9. Ein Vortrag in Berlin in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 167 - 178

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-167

Tectum, Baden-Baden
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167 9. Ein Vortrag in Berlin Die Beziehung zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács begann unter keinem guten Stern, sondern mit einem echten Missverständnis. Bei der Beschäftigung mit Johann Wolfgang Goe the kreuzten sich ihre Wege zum ersten Mal. Wir haben bereits rekonstruiert, in welchem Umfang Harich für die Tägliche Rundschau und die im gleichen Verlag erscheinende Neue Welt arbeitete. Am 31. August gehörte Harich dann zu den Besuchern des gerade analysierten Goe the-Vortrages von Lukács. Harich kritisierte dessen Beitrag zu Goe the in einem Zeitungsartikel Georg Lukács sprach über Goe the vom 2. September 1949 in der Täglichen Rundschau.350 Zwar, so berichtete er gegenüber Siegfried Prokop, habe er seine Kritik an Lukács in eine intensive Würdigung eingebettet. Doch die aktuelle Politik (»ich hatte ja gar keine Ahnung«)351 habe dieses doppelte Verfahren von Lob und Kritik nicht zugelassen. Auf Anweisung aus Karlshorst sei der Artikel so umgeschrieben und gekürzt worden, dass 350 Der Artikel wurde gerade neu herausgegeben: Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 22-25. Harichs Kritik an Lukács war kein Einzelfall, also nicht auf diesen im Speziellen bezogen. So kritisierte Harich beispielsweise Günther Weisenborns Theaterstück Babel derart deutlich, dass sich die Tägliche Rundschau verpflichtet fühlte, in einer redaktionellen Anmerkung unter dem Artikel darauf hinzuweisen, dass Harichs Artikel dessen Ansicht widerspiegele und die Zeitung auch für zustimmende Kommentare offen stehe. Siehe: Harich: Berauschung am Gigantischen, S. 3. Es ging Harich also im wahrsten Sinn des Wortes um seine Meinung, sein Empfinden – und dabei scheute er schon frühzeitig keine Autoritäten und anerkannte keine Dogmen. 351 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 57. 168 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe ein Lukács-Verriss übriggeblieben sei. Dieser Rückblick ist so allerdings nicht vollständig zutreffend, da Harichs Artikel sehr wohl Momente des Lobes für Lukács enthält. Der kurze Text Harichs beginnt mit den Sätzen: »Mit enthusiastischem Applaus wurde am Mittwochabend Professor Georg Lukács, der bedeutende ungarische Literaturhistoriker und Kritiker, im überfüllten Vortragssaal des Klubs der Kulturschaffenden willkommen geheißen. Ein überaus zahlreich erschienenes Publikum versuchte, durch herzlichste Sympathiebezeigung dem bewährten Freund und Mitstreiter des demokratischen Deutschland zu danken, der viel dazu beigetragen hat, eine fortschrittliche Deutung der klassischen deutschen Literatur und Philosophie zu erarbeiten und den literarischen Faschismus auch in seinen raffiniertesten Erscheinungsformen zu entlarven.«352 Die kritische Hauptstoßrichtung ist allerdings im Laufe des Textes unübersehbar. Lukács habe in seinen Ausführungen treffende Bemerkungen über die Goe the-Deutungen der Vergangenheit gemacht. (Das entsprechende Buch von Paul Rilla, Goe the in der Literaturgeschichte, kannte Harich zu diesem Zeitpunkt bereits.)353 Zudem hob Harich hervor, dass Lukács es vermieden habe, Goe the zum Sozialisten zu stempeln und dessen Schwächen und Kompromisse deutlich herausarbeitete. Im Anschluss daran thematisierte er dann fünf Punkte, drei positive und zwei negative: 1) Die Ausführungen von Lukács über den gescheiterten Politiker Goe the würden sich bis zu Marx, Engels und Mehring zurückführen lassen und Lukács habe sich ausdrücklich zu dieser Tradition bekannt. Auch wenn Goe the als Politiker in der Enge des absolutistischen Kleinstaates versagte, Kompromisse schloss, »so habe er sich objektiv in seinen Werken doch aufs Entschiedenste zum Fortschritt bekannt und zugleich die ganze Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit genial erfasst«.354 2) Der zweite Punkt würdigt die von 352 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 22. 353 In den Neuen Ufern war ja Rillas gleichnamiger Aufsatz vertreten. Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 115-159. In den Memoiren von Anne Harich (Wenn ich das gewusst hätte) finden sich Briefe Harichs an Rilla sowie interessante Anmerkungen zu diesem Thema. Alles weitere hier Relevante wurde bereits erwähnt. 354 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23. 169 9. Ein Vortrag in Berlin Lukács ausführlich dargestellte ästhetische Methode Goe thes.355 3)  Den Höhepunkt der Ausführung von Lukács sah Harich dann in dessen »Interpretation der Auffassungen Goe thes über die gesellschaftliche Entwicklung«. Außerdem fokussierte er die von Lukács herausgestellte Dichotomie zwischen der Zukunftsvision Goe thes (ausgesprochen durch Faust) und der Enge der deutschen Misere sowie den sozialistischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Harich schrieb. »Wie Goe the sich am Fortschritt der Technik begeistert habe, so habe er überhaupt jeden Fortschritt bejaht und auch die Zerstörung patriarchalischer und idyllischer Verhältnisse durch den Kapitalismus als notwendig erkannt. Aber wie Hegel habe Goe the seine größten Werke geschaffen, nachdem das ‚Reich der Freiheit‘ bereits als ‚Reich der Bourgeoisie‘ erwiesen war, und wie Hegel habe er erkannt, dass die Vorwärtsentwicklung der Menschheit, die er als Ganzes optimistisch beurteilte, eine Kette individueller Tragödien sei. Das vorwärtstreibende, daher notwendige Prinzip des Kapitalismus sei zugleich mephistophelisch und zerstörerisch. Gegen diese zerstörenden und entmenschlichenden Tendenzen habe Goe the die Kunst und die allseitig entwickelte Künstlerpersönlichkeit verteidigen wollen, und am Schluss von Faust II habe er die grandiose Erkenntnis ausgesprochen, dass – bei Erhaltung und schöpferischer Weiterentwicklung des Technisch-Zivi- 355 »Lukács wies das an Goe thes ästhetischer Methode und an seiner Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugend nach. Goe the sei einer der größten und am meisten bewussten Realisten der gesamten bürgerlichen Literatur. Bezeichnend für die Tiefe und Vielseitigkeit seines Realismus sei die Tatsache, dass er niemals der Gefahr des Manierismus verfallen sei, sondern jedem Inhalt die genau adäquate Form gegeben habe. So gebe es keinen Goe theschen Dramenstil wie es einen Shakespeareschen Dramenstil gebe: Unmöglich sei es, die Formen von Götz, Pandora, Iphigenie und Faust auf einen Nenner zu bringen. Immer wieder sei die Form neu und organisch aus dem spezifischen Inhalt erwachsen. Ebenso verhalte es sich mit Goe thes Prosadichtung und seiner Lyrik. Dem Baudelaireschen Lyrikstil stehe kein Goe thescher Lyrikstil, sondern die konkret unterschiedene Fülle von Ausdrucksformen gegenüber, wie wir sie z. B. im Heideröslein, in der Harzreise im Winter, im Prometheus-Gedicht und in der Marienbader Elegie finden. Und während es einen Balzacschen Romantypus gebe, habe Goe the im Werther, im Wilhelm Meister und den Wahlverwandtschaften völlig verschiedene Prosaformen entwickelt.« Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23. 170 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe lisatorischen – das mephistophelische Prinzip nur überwunden und die Freiheit der Persönlichkeit nur gerettet werden könnte durch das ‚freie Volk auf freiem Grund‘.«356 Diese Überlegung prägte Harichs Werk viele Jahrzehnte lang, bis hinein in die Wendezeiten. Die beiden letzten Punkte enthalten die Kritik an Lukács. Es sei klar, dass Lukács in seinem Vortrag natürlich nicht alle Elemente und Tendenzen Goe thes behandeln konnte, die für ein modernes Goe the-Bild wichtig seien. 4) In seinem Aufsatz in den Neuen Ufern hatte Harich ja den Naturwissenschaftler Goe the thematisiert. Von daher überrascht es nicht, dass er folgenden Punkt geltend machte: »Es ist jedoch zu bemerken, dass eine marxistische Goe the-Darstellung in ihrer ganzen Anlage umfassend sein muss, keinesfalls – wie es bei Lukács der Fall ist – an Goe thes naturwissenschaftlicher Leistung vorübergehen kann.«357 Entscheidend sei, dass dieser Mangel bei Lukács auch in anderen Schriften vorkomme, so dass eine Ergänzung und Weiterentwicklung von Lukács’ Thesen für die modernen Wissenschaften notwendig seien:358 »Das aber bedeutet, dass man im marxistischen Sinn nur dann die Literatur- und Philosophiegeschichte 356 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 23f. Und weiter heißt es: »Freilich habe Goe the in der Wirklichkeit seiner Zeit keine reale Kraft erkennen können, die fähig gewesen wäre, diese letzte und höchste Sehnsucht Faustens zu verwirklichen. Um so höher sei zu bewerten, dass er niemals in einen romantisch-reaktionären Antikapitalismus zurückgesunken oder hoffnungsloser Verzweiflung verfallen sei, sondern das Höchste gegeben habe, was in seiner Zeit möglich war: Die vorahnende, wenn auch utopische Vision einer harmonischen Zukunft der Menschheit. Damit kehrte Lukács zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zurück: Was Goe the erahnt und über alle Widersprüche seiner Gegenwart hinweg ersehnt habe, sei in unserer Zeit radikal irdisch geworden in der Sowjetunion, und so erschließe Goe thes Werk seinen tiefsten Sinn erst den fortschrittlichen Menschen von heute, die sich zum Lager der Demokratie und des Sozialismus bekennen und seine Humanität bejahen, die in bewusster menschlicher Vervollkommnung und Höherentwicklung durch Arbeit und Arbeitserfahrung bestehe und in der restlosen Harmonie zwischen persönlichem Glück und gesellschaftlichem Nutzen ihre Vollendung finde.« (Ebd., S. 24) 357 Ebd. 358 »Lukács selbst hat die tragischen Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Bewusstsein der Intelligenz derart scharfsinnig analysiert, dass er sich dieses Mangels zweifellos bewusst ist. Im Vorwort zu seinem Buch über den jungen Hegel, wo er ebenfalls die naturwissenschaftliche Seite unberücksichtigt lässt und Hegels wichtige Jugendschrift De orbitis planetarum (Hegels Dissertation, AH) mit 171 9. Ein Vortrag in Berlin sachgerecht darstellen kann, wenn man Lukács’ Errungenschaften weiterentwickelt und seine Beschränktheiten kritisiert und überwindet, statt ihn – wie es oft geschieht – für das A und O marxistischer Literaturhistorie zu halten und ihn in steriler Kritiklosigkeit abzuschreiben, wie das die Klosterschüler von Padua mit der Summa des Thomas von Aquin taten.«359 Der Vorwurf Harichs ist jedoch nicht zutreffend, da Lukács im Jungen Hegel (auf die entsprechenden Passagen verwies Hans Mayer in der Unendlichen Kette, dazu gleich ausführlicher) und beispielsweise in seinen Faust-Studien den Naturwissenschaftler Goe the sehr wohl positiv hervorgehoben hatte. Er begriff dort die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes als Reaktion auf dessen Scheitern in der Weimarer Realpolitik sowie die Erfahrungen der sich anschließenden Italienreise. Lukács schrieb (die Passage ist hier wiederzugeben, da sie gut zeigt, wie Lukács das Problem einschätzte): »Der Versuch Goe thes, seine Weltanschauung in politische Aktivität umzusetzen, ist gescheitert und hat zu einer tiefen Enttäuschung geführt. Freilich, wie dies bei Goe the selbstverständlich ist, zugleich zu einer großen Bereicherung seiner Erfahrungen, seines historisch-sozialen Horizonts, deren bewusste Konsequenzen sich jedoch erst viel später zeigen. Die Weimarer Zeit ist aber zugleich die seiner Wendung zur systematischen Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, der Überwindung des gefühlsmäßigen Intuitismus der Jugendzeit. Diese Beschäftigung geht vorerst von praktischen Bedürfnissen aus, führt jedoch schon in Weimar und Italien zu wichtigen Entdeckungen auf dem Gebiet der neuen Naturlehre, zu der Auffassung der Natur als einheitlichem Entwicklungsprozess (Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, Urpflanze usw.).«360 Das ist durchaus die von Harich in Bemerkungen zu G oe thes Naturanschauung vertretene Position. Durchaus ähnlich, dies sei ergänzt, äußerte sich übrigens Paul Rilla in seinem kleinen Buch Goe the in der Literaturgeschichte:361 »Auf Goe thes keinem Wort erwähnt, hat er den Mangel sogar eingestanden.« Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 24. 359 Ebd., S. 24f. 360 Lukács: Faust-Studien, S. 218. 361 Derartige Analogien stellte auch Dieter Schiller fest, der schrieb: »Auffällig ist, dass Paul Rillas polemischer Essay Goe the in der Literaturgeschichte bei mancher 172 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wichtige naturwissenschaftliche Schriften kann hier nicht eingegangen werden. Nur soviel: Indem Goe the dem naturwissenschaftlichen Entwicklungsgedanken die Bahn brach und eine organische Entwicklungstheorie aufbaute, ist er ein Vorläufer der materialistischen Dialektik, durch welche das naturwissenschaftliche Denken von schematischen Prinzipien zu eigenständiger Praxis und praktischer Folge gelangte. Der Naturwissenschaftler und der Dichter Goe the sind nicht zu trennen. Worauf es ihm ankommt, ist der Mensch, der um so bestimmter seinen geschichtlichen und gesellschaftlichen Bezirk ausmisst, je bewusster er sich als Glied einer natürlichen Ordnung fühlt, die nichts Gemachtes, sondern ein Gewordenes, nichts ein- für allemal Fertiges, sondern ein immer Werdendes ist. Goe the sieht die Welt ganz, und er sieht sie schön. Denn sie schließt Willkür aus, auch die Willkür eines Schöpfungsanstoßes. Ihr Entwicklungsgesetz bleibt in den Naturformen so klar erkennbar, wie es im tätigen Menschen wirksam bleibt. Die Welt: Das ist diese Welt.«362 Hans Mayer hat 1973 die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goe thes übrigens weitaus nüchterner eingeschätzt. Bei ihm ist über die verschiedenen Arbeitsfelder Goe thes zu lesen: »Weniger verständnisvoll hatten Zeitgenossen die so divergierenden Tätigkeiten, wo nicht gar Dilettantismen, eines berühmten Dichter beurteilt. Selbst die Entdeckung des Zwischenkieferknochens vermochte daran nichts zu ändern. Goe thes Sympathie für Hegel stieg jäh an, als der Philosoph sich zur Farbenlehre bekannte. Allein Hegel war leider gleichfalls nicht vom Fach.«363 Und einige Seiten später: »Noch eine von Goe thes letzten Arbeiten zur Naturwissenschaft und Naturphilosophie entscheidet sich, bei Darstellung des Pariser Akademiestreits von 1830, wissenschaftlich wie historisch falsch. Für Geoffroy de Saint-Hilaire und gegen Cuvier.«364 inhaltlichen Berührung keinerlei Bezug auf Arbeiten von Lukács nimmt. Thesen, Theoreme und historische Wertungen, die solche Übereinstimmungen aufweisen, wurden – mit hoher Wahrscheinlichkeit – als geistiges Gemeingut empfunden, während Differenzen ausgeklammert blieben, um keine Fronten im eigenen Lager zu schaffen.« Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 17. 362 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 47. 363 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 10. 364 Ebd., S. 13. 173 9. Ein Vortrag in Berlin Harich richtete sich mit seinen Anmerkungen nicht nur gegen Lukács, sondern auch gegen die von ihm geortete Tendenz, dessen Schriften und Thesen gleichsam unreflektiert als Wahrheiten letzter Instanz auszugeben. (Auch wenn Harich in den fünfziger bis achtziger Jahren zum sicherlich wichtigsten Lukács-Verteidiger im marxistischen Lager wurde, so war dies bei ihm doch auch immer mit partieller Kritik am ungarischen Philosophen verbunden, er akzeptierte Lukács als Freund und Diskussionspartner, als Autorität und Institution, aber er hob ihn nicht als Denkmal auf einen Sockel.) 5) Der zweite Mangel von Lukács’ Vortrag müsse darin gesehen werden, dass es dieser versäumt habe, »Goe thes große Bedeutung als nationaler deutscher Dichter, seine bewusste Repräsentanz der nationalen Einheit Deutschlands und der Unteilbarkeit der deutschen Kultur herauszustellen«.365 Dieser Vorwurf greift aber ebenfalls zu kurz, da Lukács in seinen Ausführungen sehr wohl auf Goe thes Verständnis der Nation eingegangen war und zudem gezeigt hatte, wie und in welcher Weise seine entsprechenden Gedanken für die sozialistische deutsche Nation fruchtbar gemacht werden könnten. Bei Harich heißt es: »Wie ein Marxist im Jahr 1949 in Deutschland über Goe the sprechen kann, ohne den Kosmopolitismus zu entlarven, ist eine unbegreifliche Verfehlung dessen, was Goe the die ‚Forderung des Tages’ nannte. Auch hier haben wir es mit einer Begrenztheit von Lukács zu tun, auf die unbedingt hingewiesen werden muss, wenn seine Leistungen nicht durch kritikloses Nachschwätzen zerredet, sondern kritisch weiterentwickelt, bereichert, vertieft, konkretisiert und von ihren Mängeln und Schwächen befreit werden sollen.«366 Die Folgen des Artikels waren für Harich deutlich zu spüren: »Der Artikel erscheint, und ich bin furchtbaren Anfeindungen ausgesetzt – von 365 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 25. Dort heißt es weiter: »Dieses Versäumnis wurzelt offenbar darin, dass Lukács in der Auseinandersetzung mit der profaschistischen und faschistischen Goe the-Verfälschung von gestern (Gundolf, Spengler, Klages, Weinhandl, Hildebrandt usw.) stecken geblieben ist und nicht klar genug erkannt hat, dass es heute bereits eine neue, ebenso gefährliche, ja, aktuellere Version der Goe the-Verfälschung gibt, die der kosmopolitischen Demagogie des amerikanischen Monopolkapitals entspricht.« (Ebd.) Siehe außerdem: Harich: Goe the-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset, S. 4. 366 Harich: Georg Lukács sprach über Goe the, S. 25. 174 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wem? Von Hanns Eisler: ‚Sie sind vollständig abhängig von den Erkenntnissen von Lukács, wie können Sie sich gegen Ihren Lehrer wenden? Das ist ja unerhört, Sie sind ein Schwein. Und Pfui Deibel! Da hätten Sie nicht mitmachen dürfen!‘ Mir ist der Mund verschlossen, weil hier in der Redaktion gesagt worden war: ‚Redaktionsgeheimnis – dass wir gestrichen haben, darf keiner wissen. Sonst ist Schluss bei uns, sonst sitzen Sie vor der Tür. Ja, ja, Sie haben nichts gewusst, Sie dürfen darüber nicht reden.‘ Wie kann ich mich vor Eisler verteidigen?«367 Auch andere übten Kritik, z. B. Ernst Bloch368 – der ja gerade noch eng mit Harich in Sachen Goe the zusammengearbeitet hatte. Bei seinen verschiedenen Versuchen, wieder mit Lukács Kontakt aufzunehmen, hatte Bloch am 4. November 1949 an diesen geschrieben: »Mit Ekel las ich die Frechheiten des playboy W. Harich gegen Dich. Dem Lausejungen muss das Handwerk gelegt werden.«369 Harichs Zeitgenossen gingen also davon aus, dass Harichs Artikel in der vorliegenden Form nicht auf Lukács’ Goe the-Interpretation zielte, sondern auf dessen Philosophie und deren Einfluss sowie Ausrichtung im Allgemeinen. Den geschichtlichen Hintergrund bildeten dabei, es sei zumindest ergänzt, die damaligen Debatten um Lukács in Ungarn. (Lukács antwortete übrigens nicht auf diesen Brief Blochs, auch andere Kontaktversuche ließ er unbeantwortet. Erst im Herbst 1952 meldete er sich wieder bei Bloch – der Grund war die geplante Deutsche Zeitschrift für Philosophie, zu der Lukács Artikel beisteuern sollte. Die entsprechende Korrespondenz in diesem Zusammenhang führten dann Harich und Lukács.) In einem der radikalen Kritik an Harich gewidmeten Artikel in der Utopie kreativ interpretierte Bernd Florath 1994 den Vorgang wie folgt: »Auf der antisemitischen und intellektuellenfeindlichen Welle des Kampfes gegen den Kosmopolitismus schwimmend, greift Harich 1949 jenen Georg Lukács an, zu dessen Großkopfeten er sich spätestens 1986 ernennen wollte.«370 Harich hat besonders auf diese Vorwürfe reagiert: »Da- 367 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 368 Siehe: Mesterházi: Ernst Bloch und Georg Lukács, S. 130. Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 369 Bloch: Brief an Lukács vom 4. November 1949, S. 196. 370 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. 175 9. Ein Vortrag in Berlin gegen haben wir den nationalen Gedanken vertreten und gesagt: Gegen den Kosmopolitismus setzen wir unsere Bejahung der Nation und den Internationalismus des Proletariats. Was ja in Deutschland besondere Bedeutung hatte. (…) Das war hier die Linie. Die hatte aber mit Antisemitismus oder Intellektuellenfeindlichkeit gar nichts zu tun. Und ich konnte ja auch nicht die Idee haben, dass die Sowjetunion damit zu tun hat, denn wir hatten lauter jüdische Redakteure an der Täglichen Rundschau.«371 Doch Florath sprach »von einer billigen Denunziation (…), die überdies zu einem Zeitpunkt vorgebracht wurde, da Lukács in Ungarn schwersten ideologischen Angriffen ausgesetzt ist, Angriffen, die in der Atmosphäre des Rajk-Prozesses in anderen Fällen tödlich endeten. Mag sein, es war Harichs Ahnungslosigkeit, mit der er Lukács in dieser verfänglichen Lage traktierte, mag sein, dass er sich mit Lukács über den Casus später verständigte. Mag sein, dass er zutiefst von der Richtigkeit und Notwendigkeit der Attacke überzeugt war. Jedenfalls wandelte sich seine Haltung zu Lukács in den folgenden Jahren fundamental.«372 Wenn Florath Harich »denunzierende« Absichten vorwarf, so beschrieb er damit doch vor allem seine eigene Motivation. Es ist hier nicht der Ort, ausführlich zu schildern, für welche Gruppe Florath sprach, wo sein Irrtum aufhört und die Tatsachenverfälschung beginnt. Zu konstatieren bleibt, dass Floraths Generalangriff diesen in die Havemann-Gesellschaft (Harichs Gegner seit den fünfziger Jahren)373 und an die Fleischtöp- 371 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 372 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. Dort weiter, versuchend, den Wandel in Harichs Lukács-Bild zu verstehen: »1986 erklärt er das Werk von Georg Lukács für sakrosant. Die Extremität dieser Wandlungen ist überraschend. Sie ist einem Außenstehenden nicht nachvollziehbar, und will man keinen billigen Opportunismus unterstellen, so müsste konstatiert werden, dass Harich dazu neigt, die von ihm gewonnene Überzeugung, selbst wenn sie einer älteren ins Gesicht schlüge, mit derselben Intransingenz vorzutragen: einer Intransingenz, die sich selbst als letzte Wahrheit dünkt.« (Ebd., S. 61). Der Verweis auf 1986 bezeichnet: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, S. 31-37. Allein das Datum 1986 als Festsetzung der Pro-Lukács-Aktivitäten Harichs durch Florath bezeugt dessen völlige Unkenntnis der damaligen Vorgänge. Er hätte dies problemlos erfahren können, so er gewollt hätte. 373 Die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen von Harichs Beschäftigung mit Havemann auf theoretisch-wissenschaftlichem Gebiet dokumentiert der kürzlich 176 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe fe der offiziellen, ideologischen und politisch motivierten »Aufarbeitung« der DDR-Vergangenheit brachte, während Harich die letzten Jahre seines Lebens als Vorsitzender der Alternativen Enquetekommission gerade der Kritik der bundesrepublikanischen »Interpretation« der Geschichte, Kultur, Wissenschaften, Philosophie der DDR widmete – immer unter Bezug auf seinen Freund und Weggefährten Georg Lukács und immer im Namen seines Hauptanliegens: Die Herbeiführung und gerechte, menschliche Ausgestaltung der deutschen Einheit. (Eben dafür hatte die Bürgerbewegung der DDR ja nichts übrig, man muss daran erinnern, dass sie »ihre« separate DDR erhalten wollte – von Bärbel Bohley über Christa Wolf bis hin zum Havemann-Kreis.) Es ist eine grundsätzliche Angelegenheit: Die Genese des Marxismus-Verständnisses von Harich ist ohne den Einfluss von Georg Lukács nicht zu erklären. Ja, Lukács war die zentrale Autorität des Denkens von Harich. Er stand als Stichwortgeber noch vor Nicolai Hartmann. Zuzurechnen wäre dieser Denkkonstellation dann ebenfalls Arnold Gehlen. Helmut Steiner, der Harich in den achtziger Jahren im Zusammenhang mit seinen Studien zur Soziologie kennen gelernt hatte, schrieb: »Und obwohl wir im Verlauf unserer Gespräche von Beginn an am Beispiel unserer konträren Beurteilungen von Arnold Gehlen und Ferdinand Tönnies dennoch auch über Fach-Soziologen zu sprechen kamen, kreisten seine intellektuellen Darlegungen immer wieder um Leben und Werk von Georg Lukács einerseits und Friedrich Nietzsche andererseits. Fühlte ich mich bei letzterem als Gesprächspartner inkompetent, so befanden wir uns mit seiner Forderung ‚Wieder mehr Einfluss dem Lukács!‘ in voller Übereinstimmung.«374 Innerhalb dieses intellektuellen Bezugrahmens lässt sich Harichs Philosophie und auch sein literaturwissenschaftliches Schreiben gewinnbringend verankern – mit Blick auf die fünfziger ebenso wie auf die achtziger Jahre. Die Annäherung an Lukács auf der einen, die radikale Kritik an publizierte Aufsatz: Harich: Über Robert Havemanns politische Konzeption, S. 363- 379. Dort auch eine kleine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Wolfgang Harichs Kritik am demokratischen Sozialismus Robert Havemanns, S. 359-362. Siehe außerdem: Prokop: Der Harich-Havemann-Disput im Jahre 1956, S. 131-143. 374 Steiner: Wolfgang Harichs Briefwechsel mit Georg Lukács, S. 67. 177 9. Ein Vortrag in Berlin Nietzsche auf der anderen Seite.375 Und beides verpflichtet dem nationalen humanistischen Erbe, der Weiterentwicklung des Marxismus. Als zum Ende der DDR die Nietzsche-Renaissance einsetzte und von vielen als Aufbruch in eine neue intellektuelle Freiheit gefeiert wurde, erinnerte Harich an Lukács.376 An dessen überaus deutliches Nietzsche-Urteil und auch daran, dass dieser in der DDR keine wissenschaftliche Heimat gefunden hatte. Jürgen Große führte zuletzt aus, dass Harich in der Nietzsche-Renaissance zum Ende der DDR »nur einen ideologischen Ausverkauf des DDR-Sozialismus erkennen« konnte.377 Doch der Zeit und Chronologie vorzugreifen ist Aufgabe nicht. Am Ende unseres Buches ist von diesen Dingen die Rede. Einige Monate nach dem Zeitungsartikel hatten Lukács und Harich ihrer Differenzen ausgeräumt und waren bis zu den politischen Umbrüchen von 1956 enge Weggefährten. Ihre gemeinsame Arbeit trug viele Früchte. Beide kehrten, man kann schon sagen Jahrzehnte später, erneut zu einer intensiven Beschäftigung mit Goe the zurück. Lukács in der Eigenart des Ästhetischen, zuerst erschienen 1965, Harich im Rahmen seiner Beschäftigung mit Jean Paul (Jean Pauls Revolutionsdichtung). 375 Dieser Antagonismus prägte auch Harichs radikale (und fast ausschließlich negativ bewertete/eingeschätzte) Kritik an Nietzsche in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Siehe: Harich: Nietzsche und seine Brüder. Anne Harich hat ihre Erinnerungen an Wolfgang Harich ebenfalls in dieser Konstellation aufgebaut. Dadurch gelang es ihr überaus stark, das Denken Harichs in den achtziger Jahren nachvollziehbar zu machen, d. h. in seinen Ursprüngen und Determinanten zu erklären. Siehe: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. 376 Siehe: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, S. 31-37. 377 Große: Ernstfall Nietzsche, S. 23. Tägliche Rundschau, 16. Juli 1949 (oben) und 26. August 1949 (unten)

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.