12. Zwischenstück II: Heinrich Heine in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 237 - 260

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-237

Tectum, Baden-Baden
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237 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Mit der Darstellung der verschiedenen Positionierungen zu Schiller haben wir bereits einen Seitenblick gewagt, der wichtige Einblicke in das Erbe-Verständnis der DDR ermöglichte – der parteipolitischen Führungskader, der Intellektuellen und der offiziellen Verlautbarungen. Aber es gab neben dem Gespann Goe the und Schiller einen weiteren Dichter, der von der DDR für die eigene Tradition reklamiert wurde – Heinrich Heine.519 Vor allem Wolfgang Harich machte sich um dessen Werke in den ersten Jahren der DDR mehr als nur verdient, so dass auf den folgenden Seiten seine Interpretation vorzustellen ist. Natürlich gibt es ebenfalls bedeutende Ansätze der Vermessung durch Georg Lukács und Hans Mayer, die hier aber weggelassen werden wegen der – wie zu zeigen sein wird – maßgeblichen Rolle Harichs. In einem Artikel für die Tägliche Rundschau äußerte sich dieser am 13. Dezember 1947 erstmals zu Heinrich Heine.520 Neun Jahre später folg- 519 Abdruck als eigenständiger Aufsatz unter dem Titel: Heyer: Wolfgang Harich über Heinrich Heine, S. 45-66. Hier überarbeitet. 520 Harich: Zwischen Romantik und Demokratie. Zu Heinrich Heines 150. Geburtstag. Heinrich Heine 238 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche te dann der große Aufsatz Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie in der Sinn und Form. Er erlebte mehrere Neuauflagen, vor allem als Einleitung zu Heines Schriften.521 Zeitlich zwischen diesen beiden Texten erschien eine der ersten großen Editionsleistungen der jungen Germanistik der DDR: Harich gab 1951 in sechs Bänden die Gesammelten Werke Heines im Aufbau-Verlag heraus und verfasste außerdem ein Vorwort (Vorbemerkung des Herausgebers). Wegen dieser allein schon quantitativ beeindruckenden Beschäftigung kann Harichs intensive Auseinandersetzung mit Heine als zentral für die entstehenden Wissenschaften der DDR bezeichnet werden. Der Hauptgrund hierfür ist offensichtlich: Mit Blick auf die sozialistische Erbe-Pflege kam Heine eine besondere Bedeutung zu. Kaum ein anderer Schriftsteller wurde derart lautstark für die eigene Tradition in Beschlag genommen. Walter Reese hat in seiner Studie Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption das entsprechende Kapitel über die DDR mit der Überschrift »Unser Heine« versehen und adaptierte damit den Titel des 1952 erschienenen Buches von Werner Ilberg.522 »Heine ist angekommen in der DDR und hat hier eine neue Heimat gefunden – das ist das Bewusstsein aller DDR-Autoren die von nun an über ihn schreiben.«523 Was auf den ersten Blick etwas euphorisch klingt, hatte jedoch ein reales Fundament. In ihrer großangelegten Publikation Heine und die Nachwelt beleuchteten Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke die Differenzen in der ost- und westdeutschen Heine-Rezeption. Die bundesrepublikanische Heine-Beschäftigung sei »eher spärlich« zu nennen. 521 U. a.: Berlin, 1956. 3. Aufl., Leipzig, 1966. Frankfurt am Main, 1966, S. 7-52. In der letztgenannten Ausgabe des Insel-Verlages, Frankfurt am Main, vermeldete Harich zwar, dass die Neuausgabe seines Aufsatzes für Insel und den Leipziger Reclam-Verlag überarbeitet sei (S. 52), allerdings sind allenfalls geringfügige Änderungen feststellbar. Im Prinzip hat er an dem Erstdruck von 1956 in der Sinn und Form nichts inhaltlich Relevantes verändert. Neuabdruck in: Harich: An der ideologischen Front, S. 339-369. 522 Ilberg: Unser Heine. Zu Ilberg siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147f. Reese: Zur Geschichte der sozialistischen H eine-Rezeption in Deutschland, S. 286. Hermand: Streitobjekt Heine, S. 23. 523 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption in Deutschland, S. 286. 239 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Hinzu sei ein »Wunsch zur Entpolitisierung« getreten, der teilweise mit einer Geringschätzung Heines einherging.524 Im Fahrwasser dieser Annäherungsversuche sei es dann auch bei einigen Wissenschaftlern und Publizisten zu einer Reaktivierung der Vorurteile gegen Heine aus der bürgerlichen Zeit der Weimarer Republik und der Epoche des Faschismus gekommen. »So ist der Umgang mit Heine in der frühen Bundesrepublik – von Ausnahmen abgesehen – geprägt von Verdrängen, Berührungs- ängsten und zögernden Wiedergutmachungsversuchen.«525 Noch weitaus stärker als Goltschnigg und Steinecke fokussierte Jost Hermand in seiner 1975 publizierten Studie (Streitobjekt Heine) die Rückkehr der faschistisch motivierten Vorurteile gegen Heine im westdeutschen Nachkriegsdiskurs.526 Anders als die Bundesrepublik versuchte die DDR, sich Werk und Handeln von Heine, dem Freund von Marx, anzueignen. Neben dieser im politischen Bereich angesiedelten und damit ideologisch motivierten offiziellen Politik stand aber gleichzeitig eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Heine, die sich auf Franz Mehring und Georg Lukács berufen konnte527 und unter anderem mit den Namen Hans Mayer, Hans Kaufmann und Harich verbunden ist.528 524 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, erstes Zitat S. 135, zweites Zitat S. 137. 525 Ebd., S. 139. 526 Hermand: Streitobjekt Heine, S. 17-21. In einem Aufsatz hat Hermand den Kontext geschildert, in dem seine Arbeiten und editorischen Leistungen der späten sechziger und siebziger Jahre zu verankern sind. Siehe: Hermand: Die Kontroverse um die Klassik-Legende, S. 21-30. 527 Franz Mehrings Heine-Essay von 1911 publizierte Harich erneut als Einleitung seiner Heine-Ausgabe, er folgte auf seine Vorbemerkung des Herausgebers, S. 5-20. Mehring: Heinrich Heine, S. 21-72. Lukács hatte sich mehrfach zu Heine ge- äußert, im öffentlichen Diskurs war sein 1937 veröffentlichter Aufsatz präsent. Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter, S. 406-413. 528 Kaufmanns Beschäftigung mit Heine setzte zeitgleich zu den Arbeiten Harichs ein. Nach der Verhaftung Harichs avancierte er zum führenden Heine-Experten der DDR, der auch im Ausland mit seinen Werken und Editionen viel positive Resonanz fand. Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Heine, der uns allen gehör t, S. 55-58 sowie passim. Über Hans Mayer, der einen »Sonderfall innerhalb der 240 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Anfang der fünfziger Jahre kam es dann zu einer Politisierung des Heine-Bildes, der nun immer stärker als politischer Dichter interpretiert wurde. Die Heine-Rezeption verschob sich vom kulturellen Feld in den »ideologisch-propagandistischen Zentralbereich eines entstehenden und hart um seine Existenz ringenden neuen Staates«.529 Goltschnigg und Steinecke wiesen auch darauf hin, dass die Bundesrepublik der DDR in den Anfangsjahren das Erbe Heines nicht streitig machte. Weder gegen den Nationaldichter Heine noch gegen »unser Heine« gab es Stellungnahmen von Seiten der Politik oder der Wissenschaften der BRD.530 »Heine als ‚unser‘ Nationalautor – das heißt konkret: Die DDR wählt sich die mit dem Namen und Werk Heines verbundene kulturelle und literarische Ausrichtung als Zentrum ihrer eigenen Traditionsbildung. Wenn Heine damit neben der Weimarer Klassik in den Mittelpunkt des ‚literarischen Erbes‘ tritt, erklärt sich die DDR zum Erben seines freiheitlichen und sozialen (sowie zur Weiterführung seines kommunistischen) Denkens und Schreibens. Zweifellos hat dieser Umgang mit Heine zum kulturellen Ansehen der DDR in der westlichen Welt beigetragen.«531 Universitätsgermanistik der DDR« darstelle, schrieben die beiden im 3. Band ihrer Heine-Dokumentation: »Er hatte sich durch einen Vortrag im Gedenkjahr 1947 an der Universität Frankfurt am Main, Ahnen und Erinnern Heinrich Heines, als profunder Kenner des Dichters erwiesen. Dieser Aufsatz – gedruckt 1949 in einem Sammelband seiner Essays – und ein kurzer Vortrag von 1951 blieben allerdings die einzigen Publikationen Mayers über Heine in seiner Zeit als Leipziger Hochschullehrer. So beschränkte sich die Wirksamkeit seines innerhalb der DDR-Literaturwissenschaft ungewöhnlich offenen, vielseitigen Heine-Bildes auf die Hörer seiner legendären Vorlesungen, in denen er auch Heine ausführlich behandelte (…).« (Ebd., S. 58) 529 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 290. 530 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 160. 531 Ebd. Dort weiter zu den Konsequenzen der Aufwertung Heines: »Eine starke Förderung sowohl im populären als auch im wissenschaftlichen Bereich sowie, nicht zuletzt, an den Schulen. Aus welchen Motiven heraus solche Förderung auch erfolgte, mit welchen Funktionalisierungen und Verzerrungen sie auch verbunden war: Es beginnt damit in der Rezeptionsgeschichte Heines, aber auch in der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte, ein neues und wichtiges Kapitel.« (Ebd., S. 160f.) 241 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Als 1956 dann der 100. Todestag von Heine im Rahmen eines offiziellen Gedenkjahres in der DDR begangen wurde, publizierte das ZK der SED eine Stellungnahme, die die ganze Wucht und Bandbreite der Versuche der DDR, Heine in das eigene Erbe zu integrieren, aufzeigt. Eine Aufzählung kann verdeutlichen, an welchen Punkten die DDR Heine als »ihren« Vorkämpfer ansah, wie sie ihn und sein Schaffen charakterisierte:532 • Der »revolutionär-demokratische Denker und Publizist«. • Der »unermüdliche Streiter für eine bessere Zukunft«. • Der »Repräsentant der edelsten Bestrebungen im deutschen Volk«. • Der »Vorkämpfer eines fortschrittlichen, friedliebenden und demokratischen Deutschlands«. • »Er durchbrach die Schranken des bürgerlichen Denkens und wurde zu einem Vorläufer des sozialistischen Denkens.« • Die »Freundschaft und Zusammenarbeit mit Marx«. • Die »Liebe zum Vaterland«. • Er unterstützte »den konsequentesten Flügel der revolutionären Bewegung«. Zu diesen Leistungen sei Heine befähigt gewesen, da er sich »auf die fortschrittlichsten philosophischen und sozialen Theorien der vormarxistischen Periode stützte und sie an den geschichtlichen Vorgängen seiner Tage überprüfte«.533 Geehrt wurde demnach der Dichter Heine, vor allem aber ging es der DDR natürlich um den politischen Heine. Im Rahmen des Heine-Jahres erschienen zahlreiche Aufsätze, Studien und Artikel, die dieses Verständnis in unterschiedlichen Facetten transportierten.534 Ex- 532 Aufzählung nach: ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 497-500. Zuerst in: Neues Deutschland vom 12. Februar 1956, S. 1f. 533 ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 498. 534 Hinzu trat eine Vielzahl von Veranstaltungen, allein im ersten Halbjahr über 800, »mit Vorträgen, Lesungen, Liederabenden, Seminaren, ferner einer Wanderausstellung, Hinweisen zur Schaufenstergestaltung und zu Straßenumbenennungen«. Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 153. 242 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche emplarisch dafür kann Stephan Hermlins Aufsatz Über Heine von 1956 genannt werden. Für Hermlin war klar, dass die DDR jener Staat sei, in »dem Heines literarische Bestrebungen gesellschaftliche Realität werden«.535 Stärker konnte man die Idee des kulturellen Erbes kaum denken. Heine, der seine Zeit mit bitterböser Satire überzog, der gesellschaftliche Zustände der Repression und Unterdrückung kritisierte und vor allem eines forderte: die Freiheit der Kunst, wird so zum intellektuellen Gründungsvater der DDR verklärt. Der Pazifist Heine mutiert zum »Soldaten der Menschheit«, denn für das sozialistische Glück schien nach Meinung der DDR und ihrer Apologeten auch dem Friedliebensten keine Schlacht zu blutig.536 Hermlin schrieb: »Dem deutschen Gedanken, in der Höhe, zu der ihn Heine, Marx und Engels erhoben haben, entspricht eine Republik, die in die Reihe neuer Menschen-Staaten tritt, in denen uralter Hader geschlichtet wird, in denen Wahrheit und Schönheit sich für immer verbinden werden. Die Bürger der ersten deutschen Republik im Geiste Heinrich Heines grüßen an diesem Tag voller Ehrfurcht Heines Andenken (…).«537 Doch neben dieser plumpen Vereinnahmung Heines, die Harich vom marxistischen Standpunkt aus kritisierte, setzte sich auch eine wissenschaftlich fundierte Forschung durch. »Eine der ersten wesentlichen Leistungen der Heine-Forschung in der DDR war die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen Heine und Marx. Das war der handgreiflichste, weil biographisch fassbare Beweis seiner Nähe zum Kommunismus.«538 Auch für Harich spielte das Verhältnis Heines zu Marx eine wichtige Rolle. Die Beziehung beider wurde bei ihm zu einem zentralen Baustein der Interpretation der marxistischen Philosophie. Eine der Konsequenzen dieser intensiven Annäherung an Heine war die (schon erwähnte) Herausgabe der sechsbändigen Gesamtausgabe im Berliner Aufbau-Verlag 1951 durch Harich. In einer Rezension über diese Edition schrieb Hans Kaufmann: »Diese Ausgabe ist in dem immer 535 Hermlin: Über Heine, S. 78. 536 Ebd., S. 90. 537 Ebd. 538 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 288. 243 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine reicher werdenden Strom wertvoller Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt der DDR ein Ereignis. Sowohl Inhalt als auch Äußeres dokumentieren einen wichtigen Fortschritt: Den Übergang vom provisorischen Einzeldruck ausgewählter Texte unseres Erbes zu vollständigeren, gründlicheren und dauerhafteren ‚Gesammelten Werken‘. Sechs geschmackvoll ausgestattete Ganzleinenbände mit holzfreiem Papier zeugen von den Erfolgen des Aufbaus, die vor allem auch der würdigen Pflege der Kultur zugute kommen.«539 Doch nicht nur die Ausstattung, die in der Tat einen wesentlichen Qualitätssprung des DDR-Buchhandels markierte, auch die »geleisteten quellenkritischen Arbeiten verdienen alle Anerkennung«.540 Die Edition war daher mehr als nur ein »Schnellschuss«, wie Siegfried Prokop meinte.541 Ganz im Gegenteil stellt sie einen Ernst zu nehmenden Beitrag zur Erbe-Debatte der DDR dar und war das Resultat intensiven Arbeitens. Harichs Angaben zu Folge umfasst die Ausgabe »alle wesentlichen Schriften« sowie »möglichst alle Werke Heines, die für das Verständnis seiner Entwicklung unentbehrlich sind und die die Gipfelleistungen seines publizistischen Schaffens darstellen«. So Harich in der Vorbemerkung des Herausgebers.542 Darüber hinaus wird deutlich, dass die Edition vor allem den politischen und philosophischen Heine abbilden wollte.543 Diese Herangehensweise hat Hans Kaufmann als Literaturwissenschaftler in seiner Rezension kritisiert: »Aus einem zu eng gefassten Begriff von ‚politischer Relevanz‘ misst Harich den literatur- und kunsttheoretischen Arbeiten Heines eine zu geringe Bedeutung bei. (…) Dabei wird übersehen, dass zur Schaffung der theoretischen Grundlagen einer realistischen Kunst und Literatur des demokratischen Deutschland Heines Arbeiten zur Ästhetik ganz unentbehrlich sind und folglich an ‚politischer Relevanz‘ mancherlei 539 Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 283. Eine weitere Rezension verfasste Johanna Rudolph für die Einheit: Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 569-578. 540 Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 283. 541 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 62. 542 Harich: Heinrich Heines Werke, S. 338. 543 Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147-162. 244 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Berichten über Kabinettsaffären Thiers’ und Guizots (in Lutetia) gewiss nicht nachstehen.«544 Kaufmann warf Harich also vor, dass dessen Konzept politischer Kunst zu kurz greife. Harich erkenne nicht, dass auch ästhetische oder literaturtheoretische Konzeptionen in einer zweiten Dimension politische Inhalte und Konsequenzen haben bzw. wirksam transportieren. Mit Blick auf Harichs Frühwerk ist dieser Vorwurf jedoch nicht zutreffend. War es doch gerade Harich, der die ästhetische Eigenständigkeit von Literatur zu Gunsten einer politischen Interpretation zurückdrängte, d. h. politische Philosophie, geschichtsphilosophische Ansätze und ideengeschichtliche Traditionen in allen Quellenarten aufsuchte.545 Harich stellte der Heine-Ausgabe wie bereits erwähnt im 1. Band eine Vorbemerkung des Herausgebers voran.546 Außerdem druckte er als weiteren Teil der Einleitung den biographisch orientierten Aufsatz Heinrich Heine von Franz Mehring:547 »Diese Arbeit ist das Beste, was über Heines Leben und Werk in der ganzen Epoche der Zweiten Internationale geschrieben wurde, und allen bürgerlichen Interpretationen, auch den wenigen wohlwollenden, weit überlegen.«548 Mit dieser Einschätzung gab Harich den Konsens der DDR-Intellektuellen wieder, der auch in Übereinstimmung mit der SED-Politik stand (eine Ausnahme ist dabei teilweise Lukács). Bei 544 Weiter heißt es: »Können Gründe der Raumersparnis diesen Mangel ausreichend entschuldigen? Die ausgelassenen Vorreden zur zweiten und dritten Auflage des Buches der Lieder umfassen zusammen dreieinhalb Druckseiten, und auf diesen wenigen Seiten spricht Heine den untrennbaren Zusammenhang seines poetischen mit seinem politischen und philosophischen Schaffen aus und erklärt seine zeitweilige Wendung von der Lyrik zur Prosa aus der verschärften vorrevolutionären Situation zu Ende der dreißiger Jahre. Es lohnte sich wahrhaftig, dreieinhalb Seiten dafür zu opfern.« Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 285. 545 Als exemplarisches Beispiel dieser Art wissenschaftlichen Arbeitens sei von Harich genannt: Harichs Auseinandersetzung mit Erik Reger: Union der festen Hand, S. 808-827. In dem Aufsatz Über die Empfindung des Schönen, S. 122-166, arbeitete er Anfang der fünfziger Jahre seine Kunsttheorie in ersten Ansätzen heraus. 546 Harich: Vorbemerkung des Herausgebers, S. 5-20. Neu unter dem Titel: Heinrich Heines Werke. 547 Mehring: Heinrich Heine, S. 21-72. Zu Harichs Interpretation von Mehrings Heine-Aufsatz siehe auch: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, 71f. 548 Harich: Heinrich Heines Werke, S. 331. 245 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Johanna Rudolph hieß es: »Die Ehrenrettung für Heine vollzog die deutsche Arbeiterklasse. Mehring leistete mit seiner biographischen Abhandlung, die er der 1911 im Vorwärts-Verlag erschienenen Heine-Ausgabe voranstellte, einen bedeutenden Beitrag zur Popularisierung des Dichters bei den Massen der Werktätigen. Seine Arbeit nimmt unter den Dokumenten, die zum Verständnis und zur Aneignung des Erbes unserer Nationalliteratur führen, einen wichtigen Platz ein. Sie stellt eine Abrechnung mit Heines Gegnern dar, die den Dichter als ‚undeutsch‘ verleumdeten. Sie führt glänzende Schläge gegen das literarische Gewürm, das Heines Leben auf persönliche Affären und unfruchtbare Polemik zu reduzieren sucht, in ihm nur den Spötter sehen will. (…). Es war daher richtig, Mehrings Abhandlung mit in die neue Heine-Ausgabe zu übernehmen, zumal der Herausgeber sich kritisch mit ihren Fehlern auseinandersetzt (…).«549 Ähnlich hatte sich Hans Kaufmann geäußert, auch er positivierte Harichs Umgang mit Mehrings Heine-Bild.550 Da die Rekonstruktion von Harichs Heine-Verständnis anhand seines Aufsatzes noch erfolgt, steht an dieser Stelle sein Umgang mit Mehrings Schrift im Vordergrund. Diese enthalte, wie bereits die Rezensenten Rudolph und Kaufmann hervorhoben, trotz ihrer enormen Vorzüge verschiedene Fehler. Das war der für Harich typische Umgang mit den Schriften Mehrings, die er immer als in ihrer Zeit fortschrittlich einschätzte, aus moderner Sicht aber kritisierte.551 Gleichzeitig lässt sich diese methodische Herangehensweise an die Arbeiten des älteren Marxismus bzw. der älteren Sozialdemokratie bei Harich auch mit Blick auf andere Autoren und Theoretiker eruieren, Mehring markierte also keine Ausnahme. Insgesamt machte Harich vier Fehler in Mehrings Ansatz aus:552 549 Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 575. 550 Hans Kaufmann schrieb: »Es war eine gute Idee, Franz Mehrings Heine-Biographie der Ausgabe voranzuschicken, gleichzeitig aber einige Mängel in Mehrings Heine-Bild in der Vorbemerkung zu korrigieren.« Kaufmann: Rezension zu Heine, S. 285. 551 Siehe die Anmerkungen Harichs zu seiner Schopenhauer-Edition: Harich: Vorwort zu Schopenhauer, S. 6. Positiv zu Mehring, z. B.: Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch, S. 9. 552 Alle Angaben der folgenden Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heines Werke, S. 331ff. 246 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche (1) Anders als zum Beispiel Friedrich Engels berücksichtige Mehring Heines Zur Geschichte der R eligion und P hilosophie in D eutschland nicht hinreichend. Er unterschätze die revolutionäre philosophische Aussagekraft des Textes. (2) Mehring habe die politische und philosophische Theoriebildung Heines nicht in ihrem gesamten Umfang erkannt. Das zeige gerade seine Rezeption der Polemik Heines gegen Platen (Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde) – in Bäder von Lucca. Da Mehring den Urteilen Ferdinand Lassalles zu häufig unkritisch folgte, bewertete er diese Auseinandersetzung falsch. Denn es habe sich dabei um mehr als nur einen »literarischer ‚Sumpf‘« gehandelt. Vielmehr seien Platen, der die »Beschränktheit des vormärzlichen Liberalismus« nie überwand, und der revolutionäre Heine aufeinandergetroffen. Heines »grandiose Ironie der Platen-Polemik« zeige also vor allem die Weiterentwicklung Heines. (3) Auch zu den Differenzen zwischen Heine und Ludwig Börne sowie dem Jungen Deuschland habe Mehring nicht entschieden genug Position bezogen und verkannt, dass Heine die »Symptome des geschichtlichen Versagens« des Bürgertums »als erster bewusst gemacht« habe. (4) Der vierte Fehler Mehrings bestehe in seinem Versuch, »die Tatsache zu rechtfertigen, dass Heine jahrelang von der Regierung der Juli-Monarchie in Frankreich eine Pension bezog«. Doch diese Verfehlung dürfe nicht verteidigt werden. Aber, und darauf kam es Harich an, sie tangiere nicht Heines Werk und auch nicht die positive Rezeption seines Denkens durch die marxistische Literaturwissenschaft. Das war eine durchaus grundsätzliche Stellungnahme, die über Heine hinausreichte. Denn mit Blick auf die bürgerliche Gesellschaft ließen sich bei vielen Künstlern und Wissenschaftlern des 18. und 19. Jahrhunderts Verstrickungen in den jeweiligen politischen Überbau/Staatsapparat ausmachen. Neben Goe the, um nur das vielleicht bekannteste Beispiel zu nennen, zeigt das gerade der »Fall Hegels« überdeutlich an – von Börne wurden beide ja als der »gereimte Knecht« und der »ungereimte Knecht« 247 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine tituliert.553 Doch selbst wenn Hegel als preußischer Hofphilosoph endete oder Heine von der französischen Aristokratie und Bourgeoisie alimentiert wurde – ihre intellektuellen Leistungen würden dadurch nicht geschmälert (selbstredend nach gründlicher marxistischer Durchleuchtung und Entrümpelung). Im Grunde genommen zielte der Kern von Harichs Kritik an Mehring auf den Punkt der fehlenden eindeutigen marxistischen Interpretation Heines. Dadurch bedingt sei es dann noch zu einer partiellen Entpolitisierung Heines gekommen. Mehring konnte nicht alle positiven und nach vorn weisenden Aspekte des Oeuvres von Heine erkennen, da er diesen nicht konsequent genug als Demokraten und Revolutionär verstanden habe. Die Rekonstruktion des Streits zwischen Heine und Platen durch Harich hat in der Forschungsliteratur Niederschlag gefunden. Ausgelöst wurde er, darauf hat Harich explizit verwiesen, durch Platens abwertende Äußerungen über Heines jüdische Herkunft. Heine reagierte, indem er Platens homoerotische Anspielungen in dessen Werken ironisierte und damit zudem öffentlich machte. Darauf nahm Harich Bezug und äußerte sich wie folgt:554 • »Platens Homoerotik zieht sich penetrant, wenn auch oft in prüde verschämten Andeutungen, durch sein ganzes Werk. Sie ist somit gar nichts Privates mehr, sondern durchaus eine Sache der literarischen Öffentlichkeit.« • Heines »Spott gilt ausschließlich dem höchst unzeitgemäßen, geschichtlich deplazierten Tatbestand, dass diese abwegigen Neigungen feierlich genommen werden (…)«. • »Heine stellt fest, dass diese Liebesverirrung und ihre poetische Idealisierung (…) unmöglich mit edlen ‚klassischen‘ Prätentionen ausgestattet werden kann, ohne heillos lächerlich zu werden.« Womit haben wir es zu tun? Handelt es sich um die für Harich typische Überspitzung einer Polemik, die kaum Rücksichten nimmt? Walter Reese 553 Lukács: Unser Goe the, S. 333. 554 Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heines Werke, S. 332-333. 248 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche machte in seiner Studie zur Heine-Rezeption tiefer liegende Beweggründe aus. »‚Abwegige Neigungen‘: Das nimmt sich erschreckend aus im Munde eines aufgeklärten Marxisten, der sich hier an der Diffamierung einer gesellschaftlichen Minderheit beteiligt, die nur wenige Jahre vorher von den Nationalsozialisten verfolgt und in KZs gesperrt worden war.«555 Harich habe mit der »vornehmen Distanzierung« Mehrings zu diesem Thema gebrochen. Reese unterstellte damit sowohl Mehring als auch Harich ein bewusstes Handeln. Und er ging noch weiter. Harichs »Affirmation antihomosexueller Vorurteile«556 sei kein Einzelfall, sondern vielmehr offizielle Politik der DDR, die dann letztlich von Harich nur auf ein Spezialthema angewandt wurde. Damit verkannte Reese Harichs Rolle in der DDR, der eben nicht vollständig Teil der Partei- und Kaderphilosophie war, sondern frühzeitig emanzipative und undogmatische Entwicklungen absolvierte, die ihn in immer stärkere Diskrepanz zur Partei brachten. Gleichzeitig kritisierte Reese Harichs Vorgehen (das sich auch bei anderen marxistischen Heine-Forschern nachweisen lasse), Heines Angriff gegen Platen als persönliche Revanche zu missinterpretierten.557 »Harichs Neudeutung der Platen-Polemik und ihre Gefolgschaft gehört zu den problematischsten Kapiteln sozialistischer Heine-Rezeption. Erkennbar ist, wie an Hand von Heines Polemik Vorbehalte gegen Homosexualität, Formalismus, Modernismus und Liberalismus mobilisiert werden, wie die Probleme in jeweils angrenzende Bereiche projiziert werden, unter Affirmation bzw. Verschweigen des eigentlichen Skandalons.«558 Harich und neben diesem etwa auch Georg Lukács hätten Heine einer »antimodernistischen Ausschlachtung«559 unterzogen. Damit stünden ihre Interpretationsansätze in einer Gemengelage, die die allgemeine Repression der Kulturlandschaft der DDR ebenso umfasse wie die Entwicklung eines sozialistischen Menschenbildes, das Uniformität vor In- 555 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 281. 556 Beide Zitate: Ebd. 557 »Diese interpretatorischen Verrenkungen sind allesamt auf eine gesellschaftliche Ursache zurückzuführen: auf die Unterdrückung der Homosexualität auch in der DDR (…).« (Ebd., S. 283.) 558 Ebd. 559 Ebd., S. 283f. 249 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine dividualität setze. Mit diesem Fazit ist Reese sehr deutlich über das Ziel hinausgeschossen und setzte die Spekulation vor den wissenschaftlichen Diskurs.560 Vor allem aber sicherlich mit seiner These, dass Harich einer der intellektuellen Gründungsväter der Ressentiments der DDR gegen- über Homosexuellen sei. So warf Harich ja Hans Mayer vor, dass dieser in seinem Buch über Thomas Mann un-marxistisch arbeite, wenn er biographische Fragen, wie etwa die nach Manns eventueller Homosexualität, fokussiere.561 Die Biographie ist irrelevant in diesen Punkten, so Harich programmatisch. (Diesen Aufsatz hätte Reese zu Kenntnis nehmen können, viele andere Äußerungen Harichs ebenfalls.) Wenn Harichs Frühwerk rekapituliert wird, wie es sich zwischen 1946 und 1956 in einzelnen Schritten herausbildete, ist es nicht möglich, ihn mit den von Reese genannten Entwicklungen in Zusammenhang zu setzen. Ganz im Gegenteil steht gerade Harichs intellektueller Werdegang exemplarisch für die Emanzipation der Intellektuellen der DDR von der Führung der SED.562 Seine Biographie zeigt deutlich den Kampf gegen Bevormundung und für die Freiheit der Kunst sowie des Individuums als Produzent und Rezipient von Kunst. Ihm antimodernistische oder gar formalistische Tendenzen zu unterstellen, ist nach einer unvoreingenommenen Lektüre seiner Schriften nicht möglich.563 Gerade wenn man berücksichtigt, wie er sich frühzeitig für Bertolt Brecht einsetzte und diesen massiv und polemisch treffend gegen die im Auftrag der SED vorgetragenen Formalismus- und Dekadenzanschuldigungen Fritz Erpenbecks verteidigte.564 Und gemeinsam mit Brecht gehörte er dann zu den ganz 560 Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke stellten in einem anderen Zusammenhang fest, dass Reese »wohl etwas zu hart« urteile. Goltschnigg/Steinecke: Heine, der uns allen gehört, S. 52. 561 Harich: Hans Mayers Buch über Thomas Mann, S. 801-804. 562 Aufgearbeitet bei: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, S. 32- 63. 563 Reese urteilt höchstwahrscheinlich rückblickend, d. h. mit Blick auf jene Positionen, die Harich beispielsweise in den siebziger Jahren in seiner Thematisierung des Schaffens Heiner Müllers vertrat. Das ist aber eine zutiefst unhistorische Herangehensweise. 564 Siehe: Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens, S. 215-219. Wichtige Hinweise etc. liefert: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR, S. 55-69. 250 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche wenigen Wissenschaftlern und Künstlern der DDR, die 1953 die Energie des Arbeiteraufstandes zur Durchsetzung von Reformen nutzten. Nicht zuletzt ist es eine überaus merkwürdige Vorstellung, dass die verbindende Klammer der DDR-Intellektuellen und der SED ausgerechnet die Homophobie gewesen sein soll. Harich hätte sich für so etwas nie hergegeben. Und schon gar nicht im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams der Studierstube. Sein Schaffen galt immer dem Ringen um die Ermöglichung der freien Entfaltung aller leidenschaftlichen und intellektuellen Potentiale eines jeden Menschen. Harich ist mit seinen Schriften Teil des geschilderten Prozesses der Politisierung der Interpretation Heines, dessen Rahmenbedingungen er allerdings teilweise durchbrach. Walter Reese hat den Beitrag Harichs zur Entstehung des Heine-Bildes der DDR benannt: »Er arbeitete, deutlicher noch als Lukács, die philosophiehistorische Leistung Heines heraus. Zusammen mit Hans Kaufmanns565 Dokumentation und Analyse der ästhetischen Anschauungen Heines ist dieser Aufsatz (d. i. Heinrich Heine und das Schulgeheimnis, A. H.) Ausdruck einer Art von Paradigmenwechsel in der DDR-Rezeption. Er steht für die Entdeckung des ‚theoretischen Heine‘. Das Interesse verlagert sich vom vorwiegend biographisch abgeleiteten Bild des Kämpfers und Marxfreundes zu einer Einordnung in die kulturtheoretischen, philosophischen und ästhetischen Diskussionsprozesse in der Phase der Auflösung der klassischen deutschen Philosophie.«566 Dieser Befund ist nicht überraschend. Denn es ist einer der charakteristischen Züge von Harichs Denken, dass er Kunst immer in ihren politischen Dimensionen begriff. Gleichzeitig war für ihn auch klar, dass ein Schriftsteller wie Heine in den hochgradig ideologisierten Zeiten des 19. Jahrhunderts nicht einfach nur Gedichte verfasst habe. Ganz im Gegenteil war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihn ebenso wie etwa der Umbruch nach 1945 einer jener Knotenpunkte, an denen jede Handlung, jedes Wort politisches Bekenntnis ist. In Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland prophezeite Heine, dass aus der deutschen Philosophie um Hegel eine ähnliche 565 Gemeint ist: Kaufmann: Über die ästhetischen Anschauungen Heines, S. 5-48. 566 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 308. 251 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Revolution hervorgehen werde wie in Frankreich 1789. Im Prinzip haben in diesem Sinne, darauf will Harich hinaus, drei der großen europäischen Kernländer ihre eigene Revolution initiiert: In Frankreich war sie direktes Handeln, in England zeigte sie sich als industrielle Revolution, in Deutschland bezeichnet sie in marxistischer Lesart den Prozess der Entwicklung von der klassischen Philosophie bis hin zum Manifest sowie der darauf folgenden Konvergenz von marxistischer Theorie und proletarischer Praxis.567 Harich zu Folge findet sich die frühe, noch tastende Formulierung dieses Gleichklangs bei Heine: »Richtig verstanden, hat Heine hier als erster einen wirklichen, wesentlichen Zusammenhang unserer nationalen geistesgeschichtlichen Überlieferung ahnend erfasst, und fest steht, dass sein gebieterisches Wort die latenten revolutionären Energien des deutschen Denkens seiner Zeit, indem es sie, übertreibend sogar, beim Namen nannte, in folgenreicher Weise hat mobilisieren helfen. Wie das ökonomische Erstarken der preußischen Bourgeoisie dem Junghegelianertum die soziale Basis gab und die Julirevolution es ins Leben rief, so scheint Heine es sprechen gelehrt zu haben.«568 Es ist ein typisches Argumentationsschema Harichs, wenn er den bürgerlichen Wissenschaften und Ideologien unterstellt, dass sie diese Tendenzen in Heines Werk nicht erkennen konnten bzw., wenn sie sie erblickten, dann nur, um sie zu verfälschen. (Das ist ja exakt die Position von Lukács und Rilla mit Blick auf die bürgerlichen Goe the- Interpretationen.) Die von ihm genannten Gründe sind identisch mit seinem Blick auf das 19. Jahrhundert. Wenn Heine also von Revolution spreche, dann habe er damit nicht den gescheiterten bürgerlichen Versuch der Paulskirche gemeint, sondern die philosophischen Veränderungen. »Denn Heines Prophezeiung ist eben insofern kein bloßer Irrtum, als sie auf die Entstehung des Marxismus in Deutschland hindeutet, auf die deutsche Revolution also, die keineswegs gescheitert ist; die freilich unmittelbar, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zunächst 567 Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. Den soeben beschriebenen Weg verfolgen: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 288-343. Siehe auch Harichs Vorlesung: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, S. 1117-1281. 568 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 340. 252 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche auch wieder eine Gedankenrevolution blieb, aber eine solche, von der alle Erfahrungen unserer Epoche beweisen, dass ihre welthistorisch-praktische Tragweite noch weit über das hinausgeht, was Heine in seinen kühnsten Träumen sich vorstellen mochte.«569 Im Prinzip führte Harich mit diesen Passagen aus, dass durch den Marxismus bzw. sogar bereits durch die diesem vorausgehenden Änderungen in der Philosophie das Ende der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam vorprogrammiert war. Alle drei aus marxistischer Sicht wichtigsten philosophischen Strömungen des 19. Jahrhunderts wurden damit aufgewertet: der Marxismus, der dialektische und historische Materialismus und der Idealismus (d. h. die klassische deutsche Philosophie). Letzterer sicherlich am deutlichsten, da er sonst oftmals in der von der SED initiierten und organisierten Kritik stand. In dem Moment, wo sich der Marxismus formiere, sei, in mittel- oder langfristiger Perspektive, das Ende der bürgerlichen Welt besiegelt. Das habe Heine als einer der ersten angesprochen und eben in dieser Einsicht bestehe sein Verdienst um die Sache des Kommunismus. Damit ist dann auch gesagt, dass jede revolutionäre Aktivität innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und jede anarchistische ad-hoc-Aktion, die nicht den Horizont der bürgerlichen Welt durchbrechen wollen, ebenfalls zwangsläufig scheitern müssten.570 Mit seiner überaus deutlichen Aufwertung von Heines Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland prägte Harich das Heine-Bild der frühen DDR.571 In der bereits angesprochenen Stellungnahme des ZK der SED zum Heine-Jahr 1956 wurden drei Schriften Heines in den Vordergrund gerückt: Deutschland. Ein Wintermärchen, Die schlesischen Weber und Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.572 In dieser Schrift »charakterisierte Heine treffend die Rolle, die religiöse Vorstellungen in der Geschichte spielten, und gab eine Darstellung der klassischen 569 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 343. 570 Diesen Gedanken formulierte Harich anhand zahlreicher Belege in: Harich: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Hierzu: Heyer: Wolfgang Harichs Staatsbegriff, S. 9-78. 571 Das stellte Johanna Rudolph frühzeitig in ihrer Rezension heraus: Rudolph: Heinrich Heines Werke dem Volke!, S. 571f. 572 Siehe: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 153f. 253 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine deutschen Philosophie, die von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, als bahnbrechend eingeschätzt worden ist.«573 Die Position Harichs und die offiziellen Stellungnahmen der SED waren an diesem Punkt also kongruent. Auch wenn Heine keine »philosophischen Leistungen, die diesen Namen verdienen« hervorgebracht habe, so sei er doch ein politischer Schriftsteller gewesen. Wie bereits aufgezeigt, bestehe seine bedeutende philosophische Leistung in der Thematisierung der revolutionären Potentiale des Marxismus. Darüber hinaus »war (…) er ein wahrhaft universeller, allseitig gebildeter Publizist«, der sich vor allem »den Resultaten des fortschrittlichen Denkens« seiner Zeit verpflichtet fühlte.574 Ermöglicht wurde diese Positionierung Heines durch seine enge Anlehnung an Hegel. Harich nutzte seine Beschäftigung mit Heine nun, um in diesem Zusammenhang erneut Stellung zu nehmen und interpretierte Hegel als Stichwortgeber Heines. Ein interessanter intellektueller Schachzug, der die Aufwertung der Philosophie Hegels mehr als nur impliziert. Gleichzeitig wurde Heine so zum entscheidenden Bindeglied beim Übergang von der Auflösung der Philosophie Hegels hin zum Marxismus. In der Hegel-Denkschrift von 1952 hatte Harich bereits den hohen Stellenwert Heines in diesem Sinne herausgestellt. Wenn also Marx tatsächlich Hegel auf die Füße gestellt hat, dann zeigte Heine ihm den Platz, an dem Hegel seinen Kopfstand machte. Darüber hinaus habe Hegel auch das literarische Schaffen Heines geprägt. »Es ist nicht der schlagende Witz allein, es ist diese Nähe zu Hegel, es ist das Umprägen Hegelscher Ahnungen und Einsichten in einen ironischen, geistreich aggressiven, volkstümlich-verständlichen Journalismus, mithin das Hineintragen der höchsten philosophischen Kultur der Epoche in die oppositionelle Publizistik, was das Prosaschaffen Heines, von den Reisebildern an, die gesamte liberale und demokratischen Tagesliteratur im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre haushoch überragen lässt und was namentlich den weiten Abstand zu dem ja gleichfalls höchst witzigen Börne schafft.«575 573 ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine, S. 498. 574 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 345. 575 Ebd., S. 348. 254 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Und dennoch, trotz des hohen Einflusses Hegels sei Heine nie ein »vorbehaltloser Hegelianer« gewesen. Da er revolutionäre und demokratische Ideen vertrat, habe er zwangsläufig in Kontrast zu Hegel kommen müssen,576 der »als preußischer Staatsphilosoph endete«. Das zeige beider Geschichtsverständnis: Heine habe zwar nie die »objektiv-idealistischen Grundlagen« der Hegelschen Geschichtsauffassung überwunden, da die von Hegel vorgenommene Periodisierung der Geschichte zu den Fundamenten seines Denkens gehörte. Doch dadurch, dass sich Heine den Volksmassen verbunden fühlte, wendete er Hegels Ansichten gleichsam nach vorn, d. h. er machte sie modifizierend an sein revolutionäres Gedankengut anschlussfähig. »Und diese ganze Umbildung der Hegelschen Philosophie kulminiert nun in einer Revolutionserwartung, die weit den Horizont der Zukunft aufreißt. Während für Hegel die Weltgeschichte in der Gegenwart des preußischen Staates vollendet ist, steht für Heine ihr Ziel, die Befreiung der Menschheit von Unterdrückung, Armut und Not, noch aus.«577 Damit hatte Harich den in der Tat fundamentalen Unterschied beider Geschichtskonzeptionen benannt. Harich ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass seines Erachtens Heine durch seine Adaption der Philosophie Hegels sowie deren revolutionäre Umwandlung zum politischen Schriftsteller wurde.578 Über den »Umweg« Hegel öffnete er sich außerdem den großen französischen Historikern (Guizot, Mignet, Thiers, Thierry) und wurde zum »Anhänger des utopischen Sozialismus«.579 Und auch sein sich ständig verschärfender 576 Auf diese Weise hatte bereits Marx Hegels Philosophie überwunden. Siehe: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen M arx, 1840, S. 288-343. 577 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 350. 578 Walter Reese führt zutreffend aus, dass »die Erkenntnis der engen Verwandtschaft Heines und Hegels ein Verdienst der marxistischen Heine-Rezeption« ist. Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 312. 579 Hierzu mit analogen Aussagen: Harich: Arbeiterklasse und Intelligenz, S. 64. Auch: Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter , S. 406-413. Ausführlich Harichs Positionierung zu den Quellen des Marxismus, also zum Utopischen Frühsozialismus, zu den französischen Historikern und zu den englischen Ökonomen, nachzulesen in der Vorlesung Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, vor allem: § 4: Der Utopische Sozialismus, S. 1152-1179; § 5: Die Entdeckung des Klassenkampfs, S. 1179-1183; § 6: Die klassische englische Nationalökonomie, S. 1183-1197. Dort auch 255 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine Atheismus habe hier seine Wurzeln. Harich nannte drei positive Aspekte des Denkens und Schreibens Heines, die im Rahmen der sozialistischen Erbe-Pflege von Relevanz seien:580 (1) Er habe die Frontstellungen zwischen Fortschritt und Reaktion581 in der deutschen Geschichte erkannt. (2) Er schilderte »mit oft genialer Treffsicherheit« die Zusammenhänge zwischen den realen politisch-sozialen Problemen und Kämpfen auf der einen und den jeweiligen philosophischen Konzeptionen auf der anderer Seite. (3) Er argumentierte gegen die deutsche Rückständigkeit und Kleinstaaterei, übte eine »unnachsichtige nationale Selbstkritik« und sei dennoch als »militanter Demokrat« ein überzeugter Patriot gewesen.582 In diesem Sinne stand Heine Harich zu Folge also in einem überaus Marx-konformen Spannungsfeld. Hinzu trete natürlich die persönliche Bekanntschaft mit Marx sowie die teilweise intensive persönliche und publizistische Zusammenarbeit. Diese Punkte wurden in der offiziellen Heine-Lesart der DDR oft fokussiert.583 Gleichzeitig, so Harich weiter, habe Heine auch die deutschen Kommunisten seiner Zeit positiv gewürdigt. Aber Heine sei nie ein Verfechter des wissenschaftlichen Sozialismus oder gar ein Marxist gewesen. Es ist sicherlich das herausragende Moment des Aufsatzes von Harich, dass er sich gegen die allumschlingende Heider Abdruck weiterer ergänzender Dokumente sowie des Zeitungsartikels: Entstehung des Marxismus, S. 1282-1294. 580 Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 361ff. 581 Wichtig ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass Harich an dieser Stelle (und auch in anderen Kontexten) von Fortschritt und Reaktion sprach, nicht von Materialismus und Idealismus. Gesagt war damit, dass auch der Idealismus fortschrittliche Momente, Theorien und Systeme hervorgebracht habe. Die Trennlinie zwischen Fortschritt und Reaktion ist nicht mit der zwischen Materialismus und Idealismus identisch, so seine These. 582 Siehe auch: Harich: Herder und die nationale Frage, S. 103-117. 583 Siehe hierzu: Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 147f. ZK der SED: Der deutsche Dichter H einrich Heine, S. 498f. Rudolph: Heines Werke dem Volke!, S. 576f. 256 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche ne-Vereinnahmung der DDR und deren einseitig-verzerrende Ausrichtung wendete. Am Anfang wurde bereits Stephan Hermlins Heine-Bild als charakteristisches Beispiel der offiziellen Sichtweise der SED erwähnt, in dem dieser fast schon als Gründungsvater der DDR erscheint. »Harich, und das ist eine Leistung, die anerkannt werden muss, hat sich ausdrücklich von solchen jubiläumsrednerischen Überschwenglichkeiten abgesetzt und gefolgert, dass gerade, um ein solches kritikloses subalternes Denken zu vermeiden, ‚sehr scharf auch die Unterschiede und Gegensätze‘ herausgearbeitet werden müssen, die Heine vom marxistischen Denken trennen. So überwiegt in seinem Essay letzten Endes doch das Moment der kritischen Auseinandersetzung gegenüber dem der blindwütigen Vereinnahmung.«584 Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke sprachen davon, dass es sich bei Harichs Ausführungen um eine »Fundamentalkritik« an der DDR-Praxis handelte.585 Harich selbst verstand seine Heine-Kritik als Hinweis an die »Adresse voreiliger Adepten«.586 Und es ist eindeutig, dass er damit die offiziellen Stellungnahmen der SED sowie der Teile der DDR-Intelligenz, wie wir sie in Hermlins Beitrag kennen gelernt haben, meinte. Die Idee des kulturellen, philosophischen und wissenschaftlichen Erbes hat er immer bejaht. Doch dieses sei nur dann richtig nutzbar, wenn es eben gerade nicht rein apologetisch oder einseitig verneinend gewonnen werde. Erbe-Pflege bedeute und impliziere kritische Hinterfragung – nicht zuletzt zeuge dies auch von dem Respekt, dem man den Vorläufern zubillige.587 Wenn dies nicht berücksichtigt werde, dann drohe die 584 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 310. 585 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 158. Deren Zielrichtung machten sie einerseits in den offiziellen Aufsätzen, Publikationen etc. aus. Gleichzeitig betonten sie, dass Harich auch die Weimarer Heine-Tagung im Visier hatte. Denn die Planungen für das eigentliche wissenschaftliche Hauptereignis des Heine-Jahres waren zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgeschlossen. (S. 158f.) Siehe grundlegend: Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 586 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 361. 587 Einige vorsichtige Momente der Kritik an Heine finden sich auch im SED-Papier: ZK der SED: Der deutsche Dichter H einrich Heine, S. 499. Dort: »Wenn Heine auch leidenschaftlich für die Revolution und sozialistische Ziele kämpfte, 257 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine »falsche Kanonisierung der Heineschen Methode«.588 Die Momente der »partiellen Übereinstimmung« mit dem Marxismus dürften die grundlegenden Differenzen zwischen den beiden Ansätzen nicht überlagern. Harich machte mehrere Punkte gegen Heine geltend, die in der Folge aufzuzählen sind:589 • Heine gelang es nie, »über eine geistreich politisierende Beleuchtung der großen Ideenkämpfe, über ein oft geniales, oft aber auch ganz oberflächliches Analogisieren politischer und ideengeschichtlicher Ereignisse hinauszugehen«. Das heißt, im fehlte schlicht der wissenschaftliche Blick des Marxismus, die Fähigkeit zum »realen Erkennen«.590 • In diesem Sinne seien seine philosophischen Leistungen zuvorderst feuilletonistische Arbeiten. Heine gebe treffende und gute Charakteristiken von Ereignissen und Personen, mehr aber auch nicht. • Auch wenn bei Heine von einer »Politisierung der Philosophiegeschichte« zu sprechen sei, so habe er doch »vielfach die wirklichen Zusammenhänge verfehlt«. Diese stelle erst der Marxismus her. • Grundsätzlich sei einzuwenden, dass Heine sich nicht auf den Standpunkt des historischen Materialismus stelle. Seine Weltanschauung gebärde sich als eine »eigentümliche Synthese von Hegel, Goe the und Saint-Simon«.591 so nahm er dennoch nicht völlig den Klassenstandpunkt des Proletariats ein. Seine Unklarheiten und Schwankungen wurden verstärkt durch die Isolierung, in die der kranke Dichter nach 1848 geriet. Heine wirkte trotz dieser im einzelnen irrigen Ansichten bis zu seinem Tode entschlossen für die Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, für den Sieg des gesellschaftlichen Fortschritts, des Sozialismus.« (S. 499) 588 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 362. 589 In der Vorbemerkung zur Heine-Gesamtausgabe (Heines Werke) findet sich diese Kritik in der hier wiedergegebenen Zusammenstellung noch nicht. Sie bildete sich also nach 1951 heraus und steht in Zusammenhang mit Harichs Interpretation der Erbe-Pflege der DDR. Die folgende Aufzählung nach: Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 356-367. 590 Am konkreten Beispiel argumentierend, äußerte sich Hermann Klenner anders als Harich. Siehe: Klenner: Hegel und der Klassencharakter des Staates, S. 648. 591 Diese Aussage zeigt Harichs Nähe zur Konzeption von Lukács, der schrieb: »Die Vereinigung von sozialistischer Theorie und revolutionärer Arbeiterbewegung bleibt bei Heine ein rein theoretisches Postulat, bestenfalls die aphoristische Fest- 258 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche • Heines Geschichtskonzeption sei idealistisch. Daraus resultiere, dass seine Sichtweise der Geschichte immer dort zu kurz greife, »wo es darauf ankäme, sie aus den Besonderheiten der ökonomisch-sozialen Entwicklung Deutschlands, aus den Veränderungen der materiellen Basis, aus dem Verhältnis der Klassen zueinander zu erklären«. • Harichs abschließender Kritikpunkt zielte auf Heines Art und Weise der Generierung seiner Theorie: »Mit dem Hervorgehen der neuen, revolutionären Weltanschauung und politischen Praxis aus der klassischen deutschen Philosophie hat Heine es sich entschieden zu leicht gemacht.« Er habe also durchaus das »Richtige« gesagt, es aber auf falsche Weise gewonnen. Im Prinzip ergibt sich durch diese Vorgehensweise eine merkwürdige Situation. Zuerst wurde Heine mit aller Macht als politischer Philosoph mit dichterischen Einschlägen bzw. einem lyrischen Hobby präsentiert. Und dann erklärte Harich in einem weiteren Schritt, welche zahlreichen Fehler er dabei gemacht habe. Walter Reese hat als charakteristisches Merkmal von Harichs Aufsatz herausgestellt, dass in dessen Darstellung, die kritisch-distanzierter Natur sei, »schärfste Kritik mit höchstem Lob wechselt«.592 Zu diesem Urteil passt sicherlich Harichs Schlusskommentar zu Heine: »Man kann von ihm zwar nicht behaupten, dass ihm die Zugehörigkeit der deutschen Philosophie zur deutschen Welt verborgen geblieben wäre: seine satirische Kritik an den philiströsen Schwächen und den spekulativen Verstiegenheiten der Klassiker des deutschen Idealismus, in deren problematischen Zügen er die Schwächen ihrer Nation kenntlich macht, bezeugt das Gegenteil. (…) Allerdings aber hat Heine ‚anderweitig hergeholte Forderungen und Resultate‘, nämlich die Ideen Saint-Simons stellung einer Notwendigkeit, sie wird aber niemals zu einer praktisch konkreten Erkenntnis. Die sozialistische Perspektive Heines schwebt also für ihn in der Luft. (…) Alle konkreten Vorstellungen fehlen. Von der sozialistischen Revolution als konkretem historischen Prozess hat Heine keine Vorstellung. In dieser Hinsicht bleibt er Zeit seines Lebens auf dem methodologischen Standpunkt des Utopismus: der Sozialismus ist für ihn ein Zustand, eine kommende Weltlage. (…) In dieser Hinsicht bleibt er ein saint-simonistischer Hegelianer.« Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter, S. 407. 592 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption, S. 311. 259 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine und Enfantins und die Forderungen der klassenbewussten französischen Arbeiter, dazu sein eigenes Revolutionärtum, nur zu oft als Schlussfolgerungen, die er aus den Prämissen von Kant, Fichte und Hegel gezogen habe, ausgegeben.«593 Vom 8. bis zum 13. Oktober 1956 fand dann in Weimar die große Heine Konferenz der DDR statt, die den Höhepunkt des Heine-Jahres markieren sollte. Dieter Schiller hat die Geschichte der Konferenz 2007 erstmals rekonstruiert.594 »Der Eröffnungsvortrag sollte von einer ‚Persönlichkeit des öffentlichen Lebens’ gehalten werden; da sich kein geeigneter Redner aus diesem Kreis fand, wurde diese repräsentative Aufgabe Harich übertragen.«595 Harich trug eine leicht überarbeitete Fassung seines gerade analysierten Aufsatzes aus der Sinn und Form vor und redete insgesamt knapp zweieinhalb Stunden.596 Die Tagung lief für DDR-Verhältnisse überaus kontrovers ab. Dabei geriet dann auch Harichs Ansatz in die Kritik. So forderte zum Beispiel Paul Reimann die Trennung zwischen Dichtung und Philosophie. Und Marianne Lange ergänzte in ähnlicher Richtung, dass das künstlerische Werk an sich auch zu untersuchen sei.597 Beide Einwände zielten also auf Harichs Konzept der politischen Sichtweise auf per se politische Kunst. Damit war er seinen Kritikern insofern voraus, als er den Marxismus auf seiner Seite hatte.598 Allerdings blieben in den folgenden Jahren die Grenzen einer möglichen Heine-Kritik in der DDR äußerst eng. Die SED und ihre philosophischen sowie kulturellen Eliten wollten nicht auf »ihren Heine« verzichten. Das allerdings evidiert noch einmal den hohen Stellenwert von Harichs Aufsatz. 593 Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, S. 368f. 594 Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199-211. 595 Goltschnigg/Steinecke: Künstlerjude unter Deutschen, S. 159. 596 Hermand: Streitobjekt Heine, S. 24. 597 Reese: Zur Geschichte der sozialistischen H eine-Rezeption, S. 312. Von Marianne Lange erschien am 20. Oktober auch ein Artikel im Neuen Deutschland über die Konferenz. Lange: Nach der wissenschaftlichen Heine-Konferenz, S. 4. 598 Hierzu auch die entsprechenden Passagen in: Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR, S. 14. 260 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Am 29. November 1956 wurde Harich auf Befehl Walter Ulbrichts verhaftet und im März des nächsten Jahres wegen angeblicher Bildung einer »konterrevolutionären Gruppierung« zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.599 Mit diesem Thema werden wir uns gleich beschäftigen. Da Harichs Werk mit allen Mitteln aus dem öffentlichen Gedächtnis der DDR-Intelligenz getilgt werden sollte, kamen seine Schriften auf den Index. So wurden die Vorträge des Heine-Kongresses nicht schriftlich herausgegeben. Nach Harichs Verhaftung etablierte sich Hans Kaufmann als Heine-Experte der DDR, er hatte endlich freie Fahrt. Der Preis, den er dafür zu bezahlen hatte, war allerdings sehr hoch: Als nur einer von zwei Deutschen war er an der Schmähschrift gegen Lukács (Georg Lukács und der Revisionismus) beteiligt, die 1960 im Aufbau-Verlag erschien. Der Titel seines Beitrags lautete: Lukács’ Konzeption eines »dritten Weges«. Diese Konstellation ist sicherlich kein Zufall. 599 Diese Ereignisse sind relativ gut erforscht, erste Einblicke und Orientierungen bietet: Heyer: Wolfgang Harichs Demokratiekonzeption aus dem Jahr 1956, S. 529- 550. Der kranke Heinrich Heine (oben), Bleistiftzeichnung von Charles Gleyre, 1851; Heine: Der Doktor Faust, 1851

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.