11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 197 - 236

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-197

Tectum, Baden-Baden
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Teil 2: Umbrüche Briefmarkensatz der DDR, 1982 199 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Marx und Engels gehören zusammen, Goe the und Schiller ebenso. Man kann die Namen nur schwer trennen, der eine ist ohne den anderen kaum zu verstehen, zu haben schon gar nicht. Von daher sei es erlaubt, hier einmal eine Ausfahrt zu nehmen, vom Thema abzubiegen – auf Friedrich Schiller zu blicken. Dessen Jubiläen wurden 1955 und 1959 (der 200. Geburtstag) begangen, das erste Datum, der 150. Todestag, ist hier für uns interessant. Vor allem, da seit den Goe the-Feiern sechs Jahre vergangen waren, die damals beschworenen Ideale, Wünsche und Hoffnungen also genug Zeit hatten, sich in der Realität niederzuschlagen – was sie nicht taten, ganz im Gegenteil. Insgesamt vier Zwischenstücke werden im Fortgang dieser Analyse nun geliefert: Das zu Schiller, danach eines zu Harichs Heine-Bild und schließlich folgt ein Schritt in die Geschichte, in die Ereignisse des Jahres 1956. Zudem wird das Verhältnis von Harich und Mayer kurz beleuchtet, da Mayers Opportunismus exemplarisch ist für den Untergang der DDR. Anschließend können wir dann schauen und, hoffentlich, überblicken, wie sich die Goe the-Sicht unserer Protagonisten weiterentwickelte, veränderte, sich dennoch treu blieb (oder auch nicht). Die bereits bei der Rekonstruktion des Goe the-Bildes der DDR erwähnten und analysierten Theoretiker, Lukács, Harich, Mayer, Bloch (und Becher, als Minister), äußerten sich auch alle zu Schiller, so dass es möglich ist, jeden in der Folge kurz zu Wort kommen zu lassen, um zu sehen, wie sie Schiller beurteilten und einschätzten, welches Erbe sie ausmachten, welche Chancen und Potenziale sie sahen. Wie schon im 200 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Fall Goe the bietet es sich an, mit den Ausführungen von Georg Lukács zu beginnen, der in der Mitte der dreißiger Jahre ein modernes marxistisches Bild der deutschen Literatur zwischen 1750 und 1850 entwarf – immer bei gleichzeitiger Mit-Betrachtung, Mit-Analyse der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus (am deutlichsten in den Aufsätzen Hölderlins Hyperion und Schillers Theorie der modernen Literatur).425 Lukács’ Beschäftigung mit Schiller fand im engen Zusammenhang mit seinen Goe the-Studien statt. Folgende Texte sind, chronologisch geordnet, für diese marxistische Frühphase (nach Geschichte und Klassenbewusstsein) von Relevanz. Eine Gruppe, die Lukács dadurch gebildet sah, dass er in den einzelnen Beiträgen versucht habe, die ästhetischen Bemerkungen von Marx und Engels zu sammeln, anzuwenden und zu konkretisieren:426 Franz Mehring, 1933; Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, 1934; Hölderlins Hyperion, 1934; Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer, 1934; Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ä sthetik, 1934; Zur Ästhetik Schillers, 1935; Schillers Theorie der modernen Literatur, 1935; Die Leiden des jungen Werther, 1936; Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1936; Faust-Studien, 1940.427 Schon diese rein quantitative Aufzählung verdeutlicht, dass Lukács’ Erkenntnisinteresse äußerst weit gespannt war, von Mehring bis Nietzsche, von der Bestimmung der Ästhetik bis zur Vermessung der idealistischen Philosophie. Es ist hier schlichtweg nicht möglich, diese frühen Ansätze einer systematischen Ästhetik des Marxismus gebührend abzu- 425 Lukács: Hölderlins Hyperion, S. 171-199. Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 118-170. 426 Siehe: Lukács: Vorwort zu den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik, S. 5. »Mit dieser Bestrebung hängen meine aus dieser Zeit stammenden Versuche zusammen, den dialektischen Zusammenhang der fortschrittlichen und reaktionären Tendenzen der deutschen idealistischen Ästhetik aufzuzeigen (Schiller); das Zurückprallen und Reaktionärwerden der ästhetischen Entwicklung im Zusammenhang mit der Revolution von 1848 klarzumachen (Vischer); die ideologische Krise, die Verdunkelung der Lehren des Marxismus im Zeitalter der II. Internationale im Zusammenhang mit der Tätigkeit eines Revolutionärs und bedeutenden Schriftstellers vom Range Mehrings aufzuweisen; und endlich: Den Vorläufer der dunkelsten Reaktion, des Faschismus, Nietzsche, auch auf dem Gebiete der Ästhetik zu entlarven.« (Ebd., S. 5) 427 Alle weiteren Hinweise im Literaturverzeichnis. 201 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 handeln. Vielmehr geht es darum, in Ergänzung der Ausführungen zu den Faust-Studien das Schiller-Bild von Lukács mit einigen knappen Strichen zu skizzieren. Wie für ihn üblich begann Lukács in dem Aufsatz Schillers Theorie der modernen Literatur mit einer Analyse und Schilderung der damaligen bürgerlichen Gesellschaft, um den Hintergrund von Schillers Wirken zu kennzeichnen. Dabei thematisierte er vor allem den »Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung«.428 Da dieser die Einsicht in die bewegenden Kräfte der gesellschaftlichen Gegenwart permanent schwerer mache, sei die bürgerliche Literatur nur noch durch Idealisierung in der Lage, positive Helden zu schaffen. Die Schranken Schillers, seine Begrenztheiten und Missverständnisse, würden aus den »tragischen Widersprüchen des bürgerlichen Humanismus entspringen«.429 Ganz pragmatisch formuliert: »Der Dualismus von Ideal und Wirklichkeit ist auf dem Boden der bürgerlichen Ideologie nicht zu überwinden.«430 Zusammen mit der spezifisch deutschen Situation (deren Sichtweise durch Lukács wir bereits wiedergegeben haben), ergebe sich, dass, von einigen Ausnahmen abgesehen (Georg Forster, Hölderlin), die bürgerliche Klasse in Deutschland die Französische Revolution ablehnen musste. Und dies wiederum 428 Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 125. 429 Ebd., S. 133. 430 Ebd., S. 150. Friedrich Schiller, Stahlstich von Johann Leonhard Raab, 1865 202 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche habe das Scheitern der dichterischen Versuche der Gestaltung der eigenen Gegenwart zur Folge.431 Wie schon bei Goe the vermag der Vergleich mit Hegel Einsicht zu erbringen: »Die Entwicklung des jungen Hegel zeigt am klarsten, wie sehr im damaligen Deutschland die beiden Komplexe, einerseits die Bejahung der Französischen Revolution und das Kulturprogramm der Erneuerung der Antike und andererseits die themidorianische Abkehr von den revolutionären Methoden und die Auffassung der Antike als einer endgültig vergangenen Epoche, aufs Engste miteinander zusammenhängen. Es ist sehr bezeichnend, dass beim jungen Hegel die eingehende Beschäftigung mit der klassischen englischen Ökonomie im Mittelpunkt jener Krisenperiode steht, die diese politische Wendung in der Beurteilung des Griechentums zu Stande bringt. Bei Schiller fehlt diese ökonomische Einsicht Hegels; er formuliert seine geschichtsphilosophischen Probleme immer rein ideologisch, wenn auch unter dieser ideologischen Hülle oft eine nicht unbeträchtliche Höhe von Geschichtserkenntnis verborgen ist.«432 Doch nicht die Kontrastierung von Schiller und Hegel war Lukács’ Ziel. Ganz im Gegenteil. Gerade für das Gebiet der Ästhetik machte er Schiller als Vorläufer von Hegel aus.433 Der Durchbruch zum objekti- 431 »Es gab immer wieder einzelne, die diese Ablehnung nicht mitgemacht, die dieses Zurückschrecken vor den letzten Konsequenzen der bürgerlichen Revolution individuell überwunden haben (…). Ausschlaggebend ist vielmehr, dass in dieser Periode der große Weg der bürgerlichen Klasse der einer solchen Ablehnung der plebejischen Weiterführung der bürgerlichen Revolution sein musste: Der Weg der Goe the, Hegel und Balzac (…). Schiller hat seine Entscheidung gegen die plebejischen Tendenzen getroffen. Darum war es notwendig, dass er das inhaltlich-geschichtliche Problem der Ungünstigkeit des modernen bürgerlichen Lebens als Gegenstand einer großzügigen und darum notwendigen öffentlichen dramatischen Gestaltung nicht lösen konnte.« Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 134. 432 Ebd., S. 136. Vor allem Harich hat diese Analyse des jungen Hegel, des ökonomisch denkenden Hegel mehrfach als wichtige wissenschaftliche Leistung von Lukács herausgestellt, siehe vor allem die Hegel-Vorlesung sowie das Gutachten Harichs zu Lukàcs’ Jungem Hegel: Beide abgedruckt in dem Band: Harich: An der ideologischen Front, die Vorlesung S. 437-713, das Gutachten S. 170-174. 433 »Schiller ist darin der Vorläufer Hegels in der Ästhetik, dass seinen ästhetischen Kategorien die Ahnung wichtiger gesellschaftlicher Bestimmungen des bürgerlichen Lebens zu Grunde liegt. Darin, dass er diese gesellschaftlichen Bestimmun- 203 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 ven Idealismus sei Schiller jedoch immer versperrt gewesen, da es ihm nicht gelungen wäre, sich von Kant zu lösen. (Diese These wurde eine der Grundlagen des modernen marxistischen Schiller-Bildes der fünfziger Jahre.) Aber selbst diese Elemente der Stagnation, und nichts anderes war nach Lukács das Festhalten an Kant nach dem Auftauchen von Fichte und Schelling, wirkten auf Hegel ein bzw. nahmen diesen vorweg (nach Lukács: »sehr oft Hegel vorwegnehmend«)434. Es gebe eine »methodologische Verwandtschaft Schillers mit der genialen und verwirrenden Doppeldeutigkeit der Phänomenologie des Geistes«,435 die sich darin offenbare, dass es Schiller gelinge, zur Problematik der Literatur im Kapitalismus vorzustoßen. Ahnung, mehr aber auch nicht! Schiller habe an der Schwelle stehen bleiben müssen, zur real vorhandenen Einheit der Widersprüche konnte er nicht vordringen: »Diese Schranke der Schillerschen Methodologie hängt aufs Allerengste mit seinem unüberwundenem Kantianismus zusammen.«436 Schillers Denken als Vorstufe zur Philosophie Hegels. Der Chronologie nach Leben und Tod entspricht, das ist der mehr als nur künstlich konstruierende Lukács, der historische Ablauf in finalistischer Perspektive: »Es ist klar, dass die bürgerliche Gesellschaft in Hegels Ästhetik in einer viel entfalteteren Form erscheint, dass in Bezug auf ihre Entwicklungsperspektiven schon die Illusionen der heroischen Periode als endgültig vergangen betrachtet werden müssen. Selbstverständlich spielen bei der relativen Illusionslosigkeit Hegels in dieser Hinsicht auch noch andere Motive eine Rolle. So sein ausgebildeter objektiver Idealismus, seine tiefere Einsicht in die ökonomische Struktur der kapitalistischen gen und ihren ästhetischen Widerschein vorbehaltslos als Tatsachen akzeptiert und auf der Basis ihrer Erforschung die spezifischen Grundzüge der modernen Literatur herausarbeitet. Und schließlich darin, dass er sich nicht mit einer blo- ßen Feststellung der Struktur und Eigenart der bürgerlichen Kunst zufrieden gibt, sondern nach einem allgemeinen Maßstab für die Kunst strebt, mit Hilfe dessen ihre bürgerliche Entwicklungsetappe nicht nur in ihrer Eigenart erkannt, sondern zugleich ihrem Wert nach beurteilt werden kann.« Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 152. 434 Ebd., S. 166. 435 Ebd., S. 156. 436 Ebd., S. 160. 204 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Gesellschaft usw. Aber dieser Fortschritt der Erkenntnis ist auch nicht bloß ein persönliches Vorwärtsschreiten Hegels im Vergleich mit Schiller, sondern vor allem der gedankliche Widerschein der objektiven Weiterentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft selbst.«437 In dem Aufsatz Zur Ästhetik Schillers hat Lukács dieses Gedankenkonstrukt noch präziser umrissen, dort ging es ihm um die Frage, wo Schillers Überlegungen einzuordnen sind in dem »Entwicklungsweg von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Phänomenologie des Geistes«.438 (Das ist ja der Entwicklungsweg der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus.) Lukács führte aus, dass sich Schiller bewusst gewesen sei über den praktischen und aktuellen Charakter der Erörterung geschichtlicher Probleme. Daraus resultiere die seinen Werken inhärente Progressivität, die schließlich zu Hegel führte. Schiller gelange »zuweilen ganz in die Nähe jener dialektischen Konzeption der Geschichte, die Hegel später mit dem idealistischen Terminus ‚List der Vernunft‘ bezeichnet hat«.439 Maßgeblich dafür sei vor allem seine ästhetische Konzeption: »Aber wenn Schiller die Ästhetik ins Zentrum rückt, so hat das auch eine (…) Seite, die für die Entwicklung der klassischen deutschen Philosophie in positivem Sinne außerordentlich folgenschwer geworden ist. Schiller ist einerseits ein Kantianer, der die Grundlinien der Kantschen Erkenntnistheorie, das unerkennbare Ding an sich, niemals einer Kritik unterworfen hat. Er ist aber andererseits – wie dies Hegel wiederholt hervorhebt – der erste, der den Weg zum objektiven Idealismus eingeschlagen hat.«440 Schiller könne und dürfe nicht nur als Kantianer betrachtet werden, er habe vielmehr dazu beigetragen, den objektiven Idealismus vorzubereiten. (Ebenso wie Kant nicht nur Sackgasse, sondern auch Wegbereiter, Vorbereiter sei. Nicht nur Kompromiss, auch radikaler Bruch mit dem 437 Lukács: Schillers Theorie der modernen Literatur, S. 168. 438 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 94. 439 Ebd., S. 95f. 440 Ebd., S. 17. Und weiter heißt es: »Dass die Ästhetik ein solcher Weg zum objektiven Idealismus gewesen ist, ist aus der Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, aus der Rolle der Ästhetik in dem Aufbau des objektiven Idealismus Schellings in dessen Jenenser Periode hinlänglich bekannt. Es ist auch bekannt, dass der Ausgangspunkt dieser Entwicklung die Kritik der Urteilskraft Kants gewesen ist.« (Ebd.) 205 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Vergangenen.)441 Das vor allem repräsentiere das Progressive bei ihm. Und es ist laut Lukács so stark, wichtig, zentral, dass es alle rückschrittlichen Elemente interpretativ überlagern müsse, also zentral zu fokussieren sei. Schiller »erweist sich als wichtiger Mitkämpfer jener Richtung in Philosophie und Literatur, die nach der Französischen Revolution, gestützt auf ihre Erfahrungen, den Fortschritt des Menschengeschlechts mit der Methode des Historismus verteidigte, also nicht mehr bloß auf der Grundlage des Gegensatzes von Vernunft und Unvernunft, wie die Aufklärung. Die Gegenwart als Produkt und Weiterbeweger der geschichtlichen Bewegung ist naturgemäß auch für die Kunstauffassung Motiv der Umwälzung. Jene Dialektik des Absoluten und Relativen, des Fortschritts, der künstlerischen Produktion und des Bewahrtbleibens der ästhetischen Werte steht im Mittelpunkt der Schillerschen Bestrebungen, die Kunst seiner Gegenwart gleichzeitig historisch und ästhetisch richtig zu erfassen.«442 Der dritte Aufsatz von Lukács, der hier abschließend kurz rekapituliert werden soll, beschäftigt sich mit dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the (dieser umfasst den Zeitraum 1794-1805, also aus marxistischer Perspektive die hochinteressante Zeit der Verarbeitung der Erfahrungen der Französischen Revolution) und ist 1934 entstanden. Hans Mayer stellte knapp vierzig Jahre später fest – nach der kurzen Darstellung der kritischen Stimmen zum Briefwechsel, von Grabbe bis Nietzsche: »Es ist nur scheinbar paradox, dass die marxistische Literaturwissenschaft, von Franz Mehring bis Georg Lukács, mit Begeisterung und Scharfsinn bemüht war, den ästhetischen Gehalt des Briefwechsels zu erschließen, um ihn gar in den Rang einer ästhetischen Normativität zu erheben.«443 In der Tat sah Lukács in dem Briefwechsel einen »noch ungehobenen Schatz unseres kritischen und literaturtheoretischen Erbes« (was wieder einmal eine Spitze gegen Mehring ist), der seinerseits kritisch verarbeitet werden 441 Zur Kant-Rezeption in der DDR: Heyer: Kants Philosophie in den ersten J ahren der DDR, S. 359-418. Thom: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, S. 86-120. 442 Lukács: Zur Ästhetik Schillers, S. 96. 443 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 77f. 206 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche müsse.444 Als »einzigartiges Dokument« sei der Briefwechsel von herausgehobener Bedeutung: »Denn Goe the und Schiller waren nicht nur die bedeutendsten Schriftsteller ihrer Periode, sondern standen auch kunsttheoretisch auf der Höhe einer außerordentlich hohen philosophischen Entwicklung, der Entwicklung der idealistischen Dialektik in Deutschland, der Entwicklung der Philosophie und Kunsttheorie von Kant bis Hegel. Die theoretischen Werke Goe thes und Schillers bilden eine der wichtigsten Etappen auf dem Entwicklungsweg der deutschen Philosophie und Ästhetik von der subjektiv idealistischen Dialektik Kants zu der objektiv idealistischen Dialektik Hegels.«445 Es schließen sich dann die für Lukács typischen Ausführungen zur politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Situation Deutschlands um 1800 an. Wichtig ist, dass Lukács exakt herauszuarbeiten versuchte, dass vor allem die Positionierung zur Französischen Revolution die Grundlage des gemeinsamen Arbeitens von Goe the und Schiller war. Die Ablehnung der Revolution und der revolutionären Methode bilde »die gesellschaftlich-ideologische Grundlage für den deutschen ‚Klassizismus‘«.446 Und dennoch, auch in der Ablehnung der Revolution, in dem Bekenntnis zur bürgerlichen Welt der vorrevolutionären Zeit wären grundlegende Differenzen zwischen Goe the und Schiller gut zu erkennen, die ihrer, dies meinte Lukács durchaus programmatisch, »Freundschaft von Anfang an bestimmte Grenzen« setzten (diese Differenzen seien »auf allen Gebieten und ständig vorhanden« gewesen und hätten sich »im Lauf der Zeit immer mehr« vertieft):447 »Goe the steht von Anfang an auf einem aufklärerisch-humanistischen, im wesentlichen evolutionären Standpunkt. Sein Realismus verhilft ihm dazu, diese Gesamtanschauung durch die Periode der Französischen Revolution hindurch zu bewahren und den neuen Ver- 444 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 68f. 445 Ebd., S. 70. 446 Ebd., S. 75. »Wir können also zusammenfassend sagen, dass die gesellschaftlich-politische Zusammengehörigkeit den Rahmen der gemeinsamen Wirksamkeit Goe thes und Schillers bestimmt. Im Zentrum dieser Zusammenarbeit steht das Trachten nach Schaffung einer bürgerlich-klassischen Kunst. Die Versuche, die großen theoretischen Probleme der Kunst zu klären, stehen ausnahmslos im Dienst dieser dichterisch-praktischen Frage.« (Ebd., S. 80.) 447 Ebd., S. 75f. 207 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 hältnissen ideologisch anzupassen. Schiller ist ein kleinbürgerlich-idealistischer Revolutionär, dessen revolutionärer Humanismus, dessen ideologischer Ansturm gegen das feudal-absolutistische Deutschland schon vor der Französischen Revolution zum Scheitern kommt.«448 Im Folgenden können einige knapp gehaltene Stichpunkte die Thesen von Lukács zur Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit (teilweise aber auch zu den trennenden Motiven) von Goe the und Schiller weiter verdeutlichen:449 • Beide arbeiteten für eine bürgerlich-klassische Kunst. (S. 82) • Im Vordergrund habe dabei das Problem der Form gestanden. (S. 82) • Sie erkannten die negativen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Entwicklung der Kunst. (S. 84) Vor allem mit Blick auf die Arbeitsteilung. (S. 82f.) • Das Leitbild der Antike sei nicht prinzipiell unerreichbar, es könnte verwirklicht werden. (S. 92) • Damit werde die idealistische Seite ihres Denkens erkennbar. Es sei ihnen nicht möglich, »das Problem der künstlerischen Form als ein (…) Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung aufzufassen«. (S. 92) • »Sie verirren sich in den idealistischen Utopismus, in die Illusion, Krankheiten, die aus dem gesellschaftlichen Sein entspringen, durch Heilung des künstlerischen Bewusstseins aus der Welt schaffen zu können, in die Illusion, die Problematik der modernen Kunst von der Formseite aus überwinden zu können.« (S. 92) • Beide hätten das »große zentrale Problem« der Kunst des 19. Jahrhunderts erkannt: »Die Frage der künstlerischen Überwindung der Hässlichkeit, des unkünstlerischen Charakters des bürgerlichen Lebens«. (S. 98) • Ihr Grundproblem sei die Darstellung der wirklichen Widersprüche des modernen Lebens gewesen. (S. 101) Während Goe the Zeit seines Lebens ein bedeutender Realist war, müsse von Schiller als dem »geborenen Tragiker« gesprochen werden, »dessen 448 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 75. 449 Alle Angaben nach: Ebd. Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 208 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Lebenselement der Widerspruch in seiner tragischen Zuspitzung gewesen ist«.450 Daraus resultiere, dass bei ihm, anders als bei Goe the, seine an sich richtigen Fragestellungen nur in echten Verzerrungen gelöst werden konnten. Eine Problematik, die zudem seine Stellung und Verortung in der Philosophie der damaligen Zeit ermöglichte, gleichzeitig auch aus dieser resultierte: »Als philosophischer Idealist, der den Weg vom subjektiven Idealismus zum objektiven gesucht hat, konnte Schiller das Hinausgehen über die kleinliche Reproduktion der unmittelbaren Wirklichkeit anders formulieren, indem er die wesentlichen Bestimmungen des Lebens, die die Kunst gestalten soll, von jedem Zusammenhang mit dem Leben loslöst und als Bestandteile einer Ideenwelt auffasst. Diese allgemeine Verzerrung der Probleme ins Idealistische steigert sich bei Schiller noch dadurch, dass er zwischen einer großartigen objektiven Auffassung der Widersprüche des historischen Lebens und einer moralisierenden Verengung dieser Probleme – philosophisch zwischen einem objektiven Idealismus, der aus ihm einen der wichtigsten Vorläufer Hegels macht, und einer bloßen Nachfolge, Auslegung und Anwendung des Kantischen subjektiven Idealismus – hin und her schwankt. Seine künstlerische Praxis ist somit ein ziemlich genaues Spiegelbild seiner philosophischen Zwischenstellung zwischen Kant und Hegel.«451 Banal formuliert lässt sich also zusammenfassen, wenn wir die bisher dargestellten Ausführungen von Lukács rekapitulieren: Hegel suchte Goe the und fand diesen, Schiller stand zwischen Kant und Hegel und konnte nie das Erbe Kants überwinden, die Verständigung über die Gemeinsamkeiten, auch die unausgesprochenen, die nicht bewussten, ist zwischen Goe the und Hegel eigentlich größer gewesen als zwischen Goe the und Schiller. Diese Betrachtungen abschließend, ein letztes größeres Zitat (es bildet bei Lukács den Schluss seiner Ausführungen): »Goe the und Schiller treten mit voller Bewusstheit das Erbe des ganzen bürgerlichen Aufschwung von der Renaissance bis zur Aufklärung an und bilden diese Erbschaft im Sinne der neuen Probleme des beginnenden 19. Jahrhunderts, der Periode nach der Französischen Revolution um. Sie sind also stets zugleich 450 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 99. 451 Ebd., S. 100f. 209 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Erben und Überwinder der Aufklärung. Selbstverständlich würde eine sehr eingehende Betrachtung ihrer Anschauungen zeigen, dass sie auch in manchen Punkten bei Schwächen und Vorurteilen der im großen Ganzen überwundenen Periode stehen geblieben sind.«452 Es ist nicht so einfach, diesen Sätzen zu folgen. Denn die Aufklärung, das Erbe der Aufklärung, so denkt man doch, führte in die Französische Revolution. In vielfältigen und differenzierten Nuancierungen wurde es dort von eigentlich allen politischen Richtungen bemüht, lebendig gehalten, in praktische Tätigkeit umgesetzt. In der Revolution waren ja eigentlich so ziemlich alle Protagonisten Rousseauisten – wobei Rousseau als Chiffre für die Ideale fungierte, die die jeweilige Person als Erbe der Aufklärung auf Rousseau projizierte. Dass die Ideale der Aufklärung in Weimar überwinterten, dort die bösartige Revolution überlebten, und dann in neu gestalteter Form das 19. Jahrhundert prägten – diese These müsste bewiesen werden, die Schriften von Lukács können das nicht. An diesem Punkt ist eine Debatte mit Lukács notwendig, sie ist aber zu unterscheiden von jener Kritik, die Hans Mayer 1973 an Lukács übte. Denn diesem ging es um seine Sonderstellung, um die eigene Originalität, aber nicht um die Sache. (Im Fortgang des Buches wird noch mehrfach deutlich werden, dass Mayer spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre versuchte, sich in seinen Publikationen von Lukács zu lösen, dessen Thesen freilich beibehielt und als seine eigenen ausgab. Ab 1956 war er damit im Prinzip sogar auf Parteilinie, wenn man davon absieht, dass die SED den Namen Lukács eigentlich gar nicht mehr nennen oder hören wollte. Wir kommen darauf zurück.) Mayer schrieb: »In seiner Abhandlung von 1934 über den Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the unternimmt Georg Lukács eine differenzierte Bewertung der Partner. Unlieb muss es ihm dabei sein, was er nicht verhindern kann, dass er in die Nachbarschaft Friedrich Nietzsches gerät, denn auch Lukács sieht das Ereignis dieses Gedankenaustauschs und seiner poetischen Resultate im Anteil Goe thes.«453 Wenn dies allerdings der Maßstab sein soll, mit dem wir zu messen haben nach Mayer, dann ist diesem zu attestieren, was er gerade Lukács vorwarf. 452 Lukács: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goe the, S. 116. 453 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 78. 210 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Denn als er 1955 die Rede Das Ideal und das Leben zum Schiller-Jubiläum hielt, da zitierte er ein paar Zeilen aus dem Gedicht Die Künstler von Schiller, sagte exakt einen Satz zu diesem und widmete sich danach ausführlich Goe the, um anhand von dessen Begriff en die Person Schillers messen zu können.454 Aber Pfeile, die man selber abschießt, treff en einen nicht. Mayer störte sich daran, dass Lukács den »kleinbürgerlich-idealistischen Revolutionär« Schiller dem Realisten Goe the gegenübergestellt hatte. Und dies ist in der Tat eine sehr schwierige Konstruktion von Lukács, die aus dessen Methode, aus der zu sehr einteilenden Sicht auf Literatur und Philosophie resultierte. Mayer formulierte: »Dies sind Gleichungen mit vielen Unbekannten. Evolution und Revolution, Humanismus und Realismus. Zwei theoretische Prämissen verhindern, dass die Gleichung aufgehen kann: Die grundsätzliche Abwertung der national-deutschen Bewegung samt ihrer romantischen Verkleidung innerhalb des Aufklärungsprozesses, und die Fixierung von Lukács auf das sowjetische, von ihm selbst inaugurierte Dogma vom Primat des Realismus.«455 Wichtig ist auch, was Mayer 1973 für die Verortung von Goe the und Schiller innerhalb der klassischen deutschen idealistischen Philosophie kritisch anmerkte. Wie gesehen, hatte Lukács nicht nur in seinen Schiller-Aufsätzen, sondern bis hinein in die fünfziger Jahre in seinen allgemeinen theoretischen Schriften zur deutschen Literatur, den Weimarer Klas- 454 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 9f. 455 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 78f. Sondermarken der DDR zum Schiller-Jahr, 1955 211 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 sizismus deswegen also progressiv eingestuft, da dieser »vorwegnehme«. Also antizipiere, über das Gegebene hinausgehe, demnach auch dort, wo er eigentlich zurückschaue, nach vorn blicke. Dies war ein, wie Mayer mit aller Berechtigung feststellt, misslungener Versuch der Ehrenrettung Goethes und Schillers: »Diese These ist nicht neu: Sie darf als – unberechtigte – Abwandlung von Gedanken Heines interpretiert werden. Der Autor einer Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland konfrontierte die Radikalität der deutschen philosophischen Ideologie, von Kant bis zu Hegel, mit den Etappen der Französischen Revolution und befand: Hegel sei, wie eine künftige Praxis erweisen werde, radikaler als Robespierre. Lukács möchte eben dies auch für den Weimarer Klassizismus in Anspruch nehmen: Womit er freilich in Heine durchaus keinen Alliierten gewinnen kann.«456 Die Gründe für diese Fehleinschätzungen Lukács’ machte Mayer nicht nur in dessen starren Antinomien, ja, dieser Begriff erscheint durchaus angebracht, aus (»guter Realismus und schlechter Formalismus, Fortschritt und Dekadenz, guter Rationalismus und schlechter Mythos«), sondern etwa auch in der Abwertung der Romantik.457 Diese kritische Sicht auf die Romantik war nun ihrerseits ein wichtiger integrativer Bestandteil der marxistischen Philosophie und Literaturbetrachtung in der jungen DDR und gleichzeitig kompatibel mit der offiziellen staatlichen Einschätzung der Kulturgeschichte.458 Doch Mayer hat sich nicht an der einseitigen Verteufelung beteiligt, in den frühen sechziger Jahren unternahm er in Leipzig, es war sein letztes Forschungsfeld vor dem Weggang aus der DDR, eine Neubestimmung des Romantik-Bildes. (Wir kommen darauf später zurück.) Mit seiner Kritik an Lukács traf 456 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 79f. 457 Ebd., S. 80. »Hier rächt sich die Abwertung der Romantik und der deutschen au- ßenpolitischen Emanzipationsbewegung gegen napoleonische Fremdherrschaft. Von Mehring, den Lukács im allgemeinen herunter zu machen liebt, wird die Fehldeutung der Romantischen Schule als einer junkerlichen Regression übernommen, wodurch ein ästhetischer und harmonikaler Klassizismus gestärkt werden kann: Viele Argumente von Lukács gegen Kleist finden sich bereits, und aus ähnlicher Deduktion, bei Friedrich Gundolf.« (Ebd.) 458 Siehe: Kapferer: Das Feindbild der mar xistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 27-34, dort auch zur Romantik-Debatte in der zweiten Lebenshälfte der DDR-Wissenschaften, S. 229-256. 212 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Mayer durchaus die richtigen Punkte. Aber es gibt ja auch noch die Frage der Motivation (die in den weiteren Ausführungen noch deutlicher werden wird). Und so ist es nur eine Kritik um der Kritik willen, wenn Mayer Lukács beispielsweise vorwirft, dass dieser sich in dem Aufsatz zum Briefwechsel zwischen Schiller und G oe the ausschließlich an den Briefwechsel halte (was noch nicht einmal stimmt) und diesen für bare Münze nehme (was erst recht nicht zutrifft).459 Doch nicht die Kritik an Lukács stand in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre an. Vielmehr war dieser (bis zu den ungarischen Ereignissen von 1956) eine der (die?!) zentralen Instanzen in marxistischer Philosophie und Literatur. Im Herbstsemester 1955 begann Harich an der Berliner Humboldt-Universität erneut mit seinem Zyklus zur Geschichte der klassischen deutschen Philosophie. Im Prinzip lässt sich sagen, dass Harich in der Vorlesung zwei große Themenblöcke bildete: Zum einen die Philosophie Kants, die den ganzen Kant, von den vorkritischen Schriften bis zu den Kritiken, umfasst,460 und zum anderen die Philosophie Hegels, die Gegenstand des zweiten Teils der Vorlesung im folgenden Semester war (es ist die überarbeitete Version seiner skandalträchtigen, ja, die Partei hielt die Positivierung Hegels für einen Skandal, Hegel-Vorlesung).461 Diese Schwerpunktbildung passt gut zu Harichs chronologischer Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, die er immer von 459 »Charakteristischer Weise hält sich der Analytiker ausschließlich an den Briefwechsel, den er absolut setzt, niemals in seiner Aufrichtigkeit anzweifelt, nie auch zu konfrontieren versucht mit den während der Jahre dieser Korrespondenz entstehenden Dichtungen von Goe the und Schiller.« Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 781. 460 Harichs umfangreichen Kant-Studien liegen gedruckt vor. Harich: Widerspruch und Widerstreit. Dort auch Vorträge, Manuskripte und Notizen aus den fünfziger Jahren sowie eine zwei Sitzungen umfassende Vorlesung von 1956 zur klassischen deutschen Philosophie. 461 Siehe hierzu vor allem das Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts der HU vom 16. April 1952, das der Debatte um Harichs Hegel-Vorlesung gewidmet ist. Harich: An der ideologischen Front, S. 160-169. Die Hegel-Vorlesung, S. 437-714. Auf Camilla Warnkes Schilderungen und Interpretationen der Hegel-Vorlesungen Harichs wurde bereits verwiesen. Siehe auch die Wiedergabe ihrer Mitschrift zu: Warnke: Wolfgang Harich über den deutschen Pantheismus, S. 167-198. Davor die Einführung: Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, S. 159-166. 213 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Kants Kritik der reinen Vernunft bis zu Hegels Tod zeitlich ansetzte.462 Andere Werke, Personen, Theorien dieser Epoche wurden von Harich zumeist unter dem Gesichtspunkt analysiert und interpretiert, welche Rolle sie bei der Entwicklung von Kant zu Hegel spielen. Ein ideengeschichtliches Verfahren, das er mit Georg Lukács teilte. Harichs Vorlesung ist hier von Interesse, da er in dieser ein marxistisches Bekenntnis zum klassischen Erbe abgelegt hat, das in der frühen DDR-Philosophie seinesgleichen sucht. Der 13. und abschließende Paragraph (die Behandlung Schellings war Harich zeitlich nicht mehr möglich) beschäftigt sich mit Schiller als Philosoph. Der normale Weg bei der Behandlung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus gehe von Kant über Fichte zu Schelling und dann zu Hegel. Harich spitzte nun pointiert zu, dass Schelling in einem doppelten Bezugsgefüge verstanden werden müsse: Zum einen der deutsche Pantheismus der achtziger Jahre, zum anderen die philosophischen Errungenschaften Schillers. Ausschließlich der philosophische Schiller wurde von Harich behandelt, der sich dabei explizit auf Lukács berief (und zwar auf dessen Aufsätze Schillers 462 In dem § 3: Die klassische deutsche Philosophie in der Vorlesung Die Entstehungsgeschichte des Marxismus trug Harich folgende Aufzählung als Grundlage seiner Ausführungen vor den Studenten vor: »Was versteht man darunter? Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Zeitraum: Von 1781 (Kritik der r einen Vernunft) bis 1830 (Hegels Tod). Keine Voraussetzung der bürgerlichen Revolution. Ökonomische Rückständigkeit (Verlagerung der Handelsstraßen nach der Entdeckung Amerikas). Kein einheitlicher Nationalstaat. Dreißigjähriger Krieg. Wechselseitige Bedingtheit der nationalen Zersplitterung und der ökonomischen Rückständigkeit. Schwäche der Bourgeoisie. Keine Kraft zur Überwindung des territorialen Feudalabsolutismus. Zur Zeit der Französischen Revolution war eine bürgerliche Revolution in Deutschland unmöglich. Die bürgerlichen Reformen wurden von außen aufgezwungen (Napoleon). Resultat der Befreiungskriege: Stärkung der feudalen Reaktion. Erst nach 1815 Entwicklung einer modernen Industrie. Das Fehlen einer bürgerlich-revolutionären Emanzipationsbewegung bedingt, dass keine Voraussetzungen für materialistische und atheistische Philosophie bestehen. Lessing, Kant, Herder, Goe the usw. bis Hegel halten in der einen oder anderen Form an der Religion fest. Kant bis Hegel – idealistische Grundlage. Aber Vorzüge: Entwickelt sich, nachdem die Beschränktheiten des klassischen westeuropäischen Materialismus in Erscheinung getreten sind. Entwickelt sich, nachdem die Resultate der bürgerlichen Revolution offenbar geworden sind.« Harich: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, S. 1128f. 214 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Theorie der moder nen Literatur und Zur Ästhetik Schillers).463 Mit dem Dramatiker Schiller hatte er sich beispielsweise in seinen Anfangsjahren als Journalist bei der Täglichen Rundschau beschäftigt. Schillers Philosophie lasse sich sehr gut im Vergleich mit den Anschauungen Fichtes herausarbeiten. Gemeinsam sei beiden, dass sie von Kant herkommen, »in Kants Theorien die führende progressive Philosophie der Epoche« sehen und »versuchen, Kants Philosophie kritisch weiterzuentwickeln«.464 Der historische Hintergrund werde dabei von der Französischen Revolution geprägt, mit der sie sich auseinandersetzten. Weitaus bedeutsamer als diese Gemeinsamkeiten, die sie ja nicht unbedingt exklusiv hatten, seien allerdings die Unterschiede und Differenzen zwischen ihren Überlegungen. »Fichte ist durch und durch eine unpoetische Natur. Er war ohne Sinn für Fragen der Kunst. Ästhetik kommt in seiner Philosophie oder in seiner späteren Systematisierung seiner Gedanken nur ganz am Rande vor.«465 Schiller hingegen gehe – als bedeutendster deutscher Nationalautor neben Goe the – als Dichter an die philosophischen Probleme seiner Zeit heran. Die Kritik der reinen Vernunft habe auf ihn keinen messbaren Einfluss ausgeübt. »Schiller interessieren von vornherein zunächst und vor allem ästhetische und sodann moralische Fragen. Und zwar beides  – Ästhetik und Moralphilosophie  – in unlösbarer Einheit, derart, dass er im Moralischen das Ästhetische und im Ästhetischen das Moralische sucht. Er sucht im Moralischen das Ästhetische, d. h. (…) ihm geht es darum, den ästhetischen Wert zu untersuchen, der einem Handeln von hinreißender, begeisternder sittlicher Größe innewohnt. Die Helden Schillers vor dessen Berührung mit Kant – etwa Karl Moor oder Fiesco – offenbaren auch Größe, aber Größe im Sinne einer gewaltigen Kraftentfaltung. Die späteren Helden Schillers zeigen dagegen Größe in 463 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1069f.. »Also: Von Schiller nur die Philosophie, von dem Philosophen Schiller nur das, was für den Übergang von Kant zu Schelling und Hegel in Betracht kommt.« (Ebd., S. 1070) 464 Ebd., S. 1070. 465 Ebd., S. 1071. 215 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 einem anderen, neuen Sinne, sittliche Größe, Größe der Selbstüberwindung (…).«466 Auch die Begegnung mit der Philosophie Kants habe bei Schiller nicht dazu geführt, dass dieser eine harte Moralisierung der Kunst unternehmen wollte. Es gehe um die Darstellung des Schönen, um das Erlebnis des Schönen. Schillers Ansatzpunkt sei: »Als Ganzes genommen, ist der Mensch ein nicht nur moralisches Wesen, sondern ein Wesen von moralischer und sinnlicher Natur, und wenn er sich im Kampf mit den niederen Antrieben, die in seinem Verhalten wirksam sind, zur Moralität erheben soll, dann bedarf er dazu einer Hilfe und Stützung durch die ästhetische Bildung, eine Bildung, die nicht nur moralisch an ihn appelliert, sondern die den ganzen Menschen ergreift und zum Besseren umgestaltet. In diesem Sinne sucht Schiller im Ästhetischen das letzten Endes Moralische.«467 Diesem Anliegen war das Bündnis mit Goe the verpflichtet, die gemeinsame Gedankenarbeit, die Frage nach der Erneuerung der Antike – alles im Bannkreis des deutschen Pantheismus der achtziger Jahre. Auch auf die aus marxistischer Perspektive wichtigste Frage, auf die Stellung zur Französischen Revolution, ging Harich ein. Schiller habe zu den Wegbereitern der Revolution gehört, vor allem mit den Räubern, Fiesco, Kabale und Liebe und Don Carlos. Aber bereits der Gironde habe er »ablehnend gegenübergestanden, und die Jakobiner gar, der jakobinische ‚terreur‘ erfüllen ihn vollends mit Schauder und Entsetzen. Schiller schreibt 1793 nicht eine Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution (wie Fichte), sondern, im Gegenteil, Schillers Parole lautet: Wo sich die Völker selbst befreien, da kann die Wohlfahrt nicht 466 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen P hilosophie, S. 1071. Bei Bloch war zu lesen und zu hören: »Und doch ermangeln Schillers positiv-ideale Helden nicht eines damals höchst vorhandenen Elements, mitten in der Schwärmerei, der nicht nur einfach, sondern doppelt und dreifach idealisierten Bourgeoisie. Es ist das Element Citoyen, ist jener heroische Typ und Gehalt, mit dem die bürgerliche Revolution vorandrang, ohne den sie überhaupt nicht vorangekommen wäre.« Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 109. Die entsprechenden Ausführungen von Lukács wurden bereits wiedergegeben. 467 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1072. 216 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche gedeihen.«468 Wegen der Einschätzung der Jakobiner und dem Verlauf der Revolution habe Schiller in einem positiven Verhältnis zur Revolution nach dem Thermidor gestanden: »Schillers politischer Ausgangspunkt ist kein jakobinischer, sondern ein thermidorianischer, kein plebejisch-demokratisch-revolutionärer, sondern ein großbürgerlich-evolutionärer,469 und es entsteht bei Schiller in Folge dessen nicht, wie bei Fichte, eine ra- 468 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1074. Das indirekte Schiller-Zitat aus der Glocke. 469 Diese Einteilung der Epoche der Aufklärung findet sich auch in Harichs Kommunismus ohne Wachstum. Dort heißt es (1975): »Die europäische Geistesgeschichte kennt eine Traditionslinie des sozialen Denkens, die letztlich großbürgerlichen Ursprungs ist. Sie führt von Voltaire über Condorcet zu Saint-Simon und von ihm und seinen Anhängern (darunter Heine) zum Marxismus. Sie zeichnet sich aus durch Zivilisationsfreundlichkeit und Bejahung des Fortschritts und war jederzeit mit dem Aufstieg der industriellen Produktion, den sie reflektierte, so eng verbunden, dass sie schon vor dem Auftreten von Marx und Engels bei den klassenbewussten Arbeitern in dem Maße, wie die sich als modernes Industrieproletariat verstanden, das Vermächtnis Babeufs teils zu modifizieren, teils gänzlich zu verdrängen begann. Ich denke dabei an die Resonanz der Utopie Cabets, an Neobabouvisten wie Dezamy und auch, was Deutschland angeht, an Weitling. Das von da herstammende utopisch-sozialistische Gedankenerbe haben Marx und Engels in erster Linie kritisch aufgearbeitet und mit dem, was sich ihnen an der Geschichtsschreibung der Restaurationszeit, an der Hegelschen Dialektik, an Feuerbachs Materialismus, an den Theorien der klassischen englischen Nationalökonomie (Smith, Ricardo) als rationell darbot, synthetisiert. Und sie taten gut daran, all dem den Vorzug zu geben. (…) Jetzt aber erleben wir, dass der industrielle Fortschritt, auch unter sozialistischen, erst recht unter kapitalistischen Bedingungen, an seine unaufhebbare Naturschranke stößt, und da hört das Dominieren der Voltaireschen Traditionslinie im Marxismus, so behaupte ich, auf, noch zeitgemäß zu sein. Und wenn ich in dem Zusammenhang an Babeuf erinnere, so deshalb, weil ich ihn als den ersten kommunistisch orientierten Jünger Jean-Jacques Rousseaus gebührend gewürdigt zu sehen wünsche, von dem eine andere Traditionslinie ausgeht, die, meiner Meinung nach, für den Marxismus in Zukunft bedeutsamer sein wird als die Voltaires, Condorcets und Saint-Simons. Sie ist vorindustriell, kleinbürgerlich-bäurischer Herkunft und – von Anbeginn radikal demokratisch; demokratisch freilich nicht im Sinne des politisch-pluralistischen Systems der Monopolbourgeoisie, das sich derzeit Demokratie zu nennen wagt, sondern im Sinne des – höchst autoritären, extrem diktatorischen – Jakobinertums; wobei zu beachten bleibt, dass dessen rühmwürdigster Repräsentant, dass Robespierre, genau wie sein kommunistischer Fortsetzer Babeuf, zu den enthusiastischsten Rousseauisten zählte.« Harich: Kommunismus ohne Wachstum, S. 185f. 217 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 dikalistische Konzeption der absoluten Entgegensetzung von Sollen und Sein, die die Wirklichkeit als bloße Schranke gelten lässt und sie um der Überwindbarkeit dieser Schranke willen zum bloßen Geisteserzeugnis herabsetzt, sondern es entsteht bei Schiller eine ganz andere, dem entgegengesetzte Konzeption, die auf eine spezifisch ästhetische Weise die spätere Hegelsche Versöhnung mit der Wirklichkeit vorbereitet.«470 Zentral sei, diesen Ausgangspunkt Schillers richtig zu beurteilen, ihn historisch zu verstehen und zu erklären. Handle es sich doch zweifellos um eine konterrevolutionäre Position: »Aber nicht in dem Sinne eines Zurücksinkens in eine feudalabsolutistische Position. Davon kann bei Schiller – und auch bei dem politisch ganz ähnlich urteilenden Goe the – keine Rede sein. Goe the und Schiller verneinen die gewaltsam-terroristische Durchsetzung der bürgerlichen Klassenziele, aber sie verneinen keineswegs diese Klassenziele selbst. Sie bejahen nach wie vor die Umgestaltung der deutschen Zustände in progressiver, bürgerlicher Richtung, nur eben nicht auf dem Wege des gewaltsamen Umsturzes, sondern durch freiwillige Liquidierung der feudalen Überreste durch den Adel, auf dem Weg einer Verbürgerlichung des Adels. Diesen Weg weist Goe the im Wilhelm Meister. Diesen Weg weist Schiller im Wilhelm Tell. Die Verneinung der jakobinischen Konsequenzen bedeutet ja nicht eine Verneinung des epochalen sozialen Inhalts der bürgerlichen Revolution überhaupt.«471 Dort, wo Goe the und Schiller nach Ansicht vieler Interpreten Schwäche zeigten, Angst, wo sie versagten, sah Harich ihre eigentliche Leistung. Sie hätten die bürgerliche Gesellschaft tiefer verstanden als eben Fichte, denn sie hätten erkannt, dass die Revolution noch nicht an der Zeit sei und daher scheitern müsse, so dass nur ihre grausamen Begleiterscheinungen und Konsequenzen bleiben würden, nicht aber ihr großartiges Befreiungswerk. Harich sah, das kann jetzt schon festgehalten werden, klarer als Lukács und Mayer, gerade bei der Beurteilung der Stellung Schillers zur Revolution. Dies vorausgesetzt, werde die Frage von Schiller verständlich: »Wie lässt sich in dieser Wirklichkeit gleichwohl die Integrität der Persönlich- 470 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1074. 471 Ebd., S. 1074f. 218 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche keit und vor allem die Ausbildung der Persönlichkeit zur allseitig entwickelten Totalität aller ihrer bildungsmäßigen, ästhetischen und moralischen Fähigkeiten erreichen?«472 Fichte und Schiller, beide von Kant ausgehend und dabei völlig unterschiedliche Interessen verfolgend, hätten in der Konsequenz dessen Philosophie in jeweils andere Richtungen ausgebaut. »Bei Schiller finden wir nicht, wie bei Fichte, eine extreme Steigerung des ethischen Rigorismus Kants, sondern, im Gegenteil, ein Synthetisieren und Harmonisieren dessen, was Kant streng auseinandergehalten hatte, nämlich des Moralischen und des Ästhetischen unter dem Gesichtspunkt einer harmonischen Vollendung des Individuums als Persönlichkeit. Wobei von der vorhergegangenen Erziehung und Bildung ästhetisch-moralisch vollkommener und vollkommen harmonischer Menschen die politische Legitimität jeder künftigen  – selbstverständlich evolutionären  – Umgestaltung der Gesellschaft abhängig gemacht wird.«473 Es ist offensichtlich, dass Harichs Überlegungen mit denen von Lukács kompatibel sind (obwohl er, wie gerade gesehen, teilweise sogar präziser als dieser urteilte). Am sinnfälligsten wird das, da auch Harich nicht davor zurückschreckte, trotz aller Verehrung für Schiller, diesen wie es schon Lukács getan hatte, als kleinbürgerlichen Denker zu begreifen.474 Aber, das war Harich wichtig, dieses Kleinbürgerliche sei keine Mauer, die den marxistischen Zugang zu Schiller versperre. Es wäre vielmehr ein zu konstatierender Fakt, die wichtigen und aufbewahrenswerten Errungenschaften Schillers wären trotz allem in den Marxismus hereinzuholen – Größe und Grenze als zwei Seiten einer Medaille: »Dieses Idealisieren der Antike bei gleichzeitigem Verwerfen aller spezifisch modernen, 472 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1077. 473 Ebd. 474 »Einerseits stellt Schillers Persönlichkeitsideal selbstverständlich eine höhere, reifere Stufe des humanistischen Gedankens dar als der ganze enge und einseitige, moralisch-rigorose jakobinisch-asketische Aktivismus Fichtes, andererseits aber muss auch gesagt werden, dass mit Schiller das spießbürgerlich so beliebte und weit verbreitete Argument in die Welt gekommen ist, erst einmal müsse der Mensch von innen heraus umgestaltet werden und dann erst lasse sich an eine Umgestaltung der Verhältnisse denken, in denen er lebe. Ein Argument, das die Volksrevolution auf den Zeitpunkt vertagt, wo die Menschheit eine moralisch-ästhetische Sonntagsschule mit Erfolg absolviert haben wird.« (Ebd., S. 1077f.) 219 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 subjektiven, privaten Lebensäußerungen, bei gleichzeitigem Betonen des Unnatürlichen, Verkrüppelten des modernen Lebens und den entsprechenden Unnatürlichkeiten und Künstlichkeiten der modernen Kunst, das ist eine durchgehende Tendenz, die wir bei all den Denkern finden, die in dieser Zeit direkt oder indirekt unter dem Einfluss des Jakobinertums gestanden und sich unter diesem Einfluss mit ästhetischen Fragen beschäftigt haben. Nun muss man allerdings sagen, dass es für die Zeitgenossen Goe thes, Schillers, Herders, Wielands usw. ein starkes Stück war, von einer völligen Nichtigkeit der modernen Kunst und Literatur zu sprechen, dass es eine recht verzerrte und bodenlos ungerechte Art war, in der hier die Zeitgenossen der größten Kulturepoche unserer Nation über eben diese Epoche urteilten. Und wir erkennen in diesem Punkt nun ganz klar, inwiefern in jener Zeit der radikalere Standpunkt keineswegs auch die tiefere Einsicht verbürgte. Wo finden wir die tiefere Einsicht? Wir finden sie eben bei Friedrich Schiller. Und es hängt aufs Tiefste mit dem thermidorianischen Standpunkt Schillers zusammen, dass Schiller der erste gewesen ist, der den Eigenwert der modernen, der bürgerlichen Kunst und Literatur gegenüber den Kulturschöpfungen der Antike erkannt und auf den Begriff gebracht hat. Denn die Voraussetzung für diese Erkenntnis war eben ein anderes, ein – bei aller humanistisch motivierten Kritik – positives Verhältnis zu den Resultaten der Französischen Revolution.«475 Harichs Vorlesung fand im Schiller-Jubiläumsjahr statt, aber die Behandlung Schillers im Rahmen der Vermessung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus war für ihn kein Novum, so dass die Äußerungen nicht als Reminiszenz an das Jubiläum verstanden werden können, sondern als allgemeine philosophische Grundaussage. Am 9. Mai 1955 redete Johannes R. Becher im Nationaltheater in Weimar. Die Druckfassung seiner Ausführungen ist überschrieben: »Denn er ist unser: Friedrich Schiller, der Dichter der F reiheit. Es ist klar, dass Festreden keine wissenschaftlichen Ausführungen sind (Bechers Formulierungen also schon insofern von den gerade rekonstruierten Ausführungen Harichs abzusetzen sind), dass es nicht um Diskussion und Debatte mit dem Gegenstand der Ehrerbietung geht, um Fortschrittliches und kritisch zu Sehendes, son- 475 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1079. 220 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche dern dass das Lob naturgemäß den Taktstock schwingt. Selbst dies vorausgesetzt, ist Becher aber – wie schon bei seiner Goe the-Ansprache Der Befreier von 1949 – deutlich übers Ziel hinaus geschossen. Für ihn war Schiller »der Dichter der Freiheit«, dessen eigentliche Botschaften erst in der DDR entschlüsselt werden könnten: Jener deutsche Staat, »Auferstanden aus Ruinen«, der »die Grundlage geschaffen hat, um Schillers Vermächtnis zu erfüllen«.476 Lukács stand bei Becher Pate für diese Ansichten, was sich vor allem dann zeigt, wenn Becher die Gestalt Schillers aus jener geschichtsphilosophischen Sicht ableitete, die Lukács seit den dreißiger Jahren geprägt hatte. Das Verhängnis der Einschätzung Bechers nimmt seinen Ausgang von einem der großen Fehler der Französischen Revolution. Es sei »mehr als eine persönliche Auszeichnung« gewesen, dass die Revolutionäre »Klopstock und Schiller zu Ehrenbürgern der französischen Republik ernannt« hatten. In der Tat war es mehr – nämlich, so müssen wir feststellen, ein echtes Missverständnis. Doch bei Becher fungierte die Französische Revolution als »Geburtshelferin des großen Jahrhunderts unserer Literatur, der Kunstperiode, unserer deutschen Klassik«.477 Diese Einschätzung kennen wir bereits aus dem Goethe-Vortrag. Auch diese Einschätzung wäre so falsch nicht, wenn Becher nicht bei Schiller eine ausschließlich positive und würdigende und jederzeit unterstützende Haltung zur Revolution in allen ihren Perioden ausmachen würde – abseits jedweder historischen Wahrheit. Doch da die Adaption der Französischen Revolution durch das deutsche Bürgertum gescheitert sei, musste auch Schiller scheitern: »Ruf der Marseillaise, die nicht das Echo bei den Deutschen fand, um die vielen Bastillen zu stürmen. Und eine Elite wartete auf ihre Zeit und war verurteilt zum Abwarten. Nachdem die Deutschen nicht die Kraft hatten, angesichts der Französischen Revolution ihre Tragödie zu überwinden, vertiefte sich auch Schillers Tragik, der seinerseits alles unternommen hatte, seinem Volke, in dem Bestreben, ein freies Reich deutscher Nation zu gründen, Kraft und Mut zu 476 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 342f. 477 Ebd., S. 348. 221 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 verleihen.«478 Und dann weiter: »Wohin er seinen Blick richtete, fand er unter den Deutschen keine politische Bewegung, die im Stande gewesen wäre, das Erbe des Bauernkrieges, das Erbe des niederländischen Befreiungskampfes, das Erbe der Französischen Revolution anzutreten. Schiller floh nicht in die Antike, das Studium der Griechen war für ihn ebenso wenig Selbstzweck wie das der Geschichte. Schiller wollte Zeit gewinnen, und bis dorthin wollte er das Beste nutzen und an sich ziehen, was die Welt zu vergeben hatte.«479 Um die völlige ideologische Aufladung einer zuvor konstruierten Idealfigur Schiller durch Becher hier irgendwie aufzeigen zu können (ohne den Text abzudrucken), bietet sich der Ausweg, in einigen Stichpunkten seine pathetischsten Äußerungen wiederzugeben:480 • Schiller, »der Dichter der ganzen, gewaltigen, unteilbaren Menschenfreiheit«. (S. 343) • Gegenüber der deutschen Misere konnte er sich nur behaupten durch eine »kühne geschichtliche Perspektive«, die nur als »Mission, als Traum staat sichtbar war«. (S. 345) • Trotz aller Rückschläge habe Schiller den Kampf gegen die deutsche Misere immer wieder aufs Neue begonnen. (S. 346) • »Das persönliche Freiheitsgefühl des Dichters verband sich mit der sozialen Anklage gegen die gesellschaftlichen Missstände, und diese Anklage wiederum erhob sich zum nationalen Protest.« (S. 349) • Wie kaum einer seiner Zeitgenossen habe er das »Fragmentarische, das Torsohafte des modernen Menschen«, denn der Kapitalismus schuf, erkannt. (S. 351) • »Für Schiller stellt sich sein Werk dar als ein sozialer und nationaler Befreiungsakt, und sein größtes Glück war, sein persönliches Freiheitsgefühl erlebte er darin, seinem Volk diese Freiheiten mit zu erkämpfen.« (S. 352) 478 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 359. 479 Ebd., S. 360. 480 Die Aufzählung folgt der hier zur Debatte stehenden Rede, ebd., die Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 222 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche • Alle »deutschen Menschen guten Willens sind heute diese Stunde vereint, um aufzublicken zu dem Freiheitsdichter unserer Nation«. (S. 367) • Schiller sei der »Dichter all derer, die vorwärts wollen, die strebend sich bemühen«. (S. 368) • In Schiller brannte »ein Feuer von der revolutionären Intensität Thomas Müntzers«. (S. 368) Schiller erscheint bei Becher und durch Becher als großer Freiheitskämpfer, der Schriftsteller wurde, um sein Volk zu einen und zu befreien und, gleich Thomas Müntzer, alle sozialen Missstände aufzuheben. »Wenn ich Eingangs davon gesprochen habe, dass ‚Auferstanden aus Ruinen‘ ein deutscher Staat sei, der die Grundlage geschaffen habe, um das Vermächtnis Friedrich Schillers zu erfüllen, so heißt das nicht nur, dass das Problem der Freiheit in der Deutschen Demokratischen Republik im Begriffe ist, eine allseitige und die für unser Jahrhundert geschichtlich notwendige Lösung zu finden, sondern dieser Satz will auch besagen, dass die Werke unserer Dichter und Denker auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen allmählich zu einem Besitztum des ganzen Volkes werden und auf diese Weise das ganze Volk daran teilnehmen kann, wenn es gilt, ein neues Bild unserer Dichter zu schaffen.«481 Die Rede von Becher wurde hier behandelt, da in ihr sehr gut zu erkennen ist, mit welchem Pathos, mit welchem Versprechen und Hoffnungen die Aneignung des klassischen Erbes durch die DDR noch 1955 verbunden war. Jeder, der ein paar Zeilen von Schiller gelesen hat, weiß natürlich, dass nur einige Prozent von dem, was Becher so wortgewaltig und blumig ausführte, tatsächlich stimmen. Aber darum geht es gar nicht. Man merkt den Ausführungen deutlich an, dass Becher auch bei Schiller von Lukács herkam. Die bei dem ungarischen Philosophen schon vorhandenen Determinationen, Verzerrungen hat er noch weiter zugespitzt. Überspitzt formuliert ist es die Vereinfachung der Vereinfachung: Lukács hat die Zitrone geschält und behauptet, diese habe keine Schale (gestützt auf ein Zitat von Marx, Engels und/oder Lenin). Becher hat 481 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 364. 223 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 dann die Kerne aus dem Fruchtfleich entfernt, für das Ganze genommen und festgestellt, dass diese noch nicht einmal sauer schmecken würden, die Geschichte der Zitrone also eine Lüge der Bourgeoisie sei. Die Kerne könne man dann in den Boden der Deutschen Demokratischen Republik einpflanzen, dem neuen Baum beim Wachsen zusehen. Und wenn eines Tages gelbe saure Früchte am Zitrus-Stamm hängen, dann sind jene, die solches konstatieren, Revisionisten, Verräter, Klassenfeinde. Das anzuvisierende Ziel war für Becher immer klar. Schon der Titel der Rede sagt ausdrücklich: Denn er ist unser. Was bedeutet, dass er nicht den andern gehört, nicht denen da drüben. Schillers Platz sei in der Mitte der sozialistischen Gesellschaft, die Aufgabe dieser Gesellschaft wird genau umrissen: »In diesem Bemühen dürfen wir aber auch nicht davor zurückweichen, einen Dichter wie Friedrich Schiller zu verteidigen gegen alle diejenigen, die in zeitgemäßer Aufmachung als die Finsterlinge und Bösewichte, als die Schurken und Schinder, als die Ignoranten und Intriganten vor uns hin treten, wie sie Schiller gestaltet und angeprangert hat, und die sich nicht scheuen, den Dichter für ihre Missetaten in Anspruch zu nehmen.«482 Das Bekenntnis kennt keine Grenze: »Friedrich Schiller geht uns voran. Friedrich Schillers Werk liegt vor uns. Friedrich Schiller – wir sind auf dem Weg zu ihm.«483 Und zum Abschluss: »Friedrich Schiller ist unser, weil er unsere Jugend, weil er unsere Heimat ist; Friedrich Schiller bleibt unser, weil er unser Volk ist, weil er an das Beste rührt, was unser Volk hervorzubringen vermochte; Friedrich Schiller ist unser, weil er unser ganzes Deutschland, unsere freie, wiedervereinigte deutsche Nation ist.«484 Von daher musste Becher aus Schiller einen Revolutionär machen, einen Freiheitsprediger, einen Demokraten und Sozialisten, einen so überhaupt nicht elitären Freund des Volkes. Was Schiller davon wirklich war – nun ja, jeder prüfe für sich selbst bei unvoreingenommener Lektüre. Letztlich hatte Becher die Ideale der DDR auf Schiller übertragen. Die 482 Becher: Denn er ist unser: Friedrich Schiller, S. 364f. 483 Ebd., S. 367. 484 Ebd., S. 369. 224 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Konstruktion musste völlig windschief werden. Die DDR verwirklichte nie, was Schiller nicht versprochen hatte. Im Schiller-Jahr 1955 äußerte sich auch Ernst Bloch. Unter dem Titel Weimar als Schillers A bwägung und Höhe kam die Rede auch in der Gesamtausgabe zum Abdruck. Da es sich bei der Bloch-Gesamtausgabe höchstwahrscheinlich um die scheußlichste Werksammlung handelt, die einem Philosophen der letzten Jahrhunderte angetan wurde, erfährt man natürlich nichts darüber, wie der Text entstand, wo er vorgetragen wurde, wo er zuerst zum Abdruck kam usw. Die Blochianer, ein elitärer Zirkel ohne echte Elite, wollen keine Gesellschaft, schon gar nicht durch neugierige Leser der Meister-Götze. Es wird also ein Bloch-Studium vorausgesetzt, um Bloch studieren zu können. (Aber wir haben ja schon darauf hingewiesen, dass die ganzen »merkwürdigen DDR-Sachen« Blochs, seine »Schriften aus der Zone«, in der westdeutschen Analyse, die sich nach 1989 ohne jeden Bruch oder Zäsur gesamtdeutsch ausdehnte, sowieso keine Rolle spielen.) Aus dem Briefwechsel mit Peter Huchel ist zu erfahren, dass Bloch mit dem »Schiller-Komitee 1955« eine Vereinbarung über einen Beitrag hatte. An Huchel schrieb er dann im Februar, dass ihm sein gerade verfasster Text eigentlich zu schade sei für eine Schiller-Festschrift, letztlich ein »Mausoleum« ohne Leser.485 Der Text erschien dann unter dem Titel Schiller und Weimar als seine Abbiegung und seine Höhe (ursprünglich hatte Bloch noch an ein »oder« statt des »und« gedacht, zuerst an »Ablenkung« statt »Abbiegung«) in der Sinn und Form. In der Festschrift des Komitees erschien ein kleiner Auszug von drei Seiten.486 Günter Mieth, der sich mit Blochs Schiller-Text auseinander gesetzt hat, schrieb: »Der Essay trägt ja den konzeptionell gemeinten Titel: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe. Damit ist bereits verdeutlicht: Bloch zielt auf den ganzen Schiller, nicht nur auf einen Ausschnitt seines Lebens und Schaffens.«487 Schiller, das war für Bloch: »Der Gewalttätige, am 485 Bloch: Brief an Peter Huchel vom 28. Februar 1955, S. 872. Siehe auch die folgenden Briefe Blochs an Huchel, dort auch zu dem Schiller-Beitrag. 486 Bloch: Schiller und Weimar als seine Abbiegung und seine Höhe, S. 157-175. Bloch: Volkstümlichkeit und Größe, S. 25-27. 487 Mieth: Blochs Schiller-Rede, S. 114. 225 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 liebsten Schlag auf Schlag, obwohl er oft davor erschrickt und sich besonders in Zucht fasst.«488 Nicht zuletzt dies mache die Modernität Schillers aus: »Wenig Veraltetes ist an ihm und kaum etwas, das uns im fortschreitenden Bewusstsein nichts mehr angeht.«489 1932 hatte Bloch in dem Aufsatz Die Kunst, Schiller zu spr echen, bei der Betrachtung der damals aktuellen Versuche, Schiller auf die Bühne zu bringen, andere Feststellungen gemacht: »Die Sonne Schillers leuchtet noch, aber merkwürdig: Man weiß sie als Sonne, sieht sie jedoch nur indirekt, streifig, vielfältig, verzerrt, je nachdem. Keine Aufführung Schillers gelingt daher noch aus einem Guss, es mischen sich die verschiedensten Stile. Nicht nur der volle Jambus machte Schiller schwierig, auch noch sein hohes Pathos aus Lebensferne, die Leidenschaft im abstrakt idealistischen Gewand. Das ist bereits die objektive Schwierigkeit oder Unstimmigkeit in Schiller selber; die ‚sachliche‘ Zeit von heute plaudert nur viel davon aus. Ein Stück Schicksal der bürgerlichen Klasse an Fürstenhöfen, in übernommener Adelskultur ist darin enthalten; ein Stück Instinktlosigkeit, ein Stück Verrat, ein Stück verratenes und dadurch verdorbenes Pathos selber, das – ohne adäquate Gegenstände – zum Ballast der Sprechbarkeit und zum Bombast dem Sinn nach geworden ist.«490 Wie ist diese Differenz zu erklären? Vor allem dadurch, dass sich Bloch 1932 inmitten einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft sah, die auf die faschistische Katastrophe zusteuerte und an der kein sozialistischer Hoffnungshorizont zu erkennen war. Schiller werde erst dann wieder in der Gegenwart wirken und durch die neue Gegenwart verstanden werden, wenn »Freiheit kein Wort ist, das die Menschen weder hören noch sprechen können, sondern das fassbar ist.«491 Diese Situation war für Bloch in den fünfziger Jahren in der DDR gegeben bzw. zum greifen nahe – daran hat er nie einen Zweifel gelassen und seine Apologeten können es drehen und wenden wie sie wollen, er bekannte sich zur DDR mit all ihren Fehlern. (Man muss diese Einschätzung Blochs zunächst einmal konstatieren, bevor man sie in einem 488 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 96. 489 Ebd., S. 97. 490 Bloch: Die Kunst, Schiller zu sprechen, S. 92. 491 Ebd., S. 95f. 226 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche zweiten Schritt diskutieren oder, so gewollt, kritisieren kann. Verschweigen und Verdrehen sind keine Lösungen.) Das »fremde Marmorwesen« sei endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, Schiller könne in seiner Größe und mit seinen Fehlern als der »größte Volksschriftsteller aller Zeiten« erkannt werden.492 Folgende historische Stationen sah Bloch: »1859, am Ende des finsteren gegenrevolutionären Jahrzehnts, wurde Schillers 100. Geburtstag als ein einziges forderndes demokratisches Nationalfest gefeiert. Zwar 1905, beim 100. Todestag, dröhnte um den Dichter die imperialistische Blechmusik des Nationalismus (Friedrich Naumann hielt damals die bemerkenswerte Festrede aus Demokratie und Kaisertum zugleich). Aber 1955 kann Schiller endlich wieder in Erinnerung an 1859 und viel genauer als damals gefeiert werden, Schillers demokratischer Patriotismus mit dem sprechbaren Pathos von jenem Inhalt her, der jetzt erst, von Herr und Ausbeuter frei, nach Hause kommen könnte.«493 Bloch sah Schiller als Teil des Sturm und Drang und er erkannte auch, dass sich diese Ideale der Jugend bei Schiller zu einem Zeitpunkt noch erhielten und lebendig waren, da die Wirklichkeit sie bereits überholt hatte. So kam es zu der merkwürdigen Konstellation, dass Schiller für das Volk redete, an das Volk redete, doch dem »wirklichen Volkston dieser Zeit, nämlich der Marseillaise« nicht folgen konnte. »Und Schiller, dessen plebejisch-revolutionäre Anlage eine ununterdrückbare war, tat dennoch das Seine dazu, sich das Volk keinesfalls jakobinisch zu denken. Ein unterbrochener Brutus in Schiller sah die Nation nie ganz ohne die Herren außerhalb seiner; so bereitete der wirkliche Nationaldichter, der Schiller ist, doch zugleich schon den späteren Missbrauch des Wortes ‚national‘ vor.«494 Vor allem das Moralische an Schiller sei hervorzuheben – und zwar nicht nur als sein Vermächtnis, sondern auch als sein Scheitern. Denn um in den Jahren seines Lebens so wirken zu können, wie er es wollte, hätte es »Kenntnis und Bejahung der Französischen Revolution gebraucht«. Doch nicht die »Wahlverwandtschaft mit den Jakobinern« erkannte und suchte 492 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 97. 493 Ebd., S. 101. 494 Ebd., S. 98f. 227 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 Schiller, sondern »eine selbst im Deutschland der Misere ungewöhnliche Fremdheit, ja bald Feindschaft gegen die größte Tendenz seines Jahrhunderts«. Derartig deutlich hat, außer Harich, kein anderer Marxist Schiller in diesen Jahren kritisiert. Dieser habe »nicht nur die Formen, auch die spezifischen Inhalte (Freiheit und Gleichheit) der bürgerlichen Revolution« verneint.495 Entscheidend war für Bloch, dies ist innerhalb des marxistischen Schrifttums seiner Tage ein moderner und emanzipierender Zug, dass Schillers Versagen (ja, so kann, muss man es nennen) vor der Revolution eben nicht allein durch die spezifischen deutschen Umstände erklärt werden könne. Es habe dazu auch gehört Schillers ganz individuelle und von diesem selbst zu verantwortende Entscheidung. Bloch legte seinen Finger in jene Wunde, über die gerade Lukács und auch Mayer immer mit einer gewissen Nonchalance, einem »Es war halt so« hinweggingen. Hans Mayer hat diese Einsichten Blochs 1980 in dem Rundfunkbeitrag Der Lehrer und die Lehren kritisiert. Blochs These, dass Schiller auch die Inhalte der Revolution abgelehnt habe (deren Außendarstellung 1955 für Blochsche Verhältnisse ein mutiger Akt war, ein Beweis seines in der DDR so seltenen aufrechten Ganges), sei »nur bedingt richtig, wenn man den Parallelismus der historischen Ereignisse und der philosophischen Spekulationen genauer untersucht«.496 Legt man diese Worte auf den Seziertisch, dann bedeuten sie, dass es also Mayer zu Folge eine Parallele zwischen der Revolution und Schillers philosophischen Überlegungen geben muss. Das klingt dann so: »Weit davon entfernt also, eine Art ‚Flucht in die Philosophie‘ zu bedeuten, sind die theoretischen Arbeiten 495 Bloch: Weimar als Schillers A bbiegung und Höhe, S. 105f. Dort dann außerdem: »Erst recht wurde die Angst vor der Freiheit, die Kolosse und Extremitäten ausbrüten sollte, durch die aristokratische Form des Klassizismus gefördert. Die Folge war, in Ansehung des überholenden Ungestühms, Schillers Umschlag ins Resignierte, Elegische, relativ Abdankende. (…) Und es war nicht, durchaus nicht der gekommene Thermidor, der Weg vom Citoyen zur Bourgeoisie, welcher dergestalt, wie später bei Hölderlin, verzweifelt machte, sondern Schiller verdammt ‚Sturm‘ und ‚Mord‘ fasst so, als wären sie Fortsetzung der Revolution. Die Welt erschien nun insgesamt als irreparabel entsetzlich, das heißt, nicht nur ihr wirkliches Elend, sondern auch jener wirkliche Protest gegen ihr Elend, der Vormarsch der Revolutionsarmee hieß.« (Ebd., S. 106) 496 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 155. 228 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche Schillers zwischen 1790 und 1794 als Versuche zu bestimmen, dem Zeitgeschehen durch zeitloses Denken beizukommen. Weshalb Schiller die höchste Ausformung der Humanität in einer Sphäre des Spiels festzustellen glaubt, die sich als Übergipfelung des Ethischen und des Ästhetischen darzustellen schien: Wobei der spielende Mensch, der homo ludens, das Modell abzugeben hatte einer künftigen, richtig verstandenen Humanität. Hier wurde das Philosophieren in einem zur Selbstdarstellung und zur geschichtlichen Therapie.«497 Mit einer Philosophie, die mit den realen Ereignissen der Gegenwart nichts zu tun hatte, versuchte sich Schiller also selber zu therapieren. Dies ist das Gegenargument Mayers gegen die von Bloch thematisierte Ablehnung der Inhalte der Revolution durch Schiller  – eine Ablehnung, die jede Zeile, jedes Wort von Schillers Schaffens ausdünstet. Andere gibt es nicht. Natürlich ist das purer Unfug und Quatsch, verwenden wir ruhig diese deutlichen Worte. (Es haben schon andere weit komplizierter noch weniger gesagt.) Wieder einmal sehen wir bei Mayer, dass sein Drang, sich mit Alleinstellungsmerkmalen zu positionieren durch die Kritik an allen anderen nur eine Folge hat – die Absurdität der Vermessung von Geschichte, Philosophie und Literatur. Überlassen wir Mayer das Schlusswort zu seinem Einwurf: »Das philosophische Zwischenspiel war beendet. Die Verbindung mit Goe the hatte ganz neue Lebensaspekte eröffnet. Übrigens war die Revolution gleichfalls zu Ende. Der Thermidor hatte auch Robespierre und Saint-Just unters Fallbeil geschickt. Nun herrschten in Paris die Revolutionsgewinner des Directoire. Das Zwischenspiel eines scheinbar objektiven Philosophierens war für Schiller abgeschlossen.«498 Noch einmal kurz zurück zu Bloch: Schillers Weg sei der der Entfernung von der Wirklichkeit. Aber eben dies hatte zur Konsequenz, dass er das bürgerlich-humane Ideal aufrechterhalten und seiner Zeit konfrontieren konnte. Dies führte sein Denken über die Schranken der damaligen Zeit hinaus. Die von und durch Schiller thematisierte Freiheit weise nicht nur zurück, gehöre nicht in das Reich der weltflüchtigen Träume, sondern deute nach vorn. »Das klassenlos werdende Menschenbild hat daran ein 497 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 156. 498 Ebd., S. 156f. 229 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 moralisches Erbe, das besonders schön gezeichnet in die Gewinnungsgeschichte des aufrechten Gangs gehört.«499 Das Bekenntnis zu Schiller darf nicht die Marmorstatue meinen, nicht den fälschlicherweise überhöhten zweiten (oder ersten – je nachdem) Olympier. Zu erinnern sei vielmehr an Schillers großes Ideal  – und dieses heiße: »Lied an die Freude. Ein solcher Dichter geht, wie wenig andere, auf unseren guten Wegen vor. Er erglänzt nicht so weit hinaus wie das Meer, wie Goe the ins Ferne, Helle, in allem bedeutend. Doch durch Weimar kam Schiller außer der Ablenkung, Abkühlung, die hoftheaterhaft machte, auch auf seine Höhe, mit Narben bedeckt, ein Unterbrochener wie neu Bewahrter, und die Höhe Weimars ist nicht denkbar ohne Schiller. Es gibt größere Dichter, jedoch keinen, der zugleich feuriger, volkshafter, packender und verantwortlicher war.«500 In Leipzig redete am 10. Mai 1955 Hans Mayer, sein Text kam zum Abdruck unter dem Titel Das Ideal und das Leben. Wie schon bei Johannes R. Becher ist seine Rede getragen durch den Anlass, ist also einnehmend, vereinnahmend. Schiller  – eine »unvergleichliche und unvergleichbare Persönlichkeit«, ein »Mensch und Künstler, der mit nichts anderem verglichen werden kann, der in all seinen Äußerungen unverkennbar er selbst ist«. Dies zeige bereits das Grundmotiv in seinem »Leben und Schaffen: Was er von sich selbst forderte, gedachte er als große Aufgabe vom Menschen seiner Zeit und künftiger Zeiten schlechthin zu fordern. Oder umgekehrt: Seine Vision von künftiger Menschheit gedachte er an sich selbst und durch sich selbst zu verwirklichen.«501 Schillers Werk – es sei das Zusammentreffen eines »großen geschichtlichen Moments mit einem großen Menschen, (…) der im Stande war, diesen Moment zu empfinden und in sich wirken zu machen.«502 Das Pathos der Festtagsrede umschließt den Vortrag wie der Honigtopf den darin gierig kreisenden Löffel. Noch 499 Bloch: Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe, S. 111. 500 Ebd., S. 111. 501 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 10f. 502 Ebd., S. 13. 230 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche einmal greifen wir zur Aufzählung, um zu verdeutlichen, wie Mayer Schiller zelebrierte:503 • »Menschenstolz, Aufgeschlossenheit des Geistes, Aufbau einer Ordnung der Vernunft, Streben nach rationaler Gesetzlichkeit in Wissenschaft, Kunst, gesellschaftlichem Leben, Erkenntnis der Naturgesetze und Dienstbarmachung der Natur für die menschliche Höherentwicklung.« (S. 13) • »So groß hatte (…) noch keiner vom Menschen gedacht und gesprochen.« (S. 14) • Die Lyrik Schillers sei ein »Aufbruch menschlichen Emanzipationsstrebens, eine Poesie menschlicher Selbstverwirklichung«. (S. 14) • Die eigentliche künstlerische Größe Schillers liege in dessen dramatischem Schaffen. (S. 19ff.) • Er wirkte vor allem für die nationale Sache der Deutschen. (S. 24) • »Seine Dichtung war moralisch-politischer Art.« (S. 25) • »Schiller ist seit seinen Anfängen ein eminent philosophischer Denker und philosophierender Künstler.« (S. 27) • »Schillers Ideale sind Forderungen an den Menschen.« (S. 33) Für Mayer war Schiller »ein stolzer Sohn der europäischen Aufklärung, ein bürgerlicher Humanist«.504 Schiller habe versucht, das zu Ende gehende Jahrhundert zusammenzufassen und den Geist und die Errungenschaften der Aufklärungsepoche in die neue Zeit zu retten. Die Französische Revolution sei für ihn ein Anfang und die von der Revolution propagierten Ziele wären seine eigenen gewesen, so dass es ein Fehler wäre, bei der Deutung Schillers auf seine Stellung zu den Jakobinern zurückzugreifen. »Den Geist der bürgerlichen Revolution, wenn auch nicht ihrer konsequent plebejischen und jakobinischen Fraktion, atmet Schillers gesamtes Werk. Schillers Ideale sind nur der Theorie nach den ‚heiteren Regionen‘ entnommen, ‚wo die reinen Formen wohnen‘. In Wahrheit sind sie fast 503 Alle Angaben nach: Mayer: Das Ideal und das Leben. Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 504 Ebd., S. 13. 231 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 immer ein Ausdruck damaligen Lebens und damaliger Zeitwirklichkeit. Die Morgenröte gesellschaftlichen Anfangs und Neubeginns liegt über der Zeit, dem Leben und den idealistischen Forderungen, die der Zeitgenosse Schiller an sich und die Mitwelt stellt.«505 Dies ist nun freilich eine gewalttätige, eine vergewaltigende Konstruktion. Schiller, der Revolutionär, sei dermaßen deutlich ein Revolutionär gewesen, dass man übersehen dürfe und müsse, dass er die tatsächlich stattfindende Revolution in allen ihren Einzelheiten kritisierte. Wie problematisch die Argumentation von Mayer ist, sieht man auch daran, dass er den Dramatiker Schiller, den er, wie in der Aufzählung gerade gesehen, extrem aufgewertet und positiviert sowie zudem mit einem revolutionären Grundanspruch versehen hatte, dann doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte: »Denn diese historische Dramatik sollte zwar auf die Zeitgenossen wirken, aber nicht in einem unmittelbaren moralisch-politischen Sinne, sondern mittelbar politisch: auf dem Umwege über die Ästhetik.«506 Der wahre Revolutionär beteiligt sich eigentlich nicht an der Revolution, sendet auch keine moralischen und keine politischen Botschaften, aber dank des »Umwegs über die Ästhetik« habe er wie kein Zweiter gewirkt und die positiven Tendenzen der Revolution transportiert, ja, gar verstärkt. Bloch sah da etwas genauer und schärfer als Mayer. 1968 wurde er in einem Interview gefragt, welche geistesgeschichtlich bedeutenden Personen sich das Recht des aufrechten Ganges verdient, erkämpft hätten. Bloch antwortete, dass dieses Recht in allen Rebellionen und Revoluti- 505 Mayer: Das Ideal und das Leben , S. 15. Kurz zuvor hieß es: »Schillers Größe ist in hohem Maße verbunden mit der Größe des geschichtlichen Augenblicks, in dem er lebte und wirkte. Dass hier ein menschlicher Anfang sichtbar wurde, war Schillers unbeirrbare Überzeugung. Davon muss immer ausgegangen werden, will man Schillers Wirken in seiner Zeit und für die Nachwelt richtig verstehen und nicht verkennen. Darum kann man die Deutung Schillers nicht bloß, und wohl überhaupt nicht allzusehr, von seiner Stellung zu Jakobinertum und Robespierre abhängig machen, die er ablehnte, vor denen ihm graute. Die Revolution selbst, die Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Umstände im Vollzug der Vernunftsgesetze: Ihr fühlte auch er sich verbunden. Das war Schillers tiefste Überzeugung, (…) sein ganzes Leben hindurch (…).« (Ebd., S. 14f.) 506 Ebd., S. 31. 232 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche onen vorhanden sei, da es diese ja sonst nicht gäbe. »Im Übrigen ist die Spiegelung des Naturrechts in der Praxis sehr deutlich in der Französischen Revolution, die nicht von Sozialutopien aktiviert worden ist, sondern von Naturrechtsgedanken. Das Naturrecht spiegelt sich ebenso in großen klassischen Dramen (…), und dann in manchen Gestalten des frühen Schiller, zum Beispiel Karl Moor in den Räubern, der Musikus Miller in Kabale und Liebe und später noch Wilhelm Tell sowie selbst Goethes Götz von Berlichingen. Also, von der Bühne herab ertönt Naturrecht in Gestalten klassischer Dramen. In der Wirklichkeit ertönt es seltener: Der stärkste Ausbruch war die Englische, die Französische und die Amerikanische Revolution.«507 Es sind also zwei Paar Schuhe, zwar im selben Laden zu kaufen, aber das eine doch eher für den Hausgebrauch, das andere der solide und grob gearbeitete Stiefel der Revolution. Doch zurück zu der von Mayer behaupteten Wirkung auf Umwegen. Wie diese sich in den Jahren nach Schillers Tod äußerte, darüber sagt Mayer nichts. Aber offensichtlich änderte sie sich mit dem »Eintritt in das Stadium des Imperialismus«.508 Schiller und Nietzsche würden die beiden Pole der bürgerlichen Entwicklung markieren, der eine die Morgenröte bürgerlicher und nationaler Literatur, der andere der Apologet des Untergangs. »Und wir? Wir haben erlebt, was es in der Wirklichkeit bedeutet: Bürgerliche Endzeit, oder überhaupt Endzeit einer Klasse. Wir wissen, was mit der Erkenntnis von Karl Marx gemeint ist, dass es in der Geschichte bisher noch keine Klassiker geben hätte, die freiwillig abgetre- 507 Bloch: Um das Recht des aufrechten Ganges, S. 124. 508 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 40. Dort weiter: »Einerseits blieb er das Lieblingsobjekt für Zitate, die man bei Festreden und Kaisergeburtstagsfeiern wiederholte, um dem selbst erhobenen Anspruch, ein ‚Volk der Denker und Dichter‘ zu sein, gerecht zu werden. Schiller wurde verfälscht und gleichsam zum Vorläufer des Hohenzollerntums und des kriegerischen deutschen Nationalismus gemacht. Sein Appell zur gerechten Vaterlandsverteidigung wurde für die ungerechten Aggressionsziele des Imperialismus missbraucht. (…) Auf der anderen Seite aber ist es eigentümlich, dass Schillers demokratisches Pathos und seine humanistische Gesinnung den eigentlichen Ideologen des Imperialismus unbequem werden, so dass man sich damit hilft, Schiller zu bewitzeln und als Museumsgegenstand bei Seite zu schieben. Die Hauptarbeit leistete auch hier Friedrich Nietzsche.« (Ebd., S. 40) Zur bürgerlichen und imperialistischen Schiller-Forschung äußerte sich Mayer beispielsweise 1955 in dem Text: Die Vorreden zu den »Räubern«, S. 72-94. 233 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 ten wäre. 150 Jahre nach Schillers Tod steht die Welt zwischen den beiden Leitbildern unermesslicher künftiger Emanzipation und Höherentwicklung des Menschen – und dem Verschwinden der Menschheit von diesem Planeten, wenn nicht gar – auch das scheint wissenschaftliche Möglichkeit geworden zu sein – zusammen mit diesem Planeten.«509 Verstehen, Lektüre, Rezeption Schillers hätten eine Voraussetzung – den Bruch mit der bürgerlichen Welt und den Aufbau des Sozialismus. Wie schon bei den Goe the-Feiern ist die Wandlung der DDR, ihr, wenn man so formulieren will, »Ausbruch aus der Geschichte«, die Initialzündung der Aneignung des humanistischen Erbes: »Nein, ein Mensch und Künstler wie Schiller ist nicht über unser Volk dahingeschwebt, ohne dass sich etwas in diesem Volk geändert hätte. Das beweist die Vergangenheit, beweisen die hundertfünfzig Jahre seit seinem Entschwinden. Auch unser Schiller-Jahr 1955 möge dazu helfen, dass wieder sichtbar werde, was und wie viel an gutem und bestem Deutschtum bei uns lebendig ist. Im Aufblick zur reinen Größe dieses Mannes möge auch in uns das Gefühl erglühen, dass wir nicht bloß Dankbarkeit schuldig sind, sondern dass die höchste Dankbarkeit darin besteht, dafür zu sorgen, dass das Bild des Menschen, das Schiller so groß gesehen und gezeichnet hat, nicht durch uns und unsere Taten verdunkelt werde.«510 Ein Vierteljahrhundert später sah Mayer die ganze Sache anders und treffender und doch weiterhin verzerrt. Immerhin hatte er, anders als bei Goe the, dieses Mal seine frühen Arbeiten aus der DDR nicht völlig mit Vergessenheit gestraft. Gerade seine Auseinandersetzung mit Schiller zeigt aber, dass er seine Position ziemlich deutlich verändert hatte. Ein Beispiel aus dem Rundfunkvortrag (vom 12. Mai 1980) Der Lehrer und die Lehren: »Die Lehren Friedrich Schillers sind nicht am dramatischen Werk abzulesen. Auch die großen philosophischen Gedichte (…) sind nur in vermittelter Form als Träger einer Lehrmeinung anzusehen.«511 1955 war der Dramatiker Schiller, wie gerade gesehen, für Mayer noch der Inbegriff des politischen, moralischen und ästhetischen Aufklärers. Doch 509 Mayer: Das Ideal und das Leben, S. 41. 510 Ebd., S. 45. 511 Ebd., S. 149. 234 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 2: Umbrüche der zeitliche Abstand zum Jubiläum und der geographische Abstand zur DDR und der innere Abstand zum Sozialismus (trotz aller gegenteiligen Behauptungen), führten zu der These: »In dieser Konstellation (d. i. während der Revolution, AH) wird für Schiller, abermals als Ersatzhandlung, die Philosophie zum Versuch, die rousseauistische Naivität der eigenen Anfänge zu überprüfen, besonders aber den Freiheitsgehalt des europäischen Aufklärungsdenkens vom Terrorismus der Jakobiner zu trennen. Mit welchem Ziel? Eine Sphäre zu finden, worin sich Humanität verwirklicht, ohne Gefahr zu laufen, durch kontrastierendes Zweckdenken in bare Unmenschlichkeit verwandelt zu werden.«512 Schiller als Lehrer sei dort zu erkennen, wo er das moderne Dichten als Kontrast zur bestehenden Kultur begreife.513 Dies ist ein ganz anderer Schiller als der von 1955. Der Dichter wird quasi von all seinen politischen und philosophisch-ideologischen Ummantelungen befreit (wobei nicht vergessen werden darf, dass ihm gerade Becher und Mayer diese Mäntelchen umgehängt hatten) – es bleibt der Ästhetiker, der allen progressiven realen politischen Tendenzen seiner Zeit kritisch gegenüber stand. Zwei Jahre später, 1982, in dem Aufsatz Skizzen zu einem Porträt begriff Mayer das Denken Schillers dann noch stärker im Scheitern der Person: »Nichts von allem, was in Schiller stecken mochte, jenseits der Schriftstellerei, hat er verwirklichen können.«514 Schillers politisches Engagement sei im Grunde genommen ziellos gewesen, ebenso inhaltslos, seine verschiedenen Zeitschriften entwickelten keinen Einfluss auf die damalige Gegenwart, als Philosoph habe er versagt, seine entsprechenden Schriften seien kein Gegenstück zu Platons Politeia, sondern erinnerten »eher an ein umfassendes Programm der Entpolitisierung«.515 Schillers philosophische Gedichte wären formlos, »oft nahezu drauflosgereimt, und sie entbehren der durch Überlieferung und eigenes Einverständnis des Dichters gefestigten Aussage über Mensch und Umwelt. Daher wimmelt es, bei 512 Mayer: Der Lehrer und die Lehren, S. 153f. 513 Ebd., S. 161. 514 Mayer: Skizzen zu einem Porträt, S. 166. 515 Ebd., S. 168, zum Kontext S. 166ff. 235 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 näherer Betrachtung, in Schillers philosophischen Gedichten von Widersprüchen.«516 Schiller habe »die geschichtliche Zeitgenossenschaft verweigert« zu Gunsten einer »geschichtslosen Ewigkeit«.517 Und so kommt Mayer zu einem Schluss, der seinen Betrachtungen von 1955 Hohn spottet: »Dass man nämlich Schillers Gesamtwerk auch als eigenständige und fast zwanghafte Flucht aus den poetischen Gattungen und den wissenschaftlichen Bereichen interpretieren könnte.«518 Ist nun ein Fragezeichen mitgedacht bei dieser Feststellung? Das ist schwer zu entscheiden. Was feststeht ist, dass sich Mayers Schiller-Bild radikal gewandelt hat. Gerade diese Perspektive zeigt aber ebenso, wie sehr er 1955 noch in die DDR verstrickt war, den Gedanken des verwirklichten Sozialismus, dessen Versprechungen hoch hielt und daran glaubte. Nicht an Sozialismus und Marxismus im Allgemeinen, das wäre ein sympathischer Zug, sondern an die Praxis der DDR. Wir sind mit der einen oder anderen Äußerung hart ins Gericht gegangen. Aber die Schiller-Ehrung trieb echte Blüten, gerade bei Becher und Mayer. Anders ließe sich der gerade nachgezeichnete Weg von Mayer nicht erklären. Vom Goe the-Jubiläum unterscheidet sich die Schiller-Zelebrierung schlichtweg dadurch, dass sie einige Jahre später stattfand, in einer Zeit, da die großen Versprechen des sozialistischen Staates schon längst mit einer Realität in Konflikt geraten waren, die zwei Jahre vorher, 1953, die ein Jahr später, 1956, in ihrer Differenz zu den Idealen mehr als nur greifbar wurde. Dass ausgerechnet Mayer dies nicht sah, dass 1953 (und später 1956) in seinem Denken keine Spuren hinterlassen hatte, anders als bei Harich, Lukács, Bertolt Brecht, ist durchaus überraschend und, fügen wir es ruhig hinzu, bedauerlich. Wie man diese Entwicklung beurteilt und einschätzt, das kann und soll hier nicht vorgegeben werden. Es war aber, was nicht vergessen werden darf, ein Prozess, der in der Mitte des Stalinismus begann und dessen Methoden sowie Inhalte nur spärlich hinter sich ließ. 516 Mayer: Skizzen zu einem Porträt, S. 171. 517 Ebd., S. 176. 518 Ebd., S. 173. Titelblatt des Vorwärts mit Heines Weberlied, 1844

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.