8. Goetheund der Marxismus –Georg Lukács in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 143 - 166

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-143

Tectum, Baden-Baden
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143 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Wenn von und über Lukács die Rede ist, dann muss immer jenes sonderbar ambivalente Verhältnis beachtet werden, dessen Kern darin besteht, dass Lukács einerseits einer der einflussreichsten Marxisten des 20. Jahrhunderts war, dass er auch die intellektuelle Ausrichtung der DDR seit 1945 maßgeblich mit bestimmte, einige seiner Publikationen im direkten Parteiauftrag entstanden, andererseits aber verschiedene seiner Thesen und Theorien in die Kritik der Partei gerieten (nach 1956 gar der ganze Philosoph samt Werk  – inklusive verspäteter zaghafter Neu-Annäherungsversuche). Dies illustriert beispielsweise der Streit um den Druck seines Buches Der junge Hegel – sicherlich das beste marxistische Werk über Hegel. (Es lohnt ein Blick auf und in das Werk, so dass der folgende kleine Ausflug berechtigt ist.) Der ungarische Philosoph hatte die Arbeiten an dem Manuskript »im Spätherbst 1938 vollendet. Der baldige Kriegsausbruch verhinderte für viele Jahre sein Georg Lukács, 1952 144 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Erscheinen. Als 1947/48 die Drucklegung möglich wurde, habe ich den Text einer gründlichen Durchsicht unterworfen; infolge meiner vielfachen Inanspruchnahme war mir jedoch die Berücksichtigung der seit 1938 erschienenen Hegelliteratur nur zum geringen Teil möglich.«288 So Lukács 1954. Der junge Hegel war 1948 in Zürich erschienen, die DDR-Ausgabe folgte erst sechs Jahre später.289 Dass die Publikation überhaupt zu Stande kam, ist dem Engagement Harichs zu verdanken, der sich als Lukács’ Lektor im Aufbau-Verlag für dessen Bücher und Aufsätze einsetzte.290 Als die Kritik an Lukács mit Ernst Hoffmanns Aufsatz 1951 in der Einheit einsetzte,291 war Der junge Hegel in der DDR eigentlich noch gar nicht erhältlich. Dass die Schrift dennoch in die Kritik geriet, ist eine der »Anekdoten« aus der DDR (man könnte ja meinen, dass die SED anderes zu tun hatte, als ein Schweizer Buch zu kritisieren – wegen seines Einflusses in der DDR). Natürlich war derart von Anfang an deutlich zu sehen, dass es gar nicht um Inhalte, sondern um Personen ging. Aber auch die Diskussionen um Harichs Vorlesungen an der Berliner HU liefen ja ähnlich – niemand kannte sie und alle Partei-Philosophen kritisierten sie: wegen der großen Nähe von Lukács und Harich. Und als es darum ging, Harich zu treffen und seine Stellung im System der DDR zu unterminieren, erklärte Walter Hollitscher: »Er bezweifelt, dass wir bestimmte Bücher gelesen haben. Aber das Buch von Lukács haben wir alle gelesen.«292 Die Ausführungen Harichs, in denen er Lukács’ Hegel-Interpretation umfassend würdigt, liegen mittlerweile gedruckt vor.293 Von daher kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden, das Werk ausführlich zu inter- 288 Lukács: Der junge Hegel, S. 7. 289 Lukács: Der junge Hegel und die P robleme der kapitalistischen G esellschaft. Der erweiterte Titel der DDR-Ausgabe war auch für den Erstdruck in Zürich von Lukács vorgesehen, ließ sich dort aber wegen des Verlegers (Lukács sprach von »Feigheit«) nicht durchsetzen. Siehe: Lukács: Brief an Harich vom 4. Mai 1953, S. 296. 290 Alle wichtigen Dokumente druckt die kleine Broschüre: Heyer: Harich sprach über Lukács. 291 Hoffmann: Hegel, ein großer deutscher Denker, S. 1438-1454. 292 Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts (Mittwoch, den 16. April 1952), S. 160-169. 293 Heyer: Harich sprach über Lukács. 145 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács pretieren. Einige kurze Anmerkungen sind aber dennoch zu machen – zur Bestimmung der charakteristischen Momente von Lukács’ Hegel-Bild: (1) Lukács differenzierte sehr genau zwischen dem frühen und dem späten Hegel. Dieser habe eine geistige Entwicklung durchlaufen, die ihn am Ende seines Lebens nach Preußen (und zur preußisch-bürgerlichen Ideologie) führte. Aber dem ging eben eine intellektuelle Genese voraus, die genau nachgezeichnet werden müsse: (2) Der junge Hegel sei gesondert zu bewerten. Detailliert erbrachte Lukács den Nachweis, wie sich dieser die Antike sowie die antike Demokratie als Ideale aneignete, die er den konservativen und restaurativen Tendenzen seiner Zeit gegenübersstellte (inklusive der christlichen Religion). (3) Die Französische Revolution habe der junge Hegel bejaht und als Möglichkeit interpretiert, die verloren gegangenen Ideale der Antike auf höherer Ebene neu zu verwirklichen. »Die Analyse und Lobpreisung der antiken Demokratie hat also in diesem Zusammenhang (d. i. die Kritik am Christentum und die Erneuerung der gesellschaftlichen und politischen Zustände seiner Zeit, A. H.) für Hegel eine große aktuelle politische Bedeutung.«294 Und an anderer Stelle: »Es ist klar, dass Hegel hier den asketischen Heroismus der Französischen Revolution lobpreist und sogar in die Antike ihre der Antike vielfach fremden Züge hineinträgt.«295 (4) Der Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchziehe das gesamte Werk des jungen Hegel (bis zur später erfolgten »Versöhnung mit der Wirklichkeit«) und präge alle Ebenen der Kritik an seiner Zeit. »Der junge Hegel stellt also der christlich-spießbürgerlichen Moral des ‚Privatmenschen‘ die heroische Moral des öffentlichen Lebens gegenüber.«296 294 Lukács: Der junge Hegel, S. 66. 295 Ebd., S. 85. 296 Ebd., S. 86. Dort weiter: »Dies sind die wesentlichen Züge, mit denen der junge Hegel die Antike in ihrem Gegensatz zum Christentum charakterisiert. Nachdem der Leser sich mit diesem Material bekannt gemacht hat, muss es ihm, glaube ich, nicht nochmals nachgewiesen werden, dass beim jungen Hegel hier das Bild 146 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe (5) Lukács benannte Größe und Grenzen der Hegelschen Dialektik sowie der Gebiete, in denen Hegel dialektisch arbeitete. (6) Zudem würdigte er Hegel als Philosophiehistoriker und Systematisierer der Philosophie: »Der geniale historische Gedanke Hegels besteht in der Feststellung des inneren, dialektischen Zusammenhangs der philosophischen Systeme miteinander. Er hat als erster die Geschichte der Philosophie aus einer Sammlung von Anekdoten und Biographien, aus metaphysischen Feststellungen über die Richtigkeit oder Falschheit einzelner Anschauungen einzelner Philosophen zu der Höhe einer wirklichen historischen Wissenschaft erhoben.«297 Besonderes Gewicht legte Lukács darauf, Hegels ökonomische Studien und Ansichten herauszuarbeiten. In seinen Vorlesungen hat Harich diesen Ansatz als entscheidendes Verdienst Lukács’ gewürdigt, Fritz Behrens und einige andere schlossen sich dieser Feststellung – die zu den umkämpftesten Gebieten der Hegel-Debatte gehörte – an. Mit seinen Ausführungen betrat Lukács, darauf hat er berechtigterweise hingewiesen, wissenschaftliches Neuland.298 Dabei begann er mit der fundamentalen Ansicht, das bereits Hegels frühe ökonomische Studien (aller Naivität zum Trotz) dialektische Züge getragen hätten: »Schon bei den ersten, primitivsten Versuchen Hegels zur Systematisierung der ökonomischen Kategorien fällt es der Antike in die utopische Vorstellung der republikanischen Zukunft hinüberfließt, dass ununterbrochen aus dem einen in das andere Züge hinübergetragen werden. Vom Standpunkt der späteren Entwicklung Hegels ist diese Stellung zur Antike besonders zu unterstreichen – die Tatsache, dass für den jungen Hegel die Antike keine vergangene Geschichtsperiode, sondern das lebendige Vorbild für die Gegenwart war (…).« (Ebd., S. 88) 297 Lukács: Der junge Hegel, S. 11. 298 »Da die Literatur über Hegel mit sehr wenigen Ausnahmen die ökonomische Seite seiner Gesellschaftsphilosophie vollständig ignoriert hat, da sogar jene bürgerlichen Schriftsteller, die vor dem Faktum, dass Hegel sich eingehend mit Ökonomie beschäftigt hat, die Augen nicht schlossen, der Bedeutung der Hegelschen Ökonomie gegenüber ganz blind waren, ist es unseres Erachtens unbedingt notwendig, zuerst mit einer Darlegung der ökonomischen Anschauungen Hegels zu beginnen. Marx hat in seinen (…) Aussprüchen (gemeint sind die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, AH) sowohl die Bedeutung wie die Schranken der Hegelschen Ökonomie klar und richtig aufgezeigt.« (Ebd., S. 374f.) 147 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács auf, dass deren Gruppierung bei ihm nicht nur die Form der dialektischen Triade hat, sondern dass auch der Zusammenhang der zu einer Gruppe vereinigten ökonomischen Kategorien die Hegelsche Form des Schlusses annimmt.«299 Von zentraler Bedeutung war für Lukács zudem, darauf ist zu verweisen, dass Hegel auch die Kategorien der Arbeit sowie der Entfremdung entscheidend prägte. »Die dialektische Bewegung, die Hegel hier aufzuzeigen versucht, ist eine doppelte: Der Gegenstand der Arbeit, der eigentlich in der Arbeit und durch die Arbeit erst für den Menschen zum wirklichen Gegenstand wird, behält einerseits den Charakter, den er an sich hat. Es ist in der Hegelschen Auffassung der Arbeit eines der für die Dialektik wichtigsten Momente, dass gerade hier das aktive Prinzip (…) die Wirklichkeit, so wie sie ist, respektieren lernen muss. Im Gegenstand der Arbeit wirken unabänderliche Naturgesetzlichkeiten, die Arbeit kann nur auf der Grundlage ihrer Kenntnis, ihrer Anerkennung stattfinden und fruchtbar werden. Andererseits wird der Gegenstand durch die Arbeit ein anderer; nach der Hegelschen Terminologie wird die Form seiner Gesetzlichkeit vernichtet, er erhält durch die Arbeit eine neue. Diese Formwandlung ist das Resultat der Arbeit in dem ihr fremden eigengesetzlichen Material.«300 Vor allem aber, dies sprach Lukács immer wieder direkt und indirekt an, gehöre Hegel in die Traditionslinie der Genese des Marxismus. Vom Faschismus sei seine Philosophie energisch abzugrenzen – so ja auch die grundsätzliche Aussage seines bereits erwähnten Aufsatzes Die Nazis und Hegel. Das treffe gerade auf Hegels Jugendschriften, die Fragmente 299 Lukács: Der junge Hegel, S. 375. Mit den frühesten ökonomischen Studien Hegels hatte sich Lukács im Kontext von dessen Frankfurter Periode auseinandergesetzt, siehe S. 208-220. 300 Ebd., S. 376. Dort weiter: »Dieser Dialektik im Objekt entspricht einer Dialektik im Subjekt. In der Arbeit entfremdet sich der Mensch von sich selbst (…). Durch die Arbeit entsteht im Menschen selbst etwas Allgemeines. Gleichzeitig bedeutet die Arbeit das Verlassen der Unmittelbarkeit, den Bruch mit dem bloß naturhaften, triebhaften Leben des Menschen. (…) Erst dadurch, dass der Mensch zwischen seine Begierde und ihre Erfüllung die Arbeit einschaltet, erst dadurch, dass er mit der naturhaften Unmittelbarkeit bricht, wird er nach Hegel zum Menschen.« (Ebd.) 148 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe und Entwürfe der frühen Phase zu. Diese müssten, das war der Anspruch Lukács’, gründlich marxistisch interpretiert werden. Wenn etwa Hermann Nohl die frühen Fragmente Hegels als Theologische Jugendschriften edierte,301 so führte Lukács den Nachweis, dass es sich um religionskritische Schriften handelte. Aus alledem schlussfolgerte er, dass die Ansichten und Theorien des jungen Hegel als höchstmögliche fortschrittliche Philosophie der damaligen Epoche zu interpretieren seien. Sie markiere das »positive Gegenbild zur ‚klassischen‘ Periode des Irrationalismus, die ich in meinem Buch Die Zerstörung der Vernunft dargestellt habe. Derselbe Kampf, der dort als Kampf Schellings und seiner Nachfolger analysiert wird, erscheint in diesem Buch von der Seite Hegels als Kritik und Überwindung des Irrationalismus, freilich als bloß negativ-kritisches Motiv zur Begründung der neuen idealistisch-dialektischen Methode.«302 Die exakte wissenschaftliche und ideologische Verortung der unterschiedlichen Lebens- und Denkperioden Hegels sei »die« Voraussetzung zur Analyse und Bewertung des 19. Jahrhunderts. »In den vorliegenden Hegelstudien konnte es erst positiv geklärt werden, warum gerade die Hegelsche Philosophie der große Gegner der Irrationalisten dieser Periode war, warum diese – mit Recht – in Hegel den prägnantesten Vertreter des bürgerlich-philosophischen Fortschritts ihrer Zeit bekämpft haben, und zugleich, warum ihre Kritik der Dialektik des Historismus in Hegels idealistischen Fehlern und Schranken reale Anhaltspunkte, Vorwände für eine – relativ – zutreffende Kritik finden konnte.«303 Wichtig war für Lukács auch, Marx und Engels gleichsam bei der Lektüre und (kritischen) Rezeption der Werke Hegels zu zeigen bzw. abzubilden. »Um die nicht nur unmittelbare, sondern zuweilen weit vermittelte Rolle von Marx in der deutschen Gedankenentwicklung ganz zu 301 Nohl: Hegels theologische Jugendschriften. In seiner Hegel-Vorlesung griff Harich intensiv auf diese Publikation zurück und folgte damit dem Beispiel Lukács’. 302 Lukács: Der junge Hegel, S. 7f. 303 Ebd., S. 8. Dort weiter: »Darstellung und Kritik der Hegelschen Jugendentwicklung geben damit auch den Grund an, weshalb mit Nietzsche, nachdem der wissenschaftliche Sozialismus als Hauptfeind des Irrationalismus aufgetreten ist, auch jene Spuren einer philosophischen Fundiertheit verlorengehen mussten, die der Irrationalismus zu Zeiten des jungen Schelling noch besaß.« (Ebd.) 149 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács verstehen, ist eine wirkliche Kenntnis Hegels – seiner Größe und seiner Grenzen – unbedingt notwendig.«304 Die Beeinflussung der Schöpfer des Marxismus durch Hegel lasse sich nicht auf einzelne Felder beschränken, sie habe einen weitreichenden Charakter. Natürlich hätten Marx und Engels Hegel überall von dem Kopf auf die Füße stellen müssen, sie sahen Fehler, Irrungen und Verwirrungen, aber Hegel sei eben auch deshalb immer präsent. Das ist der entscheidende Punkt für Lukács (und in dessen Nachfolge ebenfalls für Harich): Auch wenn Hegel Idealist gewesen sei und den deutschen Idealismus zu seiner höchsten und vollendeten Form führte – sein Denken und seine Theorien waren fortschrittlich. In ihrer Zeit, aber auch über diese hinaus. Durch Marx und Engels und die diesen folgenden Theoretiker sei der Marxismus geschaffen worden, der über Idealismus und Materialismus gleichermaßen stehe und »das Beste« aus beiden auf einer neuen Stufe vereine. Doch solange dieser nicht eine allumfassende Philosophie repräsentiere, behalte der Idealismus in bestimmten Punkten seinen fortschrittlichen Wert und müsse erst noch überwunden werden. Zudem habe die klassische deutsche Philosophie des Idealismus einen Eigenwert, der nicht (!) im Marxismus aufgehoben werden könne. * * * * * Das Hegel-Buch lag also erst mit einiger Verspätung in der DDR vor. Direkt nach dem Krieg hatte der Aufbau-Verlag begonnen, Schriften von Lukács zu drucken, ohne mit diesem einen Vertrag, ja, noch nicht einmal dessen Einverständnis zu haben. Weitere Werke waren schon in Planung, als der Verlag am 18. Oktober 1946 versuchte, brieflich Kontakt mit Lukács aufzunehmen. Am 3. Dezember antwortete Lukács und verbat sich die Herausgabe weiterer Bücher von ihm, einzig Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur gab er frei.305 Im Herbst 1947 hatten sich beide Parteien dann etwas angenähert, Lukács genehmigte den Druck von Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur und Karl Marx und 304 Lukács: Der junge Hegel, S. 8. 305 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 172-175. 150 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Friedrich Engels als Literaturhistoriker – zwei Bücher, »bei denen es keine Meinungsverschiedenheiten gibt«.306 Für die geplante Edition der anderen Werke machte er aber erneut geltend, dass er mit Schweizer Verlagen entweder bereits Verträge geschlossen oder diese in Aussicht habe. Es gelang dem Aufbau-Verlag sowohl mit Lukács als auch mit den Schweizer Verlagen Arrangements zu treffen, die die Herausgabe in der Folge ermöglichten. »Mit der Publikation der Buchreihe zwischen 1947 und 1949 war ein Gesamtbild des literaturtheoretischen und literaturhistorischen Konzepts von Lukács öffentlich verfügbar geworden. Die Reihe dieser gelben Bände hat für die Entwicklung von Literaturkritik und Germanistik am Beginn der fünfziger Jahre prägend gewirkt.«307 Ausgerechnet das Goe the-Buch (und das ist doch unser Thema hier) blieb jedoch von dieser Vereinbarung ausgeschlossen. Lukács schrieb am 29. Oktober 1947 an Erich Wendt (den er aus gemeinsamen Moskauer Tagen kannte): »In Bezug auf das Goe the-Buch habe ich Euch meine Meinung wiederholt mitgeteilt. Die Vereinbarung mit Francke ist für mich – von allen anderen Gründen abgesehen – auch darum wichtig, weil in Eurem Buch nur zwei Faust-Studien enthalten sind, während der Originalaufsatz fünf Studien enthält und die fragmentarische Veröffentlichung geradezu irreführend wirken würde.«308 Fast gleichzeitig zu diesen Zeilen von Lukács erschien der Band Goe the und seine Zeit in Bern. Doch Erich Wendt und der Aufbau-Verlag ließen nicht locker. Da man sich mit Oprecht309, dem anderen Schweizer Verleger von Lukács, bereits geeinigt hatte, strebte man ähnliche Vereinbarungen auch mit dem Francke-Verlag an. »Von größter Bedeutung sind nur noch die Ar- 306 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 182. 307 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 13. 308 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 183f. 309 Über seine Arbeit im Aufbau-Verlag schrieb Harich Anfang der neunziger Jahre rückblickend: »Damals fiel mir erstmals aber auch auf, wie schlimm es sein kann, wenn ein Verleger – ein kapitalistischer, versteht sich – zu geizig ist, um einen Lukács-Text durch einen deutschen Redakteur entmagyarisieren zu lassen. Mit Stolz erfüllt es mich, der DDR-Ausgabe des Jungen Hegel und danach auch der Zerstörung der Vernunft, im Einverständnis mit dem Autor, diesen Dienst erwiesen zu haben. Ein ebensolches Ferkel wie Oprecht ist Luchterhand; was die Druckfehler angeht, ein noch schmutzigeres.« Harich: Mein Weg zu Lukács, S. 20. 151 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács beiten über Goe the und die deutsche Literatur«, so Wendt Ende November 1947.310 Die DDR-Ausgabe lag dann schließlich 1950 vor, drei Jahre später dann zudem in neuer Ausstattung. Ergänzt hatte Lukács, in Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag, nicht nur ein Vorwort, sondern auch den Aufsatz Unser Goe the. Festrede, gehalten am 31. August 1949 im Berliner Kulturbund zur demokr atischen Erneuerung Deutschlands. Der ursprüngliche Titel des Vortrages war Das moderne Goe the- Bild. Für den Druck wurde dann ein neuer und mit Blick auf die Erbekonzeption der DDR prägnanterer Titel gewählt: »Die neue Überschrift Unser Goe the betont einen aktualisierenden Gestus.«311 Anne Hartmann hat, diese Einschätzung trifft auch hier zu, festgestellt: »Gleich, ob nun Städte nach Parteiführern benannt wurden, das Gedenken an Lenin ‚verewigt‘ wurde oder mit den Feiern anlässlich seines 100. Todestages Puschkin gehuldigt wurde – stets war bereits der Name Programm und Verheißung, als könne das mit dem Namen verbundene Potenzial sich auch losgelöst von seinem ursprünglichen Träger entfalten.«312 In diesem Sinne ist auch das »unser« zu verstehen – unser Goe the, unser Heine etc. Diese Autoren und Theoretiker, so der Anspruch der politischen und geistig-kulturellen Eliten der DDR (es war tatsächlich ein übergreifender Konsens), hatten in der DDR ein neues Zuhause gefunden. Dieter Schiller hat, das ist rezeptionsgeschicht- 310 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 185. 311 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 312 Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 86. Erich Wendt bei den Verhandlungen über das Passierscheinabkommen, 1964 152 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe lich wichtig, darauf hingewiesen, dass nicht vernachlässigt werden darf, dass Kennern der Materie die Schweizer Ausgabe des Goe the-Buches von Lukács natürlich bekannt war, das Werk in »der Öffentlichkeit der sowjetischen Besatzungszone (…) während des Goe the-Jahres« jedoch wegen des späten Veröffentlichungstermins kaum eine Rolle spielen konnte.313 Fritz J. Raddatz hat die Goe the-Studien sowie die damit zusammenhängenden Aufsätze zu den deutschen Realisten als Lukács’ »Eintrittskarte zum Partisanenkampf« interpretiert und ihnen gleichzeitig das Hegel-Buch (Der junge Hegel), an dem Lukács zeitgleich gearbeitet hatte und die in der DDR trotz aller Schwierigkeiten beide schließlich erschienen, kontrastiert.314 Eine Einschätzung, die insofern hinkt, als Lukács den Goe the und den Hegel zusammen betrachtete, beide als Beiträge zur wissenschaftlichen Fundierung des Marxismus ansah. Dass sein Hegel in die Kritik geraten würde, konnte er in den frühen vierziger Jahren nicht ahnen. Präziser als Raddatz sah Dieter Schiller: »Lukács rekapituliert hier vom Standpunkt der Gegenwart her die Veränderungen und Brüche des Goe the-Bildes von der Kunstperiode über die Niederlage der 48er Revolution bis zur gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft. Den Bildern vom apolitischen Olympier und vom Stammvater des Irrationalismus stellt er seine Deutung der Position Goe thes (…) gegenüber: Einerseits letzte epochale, universale Erscheinung seit der Renaissance, andererseits die erste große Erscheinung der Weltliteratur, die nicht mehr von ihrer Epoche getragen wird, sondern im Kampf gegen diese steht, nicht zuletzt durch Kritik an der Kapitalisierung der Welt. Das sind, wie man sieht, kaum neue Gesichtspunkte gegenüber der Emigrationszeit.«315 Der Text, so Schiller weiter, scheine sich »der platten Kampagne gegen den so genannten Formalismus anzubiedern«.316 Aber eben nicht, das ist entscheidend, weil Lukács seine Position den neuen Vorgaben anpasste, sondern vielmehr weil seine Äußerungen zur Parteilinie kompatibel waren – ob gewollt oder ungewollt ist zunächst erst einmal irrelevant. 313 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 314 Raddatz: Georg Lukács, S. 91f. 315 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 316 Ebd. 153 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Bevor wir uns den Goe the-Studien von Lukács zuwenden ist aber ein kurzer Blick auf seine 119 Seiten zählende Broschüre Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur zu richten, die wie keine zweite Publikation für die kulturelle und ideologische Neuausrichtung der DDR prägend war. »Zentral war in ihr der Abschnitt Das Zwischenspiel des klassischen Humanismus. Die Überschrift ist bereits Programm und benennt den fundamentalen Unterschied zur Argumentation Bechers. War der Rückgriff auf Goe the bei Becher bereits der verwirklichte Humanismus, so definiert Lukács die Klassik, die er in Engführung auf die Zeit zwischen 1789 und 1805 beschränkt, als ein ‚Zwischen‘ in geschichtsphilosophischer Perspektive, eine notwendige Übergangsepoche zwischen der Aufklärung und dem Realismus des 19. Jahrhunderts.«317 In seinen Theorien und dem umfassenden Bedingungszusammenhang ist das Werk an anderer Stelle zu analysieren, hier interessieren uns die Ausführungen über Goe the und dessen Zeit sowie die sozialen, ökonomischen und kulturellen Hintergründe. Karl Robert Mandelkow formulierte: »Die Klassik Goe thes und Schillers ist für ihn (Lukács, AH) die Antwort auf das politische Großereignis am Ende des 18. Jahrhunderts, die Französische Revolution, eine Antwort jedoch, die vermittelt ist durch eine ästhetische Revolution, der deutlich die Züge der politischen Entsagung eingeschrieben sind. Diese These liegt, bei aller Modifikation, den beiden großen Forschungsbereichen der DDR-Germanistik im Zeitraum bis 1960 zu Grunde: Die Frage nach dem Verhältnis von ästhetischer Form und politischer Aussage und die Untersuchung der Vorbildhaftigkeit der Klassik für die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.«318 Auch Lukács hat Goe the – wie schon in den Faust-Studien gesehen – begriffen als Teil seiner Epoche, in seiner tiefen Verwurzelung in der Zeit des erwachenden deutschen Bürgertums. (Dieter Schiller sieht dies, wie angesprochen, anders.) Die Hauptvertreter der deutschen Aufklärer seien »geistig wie künstlerisch echte Zeitgenossen der großen Vorbereitungsperiode der Französischen Revolution« gewesen.319 Revolutionäre ohne 317 Mandelkow: Restauration oder Neuanfang?, S. 143. 318 Ebd. 319 Lukács: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, S. 23. 154 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe eigene Revolution und doch zutiefst berührt von der bürgerlichen Gesellschaft, von deren Chancen und Widersprüchen. Dieses Fehlen der Möglichkeit zu einer eigenen Revolution habe der deutschen Aufklärung jenes spezifische Gepräge gegeben, dass nur schwer entschlüsselt werden könne. Die Grenzen ihrer Zeit waren für die deutschen Aufklärer zugleich Aufforderungen eben diese hinter sich zu lassen, wenn schon nicht praktisch, so doch theoretisch die Zukunft zu antizipieren, an ihrer Ausgestaltung mitzuarbeiten.320 (Diese Thesen tauchen in Harichs Vorlesungen und wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder auf, hatten für diesen prägenden Charakter. Das ist ein beispielhafter Fall für die sich entwickelnden DDR-Wissenschaften.) Goe thes Werther bringe »bereits Bilder von den inneren Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, vor allem auf dem Gebiet der individuellen Moral, von den Widersprüchen, die noch nicht einmal in Frankreich, geschweige denn in Deutschland Inhalt und Form des Lebens beherrschen. Damit sind wir bei der entscheidenden Eigenart der deutschen Aufklärung angelangt. Sie ahnte den von Grund auf widerspruchsvollen Charakter des Lebens und erkämpft sich im engen Zusammenhang damit das Verständnis der historischen Bedingtheit eines jeden Daseins.«321 Dieses Gemisch aus Antizipation und historisch notwendiger Begrenztheit habe auch die deutsche Klassik geprägt – als Brücke zwischen dem Realismus der Aufklärung und dem Realismus des 19. Jahrhunderts: »Sie kann eine solche Brücke sein, weil sie geistig wie künstlerisch das Erbe der Aufklärung übernimmt (…), obwohl im Mittelpunkt der Arbeit Goe thes und Schillers die neuen Probleme des von der Französischen Revolution geschaffenen Weltzustandes stehen und die Erkenntnis in The- 320 »Deutschland ist in der geschichtlichen Wirklichkeit Zeitgenosse der Französischen Revolution. Seine ökonomisch-soziale Entwicklungsstufe und die Bewusstseinshöhe seiner Massen erlaubten es jedoch nicht, dass das Feuer der Revolution einen Brand der Befreiung entfachte und damit Deutschland zu einem Volk, zu einer Nation werden ließ.« An anderer Stelle: »Die klassische Literatur Deutschlands stieß auf einen widerspruchsvollen Stoff: Weltanschaulich und künstlerisch schwebten ihr gewaltige Probleme einer großen Zeit vor, und als unmittelbaren Stoff besaß sie die kleinliche Armseligkeit des deutschen Lebens.« Lukács: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, S. 37 und 40. 321 Ebd., S. 24. 155 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács orie und Praxis auf die veränderte Geltung der alten, aus der Antike entnommenen ewigen Formgesetze und auf die entsprechende Gestaltung des neuen Stoffes gerichtet ist.«322 Lukács hat mit der Schlacht von Jena auch klar das zeitliche Ende der knapp zehnjährigen Epoche der deutschen Klassik benannt: »Es wirkt wie ein historisches Symbol, dass sowohl der erste Teil von Goe thes Faust wie Hegels Phänomenologie des Geistes ungefähr um diese Zeit zum Abschluss gelangen.«323 Deutlicher als Bloch hat Lukács die Entwicklung Goe thes fokussiert, gleichsam jenen Weg, der, leicht simplifizierend formuliert, vom Blochschen zum Harichschen Goe the reicht. Im Vordergrund standen dabei für Lukács die Kontinuitäten. Jene Elemente, Tendenzen und Anschauungen, zu denen sich Goe the bereits in seiner Jugend durchgerungen hatte und die auch seinem Alterswerk einen festen Ankergrund gaben – freilich in modifizierter und veränderter Form. »In seiner Jugend gestaltete Goethe tragische ‚Selbsthelfer‘ im Kampf um den Grundsatz der Unantastbarkeit des Menschen gegen das feudalabsolutistische deutsche Elend. Zur Zeit der Zusammenarbeit mit Schiller ging der Kampf schon darum, die Menschenwürde inmitten der modern-kapitalistischen Arbeitsteilung zu retten. (…) Aber der humanistische Kampf um den Menschen hat nur seine Form geändert, nicht seine entscheidende Zielsetzung.«324 Die gerade wiedergegebenen Anschauungen Lukács’ sind programmatischer Art. Sie zeigen seine Vorstellungen vom Marxismus, vom dialektischen und historischen Materialismus, von der Anwendung des historischen Materialismus auf die konkreten Aufgaben und Herausforderungen 322 Lukács: Fortschritt und R eaktion in der deutschen L iteratur, S. 34. Kurz zuvor hieß es: »Goe the und mit ihm Schiller erkennen von Anfang an ganz klar die gesellschaftlich-geschichtliche Problematik ihrer klassischen Bestrebungen. Die ungeheure Bedeutung ihrer Schriften, die das Wesen dieser Periode theoretisch umreißen, (…) liegt darin, dass sie die Problematik ihrer eigenen Bestrebungen als historisch objektiv notwendig erkennen und die spezifischen Formgesetze der modernen Kunst, und zwar einer zeitgenössischen Klassik, gerade aus dieser widerspruchsvollen Grundlage ableiten.« (Ebd., S. 33) Die weiteren entsprechenden Aufsätze von Lukács zu diesem Themenkomplex werden an anderer Stelle abgehandelt. 323 Ebd., S. 34f. 324 Ebd., S. 49f. 156 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe der Philosophie-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Daher prägten sie auch seinen Eingangs erwähnten Vortrag Das moderne Goe the-Bild (gedruckt unter dem Titel Unser Goe the) vom 31. August 1949, der über die Geschichte hinausgehend ein Bekenntnis zu den Umbrüchen in der SBZ/ DDR war und auch sein sollte. Die Verwirklichung des Sozialismus erscheint geradezu als Einlösung der Hoffnungen und Versprechen Goethes. Da wir darauf noch zurückkommen werden, kann hier der Hinweis genügen, dass Lukács die »neue Geschichte« seiner Gegenwart als Praxis der Theorie Goe thes interpretierte und gleichzeitig diese Praxis als Prüfstein der Theorie verstand.325 Doch diese Einsicht, so Lukács weiter, sei kein Versuch einer naiven Aktualisierung Goe thes. Vielmehr habe dieser zu Menschheitsproblemen Stellung bezogen, die seit der Oktoberrevolution von realen Menschen in ihrer realen Gegenwart erneut thematisiert werden. Hans Mayer pflichtete im hierin (obwohl er sich da offiziell, nach eigener Verlautbarung bereits von Lukács emanzipiert hatte) noch am Ende des Jahrhunderts bei. In dem kleinen Text Goe the, Tübingen 1999, wies er darauf hin, dass nichts »törichter« sei, »als die modische Frage nach Goe thes Bedeutung« für die Gegenwart.326 * * * * * Diese implizierte Mahnung war für Lukács wichtig, denn sie richtete sich direkt gegen die zurückliegenden Versuche des bürgerlichen und imperialistischen Lagers, ein eigenes Goe the-Bild zu gewinnen, diesen in ihre Traditionslinien einzubauen. Paul Rilla, der mit Lukács und Harich befreundet war und leider viel zu früh verstarb,327 hatte im Goe the-Jahr in seinem Essay Goe the in der L iteraturgeschichte mit diesen Tendenzen überaus treffend und polemisch abgerechnet. (»Rillas Urteile waren ver- 325 Vgl. Lukács: Unser Goe the, S. 331. 326 Mayer: Goe the, Tübingen 1999, S. 445. Das Zitat später vollständig. 327 Harich und Hans Mayer hielten die Trauerreden für den am 5. November 1954 verstorbenen Paul Rilla. Harich: In Memoriam Paul Rilla, S. 114-119. Mayer: Gedenkrede, S. 120-134. Zum Verhältnis von Harich und Rilla siehe die Anmerkungen bei: Anne Harich: Wenn ich das gewusst hätte. Dort auch zu ihrem gemeinsamen Eintreten für die deutsche Einheit. 157 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács nichtend.«)328 Um ein wirkliches, sozialistisches Goe the-Bild zu bekommen, so Rilla, programmatisch, müssten zuerst die Verfälschungen der vergangenen Zeiten beiseite geräumt werden. Er suchte die Auseinandersetzung mit Wilhelm Scherer und Richard M. Meyer (»zwei, welche die historische Fibel-Essenz ergeben«), Friedrich Gundolf und Kurt Hildebrandt (»zwei, an denen die Identität des überhistorisch ästhetisierenden und des nationalsozialistisch politisierenden Goe the-Mythos nachweisbar ist«) und dem »katholisch-völkischen« Josef Nadler (»für den Nachweis, dass die reaktionäre Goe the-Hymnik ohne ihre Vorzeichen zu ändern, in typisch verklausulierte Goe the-Feindlichkeit umschlagen kann«).329 Hans Mayer sprach 1973 (in Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, wir kommen auf die Monographie später zurück) von einem »Material von schauerlicher Komik«: »Wilhelmischer Goe the; bei Friedrich Gundolf ein ‚Goe the als Kraft ohne Stoff‘; ein Klassiker im Dritten Reich. Geistesgeschichte tat ein übriges, um Goe thes Lebenslauf und Schaffensweg von allem geschichtlichen Substrat zu befreien. In den vier Bänden H. A. Korffs über den Geist der Goe thezeit kommt die Französische Revolution nicht vor. Hegels System und die Wanderjahre werden, einer formal-harmonischen Stoffdisponierung zuliebe, der ‚Romantik‘ zugeordnet. Eine Nacht, mit Hegel zu sprechen, worin alle Katzen bloß grau erscheinen können.«330 Im Rahmen der versuchten Vermessung der marxistischen Literaturtheorie in der DDR, unter der Leitung Werner Mittenzweis 1969 publiziert, schrieb Robert Weimann in einer auch heute noch interessant zu lesenden Analyse der Schriften Paul Rillas über dessen Goe the-Buch: »Er führte den Angriff auf breiter Front, gegen die preußische Apologie, gegen das schöngeistige Dunkelmännertum, von den akademischen Erben der Scherer-Schule bis zu den mythologischen Mitläufern des George-Kreises. Er forderte die gesamte bürgerliche Goe the-Wissenschaft in die Schranken, die ‚seit den siebziger Jahren ihren unaufhaltsamen Verfall als unaufhaltsamen wissenschaftlichen Fortschritt inszeniert hatte‘. Die literarhistorische Szene war vielleicht komplexer, als die ‚glossierende 328 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 110. 329 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, alle Zitate S. 8. 330 Mayer: Goe the. Ein Versuch über den Erfolg, S. 119. 158 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Darstellung‘ des einstigen Theaterkritikers erkennen ließ, aber ‚da sich sämtliche Tendenzen dieser Goe the-Wissenschaft auf die beiden oben erwähnten reduzieren lassen‘, so genügte für Rilla das literarhistorische Paradigma. (…) Und obschon sich das Gesamtbild damit notwendig vereinfachte, standen doch wirklich repräsentative und höchst einflussreiche Vertreter der bürgerlichen Goe the-Kritik zur öffentlichen Revision.«331 Eine jede Beschäftigung mit Goe the zeige, so Rilla direkt gegen die bürgerlichen Goe the-Analysen argumentierend, dass dieser, in seiner Jugend und in seinem Alter, ein fortschrittlicher Dichter und Denker gewesen sei. Andere Deutungen seien schlichtweg falsch: »Wer Goe the für irgend einen Irrationalismus, d. h. für irgendwelche widervernünftigen Zwecke okkupiert, stellt sich gegen Goe the. Denn Goe the ist das Genie 331 Weimann: Der humanistische Traditionsgedanke, S. 445f. 10. November 1954. Paul Rilla in der Deutschen Akademie der Künste aufgebahrt. Im Plenarsaal der Deutschen Akademie der Künste wurde der Literatur- und Theaterkritiker Paul Rilla aufgebahrt. Die Totenwache halten der Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste, Nationalpreisträger Otto Nagel (rechts) und Dr. Wolfgang Harich, Träger des Heinrich-Mann-Preises der Akademie (links). 159 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács der Vernunft, des hellen Tages, des tätigen Lebens. Er war kein Revolutionär. Doch das revolutionäre Prinzip der bürgerlichen Epoche, die Vernunft, blieb zeitlebens das Prinzip seines Wirkens. In seiner Jugend steht er in der Front der Aufklärung, die in all ihrer Vorläufigkeit doch der revolutionäre bürgerliche Protest war. Und im Alter ist ihm nichts so zuwider wie die Nacht- und Todespoesie der Romantik, mit ihrem Rückfall in ein mystisches Mittelalter (…). Das Romantische nennt er das Kranke, dass Klassische das Gesunde. Klassisch ist sein ganzes Lebenswerk.«332 Und an anderer Stelle, im Schlusskapitel, schrieb Rilla: »Die auf Marx und Engels zurückgehende historisch-dialektische Methode hat die geschichtlichen Maßstäbe der Literaturkritik wiederhergestellt. Sie ist die Methode einer Literaturwissenschaft, die diesen Namen verdient. (…) Als die Methode des wissenschaftlichen Sozialismus umfasst sie die Erneuerung der Goethe-Wirkung von einer gesellschaftlichen Erneuerung her (…). In einer menschenwürdigen Kultur wird die bürgerliche Bildung aufgehoben sein, aufgehoben im doppelten Sinne des Wortes: Als lebendiges Erbe, vernichtet als privilegierte Lebenswidrigkeit.«333 Die Zerstörung der Vernunft, einige Jahre später geschrieben, scheint in diesen Sätzen durch, klingt an, womit gesagt ist, dass das epochale Werk Lukács’ mehr ist und sein sollte, als parteilich gewollte Vernichtung des Anderen, intellektuellen Konsens also markierte. Rilla schoss, ebenso wie Lukács, mit seiner an sich berechtigten Kritik in einzelnen Bereichen über das eigentlich anzuvisierende Ziel hinaus – Fehlurteile inklusive. Doch dies ist kein Grund zur »üblen Nachrede«, kein Nachweis von Unwissenschaftlichkeit. Vielmehr fordert uns diese Konstellation auf, den damaligen Zeiten untersuchend näher zu kommen, sie zu verstehen mit all ihren Hoffnungen und Versprechen. Noch einmal kann Robert Weimann, diesen kleinen, aber notwendigen, Zwischenexkurs zu Rilla beendend, zu Wort kommen: »Rilla untersuchte die historischen Voraussetzungen und Folgen ihrer (die genannten Goe the-Forscher, AH) kritischen Deutungen, und das Resultat war über alle Maßen ertragreich: Die Überführung des preußischen und des höfi- 332 Rilla: Goe the in der Literaturgeschichte, S. 41. 333 Ebd., S. 87. 160 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe schen wie auch des dämonischen und ästhetischen Goe the-Bildes. Das war Ideologiekritik auf höchstem Niveau, mit erschütterndem Resultat, in glänzender Formulierung. Mochte auch der Furor ironicus in direkter Proportion zu der Weite des Feldes dieser Attacke stehen: Der Angriff war notwendig, seine Schärfe gerechtfertigt, die Ausbeute lohnend. Man muss diesen polemischen Beitrag zu ‚der tragischen deutschen Bildungsgeschichte‘ gelesen haben, um überhaupt die geistigen Voraussetzungen der Aufnahme Goe thes nach 1945 zu begreifen. Wiederum zielt Rillas Argumentation über alles Nur-Literarische, über alles Nur-Historische hinaus, und gerade darin ist sie so brillant wie konkret.«334 Und Harich hatte in seiner Trauerrede das Andenken an Paul Rilla wie folgt formuliert: »So steht das Werk des Toten vor uns, zwar unvollendet, doch in seinen Einzelheiten  – bis zur kleinsten Rezension  – so mustergültig vollkommen und als Ganzes von so richtungweisender Bedeutung, dass in Deutschland keine Literaturgeschichte und -kritik mehr denkbar ist, die daran vorbeiginge, die nicht davon lernte.«335 * * * * * Zurück zu Lukács, bei dem es analog zu Rilla heißt – und diese Überschneidung weist erneut darauf hin, dass das skizzierte Goe the-Bild ein Grundkonsens der Intellektuellen der jungen DDR war:336 »Jedes Goethe-Bild ist aus den gesellschaftlichen Strömungen und Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart heraus gewachsen. Diese Erkenntnis bedeutet jedoch keinen historischen Relativismus, wie man es in der bürgerlichen Philosophie der imperialistischen Periode geglaubt hat. (…) Deswegen beleuchtet schon das Herannahen des Sozialismus, das Herausarbeiten des marxistischen Standpunkts in der Beurteilung der Literatur immer klarer gerade die wesentlichen, die positiven Züge Goe thes.«337 Für Lukács 334 Weimann: Der humanistische Traditionsgedanke, S. 446. 335 Harich: In Memoriam Paul Rilla, S. 62. 336 Hierzu auch (mit Blick auf Gerhard Scholz): Wertheim: Die marxistische Rezeption des klassischen Erbes, vor allem S. 473ff. 337 Lukács: Unser Goe the, S. 336. 161 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács war Goe the, diese Position kennen wir bereits von Bloch, Harich, Rilla, Zeit seines Lebens Teil der Aufklärung oder Erbe der Aufklärung. Wenn der Sozialismus Goe the in seine Reihen aufnehmen will, so kann er damit, Lukács zu Folge, auch ein positives Verständnis der Nation gewinnen. Denn in Weimar habe Goe the »nicht nur eine antifeudale innere Politik, sondern auch eine antipreußische Außenpolitik treiben« wollen, ein »zaghafter und schüchterner Versuch in der Richtung der Herstellung der deutschen Einheit«.338 Auf Grund der deutschen Verhältnisse mussten aus marxistischer Sicht diese Bemühungen scheitern, es war nicht möglich, in einem deutschen Staat dieser Zeit eine progressive Politik durchzusetzen. (Es folgte, so die uns bereits bekannte Interpretation, bei Goe the wie bei Hegel die »Versöhnung mit der Wirklichkeit«.)339 Der, wenn man so formulieren will, Lichtblick am Horizont, der Ausweg aus der Resignation, sei für Goe the dann Napoleon gewesen: »Goe the seinerseits sah in Napoleon den Erben der sozialen Tendenzen der Französischen Revolution, den – nach Hegels Ausdruck – ‚großen Staatsrechtslehrer in Paris’, den erhofften Durchführer der Liquidierung des Feudalismus in Deutschland, der dazu die plebejischen Kräfte des Jakobinertums nicht in Anspruch zu nehmen braucht.«340 Gerade diese Ausführungen zeigen, dass sich die marxistische und die bürgerliche bis faschistische Einschätzung der Aufklärung und der Epoche nach der Französischen Revolution tatsächlich fundamental unter- 338 Lukács: Unser Goe the, S. 336f. 339 »Wenn wir auch beim alten Goe the, ebenso wie beim reifen Hegel, eine ‚Versöhnung mit der Wirklichkeit‘ finden, so hat diese bei beiden zwei Seiten, sie ist, wie Engels über Goe the schrieb, ‚bald kolossal, bald kleinlich‘. Sie ist einerseits die steigende und steigend vertiefte Erkenntnis des Wesens der neuen gesellschaftlichen Formation, des Kapitalismus, die denkerische und dichterische Untersuchung, wie unter den Bedingungen dieser neuen Gesellschaft eine Höherentwicklung der Menschheit möglich sei, also eine gleichzeitige Ablehnung von Utopismus und Pessimismus, ein Versuch, den wirklichen Gang der Geschichte mit der progressiven Entwicklung der Menschheit zu versöhnen, andererseits jedoch eine Kette von Kompromissen mit den schlechten, miserablen Erscheinungsweisen dieser Wirklichkeit, mit der langsamen Kapitalisierung Deutschlands unter Beibehaltung der Grundzüge der deutschen Misere.« (Ebd., S. 340.) 340 Ebd., S. 337f. 162 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe scheiden. Es ist hier nicht der Platz, dies erneut genauer auszuführen, Rilla, Harich, Bloch und Lukács haben auch heute noch Wesentliches dazu bereits gesagt. Zentral für die marxistische Wissenschaft sei laut Lukács: »Jetzt ist es unsere Aufgabe, alle diese Niederlagen und Kompromisse rücksichtslos aufzudecken, auch die, wo Goe the in der Anpassung an die schlechten Tendenzen seiner Zeit innerlich weiter ging, als dies zum Schutz des Kerns seiner menschlichen und dichterischen Persönlichkeit notwendig war.«341 Es ist fast schon die utopische Dichotomie aus Gegenwartskritik und alternativer Gesellschaft, wenn Lukács bei Goe the einerseits den »Kampf gegen die eigene Epoche« thematisiert und andererseits dessen Zukunftsvision deutlich positiv besetzt als Erbe des Sozialismus hervorhebt.342 (Das ist, von der intentionalistischen Motivation und Methode allerdings etwas gedrosselt, das Grundprinzip der Spurensuche in und nach Utopia in Blochs Prinzip Hoffnung.)343 Die Kritik Goe thes habe der deutschen 341 Lukács: Unser Goe the, S. 339. 342 Siehe beispielsweise: Ebd., S. 342. 343 Auf Blochs Utopiebegriff wurde bereits hingewiesen. Wichtige Hinweise etc. bei: Heyer: Sozialutopien der Neuzeit, 2 Bde. In der DDR entfaltete Bloch mit seiner »Hoffnungsphilosophie« eine breite Wirkung. Siehe hierzu die entsprechenden Dokumente der Leipziger Zeit bei: Caysa: Hoffnung kann enttäuscht w erden. Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)«. Eine gute Einführung bietet: Feige: Willkommen und Abschied, S. 159-190. Verena Kirchner hat in den einleitenden Anmerkungen ihrer Arbeit interessante Hinweise gegeben, die eigentliche Analyse mit Blick auf die DDR-Literatur ist dann aber inhaltlich mangelhaft und rein deskriptiv: Kirchner: Im Bann der Utopie. Siehe auch die Beiträge des Fünften Walter-Markov-Kolloquiums, das sich mit Bloch beschäftigte: Neuhaus/Seidel: Ernst Blochs Leipziger Jahre. Zuletzt zu Blochs Utopiebegriff vor dem Hintergrund der DDR die verschiedenen Arbeiten von Alexander Amberger: Amberger: »Aufrechter Gang« und Scheiter n, S. 229-247. Amberger: Ernst Bloch in der DDR, S. 561-576. Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107- 126. Guntolf Herzberg und Kurt Seifert haben in ihrer Biographie Rudolf Bahros beschrieben, dass Bahro, als er mit seiner Verhaftung durch die Staatssicherheit rechnete, extra das Prinzip Hoffnung gut sichtbar in seiner Wohnung ausgelegt hatte, um seinen Protest gegen die starren bürokratischen und verkrusteten (also gerade nicht-träumenden, nicht-utopischen, nicht-emanzipativen) Strukturen der DDR zu versinnbildlichen: Herzberg/Seifert: Rudolf Bahro. Glaube an das Veränderbare. (Weitere Hinweise im laufenden Text und im Literaturverzeichnis.) 163 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Misere gegolten, den Resten des Feudalismus, dem Absolutismus, der Kleinstaaterei und nationalen Zersplitterung. Den Kapitalismus habe er auch kritisiert, gleichzeitig jedoch das Positive und Fortschrittliche an diesem hervorgehoben. Gerade die Gestalt Fausts zeige aber, wie tief und deutlich Goe the die Probleme des Kapitalismus gesehen habe. Und so sei die Zukunftsvision des sterbenden Faust – »Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen.« – nur auf der Basis einer »echten Einsicht ins Wesen des Kapitalismus möglich geworden«.344 Um den bei Goe the vorhandenen dialektischen Einsichten gerecht zu werden, stellte Lukács das Verhältnis von Mensch und Menschheit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Es ist dies zugleich jenes Thema, bei dessen Analyse die Analogien von Hegel und Goe the, von Phänomenologie und Faust besonders deutlich hervortreten. »Was aber Goe the und Hegel hier ihren Vorgängern und Zeitgenossen gegenüber auszeichnet, ist, dass sie die zentrale Frage, Beziehung und Wechselwirkung zwischen Individuum und Menschengattung, nüchterner, wirklichkeitsnäher und dramatischer zu stellen im Stande sind.«345 Der Vorstoß zur Dialektik durch Goe the und Hegel sei auch deswegen so bedeutend, da beide die Gesetze der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung auf Grund der Erkenntnisschranken ihrer Zeit nur ahnen, nicht aber beweisen konnten. Es sind die Gedanken aus seinen Faust-Studien, die Lukács hier noch einmal aufnimmt. Hegels »List der Vernunft« und Goe thes Optimismus erscheinen als Ausdruck derselben Einsicht in die Widersprüche des Kapitalismus: »Eine solche  – unausgesprochene  – Philosophie (die Phänomenologie, AH) ist die Grundlage der Faustkomposition: Die Tragödien im Mikrokosmos der einzelnen Individualitäten bilden den Weg zum Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Menschengattung. Daher der unerschütterliche Optimismus Goethes, was das Ganze der Menschengattung betrifft, daher seine realistisch unsentimentale Auffassung und Darstellung der noch so tief empfundenen individuellen Tragödien.«346 344 Lukács: Unser Goe the, S. 346. 345 Ebd., S. 350. 346 Ebd., S. 352. 164 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Natürlich, so Lukács weiter, sei Goe the kein Sozialist gewesen »auch nicht Vorläufer, nicht einmal Vorahner«. Aber erst nach dem Sieg des Sozialismus könne Goe the in »seiner wahren Größe, mit seinen Niederlagen und Kompromissen« richtig erkannt werden. Seine Antizipationen der Zukunft wären erst nach der Verwirklichung dieser Zukunft zutreffend zu bewerten und einzuschätzen. »Goe the ist die größte, die universellste, die umfassendste Gestalt einer Vorstufe, in welcher vieles in die Zukunft Weisendes wirklich enthalten ist, aber freilich erst begriffen werden kann, wenn die höhere Stufe bereits verwirklicht wurde.«347 Der Erbantritt der sozialistischen Gesellschaft habe an verschiedene Elemente der Dichtungen und Schriften Goe thes heranzugehen. 1) Zuvorderst natürlich einerseits die Bejahung der progressiven Seiten des Kapitalismus, andererseits die Kritik am Kapitalismus. 2) Damit eng zusammenhängend die Problematik der Kunst im Kapitalismus, die Aufhebung der Isolation. 3) Goe the sei ein »großer nationaler Dichter ohne Nation« gewesen, »die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion« habe »das wirkliche Nationwerden vorbildlich gelöst«. 4) Goe thes Überlegungen zur Harmonie von Individuum und Menschengattung, von Mensch und Natur sowie der Menschen untereinander seien vorbildlich und wegweisend. 5) Genau in diesem Problem habe die »Größe« von Goe the und auch von Hegel ihre Wurzel: »Was Goe the und Hegel gesehen und geahnt, was sie in den damals gegebenen Verhältnissen nur in tragisch antagonistischer Verbundenheit zu gestalten bzw. auf den Begriff zu bringen vermocht haben, ist heute in der sozialistischen Sowjetunion eine alltägliche und große, nüchterne und heroische Erfahrung von hunderten Millionen Menschen.«348 347 Alle Zitate: Lukács: Unser Goe the, S. 361. 348 Ebd., S. 361f. Dort dann weiter: »Und die mehr als dreißigjährige sozialistische Praxis der Sowjetunion zeigt: Ein jeder Mensch steht auf freiem Grund mit freiem Volke; ein jeder Mensch, indem er arbeitet, indem er die Arbeitserfahrung der Menschheit bewusst in sich aufnimmt, indem er seine persönliche Entfaltung in seiner Arbeit zur Bereicherung der Erfahrungen der Menschheitsgattung ausnützt, indem seine Tätigkeit in ihm selbst und in jenen, die mit ihm zusammenarbeiten, die wahren Gattungskräfte erweckt, steht real dort, wirkt und entwickelt sich real dort, wohin Faust nach langen, schweren, tragischen Irrungen bloß in seinen Zukunftsvisionen gelangt.« (Ebd., S. 365) 165 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács Die dichterischen und wissenschaftlichen Werke Goe thes würden eine Bereicherung des Sozialismus darstellen, den Bürgern des Sozialismus Freude vermitteln und sie in ihrer beständigen Aufbauarbeit unterstützen. Goe the erscheint »als Freund und Weggenosse der heutigen Erbauer einer neuen, des Menschen würdigen Welt, als künstlerischer Führer zur Gesundheit aus dem Morast einer Krankhaftigkeit der Kunst, aus dem Morast einer Sympathie mit Krankheit und Verwesung, mit Auflösung und Tod«.349 Lukács’ Vortrag gipfelte dann in einem Bekenntnis zum Marxismus im Allgemeinen und zum sozialistischen Aufbau in der SBZ/ DDR im Speziellen, das an Pathos nur knapp hinter Bechers Rede zurückbleibt. Aber wer hätte, außer Becher und Lukács, diese Rolle übernehmen können, die SBZ/DDR in den großen Traditionszusammenhang des Humanismus zu stellen? 349 Alle Zitate: Lukács: Unser Goe the, S. 365. Tägliche Rundschau, 28. August 1949

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.