Aussagen machte, mit der »Furcht vor Repressalien« begründet.665 »Dass Bloch hier schwieg, könnte auch noch einen anderen Grund gehabt haben: Die im Ostberliner Aufbau-Verlag vorgesehene Veröffentlichung der beiden ersten Bände von Das Prinzip Hoffnung, die er unter keinerlei Umständen gefährden wollte, sowie seine Mitherausgeberschaft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie.666 Erst sollte sein Hauptwerk erscheinen, bevor er sich wieder (d. h., das hat er vorher schon getan? AH) verstärkt in die innenpolitischen Angelegenheiten der DDR einmischen würde. Aufgrund dieser Haltung blieb Bloch zunächst unbehelligt, und am 8. Juli 1955 – noch galt er als der Vorzeigephilosoph der DDR – wurde sein 70. Geburtstag gar mit einer offiziellen Gratulationscour in Leipzig gefeiert.«667 Den Nationalpreis bekam er im selben Jahr. Wie ein roter Faden durchzieht dieses permanent wiederkehrende Argument Münsters Biographie von Bloch: Diesem sei die Veröffentlichung seiner Schriften so wichtig gewesen, dass er dafür auf offizielle Kritik an der DDR verzichtete. Es muss nur an das Wirken von Lukács und Harich (oder etwa Brecht 1953) erinnert werden, wir haben es gerade wiedergegeben. Im Prinzip kann man als Linker nur froh sein, dass Lenin 1917 nicht seine Gesamtausgabe plante und so Zeit hatte, sich um die Revolution zu kümmern. 664 Bloch: Marx und die bürgerlichen Menschenrechte, S. 349f. 665 Münster schrieb auch, dass Bloch »betroffen und wie gelähmt« gewesen sei, dies ist für 1953 allerdings pure Mutmaßung, es gibt dafür keine Indizien. Münster: Ernst Bloch, S. 268. 666 Der Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Harich, offensichtlich ohne Angst um seine Position im Journal, war in den Monaten nach dem Aufstand neben Brecht und gemeinsam mit diesem einer der wenigen Intellektuellen, die sich für eine Reform des Sozialismus einsetzten. 667 Münster: Ernst Bloch, S. 269. 287 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 Man merkt der Biographie von Münster an, zu welchen Tricks und Kniffen ihr Autor greifen musste, um irgendwie erklären zu können, warum sich Bloch in der DDR verhielt wie er es tat. Wenn sich Opposition schon nicht finden lässt, dann sei wenigstens konstatiert (als Einschub in einer Klammer): »Und dazu gehörte schon etwas Mut, um dies in der DDR der fünfziger Jahre öffentlich zu sagen!«668 Was ist gemeint? Dass Bloch auf den subjektiven Faktor in der Praxis hingewiesen hatte – in seinem Referat auf der Großen Freiheitskonferenz, das Harich vor versammeltem Publikum wegen der von ihm ausgemachten Unwissenschaftlichkeit (sowie der entsprechenden Begriffs- und Definitionsfehler Blochs) derart in der Luft zerfetzt hatte, dass Bloch mehrere Wochen nicht mit ihm sprach.669 Noch ärger freilich als Arno Münster ist der Ansatz von Manfred Riedel. Dieser behauptet dass der Aufsatz Blochs über Christian Thomasius autobiographische Züge trage. Da er 1953 erschien, wäre dort also Blochs Kritik an der Politik der SED im Jahr des Arbeiteraufstands nachzulesen.670 Da auch Riedel direkte Opposition Blochs nicht nachweisen konnte, ging er den Weg der Behauptung, dass so ziemlich jede Äußerung Blochs über einen philosophiegeschichtlich relevanten Denker, so dieser etwas gegen seinen damaligen Staat gesagt habe, eigentlich eine autobiographische Äußerung Blochs zur aktuellen Situation gewesen sei. Es kommt zu Analogien in der Art, dass der Geschlossene Handelsstaat von Fichte ein »dem späteren DDR-Staat nicht unähnliches Staatsgebilde« darstelle.671 (Wahrscheinlich wegen dem »geschlossen«. Zwischen 668 Münster: Ernst Bloch, S. 272. 669 Deutsche Akademie der Wissenschaften: Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Konferenzband wurde nach den Ereignissen des Herbst 1956 von der Stasi trotz der bereits erfolgten Auslieferung wieder eingezogen und fast vollständig vernichtet. Nur einige wenige Exemplare überdauerten die Zeit. Bloch: Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur Wahrheit, S. 573-598. Harichs Text: Harich: Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit, S. 65-75. Harich hielt seinen ursprünglich ausformulierten Vortrag nicht, sondern ging auf seine Vorredner ein. 670 Riedel: Tradition und Utopie, S. 126. Gemeint ist der Aufsatz: Bloch: Christian Thomasius, ein deutscher Gelehrter ohne Misere, S. 315-356. 671 Riedel: Tradition und Utopie, S. 117. 288 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Atlantis und der DDR hat Riedel diesen Vergleich übrigens nicht gezogen.) »In der Hoffnung darauf, dass der geschlossene Staat seine Grenzen öffnen werde, hatte Bloch schließlich gewagt, eine Wahrheit zu sagen, die so nur er aussprechen, die außer ihm niemand öffentlich artikulieren konnte. Nationalerziehung, wie sie Fichte forderte, ist keine für den Staat um seiner selbst willen, sondern eine zur Arbeit, zur Einigkeit in deutscher Gesinnung und europäischer Verantwortung, ohne Einmischung in die Welthändel: Erziehung zu sittlicher Ganzheit in der besonderen Aufgabe der deutschen Nation. Und Bloch berief sich dann auf jenen Erziehungsgrundsatz, der nicht von Fichte, sondern von Pestalozzi stammt und dem studentischen Publikum im Hörsaal 40 aus dem Herzen gesprochen war: ‚Wir wollen keine Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates.‘«672 Natürlich musste auch Riedel zur Kenntnis nehmen, dass Ernst Bloch in seinen Jahren in der DDR so manches machte, was der Partei nutzte und recht war und von dieser gefordert wurde. Beispielsweise seine Auseinandersetzung mit der Weltlage auf dem Gebiet der Kultur.673 Riedel erklärt das wie folgt: »Bloch wollte nicht den Weg von Lukács gehen, wurde aber durch die Umstände dahin getrieben. Das ist ein Kapitel für sich, so betrüblich, ja, finster, dass es auch mir nicht möglich ist, den gedanklichen Abfall ins zeitliche Dunkel des gelebten Augenblicks durch die geschichtlichen Umstände des Lebens im Schatten Stalins und seiner ostdeutschen Musterschüler zu erhellen.«674 Warum Bloch etwas (es war eigentlich sogar ziemlich vieles, aber das nur am Rande) Positives über die 672 Riedel: Tradition und Utopie, S. 122. Das Zitat aus Blochs Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Bd. 4, S. 284. Dort hat Riedel offensichtlich auch die originelle Idee für seinen DDR-Vergleich her, denn es ist zu lesen  – ausgehend von der Idee einer disziplinierten Wirtschaft: »Fichte sagt dazu: ‚Die Leichtigkeit der Staatsverwaltung, sowie aller Arbeit, hängt davon ab, dass man mit Ordnung, Übersicht des Ganzen und nach einem festen Plane zu Werke schreite.‘ (…) Wenn der Satz in einem Leitartikel des Neuen Deutschland stünde, würde er keinem auffallen, und dabei steht er im Geschlossenen Handelsstaat.« (Ebd., S. 185f.) 673 Riedel verweist auf die Aufsätze. Bloch: Die Todesschleife, S. 334-337. Bloch: Wahre Rettung der abendländischen K ultur, S. 337-342. Riedel: Tradition und Utopie, S. 110. 674 Ebd., S. 110f. 289 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 DDR sagte, kann also nicht nachvollzogen, gar erklärt werden. Es gibt demnach auch keinen Grund, dies zu versuchen oder wenigstens empirisch aufzulisten. Wichtiger ist die Suche der verborgenen Chiffre. Riedels Verklärungsversuch ist ein charakteristisches Beispiel des Arbeitens der Blochianer. Nachdem die Bösartigkeiten nun genügend verteilt sind (es ist eine Grundbedingung des Bösartigen, dass es im großen Teil zutreffend ist), ist abschließend ein Text Blochs zu rekapitulieren, der überraschenderweise in der Forschungsliteratur oftmals zu kurz kommt, obwohl er eigentlich illustrieren könnte, was die Bloch-Schüler und Bloch-Apologeten so gern begründen würden: Über die Bedeutung des XX. Parteitags. Bloch war der Text so wichtig, dass er in die Gesamtausgabe Eingang fand. (Die Apologeten können sich nicht auf ihn beziehen, weil er, für sie bedauerlicher Weise, auch Verteidigung des bestehenden Sozialismus ist.) Er beginnt mit einer Feststellung, der nichts hinzuzusetzen ist: »Wie doch ein bloßes Wegtun uns reich machen kann. Diesfalls ein Wegtun des Drückenden, Falschen, Hemmenden, das sich an der großen Sache angesetzt hatte. Mit einem ist die Luft verändert und das überall dort, wo man begreift, begreifen will.« Auch die Verlierer des radikalen Chruschtschowschen Einschnitts hat Bloch benannt: »Dem kapitalistischen Westen ist die Wendung höchst verdrießlich, obwohl er doch so sehr auf freie Welt aus ist. Den Abtrünnigen ist der Parteitag besonders bitter und verschlägt ihnen den Atem, obwohl sie in einigem doch Recht bekommen zu haben scheinen. (…) Sie haben auch gar keine Kritik ausgeschüttet, sondern Kübel voll Unrat in Bausch und hohem Bogen, wenn er nur die Sowjetunion traf, ausnahmslos traf.«675 Im Westen, als da sind: Die »alten Menschenverächter und Despoten, von den Karlsbader Beschlüssen bis McCarthy (…), Adenauer freut sich über alle Fortlebe des im Kreml Kritisierten« usw.676 Der XX. Parteitag wurde von Bloch vollumfänglich anerkannt. Er dürfe nicht abgewertet werden, indem man ihn beispielsweise zur bloßen Fehlerdiskussion reduziere. Er müsse »zur Konsequenz gebracht werden, 675 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 357f. 676 Ebd., S. 359. 290 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche und das mit dem eigenen, in ihm selbst gegebenen Maß«.677 Der Schlusssatz des Aufsatzes von Bloch lautet: »Mit einem solchen Parteitag, wohlverstanden: Nicht als Sonntag und Oase, sondern als Quellwerk für den Alltag, das nicht einfriert.«678 Dies vorausgesetzt, weise der XX. Parteitag den Weg, auf dem die Reformierung des Sozialismus vorgenommen werden müsse. 1) Zuerst sei wichtig, dass das Volk den Staat nicht als Druck empfinde, nur die inneren Feinde sollen die ganze Härte des Staates zu spüren bekommen.679 2) Der Kampf gegen den Personenkult (und nicht nur gegen diesen) müsse vollständig und dauerhaft geführt werden. Bloch sprach von »Bestialitäten« der Stalinschen Periode: »Die Bewährung heißt im ganzen sozialistischen Lager innerparteiliche Demokratie mit endlich wieder vorstehender, belehrt-lehrender Theorie, und im Westen neue Volksfront dazu.«680 3) Wichtig sei zudem, dass man sich daran halte und es verinnerliche, dass die Sowjetunion nicht »das einzige Modell des Sozialismus« sei. »Die Sowjetunion hat Ruhm bis in die fernste Zeit als Land der Oktoberrevolution und erster sozialistischer Staat; sie hat es nicht nötig, ihre späteren so genannten Kulturpaläste angehimmelt zu sehen.«681 4) Schließlich, für Bloch und die Intellektuellen sicherlich am wichtigsten, müsse das selbstständige und freie Denken gefördert werden. Auch bei Bloch fällt das Schlagwort der Überwindung des Dogmatismus und Schematismus, zusammen mit einer auch ironischen Abrechnung 677 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 359. 678 Ebd., S. 365. 679 Ebd., S. 359f. 680 Ebd., S. 361. Dort weiter: »Denn purste Bestialitäten ohne alles barbarische Beiwerk von Personenkult waren, wie erst der XX. Parteitag auch draußen ans Licht brachte, außerhalb der Schauprozesse jene Millionen lautloser Morde durch ganz Russland hindurch, an kleinen Leuten, gutgläubigen Kommunisten, Unschuldigen, Hilflosen, nichts als Opfern. Freilich wurden auch diese Verbrechen erst durch das Moskauer Zentralexempel zu ihrem subalternen Sadismus freigesetzt. Gar die so viel späteren anderen Schauprozesse gegen Rajk in Ungarn und Slansky in der Tschechoslowakei wären ohne den damaligen Kreml nicht möglich gewesen. Trotzdem verlangt das konkrete Maß: Die erkannten Barbarismen und himmelschreienden Bestialitäten können nicht dazu führen, dass man (was allen Antimarxisten ja so gelegen käme) den in Russland begonnenen Sozialismus mit der Person Stalins, gleichsam in negativem Personenkult, so übel zusammenfallen lässt.« (Ebd.) 681 Ebd. 291 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 mit der Vergangenheit: »Unter Stalin (obwohl nicht unter ihm allein, durch ihn allein) konnte es bisweilen scheinen, als sei der Marxismus eine abgeschlossene Lehre und eine Idee nichts anderes als eine Verbindung zwischen zwei Zitaten. Zugespitzt formiert: Bislang hatte nur Stalin das Recht, ein anderes als Zitate zu sagen, ein Anderes, das nun sogleich und vor allem wieder ein Zitat wurde.«682 In diesem Text steckt der Bloch, den wir so sehr wollen, der uns imponiert und Respekt abringt. Ein Theoretiker mit scharfem Intellekt, ein deutliches Bekenntnis zum Marxismus in Theorie und Praxis, mit beiden Beinen im Sozialismus stehen und für diesen kämpfend – aber eben einen Sozialismus der Freiheit und Diskussion einfordernd, der die von Marx und Engels verkündeten Paradigmen der Zukunft nicht sofort und ad hoc in die Gegenwart holen will, sie aber nie als normative Zielperspektiven außer Acht lässt. Der nicht das Klassiker-Zitat sucht, sondern die Debatte braucht. Doch die Sache hat einen Haken. Bloch hatte den Text geschrieben, war damit zufrieden und legte ihn in die Schublade. Zu einer Veröffentlichung kam es nie (in der Gesamtausgabe wird darauf übrigens nicht hingewiesen, es wird der Eindruck vermittelt, als sei der Text gedruckt worden) – und diese wäre so wichtig gewesen, so notwendig das geschlossene Bekenntnis der Intellektuellen zum Aufbruch in die Zukunft, zur sezierenden Analyse der Gegenwart. Warum Bloch den Text nicht veröffentlichte oder wenigstens zur Veröffentlichung anbot? Da rüber lässt sich nichts sagen. Unbestreitbar ist, damit wollen wir schließen und so gehört es sich auch, dass Bloch seine Studenten und Zuhörer zu freiem und kritischem Denken erzog. Dass er tatsächlich Menschen und Philosophen bildete und keine Sektierer und Dogmatiker. 1965, im Westen, formulierte Bloch dann endlich öffentlich, was er die Jahre zuvor für sich gedacht (und im Hörsaal 40 manchmal direkt, oft verklausuliert gesagt) hatte. (Was seine Haltung in der DDR als um so bedauerlicher erscheinen lässt, da ja offensichtlich Meinung vorhanden war.) Im Gespräch mit Fritz Vilmar führte er zunächst aus, dass der Marxismus erst dann richtig bestimmt werden könne, wenn man berücksichtige, dass einiges, was ihn hemmte, gar nichts mit ihm zu tun hatte, sondern viel- 682 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 364. 292 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche mehr »eine Standortfrage des Ausgangs« sei, »erst dann kann diese Frage, die ich einmal scharf und bösartig formulierte, behandelt werden: Hat sich in der Sowjetunion der Marxismus bis zur Kenntlichkeit oder bis zur Unkenntlichkeit verändert? Bis zur Unkenntlichkeit verändert, ist eine übliche Wendung; zweifellos stimmt sie auch. Aber intellektuelle Redlichkeit verlangt auch das zu formulieren: Hat er sich bis zur Kenntlichkeit verändert? Als Frage, als eine wissenschaftliche Aufgabenstellung, nicht als eine Beschimpfung und nicht als nur die Spur einer Ideologie für reaktionäre Tendenzen, die dann an Hitler anschließen könnten, indem sie schlechthin antikommunistisch sind.«683 Wieder einmal ist Hegel der Ausgangspunkt – nun allerdings in einem anderen Beziehungsgefüge: »Es hat sich also gezeigt, dass die Prämissen zum aufrechten Gang im Marxismus nicht genügend angedacht sind, der eben nicht nur an die Französische Revolution anschloss, sondern auch an die Hegelsche Philosophie, an deren autoritären, objektiven Geist. Die staatskritischen Prämissen, die anarchosyndikalistisch in Frankreich entwickelt waren, die auch in der italienischen Partei im 19. Jahrhundert lebendig waren – dieses: Wie rette ich den einzelnen Menschen vor dem Staat?  – sind nicht zu Ende gedacht worden. Das Absterben des Staates kommt nicht, und die individuelle Freiheit, ein besonderes Ziel im Marxismus, ist schlimmer dran als irgendwo.«684 Bloch spitzte zu, dass nur ein radikaler Wechsel diese Situation ändern können. Der Marxismus müsse sich entwickeln, um Anziehungskraft für alle Menschen zu erreichen.685 »Eine Angst vor dem Vakuum, die sich an den allgemeinen Nihilismus sehr leicht anschließen kann, und eine Angst, die innerhalb der bestehenden kapitalistischen Wirtschaft übertäubt wird durch die sehr nahe liegenden Sorgen des Erwerbs, womit die Ohren in Krisenzeiten besonders erfüllt sind; und die Konjunkturzeiten bewirken Ablenkung und Betäubung durch Konsum. Wenn das wegfällt, wenn also eintritt, 683 Bloch: Über ungelöste Aufgaben der sozialistischen Theorie, S. 81. 684 Ebd., S. 85f. 685 »Evolution reicht nicht aus, ein Umbruch müsste stattfinden, ein theoretischer zunächst. Ein Umbruch, durch den das Diktatorische institutionell verhindert wird, wie im Westen ja auch einiges institutionell durch die Verfassungen verhindert wird.« (Ebd., S. 84.) 293 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 was Marx sagt: nicht Freiheit des Erwerbs, sondern Freiheit vom Erwerb, als unser Ziel, dann stehen die Menschen mit Angst vor einer Leere. So also brauchen wir eine neue Ästhetik; auch eine neue Religionsphilosophie; auch eine neue Ethik. Eine Ethik ohne Erwerb; eine Ästhetik ohne Illusion; eine Dogmatik ohne Aberglaube. Dies ist ein Geschäft innerhalb eines recht verstandenen und sich fortentwickelnden Marxismus. Wobei die Prämissen dazu endlich blühen.«686 Dies ist, wir erinnern daran, exakt die Position von Lukács und Harich im Jahr 1956 – zu der Bloch damals mehr als nur der Mut fehlte. Und 1974, damit ist unsere Rekapitulation beendet, antwortete Bloch auf die Frage, ob der Marxismus ohne Moral nicht leben könne: »Nicht durchdringen und auch nicht leben. Es wäre kein Marxismus mehr. Was in der Sowjetunion unter Stalin geschehen ist, ist eben nicht moralisch, und wir beurteilen es auch nicht allein ökonomisch. (…) Und Moral geht um Verhaltensformen und Lebensweisen. Lenin ist völlig einwandfrei, sonst wäre er nicht Lenin. (…) Und die Revolution als solche ist doch moralisch: Dass man es nicht mehr aushält, dass es zwei Arten von Menschen gibt, Herr und Knecht, ist doch kein ökonomisches Urteil, sondern ein moralisches.«687 Der Blick auf 1956/1957 ist ein ganzes Stück weit ernüchternd. Es sei abschließend angemerkt, dass man gerade im Vergleich erkennt, wie wirklich beeindruckend und mutig die Wortmeldungen von Harich und Lukács waren. Beide zahlten einen hohen Preis dafür. Mit ihnen waren es viele heute Namenlose, die ihr Leben riskierten für eine Verbesserung des Sozialismus. Eben dies bringt uns aber zur Ernüchterung. Es ist ein hochgradig peinlicher Anblick, heute zu sehen, wer in diesen Wochen und Monaten alles schwieg  – von unseren Protagonisten sind zu nennen Johannes R. Becher, Bloch und Mayer. Natürlich lassen sich, ihrer Apologeten haben das in nach Zentnern zu messender Sekundärliteratur eifrigst getan, zahlreiche Gründe anbringen, warum gerade Bloch und Mayer schwiegen: Die Bandbreite reicht von der schlichten Angst bis hin zu den bereits genossenen und noch in Aussicht stehenden Vorteilen und 686 Bloch: Über ungelöste Aufgaben der sozialistischen Theorie, S. 89. 687 Bloch: Rosa Luxemburg, Lenin und die Lehren oder Marxismus als Moral, S. 215f. 294 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Privilegien. Man kann und darf niemandem einen Vorwurf machen, aber sehr wohl Fakten konstatieren. Keine Kritik ihrer Wissenschaftlichkeit soll es sein, die hier geleistet wird, auch nicht ihrer privaten Einstellung. Es geht einzig darum, dass es falsch ist, sie zu sich verklausuliert ausdrückenden Oppositionellen zu machen. Denn das waren sie in der Außendarstellung nicht und wollten es auch nicht sein. Deutlich wird dies nicht nur durch die sichtbaren Unterschiede zwischen ihren Äußerungen und denen von Harich und Lukács (und so manch anderen), sondern auch durch die Offenheit, mit der sie dann ein paar Jahre später im Westen sprachen. Das waren andere Menschen mit einer anderen Einstellung. Das Versteckspiel hatte aufgehört, es bedeutet aber auch, dass sie sich vorher eben tatsächlich versteckt hatten. Exemplarisch nachzulesen ist das etwa in der kurzen Notiz Brüderliche Kampfesgrüße in Prag von 1968, wo Bloch das »grauenvolle Prager Geschehen« zutreffend charakterisiert mit Worten wie: »russische Kolonie«, »Lüge über Lüge«, »Panzer und Blutvergießen« usw.688 Keine einzige dieser Vokabeln, noch nicht einmal ihre geduckten kleinen Brüder, lassen sich eruieren wenn es darum geht, herauszufinden, was Bloch zu den Schauprozessen nach 1945 zu sagen hatte, zum Arbeiteraufstand, zu den Umbrüchen von 1956. Das ist das mehr als nur Bedauerliche. Bloch und Mayer – wie oft mögen sie sich gegenseitig versichert haben (in Leipzig und später dann in Tübingen), dass sie Marxisten sind, Intellektuelle, die für die Freiheit und die Aufhebung der Entfremdung jedes Einzelnen kämpfen? Man weiß es nicht. Ende 1956 zeigten beide ihr wahres inneres Ich. Warum auch immer – dieses Ich war ein Egoist, ein Angsthase, ein Opportunist. Eine solche Haltung ist menschlich überaus legitim, hat mit dem Marxismus aber nichts zu tun. 688 Bloch: Brüderliche Kampfesgrüße in Prag, S. 418-419.

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.