10. Der Jubiläumsredner –Hans Mayer in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 179 - 196

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-179

Tectum, Baden-Baden
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179 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Es ist fast schon ein Grund, um Verzeihung zu bitten: So vieles haben wir weggelassen, konnten wir nicht gebührend behandeln, da die auferlegte Fokussierung auf Lukács, Harich und Bloch (gerade wenn die an anderer Stelle zu analysierende Hegel-Debatte, die mit dem Goe the-Thema mehr als nur verbunden ist, berücksichtigt wird) uns zwingt, unser Thema nicht aus den Augen zu verlieren. (Zu nennen wären: Der Scholz-Kreis, die politischen Aussagen und Reden, angrenzende Diskurse, das enorme kulturelle Engagement, die Debatte um Hanns Eisler usw.)378 Das Bedauern darüber bleibt, denn die Beschäftigung mit Goe the, mit dem Goe the-Bild der jungen DDR ermöglicht interessante Einblicke in das Innenleben des entstehenden sozialistischen Staates. Auf Paul Rilla wurde verwiesen, viele andere Querverbindungen konnten aufgezeigt werden, ohne allzu sehr vom Thema abzudriften. Zwei Ergänzungen sind aber nötig, eine kleinere und eine ausführliche. Zunächst ist zumindest kurz daran zu erinnern, dass durch die Debatten über das Goe the-Bild der DDR noch immer jener Ausspruch geistert, den man Walter Ulbricht zuschreibt und der auf den III. Teil des Faust abzielt. Es ist bezeichnend für die Forschungssituation, dass Leonore Krenzlin sich 2003 genötigt sah, die verschiedenen Fehlurteile zu korri- 378 Fast schon ein Kompendium zum Nachschlagen aller wichtigen Debatten ist: Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945-1965. 180 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe gieren. »Zwar kam bereits in den sechziger Jahren der DDR das kichernd kolportierte Gerücht in Umlauf, Walter Ulbricht habe den Autoren seines Landes eine solche Aufgabe gestellt (d. i. die Abfassung des III. Faust-Teiles, AH).«379 Aber es sei ihr nicht gelungen, eine Quelle für diese Vermutung zu eruieren. Die Rede Walter Ulbrichts von 1962, die des Öfteren als Beleg angeführt wird, enthalte keine Aufforderung an die Schriftsteller der DDR. Vielmehr begreife Ulbricht dort die DDR selbst als Verwirklichung der Antizipationen Goe thes. Er sagte: »Erst weit über 100 Jahre, nachdem Goe the die Feder für immer aus der Hand legen musste, haben die Arbeiter und Bauern, die Angestellten und Handwerker, die Wissenschaftler und Techniker, haben alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik begonnen, diesen dritten Teil des Faust mit ihrer Arbeit, ihrem Kampf für Frieden und Sozialismus zu schreiben.«380 Ob das »Kichern« damit verstummt – leise Zweifel bleiben. Dieser Satz Ulbrichts erinnert an die Aufbruchstimmung des Goe the- Jahres 1949. (Dass es eben dieser Ulbricht mit seinen Helfern war, der die DDR frühzeitig zum eigenen Machterhalt ruinierte und in einen Spitzelstaat unterster Qualität verwandelte – daran darf kein Zweifel aufkommen. Gerade angesichts der überaus fatalen Ulbricht-Huldigungsansätze der letzten Jahre, etwa das perfide Buch, das Egon Krenz herausgegeben hat.) Und damit sind wir bei der größeren notwendigen Ergänzung (die hier einige Seiten füllen wird): Zu den wichtigsten Protagonisten und Rednern des Jubiläums – gerade auch aus offizieller, staatspolitischer Perspektive – gehörte Hans Mayer, auch wenn dieser nach dem Krieg ein »Außenseiter der Zunft« war.381 (Ein Urteil, das in dieser Allgemeingültigkeit zumindest zu diskutieren ist.) Der Name Hans Mayer ist uns schon mehrfach begegnet und wird uns bis zu den letzten Seiten immer wieder begleiten. Von Mayer erschien eine Auswahl seiner Goe the-Beiträge 1949 unter dem Titel Unendliche 379 Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 380 Ulbricht: An alle B ürger der D eutschen Demokratischen Republik! An die ganz e deutsche Nation! Rede (…) in B erlin, 23. März 1962, S. 456. Zit. bei: Krenzlin: Faust im Produktionseinsatz?, S. 47. 381 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 106. 181 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Kette.382 Den dort versammelten Goe the-Beiträgen sind weitere Publikationen von Mayer hinzuzusetzen, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. (Alle weiteren Hinweise im Literaturverzeichnis, in den laufenden Text sind verschiedene Querverweise eingearbeitet.) Zu erinnern ist auch daran, dass Mayer ebenfalls an den Neuen Ufern beteiligt war – mit dem Aufsatz Goe thes Erbschaft (die Studie eröffnet als Neuabdruck die Unendliche Kette).383 Henrik Fronzek schrieb: »Wenngleich sich Mayer in seinen Analysen vordergründiger Aktualisierung zu enthalten wusste, sind seine Bemühungen um einen Brückenschlag zwischen einer sozialutopischen Deutung der vermeintlich kapitalismuskritischen Elemente in Goe thes Werk und den gesellschaftspolitischen Ansprüchen der Rezeptionsgegenwart evident.«384 Die Unendliche Kette umfasst insgesamt sieben Studien und Vorträge, die vollständig im gerade geschilderten Kontext der marxistischen Goethe-Interpretation aufgehen. Dies betrifft zuvorderst die Analogiesierung von Goe the und Hegel, die sich, wie gleich zu zeigen ist, auch bei Hans Mayer findet. Zudem hat Mayer bewusst die Verbindung zu den vorliegenden Arbeiten von Rilla und Bloch hergestellt (das Buch von Lukács war ja in der DDR noch nicht erschienen): »Nimmt man zu unseren Studien noch den umfangreichen Essay von Paul Rilla über Goe the in der Literaturgeschichte und Ernst Blochs Beitrag über Das Faustmotiv in Hegel zur Phänomenologie des Geistes, so sind wesentliche Elemente für eine kritische Neudeutung des Goe the-Bildes in unserer Zeit damit zusammengefasst.«385 So ist im Nachwort zu lesen. Alfred Klein hat darauf hingewiesen, dass die Orientierung von Mayer auf die Schriften von Lukács für diesen in den Jahren der SBZ und der jungen DDR fast schon die Grundlage des eigenen Denkens gewesen ist. War es ihm doch so möglich, Literatur, Kunst und Kultur als Teil der gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen zu begreifen: »In der ers- 382 Der Band enthält die Texte: Die Erbschaft, S. 11-26; Goe the als deutscher Dichter , S. 27-39; Die Kränze, S. 40-43; Goe the und Hegel, S. 44-59; »Tasso« auf dem Theater, S. 60-64; Goe the in unserer Zeit, S. 65-85; Unsere Zukunft mit Goe the, S. 86-96. 383 Mayer: Goe thes Erbschaft, S. 5-17. 384 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 108. 385 Mayer: Hinweise, S. 98. 182 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ten Hälfte seiner Leipziger Zeit hat sich Hans Mayer allerdings mehr um die Zusammenführung der gesellschaftlichen mit den literarischen Aspekten gekümmert. (…) Franz Mehring und mehr noch Georg Lukács wurden ihm zu Leitfiguren, ihre Arbeiten zu Wegweisern für die eigene Mission. (…) In Georg Lukács sah Hans Mayer einen kompetenten Mitstreiter für die Erneuerung der Literatur und der Literaturwissenschaft nach der faschistischen Gleichschaltung; einen Antipoden nationalistischer Überheblichkeit und povinzialistischen Dünkels, der universalgeschichtliche und weltliterarische Kriterien gegenüber dem eklatanten Mangel an Urteilswilligkeit und -kraft aufbot; einen entschiedenen Gegner aller Wolkenkuckucksheime und einen entschiedenen Freund vernünftiger und realitätsbezogener Denkgebäude.«386 Doch die Prioritäten von Mayer verschoben sich, in den Leipziger Jahren näherte er sich immer stärker an Bloch an, er ging also, um in der Terminologie von Klein zu bleiben, ins Wolkenkuckucksheim (das ist übrigens Aristophanes, nicht Blochsche Schöpfung!) über. In diesem Sinne ist es fast schon symptomatisch, dass Hans Mayer nach 1956, als die Jagd auf ihn eröffnet war und Harich und andere im Zuchthaus saßen, weiter zu Goe the arbeitete und Vorträge hielt, sich mit Bloch über diesen unterhielt. So notiert der Bericht des GI Wild vom 30. November 1960 gegenüber der Staatssicherheit – es ging um ein Telefonat zwischen Karola Bloch und Hans Mayer: »Herr M. wollte wissen, was dem Ernst fehlen würde. Fr. Bl. meinte, dass gar nichts mit ihm sei, sondern es würde alles jetzt kommen, denn zum Beispiel eine vom Hegelaktiv, da sei auch etwas. Er (M.) habe wissen wollen, was Herr Bl. für denen geschrieben habe. Fr. Bl. erwiderte, dass er das Faustmotiv in der Terminologie (Phänomenologie) des Geistes geschrieben habe. Herr M. erwiderte, dass dies aber doch nichts neues sagt (sei). Fr. Bl. sagte, dass er dieses aber überarbeiten würde und die Fahnen seien angekommen und da liest er dieses durch.«387 386 Klein: Unästhetische Feldzüge, S. 18. 387 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 313. Lehmstedt hat die Stasiberichte etc. mit allen Rechtschreibfehlern etc. abgedruckt. Es ist aber überflüssig, die Dummheit (neben dem Inhumanismus, der Menschenverachtung das beherrschende Motiv) dieser Institution uns auf diese Weise vor Augen zu führen. 183 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer In seinen verschiedenen (bzw. unzähligen, dies klingt aber etwas böse) Erinnerungen und Memoirenwerken hat Mayer mehrfach über das Goethe-Jahr berichtet. Auch wenn der 28. August als Goe thes Geburtstag das eigentliche Jubiläumsdatum bildete, so kam doch dem 22. März, Goe thes Todestag, ebenfalls kultur- und parteipolitische Bedeutung zu. Am 21. und 22. März fand in Weimar eine »Feier der Jugend« statt. »Das Programm war in hellblau gehalten, im Farbton der blauen Hemden einer Freien Deutschen Jugend (FDJ).«388 Erich Honecker war damals der Vorsitzende der FDJ und, so Mayer weiter, »hatte offensichtlich die richtigen Worte gefunden und die richtige Einladung ausgesandt, denn das Deutsche Nationaltheater zu Weimar, das wir am 21. März um 10 Uhr morgens betraten, Erich Honecker und ich, war überfüllt mit jungen Menschen im Blauhemd, die ersichtlich weder herkommandiert waren, noch die Veranstaltung als lästiges Bildungsgetue empfanden. Viele waren aus dem Westen gekommen (…).«389 Der Vortrag, den Mayer hielt, kam unter dem Titel Goe the in unserer Zeit (ursprünglich lautete er Spiegelungen Goe thes in der Gegenwart) zum Abdruck. Es ist der einzige Text Mayers aus dem Band Unendliche Kette, den er im Westen nach seinem Weggang aus der DDR neu drucken ließ. »Ich hänge an dieser Erinnerung, und damit an meinen Worten von damals. Es war meine erste große und ernstzunehmende Rede vor der Öffentlichkeit.«390 Gemeinsam mit Alexander Abusch und Wilhelm Girnus war Mayer auch an den Zuarbeiten zu Otto Grotewohls Rede beteiligt, der Titel ist noch heute bekannt: Hammer oder Amboss. Zudem unterscheidet er sich, je nach eigener subjektiver Einstellung zu den Anfangsjahren der DDR kann man auch sagen wohltuend, von so manchem ehemaligen Marxisten oder Halbmarxisten aus dem Osten: Er ist frei davon, den Anfang nach Maßstäben zu beurteilen, die dem Zustand am eigenen sozialistischen Ende entnommen sind. »Damals, im März 1949, war noch nichts verspielt. Während meiner Rede war, in lautloser Stille, die geistige Gemeint ist in dem Zitat: Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 155-171. 388 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 31f. 389 Ebd., S. 32. 390 Ebd., S. 35. 184 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Leidenschaft der jungen Menschen zu spüren. Auch ich war bewegt, an einigen Stellen drohte Emotion fast die Stimme zu drosseln. Honecker freute sich über unsere Veranstaltung. Der Ablauf in Weimar hatte allgemeine und herzliche Akklamation bedeutet für seine Rolle als Sprecher einer deutschen Jugend. Mein Erfolg, der sich noch steigerte nach Erscheinen der Rede im Verlag der FDJ, führte bis etwa zum Sommer 1950 dazu, dass ich gleichsam als kultureller Festredner vom Dienst amtieren musste.«391 Eben diese unterschiedlichen Reden vereint der Band Unendliche Kette. Die Analyse ist zu beginnen mit dem Text Goe the in unserer Zeit, dem Mayer wie gesehen offensichtlich einen Wert zumaß, der die Zeiten und die buchstäblichen Grenzen zwischen Ost und West überdauerte. Mayer bekannte sich – hier Lukács, Bloch, Harich, Rilla, Abusch und vielen anderen folgend/vorausgehend – zum Erbe Goe thes als Teil der zu verwirklichenden sozialistischen Gesellschaft. Die sprachliche Kraft von Lukács und Bloch (jeder der beiden ja auf seine ganz eigene Weise) fehlte ihm etwas, ebenso deren famoses Spiel auf der Klaviatur des Intellekts (das entsprechende Wissen eignete er sich im Laufe der Jahre teilweise an). Aber dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass auch Mayer Goe the »in die DDR mitnehmen« wollte. (Nicht umsonst hielt er seine 391 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 37. Goethes Gartenhaus 185 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Antrittsvorlesung in Leipzig zu diesem Thema.) Es sind der tätige und tatkräftige Faust und mit ihm sein Schöpfer Goe the, die das Leitbild der damaligen bürgerlichen Gesellschaft projizieren und damit gleichzeitig die einengenden Mauern dieser Gesellschaft aufzeigen und in Gedanken aufsprengen: »Der erblindete, sterbende Faust vernimmt das Geklirr der Spaten und ist erfüllt von der Vision eines freien Volkes auf freiem Grund, einer menschlichen Gemeinschaft, die siegreich den Nahrungskampf gegen die Mächte der Natur besteht. (…) Faust meinte die große gesellschaftsnützliche Arbeit, die er angeregt hatte: Den entschlossenen Kampf der Menschen um fruchtbares Land, das man dem Meer abgewinnt.«392 Faust selber habe seine Zukunftsvision nicht mehr erlebt, er konnte sie nur ahnen.393 Goe the habe also nicht seine gesamte Weltbetrachtung in die Figur des Faust hineingelegt, einige Ansichten und Einsichten behielt er gleichsam für sich. Faust ist eine Figur, die sich in den Umbrüchen der da- 392 Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 66. 393 Vgl. Mayer: Ebd., S. 67f. Goethes Juno-Zimmer 186 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe maligen Zeit bewegt.394 »Was Goe the aber von der Höhe seines Alters, seiner Weisheit, gleichsam wie von einem Turm aus erblickte, war ein undurchdringliches Gewirr aus Neubau und Zerstörung, von schöpferischen und zerstörerischen Mächten. (…) Auch dies hat Goe the gewusst: Dass ein neues technisches Zeitalter noch nicht durch die bloße Technik den Menschen frei und glücklich machen könne, dass neue Formen der Gesellschaft und der menschlichen Lebensform notwendig seien, um die Kräfte der Arbeit und der Technik und der Natur nicht in Bahnen der Zerstörung, sondern des friedlichen Glückes der Völker zu lenken.«395 Wie schon Lukács explizit und Bloch implizit formulierte auch Mayer, dass mit dem Erbantritt der DDR aus Goe the natürlich kein Vorläufer des Sozialismus gemacht werden soll. Denn Goe the habe die Grenzen seines Zeitalters sehr wohl gesehen. Daraus resultiere die von Goe the bewusst vorgenommene Unterscheidung zwischen der »näheren und weiteren Zukunft«, zwischen der »nächsten Wirklichkeit« und »den dahinterliegenden großen Zielen sozialer Erneuerung in der Form einer befreiten und solidarisch wirkenden, über Spezialistentum und Egoismus hinausgewachsenen Menschheit«.396 Größe und Grenzen Goe thes seien gleichermaßen wichtig – auch dies ist eine der Konstanten der marxistischen Annäherung an Goe the. Sein Wirken in der Realität ist also zu unterscheiden von den Einsichten und Visionen seiner Werke und Schriften.397 In diesem Sinne galt für Mayer: Goe thes Erbe antreten ja, ihn verfälschen nein. Ein modernes Goe the-Bild müsse generiert werden – in (das kennen wir bereits) bewusster Abwehr der bürgerlichen und faschisti- 394 »Die Welt des modernen Kapitalismus hat keine Beziehung mehr zur Tradition. (…) Die neue Zeit, die Goe the heraufkommen sah, begann mit Zerstörungen, mit rücksichtsloser Gewalt, als eine Macht des Aufbaus und der Zerstörung in einem.« Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 67. 395 Ebd., S. 67f. 396 Ebd., S. 70. 397 »Goe the erlebt und versteht diese großen Zeichen seiner Zeit. Aber er durchlebt sie im Umkreis engster deutscher Misere, in dieser Stadt und am Hofe dieser Stadt, wo sich gleichzeitig das Schauspiel höchster geistiger Regsamkeit und engster Klatschsucht und Miniaturintrige bietet. Und beide Aspekte erlebt man auch in Werk und Lebenshaltung dieses Mannes, der aus der Forderung des Tages zu schaffen strebt, die Forderungen aber gleichzeitig in welthistorischer Weite und provinziellster Enge gestellt findet.« (Ebd., S. 75.) 187 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer schen Verfälschungen: »Ein Goe the-Bild ferner, das nicht versucht, einen abstrakten Weltbürger, einen deutschen Nationalisten oder auch einen sich selber unbewussten Marxisten aus Goe the zu machen. Ein Goethe-Bild unserer Generation also, das einen gewaltig strebenden Geist in größter Weite und teilweise in jammervoller Enge des Lebenskreises wirkend vorfindet: Einen Geist, der um den Menschen bemüht ist und seine Möglichkeiten, der an die Entwicklung des Menschen glaubt und dieser Entwicklung mit jedem Atemzug seines Lebens zu dienen bestrebt ist.«398 Und dennoch: Auch wenn aus Goe the kein Sozialist gemacht werden soll, so findet sich auch bei Mayer der Hinweis, dass nur der Sozialismus Goe the richtig verstehen könne. Denn den bürgerlichen Theorien der Moderne  – vom Ende der Geschichte, vom Untergang des Abendlandes, vom Fatalismus, von »Verzweiflung und Barbarei« usw. – stünden die Kernaussagen von Goe thes Werken diametral gegenüber. Diese Thesen weisen deutlich in Richtung Lukács und, vor allem, Paul Rilla (Goe the in der Literaturgeschichte). Aber auch die Zeitungsartikel Harichs sind in diesem Kontext zu erwähnen, exemplarisch der Text Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den F aschisten Ortega y Gasset aus dem September 1949. Dort heißt es eingangs: »Die Westberliner Hautevolee wird sich heute Abend in einem Klubhaus am Wannsee zu einer Goethe-‘Ehrung‘ zusammenfinden, die es den Verderbern der Hauptstadt Deutschlands als ewige Kulturschande anzukreiden gilt. Als Redner des Abends ist der Spanier José Ortega y Gasset vorgesehen, auf den die Bezeichnung Reaktionär in einem so exakten und buchstäblichen Sinne zutrifft wie auf kaum einen anderen Vertreter bürgerlicher Ideologie in unserer Zeit. Ortega y Gasset, der ‚große Europäer‘ (wie ihn die Westpresse zu nennen beliebt), gelangte vor zwanzig Jahren durch sein Buch La rebelion de las masas (Der Aufstand der Massen) zu trauriger Berühmtheit. Das Buch ist eines der niederträchtigsten Machwerke kapitalistische Apologie, die je zur Verächtlichmachung des Volkes veröffentlicht wurden.«399 Im Schatten von und unter Protegierung durch Franco setze Ortega y Gasset die Goe the-Verfälschung des Nazis nahtlos fort. Es war für die Intellektu- 398 Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 77. 399 Harich: Goe the-Schändung in Westberlin, S. 4. 188 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ellen der DDR ein mehr als nur signifikanter, charakteristischer Vorgang, dass er im Westen zu Goe the redete. Die bürgerliche Welt, so Mayer, könne Goe the nicht rezipieren, schon gar nicht verstehen oder an seine Zukunftsvisionen anknüpfen:400 »Ein neues Geschlecht ist heute aufgerufen, die Erbschaft Goe thes zu verwalten, eine Menschheit, die nicht mehr bürgerlich sein kann in jenem engen klassenmäßigen Begriff – die Welt arbeitender Menschen, denen Goe the stets so freundlich zugetan war, und die in seinem Werk von nun an allen Reichtum der Schönheit, der Sprachgewalt, der tiefen menschlichen Erfahrung entdecken sollen.«401 Und die letzten Worte seines Vortrages: »Wo immer in der Welt etwas den Menschen zuliebe geschieht, wo immer gesellschaftliche Aufgaben im Geiste des Vertrauens und der Zusammenarbeit tatkräftig gelöst werden, da wirkt Goe thes Vermächtnis in unserer Zeit.«402 Gemeint war mit diesen Sätzen, daran besteht kein Zweifel, der Aufbau des Sozialismus im kleineren Teil unserer deutschen Heimat. Mit seiner Antrittsvorlesung vom 20. Juli 1949 an der Leipziger Universität, gedruckt unter dem Titel Goe the und Hegel, suchte Mayer bewusst den Anschluss an Lukács und Bloch, darauf haben wir bereits verwiesen. Wie diesen beiden ging es ihm um den Marxismus – verstanden als Heimstätte der Gedanken und Theorien von Goe the und Hegel. Schöpferisch und kritisch zugleich müsse an das Erbe von Goe the und Hegel herangegangen werden, um es für den Aufbau der Zukunft nutzbar zu machen. »Wir möchten versuchen, durch diese Namen eines der bedeutendsten Anliegen moderner Kulturgeschichte zu umschreiben: Die gleichzeitig schöpferische wie kritische Aneignung unseres großen geistigen Erbes. Dass wir allerdings dieses Erbe auch als ein großes deutsches anzutreten vermögen, beweisen diese zwei Namen: Der des Dichters wie des Philosophen, die beide zu ihrer Zeit (und bis heute) Weltgeltung besessen haben. 400 »Die Goe the-Welt und die Goe the-Zeit liegen fern. Das bürgerliche Zeitalter, dessen höchsten Ausdruck wir in Goe the bewundern, geht heute in grauenvollen Zuckungen und Krisen zu Ende. Wer heute Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters bleiben will, landet unweigerlich in Verzweiflung und Barbarei (…).« Mayer: Goe the in unserer Zeit, S. 81. 401 Ebd., S. 84. 402 Ebd, S. 84f. 189 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Es gibt keine moderne Philosophie, die es sich leisten dürfte, Hegel wie einen ‚toten Hund‘ zu behandeln, um ein bitteres Wort von Marx über die unwissenden Hegelgegner zu zitieren. Gerade Marxens, später Lenins tiefe und angelegentliche Beschäftigung mit Hegels Werk kann hier die Richtung angeben.«403 Hans Heinz Holz hat geschlussfolgert, dass sich aus dieser Stellung Mayers (Holz zitierte exakt die gerade wiedergegebene Passage) eine »hegelianische Position des Verfassers« schließen lasse, was so aber sicherlich nicht zutrifft.404 Nach einigen einleitenden Anmerkungen und der Rekonstruktion der Begegnungen und Kontakte zwischen Goe the und Hegel405 umriss Mayer seine Erkenntnisinteresse: »Wir verzichten also wesentlich auf eine Darstellung goethescher Elemente in Hegels Werk, vor allem in seiner Ästhetik, und wollen versuchen, das Problem des Hegelschen Geistes, anders ausgedrückt, des dialektischen Denkens in Goe thes Weltbild aufzuzeigen.«406 Als Ausgangspunkt wählte Mayer die naturwissenschaftlichen Arbeiten von Goe the und bezog sich dabei explizit auf Lukács und dessen Der junge Hegel. Damit nahm er quasi die Gegenposition zu Harich ein und erbrachte den Nachweis, dass Lukács sehr wohl die naturwissenschaftlichen Theorien von Goe the gekannt und in seinen Interpretationen berücksichtigt habe.407 Gesagt war so zudem, dass man dieses Thema sehr wohl in Lukács’ Werk finden könne. Gerade Goe thes Bezug zu den Naturwissenschaften habe ihn zur Annäherung an Schiller und Hegel sowie Herder geführt. (Eine These, die Harich seit den frühen fünfziger Jahren übrigens ebenfalls vertrat. Wie Mayer von Lukács herkommend dabei.) Die Rezeption von Goe the in diesem Beziehungsgeflecht zeige, dass dieser nicht einseitig als Naturwissenschaftler oder Naturforscher interpretiert werden dürfe, sondern die verschiedenen Teile seines Schaffens ineinander greifen würden: »Goe the selbst empfand sein Wirken und Werk als eine große Einheit, als eine ‚konkrete Totalität‘, um es in der Sprache Hegels zu 403 Mayer: Goe the und Hegel, S. 44. 404 Holz: Hans Mayers Beitrag zur Ideologietheorie, S. 41. 405 Siehe: Mayer: Goe the und Hegel, S. 48-50. 406 Mayer: Goe the und Hegel, S. 50. 407 Vgl. Ebd., S. 51f. 190 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe sagen. In solcher Haltung ist er Hegel sehr nahe; denn auch dessen große Enzyklopädie hatte den Versuch unternommen, das Ganze menschlicher Tätigkeit nicht bloß einer Gesamtbetrachtung einzuordnen, sondern solches System aus Urzellen gleichsam herauswachsen zu lassen.«408 Wenn aus marxistischer Perspektive Gemeinsamkeiten von Goe the und Hegel gesucht werden, dann ist es im Prinzip selbstverständlich, dass die Dialektik, das dialektische Denken im Mittelpunkt steht. Mayer widersprach der Einschätzung von Lukács, dass Goe the bestimmte dialektische Einsichten Hegels nicht nachvollziehen konnte. Aus dem vorletzten Absatz von Lukács Der junge Hegel hatte er die entsprechenden Stellen angeführt. Es bietet sich an, diese Passage hier wiederzugeben, da sie einerseits noch einmal den Blick von Lukács auf die Beziehungen zwischen Goe the und Hegel verdeutlicht, andererseits die von Mayer angesprochenen Differenzen so verständlicher werden. »Goe the und Hegel leben am Anfang der letzten tragischen großen Periode der bürgerlichen Entwicklung. Für beide eröffnen sich schon die unauflösbaren Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft, das Auseinandergerissenwerden von Individuum und Gattung durch diese Entwicklung.«409 Die sich daran anschließende These von Lukács mit Blick auf die historische Verortung von Goe the und Hegel kennen wir bereits: Widersprüche und Probleme dieser Zeit hätten sie genauso erkannt wie die Chancen und Potenziale.410 »Wilhelm Meister und Faust sind in dieser Hinsicht ebenso unvergängliche Dokumente der Menschheitsentwicklung wie die Phänomenologie, die Logik und die Enzyklopädie.« Es schließt sich dann die Stelle an, die Hans Mayer zitierte: »Selbstverständlich darf über diese tiefe Verwandtschaft ihrer letzten Grundtendenzen ihre gedankliche Scheidung nicht völlig 408 Mayer: Goe the und Hegel, S. 52. 409 Lukács: Der junge Hegel, S. 645. 410 »Ihre Größe besteht einerseits darin, dass sie diesen Widersprüchen unerschrocken ins Gesicht sehen und dem Versuch machen, für diese Widersprüche den höchsten, dichterischen oder philosophischen Ausdruck zu finden. Andererseits leben sie am Anfang dieser Periode, so dass es beiden – wenn auch nicht ohne Künstlichkeiten und Widersprüche – noch möglich ist, umfassende und doch tiefe und wahre Bestimmungen enthaltende synthetische Bilder über die Gattungserfahrung der Menschheit, über die Entwicklung des menschlichen Gattungsbewusstsein zu schaffen.« (Ebd., S. 645.) 191 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer außer acht gelassen werden: Goe the hat sich viel stärker an der Natur orientiert als Hegel, stand Zeit seines Lebens dem Materialismus sehr nahe, andererseits aber hatte er für sehr wichtige dialektische Entdeckungen Hegels keinen Sinn mehr.«411 Eine Geschichte der Periode der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus und der entsprechenden literarischen Strömungen der Zeit müsse die Unterschiede zwischen Goe the und Hegel ausführlich berücksichtigen und analysieren. Grundlegend aber sei, daran ließ Lukács keinen Zweifel, die beiden gemeinsame Einsicht in die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft: Jener Gedanke an das Wesen der Arbeit, den dann Marx so fulminant entwickelt habe. (Von dieser Überlegung nimmt übrigens auch Blochs Vermessung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Goe the und Hegel in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie 1963 ihren Ausgang. Wir kommen darauf zurück.)412 Noch einmal kann Lukács zu Wort kommen: »Wir brauchen hier nicht die komplizierte Dialektik jener Ursachen und Folgen detailliert zu untersuchen, die die Auseinandersetzung Goe thes mit den Problemen der kapitalistischen Gesellschaft teils realistischer, teils weiter in die Zukunft schauend, teils aber weniger dialektisch, weniger widerspruchsvoll gemacht haben als die von Hegel. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis, dass der Ausgang von der menschlichen Arbeit als Selbsterzeugungsprozess des Menschen der gemeinsame Grundgedanke Goe thes und Hegels gewesen ist.«413 Und so lautet der letzte Satz des Jungen Hegels, charakteristisch und paradigmatisch zugleich: »Es wäre lächerlich und pedantisch, zwischen den großen Werken Goe thes und der Philosophie Hegels mechanische und in Einzelheiten gehende Parallelen zu ziehen. (Genau das macht ja ein Stück weit Bloch im Faustmotiv.) Aber der Weg, auf dem Goe the seinen Wilhelm Meister oder Faust findet, ist in einem großen historischen Sinne derselbe Weg, den der Geist in der Hegelschen Phänomenologie durchläuft.«414 411 Lukács: Der junge Hegel, S. 645. 412 Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosophie, S. 54ff. 413 Lukács: Der junge Hegel, S. 645f. 414 Ebd., S. 646. In der Fußnote zu diesem letzten Satz verwies Lukács auf sein Goethe und seine Zeit und bildete auf diese Weise einen Entwicklungsprozess ab, der von den Jahren des Exils bis hinein in die Wirklichkeit der fünfziger Jahre reicht. 192 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Zurück zu Hans Mayer: Als Schriftsteller, so führte dieser in der Debatte mit den gerade wiedergegebenen Lukács-Passagen aus, habe Goe the die Möglichkeiten des künstlerischen Schaffens in Form einer dialektischen Triade aufgefasst. »Die dialektischen Triaden Hegels haben den Begriff, den Logos als Ausgangspunkt. Die Natur erscheint bei ihm erst in der Antithese als ‚Entäußerung‘ des Begriffs. Bei Goe the dagegen steht auch hier wieder das Dasein der Natur, das Objektive an sich am Beginn der dialektischen Entwicklung. Darum gibt es für Goe the auch nicht die Dreiheit von subjektivem, objektivem und absolutem Geist. Denn dieses dialektische Schema ist nur auf der Grundlage des Idealismus möglich, die nicht eine solche Goe thes ist.«415 Mayer illustrierte dies an einem Beispiel: Goe the habe die Metamorphose der Pflanzen als einen dialektischen Prozess aufgefasst. Darüber hinaus habe er als Grundlage dieses dialektischen Prozesses ewige Gesetze der Natur angenommen und nicht reine bewusstlose Wandlungen. Hegel hingegen habe, vor allem in seiner Geschichte der Philosophie, den Keim, also den Ursprung als »Ansicht der Verwirklichung« aufgefasst.416 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Auffassungen von Goe the und Hegel lassen sich dieser Art erkennen: »Auch bei Hegel der dialektische Gesamtprozess im Verhältnis von Pflanze, Tier und Mensch. Aber als Ausgangspunkt ist bei Hegel das Bewusstsein, die Einsicht, die bloße Erkenntnis gesetzt. Auch Goe thes Metamorphosen sind dialektisch gefasst; allein als Ausgangspunkt steht entschieden die Objektivität der Natur. Und der Prozess ist bei ihm immer wieder ein solcher menschlicher Tätigkeit. Des Menschen Verhältnis zu Pflanze und Tier ist nicht bloß ein solches der Einsicht, sondern des Wirkens. (…) Auch hier also möchten wir meinen (gegen Lukács’ These aus dem Jungen Hegel, AH), dass Goe the nicht bloß dem Materialismus näher steht als Hegel, sondern dass er auch die Dialektik in diese Deutung nach Tat und Wahrheit einbezogen hat.«417 415 Mayer: Goe the und Hegel, S. 54. 416 Vgl. Ebd., S. 55. 417 Ebd., S. 56. 193 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Das Verhältnis von Goe the und Hegel zur Geschichte zeige allerdings ein Stück weit das Gegenteil des gerade Gesagten, denn auf diesem Gebiet habe Hegel auf idealistischer Grundlage die Dialektik weiter geführt als Goe the. »Und wenn Goe the die Gesetze der Natur in der Form der Wechselwirkung aus Erkenntnis und Praxis versteht, so ist er, allerdings wohl skeptisch gemacht durch die idealistischen Geschichtskonstruktionen Hegels und seiner Schüler, auf dem Gebiet der menschlichen sozialen Praxis darin viel zurückhaltender.«418 Als Naturwissenschaftler sei Goe the weitaus tiefer und deutlicher zur Dialektik vorgestoßen als in seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen. In Konsequenz müsste man also formulieren, dass mit Blick auf die Dialektik gerade nicht von einer Einheit des Werkes Goe thes gesprochen werden kann. Doch so weit wollte Mayer nicht gehen. Seine These – oder Ausrede, je nachdem, wie man will  – ist eines Germanisten würdig (und scheidet diesen akkurat vom Philosophen): »Der Dichter Goe the nämlich besaß noch eine andere, vielleicht tiefere Einsicht in die geschichtlichen Zusammenhänge als der Historiker Goe the. Abermals wäre dabei zu zeigen, dass Goe thes starkes Verhältnis zur Realität der Außenwelt ihn auch über Hegel hinauszuführen vermochte.«419 Gerade im Faust werde deutlich, dass Goe the dem Menschen die Fähigkeit zugestehe, sein Leben selbst zu gestalten, durch Tragödien hindurch zu erstarken, sich selbst zu verwirklichen. Gott habe in dieser Konzeption nur noch die Funktion, den ersten Anstoß zu geben, »der sich schließlich gegen ihn selbst wendet. Man könnte meinen, dass auch Hegels Vorstellung von der ‚List der Idee‘ einen ähnlichen Vorgang beschreibt: Ein Wirken, das sich durchsetzt im Widerspruch zu dem, was gewollt wurde. Und doch zeigt sich gerade hier der tiefste Gegensatz zwischen Goe the und Hegel. Die List des Weltgeistes nämlich verwandelt nicht den verneinenden Geist in einen solchen, der schließlich Tätigkeit erzeugt und Gutes schafft. Der Prozess der Weltgeschichte triumphiert für Hegel über alle Tätigkeit des Menschen, um sich siegreich ihm gegen- über durchzusetzen. Hier bleibt Hegel Determinist, während Goe the den 418 Mayer: Goe the und Hegel, S. 56. 419 Ebd. 194 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Ausblick findet zur menschlichen Praxis.«420 Auch wenn sich Mayer im Anschluss an diese These erneut direkt auf Lukács bezog, so hatte er doch einen (in Teilen zu diskutierenden) Gegenentwurf zu den Überlegungen von Lukács und auch zu denen von Bloch vorgelegt. Von daher überrascht es nicht, dass Mayer aus seinen Überlegungen Konsequenzen ziehen musste, die Goe the eindeutig vor Hegel setzen. »Versteht man dies aber recht, so wird auch begreiflich, warum die Weltgeschichte als eine Geschichte des Bewusstseins, eigentlich gar der Philosophie, bei Hegel schließlich in der Beharrung enden musste. Im abgeschlossenen System, das abgeschlossen war im gesellschaftlichen Rahmen des preußischen Staates als der nun zur Wirklichkeit gewordenen angeblich sittlichen Idee, und das abgeschlossen war im System des Philosophen Hegel.«421 In dem Aufsatz Goe thes Erbschaft in der deutschen Literatur hatte Mayer 1948 geschrieben: »Allein Hegel hatte in seinen letzten Jahren nahezu verzweifelt den Ausgleich zwischen geistiger Einheit (auch religiöser Einheit), bürgerlicher Gesellschaft und preußischer Staatlichkeit angestrebt. Er war darüber gestorben – als ein Scheiternder. Die Abrundung seines Systems war bloß scheinbar. Alle von ihm gestellten und scheinbar beantworteten Fragen standen von neuem in den nun anhebenden Auseinandersetzungen zwischen den konservativen Anhängern des preußischen ‚vernünftigen‘ Staates und den Junghegelianern mit ihren Drang nach Ausdehnung und kritischer Überprüfung aller Bestandteile des geistigen und sozialen Lebens.«422 Dort dann weiter, ergänzend, spitzte Mayer zu, dass auch Goe the gescheitert sei: »Das klassische Persönlichkeitsideal des Weimarer Humanismus (…) war zerbröckelt. Goe the hatte im Schluss des Faust, vor allem in den Wanderjahren, ein neues Gesellschaftsbild entworfen, das nur wenig Gemeinsames mehr hatte mit dem Individualitätsprinzip der Lehrjahre, mit der Humanitas Herders wie auch 420 Mayer: Goe the und Hegel, S. 58. 421 Ebd., S. 59. Und weiter heißt es: »Erst die Zerbrechung der Form, die Freisetzung der dialektischen Methode durch Marx und Engels, konnte den zukunftsweisenden Erkenntnissen Hegels wieder die Freiheit zurückgeben. Vor Goe thes Weltbild ist ein solches Zerbrechen der Form, solche schöpferische Aufhebung in weit geringerem Maße nötig.« (Ebd., S. 59) 422 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen Literatur, S. 17f. 195 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer Schillers und mit der individuellen Pädagogik aus liberalem Geist. Abermals war ein Abschied und ein Neubeginn notwendig geworden.«423 Letztlich reduzierte Mayer in Goe the und Hegel (und auch in anderen Aufsätzen) den Vollender der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus auf den »preußischen Staatsphilosophen«. Das muss deswegen erwähnt werden, da die Hegel-Debatte ihre Schatten ja bereits vorauswarf. So konnte die ostdeutsche Intelligenz in der Einheit seit Februar 1947 bereits den (schon erwähnten) Artikel von A. Demal lesen, in dem Hegel als vermeintlicher Vorläufer des Faschismus kritisiert wurde. Hegels Anschauungen konnten, so Demal, »in großem Maße durch die Ideologen der deutschen Reaktion des Imperialismus und des Nazismus ausgenutzt werden« und wurden auch ausgenutzt – und zwar, das ist entscheidend, ohne Momente der Verfälschung.424 Viele hatten diese Position, wenn sie sich in dieser Zeit über Hegel äußerten, bereits klar vor Augen und versuchten das Erbe Hegels zu retten, ihn aus diesem Verdacht zu befreien. Kurze Zeit später kam dann Shdanows Gerede vom »aristokratischen Reaktionär« Hegel – mit Bezug auf Stalins Autorität und unter sofortiger Verbreitung durch die »philosophischen« Helfer des Dogmatismus in der SU und der SBZ/DDR. Gegen diese These standen die modernen marxistischen Hegel-Interpretationen von Lukács, Bloch, Cornu, Harich und anderen. Mayer nun hatte nicht den Dialektiker Hegel, den Vorläufer von Marx und Engels mit Goe the verglichen, sondern den reaktionären preußischen Staatsphilosophen. Dass seine Argumente, ungewollt, dies sei (vermutender Weise) zugestanden, nur kurze Zeit später gegen seinen Verbündeten im Kampf für einen offenen und modernen Marxismus geltend gemacht wurden, scheint ihm rückblickend klar geworden zu sein – vielleicht ist genau darin einer der Gründe zu suchen, warum er seine 423 Mayer: Goe thes Erbschaft in der deutschen L iteratur, S. 18. Dort dann weiter: »Goe the war in Weimar Beamter und Politiker, und als solcher gescheitert. Der Versuch, ‚die Ideen der Aufklärung im politischen und sozialen Leben des Miniaturstaates zu verwirklichen‘ (Lukács) war missglückt. Die Freiheitskriege, anschließend die deutsche Restauration, hatten in der neuen Wirklichkeit eine Widerlegung der humanistischen Klassik dargestellt. Der spätere Goe the wird nun sozialer Denker und Erzieher.« (Ebd.) 424 Demal: Wurzeln der nazistischen Ideologie in der Philosophie Hegels, S. 172. 196 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Goe the-Studien aus den Jahren der SBZ und der jungen DDR bis auf eine Ausnahme dem Vergessen anheim gegeben wollte. Alter (oben) und neuer 20-Mark-Schein der DDR

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Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.